Kitabı oxu: «24 Stunden»
Adam Hamilton
24 Stunden
Der Tag, der die Welt veränderte
Aus dem Amerikanischen von Antje Balters

Zu diesem Buch
Kein einziger Tag in der Geschichte der Menschheit hat mehr Aufsehen erregt als das Leiden und die Kreuzigung von Jesus von Nazareth. Adam Hamilton schildert dessen dramatische letzte 24 Stunden so kraftvoll, dass man sich beim Lesen mit den Protagonisten dieses Geschehens identifiziert.
Egal ob Sie seit Jahren Christ sind oder schlicht neugierig auf das Ereignis jener Kreuzigung von Jesus Christus – begleiten Sie den Autor dabei, diesen entscheidenden Tag, der die Welt veränderte, noch einmal in Zeitlupe zu verfolgen.
Über den Autor
Adam Hamilton, Jahrgang 1964, ist Pastor der United Methodist Church of the Resurrection, einer Evangelisch-methodistischen Kirche in Leawood, Kansas. Diese wachsende Gemeinde – die größte methodistische Gemeinde in den USA – gilt als eine der einflussreichsten Kirchen in den USA.

Adam Hamilton mit seiner Frau LaVon in Israel
Hamilton war 2010 Redner beim Leadership Summit der Willow Creek Community Church in Chicago. 2013 predigte er im National Prayer Service zu Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Barack Obama.
Adam Hamilton ist Bestsellerautor und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit zwei Ehrendoktortiteln. Er ist verheiratet mit LaVon und Vater von zwei Töchtern.
In seinem Bestseller 24 Stunden – Der Tag, der die Welt veränderte nimmt Adam Hamilton die Leser mit auf eine Reise durch die Passionszeit, um jenen einzigartigen Tag nachzuerleben, der alles veränderte.
www.adamhamilton.org, www.cor.org
Impressum
Aus dem Amerikanischen von Antje Balters, Bremen
Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel
24 Hours That Changed the World bei Abingdon Press
Copyright © 2009 by Abingdon Press
Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-747-8, Bestell-Nummer 590 049E
Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-86256-049-3, Bestell-Nummer 590 049
Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, wurden der Übersetzung
Hoffnung für alle entnommen © 1986, 1996, 2003 by International Bible Society. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Lektorat: Dr. Thomas Baumann Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild: Fenderosa/ShutterStock.com® Illustration Kreuz: Ken M. Strickland Satz: Neufeld Verlag
© 2014 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlages
www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch
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Inhalt
Zu diesem Buch
Über den Autor
Impressum
Danksagung
Einleitung
1. Das Letzte Abendmahl
Die Vorbereitung des Passahmahles
Verrat und Buße: Sich vorbereiten
»Das ist mein Leib …« Vom Passahmahl zum Abendmahl
Ein Mahl, das uns definiert
2. Der Garten Gethsemane
»Ihr werdet euch bald von mir abwenden«
Der Garten
»Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe« Jesu Angst
Das »Warum« der Angst Jesu
»Aber nicht, was ich will, sondern was du willst«
Verraten durch einen Kuss
3. Von den Gerechten verurteilt
Jesus vor dem Hohenpriester Kaiphas
Angst wirkt wie ein Gift
»Ich bin«
»Ich kenne diesen Menschen nicht«
4. Jesus, Barabbas und Pilatus
Der leidende (Gottes)Knecht
Die Kostbarkeit der Gnade
Die Suche nach einem Messias
Das Vermächtnis von Jesus und Barabbas
»Dem Volk zu Willen sein«
5. Misshandlung und Demütigung des Königs
Körperliche Misshandlung: Auspeitschung
Seelische Folter: Demütigung
Das Böse in uns
Sie führten ihn weg, um ihn zu kreuzigen
Die Kraft opferbereiter Liebe
Das Vermächtnis des Simon
6. Die Kreuzigung
»Die Mitleid erregendste aller Todesarten«
Das Sühneopfer
Die letzten Worte Jesu
»Sie ist jetzt deine Mutter«
»Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!«
»Ich versichere dir: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein«
»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«
»Ich habe Durst«
»Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist!«
»Es ist vollbracht!«
Sich selbst in dieser Geschichte sehen
7. Christus der Sieger
Der erste Tag
Der zweite Tag
»Hinabgestiegen ins Reich des Todes«
Der dritte Tag
Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod
Bestätigung
Die Passion als Gemeinde (er)leben
Über den Verlag
Für meine Mutter Glenda Elizabeth Miller, deren Liebe und Ermutigung in meinem Leben ein stetiger Segen sind
Danksagung
DANKBAR BIN ICH DEN MENSCHEN in der United Methodist Church of the Resurrection, denn dieses Buch hat dort in Form einer Predigtreihe seinen Anfang genommen. Es ist eine außergewöhnliche Gemeinde, und ich bin dankbar, dass ich dort als Hauptpastor arbeiten darf.
Rob Webster und Alex Schwindt haben mich nach Israel begleitet zum Drehen der Videos, die es als Zusatzmaterial zu diesem Buch gibt. Rob Webster hat dabei die redaktionelle Arbeit übernommen. Vielen Dank, Rob und Alex.
Der Reiseveranstalter Educational Opportunities hat uns die Reise nach Jerusalem ermöglicht, damit wir an den Originalschauplätzen dieser Geschichte recherchieren konnten. Ein ganz besonderer Dank geht deshalb an James Ridgeway.
Meine Assistentin Sue Thompson ermöglicht es mir seit über zehn Jahren, die Arbeit zu tun, die mir so sehr am Herzen liegt. Direkt sichtbar ist ihre Arbeit in Form der Fußnoten in dem Buch, aber indirekt auf zu vielfältige Weise, als dass ich hier alles aufzählen könnte.
Ein ganz besonderer Dank gilt Rob Simbeck, dessen Hilfe bei der redaktionellen Überarbeitung und der Bearbeitung von Predigtmanuskripten zu den einzelnen Kapiteln dieses Buches unschätzbar wertvoll war.
Und schließlich geht mein Dank an meine Partnerin, meine Frau und beste Freundin LaVon Hamilton, die mein Leben und meinen Glauben mit prägt und gestaltet. Mit ihr habe ich viele der Gedanken dieses Buches diskutiert, und von ihr kam die Anregung für das Begleitbüchlein mit den täglichen Andachten.1 Auch meine Kleingruppe war mir eine große Hilfe bei der Gestaltung der Andachten.
