Kitabı oxu: «Insekten sterben, Menschen auch!»

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Prolog 3

1. Radtour ins Verhängnis 5

2. Die Suchmeldung 83

3. Der Sonntagsausflug 93

4. Start frei Piste 26 101

5. Das Geschenk 113

6. Der Mord 123

7. Die Exkursion 131

8. Der Maikäfer 140

9. Die Hornisse 158

10. Die Spinne 199

11. Wespen sind auch nur Lebewesen 208

12. Der Imker 224

13. Boschs großer Fall 245

14. Wie schmecken Heuschrecken? 314

15. Schmetterlinge 327

16. Nicht ohne Biene 338

17. Das Versteck 343

18. Der konsequente Heinrich 351

Epilog 387

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-073-0

ISBN e-book: 978-3-99131-074-7

Lektorat: Volker Wieckhorst

Umschlagfoto: Ilkin Guliyev, Giacomo Bosio, Piotr Zajc, Teekaygee | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog

Wer ist nicht genervt, wenn ihn eines dieser kleinen Plagegeister nachts bei geöffnetem Fenster in den Fuß sticht oder beim Kaffeetrinken auf der Terrasse sich an seinem Stück Kuchen bedienen möchte?

Und wer würde vergessen, wie nützlich die Insekten für uns doch sind? Mal stören sie unsere Ruhe, mal sorgen wir uns, wenn wir vom Schwund der Artenvielfalt bei diesen oft winzigen Lebewesen lesen.

Unser Verhalten Insekten gegenüber ist zwiespältig. So zeigen wir oft keine Hemmungen, Mücken und Spinnen zu töten. Da reicht es, dass sie uns vermeintlich stören oder wir uns bei deren Erscheinen ekeln. Allerdings dominiert bei uns Sympathie und sogar Entzücken beim Anblick von Bienen oder Schmetterlingen.

Dass Insekten unter Umständen den Ablauf einer Story beeinflussen oder sogar komplett abändern können, werden die Geschichten in diesem Buch zeigen. Der Blick in dieser Geschichtensammlung richtet sich nicht auf die Nützlichkeit von Insekten oder die Bedrohung ihrer Existenz. Es ist mehr ein Zufall, der diesen Tieren in den Geschichten eine Rolle zuweist, sodass sie einen quasi „handelnden“ Einfluss auf deren Verlauf gewinnen.

Das ist oft überraschend und skurril, wie die Insekten in den Handlungen wirken.

So wird neben einer Frauenleiche eine erschlagene Hornisse entdeckt, an der Sperma klebt, was zur Aufklärung eines Mordes führt.

Oder ein von Spinnenangst geplagter Mann rastet panisch aus beim Anblick einer schwarzen Spinne an der Zimmerdecke.

Eine Geschichte erzählt, wie durch die massenhafte Vermehrung von Kakerlaken in einem Lager dessen Leiter zur Verzweiflung getrieben wird. Der riskiert durch seine zögerliche Reaktion sogar seine sicher geglaubte Karriere.

Wenn die eine oder andere Kurzgeschichte dazu führt, dass der Leser seine eigene Haltung zu Insekten überdenkt, dann ist das zwar nicht beabsichtigt, aber sicher nicht schlecht.

Entscheidend für diese Geschichtensammlung ist, wie bei Literatur immer, der Spaß beim Lesen, und den wünscht Ihnen der Autor.

1. Radtour ins Verhängnis

Sie waren fünf Ehepaare, die häufig zusammen feierten oder sich in der Freizeit trafen. Da sie fast alle in diesem Ort aufgewachsen waren, kannten sie sich seit ihrer Kindheit, hatten sie die dortige Schule besucht und gehörten denselben Vereinen an. Innerhalb ihrer Gruppe mussten sie sich nicht mehr verstellen, da sie einander so vertraut waren, dass sie sich an die Eigenheiten eines jeden Mitglieds längst gewöhnt hatten. Reibereien, die es sicher schon mal gab, hielten nur kurz an und blieben daher folgenlos. Würde sie jemand fragen, welche Charaktereigenschaft sie besonders an ihren Freunden schätzten, dann würden sie wahrscheinlich spontan die Verlässlichkeit nennen. Dabei stellte sich bei ihnen so gut wie nie das Gefühl ein, dass sie sich Außenstehenden gegenüber abschotten könnten. Das Bedürfnis, ihren Kreis für neue Gesichter zu öffnen, war allerdings gering. Sie blieben gern unter sich.

