Kitabı oxu: «Ärzte, Liebe, Schicksal: Arztroman Sammelband 3 Romane»
A. F. Morland
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Inhaltsverzeichnis
Ärzte, Liebe, Schicksal: Arztroman Sammelband 3 Romane
Copyright
Dr. Härtling und der gelähmte Kollege
Ein Brautkleid für Dana Härtling
Unschuldig - und doch in Gefahr
Ärzte, Liebe, Schicksal: Arztroman Sammelband 3 Romane
A. F. Morland
Dieses Buch enthält folgende Romane:
A.F.Morland: Dr. Härtling und der gelähmte Kollege
A.F.Morland: Ein Brautkleid für Dana Härtling
A.F.Morland: Unschuldig und doch in Gefahr
Die achtzehnjährige Dana Härtling lernt auf dem Parkplatz der Paracelsus-Klinik den fünfunddreißigjährigen Andreas Gregan kennen, der seine Schwiegermutter nach einem Klinikaufenthalt wieder nach Hause begleitet. Es ist ein schicksalhafter Augenblick für die beiden ungleichen Charaktere, der ihr Leben für immer verändern sollte. Doch würde Andreas Frau Dolores die Gefühle zwischen den Frischverliebten verstehen?
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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von
Alfred Bekker
© Roman by Author
© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten.
www.AlfredBekker.de
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Dr. Härtling und der gelähmte Kollege
Arztroman von A. F. Morland
Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.
Dr. Thorsten Burg, ein Chirurg, der sich für seine Patienten aufopfert, der Tag und Nacht arbeitet und dabei die Warnsignale seines Körpers ignoriert. Warum nur nimmt er sich nicht mehr Zeit für seine bezaubernde Frau und seinen Sohn? Flieht er vor irgendetwas?
Dr. Sören Härtling, der beliebte Klinikchef, muss hilflos mitansehen, wie sich sein Freund und Kollege selber ruiniert. Doch dann, an einem schönen Sommertag, geschieht etwas, das Dr. Burgs Leben verändert und auch Sören Härtling die Grenzen seiner ärztlichen Kunst erkennen lässt ...
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1
„Annchen!“, rief Chefarzt Dr. Härtling während der Vormittagssprechstunde und winkte der grauhaarigen Pflegerin mit einer Karteikarte zu. Schwester Annegret fuhr aus ihren Gedanken hoch.
„Ja, Chef?“
„Wo sind Sie schon wieder mit Ihren Gedanken?“
Annegret senkte verlegen den Blick.
„Entschuldigen Sie, Herr Doktor.“
Sören Härtling musterte sie ernst.
„Haben Sie irgendein Problem?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Kein Problem ...“
„Sondern - was?“
„Ach, es ist nichts, Herr Doktor. Wirklich nicht.“ Ein Ruck ging durch ihren Körper. „Soll ich die nächste Patientin hereinrufen?“
„Darum hatte ich Sie gebeten.“
„Tut mir leid, dass ich es überhört habe, Chef. Es wird nicht wieder vorkommen“, versprach Schwester Annegret und ging zur Tür.
Sören Härtling sah ihr leicht besorgt nach. Irgendetwas stimmte nicht mit Schwester Annegret, dem guten Geist der Frauenstation. Sie war bereits fünfundsechzig, aber sie dachte - zum Glück - nicht daran, in den wohlverdienten Ruhestand zu treten. Sören Härtling hätte auch gar nicht gewusst, wer diese zuverlässige Kraft hätte ersetzen sollen. Dass es einmal würde sein müssen, war ihm natürlich klar, aber er versuchte im Augenblick lieber noch nicht daran zu denken und schob deshalb diese heikle Angelegenheit immer so weit wie möglich von sich weg.
Was war nicht in Ordnung mit Annegret? Was beschäftigte sie so sehr, dass ihre Gedanken auf einmal - was bei ihr bisher so gut wie nie vorgekommen war - während der Arbeit immer wieder abschweiften?
Sie rief die nächste Patientin auf: Bernadette Paulsen, eine attraktive Geschäftsfrau, die so alt wie Sören war und seit Jahren zu seinen Stammpatientinnen zählte.
Sie schien Sorgen zu haben. Ein düsterer Schatten lag über ihrem hübschen Gesicht. Sie war zur Vorsorgeuntersuchung angemeldet.
Dr. Härtling begrüßte sie freundlich und bat sie, sich auf den Gynäkologenstuhl zu setzen.
Hatte sie Angst, er könnte diesmal etwas entdecken? Eine Veränderung? Ein Gewächs? Die Untersuchung brachte ein beruhigendes Ergebnis.
„Alles in bester Ordnung“, versicherte Sören Härtling, als die schöne Frau wenig später vor ihm auf dem Patientenstuhl saß. Ihr gehörte eine große Kunstgalerie im Zentrum der Stadt, die sich im Laufe der Jahre einen hervorragenden Namen gemacht hatte - auch international.
„Da ist etwas, das mich beunruhigt, Herr Doktor“, kam es stockend über ihre Lippen.
„So? Was denn?“
„Als ich gestern in den Keller gehen wollte, um eine Flasche Wein zu holen, hatte ich plötzlich das Gefühl, alles würde sich um mich herum drehen. Ich klammerte mich erschrocken ans Geländer, um nicht zu stürzen und schleppte mich verstört ins Wohnzimmer zurück, wobei mir ständig so war, als würde ich nach rechts umfallen.“
„War Ihnen auch übel?“, erkundigte sich der Chef der Paracelsus-Klinik.
„Ja.“ Die Patientin nickte, aber sie bewegte ihren Kopf sehr vorsichtig.
„Wie stark?“, wollte Dr. Härtling wissen.
„Ich hätte mich beinahe übergeben, und jede Bewegung des Kopfes verstärkte den Drehschwindel.“
„Wie lange dauerte das ungefähr?“, erkundigte sich Dr. Härtling, nun auch alarmiert.
„Fast zwei Stunden.“
„Dann waren die Beschwerden vorbei?“
„Nicht vorbei, aber es ging mir wieder etwas besser“, antwortete die Patientin.
„Konnten Sie in dieser Zeit eine Hörminderung feststellen?“
„Nein“, sagte Dolores Paulsen.
„Gab es irgendwelche Ohrgeräusche?“, forschte der Klinikchef weiter.
„Auch nicht.“
Sören Härtling konnte bei der Untersuchung des Kopfes und des Gesichtsbereiches nichts feststellen. Als er sich Frau Paulsens Augen ansah, fiel ihm auf, dass sie immer ruckartig nach rechts zuckten.
„Man nennt diese Bewegungen Nystagmus“, erklärte der Leiter der Paracelsus-Klinik der Patientin. Sie wusste sich damit nichts anzufangen, sah ihn ratlos an.
„Das Zucken Ihrer Augen könnte ein Zeichen dafür sein, dass Ihr linksseitiges Gleichgewichtsorgan gestört ist“, sagte Dr. Härtling.
Dolores Paulsen schluckte trocken.
„Machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte Sören die Patientin, „das kriegen wir schon wieder hin. Der Mensch hat auf jeder Seite neben dem Innenohr ein Gleichgewichtsorgan, das - auch bei totaler Dunkelheit oder wenn wir die Augen schließen - anzeigt, welche Bewegungen wir vollführen. Beide Gleichgewichtsorgane sind präzise aufeinander abgestimmt. Wenn eines ausfällt oder schwächer wird, gewinnen die Nervenimpulse des anderen die Oberhand, und man hat das Gefühl, sich wie auf einem Karussell zu drehen.“
Die Patientin nickte vorsichtig. Dr. Härtling prüfte die Funktion ihrer Gleichgewichtsorgane und konnte zweifelsfrei feststellen, dass das linke kaum noch reagierte.
„Wie kann es zu so etwas kommen, Herr Doktor?“, fragte Dolores Paulsen beklommen.
„In Ihrem Fall sieht das nach einer leichten plötzlichen Durchblutungsstörung aus, die das linke Organ vorübergehend geschwächt hat.“
„Und wie kann das wieder in Ordnung gebracht werden?“, fragte die Patientin mit belegter Stimme. „Muss man operieren?“
„Nein“, antwortete Dr. Härtling. „Schon in kurzer Zeit wird Ihr Gehirn die Leistungsdifferenz zwischen links und rechts ausgleichen. Dann wird das Schwindelgefühl nur noch bei heftigen Kopfbewegungen auftreten.“
Dolores Paulsen lächelte dünn.
„Verzeihen Sie mir meine Offenheit, Herr Doktor, aber das ist noch kein echter Trost für mich.“
„Ich verschreibe Ihnen fürs erste Zäpfchen“, sagte Dr. Härtling.
„Zäpfchen?“
„Sie wirken ähnlich wie bei Seekrankheit und machen müde“, erklärte der Klinikchef, „deshalb legen Sie sich am besten hin, bevor Sie das erste nehmen. Morgen sollten Sie aber nach Möglichkeit schon ohne Zäpfchen auskommen und stattdessen versuchen, durch Augenübungen und vorsichtige Kopf- und Körperbewegungen wieder die Kontrolle über Ihre irritierte Raumorientierung zu bekommen.“ Er schrieb einige Gleichgewichtsübungen auf. „Wenn Sie dieses Training jeden Tag ein wenig mehr ausdehnen, werden Sie sich bald wieder voll unter Kontrolle haben.“
Dolores Paulsen seufzte: „Was einem alles von einer Minute zur anderen passieren kann.“
„Um die Wiederherstellung der Funktion Ihres gestörten Gleichgewichtsorgans zu beschleunigen, verschreibe ich Ihnen außerdem Medikamente, die die Durchblutung im Kopfbereich fördern.“
„Danke, Herr Doktor.“
„Sind Sie allein hier?“, erkundigte sich der Chefarzt.
„Nein, eine Freundin hat mich begleitet.“
„Lassen Sie sich in einer Woche wieder ansehen!“, sagte Dr. Härtling. „Bis dahin müssten Ihre Beschwerden abgeklungen sein.“
Die Patientin erhob sich. Ein kleines, verlorenes Lächeln huschte über ihr ebenmäßiges Gesicht. „Ich wünschte, ich hätte diese Woche bereits hinter mir.“
Dr. Härtling drückte ihr aufmunternd die Hand.
„Sie werden sehen, sie wird sehr rasch vergehen. Es sind ja nur sieben Tage.“
Nach Dolores Paulsen empfing Dr. Härtling noch vier weitere Patienten, dann war die Vormittagssprechstunde zu Ende und Schwester Annegret befand sich schon wieder mit ihren Gedanken ganz weit fort. Sören Härtling wollte sie gerade darauf ansprechen, da streckte jemand den Kopf zur Tür herein und fragte: „Darf ich kurz stören?“
Sören, der an seinem Schreibtisch saß, blickte hoch.
„Thorsten!“, rief er erfreut. „Kommen Sie herein! Sie stören nicht.“
Dr. Thorsten Burg war Chirurg Er hatte eine eigene Praxis und operierte seine Patienten im Bedarfsfall in der Paracelsus-Klinik. Er trat ein - ein großer, gut aussehender Mann, dem man nicht ansah, wie hart er arbeitete. Er war ein Workaholic, der anscheinend ohne Arbeit nicht leben konnte.
„Hallo, Sören“, sagte er, fröhlich wie immer. „Guten Tag, Schwester Annegret.“
„Wie?“ Die grauhaarige Pflegerin blinzelte verwirrt. „Ach so. Guten Tag, Dr. Burg.“
„Sprechstunde beendet?“, fragte Thorsten Burg.
„Ja“, antwortete Dr. Härtling.
„War viel zu tun?“
„Der Patientenandrang hielt sich in erträglichen Grenzen“, sagte Sören.
„Ich komme gerade aus dem Operationssaal“, erklärte Dr. Burg. „Die Gallenblase eines Patienten musste raus. War keine besondere Sache dank der neuen Techniken.“ Sein Blick pendelte zwischen Dr. Härtling und Schwester Annegret hin und her. „Wie geht’s den Herrschaften?“
„Mir geht es gut“, antwortete der Klinikchef. „Wie es Schwester Annegret geht, weiß ich nicht. Sie ist in letzter Zeit des Öfteren geistig nicht da. Stimmt’s oder habe ich recht, Annchen?“ „Entschuldigung, Chef, was haben Sie gesagt?“, fragte die Pflegerin.
Sören Härtling breitete die Arme aus und sagte zu seinem Kollegen: „Sehen Sie!“
Thorsten Burg wandte sich lächelnd an Schwester Annegret.
„Dr. Härtling wollte wissen, ob Sie verliebt sind.“
Sie sah ihn an, als wäre er verrückt.
„In meinem Alter …!“
„Man kann sich in jedem Alter verlieben, Schwester Annegret“, entgegnete Thorsten. „Wenn ich nicht schon verheiratet wäre, würde ich Ihnen jeden Tag Blumen schicken.“
„Mir?“ Die Pflegerin lachte verlegen. „Weshalb denn das?“
Dr. Burg feixte. „Weshalb wohl?“
„Ich könnte Ihre Mutter sein!“
„Sie sind es aber nicht, und ich fühle mich von reifen Frauen sehr stark angezogen“, grinste Thorsten Burg.
Annegret richtete ihren Blick an Dr. Burg vorbei auf Sören.
„Benötigen Sie mich noch, Chef?“
„Nein, Annchen, Sie können gehen“, antwortete der Klinikchef.
„War mir ein Vergnügen, Sie wieder mal zu sehen“, versicherte Dr. Burg galant.
Doch Annegret winkte ab.
„Ja, ja, schon gut“, sagte sie ruppig zu ihm. Und zu Dr. Härtling: „Falls Sie mich brauchen - ich bin auf der Säuglingsstation.“
„In Ordnung“, nickte der Leiter der Paracelsus-Klinik.
Sie ließ die beiden Ärzte allein.
„Sie ist ein prima Kumpel“, sagte Dr. Burg.
„Sie ist eine Perle.“
„Was für einen Grund könnte ihre Unkonzentriertheit tatsächlich haben?“
Dr. Härtling zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht.“
„Spricht sie nicht darüber?“
„Sie behauptet, es wäre alles in Ordnung“, antwortete Sören Härtling.
„Aber Sie glauben ihr nicht, wie?“
„Ich muss mich in Geduld fassen“, meinte Sören. „Wenn ich zu viel bohre, macht sie die Schotten dicht und lässt mich überhaupt nicht mehr an sich heran.“
Der etwa gleichaltrige Kollege stützte sich auf den Schreibtisch.
„Ich bin nicht ohne Grund hier, Sören.“
„Was haben Sie auf dem Herzen?“
„Ich würde gern mal wieder für Sie und Jana grillen“, sagte Thorsten Burg.
„Prima Idee.“
„Wann haben Sie Zeit?“, erkundigte sich der vielbeschäftigte Chirurg.
„Wann möchten Sie, dass wir kommen?“
„Haben Sie für übernächsten Samstag schon etwas vor?“
Sören schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Also dann abgemacht.“
„Übernächsten Samstag“, sagte Dr. Härtling.
Der Chirurg hob mit wichtiger Miene den Zeigefinger.
„Ich hab’ ein neues Spareribs-Rezept.“
Sören lachte. „Mir läuft das Wasser im Mund zusammen!“
2
Am Freitag kam Dolores Paulsen wieder in die Paracelsus-Klinik. Dr. Härtling erkundigte sich nach ihrem Befinden.
„Es geht mir schon viel besser“, antwortete die attraktive Frau sichtlich erleichtert. „Diesmal brauchte meine Freundin mich nicht zu begleiten.“
„Sind die Beschwerden weitgehend abgeklungen?“, fragte der Klinikchef.
„Ja. Sie treten nur noch bei unbedacht schnellen Kopfbewegungen auf, und in der Dunkelheit fühle ich mich noch etwas unsicher.“
Der Klinikchef lächelte zuversichtlich.
„Auch das wird vergehen.“
Frau Paulsen seufzte befreit: „So etwas hört man gern.“
Die Messung, die der Arzt gleich darauf durchführte, ergab, dass beide Gleichgewichtsorgane wieder nahezu seitengleich funktionierten. Er war mit diesem Untersuchungsergebnis zufrieden und sagte: „In längstens einer Woche werden Sie wieder völlig wiederhergestellt sein, Frau Paulsen.“
Die Patientin sah ihn verlegen an.
„Man kommt sich gleich wie ein Wrack vor, wenn einem so etwas passiert.“
Sören Härtling erhob sich und reichte der hübschen Frau die Hand.
„Wie ein Wrack sehen Sie nun aber wirklich nicht aus.“
In ihren Augen erschien ein dankbares Funkeln.
„Schön, dass Sie mir mein Selbstwertgefühl wiedergeben. Darf ich Ihnen und Ihrer Frau eine Einladung zur nächsten Vernissage schicken?“
„Wenn es sich zeitlich einrichten lässt, kommen wir sehr gerne“, antwortete Dr. Härtling.
