Kitabı oxu: «Für das Herz und die große Liebe: Arztroman Sammelband 5 Romane»

Şrift:

A.F.Morland, Glenn Stirling

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Inhaltsverzeichnis

  Liebe auf der Station - 4 Arztromane: Liebe und Schicksal Großband 9/2021

  Copyright

  Übermut tut selten gut

  Dr. Kayser und die Sonnenkinder

  Dr. Kayser - meine einzige Hoffnung

  Liebe auf der Intensivstation

Liebe auf der Station - 4 Arztromane: Liebe und Schicksal Großband 9/2021
A.F.Morland, Glenn Stirling

Dieser Band enthält folgende Arztromane:

Übermut tut selten gut (A.F.Morland)

Dr. Kayser und die Sonnenkinder (A.F.Morland)

Dr. Kayser - meine einzige Hoffnung (A.F.Morland)

Intensivstation für die Liebe (Glenn Stirling)

Biggi Pirnau verlässt die Familie, um sich dem Guru Zacharias Studt anzuschließen. Ihre Mutter bittet Dr. Kayser um Hilfe, doch es ist nicht so einfach für den Arzt, die junge Frau überhaupt erst aufzuspüren. Und dann weigert sie sich standhaft, ihren „Messias“ zu verlassen. Ein besonders schwerer Fall für Dr. Kayser.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Übermut tut selten gut

Neues aus der Wiesenhain-Klinik

Arzt-Roman von A. F. Morland

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Kerstin Peschel nach einem Motiv von Pixabay, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen im Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Klappentext:

Lisa und Julian Krautmann freuen sich seit Tagen auf die ausgedehnte Wanderung, die sie mit ihren Freunden unternehmen wollen. Ihr Ziel ist das Watzmann-Massiv, und alle sind frohen Mutes sowie bestens ausgerüstet. Doch es dauert nicht lange, da beschleicht Lisa eine bange Ahnung: Sandra, ein bezaubernd schönes Mädchen, will ganz offensichtlich dem überaus sportlichen Karsten imponieren. Statt mit dem Großteil der Clique auf bequemen Wanderwegen die Natur zu genießen, schließt sie sich einigen Jungs an, die eine steile Wand bezwingen wollen. Alle Warnungen schlägt Sandra in den Wind – eine Haltung, die sie keine vierundzwanzig Stunden später bitter bereuen wird, denn es kommt für das untrainierte Mädchen zur nahezu unvermeidlichen Katastrophe, die sie in der Wiesenhain-Klinik erwachen lässt …

***

1. Kapitel

„Hervorragend“, sagte Dr. Florian Krautmann. Er betrachtete sein bezauberndes Gegenüber und rieb sich zufrieden die Hände. „Ich denke, wir können mit dem Ergebnis zufrieden sein.“

„Das bin ich, Herr Doktor“, nickte die junge Patientin. „Sehr sogar.“

Sandra Falkenberg war mit Akneproblemen zu Florian Krautmann in die Wiesenhain-Klinik gekommen, und der Chefarzt hatte ihr zu einer Schälbehandlung unter ärztlicher Aufsicht geraten. Neben der wichtigen mechanisch-kosmetischen Basistherapie waren es im Wesentlichen zwei Präparate, deren Wirksamkeit erwiesen war: Benzoylperoxyd in unterschiedlichen Konzentrationen und Vitamin-A-Säure. Dr. Krautmann hatte letzterer den Vorzug gegeben. Die bei dieser Behandlung aufgetretene Entzündung war ein durchaus gewollter Effekt und kein Anlass zur Beunruhigung gewesen.

Als Sandra nach Abschluss der Behandlung wieder einen Blick in den Spiegel zu werfen wagte, war sie von dem erzielten Erfolg begeistert. „Ich habe eine Haut wie ein neugeborenes Baby“, strahlte sie.

Der Klinikchef warnte die junge Frau vor der gesteigerten Lichtempfindlichkeit der Haut nach Vitamin A-Säure-Anwendungen und verschrieb ihr einen Ovulationshemmer, der neben dem Östrogen ein Gestagen mit antiandrogener Wirkung enthielt. Solange Sandra Falkenberg bei dieser „Pille“ blieb, würde sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Akneprobleme mehr haben.

„Danke, Dr. Krautmann“, sagte Sandra glücklich. „Sie wissen nicht, was Sie für mich getan haben.“

„So schlimm war Ihre Akne doch gar nicht“, erwiderte der Chefarzt freundlich lächelnd.

„Ich habe mein Spiegelbild an manchen Tagen gehasst.“

Bei manchen Aknepatienten konnte der morgendliche Blick in den Spiegel jeden Tag aufs Neue Bitterkeit, Verzweiflung und Depressionen auslösen. Durch eine länger bestehende Akne konnte ein charakteristisches Persönlichkeitsbild mit misstrauischer Zurückhaltung, aggressiver Gespanntheit und angehäuften Schuldgefühlen entstehen. Das wusste Dr. Florian Krautmann. Aber Sandra Falkenberg war meilenweit davon entfernt gewesen, als sie zu ihm gekommen war, um sich von ihm helfen zu lassen.

Sie hätte ihr Spiegelbild nicht zu hassen brauchen. Sie war trotz ihrer Akne eine äußerst hübsche junge Frau gewesen.

Oliver Wiechert, ihr Freund, hatte sich auch überhaupt nicht an den wenigen Follikelentzündungen gestoßen, aber Sandra hatte sich eingebildet, dass diese wegen ihres angeschlagenen Selbstwertgefühls unbedingt weg müssten. Das waren sie nun – und Sandra war nach Langem wieder unbeschwert glücklich und mit ihrem Aussehen zufrieden.

Vor Kurzem waren Lisa und Julian, die achtzehnjährigen Krautmann-Zwillinge, zu der unternehmungslustigen Clique gestoßen, der auch Sandra Falkenberg und Oliver Wiechert angehörten. Vielleicht hatte das dazu geführt, dass Sandra sich an den Klinikchef um Hilfe gewandt hatte, und Florian freute sich, dass er seiner sympathischen Patientin helfen konnte.

„Lisa und Julian können auf ihren tüchtigen Vater stolz sein“, sagte Sandra. Sie senkte den Blick. „Ich habe leider keine Eltern mehr. Mein Vater starb an einer doppelseitigen Lungenentzündung, als ich noch nicht auf der Welt war. Meine Mutter folgte ihm fünf Monate nach meiner Geburt ins Grab. – Gehirntumor.“

„Kamen Sie ins Waisenhaus?“, fragte Florian Krautmann.

Sandra schüttelte den Kopf. „Meine Großeltern, die Eltern meines Vaters, nahmen mich zu sich und zogen mich auf.“

„Leben sie noch?“

„Nur meine Großmutter“, antwortete Sandra Falkenberg. „Sie ist vierundsechzig. Großvater ist vor zwei Jahren kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag von uns gegangen. Wir vermissen ihn sehr.“

„Lisa hat mir von einem Lederwarengeschäft erzählt, das Ihnen und Ihrer Großmutter gehört.“

„Man kann damit nicht gerade reich werden, aber am Hungertuch brauchen Oma Anette und ich auch nicht zu knabbern.“ Sandra schenkte Dr. Krautmann mit ihrem „neuen“ Gesicht ein bezauberndes Lächeln. „Wenn Sie mal einen schönen Aktenkoffer oder eine schicke Reisetasche brauchen, kommen Sie zu uns. Sie können mit einem Preisnachlass rechnen, wie Sie ihn sonst nirgendwo bekommen.“

„Ich werde mir Ihr Angebot merken“, nickte Florian Krautmann.

„Es gilt selbstverständlich für Ihre ganze Familie.“

„Sie sind sehr großzügig“, erwiderte der Chefarzt.

„Ich muss mich doch irgendwie für Ihre Hilfe bedanken.“

„Ich habe Ihnen gern geholfen.“ Sandra Falkenberg reichte dem Klinikchef die Hand, und das glückliche Strahlen ihrer braunen Augen wärmte sein Herz. „Auf Wiedersehen, Dr. Krautmann.“ Sie lächelte. „Es muss ja nicht unbedingt wieder in Ihrer Klinik sein.“

„Ich wünsche Ihnen alles Gute“, gab Florian Krautmann zurück, und die schöne Patientin verließ sein Büro. Ihr Gang wirkte so, als würde sie auf Wolken schweben.

Florian hatte mehr für ihre Seele als für ihr Gesicht getan, und es erfüllte ihn mit Freude, sie so glücklich und zufrieden gemacht zu haben.

Zehn Minuten nachdem Sandra Falkenberg sich verabschiedet hatte, klopfte Schwester Annegret an seine Tür. „Chef …“

„Was gibt’s, Annchen?“

Die grauhaarige Pflegerin trat seufzend ein. „Die arme Frau Schmidt …“

„Wie geht es ihr?“, erkundigte sich der Klinikchef.

„Sie hat seit dreißig Stunden Wehen. Die Zäpfchen und die Spritze wirken noch immer nicht. Die Frau ist schon ganz verzweifelt. Sie hängt seit zwei Stunden am Tropf, aber es geht nichts weiter. Das Baby will und will nicht kommen.“

„Was sagt der Wehenschreiber?“, fragte Dr. Krautmann.

„Wir kriegen immer dieselben Werte.“

„Ist das Baby okay?“, wollte Florian Krautmann wissen.

„Ja, mit dem Kind ist alles in Ordnung.“

„Ich sehe mir die Patientin mal an“, entschied der Klinikchef und begab sich mit Schwester Annegret in den Kreißsaal, wo eine junge, zarte blonde Frau sich schon so lange damit abquälte, ihr Baby auf die Welt zu bringen. Er untersuchte Laura Schmidt, die schrecklich leidend aussah. Sie konnte weder sitzen noch in irgendeiner Position liegen, hatte nahezu ständig Schmerzen und war schon fast am Ende ihrer Kräfte.

Der Muttermund war zwar schon offen, aber noch nicht weit genug. Das Baby, ein Mädchen, wie die Ultraschalluntersuchungen ergeben hatten, kam noch nicht durch.

Laura Schmidt sah den Chefarzt verzweifelt an. „Ich habe solche Schmerzen, Herr Doktor.“

„Es ist bald vorbei“, tröstete Florian Krautmann sie.

„Können Sie mir nichts gegen diese furchtbaren Schmerzen geben?“, flehte die werdende Mutter.

„Wenn ich Ihnen etwas gebe, dauert die Gehurt noch länger“, antwortete Dr. Krautmann.

„Ich kann nicht mehr“, schluchzte die Patientin.

„Tut mir leid, Frau Schmidt, aber Sie müssen da durch.“

„Ich halte das nicht mehr aus“, jammerte die junge Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Dr. Krautmann streichelte die schweißfeuchte Hand der Patientin. „Sie werden Ihr Baby noch in dieser Stunde bekommen, dann ist es ausgestanden.“ Er lächelte sie aufmunternd an. „Nur Mut, es wird alles gutgehen. Ich sehe in einer halben Stunde wieder nach Ihnen.“

Als er dreißig Minuten später feststellte, dass der Kopf des Kindes noch immer nicht durch die Öffnung des Muttermundes passte, sah er sich gezwungen, diesen über das Köpfchen des Babys zu schieben. Ihm war klar, dass das äußerst schmerzhaft für die Patientin war, aber nur so ließ die Geburt sich vorantreiben. Laura Schmidt schrie grell auf, und für einen Moment befürchtete Dr. Krautmann, sie würde das Bewusstsein verlieren, aber sie blieb ansprechbar, und von da an nahm die Niederkunft endlich ihren gewünschten Lauf.

Schwester Annegret und zwei Hebammen halfen der jungen Frau, ihr Kind zu gebären, während Dr. Krautmann sich immer wieder um die Herztöne des Babys kümmerte.

Schließlich erblickte das kleine Mädchen das Licht der Welt. Es wurde gewaschen, gemessen, gewogen und fotografiert, und als Dr. Krautmann der jungen Mutter ihr süßes Baby zeigte, schaffte diese trotz der großen Strapazen, die sie ausgestanden hatte, ein glückliches Lächeln.

2. Kapitel

„Siehst du, was ich sehe?“, fragte Julian Krautmann seine Zwillingsschwester Lisa. Sie saßen in dem roten Kleinwagen, den sie gebraucht, aber noch sehr gut erhalten – zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatten, und befanden sich auf dem Heimweg.

„Ja“, antwortete Lisa, „und es gefällt mir irgendwie nicht.“

„Mir auch nicht.“

Sie blickten beide in dieselbe Richtung. Julian hatte an einer Verkehrsampel angehalten, und auf der gegenüberhegenden Seite der Straßenkreuzung warteten ein Motorrollerfahrer und sein Klammeräffchen auf Grün.

„Oliver Wiechert und Dorothee Simonis“, brummte Julian. „Ich weiß jemanden, dem bei diesem Anblick die Galle hochkommen würde.“

„Sandra Falkenberg“, sagte Lisa. „Genau.“

„Ich dachte, Oliver würde Sandra so sehr liehen“, bemerkte Lisa.

Julian zuckte die Schultern. „Vielleicht bringt Oliver die mannstolle Dotty nur irgendwo hin.“

„Ja, und dafür bedankt sie sich dann auf ihre spezielle Weise“, sagte Lisa giftig. „Sieh nur, wie sie sich an ihn schmiegt! Sie genießt es richtig, sich an ihm festzuhalten. So ein Luder! Keine Beziehung ist ihr heilig. Je besser sich zwei verstehen, desto mehr ist ihr das ein Dorn im Auge. Wenn ich einen Freund hätte, und Dotty Simonis würde sich so an ihn ranschmeißen …“

„Was würdest du dann tun?“

„Das Gesicht würde ich diesem Biest zerkratzen.“

Das Lichtsignal wechselte auf Grün, Julian fuhr weiter. Der Motorroller fuhr vorbei, ohne dass Dotty und Oliver die Krautmann-Zwillinge bemerkten.

„Ich sage Sandra nichts davon“, murmelte Julian.

„Ich auch nicht.“

„Aus solchen Dingen hält man sich besser raus“, meinte Julian. „Die Angelegenheit kann ja auch völlig harmlos sein.“

„Von Olivers Seite aus vielleicht, aber ganz bestimmt nicht von Dottys. Sie scheint sich mal wieder selbst beweisen zu müssen, dass sie jeden haben kann, wenn sie will.“

Julian feixte. „Warum versucht sie’s nicht mal bei mir?“

„Du bist nicht interessant für sie.“

„Na, hör mal.“

„Erstens bist du erst achtzehn, während sie schon vierundzwanzig ist, und zweitens bist du nicht gebunden.“ Julian schlug mit der Hand auf das Lenkrad, als würde er sich ärgern. „So ein Pech aber auch.“

Die Zwillinge kamen nach Hause. „Cäcilie, was gibt es zu essen?“, fragte Julian die Haushälterin.

„Leute, die nicht grüßen können, bekommen von mir prinzipiell nichts“, entgegnete die alte Wirtschafterin.

„Oh, Entschuldigung. Ich muss meine guten Manieren draußen im Auto vergessen haben.“

„Scheint so.“

Julian schnappte die Wirtschafterin blitzschnell mit beiden Händen, zog sie zu sich und drückte ihr einen schmatzenden Kuss auf die Wange. „Guten Abend, Cäcilie.“

Die Haushälterin lachte. „Verrückter Kerl.“ Sie hatte ein so großartiges Verhältnis zu allen vier Krautmann-Kindern, als wären es ihre eigenen.

„Was gibt’s zu essen?“, wiederholte Julian seine Frage.

„Geschmorten Kalbsbraten mit pikanter Füllung.“

„Großartig.“ Julian rieb sich begeistert die Hände. „Und wann?“

„Sobald euer Vater nach Hause kommt“, antwortete Cäcilie.

Julian legte die Hand auf seinen Magen und verzog schmerzlich das Gesicht. „Das erlebe ich nicht“, stöhnte er. „Ich sterbe vor Hunger.“

„Dann nimm dir einstweilen ein Stück Brot“, riet die Wirtschafterin ihm.

„Der Mensch lebt nicht von Brot allein“, versuchte Julian sie zu belehren.

Cäcilie schmunzelte. „Den Rest bekommt der Mensch in etwa einer halben Stunde.“

3. Kapitel

Nach dem Abendessen gab es eine Neuauflage der ewigen Kabbelei zwischen der zehnjährigen Kim und dem vierzehnjährigen Christoph. Diesmal ging es um einen neuen Popstar. Kim schwärmte für ihn, während Christoph ihn total ablehnte.

„Er ist hässlich“, behauptete Christoph.

„Ist er nicht“, widersprach ihm Kim gereizt.

„Klar ist er das.“

„Du bist auch hässlich.“

„Und du erst“, konterte Christoph. „Außerdem kann der Typ überhaupt nicht singen.“

„Er singt besser als diese vier Schreihälse, von denen du jede Scheibe haben musst.“

„Pah, ich lach’ mich gleich kaputt.“

„Könnt ihr nicht einmal vernünftig miteinander reden?“, fragte Melanie Krautmann vorwurfsvoll.

„Warum siehst du mich an?“, protestierte ihre jüngste Tochter. „Sag Christoph, er soll mich nicht immer ärgern.“

„Ich ärgere dich nicht, ich sage bloß die Wahrheit“, behauptete Christoph. „Fett ist das Antitalent, das du so anhimmelst, übrigens auch. Eine richtige Speckschwarte ist er. Ein Nilpferd. Wenn ich ihn ansehe, brauche ich drei Tage nichts zu essen.“

„Zum Glück ist nicht jeder so ein Beistrich wie du. Bei dir muss man ja zweimal hingucken, damit man dich einmal sieht.“

Florian Krautmann, der sich auf einen ruhigen, friedlichen Abend im Kreise seiner Lieben gefreut hatte, sagte streng: „Ihr hört jetzt entweder auf damit, oder ihr setzt euer Streitgespräch anderswo fort.“

Kim und Christoph schwiegen. Sie attackierten. einander nur noch mit feindseligen Blicken. Aber das brauchte man nicht weiter ernst zu nehmen.

Wenn es darauf ankam, hielten die beiden zusammen wie Pech und Schwefel. Sie waren nicht besser oder schlechter als andere Geschwister.

Auch Lisa und Julian waren nicht immer ein Herz und eine Seele gewesen, doch mit zunehmendem Alter vertrugen sie sich immer besser.

Florian Krautmann erzählte den Zwillingen, wie Sandra Falkenberg sich über ihre Heilung gefreut hatte.

„Also ich fand ihre Akne gar nicht so schlimm“, sagte Julian.

„Aber sie hat darunter gelitten“, bemerkte Lisa.

„Und nun ist sie überglücklich, dass ihre Haut wieder glatt und sauber ist“, fügte der Klinikchef hinzu.

Lisa warf Julian einen nachdenklichen Blick zu. „Oliver behauptete immer, ihn würde Sandras Akne nicht stören. Ob er gelogen hat?“ Sie wandte sich an ihren Vater: „Wir haben heute Dotty Simonis hinter Oliver Wiechert auf seinem Motorroller sitzen gesehen.“

„Dotty ist eine falsche Schlange“, erklärte Julian, damit Florian Krautmann sich auskannte. „Der macht es großen Spaß, intakte Beziehungen kaputtzumachen.“

„Und da gehört sie noch immer zur Clique?“, wunderte sich Melanie Krautmann.

Florian Krautmann nickte. „Wieso hat man sie noch nicht in die Wüste geschickt?“

Julian hob die Schultern. „Offenbar kann sich keiner dazu entschließen.“

„Eine wie sie muss in der Clique doch ständig für Ärger und böses Blut sorgen“, meinte Melanie Krautmann.

„Es hat ihretwegen schon einige schwere Zerwürfnisse gegeben“, gab Lisa zu. „Aber da gehörten wir noch nicht dazu, das war vor unserer Zeit.“

„Leider sind wir noch ziemlich neu“, bemerkte Julian, „zudem sind alle andern älter als wir, deshalb hat unser Wort auch nicht allzu viel Gewicht. Auf gut Deutsch gesagt: Wir haben in der Clique noch nichts zu melden, müssen da erst mal hineinwachsen und besser Fuß fassen, damit man auf uns hört.“

„Vielleicht sehen wir auch bloß Gespenster“, meinte Lisa. „Das hoffe ich jedenfalls für Sandra und Oliver. Ich kann die beiden nämlich sehr gut leiden.“

„Ich auch“, nickte Julian.

4. Kapitel

„Es freut mich, dich so glücklich zu sehen“, sagte Anette Falkenberg zu ihrer Enkelin. Liebevoll strich sie über Sandras aschblondes Haar.

„Ach, Oma, ich fühle mich großartig. Einfach himmlisch.“ Sandra drehte eine Pirouette. „Ich könnte die ganze Welt umarmen.“

Anette Falkenberg lachte. „Es genügt, wenn du mich umarmst. Aber nicht zu fest drücken. Ich bin eine alte Frau.“

„Mit vierundsechzig ist man heute doch noch nicht alt. Ich habe gelesen, dass Frauen deines Alters eigentlich zwanzig Jahre jünger sind als die Generation davor. Weil sie sich besser gepflegt und gesünder ernährt haben.“

Anette Falkenberg war tatsächlich noch sehr attraktiv. Ihr Gesicht hatte kaum Falten, und da sie jede Woche zum Friseur ging, war ihr brünett gefärbtes Haar immer tadellos.

Sandra sah auf ihre Armbanduhr, ein Geschenk von Oliver – kratzfestes Glas, wasserdicht. Sie konnte damit sogar schwimmen gehen.

„Oliver wird gleich hier sein“, sagte sie innerlich angespannt.