Einmal im Jahr, meist im Frühjahr oder im beginnenden Herbst, brachen sie zu einer mehrtägigen Fahrradtour auf. Dafür übernahm Paul, unterstützt von seiner Frau Carmen, für die Gruppe stets die gesamte Organisation.

Wer schon einmal eine solche Radtour organisiert hat, weiß, wie zäh und aufreibend oft die Abstimmung ist. Alle Termin- und Reisewünsche der Teilnehmer müssen dabei zufriedenstellend berücksichtigt werden. Paul hatte genügend Erfahrung und Gelassenheit, um mit einigen eher schwierigen Charakteren in ihrer Gruppe umzugehen. Er schaffte das erstaunlich geräuschlos und beklagte sich selten, wenn ihn einer der Freunde mit seinen Extrawünschen überfiel.

Bis auf Roman Schlichter und die beiden Hausfrauen Rosa Lindner und Beatrix Schlichter waren sie alle noch berufstätig, was für Paul die Terminabsprache verkomplizierte.

Diese beiden Frauen versteiften sich oft auf Sonderwünsche, was für Paul nicht nur Mehrarbeit bedeutete, sondern Fingerspitzengefühl erforderte. So bestanden sie zum Beispiel auf den Einbau touristischer Highlights in die Tour, die der Veranstalter gar nicht anbot. Für ihre Männer Benno Lindner und Lars Schlichter sollten es vor allem Besichtigungen von Weingütern und Brauereien sein.

Fast nie konfrontierte ihn das Ehepaar Steffie und Roman Schlichter mit Sonderwünschen. Er war der Bruder von Lars und erst kürzlich Rentner geworden. So wie sie sich mit eigenen Wünschen meist zurückhielten, so setzten sie allerdings auch selten Impulse bei der Gestaltung der Touren oder ihrer Treffen.

Und dann gab es noch das Lehrerehepaar Inge und Andy Schubert, das sich meist unauffällig einfügte, aber gelegentlich durch Einfälle auffiel. Beide bereiteten sich, ähnlich wie die Kleins, auf ihre Radtouren vor, sodass ihre Ideen nicht von ungefähr kamen. Aber sie akzeptierten es, wenn die Gruppe ihren Anregungen nicht folgte.

Paul favorisierte ein Vorgehen, das seiner Meinung nach sehr effektiv zum Abstimmungsergebnis führte. Er stellte keine offenen Fragen zu Terminwünschen oder präferierten Fahrradtouren, sondern suchte selbst zwei, seltener drei Vorschläge im Internet bei bekannten Anbietern heraus, um die dann zur Abstimmung zu stellen. Er wusste ja, dass vielleicht mit Ausnahme der Schuberts sich die meisten in der Gruppe nicht bemühten, selbst nach geeigneten und reizvollen Touren zu suchen. Mit zwei Optionen zur Auswahl erreichte er schneller Einigkeit, als auf Vorschläge aus seiner Gruppe zu warten. Trotzdem nahm die Abstimmung für die anstehende Fahrradtour mehrere Tage in Anspruch.

Auch dieses Mal hatte er zwei Touren vorgeschlagen, eine davon sollte dem Neckar flussabwärts folgend in Heidelberg enden. Und genau für diese entschied sich die Gruppe, die Alternative wurde dagegen nach kurzer Diskussion verworfen. Nur beim Termin hakte es eine Weile, auch wenn das Zeitfenster eng begrenzt war. Auf Anfang September konnten sich schließlich alle festlegen. Was Paul noch regeln musste, waren eher Kleinigkeiten, wie Besuche von touristischen Highlights am Rande der gemeinsamen Tour oder spezielle Wünsche an die Hotelzimmer.

An ihren Radtouren liebten sie vor allem das gesellige Beisammensein, keiner von ihnen war so ehrgeizig, dies als sportliche Herausforderung aufzufassen. Der Spaß stand im Vordergrund, der Weg war das Ziel, hieß es bei ihnen.

