Kitabı oxu: «Was bedeutet das alles?»

Şrift:

Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Gebauer

Reclam

E-Book-Leseproben von einigen der beliebtesten Bände unserer Reihe [Was bedeutet das alles?] finden Sie hier zum kostenlosen Download.

11. Auflage

Titel der englischen Originalausgabe:

What Does It All Mean? A Very Short Introduction to Philosophy.

New York / Oxford: Oxford University Press, 1987

2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Die Übersetzung erscheint mit Genehmigung von Oxford University Press, Oxford

What Does It All Mean? A Very Short Introduction to Philosophy was originally published in English in 1987. This translation is published by arrangement with Oxford University Press

© 1987 by Thomas Nagel

Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2020

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961760-2

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019000-5

www.reclam.de

1 Einleitung

Dieses Buch gibt eine kurze Einführung in die Philosophie für Leser, die noch wenig Ahnung von ihr haben. Man lernt die Philosophie normalerweise erst auf der Universität kennen, und ich gehe davon aus, dass der größte Teil der Leser sich in diesem oder einem fortgeschritteneren Alter befindet. Dies hat jedoch nichts mit der Natur der Sache zu tun, und ich würde mich sehr freuen, wenn das Buch auch für intelligente Gymnasiasten der mittleren und höheren Jahrgänge mit einem Sinn für abstrakte Gedanken und theoretische Argumente von Interesse wäre – falls einige von ihnen es lesen sollten.

Unsere analytischen Fähigkeiten sind oft schon weit entwickelt, bevor wir sehr viel über die Welt erfahren haben, und ungefähr im Alter von vierzehn Jahren fängt man von selbst damit an, über philosophische Probleme nachzudenken – über die Fragen, was wirklich existiert, ob wir überhaupt etwas wissen können, ob es tatsächlich Recht oder Unrecht gibt, ob das Leben einen Sinn hat, ob der Tod das Ende ist. Über diese Probleme wird seit tausenden von Jahren geschrieben, doch das philosophische Rohmaterial stammt unmittelbar von der Welt und unserer Beziehung zu ihr, und nicht von irgendwelchen Schriften der Vergangenheit. Das ist auch der Grund, warum sich diese Fragen immer und immer wieder von neuem in den Köpfen von Menschen stellen, die nichts über sie gelesen haben.

Ich gebe hier eine direkte Einführung in neun philosophische Probleme, die jeweils für sich und ohne Rückgriff auf die Geschichte des Denkens verständlich sind. Ich werde weder die großen philosophischen Schriften der Vergangenheit diskutieren noch ihr kulturelles Umfeld. Im Zentrum des Philosophierens stehen gewisse Fragen, die ein reflektiertes menschliches Bewusstsein auf natürliche Weise verwunderlich findet, und am besten beginnt man sein philosophisches Nachdenken, indem man sich ihnen unmittelbar zuwendet. In der Folge ist man dann eher in der Lage, die Arbeiten anderer zu würdigen, die diese Probleme zu lösen versucht haben.

Die Philosophie unterscheidet sich einerseits von den Naturwissenschaften und andererseits von der Mathematik. Im Unterschied zu den Naturwissenschaften stützt sie sich nicht auf Experimente und Beobachtungen, sondern allein auf das Denken. Im Unterschied zur Mathematik kennt sie keine formalen Beweisverfahren. Man philosophiert einzig, indem man fragt, argumentiert, bestimmte Gedanken ausprobiert und mögliche Argumente gegen sie erwägt, und darüber nachdenkt, wie unsere Begriffe wirklich beschaffen sind.

