Kitabı oxu: «Der fromme Spruch»

Şrift:

Adalbert Stifter

Der fromme Spruch

Saga

Der fromme SpruchCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1869, 2020 Adalbert Stifter und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726630954

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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Der fromme Spruch

1

Dietwin von der Weiden hatte die Gepflogenheit, an jedem vierundzwanzigsten Tage des Monates April gegen den Abend in das Gut seiner Schwester einzufahren. So geschah es auch diesmal wieder, daß an dem genannten Tage um fünf Uhr nachmittags sein Wagen durch das Tor des Schlosses rollte. Er wurde von der Dienerschaft empfangen und in seine zwei wohlbestellten Zimmer geleitet. Dort kleidete er sich mit der Hilfe seines Kammerdieners sorgsam um, während der andere Diener die Gepäcksachen von dem Wagen heraufschaffen und der Kutscher die zwei Schimmel in dem Stalle gehörig versorgen ließ. Als der Kammerdiener erklärt hatte, daß nichts mehr an dem Anzug fehle, ging Dietwin zu seiner Schwester. Diese saß in einem schwarzseidenen Kleide auf einem erhöhten Platze ihres Prunkzimmers und erwartete ihn. Etwas tiefer saß eine Kammerfrau, die gleichfalls in schwarze Seide gekleidet war. Als sich die Flügeltüren geöffnet hatten, und er hereingetreten war, stand die Schwester auf und ging ihm entgegen. In der Mitte des Gemaches kamen sie zusammen. Er nahm sie bei der Hand, neigte sich gegen sie und küßte sie auf die Stirne. Sie behielt seine Hand, erhob sich gegen ihn und gab ihm den Kuß zurück. Darauf geleitete er sie zu ihrem Sitze. Zwei Diener rückten für ihn einen Armstuhl auf der Erhöhung dem Stuhle ihrer Gebieterin gegenüber. Dann verneigten sie sich tief gegen beide, stiegen von der Erhöhung, gingen aus dem Saale und schlossen hinter sich die Flügeltüren. Dietwin setzte sich in den Armstuhl, die Schwester bedeutete die Kammerfrau, welche aufgestanden war, sich wieder zu setzen, und als dieses geschehen war, wendete sie sich zu dem Bruder und sagte: „Sei gegrüßt, Dietwin.“

„Sei gegrüßt, Gerlint“, antwortete er.

„Erfreust du dich einer vollkommenen Gesundheit?“ fragte sie.

„Ich bin frisch und gesund, wie ich es alle Tage meines Lebens gewesen bin“, antwortete er, „und kann ich von dir das gleiche erfahren?“

„So wie mich Gott der Herr noch nie mit einer Krankheit heimgesucht hat“, entgegnete sie, „so bin ich auch seit unserem letzten Zusammensein gesund geblieben. Ich habe mein einfaches Leben zur Erhaltung meines Körperwohles fortgesetzt und nehme eine Krankheit, wenn sie Gott sendet, demütig an und trage, was sie bringt.“

„An diesen Gesinnungen erkenne ich dich“, sagte er.

„Und ist deine Gemütsruhe nicht gestört worden?“ fragte sie.

„Wie es in der Verwaltung von Liegenschaften Verdrießlichkeiten gibt“, antwortete er, „und wie ein leichter Unmut über den Gang der öffentlichen Dinge zuweilen in das Gehirn kommt, so rechnete ich diese Sachen in der letzten Zeit so wenig wie früher, und so glaube ich, daß nichts meinen jetzigen Gleichmut zu erschüttern imstande wäre.“

„Das ist recht gut“, erwiderte sie.

„Und wie ist es mit deiner Seelenruhe beschaffen?“ fragte er.

