Kitabı oxu: «Die Fürstin»
Kasimir Edschmid
Die Fürstin

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2021
EAN 4064066117382
Inhaltsverzeichnis
DAS FRAUENSCHLOSS
JAEL
DIE ABENTEUERLICHE NACHT
BRIEF
TRAUM
DAS FRAUENSCHLOSS
Inhaltsverzeichnis
DIE Drachenköpfe unserer Boote bogen um das gelbe Segel. Die Parade vollzog sich in elegantem Rauschen, wir wollten mit Ostwind an das andere Ende, bei Ostwind anderthalb Stunden dachten wir, es waren dreißig Kilometer. Die Flottille lag in einer Linie. Die Ruder sangen dumpf verknattert. Dann schäumte das Wasser los, und die Segel beugten sich alle.
Wir fuhren in gleicher Lage steil in die graue Wüste hinein. Das durchpflügte Wasser riß in nie absterbender Welle einen silbernen Bogen über den Lee. Die Bäuche der Segel neigten sich tiefer und streiften das farblose Wasser und hoben sich wieder aufgetaucht in rote Sonne. Die Luvseiten wälzten sich mit heller gestrichenen Leibern weit aus dem See, und der silberne Sprenkel der mitlaufenden ewigen Welle umstäubte uns von der anderen mit wildem Geflock.
Alle Flaggen am Mast lohten schmal gezüngelt in das Blau.
Als die spitze Wolke zwischen dem verlassenen Schloß und uns hereinschoß, gerieten die Frauen in Bewegung. Die nackten Beine lösen faul Wade von Wade, sie trennen sich von Mast und dem sonnigen Verdecke, über den dunklen Badeanzügen schimmern die bunten Jacken. Ein Tratsch saust hinten auf das Gebirg. Kühl gebogen steht unser Himmel noch blühend antik.
Ein Regenbogen rollte eine Natter darüber. Zwei siebenfarbene Brücken schnellen über die verblaßte. Sie rennen mit uns um die Wette. Große Jagd beginnt. Das Schloß irr leuchtend in ferner Sonne steht schräg geduckt unter der gebogenen Wucht des Gewitters. Darüber aber wütet Jehovas eherner Regenbogen und schnellt mit glühendem Finger neben uns über das Land. Die Gegend wird klein und grau und entzündet sich unter ihm mit magischem Glanz. Unter irrem Schein fahren wir. Musik in allen Seilen.
Jessies Blick wölbt sich aus den Frauen herüber. Die Ruderpinne wird Eis in meiner Hand. Die Segel laufen auf das Wasser niedergelegt. Das Gewitter flattert über uns und bleibt. Noch durch alle Löcher schießt eine Säule Sonne. Gurgelnd schwemmt der silberne Muskel am Lee sein Wasser hinein. Jessie beginnt — kniend zu pumpen, sie weiß, daß ich die Nacht nicht schlief, lächelnd mit abgetriebenem Mund.
Erlöst aus katzenhaftem Erleben der Sonne sind die Frauen aufgerafft. Sie stehen fast auf Mast und Segel, ihre Füße stehen im Wasser, sie stehen auf Lee wie Statuen, und die Backbordseite hebt sich hinter ihren von Lachen überfüllten Munden wie eine dunkle Muschel, über die ihr Haar noch leuchtet.
Wir sehen das Ufer durch Schaum. Wir rechnen, hart am Wind, noch zehn Minuten. Schäumender, gierig, ein Liebesschwert bohrt sich die Spitze mit fiebernder Wollust in das Gewoge. Ein dunkler Halbkreis saust vom Ufer heraus mit einer glashellen Kante. Jessie lauert! Die Bö. Der Großschot fährt über die Rolle, das Boot dreht herumgeworfen: das Segel, graue Apotheose, entfaltet sich, rauscht losgelassen, wildflatternd hinein. Wir stehen.
Jede Planke zittert im Herzschlag.
Dann steigt das Boot, die schmale Flagge weht. Das eingereffte Segel glüht unter Blitzstrahlen, die den See umlaufen. Ein weißer Strich bohren wir weiter, wettern die Boote in Bö um Bö, stehen starr, umflossen zwischen rund um uns aufgehäuften Wellen.
In siebzig Minuten erreichten wir das Ende des Sees.
Es war gegen Abend.
Wir blieben drei Tage.
