Kitabı oxu: «EIN FRANKFURTER AUS AFRIKA»

Şrift:

Dieses Buch widme ich meinen Enkelkindern. Sie wurden geboren, als ihr Großvater Jean Claude schon gestorben war. Vielleicht hilft es ihnen, ihre afrikanischen Wurzeln zu entdecken und ohne Vorurteile mit anderen eine gute Zukunft aufzubauen.

Für die freundliche Unterstützung danken wir:


1. Auflage 2020

© Nomen Verlag, Frankfurt am Main 2020

Alle Rechte vorbehalten

Buchgestaltung:

Leni Diallo und Stefanie Adler-Diallo

Frankfurt am Main

Titelfoto und Fotos auf den Innenseiten: Privat

Beltz Grafische Betriebe, Bad Langensalza

ISBN 978-3-939816-70-6

eISBN 978-3-939816-71-3

www.nomen-verlag.de

Jean Claude Diallo

Ein Frankfurter
aus Afrika

Barbara Gressert-Diallo (Hrsg.)


Inhalt

Vorwort

I. Erinnerungen an Jean Claude Diallo

Wie konnte er nur?!

Freweini Zeral

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt

Die kurze Zeit einer Hoffnung

Christoph Busch

Im Hier und Jetzt

Wichtige Entscheidungen für eine unklare Zukunft

Ansoumane Camara

Der lange Arm des Diktators Touré

Meine erste Reise nach Guinea

Jean Claude zwischen Frankfurt und Conakry

Über meinen Freund

Malte Rauch

Erstes Familientreffen in Conakry

Weihnacht in Guinea?

Maria Stroh

Abschied aus Frankfurt und Aufbruch nach Conakry

Unser neues Leben in Conakry

Afrikabesuch in der Villa Makeba

Viktor Pfaff

Gastfreundschaft und Selbstbedienung

Guinea 1984-1986 – Chronik einer politischen Mission

Bernard Vatrican

Ausreise mit Komplikationen – und was uns in Deutschland erwartet

Sonntagsgespräche

Abdoulaye Diallo

Immer im Gespräch

»Ich kann die Arbeit schon machen, die Frage ist, ob ich sie gut mache.«

Regine Wolfart

Erinnerungen an meinen Mann

Sprache als Raum der Begegnung

Ingeborg Nordmann

Der Chef

Angelika Berghofer-Sierra

Spurensuche

Mein Bruder

Paul Rongier

Symbol für eine Politik der Multikulturalität

Jutta Ebeling

Unser Vater

David Diallo

Rituale

Nachwort

II. Texte von Jean Claude Diallo

Vom »kulturellen Universum« und »ganz gewöhnlichen Kolonialverhältnissen«

Conelia Wilß

Afrikaner, kennst Du Deine Identität?

Gesellschaft, Kultur, kulturelle Identität … und was ich darüber denke

Der Mann aus der Zelle 18

Wem passt die Anpassung?

Die Rolle der Eliten im Demokratisierungsprozess

»White man cannot jump – oder ich habe keine Vorurteile«

»Das Fremde«

Afrikanische Erfolgsgeschichten – Afrikas Umgang mit Migranten und Flüchtlingen

Menschen auf der Flucht

Werdegang

Überblick zur politischen Geschichte Guineas seit der Unabhängigkeit

Abdourahmane Diallo

Danksagung

»Egal wie lange ein Baumstamm im Wasser liegt, er wird nie ein Krokodil.«

Vorwort

Jean Claude Diallo war 62 Jahre alt, als er, für uns alle vollkommen unerwartet, starb. Sein Hausarzt hatte ihm auf Grund einer Herzschwäche, beruflicher Überbelastung und seines Übergewichts eine Kur verordnet, die er nach einer längeren Auseinandersetzung mit den zuständigen Behörden im März 2008 antrat. Ich wusste, er war müde, und wir waren überzeugt, dass eine längere Pause seinem Allgemeinzustand guttun würde, damit er das letzte halbe Jahr vor Beginn seiner Ruhephase der Altersteilzeit mit ausreichender Kraft zu Ende bringen konnte. Eine Woche nach Beginn der Reha brach er nach einer medizinischen Kontrolle zusammen.

Uns, seine vier Kinder, seine und meine Verwandten, seine Freunde, seine politischen Weggefährten und mich, seine Frau, traf sein Tod so unvorbereitet, dass es uns in einen Schockzustand versetzte. Irgendwann aber führte die Tatsache, dass »alles weiter geht«, dazu, dass sich mein Leben und das Leben unserer Kinder neu regelte; es blieb nicht stehen, wie wir anfangs glaubten, es nahm uns mit!

In dieser Zeit entstanden der Wunsch und die Idee, über Jean Claude zu schreiben, ihm ein kleines Denkmal zu setzen und anderen zu vermitteln, warum er für uns alle so wichtig war. Aus unserer kleinen Truppe »Freundeskreis Jean Claude Diallo« haben einzelne Mitglieder eigene Texte zum Buch beigetragen. Sie unterstützten und berieten mich bei der Planung, Entwicklung und Durchführung des Buches; auch meine Kinder waren mir dabei eine sehr große Hilfe. Unterschiedliche Menschen, die mit JC, so sein Kürzel in diesem Buch, freundschaftlich, politisch, beruflich und familiär verbunden waren und es noch immer sind, haben Texte geschrieben. Mein Anliegen war es, Personen zu finden, die ein Stück des Weges beschreiben, den sie gemeinsam gegangen sind, und was sie mit ihm verband. Um die einzelnen Fragmente zusammenzufügen und einen Gesamteindruck zu vermitteln, habe ich Geschichten und Erlebnisse aus unserem Familienleben eingefügt, so dass ein chronologischer Ablauf entsteht. JC führte ausführliche Arbeitskalender während seiner Zeit als Psychologe, Leiter einer Beratungs- und Therapieeinrichtung in Düsseldorf und Frankfurt sowie als Leiter eines Fachbereichs im Evangelischen Regionalverband Frankfurt. Diese Kalender habe ich benutzt, um mit Hilfe seiner Einträge meine Erinnerungen wachzurufen – Erinnerungen an Reisen, Erinnerungen an offizielle und private Ereignisse, Erinnerungen an aufregende Zeiten und alltäglichen Gleichklang.

Im ersten Teil des Buches erzählen Familienmitglieder, Freund*innen, Kolleg*innen und politische Weggefährt*innen von gemeinsam erlebten Zeiten mit Jean Claude Diallo. Die Kapitel, die im Inhaltsverzeichnis kursiv geschrieben sind, wurden von mir, Barbara Gressert-Diallo, der Herausgeberin des Buches geschrieben.

Jean Claude Diallo kommt im zweiten Teil des Buches mit Texten aus seinem beruflichen und politischen Wirken zu Wort, viele seiner Sichtweisen, Eindrücke und politischen Statements haben noch heute Gültigkeit. Seine Texte entstanden zwischen 1980 und 2005. Bis heute hinterlässt er Spuren, sowohl in der Frankfurter Stadtgesellschaft als auch in Guinea. Als Afrikaner in Frankfurt kämpfte er für eine Gesellschaft ohne Vorurteile, wo jeder und jede ihren Platz finden kann. Als Guineer kämpfte er für eine bessere Zukunft seines Landes. Wieviel er in beiden Gesellschaften erreicht hat, kann man nicht messen oder durch Zahlen belegen, aber dass er sein ganzes Leben für diese Ideale gekämpft hat, macht ihn zu einem besonderen Vorbild.

Barbara Gressert-Diallo, im September 2020

Mitglieder des »Freundeskreises Jean Claude Diallo« vor der für ihn gepflanzten Zeder in der Rose-Schlösinger-Anlage am Nußberg


I. Erinnerungen an

Jean Claude Diallo


JC beim Dreh des Filmes »FRANKFURT – CONAKRY Rückkehr ins Land des Elephanten«

FREWEINI ZERAI

Freweini Zerai aus Eritrea erinnert sich 2018 an ihren Freund Jean Claude.


JC mit seinem Patenkind Natti – Sohn von Freweini Zerai

Aus politischen Gründen flüchtete sie 1980 aus Eritrea nach Deutschland. Sie lernte Jean Claude bei ihrer Bewerbung für eine Stelle im Regenbogen – Internationale Stadtteilarbeit am Bügel kennen. Seit dieser Zeit waren sie eng befreundet. Sie leitete die Einrichtung des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt am Main bis 1992, ab1993 das Fachkräfteprogramm Eritrea bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). 1996 kehrte sie nach Eritrea zurück und arbeitete im Ministerium für Arbeit und Soziale Wohlfahrt, danach beim United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA) und für Ärzte ohne Grenzen. 2004 musste sie ein zweites Mal flüchten. Seit einigen Jahren lebt sie in München, wo sie als Geschäftsführerin beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften e. V. arbeitet.

Wie konnte er nur?!

Das ist der Satz, der mir immer einfällt, wenn ich mit dir reden möchte und feststelle, dass du nicht mehr da bist! Über die Jahre habe ich sehr viele enge Freunde verloren. Freunde, mit denen ich längere Abschnitte meines Lebens verbracht habe. Sie sind jung gestorben. Das tat und tut weh. Sie taten mir sehr leid. Ich war jedes Mal sehr traurig. Bei dir, Jean Claude, war und bin ich immer wütend. Ich fühle mich verlassen. Und ich weiß, nicht nur mir geht es so! Wie konntest du nur?

Nicht nur mir … Dass andere dich auch als besten Freund haben, wurde mir erst bei der Feier zu deinem 60. Geburtstag bewusst! Bis dahin dachte ich in meiner Naivität, ich wäre die einzige Nummer Eins! Jetzt wusste ich, dass doch sehr viele die Nummer Eins waren. Es kamen noch mehr hinzu. Wie hast du es nur geschafft?

Ich weiß nicht mehr, wann wir uns kennengelernt haben. Wenn ich zurückdenke – du warst immer da! Ich kann auch nicht sagen, dass uns nur eine Sache verbunden hat. Politik? Exilerfahrung? Arbeit? Gesellschaft? Du warst einfach mein Freund! Bei dir hatte ich keine Bedenken, Falsches laut auszusprechen. Ich konnte mich fallen lassen. Ich war weder Afrikanerin noch Flüchtling noch Irgendwas. Ich war einfach Weini!

Du konntest laut und engagiert diskutieren. Ja, laut warst du! Weißt du, hier in Deutschland ist es mir nicht so aufgefallen, dass du laut bist – weil für mich die meisten hier laut sind. Und groß! Aber in Asmara! Asmara – bei meiner Mutter: Fischgericht! »Das Beste, was ich je gegessen habe« – hast du immer wieder gesagt. Und dann nimmst du dir sogar Zeit, dich wie ein Kolonialherr beim Barbier rasieren zu lassen. Mir warst du immer gut für Überraschungen.

Mein Freund, mein Mentor, mein Spiegel, Patenonkel meines Sohnes. – Ach, wie schade, viele Einzelheiten unserer gemeinsamen Zeit verblassen. Aber das Gefühl zu dir und mit dir ist immer noch stark. Ich glaube, ich habe nicht mehr so laut und herzlich auf Deutsch gelacht wie mit dir! Das gelingt mir eher auf Tigrinia1. Sogar über deine direkte Kritik konnte ich lachen! Lob – naja, das war nicht so dein Ding!

Dein Lieblingsthema – Vodoo – wir Eritreer kennen das nicht. Was für viele Europäer nicht nachvollziehbar ist. Durch dich bin ich ein Stück näher zu Afrika gekommen. Durch deine Geschichten konnte ich oft die Klischees verstehen und gleichzeitig durch deine Biografie, die in keine Schublade passt – widerlegen.

Das Hier und Jetzt voll erleben und leben… das hast du vollkommen beherrscht. Bis heute – wenn ich mich hetze und merke, dass ich am Rande eines Stuhls sitze, muss ich sofort an dich denken und in die Mitte rutschen. Ja, die Mitte! Ist es dir bis zum Schluss gelungen, in der Mitte zu sein? Ich habe dich ja in den letzten Jahren nicht so oft gesehen. Du hattest mir versprochen, mich nach Frankfurt zu holen … dazu sollte es wohl nicht kommen. Aber mir geht es gut, Jean Claude! Wie hast du immer zu mir gesagt: »Bei dir wird es wohl nie langweilig.« Bei dir auch nicht, Jean Claude.

Ich stelle mir dich vor – wie du irgendwo sitzt, ganz bequem, du hörst und siehst mein Verzweifeln, was ich hier schreiben soll – und sagst: »Oh Weini, jetzt musst du alleine durch, ich will mich entspannen und meine Ruhe haben.« So kenne ich dich nicht, Jean Claude. Wie kannst du nur?!

1980 Beginn der Kalenderaufzeichnungen und Erinnerungen an unser gemeinsames Leben in Frankfurt am Main.


Unsere Hochzeit im Standesamt von Königstein i. T., schwarz-weiß einmal umgekehrt (1978)

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt

Seit 1977 lebte und arbeitete ich in Königstein / Falkenstein als Ergotherapeutin und wohnte in einem sehr, sehr kleinen Häuschen in Falkenstein. Jean Claude kam 1978 aus Marokko, und wir begnügten uns mit dieser minimalistischen Wohnsituation. Wir heirateten, ich wurde schwanger, und wir zogen nach Eschborn.