Womit er in diesem Jahr nicht gerechnet hatte, war, dass sich jemand zusätzlich zur Teilnahme in ihrer Runde melden würde. Darauf hatte er mit einer einsamen Entscheidung reagiert. Und da hätte er sich einen Satz wie „Ich wollte doch nur …“ besser ersparen sollen, mit dem er in einem Gruppentreffen vor Beginn der Tour seinen Alleingang gegenüber seinen Freunden zu begründen suchte. Bereits beim Lesen der folgenden E-Mail hätte ihm die Problematik seiner Entscheidung auffallen müssen. Eine Korrektur wäre ihm da aber ohnehin kaum mehr möglich gewesen.

E-Mail von klaus.bender@spontanmail.de an paul-klein@xmail.com

Betreff: Unsere Radtour

Hallo Paul,

Samstag in acht Tagen geht’s schon los, und wir freuen uns riesig darauf! Habe dich in den vergangenen Tagen weder an deinem Arbeitsplatz noch in der Kantine angetroffen. Deshalb will ich dir kurz nochmals per E-Mail mitteilen, dass wir gut vorbereitet sind.

Wir sind fit, haben in den letzten Tagen an der Kondition in einem Spinning-Kurs im Fitnessclub gearbeitet. Unsere Fahrräder haben wir auch vom Fachmann checken lassen, fahren künftig mit sogenannten Unplattbaren an beiden Rädern. Hoffen, dass die halten, was ihr Name verspricht!

Habe noch ein paar Ideen, die unsere Abende beleben könnten. Die konnte ich bei meiner anstrengenden Radtour in Norwegen ausprobieren, was die Stimmung deutlich verbessert hatte. Werde mehr erzählen, wenn wir unterwegs sind.

syl

Klaus

Paul Klein atmete ganz tief ein und ließ die Atemluft dann aus seinen dicken Backen hörbar entweichen. Die E-Mail seines Kollegen Klaus wirkte doch erst mal befremdlich auf ihn. Wen hatte er da zu seiner Fahrradtour mit Freunden eingeladen?, fragte er sich. So dick war er mit Klaus nicht, arbeiteten sie doch in verschiedenen Abteilungen in ihrer Firma und hatten in ihrer Freizeit wenig Kontakt miteinander. Und wenn er das las, dann hatte er jetzt den Eindruck, dass der Kollege anscheinend eine andere Radtour erwartete als die gemeinsame mit seinen Freunden. Fast schien der die für einen Wettbewerb zu halten.

Sie trafen sich gelegentlich in der Kantine und bei einem Lehrgang. Einmal hatte Paul die Benders zu einem ihrer Gartenfeste eingeladen, sie waren ja im gleichen Alter. Eine Gegeneinladung oder weitere Besuch hatte es bisher nicht mehr gegeben. Weder schien das Paul noch sein Kollege zu vermissen, es hatte möglicherweise an einer passenden Gelegenheit gefehlt. Die von ihm gelegentlich an Klaus beobachtete berufliche Übermotivierung störte ihn schon mal, aber nicht so, dass er den Kontakt zu ihm hätte meiden wollen.

Einen Moment überlegte Paul, ob er diese E-Mail an seine Freunde weiterleiten sollte, doch unterließ er das, weil er fürchtete, dass die ähnlich erstaunt über den Inhalt reagieren würden. Das wollte er nicht.

Die hatten ja gerade erst die Benders kennengelernt, und er hoffte, dass sich alle auf der Tour zusammenfänden. Er atmete nochmals tief durch, dann antwortete er.

E-Mail von paul-klein@xmail.com an klaus.bender@spontanmail.de

Betreff: Re. Unsere Radtour

Hallo Klaus,

danke für deine E-Mail, war die letzten Tage erst auf einem Lehrgang und dann bei einem unserer Entwicklungspartner in Frankfurt.

Es freut mich, wenn ihr schon so top vorbereitet auf den Beginn der Fahrradtour wartet.

Meine aber, ihr solltet die Tour etwas entspannter sehen. Wir sind eher ein gemütlicher Freundeskreis ohne besonderen sportlichen Ehrgeiz. Spaß steht bei uns im Vordergrund. Es heißt bei uns: Der Weg ist das Ziel!

Dann freue ich mich, euch am Samstag im Hotel zu sehen,

MfG

Paul

Er ahnte nicht, dass Klaus voller Ehrgeiz Petra und sich selbst im Fitnessstudio zu einem Spinning-Kurs angemeldet hatte. Für den war es wichtig, dass sie sich nicht in der Gruppe wegen mangelnder Kondition blamieren müssten. Bei ihm eine überflüssige Sorge, bei Petra, die sich weniger körperlich fit hielt und dauerhaft an einem erhöhten Blutdruck litt, war das Training eher sinnvoll. Sie maulte zwar über seinen Eifer, gab ihm aber nach, um ihn nicht zu enttäuschen.