Das Hauptanliegen der Philosophie besteht darin, sehr allgemeine Vorstellungen in Frage zu stellen und zu verstehen, die sich ein jeder von uns tagtäglich macht, ohne über sie nachzudenken. Ein Historiker mag fragen, was in einem bestimmten Zeitraum der Vergangenheit geschah, doch ein Philosoph wird fragen: »Was ist die Zeit?« Ein Mathematiker wird das Verhältnis der Zahlen untereinander erforschen, doch ein Philosoph fragt: »Was ist eine Zahl?« Ein Physiker wird fragen, woraus die Atome bestehen und was für die Schwerkraft verantwortlich ist, doch ein Philosoph wird fragen, woher wir wissen können, dass es außerhalb unseres eigenen Bewusstseins etwas gibt. Ein Psychologe mag untersuchen, wie ein Kind eine Sprache erlernt, doch ein Philosoph fragt eher: »Was ist dafür verantwortlich, dass ein Wort eine Bedeutung hat?« Jeder kann sich fragen, ob es unrecht ist, sich ohne eine Eintrittskarte ins Kino zu schleichen, doch ein Philosoph wird fragen: »Was macht etwas zu einer rechten oder unrechten Handlung?«

Wir könnten unser Leben nicht führen, würden wir unsere Vorstellungen von der Zeit, den Zahlen, von Wissen, Sprache, Recht und Unrecht nicht die meiste Zeit unhinterfragt voraussetzen; in der Philosophie jedoch machen wir diese Dinge zum Gegenstand der Untersuchung. Wir sind bemüht, unser Verständnis der Welt und unserer selbst ein Stück weit zu vertiefen. Dies ist offensichtlich nicht leicht. Je grundlegender die Ideen sind, die wir zu erforschen versuchen, umso weniger Werkzeug haben wir hierfür zur Verfügung. Nur weniges darf angenommen oder vorausgesetzt werden. Die Philosophie ist daher eine etwas schwindelerregende Tätigkeit, und nur wenige ihrer Ergebnisse bleiben langfristig unangefochten.

Da ich der Meinung bin, dass man am ehesten etwas über die Philosophie erfährt, indem man über bestimmte Fragen nachdenkt, werde ich über ihren allgemeinen Charakter hier nichts weiter zu sagen versuchen. Bei den neun Problemen, die wir erwägen werden, handelt es sich um Fragen über die folgenden Gegenstände:

• unser Wissen von einer Welt außerhalb unseres Bewusstseins

• unser Wissen von einem anderen Bewusstsein als dem eigenen

• die Beziehung zwischen dem Bewusstsein und dem Gehirn

• wie die Sprache möglich ist

• ob wir einen freien Willen haben

• das Fundament der Moralität

• welche Ungleichheiten ungerecht sind

• das Wesen des Todes

• den Sinn des Lebens

Wir haben hier nur eine Auswahl getroffen; es gibt viele, viele weitere Fragestellungen.

Was ich hier sagen werde, wird mein eigenes Verständnis dieser Probleme wiedergeben und sich nicht notwendigerweise mit dem decken, was die meisten Philosophen denken. So etwas wie das, was die meisten Philosophen über diese Fragen denken, gibt es vermutlich auch gar nicht: die Philosophen sind unterschiedlicher Meinung, und jede einzelne philosophische Frage hat mehr als nur zwei mögliche Antworten. Nach meiner persönlichen Auffassung sind die wenigsten dieser Probleme gelöst worden, und einige von ihnen werden vielleicht niemals gelöst werden. Hier geht es mir jedoch nicht um Antworten – noch nicht einmal um die Antworten, die ich selbst für die richtigen halte –, sondern einzig darum, Sie auf eine sehr vorläufige Weise so in diese Probleme einzuführen, dass Sie von sich aus über sie nachdenken können. Bevor man eine Vielzahl philosophischer Theorien zur Kenntnis nimmt, lässt man sich besser erst einmal von den philosophischen Fragen in Verlegenheit bringen, die diese Theorien zu beantworten versuchen. Und dies tut man am besten, indem man einige mögliche Lösungen betrachtet und sich fragt, was an ihnen nicht stimmt. Ich werde versuchen, meine Antworten offenzulassen, doch auch wenn ich sage, was ich selbst für richtig halte, haben Sie keinen Anlass, es zu glauben, falls Sie es nicht für überzeugend halten.

Es gibt eine Vielzahl ausgezeichneter Einführungen mit Textstellen aus den Werken der großen Philosophen der Vergangenheit und aus jüngeren Schriften. Dieses kleine Buch ist kein Ersatz für eine solche Zugangsweise, es vermittelt jedoch hoffentlich einen ersten Blick auf unser Gebiet, der so klar und unmittelbar wie möglich ist. Falls Sie sich nach der Lektüre dazu entscheiden sollten, einen zweiten Blick darauf zu werfen, so werden Sie sehen, wie viel mehr sich über diese Probleme sagen lässt, als ich hier vorführe.