Durch einen glücklichen Zufall erfuhr Jean Claude 1980 über eine Nachricht im Radio, dass das Diakonische Werk in Hessen und Nassau einen afrikanischen Psychologen für Beratung und Therapie afrikanischer Flüchtlinge im Psychosozialen Zentrum für ausländische Flüchtlinge in Frankfurt am Main suchte. Es war gerade die Zeit, als viele Geflüchtete aus Eritrea in Deutschland eintrafen. JC bewarb sich und bekam die Stelle.

Wir wohnten seit einem Jahr in Eschborn in einer schönen Dachwohnung, in die wir nach langem Suchen hatten einziehen können. Ein freundlicher, weltoffener Hausbesitzer nahm uns damals auf, in seiner Anzeige stand der seltsame Satz: »Vermiete Dreizimmerwohnung an junge Familie möglichst mit Kind.« Wo gibt es so etwas noch? Als wir – ich hochschwanger, er dunkelhäutig – vor der Haustür standen, um die Wohnung zu besichtigen, fürchteten wir die nächste Absage. Wir hatten in Königstein und Umgebung schon viele Vermieter gehört oder gesehen, die, sobald sie hörten, dass wir ein Kind bekommen und dass der Vater auch noch schwarz ist, alle nur möglichen Ausreden fanden, um uns die zu vermietende Wohnung nicht zu geben. Bei Ali und Heidrun war es anders. Wir bekamen die Wohnung, wurden mit offenen Armen aufgenommen und blieben fünf Jahre. Erst als unser drittes Kind kam, benötigten wir mehr Platz und zogen nach Frankfurt. Auch hier hatten wir Glück. Die Evangelische Kirche besaß ein leerstehendes Pfarrhaus im Frankfurter Stadtteil Bockenheim mit einem wunderbaren großen Garten, und 1982 zogen wir dort ein. Wir hatten genug Platz, um Jean Claudes Bruder Gérard, der gerade aus Conakry kommend bei uns gelandet war – Dauer des Aufenthalts unbekannt –, und meine Schwester Gabi, die ebenfalls einen neuen Lebensabschnitt begann, bei uns aufzunehmen.

CHRISTOPH BUSCH

Christoph Busch, ein engagierter Pfarrer, und seine Frau Veronika waren unsere Nachbarn. Wir wurden Freunde. Chistoph war und ist engagiert in der Flüchtlingsarbeit, sodass Jean Claude und er nicht nur viele Berührungspunkte privat, sondern auch im beruflichen Alltag hatten. Sie führten auch einige gemeinsame Projekte durch. Über eines dieser Projekte schrieb Chistoph 2018/19 diesen Text.


Christoph Busch und JC

Seit 1970 evangelischer Pfarrer. Von Anfang 1980 bis zu seiner Pensionierung war er Pfarrer in der Evangelischen St. Jakobs-Gemeinde in Frankfurt-Bockenheim.

Die kurze Zeit einer Hoffnung

Mit Jean Claude Diallo in Bosnien

Bei einer der Fahrten von Frankfurt nach Sanski Most haben Jean Claude und ich auch einmal über den Tod geredet. Ich habe damals gelacht: »Jean Claude, ich bin Jahre älter als Du! Du überlebst mich! Bestimmt! Viele Jahre!«

Es ist anders gekommen.

Wir kannten uns bereits seit mehr als zehn Jahren. Jean Claude und ich hatten mehrere Jahre mit unseren Familien in guter Nachbarschaft Haus an Haus gewohnt. Wir hatten uns angefreundet. Barbara und Veronika, unsere Ehefrauen, gehörten selbstverständlich in diese Freundschaft. Unsere Familien auch. Jean Claude und ich hatten beruflich das ein oder andere auf die Beine gestellt, er als leitender Repräsentant der kirchlichen Ausländerarbeit, ich als Gemeindepfarrer. So haben wir zum Beispiel Seminare zu Afrika gehalten oder Veranstaltungen zum Thema Flucht organisiert. Sogar ein Besuch bei den Diallos in Conakry war möglich geworden. Und dann tauchte Ende der 1990er Jahre das Projekt auf – »Sanski Most«!

Sanski Most ist eine Stadt im westlichen Bosnien. Sie wurde – wie alle Städte in Bosnien – von den Kriegshandlungen zwischen 1992 und 1995 tief getroffen und schwer gezeichnet. Hier wollte der Evangelische Regionalverband Frankfurt am Main (ERV) ein mit EU-Geldern finanziertes Aufbauprojekt organisieren. Ein Begegnungszentrum mitten in der Stadt sollte errichtet werden. Jean Claude war Initiator und Organisator dieses ungewöhnlichen Projektes. Ungewöhnlich, weil so gut wie alles an diesem Projekt für jede und jeden der Beteiligten neu war – nicht nur für uns Frankfurter, die wir uns in diesem Projekt engagiert hatten, ungewöhnlich war es auch für die bosnische Seite: ein Begegnungszentrum – wie sollte das gehen in der mehrheitlich muslimischen Stadt, die noch mitten dabei war, sich neu zu finden nach dem heftigen Krieg!? Jean Claude hatte eine kleine Gruppe zusammengestellt, die jeweils mit besonderen Aufgaben in dem Projekt tätig wurde: Zwei Mitarbeiter der Sozialberatung waren dabei, ebenso eine Psychologin des Psychosozialen Zentrums, auch ein Mitarbeiter der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit und die Geschäftsführerin des Fachbereichs in Jean Claude Diallos Büro. Der Hessische Rundfunk konnte als Medienpartner des Projektes gewonnen werden. Esther Gebhardt, Vorstandsvorsitzende des ERV11, hatte sich eigens Zeit genommen, bei einer der Fahrten nach Sanski Most mit dabei zu sein und sich vor Ort selbst ein Bild von der Situation zu verschaffen.

Ich war in der Zeit als Religionslehrer in einer Frankfurter Schule tätig, einer Schule, die von zahlreichen Kindern aus Familien von Kriegsflüchtlingen aus Ex-Jugoslawien besucht wurde. So erhielt ich die Aufgabe, eine Schulpartnerschaft zwischen dieser Frankfurter Schule und dem Gymnasium in Sanski Most aufzubauen.

Kriegsflüchtlinge aus dem Jugoslawienkrieg – sie waren der Grund für Jean Claude, sich für dieses Projekt zu engagieren. Viele der Geflüchteten hatten eine erste Unterkunft und Betreuung in evangelischen Kirchengemeinden gefunden. Notunterkünfte für sie gab es in Gemeindezentren, manchmal sogar auf der Empore einer evangelischen Kirche.

Begegnungszentrum für Sanski Most – eine Idee der Verständigung und des Dialogs

Der Evangelische Regionalverband wollte nun mit diesem Projekt den Geflüchteten den Gedanken an eine Rückkehr in ihr Blickfeld rücken. Denn die Rückkehr der Geflüchteten gestaltete sich zögerlicher als erwartet. Nur wenige von ihnen konnten sich ein Herz fassen und in ihre alte, durch den Krieg zerstörte Heimat wieder zurückkehren. In dieser Situation sollte das Begegnungszentrum in Sanski Most für die Flüchtlinge ein Hoffnungszeichen werden für einen Neuanfang nach dem brutalen Krieg.

Jean Claude verkörperte diese Hoffnung in seiner Person. Vielleicht hat er die Rolle so gradlinig und wie selbstverständlich übernehmen können, weil er selbst eine vergleichbare Hoffnung in sich trug: einmal wieder zurückkehren zu können in die Republik Guinea, seine ursprüngliche Heimat.

Aber brauchte und wollte man in Sanski Most überhaupt ein »Begegnungszentrum«? Das war von Anfang an keineswegs klar. Denn niemand wusste, wie es weitergehen sollte nach den ethnischen Säuberungen im Bosnienkrieg.

Allein das Wort »Ethnie«?! Man hatte doch zusammengelebt in Bosnien! Im gleichen Ort, nachbarschaftlich, die Kinder sind doch gemeinsam zur Schule gegangen! Aber dann – erst schleichend, schließlich plötzlich und höchst explosiv – Anfang der 1990er Jahre hat es begonnen und so geschah es im Bosnienkrieg. Die Kroaten wurden von den Serben gejagt, die Muslime von den Kroaten, und die Bosnier waren schließlich auch nicht nur Opfer. Sie wurden in diesem unfasslichen Krieg ebenfalls zu Tätern. Häuser der einen wurden von den anderen regelrecht in die Luft gesprengt. Ganze Dörfer sind im Zuge dieser mit allen Formen der Brutalität durchgesetzten ethnischen Säuberungen vernichtet worden – mitsamt der Bevölkerung.

Und am Ende? Am Ende zerfiel das alte Jugoslawien. Jetzt wollten Kroaten nur noch mit Kroaten in ihrem Kroatien zusammenleben, Serben nur noch mit Serben in Serbien. Selbst die gemeinsame serbokroatische Sprache wurde neu definiert. Ihre Sprache hieß nun Kroatisch oder Serbisch. Und was würde aus Bosnien werden? In diesem kleinsten der jugoslawischen Teilstaaten gab es bosnische Serben, es gab kroatische Bosnier und schließlich gab es dort die bosnischen Muslime. Tatsächlich war das weitere Zusammenleben in Bosnien nach dem Krieg Ende der 1990er Jahre eine offene Frage. Und genau darum entstand die Idee, ein Begegnungszentrum zu errichten für offene, menschliche Begegnungen. Sanski Most schien für diese Idee ein geeigneter Ort zu sein. Die Stadt liegt genau an der Grenze zwischen den Bevölkerungsgruppen. Die nächste Stadt – Prijedor – ist serbisch. War ein friedliches Zusammenleben trotz aller erlebten Zerstörungen und Schrecken vielleicht doch wieder möglich? Der Evangelische Regionalverband Frankfurt am Main stand mit solchen Überlegungen nicht allein. Vielmehr traten in Bosnien zahlreiche internationale Hilfsorganisationen auf den Plan. In Deutschland war es der CDU-Politiker Schwarz-Schilling aus Hessen, der sich für einen Dialog der unterschiedlichen Gruppen in Bosnien engagierte. »Hessen hilft« nannte er seine Hilfsaktion. Der Plan des ERV11 war in diesem Zusammenhang ein Baustein der Hilfsbereitschaft. Und Jean Claude Diallo hat das in dieser Situation zu seiner Sache gemacht. War Jean Claude der spiritus rector der einen Seite, so stand ihm auf der anderen Seite der Bürgermeister von Sanski Most gegenüber, Mehmed Alagic. Alagic war im Jugoslawienkrieg General der bosnisch-muslimischen Armee gewesen. Und kurz vor dem von den USA durchgesetzten Friedensabkommen von Dayton hatte General Alagic in einer militärischen Blitzaktion die Stadt Sanski Most und das umliegende Gebiet für die bosnische Armee eingenommen. Sodass Sanski Most schließlich – anders als ursprünglich vorgesehen – dem muslimischen Teil Bosniens zufiel. Dafür war ihm die Bevölkerung von Sanski Most für immer dankbar. Sie hat ihn wegen dieser »Heldentat« verehrt wie einen Heiligen. Es gibt einen Film, der Mehmed Alagic später zeigt, im Jahr 2003, als er verstorben war. Da sieht man Alagic im Sarg aufgebahrt auf dem zentralen Platz. Die Bevölkerung steht in langen Reihen. Jede und jeder tritt an den offenen Sarg; viele küssen den von ihnen verehrten Toten. Als ich diese Bilder sah, habe ich begriffen, wie sehr Mehmed Alagic von den Menschen in Sanski Most verehrt worden war.

Der Plan, mitten in Sanski Most einen Ort neuer Begegnung zu schaffen, – das war das hoffnungsgeladene Angebot. Niemand wusste, was daraus werden würde. Jean Claude ging damit trotzdem selbstbewusst nach vorne. Und so kamen wir in Sanski Most an. Noch während wir im Hotel Sanus beim Frühstück saßen, kamen die ersten Männer und die wenigen Frauen, unsere Gesprächspartner der bosnischen Seite. Jean Claude war bereits ein- oder zweimal vor Ort gewesen. Jetzt begrüßten sie sich wie alte Freunde – lachend, laut, herzlich und mit einer Umarmung. Und schon saßen alle zusammen, um zu reden, zu erzählen, in den Tag hinein zu planen.

Wie hat Jean Claude das gemacht: nicht einfach nur höflich und freundlich zu sein, sondern tatsächlich eine Atmosphäre von Freundschaft entstehen zu lassen, die alle zu ergreifen schien! Auch in dieser unvertrauten, fremden Umgebung?!

Wenig später verließen wir das Hotel. Die gesamte bosnisch-deutsche Gruppe schritt über die alte Brücke und ging dann rechter Hand zum Ufer des Flusses Sana. Dort am Ufer der Sana sollte das Begegnungszentrum einmal errichtet werden. Ein junger Architekt und seine Frau – selbst Kriegsflüchtlinge aus Sanski Most, inzwischen in Wien lebend – standen bei diesem Planungsgespräch im Mittelpunkt. Sie hatten einen ersten Plan ausgearbeitet und präsentierten nun ihre Vorstellungen. Alle hörten ihnen zu, alle versuchten, in die Skizzen und Zeichnungen hineinzuschauen. Auf der Seite der Bosnier waren das: der Arzt, der perfekt Deutsch sprach, der leitende Mitarbeiter einer Firma für Baustoffe, ein Schriftsteller auch und etliche Mitarbeiter der Stadtverwaltung, einige weitere Personen und schließlich Lehrerinnen und Lehrer des Gymnasiums, unter ihnen der Schulleiter und sein Stellvertreter.