„Da ich immer weniger auf das achte, was Dienstleute und Untergebene gegen meinen Sinn tun“, antwortete sie, „da ich immer weniger in die öffentlichen Angelegenheiten eingehe, weil mir ein Urteil über sie nicht zusteht, und da ich immer mehr alle Vorkommnisse als Schickungen Gottes betrachte, so kommt stets dauernder eine Stille meines Herzens zu mir, die wohl durch nichts mehr einen Abbruch erleiden wird.“

„Das ist auch recht gut“, sagte er.

„Ist kein Unfall vorgekommen?“ fragte sie.

„Ein zerbrochenes Rad, das wieder gemacht worden ist“, entgegnete er, „eine kranke Kuh, die wieder gesund ist, und anderes, dessen ich mich nicht mehr entsinne.“

„Das ist ohne Bedeutung“, sagte sie, „bei mir ist gar nichts vorgekommen.“

„So stehen die Sachen vortrefflich“, antwortete er.

„Es geht so gut, wie alles nur immer gehen kann“, sagte sie, „und so sei noch einmal gegrüßt, Dietwin.“

„Sei gegrüßt, Gerlint“, erwiderte er.

Darauf stand er auf, küßte ihre Hand und verließ den Saal.

Die Geschwister verzehrten diesen Abend noch ein kleines Mahl miteinander.

Als der nächste Tag angebrochen war, und als Dietwin das Frühmahl in seinem Wohngemache eingenommen hatte, ließ er sich noch viel festlicher kleiden als des Tages zuvor. Dann ging er in seinen zwei Zimmern auf und nieder. Nach einer Zeit erscholl die Glocke der Schloßkapelle. Auf dieses Zeichen ging er in die Kapelle und nahm seinen Sitz in einem wohlgepolsterten Stuhle an der linken Seite des Altares ein. Nach ihm kam Gerlint in einem äußerst schönen aschgrauen Seidenkleide und setzte sich in einen gleichen Stuhl an der rechten Seite des Altares. In der Tiefe der Kirche saß die Dienerschaft, und saßen die Leute Gerlints, es saßen der Kammerdiener, der Diener und der Kutscher Dietwins, und es saßen noch dicht gedrängt viele andere Menschen. Alle waren festlich angetan. Nach der Ankunft Gerlints wurde ein feierlicher Gottesdienst in der Kapelle gehalten.

Nach dem Gottesdienste ging Dietwin in seine Wohnung. Dort nahm er ein großes breites flaches Fach von dunkelblauem Leder aus einer Schublade und ging mit dem Fache in den großen Saal des Schlosses. In dem Saale war ein kostbarer Teppich auf den Marmorboden gebreitet, auf dem Teppiche stand ein sehr geräumiger rotseidener Armstuhl, und in dem Armstuhle saß in ihrem aschgrauen Seidenkleide Gerlint. Sonst war kein einziger Mensch in dem Saale. Sie stand auf, da Dietwin hereingetreten war. Er ging zu ihr, und die Geschwister küßten sich. „Gottes Heil mit dir, Gerlint“, sagte er, „und möge dir dieser Tag noch recht oft wiederkehren.“

„Gottes Heil auch mit dir, Dietwin“, sagte sie, „möge auch dir dieser Tag noch recht oft wiederkehren.“

Als diese Worte gesprochen waren, öffnete er das Fach, das er in der Hand hielt. Ein ebener blaßroter Sammet stellte sich dar, und auf dem Samte lagen vier Reihen großer gleich makelloser Perlen, in ein Halsband geschlungen.

„Diese Perlen sind schwache Abbilder schöner Gedanken“, sagte er, „möge deine Schönheit sie erst zieren und sie wert machen, daß du dich bei ihnen künftig deines heutigen Geburtstages erinnerst.“

„Dietwin“, sagte sie, „du bist immer gut bei frevelhaften Reden, und diese Perlen sind ein Rittergut.“

„Jede ist ein Ritter unseres Hauses“, antwortete er, „und seit wir keine Vasallen mehr zur Last haben, können wir solche Ritter leicht stellen.“

„Sie werden keine Felonie an unserem Hause üben“, entgegnete sie, „und in diesem Verstande nehme ich sie als eine gemeinschaftliche Macht. Ich danke dir herzlich, Dietwin.“

Sie nahm das Fach, schloß es und legte es auf einen Tisch, der neben ihrem Stuhle stand.

