Kitabı oxu: «Der Mann hinter dem Bild»
Der Mann hinter dem Bild
1 Titel Seite
Trotz vieler Veröffentlichungen, Interviews und Berichte, trotz Ausstellungskatalogen und Fotobänden bleiben große Phasen des mehr als dreißigjährigen Schaffens von Mattis Jensen im Dunkeln. Es ist weitgehend unbekannt, in welchem sozialen Umfeld der Maler der Zeitenwende gearbeitet, wie er seine Motive und seinen Malstil gefunden hat, welche Gedanken ihn beim Malen begleitet haben. Wie konnte sich aus der Isolation heraus, in der Mattis Jensen lebte und arbeitete, eine Kunst entwickeln, die wie keine andere einen einschneidenden Zeitenumbruch begleitet?
Um diesen Maler zu verstehen, bleiben heute nur seine Bilder, in denen wir eine rege Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Entwicklung, einen kritischen Diskurs über den umfassenden Einfluss der Digitalisierung auf das Leben und die Persönlichkeit jedes einzelnen erkennen. Sie verstehen sich als Dokument eines Epochenwechsels, „denn die Digitalisierung wird unsere Gesellschaft noch weitaus stärker verändern, als wir auch nur annähernd begreifen. Diese technologische Revolution, von der viele heute schon annehmen, sie würde gerade auslaufen, beginnt erst und wird vor nichts, vor allem nicht vor
unserem Denken Halt machen. Sie führt zu einer allumfassenden Metamorphose unserer Gesellschaft und wird das Leben auf Echtzeit umpolen. Sie wird Vorstellungswelten erzeugen, die nichts mehr mit unserer bisherigen Wirklichkeit zu tun haben werden. Wir werden uns in Zustände begeben können, die außerhalb unserer heutigen Fantasien liegen.“ Jensen kannte diese Sätze des leitenden Microsoft-Mitarbeiters John McArthen ( Wahrheit 2.0 ) sicherlich nicht. Doch er war sich des Epochenwechsels bewusst, und er war in der Lage, die Standortbestimmung künstlerisch umzusetzen.
Mit dem vorliegenden Band liegt ein Angebot vor, den Maler Mattis Jensen ein wenig besser zu verstehen. Die gewählte Form ermöglicht einen vagen Einblick darin, wie die Kunst Jensens entstanden ist. Dabei werden gleichzeitig einige lieb gewonnene Vorurteile und Fehlinterpretationen korrigiert, die Mattis Jensen in ein falsches Licht stellten, denn er war nicht nur ein Künstler seiner Zeit, sondern auch ein Opfer des Marktes, dem er sich erneut öffnete.
Die Fantasie, mit der er seine Bilder schuf, hat im Folgenden ihren freien Weg gefunden, um einen Einblick in die sicherlich entscheidende Woche seines Lebens zu geben.
1 eine Neuordnung unseres Denkens
Die Stunden fließen schneller dahin als noch vor wenigen Tagen. Was ist nur mit der Zeit? Sie verläuft ohne mich, treibt voran und zurück, zieht mich mit. Manchmal lässt sie mich kurz los, lässt mich noch einmal stehen, taucht ab, nur um mich sofort wieder zu erfassen. Sie ist viel schneller als früher? Ich bin ihr hilflos ausgeliefert. Zeit macht nur vor dem Teufel halt . Ein Popsong eigentlich. Aus den Siebzigern. Ein Schlager mit Sinn. Erstaunlich. Banalphilosophie. Wer hatte das damals gesungen? Ich komm nicht drauf. Wie hieß der noch? War ganz bekannt. Heute ist schon beinah‘ morgen.
Was wäre, wenn heute schon morgen wäre?
Krystle Warren war in der Stadt gewesen. Vor gerade einer Woche. Ich hatte das Plakat gemalt. Vier mal zwei fünfzig. Die Fotovorlage war von schlechter Qualität. Ich hatte die Sängerin mit einem neonblauen Licht überzogen. Sie stand dicht am Mikro, hielt es mit einer Hand umschlossen, umschmiegte es. Klassisch. Die Perspektive leicht von oben. Nur der Oberkörper war zu sehen. Ihr Kopf und das Mikro größer als der Körper. Die Augen geschlossen. Das Gesicht entspannt. Der Mund leicht geöffnet. Sie sang eine zarte Melodie.
So hing mein Transparent draußen über dem Eingang zum SoulClub, der einzige Veranstaltungsort, für den ich noch Transparente malen konnte. Alle anderen waren schon längst umgestiegen auf billigere Werbefolien. Direktdruck. Online zu bestellen. PVC, rundum gesäumt und geöst. Doch der SoulClub hielt mir die Treue. Warum auch immer. Ich gehörte scheinbar dazu, hatte freien Eintritt und zwei Getränkemarken für jede Show.
Im ersten Teil des Konzertes hatte ich die Marken schon gegen den Hauswein eingelöst. Vom Tresen aus hatte ich Krystle Warren zugesehen. Nur mit einem Schlagzeuger und zwei Gitarristen war sie aufgetreten und hatte ihren unverwechselbaren Jazz so vorgetragen, dass man die Wurzeln ihrer Musik tief spürte, den Blues, den Gospel. Auch Country. Amerikanische Musik. Noch immer. Seit bald hundert Jahren. Doch das könnte bald enden. Wann wird die Zukunft uns näher sein als die Gegenwart?
Vor der Pause färbte sich das Licht langsam in ein Neonblau, wie ich es mir ausgedacht hatte. Eine Wasserfarbe. Krystle Warren sang den zerbrechlichen Song Near the house on the hill , hielt das Mikro so zärtlich in den Händen wie den Kopf eines Neugeborenen. Ich war begeistert von ihr. Und irgendwie auch von mir. Und davon, wie dicht Zeit immer wieder sein konnte. Vielleicht hatte es dreieinhalb Minuten gedauert. Aber die hatten sich festgebrannt.
Damit begann das Ende der langsam vergehenden Zeit, in der ich bisher immer viele Stunden, manchmal Tage verbringen konnte, ohne ihren Verlauf zu bemerken. Danach bin ich an ihr erkrankt, und immer seltener gelang es mir, sie zu drosseln. Ihr zu entkommen. Doch das wusste ich in diesen eingeschweißten Minuten noch nicht.
Zu Beginn der Pause bettelte ich Tine am Tresen um einen weiteren Hauswein an. Wir kannten das Spiel schon. Krystle Warren tönte als Konserve in den Saal. Zuschauer suchten Zuschauer, einige erkannten sich, sprachen viel zu laut miteinander. Am Tresen drängten sie sich um mich herum. Dahinter wurde schnell gearbeitet. Die profitablen Minuten des Clubs. Jetzt mit den Getränken konnte Geld verdient werden. Ich sah Tine hinter dem Tresen unentwegt an. Sie wusste es und lächelte vor sich hin, während ihre Hände gleichmäßig und schnell arbeiteten, Gläser griffen, Flaschen, Tabletts, Geld annahmen, Wechselgeld abzählten. Sie lächelte und bei all diesen automatisierten Handbewegungen stand plötzlich das Glas vor mir. Aus dem Fluss der Bewegung heraus. Wie selbstverständlich. Noch nass vom Abwasch. Leicht warm wie es nur intern serviert wurde. Der Wein schwappte noch hin und her. Der einzige Beweis dafür, dass das Glas eben erst hier abgestellt worden war. Ein Schuss Blick von Tine. Aus dem Lächeln heraus. Ich nahm das Glas, drehte mich zum Saal und lehnte mich an den Tresen. Viele Stühle waren jetzt unbesetzt. Mäntel und Jacken lagen darüber. Kellner sammelten leere Gläser und Flaschen ein.
Plötzlich ein Schrei. Dann weitere Schreie aus der Mitte des Saals. Eine Schlägerei. Ein Tisch kippte um. Glas zerschellte. Noch ein Tisch fiel. Stühle. Einige Zuschauer waren aufgesprungen. Andere bahnten sich einen Weg, um dem Geschehen näher zu sein. Wieder andere zogen sich erschrocken zurück. Manche hielten die Hand vor den Mund und starrten dorthin, woher der Lärm kam. Andere sahen dem Ganzen ungerührt zu. All das ereignete sich sechs, sieben Meter vor mir. Ich erkannte dort nur zwei dunkle nach unten gebückte Anzüge, die sich zunächst kaum bewegten. Sie hielten einen Menschen fest, zogen ihn dann langsam zum Ausgang und versuchten, dabei keine weiteren Tische umzukippen. Sie hielten einen Mann. Einer der Anzüge hatte von hinten einen Arm um seinen Hals geklammert. Mit der linken Hand hatte er sich in dessen Haare gekrallt. Er ging vorsichtig rückwärts. Der Mann zappelte mit den Beinen und röchelte. Der andere Anzug presste mit einer riesigen Hand beide Arme des Mannes so zusammen, dass er sie nicht mehr bewegen konnte. Mit der anderen Hand hatte er den Gürtel und die Hose des Mannes ergriffen. Er zog den fremden Körper mit scheinbarer Leichtigkeit hoch, so dass der Mann über dem Boden schwebte. Profis. Sie transportierten den Mann vor die Tür, beförderten ihn nach draußen. Er rief noch etwas in den Saal. Doch es war nicht zu verstehen.
Schon waren Tische und Stühle wieder aufgerichtet. Das zerbrochene Glas zusammengekehrt. Der Zwischenfall weggewischt. Nichts war geschehen. Ich nippte an meinem Wein. Am Tresen leerte es sich langsam. Die Toilettenbenutzer kehrten zurück. Von meinem Beobachtungsposten aus überblickte ich den Saal. Das Konzert war ausverkauft. Vierhundertfünfzig Zuschaue. Gute fünfzehntausend Einnahme. Dazu fast das Doppelte für die Getränke. Für mein Transparent hatte ich vierhundert erhalten. Mein Verdienst. Der einzige seit langem.
Den Zuschauern gefiel das Konzert. Sie waren entspannt und bestellten immer noch nach. Solange sie bestellten, würde die Pause nicht beendet werden. Ich ließ meinen Blick schnell von einem Gesicht zum anderen gleiten. Viele Paare. Zwischen dreißig und fünfzig. Eltern. Gutverdienende. Das Konzert eine Belohnung für die anstrengende Woche. Ein Geschenk zum Geburtstag, eine Anerkennung, ein Dankeschön. In jedem Fall eine Gefälligkeit. Sonntagabend. Endlich mal wieder eine gemeinsame Unternehmung. Wie fern war ich all dem. Freizeitkleidung. Jeans. Pullover. Insofern passte ich zu ihnen. Doch einige Frauen hatten sich verändern wollen, waren geschminkt, trugen auffällige Kleider, Schmuck. Der besondere Abend.
Und dann blieb mein Blick hängen an einem Gesicht, aus dem heraus ich ebenfalls angesehen wurde. Das Gesicht befand sich genau dort, wo vorher die Tische umgestürzt waren. Es war so, als würde ein heller Strahl unsere beiden Gesichter verbinden, unübersehbar, quer durch den Saal. Um mich herum dimmte der Lärm ab. Alles um uns beide dunkelte ab. Der Strahl brannte noch greller. Jeder musste das sehen.
Hepe.
Sofort entzündete sich etwas in mir, was die bisher gewohnte Stille der Zeit kraftvoll verdrängte. Mein miefiges Dachzimmer mit dem kleinen Klappfenster, durch das man nur den Himmel sehen konnte. Meine einsamen Malzeiten als Kind. Meine stummen Eltern, die sich vor dem Fernseher voneinander fortstahlen. Das abgepackte Landbrot, das sich wochenlang frisch hielt. Unsere Fahrräder. Der Aldi-Parkplatz. Die kleinen Schnapsflaschen überall auf dem Gehweg, in den Hecken oder ordentlich auf die Deckel der Abfalleimer am Straßenrand gestellt. Alles ordentlich. Ordentlich und jämmerlich. In einer Ecke meiner Kammer die Plastiktüten mit Din-A-4-Papier aus dem Laden meines Vaters. Schmierpapier für meine Skizzen. Dann meine ersten Ölbilder. Viel zu groß für die Dachkammer. Aber der Versuch, zu einer radikalen Innenperspektive zu gelangen. Die ratlosen Blicke meiner Eltern, als ich sie ihnen präsentierte. Ich konnte mir nie vorstellen, dass sie sich einmal innig geliebt hatten. Der Tod meines Vaters. Die Blicke der anderen, als sie mich nach diesem Tod geholt hatten. Diese Wortlosigkeit, in die ich dann selbst zerfiel.
All das raste durch meinen heilen Kopf. Blitzschnell. Es war genau der Teil einer Sekunde, den die Zeit sich nahm, um in einem neuen Takt Fahrt aufzunehmen. Ich wehrte mich nicht dagegen. Ich hätte auch nicht gewusst, wie.
Hepe erhob sich langsam, während er mich unentwegt anblickte. In mir begannen sich Muskeln zu spannen. Wie sah er nur aus. War etwas dicker geworden. Kam auf mich zu. Sehr kurze Haare. Dünne Haare. Kaum noch Haare. Auch er in einem dunklen Anzug. Doch nicht die Kellneruniform der Profis. Der Anzug saß. Er war für diesen Körper erschaffen. Der Kragen des weißen Hemdes offen. Ein Geschäftsmann oder Anwalt, der am Abend in seiner Berufskleidung leger wirken wollte.
Er quetschte sich um die Stühle der Zuschauer herum. Einer der Profis nahm seinen Blick auf, kreuzte den Strahl, bis er mich erblickte. Auch er presste sich zu mir durch. Krystle Warren wurde mit Beifall begrüßt und nahm nun selbst eine Gitarre in die Hand. Hepe lächelte ein wenig. Ich nicht.