„Ihr hättet auch hier was essen können“, bemerkte Anette Falkenberg. „Es ist alles da. Schinken, Salami, Käse …“

„Wir freuen uns aber auf eine Pizza bei Luigi, Oma.“

Anette Falkenberg schüttelte verständnislos den Kopf. „Was alle Welt an so ’ner Pizza findet. Ich kann mich dafür nicht erwärmen.“

Sandra lachte. „Du brauchst sie auch nicht zu essen. Oliver und mir schmeckt sie.“

„Ein bisschen Teig und fast nichts drauf. Dafür acht Euro und mehr zu verlangen, ist eine Frechheit.“

„Oma, Oma …“

„Ich habe altmodische Ansichten, entschuldige.“ Anette Falkenberg machte eine wegwerfende Handbewegung. „Hör nicht auf mein dummes Geschwätz. Lasst euch die Pizza trotzdem schmecken.“

Dem Haus näherte sich das Knattern eines Motorrollers. Das Geräusch erstarb, und dann schlug die Türglocke an.

„Das ist mein Oliver“, sagte Sandra stolz. „Man kann die Uhr nach ihm stellen.“

Anette Falkenberg schmunzelte. „Ich hoffe, er hat auch noch andere Vorzüge.“

„Aber ja: Er sieht fantastisch aus, ist klug, ehrlich, charmant und hilfsbereit – und er liebt mich über alle Maßen.“ Sandra ließ ihn ein.

Sein neugieriger Blick erforschte ihr Gesicht. „Liebling, du siehst hinreißend aus“, sagte er überwältigt. Er grinste. „So viel Schönheit ist ja kaum noch auszuhalten.“

„Du wirst schon irgendwie damit fertigwerden“, erwiderte sie lachend und küsste ihn ungestüm auf den Mund.

Er ging mit ihr ins Wohnzimmer und Sandra hängte sich bei ihm ein. „Guten Abend, Frau Falkenberg“, begrüßte er ihre Grußmutter.

„Guten Abend, Oliver. Na, was sagen Sie zu Sandras neuem Gesicht?“

„Ich bin sprachlos. Jetzt kann sie jeden Schönheitswettbewerb gewinnen.“ Er verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen. „Eigentlich ist mir das gar nicht so recht, denn nun muss ich befürchten, dass ich ihr nicht mehr genüge.“

Sandra kniff ihn leicht in den Arm. „Dummkopf.“

Er sah sie an. „Können wir gehen?“

„Ich bin fertig.“

„Hoffentlich bist du hungrig. Du weißt, Luigis Pizza ist groß wie ein Wagenrad.“

„Ich werd’ bestimmt nichts übriglassen“, versprach Sandra.

Oliver wandte sich an die alte Dame. „Also dann, auf Wiedersehen, Frau Falkenberg.“

„Ich wünsche euch einen schönen Abend“, sagte Anette Falkenberg.

Sandra umarmte und küsste die Großmutter. „Kann spät werden. Oder früh. Wie man’s nimmt“, sagte sie leise, und dann verließ sie mit Oliver Wiechert das Haus.

Er konnte sich während des Essens an ihrem Gesicht nicht sattsehen. Es war nun wirklich makellos. Nach dem Essen bestellte Oliver eine zweite Flasche Valpolicella.

„Danach solltest du den Roller aber stehen lassen“, sagte Sandra.

„Wir gehen zu mir. Das ist ja gleich hier zweimal um die Ecke.“ Er hob sein Glas. Das Kerzenlicht ließ den Wein rubinrot funkeln. „Ich möchte auf dich trinken.“

„Und ich möchte auf uns trinken“, sagte Sandra mit unendlich viel Liebe im Blick.

„Und darauf, dass ich dich wiederhabe.“

Sandra hatte niemandem erlaubt, sie in der Wiesenhain-Klinik zu besuchen. Ihr entzündetes, sich schälendes Gesicht war kein schöner Anblick gewesen. Den hatte sie keinem zumuten wollen. Und sie hatte auch nicht gewollt, dass jemand sie so sah. Sie stießen miteinander an. Ihre Gläser klirrten leise. Sie tranken, und Sandra spürte, wie ihr der italienische Rotwein allmählich in den Kopf stieg.

Sie kicherte. „Nun wirst du mich nicht mehr los.“

„Habe ich gesagt, dass ich das möchte?“

Sie nahm seine Hand und schaute ihm verliebt in die Augen. Es war so schön, mit ihm zusammen zu sein. „Habe ich dir ein wenig gefehlt?“

Er nickte. „Ein ganz klein wenig, ja“, neckte er sie.

Sie ließ seine Hand los. „Scheusal.“

Er schickte einen innigen Kuss über den Tisch. „Ich liebe dich.“

„Und ich kann dich nicht ausstehen“, log sie.

„Das macht nichts“, erwiderte er gleichmütig. „Meine Liebe reicht für uns beide.“

Das bewies er ihr wenig später in seiner kleinen Wohnung. Bei gedämpftem Licht und leiser Musik küsste er sie immer und immer wieder, und schließlich nahm er sie auf seine kräftigen Arme und trug sie ins Schlafzimmer.

Sanft ließ er sie aufs Bett nieder, und während er sie wieder zärtlich küsste und liebkoste, schälte er sie behutsam aus ihrem Kleid.

Köstliche Schauer durchliefen Sandra, als Oliver zu ihr kam, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass es irgendwo auf der Welt eine Frau gab, die glücklicher war als sie.

5. Kapitel

Tags darauf stieß sie wieder zur Clique, die sich immer im Hinterzimmer eines kleinen Cafés traf. Lisa und Julian Krautmann fielen in das Gejohle ein, das sich erhob, als Sandra zur Tür hereinkam. Sie hatten mitgeholfen, den Raum mit den vielen Luftballons zu schmücken, die Karsten Rüge aufgetrieben hatte. Karsten war der Leithammel, die Nummer eins. Was er sagte, wurde in neun von zehn Fällen getan. Er sah gut aus, war selbstbewusst und tat sich nie schwer, ein Mädchen aufzureißen. Julian Krautmann war nicht der Einzige, der Karsten um diese Gabe beneidete. Auch andere wären gern so wie er gewesen. Jeder hätte gern so viel Erfolg beim weiblichen Geschlecht gehabt wie Karsten Rüge.

„Toll siehst du aus“, sagte Eva Schroth, Sandras rundliche Freundin, mit ehrlicher Begeisterung.

„Das habe ich Lisas und Julians Vater zu verdanken“, sagte Sandra so laut, dass alle es hören konnten. „Dr. Krautmann ist ein großartiger Arzt. Kinder, wenn euch mal irgendetwas fehlt – ich kann euch die Wiesenhain-Klinik nur wärmstens empfehlen.“

„Über diese Reklame wird sich unser Vater mächtig freuen“, grinste Julian.

Sandra umarmte und küsste alle Mitglieder der Clique. Einige fehlten, zum Beispiel Dorothee „Dotty“ Simonis, aber die vermisste kaum jemand.

„Willkommen daheim, Schätzchen“, sagte Karsten Rüge. Er war ein wahrer Sportfanatiker. Reiten, Schwimmen, Surfen, Tennis, Squash, Radfahren, Fallschirmspringen, Klettern … Es gab kaum eine Sportart, für die er sich nicht interessierte, und er versuchte immer der Beste zu sein. Er hatte viel Freizeit. Seinem Vater gehörte eine Papierfabrik, und Karsten brauchte nur dann in seinem Büro zu erscheinen, wenn er Lust dazu hatte – was vorläufig noch nicht oft der Fall war.

Aber sein alter Herr war noch sehr agil und drängte ihn zu nichts, um ihm nicht von Vornherein die Lust an der Arbeit in der Firma zu nehmen. Er war sich sicher, dass diese sich irgendwann von selbst einstellen würde, wenn Karsten erst mal reif dafür geworden war. Inzwischen konnte Herr Rüge sein Unternehmen noch sehr gut alleine führen.

„Wir haben dich vermisst“, sagte Karsten zu Sandra.

Sie runzelte die Stirn, als würde sie ihm nicht glauben.

„Ehrlich.“ Er hob die Hand zum Schwur.

Sie winkte ab. „Ja, ja, schon gut.“

Der Wirt sagte, er wolle ihr einen Gratisdrink spendieren, und erkundigte sich: „Was soll’s denn sein?“

„Nimm dir was Teures“, raunte ihr der Pfennigfuchser Johannes Brauneis grinsend zu, „so eine Gelegenheit kommt bestimmt nicht so bald wieder.“

Sandra begnügte sich mit einem Glas frisch gepresstem Orangensaft, was Johannes Brauneis natürlich überhaupt nicht verstehen konnte.

Der Cliquenalltag hatte Sandra wieder. Man lachte, scherzte, redete über dies und jenes, schmiedete Pläne. Was konnte man an den nächsten Wochenenden unternehmen?

Sehr viele Vorschläge kamen nicht, Karsten sagte, er könne in zwei bis drei Wochen einen Ausritt organisieren. Da niemand eine bessere Idee hatte, wurde er von den andern damit beauftragt, seine Anregung zu realisieren.

6. Kapitel

„So“, sagte Anette Falkenberg in der Mittagspause und setzte ihre Unterschrift unter den zwei Seiten langen Brief an ihre Freundin Clara Tietze, die vor acht Jahren zu ihrer Tochter nach Bremen gezogen war und sich über jeden Brief aus München freute. „Der war lange schon überfällig. Wenn ich nur nicht so schrecklich schreibfaul wäre. Post kriege ich ja sehr gern, aber mit dem Antworten lasse ich mir immer furchtbar viel Zeit. Clara ist nicht so. Die schreibt immer ziemlich prompt zurück.“

„Wenn du möchtest, werfe ich ihn für dich jetzt gleich in den Postkasten“, sagte Sandra. „Ich möchte mir ohnedies ein wenig die Füße vertreten.“

Sie befanden sich in einem kleinen Raum hinter dem Verkaufslokal.

„Wir gehen gemeinsam“, entschied Anette Falkenberg. „Ein bisschen Bewegung schadet mir auch nicht.“

Sie verließen das Lederwarengeschäft, warfen den Brief ein und umrundeten den Block. Ihr Weg führte sie an einem kleinen, staubigen Park vorbei, aus dem plötzlich ein riesiger Hund geschossen kam.

Anette Falkenberg, die mit fünf Jahren von einem Hund gebissen worden war, geriet in Panik. Die Angst vor Hunden steckte ihr nach so vielen Jahren noch immer tief in den Knochen. Sie schrie um Hilfe, und ehe Sandra sie daran hindern konnte, lief sie davon. Ein Fehler, den sie zu bereuen hatte, denn der große Hund verfolgte sie sofort. Sie hätte ganz ruhig stehen bleiben sollen, dann wäre ihr nichts passiert. So aber jagte das Tier mit kraftvollen Sätzen hinter der Frau her, holte sie ein, sprang sie an und brachte sie zu Fall. Sandra erstarrte für wenige Sekunden zur Salzsäule.

Ein Mann kam aus dem Park gerannt. „Benno! Benno!“, brüllte er.

„Ist das Ihr Hund?“, rief Sandra außer sich vor Angst um ihre Großmutter.

„Ja. Benno, bei Fuß! Benno, hierher!“

Das Tier reagierte nicht. „Mein Gott, so tun Sie doch etwas!“, rief Sandra verstört.

„Benno, komm zu mir! Ich schlage dich windelweich, du verdammter Köter!“

Der Hund ließ von Anette Falkenberg ab. Sein Besitzer stürzte sich auf ihn und schlug ihn mit der Leine so lange, bis er kläglich winselte.

Sandra eilte schwankend zu ihrer Großmutter, die reglos auf dem Asphalt lag. „Oma … Omi…“

Der Mann verdrosch das Tier noch immer. Klatsch, klatsch, klatsch! „Herrgott noch mal, hören Sie auf, den Hund zu schlagen!“, fuhr Sandra ihn wütend an.

„Das darf der nie wieder tun! Nie wieder!“

„Wenn Sie ihn nicht von der Leine gelassen hätten, wäre das nicht passiert.“ Sandra sank neben ihrer Großmutter auf die Knie. „Omi…“ Sie berührte sie vorsichtig an der Schulter. Keine Reaktion. Sandras Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. „Omi …“ Sie drehte die alte Frau behutsam um – und hätte beinahe einen entsetzten Schrei ausgestoßen. Das Gesicht ihrer Großmutter war voller Blut. „Einen Krankenwagen“, krächzte Sandra. „Wir brauchen dringend einen Krankenwagen!“

„Ich lasse dich einschläfern, du Bastard!“, brüllte der Mann seinen Hund an.

„Wenn Sie sich nicht sofort um einen Krankenwagen kümmern, können Sie was erleben!“

Ein junger Mann war hinzugekommen. Er zückte sein Handy und telefonierte, und zehn Minuten später traf der Krankenwagen ein.

„In die Wiesenhain-Klinik“, sagte Sandra.

Sie hatte sich Name und Adresse des Hundebesitzers geben lassen. Benno war gegen alle möglichen Krankheiten geimpft, doch das war von zweitrangiger Bedeutung, denn er hatte Anette Falkenberg ja nicht gebissen.

Der Krankenwagen raste durch München. Sandra starrte die ganze Zeit auf das schlaffe, blutüberströmte Gesicht ihrer Großmutter. Sie sieht wie tot aus, dachte sie verzweifelt.

Aber der Notarzt sagte ihr, dass ihre Großmutter nur bewusstlos sei. Dennoch blieb die Angst in Sandra. Sie wurde sie einfach nicht los.

Sie erreichten die Wiesenhain-Klinik. „Der Hund ist versichert!“, hallte die Stimme des Hundebesitzers in Sandras Kopf. „Es wird alles bezahlt! Machen Sie sich keine Sorgen! Die Versicherung wird für den Schaden aufkommen …!“

Darum machte Sandra sich wirklich keine Sorgen. Sie bangte im Moment nur um das Leben der geliebten Großmutter, die – soweit sie zurückdenken konnte – immer für sie dagewesen war.

Der Rettungsarzt hatte zwar gesagt, sie wäre nur bewusstlos, aber sie sah so schrecklich leblos aus!

In der Notaufnahme der Wiesenhain-Klinik wurde sehr schnell gehandelt. Dr. Michael Warnke und eine junge Kollegin nahmen sich der Patientin unverzüglich an.

Eine dunkelhaarige schlanke Krankenschwester sprach Sandra Mut zu und versuchte sie zu beruhigen. Sandra zitterte, ihr Herz raste, und ihre Augen schwammen in Tränen. Ihr war, als hätte man ihr eine heimtückische Droge gegeben, die eine quälende Schreckensvision ausgelöst hatte. In den realen Ablauf der Geschehnisse schoben sich immer wieder grauenvolle Bilder, die sie zu Tode erschreckten.

Ein Pfleger rief die Schwester, die sich ihrer angenommen hatte, und dann war Sandra allein. Ab und zu ging jemand an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. Sie ballte die Hände zu Fäusten und presste die Lippen ganz fest zusammen. Wieso kam nicht endlich jemand und sagte ihr Bescheid? Wie lange sollte diese furchtbare Folter denn noch dauern?

Warum erschien nicht endlich jemand, um sie mit einer halbwegs guten Nachricht zu erlösen? Sie sah immer wieder das blutüberströmte Gesicht ihrer Großmutter vor ihrem geistigen Auge, und die Stimme des Hundebesitzers klang dazu wie ein Hohn: „Der Hund ist versichert! Es wird alles bezahlt! Machen Sie sich keine Sorgen! Die Versicherung wird für den Schaden aufkommen …!“

Wie macht man sich keine Sorgen, wenn ein Mensch, den man liebt, blutend und reglos vor einem liegt?, fragte Sandra sich verzweifelt. Sie putzte sich die Nase und wischte sich die Tränen aus den Augen.

„Sandra?“

Sie drehte sich um und erkannte den Klinikchef. „Dr. Krautmann!“

Er kam zu ihr. „Was tun Sie hier? Ist etwas passiert?“

„Meine Großmutter wurde von einem Hund angefallen.“ Stockend erzählte sie, was sich ereignet hatte. „Ich sterbe vor Sorge um sie, doch niemand sagt mir, wie es um sie steht.“

„Ich kümmere mich darum.“ Dr. Krautmann verschwand hinter einer weißen Tür, und für Sandra ging das peinigende Warten weiter. Nach fünf Minuten erschien der Chefarzt wieder. Nasenbeinbruch, verstauchte Hand, Platzwunde an der Stirn, Gehirnerschütterung – das hatte Dr. Warnke diagnostiziert. Er hatte die Stirnwunde mit fünf Stichen genäht, und inzwischen war Anette Falkenberg wieder bei Bewusstsein, das erfuhr Sandra von Florian Krautmann.

„Darf ich zu ihr?“, fragte das junge Mädchen mit belegter Stimme.

„Aber natürlich“, nickte Dr. Krautmann.

„Ich hätte nicht auf Wiedersehen sagen sollen, als ich Ihre Klinik verließ“, seufzte Sandra.

Als sie kurz darauf neben dem Krankenbett ihrer Großmutter saß, sah diese schon beruhigender aus. Das viele Blut war weg, die Platzwunde befand sich unter weichem Mull. Ein breiter Pflasterstreifen klebte auf ihrer Nase.

Sie hing am Tropf, und Dr. Krautmann hatte gesagt, Sandra solle nicht lange bleiben und vermeiden, dass die Patientin sich aufregte.

Sandra sprach demzufolge nicht viel. Sie hielt nur die gesunde Hand der Großmutter, streichelte sie sanft und flüsterte hin und wieder tröstende Worte.

7. Kapitel

„Was ist passiert?“, fragte Oliver Wiechert am Telefon. „Von einem Hund ist deine Großmutter angefallen worden?“ Er schien es nicht glauben zu können. „Das darf nicht wahr sein. Hat der Köter sie gebissen? Ist sie schwer verletzt? Was war das denn für ein Hund?“

„Keine Ahnung“, antwortete Sandra. Sie war zu Hause, hatte Oliver angerufen, um ihm zu sagen, dass sie heute nicht ausgehen wolle. „Er war fast so groß wie ein Kalb.“

„Ein Bernhardiner?“

„Ich glaube nicht, dass man ihn nur einer Rasse zuordnen kann.“

„Was hat das Vieh deiner Großmutter angetan?“, erkundigte er sich mitfühlend.

Sandra zählte die Verletzungen auf.

„So einen Killerhund kann man doch nicht frei herumlaufen lassen“, empörte sich Oliver. „Was ging im Kopf dieses Hundebesitzers nur vor? Manche Menschen gehen mit ihrer Tierliebe entschieden zu weit. Ihr vierbeiniger Liebling darf einfach alles, er kann anstellen, was er will, sie werden dafür immer eine Entschuldigung finden. Was für Früchte solche Auswüchse tragen, sieht man ja. Soll ich zu dir kommen, Schatz?“

„Nein. Bitte sei mir nicht böse, aber ich möchte heute Abend allein sein.“

„Bist du sicher?“

„Ich werde früh zu Bett gehen“, sagte Sandra, die das furchtbare Erlebnis ziemlich ausgelaugt hatte.

„Brauchst du keine Schulter, an die du dich lehnen kannst?“

„Sehr lieb von dir, aber ich komm’ schon zurecht.“

„Muss ich mir keine Sorgen um dich machen?“

„Nein, musst du nicht“, versicherte Sandra.

„Sehen wir uns morgen?“

„Ja.“

„Ich würde deine Großmutter gerne besuchen“, sagte Oliver.

„Wir besuchen sie morgen Abend gemeinsam, okay?“

„Okay. Solltest du irgendetwas brauchen …“

„Ich liebe dich“, sagte Sandra dankbar und legte auf. Sie ging wirklich früh zu Bett, nahm Baldrian zur Beruhigung und schlief rascher ein, als sie gehofft hatte. Tags darauf fühlte sie sich wesentlich besser. Ihr Optimismus stellte sich wieder ein, und sie sagte sich, dass ihre Großmutter bald wieder mit ihr im Geschäft stehen würde.

In der Mittagspause, also vierundzwanzig Stunden nach der Hundeattacke, rief Bertram Harrer, der Hundebesitzer, an. „Wie geht es Ihrer Großmutter?“

Sandra erzählte ihm, was für Folgen Bennos Überfall gehabt hatte.

„Mir tut das alles furchtbar leid“, versicherte Bertram Harrer.

„Haben Sie den Vorfall Ihrer Hundehaftpflichtversicherung gemeldet?“

„Nein“, antwortete der Mann nach kurzem Zögern.

„Wieso nicht?“ Es klang wie ein erboster Aufschrei.

„Ich habe mir die Sache noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen und bin zu dem Schluss gekommen, dass Benno und mich keine Schuld trifft.“

„Das soll wohl ein Scherz sein.“

„Ganz und gar nicht“, erwiderte der Hundebesitzer.

„Gestern waren Sie anderer Meinung, sonst hätten Sie Ihren Hund nicht so verdroschen.“

„Gestern war ich aufgeregt“, sagte Bertram Harrer. „Inzwischen kann ich aber wieder klar denken. Es wäre überhaupt nichts passiert, wenn Ihre Großmutter stehen geblieben wäre.“

„Benno hat sie verfolgt.“

„Wenn jemand läuft, rennen Hunde hinterher, das ist nun mal so.“

„Benno hätte nicht rennen können, wenn Sie ihn an der Leine geführt hätten.“

„Wer ist denn so herzlos, seinen Hund die ganze Zeit an der Leine zu lassen?“, gab Harrer zurück.

In Sandra kochte die Wut. „Sie waren immerhin herzlos genug, Benno so brutal zu schlagen, dass er kläglich winselte.“

„Ich war aufgeregt, wie ich schon sagte. Ich war außer mir, sah die alte Frau auf dem Gehsteig liegen – da gingen mir die Nerven durch.“

„Hören Sie“, brauste Sandra auf, „Ihr Hund hat meiner Großmutter schweren gesundheitlichen Schaden zugefügt. Das können Sie doch nicht mit einem gleichgültigen Schulterzucken übergehen. Sagten Sie nicht vorhin, Ihnen täte das alles furchtbar leid?“

„Natürlich tut es mir leid – für Ihre Großmutter. Man hat schließlich ein Herz.“

„Was Sie nicht sagen.“

„Benno und ich waren an dem gestrigen Vorfall schuldlos“, behauptete Bertram Harrer kühl. „Niemand kann von uns verlangen, dass wir für etwas geradestehen, das wir nicht getan haben.“

„Haben Sie schon mal von fahrlässiger Körperverletzung gehört?“, fragte Sandra schneidend.