2 Woher wissen wir etwas?

Wenn man recht darüber nachdenkt, so kann man sich nur über das Innere seines eigenen Bewusstseins ganz sicher sein.

Was auch immer man glaubt – ob’s Sonne, Mond und Sterne, das Haus oder das Viertel betrifft, in dem man wohnt, oder die Weltgeschichte, die Wissenschaft, andere Leute, ja sogar die Existenz des eigenen Körpers –, es gründet sich auf die eigenen Erlebnisse und Gedanken, Gefühle und Sinneseindrücke. Das ist alles, wonach man sich unmittelbar richtet, ob man das Buch in seinen Händen betrachtet oder den Boden unter seinen Füßen spürt oder sich daran erinnert, dass Theodor Heuss der erste Bundespräsident war oder dass Wasser H2O ist. Alles andere ist weiter von uns weg als unsere inneren Erlebnisse und Gedanken und erreicht uns nur durch sie.

Für gewöhnlich zweifeln wir nicht an der Existenz des Bodens unter unseren Füßen oder des Baumes draußen vor dem Fenster oder unserer eigenen Zähne. Ja, die meiste Zeit denken wir noch nicht einmal an die psychischen Zustände, die uns diese Dinge wahrnehmen lassen, sondern scheinen die Welt direkt wahrzunehmen. Woher wissen wir jedoch, ob es ihre Dinge auch wirklich gibt? Wäre es denn anders für uns, wenn sie nur in unserem Bewusstsein existierten – wenn all das, was wir dort draußen für die wirkliche Welt hielten, nichts als eine gigantische Halluzination oder ein Traum wäre, aus dem wir niemals aufwachen werden?

Verhielte es sich allerdings so, dann könnten wir hier überhaupt nicht wie aus einem Traum aufwachen, denn es würde nichts anderes bedeuten, als dass es eine »wirkliche« Welt, in die man aufwachen könnte, gar nicht gäbe. Insofern wäre dies eigentlich weder wie ein gewöhnlicher Traum noch wie eine normale Halluzination. In der Regel denken wir uns Träume so, dass sie sich im Bewusstsein von Menschen ereignen, die tatsächlich in wirklichen Kissen liegen und sich in wirklichen Häusern befinden, auch wenn sie im Traum von einem wildgewordenen Rasenmäher durch die Straßen von Bad Kissingen gejagt werden. Und wir nehmen überdies an, dass gewöhnliche Träume von den Vorgängen abhängig sind, die sich, während er schläft, im Gehirn des Schlafenden abspielen.

Könnten aber nicht unsere Erlebnisse insgesamt einem gigantischen Traum gleichen, außerhalb dessen es eine Außenwelt gar nicht gibt? Wie können wir denn wissen, dass es sich nicht genau so verhält? Wären alle unsere Erlebnisse ein Traum und dort draußen nichts, so wäre das gesamte Material, das man herbeizitieren möchte, um sich zu beweisen, dass es eine Außenwelt gibt, ein Teil dieses Traumes. Wir würden vielleicht auf den Tisch klopfen oder uns kneifen, und wir würden das Klopfen hören und das Kneifen spüren; all das würde jedoch schon wieder etwas sein, das wie alles Übrige in unserem Bewusstsein vor sich geht. Es ist zwecklos. Wollen wir herausfinden, ob die Inhalte unseres Bewusstseins uns überhaupt darüber unterrichten, was sich außerhalb dieses Bewusstseins befindet, so können wir uns zur Beantwortung dieser Frage nicht darauf stützen, wie uns die Dinge – innerlich – erscheinen.

Worauf soll man sich aber dann noch stützen? Jegliches Beweismaterial, ganz gleich wofür, muss durch unser Bewusstsein hindurch – sei’s in Gestalt unserer Wahrnehmungen, sei’s in Form von Berichten in Büchern, von Aussagen anderer oder von Mitteilungen unseres Gedächtnisses –, und es lässt sich ohne weiteres mit allem, dessen wir uns bewusst werden, vereinbaren, dass außer unseren Bewusstseinsinhalten überhaupt nichts existiert.