In der ersten Nacht aber wuchs Jessie wild in der Liebe wie eine Stute, sie sprang durch das Fenster. Da stand ein Garten mit Güldenlack und Malven und roch in die dunkle Luft, in der kein Mond hing, aber Sterne die feuchten Segel überbürdeten. Die Nacht war heiß nach nicht gekühltem Gewitter. Ich hatte keine Lust zu schlafen und folgte ihr.
Ich ruderte um die Landzunge, da war die Bucht paradiesisch erhellt, rot gespiegelt mit vielem Glas schoß ein Karussell einen Kreis, und eine Promenade mit erleuchteten Bäumen lief üppig von der Küste in den Wald. Über die Bootshäuser schwangen sich Raketen, eine gedämpfte Musik floh aus den Pavillons herüber, aber die Bucht war voll Kähnen und alle Sterne und Hecks trugen rote und gelbe Ballons und manche mit Spagat überspannte hatten Girlanden, Lampione. So schaukelte unter ihnen die See.
Im heller gesättigten Licht lag Jessies Kopf wie Perlmutter in dem Dunkel hinter ihr und ihre aus der Lust herauf gebrochenen Augen baten. Da fuhr ich ans Land und nahm rote und gelbe Papierkugeln für sie. Ihr Bein glitt schlangenhaft dankend über mein Knie. „Donna è mobile“ lächelten ihre müd aufgeblätterten Lippen. Die war sie so weiß und mild.
Wärme und Musik lagen über der Bucht, und die Inseln der Boote hatten kein Ende des Liegens. Brennend die rote und gelbe Laterne trieben wir noch glühend in der Dämmerung gegen unseren Strand. Jessies Kopf lag weiß wie eine Puppe mit überschweren Riegeln des Mundes in meinem Schoß. Wenn die Ruder sich über ihr schlossen, hob sie das Auge und schlug einen bebenden Fächer genossenen Lebens hinauf.
In dem weißen Morgen saßen die anderen Frauen, starr und ohne Laut an der Küste, warfen die langen Schnüre nach Raubfischen in das brodelnde Wasser, und die großen gelben zurückkehrenden Stangen ihrer Angeln stellten sich wie ein Gitter vor den kühlen Wind des Horizonts.
Aber als wir anlegten, liebte ich Jessie nicht mehr.
Am vierten Tage, als wir ausfuhren, sprangen die Glocken langsam um den See, aber wir fuhren mit eigener Musik. Auf weißen Planken, spiegelnd vor Lack, lag Sonne und beschien die zusammengerollten Katzen. Wir fuhren mit dem Wind. Das weiße Segel lag ausgelassen weit hinaus, dagegen standen andere Frauen gelehnt, wie vor dem Himmel hingewachsen, die langen schlanken Beine auf der Rahe zärtlich schaukelnd.
Es gab geringen Wind und in die schönen Tiere stieg die große Trägheit. Sie wurden still und schöner und hatten halbgeschlossene Augen. Trauben flogen geworfen zueinander. Ellen erkletterte den Mast. Sie trug Sandalen, deren gekreuzte Schnüren weiß über ihrer braunen Haut gegen das Knie hinaufliefen. Sie saß auf der Gaffel und blies Flöte, von dem aufbauschenden Segel gegen das leichte Blau getragen.
Dann, wie die Brise anlief, kam ein fremder Racker auf uns zugeschossen, frecher Sperber, kreuzte, feixte, die Rollen liefen knirschend, sein gestreiftes Segel zuckte gierig. Er legte parallel, ein Mann stand in weißen fliegenden Hosen breit am Bord und photographierte uns siebenmal.
Wir kannten das Segel.
Das war die Fürstin.
Aber ich hatte sie noch nicht gesehen.
Das Blut stieg mir langsam in die Augen.
Wir kreuzten ein wenig, bohrten gegen ihn los. Dann schwenkt die Ruderpinne einen Riesenkreis: einen Herzschlag lang liegen wir Bug an Bug, unsere Spitze deckt sein Steuer. Einen Augenblick geigten die Stricke aufeinander mit gläsernem Ton. Bauschend in dunklem Gewühl sanken die Segel ineinander — — — ich reiche beide Hände hinüber.
Mit einem Zug steht eine Frau auf unserer Kufe, schwefelschweres Gelbjackett über der Schulter. Schon schwenken wir aus der Windstille, schaufeln Wind und sausen.