Adam Hamilton
1Das hier erwähnte ergänzende Material mit 40 kurzen Andachten erscheint unter dem Titel 24 Stunden – Der Tag, der die Welt veränderte: Impulse für 40 Tage. Siehe auch: Die Passion als Gemeinde (er)leben.
Einleitung
MAN GLAUBT, DASS JESUS IM Alter von 33 Jahren, also nach etwa 12000 Lebenstagen gestorben ist. Die Verfasser der Evangelien widmen den größten Teil ihres Werkes allerdings nur etwa 1100 dieser Tage, also den letzten drei Jahren seines Lebens. Und dabei gilt ihr ganz besonderes Interesse einem speziellen Tag, nämlich dem Tag, an dem Jesus gekreuzigt wird. Sie glauben, dass dieser Zeitraum von 24 Stunden die Welt verändert hat, und alle vier Evangelien streben in ihren Berichten auf diesen Tag zu.
Von Donnerstagabend nach Sonnenuntergang bis in den Freitag hinein hält Jesus mit seinen Jüngern zusammen das Letzte Abendmahl, betet im Garten Gethsemane, wird verraten, von seinen Freunden verlassen und von den religiösen Führern der Gotteslästerung für schuldig befunden. Er wird von Pontius Pilatus wegen Aufruhrs verurteilt, von römischen Soldaten gefoltert, muss Kreuzigung und Tod ertragen und wird begraben.
Paulus fasst das Evangelium für die Christen von Korinth folgendermaßen zusammen: »Ich wollte von nichts anderem sprechen als von Jesus Christus und seinem Tod am Kreuz« (1. Korinther 2,2). Das Leiden, der Tod und die Auferstehung Jesu Christi stellen den Höhepunkt des Evangeliums dar und die Vollendung des Erlösungswerkes Gottes durch Jesus Christus.
Dieses Buch will zum besseren Verständnis der Ereignisse in den letzten 24 Stunden im Leben Jesu und der theologischen Bedeutung des Leidens und des Todes Jesu beitragen, und es möchte zum Nachdenken über die Frage anregen, was diese Ereignisse für unser persönliches Leben bedeuten. Zu diesem Zweck werden wir uns den geografischen und historischen Hintergrund der Ereignisse dieses schicksalhaften Tages anschauen, werden den Tod Jesu theologisch betrachten und uns letztlich auch mit der Frage beschäftigen, welche Rolle wir selbst in dieser Geschichte spielen – inwiefern wir vielleicht auch wie Pilatus, Petrus, Judas oder Johannes sind.
Unser Ausgangspunkt ist dabei der Bericht von Markus über die letzten Stunden im Leben Jesu (die meisten Wissenschaftler sind der Meinung, dass das Markusevangelium als erstes der Evangelien geschrieben wurde), aber wir werden den Bericht von Markus immer wieder durch Stellen aus den anderen Evangelien ergänzen.2
Wir beginnen mit dem Letzten Abendmahl, das am Donnerstagabend stattfindet und schließen mit dem Tod Jesu am Kreuz am darauffolgenden Nachmittag. Das letzte Kapitel befasst sich dann mit der Auferstehung.
Durch das Schreiben dieses Buches und die Herstellung des Videos an den Schauplätzen in Jerusalem ist mein Glaube noch tiefer geworden, und meine Liebe und Dankbarkeit Jesus gegenüber ist größer geworden. Ich bete, dass die Lektüre des Buches bei Ihnen dieselbe Wirkung hat.
Adam Hamilton

2Beachten Sie, dass die vier Evangelien sich bezüglich der letzten 24 Stunden im Leben von Jesus in zahlreichen Details unterscheiden. Zusätzlich legen Wissenschaftler einige dieser Ereignisse auch sehr unterschiedlich aus. Ich halte mich im allgemeinen an die Chronologie (den zeitlichen Ablauf) des Markusevangeliums und das überlieferte (traditionelle) Verständnis der Ereignisse.
1. Das Letzte Abendmahl
Am ersten Tag des Festes der ungesäuerten Brote, an dem das Passahlamm geschlachtet wurde … nahm Jesus Brot, sprach das Dankgebet, teilte das Brot und gab jedem seiner Jünger ein Stück davon: »Nehmt und esst! Das ist mein Leib.« Anschließend nahm er einen Becher Wein, dankte Gott und reichte den Becher seinen Jüngern. Sie tranken alle daraus.
Jesus sagte: »Das ist mein Blut, mit dem der neue Bund zwischen Gott und den Menschen besiegelt wird. Es wird zur Vergebung ihrer Sünden vergossen. Ich sage euch: Von jetzt an werde ich keinen Wein mehr trinken, bis ich ihn wieder mit euch in der neuen Welt Gottes trinken werde.« (Markus 14,12; 22–25)
Donnerstagabend
In einem Raum im Obergeschoss eines Hauses in Jerusalem
DIE JÜNGER SIND IRRITIERT ÜBER Jesu Worte. Das Passahmahl ist doch eigentlich ein frohes Ereignis, ein Anlass zum Feiern, denn es wird der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten durch Gott gedacht. Das Mahl ist ein Hinweis auf die Hoffnung, dass Gott den Messias schicken wird, und deshalb hat es auch für die Jünger eine ganz besondere Bedeutung. Sie sind nämlich davon überzeugt, dass Jesus der Messias ist, und dass sie zu diesem konkreten Passahfest in Jerusalem sind, weil er seine Königsherrschaft antreten wird. Vier Tage zuvor hat die Menschenmenge ihn mit lautem Jubel in der Stadt begrüßt. Wieso redet er dann jetzt davon, dass sein Blut vergossen werden wird? Was hat das alles zu bedeuten?
Nur sehr selten hat sich das scheinbare Schicksal einer historischen Gestalt so schnell und dramatisch gewendet wie das von Jesus in der letzten Woche seines Lebens. Am Sonntag noch zieht er unter dem Jubel der Palmwedel schwenkenden Menge in Jerusalem ein. Die Menschen sind davon überzeugt, dass er der verheißene Messias ist. Am Donnerstagabend hält er sich im Grunde versteckt, während die religiösen Führer mit Hilfe eines seiner zwölf Jünger – der während der ganzen Zeit seines öffentlichen Wirkens einer der engsten Begleiter gewesen ist – Pläne schmieden, wie sie ihn endgültig loswerden können.