Bereits bei der Vorstellung des ersten Planes kamen zentrale Punkte des Projektes zur Sprache. Jean Claude stand dabei immer wieder in der Mitte – zuhörend, fragend, argumentierend, anregend, werbend für die Idee der Verständigung und des Dialogs. Genau das sollte in dem geplanten Begegnungszentrum einen Ort finden. Jean Claude stellte noch einmal allen vor Augen, was sie ohnehin sahen: die im Moment vom Krieg versehrte, aber doch tatsächliche Schönheit dieses Teils von Sanski Most. Aber schon ging es weiter – Fragen, Befürchtungen, Statements: Wem soll das Haus gehören? Und wie soll das überhaupt gehen – ein offenes Haus für alle! Auch für Jugendliche? Was ist das eigentlich: ein Dialog zwischen den Religionen? Und wie könnte das Gespräch zwischen ehemals Verfeindeten verlaufen? Wäre beispielsweise eine Begegnung mit Tanzen nicht besser? Und wenn ja, wäre denn dafür im Plan überhaupt ein großer Saal vorgesehen? Immer neue Gesichtspunkte kamen ins Gespräch. Jean Claude Diallo erzählte wieder von Frankfurt. Er erzählte von der Christus Immanuel Kirche, dem vielseitigen Begegnungs- und Veranstaltungsort für Kirchengemeinden aus unterschiedlichen Nationen. Und er berichtete vom Zusammenleben der Menschen aus vielen Nationen in der Stadt am Main. Die neuen bosnischen Freunde hörten interessiert zu, fragten nach und brachten ihre eigenen Vorstellungen ein. Auch praktische Fragen wurden schon jetzt angesprochen: Was soll das Ganze eigentlich kosten? Was bekommt der Architekt, wer bezahlt ihn? Und: Wer übernimmt die laufenden Kosten, wenn das Begegnungszentrum erst einmal steht?

Begegnung mit Mehmed Alagić

Einer war bei diesem und weiteren Gesprächen nicht persönlich anwesend und schwebte doch über allem: Mehmed Alagić, der Bürgermeister und ehemalige General. Er empfing seine Besucher in seinem Amtszimmer im Rathaus. Doch erst ließ er uns vor der Tür warten (»Der Bürgermeister hat noch ein wichtiges Telefonat, er hat gleich Zeit für Sie!«). Schließlich durften wir eintreten. Das Amtszimmer war voll mit Emblemen und Erinnerungen an den Jugoslawienkrieg – Fotos von Soldaten und der ehemalige General stets im Mittelpunkt. Pläne hingen an den Wänden, in die erfolgreiche Vormärsche eingezeichnet waren. Und es »zierten« sage und schreibe zwei Handgranaten den Schreibtisch im Amtszimmer. Die bosnischen Gesprächspartner saßen mit in der Runde. Sie waren es ja, die das Projekt Begegnungszentrum bereits zu ihrer Sache gemacht hatten. Sie unterstützten den Plan mit ihrem persönlichen Engagement und mit belebender Fantasie. So hatten sie bereits eine »udruzenja gradana« gegründet, eine Bürgervereinigung. Für diese hatten sie einen pathetischen Namen gefunden »Neue Vision – Nova vizija«. Über das alles war der Bürgermeister inzwischen informiert, und jetzt im Gespräch in seinem Amtszimmer lobte er die bosnisch-deutsche Zusammenarbeit an diesem Projekt in höchsten Tönen. Abends zogen dann alle in eines der nahen Restaurants – mit Alagic an der Spitze. Dort erhoben sich die anwesenden Gäste, einige machten eiligst Platz. Dann wurde aufgefahren, was die Küche hergab, und der Wein floss in Strömen. Jean Claude Diallo schien selbst diese Inszenierungen zu genießen. Er redete und lachte, er hörte und fragte, aß und trank mit sichtlicher Freude. Und ließ sich doch nicht blenden.

Ich habe das bewundert: Jean Claude blieb stets auf Augenhöhe. Es ging um ein Begegnungszentrum in Sanski Most! Das war sein Ziel, ein Ort der Völkerverständigung und des Dialogs. Er selbst war von diesem Projekt überzeugt, und nun war er hier und wollte Mehmed Alagic und all die anderen auch davon überzeugen. Jean Claude, so habe ich ihn in diesen Situationen erlebt, stand dem Bürgermeister mit dessen Machtallüren jederzeit souverän und kompetent gegenüber.

Aber auf seinem Terminkalender in Sanski Most standen nicht nur Gespräche mit wichtigen Personen. Er nutzte vielmehr die Zeit seines Aufenthaltes vor Ort, um neue Kontakte zu knüpfen. Ihn interessierten auch informelle Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen. Ihre Erfahrungen im Jugoslawienkrieg und in der Zeit danach versuchte er zu verstehen. Ich glaube, er wollte dabei auch herausfinden, auf wen er sich hier verlassen konnte.

Aufbruchsstimmung in Bosnien

So fuhr er mit einem der muslimischen Bosnier ins benachbarte serbische Prijedor. Der hatte dort bereits vor dem Krieg ein Café aufgebaut und eingerichtet. Aber im Krieg selbst war er bedroht und aus seinem Café verjagt worden. Jetzt fuhr und ging der ursprüngliche Café-Besitzer zum ersten Mal wieder genau an diesen seinen früheren Ort zurück – mit Jean Claude an seiner Seite. Jean Claude fand den Kontakt zu einem nach Deutschland geflüchteten und nun wieder nach Sanski Most zurückgekehrten Automechaniker. Der war voll unternehmerischer Energie und plante, in seiner früheren Heimatstadt eine Werkstatt zu errichten. Ja, sagte das zuständige städtische Amt, das ist ja schön und gut. Aber wenn du es dir leisten kannst, eine Werkstatt zu eröffnen, dann hast du in Deutschland bestimmt viel Geld verdient und kannst nun auch deiner Stadt erst einmal eine gute Summe bezahlen. Aber wie sollte er das Geld aufbringen? Auch einen anderen Mann wollte Jean Claude Diallo kennenlernen. Der war in Omarska eingesperrt gewesen, dem, wie es hieß, schlimmsten aller serbischen Konzentrationslager. Der Mann erzählte vom Hunger, von Folter, von der ganzen Hölle, die er dort erlebt hat. Aber er redete auch davon, wie er jetzt versucht, wieder ins Leben zu kommen. Jean Claude war Psychologe. So fand er Zugang zur Arbeit einer Psychologin. »Ich arbeite mit der Cranio-Sakral-Therapie«, sagte sie. Mit diesem Ansatz bot sie Beratung und Therapie an für vom Krieg Traumatisierte. Bereits Ende der 1990er Jahre konnte man in Bosnien Hilfs- und Aufbauaktivitäten arabischer Länder bestaunen. Es waren vor allem neue Moscheen, die zahlreichen bosnischen Dörfern und Städten gespendet worden waren. Jean Claude wollte diese neuen muslimischen Gotteshäuser gerne auch von innen anschauen. So kam es zu Kontakten und Gesprächen mit Vertretern von Moscheegemeinden in ihren feinen, neuen Räumen. Und Jean Claude spürte im serbischen Prijedor eine kleine protestantische Gemeinde auf. Sie kam in einem als Gebetsraum notdürftig hergerichteten Wohnzimmer zusammen – eine kleine, ärmliche Gruppe, die noch keinen ausländischen Spender gefunden hatte.

Bezim Hrnic war einer der neuen bosnischen Freunde. Er lud einmal in sein Zuhause ein, zum Abendessen zusammen mit seiner Familie. An diesem Abend haben wir viel gelacht über die Tücken des Alltags und über unerwartetes Glück im erlebten Mangel. Die Familie erzählte von Schulen und von Spielplätzen, und wir haben geredet von Freundschaft oder von Haustieren, von Lieblingsessen und von all dem, was junge Eltern und ihre Kinder in Sanski Most in dieser Zeit bewegte. »Fenix« nannte sich eine der wenigen größeren Initiativen in Sanski Most, die von Bosniern selbst getragen war, eine Fraueninitiative mit einem breiten Angebot. In ihrem Zentrum am Rande von Sanski Most gab es regelmäßig eine Suppenküche, Kindergruppen, medizinische Betreuung, Beratungen und anderes mehr. All das wurde bei Fenix angeboten und mit großem persönlichem Engagement von Frauen für Frauen organisiert. Zu dieser bewundernswerten Initiative hat Jean Claude regelmäßig Kontakt gehalten. Es waren informative und oft bewegende Begegnungen, die sich auf den Fahrten in oder aus Sanski Most heraus ergeben haben. Jean Claude Diallo blieb bei allem Beeindruckenden trotzdem kritisch. Einmal schimpfte er leise vor sich hin: »Ich verstehe das nicht! Diese Bosnier können noch nicht einmal in ihren eigenen Vorgärten Blumen pflanzen!« Denn er war fest davon überzeugt: Die vielen externen Hilfen sind nur sinnvoll und nachhaltig als ein Anschub. »Wenn die Hilfe von außen nur angenommen, aber nicht aufgenommen wird, dann wird das ganze schnell verpuffen. Ich hoffe darauf«, so sah es Jean Claude, »dass Bosnier in Bosnien eigene Initiativen entwickeln und dass sie selbst anpacken.«

Brüche und Widersprüche

Zu einem ersten Riss zwischen den Gesprächspartnern aus Sanski Most und uns Frankfurtern kam es ausgerechnet in Frankfurt. Jean Claude hatte die Gruppe aus Sanski Most nach Frankfurt eingeladen, und sie kamen tatsächlich. Bei diesen Gesprächen sollte nun die inhaltliche Konzeption für das geplante Begegnungszentrum weiter, möglichst sogar abschließend erarbeitet werden. Aber bereits zu Beginn der Gespräche entstand eine für uns nicht erklärbare Unruhe unter unseren Gästen aus Sanski Most. Bis schließlich einer der Bosnier erregt aufsprang und lautstark forderte: »Wir haben kein Interesse an einer Konzeption, wir wollen Euer Geld!« Der Widersinn dieser Forderung war schnell aufgeklärt. Denn der Geldgeber des Projektes war und blieb ja in jedem Fall die EU! Sie würde die Gelder freigeben für Hilfs- und Aufbauprojekte im zerstörten Bosnien. Zuvor war es jedoch unsere gemeinsame Aufgabe, einen entsprechenden Antrag mit Konzeption zu erarbeiten und einzureichen. Freilich blieb der einmal entstandene Unmut.

Es gab bei der Zusammenkunft in Frankfurt ein weiteres Ereignis, das wir uns zu dem Zeitpunkt nicht erklären konnten. Bürgermeister Alagic gehörte ebenfalls zu der Delegation, die aus Sanski Most nach Frankfurt gekommen war. Doch er erschien erst zwei Tage später und berichtete, man habe ihm die Ausreise beinahe nicht genehmigt. – Warum denn das? Wir fanden keine Antwort. Die Antwort auf diese Frage kam schneller als gedacht. Die bosnische Gruppe war gerade erst wieder zurück nach Sanski Most gefahren. Da erhielt Jean Claude die Nachricht: Mehmed Alagic ist verhaftet worden! Wie bitte? Ja! Tatsächlich! Er sitzt im Gefängnis in Den Haag! Dort ist er angeklagt vor dem Internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen. Diese Nachricht machte uns, die wir in dem Projekt engagiert waren, fassungslos. Der Vorwurf lautete: Alagic und seine bosnischen Truppen hätten im Bosnienkrieg gemeinsame Sache mit Mudschahedin-Truppen gemacht. Mit ihnen zusammen hätten Alagic und seine Truppen serbische Dörfer überfallen, zerstört und sie hätten in diesen Dörfern alle Einwohner getötet – Kinder, Frauen, Alte. Unglaublich! Und nun? Jean Claude erklärte das Projekt Begegnungsstätte in Sanski Most sofort für beendet. Ich glaube heute, Jean Claude konnte sich in dem Moment nicht mehr vorstellen, mit welchen Partnern aus Sanski Most er das Projekt Begegnungszentrum nun hätte realisieren sollen. Wie hätte man in Bosnien jetzt wem vertrauen können? Welche Netzwerke hatte es in der Stadt gegeben, in der Alagic Bürgermeister war? So hat sich das Fenster der Hoffnung auf einen Neuanfang in Bosnien im Zeichen der Völkerverständigung und des Dialogs von einem Tag auf den anderen fürs Erste geschlossen. Der schwere Vorwurf gegen Mehmed Alagic konnte vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag nicht geklärt werden. Denn nur wenige Monate nach seiner Inhaftierung ist er dort an einer Krebserkrankung gestorben. Welche Rolle Alagic auch immer als General im Bosnienkrieg gespielt haben mag: Es gilt inzwischen als gesichert, dass die muslimisch-bosnische Armee im Bosnienkrieg von ungefähr 6000 Soldaten aus mehreren arabischen Staaten unterstützt worden ist. Es muss eine bunte Söldnertruppe gewesen sein – Afghanen, Tschetschenen, Pakistani, Ägypter, Irakis …

Im Frühsommer nach all dem rief mich Jean Claude Diallo eines Tages an: »Du, Christoph. Es ist noch Geld auf dem Konto für Sanski Most. Ich möchte es persönlich dorthin bringen. Kommst Du mit?«

Wir trafen uns in Zagreb. Barbara und Veronika waren dabei. Sie fuhren am nächsten Tag wieder nach Frankfurt. Jean Claude und ich fuhren weiter nach Sanski Most. Wieviel Geld noch auf dem Konto war und wem er davon wie viel gegeben hat, weiß ich nicht. Wir hielten uns nicht lange in Sanski Most auf. Und fuhren schon bald zum letzten Mal von Sanski Most aus wieder zurück nach Frankfurt.