„Wollen Sie mich verklagen?“

„Wenn es sein muss, ja.“

„Damit kommen Sie nicht durch“, bemerkte Bertram Harrer überzeugt.

„Das werden wir ja sehen.“ Wütend knallte Sandra den Hörer auf den Apparat.

8. Kapitel

Als Oliver sie abholte, um mit ihr zur Wiesenhain-Klinik zu fahren, fiel ihm sofort ihre üble Laune auf. „Hast du schlechte Nachricht von der Klinik erhalten?“, erkundigte er sich vorsichtig.

Sandra erzählte ihm von Bertram Harrers Anruf.

„Der Typ hat vielleicht Nerven“, entrüstete Oliver sich. „Du musst ihn anzeigen.“

„Das habe ich gleich nach seinem Anruf getan. So billig kommt Harrer mir nicht davon. Meine Großmutter hat Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld.“

„Sehr richtig, und dafür hat die Hundehaftpflichtversicherung aufzukommen. Dazu gibt es sie ja schließlich.“

Anette Falkenberg sah schon etwas frischer aus. Sie hing nicht mehr am Tropf, aber die Bettruhe, die Dr. Warnke der Patientin wegen der Gehirnerschütterung verordnet hatte, hatte noch Gültigkeit. Sandras Großmutter freute sich über die Blumen, die Oliver mitgebracht hatte, und sie freute sich über seinen Besuch.

„Was machen Sie denn für Sachen, Frau Falkenberg?“, sagte Oliver Wiechert lächelnd.

„Ich hätte nicht fliehen dürfen“, seufzte Anette Falkenberg. „Aber als dieser große Hund auf mich zustürmte, hakte bei mir der Verstand aus.“

„Wieso ist der Hund auf Sie zugerannt?“, fragte Oliver und stellte einen Stuhl neben den, auf den sich Sandra gesetzt hatte.

„Ich habe keine Ahnung.“

„Haben Sie ihn irgendwie gereizt?“ Oliver nahm Platz.

„Überhaupt nicht.“

„Wenn jemand so einen verrückten Hund besitzt, darf er ihn nicht frei herumlaufen lassen“, meinte Sandra rau. „Das Tier hat bestimmt nicht zum ersten Mal Leute erschreckt.“

„Wenn ich als Kind nicht von einem Hund gebissen worden wäre, hätte ich gestern nicht so sehr die Nerven verloren“, sagte Anette Falkenberg dumpf.

„Hast du den neuerlichen Schock inzwischen einigermaßen überwunden?“, fragte Sandra.

„Einigermaßen, ja.“

„Schmerzen?“

Anette Falkenberg hob die bandagierte Linke. „Nur in der Hand.“

„Zum Glück ist sie nicht gebrochen“, sagte Sandra. Sie blieb mit Oliver Wiechert eine Stunde bei ihrer Großmutter. Davon, dass Bertram Harrer den Vorfall seiner Versicherung nicht melden wollte, erzählte sie nichts. Schließlich sollte die alte Dame sich nicht aufregen.

Aber Dr. Krautmann gegenüber erwähnte sie das empörende Verhalten des Hundebesitzers, als sie und Oliver ihm auf dem Flur begegneten, und der Klinikchef riet ihr, sich einen guten Anwalt zu nehmen.

„Ich kenne leider keinen guten Anwalt“, erwiderte Sandra. „Ich kann mir nur irgendeinen aus dem Telefonbuch raussuchen.“

Der Chefarzt empfahl ihr seinen Schwager Dr. Axel Lieskow. „Wenn er sich Ihrer Sache annimmt, ist sie in besten Händen“, sagte Florian Krautmann.

Sandra bat ihn um Dr. Lieskows Adresse.

Der Klinikchef nannte sie und fügte hinzu: „Ich rufe ihn heute noch an, damit er sich für Sie Zeit nimmt.“

„Danke, Herr Dr. Krautmann.“

„Keine Ursache“, gab der Chefarzt freundlich lächelnd zurück.

9. Kapitel

Als Florian Krautmann eine Stunde später nach Hause kam, erzählte er seiner Frau von Bertram Harrers unverständlicher Weigerung, den gestrigen Vorfall seiner Versicherung zu melden.

„Der Mann kann nicht alle Tassen im Schrank haben“, sagte Melanie verständnislos und drastisch. „Ist es denn zu viel Mühe für ihn, seine Versicherung zu verständigen?“

„Er fühlt sich unschuldig“, erklärte Florian. „Eine Meldung des Schadens kommt nach seiner Ansicht einem Schuldbekenntnis gleich und deshalb für ihn nicht infrage.“

„Ja, wer ist seiner Meinung nach denn an dem Vorfall schuld?“

„Frau Falkenberg“, antwortete Florian Krautmann.

Melanie sah ihn fassungslos an. „Der Mann stellt die Dinge ja völlig auf den Kopf.“

„Deshalb werde ich jetzt Axel anrufen, damit er sie wieder umdreht.“ Am andern Ende der Leitung meldete sich Florian Krautmanns Schwester Trixi Lieskow. „Hallo, großer Bruder“, sagte sie erfreut. Sie war nicht ganz fünf Jahre jünger als er. „Schön, deine Stimme zu hören. Wie geht es deiner Familie?“

„Gut. Und deiner?“

„Michaela und Sebastian sind mit dem Zelt nach Sylt unterwegs, und Axel hat mich ganz für sich allein.“ Florian lachte. „Ich hoffe, du überforderst ihn nicht.“

„Er wird es aushalten.“

„Darf ich ihn mal sprechen?“

„Privat?“, wollte Trixi Lieskow wissen.

„Nein“, antwortete Dr. Krautmann. „Ich möchte ihm einen skandalösen Fall ans Herz legen.“

„Du machst mich neugierig.“

„Erspar es mir, die Geschichte zweimal zu erzählen, Trixi“, bat Florian Krautmann seine Schwester. „Du erfährst sie später von deinem Mann, okay?“

Er hörte, wie sie Axel ans Telefon rief: „Liebling! Ein Anruf für dich!“

„Wer ist es?“, war Dr. Lieskows Stimme etwas weiter entfernt zu vernehmen.

„Ein dunkelhaariger, gutaussehender Mann Mitte vierzig, den ich seit frühester Kindheit liebe“, antwortete Trixi.

Dann meldete sich Axel. „Hallo!“

„Hallo, Schwager“, sagte Florian Krautmann.

„Ach, du bist es.“

„Wer dachtest du denn?“, fragte Florian lachend.

„Was weiß ich, wen meine Frau alles seit frühester Kindheit liebt“, brummte Dr. Axel Lieskow.

„Wie voll ist dein Terminkalender?“, erkundigte sich Florian Krautmann.

„Ziemlich voll.“

„Wenn man gut ist, ist man gefragt. Bringst du noch einen Fall unter?“

„Wenn ich dir damit einen Gefallen tue, ja“, antwortete der Rechtsanwalt.

„Morgen wird sich eine junge Frau bei dir melden“, sagte Dr. Krautmann.

„Wie ist Ihr Name?“

„Sandra Falkenberg.“

„Was hat sie für ein Problem?“, wollte Axel Lieskow wissen.

Krautmann informierte den Schwager in kurzen knappen Worten.

„Ich werde sehen, was ich für Frau Falkenberg tun kann“, versprach Dr. Lieskow.

„Danke, Axel.“

„Schon gut“, gab der Anwalt zurück und legte auf.

10. Kapitel

Tags darauf rief Sandra Dr. Axel Lieskow an. „Mein Name ist Sandra Falkenberg“, sagte sie. „Herr Dr. Krautmann hat Sie mir empfohlen …“

„Ich weiß Bescheid“, fiel der Rechtsanwalt ihr ins Wort. „Mein Schwager hat mich gestern Abend angerufen. Üble Sache, die da passiert ist, aber seien Sie unbesorgt, ich werde Ihrer Großmutter zu ihrem Recht verhelfen. Ich schlage vor, Sie kommen heute um vierzehn Uhr in meine Kanzlei, und wir besprechen alles Weitere.“

Sandra war pünktlich. Der fünfzigjährige Anwalt begrüßte sie freundlich, ließ sie die Geschichte, die er bereits größtenteils kannte, erzählen und sagte dann:

„Wir werden die von Herrn Harrer verrückten Dinge vor Gericht etwas zurechtrücken. Wenn der Hundebesitzer meint, unschuldig zu sein, befindet er sich gehörig im Irrtum. Nach Paragraf zweihundertdreißig des Strafgesetzbuches ist nämlich jeder wegen fahrlässiger Körperverletzung zu bestrafen, der den körperlichen Schaden eines ändern dadurch verursacht, dass er den vermeidbaren und vorhersehbaren Schaden durch Sorglosigkeit nicht verhindert. Im Klartext heißt das, dass Ihre Großmutter nicht verletzt worden wäre, wenn Herr Bertram Harrer seinen Benno angeleint hätte. Staatsanwalt und Richter werden ihm das sehr unmissverständlich klar machen.“

„Wie kann er nur so unvernünftig sein?“

„Es gibt Menschen, die meinen, immer im Recht zu sein.“ Dr. Lieskow hob die Schultern. „Die muss eben dann das Gericht zur Einsicht zwingen.“

„Bitte legen Sie es mir nicht als Geldgier aus, wenn ich frage, wie viel Schmerzensgeld meine Großmutter zu erwarten hat.“

„Ihre Frage ist durchaus berechtigt, Frau Falkenberg“, erwiderte Axel Lieskow. „Wir werden sechzigtausend Euro verlangen und fünfzigtausend bekommen.“

„Fünfzigtausend …“ Das klang höchst beeindruckt.

„Unter diese Marke gehen wir nicht“, erklärte der Rechtsanwalt entschieden.

11. Kapitel

Nach fünf Tagen durfte Anette Falkenberg das Bett verlassen. Sie war zwar noch ein bisschen wackelig auf den Beinen, aber sie sprach bereits davon, bald wieder im Geschäft zu stehen.

Vorläufig schmiss aber Sandra den Laden noch allein. Während einer Flaute in den Abendstunden schneite Dorothee Simonis zur Tür herein.

Sie kleidete sich zumeist so übertrieben sexy, dass es schon vulgär wirkte. Der Rock war zu kurz, der Pulli zu eng, sein Ausschnitt zu tief.

Von gutem Geschmack schien Dotty Simonis nichts zu halten. Sie wollte, dass die Leute sich nach ihr umdrehten, und das taten sie, um hinterher verständnislos den Kopf zu schütteln.

„Hi“, sagte Dotty und biss auf ihrem Kaugummi herum. „Nicht viel zu tun hier.“ Sie sah sich im leeren Geschäft um.

„Gerade mal eben“, erwiderte Sandra. „Dafür war heute Vormittag mehr los.“

Dotty zog die Mundwinkel zweifelnd nach unten. Sandra hätte sie am liebsten hinausgeworfen. Was will sie hier?, fragte sie sich. Aus purer Freundschaft besucht sie mich bestimmt nicht. Wir sind keine Freundinnen, werden es nie werden. Und kaufen wird sie hier wohl auch nichts, dafür sind ihr unsere Waren nämlich mit Sicherheit zu spießig. Also – weswegen ist sie hier?

Sandra musterte Dorothee Simonis kühl. „Hast du irgendeinen Wunsch?“

„Wer ist schon wunschlos?“

„Kann ich irgendetwas für dich tun?“

„Jeder kann für jeden irgendetwas tun.“

Was soll das blöde Gerede?, dachte Sandra verdrossen. Lass die Katze endlich aus dem Sack!

„Du bist nicht zufällig vorbeigekommen, richtig?“, fragte Sandra.

Dotty sah sich eine Handtasche an, öffnete alle Reißverschlüsse, fingerte in alle Fächer. „Na ja, ich hatte in der Nähe zu tun, und da dachte ich, ich schau’ mal bei dir rein. Besonders scheinst du dich über meinen Besuch ja nicht zu freuen.“ Sie legte die Handtasche zurück und sah Sandra in die Augen. „Du magst mich nicht, hm?“

Sandra war diese direkte Feststellung unangenehm. „Wie kommst du denn darauf?“

„Ich hab’ das so im Gefühl.“ Dotty zuckte mit den Schultern. „Man kann eben nicht jedem sympathisch sein. Ich jedenfalls habe nichts gegen dich.“

„Ich habe auch nichts gegen dich. Wir haben nur leider irgendwie nicht dieselbe Wellenlänge.“

„Finde ich schade.“ Dotty griff nach der nächsten Handtasche, unterzog auch sie einer genauen Inspektion. „Wie geht es deiner Großmutter?“

„Schon besser.“

„Muss ein schlimmer Schock für die alte Dame gewesen sein, von so einer reißenden Bestie angefallen zu werden.“ Dotty hängte sich den Tragriemen der Tasche über die Schulter. „Ich habe Hunde an und für sich gern, aber wenn sie Menschen angreifen, sollte man sie …“ Sie schüttelte den Riemen mit einem Schulterzucken ab. „Ich meine, es geht doch nicht an, dass man auf der Straße seines Lebens nicht mehr sicher ist.“ Sie legte die Handtasche achtlos beiseite. „Deine Großmutter liegt auch in der Wiesenhain-Klinik, nicht wahr?“

„Ja.“

Dotty trat näher und betrachtete Sandra genau. „Hat dein Gesicht wunderbar hingekriegt, dieser Dr. Krautmann. Scheint ein tüchtiger Arzt zu sein. Werden in der Wiesenhain-Klinik auch Schönheitsoperationen durchgeführt?“

„Ich finde nicht, dass du eine Schönheitsoperation nötig hast.“

„Ich frage nicht meinetwegen“, erwiderte Dorothee Simonis. „Meine Cousine leidet sehr darunter, dass sie so eine große Nase hat. Ein richtiger Geierschnabel ist das – lang, gebogen, schmal und spitz. Vielleicht können Dr. Krautmann und seine Kollegen ihr helfen. Ich kann ihr ja mal einen Tipp geben, wenn ich sie wiedersehe.“

Ich wette, sie hat gar keine Cousine, dachte Sandra. Sie redet einfach nur drauflos. Wann wird sie endlich sagen, was sie wirklich loswerden möchte?

„Du hättest Oliver erlauben sollen, dich zu besuchen, als du zur Schälkur in der Wiesenhain-Klinik warst“, sagte Dotty.

Kommt sie jetzt zur Sache?, überlegte Sandra. „Warum?“, fragte sie.

„Er hatte Langeweile.“

„Ich war kein schöner Anblick.“

„Er sehnte sich nach dir“, sagte Dotty Simonis.

„Ich wollte nicht, dass er mich so sieht.“

Dotty schüttelte nachsichtig lächelnd den Kopf. „Ich habe ihn abgelenkt, während du weg warst.“

Sandra überlief es kalt. Sie starrte Dorothee Simonis mit zusammengekniffenen Augen an. „Was heißt abgelenkt?“

„Na ja, ich hab’ so einiges mit ihm unternommen, um zu verhindern, dass er trübsinnig wird.“

Sandra hörte das Blut in ihren Ohren brausen. Sie hat versucht, mir Oliver auszuspannen, während ich im Krankenhaus war!, dachte sie wütend. „Was unternommen?“, hörte sie sich heiser fragen.

„Kino. Disco. Fahrten ins Grüne …“

Sandra sah vor ihrem inneren Auge, wie Oliver mit Dotty ins Grüne hinausfuhr, dorthin, wo er mit ihr schon gewesen war. Er breitete in unserem Wald, auf unserer Lichtung unsere Decke aus, dachte sie aufgewühlt, legte sich mit ihr drauf. Ein bisschen reden, ein bisschen streicheln, ein bisschen schmusen und dann … O Gott, Oliver, wenn du mir untreu geworden bist, wenn du mich mit diesem Flittchen betrogen hast, während ich diese Prozedur in der Wiesenhain-Klinik über mich ergehen ließ, dann – dann …

„Fahrten ins Grüne“, echote Sandra, nahe daran, einen Tobsuchtsanfall zu bekommen.

Dotty nickte mit einem triumphierenden Glitzern im Blick.

„Und was noch?“, krächzte Sandra.

„Du kannst sicher sein, dass es mir gelungen ist, ihn auf andere Gedanken zu bringen.“ Dorothee Simonis stemmte eitel die Hände in die Taille. „Ich weiß, wie man das macht.“

„Hast du ihn verführt?“ Es ging fast über Sandras Kräfte, das zu fragen.

„Oliver ist ein hübscher Junge.“

„Habt ihr miteinander geschlafen?“, wollte Sandra mit vibrierender Stimme wissen.

„Ich bin eigentlich nur hier, um dir zu sagen, dass ich dir Oliver jederzeit gern abnehme, wenn du keine Verwendung mehr für ihn hast.“

„Würdest du jetzt bitte gehen“, sagte Sandra ganz leise, und sie fügte in Gedanken aggressiv hinzu: Ehe ich einen Lustmord begehe!

12. Kapitel

Sandra hätte am liebsten alles kurz und klein geschlagen, sobald sie allein war. Aber was konnte die Geschäftseinrichtung dafür, dass Dotty Simonis so ein Biest war? Dotty und Oliver … Dotty und Oliver … Dotty und Oliver …, hämmerte es pausenlos in ihrem Kopf. Es war kaum noch auszuhalten. Wenn es geholfen hätte, hätte Sandra so lange geschrien, bis sie die Stimme verlorenn hätte, aber sie wusste ganz genau, dass sie sich hinterher um nichts besser gefühlt hätte.

Dotty und Oliver… Was für eine entsetzliche Vorstellung!

Sosehr sich Sandra auch bemühte, dieser schreckliche Gedanke ließ sich nicht mehr verscheuchen. Glühenden Nadelstichen gleich bohrte er sich bedrohlich in ihr Herz und in ihre Seele und fing an, ihre Liebe zu vergiften.

Als sie das Geschäft schloss und Oliver kam, um sie abzuholen, hatte sie kaum noch die Kraft, ihm in die Augen zu sehen. Dotty und Oliver … Er saß auf seinem Motorroller. Sie hätte sich hinter ihn setzen sollen, aber dazu konnte sie sich nicht überwinden, seit sie wusste, dass das auch Dottys Platz gewesen war. Dotty und Oliver …

„Warum steigst du nicht auf?“, fragte er.

„Ich möchte zu Fuß gehen“, gab sie dumpf zurück.

Oliver grinste. „Soll ich neben dir herfahren?“

„Das brauchst du nicht.“

Oliver musterte sie irritiert. „Hast du was?“

„Ich? Wieso?“

„Geht es deiner Großmutter nicht gut?“

„Sie wird bald entlassen“, antwortete Sandra.

„Irgendetwas ist mit dir.“ Oliver betrachtete sie eingehend. „Bist du etwa sauer auf mich?“ Er schien sich das nicht vorstellen zu können, stieg von seinem Motorroller und trat auf sie zu.

„Kann schon sein.“ Sie wich zurück.

„Darf ich den Grund erfahren?“

„Mach es dir nicht so einfach. Denk nach.“

Er hob die Schultern. „Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“

„Wirklich nicht?“ Sie erdolchte ihn beinahe mit ihrem Blick.

„Wirklich nicht.“

„Dein Gewissen ist rein?“, fragte sie spröde.

„Reiner geht es gar nicht.“

„Verlogener Mistkerl!“, zischte sie. Sie konnte sich einfach nicht mehr länger beherrschen.

„He, Moment mal, würdest du mir bitte erklären …“

„Du dachtest wohl, du könntest mich für dumm verkaufen.“

„Würdest du die Güte haben, mir zu verraten, was los ist?“, fragte Oliver Wiechert nun etwas ärgerlich. „Ich weiß überhaupt nicht, worum es hier geht.“

„Es geht um Liebe. Es geht um Treue. Es geht um Vertrauen.“

„Ja? Und? Weiter. Ich höre.“

„Dotty war bei mir“, sagte Sandra bebend.

Oliver zog die Augenbrauen zusammen und nickte finster. „Langsam fange ich an zu verstehen.“

„Wir hatten ein höchst unerfreuliches Gespräch.“

„Das kann ich mir vorstellen. Was hat Dotty gesagt? Was für Lügen hat diese Hexe dir erzählt?“ Zorn ließ Olivers Wangen zucken.

„Lügen?“ Das klang skeptisch und ironisch zugleich.

„Ja, Lügen.“

„Stimmt es etwa nicht, dass du dich mit ihr getroffen hast, während ich in der Wiesenhain-Klinik war?“

„Schon, aber …“

„Ohne mein Wissen.“ Sandras Stimme klang anklagend, böse, gekränkt.

Er wand sich wie ein getretener Wurm, schien nach einer überzeugenden Erklärung zu suchen. „Sandra, ich …“

„Hinter meinem Rücken“, fiel sie ihm streng ins Wort.

„Hinter deinem Rücken.“ Er ächzte und verdrehte die Augen. „Wie das klingt.“

„Kino. Disco. Fahrten ins Grüne …“

„Naja …“

„Sieh mir in die Augen und sag mir, dass das Lügen sind, Oliver!“, verlangte Sandra hart. Er sah ihr in die Augen, sagte aber nichts. Sie nickte aufgewühlt. „Danke, diese Antwort reicht mir.“ Sie drehte sich um und wollte gehen.