Dann stand er vor mir, der Profi hinter ihm. Ein Schatten im Dunklen. Wir sahen uns in die Augen, und Hepe rechnete vielleicht kurz: Dreißig Jahre. So lange.
Wie lange, fragte ich mich. Lange!
In diesem Augenblick wollte ich den Grund für die vielen Jahre nicht wissen. Es gab ja einen Grund. Hepe hob die Hand und tätschelte meine Wangen. „Was hast du nur für’n Zottelbart, Mattis? Wie siehst du nur aus?“ Auch ich begann nun zu lächeln, hob unentschieden die Schultern, als könnte ich die Frage nicht beantworten. Womit auch? Und damit war das alte Verhältnis zwischen Hepe und Mattis wieder in Stand gesetzt. Über all die Jahre hinweg. Kuriert, als wäre es nie anders gewesen.
Er hatte das Hepe-Lächeln in den Augen. Es war mir sofort vertraut. Er konnte immer noch charmant sein, wusste nach wie vor, wie er sich gewinnbringend einsetzen konnte. Er wich meinem Blick nicht aus, nahm mir mein warmes Weinglas aus der Hand, stellte es dorthin, wo er den Tresen vermutete, umfasste meine Schulter und forderte mich so auf, mit ihm zu seinem Platz zurückzukehren. Fast willenlos folgte ich ihm. Sofort schob irgendjemand einen Stuhl an den Tisch. Gleich danach stand dort auch ein neues Rotweinglas, nur viel größer als meines und ein Drittel gefüllt. Eine Frau saß an dem Tisch. Sah mich etwas erstaunt an. Lächelte. Sagte etwas zu mir. Doch Krystle Warren war lauter. Wir nahmen die Gläser, prosteten uns zu.
„Ich wusste gar nicht, dass es hier solch einen Wein gibt“, rief ich Hepe ins Ohr.
„Gibt‘s auch nicht“, antwortete er mir schmunzelnd, doch ich verstand es nicht. Er sprach mit der Frau, erklärte ihr wahrscheinlich, wer ich war, denn sie blickte dabei zu mir herüber. Immer noch hielt sie das Weinglas in der Hand, hob es dann leicht an, fing meinen Blick auf und prostete mir noch einmal zu.
„Dr. Morgan“, rief Hepe in mein Ohr. „Sie arbeitet für mich.“ Die Frau war in unserem Alter, trug ein buntes, eng anliegendes Kleid und goldene Ohrringe, die aus ihrem dunklen Haar heraus glitzerten. Irgendwie passte sie zu Hepe. Fast das gleiche Alter. Sie kleideten sich anders als die anderen Zuschauer. Festlicher. Teurer. Eine andere Klasse. Primeclass.
Während des Konzerts sprachen wir nicht mehr miteinander, denn es schien bei der Musik zu anstrengend zu sein. Hepe und die Frau konzentrierten sich auf Krystle Warren. Als ich meinen Wein geleert hatte, stand sofort ein neues Glas vor mir, und ich merkte, dass dieser Wein sehr schwer war. Nach zwei Zugaben war das Konzert beendet.
„Hat es Ihnen gefallen?“, fragte Frau Morgan mit einem englischen Akzent. Ich nickte.
„Ich bin ein Fan von ihr“, sagte sie dann. „Ich bin so dankbar, dass Herr Pinske mich dazu eingeladen hat.“ Dabei blickte sie Hepe fast schon zärtlich an, und ich fragte mich sofort, ob die beiden vielleicht ein Paar waren.
„Wo musst du hin?“, fragte Hepe. „Ich könnte dich ein Stück mitnehmen. Wir haben ja noch gar nicht miteinander reden können.“ Wir erhoben uns. Sofort wurde Hepe und der Frau in die Mäntel geholfen.
„Das würde auf jeden Fall ein großer Umweg für dich sein, Hepe. Ich wohne nämlich im Hafen.“
„Das kriegen wir schon hin“, antwortete er, während wir uns dem Ausgang näherten.
„Nein, lass mal, Hepe. Man muss weit fahren, um zu mir in den Hafen zu kommen. Da bist du fast ne Stunde unterwegs.“
„Macht mir nichts aus, Mattis. Erst setzen wir Dr. Morgan ab. Und dann fahren wir in den Hafen. Wie auch immer.“
Erst. Dann.
Sein Wagen stand direkt vor dem Eingang, dort, wo streng genommen gar keine Autos parken durften. Doch dann bemerkte ich, dass ein Fahrer am Steuer saß, einer der Profis. Wir setzten uns nach hinten, nahmen die Frau in die Mitte. Es gab genug Platz. Ich hatte mich nie für Autos interessiert. Dieses war groß, neu, roch nach Leder und Zedernholz. Eine Luxuslimousine. Ein Bentley, wie ich später erfuhr.
„René, das ist mein Freund Mattis“, wandte sich Hepe an den Fahrer. „Wir bringen erst Frau Morgan nachhause, dann ihn.“
„Wo wohnst du genau, Mattis?“
„Am Namibiahafen“, sprach ich mehr zum Fahrer hin. „Windhuk-Stieg. Ich zeige es Ihnen dann genau.“ René nickte nur und fuhr los. Ich hörte kein Fahrgeräusch. Früher hörte man doch immer den Motor.
„Sie haben sich wohl lange nicht gesehen?“, begann Frau Morgan wieder das Gespräch.
„Viele Jahre“, antwortete Hepe freundlich.
Ja, viele Jahre, dachte ich. Aber seit wann denke ich Jahre.
Das Gespräch verebbte. Wir fuhren nach Norden.
„Sie kennen sich aus der Schulzeit“, fragte die Frau, „oder aus dem Studium?“
„Seitdem wir Kinder waren.“, antwortete Hepe. Ich nickte freundlich.
„Wir sind in der gleichen Siedlung aufgewachsen.“, fügte er hinzu.
„Siedlung?“, wiederholte die Frau erstaunt. „Ist es das, was wir in den Staaten settlement nennen? Housing complex? Viele kleine, neue Häuser, alle ähnlich? So etwa?“
„Na, ja, fast so.“, antwortete Hepe mit einem liebenswürdigen Lächeln. „Mehr so … Reihenhäuser.“
„Oh, wie in England“, rief sie. „Ein kleiner Garten vorn und hinten. Das kann wirklich sehr charmant sein.“
Beide verstummten, bis wir vor einem mondänen Mietshaus aus der Gründerzeit hielten.
„Bis morgen, dann“, verabschiedete sich die Frau von Hepe. „Er war wunderschön. Herzlichen Dank, Herr Pinske.“ Dann reichte sie mir die Hand. „Wie schön, dass wir uns kennenlernen konnten, Mattis. Vielleicht sehen wir uns ja bald einmal wieder.“
„Vielleicht“, stammelte ich. Mir waren diese Formalitäten schon immer sehr unangenehm gewesen. Und Hepe wusste das vielleicht noch. Geräuschlos fuhren wir weiter.
„Ist ne tolle Frau, oder?“, fragte Hepe nach einer kleinen Weile. Ich nickte. „Hat in Harvard studiert. Verhaltenspsychologie. Sie ist eine Koryphäe auf dem Gebiet. Hat mit Nobelpreisträgern zusammengearbeitet. Und jede Menge Veröffentlichungen. Spricht fünf Sprachen. Hast ja gehört. Merkt man kaum den Unterschied zu einer Muttersprachlerin. Kam hier so an. War noch nie vorher in Deutschland gewesen. Spricht aber richtig gut Deutsch. Wie findest du das?“
„Ja, toll.“, antwortete ich kurz. Eine kleine Pause entstand.
„Du bist Maler geblieben, stimmt’s?“, fragte er mit einem Blick auf meine Hose. Er hatte die Farbflecke gesehen. Ich nickte.
„Und, kannst du davon leben?“
René fuhr die sechsspurige Straße nach Süden schnell und irgendwie auch rücksichtlos. Aber er kam zügiger voran, als ich angenommen hatte.
„Geht grad so.“
„Geht grad so? Du hast doch mal gut verdient.“
„Das weißt du?“
„‘türlich. Du warst mal der Shooting Star der Kunstszene. Das hat man doch mitbekommen. Hast doch Ausstellungen gehabt. Und ‛ne Galerie. Hängst du nicht sogar im Museum? Klar, da gibt es noch so einige Bilder aus deiner Zeit. Reliquien sozusagen.“
„Das ist lange her, Hepe. War während und direkt nach dem Studium. Da hatte ich eine Galeristin und bekam pro Bild … ich weiß nicht …“
Ich dachte zurück. Ich dachte tatsächlich schon wieder zurück.
„Dreitausend“, fuhr Hepe fort. „Ich weiß das. Ich hab damals zwei Bilder von dir gekauft.“
„Wirklich? Welche denn?“
„Weiß nicht mehr so genau. Eines war so in grün. Hochformat. Vielleicht achtzigmal eins zwanzig. Du hattest den Rahmen übermalt. Fanden damals alle schick. Warst einer der Wilden damals.“
„Ich glaube, du meinst 12 Punkt 9 . War eines der letzten, die damals verkauft wurden.“
„Und warum?“
„ 12 Punkt 9 , 8 Punkt 17 und so weiter. Nummernbilder. Auftragskunst. Ich hab’s irgendwann nicht mehr ausgehalten. Und dann noch all die Gespräche mit Galeristen, Kuratoren, Presseleuten. Ich malte schon lange nicht mehr, was ich wollte ...“
Ich unterbrach mich. Das war mir zu viel Erklärung, zu viel Ferne. Zu ungewohnt. Doch ich führte ein Gespräch. Ich sollte etwas von mir erklären …
„Hatte mich verbogen, verstehst du? Bis zur Unkenntlichkeit. … Dekorationskunst … ohne Inhalt. Hatte meine Bilder totgemalt. … Die ich damals noch besaß, hab ich dann übermalt.“
Aber warum sprach ich gleich so viel? Und so viel von früher?
„Ich hab deine Bilder noch.“
„Und wo hängen sie?“
„Weiß ich jetzt grad nicht. Aber sie hängen irgendwo. Ganz bestimmt.“
„Siehst du. Das meine ich.“
Wir hatten den Hafen schon erreicht. René hatte das GPS eingeschaltet.
„Windhuk-Stieg Nummer?“, fragte er. Hepe blickte angestrengt durch die Scheiben, um zu erkennen, wo man hier wohnen könnte.
„Gibt keine Hausnummer“, antwortete ich. „Hinter den vielen Containern ist ne Brücke zum Namibiahafen. Ein weißes Lagerhaus rechts mit einem blauen Eisentor davor. Ist offen. … Ganz durch bis zur Kaimauer am Namibiahafen.“
Ohne Kommentar folgte René meinen Anweisungen.
„Der Typ da heute in der Pause“, wandte ich mich wieder an Hepe, „den deine Leute da rausgezogen haben, wollte der was von dir?“
„Ach, der, ja, ja, “ antwortete Hepe, während er wie abwesend in den Hafen sah. „Der wollte nur Lärm machen.“
„Und warum?“
Jetzt blickte er mir direkt in die Augen. So dicht waren unsere Gesichter zuvor nur während des Konzerts gewesen. Diese wasserblauen Augen, die immer charmant blieben aber tatsächlich nie etwas verrieten außer Kalkül. Viele Jahre lang hatte ich mich auf Hepe und seine Augen verlassen. Doch einmal hatte er sich verrechnet, in mir verrechnet.
„Geschäfte, Mattis“, sagte er zerfahren. „Nicht jeder kann immer gewinnen. Und … mancher kann auf keinen Fall verlieren. Das war so einer. Ich kannte seine Eigenheiten und dachte mir schon, dass es einmal so kommen würde.“
Der Wagen bremste direkt vor der Kaimauer neben einem Haufen zusammengepresster Fahrzeuge. René drehte sich zu uns um.
„Ja, wir sind da, “ sagte ich. „Um diese Uhrzeit ist es immer etwas schwierig nachhause zu kommen.“
Hepe schaute durch alle Fenster nach draußen. Auch René blickte sich um. Sie suchten mein Haus. Ich zeigte nach rechts die Kaimauer entlang zu einem grünen, arbeitslosen Kran, auf dessen Schienen wir parkten. „Da hinten ist ein Drahtgitterzaun. Dann ein Kran, dann ein paar alte, verrostete Container. Dahinter wohne ich.“
„Ich könnte noch mitkommen…“, hörte ich Hepe.
„Es ist kein Palast“, antwortete ich.
„Egal, wir begleiten dich.“
Hepe und René knöpften ihre dunklen Mäntel zu und streiften sich Handschuhe über. Ich schob den rostigen Draht zur Seite, damit sie durch den Zaun treten konnten, ohne sich schmutzig zu machen. Sie ließen mich vorgehen und folgten im kurzen Abstand dem Weg zwischen Kaimauer und Lagerhaus. Auf meiner Seite des Namibiahafens wurde meist nicht gearbeitet. Dennoch lagen heute auf dem glänzenden Asphalt einige zertrümmerte Europaletten, über die wir hinwegstiegen. Der Scheinwerfer am Kran betastete den Weg in einem freundlichen orange-gelben Natriumdampf.
