Kitabı oxu: «Im Keller ist es dunkel»
Ursula Baur
Im Keller ist es dunkel
Geschichten und Gedanken
Kunst und Alltag
Impressum E-Book:
ISBN E-Book: 978-3-88410-201-5
| Konvertierung: | Satzweiss.com Print, Web, Software Saarbrücken |
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Zweite, veränderte Auflage 2014
Impressum Druckversion:
ISBN 978-3-88410-067-7
| Copyright 1997: | Verlag Kunst und AlltagPoignring 24c82515 Wolfratshausen |
|---|---|
| Druck: | MZ Verlagsdruckerei GmbH Schrannenplatz 687700 Memmingen |
Jetzt
Es war jahrzehntelang von mir aufgehoben worden, gut versteckt, an Stellen, von denen es nicht so schnell verschwinden konnte. Also nicht da, wo es eigentlich hingehört hätte, da wäre es leicht von einem der Kinder hergenommen und vielleicht im Kindergarten, in der Schule vergessen oder verloren worden – und das Kind hätte gar nicht gewußt, was es getan hätte.
Am Anfang habe ich es in der Wohnung meiner Eltern verstecken müssen; ich hatte dort kein eigenes Zimmer, auch keinen Schrank für mich allein – wie leicht konnten es meine Geschwister, meine Eltern, meine Großtante zufällig entdecken!
Endlich kam der Umzug in das neugebaute Haus.
Von da an war es einfacher; ich hatte nun einen kleinen Schrank für meine Sachen. Und als ich von daheim auszog, konnte ich es wohlbehalten mitnehmen in mein Untermietzimmer. Noch einen Umzug überstand es in ein größeres Zimmer.
Einmal war es mir beim Räumen unversehens in die Hände gekommen; mir war die Stelle, an der ich es einige Zeit vorher deponiert hatte, tatsächlich nicht mehr im Gedächtnis gewesen. Ich bin erst erschrocken, und dann war ich wie immer glücklich und gerührt.
Als wir mit unserem ersten Kind in unsere erste Wohnung umgezogen waren, hatte ich mehr Möglichkeiten zum Verstecken; da konnte es schon vorkommen, daß ich mich nicht gleich an den Platz erinnerte, den ich mir ausgedacht hatte – aber das war kein Grund zur Aufregung.
So verging ein Jahr nach dem anderen, turbulent und lustig.
Manchmal stellte ich mir vor: eins von den (inzwischen drei) Kindern oder mein Mann überraschen mich mit ihm, und fragen mich, woher es kommt.
An einem verregneten Nachmittag war ich nahe dran, ungefragt meiner schon fast erwachsenen Tochter zu erzählen, was es mit ihm auf sich hatte – ich hatte es schon in der Hand. Irgend etwas hat mich dann doch zurückgehalten.
Wieder sind Jahre vergangen; ich suche schon längst keine neuen Verstecke mehr – gerade noch wüßte ich, wo es zu finden wäre, und außer mir kann das ja niemand wissen: bis jetzt hab ich nämlich keinem meiner Kinder, auch nicht meinem Mann – überhaupt keiner Menschenseele – entdeckt, was es damit für eine Bewandtnis hat.
Aber jetzt, jetzt ist es wirklich an der Zeit, mein lange gehütetes Geheimnis preiszugeben. Jetzt will ich endlich anfangen zu erzählen, erzählen, wie alles angefangen hat, sonst finde ich nie ein Ende.
Als kleines Mädchen, mit fünf Jahren, war ich einmal beim Laufen hingefallen, mitten auf der Straße. Vielleicht war ich über einen Stein gestolpert – jetzt lag ich jedenfalls auf dem Bauch, die Knie taten mir weh und mein rechter Arm. Ein bißchen schwindlig war mir auch.
Ich versuchte gerade aufzustehen, da kam ein schönes fremdes Fräulein zu mir her und beugte sich zu mir herunter. Sie half mir vorsichtig auf und schaute mich so freundlich an und tröstete mich so lieb, daß meine Schmerzen wie weggeblasen waren, und es wurde mir ganz leicht ums Herz.
Am rechten Zeigefinger hatte ich eine Wunde, die blutete.
Das schöne Fräulein zog ein kleines weißes Taschentuch aus ihrer Handtasche hervor, faltete es und wickelte es geschickt um meinen Finger. Kein neues Blut kam mehr durch – der ‘Verband’ des schönen Fräuleins war perfekt. Sie fragte mich ein bißchen aus, nach meinen Geschwistern usw. – ich weiß nicht mehr genau, was alles – wir standen beide immer noch mitten auf der Straße. Ich hätte ihr ewig zuhören mögen und auf ihre Fragen antworten.