Er griff blitzschnell nach ihrem Handgelenk und hielt sie zurück. „Merkst du nicht, was Dotty beabsichtigt? Sie will uns entzweien. Wir dürfen das nicht zulassen.“

„Sie ist scharf auf dich. Sie kann dich haben.“

„Sandra!“

Sie wollte sich aus seinem Griff befreien, doch es gelang ihr nicht. „Lass mich los.“

„Nein, Sandra.“

Ihr hübsches Gesicht verzerrte sich schmerzlich. Sie hätte ihm am liebsten einen Tritt vors Schienbein gegeben. „Du tust mir weh.“

„Du tust mir auch weh, weil du so wenig Vertrauen zu mir hast.“

„Ich habe dir vertraut, und was hast du getan? Du hast dich mit Dorothee Simonis vergnügt.“

„Ich habe mich nicht mit ihr vergnügt.“ Er atmete schwer aus. „Na schön, ich habe mich ein paarmal mit ihr getroffen, aber es war immer ganz harmlos.“

„Harmlos! Mit Dotty! Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“

„Ich schwöre es.“

„Du begehst also auch noch einen Meineid.“

„Herrgott noch mal, kann man denn kein vernünftiges Wort mehr mit dir reden?“ Er ließ endlich ihr Handgelenk los.

Sandra stürmte aber nicht davon. „Wenn die Sache wirklich so harmlos war, wie du mir weismachen möchtest – warum hast du mir dann nichts davon erzählt?“, fragte sie.

„Ich wollte nicht, dass du irgendwelche falschen Schlüsse daraus ziehst.“

„Da hast du es mir lieber verschwiegen.“ Sie rieb sich ihr gerötetes Handgelenk.

„Ich weiß doch, was du von Dotty hältst.“

„Warum hast du dich ausgerechnet mit ihr getroffen?“

Oliver zuckte die Schultern. „Es hat sich so ergeben.“

„Hast du im Ernst geglaubt, ich würde nie davon erfahren?“

„Na schön, ich habe einen Fehler gemacht …“

„Sie gefällt dir, gib’s zu!“, verlangte Sandra.

„Sie ist nicht hässlich, aber …“

„Sie ist stolz darauf, dass sie jeden Mann herumkriegt.“

„Sandra, ich versichere dir, es war nichts zwischen Dotty und mir. Das musst du mir glauben.“

Ihre Lippen wurden so schmal wie zwei aufeinandergelegte Messerklingen. „Sie sagte: ‚Du kannst sicher sein, dass es mir gelungen ist, ihn auf andere Gedanken zu bringen.‘ Wie würdest du das an meiner Stelle auslegen?“

„Wahrscheinlich genauso falsch wie du“, gab Oliver Wiechert zerknirscht zu.

Sie senkte den Blick, und ihre Augen glänzten feucht, als sie sagte: „Ich kann dir nicht mehr vertrauen, Oliver. Es tut mir leid.“

Er wurde blass und musterte sie nervös. „Und was nun?“

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

„Willst du nichts mehr von mir wissen? Lässt du mich stehen? Ist unsere Beziehung zu Ende?“

Ihr tat das Herz entsetzlich weh. „Ich weiß es nicht“, wiederholte sie.

„Wer soll es sonst wissen, wenn nicht du?“

„Ich – ich bin so schrecklich durcheinander, Oliver. Ich bin so wahnsinnig enttäuscht von dir.“

„Ich kann dir nur noch einmal versichern: Ich habe nichts getan.“

„Du warst nicht ehrlich zu mir, hast mir etwas verschwiegen“, sagte Sandra tonlos. „Ich komm’ da nicht drüber hinweg.“

„Liebst du mich denn nicht mehr?“

Sie sah ihn an. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich würde nicht so leiden, wenn ich dich nicht liebte.“

Er machte einen Schritt auf sie zu. „Dann lass uns doch …“

Sie hob abwehrend die Hände und schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Nein, Oliver. Bitte tu das jetzt nicht. Damit machst du alles nur noch schlimmer.“

„Was schlägst du also vor? Eine Beziehungspause? Ist es das, was du willst?“

„Ich glaube ja.“

„Darüber wird sich Dotty mächtig freuen“, knurrte Oliver grimmig.

13. Kapitel

Sandra verbrachte eine grauenvolle Nacht mit vielen Albträumen. Immer wieder sah sie Dotty mit Oliver, und die beiden machten sich lustig über sie, verspotteten sie und lachten sie aus. Es war ihr unmöglich, zu glauben, dass zwischen Dorothee Simonis und Oliver Wiechert nichts vorgefallen war. Sie kannte schließlich Dotty – und Oliver war ein Mann, dem weibliche Reize noch nie gleichgültig gewesen waren.

Je intensiver sie darüber nachdachte, desto überzeugter war sie davon, dass hinter dem Ganzen mehr steckte, als Oliver zugeben wollte. Und das schrie nach Rache. Ich kann Oliver – wenn überhaupt – erst vergeben, wenn ich es ihm heimgezahlt habe, sagte sie sich.

Am schmerzlichsten würde es ihn mit Sicherheit treffen, wenn sie sich auf einen heißen Flirt mit Karsten Rüge einließ. Bisher war sie für Karsten tabu gewesen, doch wie würde er sich verhalten, wenn er merkte, dass sie mit Oliver Wiechert nicht mehr zusammen war?

Damit Karsten sich für sie interessierte, wollte sie ihm mit sportlichen Leistungen imponieren. Er mochte sportive Mädchen ganz besonders gern. Da war doch dieser Ausritt, den Karsten organisieren wollte. Bei dieser Gelegenheit würde sie beginnen, ihn zu umgarnen. Oliver muss leiden, dachte Sandra, erfüllt von glühenden Revanchegelüsten. Er muss genauso leiden wie ich.

Die Clique merkte sofort, dass es zwischen Sandra Falkenberg und Oliver Wiechert nicht mehr stimmte. Auch Lisa und Julian Krautmann blieb es nicht verborgen, und Lisa sagte zu ihrem Zwillingsbruder: „Sandra scheint erfahren zu haben, dass Oliver sich die Zeit mit Dotty vertrieben hat, während sie zur Schälkur war.“

„Von wem?“, fragte Julian.

„Ich kann dir nur sagen, von wem nicht: Von mir.“

„Von mir hat sie’s auch nicht“, sagte Julian.

„Dotty ist natürlich höchst zufrieden mit dieser Entwicklung.“

Julian nickte. „Das ist klar.“

„Ich begreife sie nicht. Warum ist sie bloß so?“

Julian zuckte die Schultern. „Niemand kann raus aus seiner Haut. Jeder ist, wie er ist.“

Natürlich fiel auch Karsten Rüge auf, dass Sandra und Oliver mehr oder weniger getrennte Wege gingen und nur noch in der Clique mit allen andern zusammen waren.

Ohne irgendeinen Hintergedanken fragte er: „Hör mal, Oliver, ist es zwischen dir und Sandra aus?“

Olivers Miene wurde sofort hart und verschlossen. „Warum willst du das wissen?“

„Nur so.“ Karsten Rüge grinste. „Ich bin ein neugieriger Mensch.“

Oliver zog die Augenbrauen zusammen. „Interessierst du dich für Sandra?“

„Würde dich das stören?“

„Sehr sogar.“

„Was ist passiert?“, erkundigte sich Karsten.

„Ich möchte nicht darüber reden.“

Karsten hob die Hände. „Okay. Es ist eure Sache.“

„Ich wäre dir dankbar, wenn du deine Finger von Sandra ließest.“

Karsten nickte lächelnd. „Ich hab’s zur Kenntnis genommen.“

14. Kapitel

Sandra Falkenberg bemühte sich um das Gegenteil. Sie ließ nichts aus, um Karsten Rüge für sich einzunehmen, und je mehr sie in dieser Hinsicht unternahm, desto aktiver wurde Dorothee Simonis, um Oliver Wiechert einmal mehr zu „trösten“, was wiederum dazu führte, dass Sandra sich noch mehr in Szene setzte, wenn Karsten Rüge in der Nähe war. Die Spirale drehte und drehte sich. Ein Ende war nicht abzusehen.

Mittlerweile rückte der Tag von Anette Falkenbergs Entlassung immer näher, und schließlich sagte Dr. Florian Krautmann zu ihr: „Morgen dürfen Sie nach Hause gehen, aber ich hoffe, Sie sind so vernünftig, sich noch eine Weile zu schonen.“

„Keine Sorge, Herr Doktor“, erwiderte die Patientin, „ich werde mich schon nicht überfordern. Ich weiß, was ich mir zumuten darf. Ein paar Stunden im Geschäft werden mir bestimmt nicht schaden. Ich brauche das. Nur wenn ich arbeiten kann, bin ich glücklich und bald wieder ganz gesund.“

„Ich gehe davon aus, dass Sie’s nicht übertreiben werden.“

„Darauf wird schon Sandra achten.“

Als der Klinikchef sich tags darauf von der alten Dame verabschiedete, sagte er lächelnd: „Alles Gute, Frau Falkenberg, und nehmen Sie sich vor großen Hunden in acht.“

„Beim nächsten Mal werde ich versuchen, stehenzubleiben, aber ich weiß nicht, ob es mir auch gelingen wird.“ Anette Falkenberg senkte verlegen den Blick. „Meine Angst vor Hunden ist einfach zu groß. Sie hat mich mein Leben lang begleitet. Ich werde sie wohl nie mehr los.“

„Sie könnten sich von einem guten Psychoanalytiker helfen lassen.“

„Offengestanden, ich halte von Ärzten, die den Anblick von Blut nicht ertragen, nicht viel.“ Frau Falkenberg schmunzelte. „Man sagt doch scherzhaft, Psychoanalytiker seien Ärzte, die kein Blut sehen können.“

„Die meisten von ihnen sind besser als ihr Ruf.“

„In meinen Augen ist es eine amerikanische Unsitte, andauernd zum Psychiater zu rennen“, sagte Anette Falkenberg. „Das haben wir Europäer nicht nötig.“

Auf dem Weg zum Fahrstuhl sah die alte Dame Schwester Annegret und verabschiedete sich auch von ihr.

„Alles wieder soweit in Ordnung?“, fragte die Pflegerin freundlich.

„So weit ja.“

„Sie sollten Hunden von nun an großräumig ausweichen“, bemerkte Schwester Annegret lächelnd.

„So etwas Ähnliches hat mir auch Dr. Krautmann geraten“, nickte Anette Falkenberg und gab das Lächeln zurück.

15. Kapitel

Lisa und Julian Krautmann bekamen relativ lahme Tiere. Sandra wollte unbedingt ein feuriges, temperamentvolles Pferd haben. Die kleine Gruppe wurde von Karsten Rüge angeführt.

Dorothee Simonis, die rundliche, ziemlich unsportliche Eva Schroth und der Pfennigfuchser Johannes Brauneis waren nicht dabei. Karsten war ein exzellenter Reiter, mit dem sich niemand messen konnte. Sandra Falkenberg wollte es dennoch versuchen. Sie war fest entschlossen, mit Karsten Rüge um die Wette zu reiten. Klar, dass er gewinnen würde, aber ihre Herausforderung würde ihm imponieren, und nur darauf kam es ihr an.

Es war ein wunderschöner sonniger Tag. Ein Tag zum Götterzeugen, wie Karsten soeben grinsend von sich gegeben hatte. Die Gruppe bestand aus zehn Personen, hoch zu Ross. Alle waren aufgekratzt, übermütig und bester Laune.

Julian Krautmann wandte sich an seine Schwester: „Du musst deiner klapperigen Krücke hin und wieder die Sporen geben, sonst verlieren wir dich.“

„Sieh lieber zu, dass dich dein altersschwacher Ackergaul nicht abwirft“, konterte Lisa. „Du sitzt ja jetzt schon ganz schief drauf.“

Julian reckte sich im Sattel hoch. „Ich finde, ich mache eine recht gute Figur auf diesem edlen Tier.“

Lisa betrachtete ihn belustigt. „Eigentlich hast du recht. Wie ein Ritter siehst du aus.“

„Bin ganz deiner Meinung.“

„Ein ziemlich bekannter Ritter“, sagte Lisa. „Wart mal, wie ist doch gleich sein Name? Ach ja: Don Quichote, der Ritter von der traurigen Gestalt.“

„Warum musste ich bloß als Zwilling auf die Welt kommen?“, stöhnte Julian Krautmann, konnte sich das Lachen aber nicht verbeißen.

Die Gruppe entfernte sich vom Gestüt. Karsten Rüge führte sie über große Felder, vorbei an einem stillen, idyllischen Weiher, in dessen Wasser sich die Reiter spiegelten, durch einen kleinen Wald zu weiten, sanft gewellten grünen Wiesen.

In einer Entfernung von etwa einem Kilometer stand ein großer alter Baum. „Dort machen wir Rast!“, informierte Karsten Rüge die Freunde.

Sandra Falkenberg, die die ganze Zeit neben ihm geritten war, warf ihm einen herausfordernden Blick zu. „Wer zuerst da ist.“

Karsten lachte. „Du denkst doch nicht im Ernst, du könntest mich schlagen.“

Sandra reckte keck, ihr Kinn vor. „Warum nicht?“

„Ich sitze seit meinem vierten Lebensjahr im Sattel.“

„Das wird dir heute nichts nützen, denn ich habe das schnellere Pferd“, behauptete Sandra.

„Hast du nicht.“

„Wollen wir wetten?“

„Um was?“, fragte Karsten Rüge.

„Ist mir egal. Darüber können wir nachher reden. Was ist? Nimmst du die Wette an?“

„Aber immer.“ Karsten nahm die Zügel fester in die Hand. „Ich schenke dir sogar noch einen Vorsprung von zweihundert Metern.“

„Das wird dir noch leidtun!“, rief Sandra übermütig und jagte los.

Oliver Wiechert schaute ihr mit besorgter Miene nach. In ihrem Eifer, Karsten zu gefallen, riskierte sie viel zu viel. Oliver wusste, dass sie keine besonders erfahrene Reiterin war, und er sah, dass sie weit über ihre Verhältnisse hinausging. Das ist sträflich leichtsinnig, dachte er nervös. Wenn das bloß gutgeht. Sein Herz krampfte sich zusammen. Das Mädchen ist verrückt, völlig verrückt, hallte es in ihm.

Wie eine Fahne wehte ihr aschblondes Haar hinter ihrem Kopf. Als sie sich zweihundert Meter von der Gruppe entfernt hatte, trieb Karsten Rüge seinen schönen schlanken Fuchs an. Wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil schoss das starke, prächtige Tier los. Karsten hob sich aus dem Sattel, beugte sich über den Hals des edlen Hengstes und verfolgte Sandra. Ihr Vorsprung schrumpfte.

Die Gruppe folgte den beiden in gemächlichem Trab. „Karsten reitet wie der Teufel“, sagte Julian Krautmann mit unverhohlener Bewunderung. „Er hätte Sandra selbst bei einem Dreihundert-Meter-Vorsprung noch geschlagen.“

Soeben holte Karsten Sandra ein. Sie ritten wenige Augenblicke nebeneinander, dann zog Karsten vor und jagte seinem unangefochtenen Sieg entgegen. Sandra wollte, dass dieser Sieg so dünn wie möglich ausfiel, und hetzte keuchend hinter Karsten her. Wild trieb sie ihr Pferd an, obwohl sie sich kaum noch im Sattel halten konnte.

Sie verließ sich auf ihr Glück. Es wird schon nichts passieren, dachte sie, während sie das Allerletzte aus sich und dem Tier herausholte – und dann passierte doch etwas.

Ehe sie begriff, was mit ihr geschah, flog sie im hohen Bogen durch die Luft und landete mit ungeheurer Wucht im glücklicherweise weichen Gras.

Lisa Krautmann schrie erschrocken auf. Karsten Rüge wusste nichts von Sandra Falkenbergs spektakulärem Sturz. Er erreichte soeben den Baum, das angegebene Ziel, zügelte seinen Hengst und warf triumphierend die Arme hoch.

Zu siegen machte ihm immer wieder ungeheuren Spaß, egal gegen wen. Sandra Falkenberg hatte sich mehrmals überschlagen. Sie hatte den Kopf eingezogen, und nun trübten dunkelgraue Schleier ihren Blick.

Karsten drehte sich um und sah, was passiert war. Er ritt sofort zurück. Sandra war ziemlich benommen, aber sie zwang sich, aufzustehen.

Sie wollte nicht, dass irgendjemand ihr Vorwürfe machen oder sie gar auslachen konnte. Vielleicht hätte Oliver das getan. Wenn sie aufrecht stand und behauptete, es wäre alles in Ordnung, konnte er nichts sagen, und mit ihrer Zähigkeit würde sie Karsten Rüge bestimmt Bewunderung abringen. Hufgetrappel. Rufe. „Sandra! Bist du verletzt?“

Sandra streckte die Arme hoch. „Alles okay. Es ist alles okay.“

„Der Sturz hat böse ausgesehen!“, rief Julian Krautmann.

„Ich bin in Ordnung“, behauptete das Mädchen.

„Geht es dir wirklich gut, Sandra?“, fragte Karsten Rüge. Seine Besorgnis schmeichelte ihr.

„Klar. Und ich möchte vor Zeugen festhalten, dass ich nur ganz knapp gegen dich verlorenn habe.“

Da war ein bewundernder Ausdruck in seinen Augen. Ihre zur Schau gestellte Zähigkeit imponierte ihm offensichtlich wirklich. Mädchen, du bist auf dem richtigen Weg, sagte sich Sandra.

Karsten holte ihr Pferd. Sie hatte Schmerzen beim Aufsteigen, aber das ließ sie niemanden sehen.

Oliver tauchte neben ihr auf, sah sie besorgt an und sagte vorwurfsvoll: „Du bist nicht ganz bei Trost, so wild zu reiten. Du hättest dir den Hals brechen können.“

16. Kapitel

Als die Schmerzen nach drei Tagen noch immer nicht vergangen waren, suchte Sandra Falkenberg die Wiesenhain-Klinik auf, um sich von Dr. Krautmann untersuchen zu lassen.

Er wusste von ihrem Sturz, Lisa und Julian hatten davon berichtet, und die Untersuchung ergab nun, dass Sandra sich eine Beckenprellung zugezogen hatte.

Sie lächelte schief. „Wir Falkenbergs sorgen immer wieder dafür, dass Sie was zu tun haben.“

„Sie sind ziemlich über Ihre Verhältnisse geritten“, sagte der Chefarzt sachlich. „War das wirklich nötig?“

Sandra wiegte verlegen den Kopf. „Ich war wohl ein bisschen zu übermütig.“

„Übermut tut selten gut.“

Sandra atmete erleichtert auf. „Ich hab’ mir zum Glück nichts gebrochen.“

„Lassen Sie sich beim nächsten Ausritt ein weniger feuriges Pferd geben. Eines, wie Lisa und Julian es hatten. Und versuchen Sie bitte nicht mehr, besser zu sein als euer sportlicher Supermann Karsten Rüge.“

„Ich werde es mir hinter die Ohren schreiben“, versprach Sandra, und sie lächelte dabei so, dass niemand ihr böse sein konnte. Sie hatte nicht vor, in absehbarer Zeit wieder auf ein Pferd zu steigen.

Karsten Rüge hatte zum ersten Mal so Notiz von ihr genommen, wie sie es wollte, und das genügte ihr fürs Erste. Gestern Abend, im Café, hatte er vom Fallschirmspringen geschwärmt, und sie hatte sogleich gesagt: „Das würde ich auch gern mal probieren.“

Er hatte sie überrascht gemustert. „Hast du keine Angst, aus drei-, viertausend Metern Höhe aus dem Flugzeug zu springen?“

„Hast du denn Angst?“

„Willst du dich schon wieder mit mir vergleichen?“

„Es muss ein irres Gefühl sein, so zwischen Himmel und Erde zu schweben.“

„Es ist unbeschreiblich schön.“

„Nimmst du mich mal mit?“

Er hatte kurz überlegt und dann gemeint: „Wir könnten einen Tandem Sprung machen: ein Fallschirm, zwei Personen.“

„Hört sich gut an.“

„Du müsstest mir völlig vertrauen.“

„Du wirst schon gut auf mich auf passen und mich sicher runterbringen.“

„Ich gebe dir Bescheid, wann der nächste Sprungtermin ist.“

„Okay“, hatte sie gesagt, und nun hoffte sie, dass bis dahin ihre Beckenprellung ausgeheilt war.

17. Kapitel

Auch der Tandem-Sprung blieb für Sandra Falkenberg nicht ohne Folgen sie verstauchte sich den rechten Knöchel und landete wieder in der Wiesenhain-Klinik.

Dr. Jan Balzer verpasste ihr einen Zinkleimverband, und als sie das Behandlungszimmer verließ, humpelte sie geradewegs Dr. Krautmann in die Arme.

„Sie schon wieder?“, sagte der Chefarzt überrascht. „Was haben Sie denn diesmal angestellt?“

„Den Knöchel habe ich mir verstaucht.“

„Wobei?“

„Beim Fallschirmspringen.“

Florian Krautmann schüttelte den Kopf. „Mädchen, Mädchen.“

Sandra machte ein bedrücktes Gesicht. „Ich scheine zurzeit nicht besonders gut bestrahlt zu sein.“

„Warum treten Sie nicht etwas kürzer, wenn das so ist?“

„Ich wusste es bis heute ja nicht so genau“, erwiderte Sandra.

„Sind Sie schon öfter gesprungen?“

„Heute war’s das erste Mal.“

„Und das ging gleich schief.“

„Zuerst war’s wahnsinnig aufregend und wunderschön.“ Sandras Augen leuchteten. Sie war sehr stolz darauf, dass sie sich hatte überwinden können, mit Karsten aus dem Flugzeug zu springen. Mehrere hundert Meter freier Fall. Nervenkitzel. Und die bange Frage: Wird der Fallschirm sich öffnen?

„Die Landung war dann ein bisschen hart“, sagte sie. „Vielleicht waren Karsten und ich ein bisschen zu schwer.“

„Ach, Sie sind nicht allein gesprungen?“

„Nein, es war ein Tandem-Sprung.“

„Und Oliver Wiechert?“, fragte Florian Krautmann. „Sprang der auch?“

Sandra schlug die Augen nieder. „Nein, der war nicht dabei.“

Dr. Krautmann war froh, dass Julian und Lisa nicht mitgemacht hatten. Sie mussten ja nicht überall dabei sein. Es war ihm lieber, sie stürzten sich nicht allein oder mit irgendjemandem aus so einem Flugzeug, und ihre Glieder blieben heil.