***

Wenige Wochen vorher hatte ihn Klaus an seinem Arbeitsplatz aufgesucht. Der erwischte ihn, als er gerade einen Wunsch von Rosa online bearbeiten musste. Die hatte ihn kurz zuvor angerufen und darauf gedrungen, dass die Gruppe unbedingt an einer Schlossbesichtigung in Heidelberg teilnehmen sollte.

„Dafür ist aber eine Reservierung für die Führung erforderlich“, ergänzte sie ihren Wunsch.

„Rosa, das müssen wir nicht über den Veranstalter buchen“, hatte er versucht, seine Freundin zu überzeugen. „Das können wir doch direkt vor Ort regeln.“

„Das sehe ich ganz anders. Wir sind zehn Leute, und es könnte mit unserer verfügbaren Zeit knapp werden. Mach es einfach! Ich will schließlich eine kompetente Führung“, ließ sich Rosa nicht beirren.

Pauls leisen Seufzer oder das Verdrehen seiner Augen hatte sie am Telefon nicht mitbekommen und sich nur mit einem herzlichen Gruß bedankt. „Du bist ein Schatz, weißt du das? Tschüs, Paul!“

„Rosa, was soll ich sagen?“, hatte er daraufhin resignierte. Sie und ihr Mann Benno, ein Beamter in der Stadtverwaltung, legten stets großen Wert darauf, dass sie gehört und ihre Gedanken ernst genommen wurden. Sie ließen sich schwer abbringen von einmal gefassten Ideen, das wusste er ja.

Als genau in diesem Moment Klaus bei ihm am Arbeitsplatz auftauchte, da zeigte sein Bildschirm noch die Veranstalter-Homepage. Und der merkte sofort, dass sich sein Kollege nicht mit seiner eigentlichen Aufgabe in der Firma beschäftigte.

„Hallo, was machst du gerade?“, fragte ihn Klaus neugierig, wobei er hinter ihn trat und dabei auf seinen Bildschirm starrte. Der musste nicht lange rätseln, die angezeigte Web-Seite stammte nicht von ihrer Fahrzeugbaufirma.

„Ich versuche gerade, eine Reservierung für unsere diesjährige Radtour abzusetzen. Das wollte ich noch schnell abschließen. Das ist schon die letzte Eingabe“, erklärte Paul etwas verlegen, hatte aber nicht vor, sich wegen des Kollegen unterbrechen zu lassen. „Gib mir einen Moment, ich rede gleich mit dir.“

„Dir ist schon klar, dass du dich bei unserem Arbeitgeber damit nicht beliebt machst. Könnte dir sogar eine Abmahnung einbringen“, schob Klaus seine Bedenken hinterher.

„Ach, weißt du, so oft, wie ich viel früher mit meiner Arbeit beginne oder später das Büro verlasse, da sollte mir mein Arbeitgeber diese kleine Nachlässigkeit verzeihen.“

Paul sah nicht, dass Klaus den Kopf schüttelte, auch weil er sich auf die Eingabe konzentrieren musste.

„So, das ist in der Kiste“, erklärte er schließlich zufrieden. „Du musst wissen, dass ich für die Organisation unserer nächsten Radtour verantwortlich bin. Und ich bin teilweise schon spät dran, immerhin sind wir fünf Ehepaare, und diese Radtour gehört zu den beliebtesten in Deutschland. Aber was wolltest du von mir?“

„Ihr seid eine feste Gruppe?“, fragte Klaus, den nun mehr interessierte, was sein Kollege gerade organisiert hatte.

„Ja, wir kennen uns teilweise seit unserer Kindheit. Einmal im Jahr unternehmen wir eine Fahrradtour, es ist schon die siebte.“

„Klingt interessant! Macht sicher auch Spaß“, sagte Klaus, der es mit seinem Anliegen offensichtlich nicht eilig hatte.

„Ganz bestimmt! Aber jetzt sag schon, was ich für dich tun kann.“

„Ach so, ja. Du bist doch der verantwortliche Konstrukteur für dieses Zusammenbauteil“, erklärte Klaus und hielt dabei seinem Kollegen eine Seite hin.

