Kitabı oxu: «Fern von hier»
Über dieses Buch
Adelheid Duvanel ist eine Meisterin der kleinen Form. Die radikale poetische Kraft ihrer Sprache macht sie zu einer der bedeutendsten Stimmen der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts.
Ihre kurzen Erzählungen sind Momentaufnahmen aus dem Leben von meist versehrten Existenzen, die sich aber in ihren fatalen Verhältnissen mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegen. In ihrem eigensinnigen Beharren auf ihrer Sicht der Welt bewahren sie sich ihre Würde gegen die Zumutungen des Lebens. Ja, sie finden gerade in der Abweichung vom Verlangten eine Kühnheit, die den Texten ihre umwerfende Energie gibt. Die Erzählungen sind von hoher poetischer Präzision, jede Figur «in Einzelanfertigung». Trotz ihres manchmal finsteren Inhalts leben die Texte von überraschenden, absurden Wendungen und einer wunderbaren hintergründigen Komik.
Diese Ausgabe vereinigt erstmals sämtliche in Buchform sowie in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien erschienenen Erzählungen Adelheid Duvanels in einem Band, der dieser grossartigen Autorin wieder den Platz in der Literatur einräumt, der ihr gebührt.
«Unabweisbar bleibt die Frage, warum die deutsch sprachige Literaturkritik nicht zu Lebzeiten Adelheid Duvanels die Einzigartigkeit dieser Schweizer Erzählerin bemerkt hat.» Peter Hamm
«Adelheid Duvanels Erzählen ist von einer unheimlichen Einmaligkeit. Kein Satz ist bei ihr vorhersehbar, und doch wirkt jeder zwingend notwendig. Was sie schreibt, sind Komödien der Einsamkeit. Zwielichtig. Den Namenlosen gibt sie einen Namen, den Abseitigen ein unverwechselbares Gesicht.» Peter von Matt
«Wenn für diese schon beim Lesen seltsamen Kürzest-Erzählungen fast ohne Handlung, die nach der Lektüre in der Phantasie des Lesers zu arbeiten beginnen, eine Gattungs-Bezeichnung gesucht werden soll, so hat Adelheid Duvanel sie mit dem Titel ihres ersten Bandes schon gefunden: ‹Windgeschichten›. Sie jagen vorbei wie ein Windstoss, schenken einen Hauch von Freiheit, von Sehnsucht anderswohin, bringen viel durcheinander, zerzausen wohlgekämmte Ansichten.» Rolf Michaelis, Die Zeit

Adelheid Duvanel, geboren 1936 in Pratteln und aufgewachsen in Liestal, machte eine Lehre als Textilzeichnerin. Sie arbeitete auf verschiedenen Bürostellen sowie als Journalistin und Schriftstellerin. Von 1962–1981 war sie mit dem Kunstmaler Joseph Duvanel verheiratet, mit dem sie eine Tochter hatte. Bis auf ein Jahr auf Formentera lebte sie in Basel, wo sie 1996 starb. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann sie unter dem Pseudonym Judith Januar in den Basler Nachrichten, in Anthologien und literarischen Zeitschriften. Ab 1980 erschienen ihre Erzählbände im Luchterhand Verlag. Duvanel wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Kranichsteiner Literaturpreis.
Adelheid Duvanel
Fern von hier
Sämtliche Erzählungen
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Elsbeth Dangel-Pelloquin
unter Mitwirkung und mit einem Essay von Friederike Kretzen
Limmat Verlag
Zürich
Windgeschichten
Der Dichter
Noch vor einigen Monaten bemühte ich mich, gesellig zu sein. Ich lockte fremde Menschen in mein Haus; wie blutige Blumen leuchtete der Wein aus den Gläsern, die ich ihnen reichte. Am frühen Morgen liefen die Augen der jungen Frauen und Männer aus, sickerten warm über ihre Hälse, hüpften über die Schlüsselbeine und rannen tiefer. Ich aber saß nüchtern wie Cellophan im zerschlissenen Sessel neben der Zentralheizung und beobachtete ihre Tänze; sie lösten sich von den Mauern, an denen sie sich festgekrallt hatten, und flatterten wie Efeu im Wind. Ich versuchte als Kind, mit Hilfe von kleinen Gesten, von andeutenden Worten mit Menschen in Kontakt zu treten, doch sie liebten das Laute, das Deutliche, das ich verabscheute. Sie konnten mich nicht verstehen. Meine ältere Schwester und ich wuchsen ohne Mutter auf. Ich erinnere mich, dass unser Vater die Worte «Enthaltsamkeit» und «Opfer» liebte; er gehörte einer abstrusen Sekte an, zu der auch wir gehören mussten, doch als ich sechzehn war, schwänzte ich die gottesfürchtigen Versammlungen, die mir Magenschmerzen verursachten. Litt ich während des Essens an Durst, sprach Vater: «Iss Salat»; das Trinken, selbst von Wasser, betrachtete er als Ausschweifung; unsere Gaumen und Herzen hatten trocken zu bleiben.