Als der Chefarzt nach Hause kam und den Zwillingen von Sandras neuerlichem Besuch erzählte, sagte Lisa ernst: „Langsam mache ich mir Sorgen um sie. Es gibt Menschen, die ziehen das Unglück regelrecht an.“

„Das glaube ich nicht“, widersprach Julian. „Jeder Mensch hat mal Glück, mal Pech.“

„Aber bei Sandra fängt das Unglück an, sich zu häufen.“

„Karsten ist nicht gut für sie“, behauptete Julian. „Ihm nacheifern, ihm imponieren zu wollen, ist nicht gut für sie“, fügte er hinzu. „Und für Oliver ist es auch nicht gut. Er tut mir leid.“

„Sie bestraft ihn für das, was er getan hat“, erklärte Lisa.

„Was hat er denn getan?“, fragte Julian.

„Er war mit Dotty zusammen, während sie bei Vati in der Klinik war“, sagte Lisa. „Wir haben die beiden selbst gesehen.“

„Ich glaube nicht, dass zwischen ihnen irgendetwas vorgefallen ist, das eine so harte Strafe rechtfertigt.“

Lisa nickte finster. „Du hältst natürlich zu Oliver.“

„Und du zu Sandra.“

„Es war nicht richtig, was Oliver getan hat“, befand Lisa.

„Er hat doch nichts getan.“

„Er hat Sandra verschwiegen, dass er sich mehrmals mit Dotty getroffen hat“, sagte Lisa, „deshalb nimmt sie an, dass mehr dahintersteckt, als er zugibt.“

„Oliver ist ein anständiger Kerl, das sollte Sandra wissen.“

„Wie lange kann ein Mann anständig bleiben, wenn Dotty es auf ihn abgesehen hat?“ Lisa wirkte sehr skeptisch.

„Diese Dotty muss ja eine ganz besonders ausgekochte Person sein“, warf Melanie Krautmann ein.

„Ausgekochter als Kim?“, meldete sich Christoph zu Wort, um seine kleine Schwester ein wenig zu ärgern.

Das Nesthäkchen der Familie Krautmann warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Weißt du, was passiert, wenn du dich gegen eine Betonmauer lehnst? Die Mauer fällt um, denn der Klügere gibt nach.“

Florian Krautmann wandte sich an die Zwillinge. „Könnt ihr Sandra Falkenberg nicht dazu bringen, Karsten Rüge auf eine etwas weniger riskante Weise zu beeindrucken?“

„Wir können es ja versuchen“, meinte Julian ohne große Hoffnung, „aber ich glaube nicht, dass es viel Sinn haben wird. Sie ist irgendwie – durchgedreht. Seit sie diese Beziehungspause eingelegt hat, ist sie nicht mehr dieselbe. Die Trennung von Oliver tut ihr nicht gut. Sie fühlt sich bestimmt sehr mies, und um dieses unangenehme Gefühl zu unterdrücken, stellt sie die verrücktesten Dinge an. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre sie high.“

Florian Krautmann wandte sich an Lisa. „Vielleicht nimmt sie eher einen Rat von dir an.“

Lisa nickte. „Ich werde mal mit ihr reden.“

Das tat sie tags darauf, zur Mittagszeit. Sie saßen in jenem kleinen Park, aus dem Bertram Harrers Benno geschossen war und Sandras Großmutter niedergestoßen hatte, auf einer Bank. Der Himmel über München war bleigrau.

„Sieht nach Regen aus“, stellte Sandra mit einem Blick nach oben fest.

„Wie geht es deinem Knöchel?“, erkundigte sich Lisa.

Sandra hob den Fuß und sah auf die Bandage. „Er hat mich letzte Nacht nicht schlafen lassen.“

„Jeder Extremismus hat seinen Preis.“

Sandra erwiderte mit strahlenden Augen: „Der Sprung mit Karsten war trotzdem ein Erlebnis. Den Knöchel kann man sich auch verstauchen, wenn man von einem Randstein runtersteigt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man sich aus dem Flugzeug stürzt, Lisa. Es ist so – als würde man sich Gott in die Arme werfen. Im vollen Vertrauen darauf, dass er dich beschützt und sanft auf die Erde niederschweben lässt. Karsten und ich waren uns dort oben so wunderbar nahe. Er hielt mich fest. Natürlich war ich auch mit Gurten gesichert. Das waren die schönsten, erhebendsten und erfüllendsten Augenblicke meines Lebens.“

Sie übertreibt, dachte Lisa. Ihr Leben wäre bisher sehr armselig gewesen, wenn das schon das Schönste und Größte für sie gewesen wäre. Sicher, ein Fallschirmsprung wird schon etwas Besonderes sein, aber zu lieben und geliebt zu werden rangiert auf der Skala der schönen Gefühle auf jeden Fall weit darüber.

„Ich dachte zuerst, ich bring’s nicht“, erzählte Sandra. „Ehrlich, mich hätte beinahe der Mut verlassen. Aber wie hätte ich vor Karsten dagestanden, wenn ich nicht gesprungen wäre? Ich musste es tun. Ich konnte nicht mehr zurück, wollte mir Karstens Spott ersparen. Erst den Mund und dann die Hose voll. Irgendetwas in der Art hätte ich sicher von ihm zu hören bekommen.“ Sie lachte. „Im Vertrauen, mir haben ganz schön die Knie geschlottert. Aber ich habe es durchgestanden, und darauf bin ich sehr, sehr stolz.“ Sie breitete die Arme aus. „Wenn du die Angst überwunden hast, wenn du gesprungen bist, wenn du dich hineinfallen lassen hast in diese große, unendliche Freiheit, ist es nur noch schön.“

Lisa schwieg eine Weile, bevor sie fragte: „Du hast dir beim Reiten das Becken geprellt, hast dir beim Fallschirmspringen den Knöchel verstaucht – was steht als Nächstes auf dem Programm?“

Sandra hob die Schultern. „Weiß ich noch nicht.“

„Es ist schwierig – um nicht zu sagen unmöglich, mit Karsten mitzuhalten.“

„Ach was, Karsten kocht auch bloß mit Wasser.“

„Warum hörst du nicht auf damit, ihm imponieren zu wollen?“, fragte Lisa.

Sandra lachte übertrieben fröhlich. „Ich habe noch gar nicht richtig damit angefangen.“

„Du bringst dich immer wieder in Gefahr.“

„Ich finde langsam Gefallen daran, die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit zu suchen.“

„Das kann auch mal ins Auge gehen“, warnte Lisa. „Das muss nicht immer nur mit einer Beckenprellung oder einem verstauchten Knöchel abgehen.“

„Du ahnst nicht, welch irre Gefühle solche Nervenkitzel auslösen“, sagte Sandra unbeeindruckt. „Da jagt so viel Adrenalin durch deine Adern, dass du davon völlig berauscht bist.“

Lisa schaute auf Sandras bandagierten Knöchel. „Wäre schön, wenn du in Zukunft etwas besser auf dich aufpassen würdest. Mein Vater und seine Kollegen haben auch ohne dich genug zu tun.“

„Ich werde Gymnastik machen, um besser in Form zu kommen. Meine Gelenke sind etwas eingerostet. Das erhöht die Unfallgefahr. Einem durchtrainierten Menschen passiert viel weniger. Solange ich mit – mit Oliver …“ Sie schien Probleme damit zu haben, diesen Namen in den Mund zu nehmen. „… zusammen war, habe ich in der Richtung nicht allzu viel getan, das muss ich nun nachholen.“

„Wie lange willst du Oliver noch leiden lassen?“

„Mal sehen.“

„Er liebt dich.“

Sandra lächelte ironisch. „Er liebt mich. Er liebt Dotty Simonis. Er liebt jedes hübsche Mädchen.“

„Und was empfindest du im Augenblick für ihn?“, fragte Lisa. „Ich bin dabei, mich der Umklammerung meiner übertriebenen Liebe zu entledigen. Ich war davon ja geradezu überwuchert, war von ihr regelrecht zugedeckt, konnte nichts mehr sehen, nicht mehr richtig atmen, nicht mehr klar denken. Ich möchte mich von diesem üppigen Schlinggewächs befreien und mein Auge endlich wieder für die Realität schärfen.“

„Ist Karsten Rüge denn die Realität für dich?“, erkundigte sich Lisa.

Sandra warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stand auf. „Ich muss gehen.“

„Lass Oliver nicht länger leiden, Sandra.“ Lisa erhob sich ebenfalls.

Sandra lächelte kühl. „Hat er dich zu seiner Fürsprecherin auserkoren?“

„Nein. Ich bin zu dir gekommen, weil ich mir Sorgen um dich mache.“

„Das brauchst du nicht. Ich bin wie eine Katze: Ich habe sieben Leben und falle immer auf die Pfoten.“

„Und manchmal verstauchst du dir eine Pfote“, sagte Lisa sarkastisch.

„Ich werde bald so fit sein, dass so etwas nicht mehr vorkommen kann“, behauptete Sandra, verließ humpelnd mit Lisa den kleinen Park – und die ersten Regentropfen fielen vom dunklen Himmel.

18. Kapitel

„Ich habe Sandra ins Gewissen geredet“, berichtete Lisa, als ihr Vater am Abend heimkam. Es regnete noch immer, und zwischendurch flammten grelle Blitze auf und ließen schmetternde Donner die Krautmannsche Villa erbeben.

„Und?“, fragte Florian Krautmann neugierig. „Hat es genützt?“

„Nicht sofort“, antwortete Lisa. „Das muss sich jetzt erst mal langsam setzen, muss in Ruhe durch ihren eingebauten Filter sickern. Wir werden sehen, wie viel sie von dem, was ich gesagt habe, durchlässt. Wenn es nicht genug ist, werde ich sie mir in ein paar Tagen noch mal vornehmen.“

Ein gleißender Blitz. Ein brüllender Donner. In der Küche gab es Scherben. Und nach dem Klirren machte sich Cäcilie wütend Luft: „Himmelsakraherrschaftszeitennochmal!“ Florian Krautmann schmunzelte. „Dicke Luft in der Küche. Da geht jetzt besser keiner von uns rein.“

„Verrecktes Gewitter, verrecktes!“, schimpfte Cäcilie, ohne wohl zu ahnen, dass sie im ganzen Haus zu hören war.

„Sie hat Angst vor Gewittern“, grinste Christoph.

„Aber das würde sie niemals zugeben“, bemerkte Julian.

„Ich hoffe, ihr seid alle so taktvoll und zieht sie nicht auf“, wandte sich Melanie Krautmann an ihre Kinder.

„Ich finde, es ist keine Schande, sich vor Gewittern zu fürchten“, sagte Kim bedrückt.

„Du würdest ja selbst am liebsten unter den Tisch kriechen“, stänkerte Christoph, doch sie machte ihm nicht die Freude, etwas zu erwidern.

„Im Haus fürchte ich mich nicht“, sagte Lisa. „Aber ganz allein auf einem Feld, in Gottes freier Natur, möchte ich jetzt nicht sein.“

„Pst, sie kommt“, zischte Kim, als die Wirtschafterin die Küche verließ.

„Hat es vorhin in der Küche geklirrt, Cäcilie?“, fragte der vierzehnjährige Christoph scheinheilig.

„Christoph!“ Melanie Krautmann sah ihn streng an und schüttelte den Kopf.

Die Haushälterin wandte sich an sie. „Diese alte Suppenterrine – die mit dem Sprung … Jetzt ist sie ganz hin.“

Melanie winkte ab. „Ist nicht so schlimm, Cäcilie. Wir wollten sie ohnedies bereits ausmustern.“

„Jetzt fiel sie der natürlichen Auslese zum Opfer“, bemerkte Julian, und seine Zwillingsschwester hatte Mühe, ernst zu bleiben.

19. Kapitel

„Ich liebe Gewitter“, sagte Dorothee Simonis zur selben Zeit am Fenster stehend zu Oliver Wiechert. Sie befanden sich bei ihm. Dotty hatte ohne Voranmeldung an seiner Tür geschellt und sicherheitshalber eine Flasche Wodka mitgebracht. Draußen konnte es ruhig nass sein, aber drinnen wollte Dotty nicht auf dem Trockenen sitzen. „Das Aufflammen der Blitze, das Krachen der Donner, das Rauschen des Regens“, schwärmte sie. „Da zeigt die Natur dem Menschen ihre gewaltige Kraft, lässt ihn erkennen, wie klein und schwach er, der glaubt sich die Erde nach dem Willen unseres Schöpfers untertan machen zu können, doch eigentlich ist. Diese ungeheure Energie beeindruckt mich immer wieder.“

Oliver trat hinter sie. Er war beschwipst. Sie waren beide beschwipst. „Hast du gewusst, dass die meisten Blitze nach oben gehen?“, sagte er und legte die Arme um sie.

Dotty schmiegte sich sofort an ihn. „Nach oben?“

„Vier von fünf“, sagte Oliver.

„Das wusste ich nicht.“

„Also hast du wieder was dazugelernt“, raunte er ihr ins Ohr.

„Ich lerne gern dazu“, gab sie sanft zurück. „Ich bin sehr wissbegierig.“

Er lachte leise. „Neugierig nennt man das bei euch Frauen.“

„Macho.“ Sie drehte sich in seiner lockeren Umarmung um, und plötzlich waren sich ihre Augen, ihre Nasen und ihre Lippen gefährlich nahe. Dotty seufzte sehnsüchtig. „Ich glaube, ich möchte jetzt von dir geküsst werden, Oliver.“

Sein Mund betupfte ihre warmen, sinnlichen Lippen, sein Herzschlag beschleunigte sich, und ein süßer, wilder Rausch bemächtigte sich seiner.

Manchmal entgleiten einem die Dinge, obwohl man es eigentlich nicht will. Oliver hatte nichts beabsichtigt und nichts geplant. Es passierte einfach. Fast ohne sein Zutun.

Seine Hände strichen über ihren schlanken Rücken, sein Atem klang tief und rasselnd. Blitz, Donner, Regen – er nahm nichts mehr davon wahr.

Ein zufriedenes triumphierendes Lächeln lag auf Dottys schönem Gesicht. Endlich hatte sie Oliver soweit! Die Bastion, die ihren raffinierten Verführungskünsten so lange standgehalten hatte, war gestürmt, überrannt, es gab sie nicht mehr. Kapitulation! Sieg! Dottys Herz jubelte. Wieder einmal hatte sich gezeigt, dass kein noch so starker Mann die Kraft hatte, ihr auf Dauer zu widerstehen.

Oliver war so stürmisch, dass sie ihr Kleid lieber selbst auszog, damit er es ihr nicht vom Leib riss. Sie landeten in seinem Bett.

Auf nichts anderes hatte Dorothee Simonis seit Wochen zielstrebig hingearbeitet. Einmal hätte sie beinahe aufgegeben, weil Oliver Wiechert nicht anbeißen wollte, doch nun war sie froh, dass sie nicht das Handtuch geworfen hatte. Das Ziel war erreicht!

Ein Blitz. Ein Donner. Das Haus dröhnte und bebte. Es schien so, als wollte der Himmel den jungen Mann wachrütteln, und er hatte Erfolg damit, denn plötzlich zerrissen die roten Schleier in Olivers Kopf, er konnte wieder vernünftig denken und klar sehen – und er sah Dorothee Simonis. Nackt! In seinem Bett! Und er dachte: Mein Gott, was tue ich?

Er sprang entsetzt auf und stürzte aus dem Schlafzimmer. So etwas war Dotty noch nie passiert. Sie starrte fassungslos auf die Tür, die hinter Oliver zugefallen war. Sie hörte ihn draußen schluchzen. Liebe Güte, was ist denn das für eine Memme?, dachte sie verächtlich. Ist die Möglichkeit, mit mir zu schlafen, wirklich so zum Heulen?

Beleidigt, gekränkt, gedemütigt, erbost und enttäuscht zog sie sich an. Was habe ich falsch gemacht?, fragte sie sich gereizt. Bin ich über Nacht so abstoßend hässlich geworden, dass alle Männer die Flucht ergreifen, wenn sie mich sehen?

Als sie aus dem Schlafzimmer trat, zuckte Oliver wie unter einem Peitschenschlag zusammen. Rasch wischte er sich die Tränen ab, dann drehte er sich um.

„Angst vor der eigenen Courage gekriegt, wie?“, fragte Dorothee Simonis spöttisch.

„Entschuldige, Dotty.“

„Du bist ein Waschlappen, Oliver Wiechert“, sagte sie verächtlich.

„Es tut mir leid.“

„Ja, mir auch. Dass ich meine Zeit mit dir vertrödelt habe. Ich hätte wissen müssen, dass du’s nicht wert bist.“

„Dotty, ich wollte dich nicht beleidigen.“

„Ach, vergiss es. Noch mal passiert mir eine solche Pleite nicht, das weiß ich. Du wirst demnächst ziemlich in der Luft hängen und alt aussehen, mein Lieber. Sandra wird mit Karsten ins Bett hüpfen – und du?“ Dorothee Simonis zuckte die Schultern. „Dein Problem, nicht wahr? Mich geht das nichts mehr an. Ich habe dich bereits mit einem ganz dicken Stift von meiner Wunschliste gestrichen. Ciao.“

Sie verließ die Wohnung, und am lauten Knall der zuschlagenden Tür war zu erkennen, wie wütend sie noch immer war.

20. Kapitel

Er rief sie am nächsten Morgen an, um sich noch einmal zu entschuldigen. Das Gewitter war längst abgezogen, es schien wieder sporadisch die Sonne. Dotty wirkte kalt und abweisend, schien über die schmachvollste Niederlage ihres jungen Lebens noch nicht hinweggekommen zu sein. Ihr Selbstwertgefühl hatte zum ersten Mal schwer gelitten, und das konnte sie Oliver Wiechert nicht so schnell verzeihen.

„Tut mir leid, Dotty“, sagte er kleinlaut.

„Du wiederholst dich“, gab sie spröde zurück.

„Was soll ich sonst sagen, als dass ich bedauere …“

„Leg eine andere Platte auf.“

„Ich kann mir vorstellen, wie dir jetzt zumute ist“, sagte Oliver.

„Ach, kannst du das?“ Ihre Stimme klang frostig und höhnisch.

„Ja, und deshalb möchte ich, dass du weißt, dass mein unmögliches Verhalten gestern Abend nichts mit dir zu tun hat. Mit dir persönlich, meine ich. Ich habe absolut nichts gegen dich. Ich mag dich. Ehrlich. Du bist eine wunderschöne, begehrenswerte Frau. Ich rede nicht irgendwelchen Schmus, um dir bloß schönzutun. Ich meine es wirklich so, wie ich es sage. Ich schäme mich für mein idiotisches Benehmen, und – ich würde das gerne irgendwie wiedergutmachen.“

„Wie denn? Indem du noch mal einen Anlauf nimmst? Nicht mit mir, mein Bester. Ich bin von dir kuriert. Ich möchte so eine Pleite nicht noch mal erleben. Weißt du, was dein Problem ist, Oliver Wiechert? Du stehst dir selbst im Weg, kannst nicht über deinen Schatten springen. Damit wirst du dir noch eine Menge Frust einhandeln, aber das berührt mich nicht mehr. Du hattest deine Chance, und du warst so dumm, sie nicht zu nützen. Das war’s dann also.“ Sie legte ohne ein weiteres Wort auf.

Er ließ den Hörer langsam sinken und murmelte deprimiert: „Du hast recht, Dotty, ich bin ein Vollidiot. Wenn Blödheit prämiert würde, bekäme ich den ersten Preis. Garantiert unangefochten würde ich einen solchen Wettbewerb gewinnen.“

21. Kapitel

Als Sandra Falkenbergs Knöchel wieder in Ordnung war, beschloss die Clique fürs kommende verlängerte Wochenende – der Montag war ein Feiertag eine Alpen-Wanderung, ausgehend irgendwo vom Königssee.

„Alle nehmen sich so viel wie möglich zu essen und zu trinken mit, damit der Ausflug nicht zu teuer wird“, sagte Johannes Brauneis, der Pfennigfuchser, „und geschlafen wird im Zelt, okay?“

„Einverstanden“, sagte Eva Schroth, die diesmal auch dabei sein wollte. Sie mampfte Gummibärchen. Einmal hatte sie die Tüte kreisen lassen, doch niemand hatte zugelangt. Das war ihr ganz recht. So blieb wenigstens für sie mehr.

„Ich kenne eine traumhaft schöne Route“, sagte Karsten Rüge.

„Extrem steil?“, erkundigte sich die rundliche Eva.

„Aber nein“, erwiderte Karsten. „Das schafft jeder.“

„Wenn er eine Gämse ist“, grinste Julian Krautmann.

Karsten Rüge, von dem der Tourenvorschlag gekommen war, breitete eine Wanderkarte auf dem Tisch aus, nachdem er die Freunde gebeten hatte, alle Gläser und Flaschen wegzuräumen. Er zeigte ihnen die Strecke, die sie zurücklegen würden. Es gab zwar einige schwierige Passagen zu überwinden, doch wem diese zu beschwerlich waren, konnte sie auch auf einem etwas leichteren, allerdings auch etwas längeren Pfad umgehen.

Was für Sandra natürlich nicht infrage kam. Da, wo Karsten ging, wollte auch sie gehen. Egal, wie steil es den Berg hinauf ging. Selbst wenn Karsten eine Felswand hochklettern sollte, würde sie ihm folgen, denn sie fand, dass sie Oliver noch immer nicht genug bestraft hatte.

Lisa Krautmann erriet Sandra Falkenbergs Gedanken, und sie nahm sich vor, während der Alpenwanderung erneut auf die sture Freundin einzuwirken. Es musste doch möglich sein, Sandra und Oliver wieder zusammenzubringen!