Sie kam mir fast märchenhaft vor, so schön, freundlich und liebevoll – wie eine gute Fee.
Es war schon dämmrig gewesen, als ich hingefallen war, ich hatte ja schnell heimlaufen wollen, damit ich mich nicht verspäte – und jetzt war es fast dunkel. Das schöne Fräulein wollte nun wissen, wo meine Eltern wohnen – sie wollte mich heimbegleiten. Mit ihr wäre ich gern mitgegangen, nichts lieber als das, einfach immer weiter, ganz gleich, wohin. Doch zu meinen Eltern, nein, da durfte sie auf keinen Fall mitkommen, das mußte ich unbedingt verhindern. Aber wie sollte ich ihr das bloß erklären? Hilflos schüttelte ich den Kopf. Da lächelte sie und meinte, wenn ich lieber allein heimgehen wolle, dann müßten wir aber ausprobieren, ob ich ohne Hilfe gehen könne. Und wie ich das konnte! Ich stand ein paar Schritte von ihr entfernt und faßte das schöne Fräulein nun in ihrer ganzen Gestalt in den Blick, sozusagen in einen Erinnerungs-Blick. Dabei sah ich erst die drei oder vier jungen Leute, die am Straßenrand standen und zu uns herüberschauten – sie schienen zu meinem Fräulein zu gehören.
Es wurde Zeit, sich zu verabschieden. Es machte mir nichts aus, der Abschied fiel mir leicht, weil ich ganz sicher war: diese Begegnung mit meinem schönen Fräulein würde ich nie, in meinem ganzen Leben nie vergessen, ganz gleich, was sonst noch alles käme, sie würde immer mein Trost und meine Freude sein.
Wir winkten uns zu, da bemerkte ich gerade noch rechtzeitig das Taschentuch an meinem Finger. Ihr Taschentuch!
Ich wollte es herunterziehen, aber sie ließ es nicht zu: ich durfte es behalten! Sie hat es mir geschenkt! Nun hatte ich zu allem Überfluß auch noch ein Andenken bekommen, das mich immer an mein liebes Fräulein erinnern würde.
Überglücklich machte ich mich auf den Heimweg, die rechte Hand mit dem Taschentuch-Verband hoch in die Luft haltend.
Erst kurz vor dem Haus, in dessen erstem Stock wir damals wohnten, fällt mir siedendheiß ein: meine Eltern dürfen das Taschentuch ja gar nicht sehen, sonst würden sie mich ausfragen, und dann müßte ich die Begegnung mit meinem Fräulein verraten, oder verleugnen – Verrat also in jedem Fall – mein liebes Fräulein verraten!
Allein von dieser Vorstellung wird mir so angst und bang, daß es mir einen Augenblick lang fast lieber wäre, ich hätte das alles gar nicht erlebt – oder wenigstens das Taschentuch nicht geschenkt bekommen.
Aber was denke ich mir denn da alles zusammen!
Ich muß es einfach schaffen, mein Taschentuch geheim zu halten! Und ich werde es schaffen! Ich verstecke es, ich werde es eben so gut verstecken, daß niemand es finden kann.
Resolut ziehe ich das Tüchlein vom Finger und stecke es, blutig wie es ist, in meine Schürzentasche.
So hat die Geschichte von meinem Taschentuch angefangen, das nie Tränen getrocknet hat, das immer heimliche Glückseligkeit bei mir ausgelöst hat, später dazu noch Rührung und Wehmut – so oft ich es aus seinen Verstecken holte, oder auch bloß an es dachte.
Vielleicht ist es mir in den letzten Jahren tatsächlich abhanden gekommen, hat sich heimlich aus dem Staub gemacht, um woanders noch einmal ein neues Leben zu beginnen, im Tageslicht, regelmäßig gebraucht und gewaschen, als ganz normales Taschentuch.
Sich erinnern
In jeder Erinnerung, und wenn man auch nur eine Randfigur war in der erinnerten Geschichte, ist man selbst enthalten, ob man will oder nicht, ob man es merkt oder nicht. Die eigene Dummheit oder Naivität, und auch die Hilfsbereitschaft, Offenheit, Empathie und Liebebedürftigkeit, die Sturheit, Borniertheit, Besserwisserei – kurz, alle Eigenschaften und Eigenheiten kommen zum Ausdruck, auch wenn vom ‘Ich’ nirgends die Rede sein sollte.