Wir haben eine Frau geraubt.
Die Verfolgung begann. Kläffend. Mit Geschrei. Wir haben mehr Quadratmeter am Fock wie der Kleine am großen. Zwei Boote umzingeln ihn, nehmen ihm den Wind und verstoßen ihn aus der Jagd. Gieriger Sperber rast er am Horizont hin, während die großen Raubvögel in den blau aufgebrochenen Morgen hineinstreichen.
Sie war dunkel wie eine Zigeunerin, aber mit zwei schweren hellen Sonnenkreisen über den lodernden Augen. Sie kokettierte, indem sie den Blick erzürnt.
„Geraubt, Fürstin,“ ich lache vom Ruder.
Sie lacht, wirft die Brauen in die Stirn wie Wellen, und springt ins Wasser.
Wir halsen und ziehen sie lachend heraus.
Wütend duckt sie, schaut im Kreis lauernd und schweigt. Dann schüttelt sie sich und legt die große volle Figur gegen das weiße Segel und hebt ihren Körper in die prallende süße Sonne.
Am Mittag stehen unsere Schiffe auf der Höhe ihres Hafens, venezianische Schönheit des entgegenlaufenden Landes, glühender Schwung voll Segel, Boot und Stegen und Gewirr von Menschen. Wir lavieren.
Ein Kran geigt. Das Segel steht schlapp gegen den Wind.
Ich grüße tief.
Die fürstliche Katze duckt und springt.
Wir sind allein.
Die Flotte kreuzt zurück. Ellen liegt unter der Fahne eingebauscht wie in Lotosblätter. Die Flöte springt in süßen Kurven. Katharys Mundharmonika zigeunert dazwischen. Das Licht war heiß für das Blut. Es war eine tolle Fahrt.
Gleichwohl ging wenig Wind, aber unsere Hirne wurden dunkel vor Übermut und Begierde. So schaukelten wir durch die ruhig aufblauende See, kühle weiche Ufer überall in Ruhe und eine Stadt in Nebel aufgebaut gegen das Gebirge. Wir wiegten uns.
Dann sahen wir eine Mole. Sie kam in einer Spange zärtlich in das Wasser hinausgelegt, ganz weich und dünn mit Säulen und Vasen und Kapuzinerblumen. Da fuhren wir hinein, ankerten, bestiegen die Kähne und fuhren an Land.
Kahn um Kahn rauschte in ein Gewebe von Binden, in warmes Wasser kniehoch sprangen die Frauen, hoben Muscheln in das Licht, riefen und schwangen mit den Armen das Schiff auseinander — — — da hing das Ufer vor ihnen, und alte Bäume standen mit Wipfelnestern riesig in Schatten gebreitet.
Über die Wiesen springend, ergriffen die Frauen das Heu und warfen sich hinein. Dann stürmten sie die Bäume und durch die Zweige glitten nackte Beine, in den Gipfeln blinkte ihr Fleisch.
Aus einer Konifere tanzte Kathary auf einem Astschweif, der unter ihr wogte. Sie trat aus der Krone in das brausende Licht, da sah sie das Schloß gegenüber aus der entfernten Küste von silbernem Sonnenstrich herausgesprengt und schrie. Ihr wildes Schreien weckte Geschrei in den bunten Bäumen, die Äste zum See füllten sich mit Frauen, die die Haare in bunten Mützen trugen.
Katharys Ast rauschte hinunter, warf sprühende Welle aus dem See und schnellte zurück in das Licht. So flog sie halb nackt und süß zwischen Sonne und Sturm. Dabei warf sie mit einer heftigen Bewegung die Hände an den Mund und blies ihre Harmonika, indem sie flog.
Dann warfen sich alle Frauen in den See aus den Bäumen. Ostwind trug Wellenberge herüber und wühlte sie auf und warf die Schwimmenden einander zu über die glatten Tierrücken der Woge. Immer gaminte Katharys Harmonika über dem weißen Zischen. Da hielt ich nicht länger unter ihren grünen Augen und vergaß Ellens Flöte und behielt Katharys Blick in der Gurgel hinter der Zunge.
Wie eine Herde Antilopen steigen die Frauen aus dem Wasser und rennen in breiter Linie in den Park. Das Moos federt ihre Sohlen braunrot in die Höhe, und die schlanken Schenkel leuchten unter den Bäumen.