Von dem Tische nahm sie ein Fach, das aus braunem Leder war. Sie öffnete das Fach, und auf weißem Sammet stellte sich eine blaßbraune einfache Brieftasche vor. Sie nahm die Brieftasche heraus, schlug sie auseinander, und auf weißer Seide zeigte sich eine sehr feine Stickerei aus Gold und kleinen Perlen, die einen Lorbeerkranz bildete.

„Du siehst, wie wir immer die nämlichen Gedanken haben“, sagte sie, „du gibst mir zu meinem Geburtstage Perlen, und ich gebe dir zu deinem Geburtstage, den der Himmel auch an dem heutigen Tage beschert hat, ebenfalls Perlen.“

„Nur daß du noch eine herrliche Arbeit dazu gemacht hast“, antwortete er, „oder ich müßte mich sehr irren, wenn nicht dieser feine Kranz aus deinen sehr kunstgeübten Händen hervorgegangen wäre.“

„Ich habe mich bestrebt, ihn so gut zu machen, als ich konnte“, sagte sie.

„Und ich kann dir eine Arbeit gar nicht machen“, erwiderte er, „es müßte nur ein Gedicht sein, deren ich aber nie andere verfertigte, als uns in der Schule aufgegeben waren, und diese, sagte der Lehrer, seien allemal keine gewesen.“

„Die beste Arbeit, die du mir machst, Dietwin“, sagte sie ist dein. Leben, daran ich mich erfreue. Der Lorbeerkrahz soll dein Kriegsleben bedeuten.“

„Das hat keinen Lorbeerkranz verdient“, antwortete er. „Und mein Leben, wenn es dir Freude macht, freut mich auch, sonst ist es ein verwirrtes Stückwerk gegen deine klare Arbeit, Gerlint. Ich danke dir von dem Grunde meines Herzens für deine Gabe.“

Dann sagte Gerlint: „Lassen wir jetzt die Leute hereintreten.“

„Tue es“, antwortete Dietwin.

Gerlint schellte mit einer Glocke.

Da öffneten sich die Türen des Saales, und es traten mehrere Menschen herein. An der Spitze derselben war der Schloßverwalter, neben ihm die Kammerfrau und hinter den beiden die Dienerschaft; es waren die Knechte und Mägde des Gutes, es waren der Kammerdiener und Kutscher Dietwins, und es waren Leute aus der Gegend, welche früher Untertanen des Gutes gewesen waren.

Sie stellten sich in eine Reihe.

Da trat der Schloßverwalter etwas vor, verneigte sich vor Gerlint und dann vor Dietwin, reichte Gerlint einen Blumenstrauß und sagte: „In Gnaden und Huld sind wir vorgelassen worden. Viel Glück und Segen und langes Leben bringen wir im Wunsche. Ich bin zum Sprechen für alle erkoren worden, und ich spreche für alle. Der Wunsch ist doppelt, weil auch das hohe erhabene preisliche Geburtsfest ein doppeltes ist. Und also wie die Tulpen und die Narzissen und der Rosmarin und alle die andern Blumen aus verschiedenen Weltgegenden stammen und bei uns aus dem freien Grunde und aus dem Gewächshause in diesen Strauß vereinigt worden sind, so stammen die Diener und Leute des Schlosses aus verschiedenen Orten und sind vereiniget worden, hier ihre Pflicht zu erfüllen, und haben sich heute in einen Strauß versammelt, ihre Geistesgaben darzubringen, und wie die Blumen unzählige Blätter haben und Wohlgeruch und tausendfältige Farben, so soll das Glück unzählbar und angenehm und tausendfältig sein, was wir wünschen. Und wir bitten um die Gewogenheit noch ferner, und diese Leute, welche nicht mehr Untertanen des Schlosses sind, bleiben doch Untertanen des Herzens unserer erhabenen Frau und bringen gleich uns ihre Wünsche dar.“

Als er diesen Spruch geendet hatte, verneigte er sich wieder gegen Gerlint und Dietwin.