Nicht weit entfernt fuhren LKWs über die Brücke aus dem Namibiahafen. Beladen mit vollen Containern, die von einer langen Seereise kamen. Fast rhythmisch hörte man das Klackern, wenn sie über die Eisenplatte fuhren, die die Brücke mit dem Damm verband. Zweimal Klack für die Zugmaschine. Dann KlackKlackKlack für die drei Achsen des Auflegers. Über all dem lag das immerwährende Brummen des Hafens, sein Grundton, das Geräusch der Maschinen von LKWs, Kränen, fahrbaren Brücken und der Schiffe.
Das Hafenwasser glitzerte von vielen hundert Lampen und Scheinwerfern der gegenüberliegenden Seite. Zwei Frachter hatten dort festgemacht, seitdem ich am Morgen den Ort verlassen hatte. Ich kannte sie beide. Der eine kam aus China und hatte Container geladen. Der andere lud Schwergut, Übermaßladung, die nicht in Container passte und in großen Holzkisten verpackt am Kai lag. Das Schiff war in Panama registriert. Leise surrten die Elektromotoren der Kräne und Brücken. Die hohen Töne ihrer Warnsignale bei der Fahrt klangen herüber und vermischten sich mit dem Gebrumm des Hafens.
„Was entladen die da wohl?“, fragte Hepe hinter mir. „Hast du ne Ahnung?“
Ich drehte mich leicht nach hinten, um zu antworten: „Nee, aber was kann es schon sein? Der Containerfrachter vielleicht Zigtausende Wegwerffeuerzeuge oder Shorts, Plastikbecher, LED-Lampen, Filzschreiber … Irgendwas in der Art. Aber wenn du‘s genau wissen willst, ich kenn da jemanden, der’s weiß.“ Hepe antwortete nicht. Wir erreichten meinen alten Steinschuppen dicht vor einer hoch liegenden, viel befahrenen Brücke. Die Eingangstür klemmte seit der letzten Sturmflut. Ich warf mich dagegen, und sie sprang auf.
„Schließt du auf diese Weise ab?“, fragte Hepe im ironischen Ton und klopfte mir auf die Schulter. Als ich die alten Schildkrötenleuchten angeschaltet hatte, wartete er, bis René eingetreten war und sofort begann sich umzusehen. Die beiden Räume im Parterre waren fast leer. Nur ein Eisenbett mit einer durchgelegenen Matratze, einige rostige Regale und kaputte Fahrräder standen dort noch. Hier schlief Volo manchmal. Eine steile Holztreppe führte nach oben. Ich ging vor, um auch hier das Licht anzuschalten. Der erste Raum diente mir als Atelier, Küche, Badezimmer, Lager … Mein Schlafraum war durch einen dünnen Vorhang abgetrennt, weil die Tür fehlte. Meine Matratze lag auf Europaletten.
Als wäre es selbstverständlich schob René den Vorhang zur Seite und inspizierte alles. Dann verließ er uns über die Treppe nach unten. Hepe trat an eines der großen, alten, dünnen Fabrikfenster heran und blickte nach draußen.
„Alles sehr einfach hier“, sprach er dann vor sich hin.
„Du kannst von hier aus rübersehen. Die ganze Stadt liegt da vor dir. Ist nachts nur ein bisschen schwierig, weil der Hafen so hell ist.“
„Hier ist es nie dunkel oder?“
„Nee. Hier ist es immer hell. Tag und Nacht gibt‘s jedenfalls nicht. Es gibt nur die Hafenzeit. Die ist immer. Der Hafen schläft nur an fünf Tagen im Jahr.“ Er sah mich fragend an.
„Erster Mai, Ostern, Weihnachten und so weiter …“
Hepe begann, meine Bilder, die um uns herum an den Wänden lehnten, abzuklappen und sich einige genauer anzusehen. Die Stadtbilder. Dann ging er zu einem großen Bild hinüber, das mitten im Raum auf meiner selbst gebauten Staffelei stand. Eines meiner Penta-Bilder, die ich seit langer Zeit immer wieder malte.
„Möchtest du noch ‘n Wein?“, fragte ich und suchte auf dem Boden hinter Farbeimern eine Flasche, die ich vor langem geschenkt bekommen hatte. „Der kommt von der Krim.“
„Nee, lass‘ mal“, antwortete er und rief dann nach unten: „Hol uns mal ne Flasche Roten, René.“
Wir hörten, wie er die Tür aufriss.
„Hab immer was bei mir“, sagte Hepe mit einem gut gelaunten, frechen Gesichtsausdruck und stand schon wieder vor meinem Bild. Ich fand zwei Gläser, die fast sauber aussahen, wusch sie am alten Spülstein nochmals ab, wischte sie unter fließendem Wasser mit der Hand aus und schwang sie dann schnell auf und ab, damit das Wasser abspritzte Ich besaß kein Geschirrhandtuch. Hepe betrachtete immer noch das Penta-Bild und trat etwas zurück.
„Wohnst du hier ganz offiziell?“ fragte er dann.
„Ich glaub, dass man hier offiziell gar nicht wohnen darf“, antwortete ich und suchte einen Platz, um die Gläser abzustellen. „Ich kenn hier jemanden, der sozusagen jeden kennt. Und der lässt mich hier wohnen. Ein Ukrainer.“
„Russenmafia?“
„Weder Russe noch Mafia. Er bewacht dieses Gelände und lässt mich hier wohnen. Das läuft so ein wenig über Gefälligkeiten oder so.“
René stieß die Tür auf, kam die Treppe herauf und reichte Hepe eine Weinflasche, die er mir zusteckte, um sie zu öffnen. Ich suchte eine möglichst große Schraube und begann sie in den Korken zu bohren.
„René, Korkenzieher!“ brüllte Hepe die Treppe hinunter. Sofort erschien René, nahm die Flasche wieder entgegen, öffnete sie und reichte sie mir zurück. Ich schenkte ein. Hepe streifte sich die Handschuhe ab, öffnete seinen Mantel, zog sich meinen roten, abgeschabten Klappstuhl vor die Staffelei und setzte sich mit seinem Glas davor. Ich blieb stehen, denn einen weiteren Stuhl besaß ich nicht. Wir nippten am Wein. Der gleiche wie beim Konzert.
„Sag mal, dieses Bildmotiv hast du doch schon vor dreißig Jahren gemalt.“
„Dreißig Jahre?“
„Ja, dreißig. Mindestens. Dies Bild hier mit den fünf Schalen, die du mal so, mal so in verschiedenen Farben anordnest. Wie nennst du diese Bilder noch?“
„Ja, mal ich immer wieder. Meine Penta-Bilder. Aber ich mal vor allem viele andere Motive. Meist aus der Stadt.“
„Aber warum nur, wenn du nichts davon verkaufst. In ein paar Jahren wirst du hier alles zugestellt haben. Das versteh ich nicht. Suchst du immer noch nach dem absoluten Bild. So wie damals?“
Das wusste er noch? Ich lehnte mich mit meinem Glas neben ihn an die Wand und betrachtete mein Bild. Das absolute Bild. Ich hatte vergessen, dass ich es früher schon so genannt hatte.
Ich war immer schon besessen von der Idee des absoluten Bildes und hatte Hepe damals lange Vorträge darüber gehalten. So wie er sich breit ausließ über Wetten, Risiken und die Nash-Theorie. Dennoch, ich hatte eigentlich nie so richtig gewusst, was das sein sollte, das absolute Bild. Ich hatte nur geahnt, dass es eines Tages mein letztes Bild sein würde. Ein Bild, das ich nicht mehr übertreffen könnte. Mein Sehnsuchtsbild.
Hepe verführte mich in die Vergangenheit. Ich konnte mich nicht dagegen wehren.
„Du malst hier ständig neue Bilder, die du nicht verkaufst, Mattis“, begann Hepe wieder. „Was soll das? Was sind das zum Beispiel für Stadtbilder. Davon hast du ja auch eine Unmenge.“
„Ich glaube, dass wir in einer besonderen Zeit leben“, sagte ich etwas zögernd. „In einer kompletten Neuorientierung. Hervorgerufen durch den Einfluss der digitalen Technik. Alles verändert sich dadurch. Das Leben … und die Sicht auf das Leben. Es ist aber nicht nur ein Wandel oder eine Veränderung. Es ist ein … Umbruch…“ Ich zögerte nochmals. „… eine Neuordnung unseres Denkens.“
Hepe sah mich aufmerksam und interessiert an.
„Und genau das möchte ich in meinen Bildern festhalten können.“
Er ließ seinen Blick nicht von mir weichen.
„Aber man muss sich herantasten. Verstehst du? Man muss vieles ausprobieren. … Meine Penta-Bilder haben aber damit nichts zu tun.“
Hepe dachte weiter über meine Sätze nach, er reagierte nicht sofort.
„Nur deine Stadtbilder haben etwas damit zu tun?“
Ich nickte ihm zu.
„Ich glaube, ich verstehe ziemlich gut, was du meinst“, sagte er dann. „Aber wie kommst du drauf? Du hast bestimmt nicht mal einen Internetanschluss, um einen solchen grundsätzlichen Wandel in der Gesellschaft beobachten zu können. Und nen Computer? … Auch nicht. Der Umgang mit Computern gilt heute als vierte Kulturtechnik, neben Schreiben, Lesen, Rechnen.“
„Hatte aber mal einen.“
„Irgendwann mal, ja. Und du benutzt bestimmt auch kein Handy oder ne Digitalkamera.“
„Hatte ich auch mal.“
„Das ist alles lange her, Mattis. Die Entwicklung ist in den letzten Jahren rasant verlaufen. Was weißt du da noch vom digitalen Zeitalter?“
„Man kann eine solche Entwicklung auch erspüren.“
Hepe lachte kurz auf. „Ach, Mattis, unser altes Ding. Man kann etwas errechnen und abschätzen, wenn man über die richtigen Informationen verfügt. Manchmal kann man auch ein wenig erspüren. Aber nur erspüren, dass so eine massive Veränderung vor uns liegt. Also nee. Allein mit dem Gespür. Das geht nun wirklich nicht.“
Wir schwiegen.
„Erinnerst du dich an das Panikhaus.“
Langsam hob sich sein Blick von meinem Penta-Bild. Er sah zu mir hoch. Schaute mich überrascht mit wachen Augen an. Jetzt hatte ich die Grenze überschritten. Jetzt waren wir wieder dort angekommen, wo wir uns damals getrennt hatten. Jetzt hatte ich die Tür zu unserer gemeinsamen Vergangenheit wieder weit aufgestoßen. Ich hatte sie aufgestoßen.
„Ach ja, das Panikhaus“, hörte ich ihn leise sagen. „Ist schon ‘ne Ewigkeit her.“
Wieder schwiegen wir.
„Ich hatte etwas erspürt“, sagte ich dann. „Und du hattest etwas errechnet. Aber du hattest dich verrechnet.“
„Ich hatte etwas anderes erwartet, Mattis. Ich hatte nicht im Entferntesten daran gedacht, dass die Sache so ein Ende finden würde.“
„Du hattest dich verkalkuliert, Hepe? Wieso hast du dich so irren können?“
„Was soll das heute noch, Mattis. Es ist mehr als dreißig Jahre her.“
Er starrte wieder auf das Penta-Bild, schien sich nicht davon lösen zu können. Ich schenkte noch einmal nach, stellte mich mit meinem Glas ans Fenster und betrachtete die Bewegung der Kräne, die gerade den Chinesen löschten. Ein Druck, fast schon einen Schmerz machte sich in meinem Bauch breit.
Signale meines Körpers. Meist ignoriere ich sie. Doch jetzt meldet sich etwas Stärkeres. Zu viel Wein wahrscheinlich.
Ich hörte, wie Hepe sich erhob und sich mir von hinten näherte. Dann spürte ich, wie er eine Hand auf meine rechte Schulter legte.
„Hör mal, Mattis. Ich hab da ne Idee. Ich kann dir helfen, hier rauszukommen.“
Auf dem Panamafrachter wurde das Ablegemanöver vorbereitet. Ein Schlepper war in den Namibiahafen hineingefahren und ging längsseits. Am Kai standen die Festmacher und warteten rauchend auf ihren Einsatz.
„Will ich hier rauskommen, Hepe?“
„Brauchst du nicht ein wenig Geld, Mattis? Du könntest sicher etwas mehr Geld brauchen.“
Er hatte Recht. Natürlich hatte er Recht. Mit vierhundert Euro oder weniger im Monat konnte ich mir kaum noch Farben und Malwerkzeug kaufen. Neue Rahmen waren für mich unerschwinglich geworden. Ich kaufte ausschließlich in Billigmärkten ein. Für die öffentlichen Verkehrsmittel zahlte ich nicht. Ich ging zu keinem Arzt. Und auch Volo musste ich mal etwas dafür geben, dass er mir ständig etwas mitbrachte, dass ich hier wohnen, Strom und Wasser nutzen konnte.“
„Ich weiß nicht, Hepe.“
Er schob mir von hinten eine Visitenkarte in die Hand.
„Das ist in der Innenstadt. Da kannst du vorbeikommen. Sagen wir mal, morgen, also, ich meine heute so um drei Uhr. Ich kann dir, glaube ich, ein sehr gutes Geschäft anbieten. Brauchst nichts zu befürchten. Wenig Arbeit und ein wenig Geld.“ Er knetete meine rechte Schulter, gab mir dann einen liebevollen Klaps auf den Hinterkopf.
Ich sagte nichts und blieb am Fenster stehen, bis ich die beiden Besucher den Kai entlanggehen sah. Die Schöße ihrer Mäntel flogen auf und ab. Ein Sturm war aufgezogen. Auf dem grünen Kran an meiner Seite hatten sich die fünf Möwen niedergelassen, die ich hier oft sah. René ging immer ein paar Schritte hinter Hepe. Dann beschleunigte er, zog den Maschendraht zur Seite und ließ Hepe durchschlüpfen. Der Panamafrachter wurde gerade aus dem Hafenbecken in den Sturm geschleppt.