Nachdem die Patientin gegangen war, schlich Schwester Annegret wieder mit diesem geistesabwesenden Blick umher.
„Jetzt reicht es“, sagte Sören zu seiner wertvollen Mitarbeiterin.
„Wie bitte?“ Irritiert sah Annegret ihn an.
Dr. Härtling zeigte auf den Patientenstuhl.
„Setzen Sie sich! Na los, setzen Sie sich!“
„Aber, Chef ...“
„Sie sollen sich setzen“, bestimmte Sören Härtling energisch. Annegret nahm auf dem Stuhl Platz. „So, und nun möchte ich endlich wissen, was mit Ihnen los ist“, sagte Dr. Härtling streng.
Schwester Annegret sah ihn mit offenem Blick an.
„Nichts, Chef. Mit mir ist nichts los. Wirklich nicht“, beteuerte sie dem Leiter der Paracelsus-Klinik.
„Sind Sie krank?“, fragte Sören trotzdem.
„Aber nein.“
„Haben Sie sonst irgendwelche Probleme?“, wollte Dr. Härtling wissen.
„Nein.“
„Finanzielle Sorgen?“
Die grauhaarige Pflegerin riss erschrocken die Augen auf.
„Um Himmels willen - wie kommen Sie denn auf so etwas?“
„Irgendetwas bedrückt Sie, Annchen, das sieht doch ein Blinder“, sagte Dr. Härtling eindringlich. „Wir kennen uns schon so lange. Sie wissen, dass meine Mitarbeiter mit all ihren Sorgen zu mir kommen können.“
„Aber ich habe keine Sorgen“, beteuerte die Pflegerin.
Dr. Härtlings Augenbrauen zogen sich ungläubig zusammen.
„Wieso laufen Sie permanent wie eine Tagträumerin durchs Haus? Woran denken Sie? Was beschäftigt Sie die ganze Zeit so sehr, dass Sie mit Ihren Gedanken stets woanders sind?“
Schwester Annegret schwieg.
„Ich lasse nicht mehr locker, Annchen“, erklärte Sören Härtling entschlossen. „Ich will es endlich wissen.“
„Na ja ... Es ist ... Mein Gott ...“
„Tut mir leid, mit diesem Gestammel kann ich nichts anfangen“, erklärte Dr. Härtling trocken.
„Die Sache ist ganz harmlos, Chef. Ehrlich.“
„Umso eher müssten Sie darüber reden können“, sagte der Klinikchef.
„Also ich habe - hatte mal eine sehr gute Freundin: Jutta Grosse“, begann Schwester Annegret. „Wir sind zusammen zur Schule gegangen und miteinander aufgewachsen. Sogar die Krankenpflegerinnenausbildung haben wir gemeinsam absolviert. Anschließend versuchten wir beide hier unterzukommen, aber Professor Paracelsus, der die KIinik damals leitete, hat nur mich aufgenommen. Jutta ging nach Hannover. Anfangs haben wir uns fast jede Woche geschrieben, doch allmählich wurden die Abstände zwischen den Briefen größer, und irgendwann bekam ich nur noch einmal im Jahr, kurz vor Weihnachten, einen Brief von Jutta. Es ging ihr gut. Sie heiratete einen Pfleger, hatte zwei Kinder mit ihm ... Ich habe sie kürzlich wiedergetroffen. Ich hätte sie fast nicht wiedererkannt. Sie war immer so schmal und zerbrechlich, und heute ist sie mehr breit als hoch. Sie ist nach München zurückgekehrt.“
„Mit ihrer Familie?“, fragte Sören Härtling.
Schwester Annegret schüttelte ernst den Kopf. „Sie hat keine Familie mehr. Ihr Mann, ein sehr starker Raucher, ist vor fünf Jahren an Lungenkrebs gestorben. Ihr Sohn wurde in Florida von Straßenräubern überfallen und angeschossen. Er erlag drei Tage später seinen schweren Verletzungen, ohne das Bewusstsein noch einmal wiederzuerlangen. Ihre Tochter kam bei einem Tauchunfall auf den Malediven ums Leben.“
„Manchen Menschen spielt das Schicksal schon sehr übel mit“, meinte Dr. Härtling mitfühlend.
„Seit einem halben Jahr genießt Jutta nun ihren wohlverdienten Ruhestand.“
Sören glaubte plötzlich zu wissen, woher der Wind wehte.
„Und sie hat ihn Ihnen so schmackhaft gemacht, dass Sie sich seither mit dem Gedanken tragen ...“
Doch die grauhaarige Pflegerin schüttelte den Kopf.
„Falsch, Chef.“
Sörens Augen verengten sich.
„Sie spielen nicht mit dem Gedanken, uns zu verlassen?“
„Möchten Sie mich loswerden?“
„Ich wäre unglücklich, wenn Sie gingen“, erwiderte der Klinikchef aufrichtig, „und das wissen Sie.“
„Keine Sorge, ich bleibe Ihnen schon noch ein Weilchen erhalten.“
Dr. Härtling lächelte beruhigt.
„Was ist es aber, das Sie so sehr beschäftigt, Annchen?“
„Jutta Grosse hat ein Buch geschrieben: ‘Schwester X - Eine Krankenpflegerin erinnert sich’.“
„Ich glaube, das habe ich vor ein paar Tagen im Schaufenster einer Buchhandlung gesehen“, sagte Sören. „Das X bestand aus zwei gekreuzten Spritzen.“
„Richtig“, nickte Schwester Annegret. „Hat Jutta Grosse einen Bestseller geschrieben?“
„Ihr Buch verkauft sich recht gut, und sie hat mir den Floh ins Ohr gesetzt, mich ebenfalls literarisch zu betätigen“, gestand Annegret endlich.
Dr. Härtling hob die Augenbrauen.
„Jetzt ist mir alles klar! Sie sind im Begriff, unter die Buchautoren zu gehen. Haben Sie schon einen Titel für Ihr Werk?“
„Nein.“
„Wie viele Kapitel haben Sie bereits geschrieben?“, erkundigte sich Sören Härtling.
„Zwei. Aber es ist eine Tortur.“ Schwester Annegret seufzte und rollte die Augen. „Ich kann mich nicht klar und leicht verständlich ausdrücken, das schaffe ich einfach nicht. Bei mir klingt alles knochentrocken und verschroben. So etwas will mit Sicherheit niemand lesen, deshalb sollte ich das Traktat in den Altpapiercontainer werfen und mich wieder auf das konzentrieren, was ich kann.“
„Ich würde Ihre beiden Kapitel gern mal lesen, Annchen.“
Die Pflegerin lachte verlegen.
„Sind Sie ein verkappter Masochist, oder möchten Sie sich zu Tode langweilen.“
„Vielleicht beurteilen Sie sich selbst zu streng. Vielleicht kann ich Ihnen den einen oder anderen Tipp geben. Vorausgesetzt Sie sind an Verbesserungsvorschlägen interessiert.“
Annegret sah den Chefarzt resigniert an.
„Eine Umfrage hat ergeben, dass jeder vierte Deutsche schreibt. Jeder vierte Deutsche hält sich für einen begnadeten Schriftsteller und beglückt die Verlage mit einem etwa dreihundertseitigen Manuskript. Sollte man sich da nicht fragen, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, sich in diese lange Schlange zu stellen?“
„Sie haben viel erlebt, also haben Sie auch viel zu erzählen“, meinte Dr. Härtling. „Und Ihr Tagebuch wäre eine tolle Stoffvorlage.“
„Wer interessant, kurzweilig und informativ schreiben möchte, braucht Talent, und das fehlt mir ganz offensichtlich“, sagte Schwester Annegret erbarmungslos.
„Ich würde mir gern selbst ein Urteil bilden.“
Sie sah den Chefarzt unglücklich an.
„Und ich möchte mich nicht blamieren.“
„Wann bekomme ich das Manuskript zu sehen?“
Annegret seufzte geplagt: „Hätte ich Ihnen doch bloß nichts davon erzählt.“
„Montag? Bringen Sie es am Montag mit?“
„Na schön“, gab Annegret endlich nach, „ich bringe es am Montag mit, aber Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie nur hinter meinem Rücken lachen würden.“
Sören Härtling sah die Pflegerin ernst an und erwiderte: „Ich werde überhaupt nicht lachen.“
3
„Vati, bitte sei mir nicht böse“, sagte die achtzehnjährige Dana Härtling, als Sören das Wohnzimmer betrat, „aber ich finde dich leicht overdressed.“
Ihr Zwillingsbruder Ben nickte.
„Würde ich auch sagen.“
Dr. Härtling sah sich an.
„Was habt ihr an meiner Kleidung auszusetzen?“
„Viel zu elegant“, behauptete Dana.
„Wir sind schließlich eingeladen ...“
„Dr. Burg wird für euch grillen“, sagte Dana.
„Soll ich deshalb in der Lederhose bei den Burgs erscheinen?“, fragte Sören Härtling seine hübsche Tochter.
„Du hast ja gar keine Lederhose“, meldete sich die zehnjährige Josee, das Nesthäkchen der Familie, zu Wort.
Ottilie, die Wirtschafterin, erschien.
„Gut sehen Sie aus, Herr Doktor.“
Sören atmete auf. „Danke, Ottilie. Wenigstens Ihnen gefalle ich.“
Ihr Blick wanderte an ihm auf und ab.
„Hat Dr. Burg den Grillabend abgesagt?“
„Nein“, grollte Dr. Härtling. „Wieso?“
„Weil Sie so elegant angezogen sind“, sagte Ottilie.
Sören hob die Hände.
„Aus! Das reicht! Ich gehe mich umziehen!“
„Uns glaubt er ja nicht“, hörte er Dana sagen, während er aus dem Wohnzimmer eilte.
Draußen stieß er mit seiner sportlich flott gekleideten Frau zusammen. Jana musterte ihn überrascht.
„Schatz ...“
„Kein Wort mehr“, polterte Sören. „Ich weiß bereits Bescheid!“ Er verschwand im Schlafzimmer, holte einen kombinierten Anzug aus dem Schrank, zog ihn an, verzichtete auf die Krawatte und präsentierte sich fünf Minuten später wieder seiner kritischen Familie - und diesmal fand sein Outfit Gnade vor aller Augen.
Der vierzehnjährige Tom grinste von Ohr zu Ohr und sagte: „Jetzt hat keiner mehr was an dir auszusetzen.“
Sören wiegte mit einem ironischen Lächeln den Kopf.
„Da bin ich aber froh!“
4
Eine glückliche Familie waren die Burgs nicht. Sie waren einfach nur eine Familie. Man lebte mehr oder weniger nebeneinander her, pflegte seine Hobbys, kultivierte seine Neigungen, äußerte ungeniert die kostspieligsten Wünsche und erwartete vom Familienoberhaupt, dass es sie so rasch wie möglich erfüllte. Man praktizierte bei den Burgs eine Art Scheckbuch-Liebe. Je höher der Betrag war, der auf dem Scheck stand, desto größer musste - so wurde angenommen - die Liebe des Ausstellers sein.
Für Bernadette Burg, die reizende Gattin des gut verdienenden Chirurgen, war das Beste gerade gut genug. Sie kaufte ihre Garderobe in Rom, Paris und New York ein und besaß selbstverständlich ein eigenes Reitpferd, das ein kleines Vermögen gekostet hatte. Mit dem Erlös aus dem Verkauf ihres Schmucks hätte man die Bewässerung der halben Sahel-Zone finanzieren können. Sie hatte nicht viel von ihrem hart arbeitenden Mann, deshalb hielt sie sich auf diese Weise schadlos. Und hier biss sich die Katze in den Schwanz, denn Dr. Thorsten Burg war permanent gezwungen, viel Geld zu verdienen, um den kostspieligen Lebensstil seiner Lieben bestreiten zu können. Hätte er weniger gearbeitet, wäre das teure Kartenhaus eingestürzt.
Man konnte nicht sagen, dass Harry, der Sohn, und Bernadette, die Ehefrau, Thorsten Burg nicht mochten, nein, sie hingen sogar sehr an ihm und saugten ihm, ohne jede böse Absicht, das Blut aus. Sie waren Parasiten, doch das war nicht ihre, sondern Thorstens Schuld, denn er hatte sie dazu erzogen.
Harry Burg, zum Beispiel, war Maler. Er war auf der Kunstakademie gewesen, hatte Talent, wäre als Künstler aber verhungert, weil er prinzipiell nur dann arbeitete, wenn die Muse ihn küsste, und das war nur ganz, ganz wenige Male im Jahr. Er konnte es sich leisten, die übrige Zeit auf der faulen Haut zu liegen, brauchte nicht zu darben und hatte immer - dank Vaters Großzügigkeit - genug Spritgeld für seinen zweisitzigen Sportwagen in der Tasche. Damit er sich in aller Ruhe und völlig ungestört seiner sensiblen Kunst widmen konnte, hatte ihm Thorsten Burg erst kürzlich ein großes, teures Atelier gekauft.
All dem leistete Thorsten Burg unbewusst Vorschub, und Dr. Sören Härtling und seine Frau Jana fragten sich, wie lange das wohl gutgehen würde. Der Chirurg war schließlich kein Übermensch. Wenn er sich weiterhin tagtäglich so viel zumutete, würde er eines Tages unweigerlich zusammenklappen.
Sören hatte schon mal versucht, mit ihm darüber zu reden. Thorsten hatte unbekümmert gelacht und gesagt: „Machen Sie sich um mich keine Sorgen, Sören. Ich bin robuster, als ich aussehe. Ich liebe meinen Beruf. Warum also sollte ich ihn nicht ausüben?“
„Ich habe nicht gesagt, Sie sollen ihn nicht ausüben. Ich wollte Ihnen lediglich rechtzeitig nahelegen, ein wenig kürzer zu treten, ehe Sie den Raubbau an Ihrer Gesundheit bereuen müssen.“ „Ich weiß, was ich mir zumuten darf“, hatte Thorsten Burg lächelnd erwidert.
„Sie haben in den vergangenen vier Nächten nur insgesamt acht Stunden geschlafen.“
„Ich gleiche das Schlafmanko nächste Woche aus“, hatte Dr. Burg gesagt. „Da mache ich nämlich mit meiner Familie Urlaub auf Sylt.“
Dr. Härtling hatte es aufgegeben, dem sympathischen, stets gut gelaunten Kollegen ins Gewissen zu reden. Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen, hatte er sich gesagt, und seither wartete er ohne jede Häme auf Thorsten Burgs vorprogrammierten Zusammenbruch.
Sie brachten der Hausfrau einen wunderschönen Blumenstrauß und dem Hausherrn einen guten Wein mit. Auch Bernadette Burg war salopp gekleidet. Sie hatte viel Geld in ihre gute Figur investiert, und ihr Gesicht war vor einem halben Jahr von einem brasilianischen Spezialisten geliftet worden. Der Pagenschnitt ihres vollen, rot gefärbten Haares machte sie jünger. Sie hatte dunkelbraune, intelligent und aufgeweckt blickende Augen, und es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn sie einen Liebhaber gehabt hätte. Doch diesbezüglich war Sören Härtling noch nichts zu Ohren gekommen.
Die Begrüßung fiel herzlich aus. Auch Harry, der Künstler, war da. Ein schmaler, feinfühliger Mann von vierundzwanzig Jahren, ein wenig nervös, ein bisschen zappelig, der seinem Vater sehr ähnlich sah.
„Freut mich, Sie zu sehen“, sagte er zu Jana Härtling.
Sören gab ihm die Hand.
„Hallo, Michelangelo, was macht die Kunst?“
„Ich habe jetzt ein eigenes Atelier.“
Sören nickte.
„Hab’ ich gehört.“
„Sie müssen mich da mal besuchen.“
„Wenn ich es einrichten kann, sehr gern“, sagte Dr. Härtling. „Wann werden Sie mit Ihren Bildern groß rauskommen?“
Der Maler lachte.
„Die Zeit ist noch nicht reif für Harry Burg.“
Der Chirurg hatte den großen Holzkohlengrill bereits vorbereitet. Nach dem Begrüßungsdrink wollte er ihn mit einer Lötlampe anheizen.
Man nahm zwanglos auf der Terrasse Platz, und jeder bekam von Thorsten Burg den Drink, den er haben wollte. Sie stießen auf einen netten Abend an.
Harry Burg sagte jetzt schon, dass er nicht zum Essen bleiben könne, weil er eine Verabredung habe. Aber eine Stunde konnte er sich noch Jana und Sören Härtling widmen.
Sein Vater war an diesem Sonnabend schweigsamer als sonst. Harry und seine Mutter bestritten einen Großteil der Unterhaltung. Niemand dachte sich etwas dabei. Erst als Harry sich verabschiedet hatte und gegangen war, stockte das Gespräch hin und wieder.