Meine Schwester verließ den Vater früher als ich, aber als ich dann aus der Kälte meines Elternhauses fortging in die Kälte der Welt, war ich noch nicht flügge. Ich verrannte mich, blieb hängen, wurde zum Spielball und fiel tief; ja, ich heiratete beinah. Heute treibe ich auf einer Eisscholle immer weiter von jenem Ufer fort, das sich flach und freudlos in der Ferne abzeichnet und nicht undeutlicher wird. Die Stille um mich ist von Angst gespannt, aufgebläht wie eine Riesenwolke.
Jeden Tag spaziere ich mit meiner Hündin, die auf die genau gleiche Weise hinkt wie ich (ich bin mir des lächerlichen Anblicks bewusst), durch das Vorstadtquartier; wenn ich stehen bleibe, verhält auch das Tier den Schritt und blickt zu mir auf. Auf einem dieser Spaziergänge geschah es, dass ich zum Dichter wurde: Am Straßenrand stand ein Auto, das der Frost vielleicht unsichtbar machen wollte, denn es schien in ein weißes, dünnes Seidenpapier verpackt. Auch der Himmel, der zwischen den weißen Dächern baumelte, war weiß. Als ich das Auto beinah erreicht hatte, sah ich, dass der Finger eines Kindes es mit Buchstaben, mit einem Wort zurückholen wollte aus dem Versteck, es zugleich verwandelte, ihm seine Bedeutung als Auto, die durch die weiße Verkleidung schon in Frage gestellt war, noch einmal und mit Nachdruck wegnahm. Auf der Kühlerhaube stand etwas geschrieben, ein Wort, das mein Interesse weckte; nahe vorbeigehend, entzifferte ich: ZORN. Ich war erregt, eigenartig aufgewühlt, als teile mir das nackte Gesicht einer weiß verhüllten Braut etwas mit, als läse ich in ihrer Miene eine Botschaft, die mit ihrer Eigenschaft als Braut nicht in Zusammenhang stand. Seit jenem Augenblick frage ich mich, ob nicht Worte über der großen Leere, über dem Abgrund, in den mein Leben gefallen ist, eine neue Welt schaffen können. Ich schreibe nun Tag und Nacht Wörter, male mit ihrem Klang die Fluten des Himmels, die einen tollwütigen Fisch vor mein Fenster treiben; ich baue Türme und Brücken, lasse die Sonne mit blitzendem Besen die Schatten aus den Schluchten kehren und schüttle den Kopf, wenn der Wind, den ich beschreibe, wie ein Vagabund in einem Winkel alte Zeitungen liest; hastig, mit lachhafter Neugier, blättert er um.
Das Getüm
Durch die offene Balkontür, vor der Wotanek am Tisch sitzt, sehe ich am Geländer einen zusammengeklappten, gelben Plastikliegestuhl. Wotanek massiert mit dem kleinen Finger der linken Hand seinen abgebrochenen Schneidezahn mit einer Inbrunst, die vermuten lässt, dass er sich von dieser Massage eine Wirkung erhofft. Ich kenne Wotanek schon lange; die zusammengekrümmte Haltung ist für ihn typisch. Als er ein kleiner Springumsquartier war, wollte niemand mit ihm spielen, da er den Ball immer fallen ließ. «Bewegungstrottel» nannte ihn, später, seine Gattin Helga, eine wahre Eisheilige; am Hochzeitstag küsste sie ihn auf die Nasenspitze, worauf diese erfror. Helga kenne ich erst seit kurzem, weiß also nichts über ihr früheres Leben; sie ist eine großgewachsene Frau mit behaarten Beinen, die stets weiße Turnschuhe trägt.