Ich wusste nicht, ob ich ihn wiedersehen würde.

1 eine Welt nur dem Schein nach
Ich spielte das Schlagzeug für Krystle Warren. Doch ich blieb nicht im Takt. Vom Mikro drehte sie sich fragend zu mir. Aber meine Hände schlugen nicht so zu, wie es der Musik entsprach. Krystle brach ab. Alle sahen zu mir. Das Publikum blieb stumm. Und ich schlug weiter zu. Immer weiter, aber auch langsamer. Ich konnte es nicht steuern. Wie eine Äffchenspieluhr für Kinder, die auslief.
Viele Leercontainer. Ich wurde von den LKWs wach, die mit Containern über die Brücke hinter meinem Schuppen fuhren. Manche hatten leere andere volle Container geladen. Bei Fahrten mit leeren Containern hörte sich das KlackKlackKlack an der Schwelle zu Brücke lauter und heller an als mit vollen. Außerdem rasselte dann immer etwas. Zwischendurch KlackKlack und dann nichts mehr. Nur zwei Achsen. Privatwagen. Menschen, die im Hafen arbeiteten.
Noch ein Geräusch - aus dem Parterre meines Schuppens.
Wie spät war es wohl? Bestimmt später als ich dachte. Warum war das plötzlich wichtig? Nie fragte ich mich nach der Uhrzeit. Hier galt die Hafenzeit, die gar keine war, weil Zeit darin keine Bedeutung hatte. Schlagartig fiel mir Hepe wieder ein.
Er war hier gewesen. In der Nacht.
Hatte ich das auch geträumt? Hier bei mir? Wir hatten uns wiedergetroffen.
Nach allem. Nein, ich sollte denken, wie es wirklich war: Nach mehr als dreißig Jahren. In der letzten Nacht. Vor wenigen Stunden.
Mir war schlecht. Vielleicht vom Rotwein. Immer häufiger vertrug ich Rotwein nicht mehr so gut.
Der Aldi-Parkplatz. Sonntags am Nachmittag. Nach dem Mittagessen.
Wie kam ich jetzt darauf?
Unsere Sonntage waren immer gleich getaktet. Acht Uhr Frühstück, zwölf Uhr Mittag, sechzehn Uhr Kuchen, neunzehn Uhr Abendbrot. Der Rhythmus der Familie. Er gab das Leben, den Verlauf des Lebens vor wie die Nacht und wie der Tag. Etwas Verlässliches. So verlässlich und so geordnet, dass er nichts anderes zuließ. So wurde ich erwachsen, so sollte ich leben. Der Fernseher lief schon beim Frühstück. Wir sprachen ohnehin kaum miteinander. Als gäbe es nichts mehr zu sagen. Eine programmierte Familie. Man gab Familie ein und erhielt Frühstück, Mittag, Kuchen, Abendbrot, Fernsehen . Neues war nicht vorgesehen für die verbleibende Lebensspanne. Unser Laufwerk ließ sich nicht erneuern.
Wie hatte ich dort nur beginnen können zu malen? Es hatte mich sehr viel Kraft gekostet.
Am Sonntagnachmittag trafen sich alle auf dem leeren Aldi-Parkplatz zum Chickenspiel. So nannten wir es. So hatte Hepe es genannt. Er organisiert alles, den Zeitpunkt, den Ablauf, die Zuschauer, natürlich die Wette und die Gegner. Oft war ich einer der Gegner. Unsere Ausgangspositionen hatte Hepe mit Kreide auf dem Asphalt markiert. Wir hielten einen Abstand von vielleicht fünfzig Metern. Rechts und links unserer Strecke hatten sich Jugendliche aus unserem Viertel aufgestellt. Auch aus anderen Stadtteilen kamen viele, um durch die Wette ein wenig Geld zu verdienen. Hepe zögerte den Beginn immer gern hinaus, weil er hoffte, noch weitere Wetten abschließen zu können. Er trug ständig ein kleines Heft bei sich, in das er alles eintrug. Jeden Einsatz. Jede Wette. Alle kleinen Geschäfte. Die Geldscheine stopfte er in die eine Tasche seiner Hose, das Hartgeld in die andere. An solch einem Sonntag konnte ich mehr als zwanzig Mark verdienen, meine Provision, wie Hepe immer sagte. Das Geld brauchte ich für Farben und Leinwände.
Denn manchmal überkam mich eine Idee ein besonderes Bild zu malen. Sie verfolgte mich. Ich wurde damit wach, dachte während des Unterrichts tagelang an nichts anderes, skizzierte die Idee immer wieder auf irgendwelche Blätter. Ich grübelte über Motive, das Licht, Farben, die Perspektiven und natürlich den Stil. Niemand wusste von meiner Manie. Doch, Hepe bemerkte es. Er kannte mich gut. Manchmal war ich wie besessen und konnte gar nicht erwarten, endlich am Sonntag für ihn zu starten.
Allein und geduldig stand ich dann mit meinem Pegasus-Mountainbike an der Ausgangsposition, der Pole-Position mit der Sonne im Rücken. Mein Gegner auf der anderen Seite blinzelte immer wieder zu mir herüber. Er war noch umringt von Freunden, die ihm Mut zusprachen. Hepe hatte vorher mit mir gesprochen, wenngleich ich vieles nicht verstanden hatte.
„Ich schaff‘ uns die Minimalbedingungen, um den Gewinn zu sichern. Kannst dich drauf verlassen“, erklärte er mir ständig wieder. „Wir haben die besten Voraussetzungen für den Gewinn. Die Spielstruktur ist einfach. Du hast damit Erfahrung. Und die Anreize sind hoch genug. Es ist ein typisches Gleichgewicht bei entgegengesetzten Interessen. Aber wir gewinnen. Hundert Pro.“
Dann folgte das, was ich besser verstand: “Wir wissen zwar nicht ganz genau, wie sich der andere verhält. Aber wir wissen, wie du dich verhältst, Mattis. Du weichst nicht aus. Sonst ist das Geld weg. Der da hinten ist ein Schisser. Du kannst so gut wie sicher sein, dass er den Lenker rumreißt. Hundert Pro.“
Vor wenigen Minuten noch hatte er den anderen gegenüber behauptet, ich hätte heute keinen guten Tag, wollte es aber trotzdem versuchen. Das schwemmte noch ein wenig Geld in seine Taschen.
„Ruhe!“, brüllte er dann über den Parkplatz. Mehr als fünfzig Kinder und Jugendliche schwiegen.
„Los!“, hörten wir Hepe, und ich trat mit aller Kraft in die Pedale. Blitzschnell musste ich starten. Das entmutigte meinen Gegner. Und ich musste schnurstracks auf ihn zufahren. Keine Schlenker. Keine Schwächen zeigen. Den Blick richtete ich auf mein Vorderrad, nicht auf den Gegner, denn sonst hätte ich Angst bekommen. Und er würde vielleicht meine Angst sehen. Nur manchmal blickte ich kurz hoch, um sicher zu sein, dass ich die Richtung hielt.
Ausweichen oder nicht? Wer ausweicht, verliert. Die Regel war einfach. Wichen beide aus oder fuhren beide ineinander, dann erstattete Hepe das Geld zurück. Fast alles. Natürlich hofften unsere Zuschauer immer insgeheim, dass wir kollidieren würden, auch wenn sie dadurch kein Geld gewannen. Sie kamen vor allem, um einen Unfall, um Blut und uns vor Schmerz weinen zu sehen. Aber auch wegen des möglichen Gewinns. Mit beidem kalkulierte Hepe.
Wir trugen keine Fahrradhelme. Niemand trug sie. Ich fuhr in zwei Jahren sieben Mal und wich niemals aus. Als ich gerade sechzehn geworden war, raste ich in das andere Fahrrad hinein, brach mir das linke Schlüsselbein und einen rechten Mittelfußknochen.
Tiefe Angst beschlich mich vorher immer, Angst, die Hand oder den Arm zu brechen. Dann hätte ich nicht mehr zeichnen und malen können. Teile meines Rades waren kaputt. Mein Vater fuhr mich schweigend ins Krankenhaus und wieder zurück. Vor Schmerz liefen mir die Tränen herunter. Doch ich ließ meinen Vater keinen Laut hören. Er hätte sich genauso verhalten. Er verhielt sich genauso.
„Scheiße, wir haben so gut wie keinen Gewinn gemacht, Alter“, war die einzige Bemerkung von Hepe gewesen. Aber ich dachte mir: Ein Feigling ist genau genommen der Vernünftigere. Ich war ein unsinniges Wagnis eingegangen. Hepe aber nur ein Risiko. Ein geringes Risiko sogar. Für ihn war ohnehin genug Geld übriggeblieben. Nie schloss er Wetten ab, ohne sich seinen Anteil vorher zu errechnen und zu sichern.
Wochenlang konnte ich mich kaum ohne Schmerzen bewegen. Nur einmal, nach vielleicht einer Woche, fragte meine Mutter: „Tut’s noch weh, Mattis?“ Ja. Ich konnte mich nachts nicht einmal im Bett drehen. Jedes Aufstehen und Hinlegen schmerzte. Jedes Husten oder gar Niesen.
„Geht schon“, antwortete ich nur. Sie fragte nie wieder.
Ich schlüpfte in meine Jeans Dann wusch ich mich am Spülstein. Zwei Gläser und eine halbleere Flasche Rotwein standen dort. Er war also hier gewesen. Also doch. Mir war immer noch schlecht. Ich sah lange durch die etwas matten Scheiben hinaus in den Hafen, um meinen Magen zu beruhigen. Meist gelang es. Der Chinese hatte den Hafen verlassen. Alle ankommenden Container waren verräumt. Ein Carrier stellte neue Container bereit. Seine hohen Warntöne klangen sehr nah. Aus dem Parterre hörte ich wieder Geräusche.
„Bist du das, Volo?“
Er stieg die Treppe herauf und hielt eine Plastiktüte mit kyrillischer Aufschrift in der Hand. Eine blank abgewetzte, dunkle Anzughose, einen Pullunder über dem verknitterten, weißen Hemd. Wie immer. Und dazu der „Roma-Hut“, wie ich ihn nannte. Der Hut war schwarz und hatte eine kurze Krempe, die hinten hochgeschlagen war. Ein richtiger Spießerhut.
„Hab kaputte Europapalette ins Regal gelegt. Für Winter“, hörte ich seine tiefe Stimme.
Ständig sammelte er im Hafen Holz für unsere alte Hexe, stapelte es mit Begeisterung in die Regale, stapelte es mehrfach um und sprach vom Winter bis zum nächsten Winter immer vom Winter. Volo war wintergeschädigt. Ich dagegen wusste meist gar nicht, welche Jahreszeit wir gerade hatten. Auch diesen Rhythmus hatte ich verlassen.
Ich begann Wasser für den Tee aufzusetzen, bevor Volo sich drum kümmern würde, denn sein Tee war stark wie Kaffee und bekam mir nicht. Häufig aber hatte er den Tee schon bereitet, wenn ich aufwachte.
„Tee muss stark sein wie Chamma, sonst der Zucker schmeckt nichts.“
Ich hatte inzwischen aufgegeben, das Synonym für wie Chamma zu suchen. Es gab wahrscheinlich keines. Aber stark verallgemeinert und aus allen Zusammenhängen heraus schrieb ich wie Chamma eine Bedeutung zu wie wie verrückt oder wie es nur geht . Andererseits benutzte Volo auch Wendungen wie: „Mann ist gestorben wie Chamma.“
Und so ging ich der Sache nicht mehr nach. Es war sinnlos.
Er öffnete die Plastiktüte und breitete auf einem Teller klebrigen, ukrainischen Halva aus. Die ukrainische Spezialität war fast ausschließlich aus dem Mus von Sesamkernen, Nüssen, Rosenwasser und sehr viel Honig hergestellt, der auf dem Teller auslief. Es schmeckte süß, mehr als süß, ungenießbar süß. Volo aß immer sehr viel Halva. Ich verstand nicht, wie er so dünn bleiben konnte.
„Ist von Igor der Schlachter. Kommt mit Türgriff für Volkswagen und ist weg mit Turnschuh.“
Ich kannte Igor der Schlachter nicht, hatte aber schon von ihm gehört. Alle LKW-Fahrer aus der Ukraine hatten bei Volo solche Namen. Und alle brachten etwas mit. Volos Funktion bestand unter anderem darin, hier alles Mögliche zu besorgen. Vom schicken Schulranzen bis zur Tiefkühltruhe. Das war sein Geschäftsmódel. Mehrere Geschäftsmodelle nannte er Geschäftsmódels. Offiziell aber bewachte Volo einen Teil des Namibiahafens.
Deshalb war seine Frage auch nicht abwegig, während er sich Unmengen Zucker in den Tee schaufelte: „Waren Männer Freunde anunpfirsich?“
Übelkeit stieg wieder in mir hinauf, und ich zögerte ein wenig mit der Antwort.
Die Frage war ohnehin nicht einfach zu beantworten, weil ich genau wusste, wie hoch Volo Freundschaft schätzte. Seitdem ich einmal ein Portrait von einem betrunkenen, eingeschlafenen Volo mit Sabber aus dem Mund und verrutschtem Hut gezeichnet und ihm geschenkt hatte, war ich sein Freund. Sonst bestand für Volo nur ein einziges Freundschaftskriterium: Hätte die Person ihn in Afghanistan aus der Kampfhandlung herausgezogen, als er verletzt war oder hätte sie ihn zurückgelassen. Dieses Kriterium ging auf eine persönlich erlebte Geschichte zurück, die ich in sehr verschiedenen oft widersprüchlichen Variationen kannte. Und ich, Mattis Jensen, hätte ihn, Volodymyr Lypar, wie Chamma da rausgezogen. Anunpfirsich.