Jesus weiß natürlich, was auf ihn zukommt. Er hat bereits alles vorhergesagt, aber seine Jünger haben es nie begriffen. Die Ereignisse der letzten 24 Stunden im Leben Jesu werden eine Prüfung sein für diejenigen, die ihm am nächsten stehen – eine Prüfung, die sie nicht bestehen werden.
Jesus ist in Jerusalem angekommen, nachdem er zusammen mit seinen Jüngern die etwa 120 Kilometer von der Gegend um den See Genezareth zu Fuß zurückgelegt hat, wo er einen großen Teil der Zeit seines irdischen Wirkens verbracht hat. Er ist nach Jerusalem gekommen, um dort das Passahfest zu feiern, und er ist gekommen, um dort zu sterben. Er kommt vom Ölberg aus auf einem Esel in die Stadt geritten, auf den einige seiner Anhänger ihre Kleider gelegt haben. Menschenmassen jubeln ihm zu und rufen:
»Gelobt sei der Sohn Davids,
ja, gepriesen sei,
der im Auftrag des Herrn kommt!
Gelobt sei Gott im Himmel!« (Matthäus 21,9)
Im Grunde sagen die Menschen damit: »Rette uns jetzt sofort, Jesus. Erlöse uns.«
Jesus schaut sich in der Stadt um, und als es Abend wird, geht er zurück nach Bethanien auf dem Ölberg, um dort zu übernachten (Markus 11,11)3. Am nächsten Tag geht er dann zum Tempel. Dort im Vorhof, wo jeder beten darf, sieht er, wie die Leute Waren kaufen und verkaufen, sodass der Tempel wie ein Marktplatz scheint. Jesus wird sichtlich zornig und ruft in die Menge: »Ihr wisst doch, was Gott in der Heiligen Schrift sagt: ›Mein Haus soll für alle Völker ein Ort des Gebets sein‹, ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht« (Markus 11,17).
Er wirft die Tische der Geldwechsler um, vertreibt die Händler (Matthäus 21,12) und zieht dadurch den Zorn der religiösen Führer auf sich, die im Tempel das Sagen haben.
Im Laufe der darauf folgenden Woche kommt Jesus jeden Tag wieder auf den Vorhof des Tempels und drängt in dem, was er dort sagt, immer heftiger auf Reformen im religiösen Leben, sodass sich genau diese religiösen Führer, die Pharisäer, provoziert fühlen. »Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer!«, sagt Jesus. »Ihr seid wie die gepflegten Grabstätten: von außen sauber und geschmückt, aber innen ist alles voll stinkender Verwesung« (Matthäus 23,27). Er kritisiert ihre geistliche Arroganz, ihre Verbohrtheit und die vielen Regeln ihres Glaubens, die nur dazu dienen, die verlorenen Menschen noch weiter vom Glauben an Gott zu entfremden. Im Grunde sagt er zu den Menschen: »Tut, was die religiösen Führer euch predigen, aber verhaltet euch nicht so wie sie; denn sie sind wie Blinde, die Blinde führen.«
Mit jedem Anklagepunkt und jeder Infragestellung ihrer inneren Einstellung provoziert Jesus die Schriftgelehrten, Pharisäer und Sadduzäer mehr. Jedes Mal, wenn er mit seinen Anhängern im Tempel auftaucht, nimmt die Anspannung zu. Am Donnerstag ist dann klar, dass die religiösen Führer in Jerusalem Pläne schmieden, Jesus umzubringen.
Die Vorbereitung des Passahmuhles
Am Donnerstagmittag trägt Jesus zweien seiner Jünger auf (in Lukas 21,8 heißt es, dass es Petrus und Johannes sind), in die Stadt zu gehen und das Passahmahl (Seder) vorzubereiten, das er und seine Jünger ganz unter sich feiern wollten.
Jesus sagt zu seinen Jüngern: »Geht in die Stadt ... Dort wird euch ein Mann begegnen, der einen Wasserkrug trägt. Diesem Mann folgt« (Markus 14,13). Das Wasserholen ist zu jener Zeit eigentlich Frauenarbeit, und deshalb fällt ein Mann, der Wasser holt, in den geschäftigen Straßen von Jerusalem schon auf.
Es gibt Menschen, die glauben, dass Jesus auf wundersame Weise gewusst hat, was ihm bevorstand. Andere sind der Meinung, dass er einfach im Voraus alles für das Passahmahl arrangiert hatte. Wie auch immer, Jesus sagt jedenfalls zu den beiden Jüngern: »Diesem Mann folgt, bis er in ein Haus geht. Dem Besitzer des Hauses sollt ihr sagen: ›Unser Lehrer lässt fragen: Wo ist der Raum, in dem er mit seinen Jüngern das Passahmahl feiern kann?« (Markus 14,14).
Nebenbei bemerkt, war jemand, der damals ein solches Haus besaß, reich und ging deshalb ein hohes Risiko damit ein, jemanden wie Jesus in sein Haus einzuladen. Er setzte dadurch seinen Reichtum, seinen Status und sogar sein Leben aufs Spiel.
Es verläuft jedenfalls alles genau so, wie es Jesus vorausgesagt hat. Petrus und Johannes bereiten im Obergeschoss des besagten Hauses – wahrscheinlich demselben Raum, in dem später zu Pfingsten 120 Jünger zusammenkommen, vom Heiligen Geist erfüllt werden und in anderen Sprachen reden – alles für das Passahmahl vor. Um 15.00 Uhr nachmittags bringen Petrus und Johannes wahrscheinlich ein Lamm in den Tempel, um es dort zu opfern, vermutlich zusammen mit Tausenden von Menschen, die ebenfalls im Laufe des Tages zu diesem Zweck dort hinkommen. Während die Menschen Psalmen singen, wird dem Lamm die Kehle durchgeschnitten, der Priester fängt das Blut in einem Gefäß auf und gießt es vor dem Altar aus. Ein anderer Priester schlachtet das Lamm, und Petrus und Johannes nehmen das Fleisch mit in die Küche in dem Obergeschoss des Hauses, wo das Lamm dann in Öl und Wein mariniert und drei bis vier Stunden gegart wird.
Gegen 19.00 Uhr kommen schließlich Jesus und die anderen Jünger zu Petrus und Johannes in das Obergeschoss, um mit ihnen zusammen das Mahl zu halten.