Wotanek streikte als Kind mit einer Ausdauer, die erstaunlich ist; seine Absage an die Spielregeln unserer Welt bewirkte, dass sogar seine Gesichtsmuskeln den Dienst versagten; so kam es, dass er gleichsam zugemauert, unerkannt, ganz im Verborgenen lebte. Ich vermute, diese Daseinsart entwickelte sich aus einer außerordentlichen Empfindsamkeit. Er war Heimzögling und hatte seinen Vater nicht gekannt, einen Apotheker, der in seiner Freizeit kilometerlange Papierstreifen mit Lösungsversuchen eines mathematischen Problems vollschrieb und schließlich, sich den Misserfolg seiner Bemühungen zu Herzen nehmend, Selbstmord verübte. Die Mutter war schon vorher aus Gram über diesen Mann gestorben. Da Wotanek den Tod seiner Eltern nicht beweinen konnte, trauerte er heimlich beim Anblick kahler Äste, die der Wind wie Teile eines zerrissenen Netzes vor dem Himmel schwang – um nichts zu fangen; gab es eine Beute außer dem kleinen Wotanek? Auch die immerwährende Melancholie der Katze, die zum Heim gehörte, verstörte ihn, und es gab niemanden, den er an seinen Seelenschmerzen teilnehmen ließ.
Des Knaben scheinbar steinerne Gelassenheit reizte seine Erzieher; er begriff ihr Unverständnis, betrachtete sie aber mit Wonne als seine Feinde und vermochte sie insgeheim zu hassen. Manchmal verließ ihn aber diese einzige Freude, dann glaubte er, er sei eine Warze, die man wegätzen müsse.
Als Helga, die junge Erzieherin, ins Heim eintrat, hatte Wotanek sich eben in seinem Innern ein zärtliches Getüm erschaffen, das ihn zu Tode biss, ein Loch für seinen Leichnam grub und aus Verzweiflung über seinen Tod die Nächte mit Geheul sprengte. Wotanek war reif für die Liebe und beinah glücklich, was sich nicht änderte, als Helga ihn am Tage seiner Volljährigkeit heiratete. Sie hatte zwar ihre Stelle als Erzieherin verloren, doch da sie tüchtig war, arbeitete sie in verschiedenen Berufen zur Zufriedenheit ihrer Arbeitgeber. Sie verwöhnte und demütigte Wotanek, der nun kränkelte und in wenigen Jahren zu einem schönen Skelett wurde, das meist lesend in einem Lehnstuhl kauerte. Wenn Helga nach der Arbeit mit strammen Schritten die Wohnung durchmaß, summte sie: «Auf, du junger Wandersmann», was aber Wotanek nicht zu irritieren schien. Er lebte nun sozusagen hinter doppelten Mauern; hinter der Wand seines Gesichts und hinter den Deckeln der Bücher – und auch vor sich selber hatte er sich versteckt: So gestand er sich nicht ein, dass er von seiner Gattin, die er in jugendlicher Verstiegenheit mit dem Getüm verwechselt hatte, enttäuscht war; er verstummte, führte nicht einmal mehr Selbstgespräche.
Ich trete im Zimmer des Kurhauses, in dem Wotanek nach einer Operation die letzten Tage seines Lebens verbringt und mit den Boten des Todes, den Schmerzen, geduldig umgeht, leise näher. Jenseits des Balkons sehe ich Wiesen, auf denen sich wie Reste einer Krankheit Schneegeschwulste erheben, und über einem Abgrund, die Füße von Stechpalmen bewachsen, einen Nadelbaum, der sich streckt, um den verschlossenen Himmel zu berühren. Weit unten bewegt sich die Schuppenhaut des atmenden Sees. Ich neige mich über Wotaneks kurzes, bleifarbenes Haar und flüstere: «Wotanek, ich, das Getüm …» Er wendet mir langsam das starre Gesicht mit der Nase ohne Spitze zu; sein Blick, nur bereit für das geschriebene Wort, buchstabiert mich mühsam, dann öffnen sich die Augen weit. Ich lege die Hände an seine Ohren, verbeuge mich tief und durchbeiße seine Kehle. Nun werde ich ein Grab schaufeln und schreien.
Der Flügel
Im sich schließenden Kelch des Himmels schimmert wie ein Wassertropfen der Mond; das Lied einer Amsel schlingt Girlanden aus Duft um die Stadt. Dunkel kauern Bäume in den Gärten, der Lärm einiger Autos und Motorräder fällt vorbei und löst sich auf in der Finsternis am Ende der Straße.