„Ich danke dir, Adam“, sagte Gerlint, „ich danke euch allen, meine Kinder; möge es mir noch gegönnt sein, euch bessere Gaben geben zu können, als ich euch an diesem Tage zu bescheren vermag.“

Die Kammerfrau trat hervor, sagte nichts, neigte sich auf die Hand ihrer Gebieterin und küßte sie.

„Agathe“, sagte Gerlint, „du hast einen griechischen Namen, der etwas Gutes bedeutet. Du bist wie der Name. Daure noch ein wenig bei mir aus.“

Die Kammerfrau, antwortete nichts und trocknete sich nur die Augen.

Und noch mehrere traten hervor und verneigten sich, oder küßten Gerlint die Hand.

Da alles vorüber war, ging Gerlint zu einem Tische, auf dem ein graues seidenes Tuch über Gegenstände gebreitet war, hob das Tuch empor und sagte: „Das sind wieder Kleinigkeiten, die ich an diesem Tage mit meinen eigenen Händen an euch zu verteilen mir das Vergnügen mache, um euch für das Liebe meinen Dank zu bezeigen, das ihr mir tut. Adam, diese Dose fühlt sich recht glatt in der Hand und öffnet und schließt sich leicht und genau. Agathe, in dem Buche sind Gedanken an Gott, wie du sie gerne hast, und die silbernen Spangen weisen auf einen reinlichen Sinn. Mathias, teile deinem Vater von dem Gelde mit, ihr brauchet es jetzt mehr als etwas anderes. Martha, deine Augen schauen noch auf Flitter, an Sonntagen wird dir das Tuch recht gut anstehen. Anna, dieser Latz wird dir auch nicht mißfallen. Sebastian, halte deine Zeit regelmäßig wie die Zeiger dieser Uhr. Katharina, nimm das Linnen, wozu du es brauchen kannst. Eva, lasse dir aus dem Stoffe ein nicht gar zu auffälliges Kleid schneiden. Ferdinand, mir ist das Rauchen in Zimmern und feuergefährlichen Orten sehr zuwider; ich mag dir aber doch gerne eine Freude machen, rauche aus dieser Pfeife nicht an den Orten, die ich genannt habe. Joseph, ich denke, diese Weste könnte dir gefallen, und dir Maria, diese Bänder, und, Margaretha, dir diese Sonntagschuhe, und euch andern das andere. So tretet doch näher.“

Die Angeredeten, welche etwas weiter zurückgestanden waren, gingen vorwärts, und jedes empfing seine Gabe aus der Hand der Gebieterin.

„Und ihr“, sagte sie dann, „welche ihr in der vergangenen Zeit meine Untertanen gewesen seid, und denen ich mich nicht glaube als eine Herrin bewiesen zu haben, sondern als eine Freundin, werdet wissen, daß ich eure Freundin noch bin, und wenn ihr auch die Steuern nicht mehr auf mein Schloß tragt, so sind doch die andern Bande geblieben. Kann ich jemanden aus euch ein Gutes tun, so komme er und eröffne sich mir. Jetzt, Kinder, gehet und genießet des heutigen Tages als eines Feiertages.“

„Ich bitte dich, Gerlint“, sagte Dietwin, „gib ihnen mir zuliebe ein Glas guten Weines, daß sie außer deiner Gesundheit auch die meine trinken und die Gesundheit meiner Leute zu Hause, welche alljährlich dieses Fest ohne mich begehen müssen. Eure Geschenke von mir, meine Lieben, sind schon in dem Vorsaale, und jedes hat den Namen.“

„Sie haben den besten Tischwein meines Kellers“, entgegnete Gerlint, „und sollen ein Glas feinen Nachtischwein bekommen, wie wir ihn selber bei unserem heutigen Mahle haben.“

„Und so wäre nun alles in diesem Saale in Ordnung“, sprach Dietwin.