So ist es sogar möglich, dass wir einen Körper oder ein Gehirn gar nicht haben – schließlich kommt es zu unserem Glauben hieran gleichfalls nur durch das Zeugnis unserer Sinne. Wir haben unser Gehirn nie gesehen – wir nehmen ganz einfach an, dass jeder eines hat –, doch selbst wenn wir es gesehen hätten, oder es zu sehen geglaubt hätten, so wäre dies nichts anderes gewesen als eine weitere visuelle Wahrnehmung. Vielleicht sind wir selbst, das Subjekt der Erfahrung, das Einzige, was es gibt, und eine physikalische Welt existiert überhaupt nicht – es gibt keine Sterne, keine Erde, keine menschlichen Körper. Vielleicht gibt es noch nicht einmal den Raum.

Wollte man das Argument anbringen, dass es eine körperliche Außenwelt deshalb geben muss, weil wir die Häuser, Menschen oder Sterne nicht sehen würden, wenn es draußen nicht etwas gäbe, das Licht auf unsere Augen reflektiert und unsere Gesichtswahrnehmungen verursacht, so wäre die Antwort klar: Woher weiß man wiederum dies? Ist dies nicht erneut eine Aussage über die Außenwelt und unsere Beziehung zu ihr, die sich daher auf das Zeugnis unserer Sinne gründen muss? Man kann sich jedoch auf diese besonderen Informationen darüber, auf welche Weise visuelle Wahrnehmungen verursacht werden, nur dann stützen, wenn man sich bereits grundsätzlich darauf verlassen kann, dass uns die Inhalte unseres Bewusstseins über die Außenwelt unterrichten. Und genau das wurde oben in Frage gestellt. Versucht man die Verlässlichkeit seiner Eindrücke im Rückgang auf seine Eindrücke zu beweisen, so argumentiert man im Kreis und gelangt nirgendwohin.

Die radikalste Konsequenz, die ich hieraus ziehen könnte, wäre die Annahme, dass mein Bewusstsein in der Tat das einzige ist, was es gibt. Diese Auffassung nennt man den »Solipsismus«. Eine recht einsame Auffassung, die nicht von allzu vielen Leuten vertreten worden ist. Diese Bemerkung macht bereits klar, dass ich sie auch nicht vertrete. Wäre ich ein Solipsist, so schriebe ich dieses Buch vermutlich nicht, da ich nicht glaubte, dass ein anderer, der es lesen könnte, überhaupt existierte. Doch auf der anderen Seite schriebe ich es vielleicht, um mein Innenleben interessanter zu gestalten, das ich auf diese Weise um Eindrücke bereichern würde, Eindrücke davon, dass das Buch im Druck erschiene, dass andere es läsen und dazu Stellung nähmen, und dergleichen. Mit etwas Glück brächte ich es womöglich zu dem Eindruck, dafür ein angemessenes Honorar zu erhalten …

Vielleicht sind Sie ein Solipsist: in diesem Fall werden Sie das Buch als ein Produkt Ihres eigenen Geistes ansehen, das in Ihrer Erfahrung zu existieren beginnt, während Sie es lesen. Ich kann Ihnen in der Tat mit nichts beweisen, dass es mich wirklich gibt oder dass das Buch im Sinne eines physikalischen Objekts existiert.

Zieht man jedoch die Schlussfolgerung, dass man der einzige Gegenstand ist, der existiert, so folgert man mehr, als man aufgrund der Daten zu folgern befugt ist. Man kann auf der Grundlage der Inhalte seines Bewusstseins nicht wissen, dass es außerhalb seiner keine Welt gibt. Vielleicht ist die richtige Schlussfolgerung die bescheidenere, dass wir über unsere Eindrücke und Erlebnisse hinaus nichts wissen: es mag eine Außenwelt geben oder auch nicht geben, und wenn es eine solche gibt, so mag sie völlig anders sein als sie uns erscheint – oder wiederum auch nicht. Wir können dies in keiner Weise entscheiden. Diese Auffassung nennt man den »Skeptizismus« in Bezug auf die Außenwelt.