Die Spareribs misslangen. Das machte Thorsten Burg so wütend, dass er sie weit in den Garten hineinschleuderte. Sören hatte den Kollegen noch nie so sehr in Rage erlebt. Er wechselte mit Jana einen raschen Blick, während Bernadette aufstand und ihren Mann zu beruhigen versuchte.
„Aber Liebling“, sagte sie beschwichtigend. „Nimm’s nicht so tragisch! Jedem kann einmal etwas danebengehen.“
„Nicht, wenn man Gäste hat“, stieß Dr. Burg, immer noch auf Hundert, heiser hervor. „Nicht, wenn man Gäste hat!“
„Denk an meinen letzten Truthahn“, erinnerte Bernadette sanft. „Wir hatten die Leitzmanns eingeladen - und du musstest was vom Chinesen holen, weil der blöde Vogel total verkohlt war.“
„Wir lieben chinesisches Essen“, sagte Dr. Härtling lächelnd.
„Nein, nein, es ist genug Fleisch da“, erwiderte die Frau des Chirurgen; „Wir bekommen euch ganz bestimmt satt, das ist überhaupt kein Problem.“ Sie eilte ins Haus und kam mit einer großen Fleischtasse wieder.
5
Harry Burg war mit Marianne Rath, einer hübschen blonden Lehrerin, verabredet. Er kannte sie seit einem halben Jahr und war seit dem Tag, an dem er sie in einem kleinen Antiquitätenladen in der Sendlinger Straße kennengelernt hatte, verliebt in sie. Auch sie liebte ihn, und es störte sie eigentlich nur eines an ihm: dass er so entsetzlich faul war. Aber das würde sie ihm abgewöhnen. In Jeans und karierter Bluse, mit wehendem blondem Haar, stieg sie zu ihm in den zweisitzigen Sportwagen und gab ihm übermütig einen Kuss.
„Na, konntest du dich zu Hause losreißen?“, fragte sie lächelnd.
„Wie du siehst“, gab Harry grinsend zurück.
„War’s schwierig?“
Harry Burg schüttelte den Kopf.
„Überhaupt nicht. Obwohl die Härtlings sehr nette Leute sind.“
Marianne tippte mit dem Zeigefinger auf seine Nasenspitze.
„Ich bin auch nett.“
„Du bist netter“, grinste er breit. „Deshalb möchte ich den Abend auch lieber mit dir allein verbringen.“ Er fuhr los. Sein Ziel war sein neues Atelier, das ihnen gleichzeitig auch als Liebesnest diente. Die Räume waren riesig. Harry hätte die Kaufsumme dafür niemals aufbringen können. Dennoch war er seinem Vater nicht besonders dankbar, dass er das Atelier für ihn erworben hatte. Es war in seinen Augen eine Selbstverständlichkeit gewesen, wie alles, was mit Geld zu tun hatte.
„Kaffee?“, fragte Harry in der komplett ausgestatteten Küche. Kühlkombination, Geschirrspüler, E-Herd, Mikrowelle, Elektrogrill ... Es war alles vorhanden, doch die meisten Geräte benutzte Harry nicht. Er war schließlich Maler und kein Hobbykoch. Wenn er Hunger hatte, ging er entweder ins Restaurant, oder er schob irgendein tiefgefrorenes Fertiggericht in den Mikrowellenherd. Im Auftauen solcher Speisen hatte er es bereits zu einiger Perfektion gebracht. Seit er ein paarmal lauwarmes Zeug hinuntergeschlungen hatte, wusste er, dass die Zeitangaben auf den Packungen fast immer zu knapp bemessen waren.
„Kaffee“, sagte Marianne kopfschüttelnd. „Um diese Zeit lieber nicht mehr, sonst liege ich die ganze Zeit wach.“
Harry zog sie zu sich und küsste sie.
„Macht doch nichts. Ich weiß etwas, womit wir uns die Zeit vertreiben können.“
„Du Schlingel.“ Sie drehte sich aus seinem Griff. „Du denkst immer nur an das Eine.“
„Ist doch die schönste Nebensache der Welt. Teilen wir uns eine Pizza?“
„Okay.“
Nach der Pizza tranken sie Bier. Nach dem Bier stellte Harry zwei Campari-Wodka auf den Tisch. Über ihnen befand sich das schräge Glasdach. Sie konnten den abendlichen Himmel sehen. Er war mit funkelnden Sternen übersät. Harry nahm seinen Drink und legte sich aufs Bett. Nicht weit davon stand die Staffelei, um die er sich so selten kümmerte.
„Komm“, sagte er. „Leg dich neben mich!“
Marianne erfüllte ihm den Wunsch.
„Wenn ich manchmal hier so liege, habe ich den Eindruck, mich mitten im Weltall zu befinden“, sagte Harry. Er tastete nach Mariannes warmer, schlanker Hand. „Mir imponiert diese Weite, diese Größe. Angesichts dieser Unendlichkeit komme ich mir immer ganz klein und unbedeutend vor. Ob in diesem Augenblick irgendwo dort draußen auch zwei Liebende nebeneinander liegen und zu uns herüberschauen?“
„Keine Ahnung.“
Harrys Daumen strich sanft über Mariannes Handrücken.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir im gesamten Sonnensystem die einzigen Lebewesen sind.“
„Vielleicht gibt es anderswo auch Leben.“
Harry legte seine Wange an Mariannes Wange.
„Wie mögen sie wohl auf anderen Planeten aussehen?“
„Bestimmt nicht so wie wir“, behauptete sie.
„Warum nicht?“
„Weil die Evolution auf der Erde aus einer Kette von Zufällen besteht. Sie können sich auf einem anderen Planeten unmöglich genauso abgespielt haben. Die geringste Abweichung genügt aber, um die Dinge sich in eine völlig andere Richtung entwickeln zu lassen.“
Harry hauchte ihr einen Kuss auf die Wange und flüsterte in ihr Ohr: „Wie klug du bist!“ Er roch den betörenden Duft ihres Haares und schlang die Arme um sie. In einer Ecke des Raumes stand ein Fernsehapparat, dessen Bildschirm diagonal mehr als einen Meter maß. Die Fernbedienung lag irgendwo neben dem Bett, aber Harry suchte sie jetzt nicht. Fernsehen konnte er auch allein. Jetzt war Marianne bei ihm. „Weißt du, was wir tun?“ fragte er.
„Was?“, fragte Marianne.
„Du suchst dir einen Stern aus, und wir geben ihm deinen Namen.“
Sie lachte. „Quatsch!“
„Komm, such dir einen Stern aus!“, drängte er. „Wenn ich dann mal allein hier liege, kann ich zu ihm hinaufschauen und an dich denken.“
Marianne machte ihm die Freude, und sie begossen die Taufe des Sterns mit Campari-Wodka. Dann stellten sie die leeren Gläser weg und küssten sich. Harrys Blut geriet langsam in Wallung. Er streichelte Mariannes jungen, schönen Körper unendlich zärtlich, und während er begann, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, hauchte er ihr sanft ins Ohr: „Ich liebe dich.“
6
Es hatte schon unterhaltsamere Abende bei den Burgs gegeben. Der Chirurg hatte Schuld daran, dass kein Gespräch so recht in Schwung kam. Sören Härtling nahm an, dass der Kollege heute etwas zu müde war, und deshalb blieben sie diesmal auch nicht so lange wie die anderen Male.
Als die Härtlings aufbrachen, sagte Bernadette Burg überrascht und wohl auch ein wenig enttäuscht: „Sie wollen schon gehen?“
„Wir müssen“, gab Sören Härtling lächelnd zurück. „Tut mir leid, ich bin ziemlich müde. Ich habe eine harte Woche hinter mir. Und ich glaube, Thorsten kann auch eine Mütze voll Schlaf gut gebrauchen.“
Thorsten Burg versuchte die Gäste nicht zu überreden, noch etwas länger zu bleiben. Sören schüttelte ihm die Hand.
„Sie haben ganz hervorragend gegrillt.“
„Freut mich, dass es Ihnen geschmeckt hat. Sind Sie auch satt geworden?“
„Mehr als satt“, versicherte Sören dem Gastgeber.
„War wieder ein sehr netter Abend“, sagte Jana Härtling zu Bernadette Burg. „Vielen Dank für die Einladung und die Mühe, die Sie sich gemacht haben.“
„War doch keine Mühe“, erwiderte die Frau des Chirurgen.
„Das nächste Mal sehen wir uns bei uns“, sagte Dr. Härtling.
Die Burgs begleiteten sie zu ihrem Wagen und wünschten ihnen eine gute Heimfahrt.
Während der Fahrt sagte Jana dann: „Thorsten war heute irgendwie anders.“
„Er war nicht gut drauf“, gab Sören Härtling zurück, „das stimmt.“
„Ich hatte manchmal das Gefühl, es mit einem völlig anderen Menschen zu tun zu haben.“
„Er arbeitet zu viel“, sagte Dr. Härtling. „Ich sage es ihm immer wieder, doch er will einfach nicht kürzertreten.“
„Er braucht Geld. Er hat eine teure Familie.“
„Man kann dennoch nicht sagen, dass Bernadette und Harry ihn ausnutzen“, meinte Sören. „Sie verlangen nichts von ihm. Da er keine Zeit für seine Familie hat, überhäuft er sie anstatt mit Liebe mit Geld - als gäbe es da ein schlechtes Gewissen, das er beruhigen muss.“
„Wenn ich mit ihm verheiratet wäre, würde ich ihm sagen: ‘Ich will nicht dein Geld, sondern dich.’“
Es war manchmal eine schwierige Gratwanderung zwischen Beruf und Privatleben. Dr. Härtling kannte das. Auf der einen Seite waren da die Patienten, kranke Menschen, die ihn brauchten, auf der anderen Seite war die Familie, die auch ein Anrecht auf ihn hatte. Es war nicht immer leicht, es beiden Seiten recht zu machen. Dazu gehörte sehr viel Geschick, und Sören Härtling war froh, dass er darüber verfügte.
„Vielleicht sollte man Bernadette und Harry Burg empfehlen, sich mit weniger zufriedenzugeben“, sagte Jana nachdenklich. „Dann würde Thorsten keinen Sinn mehr darin sehen, so viel zu arbeiten.“
„Er hat sich da selbst in eine Tretmühle hineinmanövriert, aus der er nur sehr schwer wieder herauskommen wird.“
„Kannst du ihm dabei nicht helfen?“ Jana blickte ihren Mann fragend an.
„Schon“, nickte Sören Härtling, „aber nur, wenn er sich auch wirklich helfen lassen will.“
„Wenn die Wesensänderung, die mir heute an ihm aufgefallen ist, fortschreitet, wird Bernadette eines Tages feststellen: Das ist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe - und dann wird sie ihn möglicherweise verlassen.“
Sören schüttelte verständnislos den Kopf.
„Was manche Leute doch für ein verkorkstes Leben führen.“
Sie kamen nach Hause. Stille herrschte in ihrer gemütlichen Villa. Eine Stille, die Jana und Sören nicht stören wollten, deshalb schlüpften sie aus den Schuhen und schlichen in Socken und Strümpfen in ihr Schlafzimmer. Jana entkleidete sich und ging ins Bad. Sören folgte ihr. Zehn Minuten später schlüpfte Jana in ihren Morgenrock und sagte leise: „Ich sehe noch schnell nach den Kindern.“ Sie war kaum weg, da kam sie schon wieder zurück, und Sorge flackerte in ihrem Blick.
„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte Dr. Härtling.
„Josee ist nicht in ihrem Zimmer“, stieß Jana beunruhigt hervor.
„Nicht? Wo ist sie denn dann?“
„Ich weiß es nicht“, flüsterte Jana.
Sie machten sich auf die Suche nach der Kleinen. Bei Tom war sie nicht. Er schlief mit tiefen, regelmäßigen Atemzügen und bekam nicht mit, dass seine Eltern kurz in seinem Zimmer waren. Bei Ben war sie auch nicht. Jana und Sören fanden das Nesthäkchen schlafend in Danas Bett. Dana war wach. Um Josees Schlaf nicht zu stören, stand sie auf und ging mit den Eltern vor die Tür ihres Zimmers.
„Wieso schläft Josee bei dir?“, fragte Jana Härtling ihre große Tochter.
„Sie hat mich darum gebeten“, antwortete Dana leise.
„Warum?“
„Weil sie Angst hatte“, erwiderte Dana, ein Gähnen mühsam unterdrückend.
„Angst wovor?“, wollte Sören Härtling wissen.
„Tom hat einen Film aus der Videothek geholt.“ Das gestand das Mädchen nur zögernd ein.
Sörens Blick verfinsterte sich.
„Da werde ich wohl morgen ein ernstes Wort mit ihm reden müssen.“
„Ihn trifft keine Schuld“, verteidigte Dana den Vierzehnjährigen. „Der Streifen war jugendfrei.“
„Was war das denn für ein Film?“, fragte Sören.
„Eine Fantasystory mit Elfen, guten und bösen Zauberern, Drachen und Hexen. Schöne Bilder. Eine spannende Geschichte, bei der kein Tropfen Blut geflossen ist. In jedem Grimm-Märchen ist mehr Brutalität. Warum sich Josee trotzdem so sehr gefürchtet hat, ist mir ein Rätsel.“
„Vielleicht hat sie die Geschichte in ihrer Fantasie weitergesponnen“, vermutete Jana Härtling.
„Möglich“, meinte Dana.
„Wenn es dir unbequem ist, mit Josee in einem Bett zu hegen, kannst du in ihr Zimmer gehen“, sagte Jana.
Dana schüttelte den Kopf.
„Ist nicht so schlimm. Ich bleibe lieber bei Josee - für den Fall, dass sie aufwacht und wieder Angst hat. Gute Nacht, Mutti! Gute Nacht, Vati!“ Sie küsste Jana und Sören.
„Gute Nacht, Dana“, sagte Jana.
„Gute Nacht“, sagte Sören.
„Wie war’s bei den Burgs?“, fragte Dana noch, bevor sie in ihr Zimmer trat. „Nett?“
„Ja“, antwortete Sören rein mechanisch, und Dana zog sich zurück.
7
Sonntagmorgen frühstückte die Familie Härtling auf der Terrasse. Tom hatte keinen blassen Schimmer, dass Josee die Nacht nicht in ihrem Zimmer verbracht hatte. Josee war verlegen und wich dem Blick ihres Vaters immer wieder aus. Nach dem Frühstück sagte Sören Härtling: „Tom.“
„Ja, Vati?“
Sören sah seinen Filius streng an.
„Ich möchte, dass du dir die Filme, die du aus der Videothek holst, in Zukunft besser allein ansiehst.“
„Wieso?“
„Josee hat sich gefürchtet.“
„Ehrlich?“ Tom war überrascht. Er schaute zu seiner kleinen Schwester hinüber. „Wovor denn?“
„Ich war doof“, erklärte Josee. „Der Film war überhaupt nicht zum Fürchten, Vati. Im Gegenteil, er war manchmal sogar zum Lachen.“
„Wieso hast du dich dann nicht allein zu bleiben getraut?“, wollte Sören Härtling wissen.
Josee nagte an ihrer Unterlippe.
„Da ... da kam so ein hässliches Ungeheuer vor ...“
„Dieser borstige Wurm mit den glühenden Augen?“, fragte Tom.
Josee nickte.
„Ja. Ich ... ich bildete mir ein, er hätte sich in meinem Schrank versteckt und würde herauskommen, sobald ich schlafe. In diese Angst habe ich mich so sehr hineingesteigert, dass ich zu Dana gehen und sie bitten musste, mich bei ihr schlafen zu lassen.“
Tom staunte.
„Du hast bei Dana geschlafen?“
„Ja“, antwortete Josee kleinlaut.
„Wegen dieses lächerlichen Wurms?“, fragte Tom verständnislos.
„Ich sagte ja schon, ich war doof“, gab Josee verlegen zurück.
„Darf ich euch trotzdem bitten, in Zukunft nur noch Filme einzulegen, die keine so unerfreulichen Nachwirkungen haben, wenn Mutti und ich nicht zu Hause sind?“, fragte Dr. Härtling in die Runde. Allgemeines Nicken. „Fein“, sagte Sören, und damit war die Sache vom Tisch.
8
Am Montagmorgen stand Marianne Rath um neun Uhr auf. Sie musste erst um halb elf in der Schule sein und freute sich auf ein gemeinsames Frühstück mit Harry. Sie hatte das Wochenende in seinem Atelier verbracht. Es war wunderschön gewesen. Sie hatten sich immer wieder geliebt - bis zur totalen Erschöpfung.
Doch nun begann allmählich wieder der Ernst des Lebens - von dem Harry Burg so überhaupt nichts wissen wollte. Das war das einzige, was Marianne an ihm auszusetzen hatte. Ansonsten fand sie ihn völlig in Ordnung. Er sah gut aus, war intelligent, man konnte mit ihm über alles reden, und er war ein sehr sinnlicher, äußerst einfallsreicher Liebhaber.