Werner, ein rundlicher Mann mit einem Faultiergesicht, sitzt auf dem Bett in der Ecke – knapp einen Meter vom glänzenden Flügel entfernt – und erinnert sich: Im Saal der Musikschule, wo es nach Bodenwichse riecht und die Luft abgestanden ist wie im Theatersaal eines Mädcheninternats (die Schülerinnen sprechen dort, zwischen den Stuhlreihen am Boden kniend, ihre Abendgebete), gab Esther ihr Diplomkonzert. Werners Herz formte sich zu einem spitzen, harten Kern, und der Magen schien wie ein Fetzen Tuch in einer schlecht geschlossenen Schublade eingeklemmt; er hatte Angst um sie, fürchtete, sie könne versagen, obwohl er sie nicht kannte, aber sie schien so zart. Sie hatte krauses Haar und Augen von einem erschreckenden Gasflammenblau, wie er es noch nie gesehen hatte. Während der Pause, als alle Leute hinausströmten, blieb Werner im Saal sitzen; eine Hummel irrte im Zickzack durch den hohen Raum; ihr Schatten huschte als grauer Fleck vorbei, ihr eintöniges Surren ging in unregelmäßigen Abständen in ein ersticktes Zischen über, wenn sie gegen eine Wand stieß.
Werner besucht Konzerte, weil er Musikkritiken für eine mittelgroße Zeitung schreibt. Stets bangt er um die Musiker; er bewundert ihren Fleiß, ihre Hingabe und ihren Mut und ist froh, dass sie nicht in Ohnmacht fallen. Der Applaus des Publikums entzückt ihn, und wenn Blumen überreicht werden, weint er beinah. Er lobt die Interpreten in schwülstiger Sprache, beschreibt die mutmaßlichen Empfindungen des Publikums während des Konzerts und berichtet Anekdoten über die Komponisten, die er aus seinen in Buchantiquariaten erstandenen Musikerbiografien abschreibt. Er möchte seine Leser unterhalten, an den Strängen ihrer Gefühle ziehen und in ihren Herzen frommes Sonntagsgeläute erklingen lassen.
Am Tag nach jenem Konzert sandte er Esther eine Kopie seiner Besprechung und kaufte für sie den Flügel; er ließ ihn in den einzigen Raum seiner Sozialwohnung stellen, in der er seit vielen Jahren haust, und zahlt ihn in Raten. Der Flügel wohnt im Zimmer wie ein düsteres Tier in einem zu engen Käfig. Werner benützt ihn, da er seinen Tisch aus Platzmangel verkaufen musste, als Esstisch, Toilettentisch und Arbeitstisch und telefoniert Esther in regelmäßigen Abständen; sie antwortet ausweichend mit einer netten Kinderstimme. An einsamen Abenden stellt er sich vor, wie sie ihre kleinen, hellen Hände über der Klaviatur auf und ab würfe; flink paddelte sie durch den Strom der Melodien, so dass es im Zimmer strudelte und plätscherte und Werner, auf dem Bett sitzend wie Noah in der Arche, die Füße anzöge und über seine Rettung lächelte.
Nun ist Esther tot, ohne Werner kennengelernt, ohne am Flügel gespielt zu haben, der sich in ihren Sarg und in ihr Denkmal verwandelt hat. Heute Morgen hat Werner die Todesanzeige in der Zeitung gelesen, während er, am geschlossenen Instrument sitzend, seinen Kaffee trank; ein Unfall hat die junge Pianistin ihren trauernden Angehörigen entrissen. Werner, der über ihr Spiel eine Rezension wie ein Gedicht verfasst hatte – so blumentraurig, so zärtlich und bewegend –, hat man mit keiner Zeile erwähnt; er gehört nicht in den schwarzen Rahmen, in dem die gottergebene Familie sich in der Zeitung ausgestellt hat, grollend, weil sie von der Tochter, Nichte und Enkelin verlassen worden ist. Aber auch Werner ist von Esther im Stich gelassen worden; sie ist davongegangen in eine unüberprüfbare Welt, hat rücksichtslos Kunde gegeben von einer Bedürfnislosigkeit, die Werner zutiefst beleidigt.