Selbst eine stärkere Form des Skeptizismus ist möglich. Ähnliche Argumente scheinen zu zeigen, dass wir nichts über unsere Existenz und unsere Erlebnisse in der Vergangenheit wissen, da wir uns jeweils einzig auf unsere gegenwärtigen Bewusstseinsinhalte stützen können, die gegenwärtigen Gedächtniseindrücke inbegriffen. Wenn wir nicht sicher sein können, dass eine Welt außerhalb unseres Bewusstseins jetzt existiert, wie können wir uns dann sicher sein, dass wir selbst in der Vergangenheit existiert haben? Woher wissen wir, dass wir nicht mit allen unseren gegenwärtigen Erinnerungen ausgestattet vor einigen Minuten zu existieren begonnen haben? Die einzigen Belege dafür, dass wir nicht vor einigen Minuten zu existieren begonnen haben können, stützen sich auf Überzeugungen darüber, wie Personen und ihr Gedächtnis hervorgebracht werden, und diese wiederum auf Überzeugungen über das, was in der Vergangenheit geschah. Wollten wir uns aber auf solche Überzeugungen berufen, um zu beweisen, dass wir in der Vergangenheit existiert haben, so folgerten wir erneut im Kreis: wir würden die Wirklichkeit der Vergangenheit unterstellen, um die Wirklichkeit der Vergangenheit zu beweisen.

Wir scheinen also an nichts anderem hängen zu bleiben, dessen wir uns sicher sein können, als den Inhalten unseres Bewusstseins im gegenwärtigen Augenblick. Und offenbar ist jedes Argument, mit dem wir versuchen können, uns aus dieser Verlegenheit herauszudiskutieren, zum Scheitern verurteilt, da dieses Argument das unterstellen muss, was wir gerade zu beweisen versuchen – die Existenz der Außenwelt außerhalb unseres Bewusstseins.

Nehmen Sie beispielsweise an, Sie folgern, dass es eine Außenwelt geben muss, weil es nicht glaubhaft ist, dass Sie all diese Erlebnisse haben können, ohne dass sich dieser Umstand überhaupt durch äußere Ursachen erklären lässt. Der Skeptiker hat hier zwei Antworten zur Verfügung. Erstens: Selbst wenn es äußere Ursachen gibt, wie können Sie aufgrund Ihrer Erfahrungsinhalte entscheiden, von welcher Art diese Ursachen sind? Sie haben keine einzige von ihnen jemals direkt beobachtet. Zweitens: Worauf gründet sich Ihre Vorstellung, dass es für alles eine Erklärung geben muss? Es trifft zu, dass in Ihrer normalen, vorphilosophischen Auffassung von der Welt Vorgänge wie jene, die sich in Ihrem Bewusstsein abspielen, zumindest teilweise von anderen Dingen außerhalb seiner verursacht werden. Sie können jedoch nicht unterstellen, dass dies wahr ist, wenn Sie zu ermitteln versuchen, wie Sie überhaupt etwas über die Welt außerhalb Ihres Bewusstseins wissen können. Und es gibt nicht die Möglichkeit, ein solches Prinzip allein aufgrund des Inneren Ihres Geistes zu beweisen. Wie plausibel Ihnen dieses Prinzip auch immer vorkommen mag, welchen Grund haben Sie für die Überzeugung, dass es sich auf die Welt anwenden lässt?

Die Naturwissenschaften können uns bei diesem Problem nicht weiterhelfen, auch wenn es den gegenteiligen Anschein hat. Im normalen naturwissenschaftlichen Denken verlassen wir uns auf allgemeine Prinzipien der Erklärung, um von der anfänglichen Erscheinungsweise der Welt zu einer ganz anderen Auffassung davon überzugehen, wie die Welt wirklich beschaffen ist. Wir versuchen die Erscheinungen in der Begrifflichkeit einer Theorie zu erklären, welche die Wirklichkeit hinter ihnen beschreibt, eine Wirklichkeit, die wir nicht direkt beobachten können. Auf solche Weise folgern Physik und Chemie, dass alles, was wir um uns herum beobachten, aus unsichtbar kleinen Elementarteilchen besteht. Könnte man etwa sagen, dass der allgemeine Glaube an die Außenwelt sich auf die gleiche Weise wissenschaftlich stützen lässt wie der Glaube an das Atom?