Marianne ging ins Bad. Sie machte einen kurzen Abstecher in die Küche und füllte Wasser und Kaffee in die Filtermaschine. Anschließend duschte sie. Als sie aus dem Bad kam, war sie angezogen, frisiert und geschminkt, und im Atelier roch es verlockend nach frischem Kaffee, doch das konnte Harry nicht zum Aufstehen bewegen.
„He, du Faulpelz!“, rief Marianne. „Raus aus den Federn!“ Harry gab einen unwilligen Grunzlaut von sich. „Es ist ein wunderschöner Tag!“ informierte Marianne ihn.
Er legte sich ein Kissen aufs Gesicht.
„Ist mir egal“, kam es dumpf darunter hervor.
„Sag mal, schämst du dich nicht, hier so herumzulungern?“
Er nahm das Kissen vom grinsenden Gesicht. „Nein.“
„Andere Leute arbeiten schon längst“, erinnerte Marianne.
„Das ist deren Sache.“
„Kommst du dir nicht unnütz vor, wenn du so überhaupt nichts tust?“
„Ich kann es mir leisten, nichts zu tun“, behauptete der junge Mann.
„Es ist nicht richtig, dass du deinem Vater mit vierundzwanzig Jahren noch immer auf der Tasche liegst. Du bist gesund. Du bist kräftig. Du kannst arbeiten und dir deinen Lebensunterhalt selbst verdienen.“
„Ich arbeite ja“, gab Harry zurück, ohne rot zu werden. Über dem zerwühlten Bett, in dem er lag, strahlte ein blauer Himmel.
„Ja, alle heiligen Zeiten mal“, erwiderte Marianne leicht verstimmt.
Er setzte sich auf.
„Man kann einen Künstler nicht wie einen Beamten in ein starres Arbeitszeitkorsett pressen“, belehrte er sie. „Er muss sich frei entfalten können. Jeder Zwang schadet seiner Kreativität.“
„Wann gedenkst du endlich wieder ein Bild zu malen?“
Er sah sie mit schief geneigtem Kopf an.
„Wann wirst du endlich begreifen, dass ein Künstler nicht bloß mit den Fingern zu schnippen braucht, und schon hat er eine Idee? So etwas lässt sich nicht erzwingen. Wenn der Einfall kommt, ist er da, und dann werde ich ihn auf der Leinwand sichtbar machen.“
„Und in der Zwischenzeit lebst du vom Geld deines Vaters.“
Er legte sich wieder hin.
„Ich befinde mich in der glücklichen Lage, nur für meine Kunst leben zu dürfen, auf nichts anderes brauche ich mich zu konzentrieren. Was meinst du, wie viele Maler mich darum beneiden. Sie müssen Gelegenheitsjobs annehmen, um irgendwie zu überleben, müssen zwischendurch immer wieder darben, haben bei jedermann Schulden. Ich schulde niemandem auch nur einen Pfennig.“
„All das Geld, das du von deinem Vater bekommst, schuldest du ihm“, behauptete Marianne.
Doch Harry sah das anders.
„Falsch“, sagte er. „Er leiht es mir ja nicht. Er gibt es mir.“
„Ich würde es nicht nehmen.“
Harry lachte.
„Warum sollte ich so verrückt sein, ein Geschenk meines Vaters abzulehnen?“
„Ich würde das nicht als verrückt bezeichnen“, entgegnete Marianne rau.
„Sondern?“
„Das hat meiner Ansicht nach etwas mit Stolz zu tun“, erklärte die junge Lehrerin.
„Soll ich meinen Vater beleidigen? Soll ich ihn vor den Kopf stoßen? Soll ich ihm sagen, ich will dein Geld nicht mehr?“
„Ich bin sicher, es würde ihm Freude machen, zu hören, dass du sein Geld nicht mehr brauchst, sondern endlich auf eigenen Füßen stehst.“
„Und wovon soll ich dann leben? Man kennt mich noch nicht. Ich muss meine Bilder für ’nen Appel und ’n Ei hergeben.“
„Wer von seiner Kunst nicht leben kann, der sollte sie als Hobby betrachten.“
Harry sah Marianne entgeistert an.
„Ich bin nicht auf die Kunstakademie gegangen, um die Malerei nach Feierabend und am Wochenende zu betreiben.“
„Da tust du lieber überhaupt nichts, nicht wahr?“ So langsam geriet sie richtig in Wut.
„Ich male, wenn ich eine Eingebung habe.“
„Wie kommt es, dass andere Maler solche Eingebungen viel öfter haben?“, wollte Marianne wissen.
„Die sind vielleicht mehr motiviert als ich.“
„Was würde dich mehr motivieren?“
„Eine erheblich größere Nachfrage nach meinen Werken würde mich sicher anspornen.“
„Ich habe mit meinem Bruder gesprochen“, sagte Marianne. Ihr Bruder hatte eine Firma, die Geschäftslokale und Lagerhallen einrichtete. „Er hätte Arbeit für dich.“
„Ich mache mich doch nicht zum Sklaven deines Bruders! Von dem Hungerlohn, den er mir zahlen würde, könnte ich nicht leben. Und dafür müsste ich von morgens bis abends schuften und auch noch tausendmal ‘Dankeschön’ sagen.“ Er klopfte mit der flachen Hand auf die Matratze. „Komm zu mir!“
„Nein.“ In ihrem Inneren hatte es irgendwie einen Knacks gegeben.
„Bitte“, sagte Harry Burg mit sanftem Nachdruck.
„Es wird Zeit, dass du aufstehst“, erwiderte sie kühl.
Er lachte: „Ich kann nicht.“
„Du willst nicht.“
„Ich kann es nicht, selbst wenn ich wollte“, behauptete er. „Ich hänge irgendwie mit Widerhaken an diesem Bett fest. Erfahrungsgemäß gibt es mich erst gegen Mittag frei.“
„Kennst du die Steigerung von faul?“
Er grinste. „Faul stinkfaul - zu faul zum Stinken.“
„Genau das bist du - zu faul zu allem.“
„Nicht zu allem“, widersprach er. „Ich denke, das habe ich dir an diesem Wochenende hinlänglich bewiesen, und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich annehme, dass es dir gefallen hat.“
„Muss ich nun allein frühstücken, oder kommst du raus?“
Er dehnte und streckte sich ächzend.
„Ich frühstücke für mein Leben gern im Bett.“
Marianne ging in die Küche. Sie ärgerte sich über Harrys Faulheit, auf die er auch noch stolz war. Der Ärger schlug sich auf ihren Magen, deshalb verzichtete sie darauf, etwas zu essen. Sie trank nur eine halbe Tasse Kaffee mit Milch. Dann kehrte sie zu Harry zurück und sagte mit vibrierender Stimme: „Tut mir leid, Harry, aber ich komme mit deiner übertriebenen Faulheit einfach nicht klar.“
„Einen Künstler kann man nicht mit normalen Maßstäben messen“, versuchte er sie zu belehren.
„Du bist ein Parasit, ein arbeitsscheues Individuum. So sieht es aus. Und ich schäme mich für dich. Du lachst über all die fleißigen Menschen, die für weniger Geld, als dir dein Vater schenkt, zur Arbeit gehen, wälzt dich träge im Bett herum und führst ein absolut nutzloses Dasein. Ich habe versucht, mich damit abzufinden, aber ich kann es nicht. Du bist ein Taugenichts, ein Faultier, ein Herumtreiber. Mit so einem Menschen möchte ich nicht länger zusammen sein.“
Er setzte sich mit einem jähen Ruck auf.
„Wie war das?“
„Es tut mir leid, Harry.“ Ihre Augen schwammen in Tränen.
„Ich fürchte, ich konnte deiner kleinen Ansprache vorhin nicht richtig folgen. Wie darf ich das Gesagte verstehen?“ Sie putzte sich die Nase. „Ist es aus zwischen uns, Marianne? Lässt du mich stehen? Gibst du mir den Laufpass?“
Sie schlug ihm mit belegter Stimme eine Beziehungspause vor.
„Eine Beziehungspause?“, fragte er ärgerlich. „Was soll der Blödsinn? Willst du mich nicht mehr sehen, bist du aber zu feige, um jetzt gleich Schluss zu machen?“
„Nein, Harry ...“
„Ich dachte, du liebst mich.“ Er starrte sie zornig an.
„Das tue ich.“
„Wie kannst du mich dann so eiskalt abservieren?“, wollte er mit schneidender Stimme wissen.
„Ich serviere dich nicht ab“, widersprach Marianne.
„Du willst mich für eine Weile nicht mehr sehen.“
Sie nickte, ohne ihn anzuschauen. „Ja.“
„An welche Zeitspanne hast du dabei gedacht?“, fragte er zynisch. „An einen Monat? An ein halbes Jahr? An ein ganzes Jahr?“
„Ich möchte dir Gelegenheit geben, über die Sinn und Nutzlosigkeit deines Daseins nachzudenken.“
„Was soll das?“m brauste er auf. „Willst du mich erziehen? Ich bin nicht eines von deinen Schulkindern. Ich bin ein erwachsener Mensch.“
„Dann lebe gefälligst auch wie einer“, gab sie lauter zurück, als sie es eigentlich gewollt hatte.
Harry verdrehte die Augen.
„Großer Gott, unsere Beziehung war so schön. Warum machst du sie kaputt?“
„Ich möchte, dass du deinem Leben endlich einen Sinn gibst“, erklärte sie. „Ich möchte dich achten, nicht verachten.“
Er sah sie konsterniert an.
„Du verachtest mich?“
„Ich verachte das Leben, das du führst.“
„Ich werde es nicht ändern“, sagte er trotzig.
„Nun“, sagte sie frostig, „solange du es nicht änderst, kann ich nicht mehr mit dir zusammen sein.“
Er betrachtete sie entgeistert.
„Du erpresst mich. Du setzt mir das Messer an die Brust.“
„Du lässt mir keine andere Wahl.“
„Und was ist, wenn ich auf stur schalte?“, wollte Harry Burg wissen.
Marianne sah ihn flehend an und schüttelte beschwörend den Kopf.
„Das solltest du lieber nicht tun.“
„Was ist aber, wenn ich es doch tue?“, fragte Harry gereizt.
„Dann müsste ich mich - so bedauerlich ich es auch fände - von dir trennen“, erwiderte Marianne Rath tonlos.
9
Dr. Härtling entband eine dreißigjährige, robuste Patientin von ihrem dritten Baby. Der Vater war bei allen Geburten dabei gewesen, und er hatte sich jedes Mal elender gefühlt als seine Frau. Auch diesmal war er wieder bleich wie kaltes Fett, und er zitterte und hatte dicke Schweißtropfen auf der hohen Stirn, obwohl die Niederkunft völlig problemlos gewesen war und die Mutter einem gesunden Knaben das Leben geschenkt hatte.
Der Chefarzt der Paracelsus-Klinik beglückwünschte das Ehepaar zu seinem Stammhalter und verließ den Kreißsaal. In seinem Büro wartete ein Mann Mitte Vierzig auf ihn.
Er war mittelgroß, korpulent und hatte eine Glatze. Seine Oberlippe zierte ein schmales braunes Bärtchen. Sein Name war Dr. Johann Broesigke. Er war Internist und wollte in der Paracelsus-Klinik arbeiten, doch leider eilte ihm kein guter Ruf voraus. Er war ein Spieler und ziemlich hoch verschuldet, und er verlor nach zwei Klaren bereits die Kontrolle über sich, wurde aggressiv und gewalttätig. Die meisten Klinikchefs wollten ihn nicht einmal zum Vorstellungsgespräch sehen, und auch Dr. Härtling hatte keine Lust, das ausgezeichnete Renommee der Paracelsus-Klinik aufs Spiel zu setzen, indem er Dr. Broesigke einstellte. Man hätte einen guten Internisten gebrauchen können, aber Johann Broesigke kam für Sören Härtling als Mitarbeiter nicht in Frage, deshalb gab er dem Arzt seine Bewerbungsunterlagen zurück und bedauerte, ihm einen ablehnenden Bescheid geben zu müssen. Dr. Broesigke erweckte einen Moment lang den Eindruck, als wollte er sich auf Sören stürzen und ihn verprügeln. Seine Kiefer mahlten, seine Wangenmuskeln zuckten, und seine Augen verschossen Blitze.
„Na schön!“, knurrte er schließlich. „Na schön, dann eben nicht!“ Er stürmte aus dem Raum und schleuderte die Tür hinter sich zu.
Moni Wolfram, Sörens Sekretärin, erschien sogleich und sah den Chefarzt besorgt an.
„Ist alles in Ordnung, Chef?“
„Ja, Moni“, antwortete Dr. Härtling. „Danke.“
„Dieser Mann hatte einen Blick, als könnte er einen Mord begehen“, sagte Moni schaudernd.
„Er sieht nicht ein, dass er für uns nicht der Richtige ist“, gab Sören Härtling gelassen zurück.
„Vor dem würden sich unsere Patienten ja fürchten.“
Der Leiter der Paracelsus-Klinik nickte.
„Deshalb habe ich seine Bewerbung abgelehnt.“
Schwester Annegret klopfte an die offene Tür.
„Ah, Annchen, kommen Sie herein“, sagte Dr. Härtling.
„Eben bin ich auf dem Flur diesem Patientenschreck begegnet“, sagte die alte Pflegerin. „Er hätte mich beinahe umgerannt. Ein Arzt wie er sollte sich um einen Job in der Pathologie bewerben. Auf lebende Menschen sollte man den nicht loslassen.“
„Er wird das früher oder später selbst einsehen“, gab Sören Härtling lächelnd zurück.
Annegret trug eine Flügelmappe unter dem Arm. Dr. Härtling wusste, was da drin war: Die beiden Kapitel ihres schriftstellerischen Gehversuchs. Moni Wolfram ging hinaus, und es war Annegret anzusehen, dass sie sich lieber nicht von ihrer Mappe getrennt hätte.
„Schön, dass Sie daran gedacht haben, Annchen“, sagte Sören Härtling.
Die Pflegerin drückte die Mappe gegen ihre Brust.
„Ich habe mir die beiden Kapitel noch einmal angesehen, Chef.“
„Und?“
Schwester Annegret verzog das Gesicht.
„Ich sollte sie vielleicht besser wieder mitnehmen.“
„Das können Sie - aber erst, nachdem ich sie gelesen habe.“
Annegret seufzte.
„Das Ganze ist stümperhaft konzipiert, langweilig geschrieben und schlecht formuliert.“ „Niemand erwartet, dass Sie mit Ihrem Erstlingswerk gleich den Literatur-Nobelpreis gewinnen“, entgegnete Dr. Härtling.
„Ich hätte die Finger davon lassen sollen“, sagte Annegret. „Wie konnte ich glauben, was meine Freundin kann, das kann ich auch?“
Der Chefarzt streckte die Hand verlangend aus.
„Nun geben Sie’s schon her, Ihr Manuskript.“
„Sie dürfen es hier auf keinen Fall herumliegen lassen. Ich möchte nicht, dass es in dieser Klinik außer Ihnen noch jemand liest.“
„Ich werde es in meinen Schreibtisch einschließen“, versprach Dr. Härtling. „Zufrieden?“
Endlich überließ ihm die alte Pflegerin die Mappe. Er legte sie vor ihren Augen in die linke obere Schreibtischlade und schloss ab.
„Warum habe ich Ihnen nur von diesen zwei Kapiteln erzählt?“, stöhnte Schwester Annegret und schlich hinaus.
Zwei Stunden später schaute Dr. Thorsten Burg bei Sören herein. Er hatte eine Appendektomie, eine Meniskus- und eine Leistenbruchoperation hinter sich und sah müde und abgespannt aus, aber er hätte mit Sicherheit nicht zugegeben, dass die Arbeit ihn mal wieder arg geschlaucht hatte.
„Na, Thorsten, wie geht’s?“, fragte Sören Härtling freundlich.
„Es geht.“
Der Leiter der Paracelsus-Klinik zeigte auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand.
„Setzen Sie sich!“
„Danke.“
„Kaffee?“, fragte Dr. Härtling.
„Gute Idee.“ Dr. Burg fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er war nicht so fröhlich wie sonst. Irgendetwas schien ihn zu bedrücken. Sören Härtling drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage.
„Moni ...“
„Wenn Sie Kaffee möchten - der läuft bereits durch, Chef.“
„Sie sind die Beste.“
Moni lachte.
„Gute Sekretärinnen können hellsehen, wussten Sie das nicht?“
Kurz darauf bekamen die beiden Ärzte ihren Kaffee.
„Haben Sie irgendetwas auf dem Herzen, Herr Kollege?“, erkundigte sich Dr. Härtling, während er Kaffeesahne in die schwarze Brühe rührte.
„Ich hoffe, Sie sind gut nach Hause gekommen.“
„O ja“, antwortete Dr. Härtling. „Es war nicht viel Verkehr.“
„Sie sind früh gegangen.“
„Ich war müde“, erwiderte Sören Härtling.