Allerdings wollte Jean Claude vor unserer Abfahrt gerne noch einen Besuch machen. Wir besuchten die junge Familie, die Familie mit den beiden Kindern.


Frankfurter Delegation mit Mitstreiter*innen aus Sanski Most bei der Besichtigung des Grundstückes an der Sana, auf dem das Begegnungszentrum entstehen sollte.


JC als junger Mann

Wie kam Jean Claude überhaupt nach Deutschland, und wie haben wir uns kennengelernt? Jean Claudes Ankunft in München im November 1968 lässt sich laut seinen Erzählungen in etwa wie folgt beschreiben.

Im Hier und Jetzt
Unbekümmerte turbulente Jahre in der Studentenzeit

Ein junger Mann, 23 Jahre alt, steht im Münchner Hauptbahnhof am Gleis und wartet darauf, abgeholt zu werden. Bekleidet mit einem dünnen Sakko, darunter ein Hemd mit Krawatte, eine dünne Stoffhose und feine Lederschuhe, sieht er aus, als ob er viel Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild legen würde, aber für diese Jahreszeit in Deutschland ist er nicht gut gerüstet. Er scheint hier fremd zu sein.

Der erste Schnee ist gefallen, und das Warten in der Kälte wird zur Qual. Er hat von Paris, wo er aus Conakry kommend gelandet war, den Zug genommen, um direkt weiter nach München zu reisen. Dort soll er am Goethe-Institut Deutsch lernen und danach in Deutschland Chemie studieren. Chemie war keineswegs sein Lieblingsfach im Gymnasium, aber Chemiker wurden immer gebraucht in einem Land wie Guinea. Es gab und gibt in diesem Land sehr viele Bodenschätze (Bauxit, Gold, Diamanten, Eisen). Der damalige Präsident Sékou Touré wollte diese Schätze für das Land und seine Menschen nutzen; dazu brauchte er Fachkräfte. Die deutsche Botschaft in Conakry bot zu dieser Zeit Stipendien für Chemie und ähnliche Fächer an, und wer dann noch die richtigen Beziehungen zu den richtigen Personen hatte, der hatte die Fahrkarte in eine bessere Zukunft in der Tasche.

Jean Claude wollte Guinea aus verschiedenen Gründen verlassen. Das Studium war einer der Gründe. Dann war da noch die Neugierde auf Europa; viele seiner Freunde und Freundinnen aus dem Gymnasium waren in Frankreich, manche in der damaligen DDR, wenige in der BRD. Er wollte nicht nach Frankreich in das Land der ehemaligen Kolonialmacht, auch wenn er diese nur in seiner Kindheit erlebt hatte, denn 1958, als er 13 Jahre alt wurde, hatte sich Guinea die Unabhängigkeit erkämpft. Lieber setzte er sich mit dieser deutschen Sprache auseinander, die viele seiner Landsleute fürchteten. Auch seine Mutter war einverstanden, als er ihr von seinen Plänen erzählte. Sie machte sich Sorgen um ihren Sohn, der sich nicht scheute, laut Kritik an Staat und Obrigkeit zu üben, obwohl er die sozialistische Idee gut und richtig fand.

Wo bleibt nur die Person, die ihn abholen sollte – es ist unerträglich kalt. Warum hat ihn niemand vor diesem Land gewarnt? Oder hatte man ihn gewarnt und er hatte es nicht wissen wollen? Sicher war nur, dass er gut aussehen wollte, wenn er hier ankommt, denn der erste Eindruck ist wichtig, das hatte er schon in Guinea gelernt. Wer es sich einigermaßen leisten kann, achtet darauf, sich tipptopp anzuziehen, sobald er oder sie das Haus verlässt. Dieses Phänomen findet sich in vielen afrikanischen Ländern wieder und es hat ihn sein ganzes Leben hindurch begleitet. Jetzt war ihm aber so kalt, dass er am liebsten sofort wieder nach Hause gefahren wäre. So hatte er sich Deutschland nicht vorgestellt.

Der Tag ging gut zu Ende für Jean Claude, so hieß der junge Mann, denn er wurde dann doch von einem Mitarbeiter des Goethe-Instituts abgeholt und in eine Unterkunft für neu angekommene Studierende aus der sogenannten Dritten Welt gebracht.

Vier Monate Deutschunterricht im Goethe-Institut – JC erzählte gerne von dieser Zeit. Es waren da junge Menschen aus den verschiedensten Ländern, um Deutsch zu lernen. Sie machten gemeinsam Ausflüge, um diesem fremden Land näherzukommen. Auch gab es sogenannte Patenfamilien, die die jungen Leute an den Wochenenden zu sich nach Hause einluden. JC lernte auf diesem Weg schnell andere Menschen kennen, denn er war aufgeschlossen und alles andere als schüchtern. Natürlich verliebte er sich in die Tochter der Patenfamilie, sodass das ungewohnte Winterwetter, die neue Umgebung und die anderen Menschen nur noch selten Grund für Heimweh waren. Die Sehnsucht nach der Familie zu Hause blieb. Belustigt und ein wenig spöttisch erzählte er später, dass er Deutsch nicht im Goethe-Institut gelernt hatte, sondern es dem ausgiebigen Nachtleben in Münchner Diskotheken und Kneipen verdankte. Viele Geschichten gab es, die er später im Kreis alter Freunde unter viel Gelächter erzählte.

Erstes Weihnachten in Deutschland

Eine dieser Geschichten spielt an Weihnachten, dem ersten Weihnachten in Deutschland. Hier ist Weihnachten ein Fest der Familie. Es ist kalt, man bleibt zu Hause, stellt einen Weihnachtsbaum auf und feiert im Kreis der Familie, singt Lieder, isst und trinkt nach Herzenslust und folgt mehr oder weniger den gängigen christlichen Bräuchen.

Was war mit den Menschen, die allein waren, die keine Christen waren und die niemand kannten? Für die jungen Menschen im Goethe-Institut wurde das Weihnachtsfest organisiert. Es gab Familien in der Umgebung des Instituts, die die jungen Studierenden über die Feiertage zu sich nach Hause einluden, damit sie unser »schönes gemütliches« Weihnachten kennenlernen konnten. Jean Claude und weitere junge Männer wurden von einem Bauern in der Nähe Münchens eingeladen. Den jungen Ausländern war ein bisschen mulmig zumute, sie wussten nicht, was auf sie zukam. Am 24. kam der Bauer und holte die Gruppe in einem großen Auto ab.

Sie fuhren aufs Land und kamen zu einem großen Bauernhof. Der Bauer brachte seine Gäste in ihre Schlafräume und erklärte, dass um 18.00 Uhr Bescherung in der Stube sein würde und sie alle sich um die angegebene Zeit dort einfinden sollten. Als alle zur gegebenen Zeit in die besagte Stube kamen, war die Überraschung groß. In der Mitte des Raums stand ein riesiger Tisch, und um diesen Tisch saßen die fünf Töchter des Bauern. Weihnachten war gerettet, und es ist, wenn man Jean Claudes Erzählungen glaubt, ein sehr lustiges Fest geworden.

Leben im Hier und Jetzt

Anstatt Chemie zu studieren, entschied sich JC für Psychologie und begann sein Studium in Würzburg, in der Stadt, in der ich meine Jugendzeit verbracht hatte. Dort lernten wir uns im Winter 1970/71 kennen.

Unsere Geschichte begann in einem Studentenlokal. Zur damaligen Zeit hieß es Studentenkeller, eine Tanzkneipe, die nicht besonders gemütlich oder schick war, sondern leicht heruntergekommen. Es war die Zeit der Studentenbewegung, selbst in einer bürgerlichen Stadt wie Würzburg machte sich das an solchen Lokalen bemerkbar. Sie waren wunderbar geeignet, um jemanden kennenzulernen. Genau mit diesem Ziel fuhr ich an manchen Wochenenden aus dem näheren Umland Aschaffenburgs, wo ich arbeitete, nach Würzburg. Würzburg war meine alte Heimatstadt, es zog mich immer wieder dorthin. Jean Claude studierte hier, war Student in dieser Stadt, hatte hier seine Freundinnen und Freunde und kam mit der gleichen Absicht wie ich in dieses Lokal.


JC als Student in Würzburg, kurz nachdem wir uns kennengelernt hatten (1971)

Vom ersten Moment an war ich fasziniert von seiner beeindruckenden Persönlichkeit. Er wirkte nicht nur durch seine äußere Erscheinung – dunkelhäutig mit dem damals üblichen Afrolook der Haare –, sondern vor allem durch sein selbstsicheres Auftreten, wodurch er allen mitteilte: Schaut mich an, ich weiß was ich kann, ich weiß, woher ich komme, ich bin in einer Revolution groß geworden, ihr könnt mir nichts vormachen. Mit diesem Selbstbewusstsein zog er meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war mir klar, dass ich diesen Mann kennenlernen musste, dafür riskierte ich es, meine Vorsicht und Zurückhaltung zu vergessen. Die Tatsache, dass ich aus meinem kleinbürgerlichen Leben herauswollte, trieb mich zusätzlich an und machte mir Mut.

Der Anfang unserer Beziehung war aufregend, und obwohl ich schüchtern war, kamen wir uns schnell näher. Da ich in der Nähe von Aschaffenburg als Fachlehrerin arbeitete und lebte und er in Würzburg im internationalen Studentenwohnheim, trafen wir uns an den Wochenenden. Ich besaß einen R4 und fuhr meistens nach Würzburg zu ihm; er besaß kein Auto. Später erzählte er häufig teils im Spaß, aber auch mit durchaus deutlichen Hintergedanken, wie praktisch es für ihn gewesen sei, eine Freundin zu haben, die in einiger Entfernung lebte. Er mochte mich, aber er wollte sich nicht einengen lassen. Es war ihm wichtig, sein turbulentes Leben zwischen Studium, Freundinnen und Freunden aus dem In- und Ausland und seinem politischen Engagement ungetrübt weiterzuleben. Auch mir gefiel diese Art zu leben, und die Freiräume waren mir wichtig, um zu erfahren, was ich vom Leben wollte.

An den Wochenenden gingen wir aus, diskutierten, trafen uns mit Freunden, stritten und einigten uns wieder. Es war meistens eine glückliche und unbekümmerte Zeit, denn keiner übte Druck auf den anderen aus. Ich war verliebt, wusste aber, wenn ich Forderungen an ihn stellen würde, dann würde ich ihn verlieren.

Natürlich gab es auch Probleme. Er lebte in einem mehrsprachigen Umfeld, Deutsch, Französisch und mehrere afrikanische Muttersprachen. Ich sprach etwas Englisch aber kein Französisch. Wenn Freunde aus der Heimat zu Besuch kamen, wurde Französisch, Fula oder Susu2 gesprochen. Ich verstand kein Wort und ärgerte mich maßlos, manchmal fuhr ich dann gekränkt nach Hause und dachte an Trennung, aber nach längerer Überlegung verwarf ich diese Gedanken, da mir dieser Mann zu wichtig war, um ihn so schnell aufzugeben.

Ich hielt an dieser Beziehung von Anfang an fest. Woher kam die Sicherheit, dass er der Mann meines Lebens war? Ich weiß es heute noch nicht genau, es war einfach so. Vielleicht weil ich ahnte und hoffte, durch ihn eine andere und neue Welt kennenzulernen, eine Welt, von der ich als Jugendliche bereits geträumt hatte. Ich komme aus der fränkischen Provinz und war überwiegend in klösterlichen Internaten und bei Verwandtschaft groß geworden. Meine Kenntnisse über andere Menschen und Kontinente stammten vorwiegend aus Karl Mays gesammelten Werken, die ich in meiner Jugend verschlungen hatte. Später beim Lesen von Max Frisch und Hermann Hesse verstärkte sich das Gefühl, dass das Leben mehr sein musste als das, was ich bisher in meiner kleinen Welt zwischen Ippesheim (mein Heimatdorf in Mittelfranken), Würzburg und Aschaffenburg kennengelernt, erlebt und erfahren hatte. Seine Lebensvorstellungen waren damals noch davon geprägt, nach dem Studium in die Heimat zurückzukehren. So lebte er im Jetzt und im Hier. Auf seinem Schreibtisch im Studentenwohnheim stand das Bild einer jungen hübschen Frau. Auf meine Frage, wer das denn sei, antwortete er: Sie ist meine Schwester. Ein halbes Jahr später stand das Foto nicht mehr an seinem Platz, es war nirgendwo zu sehen. Als ich ihn fragte, warum das Foto verschwunden war, erzählte er, die junge Frau auf dem Foto sei nicht seine Schwester, sondern seine Verlobte, eine alte Schulfreundin aus dem Gymnasium. Er erklärte dann auch, dass diese Beziehung sehr kompliziert und sie – die Verlobte – zu weit weg in der Heimat sei. Danach sprachen wir nicht mehr darüber. Es war das erste Zeichen einer Veränderung.