Auch ganz neue Geschichten, die jemand erfindet, erzählen viel von ihm, sind die seinen.
Wir tragen Erinnerungen in uns und mit uns herum, die sich im Lauf der Zeit auch verselbständigen können.
Jeder Mensch hat seine eigene Art, zu erinnern und zu vergessen.
Das Vergessen ist genauso wichtig wie das Erinnern. Vergessen ist der subjektive Beitrag zur lebenswichtigen Ungewißheit. Wir leben davon, daß wir vieles zumindest nicht genau wissen. Wir vergessen Vergangenes, Gegenwärtiges und vor allem Zukünftiges. Das Vergessen des Zukünftigen kann wichtig sein, aber oft auch bedeutungslos, das Vergessen des Vergangenen befreiend – aber mitunter auch verhängnisvoll.
Man vergißt auch nicht immer, was man vergessen will, ebensowenig entsprechen die Erinnerungen immer den eigenen Wünschen.
Auch das, was unvergessen bleibt, kann sich verändern. Manches verblaßt mit der Zeit, tut nicht mehr weh, beglückt nicht mehr, oder man weiß nur noch ein paar Einzelheiten, das erinnerte Geschehen ist keine runde Geschichte geworden.
Es gibt ausgedehnte Erinnerungen an fragmentarische Ereignisse, bei denen das meiste erst später hinzugekommen ist. Anderes erhält sich, ob es bedeutend war oder nicht, mit allen Nuancen, mit Farben, Formen, Gerüchen und Gefühlen, als wäre es erst gestern geschehen und nicht vor vielen Jahren.
Daß man Vergangenes auf sich beziehen kann, bringt einen in Verbindung mit der Zeit, ergibt eine Linie, die beliebig verlängert werden kann, ist erst einmal der Anfang gemacht. Ist erst einmal der Anfang gemacht, hat man mehr Zeit als vorher, und weniger.
Leidvolle Erfahrungen verlieren manchmal im Lauf der Jahre nichts von ihrer Bitterkeit, und andere Erlebnisse, die zunächst fast unscheinbar wirken, können in der Erinnerung immer heller strahlen und ziehen immer weitere Kreise, werden einem lieb und teuer und erhalten sich, vielleicht ein ganzes Leben lang.
Die Rettung der Schmerzen
Nur was man gründlich gespürt hat, kann man auch gründlich vergessen. Körperliche Schmerzen vergißt man im allgemeinen schneller und gründlicher als seelische. Man vergißt etwa Zahnschmerzen relativ bald, aber es scheint eine Art Datenbank für solche speziellen Schmerzen zu geben, von der man die entsprechenden Empfindungen abrufen und sich vergegenwärtigen kann.
Anders verhält es sich mit den Wehen. Ich würde gar nicht sagen, daß sie sehr weh tun, wie ihr Name es nahelegt, aber sie haben etwas entschieden Gründliches, die Wehen.
Frauen, die ihre Kinder ohne Narkose geboren haben, werden bestätigen, daß man sich die Schmerzen, die durch die Wehen hervorgerufen werden, nach relativ kurzer Zeit einfach kaum mehr richtig vorstellen kann. Es ist eine spezielle Art von Erlebnis, an das man sich bald nicht mehr genau erinnert, danach bleibt nur das undeutliche Gefühl von großer Anstrengung.
Nur bei unserem ersten Kind kann ich mich tatsächlich noch ganz konkret an die Wehen erinnern, und das habe ich meiner damaligen Hebamme zu verdanken, und ihrer Vorliebe für eine populäre Sportart.
Ich hatte das Buch „Mutterwerden ohne Schmerz“ gelesen. Darin werden die Wehen als „Kontraktionen“ bezeichnet, um gleich einmal die Vorstellung, daß es wehtun muß, auszuräumen. Dann sind noch bestimmte Atemtechniken beschrieben, mit deren Hilfe die Geburt schmerzfrei würde.
Das macht allerdings die Unterstützung und Anwesenheit des Partners im Kreißsaal erforderlich. Mein Mann und ich, bestens durch dieses Buch vorbereitet, mußten die Hebamme um ihre Erlaubnis fragen – es war damals noch nicht üblich, daß Väter bei Geburten dabei waren.