„Ich glaube, alles“, entgegnete Gerlint.

Die Leute drängten sich noch herzu, küßten Gerlint die Hand, oder verbeugten sich und taten ähnliches bei Dietwin.

Dann verließen sie den Saal.

„Geliebte Schwester“, sagte nun Dietwin, als er mit Gerlint allein war, „lasse uns jetzt in deiner trauten Kammer das Gespräch pflegen, das wir an diesem Tage gerne über unsere Angelegenheiten führen, ehe die aus der Nachbarschaft kommen, die wieder zahlreich sein werden, weil du sie nach deinem Gebrauche an keinem früheren Tage zum Wunsche zulässest. Ich habe dir heute Besonderes zu sagen.“

„So komme“, sprach Gerlint.

Sie nahm das Fach mit den Perlen, er steckte die Brieftasche zu sich, reichte ihr den Arm und führte sie aus dem Saale in ihr Wohngemach. Dort schloß sie die Perlen in einen Kasten und setzte sich dann in einen Armstuhl. Dietwin setzte sich in einen andern, ihr schräge gegenüber.

„Und nun sprich, Dietwin“, sagte sie.

„Ich glaube, ich bringe heute gute Dinge“, sagte er. „Zuerst kann ich dir eröffnen, daß unser Neff e nun völlig frei ist. Er hat sich ohne Zureden von irgendeiner Seite entschlossen, seinen Abschied zu fordern, und vor drei Wochen hat er ihn erhalten. Du weißt, wie wir von der Sache stets gesprochen haben. Er hat sich ausgezeichnet; aber da der Krieg längst aus ist, was hätte er weiter vollbringen können? In der Zeit, die er nun völlig frei in Weidenbach zubrachte, ist er völlig doppelt eifrig geworden, so daß ich glaube, er hat aus Freude an der Sache die Städte und die Waffen verlassen. Das sage ich dir von der Freiwerdung Dietwins, jetzt komme ich zu dem Zweiten. Die lange Waldnase, welche von dem Gute Sebenau in die Gründe von Weiden hereinragte und den Verdruß und Störefried für mich und meine Vorfahrer, sowie für den Besitzer von Sebenau darstellte, ist für Weiden erworben. Der Lindmayer hat sich plötzlich besonnen und hat mir endlich, freilich für schweres Geld, sein Waldland, das an den Sebenauerforst grenzt, angeboten. Ich habe, ohne vorher mit dir reden zu können, zugegriffen, daß er nicht wieder reuig würde, und habe das Waldland gegen die Nase vertauscht. Da es doppelt größer ist als die Nase, und da die Sebenauer ihr Gut als Familiengut wohl vergrößern, aber nicht verkleinern dürfen, so ist Julius von Sebenau über den Handel so erfreut wie ich. Wir sind beide nun gerundet und haben die Ärgerlichkeiten aus Streiten und Übergriffen unserer Leute hinter uns.