„Die anderen Male sind Sie mit Jana länger geblieben.“ Es klang wie ein leiser Vorwurf.
„Ich sagte bereits ...“
Dr. Burg sah Dr. Härtling ernst an.
„Es hat Ihnen bei uns nicht gefallen, nicht wahr?“
„Unsinn, Thorsten, es war ein netter Abend.“ Sören trank einen Schluck von seinem goldbraunen Kaffee.
„Ich möchte mich entschuldigen“, sagte der Chirurg.
„Weshalb denn?“
Dr. Burg kräuselte die Nase und wiegte unangenehm berührt den Kopf.
„Na ja, ich hätte mich nicht so gehenlassen dürfen.“
„Sie waren vielleicht ein wenig überreizt, aber das kann schon mal vorkommen.“
„Ich habe zum ersten Mal so sehr die Kontrolle verloren“, gestand Thorsten Burg.
Dr. Härtling winkte großzügig ab. „Kein Problem.“
„Jana hat mich ganz entsetzt angesehen.“ Dr. Burg lächelte verlegen. „Ist ja auch nicht gerade die feine englische Art, die misslungenen Spareribs einfach in den Garten zu werfen. Aber ich habe mich so geärgert, dass sie ungenießbar waren, dass ich für einen Augenblick total die Beherrschung verlor.“
„Schwamm drüber. Vergessen wir’s!“
Als Dr. Burg seinen Kaffee trank, zitterte seine Hand.
„Würden Sie Jana ausrichten, dass ich meinen Ausrutscher sehr bedauere?“
„Aber natürlich, Thorsten. Wenn Sie das möchten.“
Der Chirurg zwang sich zu einem Lächeln. Es wurde eigentlich mehr eine hilflose Grimasse. „Und wenn wir wieder mal zusammenkommen, werde ich mich gesitteter benehmen, das verspreche ich.“
Sören Härtling hatte Mitleid mit dem tüchtigen Kollegen, ohne genau zu wissen, warum.
10
Harry Burg, der sensible Künstler, der sich von der eigenen Freundin missverstanden und ungerecht behandelt fühlte, reagierte auf Mariannes Beschluss mit kindischem Trotz. Er liebte Marianne Rath, doch deshalb durfte sie ihm noch lange keine solchen widersinnigen Bedingungen steifen. Arbeiten sollte er. Für weniger Geld, als er von seinem Vater bekam. Auf Vaters Geld sollte er verzichten. Er war doch nicht von allen guten Geistern verlassen! Eine Beziehungspause hatte sie erzwungen. Nun gut, er konnte damit leben. Er hatte seine alten Freunde in letzter Zeit sowieso stark - zu Mariannes Gunsten - vernachlässigt. Jetzt konnte er sich ihnen wieder mehr widmen. Kein Schaden ohne Nutzen. Vielleicht würde es ihnen beiden ganz guttun, wenn sie sich mal eine Weile nicht sahen. Umso schöner würde es hinterher sein, wenn sie wieder zueinander fanden.
Im Moment aber wollte Harry Burg seiner Freundin beweisen, dass sie den falschen Weg eingeschlagen hatte. Sie war zwar Lehrerin, aber er wollte sich trotzdem nicht von ihr schulmeistern lassen. Es war Zeit, dass er sich mal wieder bei seiner alten Clique blicken ließ. Es gab da ein Lokal in der Nähe des Hauptbahnhofs, das seit jeher von Künstlern frequentiert wurde.
Bestens gelaunt verließ er sein Atelier und machte sich auf den Weg dorthin, um mal wieder mit Gleichgesinnten zusammenzutreffen. Jetzt erst merkte er, wie sehr ihm das Gespräch mit anderen Künstlern gefehlt hatte. Von denen hatte ihn noch nie einer missverstanden.
Die Clique bewunderte und beneidete ihn. Er war der einzige Maler, der kein Bild zu verkaufen brauchte und trotzdem ein sorgenfreies, finanziell abgesichertes Leben führen konnte. Alle anderen standen unter starkem Leistungsdruck, unter permanentem beruflichem Erfolgszwang. Sie mussten Miete bezahlen, wenn sie nicht unter einer Isarbrücke oder auf einer Parkbank schlafen wollten, und ihr knurrender Magen zwang sie auch täglich, irgendwo irgendwie Geld aufzutreiben. Sie bemalten Gehsteige, zeichneten Porträts, ließen sich kurzfristig für jeden Job anheuern, der ein bisschen was einbrachte, während Harry Burg im angenehm warmen väterlichen Geldregen stand und nichts weiter zu tun brauchte, als die reichlichen Zuwendungen seines großzügigen alten Herrn mit vollen Händen auszugeben.
Das Lokal hieß „Boheme“, ein schmuddeliger Schuppen mit hässlichen braunen Wänden, wackeligen Stühlen und zerkratzten Tischen. Wer sich hier wohlfühlte, konnte wohl nicht ganz dicht sein. Dennoch war das „Boheme“ für viele Künstler die zweite Heimat. Es roch nach kaltem Rauch, nach Bier und Schnaps, nach Schweiß und billigem Parfüm, nach serbischer Bohnensuppe und Bratkartoffeln. Und die Typen, die hier herumlungerten, fügten sich so hervorragend in die Schmuddeligkeit des Lokals, als hätten sie ihr Äußeres gewissenhaft und mit einem guten Auge für Details darauf abgestimmt.
Der Besitzer des „Boheme“ hieß Bernd Lehmann. Er hatte sich selbst eine Zeitlang als Maler ziemlich erfolglos durchs Leben geschlagen und schließlich begriffen, dass sein Talent nicht ausreichte, um ihn zu ernähren, deshalb hatte er umgesattelt und der trunksüchtigen Wirtin des „Boheme“ - das damals noch „Enzianstüberl“ geheißen hatte - einen Heiratsantrag gemacht. Zwei Monate nach der Hochzeit hatte ihre Leber kapituliert. Sie war mit einer schweren Gelbsucht ins Krankenhaus gebracht worden, und eine Woche danach war Bernd Lehmann Witwer und alleiniger Besitzerdes „Enzianstüberls“ gewesen. Er hatte das Lokal umbenannt und im Laufe der Jahre zum Musentempel gemacht. Wann immer man sich als Künstler einsam oder unverstanden fühlte, kam man zu Bernd Lehmann ins „Boheme“, um Menschen zu treffen, die genauso einsam und unverstanden waren wie man selbst.
Breit wie ein Schrank stand Bernd hinter dem Tresen. Er war von dort nicht mehr wegzudenken.
Als Harry Burg das Lokal betrat, zapfte Bernd gerade Bier. Harry schnippte mit den Fingern und sagte: „Mach gleich mehr Gläser voll, Junge! Ich gebe für alle einen aus.“
Bernd riss erfreut die Augen auf.
„Harry! Dass du dich auch mal wieder bei uns blicken lässt!“
Harry Burg grinste breit und streckte Lehmann die Hand über den Tresen entgegen.
„Ich vergesse doch meine alten Freunde nicht.“
„Hat aber fast so ausgesehen.“ Lehmann schlug mit nassen Fingern kräftig ein. „Du warst bestimmt ein halbes Jahr nicht mehr hier.“
„Dafür wirst du mich von nun an wieder öfter sehen.“
„Das freut mich.“
Harry inhalierte die dicke Luft.
„Ich hab’s ohne den Mief hier einfach nicht mehr ausgehalten.“
„Oja, das ‘Boheme’ hat einen ganz speziellen, unverwechselbaren Geruch.“
„Der süchtig macht“, behauptete Harry. „Man kann gehen, wohin man will - irgendwann werden die Entzugserscheinungen so unerträglich, dass man unbedingt hierher zurückkehren muss.“ Lehmann nickte zustimmend.
„So soll es sein.“
„Wie geht es dir, Bernd?“
Lehmann zog die Mundwinkel nach unten.
„Ich habe Wasser in den Beinen.“
„Woher kommt das?“
Der Wirt zuckte die Schultern.
„Schwaches Herz!“
„Ein kraftstrotzender Mann wie du hat ein schwaches Herz?!“
Lehmann lachte gepresst.
„Kaum zu glauben, was?“ Er stellte weitere Gläser neben den Zapfhahn und begann sie mit hellem, schäumendem Bier zu füllen.
„Du siehst überhaupt nicht krank aus“, stellte Harry Burg verwundert fest.
„Ich fühle mich auch nicht krank - solange ich regelmäßig meine Tabletten nehme.“
„He! Ist das nicht Harry Burg, unser verlorener Sohn?“, rief jemand.
Harry drehte sich um und schaute in das magere, bartstoppelige Gesicht von Tassilo Maier. Seine Eltern hatten wohl gedacht: Wenn der arme Junge schon so wie Tausende anderer Menschen heißen muss, soll er wenigstens keinen alltäglichen Vornamen haben.
„Hallo, Tassilo“, sagte Harry.
Tassilo Maier klatschte begeistert in die Hände.
„Er ist es! Er ist es!“ Er umarmte Harry mit der ihm eigenen Herzlichkeit und führte ihn zu einem großen runden Tisch, an dem niemand saß, den Harry nicht kannte.
Lautes „Hallo!“ begrüßte den verlorenen Sohn. Harry schüttelte Hände, Hände, Hände ... Der Wirt brachte das von Harry ausgegebene Bier. Man ließ den Heimkehrer hochleben.
Harry saß neben Nikki Mandrakis - Mutter Deutsche, Vater Grieche - dem einzigen weiblichen Wesen in der trinkfesten Männerrunde. Nikki wurde von der Clique voll akzeptiert. Sie gehörte dazu wie der Schaum zum Bier. Sie war hübsch. Wenn sie sich nicht so schwarz wie eine Krähe gekleidet hätte, wäre sie noch hübscher gewesen. Dass sie einen schönen Körper hatte, wusste Harry von den Aktzeichnungen, die es von ihr gab. Zu sehen war es nicht, denn sie trug weite Pluderhosen und einen selbst gestrickten Pullover, der immer länger und weiter wurde. Ihr schwarzes Haar war lang und leicht gewellt. Sie hatte dunkelbraune, fast schwarze Augen, dicke schwarze Augenbrauen, und Harry fand es übertrieben, dass sie ihre Augenlider und ihre Lippen auch noch schwarz schminkte - aber das war nun einmal ihre Macke.
Nikki Mandrakis war Malerin, Aktmodell und Lebenskünstlerin, und sie hatte mit allen, die hier an diesem großen runden Tisch saßen, schon mal im Bett gelegen, nur mit Harry noch nicht - noch nicht!
„Gehst du noch mit dieser Tussi?“, fragte Nikki. Das Bier glänzte auf ihren schwarzen Lippen. „Wie hieß sie doch gleich ...?“
„Marianne“, sagte Harry.
„Ach ja, Marianne - die Kindergärtnerin.“
„Lehrerin“, stellte Harry richtig.
„Ach ja, die Lehrerin. Gehst du noch mit ihr?“
„Im Augenblick nicht“, antwortete Harry.
„Was heißt, im Augenblick nicht? Man geht entweder mit jemandem oder man geht nicht mit ihm.“
„Wir haben uns für eine Weile getrennt“, erklärte Harry.
In Nikki Mandrakis’ dunklen Augen erschien sogleich ein interessiertes Funkeln.
„Für eine Weile? Was soll denn der Blödsinn?“
„Es war nicht meine Idee.“
Nikki lachte: „Das kann ich mir denken!“
„Sie hat eine Beziehungspause verlangt.“
Nikki sah ihn erstaunt an.
„Und du hast eingewilligt?“
„Ich hatte keine andere Wahl.“
„Armer Harry.“ Nikki legte ihm die schmale Hand auf den Schenkel. Ihre Fingernägel waren - wie hätte es anders sein können - ebenfalls schwarz lackiert. Und bestimmt auch ihre Zehennägel. „Deine kleine Lehrerin macht mit dir, was sie will. Wozu braucht sie eine Beziehungspause? Möchte sie zwischendurch ein paar andere Männer ausprobieren?“
„Das mit Sicherheit nicht.“
„Wozu braucht sie ihre Freiheit?“, wollte Nikki Mandrakis wissen.
„Ich soll nachdenken“, antwortete Harry Burg offen.
„Worüber?“ Die schwarze Schönheit ließ nicht locker.
Harry hob die Schultern.
„Über sie. Über mich. Über meine Arbeit. Über das Leben, das ich führe ...“
„Was ist schlecht an dem Leben, das du führst?“, fragte Nikki.
„Es gefällt ihr nicht“, gestand Harry unumwunden.
„Jeder von uns würde sofort mit dir tauschen, wenn das möglich wäre. Du bist zu beneiden. Du lebst im Schlaraffenland. Dir fliegen die gebratenen Tauben in den Mund.“
Harry trank einen Schluck Bier.
„Und genau das soll ich ändern.“
„Verlangt Marianne das von dir?“, fragte Nikki Mandrakis völlig verständnislos.
Harry wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Lippen.
„Ja.“
„Sie muss bescheuert sein.“ Das schöne Mädchen schüttelte temperamentvoll den Kopf.
„Sie hat mich einen Taugenichts genannt, einen Parasiten“, brummte Harry, der froh war, sich einer Gleichgesinnten anvertrauen zu können.
„Soll ich dir mal was sagen? Ich wusste von Anfang an, dass das mit euch nicht gutgehen würde. Ihr seid zu verschieden. Ein knochentrockener, überkorrekter, langweiliger Finanzbeamter würde besser zu ihr passen.“
Harry musterte Nikki amüsiert.
„Und wer würde nach deiner Meinung besser zu mir passen?“
Sie drückte seinen Schenkel und sagte leise: „Zum Beispiel ich.“
Er hatte gewusst, dass sie das sagen würde!
11
„Du hast dir Arbeit mit nach Hause genommen?“, fragte Jana Härtling, als ihr Mann in seinem Arbeitszimmer eine Flügelmappe aus seinem Aktenkoffer holte und auf den Schreibtisch legte. So etwas kam nicht oft vor. Wenn zusätzliche Arbeit anfiel, blieb Dr. Härtling zumeist etwas länger in der Klinik und erledigte, was sich nicht aufschieben ließ, lieber da.
„Arbeit kann man das nicht nennen“, erwiderte Sören ausweichend und schloss den Aktenkoffer. „Ich hab’ da nur etwas zu lesen ...“
„Was?“, bohrte Jana.
Sören wand sich.
„Nun ja ...“
Jana lächelte.
„Ein Klinikgeheimnis?“
Sören schüttelte den Kopf. „Nicht direkt.“
„Du machst mich neugierig.“
Sören seufzte: „Gerade das wollte ich vermeiden.“
„Wie du weißt, bin ich Mitbesitzerin der Paracelsus-Klinik ...“
Sören legte die Hand auf die Flügelmappe.
„Die Sache hat nur indirekt mit der Paracelsus-Klinik zu tun.“
„Darf ich einen Blick in die Mappe werfen?“, fragte Jana Härtling.
„Nein. Lieber nicht.“
„Nur einen klitzekleinen.“ Jana zeigte mit Daumen und Zeigefinger etwa zwei Millimeter.
„Jana, bitte“, sagte Sören mit Nachdruck. „Du bringst mich da in eine unangenehme Situation. Ich ... ich soll darüber nicht reden.“
„Mit mir kannst du über alles reden. Mir kannst du alles anvertrauen. Ich bin deine Frau. Wir sind ein Ehepaar. Wir sind eins. Wir hatten noch nie Geheimnisse voreinander, und du weißt, dass ich schweigen kann wie ein Grab.“
Dr. Härtling sah ächzend zur Decke.
„Sie wird mich steinigen.“
„Wer wird dich steinigen, Liebling?“
„Schwester Annegret“, antwortete Sören Härtling.
„Befindet sich in dieser Mappe etwas, das sie betrifft?“, wollte Jana wissen.
„Ja“, kam es dumpf über Sörens Lippen. Er bereute schon, das Manuskript mit nach Hause genommen zu haben.
„Und es ist nur für deine Augen bestimmt?“, fragte Jana mit lauerndem Blick.
„Nicht einmal für meine Augen“, sagte Sören.
„Das musst du mir erklären.“
Sören versuchte es, und damit machte er Jana noch neugieriger.
„Ein Buch von Schwester Annegret!“, rief sie überrascht und begeistert aus. „Das muss ich unbedingt lesen!“
„Es sind erst zwei Kapitel.“
Jana nickte.
„Ich gebe mich fürs Erste auch damit zufrieden.“
12
Harry Burg gehörte wieder dazu. Er fühlte sich wohl bei seinen malenden Freunden. Es kam ihm so vor, als wäre er nie weg gewesen. Sie erzählten ihm von ihren Erfolgen und Misserfolgen im vergangenen halben Jahr, und er stellte bei sich fest, dass sie alle viel fleißiger gewesen waren als er. Doch was hatte es ihnen gebracht? Ein Leben, wie er es führte, hätten sie sich trotz ihres Fleißes nicht leisten können. Wer also macht da etwas falsch?, fragte sich Harry. Ich doch nicht!