Sie war zunächst sehr empört über die Vorstellung einer schmerzfreien Geburt, sie empfand das wohl als berufsschädigend. Dann zog sie das Durchhaltevermögen meines Mannes in Zweifel: er werde bestimmt umkippen. „Bestimmt nicht“ – mein Mann bot ihr eine Wette an, und das gab den Ausschlag. Wetten gefiel ihr. Und, wie ich die nächsten zwei bis drei Stunden mit wachsendem Ärger feststellen mußte: Fußball. Fußball war ihr Haupt-, Leib- und Magenthema. Mein Mann war praktisch zu ihrer Unterhaltung da, und mußte mitreden, ob er wollte oder nicht – sonst hätte sie ihn womöglich weggeschickt.
Und so kam es, daß der Gerd Müller ein Tor ums andere schoß, die meisten ziemlich unhaltbar, wie ich in allen Details erfuhr, während ich mit meinen „Kontraktionen“ kämpfte. Damals hätte ich die beiden Fußballfans am liebsten auf den Mond geschossen.
Aber diese von Lobeshymnen auf Müller und von ausufernden Interpretationen dramatischer Spielsituationen begleiteten Wehen sind tatsächlich die einzigen, die ich mir heute noch vergegenwärtigen kann. Bei der Geburt unserer beiden anderen Kinder gab es – leider – nichts, was mich derart auf die Palme und zur Erinnerung gebracht hätte.
Nicht gleich hab ich so über die sportliche Begleitung meiner Wehen gedacht. Ich hab es sogar eine Zeit lang richtig bedauert, daß die Fußballunterhaltung meine Erinnerung ‘stört’, fast als ob sie mir dadurch verdorben wäre.
Erst später, als ich merkte, daß die Wehen ohne sportliche oder andere Zwischenfälle unwiderruflich dem Vergessen anheimfallen, fing ich an, die Dinge in einem milderen Licht, und schließlich mit Dankbarkeit zu sehen.
Ich schau mir inzwischen sogar Bundesligaspiele an, manchmal.
Safran
Ein ruhiger Nachmittag im Sommer. Die Kinder spielen im Sand. Corinna, das Nachbarstöchterchen, gesellt sich zu uns, spielt beim Kuchenbacken mit. Die mit Wasser geformten Sandkuchen trocknen schnell. Es ist heiß.
In meiner Hand liegt Corinnas halb feuchter und schon wieder – an der Oberfläche – halb zerfallener Sandkuchen. Ich werde gleich so tun, als äße ich ihn, und dann sagen, daß er wirklich gut geraten ist.
Meine kleine Tochter will heute ihr Brüderchen in die Geheimnisse des Sandkuchenbackens einweihen. Wir haben ihm und uns gerade noch einmal die Siebensachen aufgezählt und vorgesungen, die man zum Backen eines guten Kuchens haben muß, und sind beim "Safran" angelangt, der „den Kuchen gehl“ macht.
Wieder einmal erlebe ich die Begeisterung, die ich vor über zwei Jahrzehnten zum ersten Mal empfunden hatte – als kleine Sandkuchenbäckerin bei dieser Safran-Stelle im „Backe-backe-Kuchen-Lied“. Der „Safran“ hatte sich so faszinierend fremdartig angehört – und daß er den Kuchen „gehl“ macht -was bedeutete eigentlich „gehl“? Sicher etwas ganz besonders Interessantes!
Auch als ich schon groß genug war, um meiner Mutter beim Kuchenbacken zu helfen, und wußte, daß 'gehl' schlicht und einfach 'gelb' bedeutet, behielt der Safran für mich dieses Aufregend-Exotische, als käme er von weither, aus einer anderen Welt.
Als ich dann für meine eigene Familie Kuchen aus Zucker und Salz gebacken hab, mit Eiern, Schmalz, Milch und Mehl, ist mir wieder der Safran im Kopf herumgegangen, und manchmal hielt ich beim Einkaufen so ganz nebenbei Ausschau nach einem Päckchen oder Glas mit diesem faszinierenden Namen darauf – bis ich neulich im Supermarkt auf einem Regal ganz oben tatsächlich eine kleine runde Dose (aus Papier oder aus Blech?) mit der Aufschrift „Safran“ entdeckte.
Ich war begeistert, diesen sagenhaften Safran vor mir zu sehen, und wollte schon danach greifen, doch gleich kamen mir Bedenken: ob die kleine Dose mit dem Safran in die Hand zu nehmen nicht verkehrt sein könnte – als ob ich mir nicht aneignen dürfte, was meine kindliche Bewunderung als Fernes, fast Unbegreifliches hervorgerufen hatte – ob mit dem Griff danach nicht sein Zauber vorbei wäre? Zögernd hab ich dann doch die kleine Dose auf das Förderband an der Kasse gelegt. Daheim nahm ich vorsichtig den Deckel ab.