„Sieht so aus“, sagte Paul und suchte bereits über das Computersystem nach der passenden Zeichnung. „Was ist damit?“

Klaus erklärte, dass er für dieses Teil eine Änderung bräuchte, um es für seinen Einsatzzweck ebenfalls verwenden zu können. Und das sagte ihm sein Kollege nach einigem Nachdenken zu.

„Prima! Das würde uns wirklich helfen“, wollte sich Klaus schon verabschieden, als ihm noch etwas einfiel. „Wann habt ihr vor loszufahren?“

„Was? Ach so, du redest jetzt wieder von unserer Radtour. Die startet erst im September“, antwortete Paul.

„Bis dahin ist es ja noch eine Weile, aber ich wünsche euch jetzt schon ein gutes Gelingen“, sagte Klaus und wandte sich endgültig zum Gehen. Doch nur wenige Minuten später stand er nochmals vor Pauls Schreibtisch.

„Was ist denn jetzt noch?“, fragte der, dem die erneute Störung nicht gefiel.

„Mir ist eine Frage eingefallen, ist aber privat“, druckste Klaus etwas verlegen herum. „Ich habe eben überlegt, ob ihr in eurer Gruppe noch ein weiteres Paar verkraften könntet.“

„Du meinst, du und deine Frau? Oh, das kommt etwas überraschend“, zeigte sich Paul skeptisch. „Wir sind immerhin schon fünf Ehepaare und kennen uns zudem schon sehr lange. Ich weiß nicht, wie die anderen Teilnehmer das aufnehmen würden. Und abgesehen davon ist fraglich, ob der Veranstalter noch zwei weitere Personen auf dieser Tour unterbringen kann, Hotels usw.“

„Na ja, ich wollte halt einfach mal nachfragen, ist mir spontan eingefallen“, sagte Klaus und rührte sich nicht von seinem Platz. Er schaute seinen Kollegen abwartend an, bis der sich endlich bereit erklärte, dessen Wunsch prüfen zu wollen.

„Ich werde beim Reiseveranstalter erst mal anfragen, ob das möglich ist, mache ich gleich in der Mittagspause“, beschied er dem Kollegen, der sich immer noch nicht wegbewegte.

„War’s das dann für heute, Klaus? Wie gesagt, dem Veranstalter werde ich eine E-Mail schreiben. Und meine Freunde werde ich dann heute Abend anrufen oder die per WhatsApp informieren.“

Paul war aufgestanden und reichte Klaus die Hand, um ihm zu signalisieren, dass er nicht mehr Zeit habe. „Ich melde mich bei dir.“

Die Anfrage beim Reiseveranstalter schickte er sofort raus und erhielt prompt eine positive Rückmeldung. Er sollte sich nur wegen der Hotelreservierungen schnell entscheiden. Das war für Paul das Problem.

Die erst nach meiner Mittagspause anzuschreiben, wäre vielleicht schlauer gewesen, überlegte er, unsicher, wie er reagieren sollte. Keinen seiner Freunde hatte er bisher fragen können.

Ihm war unwohl beim Gedanken, sich ohne Zustimmung der Gruppe sofort entscheiden zu müssen. Immerhin könnten die freien Plätze anderweitig vergeben werden, sollte er zögern. Auch wenn Klaus nicht zu seinem engen Freundeskreis gehörte, wollte er sein Versprechen einhalten. Dann tippte er online die notwendigen Angaben der Benders ein, musste aber einige Daten offenlassen, was für die Buchung akzeptiert wurde. Jetzt musste er nur noch „Kostenpflichtig buchen“ drücken, dann wäre das Thema entschieden.

Der Mauszeiger fuhr über den Button, und sein Finger zitterte ganz leicht, doch schließlich drückte er entschlossen auf die Maus.

„Das war’s, die Buchung für Klaus und dessen Frau ist abgehakt!“

Das nächste Problem für Paul würde durch einen Mausklick nicht so leicht erledigt werden können, das ahnte er.

Er war erleichtert, Klaus Bitte erfüllt zu haben, was er dem sofort mitteilte. Unangenehm war ihm nur der Gedanke an seine Freunde. Er hoffte darauf, dass die seine Eigenmächtigkeit zwar kritisieren, aber letztlich doch hinnehmen würden. Unvorbereitet wollte er die nicht über seine Entscheidung informieren, sondern einen passenden Augenblick abwarten.