Die Antwort des Skeptikers lautet, dass der Vorgang der wissenschaftlichen Erklärung dasselbe skeptische Problem aufwirft, das wir bereits die ganze Zeit erwogen haben: die Wissenschaft ist ebenso anfechtbar wie die Wahrnehmung. Woher können wir wissen, dass die Welt außerhalb unseres Bewusstseins unseren Vorstellungen von einer vermeintlich guten theoretischen Erklärung für unsere Beobachtungen entspricht? Wenn wir sogar die Verlässlichkeit unserer Sinneserfahrungen hinsichtlich der Außenwelt nicht beweisen können, so gibt es ebenso wenig Grund für die Annahme, dass wir uns auf unsere wissenschaftlichen Theorien berufen können.

Es gibt aber eine ganz andere Reaktion auf unser Problem. Einige Leute würden behaupten, dass ein radikaler Skeptizismus der von mir angesprochenen Art sinnlos sei, da die Vorstellung einer Außenwelt, die prinzipiell keiner jemals zu entdecken vermag, keinen Sinn habe. Sie argumentieren, dass beispielsweise ein Traum etwas sein muss, aus dem man auch aufwachen kann, um zu bemerken, dass man geschlafen hat; dass eine Halluzination etwas darstellen muss, von dem andere (oder man selbst zu einem späteren Zeitpunkt) wissen können, dass es nicht wirklich existiert. Eindrücke und Erscheinungen, die der Wirklichkeit nicht entsprechen, haben im Gegensatz zu solchen zu stehen, die der Wirklichkeit tatsächlich entsprechen, oder die Bildung des Gegensatzes von Erscheinung und Wirklichkeit ist sinnlos.

Nach dieser Auffassung ist die Vorstellung von einem Traum, aus dem man niemals aufwachen kann, keinesfalls der Gedanke an einen Traum: sie denkt an die Wirklichkeit – die wirkliche Welt, in der man lebt. Und unsere Vorstellung von den Dingen, die es gibt, ist keine andere als unsere Vorstellung von dem, was wir beobachten können. (Diese Auffassung bezeichnet man manchmal als »Verifikationismus«.) Gelegentlich irren unsere Beobachtungen, dies bedeutet jedoch, dass sie durch andere Beobachtungen korrigiert werden können – wie dann, wenn wir aus einem Traum aufwachen, oder wenn wir bemerken, dass das, was wir für eine Schlange gehalten haben, bloß ein Schatten im Gras war. Ohne die Möglichkeit einer korrekten Auffassung darüber, wie die Dinge (meine oder Ihre) sind, hat der Gedanke, unsere Eindrücke von der Welt seien unwahr, keine Bedeutung.

Stimmt dies, so macht sich der Skeptiker selbst etwas vor, wenn er glaubt, sich vorstellen zu können, sein Bewusstsein sei die einzige Sache, die es gibt. Er führt sich selbst hinters Licht, denn es kann gar nicht wahr sein, dass die körperliche Welt in Wirklichkeit nicht existiert, wenn nicht jemand feststellen kann, dass sie nicht existiert. Und was sich der Skeptiker vorzustellen versucht, ist genau eine solche Situation, in der es tatsächlich niemanden gibt, der dies oder etwas anderes feststellen kann – außer freilich dem Skeptiker selbst, der wiederum nur das Innere seines eigenen Geistes beobachten kann. Also ist der Solipsismus sinnlos. Er versucht, die Außenwelt von der Gesamtheit meiner Eindrücke abzuziehen; er scheitert jedoch, denn subtrahiert man die Außenwelt auf diese Weise, so hören sie auf, bloße Eindrücke zu sein, und werden statt dessen zu Wahrnehmungen der Wirklichkeit.