Ein Pulver, fast wie Staub, rötlich-bräunlich, war darin, mild und undeutlich-fremd roch es, wie eine eigenwillige Blume, und auch wieder zurückhaltend-schwach – wer weiß, wie viele Jahre diese kleine Safrandose schon auf dem Regal gelegen war?
Da – ein Teil des Pulvers flog heraus – ich hatte in meiner Aufregung zu fest geschnauft beim Riechen! Wie leicht hätte alles weg sein können – es war ja bloß ein Gramm darin!
Mit angehaltenem Atem hab ich vorsichtig die kleine Dose wieder zugemacht und ganz oben aufs Küchenregal zu den Sachen getan, die man bloß alle heiligen Zeiten braucht.
Da liegt nun 'mein Safran' so gut wie versteckt, unbehelligt vom täglichen Küchengeschehen.
Eines Tages werde ich seine phantastische Wirkung ausprobieren!
Ich bin mir sicher, daß er für mich nie seinen Zauber verlieren wird, auch wenn der durch ihn verwandelte Kuchen ein bißchen sonderbar schmecken und nicht so gelb wie versprochen ausschauen sollte.
Es gibt gar nicht so viele Dinge, die ihren Zauber nie verlieren können. Eins davon ist der Safran, das steht für mich fest.
Was hab ich da eben gehört? Das ist doch die Stimme von der Corinna. Das Nachbarstöchterchen!
Was hat sie gesagt? Und zu wem? Zu mir?
Ihre helle Stimme hat mich mitten aus meinen Safran-Reminiszenzen herausgerissen – ich schaffe es tatsächlich, kann mir den Satz aus meinem Gedächtnis hervorholen, spiele ihn mir vor:
„Der Specht ist lieb, der frißt Borkenkäfer.“
Der Specht! Kennt die Corinna einen Specht? Und wieso soll der lieb sein: „der frißt Borkenkäfer.“ Was versteht das kleine Mädchen von Borkenkäfern? Hat sie schon einmal welche gesehen? In unserem S-Bahn-Dorf gibt es Geschäfte, Restaurants, Kinderspielplätze, jedoch wenig Bäume, und schon gar keine alten – wo sollen da Borkenkäfer sein? und Spechte?
Und wieso nennt sie den Specht „lieb“, wenn er Borkenkäfer frißt? Lieb sind für kleine Kinder ihre Schmusetiere, weich und schutzbedürftig wie sie selbst, bös die Tiere, vor denen sie Angst haben oder glauben, Angst haben zu müssen, und wenn es Holzkrokodile wären. Machen Borkenkäfer kleinen Kindern Angst?
Irritiert schaue ich in die Richtung, aus der dieser Satz gekommen war. Da blicken mich fest, stolz und ziemlich überheblich Corinnas Augen an. Sie ist sich der Wirkung ihrer Worte sichtlich bewußt – ich hab wohl recht dumm und verständnislos ausgesehen in den langen Sekunden, die ich gebraucht habe, um ihren Satz, in dem Borkenkäfer gefressen und Spechte dafür gelobt werden, zu verstehen, an diesem Sommernachmittag mit seinen bunten Farben und hellen Kinderstimmen, dem Geruch von Sonne, Wasser, Sand und – nicht zu vergessen! – Safran, der für mich immer den Glanz des Fremdartigen und Geheimnisvollen behalten wird.
Wieviel ist da durch einen einzigen verblüffenden Satz festgehalten worden, unauslöschlich fixiert, dem Vergessen entrissen. Natürlich wüßte ich noch ungefähr, wie es damals war, das Leben mit den Kindern, als sie noch klein waren, die Intensität, mit der die Jahreszeiten miterlebt werden können, die große weite Welt, die man wiederentdecken kann mit kleinen Kindern. Aber diese Sommernachmittags-Erinnerung mit ihren Rückblenden und allen Gerüchen, Farben und Geräuschen, und mit der – von einer Station zur anderen weitergereichten – immer gleichen Begeisterung, diese Erinnerung ist mitsamt und gerade mit Hilfe meiner Irritation über den Satz vom „lieben Specht“ festgehalten, für lange Zeit, vielleicht mein Leben lang.
Pulsuz fraqment bitdi.