Lisa fiel auch auf, dass Dorothee Simonis und Oliver Wiechert sich tunlichst mieden. Die beiden redeten kein Wort mehr miteinander, und Lisa fragte sich, was wohl zu dieser positiven Entwicklung geführt haben mochte.

Während die Krautmann-Zwillinge am darauffolgenden Tag Vorbereitungen für das bevorstehende Wochenende trafen, hatten Sandra Falkenberg und ihre Großmutter einen Gerichtstermin. Anette Falkenberg war sehr nervös. Die Erinnerung an das Erlebnis mit Bertram Harrers Hund machte ihr ziemlich zu schaffen. Wie Schlamm in einem klaren See wurde ihre Angst wieder aufgewühlt, als sie mit zitternder Stimme erzählte, wie es ihr damals ergangen war.

Das Gericht verurteilte den uneinsichtigen Hundebesitzer nach Paragraf zweihundertdreißig des Strafgesetzbuches wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von neunzig Tagessätzen zu je hundert Euro, also neuntausend Euro, und sprach Anette Falkenberg Schadenersatz und Schmerzensgeld in Höhe von insgesamt siebenundfünfzigtausend Euro zu.

Obwohl das ein angemessenes Trostpflaster war, hätte die alte Dame lieber darauf verzichtet und kein so böses Erlebnis mit Harrers Benno gehabt.

Vor dem Gerichtsgebäude sagte Dr. Axel Lieskow nach der Verhandlung zu Anette Falkenberg und ihrer Enkelin: „Wir hatten einen gerechten Richter und können mit dem Urteil sehr zufrieden sein.“

„Dieser Harrer bildet sich nach wie vor ein, sich nichts zuschulden kommen lassen zu haben“, meinte Sandra kopfschüttelnd.

„Es gibt Menschen, die bilden sich ein, immer im Recht zu sein“, bemerkte Dr. Lieskow.

Bertram Harrer kam mit grimmiger Miene aus dem Haus und eilte zornig davon. Anette Falkenberg sah ihm nach und sagte: „Diese Verurteilung sollte ihm eine Lehre sein.“

„Er wird seinen wilden Hund von nun an an der Leine führen, darauf können Sie sich verlassen“, erwiderte Axel Lieskow, „weil er sich nämlich noch so eine kostspielige Verurteilung nicht leisten kann.“

„Glauben Sie, er wird das Urteil anfechten?“, fragte Sandra.

Der Anwalt schüttelte den Kopf. „Davon wird ihm sein Rechtsbeistand mit Sicherheit abraten, weil die nächsthöhere Instanz den Schuldspruch lediglich bestätigen würde. Eine Berufung würde die Angelegenheit für Bertram Harrer nur unnötig verteuern.“

Anette Falkenberg gab ihm die Hand. „Danke für Ihre Hilfe, Dr. Lieskow.“

„War mir ein Vergnügen, Sie zu vertreten“, gab Axel Lieskow freundlich lächelnd zurück. Er wandte sich an Sandra: „Lisa Krautmann hat mir von einer tollen Alpenwanderung erzählt.“

„Ja“, nickte Sandra mit strahlenden Augen, „am Freitag geht es los. Ich freue mich schon sehr darauf.“

„Ich wünsche Ihnen und der gesamten Clique viel Spaß und schönes Wetter.“

„Danke.“

„Und Ihnen speziell keine Verstauchung, keine Verrenkung und keine Prellung“, fügte Dr. Axel Lieskow schmunzelnd hinzu.

Sandra lachte. „Ich habe vor, besser als bisher auf mich achtzugeben.“

„Das kann auf keinen Fall schaden.“ Dr. Lieskow deutete eine Verbeugung an. „Sie müssen mich jetzt leider entschuldigen, meine Damen. Ich muss zurück in die Kanzlei.“

„Der nächste Klient wartet“, sagte Anette Falkenberg.

„So ist es“, bestätigte der vielbeschäftigte Anwalt.

„Ein schwieriger Fall?“, fragte Sandra.

„Sagen wir, er hat seine Tücken“, lächelte der Rechtsanwalt, „aber gerade das macht die Sache für mich reizvoll.“

22. Kapitel

Melanie Krautmann überhäufte die Zwillinge mit vielen gut gemeinten Tipps. Lisa und Julian wechselten immer wieder belustigte Blicke. „Vergesst nicht, warme Sachen einzupacken.“ – „Esst reichlich, um bei Kräften zu bleiben.“ – „Nehmt genug zu trinken mit.“ – „Sonnenschutzmittel nicht vergessen.“ – „Vergewissert euch, dass eure Schlafsäcke in Ordnung sind.“ – „Nehmt Seife und Handtücher mit.“ – „Mit einer Hirschtalcreme vermeidet ihr, dass ihr Blasen an den Füßen bekommt.“

„Mutti“, sagte Julian grinsend.

„Hat auch jeder eine Kopfbedeckung?“, fuhr Melanie Krautmann fort.

„Mutti!“, sagte Julian etwas lauter.

„Zahnbürsten, Reisenähzeug, für den Fall, dass eure Kleidung zerreißt …“

„Mutti, du hast es nicht mit Kim und Christoph zu tun“, erwiderte Julian eindringlich. „Lisa und ich sind erwachsen.“

„Seit wann darf eine Mutter ihren erwachsenen Kindern keinen Rat mehr geben?“, fragte Melanie Krautmann leicht verschnupft.

Lisa legte ihr den Arm um die Schultern. „Bitte sei nicht böse, Mutti, aber wir kommen wirklich auch allein zurecht.“

„Außerdem sind wir doch nur übers Wochenende weg“, sagte Julian.

„Montagabend sind wir wieder zu Hause“, fügte Lisa hinzu.

„Wohlbehalten und in gesunder Frische“, meinte Julian lächelnd.

„Das hoffe ich“, sagte Melanie.

Julian grinste breit. „Du kannst mich beim Wort nehmen.“

„Sollte irgendetwas Unvorhergesehenes passieren oder solltet ihr Hilfe brauchen, ruft ihr an, ja?“, bat Melanie.

„Machen wir“, nickte Julian schmunzelnd.

Melanie gab ihm einen Klaps auf die Hand. „Ja, ja, lacht nur über mich. Ihr werdet mich erst verstehen, wenn ihr selbst Kinder habt.“

23. Kapitel

Das Wetter hätte nicht schöner sein können, als die Clique mit vier Autos München in Richtung Berchtesgaden verließ, und es versprach auch so zu bleiben. Die Stimmung war, abgesehen von den Spannungen zwischen Sandra Falkenberg, Dorothee Simonis und Oliver Wiechert, sehr gut. Lisa und Julian Krautmann hatten Eva Schroth und Johannes Brauneis im Wagen. Sie sangen während der ganzen Fahrt fröhliche Wanderlieder, und jedes Mal, wenn Eva ihre leckeren, mit Haselnusscreme gefüllten Butterkekse anbot, nahm Johannes sich gleich zwei.

Der wird bestimmt mal sehr reich werden, dachte Julian belustigt. Aber er wird nichts von seinem vielen Geld haben, weil er auf jedem Pfennig sitzt wie die Glucke auf dem Ei und nicht bereit ist, etwas von seinem mit beispielloser Besessenheit gehorteten Schatz auszugeben. Nichts gegen Sparsamkeit, aber bei Johannes artet sie allmählich in Geiz aus.

Bei Berchtesgaden verließen sie die Autobahn und fuhren dem mächtigen Massiv des Watzmann entgegen. Karsten Rüge führte die Clique zum Ausgangspunkt der Wanderung. Die Fahrzeuge wurden abgestellt, die Rucksäcke geschultert, und dann ging es auf Schusters Rappen weiter. Karsten marschierte voran, und Sandra gab sich Mühe, mit ihm Schritt zu halten.

„Tut gut, sich in Gottes freier Natur mal so richtig auszuarbeiten, nicht wahr?“, sagte Julian Krautmann zu seiner Schwester.

„Karsten legt ein beachtliches Tempo vor“, erwiderte Lisa.

„Kommst du nicht mit?“

„Ich schon, aber Eva ist nicht so sportlich. Wir werden sie verlieren, wenn wir nicht ein bisschen mehr Rücksicht nehmen.“

„Jeder geht sein Tempo“, sagte Julian. „Von Zeit zu Zeit wird gerastet, und wenn alle wieder beisammen sind, geht es weiter.“ Er schaute zurück.

Johannes ging neben Eva. Sie war also nicht allein. Die Wanderung spielte sich so gut ein, dass selbst die unsportliche Eva Schroth nicht überfordert wurde.

Die Bergwelt zeigte sich der Clique von ihrer faszinierendsten Seite, und der Ausflug war für alle von Anfang an ein wunderschönes Erlebnis. Am Abend wurden die Zelte aufgeschlagen, alle setzten sich um eine kleine, aus Steinen gebildete Feuerstelle, und während das trockene Holz knisternd und knackend brannte, spielte Karsten Rüge auf einer Mundharmonika alle Lieder, die man von ihm hören wollte.

Als sie am nächsten Morgen ausgeruht und bester Dinge die Wanderung fortsetzten, wurde der Berg bald felsiger und schroffer. Sie sahen Gämsen, und Julian Krautmann schoss ein paar Fotos von den schönen Tieren.

Nach etwa zwei Stunden sagte Karsten: „Jetzt teilt sich der Weg. Rechts schlängelt er sich in vielen Windungen gut gesichert und völlig risikolos zum Bärenloch hinauf, links geht es über scharfes Geröll, schmale Steige und steile Leitern direkt zum selben Ziel hoch. Das ist beschwerlich und gefährlich, deshalb möchte ich jedem, der so einen Weg noch nie gegangen ist, davon abraten, mitzukommen. Nebenbei bemerkt sollte man auch schwindelfrei sein, wenn man sich für diese selektive Route entscheidet.“

„Ich komme mit!“, sagte Sandra Falkenberg sogleich und warf Oliver Wiechert einen trotzigen Blick zu.

„Ich auch“, sagte Oliver.

„Ich auch“, sagte Julian Krautmann.

„Okay“, nickte Karsten Rüge. „Wir treffen uns in drei Stunden in der Bärenlochhütte.“

„Kann man dort oben auch selbst Mitgebrachtes verzehren?“, erkundigte sich Johannes Brauneis.

„In der Hütte nicht, aber wenn du dich davor hinsetzt, kann es dir der Wirt nicht verbieten“, antwortete Karsten.

„Bist du sicher, dass du dich für die richtige Route entschieden hast?“, fragte Lisa Krautmann ihren Bruder. Sie war ein wenig in Sorge um ihn.

Julian grinste. „In mir schlummert ein kleiner Louis Trenker, weißt du das nicht?“

„Nein, das ist mir neu. Gut, dass Mutti nichts von deinem Hang zum Extremen weiß, sonst hätte sie zu Hause keine ruhige Minute mehr.“

„Hoffentlich verirren wir uns nicht ohne dich, Karsten“, sagte Dotty Simonis.

„Das ist nicht möglich, denn es führt nur dieser eine Weg zur Bärenlochhütte hinauf“, erwiderte Karsten Rüge, und kurz darauf trennte sich die Gruppe.

„Willst du nicht doch lieber mit mir kommen?“, rief Lisa ihrem Zwillingsbruder nach.

Julian schüttelte den Kopf. „Wir sehen uns oben. Bis in drei Stunden, Schwesterherz.“

Karsten Rüge schlug den beschwerlichen Weg ein, Sandra Falkenberg folgte ihm, hinter ihr ging Julian Krautmann, und Oliver Wiechert war das Schlusslicht.

Der Pfad querte eine steile Geröllhalde und stieß gegen eine steile Felswand. Karsten zwängte sich durch eine schmale Spalte, die andern folgten ihm, und weiter ging es über einen schmalen Grat.

Ein kalter Wind blies ihnen ins Gesicht, und Julian kam sich manchmal wie ein Seiltänzer vor. Nicht nach unten sehen!, sagte er sich mit einem flauen Gefühl in der Magengrube. Nicht nach unten sehen!

Und er war voller Bewunderung für Sandra Falkenberg. Sie schien mehr Mut als er zu haben und kam überall problemlos mit. Sandra war wirklich sehr tüchtig, aber auch sehr rachsüchtig, denn sie ließ Oliver immer noch leiden.

Nachdem sie die Gratwanderung gut hinter sich gebracht hatten, erklommen sie rostige Eisensprossen, aber es gab nicht immer Sprossen, die ihnen den Aufstieg erleichterten.

Manchmal mussten sie auch über nackten Fels klettern, und das war zeitweise ziemlich kräfteraubend, beschwerlich und riskant. Natürlich nicht für Karsten Rüge. Der turnte die Felswand hoch, als hätte er noch nie etwas anderes gemacht. Aber Sandra, Julian und Oliver stießen immer wieder auf Schwierigkeiten, von denen sie nicht auf Anhieb wussten, wie sie diese meistern sollten.

„Passt auf das Moos hier auf!“, warnte Karsten die Freunde. „Da kann man sehr leicht abrutschen!“

Er kraxelte die Wand hoch, als gäbe es die Schwerkraft für ihn nicht. Sandra hatte nun doch einige Mühe, ihm zu folgen. Die Klettertour dauerte schon zu lange und hatte ihr mehr Kraft abverlangt, als sie zugeben wollte.

Da war die moosige Stelle. Sandra suchte daneben Halt, setzte den rechten Fuß auf einen lockeren Stein, und als sie ihn belastete, brach er aus der Wand.

Ihr war, als würde ihr ein Eissplitter ins Herz fahren. Erschrocken suchte sie nach einer Möglichkeit, sich festzuhalten, riss sich die Finger an schroffen Kanten blutig und stürzte grell aufschreiend ab …

24. Kapitel

„Ich finde es kindisch, wie Sandra sich benimmt“, sagte Dorothee zu Lisa. Die beiden folgten nebeneinander dem gewundenen Weg.

„Oliver hat sie enttäuscht“, meinte Lisa. „Sie hat ihm total vertraut, und er…“

„Was hat er denn schon getan? Ein bisschen spazieren gefahren ist er mit mir.“

„Während sie im Krankenhaus war.“

„Sie wollte ihn ja nicht sehen.“ Das klang trotzig.

„Weil sie während dieser Schälkur keinen besonders schönen Anblick bot.“

„Darüber hätte Oliver doch nobel hinweggesehen“, sagte Dotty. „Er ist sowieso blind vor Liebe.“

„Immer noch?“

Dotty nickte bestimmt. „Immer noch.“

„Obwohl Sandra ihn so hartherzig zappeln lässt?“

Dotty verscheuchte mit wedelnder Hand eine lästige Fliege. „Manche Menschen sind zum Leiden geboren.“

„Darf ich dir eine sehr persönliche Frage stellen?“ Lisa fand, dass die Gelegenheit dazu sehr günstig war.

„Klar“, antwortete Dorothee. „Warum nicht?“

„Hast du mit Oliver – geschlafen?“

„Nein, habe ich nicht. Wir waren nahe dran, als Sandra auf dieser Beziehungspause bestand, aber es ist dann doch nichts daraus geworden, weil Oliver Sandra einfach zu gernhat.“

„Ist doch verrückt, dass die beiden sich nicht versöhnen.“

Dotty zuckte die Schultern. „Gegen die Dummheit ist kein Kraut gewachsen.“

„Bist du noch an Oliver interessiert?“

Dotty schüttelte den Kopf. „Überhaupt nicht mehr. Sandra kann ihn gerne wiederhaben.“

„Du funkst nicht dazwischen, wenn ich versuche, die zwei wieder zusammenzubringen?“

„Mit Sicherheit nicht“, antwortete Dotty. „Wenn du willst, helfe ich dir sogar dabei.“

„Das ist ein Wort. Wir fangen am besten gleich oben in der Bärenlochhütte an.“

„Einverstanden“, sagte Dorothee Simonis, „aber wir müssen vorsichtig ans Werk gehen, denn wenn Sandra merkt, was wir vorhaben, macht sie die Schotten dicht und lässt niemanden mehr an sich heran.“

Lisa lächelte zufrieden. Sie hätte nicht gedacht, dass Dotty sich mal mit ihr verbünden würde – noch dazu zu einem solchen Zweck.

25. Kapitel

Oliver Wiechert riss entsetzt die Augen auf. „Sandra!“, brüllte er. Beinahe hätte er den Halt verloren und wäre ebenfalls abgestürzt. „O mein Gott!“

Wie ein Stein war Sandra an ihm vorbeigesaust, und das dumpfe Aufprallgeräusch, das gleich danach folgte, zerriss ihm fast das Herz.

„O nein …! Sandra! O Himmel …! Karsten! Sandra ist abgestürzt!“

Hastig kletterten sie zu der Freundin hinunter. Angst und Panik verzerrten Olivers Gesicht. Er rutschte mit dem linken Fuß ab, hielt sich mit beiden Händen an einer Felsnase fest, schürfte sich die Handrücken auf, doch das spürte er nicht. Der Schmerz, den die Sorge um Sandra in ihm freigesetzt hatte, war viel größer. „Sandra!“, stieß er krächzend hervor.

Julian Krautmann war auch schwer geschockt. Er hatte befürchtet, dass Sandra sich irgendwann übernehmen würde, gleichzeitig aber hatte er gehofft, dass es nicht dazu kommen würde.

Er hatte diese Klettertour vor allem deshalb mitgemacht, weil er sich eingebildet hatte, ein wenig auf Sandra aufpassen zu können.

Er hatte sie zurückpfeifen wollen, sobald er merkte, dass sie sich zu viel zumutete. Schutzengel hatte er spielen wollen, aber es war nicht dazu gekommen.

Das Schicksal hatte schneller und unverhoffter zugeschlagen, als er zu reagieren vermochte. Wie hatte er glauben können, Sandra Falkenberg vor Schaden bewahren zu können?

Wofür hast du dich eigentlich gehalten?, verhöhnte ihn nun eine innere Stimme, während er so rasch wie möglich zu Sandra hinunterkletterte. Sie regte sich nicht, lag auf dem Rücken, ihre Augen waren geschlossen. „Sandra!“ Oliver warf sich neben ihr auf die Knie.

„Nicht bewegen!“, rief Karsten Rüge. „Wir dürfen sie nicht bewegen. Sie kann innere Verletzungen haben.“

Julian bewies, dass er der Sohn eines Arztes war. Er legte zwei Finger auf Sandras Halsschlagader und fühlte ihren Puls. „Sie ist nur ohnmächtig“, informierte er die andern.

„Wir dürfen ihre Lage nicht verändern“, sagte Karsten noch einmal eindringlich.

„Mein Gott, wie können wir sie nur dazu bringen, dass sie zu sich kommt?“, stöhnte Oliver Wiechert verzweifelt.

„Schmeiß jetzt nicht die Nerven weg, Oliver“, sagte Karsten rau.

„Sandra!“, rief Julian Krautmann. „Sandra, hörst du mich? Sandra!“

„Sandra, bitte wach auf!“, flehte Oliver. Er sah Julian und Karsten verstört an. „Wir müssen irgendetwas tun! „Ein leiser Seufzer kam über Sandras Lippen.

„Sie – sie kommt zu sich!“, stieß Oliver Wiechert aufgewühlt hervor. „Sandra! Sandra!“

„Lass ihr Zeit“, sagte Karsten Rüge.

Julian hob den Kopf und schaute nach oben. Wie hoch mochte Sandra abgestürzt sein? Acht Meter? Zehn? Sie hätte tot sein können!

„Sandra!“, rief Oliver Wiechert unglücklich. „Sieh mich an! Sieh mich bitte, bitte an!“

Ihre Augenlider zuckten. Es schien sie unendlich viel Kraft zu kosten, sie zu heben. Ihr Blick war seltsam leer. Sie war geistig noch nicht ganz da.

„Sandra, o Sandra!“, schluchzte Oliver.

Sie musterte ihn verloren, schien seinen Schmerz und seine Verzweiflung nicht zu verstehen. „Was – ist – passiert?“, fragte sie stockend. Ihre Stimme war so leise, dass sie kaum zu hören war.

„Abgestürzt bist du“, sagte Oliver heiser. „Weißt du’s nicht?“

„Abgestürzt …“, hauchte sie.

„Hast du Schmerzen?“, fragte Karsten Rüge.

„Schmerzen?“, echote Sandra.

„Ja. Tut dir irgendetwas weh?“

Sandra schloss kurz die Augen. „Ich weiß nicht.“

„Versuch deine Beine vorsichtig zu bewegen“, verlangte Karsten.

„Ich glaube, das kann ich nicht.“

„Versuche es, Sandra.“ Karsten beobachtete ihre Beine, doch sie bewegten sich nicht. „Die Arme“, sagte er. „Versuch die Arme zu bewegen.“ Sandra gehorchte, und sie konnte die Arme heben.

„Noch mal die Beine“, sagte Karsten.

„Ich spüre meine Beine nicht“, sagte Sandra.

Oliver stieß die Luft entsetzt aus. „Wenn sie ihre Beine nicht bewegen kann, wenn sie sie nicht einmal spürt …“

„Sei still, Oliver“, zischte Karsten. Er wollte nicht, dass Sandra hörte, was Oliver vermutete – und was auch er befürchtete.

„Sie ist auf den Rücken gefallen!“, sagte Oliver mit belegter Stimme.

„Halt den Mund!“, herrschte Karsten ihn an. Er packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn heftig. „Mensch, reiß dich zusammen!“

„Sandra braucht Hilfe“, stieß der Junge aufgewühlt hervor und kramte gleichzeitig im Rucksack nach seinem Handy. „Wir müssen Hilfe holen!“ Ein Blick auf das Display zeigte ihm eine weitere Katastrophe: „Kein Empfang, so ein Mist!“ Wütend steckte er das Handy zurück in seine Tasche und sah die beiden anderen erwartungsvoll an. Auch bei ihnen sah es nicht besser aus: Ihre Handys hatten an dieser Stelle keinen Empfang und somit war es ihnen unmöglich, schnell die nötige Hilfe zu holen.