Taugt dieses Argument gegen den Solipsismus und Skeptizismus etwas? Wenn die Wirklichkeit nicht definiert werden kann als ›dasjenige, was wir beobachten können‹, so taugt es nichts. Sind wir jedoch tatsächlich außerstande, den Gedanken von einer wirklichen Welt oder einer Tatsache über die Wirklichkeit zu verstehen, die von niemandem, keinem menschlichen oder sonstigen Wesen, beobachtet werden kann?

Der Skeptiker wird geltend machen, dass, sofern es eine Außenwelt gibt, die Dinge in ihr beobachtbar sind, weil sie existieren, und nicht umgekehrt: dass Existenz nicht einerlei ist mit Beobachtbarkeit. Und obgleich wir unsere Vorstellung von Träumen und Halluzinationen von Fällen herleiten, wo wir glauben, den Gegensatz zwischen unseren Erlebnissen und der Wirklichkeit tatsächlich bemerken zu können, hat es sicherlich den Anschein, als ließe sich die gleiche Vorstellung auf Fälle übertragen, bei welchen die entsprechende Wirklichkeit nicht beobachtet werden kann.

Wenn dies richtig ist, so scheint zu folgen, dass der Gedanke nicht sinnlos ist, die Welt könnte womöglich nichts anderes sein als das Innere unseres Bewusstseins, obgleich weder Sie noch ein anderer feststellen können, dass dies auch zutrifft. Und wenn dieser Gedanke nicht ohne Bedeutung ist, sondern eine Möglichkeit darstellt, die man zu erwägen hat, dann scheint es unmöglich zu sein, ihn als falsch zu erweisen, ohne im Kreise zu argumentieren. Am Ende gibt es aus dem Käfig unseres eigenen Geistes keinen Ausweg. Dies bezeichnet man gelegentlich als die »egozentrische Verlegenheit«.

Doch ungeachtet des bisher Gesagten muss ich einräumen, dass es praktisch unmöglich ist, ernstlich zu glauben, dass all die Dinge in der Welt um uns herum in Wirklichkeit womöglich nicht existieren. Unser Glaube an die Außenwelt ist machtvoll und instinktiv; wir können uns seiner nicht durch philosophische Argumente entledigen. Wir handeln nicht nur fortgesetzt, als ob andere Menschen und Dinge existierten, sondern wir glauben, dass sie existieren, und wir glauben dies auch noch, nachdem wir die Argumente durchlaufen haben, die offenbar zeigen, dass wir für diesen Glauben keine Gründe haben. (Wir mögen innerhalb des Gesamtsystems unserer Meinungen über die Welt Gründe für diesen oder jenen begrenzteren Glauben an die Existenz besonderer Einzeldinge haben: etwa an eine Maus im Brotkasten. Dies ist jedoch nicht das Gleiche. Hier unterstellen wir die Existenz der Außenwelt.)

Wenn uns ein Glaube an die Welt außerhalb unseres Bewusstseins auf solchermaßen natürliche Weise zufällt, vielleicht brauchen wir dann für ihn gar keine Gründe. Wir können es einfach dabei belassen und hoffen, dass wir recht haben. Und dies ist es auch, was die meisten Leute tun, nachdem sie ihre Beweisversuche aufgegeben haben: wenn sie den Skeptizismus schon nicht zu widerlegen vermögen, mit ihm leben können sie ebenso wenig. Dies bedeutet jedoch, dass wir am größten Teil unserer gewöhnlichen Meinungen über die Welt auch angesichts der Tatsache festhalten, dass sie (a) möglicherweise völlig falsch sind, und dass wir (b) keine Mittel haben, diese Möglichkeit auszuschließen.

Es verbleiben uns somit drei Fragen:

1. Ist die Möglichkeit sinnvoll oder sinnlos, dass das Innere unseres Bewusstseins das Einzige ist, was es gibt – oder dass, selbst wenn es eine Welt außerhalb unseres Bewusstseins gibt, diese Welt grundverschieden von dem ist, wofür wir sie halten?

2. Wenn dergleichen möglich ist, hat man irgendwelche Mittel, sich zu beweisen, dass es auch wirklich nicht der Fall ist?

3. Wenn man nicht beweisen kann, dass außerhalb unseres Bewusstseins etwas existiert, darf man dann gleichwohl weiterhin an die Außenwelt glauben?

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