Die Studienzeit in Deutschland war kurz. JC hatte gerade sein Vordiplom in Psychologie abgeschlossen, als die guineische Botschaft in Bonn alle Studierenden in der damaligen BRD und in ganz Westeuropa aufrief, ihre Gastländer zu verlassen und nach Rom zu reisen, um dort auf weitere Anweisungen zu warten. Dies bedeutete für alle Studierenden aus Guinea eine tiefgreifende Entscheidung: das nicht abgeschlossene Studium aufgeben, nicht wissen, wie alles weitergehen wird, eine unsichere Zukunft, aber dafür die Sicherheit, dass die Familie in Guinea keine Repressalien zu befürchten hat? Oder an Ort und Stelle bleiben, das Studium zu Ende bringen, mit der Hoffnung leben, dass der Familie nichts passieren wird und nach dem Studium dann in Ruhe nach Hause zurückkehren?

JC glaubte, die politische Lage in seinem Heimatland sehr gut zu kennen. Beeinflusst durch ein revolutionär geprägtes Elternhaus, in dem Frantz Fanons Schriften Pflichtlektüre für alle waren, und den in Deutschland erlebten Zeitgeist der 1968er Jahre, verließ er Deutschland 1971 Richtung Rom, um von dort aus möglichst schnell in ein anderes Land geschickt zu werden und das Studium fortsetzen zu können. In Italien begann eine Zeit des Wartens, der Frustration und der Erkenntnis, dass die Wahrheit viele Gesichter hat und manches dieser Gesichter sich bei genauer Betrachtung zur Fratze verwandelt.

ANSOUMANE CAMARA

Jean Claudes Freund Ansoumane Camara, der seit vielen Jahren in der Schweiz lebt, beschreibt in seinen Erinnerungen die gemeinsame Zeit in Italien und die darauffolgenden Studienjahre in der Schweiz. Der Text wurde im Juni 2016 von ihm in Französisch verfasst und von mir ins Deutsche übersetzt.


Ehemaliger Mitarbeiter der UNO in Genf in den Bereichen Finanzen und Budgetierung. Studium und Ausbildung in Guinea, Deutschland und Schweiz (jetzt im Ruhestand). Langjähriger Freund JCs seit ihrem gemeinsamen Aufenthalt in Rom.

Wichtige Entscheidungen für eine unklare Zukunft

Wartezeit in Rom 1971/1972

Die »Landung« des portugiesischen Militärs in Kooperation mit der guineischen Opposition am 22. November 1970 in Conakry, der Hauptstadt Guineas, mit dem Ziel, das Regime Sékou Touré3 zu stürzen, hatte unerwartete Konsequenzen für die Studenten und Praktikanten Guineas in West-Deutschland und West-Europa zur Folge.

Nachdem Sékou Touré überzeugt war, dass die Bundesrepublik Deutschland und andere westeuropäische Länder Komplizen und somit beteiligt an diesem Überfall von außen waren, beendete er die diplomatischen Beziehungen zu diesen Ländern. Man schloss mehrere guineische Botschaften, unter anderem auch die in Bonn. Der Botschafter und sein Personal gingen nach Rom. Die Studenten und Praktikanten in der BRD wurden im Sommer 1971 von der guineischen Regierung aufgefordert, die BRD zu verlassen und in Rom auf weitere Instruktionen zu warten. Somit wurden sie zu Leidtragenden eines Vorfalls, mit dem sie nichts zu schaffen hatten. Ein Rundschreiben aus Rom forderte sie auf, sofort Deutschland zu verlassen und so schnell wie möglich nach Rom zu kommen. Jean Claude gehörte zu ihnen. Er war einer der ersten, der diesem Aufruf folgte. In Rom wurde er von einem Freund der Familie (Jean Camara) aufgenommen, der als Berater an der Botschaft Guineas in Rom tätig war und ihn während seines Aufenthalts in Rom unterstützte.

Die Ankunft der vielen jungen Guineer in Rom führte zu erheblichen Problemen – Unterkunft und Versorgung waren nicht sichergestellt; es gab keine finanzielle Unterstützung durch die Regierung in Conakry. Es stellte sich heraus, dass der Abzug der Studenten aus der BRD ein Willkürakt des Botschafters Seydou Keitas war, der die Regierung in Conakry vor vollendete Tatsachen stellte. Die Studenten befanden sich, nachdem ihre kleinen Ersparnisse aufgebraucht waren, in einer prekären finanziellen Situation. Es war ein glücklicher Zufall, dass die damals sehr bekannte Balletttruppe aus Guinea, »Les Ballets africains de Guinee«, ebenfalls in Rom gestrandet war. Die Mitglieder dieser Gruppe unterstützten die mittellosen Studenten, indem sie sie häufig zum Essen einluden.

Bei Jean Camara, der zu dieser Zeit noch unverheiratet war, konnte Jean Claude essen, wohnen und sich finanziell über Wasser halten. Einige Studentinnen und Studenten, zu denen zwei junge rebellische und feministische Frauen aus Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) gehörten, fanden sich dort ebenfalls regelmäßig zum gemeinsamen Essen ein, und Jean Claude heizte durch seine provokante Meinung immer wieder die Diskussionen an. Der Aufenthalt in Rom war von absoluter Unsicherheit bestimmt. Es war Dezember 1971, und es gab noch keine Entscheidung über die Zukunft der Studenten aus Guinea, die sich in Rom befanden. Mussten sie zurück nach Guinea oder konnten sie ihr Studium in einem anderen Land weiterführen, zum Beispiel im damaligen Ostblock, der das Regime in Guinea unterstützte? Unter diesen Bedingungen entschieden sich einige Studenten, auf eigenes Risiko nach Deutschland zurückzukehren.

Manche Gepflogenheiten eines totalitären Regimes spiegeln sich wider im Verhalten der betreffenden Gesellschaft; Bespitzelungen und Misstrauen machten sich innerhalb der Gruppe bemerkbar. Es stellte sich bald heraus, dass der guineische Botschafter die Verunsicherung der wartenden Studenten und Praktikanten für seine eigenen politischen Zwecke benutzte. Es fanden immer häufiger Versammlungen statt, um auf die Studenten Einfluss zu nehmen. Die offizielle Adresse für alle war die Botschaftsadresse. Briefe, die aus Deutschland kamen, wurden schlecht verschlossen dem eigentlichen Empfänger übergeben, sodass jeder sofort wusste, dass die Briefe geöffnet und gelesen worden waren. Diese Tatsache und die allgemeine schlechte Situation der Studenten provozierten heftige Reaktionen innerhalb der Gruppe. Jean Claude nutzte sein Talent als Mediator, um die Gruppe zu beruhigen und die Situation zu entschärfen. Durch diesen Einsatz wurde er innerhalb der Gruppe sehr bekannt. Die Wartezeit in Rom war endlos. Monate vergingen, bis endlich das Dekret »Responsable Suprême de la Revolution« (Sékou Touré) eintraf. Es durften acht Studenten in West-Europa (nicht in der BRD) bleiben und ihr Studium fortsetzen; zu ihnen gehörte Jean Claude. Alle anderen mussten sofort zurück nach Guinea. Die Gruppe, die ihre Ausbildung im Post- und Telekommunikationswesen machte, fand Ausbildungsmöglichkeiten in der Schweiz in einer Berufsschule, wogegen sie ihre Ausbildung vorher in Deutschland an einer Hochschule gemacht hatten. Die meisten von ihnen blieben nur einige Monate in der Schweiz und entschieden sich, alsbald nach Guinea zurückzukehren. Bis auf mich. Ich entschied mich, nach Bochum zu gehen, um mein Studium dort zu Ende zu führen.

Guineische Gemeinschaft in der Schweiz 1972 bis 1977

Für Jean Claude setzte sich die unerträgliche Wartezeit fort. Jeden Monat gab es ein neues Versprechen, einmal sollte es Belgien sein, dann wieder die Schweiz und so fort. Im Sommer 1972 entschied er sich, ohne das offizielle Ende der Verhandlungen zwischen der guineischen Botschaft und den Schweizer Behörden abzuwarten, in die Schweiz zu reisen, um sich an der Universität in Genf einzuschreiben. Er kam in Genf an mit fast nichts in den Taschen, aber er fand auch hier Studenten aus Guinea, die er kannte. Bei einem von ihnen konnte er vorübergehend wohnen; er hatte keine andere Wahl. Die meisten Studierenden seiner Generation kannten sich aus ihrer Zeit im Gymnasium, denn es gab nur drei Gymnasien in Guinea. Sehr schnell stellte sich heraus, dass gerade dieser »Freund« einer von Sékou Tourés Spitzeln in Genf war. Jean Claude musste sich mit dieser unangenehmen Situation abfinden, während er sich nach einer anderen Unterkunft umschaute und vor allem nach finanzieller Unterstützung suchte. Er schrieb sich in der Fakultät der Sozialwissenschaften in Psychologie ein, blieb für ein Semester, um sich dann 1973 in Lausanne ebenfalls für das bereits in Deutschland begonnene Psychologiestudium einzuschreiben. Mit Hilfe des Honorarkonsuls von Guinea, Herrn Franzin, fand er im Stadtviertel Montely ein Appartement, zu groß für einen Studenten – zwei Schlafräume, ein sogenannter Salon (ein vergrößerter Flur, der zum Salon umfunktioniert wurde), eine kleine Küche und ein Bad. Aufgrund dieser günstigen Voraussetzungen ließ er seinen Jugendfreund Bah Souleymane, genannt Roby, der sich in der Elfenbeinküste aufhielt, kommen, damit dieser ebenfalls seine Studien in der Schweiz aufnehmen konnte.

Im Erdgeschoss, direkt am Eingang des Hauses, befand sich eine Kneipe, die sich »Chez Charly« nannte. Wenn man in die Wohnung im dritten Stock wollte, dann musste man am Eingang der Kneipe vorbei, sodass dieses Lokal zum zweiten Wohnzimmer all derer wurde, die sich in der Wohnung vorübergehend – mal länger, mal kürzer – aufhielten. Sie tranken alle sehr gerne, nur ich, genannt »Sir Lipton«, ein Freund aus der Zeit in Rom, widerstand dem Alkohol. Eine Etage unter JCs Wohnung lebte ein altes Ehepaar mit bewundernswerter Toleranz. Niemals wurde von ihnen die Polizei gerufen wegen des Lärms, der aus der oberen Wohnung, die sich zu einem Hauptquartier für Exilguineer entwickelt hatte, kam.

Sehr schnell formierte sich eine Gruppe Guineer um Jean Claude; manche waren am Ende ihres Studiums angekommen, andere studierten oder gingen anderen Beschäftigungen nach. Seine Adresse in Montely wurde zum Treffpunkt der guineischen Gemeinschaft der Schweiz und der grenznahen französischen Region und all derer, die dachten, die Welt neu zu gestalten: Afrikaner, Südamerikaner, Portugiesen. José und Nica, Studienkollegen und Freunde, ließen ihn Portugal entdecken. Es war die Zeit der Nelkenrevolution in Portugal, der Sandinisten in Nicaragua und der Sahrauis im Süden Marokkos. Die politischen Diskussionen waren anregend und endlos, vor allem wenn der Duft der Soßen, die auf dem Herd köchelten, durch die Wohnung zog. Man muss sagen, dass das kulinarische Talent des Wohnungsbesitzers bei allen Freunden hochgeschätzt war.


Jugendfoto – JC und seine Freunde (1965/66)

Während der Sommerferien kamen viele guineische Studenten aus den osteuropäischen Ländern in die Schweiz, vor allem nach Lausanne, um Ferienjobs zu finden. Einige waren Kommilitonen Jean Claudes aus dem klassischen Gymnasium in Donka (Conakry) oder alte Bekannte aus anderen Regionen Guineas. Sie kamen ohne einen Cent in der Tasche und läuteten an seiner Tür. Er stellte niemals eine Frage, sondern nahm sie auf. In der Sommerzeit sah die Wohnung wie ein Feriencamp aus. Jean Claude verbrachte in dieser Zeit seine Nächte bei Freunden oder bei Barbara, seiner späteren Frau, die nach Lausanne gekommen war, um Französisch zu lernen. Trotzdem gab es nie genug Schlafplätze für alle. Für das Essen fand man immer Mittel und Wege. Ein großer Topf mit Schweinsfüßen in Soße erfüllte selbst für die Moslems, die in der damaligen Zeit wenig praktizierend waren, seinen Zweck. Auch das künstlerische Talent einiger erlaubte es, die Töpfe zu füllen. Alain Zayat und »Gaspard« fertigten an manchen Abenden naive Bilder mit afrikanischen Motiven, keiner wusste, woher ihr Talent als Maler stammte. Andere, talentiert als Verkäufer, fuhren am darauffolgenden Tag aufs tiefe Land und verkauften die Ergebnisse des Vorabends mit mehr oder weniger Erfolg. Ihre Rückkehr wurde ungeduldig erwartet, denn ein Teil der Einnahmen wurde für die abendliche Kochaktion genutzt. Der Rest wurde meist am gleichen Abend ausgegeben, in der Piano-Bar »l’AMIRAL« bei Johny, einem Bruder aus dem Maghreb, der mit einer seltenen Freundlichkeit ausgestattet war. Diejenigen, die keinen Schlafplatz bei Jean Claude gefunden hatten, behalfen sich durch eine Eroberung des Abends.