Das Passahmahl, das sie dort gemeinsam feiern, ist ein Mahl zur Erinnerung an Gottes zentrale Rettungstat am Volk Israel, ein Ereignis, das in 2. Mose 3–13 beschrieben wird.
Das Volk Israel ist seit 400 Jahren in der Sklaverei in Ägypten gefangen, als Gott Mose dazu beruft, sein Volk aus dieser Gefangenschaft zu befreien. Mose fordert den Pharao auf, sein Volk freizulassen, aber der ägyptische Herrscher weigert sich, woraufhin Gott den Ägyptern eine Reihe von Plagen schickt. Doch selbst danach ist der Herrscher von Ägypten nicht bereit einzulenken. Schließlich sagt Gott zu Mose, dass er den Ägyptern noch eine letzte furchtbare Plage schicken wird, nach der der Pharao das Volk Israel gehen lassen wird. Der Erstgeborene in jedem Haushalt und jedes erstgeborene Tier einer Herde in ganz Ägypten werden sterben.
In der Nacht, in der das geschehen wird, sollen die Israeliten Gott ein Lamm opfern und mit dem Blut dieses Lammes die Türpfosten ihrer Häuser bestreichen. Wenn dann der Engel des Todes an den Häusern vorbeigeht, wird er die Häuser auslassen, die mit dem Blut des Lammes gekennzeichnet sind, und die Erstgeborenen des Volkes Israel werden verschont. Das Opferlamm soll gekocht und gegessen werden, damit die Israeliten eine letzte Mahlzeit in Ägypten einnehmen, bevor sie befreit werden.
Und tatsächlich sucht der Tod in dieser Nacht das ganze Land heim, und zwar von der bescheidensten kleinen Wohnung bis hin zum Palast des Pharao. Am Morgen herrscht im ganzen Land Trauer, und angesichts dieser verheerenden Katastrophe gibt der Pharao endlich nach und befiehlt den Israeliten, Ägypten zu verlassen. Sie müssen sich in einer solchen Eile auf den Weg machen, dass keine Zeit mehr bleibt, den Sauerteig für Brot fertig durchsäuern zu lassen, damit die Brote später aufgehen, mit der Folge, dass sie ungesäuerte Brote mit auf die Flucht nehmen.
Die Flucht der Israeliten aus Ägypten ist dann der Beginn ihres langen Zugs durch die Wüste, der 40 Jahre lang dauern soll, und währenddessen aus den Israeliten ein Volk wird, das ins Gelobte Land geführt wird. Seit diesem Tag feiern die Israeliten jedes Jahr das Passahfest als Erinnerung und zum Gedenken an ihre Flucht aus der Gefangenschaft in Ägypten, und es wird nach der Speise, die es dabei gibt, auch »Fest der ungesäuerten Brote« genannt.
In 2. Mose 12 wird berichtet, wie Gott den Israeliten befiehlt, dieses Mahl zuzubereiten – nämlich das Lamm zu opfern und zu braten und ungesäuertes Brot und bittere Kräuter zu essen als Erinnerung an ihre Befreiung aus der Sklaverei.
»Es ist ein Mahl voller Symbole und Rituale«, sagt Rabbi Amy Katz, eine Freundin, mit der zusammen meine Frau LaVon und ich schon einmal das Passahmahl gefeiert haben, »und zwar von den Speisen, die es gibt, über die Art, wie sie gegessen werden, bis hin zu der Art, wie man sitzt.« LaVon und ich hatten die große Freude, mit Rabbi Katz ein wundervolles Passahmahl zu erleben, und zwar mit Rinderbrust, Hühnchenfleisch, Gemüse und einem köstlichen Dessert. Während des gesamten Mahls wurde immer wieder über die unterschiedlichen Speisen gesprochen, die symbolisch die Geschichte der Befreiung des Volkes Israels erzählen. Es gab bittere Kräuter – Meerrettich und Petersilie, die an all das Bittere erinnern sollen, was die Israeliten in der Sklaverei in Ägypten erlebt haben. Die Kräuter wurden in Salzwasser getaucht, das die Tränen der Israeliten symbolisierte. Wir aßen Charoset, eine pürierte Apfel-Mandelmischung, die den Mörtel symbolisiert, aus dem die Israeliten Ziegel für die Bauprojekte des Pharao herstellen mussten. Ein Ei erinnert, genau wie die Ostereier zum christlichen Osterfest, an neues Leben, daran, dass das Volk Israel einen Neuanfang erlebte. Das ungesäuerte Brot, die Matzen, erinnern daran, in welcher Eile das Volk Israel aus Ägypten fliehen musste. Das Lamm erinnert an das Lamm, das beim ersten Passah geschlachtet wurde, und mit dessen Blut dann die Türpfosten der Häuser der Israeliten bestrichen wurden, damit der Tod daran vorbeiging. Und schließlich tranken wir noch vier kleine Becher Wein als Erinnerung an Gottes Versprechen, die Israeliten zu befreien (vgl. 2. Mose 6,6–7).
Wir hatten um 19.00 Uhr mit dem Essen begonnen, und es war fast Mitternacht, als es zu Ende war. Unser Mahl war auf jeden Fall ganz ähnlich wie das Passahmahl, das Jesus zusammen mit seinen Jüngern hält. Die gleichen Bestandteile – der Wein, das ungesäuerte Brot, die bitteren Kräuter – stehen auch auf dem Tisch im Obergeschoss des Hauses bereit, in dem Jesus mit seinen Jüngern zusammenkommt.
Doch dort werden das gute Essen, die tiefe Freundschaft untereinander und die Geschichte der Befreiung des Volkes Israels aus der Sklaverei dadurch getrübt, dass Jesus so bedrückt ist. Im Unterschied zu seinen Jüngern weiß er nämlich, dass er an diesem Abend zum letzten Mal mit ihnen zusammen das Passahmahl feiert.
Dadurch, dass ich bei Rabbi Katz selbst so ein Mahl erlebt habe, verstehe ich jetzt – unter anderem – besser, warum die Jünger, die so spät noch so viel gegessen und getrunken haben, im Garten Gethsemane einschlafen, während Jesus betet, obwohl er sie gebeten hat, mit ihm zusammen wach zu bleiben.