„Der Wirt der Bärenlochhütte hat ein Funkgerät“, sagte Karsten Rüge. „Ihr bleibt bei Sandra. Ich sorge dafür, dass sie sofort Hilfe bekommt.“ Karsten kletterte die Felswand wieder hoch. Er war bald nicht mehr zu sehen. Oliver sah Julian verzweifelt an. „Ich hätte nicht zulassen sollen, dass sie sich für diese gefährliche Route entscheidet.“

„Denkst du, du hättest sie daran hindern können, mit Karsten zu gehen?“

Oliver schwieg. Er wusste, dass er das nicht geschafft hätte. Sandras Finger schlossen sich um Olivers Hand. „Es tut mir leid, so leid“, flüsterte sie, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich habe es übertrieben.“

Er drückte ihre kraftlosen Finger. „Mach dir keine Vorwürfe, Liebling. Wir haben beide Fehler gemacht. Ich zuerst.“

„Ich habe mich so schrecklich dumm benommen.“

„Du warst enttäuscht und gekränkt.“

Julian kam sich überflüssig vor. Er hätte sich gern zurückgezogen und die beiden allein gelassen, aber er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Wie wird man Sandra von hier fortbringen?, fragte er sich. Mit einem Hubschrauber?

„Ich liebe dich, Oliver“, hauchte Sandra.

„Es wird alles gut, Sandra“, sagte Oliver bewegt. „Ich liebe dich auch.“

„Kannst du mir meine Dummheit verzeihen?“

„Aber ja.“ Er strich ihr übers schweißfeuchte Haar. „Aber ja.“

Julian überlegte, wie weit Karsten inzwischen gekommen war. Schneller als er kann keiner die Schutzhütte erreichen, dachte er, und im nächsten Augenblick rann ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken, denn ihm war ein schrecklicher Gedanke gekommen: Was, wenn Karsten vor lauter Hast auch etwas zustößt? Dann dauert es viele Stunden länger, bis uns jemand hier findet.

„Mein Rücken“, sagte Sandra leise.

„Tut er dir weh?“, fragte Oliver sofort.

„Nein, ich spüre ihn überhaupt nicht, und ich habe kein Gefühl in den Beinen. Ich spüre gar nicht, dass ich Beine habe.“

Oliver beugte sich über sie und gab ihr einen tröstenden Kuss auf die Stirn. „Es kommt alles wieder in Ordnung.“

„Und wenn nicht?“

„Du musst positiv denken, Liebes. Es gibt immer eine Hoffnung.“

„Wenn ich meine Beine nie mehr bewegen kann … Nie mehr.“

„Rede doch nicht solchen Unsinn.“

„Ich hab’ so eine schreckliche Ahnung, Oliver.“ Ihre Stimme klang rau.

„Sie trügt dich. Sie trügt dich ganz bestimmt.“ Oliver sah Julian an, und in seinem Blick flackerte die bange Frage: Wann kommt endlich Hilfe?

Doch Julian wusste es nicht. Er fragte sich das ja selbst ununterbrochen.

26. Kapitel

Die Bergung der Verunglückten gestaltete sich überaus schwierig. Der Rettungshubschrauber hatte wegen des stärker gewordenen Windes Schwierigkeiten, die Position zu halten, und die Trage, auf die man Sandra gelegt hatte, drohte beim Hochziehen zweimal gegen die steile Felswand zu schlagen.

Eine Stunde später lag Sandra Falkenberg im OP der Wiesenhain-Klinik. Dr. Peter Dansberg hatte Dr. Daniel Frank, den Chefarzt der Chirurgie, zu Hause erreicht – nachdem Sandras Ankunft über Funk avisiert worden war – und ihn gebeten, unverzüglich in die Klinik zu kommen.

Sandra hatte sich zwei Rückenwirbel gebrochen, ihr drohte eine irreparable Querschnittslähmung, wenn es Dr. Frank nicht gelang, das gequetschte Rückenmark und die eingeklemmten Nerven zu entlasten.

Der Assistenzarzt Dr. Dansberg hatte auch Dr. Krautmann telefonisch zu erreichen versucht, aber er hatte nur die Haushälterin an den Apparat bekommen, und die hatte nicht gewusst, wo der Chef der Wiesenhain-Klinik sich zurzeit befand. Eine halbe Stunde später hatte Florian Krautmann sich gemeldet, und nun stand auch er im OP und versuchte der Patientin gemeinsam mit Dr. Frank zu helfen. „Trümmerbruch“, stellte Daniel Frank mit dumpfer Stimme fest. „Sieht nicht gut aus.“

„In letzter Zeit hat sie das Unglück gepachtet“, sagte Florian Krautmann voll Mitleid.

„Ihr Kreislauf wackelt“, meldete Dr. Andrea Ehrlich, die Anästhesistin.

„Halte durch, Mädchen“, sagte Dr. Frank eindringlich. „Mach uns jetzt um Himmels willen nicht schlapp.“

Dr. Ehrlich spritzte ein kreislaufstärkendes Medikament in den Infusionsschlauch.

Wenig später konnte sie melden, dass sich der Kreislauf der Patientin wieder normalisiert hatte. Sandras Atmung war okay. Dr. Frank hatte gleich nach ihrer Einlieferung diverse Röntgenaufnahmen sowie ein MRT veranlasst, um sich ein präzises Bild ihrer Rückenverletzung machen zu können.

Wichtig bei solchen Verformungen ist, dass man den Verformungsgrad ausrechnet. Dazu misst man die Wirbelhöhle vorn und hinten im Vergleich zu den Nachbarwirbeln und außerdem den Winkel des Achsenknicks infolge des Wirbelbruchs. Das hatte Daniel Frank getan, und er war dabei zu folgendem Ergebnis gekommen: Die Abknickung der Wirbelsäulenachse nach vorn oberhalb des sechsten Brustwirbels betrug fast dreißig Grad. Rückenmark und Nervenstrang waren gequetscht. Dr. Frank tat alles, um sie zu entlasten, doch er erzielte nur einen schwachen Teilerfolg.

Nach vier Stunden intensivster Chirurgenarbeit unter höchster nervlicher Anspannung und geistiger Konzentration sagte Daniel Frank: „Mehr dürfen wir der Patientin im Moment nicht zumuten, sonst kehrt sich das, was wir erreicht haben, ins Gegenteil um.“

Während sie sich wenig später die Hände wuschen, sah der Chefchirurg Florian Krautmann mit sorgenvoller Miene an.

„Du hast wenig Hoffnung, nicht wahr?“, sagte der Klinikchef dumpf.

„Wir sind Ärzte“, erwiderte Dr. Frank. „Es hat keinen Zweck, die Dinge schönzufärben.“

„Befürchtest du, dass sie querschnittgelähmt bleibt?“

„Zurzeit sieht es danach aus. Der Trümmerbruch macht mir große Sorgen.“

„Wird sie nie wieder gehen können?“

„Sie ist eine Freundin von Lisa und Julian, habe ich gehört.“

Florian Krautmann nickte. „Ja.“

„Wie alt?“

„Vierundzwanzig“, antwortete der Klinikchef. „Sie hat noch so viele Jahre vor sich, Daniel.“ Er drehte das Wasser ab und griff nach einem Handtuch.

„Du möchtest nicht, dass sie diese im Rollstuhl verbringt“, sagte Daniel Frank gepresst. „Ich auch nicht, aber ich weiß nicht, ob ich es ihr ersparen kann. Wir müssen die heutige Operation als Beginn einer Reihe von Eingriffen sehen. Vielleicht können wir ihr helfen, wenn wir sie drei-, vier- oder fünfmal operieren, aber wird sie dazu bereit sein? Ich kann ihr nicht versprechen, dass sie nach der fünften Operation wieder gehen kann.“ Er seufzte. „Ihre Chancen sind denkbar schlecht. Vielleicht quälen wir sie mit weiteren Eingriffen nur unnötig. Auch das wäre möglich.“

Die Ärzte setzten das Gespräch in Dr. Krautmanns Büro fort. „Du hast den Trümmerbruch eingerichtet“, sagte der Leiter der Wiesenhain-Klinik.

„So gut es ging“, nickte Dr. Frank. „Nun müssen wir ihm Zeit lassen, zusammenzuwachsen. Nach der Kallusbildung werden wir weitersehen. Aber ich wage keine Prognose.“

„Ich habe befürchtet, dass sie eines Tages schweren Schaden nehmen wird“, sagte Dr. Krautmann ernst.

„Wieso?“

Florian Krautmann erzählte, was er von den Zwillingen wusste – dass Sandra Falkenberg jedes Wagnis auf sich genommen hatte, um Karsten Rüge zu imponieren und Oliver Wiechert zu ärgern.

„Die Menschen suchen aus den unterschiedlichsten Gründen die Konfrontation mit der Gefahr“, meinte Dr. Frank nachdenklich. „Es ist eine neue, unerfreuliche Zeiterscheinung, ein gefährlicher Trend, dass man in der Freizeit aufbricht, um seine Grenzen beim Wildwasserfahren, Drachenfliegen, Skysurfen und dergleichen mehr zu suchen – und immer mehr von denen, die sie gefunden haben, landen schließlich halb tot bei uns, das hat eine Studie der Krankenkassen über das neue Freizeitverhalten unserer Landsleute an den Tag gebracht.“

„Scheint so, als ginge es den Menschen zu gut“, kommentierte Florian Krautmann.

„Und sie haben zu viel Freizeit, mit der sie offenbar nichts Rechtes anzufangen wissen“, bemerkte Daniel Frank, „deshalb kommen sie auf die hirnrissigsten und waghalsigsten Ideen. Es ist zu befürchten, dass das demnächst noch viel schlimmere Blüten treiben wird. Die Krankenkassen befürchten eine wahre Kostenexplosion, deshalb möchten sie, dass Sportarten, die ein extrem hohes Risiko beinhalten, so bald wie möglich privat versichert werden. Aber um auf Sandra Falkenberg zurückzukommen: Dass ein Mädchen seine Gesundheit so beharrlich aufs Spiel setzt, um den Freund, der sie enttäuscht und gekränkt hat, zu bestrafen, ist mir noch nicht untergekommen.“

27. Kapitel

Als Sandra zu sich kam, war Schwester Annegret bei ihr, und ihr inneres Auge zeigte ihr Bilder von grausamer Schärfe. Sie sah sich abstürzen.

Der Aufprall war hart, aber nicht schmerzhaft gewesen, weil sie sofort das Bewusstsein verloren hatte. Als sie die Augen geöffnet hatte, waren die drei Freunde Julian Krautmann, Karsten Rüge und Oliver Wiechert bei ihr gewesen.

Sandra sah vor ihrem geistigen Auge ihre schwierige Bergung, den Flug im Rettungshubschrauber, die Ankunft in der Wiesenhain-Klinik.

Und jetzt kontrollierte Schwester Annegret gerade den Tropf, an dem sie hing. „Bin ich bereits operiert, Schwester?“, fragte Sandra schleppend.

„Ja.“

„Wer …?“ Sandra war müde, unendlich müde.

„Dr. Frank hat den Eingriff vorgenommen“, erwiderte die alte Pflegerin. „Dr. Krautmann und Dr. Dansberg waren ebenfalls dabei, und Frau Dr. Ehrlich hat dafür gesorgt, dass Sie gut schlafen.“

„Sind die Ärzte noch da?“

Schwester Annegret schüttelte den Kopf. „Nein. Dr. Krautmann wird morgen nach Ihnen sehen.“

„Ich spüre meine Beine noch immer nicht.“

„Sie müssen Geduld haben“, beruhigte Annegret die Patientin.

„Haben Sie mit den Ärzten gesprochen, Schwester? Was haben sie gesagt? Werde ich wieder gehen können?“

„Eine Zeit lang wird Ihnen der Rollstuhl wohl nicht erspart bleiben“, erwiderte Annegret sanft, „aber das ist kein Grund, den Mut zu verlieren. Sie sind jung. Sie werden die Kraft haben und den Willen aufbringen, eines Tages wieder ganz gesund zu sein.“

Sandra schloss die Augen, und Tränen stiegen in ihr hoch, denn sie konnte Schwester Annegrets Optimismus nicht teilen.

28. Kapitel

Die ganze Clique wollte Sandra Falkenberg tags darauf besuchen, aber das durfte man ihr noch nicht zumuten. Dr. Krautmann erklärte den jungen Leuten – Julian und Lisa waren auch dafür, dass die Patientin im Augenblick noch nicht besonders belastbar sei. „Deshalb kann ich nur eine Person bewilligen“, sagte er, und die Clique delegierte vernünftigerweise Oliver Wiechert.

„Wir warten hier auf dich“, sagte Karsten Rüge. „Bestell ihr herzliche Grüße von uns.“

Oliver nickte nur.

„Lass dir Zeit“, sagte Dorothee Simonis. „Bleib so lange bei ihr, wie es geht.“

Seit Sandras Absturz war Dotty wie ausgewechselt. Sie war sehr mild und versöhnlich gestimmt, und es hatte den Anschein, als fühlte sie sich an dem Unglück mitschuldig. Olivers Herz klopfte heftig, als er die Tür öffnete, die in Sandras Krankenzimmer führte. Ihm war, als würde eine unsichtbare Hand seine Kehle zudrücken.

Er war so leise, dass Sandra ihn nicht eintreten hörte. Sie hatte die Augen geschlossen, schien zu schlafen. Aufwecken werde ich sie auf keinen Fall, dachte Oliver. Wenn sie schläft, lasse ich sie schlafen und sehe sie nur an. Er erreichte ihr Bett und musste den Wunsch unterdrücken, sich über sie zu beugen und zu küssen. Ihr hübsches Gesicht war blass, aber ihren entspannten Zügen war nicht anzusehen, welches schreckliche Schicksal sie ereilt hatte.

Olivers Nerven vibrierten. Es schmerzte ihn zutiefst, Sandra so daliegen zu sehen, und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust, auf die ein unsichtbares Gewicht von mehreren Zentnern drückte. Sandra hörte sein Seufzen und öffnete die Augen.

„Hallo“, sagte er zaghaft.

„Oliver …“, hauchte sie.

„Wie geht’s?“, wollte er wissen.

Sie schwieg.

„Hast du Schmerzen?“

„Sie geben mir etwas dagegen“, antwortete sie leise.

„Ich soll dich von der gesamten Clique ganz herzlich grüßen. Sie sind alle draußen, aber Dr. Krautmann bewilligte nur einen Besucher, und alle meinten, das müsse ich sein.“

Tränen rannen ihr übers Gesicht.

„Nicht weinen, Liebes“, bat Oliver zärtlich. „Nicht weinen, es wird alles gut.“

„Ich bin so wahnsinnig unglücklich“, schluchzte Sandra.

„Du lebst.“

„Aber wie. Ich werde nie wieder gehen können.“ Sie schloss die Augen und verzog verzweifelt das Gesicht. „Wenn ich könnte, würde ich aus dem Fenster springen.“

Oliver sah sie erschrocken an. „Das darfst du nicht sagen.“

„Was soll ich denn noch auf dieser Welt?“

„Warum denkst du immer nur an dich, warum nicht auch mal an mich?“, fragte Oliver ein wenig vorwurfsvoll.

„Es wäre auch für dich besser, wenn ich nicht mehr leben würde.“

„Sandra, ich bitte dich, hör auf, so zu reden, das tut mir weh.“

„Ich bin doch nur noch eine Last für dich“, seufzte sie.

„Ich liebe dich.“

„Ich bin zur Hälfte tot. Mein Unterleib ist völlig gefühllos.“

„Die Ärzte bringen dich wieder hin“, sagte Oliver zuversichtlich. „Du bist in einer der besten Kliniken unseres Landes, das weißt du doch.“

„Ich muss für meine Dummheit und meinen Leichtsinn bezahlen.“

„Du wirst eines Tages wieder gehen können, Sandra.“

„Nein, Oliver, das kannst du vergessen. Ich werde meine Beine nie mehr gebrauchen können. Damit ist es ein für alle Mal vorbei. Wenn die Ärzte jedem Querschnittgelähmten helfen könnten, gäbe es nicht so viele davon.“

„Jeder Fall liegt anders“, entgegnete der junge Mann mit ungebrochenem Optimismus.

„Sie haben wahrscheinlich alle einmal gehofft und den Himmel verzweifelt um Hilfe angefleht – und was ist ihnen letzten Endes geblieben? Enttäuschung, Resignation und Tränen.“

„Manchmal lässt der Himmel ein Wunder geschehen.“

„Ein Wunder“, sagte Sandra bitter. „Ich glaube nicht an Wunder.“

Oliver lächelte. „Ob du an sie glaubst oder nicht – es gibt sie.“

„Nicht für mich.“

„Auch für dich“, widersprach er und streichelte zärtlich ihre Hand.

29. Kapitel

„Wie geht es ihr? Hast du mit ihr gesprochen? Wie fühlt sie sich? Ist sie guter Dinge? Was hat sie gesagt?“ Die Fragen prasselten nur so auf Oliver Wiechert nieder, als er zur Clique zurückkehrte. Dr. Krautmann befand sich nicht mehr bei den jungen Leuten.

„Sie lässt euch auch alle herzlich grüßen“, sagte Oliver heiser, „und es freut sie, dass ihr alle so sehr Anteil nehmt an ihrem Schicksal.“

„Wie sieht sie aus?“, wollte Eva wissen.

„Blass“, antwortete Oliver.

„Wir hätten etwas für sie kaufen sollen.“ Mit dieser Bemerkung verblüffte Johannes Brauneis, der Pfennigfuchser, alle. Wenn er freiwillig für jemanden Geld auszugeben bereit war, dann musste er ihn schon sehr mögen.

„Wie hat sie den Eingriff überstanden?“, erkundigte sich Dotty.

„Sie ist sehr schwach“, sagte Oliver.

„Spürt sie ihre Beine wieder?“, wollte Karsten Rüge wissen.

Oliver hob seufzend die Schultern. „Leider nein.“

„Das Gefühl wird sich wieder einstellen.“ Karsten nickte zuversichtlich. „Sie ist ein tapferes, zähes Mädchen. Sie kann kämpfen, und sie wird kämpfen.“

Lisa und Julian Krautmann stellten keine Fragen. Wenn sie etwas wissen wollten, brauchten sie sich nicht an Oliver Wiechert zu halten, sondern konnten ihre Information aus erster, kompetenter Hand beziehen.

Vor allem Lisa hatte Sandras Absturz sehr mitgenommen. Schuldgefühle plagten sie. Sie quälte sich mit dem Vorwurf, nicht genug auf die Freundin eingewirkt zu haben.

Sie hatte mit ihr zwar gesprochen, es war ihr aber nicht gelungen, sie davon abzubringen, permanent Kopf und Kragen zu riskieren.

Lisa wusste nicht, wie sie es hätte anstellen sollen, dass Sandra Falkenberg auf sie hörte. Sie wusste lediglich, dass es ihr hätte gelingen müssen. Du warst nicht beharrlich genug, warf eine innere Stimme ihr vor. Hast den Ernst der Lage unterschätzt und dir zu viel Zeit gelassen, und nun wird Sandra vielleicht nie mehr gehen können.

Nie mehr wollte ihr Vater nicht hören. „Sie hat noch eine Chance“, hatte Florian Krautmann heute Morgen gesagt. „Aber nur, wenn sie tatkräftig mithilft. Es ist in sehr vielen Fällen so: Nur wenn der Patient auch gesund werden will, können wir Ärzte ihm helfen.“

30. Kapitel

Drei Wochen nach ihrem Absturz wurde Sandra entlassen. Ihre Großmutter hatte einen Rollstuhl für sie besorgt. Diesen schob Oliver Wiechert aus der Wiesenhain-Klinik.

Sandra war sehr ernst geworden, sie hatte das Lachen verlernt. Nicht einmal lächeln konnte sie mehr. Sie fühlte sich lebendig begraben, und sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es irgendeinen Arzt auf der Welt gab, der ihre motorischen und sensiblen Lähmungen der Nervenstränge und -zellen noch mal beheben konnte.

Jeder, der mit ihr sprach, versuchte ihr Mut zu machen und sprühte vor Optimismus, doch keiner von ihnen spürte wie sie, dass ihr Körper für sie zum ausbruchssicheren Gefängnis geworden war, deshalb konnte auch niemand ihre Seelenpein nachvollziehen.

Es war leicht, zu sagen: „Nur Mut. Lass den Kopf nicht hängen. Das wird schon wieder.“ Aber es war unvergleichlich schwieriger, daran zu glauben, dass das Unmögliche auch wirklich wahr werden würde.

Oliver nahm sich einen ganzen Monat frei, um so viel wie möglich bei Sandra sein zu können. Er schob sie im Rollstuhl durchs Haus, hinaus in den Garten oder überall sonst hin, wenn sie es wollte. Sie brauchte nur ein Wort zu sagen.

Eines Abends sah sie ihn traurig an. „Du tust so viel für mich.“

Er winkte lächelnd ab. „Darüber brauchen wir kein Wort zu verlieren.“

„Warum verschwendest du deine Zeit mit mir?“

„Musst du das wirklich fragen, Sandra?“, gab er ernst zurück. „Außerdem ist ‚verschwenden‘ nicht das richtige Wort. Ich verbringe meine Zeit mit dir.“

„Ich bin gelähmt.“

Er lächelte. „Ich liebe dich trotzdem.“

„Du solltest dich nach einem gesunden Mädchen umsehen.“

„Mich interessieren keine anderen Frauen.“

„Irgendwann wirst du den Wunsch haben, eine Familie zu gründen“, sagte Sandra. „Mit mir kannst du das nicht.“

„Wenn du etwas mehr bei Kräften bist, wird Dr. Frank dich noch einmal operieren.“

„Und noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Und immer wird es vergeblich sein.“

„Wie kannst du das wissen?“

„Ich spüre, was mit mir los ist. Ich weiß, dass ich mich mit einem Leben im Rollstuhl abfinden muss, und ich werde dich nicht an mich binden, weil sonst auch dein Leben verpfuscht ist.“

Er zog grimmig die Augenbrauen zusammen. „Erlaubst du mir bitte, selbst zu entscheiden, mit wem ich zusammen sein möchte?“

Tränen glänzten in Sandras wunderschönen braunen Augen. „Ich versuche für uns beide vernünftig zu sein.“

„Hältst du den Unsinn, den du soeben von dir gegeben hast, etwa für vernünftig?“

Sie sah ihm lange in die Augen und sagte schließlich leise: „Ich werde mich nicht noch mal operieren lassen, Oliver.“

„Sandra!“, stieß er erschrocken hervor.