All dies führte immer wieder zu mehr oder weniger großen finanziellen Sorgen für Jean Claude als verantwortlichem Mieter des Appartements. In der Wohnung gab es ein Telefon, das für jedermann zugänglich war. Dies hieß, dass er regelmäßig Telefonrechnungen über mehrere Hundert Schweizer Franken erhielt. Eines Tages waren es mehr als tausend Franken, daraufhin ließ er das Telefon entfernen. Da es zu dieser Zeit noch keine Mobiltelefone gab, musste von da an jeder, der telefonieren wollte, in eine Telefonzelle gehen.

Während dieser Zeit in Lausanne trieb Jean Claude regelmäßig Sport, Basketball – sein Lieblingssport – mit seiner Unimannschaft und Fußball in der Afrika-Mannschaft von Lausanne. Die Treffen der Mannschaften Genf gegen Lausanne fanden auf einem Platz im Park von Vidy statt. Die Spiele steigerten sich so manches Mal zu einem folkloristischen Vergnügen. Sobald der Abpfiff ertönte, stürmten alle ins »Chalet«, eine Pizzeria, um ihren Durst zu stillen, und Jean Claude vergnügte sich am »Baby Foot« (Tischfußball).

Wenn man eine offizielle Erlaubnis der Regierung Guineas für die Fortführung des Studiums in der Schweiz hatte, bekam man ein monatliches Stipendium von etwa 280 bis 300 Franken. Leider erreichte diese eher mäßige Unterstützung die Studierenden nicht. Jean Claude erhielt dieses Geld nur drei oder vier Monate lang. Im Juli 1973, als er zur Hochzeit seines Freundes und Unterstützers Jean Camara nach Rom fuhr, nahm er die Gelegenheit war, sich beim Botschafter Guineas über diese Situation zu beschweren, der ihm dann den Vorwurf machte, sich nicht rechtzeitig gemeldet zu haben und die Buchhaltung zu einer freundlichen Geste beauftragte. Die Geste war lächerlich.

Wenn es sein Studienzeitplan zuließ, machte er hier und dort kleine Jobs an Samstagen, um seine finanzielle Schieflage etwas zu verbessern. Eines Tages fand er eine Arbeit in einer Fabrik für Schmiermittel, die auch Reinigungsmittel verkaufte. Er verdiente 80 Franken pro Tag. Diese Summe wurde ihm am Ende des Tages bar ausbezahlt. Diese Konditionen machten die Arbeit für einen Studenten reizvoll, auch wenn sie schmutzig war. Wenn er am Abend nach Hause kam, gab er einen Teil des Geldes für das Essen seiner Besucher aus. Die Arbeit wurde in einer staubigen Lagerhalle durchgeführt, in der alte Klamotten nach bestimmten Kategorien sortiert werden mussten. Manchmal überließ er einem Freund seinen Arbeitsplatz, damit dieser sich etwas Geld verdienen konnte. Ein alter guineischer Beamter, der geflohen und ohne einen Cent in Lausanne gestrandet war, erzählte mit großer Begeisterung von einem Geschenk des Himmels. Jean Claude hatte ihm damit die Möglichkeit gegeben, eine Zugfahrkarte von Genf nach Paris zu kaufen, um sich einige Nächte in einem Hotel zu leisten und Freunde zu treffen. Jean Claude – charmant, klug und aufgeweckt mit einem angenehmen und Vertrauen erweckenden Äußeren – ließ die meisten Frauen nicht unberührt. Die Besitzerin und Chefin dieses Unternehmens verfiel dem Charme dieses höflichen jungen Mannes mit guten Manieren, der es sehr gut verstand, eine Freundschaft zu pflegen und zu halten. Die Dame war zwar 20 Jahre älter, aber sehr elegant, gutaussehend und geistreich. Auch war sie sehr großzügig; zu Jean Claudes Geburtstag lud sie seinen engeren Freundeskreis in ein gutes Restaurant ein. Man feierte fröhlich und ausgelassen. Zwei kluge Köpfe neckten und maßen sich, und dieses Spiel machte ihnen ungeheuren Spaß. Das gab den Geburtstagen einen besonderen Charakter. Auch Jahre später, wann immer Jean Claude in die Schweiz kam, besuchte er diese Dame und unterhielt diese Freundschaft bis an sein Lebensende. Seine Beziehung zu einer Italienerin war ganz anders: sehr theatralisch und kurz. Jedoch, selbst in diesen Augenblicken der Sorglosigkeit blieb »die Deutsche«, die in den Augen der Freunde die einzig legitime Beziehung war, gegenwärtig, und Jean Claude wurde scherzhaft von seinen Freunden daran erinnert: »Yamanni faama go«! (Vorsicht, die Deutsche wird kommen!) Man sprach Susu, damit nur die Freunde es verstehen konnten.

Weit weg von Guinea war Jean Claude nie ganz von seiner Familie getrennt. In Lausanne lebte ein sehr naher Verwandter von ihm, sein Cousin Bouba Aribot. Er war Apotheker und war mit einer Schweizerin verheiratet. Er war der älteste der guineischen Gemeinde in der Schweiz, somit war er eine Respektsperson und wurde bei wichtigen Entscheidungen gefragt. Es lebte auch eine weitläufige Cousine, Michelle, mit ihrem Mann Alain und ihren Kindern in der Nähe. Die Abende bei den Elzigs waren für ihn ein willkommener Ausbruch aus den täglichen Sorgen und Nöten. Die köstlichen Gerichte seiner Cousine ließen ihn eintauchen in eine familiäre Stimmung, und Alain, ein freundlicher, sympathischer und schelmischer Mann, machte gerne Späße, um die Abende so angenehm wie möglich zu gestalten. Von Zeit zu Zeit tauchten auch die Wahlschwestern Martine und Anna aus Paris auf. Es waren die Töchter von Adele und Alassane Diop, Freunde der Familie aus dem Senegal, mit denen er sich stark verbunden fühlte, vor allem Allassane Diop verehrte er sehr. Er war Minister für Kommunikation unter Sékou Touré und kam im Zuge der Säuberungsaktionen in das gefürchtete Gefängnis »Camp Boiro« in Conakry. Er verbrachte zehn Jahre dort. Diese Tatsache war ein weiterer Grund, sich von Sékou Touré und seinem Regime zu distanzieren.

Jean Claude beendete sein Studium der Psychologie mit dem Diplom, gab seine Wohnung auf, und die Clique von Montelly löste sich auf. Er verließ Lausanne mit einem Gefühl, nicht alles erreicht zu haben. Sein Freund Roby, der mit ihm in Lausanne lebte, hatte sein Studium nicht weitergeführt, sondern suchte nach einem leichteren Weg, um zu überleben. Roby hatte, nachdem Jean Claude Lausanne verlassen hatte, den Kontakt zu ihm abgebrochen. Er konnte wohl den Erfolg des Freundes und das eigene Versagen nicht ertragen. Später sprach Jean Claude oft mit Bitterkeit über diese Geschichte. Auch versuchte er einige Jahre danach, Roby in Frankreich wiederzufinden, erfuhr aber nach Jahren, dass der Jugendfreund, dessen Freundschaft er immer hochgeschätzt hatte, unter sehr traurigen Umständen an Krebs verstorben war.

In der guineischen Tradition, besonders bei den Susu, unterscheidet man zwei Arten von Eigenschaften bei einer Person. Solche, die andere Menschen anziehen, und solche, die durch ihre Art des Verhaltens andere abstoßen. Es ist unbestritten, dass die Aura, mit der der Schöpfer Jean Claude umgeben hat, wie ein Magnet auf andere Menschen wirkte. Seine große Fähigkeit zuzuhören und seine Toleranz machten ihn zu einem Verbündeten. Jedem seiner Gesprächspartner, auch Kindern, Jugendlichen oder Alten, ließ er die gleiche Beachtung und Aufmerksamkeit zuteil werden. Seine Hilfsbereitschaft ohne Rücksicht auf Herkunft oder Religion, ohne Zweifel ein Erbe seiner Erziehung zu Hause, waren für ihn eine Quelle intellektueller und moralischer Befriedigung. Anders ausgedrückt sagt man bei uns: Jean Claude hatte eine »gute Seele«.

Der nächste Lebensabschnitt führt Jean Claude nach Marokko. Wird er in diesem Land eine berufliche Zukunft haben?

Der lange Arm des Diktators Touré

Im Frühjahr 1977 hatte JC sein Diplom als Psychologe mit den Schwerpunkten Arbeits- und Betriebspsychologie abgeschlossen. Jetzt stellte sich die Frage, wie es für ihn weitergehen sollte. In der Schweiz bleiben, kam nicht in Frage. Sechs Jahre Studium in Lausanne waren genug. Nicht weil er die Schweiz und die Schweizer nicht mochte, sie hatten keinen Platz in der Vorstellung seines zukünftigen Lebens. Erst einmal alles zusammenpacken, bei einem Cousin die Dinge, die er vorerst nicht brauchte, abstellen, und dann für einige Zeit zu seinem älteren Bruder Pierre nach Marokko fahren, der dort als Chirurg in einer Klinik im Süden des Landes praktizierte. Er wollte Urlaub machen, um sich vom Stress des Diploms zu erholen. Danach konnte er weitersehen.

Während seiner Studienzeit waren Jean Claude und ich oft mit meinem kleinen Auto nach Marokko gereist, hatten das Land erkundet, hatten wunderbare Zeiten bei Pierre verbracht und durch ihn auch Freunde gefunden. Einige der Freunde dort waren ebenfalls Guineer wie JC und Pierre. Erstaunlicherweise kannten sich damals fast alle Guineer, die im Ausland lebten; sie hatten das einzige Gymnasium Conakrys durchlaufen, deshalb kannte man sich oder war verwandt oder befreundet. Egal wo wir gemeinsam hinfuhren, es gab immer einen Freund, eine Freundin, einen Cousin oder eine Cousine, die auf Grund der politischen Situation im Heimatland nach dem Studium nicht zurück nach Hause konnten oder wollten, sondern sich in Europa, den USA oder Kanada niedergelassen hatten. Man lebte aber immer in der Hoffnung, bald nach Hause zurückkehren zu können.

JC teilte mit ihnen dieses Schicksal. Auch er konnte aus politischen Gründen nicht nach Guinea zurück; das Regime in Conakry zählte ihn zur Opposition und somit zum Kreis der sogenannten fünften Kolonne. Es handelte sich dabei um eine Gruppe Guineer, die 1970 bei dem von Ansou Camara beschriebenen Putschversuch den damaligen Staatspräsidenten und Diktator Sékou Touré stürzen wollten. Der Versuch misslang! Es folgte eine Zeit der Festnahmen und Verdächtigungen im Land; viele Persönlichkeiten aus Politik und Militär wurden eingekerkert, gefoltert, und manche kamen dabei ums Leben. Touré verdächtigte daraufhin auch Landsleute, die im westlichen Europa lebten, da er überzeugt war, dass der Putschversuch von Frankreich aus gesteuert worden war.

Marokko war für JC eine brauchbare Alternative, auf afrikanischem Boden gelegen, und in der Nähe seines Bruders sein zu können, das waren für ihn zwei wichtige Pluspunkte. Nach einer kurzen Erholungszeit streckte er seine Fühler aus um herauszufinden, ob sich für ihn in diesem Land eine berufliche Perspektive entwickeln könnte. Das Glück war auf seiner Seite. Ein alter Freund aus der Schulzeit lebte in Khouribga. Er war Arzt und lebte dort mit seiner Frau. Über ihn erfuhr er, dass die Firma »Société des Phosphates Chérifiens« einen jungen Psychologen suchte, um einen ausscheidenden Kollegen zu ersetzen. JC bewarb sich sofort, hatte Glück und wurde eingestellt mit einer Probezeit von drei Monaten.

Khouribga, eine Retortenstadt in Marokko, liegt zwischen Casablanca und Marrakesch. Wenn man die Nationalstraße – heute ist es eine Autobahn – etwa auf halber Strecke Richtung Osten verließ, durchquerte man eine trockene, ockergelbe, hügelige Landschaft. Es wuchs hier nicht viel, hier lag und liegt ein Schatz unter der Erde – Phosphat, ein begehrter Basisstoff für Düngemittel. Diese Phosphat-Vorkommen haben dazu geführt, dass damals, 1977, aus dem Dorf Khouribga eine kleine Stadt wurde. Heute zählt diese Stadt knapp 200.000 Einwohner. Es gab drei Ortsteile, Quartiers genannt, einen für die Kader und höheren Angestellten, einen anderen für die Bergleute, die in die Schächte einfuhren, um das begehrte Material abzubauen, und das alte ursprüngliche Dorf. Für diese Arbeiter und ihre Arbeitsplätze brauchte die Firma einen Betriebs- und Arbeitspsychologen.

Wir freuten uns alle über diesen Erfolg, und für JC ging ein Traum in Erfüllung. Es war eine unglaubliche Chance, als junger Mensch, zudem noch als Ausländer, in einer so großen und bekannten staatlichen Firma einen Arbeitsplatz zu finden.