Und nun, liebe Schwester, komme ich zu dem Dritten. Ich sage nur so meine Gedanken, ohne dir etwas einreden zu wollen. Wir könnten jetzt vielleicht das, was wir beide so sehnlich wünschen, mit Gefügigkeit erreichen. Wenn ich an Dietwin zu Weidenbach noch Weiden abtrete, du an Gerlint Biberau, und wenn Dietwin Gerlint heiratete, so hätte das Paar einen Güterverein, wie weit und breit keiner von solcher Größe und von so kurzer Grenze gefunden werden könnte. Ich rede nicht einmal von der Güte des Bodens, der Strotzigkeit der Wälder, der guten Sonnenlage und der Schönheit für die Augen. Wenn ich dann auf Weidenholz ginge, und du nach Bergen, so wären wir unter uns und mit den Kindern Nachbarn und könnten uns sehr oft besuchen. Etwas Schöneres ist kaum zu denken. Und weil es doch in der Wesenheit der Dinge liegt, daß wir früher sterben können als Dietwin und Gerlint, und weil wir niemanden haben, der uns nahe ist, so fielen nach unserem Tode Weidenholz und Bergen auch zu dem Ganzen, und wenn Steinberg und Tannheim, und wenn die Forste in den Brunnenbergen, weil diese Dinge doch zu entlegen sind, einmal vorteilhaft verkauft werden könnten, und hier etwas Angrenzendes zu erwerben wäre, so bekäme unser Geschlecht beinahe ein völliges Herzogtum, und wenn sie es durch gute Wirtschaft und Ersparungen wieder vergrößerten, so könnten sie mächtig und tüchtig und reich sein in undenkliche Zeiten hinein. Das sind meine Vorstellungen, Gerlint.“

„Mein sehr verehrter Bruder“, antwortete Gerlint, „ich werde dir auch meine Vorstellungen sagen. Biberau ist längst Gerlint zugedacht, und du weißt, daß sie es erhält, wenn sich ein annehmbarer Gatte für sie findet. Ich gehe lieber nach Bergen als an einen andern Ort, und um so lieber, weil wir uns dann so nahe sind, wie es, seit wir das Elternhaus verlassen haben, nie der Fall gewesen ist. Und wenn Dietwin Gerlint heiratet, so haben sie einen schönen Grundbesitz, der, wie auch das, was sie von uns noch erben, bei unserem Geschlechte bleibt. Das ist sehr schön. Nun aber kömmt das Bedenken. Mit den Gütern können wir schalten, aber mit der Ehe nicht. Ich habe einen alten frommen Spruch gehört: Ehen werden in dem Himmel geschlossen. Es mußten sehr viele Erfahrungen über diese Angelegenheit gemacht worden sein, sonst wäre der Spruch nicht entstanden. Und ich selber bin eine solche Erfahrung. Wer hätte gedacht, daß Erwin mein Gatte werden würde, als er mit der Gräfin Erklam die Brautbesuche in der Gegend machte? Und doch ist er es geworden. Ein wunderbarer Umstand mußte eine frühere geheime nie ganz erloschene Liebe des Fräuleins, die sie ihren Eltern zum Opfer bringen wollte, enthüllen, wunderbare Umstände mußten die Verbindung des Fräuleins mit dem früheren Geliebten ermöglichen und Erwin von seinem Opfer erlösen. Eine Schrift mußte in dem langen Rechtsstreite zwischen Erwins und unsern Eltern gefunden werden, die den Streit günstig für uns entschied. Erwin mußte die Schrift bringen, er mußte so zum ersten Male in unser Haus kommen und das Herz meines Vaters für sich, den armen Mann, rühren, und dann mußten sich erst noch sein und mein Gemüt in Liebe zusammenfinden. Und bist nicht du selbst in jener Zeit noch heftig gegen die Verbindung gewesen? Aber sie wurde geschlossen und ist so glücklich gewesen, daß kaum eine glücklichere auf der Welt sein kann. Ich werde diesen Mann nie vergessen, und werde, so lange ich noch lebe, nie ein anderes Kleid tragen als ein schwarzes oder graues. Und die gute Agathe trägt sie auch mit mir, obwohl sie sich andere und schönere anschaffen könnte.“

„Und werden alle Ehen in dem Himmel geschlossen, Gerlint?“ fragte Dietwin.