***

Am Abend rief er die Schlichters an, erreichte dort aber nur den Anrufbeantworter. Als gleich darauf sich auch im Haus von Benno und Rosa niemand meldete, verschob er sein Vorhaben. Er hatte entschieden, keine E-Mail oder WhatsApp an die Freunde zu verschicken, sondern wollte jedes Ehepaar telefonisch über seine Entscheidung informieren. Er hoffte eher auf Nachsicht für seinen Alleingang, wenn er sie einzeln mündlich ansprach.

Am Folgetag erhielt Lars Schlichter als Erster der Gruppe einen Anruf, der gleich anders ausfiel, als Paul es erwartet hatte. Zwar verzichtete der darauf, direkt gegen seine Entscheidung zu opponieren, aber unverkennbar zeigte der sich verärgert. Nach dem Gespräch lief er kopfschüttelnd zu seiner Frau, um ihr von der Neuigkeit zu berichten. „Beatrix, weißt du, was mir Paul gerade offenbart hat?“

„Nein, aber du wirst es mir sicher gleich erzählen“, erwiderte sie ungeduldig und verdrehte dabei ihre Augen. Sie empfand ihren Mann gelegentlich als etwas langatmig.

„Paul hat ein Ehepaar zu unserer Radtour eingeladen, ohne uns vorher zu fragen. Keiner von uns kennt die“, rief er deutlich empört.

„Was hat der? Und du hast ihm sicher gleich gesagt, was du davon hältst?“, zeigte sich Beatrix ebenfalls irritiert von Pauls Entscheidung, schien aber anzunehmen, dass Lars sich entsprechend ablehnend geäußert hatte.

„Jedenfalls habe ich ihm gesagt, dass sein Vorgehen nicht in Ordnung ist“, antwortete ihr Mann verunsichert und deutlich leiser.

„Mensch, warum hast du nicht gleich gesagt, dass wir damit nicht einverstanden sind!“, zeigte sich Beatrix ungehalten.

„Das bringt doch nichts!“, verteidigte sich Lars. „Die Buchung ist doch schon gelaufen, wie er mir erzählte.“

„Ich fasse es nicht! Ich rufe den jetzt an und sage ihm selbst, was ich davon halte.“ Damit griff sie zum Telefon, wählte und wartete.

„Und wieso meldet der sich jetzt nicht?“ In Beatrix steigerte sich der Ärger. „Dann versuche ich erst mal, Rosa zu erreichen. Die weiß vielleicht noch gar nichts davon.“

Sie hatte den Apparat in der Hand und schien zu zögern.

„Ich mache das von drüben aus, da kann ich mit der gleich noch etwas anderes besprechen!“

„Was denn?“, fragte er hinterher, erhielt aber keine Antwort, da sie bereits das Zimmer verlassen hatte.

Lars wurmte, dass seine Frau ihn ziemlich heftig angegangen und nun zum Telefonieren im Schlafzimmer verschwunden war. Wenn er etwas nicht leiden konnte, dann, von ihr respektlos behandelt zu werden. In diesem Fall meinte er, nicht einmal eine Berechtigung für ihren Unmut zu erkennen. Dass sie sich häufig zurückzog, um ungestört zu telefonieren, verstand er nicht, es verunsicherte ihn nur.

Beatrix erreichte Benno Lindner am Telefon, was sie wohl insgeheim gehofft hatte, auch wenn sie angeblich Rosa hatte sprechen wollen. Und bis sie dann zum Thema ihres Anrufs kam, vergingen einige Minuten. Bei Benno schien das keine Verwunderung hervorzurufen, eher schien der beim Plaudern mit der Freundin aufzublühen, hörte ihn doch seine Frau mehrfach auflachen. Erst als Rosa neben ihm auftauchte, wechselte er in einen mehr sachlichen Ton.

„Was kann ich denn jetzt für dich tun?“, fragte er, da ihm Rosa schon das Telefon aus seiner Hand zu entwenden suchte.

„Beatrix, ich bin’s jetzt. Worum geht es denn?“, mischte sie sich in das Gespräch ein.

Und dann berichtete ihre Freundin von Pauls Neuigkeit, die sie angeblich von ihm selbst erfahren hätte. Sie musste sich gar nicht sonderlich anstrengen, Rosa teilte sofort ihren Ärger. Sie hatte nur Mühe, ihren Mann auf Abstand zu halten, da der versuchte, dicht an ihrem Ohr mitzuhören, was Beatrix berichtete.