„Sieh mich an.“ Sie breitete die Arme aus, ließ sie neben den Lehnen nach unten hängen. „So wie heute werde ich in zehn, zwanzig, dreißig Jahren immer noch vor dir sitzen. Der Rollstuhl wird dann ein anderer sein, aber ich werde noch immer nicht gehen können – und dein Mitleid wird bis dahin restlos aufgebraucht sein. Dann werde ich für dich nur noch ein Klotz am Bein sein, und du wirst mich hassen.“

Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie liebevoll und unendlich zärtlich auf den Mund. „Ich könnte dich niemals hassen, das müsstest du eigentlich wissen, mein Liebstes.“

31. Kapitel

„Sandra Falkenberg möchte sich nicht mehr operieren lassen“, berichteten Lisa und Julian ihrem Vater, als er von der Wiesenhain-Klinik heimkam. „Wir haben sie heute besucht. Sie wirkte so, als hätte sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden.“

„Es wäre sehr unklug von ihr, die kleine Chance, die sie noch hat, nicht zu nutzen“, bemerkte Dr. Krautmann.

„Sie hat Angst, enttäuscht zu werden“, meinte Julian.

„Ich kann sie irgendwie verstehen“, sagte Lisa. „Da klammert sie sich verbissen an diesen winzigen Lichtblick, und irgendwann musst du ihr dann sagen, dass sie leider doch vergeblich gehofft hat.“

„Ich habe heute mit Daniel Frank über sie gesprochen“, sagte Dr. Krautmann. „Er möchte zur zweiten Entlastungsoperation einen namhaften Neurochirurgen von der Universitätsklinik Freiburg hinzuziehen. Er hat mit dem Kollegen auch schon Kontakt aufgenommen und könnte jederzeit mit dessen Hilfe rechnen.“

„Wie stehen denn die Chancen für Sandra, jemals wieder gehen zu können, Vati?“, fragte Julian ernst.

„Schwer zu sagen“, antwortete Florian Krautmann ehrlich.

„Neunzig zu zehn gegen sie?“, fragte Julian, der einfach etwas Konkretes hören wollte.

„Eine einigermaßen seriöse Prognose ist erst nach dem zweiten Eingriff möglich“, erwiderte der Klinikchef.

„Wenn Sandra von einem solchen Eingriff aber nichts mehr wissen will, was dann?“

„Ich hoffe, sie hört auf Oliver“, sagte Dr. Krautmann.

„Wirst du mit ihm reden?“

„Das habe ich bereits getan.“

„Und?“ Julian sah seinen Vater gespannt an.

„Er wird alles versuchen, um Sandra zu einer zweiten Operation zu überreden“, erklärte Florian Krautmann.

32. Kapitel

Es dauerte zwei Wochen, bis Oliver die Gelähmte so weit hatte, dass sie bereit war, sich einer zweiten Operation zu unterziehen. Er war noch nie hartnäckiger gewesen, versuchte sie mit allen erdenklichen Tricks weichzubekommen, doch erst als er sie anflehte, dem Eingriff um seinetwillen zuzustimmen, gab sie nach. Dr. Frank bereitete sich gewissenhaft auf die Operation vor, und er hatte ein langes Gespräch mit seinem Kollegen aus Freiburg. Dieser sagte aber gleich, dass man um einen dritten Eingriff nicht herumkommen würde. Mit der zweiten Operation könne man lediglich die Ausgangsposition für den nächsten Schritt optimieren, der darin bestehen würde, dass man der Patientin bleistiftdicke Gewindestäbe aus Metall mit Widerhaken einpflanzte, wonach man darangehen könne, den deformierten Wirbelsäulenabschnitt nach dem umgekehrten Schraubstockprinzip zu strecken und zu begradigen.

All das besprach der Neurochirurg nicht nur mit Dr. Daniel Frank, sondern in weiterer Folge auch mit der Patientin, und er verschwieg Sandra Falkenberg nicht, dass alles auch vergebliche Liebesmühe sein könne, aber die vagen Chancen seien auf jeden Fall den Versuch wert.

Einmal in der Wiesenhain-Klinik, gab es für Sandra kein Zurück mehr. Ihr Entschluss stand fest: Jetzt wollte sie’s um jeden Preis durchfechten. Entweder würde sie nach dem letzten Eingriff wieder gehen oder sich sagen können, sie habe nichts, absolut gar nichts unversucht gelassen.

Am Tag der zweiten Operation war Oliver bei ihr. „Wenn es möglich wäre, würde ich mich an deiner Stelle operieren lassen“, sagte er mit belegter Stimme.

„Ach, Oliver, du bist so – lieb …“

Er beugte sich über sie. „Ich drück’ dir die Daumen.“

Sie sah ihn wehmütig an. „Ich mache dir so viele Sorgen.“

Er lächelte. „O ja, du bist im Moment mein großes Sorgenkind, aber es werden auch wieder bessere Zeiten für uns anbrechen.“ Er nahm ihre Hand. „Wir haben eigentlich noch nie einen Walzer miteinander getanzt.“

„Ja, das stimmt.“

„Das müssen wir unbedingt nachholen“, erklärte Oliver.

„Du kannst ja gar nicht tanzen.“

„Bis du wieder gehen kannst, kann ich’s“, gab Oliver lächelnd zurück.

Sandra bekam die vorbereitende Injektion, und wenig später wurde sie von einem Pfleger abgeholt.

„Alles Gute“, krächzte Oliver, während der Pfleger das Bett zur Tür hinausrollte. „Hab keine Angst, Liebes. Hab keine Angst.“ Ein dicker Kloß befand sich in seinem Hals und machte ihm das Sprechen zur Qual.

Als der Pfleger Sandras Bett in den Aufzug rollte, winkte sie ihm ein letztes Mal. Er winkte zurück, und kurz danach war sie weg.

Schreckliche Bilder ängstigten Oliver Wiechert mit einem Mal zu Tode: Sandra im Operationssaal … Grüne OP-Kittel, grüner Mundschutz … Das OP-Team im Einsatz … Chirurgisches Besteck… Tickende, piepsende, zischende Apparate … Eine klaffende Wunde … Blut … Plötzlich die hysterische Meldung „Herzstillstand!“ … Herzmassage … Elektroschocks … Eine Adrenalinspritze mitten ins Herz … Wieder E-Schocks … Doch Sandras Herz begann nicht mehr zu schlagen …

Und ich – ich habe sie zu dieser Operation überredet!, dachte Oliver entsetzt, während er sich mit der Hand kalte Schweißperlen von der Stirn wischte.

33. Kapitel

Sandra Falkenberg überstand den zweiten Eingriff besser als den ersten. Die Mitglieder der Clique sprachen sich untereinander ab und erstellten einen genauen Besuchsplan, damit Sandra sich täglich über irgendjemandes Besuch freuen konnte.

Alle auf einmal hätten ohnedies nicht zu ihr gedurft. Ausgenommen von dieser freiwilligen Regelung war selbstverständlich Oliver.

Er besuchte Sandra jeden Tag zweimal und überzog die festgesetzten Zeiten mit großer Regelmäßigkeit, doch niemand wies ihn deshalb zurecht, denn schließlich tat der Patientin seine Nähe gut.

Es waren insgesamt vier Operationen nötig, und immer lagen vier bis sechs Wochen dazwischen. In dieser Zeit baute Oliver das geliebte Mädchen immer wieder auf und schenkte ihm neue Hoffnung. Noch warteten die beiden bang auf das Wunder, das der Himmel geschehen lassen musste, damit Sandra wieder gehen konnte. Nach der dritten Operation begann Sandra mit einer speziell auf sie abgestimmten Physiotherapie.

Galvanische Bäder sollten die Reizleiter der nunmehr von jeglichem Druck befreiten Nervenbahnen aktivieren. Gefühlvolle Massage sollte die Durchblutung der Beine und des gesamten Bewegungsapparats verbessern.

Es wurde in der Wiesenhain-Klinik sehr viel getan, um Sandra zu helfen, und man ließ es bei allen Therapien nicht an Behutsamkeit, Fingerspitzengefühl und Geduld mangeln, doch der erhoffte Erfolg hatte sich bislang noch nicht eingestellt. Ohne den unermüdlichen Zuspruch von Oliver und der gesamten Clique hätte die junge Patientin mit Sicherheit resigniert. So aber fühlte sie sich ihren Freunden, die stärker an einen positiven Genesungsverlauf glaubten als sie, verpflichtet, durchzuhalten.

Übungen, Messungen, Tests … jeden Tag. Immer wieder. Für Sandra waren es immer dieselben Resultate, doch Dr. Krautmann, Dr. Frank und der Neurochirurg aus Freiburg zeigten sich von Mal zu Mal zufriedener. Versuchen sie Zweckoptimismus zu verbreiten, oder werden die Ergebnisse tatsächlich von Tag zu Tag besser?, fragte sich Sandra. Wenn ja, wieso merke ich dann nichts davon?

Eines Nachts wurde sie von einem leichten ziehenden Schmerz im linken Fuß geweckt. Zunächst begriff sie die ungeheure Bedeutung dieser Empfindung gar nicht, doch dann wurde ihr urplötzlich klar, dass sie zum ersten Mal seit Langem wieder etwas spürte!

„O mein Gott!“, schluchzte sie überglücklich. „O mein Gott, ich fühle, und wenn es auch nur ein Schmerz ist! Ich spüre ihn! Also bin ich nicht mehr zur Hälfte tot!“

Sie drückte auf die Nachtglocke. Schwester Annegret erschien sogleich. „Was gibt es, Kindchen?“, fragte die alte Pflegerin mit gütigem Lächeln.

„Schwester …“, stieß Sandra außer sich vor Freude hervor.

„Was kann ich für Sie tun? Haben Sie Durst?“

„Nein“, antwortete Sandra Falkenberg. Ihr Herz schlug wie verrückt. „Mein Fuß, mein linker Fuß …“

„Was ist damit?“

„Er tut mir weh.“

„Ich hole sofort Dr. Balzer …“ Annegret drehte sich um und wollte aus dem Zimmer eilen, doch im gleichen Augenblick wandte sie sich wieder der Patientin zu. „Moment mal, haben Sie eben gesagt, Ihnen tut der linke Fuß weh?“

„Ja.“

Schwester Annegret riss begeistert die Augen auf. „Aber das ist ja wunderbar!“

Sandra lachte und weinte. „Ich spüre meinen linken Fuß.“

„Und den rechten – spüren Sie den auch?“

„Nein.“

„Versuchen Sie ihn zu bewegen.“ Schwester Annegret schlug die Decke am Fußende hoch und nahm ein leichtes Zucken der Zehen wahr. „Noch mal.“ Die Zehen zuckten wieder. „Noch mal.“ Jetzt bewegte Sandra die Zehen sogar schon etwas mehr. „O Kindchen, ich könnte mir das stundenlang ansehen, aber ich muss Dr. Balzer holen.“

„Ich habe keine Schmerzen mehr.“

„Das macht nichts“, sagte die alte Pflegerin, „ich hole trotzdem den Arzt. Der wird Augen machen!“

34. Kapitel

Augen machte auch Dr. Florian Krautmann, als er am nächsten Morgen erfuhr, dass sich bei Sandra Falkenberg erste Empfindungen eingestellt hatten. „Ist Dr. Frank schon im Haus, Moni?“, fragte er seine Sekretärin.

„Ich seh’ mal nach“, sagte Moni Warnke und griff zum Telefonhörer. Augenblicke später hatte sie den Chefarzt der Chirurgie am anderen Ende der Leitung.

Florian Krautmann nahm ihr den Hörer aus der Hand. „Guten Morgen, Daniel.“

„Bist du sicher, dass es ein guter Morgen ist?“, fragte Dr. Frank brummig.

„Ganz sicher.“

„Ich habe eine katastrophale Nacht hinter mir, hatte beim Frühstück Streit mit meiner Frau und wäre, als ich das Haus verließ, beinahe von einem Auto angefahren worden.“

„Dann ist es endlich Zeit für eine gute Nachricht“, lachte der Klinikchef und berichtete dem Freund und Kollegen, was er selbst erst vor wenigen Minuten erfahren hatte.

„Das ist wirklich eine gute Nachricht“, sagte der Chirurg hoch erfreut. „Eine sehr gute Nachricht. Die beste Nachricht seit Langem.“

Zehn Minuten später betraten die beiden Ärzte mit erwartungsvollen Mienen das Zimmer der jungen Patientin.

„Ich spüre meine Zehen, meine Füße, meine Beine wieder!“, überfiel Sandra Falkenberg sie sogleich aufgeregt.

„Ist uns schon zu Ohren gekommen‘‘, gab Daniel Frank schmunzelnd zurück.

„Ich – ich kann es noch gar nicht richtig fassen“, stammelte Sandra begeistert.

„Darf ich mal?“ Dr. Krautmann hob schon die Decke hoch.

„Und nun zeigen Sie uns mal, was Sie können“, verlangte Dr. Frank.

Sandra bewegte die Zehen und die Füße. Sie schaffte es sogar, mit den Fersen über das Leintuch zu rutschen. Heben konnte sie die Beine noch nicht, aber das würde auch noch kommen, davon war sie inzwischen überzeugt.

Tränen rannen ihr übers Gesicht, und sie strahlte unbeschreiblich glücklich.

„Es ist geschafft“, sagte Florian Krautmann erfreut. „Sie haben Ihre Lähmung besiegt.“

Lachend und weinend flüsterte Sandra: „Ich werde wieder gehen können.“

„Bis dahin wird es noch ein Weilchen dauern“, meinte Daniel Frank, „aber – ja, es sieht ganz danach aus, als ob Sie in absehbarer Zeit keinen Rollstuhl mehr brauchen.“

„Und ich wollte mich nicht operieren lassen.“ Im Nachhinein konnte Sandra das nicht mehr verstehen.

„Sie hatten Angst vor der Enttäuschung“, sagte Dr. Krautmann, „dachten, es nicht verkraften zu können, wenn alles umsonst gewesen wäre.“

Daniel Frank drohte lächelnd mit dem Zeigefinger. „Sie hatten nicht genug Vertrauen in die ärztliche Kunst.“

„Ich bitte tausendmal um Vergebung“, sagte Sandra überglücklich und wischte sich die Tränen ab. Es ging aufwärts. Es ging endlich wieder aufwärts mit ihr!

35. Kapitel

„Eure Freundin hat die Krise überwunden“, sagte Dr. Krautmann, als er zum Mittagessen nach Hause kam.

Lisa und Julian sahen ihn mit großen Augen an. Vergessen war für den Moment das köstliche Wiener Schnitzel, das auf jeden wartete.

„Kann sie wieder laufen?“, fragte Lisa gespannt.

„Noch nicht“, erwiderte ihr Vater, „aber bald.“

„Das ist wunderbar, großartig, phantastisch!“, jubelte Julian.

„Sie wird noch einige Zeit sehr hart zu arbeiten haben“, sagte Dr. Krautmann.

Julian nickte zuversichtlich. „Das bringt sie. Sie ist zäh.“

Lisa fiel ihrem Vater um den Hals und drückte ihn ganz fest. „Du bist ein Genie, Vati.“

Florian nahm das Lob nicht an. „Es ist vor allem das Verdienst von Daniel Frank und dem Neurochirurgen aus Freiburg, dass Sandra ihre Beine wieder bewegen kann“, erwiderte er. „Ich bin in erster Linie Gynäkologe und konnte deshalb nicht allzu viel zu ihrer Genesung beitragen.“

Cäcilie bat die Familie, endlich zuzugreifen. Christoph nahm sich als Erster. „Mann, hab’ ich Kohldampf. Ich könnte eine gedünstete Schuhsohle verschlingen.“

„Eine ungedünstete kannst du von mir haben“, kicherte Kim.

Melanie Krautmann griff nach der Hand ihres Mannes und sagte leise: „Ich habe diesen Ausdruck größter Zufriedenheit schon lange nicht mehr in deinen Augen gesehen.“

„Erfolg macht glücklich“, gab Florian Krautmann zurück, „und es ist ein Riesenerfolg, dass Sandras Zustand sich endlich bessert.“

36. Kapitel

Als Anette Falkenberg und Oliver Wiechert Sandra besuchten, zeigte sie auch ihnen ihr neuestes Kunststück, und die beiden waren außer sich vor Freude.

„Hab ich’s nicht gesagt?“, jubelte Oliver. „Hab ich’s nicht gesagt? Manchmal lässt der Himmel ein Wunder geschehen, habe ich gesagt. Und da ist es! O Sandra, ich freue mich ja so sehr für dich. Ich kann nicht sagen, wie sehr.“

Nun begann eine harte, anstrengende Zeit für das junge Mädchen, aber sie war niemals schlimmer als die, die Sandra bereits hinter sich hatte.

Natürlich gab es hin und wieder auch kleine Misserfolge, doch die vermochten Sandra nicht mehr zu entmutigen, denn im Großen und Ganzen ging es mit ihr trotz aller unwesentlichen Rückschläge doch stetig und unaufhaltsam immer weiter aufwärts.

Als Oliver wieder in die Wiesenhain-Klinik kam, um seine geliebte Sandra zu besuchen, war er voller wunderbarer Zukunftspläne, und er malte sich in den schillerndsten Farben aus, wie schön es sein würde, wenn Sandra wieder laufen konnte. Man weiß so selbstverständliche Dinge erst zu schätzen, wenn man sie verloren hat, dachte er und lief am Fahrstuhl vorbei die Treppe hinauf, während sich der Aufzug träge nach unten bewegte.

„Tag, Dr. Krautmann“, grüßte er den Chefarzt, der soeben aus dem Schwesternzimmer trat.

„Oliver. Wie geht’s?“

„Prima. Macht Sandra nach wie vor gute Fortschritte?“

„Wir sind mit ihr sehr zufrieden“, antwortete Florian Krautmann. „Sie hat einen eisernen Willen.“

„O ja“, sagte Oliver stolz, „wenn es sein muss, kann sie die Zähne wie ein Mann zusammenbeißen.“ Dr. Renate Sanders, die Fachärztin für Pädiatrie, erschien am Ende des Ganges. Ihr oblag vor allem die Behandlung und Überwachung Frühgeborener. Florian Krautmann erblickte sie und sagte zu Oliver: „Bitte entschuldigen Sie mich, ich werde erwartet.“

„Ich auch“, grinste Oliver. „Ich auch.“

Sie trennten sich, und Oliver öffnete wenig später mit erwartungsvoller, freudiger Miene die Tür, die in Sandra Falkenbergs Zimmer führte.

Er stutzte. Das Bett war leer. Hatte man Sandra verlegt? Wieso hatte Dr. Krautmann ihm nichts davon gesagt? Hatte der Klinikchef vergessen, es zu erwähnen?

Sofort erwachte Unruhe in Oliver. Er mochte solche Überraschungen nicht. Sollte er bleiben? Sollte er eine der Schwestern fragen, wo Sandra war?

Er trat unschlüssig ans Fenster und blickte hinaus. Ein grauhaariger Patient schlich, auf seine Frau gestützt, matt durch den Park.

Im Fensterglas spiegelten sich plötzlich zwei Gestalten. Oliver drehte sich rasch um und sah Sandra, die von Schwester Annegret geführt wurde.

„Sandra“, stieß er fassungslos hervor. „Du – du – du gehst ja!“

„Kann man das schon gehen nennen?“, fragte Sandra lächelnd.

„Du sitzt nicht mehr im Rollstuhl, bewegst dich auf deinen eigenen Beinen vorwärts. Ich schlage vor Freude gleich Purzelbäume.“ Er trat einen Schritt vor, um die Entfernung zu verringern, breitete die Arme aus und sagte: „Glaubst du, du schaffst die paar Schritte ohne Schwester Annegrets Hilfe?“

„Ich weiß es nicht.“

„Würdest du es bitte versuchen?“ Die grauhaarige Pflegerin ließ sie los. Jetzt stand Sandra erst mal. Allein. Aber sie schien sich keinen Schritt zuzutrauen.

„Na los!“, drängte Oliver sie. „Komm! Komm, Liebling!“

Je länger sie zögerte, desto mehr wuchs die Spannung.

„Du kannst es“, behauptete Oliver eindringlich. „Du kannst alles, was du willst, Schatz. Du bist in diesem Haus schon bekannt für deinen beispielhaften eisernen Willen. Hab’ ich recht, Schwester Annegret?“

„Ja“, schmunzelte die Pflegerin, „das hat sich bereits bis zur Säuglingsstation herumgesprochen.“ Ungelenk setzte Sandra den rechten Fuß vor den linken. Sie musste wieder gehen lernen. Wie ein Kleinkind kam sie sich vor, und sie fühlte sich genauso unsicher.

„Jetzt den linken Fuß“, sagte Oliver Wiechert aufgeregt. „Komm schon, du schaffst es. Du schaffst es, Liebes!“ Sie machte den zweiten Schritt. Beim dritten fiel sie nach vom, aber es passierte ihr nichts, denn Oliver fing sie blitzschnell und sicher auf, und er sagte unendlich zärtlich: „Ich werde von nun an immer da sein, um dich aufzufangen, wenn du fällst.“

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22 dekabr 2023
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9783956178207
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