„Nicht alle“, antwortete Gerlint, „dann sind sie aber völlig keine Ehen. Als die Eltern Erwins ihn mit seiner Braut verbinden wollten, wäre es eine Ehe geworden, die nicht in dem Himmel geschlossen worden wäre; der Himmel verhinderte sie und schloß dafür eine andere. Ob nun der Himmel die Ehe zwischen Dietwin und Gerlint schließen wird, weiß ich nicht. Ich habe einige Furcht darüber. Du weißt, wie beide Gemüter heftig sind, und heftige Gemüter sträuben sich gegeneinander, weil keines das andere sänftigt und zu sich zieht. Haben sie nicht schon damals, da er ein Knabe und sie ein Kind war, immer gezankt? Sie schrie und tobte mit den Füßlein gegen seinen Willen, und er zerstörte ihre Spielsachen und höhnte sie, wenn sie sich nicht fügte. Da er größer wurde und sie durch einen Bach trug, setzte er sie plötzlich in das Wasser nieder, weil sie ungebärdig war. Die Kinder der Nachbarn und des Dorfes, die ich gerne zu ihnen gesellte, mußten sich ihm unterwerfen, Gerlint tat es nie, und sammelte selber solche um sich, die sich ihr unterwarfen, und wenn zwischen den zwei Scharen im Spiele ein Kampf war, artete er stets in Ernst aus. Du erinnerst dich des Schreckens, da er das Mädchen einmal bei dem Nacken faßte, es zu Boden warf und mit dem Haupte so lange in das Gras hielt, bis es sich nicht mehr regte, und wie er es dann losließ, und wie sie aufsprang, ein Messer von unserem Gartentische nahm und nach ihm stach, und wie er die Wunde von uns nicht untersuchen ließ, den Hemdärmel zurückstreifte und den Arm, von dem Blut herunterrann, wie im Kriegsruhme emporhielt. Sie war blaß geworden, er aber ging schweigend davon. Und als einmal im Sommer Gerlint und die Mädchen eine seidene Schnur über die Brücke zogen und keinen der jungen Männer hinüberließen, wenn er sich nicht durch eine Blume oder ein anderes sinniges Zeichen löste, warf er sich in den Kleidern in das Wasser und schwamm neben der Brücke hinüber. Du nahmst ihn dann zu dir und gabst ihn später in die Stadtschulen. Ich gab sie in die Anstalt. Und wenn sie dann nach Jahren zusammenkamen, selbst in der Zeit, als er schon in dem Kriege gewesen war und jeden Mann in unserer Gegend übertraf, und als sie so schön geworden war, daß sich kein Mädchen mit ihr vergleichen konnte, waren sie da jemals anders als schroff gegeneinander? Und war das nicht die Ursache, daß ich sie um zwei Jahre länger in der Anstalt ließ, als ihre Erziehung forderte? Nach diesen Erfahrungen habe ich Zweifel, ob da eine Ehe in dem Himmel geschlossen werden wird?“

„Könnten wir nicht dem Himmel ein wenig helfen?“ fragte Dietwin.

„Du redest wieder freventlich, mein Bruder, wie manchmal im Übermute“, antwortete Gerlint; „wie kann ein sterblicher Mensch dem Himmel helfen?“

„Nun, nicht geradezu helfen“, erwiderte Dietwin, „sondern uns mit unsern Kräften helfen, daß uns Gott hilft. Unser Hauptmann Grünau pflegte zu sagen: Hilf Gott, daß er dir hilft.“

„Du glaubst an meinen Spruch nicht, Dietwin?“ sagte Gerlint.

„Ich glaube daran“, entgegnete Dietwin, „und will dir gleich die Beweise sagen. Ich habe über die Dinge nachgedacht, von denen du gesprochen hast; ich habe aber auch andere Dinge entdeckt, durch die der Himmel günstig zu uns redet. Höre an. Unser Geschlecht hat wunderbar lange gedauert. Zur Zeit des ersten Hohenstaufen, Konrad, hat einer der Unsern, Dietwin, der Kardinal, diesen König gekrönt. Dietwin ist immer ein Name in unserem Stamme gewesen, so wie Gerlint. Und der Stamm, wenn er schon im Erlöschen war, hat sich stets wunderbar erneuert. Es ist wunderbar, daß wir zwei, du und ich, an dem nämlichen Monatstage geboren worden sind, nur du um sechs Jahre später. Und heißen wir nicht Dietwin und Gerlint? Und ist es nicht wunderbar, daß die zwei jüngeren Dietwin und Gerlint, wenn sie auch nicht an dem nämlichen Monatstage geboren worden sind, doch gerade auch wieder um sechs Jahre voneinander abstehen? Und hat nicht unser Bruder Jakob, da ihm ein Sohn geboren wurde, ihn nach mir Dietwin genannt, zu einer Zeit, da er nicht ahnen konnte, daß dieser Dietwin nach dem Tode seiner Eltern an mir seinen zweiten Vater wird finden müssen? Und ist es nicht mit der Tochter des Bruders Archibald der nämliche Fall, die nach dir genannt wurde, die du der Verwaisten jetzt auch eine Mutter bist? Viel wunderbarer aber ist es noch, daß in den Zügen des Angesichtes und in der Gestalt die Nichte dir und der Neffe mir gleicht. Der Graf Arkan hat ihn neulich für mich gehalten. Wenn da nicht der Finger des Himmels ist, wo ist er dann noch? Und gerade eine Eingebung des Himmels könnte es auch sein, daß du die verwaisten Kinder zuerst in deinem Schlosse Biberau erzogen hast, daß dann der Knabe bei mir und das Mädchen bei dir war, und daß in uns der nämliche Gedanke entstand, sie einmal miteinander zu verheiraten, welchen Gedanken wir lange heimlich trugen, ehe wir ihn einander mitteilten. Ich will noch von einem Umstande reden. Du bist in deinem Leben nie krank gewesen, ich bin nie krank gewesen, und Dietwin und Gerlint sind auch nie krank gewesen, und mögen sie es nie werden, bis sie unser Alter erreicht haben, ja darüber hinaus sind. Und was die Heftigkeit der beiden jungen Leute anbelangt, so weißt du wohl, daß in unserem ganzen Stamme fast ohne Ausnahme die nämliche Eigenschaft besteht, bei Männern wie bei Frauen. Unser Leben hat drei Abteilungen. In der ersten Abteilung herrscht die Heftigkeit, dann kommen allerlei Einbildungen, und dann erscheint eine große Sanftmut und Gutmütigkeit, die bis ins hohe Alter andauert. Sind wir beide doch auch nicht von dem Schicksale unseres Geschlechtes ausgeschlossen gewesen. Ich rede nicht davon, da ich ein junger Soldat war; ihr habt mich genug getadelt. Dann, als ich das Schwert weglegte, machte ich einen Plan, den ewigen Frieden zu gründen, und machte Reisen in aller Herren Länder, um ihn ins Werk zu setzen. Und nun glaube ich, endlich in die dritte Abteilung eingerückt zu sein.“

„Ja, lieber Bruder“, sagte Gerlint, „du bist jetzt sanft und gut, verschenkst Rittergüter und Perlen.“

„Rittergüter und Perlen verschenke ich nur an gute Schwestern und hoffnungsvolle Neffen“, antwortete Dietwin. „Und was dich betrifft, teure Schwester, verbrachtest du auch ein Weilchen in den ersten zwei Abteilungen unseres Stammes und bist jetzt, obgleich um so viel jünger als ich, in der dritten Abteilung und verschenkst auch Güter und kostbare Sachen.“

Pulsuz fraqment bitdi.

9,83 ₼
Yaş həddi:
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Litresdə buraxılış tarixi:
05 may 2025
Həcm:
100 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788726630954
Naşir:
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