„Einen kenn ich von früher. Den anderen kenn ich nicht“, wand ich mich aus der Affäre.
„Ist reicher Mann. Anderer Mann ist sein Krieger. Aber nicht gut aufgepasst. Ich kein Meter von reicher Mann. Und anderer hat nicht gemerkt. Echt wahn!“
„Wo war das?“
„Bei kaputte Europapaletten.“
Volo strich ständig durch den Namibiahafen. Nie wusste ich, wann er mal schlief, obwohl sein Bett oder eher eines seiner Betten im Parterre stand. Oft überreichten ukrainische Lastwagenfahrer mir Nachrichten für ihn. Manchmal wurden sie mündlich überbracht: Ich Daniil Bruder von Lesya der Alte mit ein Bein. Nächste Woche dicker Yakov ohne Zahn mit drei Karton Nemiroff.
„Ist kein guter Mensch, Mattis.“
„Wer von beiden?“
„Reicher Mann.“
„Und woher weißt du das?“
„Och, Mattis“, antwortete er etwas genervt. „Wenn reicher Mann hat Krieger, warum?“
„Weil er sich nicht selbst verteidigen kann?“
„Kann Präsident von Russland nicht selbst verteidigen, Mattis? Ist starker Mann. Viel Sport. Viel Mut. Und auch reich. Aber hat Krieger. Weil ist schlechter Mann. Warum reich? Weil schlechter Mann.“
Das war Volos Logik. Ich war nicht in der Verfassung, dagegen zu argumentieren Er würde dann auch noch ein lang währendes, kompliziertes logisches System errichten und erstaunlicherweise immer wieder auf Argumente zurückgreifen, die er irgendwann schon einmal erwähnt hatte.
„Vielleicht hast du Recht.“
„Nix vielleicht.“
„Gut, aber ich muss mal zu ihm rüber.“
„Warum?“
„Vielleicht kann ich ein kleines Geschäft machen.“
„Neues Geschäftmódel ist gut. Aber nicht mit schlechter Mann.“
„Wie spät?“
„Warum du fragst das? Du fragst nie, wie spät.“
„Wie spät, Volo?“
„Zwanzigstnachzwei.“
„Zwanzignachzwei, wo?“
„Zuhause.“
Also war es erst zwanzig nach eins.
„Kannst du mir deine Uhr leihen?“
Er blickte mich erstaunt an. Ich hatte ihn noch nie nach seiner Uhr gefragt. Darüber hinaus war es auch eine besonders schwierige Frage. Volo besaß die Replik einer russischen Armbanduhr, Poljod Kursk Signal, mit einem roten Stern und einer U-Boot-Silhouette auf dem Ziffernblatt. Er liebte diese Uhr. Es war seine letzte. Davor waren über ihn hunderte dieser Uhren nach Deutschland eingesickert. Aber es war nun einmal seine letzte. Auf der Rückseite stand auf Kyrillisch: Gewidmet den Helden des U-Bootes Kursk.
Er löste sie vom Arm mit den Worten: „Aber nicht dran spielen.“
Ich suchte von meinem Kleiderständer einen Pullover heraus, der nicht mit Farbflecken besprenkelt war und machte mich mit Hepes Visitenkarte auf den Weg. Die Fähre im Namibiahafen legte schon nach wenigen Minuten an. Zum Glück erkannte ich Jupp Voormann, auch ein Bekannter von Volo, im Ruderhaus. Jupp transportierte für Volo oft große Pakete aus der Stadt herüber, vor allem Flachbildfernseher, aber auch Kühlschränke, Waschmaschinen oder hochwertige Matratzen.
Die Gangway schwenkte mit den gleichen hohen Tönen herunter, wie sie von den Kränen und Brücken aus dem Hafen zu hören waren. Jupp schob seine Tür auf und ließ mich in die Fahrerkabine eintreten. Er erzählte von Kindern und Enkelkindern, von Nichten und Neffen und beförderte mich ohne Bezahlung aus dem Namibiahafen hinaus zur Stadtseite. Auf dem Wasser hatten sich unruhige Wellen gebildet. Die kleine Fähre schaukelte, und der Bug fiel so tief in die Wellentäler hinein, dass die Scheibenwischer kaum gegen den Wasserschwall ankamen. Eine Sturmflut kündigte sich an. Volo hatte wohl deshalb heute Morgen das Holz im Parterre auf höhere Regalflächen geräumt.
Auf der Stadtseite begann ich mit der Suche nach einem Fahrrad, denn beim Laufen schmerzte mir heute mein Fuß. Auch über meinem linken Schlüsselbein spürte ich einen unangenehmen Schmerz. Erinnerungen an den Aldi-Parkplatz.
Fast immer fand ich Fahrräder, die nicht abgeschlossen waren. Jemand hatte zuvor das Schloss aufgebrochen, um damit zu fahren. Dann hatte er es abgestellt, weil er es nicht mehr brauchte. Niemals würde ich gewaltsam ein fremdes Schloss öffnen, aber warum sollte ich den Umstand nicht nutzen? Schnell entdeckte ich, was ich suchte. Eine Mischung aus City- und Hollandrad. Die Reifen waren aufgepumpt, der Rahmen nicht verzogen, die Gangschaltung funktionierte. Auf der Visitenkarte stand eine Adresse in der Innenstadt. In diesem Teil der Stadt kannte ich mich ein wenig aus, weil ich dort immer wieder Zeichnungen für meine Bilder anfertigte. Meine Stadtbilder. Nicht für die Penta-Bilder.
Auf den Weg wich ich ständig Fußgängern aus, die auf ihre Handys starrten und sich dabei auf die Radwege verirrten. Wenn ich klingelte, blickten sie nur kurz und irritiert auf. Ungewollt herausgerissen aus einer Welt, in die sie sofort wieder zurückkehren wollten. Sie schrieben Kurzmitteilungen oder Emails. Kaum jemand ging mit offenen Augen durch die Straßen. Fast alle glotzten auf die Displays ihrer Handys, wenn sie nicht gerade das Gerät am Ohr hielten oder laut vor sich hin in die Freisprechanlage redeten, als hätten sie eine ausgewachsene Psychose. Immer wollten alle in Echtzeit verfügbar sein. Immer erreichbar, greifbar, zugänglich. Also existent. Vielleicht fiel es mir nur deshalb auf, weil ich mich schon lange nicht mehr als Teil all dessen fühlte. Ich war hier fremd. Aber wie könnte ich das, was ich beobachtete, in einem Bild ausdrücken?
Ich suchte die Adresse, die auf Hepes Visitenkarte stand. Geschäftshäuser. Dicht an dicht. Nicht wie im Hafen. Hier sah man kaum Himmel. Straßen in engen Schluchten.
Es war ein neues, hohes Gebäude, vielleicht sogar eine kleine architektonische Sensation, weil es aussah, als sei es aus Schokolade hergestellt worden. Ein glänzendes Schokogebäude, über das Zuckerguss gekippt worden war, der weißlich an den Seiten herunterlief. In die reflektierende Glasur waren die Fenster eingesetzt worden. Eine große Büropraline mit einem kleinen Schild: Gesellschaft für Informationsökonomie mbH. Was sollte das bloß sein? Auf der Eingangstür ein eigenartiges Logo. Ein sitzender Indianer. Auch in einer Kakaofarbe.
Ich stellte das Rad ab, und betrachtete mich in einer der Zuckerscheiben, die mich und die gesamte gegenüber liegende Straßenfront spiegelte. Ein Bild auf dem Bild. Haare zu lang. Erste graue Strähnen. Ungepflegter Bart. Schlampiger Pullover. Und unten sah es auch nicht gut aus. Konnte ich mich so vorstellen, um ein Geschäft abzuschließen? Er hatte gefragt. Er konnte nicht erwarten, dass ich heute anders aussehen würde als gestern.
Die schwere Glastür mit dem Logo öffnete sich automatisch. Vor mir eine Rezeption. Wieder das schokoladenbraune Logo groß an der Wand. Eine junge Frau davor. Unsicher humpelte ich auf sie zu. Sie sah … irgendwie frisch aus. Langes, blondes Haar. Unauffällig geschminkt. Himmelblaue Augen. Gut gekleidet. Eine fast durchsichtige, helle Haut. Und sicher roch sie gut. Als sie mich erblickte, begann sie sofort zu lächeln, warf ihr Netz aus und fing mich ein.
„Mein Name ist … Mattis Jensen, “ stammelte ich verlegen.
„Guten Tag, Herr Jensen. Mein Name ist Nina Häusler.“ Eine warme, fast zärtliche Stimme.
Eine kleine Pause entstand. Aber nicht peinlich. Eher angenehm.
„Ah, ja. Ich hatte so einen vagen Termin mit Herrn Pinske. Ist das richtig hier?“
„Natürlich, Herr Jensen. Da sind Sie hier richtig. Lassen Sie mich das bitte kurz checken.“
Erst jetzt sah ich, dass sie ein unauffälliges Headset trug, das mit einem Bügel an ihrem Ohr steckte. Die blonden, langen Haare verdeckten es fast.
„Ja, nochmals herzlich willkommen, Herr Jensen. Wenn Sie durch diese Tür links gehen, dann erreichen Sie einen Warteraum. Man wird Sie dort abholen.“
Ich bedankte mich.
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Herr Jensen.“
Sie ließ mich frei.
Meine Güte, das sollte Volo mal erleben.
Der Raum war groß. Sessel in gedeckten Farben auf teurem Holzboden. Acht oder zehn Männer. Drei oder vier Frauen. Eine imposante Espressomaschine. Gekühlte Getränke hinter Scheiben. Kekse, Schokolade, Sandwiches auf einem Tresen. Einige Flat-Screens an den Wänden. Sportwetten. Wirtschaftsinformationen. Der Ton leise eingestellt. Die Besucher saßen auf den Sesseln, allein oder in Gruppen. Alle gut gekleidet. Espressotassen oder Saftgläser in den Händen. Sie verfolgten die Programme. Ein Pferderennen in Australien. Die Entwicklung des Goldpreises in den letzten Tagen. Ein Börsenbericht aus Frankfurt. Eine kleine Gruppe von drei Männern trank aus Sekt- oder Champagnergläsern. Durch die hohen Glasfenster konnte man die Straße sehen. Mein Rad stand direkt davor. Dort hatte ich mich gerade von außen in der zuckrigen Scheibe begutachtet. Hätte ich durch die Scheibe blicken und trotzdem die Reflektionen wahrnehmen können, dann wären gleich mehrere Wirklichkeiten übereinander liegend sichtbar geworden.
Die Besucher in diesem Raum hatten mich von hier aus beobachten können. Aber niemand beachtete mich. Ohnehin schienen sich alle miteinander zu beschäftigen. Niemand sprach mich an. Ich fühlte mich ein wenig unbehaglich und nahm ein Käsesandwich, um etwas in der Hand zu halten. Kaum hatte ich hineingebissen, näherte sich mir ein unauffälliger, junger Mann im Anzug. Auch er trug an einem Ohr ein Headset wie die Frau an der Rezeption.
Wo war er nur hergekommen?
„Herr Jensen. Ich darf Sie zu Herrn Pinske begleiten.“
Die rückwärtige Wand öffnete sich ein wenig, als er mit mir darauf zuging. Dann ein Flur. Überall Holz und Glas. Moderne Plastiken. Glänzender Marmor auf den Böden. Ein kleiner Schwenk nach rechts, und wieder schob sich eine Wand auf. Ich ging hindurch, und die Wand schloss sich hinter mir mit einem leisen Flüstern. Der junge Mann war verschwunden.
Ein heller Raum mit einer großen Glasfront zu einem Innengarten. Über einen Felsen dort plätscherte Wasser. Man hörte nichts davon. Auf dem dunklen, glänzenden Holzboden lag ein dicker, orientalischer Teppich.
„Komm doch näher“, hörte ich Hepe. Er war verdeckt durch einen Paravent. Seide. Japanische Motive. Als ich um den Paravent ging, sah ich ihn auf einem Ledersessel sitzen. Er trug eine hellbraune Weste zu einer blauen Hose. Dazu eine dezente Krawatte. Hepe erhob sich schwungvoll und umarmte mich zur Begrüßung herzlich. Ich ließ es geschehen. Dann schlug er mit der Hand gegen einen zweiten Sessel neben sich.
„Hier kannst du dein Sandwich aufessen.“ Tatsächlich, ich hielt es immer noch in der Hand.
„Gefällt es dir bei mir?“
„Ja. Ich glaub‘ schon.“
Er lachte kurz auf. Unschlüssig setzte ich mich neben ihn. Auf einem kleinen Glastisch vor uns standen Kaffeetassen. Ohne zu fragen begann er, uns Kaffee einzuschenken.
„Milch und Zucker?“
„Nur Milch. Ein wenig.“
Der Kaffee würde mir nicht guttun. Das wusste ich jetzt schon.
„Ist fettarm. Ich muss auf meine Linie achten.“ Er klopfte lächelnd auf seinen Bauch. „Sitze immer irgendwo rum. Du allerdings könntest etwas zulegen. Du bist zu dünn, Mattis. Siehst nicht wirklich gesund aus.“
Ich ließ meinen Blick durch das große Zimmer schweifen und blieb am Schreibtisch hängen. Mehrere Screens flimmerten dort. Nichts lag auf dem Tisch. Dahinter hing ein großes Bild.