Außerdem hat mich dieses Passahmahl dazu veranlasst, mir die Berichte über das Letzte Abendmahl in den Evangelien noch einmal genauer anzuschauen. Johannes beschreibt es sehr genau und ausführlich und verfasst den wohl vollständigsten Bericht darüber, was Jesus an diesem Abend sagt. Interessanterweise ist der Bericht des Johannes der einzige in den vier Evangelien, der das Letzte Abendmahl als eine Art »Vor-Passah«-Mahl sieht. Er lässt Jesus genau zu der Tageszeit am Kreuz leiden, zu der die Passah-Lämmer geopfert werden (Johannes 19,14) – ein starkes Bild, durch das Johannes eine theologische Aussage macht.
Es sind unterschiedlichste Versuche unternommen worden, diese beiden unterschiedlichen zeitlichen Abläufe in den verschiedenen Evangelien miteinander in Einklang zu bringen, und ich möchte es Ihnen als Lesern überlassen, sich selbst eine Meinung darüber zu bilden. Im Johannesevangelium sagt Jesus nicht: »Das tut zu meinem Gedächtnis.« Er beschreibt nicht das Brot und den Wein, sondern Johannes widmet fünf Kapitel der Beschreibung dessen, was Jesus während des Mahls lehrt und betet. In den Kapiteln 13 bis 17 des Johannesevangeliums stehen einige der beliebtesten Verse der Bibel, und es wird dort beispielsweise auch geschildert, wie Jesus durch sein eigenes Vorbild den Jüngern zeigt, dass im Reich Gottes Größe darin liegt, anderen zu dienen.
Verrat und Buße: Sich vorbereiten
Das Passahfest soll ein festlicher, fröhlicher Anlass sein, bei dem sich die Beteiligten freuen, wenn sie sich daran erinnern, dass Menschen, die einmal Sklaven gewesen sind, jetzt frei sind und endlich ein Volk werden, das Volk Gottes. Wenn das Letzte Abendmahl wirklich in einer solchen fröhlichen Stimmung begonnen hat, dann hat sich diese Stimmung im Laufe des Abends auf jeden Fall verändert. Auch abgesehen davon, dass Jesus ja bereits weiß, was ihm bevorsteht, liegt so etwas wie eine bange Vorahnung in der Luft. Die extremen Spannungen zwischen den religiösen Führern und Jesus sind allen Anwesenden nur zu bewusst. Alle, die sich im Raum befinden, fragen sich, was wohl mit Jesus passieren wird – und auch mit ihnen. Wird sein Auftreten im Tempel Konsequenzen haben? Wird er sich endlich selbst als Messias proklamieren?
Jesus durchbricht diese bange Ungewissheit mit einer Aussage, die so elektrisierend ist, dass ihr Echo all die Jahrhunderte hindurch bis heute nachhallt. »Einer von euch«, sagt er und sieht sie in einer plötzlich auftretenden Stille bei dem Passahmahl an »... wird mich verraten« (Markus 14,18).
Jesus weiß, wer von ihnen es sein wird, aber er sagt es nicht. »Meinst du etwa mich?«, fragt einer der Jünger ihn (Markus 14,19). »Es ist einer von euch Zwölfen, der mit mir das Brot in die Schüssel taucht« (Markus 14,20), sagt Jesus und meint vermutlich die Schüssel mit dem Charoset, die vor ihnen steht.
Die Geschichte des Verrates zieht sich durch den gesamten Rest des Berichtes im Evangelium über die letzten 24 Stunden im Leben Jesu. Noch bevor die Nacht zu Ende ist, wird Judas Jesus verraten; Petrus wird ihn verleugnen und seine Jünger werden ihn im Stich lassen, sodass Jesus ganz und gar allein ist, als er in den Händen seiner Feinde ist und vor Gericht gestellt wird.
Das Echo dieser Vorankündigung Jesu und der Akt des Verrates durch diejenigen, die ihm am nächsten stehen, lösen immer noch Fassungslosigkeit aus. In unserer Zeit, in der Gemeindeleiter Kinder missbrauchen, sich an Spendengeldern vergreifen und so manches mehr, ist uns aber klar, dass es solche Art von Verrat wohl immer gibt. Jesus hätte also eigentlich auch sagen können: »Ihr werdet mich alle verraten«; und wenn das so ist, müssen wir auch uns selbst anschauen.
Wann sind Sie selbst Judas? Wann sind Sie Petrus oder einer der anderen Jünger? Wann haben Sie Jesus verraten, verleugnet oder ihn im Stich lassen? Tatsache ist, dass wir ihn alle irgendwann verraten – jeder von uns.
Als ich vor ein paar Wochen in der Eingangshalle unserer Kirche Gottesdienstbesucher begrüßte, sah ich ein Ehepaar, das schon eine ganze Weile nicht mehr da gewesen war. Ich ging zu ihnen hin, um sie zu begrüßen, und sagte: »Schön, Sie zu sehen.« Daraufhin sagte der Mann: »Ich bin schon eine Weile nicht mehr da gewesen, weil ich etwas getan habe, womit ich Gott mit Sicherheit enttäuscht habe. Ich konnte mich einfach nicht überwinden, in den Gottesdienst zu kommen.« Dieser Mann könnte eigentlich jeder von uns sein. Wir enttäuschen Gott nämlich alle. Jeder von uns verrät ihn irgendwann.
Wenn wir uns beim Abendmahl an dieses letzte gemeinsame Mahl von Jesus und seinen Jüngern erinnern, dann sollten wir auch an diesen Teil des Mahles denken; daran, wie Jesus den Verrat, die Verleugnung und das Verlassen beim Namen nennt, die auf sie alle zukommen. Ich nehme an, genau das ist auch der Grund, weshalb es in den Kirchen Tradition ist, vor dem Abendmahl zu Beichte und Buße aufzurufen. In der Abendmahlsliturgie vieler Kirchen gibt es ein Schuldbekenntnis, in dem davon die Rede ist, das wir »gesündigt haben mit Gedanken, Worten und Werken ... durch das, was wir getan haben und was wir unterlassen haben.«
Ein ganzer Abschnitt im liturgischen Kirchenjahr der Christen ist dem Gedanken der Buße für unseren Verrat und unsere Leugnung gewidmet. Die Fastenzeit war in den Urgemeinden eine Zeit, in der Menschen, die Jesus Christus öffentlich geleugnet hatten, um der Verfolgung zu entgehen, öffentlich Buße taten, wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wurden und wieder am Abendmahl teilnehmen durften.