„Sag, geht’s bei dem noch? Der kann doch nicht über unsere Köpfe hinweg einfach jemanden dazu einladen. Das sollten wir nicht akzeptieren“, schimpfte Rosa.

Schnell waren sich die beiden Frauen einig, dass sie das nicht hinnehmen wollten, und sie fanden ausreichend Gründe, warum das absolut nicht möglich wäre.

„Wir kennen uns so lange, wir harmonieren wirklich, so- dass wir mit unseren Macken gut zurechtkommen. Das ist doch bei einem völlig neuen Paar gar nicht zu erwarten“, erklärte Beatrix. „Ich kann Paul wirklich nicht verstehen, dass dem das nicht bewusst ist.“

„Sehe ich genauso. Allenfalls wenn wir die vorher mehrmals treffen könnten und wir dann wüssten, wie die drauf sind, hätte diese Einladung eine Chance“, stimmte ihr Rosa zu.

Erst Benno konnte die beiden Freundinnen beruhigen, nachdem er durch mehrfaches Fragen herausbekommen hatte, was das Problem war. Er schlug vor, die ganze Gruppe zu einem Gespräch zusammenzurufen. „Dann erklären wir mal Paul, wie wir das sehen!“ Er bot sich an, einen Termin zu arrangieren, um diese Entscheidung zu diskutieren.

Und dieses Treffen fand wenige Tage später in einem Lokal statt, das sie häufiger schon für ihre Besprechungen und bei etlichen Feiern aufgesucht hatten. Dort gab es einen kleineren Raum, in dem die Gruppe niemand stören würde. Und dieses Mal war das sogar erforderlich, denn die Stimmung zeigte sich aufgeladen, selbst wenn sie alle sich zunächst noch zurückhielten.

Paul sah jeder sein schlechtes Gewissen an. Er äußerte auch sofort sein Bedauern. Er habe das völlig falsch eingeschätzt und nur deshalb so prompt reagiert, weil ihn der Reiseveranstalter wegen der Hotelreservierung unter Druck gesetzt hätte.

„Das Büro des Veranstalters hat mich da regelrecht gedrängt, schnell zu reagieren“, behauptete er kleinlaut, und das verstanden einige in der Gruppe sogar. Nur die Lindners und Schlichters zeigten sich unbeeindruckt.

„Das Schlimmste, was du riskiert hättest, wäre, dass dieses Ehepaar nicht mitfahren könnte“, zischte Beatrix Paul an. „Na und? Dann hättest du das denen mitgeteilt: Sorry, hab’s versucht.“

Und Benno sprang ihr zur Seite. „Dann hätte sich die Sache von selbst erledigt.“

„Ist das deine Art, mit Kollegen umzugehen?“, fragte Paul, der eine andere Meinung vertrat und die jetzt am liebste gesagt hätte. „Ich wollte doch einfach nur meinem Kollegen einen Gefallen tun. Dachte nicht, dass das ein großes Problem für euch sein würde.“

Jetzt griff Lars ein, der mehr Verständnis für den Gescholtenen empfand und dem die knallharte Kompromisslosigkeit seiner Frau und von Benno nicht gefiel.

„Was Paul gemacht hat, war nicht in Ordnung. Ist aber auch kein Grund, über ihn herzufallen. Immerhin organisiert er zu unser aller Entlastung Jahr für Jahr unsere Radtouren. Das sollten wir nicht vergessen.“

Selbst seine Frau Beatrix erwiderte nichts mehr, kaute auf ihrer Lippe und schaute kurz zu Rosa rüber, die sich scheute, Lars Worten offen zu widersprechen. Paul fasste sich endlich und hatte einen Vorschlag.

„Wir sollten uns mit denen treffen, ich meine mit den Benders“, erklärte er und ließ seinen Blick in der Runde kreisen. „Dann können wir uns ein Bild von denen machen. Und sollten wir dann feststellen, dass es nicht passt, dann müssten wir die bitten, die Tour allein zu fahren oder abzusagen.“

Das klang gut und kam an, obwohl er unerwähnt ließ, ob eine Buchung so einfach gecancelt werden könnte. Fast alle nickten zustimmend und schienen froh, dass sie Paul hatten, der sich dieser Organisationsarbeit seit Jahren angenommen hatte. Jetzt wollten sie aber mehr über die Benders erfahren.