Die Nacht hängt ein schwarzes Tuch hinters Fenster, so dass kein Laut mehr hereintritt. Werner streckt sich auf dem Bett aus. Er weiß nun, wie Esther gestorben ist: Es waren Zündschnüre gelegt. Plötzlich stand Esther in Flammen! Sofort versprühte der Himmel seinen Saft, der hart auf Dächer, auf aufgespannte Schirme und in den Fluss sprang, ohne das wilde Feuer löschen zu können, von dem Esther beleckt und aufgefressen wurde, bis nichts mehr von ihr übrigblieb.
Aufbruch mit drei Plüschaffen
Über Nacht ist die Welt reif geworden; ein zarter, weißer Schimmel ist auf ihr gewachsen – Frühlingsschnee. Auf den Dächern gibt’s keine Spuren von Füßen und Rädern; dort oben ist die Welt jenseits der Angst. Hier unten zählen Menschen ihre Schritte, passen Stimmen sich den Stimmen an; es gibt aber Menschen, die sich nicht an das Hiersein gewöhnen können.
Im Innern der Häuser sind die Paradiese und Höllen der Menschen aufgebaut, mit Lampenlicht beleuchtet und vor Neugierde abgeschirmt. Auf der Lampe im Wohnzimmer von Tante Martha schaukeln drei Plüschaffen, die Daniel von seiner Mutter geschenkt erhalten hat; hier wohnt auch Onkel Benno. Onkel Benno ist Gitarrenlehrer; seine Vogelbeine stecken stets in weißen, mit Benzinseife gewaschenen Hosen. Der achtjährige Daniel sagt zu ihm beispielsweise: «Du bist eine schiefhängende Hausnummer» und wartet dann ab. Onkel Benno lächelt und säuselt: «Du träumst.»
Daniels Mutter hat vor einigen Jahren Selbstmord verübt; sie sprang mit dem Fotoalbum unter dem Arm aus einem Fenster, was ein peinlicher Tod ist, den man Daniel verheimlicht, doch er weiß alle Einzelheiten, als ob er ihn inszeniert hätte. Die Türpfosten von Onkel Bennos Haus sind rosa gestrichen; oben steht «guitar shop», und im Schaufenster warten die Instrumente in Reih und Glied auf Käufer.
Daniel kommt aus der Schule; die getönten Brillengläser werfen einen gelben Schatten auf seine Wangen. Die Bläue des Himmels ist zwischen die Häuser gesunken, und von den Dächern tropft Wasser. Fremd sind die Leute, die sich auf der Straße bewegen, und fremd ist Daniel; wenn ihn Tante Martha einlässt, büßt er ein wenig von seinem Fremdsein ein. Sie öffnet sonst niemandem ihre Tür; sie hat nichts zu geben und erwartet nichts.
Heute geht Daniel an den rosa Türpfosten vorbei und weiter die Straße entlang; seine Augen sind plötzlich mit grellem Sonnenlicht gefüllt. Er hat den Eindruck, sein Gesicht habe sich in diesem beißenden Licht verunstaltet; er bedeckt es mit den Händen, um die Leute nicht zu erschrecken. Alles ist in Auflösung begriffen. Er denkt, dass Tante Martha im Bett liege und über den Föhn klage, der ihr Herz zusammenpresst, während Onkel Benno mit seinen Schülern ein Frühlingslied übt. Daniel will fortgehen, um auf einem Dach zu leben; auf dem höchsten Dach der Stadt. Als seine Mutter tot war, hatte er den Eindruck, jemand habe ihn losgeschnitten, wie man die Fäden einer Marionette durchschneidet, so dass sie leblos zu Boden fällt. Er wurde liegengelassen. Nun trägt er die drei Plüschaffen in seiner Schulmappe mit sich; er wird für sie ein Reich gründen; er wird ihr Herrscher und der Herrscher der Vögel sein, die mit den Wolken über sein Dach fliegen und grüßen.
Tante Martha kommt ihm entgegen; sie geht schief, weil sie eine schwere Einkaufstasche trägt, und wirkt wie ein drohender Schatten im Gegenlicht. Daniel versucht, seinen Unterkiefer nach hinten zu drücken, um ihr nicht zu gleichen; es ärgert ihn auch, dass er wie sie einen kleinen Buckel hat, und er bemüht sich um eine aufrechte Haltung. «Wo gehst du hin?», fragt Tante Martha; ihre haferfarbenen Augen blicken durch ihn hindurch. Daniel lässt die Schultern nach vorn fallen und gibt seinem Unterkiefer die alte Form.