„Roy Lichtenstein!“, entfuhr es mir. „Ist es ein Original?“
„Was glaubst du denn, Mensch? Hängt da schon mehrere Jahre. Ich kann’s ehrlich nicht mehr sehen. Dieses Comiczeug. Aber jetzt bist du ja hier.“
Mein Blick glitt zum Paravent. Davor ein Stuhl. Auf den Armlehnen stand mein Bild 12 Punkt 9 . Eines der Nummernbilder. Der Paravent hatte es verdeckt.
„Tja, siehst du“, sagte Hepe, “ ich hab’s gefunden. Hing in einem Büro im vierten Stock. Ich betrachte es schon einige Zeit lang.“
Ich starrte auf das Bild und war zunächst erstaunt, dass es nichts in mir wachrief. Ich wusste, warum ich es gemalt hatte, in welchem Zusammenhang. Doch es war tot. Es hatte nie gelebt. Ich hatte damals tote Bilder geschaffen. Warum nur? Weil man mich dafür belohnt hatte?
„Es ist gut, Mattis. Ziemlich gut. Deine frühe Phase damals. Aber du kannst viel mehr. Das weißt du aber selbst. Tastest dich seit so vielen Jahren immer weiter voran. Was für eine Energie steckt bloß dahinter. Was für ein Eifer. Und vielleicht ja doch ein Gespür. Das Problem ist nur, dass niemand es wahrnimmt. Das sollten wir ändern. Findest du nicht auch?“
„Was sollten wir ändern?“
Ich biss in mein Sandwich, damit ich es endlich loswerden konnte, auch wenn mir davon schlecht werden würde. Hepe richtete sich etwas auf.
„Du hast mir heute Nacht erklärt, dass du das malen willst, was tatsächlich vor sich geht. Du malst etwas, was unsere Zeit betrifft, die Veränderung, die Bewegung, den Aufbruch, einen Umbruch, das Neue. Hab ich gut verstanden. Da bin ich auch ganz bei dir. Aber was soll das alles, wenn es niemandem bekannt ist, Mattis? Es sind doch Bilder, die man ansehen kann, die man ansehen müsste. Die muss man doch anderen Menschen anbieten.“
Endlich hatte ich das Sandwich aufgegessen.
„Finde ich gar nicht so wichtig, Hepe. Und ich weiß auch nicht, ob ich anderen Bilder überlassen will.“
„Das weißt du nicht?“
„Nee, und wer sollte sie mir schon abnehmen wollen?“
Hepe rutschte auf seinem Sessel nach vorn, um mir näher zu sein. Wieder diese Augen. Er hatte einen fesselnden Blick. Und er wusste es. Zähne wie helle Perlen an einer Kette.
Hatte er früher auch solche Zähne gehabt?
„Hast du’s probiert?“
Ich schwieg. Er sah mich noch eine Zeit lang an. Dann ließ er sich wieder nach hinten fallen.
„Deine Bilder damals. Dekorationskunst hast du sie genannt. Das mag stimmen. Davon hab ich keine Ahnung. Aber jetzt, Mattis, schaffst du doch etwas mit Aussagen. Aussagen über unser Befinden, über unsere Sicht auf die Welt. Das kann großes Interesse wecken. Da ist es doch wichtig, dass andere es sehen, darauf reagieren, drüber wütend oder davon angezogen sind. Was auch immer. Wichtig ist, dass sie reagieren. Dass sie darauf anspringen … Dass sie es … haben wollen.“
„Ja, aber es interessiert sich niemand dafür.“
„Natürlich, weil es keiner weiß, Mattis, weil deine Bilder da in deiner Hütte im Hafen rumstehen. Weil du sie versteckst. Wie viele sind das wohl? Zweihundert? Dreihundert? Ich bin nun nicht gerade ein Kunstmensch. Weißt du ja. War ich nie. Ich kaufe Bilder, weil sie mir in der Regel eine gute Rendite garantieren. Ich seh das mit der Malerei alles etwas einfacher. Bilder müssen nicht im Hoch-, sondern im Querformat gemalt werden, weißt du. Besser sind noch quadratische Bilder. Das können sich die Leute leichter zuhause hinhängen. Passt fast an jede Wand. Sie sollten Rot enthalten aber nicht viel Schwarz. Keiner will zuhause ein schwarzes Bild haben. Die Farben sollten leuchten. Und über die Motive sollte man ein wenig nachdenken können. Aber nur ein wenig. Das alles kann dann gemalt sein, gespachtelt, geritzt. Das siehst du vielleicht nicht so. Musst du ja auch nicht. Aber eines weiß ich. Deine Bilder, Mattis, haben Potential. Da lässt sich gut was draus machen.“
„Gut was draus machen? Was soll das denn heißen?“
Ich spürte, dass sich Wut in mir regte. Schlug er mir ein Geschäft vor, meine Bilder zu verkaufen? Wollte er meine Bilder etwa verticken, wie er hier in dieser Firma irgendwelche anderen Waren verramschte? Solch ein Geschäft wollte er mit mir machen? Deswegen war ich hergekommen? Hepe schien meine Reaktion zu bemerken.
„Du magst den Kunstmarkt nicht. Kann ich verstehen. Musst du ja auch nicht mögen. Da laufen ja auch unglaublich viele verlogene Idioten rum. Meine Güte, was bin ich da schon für eitlen Nieten begegnet. Kannst du total ignorieren. Damit beschäftigen sich andere. Ich könnte dafür sorgen, dass du malen kannst, ohne mit all dem viel zu tun zu haben. Und du verdienst endlich etwas Geld, Mattis.“
Er ließ seine Sätze im Raum stehen und beobachtete mich aufmerksam, ja, rücksichtsvoll und eher nachdenklich. Ich beruhigte mich ein wenig, stand auf, um mein Bild aus der Nähe zu betrachten. Damals hatte ich teure Ölfarbe benutzt. Sie hatten sich sehr gut gehalten. Es lohnte sich, in gute Farbe zu investieren. Natürlich konnte ich etwas mehr Geld gebrauchen. Müsste ja nicht viel sein. Seit Jahren übermalte ich meine Bilder, weil ich mir keine neuen Rahmen leisten konnte. Manche Bilder hatte ich drei- viermal übermalt. Ich sollte mir auch mal ein paar gute Schuhe kaufen, müsste mal zu einem Orthopäden und schon lange mal zum Zahnarzt. Vor Jahren schon hatte ich rechts oben den ersten Eckzahn und daneben den kleinen Backenzahn verloren. Es sah fürchterlich aus, wenn ich sprach oder gar lachte. Ganz anders als bei Hepe. Und ohnehin sollte ich mal einen richtigen Arzt aufsuchen.
„Wir beide sind jetzt über fünfzig, Mattis. Du hast keine Krankenversicherung, keine Rentenversicherung. Gar nichts. Was wird mit dir, wenn du richtig alt bist, nicht mehr laufen aber vor allem auch nicht mehr malen kannst?“
„Ich hab meine Bilder.“
„Ja, eben. Du hast deine Bilder. Wenn wir es geschickt anpacken, dann machen wir deine Bilder zu deiner Versicherung.“
Er wartete einen Moment, wie ich reagieren würde. Ich hatte meine Bilder noch nie als Absicherung meines Lebens angesehen. Aber ich wäre auch nie auf den Gedanken gekommen, dass sich noch einmal jemand außer Volo dafür interessieren würde. Ich malte meine Bilder, weil ich sie malen musste. Ein normales Bedürfnis ohne einen Hintergedanken. Aber vielleicht waren inzwischen andere Bedürfnisse zu kurz gekommen.
„Nur, ich weiß nicht, wie schnell so was geht, Mattis. Das geht vielleicht gar nicht schnell. Das müssen wir gut vorbereiten. Da müssen ein paar Leute was über dich schreiben. Da musst du dich auch mal drauf einlassen, mit ein paar Leuten zu sprechen. Am Anfang zumindest. Wir brauchen eine Ausstellung, ne richtig große Ausstellung, die auffällt. Die muss supergut besucht sein. An einem extravaganten Ort in der Stadt. Dann muss es Berichte darüber hageln. Deutschlandweit. Und dann im Ausland. Und du musst natürlich auch richtig professionell malen können. Brauchst Material dafür. Ich müsste wahrscheinlich kräftig in Vorlage gehen. Ich nehm‘ mal an, dass du definitiv kein Geld hast oder? Noch irgendwas Erspartes von damals?“
Ich lachte auf und drehte mich zu Hepe.
„Bei mir ist nichts zu holen, Hepe. Hab nicht mal ‘n Bankkonto.“
Ich betastete mein Bild und drehte es ein wenig mehr ins Licht.
Letztendlich auch ein erstes Stadtmotiv. Ein Übergangsbild. Ein Abschluss. Das Rot hinter dem Grün war nicht wirklich sichtbar. Aber man konnte es spüren. Ich hatte mir damals vorgenommen, noch einmal neu zu beginnen. Man sollte das Leuchten der Farben erwarten, aber nicht sofort sehen. Das war mein Plan gewesen. Man sollte die Motive erforschen. Sie verrieten sich nicht auf den ersten Blick. Es brauchte eine Weile. Jedes Bild sollte sich auf den ersten Blick real präsentieren, in seiner vorsichtigen Erscheinung aber sollte es etwas Zukünftiges enthüllen. Schon bald nach diesem Bild hatte meine Malzeit begonnen, meine Hafenzeit. Malen als Prozess ohne äußeren Rhythmus. Ein geordneter Verlauf, der sich nur um sich selbst scheren sollte. Aber jetzt war ich hier. Bei Hepe. In seiner Zeit, in der er sich ständig vorweg war.
„Hattest du nicht mal ne Lebensversicherung?“
Ich antwortete nicht sofort. Mein Vater hatte für mich vor seinem Tod eine Lebensversicherung abgeschlossen. Dafür hatte er ein Depot eingerichtet, von dem aus die monatlichen Beiträge gezahlt wurden. Ob das alles noch lief, wusste ich nicht. Ich wusste nicht einmal, wieviel Geld er auf dem Depot belassen hatte oder wo es verwaltet wurde. Ich war damals noch sehr jung. Wie war mein Vater nur auf die Idee gekommen?
„Mattis!“
„Ja, da war mal was. Aber ich hab keinen Schimmer, was draus geworden ist.“
„Weißt du wenigstens noch, wie die Versicherung hieß?“
„Irgendwas mit Benzin.“
„Petrol Internationale Leben?“
„Ja, kann gut sein.“
„Kann gut sein. Na ja, das kriegen wir raus. Wird aber auch dauern. Das geht alles viel zu langsam. Du solltest jetzt schon mal etwas Geld in die Finger bekommen.“
Hepe überlegte weiter, während ich mich an die große Fensterfront stellte, um mir den Innengarten genauer anzusehen. Alles war klein gehalten. Ein japanischer Bonsaigarten. Alles sah künstlich aus. Künstliche Natur. Nichts war dem Zufall überlassen. Hepe hatte ein Faible für Japan. Oder nur für Künstlichkeit?
„Noch ein Vorschlag, Mattis.“
Wahrscheinlich hatte er ein Faible für beides. Woher kam das wohl? Künstlichkeit, klar. Aber war er vielleicht Buddhist geworden. Nee, nicht Hepe. Oder fand er es einfach nur schick? Irgendwie passten auch diese Türen dazu, die hier immer zur Seite fuhren.
„Mattis!“
Wahrscheinlich fand er auch Ikebana und japanische Kalligraphie interessant.
„Mattis, hör doch mal zu!“
Langsam drehte ich mich zu ihm um.
„Du hast ja die Leute da im Warteraum gesehen, Mattis. Sind alles freie Mitarbeiter. Das könntest du natürlich auch machen. Ein paar Stunden in der Woche. Da hättest du ein wenig Geld und trotzdem genug Zeit zum Malen. Wenn wir dann die anderen Sachen durchhaben, dann hörst du damit einfach wieder auf.“
„Anderen Sachen.“
„Mensch, was ist denn los mit dir? Das mit der Lebensversicherung und der Bewerbung deiner Bilder. Also solange könntest du auch freier Mitarbeiter bei mir sein. Allerdings musst du dich auf zwei Sachen einlassen, sonst geht das nicht.“
Immer sprach er von irgendwelchen Sachen. Das war früher nicht anders. Meist waren es kleine Projekte gewesen, die er verfolgte Es hatte immer mit Geld zu tun gehabt. Eigentlich hatte ich mich nie dafür interessiert. Auch jetzt fragte ich nicht weiter nach und sah ihn immer noch an.
„Du müsstest dich anders kleiden und ein Handy benutzen.“
„Warum?“
Was wollte er von mir?
„Das werden wir sehen. Aber es wird sehr bald losgehen.“
Ich wusste immer noch nicht, wovon er sprach. Aber wahrscheinlich wirkte ich zu desinteressiert und etwas unhöflich. Darum übernahm ich etwas zaghaft die Initiative.
„Worum geht’s denn hier so in deinem Geschäft? Hast du es schon lange?“
Hepe lächelte vor sich hin.
„Wie bist du überhaupt an so viel Geld gekommen? Ich meine, das gehört doch alles dir hier oder? Sogar das Haus? Du hattest Mathe studiert. Wie wird man damit nur so reich?“
Ich erinnerte mich an Volos Bemerkung über Hepe, während er sich Kaffee nachschenkte. Meine Tasse hatte ich noch gar nicht angerührt.