Ich arbeitete damals in Königstein / Falkenstein im Taunus als frisch ausgebildete Ergotherapeutin. Als mich seine Nachricht erreichte, nahm ich Urlaub und besuchte ihn in Khouribga. Man hatte JC eine kleine Wohnung zugewiesen, und wir schmiedeten Pläne für unsere Zukunft, denn wir hatten uns nach acht Jahren Fernbeziehung für eine gemeinsame Zukunft entschieden. JC ging morgens in sein Büro und erzählte dann am Abend von seinen ersten Arbeitserfahrungen.

Er führte Tests bei Bewerbern für die unterschiedlichen Bereiche des Phosphatabbaus durch, begutachtete die Arbeitsplätze und war fasziniert von dieser ihm völlig unbekannten Welt der Minenarbeiter.

Zurück in Falkenstein begann ich, meine Auswanderung nach Marokko zu planen. Weit kam ich dabei nicht, denn schon nach kurzer Zeit kam die Nachricht von JC, dass er innerhalb von, ich glaube, vierzehn Tagen oder nur acht – ich weiß es nicht mehr genau – das Land verlassen musste. Neues Ziel und einzige Möglichkeit war Frankfurt / Königstein.

Eine lange Reise ging vorerst zu Ende

Er verließ Deutschland 1971, um nach Italien zu gehen, von Italien in die Schweiz und nach Beendigung des Studiums von der Schweiz nach Marokko, um dann von Marokko unfreiwillig zurück nach Deutschland zu kommen. Marokko musste er verlassen, da die guineische Botschaft gegen seine Arbeitserlaubnis als Betriebspsychologe interveniert hatte. Er war zu einer »persona non grata« geworden, ein Opfer des Regimes in Conakry, das allen qualifizierten guineischen Kadern, die nicht linientreu waren, in befreundeten Ländern Guineas das Leben unmöglich machte. Einige seiner Beziehungen zu Oppositionellen in der Schweiz und in Frankreich und seine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber der Regierung in Guinea wurden ihm damals von Mitgliedern der Regierung in Conakry nicht verziehen.

Was tun in Deutschland? Zuerst einmal den Schock verdauen – Job suchen, egal welchen – Fuß fassen! Zweieinhalb Jahre suchen, hoffen, zweifeln und dann der Arbeitsplatz bei der Evangelischen Kirche, eine Erleichterung für uns alle.

In dieser Zeit des Suchens und der Versuche, eine Zukunft aufzubauen – wir hatten 1978 geheiratet –, starb Jean Claudes Vater 1979 nach mehreren Schlaganfällen. Jean Claude konnte aus politischen Gründen immer noch nicht nach Conakry reisen. Sékou Touré war noch an der Macht! Ich flog mit dem neun Monate alten Jérôme, unserem ersten Kind, und mit Ria, einer sehr guten Freundin, nach Conakry, um an der Trauerfeier zum 30 Tag nach seinem Tode teilzunehmen.

Meine erste Reise nach Guinea

Erster Flug nach Conakry! Meine dort lebende Schwiegermutter hatte ich bereits ein Jahr vorher bei einer Reise in den Senegal / Dakar kennengelernt, sodass ich recht zuversichtlich und neugierig die Reise in das mir bis dahin unbekannte Land Guinea antrat. Jean Claude hatte mir so viel von seiner Heimat erzählt, vor allem aus seiner Kindheit, dass in meinem Kopf Bilder entstanden waren, die, als wir in Guinea angekommen waren, nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hatten.

Fatou, Jean Claudes Mutter, versuchte, uns den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Es wurde geplant und organisiert, und die Pläne, die am Tag davor hundertprozentig sicher schienen, wurden umgestoßen, und es wurde von neuem geplant und organisiert – Auto besorgen – wird es Benzin geben – bei den Behörden einen titre de voyage besorgen – wo werden wir übernachten – wie ist die Stimmung im Land, können wir die zwei »Weißen« ohne Risiko reisen lassen (natürlich nur in Begleitung von JCs Bruder Gérard)? Wir wollten die Orte besuchen, die uns JC aus seiner Kindheit und Jugendzeit beschrieben hatte, aber uns standen nur zwei Wochen Zeit zur Verfügung. Ich hatte fast schon alle Hoffnung aufgegeben, als es hieß: »Morgen sechs Uhr fahren wir los.« Es wurde zehn Uhr, aber wir fuhren. Ich war beeindruckt von der starken Persönlichkeit meiner Schwiegermutter; sie hatte alles in der Hand und regierte mit festem Griff ihr Reich. Dieses Reich war nicht nur der Hof, in dem sie lebte, sie hatte Beziehungen zu hochrangigen Politikern, und auch in ihrer Großfamilie war sie eine manchmal gefürchtete, aber vor allem hochgeschätzte Frau.

Fatoumata Aribot

Aus einer gebildeten Familie stammend, war sie die wichtigste Person in Jean Claudes Leben. Sie war die jüngste und einzige Tochter einer gesellschaftlich anerkannten Familie in Conakry und gehörte zu den wenigen jungen Mädchen, die eine höhere Schulbildung absolvieren durften. Im Senegal gab es das einzige Lehrerinnenseminar für ganz West-Afrika. Dort wurde sie ausgebildet.

Als junge Lehrerin war sie bereits politisch engagiert und kämpfte für die Rechte der Frauen und die Befreiung von der französischen Kolonialmacht. In der Unabhängigkeit auf der Basis einer sozialistischen Revolution sah sie den einzig möglichen Weg aus Unterdrückung und Armut. Wegen ihrer Klugheit und ihres starken Willens schaffte sie es unter Sékou Touré in hohe politische Ämter. Als sich Sékou Touré jedoch zum Diktator entwickelte, zog sie sich mehr und mehr aus öffentlichen Ämtern zurück und lebte in Conakry in ihrem Haus. Ihre politischen Beziehungen blieben ihr bis an ihr Lebensende. Durch ihr kluges und umsichtiges Verhalten geriet sie nicht wie viele andere Politiker in den 1970er Jahren in politische Gefangenschaft, die nicht selten mit Folter und Mord einherging. In vielerlei Hinsicht brach sie mit vorhandenen Traditionen und Rollen, zum Beispiel trug sie in den 1950er Jahren bereits Hosen und provozierte damit die traditionelle, in großen Teilen islamisch geprägte Gesellschaft; aber sie war nie respektlos gegenüber Traditionen. Ihr Einsatz für die kleinen Leute und die Unterstützung all jener, die bei ihr Hilfe suchten, brachten ihr in dieser patriarchalen Gesellschaft Respekt und Anerkennung landesweit. Man nannte sie nicht bei ihrem Namen, sondern man nannte sie »Madame«. Diese starke und durchsetzungsfähige Mutter hat die Persönlichkeit Jean Claudes erheblich geprägt, denn er musste lernen, seine Interessen zu vertreten, sich durchzusetzen – auch oft gegen ihren Willen. Er rieb sich an ihr, lernte von ihr, und sie blieb immer sein Vorbild.


Jean Claude mit seiner Mutter (1951/52)


Fatou Anbot vertritt Guinea bei einer Weltfrauenkonferenz


JC tanzt mit seiner Mutter

Von den drei Söhnen war Jean Claude derjenige, der stark genug war, sich zu behaupten und seinen Weg zu gehen. Nach der Trennung der Mutter vom Vater erreichte er es, dass die drei Brüder auch gegen den Willen der Mutter die Schulferien beim Vater verbringen konnten. Der zwei Jahre ältere Bruder Pierre ging ins Ausland zum Studium und ließ sich danach in Marokko als Chirurg nieder. Auf diese Weise entzog er sich dem Einfluss seiner Mutter, die seine Lebensweise als Junggeselle nicht akzeptieren konnte. Er heiratete erst nach ihrem Tod. Gérard, der Jüngste der drei Söhne, hatte die größten Probleme sich abzugrenzen und war sehr viel stärker auf die Mutter fixiert. Er lebte in ihrem Haus. In Guinea war und ist es gesellschaftlich problematisch, nicht verheiratet zu sein, egal ob Mann oder Frau. Fatou Aribot verheiratete ihren jüngsten Sohn zweimal ohne Erfolg, schon nach kürzester Zeit kam es zu Trennung und Scheidung.

Albert Diallo

Der Vater, ebenfalls Lehrer, war mehr von der französischen Kolonialzeit geprägt. Als Sohn eines französischen Kolonialbeamten und einer Frau aus Guinea, die sehr jung verstarb, wuchs er in einem Heim auf.

Der Kampf gegen die Kolonialmacht war für ihn stark von ambivalenten Gefühlen geprägt, da er als sogenannter »Mischling« weniger unter Unterdrückung und rassistischen Demütigungen zu leiden hatte. Nachkommen von Weißen standen in der Hierarchie über den Schwarzen. Auch später während der ersten Republik gab es Gruppierungen, die aufgrund ihrer helleren Hautfarbe den anderen das Gefühl vermittelten: »Wir sind etwas Besseren als ihr.« Dieses Phänomen zeigte sich vor allem bei der Schicht der Intellektuellen. Sie hatten in der Zeit, als die Franzosen im Land waren, leichter Zugang zu Bildung und gehörten somit zur Elite des Landes. Diese Gründe und sicher auch andere führten dazu, dass sich der Vater Albert Diallo während der Herrschaft des sozialistischen Diktators Sékou Touré politisch bedeckt hielt und sich vorwiegend auf seine Arbeit als Lehrer und später als Schulinspektor konzentrierte und hier Karriere machte. Fatou und Albert heirateten Anfang der 1940er Jahre. Er war Katholik, sie war eine Muslima. Bei beiden spielte die Religion nur eine untergeordnete Rolle. Sie bekamen vier Kinder: Pierre, Jean Claude, Gérard und ein Mädchen, das mit drei Jahren starb. Die Ehe hielt nur einige Jahre; sie war geprägt von heftigen Auseinandersetzungen, die dann, verschärft durch erheblichen Alkoholkonsum des Vaters, zur Scheidung führten. Die Tradition verlangte, dass die Kinder den Glauben des Vaters übernahmen.


JC mit seinem Vater Albert Diallo


Jean Claude (Mitte) mit seinen Brüdern Pièrre und Gérard und der kleinen Schwester

Das bedeutete, die Mutter sorgte dafür, dass sie im katholischen Glauben erzogen wurden, auch nach der Scheidung. Die drei Söhne blieben bei der Mutter. Fatou heiratete noch zweimal nach traditionellen Regeln. In den letzten Jahren unter der Gewaltherrschaft von Sékou Touré wandte sie sich mehr dem Islam zu, machte eine Pilgerfahrt nach Mekka und wurde Haddscha. Trotzdem hat sie immer zwischen traditionellen Glaubensformen und dem Islam jongliert, was man in der gesamten guineischen Gesellschaft findet. Religiöse Konflikte gab es nicht und gibt es auch heute nicht. Man verhält sich tolerant und respektvoll gegenüber anderen Glaubensformen.


JC (links) mit Gérard, Pierre und vier seiner Halbgeschwister

Jean Claude analysierte das Scheitern der Ehe seiner Eltern ohne Schuldzuweisungen. Die Mutter, zu stark und unabhängig, um in das Schema einer traditionellen Frauenrolle zu passen; der Vater, der damit nicht umgehen konnte. Es konnte nicht gut gehen. Auch er heiratete einige Jahre nach der Scheidung wieder. Die sechs Halbgeschwister, die aus dieser Ehe hervorgingen, standen in engem Kontakt zu den Söhnen von Fatou. Nach dem Tod des Vaters kümmerten sich Jean Claude und seine Mutter so gut sie konnten um die Halbgeschwister und die Stiefmutter.

Eine Gesellschaft in Angst

Zurück zu unserer Reise nach Guinea. Wir erlebten eine Gesellschaft, die von Angst geprägt war. Ich wusste nicht genau, was vor sich ging, wir spürten aber die angespannte Atmosphäre. Fatou war mit allem, was sie sagte, sehr vorsichtig, um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen, denn man wusste nie, ob man auf einer schwarzen Liste von Sékou Touré stand oder nicht. Wichtige Dinge wurden nachts erledigt; viele Leute schliefen nachts kaum, aus Angst, sie könnten abgeholt werden und im Gefängnis verschwinden. Gérard, der jüngere Bruder von Jean Claude, betäubte seine Hilflosigkeit mit Alkohol. Er hatte sein Jurastudium beendet, war aber ohne klare Vorstellung, was er damit anstellen sollte. Zwei Jahre später, 1980, kam er nach Deutschland, weil er dem Druck der politischen Situation und der Dominanz seiner Mutter nicht mehr standhielt; er hoffte, in Deutschland bei seinem Bruder sein Leben neu zu erfinden, was ihm leider nicht gelang. Wir flogen voller unterschiedlichster Eindrücke, aber auch mit einer gewissen Erleichterung, dass alles gut gegangen war, zurück nach Frankfurt.