Wenn wir uns mit Buße und Wiederherstellung beschäftigen, dann sollten wir nicht vergessen, dass Jesus all seinen Jüngern die Füße wäscht (Johannes 13,3–5), obwohl er weiß, dass Judas ihn verraten wird, dass Petrus ihn verleugnen wird und dass die anderen ihn verlassen. Danach teilt er mit ihnen Brot und Wein – Brot, das für seinen Körper steht, und Wein, der für sein Blut steht. Obwohl er weiß, was seine Gefährten tun werden, sagt er zu ihnen: »Ich nenne euch nicht mehr Knechte ... ihr ... seid meine Freunde« (Johannes 15,15). Das tut er für sie alle – auch für Judas. Jesus schaut über ihren Verrat, ihre Sünden und ihr Versagen hinaus und nennt sie seine Freunde. Wir finden Trost in dem Wissen, dass das auch für uns gilt.
»Das ist mein Leib ...« (Markus 14,22) Vom Passahmahl zum Abendmahl
Nachdem Jesus angekündigt hat, dass er verraten werden wird, nimmt er den Matzen, also das ungesäuerte Brot, und segnet es. Was er aber dann sagt, sorgt bei seinen Jüngern für Ratlosigkeit und Verwirrung. Als er das Brot bricht und an seine Jünger weitergibt, sagt er: »Nehmt und esst! Das ist mein Leib« (Matthäus 26,26). Das gehört nicht zur Haggada – dem Text, der den Ablauf des Passahmahles nicht nur beschreibt, sondern auch erklärt –, sondern es handelt sich eher um einen verblüffenden Anschauungsunterricht.
Jesus spricht ständig in Gleichnissen und verwendet Bilder, Vergleiche und Metaphern. In diesem Fall steht das Brot, das er in der Hand hält, für seinen Körper, der nur wenige Stunden später mit Peitschenstriemen übersät und dann mit Nägeln durchbohrt an einem römischen Kreuz hängen wird. Aber wie so oft verstehen die Jünger weder den Vergleich noch was unmittelbar bevorsteht. Trotzdem essen sie das Brot.
Dann nimmt Jesus den Becher – wahrscheinlich den dritten der vier Becher Wein, die die Jünger beim Passahmahl trinken – und wieder löst er Verwirrung bei ihnen aus, als er sagt: »Das ist mein Blut, mit dem der neue Bund zwischen Gott und den Menschen besiegelt wird. Es wird zur Vergebung ihrer Sünden vergossen« (Matthäus 26,28). Dieser Verweis auf den Kelch der Erlösung gehört ebenfalls nicht zum Passahmahl, auch wenn die Jünger den Ausdruck »Blut, mit dem der Bund ... besiegelt wurde« vermutlich trotzdem wiedererkennen.
Er kommt nämlich schon in 2. Mose 24,8 vor, wo Mose, als Gott offiziell einen Bund mit dem Volk Israel eingeht, die Menschen mit dem Blut von Stieren besprengt und dabei die Worte spricht: »Das Blut besiegelt den Bund, den der Herr mit euch geschlossen hat.« Vielleicht erinnern sich die Jünger ja auch daran, was Gott danach durch den Propheten Jeremia sagt:
So spricht der Herr: »Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe.
Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie mit starker Hand aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war!
Der neue Bund mit dem Volk Israel wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.
Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den Herrn!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt.«
(Jeremia 31,31–34)
Gott sagt durch Jeremia, dass die Israeliten an Gott gebunden sind, wie eine Frau an ihren Mann gebunden ist; aber sie haben ihn betrogen, sich immer wieder von Gott abgewandt. Also sagt Gott im Grunde: »Ich werde einen neuen Bund mit euch schließen müssen.« Jesus hat sicher diese Worte im Sinn, als er den Kelch in der Hand hält; und ganz sicher ist das inzwischen nicht mehr nur die Geschichte des Volkes Israel, sondern unser aller Geschichte – eine Geschichte der Zerbrochenheit und des Verrates und darüber, wie dringend nötig wir Vergebung haben.
Als Jesus sagt: »Das ist mein Blut, mit dem der neue Bund zwischen Gott und den Menschen besiegelt wird. Es wird zur Vergebung ihrer Sünden vergossen« (Matthäus 26,28), verändert er dadurch alles. Er verwandelt das Passahmahl und schenkt stattdessen allen Menschen das Abendmahl. Die Israeliten sind durch das Blut von Tieren zu seinem Volk geworden; das Letzte Abendmahl ist die Gründung eines neuen Bundes durch das Blut Jesu, und zwar nicht nur ein Bund mit den Stämmen Israels, sondern mit der ganzen Menschheit. Das Passahmahl, das einmal die Geschichte der Befreiung des Volkes Israels aus der Sklaverei nacherzählt hat, ist von nun an die Geschichte der Befreiung der gesamten Menschheit von Sünde und Tod durch Gott. In diesem Augenblick schenkt Gott der gesamten Menschheit einen Neuanfang und neues Leben und macht diejenigen, die Jesus nachfolgen wollen, zu seinem Volk, zu seiner Braut. In diesem Mahl und durch seinen Tod und seine Auferstehung lädt Jesus die gesamte Menschheit ein, das Volk des Bundes Gottes zu werden.
Die letzten 24 Stunden im Leben von Jesus sind die Geschichte Gottes, dessen Liebe zu seinem Volk so erstaunlich und so umfassend ist, dass er seinen Sohn schickt, der sein Leben lässt, als Zeichen und Siegel für den Bund, durch den die Menschheit vom Tod erlöst wird. Durch seinen Geist legt Gott den Menschen seine Gebote ins Herz, vergibt ihnen ihre Schuld und denkt nicht mehr an ihre Sünden.
Im ersten Brief an die Korinther erinnert uns Paulus an Jesu Worte: »So oft ihr aus diesem Kelch trinkt, denkt an mich und an das, was ich für euch getan habe« (1. Korinther 11,25). Das Letzte Abendmahl soll wiederholt werden als Erinnerungsmahl an den neuen Bund, genauso wie das Passahmahl als Erinnerungsmahl an Gottes zentrales Erlösungshandeln in den heiligen Schriften des Volkes Israels gedacht war. Dieses Mahl, dieses neue Passah, das Abendmahl, soll eine ewige Erinnerung an die Liebe Gottes sein und an das Opfer seines Sohnes. Es soll das Mahl sein, bei dem wir Christen uns an unsere Geschichte erinnern, und dadurch soll unser Leben umgestaltet werden.