Als sie auseinandergingen, war zumindest Paul überzeugt, dass ihm alle in der Runde seinen Alleingang verziehen und die Mitfahrt seines Kollegen und dessen Frau grundsätzlich akzeptiert hatten. Er war sicher, dass keiner deshalb die gemeinsame Tour platzen lassen wollte. Das sah er zu optimistisch, denn einige seiner Freunde hatte er nicht überzeugt. Auf ihrer Heimfahrt diskutierten die beiden Ehepaare Schlichter und Lindner weiter. Beatrix konnte sich nicht bremsen, ihrer anhaltenden Skepsis und Verärgerung freien Lauf zu lassen.

„Paul hat uns ganz schön eingewickelt, finde ich. Jetzt sollen wir also zusammen mit diesen Benders fahren, obwohl wir die überhaupt nicht kennen. Oder wisst ihr mehr, als dass sie in unserer Stadt wohnen und er ein Kollege von Paul ist?“

„Na ja, etwas mehr wissen wir jetzt schon“, widersprach Lars. „Es scheinen auch interessante Leute zu sein, immerhin hat sich Paul doch sehr positiv über die geäußert. Und Erfahrungen mit Radtouren sollen die auch haben. Ich sehe das entspannter als du.“

„Ja und?“, fragte Benno ironisch. „Was Paul sagt, will ich gern glauben. Nur ist das nicht der Punkt. Das Wichtige ist doch, ob sie zu uns passen. Also ich weiß jedenfalls nicht sehr viel über die, um jetzt sagen zu können: passt schon. Aber die Entscheidung ist gefallen, und wir sollten uns damit anfreunden, meine ich.“

„Manchmal bringst du es einfach auf den Punkt!“, rief Beatrix, die jetzt von ihrem Rücksitz aus die Schultern von Benno umschlang, ungeachtet dessen, dass der sich auf das Lenken konzentrieren musste.

„Kannst du den mal einfach fahren lassen, bevor noch etwas passiert?“, mischte sich Rosa befremdet ein, der diese Geste weniger gefiel.

„Wieso denn? Dein Mann ist doch so knuddelig!“ Jetzt mussten alle lachen, und weder Rosa noch Lars bemerkten, wie sehr in diesem Moment Beatrix Benno knuddelte und der gleichzeitig ihre Hand fasste und die fest drückte.

„Gell, wir jedenfalls gehören zusammen!“, sagte Benno in die Runde und schaute in den Rückspiegel.

***

Benders fuhren voraus, eine beträchtliche Lücke hatte sich zum Feld der restlichen Radgruppe aufgetan, die offensichtlich keine Anstrengungen unternahm, die zu verkleinern. Dabei war es nicht der Tag, an dem man unbedingt gemütlich durch die Landschaft zockelte, weil keine wärmende Sonne und ein wolkenloser Himmel die Stimmung stimulierte. Es regnete zwar nicht, aber sonst gab sich dieser Septembertag grau und kühl.

Bei der Abfahrt vor dem Hotel am Morgen hatte Paul den Benders erklärt, dass sie auf der Fahrt gern zusammenbleiben wollten, sich keiner beim Radeln verausgaben sollte.

„Wir fahren eher gemütlich, haben für die Etappe genug Zeit und müssen uns nicht beeilen.“

Das hatte zumindest Klaus vermutlich nicht völlig verstanden. Bereits mehrfach hatte er festgestellt, dass er zu weit vor der Gruppe herfuhr und er dann warten musste. Nur Petra war meist neben ihm geblieben, was ihr gar nicht so leicht fiel. Gegen das eher gemächliche und entspannte Radeln der Gruppe hatte sie selbst nichts einzuwenden, hätte sich gern mehr an den Gesprächen der anderen Radler beteiligt.

„Du hast doch gehört, was Paul heute Morgen gesagt hat“, erinnerte ihn seine Frau. „Die fahren halt ihr übliches Tempo, und das reicht ja auch. Ich jedenfalls möchte auch nicht wesentlich schneller fahren.“

„Bisschen nervend für mich, immer wieder warten zu müssen“, entgegnete Klaus etwas gequält. „Die sind wohl gar nicht so fit, wie es Paul behauptet hat. Zumindest ein Teil von denen.“

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Janr və etiketlər

Yaş həddi:
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Həcm:
460 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783991310747
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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