„Dachte mir schon, dass du das irgendwann mal fragst, Mattis.“ Hepe nahm Tasse und Untertasse und lehnte sich wieder zurück. Ich hatte also eine richtige Frage gestellt.
„Mein Mathestudium hatte ich abgebrochen. Danach Betriebswirtschaft. Habe ich auch an den Nagel gehängt. Keine Zeit. Hatte damals schon ne Firma. Verdiente mein Geld mit Leerverkäufen. Viel Geld. Und damit hab ich mir dann diese Firma aufgebaut. Inzwischen ein kleines Firmennetz. Wenn du Geschäfte machst, Mattis, dann brauchst du Informationen, gute und verlässliche Informationen. Und im Grunde genommen handele ich damit. Dein Unfall damals auf dem Aldi-Parkplatz. Daraus hab ich viel gelernt, vor allem weil ich ihn hätte vermeiden können, wenn ich mehr über deinen Gegner gewusst hätte. Das war kein Schisser und auch kein Kampfhahn wie du damals. Der war einfach nur dumm. Zu dumm, um das Risiko abzuschätzen. Das wusste ich nicht.“
„Und mein Vater?“
Sein Blick schweifte in den Raum. Dann blickte er mir offen und freundlich in die Augen.
„Mensch, Mattis, das lastest du mir doch wohl nicht an. Ich kannte ihn doch kaum. Genau genommen wusste doch niemand, wie er drauf war. Oder wusstest du es? … Und siehst du, wenn man heute mit jemandem wie deinem Vater ein Geschäft machen will, ein großes Geschäft allerdings oder wenn man ihn einstellen will in eine, sagen wir mal, hohe Position, dann muss man mehr über ihn wissen, als der vielleicht in seinem Lebenslauf schreibt. Und dieses Wissen ermitteln wir in einer meiner Firmen. Dafür haben wir hier große Rechnerkapazitäten und versierte Fachleute. Wenn wir heute noch mal auf dem Aldi-Parkplatz wären, Mattis, dann würde ich nicht nur wissen, ob der andere Typ ein Schisser oder ein Dummkopf ist. Ich könnte genau prognostizieren, wie er sich verhalten wird. Aber nicht nur das. Ich könnte vielleicht sogar beeinflussen, wie er sich verhalten wird.“
Stille. Ich betrachtete mir Roy Lichtenstein.
Wieviel mochte das Bild gekostet haben? Wie reich musste Hepe damit geworden sein, Wissen über andere anzuhäufen, mit Computerprogrammen Prognosen über das Verhalten anderer zu erstellen und das Ergebnis dann zu verkaufen? Wie wertvoll konnten solche Vorhersagen sein?
„Mattis?“
„Und was sind Leerverkäufe? Ist das etwa ein Verkauf von … nichts?“
Hepe lachte laut und herzlich auf. Wieder hatte ich eine richtige Frage gestellt.
„Du hast es erfasst, Mattis. Du verkaufst etwas, was es eigentlich nicht gibt. Ist das nicht genial! Darauf muss man erst mal kommen oder? Du legst Termine fest. Wenn dann aber die Ware mehr Wert hat als beim Vertragsabschlusses, und darauf spekulieren wir natürlich, dann hast du den Gewinn. Und je höher der Warenwert, desto mehr Gewinn. Also will man viel von dem verkaufen, was man eigentlich gar nicht hat.. Immer mehr.“
„Und was kauft und verkauft man so?“
„Alles, mein Lieber. Weizen, Reis, Mineralien. Waren, die du niemals zu Gesicht bekommst und die ihre Besitzer nur virtuell wechseln. Wichtig ist nur, dass du die richtigen Informationen hast, um die Preisentwicklung abschätzen zu können. Wird es zum Beispiel in einem afrikanischen Land zu einem Aufstand kommen und wird sich die Produktion von Diamanten dadurch verzögern, dann wird der Preis steigen usw. Information ist alles. Sie fließt immer schneller. Du musst nur über die richtigen Mittel verfügen, um sie dir anzueignen. Und natürlich musst du zuvor immer wissen, welche Informationen du brauchst. Und manchmal auch, wie du sie einem anderen verwehrst.“
Hepe wurde etwas nervös, schlug beim Sprechen im Takt leise mit der Hand auf seine Knie, wollte sich aber weiterhin galant und rücksichtsvoll verhalten. Doch ich bemerkte, dass unser Gespräch beendet war. Es war nett gewesen sich noch einmal zu sehen. Aber natürlich lagen unsere Welten weit voneinander entfernt.
„Ich sollte mal wieder los, Hepe.“
„Klar, Mann. Sag Nina da vorn noch die Größen der Leinwände und was du sonst so brauchst. Dann starten wir durch. Du malst und ich sorge dafür, dass der Rest der Welt von dir erfährt. Und erst mal arbeitest du auch ein wenig bei mir mit. Ich kümmere mich drum, dass du alles erhältst, was du zum Malen brauchst.“
Wir erhoben uns. Im gleichen Moment erschien der unauffällige, junge Mann hinter dem Paravent.
Ich hatte gar nicht bemerkt, dass Hepe ihn gerufen hatte.
Wir verabschiedeten uns mit einer erneuten Umarmung. Dieses Mal legte auch ich kurz meine Arme um ihn.
„Und komm uns doch mal besuchen, Mattis. Gerade heute Morgen hab ich mit Niki über dich gesprochen. Ich hab ihr natürlich erzählt, dass wir uns gestern getroffen haben und ich sogar bei dir gewesen bin. Sie würde dich gern mal wieder sehen. Komm doch mal zu uns zum Essen.“
Ich stutzte einen Moment.
„Du bist mit Nicole zusammen? Niki Neumann?“
Erstaunt sah Hepe mich an.
„Das wusstest du nicht?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Wir haben vor achtzehn Jahren geheiratet, Mattis.“
„Und wo wohnt ihr?“
„Na, hier, Mattis. Wir wohnen hier ganz oben.“
„Ok, alles klar.“
„Und deck‘ dich noch im Warteraum ein mit Essen und Trinken“, rief Hepe mir nach. „Du hast ja nicht mal den Kaffee angerührt.“
Ich nahm mir zunächst ein Sandwich und eine Keksrolle. Doch dann verdoppelte ich die Ration. Für Volo.
Es war kurz vor siebzehn Uhr in Kiew. Mir blieb noch genug Zeit bis zur letzten Fähre.
An der Rezeption hielt Nina Häusler mich zurück und fragte nach meinen Bedarf an Farben, Pinseln und Leinwänden. Sie fragte aber auch nach meiner Schuh- und Kleidergröße und schrieb alles auf. Zum Schluss bat ich um einige Blätter Papier und einen Stift, denn ich wollte noch einige Skizzen anfertigen, wenn ich schon in der Innenstadt war.
Das Rad stand noch immer dort, wo ich es abgestellt hatte. Noch ein Blick die Schlucht hinauf, in der Hepes Praline und all die anderen Geschäftshäuser standen.
Ich hatte nur wenig von dem verstanden, was Hepe mir erzählt hatte. Aber hier in der Innenstadt arbeiteten scheinbar Datenbanker, die sogar Handel trieben mit Waren, die nicht existierten. Hier konnte ich vielleicht eine andere Welt besser verstehen lernen, eine Welt nur dem Schein nach. In dieser Umgebung würde ich weitere Motive finden, die die großen Veränderungen ausdrücken könnten, die ich meinte, aber eigentlich nicht genau benennen konnte.
Hepe hatte mir scheinbar so etwas wie eine freie Mitarbeit angeboten. Vielleicht sollte ich darauf eingehen, um noch mehr zu erfahren von der Verführungskunst dieser weltweiten digitalen Bewegung, die scheinbar alles neu prägte. Denn er hatte ja recht. Ich wusste viel zu wenig darüber.

1 wenn selbst der Geist zu einer austauschbaren Ware wird
Ich war in den Kaufhäusern herumgestrichen und hatte mehr als zwanzig Skizzen angefertigt. Die Menschen wurden durch die großen Kaufhallen auf- und abgespült, strömten eigensüchtig vorbei an Vitrinen, Tresen und Kleiderständern, besprühten sich mit Parfüms, gleich mit unterschiedlichen Parfüms, probierten kurz ein Kleidungsstück an, ließen es dann aber meist uninteressiert liegen, nahmen kleine Essproben zu sich, schmeckten sie kaum und waren sofort angezogen von anderem. Sie standen vor den großen Flat-Screens, prüften die neuesten Spiele und Apps und ließen sich mitnehmen in eine scheinbar perfekt funktionierende Welt, die sie verzauberte.
Der Warenstrom der Datenbanker wurde aus der gesamten Welt zum Konsum angeboten. Mit ständig erhöhter Effizienz und größerer Dynamik. Ein weltumspannender Handel 24/365 in einer Welt, die nicht zur Ruhe kam, in der alles gleichzeitig stattfand. Eine neue Zeit.
Das alles betrachtete ich nur von außen. Wie die Schaufensterpuppen mit ihren kalten, fremden Blicken. Ich fühlte mich nicht als Teil dieser Gesellschaft, hatte mich schon vor Jahren ausgeschlossen. Ein Besucher mit ebenfalls fremdem Blick. Zunächst neugierig, oft entgeistert, aber auch verwirrt, manchmal fassungslos und am Schluss wieder ohne Sprache außer meiner.
Wie könnte ich die neuartigen Veränderungen, die ich sah, aber vor allem spürte, malen? Könnte man all das überhaupt malen? Vielleicht hatte ich mir eine Aufgabe gestellt, die ich gar nicht bewältigen konnte.
Etwas entmutigt stellte ich mein Rad dort ab, wo ich es zuvor gefunden hatte. Jupp wartete noch auf seine Abfahrzeit. Die letzte Fahrt in den Hafen an diesem Tag. Nur wegen Volos Uhr hatte ich rechtzeitig kommen können. Auch für diese Überfahrt musste ich nicht zahlen. Auf dem Schiff schon fühlte ich mich wohler. Fort aus der Ruhelosigkeit der Stadt, der Geschäftigkeit und Hast nach ständig neuen Erlebnissen. Immer orientiert auf mehr und auf das Neue. Zurück in der Welt, die mir bekannt war. In mein Jetzt.
Jupp begutachtete meine Skizzen und erzählte von Urlaubsfotos, die bei ihm zuhause an der Wand hingen. Wieder platschte das Wasser auf die Scheiben. Wellen türmten sich auf. Ich spürte, dass ich diese Wasserwüste jetzt unbedingt durchqueren musste, um mich zu befreien von der Eilkrankheit der anderen dunklen Seite der Stadt. Ich setzte über in meine Gegenwart, die in einer Ordnung existierte ohne Zeitrhythmus.
Noch an diesem Abend war eine Hochflut zu erwarten. Sie würde die Stadtwelt noch stärker von mir fernhalten. Ein kleiner Zubringer hatte im Namibiahafen festgemacht. Er transportierte die Fracht von einem Kai zum anderen und wurde schon beladen. Von den Kränen und Containerbrücken ging wieder lautes Konzert aus.
„Maschinenteile“, erklärte Jupp. „Wir schippern immer noch ganze Produktionsanlagen in die Welt. Neue Fabriken entstehen irgendwo über Nacht.“ Jupp hatte früher die Joysticks großer Containerschiffe bedient. Er hatte die Schiffsautobahnen aller Meere abgefahren, kannte sich aus in den Wasserwüsten.
Bevor ich nachhause aufbrach, betrachtete ich in der Ferne den Wald der Kräne und Brücken, an deren Spitzen orangene Lampen leuchteten. Der Wind pfiff in hohen Tönen um sie herum. Langsam schoben sie sich hin und her, bildeten kleine Lichtungen, dann wieder dichtes, undurchsichtiges Gestrüpp. Fast alle bewegten sich. Kaum etwas stand still. Aber immer weniger Menschen, sondern Computer verursachten diese Bewegungen. Präzise Handlungsabläufe. Ein vollautomatischer Betrieb. Fehlerlos. Effizient. Weit entfernt schoben sich Rangierroboter ohne Fahrer an den Containern entlang. Intelligente Technik. Nur wenige bedienten noch die Joysticks für die Verladung auf die LKWs. Auch das würde sich bald ändern.
Endlose Schlangen von flach liegenden Containerwaggons schlängelten sich auf Schienen zu den Terminals hin, um Schüttgut, Container oder Stückgut aufzunehmen. Eine dichte Kette von LKWs bewegte sich in den Hafen herein und wieder hinaus, um Waren in die gesamte Welt zu bringen oder sie von dort zu verteilen. Hinter den Steuern der Lastwagen saßen immer noch Menschen. Aber im Hafen hatte die Veränderung schon lange begonnen. Hier sollte ich ebenfalls meine Motive suchen.
Man bewegte hier zwar täglich physische Waren. Aber schon Hepe hatte nur noch mit der Vorstellung von Waren gehandelt. Dann konnte man doch auch mit Anschauungen, Ideen, Haltungen handeln. Was geschah, wenn selbst der Geist zu einer austauschbaren Ware werden würde?
Oder war es bereits so? Ich wusste es nicht. Vielleicht waren wir noch weit davon entfernt.
Im Hafen jedenfalls blieb es immer hell. Ein nicht endendes Lichterfest.
Ich warf mich gegen die Tür meines Schuppens. Sie sprang auf, und Volo stand direkt vor mir in einem Durcheinander von aufgerissenen Tüten und Kartons. Er trug seinen Roma-Hut und hielt sich ein lindgrünes Hemd vor seinen Pullunder. Als er mich erblickte, sagte er nur: “Zu groß oder?“
„Was ist das für Zeug? Wo kommt das her“, fragte ich.