Wenn wir das Abendmahl als Entsprechung des Passahmahls sehen, machen wir uns die jüdischen Erkenntnisse über dieses alte rituelle Mahl zu Nutze. Wenn wir wissen, was es für das jüdische Volk bedeutet und wie es sich auf ihr Leben auswirkt, dann hilft uns das zu begreifen, wie Jesus es betrachtete, und welche Wirkung des Abendmahls er sich für uns wünscht.
»[Das Passah Seder] ist die Zeit, in der wir uns so, wie es in 2. Mose beschrieben wird, daran erinnern, wie wir nach Gott geschrien haben, als wir noch Sklaven waren, und wie Gott unser Schreien erhört und uns aus Ägypten herausgeführt hat«, sagt Rabbi Katz. »Das ist eine zentrale Geschichte. Und es ist auch die zentrale Geschichte, wie wir als Volk geboren wurden. Der Zweck des Mahls besteht darin, diese Geschichte für jeden, der mit am Tisch sitzt, auf jede nur denkbare Weise zugänglich zu machen. Alle müssen es kapieren, weil es unsere wichtigste Geschichte ist.«
Die Verheißung des Passahmahles (Sedermahls), so sagt Rabbi Katz, spiegelt sich wider in einer Zeile, die traditionell während des Abends gesungen wird. Sie stammt aus der Mischna (dem jüdischen religiösen Regelwerk) und besagt, dass sich die Menschen in jeder Generation so sehen sollten, als wären sie Sklaven in Ägypten. »Man fängt als Sklave an«, fügt sie hinzu; »und am Ende des Abends ist man frei.«
Auf welche Weise soll das christliche Abendmahl Christen helfen, sich ihre eigene Versklavung und Befreiung in Erinnerung zu rufen?
Ein Mahl, das uns definiert
Ich glaube, indem Jesus das Passahmahl zum Abendmahl macht, will er zeigen, dass dieses Mahl definiert, wer wir sind. Es erinnert uns daran, dass wir von jemandem erlöst worden sind; dass unsere Freiheit von jemandem erkauft wurde; dass Gott Mensch geworden ist, gelitten hat und für uns gestorben ist. Das ist die Geschichte, an die wir uns erinnern sollen. Es ist eine große, eine wichtige Geschichte, und wir müssen sie wirklich verinnerlichen, wenn wir Jesus Christus nachfolgen wollen. Wir müssen uns selbst bei diesem Mahl und am Kreuz sehen und wissen, dass Jesus für uns gestorben ist. Jedes Mal, wenn wir das Brot brechen und den Wein trinken, erinnern wir uns daran; und dadurch werden wir umgestaltet. Das Mahl erinnert uns daran, woher wir kommen, und es definiert, wer wir sind und wer wir sein werden. Es ist für uns Christen die Erinnerung an unsere Geburt als ein Volk. Wir kommen zu diesem Mahl zusammen und erinnern uns daran, dass wir versklavt waren an die Sünde und den Tod und nur für uns selbst und allein gelebt haben. Und nach dem Mahl sind wir frei, sind wir Menschen, die ihren Erlöser kennen, die beschlossen haben, ihm nachzufolgen, und die seine Gnade und Barmherzigkeit für ihr Leben annehmen. Es ist ein feierliches, freudiges Ereignis, weil es für unsere Befreiung steht. Es wird auch »Eucharistie« genannt, das ist griechisch und bedeutet »Danksagung«. Es ist ein tiefgründiges und heiliges Mahl voller guter Nachrichten. Und genauso wie eine gute Nachricht soll es auf uns wirken.
Von welchen Erinnerungen werden Sie bestimmt? Gibt es Ereignisse oder Worte, die wie in einer Endlosschleife in Ihrem Kopf ablaufen? Ist es die Misshandlung oder der Missbrauch, die Sie als Kind erlebt haben? Sind es Worte, die ein Elternteil, ein Lehrer oder ein Freund gesagt hat? Oder ist es eine Beleidigung oder Herabsetzung, die tief getroffen hat, eine Verletzung, die Sie nicht vergessen können? Eine Gewohnheit oder eine Sucht, die Sie einfach nicht loswerden?
Das alles sind Dinge, durch die Sie nicht bestimmt werden sollen. Es gibt noch etwas anderes, eine umfassendere, größere Geschichte, die Sie definiert. Für das Volk Israel ist diese größere Geschichte, an die jedes Jahr aufs Neue erinnert wird, der Auszug aus Ägypten, der zusammengefasst ist mit den Worten: »Wir waren einmal Sklaven, aber jetzt sind wir frei.« Für Sie und mich als Christen ist die Geschichte, durch die wir definiert sind, ebenfalls von einem Mahl begleitet und von einigen wichtigen Worten:
»In der Nacht, in der unser Herr Jesus verraten wurde, nahm er das Brot dankte Gott dafür, brach es und sprach: ›Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. So oft ihr dieses Brot esst, denkt an mich und an das, was ich für euch getan habe!‹
Nach dem Essen nahm er den Kelch und sprach: ›Dieser Kelch ist der neue Bund zwischen Gott und euch, der durch mein Blut besiegelt wird. So oft ihr aus diesem Kelch trinkt, denkt an mich und an das, was ich für euch getan habe. Denn jedes Mal, wenn ihr dieses Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündet ihr, was der Herr durch seinen Tod für uns getan hat, bis er kommt.‹ «
(1. Korinther 11,23–26)
In einer der ältesten noch erhaltenen christlichen Predigten hebt Bischof Melito von Sardis hervor, dass das Passahfest nicht nur dazu gedacht war, die Israeliten an Gottes Erlösungswerk durch Mose zu erinnern, sondern auch, um sie auf das hinzuweisen, was er 1 200 Jahre später durch Jesus Christus für die ganze Welt tun würde. So, wie wir glauben, dass uns das heilige Abendmahl wieder ans Kreuz zurückführt, um uns daran zu erinnern, was Gott für unsere Rettung getan hat; so weist es auch voraus auf den Tag, an dem wir dieses Mahl im Himmel zu uns nehmen werden. Paulus bringt genau diesen Gedanken zum Ausdruck, wenn er sagt, dass wir dieses Mahl zu uns nehmen, um den Tod Christi zu verkünden, bis er wiederkommt (1. Korinther 11,26).