„Wann hast du deinen letzten Akt gemalt, Harry?“, erkundigte sich Nikki Mandrakis.
„Ist schon eine Weile her“, antwortete er. „Ist überhaupt schon eine Weile her, dass ich was gemalt habe.“
„Wenn du möchtest, stehe ich dir Modell. Du brauchst mir nicht einmal etwas dafür zu bezahlen. Für dich würde ich es umsonst machen. Just for fun.“
„Wenn ich deine Dienste als Aktmodell in Anspruch nehme, dann bezahle ich dich auch dafür“, entgegnete Harry. „Oder hast du was zu verschenken?“
Nikki kicherte.
„Aber ja doch - sehr viel Liebe.“
Harry hob die Hand, als sein Bierglas leer war.
„Bernd!“, rief er.
Bernd Lehmann beugte sich über den Tresen.
„Noch ’ne Runde!“, rief Harry Burg.
„Kommt sofort.“
Tassilo Maier - er signierte seine Werke mit Tassilo Mai grinste.
„Endlich sitzt mal wieder einer an diesem Tisch, der keine Löcher in den Taschen hat und weiß, was sich gehört.“
Lehmann brachte die vollen Gläser und räumte die leeren ab.
„Du machst hoffentlich mit“, sagte Harry Burg.
„Klar, Junge“, gab Lehmann grinsend zurück. „Mein Frischgezapftes wartet auf dem Tresen auf mich.“
Tassilo Meier hob sein Glas.
„Auf den edlen Spender! Er lebe hoch - hoch - hoch!“
Man stieß mit Harry Burg an, pries lautstark seine Großzügigkeit, die der Herr ihm erhalten möge, ließ das kühle Blonde in die Gurgel rinnen. Nikki Mandrakis ließ keine einzige Runde aus. Harry verlor bald die Übersicht, aber er konnte sich auf Bernd Lehmann verlassen, der würde ihm kein einziges Glas Bier mehr verrechnen, als tatsächlich getrunken worden war. Bernd war eine ehrliche Haut ...
13
Während Harry Burg mit seinen Freunden ausgiebig Wiedersehen feierte, ließ Jana Härtling ihren Mann allein, damit er in seinem Arbeitszimmer ungestört Schwester Annegrets Manuskript lesen konnte. Doch bevor sie hinausging, sagte sie: „Wenn du es gelesen hast, möchte ich mir auch meine eigene Meinung über Annegrets schriftstellerisches Talent bilden. Nur ganz für mich allein. Sie wird es nie von mir erfahren. Ich bin ja bloß so neugierig, weil ich Annchen schon so ewig lange kenne. Ich würde mich ehrlich für sie freuen, wenn es ihr gelänge, ein Buch zu schreiben.“
Josee und Tom hatten mal wieder eine laute Meinungsverschiedenheit. Jana Härtling lächelte ihren Mann an.
„Wir haben sehr lebhafte Kinder.“ Sie schloss die Tür, und Sören hörte, wie sie zu Josee und Tom sagte: „Wollt ihr euren Streit wohl etwas leiser austragen? Vati hat zu arbeiten!“
Danach war nichts mehr zu hören.
Stille.
„Wir haben nicht nur sehr lebhafte, sondern auch sehr rücksichtsvolle Kinder“, murmelte Dr. Härtling, und ein liebevolles Lächeln umspielte dabei seine Lippen. Er lehnte sich zurück, lockerte den Knoten seiner Krawatte und öffnete den darunter befindlichen Hemdkragenknopf. Dann klappte er die Flügelmappe auf und nahm das Manuskript heraus.
Seite eins. Kapitel eins.
Sören begann zu lesen ...
14
„Wer hätte gedacht, dass wir heute so ein Riesenfass aufmachen würden?“, grinste Tassilo Maier.
„Das Leben ist voller Überraschungen“, stimmte Gotthilf Wiesmath, der neben ihm saß, ihm zu. Er trug stets eine Baskenmütze, weil er, obwohl erst neunundzwanzig, kaum noch Haare auf dem Kopf hatte. Böse Zungen behaupteten, er würde die Mütze sogar im Bett tragen, doch das stimmte nicht, das konnte Nikki Mandrakis bestätigen. Harry hatte bereits einen leichten in der Krone, als ihm eine großartige Idee kam.
„Herhören!“, sagte er.
Gotthilf Wiesmath plapperte irgendetwas, das keinen interessierte.
„Alle mal herhören!“ rief Harry Burg.
Gotthilf plapperte weiter.
„Schnauze!“, rief Harry.
Jetzt erst verstummte Gotthilf Wiesmath.
„Ich hatte da eben einen tollen Einfall“, ließ Harry Burg seine Freunde wissen.
„Hört, hört!“, rief Tassilo Maier - alias Tassilo Mai.
„Ich finde, es wird Zeit, dass wir mal wieder so richtig schön die Sau rauslassen“, tönte Harry.
„Hört, hört!“, rief Tassilo Maier sofort wieder. Diesmal begeistert.
„Eine Party“, sagte Harry. „Bei mir. Morgen. In meinem Atelier. Ihr seid alle eingeladen und könnt mitbringen, wen ihr wollt.“
„Mann, das wird die fetzigste Fete des Jahres!“, jubelte Tassilo.
„‘ne große Sause bei Harry!“, rief Gotthilf Wiesmath entzückt. „Das lasse ich mir nicht entgehend“
Nikki Mandrakis schmiegte sich an Harry Burg.
„Darf ich auch kommen?“
„Wenn ich sage, ihr seid alle eingeladen, gilt das selbstverständlich auch für dich.“
„Ich würde mich sehr über eine Extraeinladung freuen“, säuselte Nikki.
„Okay.“ Harry wandte sich grinsend zu ihr. „Hiermit lade ich dich ganz offiziell und ganz extra und ganz herzlich zu meinem Atelierfest morgen Abend ein.“
„Danke, Harry“, flötete Nikki.
„Gern geschehen.“
„Bringst du mich jetzt nach Hause, Harry?“, fragte Nikki Mandrakis.
Er tätschelte ihre Wange.
„Mach’ ich, Mädchen, mach’ ich.“ Er erhob sich, klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch und sagte zu seinen Freunden: „Ich sehe euch also alle morgen bei mir.“
„Worauf du dich verlassen kannst“, gab Tassilo für alle zurück.
Harry bezahlte die Zeche und verließ mit Nikki das „Boheme“. Obwohl er einiges getrunken hatte, sah er keinen Grund, den Wagen stehen zu lassen und ein Taxi zu nehmen.
„Kannst du noch fahren?“, fragte Nikki, als er den Wagenschlag auf der Beifahrerseite öffnete.
„Ich bin nicht betrunken“, gab er zurück.
„Das nicht, aber ...“
„Wenn ich ’n bisschen was gebechert habe, fahre ich immer ganz besonders konzentriert und deshalb doppelt so sicher wie in nüchternem Zustand“, belehrte er sie.
„Aber wenn die Polizei dich erwischt, bist du deinen Führerschein los.“
Harry lachte unbekümmert.
„Dann fahre ich eben ohne.“
Nikki stieg ein. Sobald er neben ihr saß, schmiegte sie sich an ihn. Sie behinderte ihn ein wenig beim Lenken, doch er sagte nicht, sie solle auf ihrer Seite bleiben, denn ihre Nähe tat ihm gut.
Es gab nichts, was Nikki Mandrakis ihm nicht gegeben hätte, wenn er es hätte haben wollen. Sie kam ihm vor wie eine streunende Katze, die bei jedem schnurrte, der sie streichelte. Nikki war eine Frau, die sehr viel Liebe und Zuneigung gebraucht hätte, aber die Männer, an sie sie immer geriet, gingen mit ihr nur ins Bett, ohne sie zu lieben. Ja, sie achteten sie nicht einmal. Nikki war nicht dumm. Sie wusste, dass es an ihr lag - kein Mann hat Achtung vor einer Frau, die er nicht zu erobern braucht, die er sofort haben kann, die sich ihm aufdrängt, aber sie konnte es nicht ändern. Sie war eben, wie sie war. Jeder Mensch hat Fehler. Ihr Kopf ruhte auf Harrys Schulter. Er fuhr langsam, und er dachte: Wenn Marianne uns jetzt sehen würde, wäre es aus, dann würde sie aus der Beziehungspause ein Beziehungsende machen.
Nikkis Augen waren geschlossen, aber sie schlief nicht. Als Harry seinen zweisitzigen Sportwagen anhielt, machte sie die Augen sofort wieder auf.
„Du bist da“, sagte Harry.
Nikki Mandrakis setzte sich überrascht gerade.
„Als ich dich fragte, ob du mich nach Hause bringst, meinte ich zu dir nach Hause.“
„Das hast du nicht gesagt.“
„Mein Fehler. Aber er lässt sich noch korrigieren.“
Harry schüttelte ernst den Kopf.
„Nein, Nikki.“
„Ist dein Bett noch warm von Mariannes Körper?“, fragte sie leise.
„Ja.“
Sie schmunzelte.
„Mich würde das nicht stören.“
„Gute Nacht, Nikki.“
Sie disponierte rasch um.
„Kommst du noch mit zu mir hoch?“
„Nein.“
„Ich möchte noch nicht allein sein, Harry“, flüsterte sie.
„Dann hättest du noch im ‘Boheme’ bleiben sollen“, gab Harry standhaft zurück. „Wir sehen uns morgen bei mir.“
„Da werde ich dich nicht für mich allein haben“, schmollte sie.
„Ich hoffe, du bist trotzdem dabei“, entgegnete Harry, streckte sich an ihr vorbei und öffnete die Tür.
Sie war ihm nicht böse. Sie wusste, dass er eine harte Nuss war, und sie hatte die Hoffnung noch lange nicht aufgegeben, ihn eines Tages doch noch zu knacken.
15
Nach Sören las Jana das Manuskript, und im Bett redete sie mit Sören dann darüber.
„Was hältst du von den beiden Kapiteln?“, fragte sie ihren Mann.
„Was hältst du davon?“
„Man beantwortet eine Frage nicht mit einer Gegenfrage“, rügte Jana ihn. „Das trichtere ich unseren Kindern seit einer Ewigkeit ein.“
Dr. Härtling schmunzelte. „Mit Erfolg?“
„Bisher noch nicht. Weil ihnen nämlich der eigene Vater mit schlechtem Beispiel vorangeht.“
Sören Härtling sah seine Frau erwartungsvoll an.
„Du wolltest mir sagen, wie dir Schwester Annegrets Arbeit gefallen hat.“
„Wollte ich nicht. Ich habe zuerst gefragt. Also lass mich deine Meinung hören.“
Sören holte tief Luft.
„Ich würde sagen ...“ Er unterbrach sich schon wieder.
„Was?“, fragte Jana, damit er weitersprach.
„Schwester Annegret ist eine ganz hervorragende Pflegerin“, ließ Dr. Härtling eine Lobeshymne vom Stapel. „Es gibt keine bessere. Man sollte sie für irgendeinen besonderen Orden mit viel Gold vorschlagen ...“
Jana ließ sich weder ablenken noch verwirren.
„Aber?“, fragte sie, damit er seine Rede auf den Punkt brachte. Sören wirkte irritiert.
„Wie?“
„Da kommt doch noch ein Aber, oder etwa nicht?“
„Ich schätze Schwester Annegret als Mitarbeiterin sehr. Sie achtet auf meine Gesundheit. Wenn ich bereits zu viel Kaffee getrunken habe, bekomme ich keinen mehr von ihr, da bleibt sie beinhart. Sie weiß auf medizinischem Gebiet oft mehr als so mancher junge Assistenzarzt, kann ganz hervorragend mit Kranken umgehen, ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Kurzum, sie ist ein wahres Juwel und fast so lange in der Paracelsus-Klinik, wie ich alt bin. Ich liebe diese resolute, verantwortungsbewusste, zuverlässige Frau ...“
Jana blieb schmunzelnd am Ball. „Aber?“
„Aber - es tut mir leid, das sagen zu müssen - schreiben kann sie nicht“, rückte Sören Härtling nun endlich mit seinem Urteil heraus. „Oh, grammatikalisch ist alles richtig. Diesbezüglich gibt es an den beiden Kapiteln nichts auszusetzen, aber der Stil ist schwülstig und nicht im Mindesten zielstrebig. Sie verliert sich pausenlos in Nebensächlichkeiten, langweilt den Leser, der ihren Ausführungen nur mit Mühe folgen kann, und hat im Grunde genommen überraschend wenig zu sagen. Sie verwässert die Dinge so sehr, dass sie breiig, zäh und uninteressant werden.“
Jana küsste ihren Mann.
„Und wie fandest du die zwei Kapitel?“, wollte Sören Härtling wissen.
„Wir sind mal wieder einer Meinung“, antwortete Jana.
Sören seufzte.
„Ja, und was nun?“
„Wirst du Schwester Annegret gegenüber das, was du soeben gesagt hast, wiederholen?“
Sören schüttelte den Kopf.
„Nicht mit dieser schmerzlichen Deutlichkeit. Das könnte ich ihr nicht antun.“
„Was wirst du ihr sagen?“, fragte Jana. „Dass die Flügelmappe zwar sehr schön, ihr Inhalt aber nicht zu gebrauchen ist?“
„Ich weiß noch nicht, was ich sagen werde. Ich werde improvisieren. Irgendetwas wird mir schon einfallen. Hoffentlich nimmt sie mein Urteil nicht allzu persönlich. Außerdem - ich kann mich ja auch irren.“
„Aber können wir uns beide irren?“, gab Jana leise zurück.
„Gute Nacht, Schatz“, sagte Sören. Sie küssten sich und löschten ihre Nachttischlampen.
„Schatz.“ Das war noch einmal Sören.
„Ja, Liebling?“
„Ich wollte, ich hätte Annchen nicht so gedrängt, mir das Manuskript zu geben“, sagte Dr. Härtling bedauernd. „Damit hätte ich mir einiges Unangenehme erspart.“
„Wer weiß, wozu es gut ist, dass wir Annchens Werk gelesen haben.“
Sören versuchte ein paar Pluspunkte zusammenzubekommen.
„Sie wird nicht weiter an ihrem Erstlingswerk schreiben, in der Klinik wieder konzentrierter arbeiten und nicht länger das Opfer des Irrglaubens sein, wie ihre Jugendfreundin Jutta Grosse über eine schriftstellerische Begabung zu verfügen.“
„Womit es sich mal wieder beweist, dass kein Schaden ohne Nutzen ist.“
16
„Nikki, Nikki ...“ Harry Burg redete mal wieder mit sich selbst, während er nach Hause fuhr. Der größte Vorteil von Selbstgesprächen ist der, dass die Person, zu der man redet, auf keinen Fall intelligenter ist als man selbst. „O Nikki, du kleines Biest, du wirst wohl nie damit aufhören, hm? Jedes Mal, wenn wir uns begegnen, versuchst du mich herumzukriegen. Warum siehst du nicht endlich ein, dass es dir nicht gelingen wird? Ich kann dich zwar sehr gut leiden, aber ich liebe dich nicht. Ich weiß, das ist dir nicht so wichtig sollte es aber sein. Vielleicht würdest du dann endlich nicht immer bloß Schwarz tragen. Du bist hübsch. Du könntest mit ein bisschen Farbe eine strahlende Schönheit aus dir machen. Warum musst du immer wie eine alte Vogelscheuche herumlaufen? Wen versuchst du damit abzuschrecken? All die netten Männer, die dich auf Händen tragen würden, wenn sie wüssten, wie toll du ohne diese schwarze Maskerade aussiehst?“
Zu Hause angekommen, nahm Harry eine Bierdose aus dem Kühlschrank und riss sie auf. Wenn er ein bestimmtes Quantum getrunken hatte, konnte er nur schwer ein Ende finden. Er trank und hörte sich dabei an, was sich auf dem Anrufbeantworter befand.
Seine Mutter: „Ich möchte in vierzehn Tagen nach Rom fahren. Hättest du Lust, mich zu begleiten?“
Sein Vater: „Ich rufe aus der Paracelsus-Klinik an, habe soeben eine schwierige Magenresektion beendet. Deine Mutter möchte in vier oder fünf Wochen - ich hab’ ehrlich gesagt nicht so genau zugehört - nach Rom fahren. Vielleicht könntest du es einrichten, sie zu begleiten. Mir wäre das sehr recht. Schau mal wieder bei uns rein! Also bis demnächst mal. Ich liebe dich.“
Nikki Mandrakis: „Hast mich elegant abgeschoben, das muss ich schon sagen, aber so schnell werfe ich das Gewehr nicht ins Getreide. Morgen ist auch noch ein Tag. Und übermorgen. Und überübermorgen. Und die ganze Zeit, die deine Beziehungspause dauert.“
Weitere Anrufe waren nicht auf dem Band. Marianne Rath hatte nicht versucht, ihn zu erreichen. Oder hatte sie - und nur keine Nachricht hinterlassen?