Jean Claude zwischen Frankfurt und Conakry

JC begann seine Arbeit im Psychosozialen Zentrum in Frankfurt-Eschersheim im Juni 1980. Der Leiter des Zentrums war Carlos Corvalan, ein Chilene, der mit seiner Frau und seinen Kindern als politischer Geflüchteter in Frankfurt gestrandet war und dann unter dem Dach des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau (DWHN) dieses Zentrum aufgebaut hatte. Jean Claudes Arbeitsfeld war vorwiegend die Beratung und Therapie afrikanischer Flüchtlinge. Zu dieser Zeit waren es viele Geflüchtete aus Eritrea, aber auch Menschen, die aus anderen afrikanischen Ländern kamen. Weitere Aufgaben waren die Zusammenarbeit mit Sozialamt, Ausländeramt, Rechtsanwälten und nichtstaatlichen Organisationen sowie Öffentlichkeitsarbeit und das Mitwirken bei Tagungen – regional und überregional. Schon in dieser Zeit machte sich JC einen Namen, häufig wurde sein Rat eingeholt, sobald es sich um Fragen zu Flüchtlingspolitik und Fluchtursachen handelte.

Beispiele von Kalendereintragungen: Zwischen all den rein beruflichen Einträgen steht am

9. März 1984 – Josefs Geburtstag – Sau abholen!

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen, Josefs Geburtstag war ein guter Grund, um ein Spanferkel am Spieß im Garten in der Grempstraße zu braten. Jean Claude und Josef waren schon während seiner Studienzeit in Lausanne Freunde geworden; sie hatten sich 1975 bei einem Fest in Höchst kennengelernt und pflegten das gleiche schwerwiegende Hobby »Fußball«. Ria, seine Frau, und ich machten damals gemeinsam die Ausbildung zur Ergotherapeutin. Eine langanhaltende intensive Freundschaft entwickelte sich.

24. März 1984 – Tod Sékou Tourés während einer Herzoperation in den USA

Anfang April 1984 reiste JC zum ersten Mal nach 15 Jahren Exil nach Hause nach Conakry. In dieser Zeit kam unser drittes Kind im Haus in der Grempstraße in Frankfurt-Bockenheim zur Welt – Hausgeburt – Jean Claude war noch in Conakry. Er kam zwei Tage danach zurück und war glücklich und voller Begeisterung, zum einen, weil er nach zwei Söhnen endlich eine Tochter hatte, und zum anderen, weil die neue Situation in seinem Heimatland ihn überwältigte. Er schmiedete Pläne und wollte mitwirken an der Neugestaltung seines Landes. Im Sommer planten JC und der Frankfurter Filmemacher Malte Rauch eine Reise nach Conakry, um einen Film über Guinea zu drehen.

Ein Exposé wurde entwickelt, und die Planungen für den Film nahmen konkrete Formen an. Im Oktober oder November wurde ein weißer Ford-Kleinbus nach Conakry verschifft, um mit dem Filmteam durchs Land fahren zu können. Jean Claudes Mutter sorgte vor Ort für die notwendigen Vorbereitungen. Am 24. November flog das gesamte Filmteam nach Conakry – Anfang Dezember 1984 folgte ich mit Nima, unserer kleinen Tochter.

Von nun an ging alles Schlag auf Schlag. Jean Claude lernte während eines Interviews den Staatschef Lansana Conté4 kennen und wurde Anfang Dezember 1984 zum Staatssekretär in dessen Kabinett ernannt, zuständig für die Guineer im Ausland, zugeordnet dem Außenministerium.

MALTE RAUCH

Der Film »Frankfurt – Conakry, Rückkehr ins Land des Elephanten« entstand kurz vor der Ernennung Jean Claudes zum Staatssekretär in der Regierung Lansana Contés in Conakry. Malte Rauch schrieb im Juli 2018 den Text »Über meinen Freund«.


Malte Rauch mit seiner Lebensgefährtin Eva Voosen

Geboren in Frankfurt am Main, hat dort studiert und für die Studentenzeitung diskus als Redakteur gearbeitet. Redakteur beim hr-Jugendfunk und Autor beim hr-Schulfunk. Dann einige Jahre festangestellter Producer / Scriptwriter beim BBC Worldservice in London und Korrespondent für französische und deutsche Zeitungen. Danach permanenter Vertreter und Filmreportagenmacher aus Paris für das neue WDR-3 Kulturmagazin Spectrum. Buchautor für Europäische Verlagsanstalt und Rowohlt. Danach und seither freier Dokumentarfilmemacher für Das Erste, ZDF, arte, WDR, Channel Four und das Kino – aus Europa, Afrika (öfters zusammen mit Jean Claude), USA und Asien. Lehrbeauftragter an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Über meinen Freund

Es ist lange her, kommt mir aber vor wie gestern: Ich rief eine Telefonnummer an, die auf einem Plakat der Buchhandlung »Land in Sicht« im Nordend stand; ein Film über Sékou Touré und Guinea wurde dort angekündigt, aber ohne Angabe eines Datums. »Ich interessiere mich für den Film«, sagte ich zögerlich am Telefon »und würde gerne wissen, wann das stattfindet«. Ich telefoniere ungern mit Leuten, die ich nicht kenne. Das mag seltsam klingen, aber noch heute spüre ich eine heitere Überraschung und freudige spontane Vertrautheit, die die Stimme am anderen Ende der Leitung in mir ausgelöst hat. Ob das was werde mit der Aufführung und wann, sei noch unklar, sagte die Stimme, aber es sei wunderbar, dass ich mich dafür interessiere, und sie würden mir auf jeden Fall Bescheid sagen, wenn es soweit sei.

Ich habe den Film nie gesehen, aber später zusammen mit Jean Claude Diallo (der am anderen Ende der Leitung war) mehrere Dokumentarfilme gemacht, die alle inspiriert und beflügelt waren von dieser lebhaften und fröhlichen Neugierde auf die Welt und die, die darin leben. »Die Welt lebbarer machen« war eine seiner genialen Wortschöpfungen. Wenn wir mit den Filmen über Guinea oder über Flüchtlinge an Diskussionsveranstaltungen – meistens im Rahmen der Kirche – teilnahmen, war seine These, dass man statt Entwicklungshilfe lieber dafür sorgen sollte, dass das Leben hier bei uns in Europa lebbarer, gerechter und sinnvoller gemacht wird; und da die Afrikaner sowieso alles nachmachen, was aus Europa kommt, so Jean Claude, werden sie sich auch an dieses Vorbild halten und sich gemeinsam mit uns weiterentwickeln.

»Das Eiapopeia vom Himmel, womit man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel,« nach Heinrich Heine, – das war nicht Jean Claudes Ding bei seiner Arbeit in der Evangelischen Kirche; er redete gern Tacheles. Als er gefragt wurde, ob man nicht den armen Hungernden in Afrika helfen müsste, sagte er, dass »eine Hilfe, die uns gerade noch am Leben erhält, nicht gegeben werden sollte, weil sie eine wirkliche Veränderung der Missstände verhindert. Deshalb muss man uns in Ruhe lassen, damit wir sehen, wie wir unsere Probleme selbst lösen.«

Aber technische Hilfe zum Beispiel durch die GTZ5? Dazu Jean Claude: »Man baut große Staudämme, Lager usw. Und dann sind die Afrikaner ewig in Abhängigkeiten, man denke nur an Ersatzteillieferungen und die Kreditrückzahlungen. Zumeist betrifft diese Hilfe ohnehin nur bestimmte Sektoren, die nicht lebenswichtig für die Bevölkerung sind. Die technische Hilfe dient in erster Linie deutschen Wirtschaftsinteressen.«

Als Filmemacher erlebt man oft genug langweilige Diskussionen nach den Vorführungen; nicht so mit Jean Claude. Nach einer längeren Debatte über das Für und Wider der kirchlichen Hilfe für die Unterentwickelten stand eine ältere Dame auf und rief geradezu verzweifelt: »Aber was soll dann aus uns werden, Herr Diallo, wenn wir nicht mehr helfen dürfen?« Bei einer anderen Diskussion mit afrikanischen Studenten über die sich ständig verschlechternde Situation in Afrika rief ein junger Afrikaner dramatisch in den Saal: »Wohin führt uns das, Jean Claude?« Woraufhin der antwortete: »Das siehst Du doch, Mann, nach Frankfurt!« In diesem Frankfurt – und ich bin wahrlich nicht der Einzige – fühlte ich mich wohl, solange Jean Claude Diallo unser spirituelles Oberhaupt war. Inländer-Ausländer? Deutsche-Europäer? Schwarze-Weiße? Mit Jean Claude zusammen entwickelten wir unsere eigene gemeinsame Staatsbürgerschaft, wir waren Frankfurter. Und ich bekam von niemandem sonst so wunderbare Postkarten aus dem Urlaub wie von ihm, wenn er zum Beispiel schrieb: »Ich habe Sehnsucht nach euch.« Um so etwas zu schreiben, waren wir anderen wahrscheinlich (noch) zu verklemmt.

Jean Claude hatte unseren Film Viva Portugal gesehen über die Rückkehr des Landes zur Demokratie nach langen Jahrzehnten der Diktatur. So einen Film wollte er über sein gerade erst vom Diktator Sékou Touré befreites Land machen. Seine Begeisterung für dieses Projekt steckte erst mich an und dann die Redakteure beim ZDF und dem WDR, die zunächst müde abgewunken hatten. Der Einsatz von Jean Claude und mir beflügelte dann die sonst konkurrierenden Redakteure so sehr, dass sie schließlich gemeinsam überlegten, wie sie das Budget für den Film zusammenbekommen konnten. Heraus kam »der unprätentiöseste Dritte-Welt-Dokumentarfilm, den ich kenne«, wie ein Kritiker später nach einer Kinoaufführung schrieb – und er ergänzte: »Wenn der Film in Fahrt kommt, enthüllt sich die lässig langsame Authentizität als ein verblüffendes, überzeugendes Darstellungsmittel.« Unschwer, Jean Claudes Handschrift dabei zu erkennen.

Für die Guineer war Jean Claude nicht nur »I’allemand«, weil er meistens pünktlich kam und sehr engagiert bis stur bei der Sache war, er war auch ET, »I’Extra Terrestre«, der Außerirdische, der aus dem sicheren deutschen Wohlstand in Frankfurt am Main in ihr darniederliegendes Land kam, um sich intensiv mit dem Schicksal der aus den Todeslagern Befreiten auseinanderzusetzen, wie dem stadtbekannten »Seni-La-Presse« aus dem »Camp Boiro«. Als er zum Verantwortlichen für die Medien ernannt wurde, setzte er sich sofort für die Befreiung von Presse, Radio und Fernsehen von der Zensur ein. Aber er ging auch gegen jene vor, die sich nach wie vor die Taschen vollstopften, auf Kosten der Bevölkerung; jene »Zehn-Prozent-Minister«, wie die Nutznießer der Korruption im Volksmund hießen. »Da werden einfach 20.000 Schweizer Franken zu viel auf die Rechnung für einen Regierungsauftrag geschrieben«, erzählte er uns damals empört, »die kassiert dann der Regierungsvertreter, aber Guinea muss das alles bezahlen«. Als Mitglied einer neu gegründeten Wirtschaftskommission wollte er eine »débat national«, eine landesweite öffentliche Debatte über die Vorschläge des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank für eine angebliche Gesundung des Landes in Gang bringen. Er hatte bei seinen Verhandlungen mit deren Vertretern schon bald erkannt, dass sie die wirklich Mächtigen in der Dritten Welt waren. »Ich hatte das Gefühl, dass eigentlich sie es sind, die uns regieren, dass wir nur Hampelmänner und Marionetten sind. In Sitzungen mit IWF-Vertretern wurden wir immer wie kleine Schüler behandelt.«

Manches erinnerte uns an unsere Heimatstadt Frankfurt: Einmal drehten wir das schöne Viertel »quartier du rail« im Zentrum von Conakry; es waren schöne alte Häuser im Kolonialstil, gebaut für die Angestellten der Eisenbahn. Sie sollten abgerissen werden, um modernen Neubauten zu weichen. In Madame Yattaras Restaurant filmten wir dann die französischen »Projektentwickler«, die beim dritten Gang und vielem Rotwein Jean Claude überschwänglich erzählten, was für ein Schnäppchen für sie das Projekt »quartier du rail« sei, wie auch andere Geschäfte, die sie quasi über Nacht steinreich machen würden. Die Bevölkerung wusste Bescheid, blieb aber machtlos. Über téléphone-trottoir wussten sie auch, was später Jean Claude bestätigt fand, dass der Gouverneur der Zentralbank im Zusammenhang mit dem Projekt sieben Millionen US-Dollar nach Paris überwiesen hatte und dann selbst dorthin abgehauen war.

Einige Jahre später, nachdem Jean Claude von allen seinen Ämtern zurückgetreten und nach Frankfurt zurückgekehrt war, besuchte er als Privatmann noch einmal Conakry. »Erinnerst du dich an diese tausend Wohnungen, die im >quartier du rail< gebaut werden sollten?« fragte er mich. »Diese Wohnungen sind nie gebaut worden. Heute ist an diesem Platz kein einziges Haus mehr zu sehen; die wurden total abgerissen. Woanders werden Prachtvillen gebaut, gegen die Wohnungsnot wird nichts unternommen. Die kleinen Leute bauen sich irgendwelche Spelunken, damit sie das Gefühl haben, sie haben ein Haus, aber bei jedem Regen werden sie nass, weil alles undicht ist.«


Essenszeit! Filmteam von Malte Rauch stärkt sich

Pulsuz fraqment bitdi.

Yaş həddi:
0+
Həcm:
297 səh. 46 illustrasiyalar
ISBN:
9783939816713
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar