Kitabı oxu: «Die drei Schmiede ihres Schicksals»
Adalbert Stifter
Die drei Schmiede ihres Schicksals
Saga
Die drei Schmiede ihres SchicksalsCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1844, 2020 Adalbert Stifter und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726630855
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Die drei Schmiede ihres Schicksals
Quilibet fortunae suae faber est.
Alter Schulspruch.
Es war in einer Gesellschaft lustiger Männer ein Streit über den altlateinischen Satz ausgebrochen, daß jeder Mensch der Schmied seines Schicksals sei. Einige behaupteten, der Satz wäre echt römisch und stehe gewiß in diesem oder jenem Werke dieses oder jenes Klassikers; andere sagten, er sei ein neues Machwerk und schleppe sich erst seit kurzer Zeit durch unsere lateinischen Schulbücher. Aber, wie es geht, von diesem rein historischen Standpunkte, über den sie sich nicht einigen konnten, spielte sich der Streit auf den philosophischen über und entbrannte nun auf das heftigste über die Frage, ob es auch wahr sei, was der Satz enthalte. Man führte nun nicht mehr bloß die Historie in das Feld, sondern suchte der Sache auch a priori beizukommen, indem man die Psychologie, die Logik und Metaphysik aufbot. Man redete über Zusammenhang der Dinge, sittliche Weltordnung, Emanzipation vom Zufalle, Freiheit des Willens und war auf dem Wege, ins Endlose zu geraten, als plötzlich ein Schalk, der bisher geschwiegen hatte, eine Geschichte zu erzählen anfing, worauf es nach und nach stille ward; denn beide Parteien horchten hin, in der Hoffnung, Gründe für ihre Behauptung aus der Geschichte ziehen zu können. Allein der Mann zog seine Geschichte gerade bis zu dem Punkte, wo sie sich spalten mußte, um der einen oder der andern Partei zu dienen — dann brach er ab und sagte, daß er den Rest morgen erzählen wolle, wenn sie etwa wieder zusammenkämen. Sofort erhob sich ein Lärm über Willkür und Täuschung, und man verlangte, daß er fortfahre. Aber, da er hartnäckig bei seinem Ausspruche blieb, so vertagten sie listig den Streit, weil jeder begierig war, wie es nun weitergehen werde, und weil jeder heimlich hoffte, ihm würden die Hülfstruppen aus der Sache zuwachsen.
Allein, da nun die vierundzwanzig Stunden vorübergegangen waren, da sich die Gesellschaft versammelt, und der Mann seine Geschichte beendet hatte, so waren sie so ins Weite verschlagen, daß sie nun über ihren anfänglichen Satz gar nicht mehr stritten, sondern ihn alle plagten, ob die Geschichte wahr sei, wo sie sich zugetragen, wie die Personen geheißen haben, und wären beinahe in den neuen Streit geraten, ob die Geschichte aus innern Gründen wahr sein könne oder nicht. Der Mann aber lächelte verschmitzt, drehte seinen Ring auf dem Finger und sagte kein Wort mehr. Die Klügern unter uns merkten, daß er uns am Narrenseile geführt, die andern aber haderten auf dem neuen Wege weiter, auf den er sie gelockt hatte.
Da ich aber nun die Geschichte gerne wieder erzählen möchte, der Mann jedoch, wie ich oben sagte, ein Schalk ist, so weiß ich in der Tat nicht, ob er sie gelesen, ob sie ihm jemand erzählt, oder ob sie sich gar an ihm selber zugetragen habe. Letzteres wäre nicht ganz unwahrscheinlich, da man sich aus seinem früheren Leben noch ganz andere abenteuerliche Sachen erzählt. Jedenfalls aber hat er sich die üblen Folgen, die etwa aus meiner Plauderhaftigkeit entstehen sollten, selber zuzuschreiben; warum hat er uns die Geschichte arglistig erzählt, und warum hat er uns nicht aufgetragen, dieselbe geheim zu halten.
Es waren zwei Männer. Mein Vormann hat sie Erwin und Leander genannt. Beide waren sehr reich, hatten aber in ihrer frühesten Jugend das Unglück gehabt, ihre Eltern zu verlieren, und jeder stand dann unter einem tyrannischen Vormunde. Gleiche Schicksale, gleiche Jahre und vielleicht auch ein Zug des Herzens hatte sie schon frühe zusammengeführt. Sie betrieben auf dem mauerschwarzen Kollegium dieselben Studien, nämlich die Anfangsgründe alter Sprachen, und naschten zu Hause miteinander dieselbe Lektüre, nämlich nicht etwa Kinderbücher, sondern nur alte Klassiker. Sie hatten auch nie Kinderkleider gehabt, sondern, selbst da sie noch ganz klein waren, schon nach dem Schnitte der Vormünder und auf das Wachsen berechnet, daher immer zu groß — jeder hatte einen sauersehenden Diener, und in jedem der zwei blühenden Kindergesichter war die traurige Miene und der liebeleere Blick von Waisenknaben bemerkbar.
Nach und nach wurden sie in die Welt und das Leben eingeführt, das heißt, sie kannten die Gesetze der Spartaner, beteten die Stoiker an, ahmten beide nach und waren außer sich über das Bekannte jenes Weibes: „Es schmerzt nicht.“ Leander kam wohl zu besonderen Zeiten, damit er, wie der Vormund sagte, Manieren lerne, in diese oder jene Familie, die einst mit seinem nun verwaisten Hause verbunden gewesen war, aber er lernte dort nichts, weil er bloß schwieg, in einen Winkel gedrängt wurde und bei der ersten Gelegenheit fortging. Um Erwin aber, dessen Güter lauter Raubritterruinen in den fernen Waldbergen waren, kümmerte sich kein Mensch und kein Hund. Wenn er mit seinem Diener zur Schule ging, so geschah es zuweilen, daß eine Mädchengestalt etwa über seinen Weg trat, oder in einem Wagen vorbeifuhr; allein er machte sich nie davon eine deutliche Vorstellung, was das sei, und wie sie sich von ihm unterscheide.
Nicht weit von der Stadt war ein verrufener Winkel, „die Gänseweide“ geheißen, dort rangen sie, warfen den Diskus und fochten mit Schild und kurzem Schwerte. Weit von ihrer Wohnung, wo der Fluß zwischen düstern Föhren stagnierte, schwammen sie und sprangen über ausgetrocknete Lehmgruben.
Als sie Jünglinge geworden, schlossen sie einen Freundschaftsbund, wie etwa zwei gefeierte Namen des Altertums, und damals hatten sie auch verabredet, im strengsten Sinne des Wortes, wie das klassische Sprichwort sagt, die Schmiede ihres Schicksals zu werden, nämlich sich von allem unabhängig zu machen, was zufällig sei, damit geschehen könne, was auf Erden möglich, ohne ihr inneres Glück zu berühren. Von diesem Tage an aßen sie nur mehr eine vegetabilische Brühe, annähernd die schwarze Suppe Lakedämons, schliefen auf bloßem Stroh und verbannten alle Geräte, außer einem Tische und einer Bank. Ihre Zeit und ihre Mitwelt ging neben ihnen her, als sei sie vor tausend Jahren gewesen.
Daß ihr äußeres Benehmen auf diese Weise ungeschlacht und eckig, ja unheimlich und lächerlich zugleich werden mußte, ist begreiflich, nur sie ahneten nichts davon. Bloß darin mochte sich ein dunkles Gefühl davon aussprechen, daß sie, je mehr sie heranwuchsen, desto mehr die Gesellschaft flohen, namentlich die gesellige, von Männern und Frauen gemischte; nur mit dem einen oder dem andern verwitterten und bemoosten Repetenten der Schule pflogen sie Umgang und lernten von ihm Kneipenton, was sie für moderne Welt hielten, im Gegensatze zu der alten klassischen. Damen und Mädchen gossen ihnen Blei in die Glieder, so daß die Füße in dem Boden und die Hände in den Rocktaschen wurzeln mußten. Sie erlangten die Beweglichkeit erst wieder, wenn sich der Zauber dieser Klapperschlangen entfernt hatte. Nur Leander hatte sogar schon einmal mit einer geredet, er war damals achtzehn Jahre alt, sie fünfzehn und wunderschön. Er mußte zum neuen Jahre Glück wünschen gehen und traf unseliger Weise nur Mutter und Tochter zu Hause, und zwar zum Ausgehen angezogen. Noch dazu wurde die Mutter abgerufen und sagte im Weggehen: „So reden Sie doch mit Elmiren, Herr Baron!“ Damals nun hatte er gefragt: „Diese Webe an Ihrem Gewande ging gewiß aus Ihrer und Ihrer Mutter kunstreicher Webehand im Frauengemache hervor.“ Elmire wurde bloß im ganzen Gesichte blutrot und hatte ihm aber gar nichts geantwortet. Seit der Zeit beging er lieber die schreiendste Unart, als daß er sich wieder einer solchen Lage ausgesetzt hätte. Erwin hatte solches nie zu erdulden gehabt; denn er war in seinem Leben noch nie auf dem glatten Boden eines Besuches gestanden.