Und an noch etwas sollen wir denken, wenn wir über das Letzte Abendmahl nachdenken: Als für Jesus der Tod näher rückt, findet er Trost in der Gemeinschaft mit seinen Freunden. Im Lukasevangelium ist nachzulesen, dass Jesus zu seinen Jüngern sagt: »Wie sehr habe ich mich danach gesehnt, mit euch das Passahmahl zu essen« (Lukas 22,15). Im Bericht des Apostels Johannes spricht Jesus mit den Jüngern über seine Liebe zu ihnen und nennt sie nicht Knechte oder Schüler, sondern Freunde (Johannes 15,15). In den Stunden, bevor Jesus verhaftet, vor Gericht gestellt und zur Kreuzigung verurteilt wird, ist er mit den zwölf Männern zusammen, die seine Gefährten und enge Vertraute sind; mit Männern, mit denen er gebetet, Gott gepriesen und das Leben geteilt hat. Als er in dem Wissen, dass er sterben wird, geht, um zu beten, bittet er die, die ihm am nächsten sind, mit ihm zu beten.
Beachten Sie, dass diese engen Gefährten und Vertrauten nicht perfekt sind. Sie haben Jesus bereits zuvor im Stich gelassen, und sie werden es wieder tun. Einer von ihnen wird ihn sogar verraten. Dennoch sind sie die besten Freunde, die er hat; und sie sind bei ihm, als seine finsterste Stunde naht.
Die ersten Christen kamen in den Vorhöfen des Tempels zum Gebet zusammen und trafen sich in kleineren Gruppen in den Häusern Einzelner, so wie auch Jesus mit kleinen Gruppen zusammengekommen war. In vielen modernen Gemeinden spielen Kleingruppen eine so große Rolle, weil jeder Mensch genau wie Jesus enge Freunde braucht, mit denen er seinen Weg gemeinsam gehen kann, die ihn hinterfragen, ihm helfen und ihn im Glauben unterstützen. Das ist für uns heute genau so wichtig, wie es damals für Jesus war.
Wenn Sie wüssten, dass Sie nur noch einen Tag zu leben hätten, dass es Zeit für Ihr letztes Abendessen wäre, mit wem würden Sie dann an einem Tisch sitzen? Natürlich mit Ihrer Familie. Bei mir wären es LaVon und meine Töchter, und natürlich meine Eltern. Die anderen Leute am Tisch wären aus meiner Kleingruppe. Das sind die Leute, mit denen ich mich jede Woche zum Beten und Bibellesen treffe. Sie haben mich im Laufe der Jahre immer wieder ermutigt und sind mir zum Segen geworden. Wir haben uns gegenseitig im Krankenhaus besucht, und wir haben in schweren Zeiten füreinander gebetet. Wir teilen einfach unser Leben miteinander, und die Folge ist, dass diese Menschen meine engsten Gefährten geworden sind.
Ich frage mich, ob Sie auch solche geistlichen Freunde haben, Leute, die Sie durch schwere Zeiten hindurchbeten, Leute, mit denen Sie über den Glauben reden können, Leute, denen Sie Sünden bekennen können, und die auch Ihnen Sünden beichten können – Leute, die sich gegenseitig vor Jesus bringen.
Jesus brauchte solche Freunde, und Sie brauchen sie auch. Ich muss dabei an einen Mann aus meiner Gemeinde denken, der solche Freunde in unserer Männerbibelgruppe gefunden hatte. Er hatte Krebs gehabt, und nachdem er zwei Jahre krebsfrei gewesen war, war der Krebs jetzt zurückgekehrt. In den letzten anderthalb Jahren seines Lebens, in denen er nicht mehr an der Kleingruppe teilnehmen konnte, trugen diese Männer ihn. Sie beteten für ihn, machten ihm Mut, segneten ihn und liebten ihn bis zum Ende. Bei seiner Beerdigung waren sie alle da, eine Truppe von Brüdern, die gemeinsam gelebt und das Leben miteinander geteilt hatten.
Bei einer Frau aus unserer Gemeinde wurde Eierstockkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert: Ihre Kleingruppe begann für sie zu beten und ihr Mut zu machen. Als sie durch die Chemotherapie ihr Haar verlor, kam einer der Männer aus der Gruppe eines Abends mit kahl rasiertem Kopf zum Treffen und sagte zu ihr: »Ich werde so lange kahl bleiben, bis dein Haar wieder gewachsen ist.« Das war seine Art zu sagen: »Wir stehen das gemeinsam durch. Ich bin dein Bruder in Christus.« Sie feierten beide, als ihr Haar wieder nachgewachsen war.
Solche Freundschaften passieren aber nicht einfach so, sondern sie wollen gepflegt sein. Sicher gibt es auch in Ihrer Nähe eine Gemeinde mit Kleingruppen. Wenn nicht, dann laden Sie doch ein paar Bekannte, Nachbarn oder Freunde ein und gründen Sie eine solche Gruppe. Treffen Sie sich ein Mal wöchentlich, um zusammen zu beten, in der Bibel zu lesen und sich gegenseitig zu unterstützen. Jesus hat so eine Gruppe gebraucht, und wenn es bei ihm so war, wie viel nötiger haben dann erst wir eine solche Gruppe!
Beim Letzten Abendmahl sitzt Jesus mit seinen Jüngern zusammen, einer Horde von Außenseitern. Es sind Fischer dabei, ein Steuereintreiber, der mit den Römern zusammengearbeitet hat, ein Zelot, der die Römer umbringen will, also eine Mischung aus ungestümen und schüchternen Männern. Einer von ihnen wird Jesus verraten, einer wird ihn verleugnen und alle werden sie ihn im Stich lassen; aber dennoch sind sie seine Freunde. Indem er mit ihnen das Brot bricht, lehrt er sie ein letztes Mal. Er zeigt ihnen seine Liebe. Im Johannesevangelium lesen wir, dass er ihnen die Füße wäscht. Er schenkt ihnen ein Mahl, durch das sie sich für den Rest des Lebens an ihn erinnern werden. Und von damals bis heute verbindet es die Jünger Jesu jedes Mal miteinander, wenn sie Brot und Wein miteinander teilen als seine Anhänger, und es erinnert sie daran, dass er immer da ist.
3Das steht nur im Markusevangelium (11,11) so. Im Matthäus- und Lukasevangelium geht Jesus sofort in den Tempel und verjagt die Händler und Geldwechsler.
Pulsuz fraqment bitdi.