„Steh‘ am Kai mit Angel“, antwortete Volo. Er versuchte, das Hemd wieder ordentlich gefaltet in seine Plastikhülle zu stopfen und schien mich vergessen zu haben.
„Du hast geangelt, ja, aber wo kommt das Zeug her? Wer hat das …“
„Lass‘ mich reden“, unterbrach Volo mit leicht erhobener Stimme. Er meinte, ausreden.
„Kommt Mann mit kleines Lastwagen. So kleines Scheißer-Lastwagen, wie man nicht braucht. Passt nix rein. Ist nur schick. Und schnell. Aber taugt nix. Ist kleines Angeberlastwagen. Für Angeber. Nicht richtig zu gebrauchen …“
Volo hätte noch ausschweifender auf den Lieferwagen geschimpft, wenn ich ihn nicht unterbrochen hätte.
„Kam also jemand mit einem kleinen Transporter, Volo und?“
„Hat gefragt Mattis Jensen. Nicht da, sage ich. Wo wohnt er? Da in Schuppen. Ist offen? Ja, ist offen, klemmt aber. Kein Problem. Hat Tur angestoßen mit Kraft. Alles rein. Und rein. Und weg … mit kleines Angeberauto.“
Volo hatte schon alles inspiziert.
„Hier große Rahmen für Malen. Farbe auch. Auch Pinsel. Papier und Schuhe.“
„Schuhe?“
Er hob einige Tüten an.
„Und Hosen, Hemden, Socken, Jackett, noch mal Jackett und hier auch Jackett. Gutes Geschäftsmódel. Mussen wir alles nach oben bringen. Gibst Hochwasser heute Nacht.“
„Und passt dir irgendwas davon?“
Volo ging zu einem Holzregal und zog einen dunklen Mantel hervor, der so ähnlich aussah wie die Mäntel von Hepe und René.
„Mantel passt.“
„Das ist doch gut“, sagte ich. „Passt auch super zu deinem Hut. Wenn dir noch was gefällt, dann bedien‘ dich.“
Wir trugen alles die Treppe hinauf, legten die Kleidungstücke in meinen Schlafraum und sortierten Rahmen, Pinsel und die neuen Farben ein. Ich hatte mich für Acryl entschieden.
Danach zog ich mein altes, viel zu großes Flanellhemd an. Volo nannte es das Konstlerhemd . Ich wollte die Arbeit an dem Penta-Bild beenden. Fünf Schalen schwammen auf einer schmutzigen Öllache, dümpelten hin und her, stießen sich an und trieben wieder ab, schaukelten vor sich hin und mussten endlich zur Ruhe kommen. Ich mischte das Weiß so verdünnt an, dass es kaum noch zu erkennen war. Dann strich ich die erste Schicht über das Bild und die Schalen beruhigten sich.
Volo hatte inzwischen einen pechschwarzen Tee bereitet, saß auf dem roten Klappstuhl neben mir, aß die Sandwiches und dann die Kekse, die ich mitgebracht hatte. Mit vollem Mund hatte er zu einem Vortrag über den Ural 4320 angesetzt. Ich kannte schon alle wesentlichen Details. Deshalb musste ich nicht genau zuhören und konnte mich auf mein Bild konzentrieren. Volo jedenfalls hatte in Afghanistan einen Ural-Lastwagen der Armee gefahren.
Mit der dritten und vierten Schicht ermattete das Bild langsam. Und mit jeder weiteren Schicht vergaß ich meinen Vater. So wie es immer wieder geschehen war. Erst verging sein Geruch, dann seine Stimme. Ich vergaß seine Handbewegungen, seinen Blick, seinen Gang, seinen Körper. Erst nach der zwanzigsten Schicht Weiß fiel mir auch nicht mehr die Atmosphäre ein, die mein Vater verbreitete, dieses bedrückende …, ach, ich weiß es nicht.
„Zweihundertzehn PS, Mattis. Konnte durch Wasser bis einstfunfzig fahren wie nix.“
Er stand auf und zeigte mir an seinem dünnen Körper so lange die Höhe von einem Meter und fünfzig, bis ich nickend aufblickte.
Das Bild hatte durch die Überstreichungen liebliche Pastellfarben angenommen. Ein fürsorgliches Blau, ein zärtliches Rosa, ein anmutiges Gelb. Südseeinseln aus großer Höhe im milchigen Morgenlicht. Oder spielende, menschliche Zellen beobachtet durch ein Mikroskop. Formen, denen das Potential fehlte, um mehr zu gelten als schlichtweg nur vorhanden zu sein. Das allerdings konnte ich ihnen nicht auch noch nehmen.
„Kraftstofffilter in zwei Stufen mit Wasserabscheider. Tank für dreihundert Liter und Reservetank sechzigst. Verbrauch dreißigst bis vierzigst Liter.“
Ich reagierte offensichtlich nicht, denn Volos Bassstimme wurde lauter.
„Für hundert Kilometer! Bis vierzigst Liter. Aber egal Kraftstoff.“
Es klingelte. Irgendwo in meinem Schlafraum. Nie klingelte etwas bei mir. Nur von außen drangen fremde Geräusche ein. Wir sahen uns erstaunt an. Dann ging ich hinüber und suchte in den Tüten und Kartons nach der Ursache. Doch das Klingeln brach ab. Als ich wieder vor meinem Bild stand, begann es erneut. Nun wühlte Volo die Sachen durch und brachte mir ein aufgeregt blinkendes Telefon. Ich legte den Pinsel zur Seite, drückte auf einen Knopf in der Mitte des Geräts und hörte Hepe: „Ist wohl alles schon angekommen. Auch das Telefon.“
„Ja, das ging ja wirklich schnell.“
„Ist auch wichtig“, sagte Hepe, „Wir sind nämlich ein gutes Stück vorangekommen. Du hast tatsächlich eine Police bei der Petrol Leben International. Noch sieben Jahre Laufzeit. Dann sechzigtausend. Im Falle eines früheren Ablebens fünfzigtausend. Aber das Depot deines Vaters ist leer. Von dort fließt seit Monaten kein Geld mehr an die Versicherung. Noch kommen wir nicht an die Police ran. Das verzögert sich ein wenig.“
„Ist ja auch nicht eilig.“
„Du hast ja nicht mal einen Wohnsitz, Mattis. Kein Ausweis. Nichts. Das müssen wir unbedingt ändern, sonst geht gar nichts.“ Seine Stimme klang fürsorglich.
„Danke, Hepe. Das wäre natürlich gut.“
„Aber bei der freien Mitarbeit, da hat sich was ergeben. Da könnten wir schnell starten. Du kennst doch Dr. Morgan. Wie findest du, wenn sie dich führen würde?“
„Wie, führen?“
„So nennen wir das, Mattis. Sie würde dich sozusagen beraten. Und anleiten.“
„Ja, warum nicht?“
„Gut, du bist ja jetzt zuhause. Sie könnte in einer Stunde vorbeikommen. René fährt sie. Der kennt ja den Weg.“
„Du meinst, sie kommt jetzt bald?“
„Klar. Ist doch eilig.“
Wieso eilig? Woher wusste er, dass ich zuhause war? Ich könnte doch irgendwann mal mit der Frau sprechen.
„Wenn du meinst.“
„Ach, und Mattis. Das Telefon hat ne Flatrate. Damit kannst du unbegrenzt telefonieren und auch Mails verschicken.“
„Du legst dich wirklich ins Zeug für mich, Hepe.“
„Aber nicht wegen deines Vaters, Mattis. Denk das bloß nicht. Ist ja auch lange her. Bist nämlich mein ältester Freund, weißt du. Aber du kennst mich ja. Ich werd‘ natürlich auch was davon haben. Ganz ohne geht ja nicht.“
Er lachte kurz auf.
„Aber fang mal bald mit einem der neuen großen Bilder an. Da steigen wir ganz groß ein. Also, tschüss erst mal.“
„Tschüss, Hepe.“
Volo stand mit immer noch staunendem Blick neben mir.
„Ist dein Handyapparat jetzt?“
Ich wiegte das leichte Telefon in meiner Hand.
„Hat sogar ne Flatrate.“
„Flatrate“, wiederholte Volo.
„Ja, man kann damit unbegrenzt telefonieren. Kostet nicht mehr.“
„Überall hin? Und reicher Mann bezahlt anunpfirsich?“
Seine Augen blitzten.
„Echt wahn? Kann ich mal halten?“ Er zog seinen Stuhl zum Fenster und begann, stumm an dem Gerät herumzudrücken. Der Ural 4320 war für heute vergessen. Ich musste nun ohne Volo an meinem Bild weitermalen.
Immer wieder blickte ich auf die neuen Rahmen, die den Raum nun zur Hälfte verstellten. Zwei Meter mal eins vierzig. Es würden sehr große Bilder entstehen. Stadt- und Hafenbilder. Ich müsste mir vielleicht eine größere Staffelei bauen.
Schon lang dachte ich über Reliefs auf meinen Bildern nach, um stärker in die nächste Dimension vorzustoßen. Flachreliefs mit einem starken Farbausdruck, der Eigenschaft ausdrücken, der etwas erzählen konnte. Oft hatte ich die Farbaufschichtung mit Ölfarben versucht. Aber es war mir zu teuer geworden, so viel Farbe aufzutragen. Jetzt spielte Geld offensichtlich keine große Rolle. Ich würde sehr viel Farbe für eine der neuen Jutewände verbrauchen. Später dann würde ich die Farben wie in den letzten Jahren mit einer breiten, weichen Gummileiste weiß überschieben. Oder ich könnte Farbe mit Druck aufspritzen, zumal ich so etwas wie Rasanz ausdrücken und neue Techniken aufnehmen wollte. Vielleicht würde ich den letzten Farbauftrag durch eine weitere Farbe ergänzen. Aber all das waren nur technische Details, Fertigkeiten, die ich mir in vielen Jahren angeeignet hatte.
Würde es mir helfen können, etwas zu schaffen, durch das ich mich annäherte an die aktuelle Veränderung dieser Gesellschaft, dieser Welt sogar? An einen Umbruch unserer Entwicklung? Konnte ich dieses Lebensgefühl mit meinen Bildern ausdrücken? War das heute überhaupt noch mit Malerei möglich? Vielleicht musste man neue Kommunikationsmedien nutzen. Mir stand allerdings nur die Malerei zur Verfügung. Und hatte Kunst in Wirklichkeit nicht immer mit all ihren verfügbaren Mitteln auf Veränderungen reagieren können? Auch mit der Malerei?
Die Tür wurde aufgedrückt. Frau Morgan erschien kurz danach auf der Holztreppe, René dicht hinter ihr. Als er mich sah, blieb er stehen, blickte kurz und prüfend zu Volo hinüber und stieg wieder ins Parterre hinab. Dr. Morgan sah heute eher leger aus, trug einen Trenchcoat und Hosen. Einen Teil der Haare hatte sie hochgesteckt. Ihre Lippen waren mit dem gleichen zarten Rot geschminkt wie auf ihren Fingernägeln. Noch nie zuvor hatte jemand wie diese Frau den Schuppen betreten.
„Hier arbeiten Sie also. Und wie es hier nach Malerei riecht“, begrüßte sie mich.
Dann entdeckte sie Volo, der sich von seinem Klappstuhl erhoben hatte, mit etwas steifen Bewegungen auf sie zuwatete und elegant das Liften seines Hutes andeutete. Ich hätte ihn gern mal ohne Hut gesehen.
„Volodymyr Lypar“, stellte er sich förmlich vor und hätte Frau Morgan wohl am liebsten einen Handkuss verpasst. Er hatte sich sofort in sie verguckt.
„Ein Freund von Mattis“, fügte er hinzu.
„Helen Morgan. Sind Sie auch Maler, Herr Lypar?“
„Herr Lypar bewacht hier den Hafen“, wollte ich sagen, doch Volo kam mir zuvor: „Nein, Kaufmann. Im- und Export.“ Er konnte ja auch wie ein ukrainischer Kaufmann aussehen.
„Interessant“, sagte Frau Morgan, und es entstand eine kleine Pause, bis Volo noch etwas unentschieden mit dem Telefon zum Fenster zurückstakte. Ich hatte ihn noch nie in der Nähe einer Frau gesehen.
„Nun, Herr Jensen, wir haben da einiges miteinander zu besprechen“, begann Frau Morgan, zog den Trenchcoat aus, suchte einen Bügel oder zumindest einen Haken und legte ihn schließlich über die Bilder, die an der Wand lehnten. Unschlüssig warf ich mein bekleckstes Konstlerhemd daneben.
Sie drang hier ein, holte mich zurück.
Wie konnte ich den Besuch kurzhalten?
Volo kam wieder näher, ließ die Frau nicht aus den Augen, bot ihr galant den Klappstuhl an, schenkte vorsichtig Tee ein und suchte den Raum nach Halva ab. Er war der Gastgeber, der ich nicht sein wollte. Dr. Morgan wischte schnell und unauffällig über den Sitz des Stuhls, bevor sie sich setzte. Volo fand nur die angebrochene Keksrolle aus Hepes Büro und legte sie zuvorkommend und vorsichtig neben das Teeglas, als wäre es ein sehr wertvolles Gut. Dann schob er sich einen leeren Bierkasten vor das Fenster und erkundete weiterhin das Telefon. Ich fand einen bekleckerten, niedrigen Schemel, der uns manchmal als Tisch diente und legte einige dicke Kunstbücher drauf, um mich ungefähr auf Augenhöhe mit Frau Morgan zu begeben.
Pulsuz fraqment bitdi.