Eine Stellung hatten sie trotz alledem, in welcher sie jedes Auge mit Vergnügen anschaute, nämlich, wenn sie zu Pferde saßen — reiten hatten sie bei dem ersten Meister gelernt —, da reichte kein Jüngling an diese zwei kraftvollen schönen Göttergestalten. In der Tat hatten sie durch ihre Übungen eine Gesundheit erlangt, daß ein eiserner Turm auf sie fallen konnte, ohne ihnen etwas anzuhaben, und eine tigerartige Kraft und Geschmeidigkeit, die nur in Wüsten vorkömmt; leider trat sie bloß bei ihrem einsamen Laufen und Springen hervor, nie aber im geselligen Verkehre. Auch war ihrem Erscheinen ein Umstand im Wege, den ich zum Schaden meiner Helden noch anführen muß. Sie gingen nämlich, wie einst als Knaben in Männerkleidern, so jetzt als Jünglinge in Greisengewändern und noch dazu fast im Schnitte des vorigen Jahrhunderts. Sie ließen, oder vielmehr ihre Bedienten — sonst fast Todfeinde, in diesem einen Punkte aber wunderbar gleich — ließen bei demselben uralten Schneider arbeiten, und zwar so, wie es in ihrer Jugendzeit schön gewesen wäre. Sie trotzten mit der Garderobe ihrer jungen Herren der Macht des neuen Jahrhunderts. Nur die jungen Herren wußten es nicht, da sie zu Hause keinen Spiegel hatten und auf der Gasse nur andere, nicht sich sahen. Bloß in dem einen Stücke gingen sie mit der Mode, daß sie sich allen Bart wachsen ließen, aber doch wieder mit der Ausnahme, daß sie vorhatten, ihn mit der Schere nach altgriechischer Art zusammenzustutzen, wenn er nur erst groß genug sein werde.
Ob sie in dieser Lage glücklich waren?
Ich glaube beinahe: sehr; denn ihr Leben machte ihnen Freude, ein anderes kannten sie nicht. Ihr reiner sprossender Körper gab ihnen Gefühle von Behagen und Wohlsein, wie sie andere gar nicht zu ahnen vermögen, und eine Heiterkeit trat hervor, die in der Tat durch keinen Unfall zu trüben war, nachdem sie nur einmal jene Zeit überwunden hatten, wo aus den Augen eines Kindes, wenn man es für glücklich halten soll, noch die empfangene Mutterliebe herausschauen muß. Ihr Geist war auch glücklich, denn sie hatten sehr viel gelernt und erfreuten sich gegenseitig des Besitzes. Alte Geschichte und Literatur, dafür gar keine neue, Mathematik in allen Zweigen, dann die Realwissenschaften — alles das hatten sie sich nach und nach meistens gegenseitig beigebracht, und zwar in einer Vollendung, wie selten junge Leute — es war eine andere Art Rennbahn gewesen, und in diesen Übungen erfreute sich ihr Geist. Von Gefühlen schwärmender Sehnsucht, von namenlosen Hinausahnungen, von Schmachten, von Trieben des Herzens, von süßem Schmerz und so weiter war gar nichts da; außer einigem Übermaß klassischer Begeisterung waren sie in diesen Dingen so roh wie die Jrokesen.
Pulsuz fraqment bitdi.