17
Der Trubel und die Hektik endeten, sobald die Kinder aus dem Haus waren.
„Heute Mittag gibt es einen leckeren Kaninchen-Schalotten-Topf, Herr Doktor“, kündigte Ottilie an.
„Hört sich verlockend an“, sagte Sören Härtling.
„Und was halten Sie von einer Preiselbeer-Biskuit-Rolle zum Nachtisch?“, fragte die Wirtschafterin.
„Sie verwöhnen uns mal wieder, Ottilie.“
Jana schmunzelte.
„Die gute Ottilie macht es uns nicht leicht, schlank zu bleiben“, sagte sie.
„Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen“, erwiderte die Haushälterin mit wichtiger Miene.
„Ich muss in die Klinik“, erklärte Sören bedauernd.
Jana brachte ihm seinen Aktenkoffer, in dem sich Schwester Annegrets schriftstellerischer Fehlschlag befand.
„Weißt du schon, wie du es Annegret beibringen wirst?“, fragte sie.
Sören schüttelte den Kopf.
„Ich habe mir ein paar Varianten zurechtgelegt. Für welche ich mich entscheiden werde, weiß ich noch nicht.“
Jana gab ihm einen Kuss auf den Mund.
„Wir sehen uns zu Mittag!“
„Einen schönen Vormittag, Herr Doktor“, wünschte die Wirtschafterin dem Chefarzt.
„Danke, Ottilie“, gab Sören zurück.
„Arbeiten Sie nicht zu viel!“
„Sie auch nicht“, lächelte Dr. Härtling und verließ die Villa.
Die Paracelsus-Klinik befand sich nur wenige Autominuten davon entfernt. Moni Wolfram wünschte ihm einen wunderschönen guten Morgen. Ihr Mann, Dr. Michael Wolfram, einer der jungen Assistenzärzte, schien in der vergangenen Nacht besonders nett zu ihr gewesen zu sein.
Sören holte die Flügelmappe aus seinem Aktenkoffer und schloss sie wieder in der Schreibtischschublade ein. Top secret! For your eyes only! Amüsiert dachte der Leiter der Paracelsus-Klinik an James Bond, 007, den Agenten Ihrer Majestät.
Es dauerte nicht lange, bis Schwester Annegret um eine kurze „Audienz“ bat. Als sie Dr. Härtling gegenübersaß, war sie unsicher und nervös.
„Haben Sie mein Manuskript gelesen, Chef?“, fragte sie zaghaft.
Sören nickte. „Mit großem Interesse.“
„Und - wie hat es Ihnen gefallen?“
Plötzlich passten alle Varianten nicht, die Sören Härtling sich zurechtgelegt hatte, und er suchte krampfhaft nach Worten, die die Wahrheit nicht verschwiegen, der Schwester aber nicht wehtaten.
„Nun ... Also ...“ Er räusperte sich. „Ich meine ...“ Räuspern. „Ich denke ...“
„Danke, Chef, das genügt mir“, sagte die alte Pflegerin.
„Annchen, ich ...“
Die Pflegerin hob die Hand.
„Schon gut, ich weiß Bescheid.“
„Ich habe ja noch gar nichts gesagt.“
Annegret nickte. „Eben.“
„Grammatikalisch ist an Ihrem Manuskript nichts auszusetzen“, bemühte sich Sören Härtling, etwas Positives zu sagen.
„Es ist Mist“, erklärte die alte Annegret nüchtern.
„Das würde ich nicht sagen“, widersprach Sören Härtling - mehr höflichkeitshalber.
„Es gehört auf den Müll“, sagte die alte Pflegerin streng.
„Man muss es nicht gleich auf den Müll werfen.“
„Es taugt nichts“, ging Schwester Annegret gnadenlos mit ihrem Werk ins Gericht. „Geben Sie es mir! Ich werde es entsorgen.“
„Seien Sie doch nicht so schrecklich radikal, Annchen!“
„Ich bin - das darf ich wohl von mir behaupten - eine gute Krankenschwester, aber Bücher schreiben kann ich nicht, also werde ich in Zukunft die Finger davon lassen und mich wieder ausschließlich auf das konzentrieren, was mir liegt. Das Schreiben war für mich ohnedies viel zu mühsam. Richtige Knochenarbeit war das. Wenn dabei wenigstens etwas Vernünftiges herausgekommen wäre ... Aber nein, es hat mir ja nicht einmal selbst gefallen. Wie sollte es da jemand anders interessieren? Jetzt weiß ich erst Jutta Grosses Leistung richtig zu schätzen. Ein Buch zu schreiben - das kann eben doch nicht jeder.“ Ein dünnes Lächeln zuckte um ihre Lippen. „Darf ich mein Manuskript nun wiederhaben, Chef?“
Sören Härtling schloss die Schreibtischlade auf, nahm die Flügelmappe heraus und legte sie vor die grauhaarige Pflegerin hin.
„Tut mir leid, Annchen.“
Die Schwester schüttelte den Kopf.
„Es braucht Ihnen nicht leidzutun. Ich bin nicht frustriert. Ich bin froh, dass diese Spinnerei ein Ende hat. Sie hat mich ohnedies zu sehr von meiner Arbeit hier in der Klinik abgelenkt. Dazu wird es mit Sicherheit nicht mehr kommen, das kann ich Ihnen heute garantieren.“ Sie nahm das Manuskript an sich, stand auf und sagte: „Entschuldigen Sie mich, Chef. Ich habe zu tun.“ Sie ging zur Tür.
„Annchen!“
Sie drehte sich, fast schon bei der Tür, um.
„Ja, Herr Doktor?“
„Meine Frau hat die beiden Kapitel auch gelesen.“ Sören konnte das nicht für sich behalten. Es wäre ihm unehrlich vorgekommen. Die Pflegerin nickte. Es schien ihr nichts auszumachen.
„Damit habe ich gerechnet“, sagte sie gleichgültig. „Ich nehme an, ihr hat mein schriftstellerischer Erguss genauso wenig gefallen wie Ihnen.“
„Ich hoffe, Sie sehen es nicht als Vertrauensbruch an ...“
„Sie und Ihre Frau sind für mich eine homogene Einheit“, erklärte Schwester Annegret. „Sie gehören zusammen. Man kann Sie nicht voneinander trennen. Ich finde das wunderbar. Wären nur alle Ehen so wie Ihre, dann gäbe es viel weniger familiäre Probleme auf der Welt.“
„Danke, Annchen“, sagte Sören.
„Ich habe zu danken“, gab die Krankenschwester zurück und ging hinaus.
18
Die Sause bei Harry Burg hatte es in sich und ließ keine Wünsche offen. Das Atelier drohte aus allen Nähten zu platzen. Obwohl es groß war, vermochte es die vielen mehr oder weniger erfolglosen Künstler, die gekommen waren, um auf Harrys Kosten zu feiern, kaum zu fassen. Menschen. Menschen. Überall waren Menschen: in der Küche, im Bad, auf der Toilette ... Sie hatten alle mit der Kunst zu tun, ohne von ihr leben zu können. Und sie hielten sich alle für verkannte Genies, die von der hartnäckigen Hoffnung aufrecht gehalten wurden, dass ihnen eines Tages - vielleicht schon morgen - der große Durchbruch gelingen würde. Dann würden sie Geld haben, reich sein, sich alles leisten können, glücklich sein, nicht mehr von der Hand in den Mund leben müssen.
Sie standen, saßen, hockten, lagen herum, unterhielten sich, hörten der lauten Musik zu, tanzten miteinander, tauschten vor den anderen ungeniert Zärtlichkeiten aus. Obwohl es ihnen finanziell nicht rosig ging, waren sie stolz darauf, anders zu sein als die breite Masse. Es gab ihnen viel, dass man sie nicht mit normalen Maßstäben messen konnte, und sie trugen eifrig dazu bei, dass sich daran auch in Zukunft nichts änderte, denn sie hassten nichts so sehr wie den grauen Einheitsbrei, der den Alltag der meisten Menschen bestimmte.
Nikki Mandrakis hing schon den ganzen Abend wie eine Klette an Harry. Erstens, weil sie es genoss, in seiner Nähe zu sein, und zweitens, weil sie nicht wollte, dass sich irgendein anderes Mädchen an ihn heranmachte. Wohin er auch ging, er musste sie mitschleppen. Nach etlichen Drinks machte ihm das nichts mehr aus, da nahm er sie dann kaum noch wahr.
Er hatte sich schon lange nicht mehr so gut amüsiert. Er war ausgelassen, übermütig und - betrunken. Und er gab an allem Marianne Rath die Schuld. Einer ließ in der Küche ein Glas fallen,
es zerbrach - Mariannes Schuld. Ein anderer stieß eine Bodenvase um, sie ging zu Bruch - Mariannes Schuld. Ein Mädchen übergab sich in die Badewanne - auch Mariannes Schuld ... Denn wenn Marianne sich nicht von ihm getrennt hätte, hätte es diese exzessive Party nie gegeben.
Harry zog - mit Nikki Mandrakis am Hals - seine Kreise. Man schmeichelte ihm, bewunderte und beneidete ihn, und keiner der Anwesenden hätte Mariannes unsinnige Forderung verstehen können. Harry ließ den Blick schweifen. Das war seine Welt - und Marianne passte hier nicht herein. Sie wäre für alle ein Fremdkörper gewesen, wäre von allen gemieden, abgelehnt worden.
Gotthilf Wiesmath schielte glücklich.
„Traumhafte Fete, Harry!“
„Amüsierst du dich gut?“
„Ich habe mich schon lange nicht mehr so wohlgefühlt“, behauptete Gotthilf.
Das Mädchen neben ihm kicherte und sagte zu Harry: „Ich fühle mich sauwohl. Fühlst du Sau dich auch wohl?“ Sie kicherte wieder. „War ein Scherz. Nichts für ungut, Harrylein.“
Die Musik dröhnte so laut, dass man sie in ganz München hören musste, und so blieb es nicht aus, dass die Mieter im Haus, die sich in ihrer Nachtruhe erheblich gestört fühlten, die Polizei anriefen. Die Polizisten wurden mit frenetischem Jubelgeschrei empfangen. Man bot ihnen etwas zu trinken an, forderte sie auf, mitzumachen. Ein Mädchen wollte sich die Mütze eines der beiden Beamten aufsetzen. Sie griff danach, und der Mann, der keinen Spass verstand, herrschte sie an: „Lassen Sie das gefälligst!“
Als der betrunkene Tassilo Maier das Wort „Beschwerde“ aufschnappte, wurde er unangenehm. „Wer hat sich beschwert?“, wollte er mit schwerer Zunge wissen. „Verdammt, wir feiern hier ein harmloses Fest!“
„Es ist zu laut“, sagten die Beamten.
„Zu laut?“, ärgerte sich Tassilo. „Gotthilf, dreh mal volle Pulle auf, damit die Herren Bullen hören, was wirklich laut ist!“
Gotthilf Wiesmath gehorchte sofort. Es dröhnte gewaltig aus den Boxen.
„Das ist laut!“, brüllte Tassilo grinsend.
Die Beamten fühlten sich provoziert. Sie verlangten, dass der Lärm augenblicklich abgestellt wurde.
„Und wonach tanzen wir dann?“, fragte Tassilo Maier respektlos. „Soll vielleicht einer von uns auf dem Kamm blasen?“
„Werden Sie nicht frech!“
„Wer ist denn hier frech?“, gab Tassilo gereizt zurück.
„Wem gehört diese Wohnung?“
„Sie gehört uns allen“, tönte Tassilo Maier. „Wir haben sie besetzt.“ Einigen gefiel es, wie er mit den Beamten redete. Sie stellten sich hinter ihn.
„Wenn dieser Krach nicht sofort aufhört, gibt es eine dicke Anzeige wegen nächtlicher Ruhestörung.“
„Und wir verklagen Sie wegen Hausfriedensbruchs“, konterte Tassilo grinsend.
„Wie ist Ihr Name?“
„Dreimal dürfen Sie raten.“ Die Freunde in seinem Rücken machten Tassilo stark.
„Sie kommen mit uns.“
„Ich denke nicht daran“, sagte Tassilo bockig. „Ich gehe erst, wenn diese Party zu Ende ist.“
„Sie ist zu Ende.“
„Wer sagt das?“, wollte Tassilo Maier wissen. Er maß die Beamten despektierlich. „Ihr zwei Witzfiguren etwa?“
Die Sache uferte aus. Es kam zu Handgreiflichkeiten.
„Schert euch zum Teufel!“, schrie Tassilo.
Man warf die Polizisten hinaus und stimmte ein schadenfrohes Siegesgeheul an.
„Denen haben wir es gezeigt!“, rief Tassilo Maier begeistert. „Die sind wir los, Freunde! Die Party kann weitergehen!“
Aber das war ein Irrtum. Die Beamten zogen sich nur zurück, um Verstärkung anzufordern, und als diese eintraf, kamen sie wieder und griffen hart durch.
19
Dr. Thorsten Burg saß in seinem holzgetäfelten Arbeitszimmer am Schreibtisch. Er rieb sich die brennenden Augen und warf einen Blick auf die in Leder gefasste Uhr. Fünf nach eins. Ein Geräusch veranlasste ihn, den Kopf zu heben. Seine Frau trat in das Streulicht der Schreibtischlampe. Sie trug einen Morgenrock aus roter Shantung-Seide.
„Du arbeitest noch?“, fragte sie.
„Ja, ich muss mir die Befunde eines Patienten ansehen, der morgen unters Messer kommt“, antwortete der Chirurg. „Wieso bist du auf? Kannst du nicht schlafen?“
„Ich hatte Durst. Ich hab’ was getrunken“, sagte Bernadette Burg.
„Geh’ wieder zu Bett!“
„Und wann kommst du?“
„Bald“, antwortete Dr. Burg.
„Thorsten ...“
„Ja, Bernadette?“ Er sah sie an.
„Hat es einen Sinn, dich zu fragen, ob du es irgendwie einrichten kannst, mich nach Rom zu begleiten?“
Er lächelte gequält.
„Mein Terminkalender ist gesteckt voll. Tut mir leid. Aber ich denke, Harry wird mit dir nach Rom fahren. Ich habe ihn darum gebeten, musste meine Bitte allerdings auf Band sprechen, weil er nicht zu Hause war. Seine Antwort steht noch aus.“
„Ich würde lieber mit dir ...“
„Das ist leider nicht möglich“, erwiderte Dr. Burg nüchtern. „Und nun geh zu Bett und lass mich arbeiten!“ Bernadette ließ ihren Mann allein. Er war zwanzig Minuten später mit der Durchsicht der Befunde fertig und wusste nun, dass er sich auf eine schwierige Operation gefasst machen musste, denn die Bedingungen, unter denen dieser unaufschiebbare Eingriff vorgenommen werden musste, waren alles andere als beruhigend. Komplikationen konnten nicht ausgeschlossen werden.
Dr. Burg erhob sich seufzend. Er würde, wie immer, sein Bestes geben und konnte nur hoffen, dass es reichte. Er löschte das Licht und verließ das Arbeitszimmer. Er ging mit schweren, müden Beinen. Im Arbeitszimmer läutete das Telefon. Dr. Burg blieb stehen. Wer mochte das sein? Ein Patient?
Krankheiten nehmen auf Patienten und Patienten auf Ärzte keine Rücksicht. Dr. Burg kehrte um. Er nahm den Hörer ab und meldete sich mit matter Stimme.
„Vater, hier ist Harry!“
„Harry, Junge, was ist los?“ Die Müdigkeit war wie weggeblasen.
„Ich ... Es tut mir leid, dass ich dich um diese Zeit belästigen muss. Du hast sicher schon geschlafen.“
„Nein“, antwortete Dr. Burg. „Ich wollte soeben zu Bett gehen. Was gibt es? Deine Stimme klingt so merkwürdig.“
„Ich brauche deine Hilfe.“
Thorsten Burg erschrak.
„Was ist passiert?“
„Ich stecke in Schwierigkeiten.“
„Was ist denn passiert?“, fragte der Chirurg mit größerem Nachdruck.
„Das sage ich dir, wenn du hier bist. Kannst du sofort kommen?“
„Natürlich“, gab Dr. Burg zurück. „In dein Atelier?“
„Nein.“
„Wo bist du?“, fragte der Chirurg irritiert.
„Auf dem Polizeirevier.“ Harry nannte die Adresse.
Thorsten Burg wollte das Haus verlassen, ohne seiner Frau zu sagen, wohin er fuhr, aber irgendwie war das eine Nacht, in der Bernadette nicht zur Ruhe kam. Als hätte sie eine Ahnung, dass etwas sehr Unangenehmes geschehen würde. Als Dr. Burg nach den Wagenschlüsseln griff, stand sie plötzlich wieder vor ihm.
„Wohin fährst du?“
„Zu Harry.“
„Mitten in der Nacht?“
„Er braucht mich“, antwortete der Chirurg.
Bernadettes Augen weiteten sich.
„Wieso braucht er dich?“, fragte sie besorgt.
Dr. Burg zuckte die Schultern.
„Ich weiß es nicht so genau. Er scheint in eine unangenehme Sache verwickelt zu sein.“ Er hatte seine Frau noch nie belogen, und er tat es auch diesmal nicht. Als Bernadette erfuhr, dass sich ihr Sohn auf dem Polizeirevier befand, wurde sie blasser.
„Ich komme mit dir!“
„Nein, Bernadette...“
„Ich zieh’ mich nur schnell an. Dauert nur eine Minute.“
„Du bleibst hier!“, entschied Dr. Burg und ging.
20
„Junge ... Harry ... Junge ...“ Dr. Burg schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.
„Tut mir leid, Vater.“ Harry war ganz klein.
Der Arzt hatte erreicht, dass er mit seinem Sohn allein reden konnte. Sie befanden sich in einem kleinen, spartanisch eingerichteten Raum. Ein Tisch, zwei Stühle - das war das ganze Mobiliar.
„Warum tust du mir das an?“, fragte Dr. Burg deprimiert. „Hast du nicht immer alles von mir bekommen?“
„Ja“, antwortete Harry Burg zerknirscht.
„Hat es dir jemals an irgendetwas gemangelt?“
„Nein“, musste Harry zugeben.
„Du hast Talent. Ich glaube an dich als Künstler. Ich bin davon überzeugt, dass du mit deinen Bildern eines Tages ankommen wirst, deshalb ermögliche ich dir ein sorgenfreies Leben. Deshalb habe ich dieses Atelier für dich gekauft. Ich wollte für deine künstlerische Arbeit die allerbesten Voraussetzung schaffen. Es war mir egal, wie viele Bilder du in welcher Zeit malst. Ich sagte mir: Wenn er erst mal Erfolg hat, wird ihn das motivieren. Er wird anfangen, mehr zu malen und wird der Welt viele wunderbare Werke schenken. Und wir werden stolz sein auf unseren begabten Sohn. Du hattest jede Freiheit, standest niemals unter Leistungsdruck. Was immer dein Leben gekostet hat, ich bin dafür aufgekommen.“
Harry sah seinen Vater unglücklich an. In seinen Augen glänzten Tränen.
„Ich bedauere zutiefst, dass ich dir solchen Kummer mache, Vater. Ich kann mir vorstellen, wie dir jetzt zumute ist. Mich hier sitzen zu sehen ... Deinen Sohn ... Deine Hoffnung ... Deinen Stolz ...“
„Ach, Harry ...“ Jetzt hatte auch Dr. Burg Tränen in den Augen. „Was habe ich falsch gemacht?“
„Nichts, Vater.“
Der Chirurg sah seinen Sohn unendlich traurig an.
„Ich begreife nicht, wie du so abrutschen konntest.“
„Ich bin nicht abgerutscht. Ich wollte bloß ein bisschen Spass haben. Ich habe lediglich eine Party für meine Freunde gegeben. Die Spießer im Haus haben sich wegen des Lärms bei der Polizei beschwert, und nun sitze ich hier fest.“ Dr. Burg schwieg. „Bitte hol mich hier raus, Vater.“
„Das kann ich nicht, Harry.“
„Ich will hier nicht bleiben. Ich hasse es, eingesperrt zu sein.“
„Daran hättest du früher denken sollen“, sagte der Chirurg sehr ernst.
„Herrgott, die Sache ist außer Kontrolle geraten, das kann doch mal vorkommen. Ich hatte keine Möglichkeit, Tassilo Maier zum Schweigen zu bringen. Er hat uns das alles eingebrockt. Ich habe nichts getan. Ich bin unschuldig. Wenn du das den Beamten sagst, lassen sie mich gehen.“
Dr. Burg verlor die Beherrschung. Er sprang auf und schrie: „Man hat Kokain in deiner Wohnung gefunden!“
„Es gehört mir nicht.“
„Wirklich nicht?“, fragte Thorsten Burg. Er hatte bisher noch nie an den Worten seines Sohnes gezweifelt, und es schmerzte ihn, dass es ihm diesmal so schwerfiel, Harry zu glauben. Er spürte, dass ihm diese ganze Aufregung nicht guttat. Sein Herz klopfte wild, und eine Hitzewelle nach der ändern schoss ihm in den Kopf.
„Nein“, beteuerte Harry. „Glaubst du mir etwa nicht?“
„Schlucken Künstler nicht alles mögliche Zeug, um ihr Bewusstsein zu erweitern und ihre Kreativität zu steigern?“
„Ich habe noch nie Rauschgift genommen“ , erwiderte Harry heiser. „Welche Kreativität sollte ich denn steigern? Ich male ja kaum.“ Er sah Dr. Burg flehend an. „Du musst mir glauben, Vater, ich bin sauber. Ich habe noch nie irgendwelche Drogen besessen. Der Typ, dem der Koks gehörte, muss ihn schnell weggeworfen haben, bevor die Polizei ihn kassierte.“
Thorsten Burg hob ohne große Hoffnung die Schultern.
„Ich fürchte, ich werde die Polizei davon nicht überzeugen können.“
„Bitte versuche es, Vater.“
Dr. Burg versuchte es - und es gelang ihm nicht. Harry musste auf dem Revier bleiben.
21
Es läutete an der Haustür. Die Familie Härtling saß vollzählig am Frühstückstisch. Ottilie sah nach, wer draußen war. Es war - Dr. Thorsten Burg. Die Wirtschafterin ließ ihn ein und holte den Hausherrn. Sören sah den Kollegen überrascht und besorgt an.
„Thorsten.“
„Guten Morgen, Sören, bitte entschuldigen Sie die Störung ...“
Sören hatte den Eindruck, dass der Kollege in der vergangenen Nacht nicht im Bett gewesen war. Wie lange wollte Dr. Burg diesen unverantwortlichen Raubbau an der eigenen Gesundheit noch fortsetzen? Wann würde der Chirurg für seine Patienten zur echten Gefahr werden?
„Mein Gott, Thorsten, Sie sehen schrecklich aus! Total übermüdet.“
„Ich habe eine schlaflose Nacht hinter mir“, ächzte Dr. Burg.
„Sie bringen sich noch um. Wie kann ein intelligenter Mensch wie Sie nur so entsetzlich unvernünftig sein?“
„Ich brauche Hilfe, Sören. Mein Sohn sitzt auf dem Polizeirevier.“
„Was hat er angestellt?“
Der Chirurg schüttelte den Kopf.
„Nichts.“
„Man wird nicht grundlos von der Polizei festgehalten, Thorsten.“
Dr. Burg erzählte offen, was sich zugetragen hatte. Jana gesellte sich zu ihnen. Thorsten Burg unterbrach sich kurz, um sie zu begrüßen, dann redete er mit einer Stimme, die sich sehr fremd anhörte, weiter. Und schließlich sagte er: „Ich ertrage es nicht, dass man meinen Sohn auf diesem Revier festhält. Sie haben doch einen Schwager, der Rechtsanwalt ist. Glauben Sie, dass der uns helfen kann?“
„Am besten fragen wir ihn“, sagte Sören Härtling. „Kommen Sie, wir fahren zu ihm!“ Er rief einen Gruß ins Wohnzimmer. Seine Kinder antworteten vierstimmig. Von Jana verabschiedete er sich mit einem Kuss, und wenige Minuten später waren sie zu Dr. Axel Lassow unterwegs. „Um diese Zeit müsste er noch zu Hause anzutreffen sein“, bemerkte Dr. Härtling.
Sören Lassow, Dr. Härtlings Neffe, trat gerade aus dem Haus, als sie vorfuhren.
„Ist dein Vater noch da?“, fragte der Chefarzt.
„Ja. Er hat erst in zwei Stunden einen Gerichtstermin.“
„Das trifft sich gut“, sagte Dr. Härtling, der nicht nur Sören Lassows Onkel, sondern auch dessen Pate war. Deshalb hatten sie denselben Vornamen.
Dr. Härtlings Neffe tippte sich grüßend an die Stirn und stieg in seinen Wagen. Der Chefarzt der Paracelsus-Klinik und Dr. Burg betraten das Lassowsche Haus. Trix Lassow war erfreut, ihren Bruder zu sehen.
„Sören, was führt dich zu uns?“ Sie umarmte ihn und musterte dann Dr. Burg neugierig.
Dr. Härtling erzählte ihr mit wenigen Worten, worum es ging.
„Axel ist in seinem Arbeitszimmer“, sagte die hübsche Trix.
Sören Härtling und Thorsten Burg begaben sich zu Axel Lassow. Der Rechtsanwalt hörte sich Dr. Burgs Geschichte an und schlug dann vor, sofort zum Polizeirevier zu fahren. Eine halbe Stunde später war Harry Burg frei. Das war jedoch nicht so sehr Dr. Lassows Verhandlungsgeschick zu verdanken als vielmehr der Tatsache, dass die Polizeibeamten inzwischen den Mann gefunden hatten, der sich bei ihrem Eintreffen ganz schnell des Rauschgifts entledigt hatte.
„Diese Nacht auf dem Revier werde ich nie vergessen“, ächzte Harry Burg. Er bedankte sich bei seinem Vater, bei Dr. Härtling und bei Dr. Lassow für ihre prompte Hilfe und sagte, jetzt müsse er heim und erst mal richtig ausschlafen.
Für Dr. Burg war Ausruhen nicht drin, denn er konnte und wollte die angesetzten OP-Termine nicht absagen. Übernächtigt würde er am Operationstisch stehen und wie immer pflichtbewusst seine Arbeit tun.
Harry sollte sich an seinem fleißigen Vater ein Beispiel nehmen, dachte Sören Härtling, und plötzlich sagte er sich, dass er sich an einer möglicherweise bevorstehenden Katastrophe mitschuldig machte, wenn er nicht mit all der ihm zur Verfügung stehenden Energie versuchte, die Familie Burg dazu zu bringen, einen neuen, vernünftigeren Weg einzuschlagen.
Man trennte sich. Harry Burg fuhr nach Hause. Thorsten Burg fuhr zur Paracelsus-Klinik. Axel Lassow fuhr zum Gericht. Und Sören Härtling fuhr zu Bernadette Burg ...
Er erzählte ihr erst einmal, dass ihr Sohn wieder auf freiem Fuß war, und dann begann er über Thorsten zu sprechen.
„Was er sich zumutet, ist zu viel“, sagte Dr. Härtling besorgt.
„Was glauben Sie, wie oft ich ihm das schon gesagt habe?“ Bernadette Burg atmete schwer aus. „Er behauptet, er könne ohne Arbeit nicht sein.“
„Lieben Sie Ihren Mann, Bernadette?“, fragte Sören Härtling.
„Ja. Aber es ist nicht leicht, jemanden zu lieben, der die meiste Zeit nur auf einem Foto zu Hause ist.“
„Hätten Sie Thorsten gern öfter daheim?“
„Selbstverständlich, aber er erklärt mir immer, dass das nicht möglich sei, weil sein Beruf es nicht zulasse.“
„Thorsten ist ein exzellenter Arzt“, sagte Dr. Härtling, „aber wenn er weiterhin jeden Tag bis zur totalen Erschöpfung arbeitet, wird er eines Tages einen verhängnisvollen Fehler machen.“
„Sie meinen, er könnte einem Patienten in übermüdetem Zustand schaden?“
Sören nickte.
„Dazu muss es irgendwann mal kommen. Es ist ein Wunder, dass noch nichts passiert ist.“ Er sah die attraktive Frau ernst an. „Bernadette, es muss endlich etwas geschehen.“
„Denken Sie, das weiß ich nicht?“
„Ihr Mann arbeitet sich zu Tode“, sagte Sören gepresst.
Bernadette Burg rutschte unruhig hin und her. Sie saßen einander in Sesseln gegenüber, die Bernadette in Paris gekauft hatte.
„Wieso sehen Sie mich so vorwurfsvoll an?“, sagte sie unangenehm berührt.
„Weil er sich für Sie umbringt“, erklärte Dr. Härtling hart.
„Für mich?“
„Und für Harry“, sagte Sören. „Für seine Familie.“ Er beugte sich etwas vor. „Es ist durchaus zu begrüßen, wenn ein Mann dafür sorgt, dass es seiner Familie gutgeht, aber Thorsten übertreibt es. Und Sie und Harry übertreiben es auch. Bitte verzeihen Sie mir meine Offenheit, aber ich dramatisiere die Sache nicht, wenn ich sage, dass das Leben Ihres Mannes auf dem Spiel steht. Als ich ihn heute Morgen gesehen habe, dachte ich: Der Mann steht knapp vor einem schlimmen Kollaps. Es ist mir unbegreiflich, woher er die Kraft nimmt, immer noch einen weiteren Tag zu überstehen.“
Es zuckte nervös in Bernadette Burgs Gesicht.
„Müssen Sie diesen aufwendigen Lebensstil beibehalten, Bernadette?“, fragte Dr. Härtling eindringlich. „Müssen Sie Ihre Garderobe bei Modeschöpfern in Rom, in Paris, in New York und weiß Gott noch wo kaufen? Finden Sie hier bei uns nichts, das Ihnen gefällt? Sie sind eine schöne Frau. Ihnen würden auch preiswertere Modelle hervorragend stehen.“ Sie wollte etwas erwidern. Sören hob die Hand. „Sagen Sie jetzt nicht, Geld ist dazu da, um ausgegeben zu werden. Wenn Sie nicht so viel davon verschwenden würden, brauchte sich Thorsten nicht so sehr anstrengen, dafür zu sorgen, dass immer welches nachkommt.“
Bernadette stand auf und ging zur Terrassentür. Sie schaute in den Garten und sagte mit belegter Stimme: „Ich fürchte, Sie verkennen mich, Sören. Ich bin nicht als verwöhnte Modepuppe in diese Ehe gegangen. Ich hatte zu Geld eine ebenso vernünftige Einstellung wie zum Beispiel Ihre Frau. Es war immer wieder Thorsten, der sagte: ‘Kauf dir, was immer dein Herz begehrt! Mach dir eine Freude, wenn dir danach ist! Schau nicht aufs Geld, es ist genug da!’ Anfangs widerstrebte es mir, unser Geld mit vollen Händen auszugeben, aber wenn man immer wieder dazu gedrängt wird, und wenn man so viel Zeit allein verbringen muss wie ich, wächst man allmählich in dieses Verschwenderleben hinein und findet irgendwann nichts mehr dabei, aus dem Vollen zu schöpfen und sich jeden Wunsch, selbst den teuersten, ohne Gewissensbisse zu erfüllen. Man wird ja nie gerügt. Niemand sagt: ‘Jetzt reicht es aber. Diesmal hast du den Bogen überspannt. Überlege dir beim nächsten Mal, ob es eine preiswertere Anschaffung nicht auch tut!’ Irgendwann ist einem nur das Beste gerade noch gut genug.“ Sie drehte sich langsam um. Ihre Augen schwammen in Tränen.
„Was meinen Sie, Bernadette, wäre es wohl möglich, dass Sie Ihre Ansprüche Ihrem Mann zuliebe etwas zurückschrauben?“, fragte Dr. Härtling. „Wenn er nicht mehr so viel Geld zu verdienen braucht, braucht er nicht mehr so viel zu arbeiten, und wenn er nicht mehr so viel zu arbeiten braucht, hat er zwangsläufig mehr Zeit für Sie. Ganz abgesehen davon, dass weniger Stress seiner Gesundheit sehr zuträglich wäre.“
„Da Thorsten sich so wenig um mich kümmern konnte, habe ich versucht, mir mein Leben auf eine andere Weise so angenehm wie möglich zu gestalten.“
„Hat es Sie glücklich gemacht?“, fragte Sören Härtling.
„Nein.“ Bernadette kam zurück und setzte sich wieder. „Ich hätte lieber mehr von meinem Mann gehabt.“
„Wenn er heute Abend nach Hause kommt, reden Sie mit ihm. Sagen Sie ihm klipp und klar, dass Sie nie sein Geld, sondern immer nur ihn haben wollten! Erklären Sie ihm, dass dieser ganze Kaufrausch lediglich eine Ersatzhandlung war, mit der Sie Ihrer auf gezwungenen Einsamkeit beizukommen versuchten!“
„Glauben Sie, dass ich ihn damit veranlassen kann, einen Gang zurückzuschalten? Er hat sich selbst eine Tretmühle geschaffen, aus der er nicht mehr herauskommt.“
„Nicht allein“, sagte Dr. Härtling. „Aber mit Ihrer Hilfe wird es ihm gelingen.“
Pulsuz fraqment bitdi.