«Du hast die Affen von der Lampe genommen», sagt Tante Martha, «in der Schule spielt man nicht mit Affen.» – «Du bist ein ausgetrocknetes Tintenfass», antwortet Daniel und wartet ab, doch Tante Martha lächelt und säuselt nicht, sondern setzt ihren Weg mit kaltem Gesicht fort; er folgt ihr.
Sechs Ecken
Helen kann den Ofen, der hinter der Tür steht, nicht heizen; der Rauch kröche zwischen den zerbrochenen Kacheln hervor, und da das Zimmer im Ganzen einen recht höflichen Eindruck macht, würde es sich nicht gegen den Rauch zur Wehr setzen, wie es sich auch nie gegen die Küchendämpfe empört hat, als Wendelin – Helens Mann – noch seine Mahlzeiten in der Küche nebenan kochte und die Tür offenstehen ließ.
Die Tür steht immer noch offen; meist vergisst Helen auch, die Wohnungstür zu schließen, denn an die Leute, die dort draußen vorbeigehen und den Türspalt ins Auge fassen, verschwendet sie keinen Gedanken. Sie sind ihr gleichgültiger als der ausgestopfte Rabe, der auf der Lehne des Kanapees steht und seine Füße betrachtet. Vielleicht träumt er von der Sonne, die ihre flammenden Wangen hinter Schleiern verbirgt und immer tiefer in den Winterhimmel sinkt.
Die Wohnung liegt im Parterre; da die Rollläden morsch und auseinandergefallen sind, schützen nur isabellfarbene Vorhänge vor der Nähe der unverständlichen Tage. Eine runde Lampe – in einer Ecke des Zimmers – schwimmt im Fensterglas, schwebt zwischen innen und außen wie ein starrer, gelber Fisch. Wendelin ist nicht mitgekommen ins Neue Jahr; er ist irgendwo im Alten geblieben – dort draußen. Helen glaubt, es sei in andern Zeiten gewesen, als er sang: «Ein Fräulein freut sich im Freuhling»; Helen saß auf dem Stuhl in der Ecke, hielt ihre Brille in den Händen, hatte das gedunsene Gesicht einer kranken Füchsin darübergebeugt und putzte die Gläser mit dem Saum ihres Kleides; sie sah das Muster des Teppichs verschwommen. Schon seit einiger Zeit kann sie nicht mehr vordringen; sie bleibt an Ort, spürt Angst, auch dieser Ort beginne wegzurücken.
Helen atmet mit geöffneten Lippen; ihre Füße sind immer kalt. Sie isst sehr viel, häuft Berge von Esswaren um sich und in sich. Sie ist eine Abtrünnige, sie versteht die andern dort draußen – auch Wendelin – nicht. Sie will nichts wissen von Schlüsseln, mit denen man an Türschlössern manipuliert, um endlich die Tür aufstoßen zu können, die den Weg versperrt hat, der wegführt. Alle wollen weg, alle gehen weg – sie bleibt. Sie hat seit einiger Zeit alle Spuren zugedeckt, alle Wegkreuzungen vergessen. Sie glaubt nur an Ecken; in einer Ecke lässt sie sich nieder, den Rücken geschützt, und kann alle andern Ecken im Auge behalten. Dieses Zimmer ist sechseckig; jeden Tag rettet sie sich in die gleiche Ecke; die Zimmerecken sind Bestandteile ihres Widerstandes.
Autos stehen mit erfrorenem Motor längs der Straßen, und der Januar pumpt kalten Atem ins Zimmer. Die Vorhänge zittern, und Helen glaubt, der Rabe habe den Käse gestohlen, denn nichts Essbares ist mehr zu finden. Sie wird verhungern in ihrer Ecke und erfrieren, aber sie bleibt sitzen, holt keine Wolldecke, füllt keine Wärmeflasche und braut keinen Tee. Eine Stimme verliert sich hinter den sechs Ecken: «Ein Fräulein freut sich im Freuhling …»
Stumm hält der Rabe den Kopf gesenkt; Helen sieht sein Gesicht nicht – nur den Nacken und die Stirn. Vielleicht träumt er, die Sonne dränge sich aus den Schleiern, und das Regenwasser blitze zwischen den Pflastersteinen und funkle, als tummelten sich Tausende von Edelsteinfüßlern, Goldflöhen und Diamantkäfern in den Straßen der Stadt.
Schritte
Nur Anna, das Jüngste der Kinder, hatte sich vor der Stiefmutter verschlossen; später erinnerte es sich aber an den eigenartigen, selten und überraschend aufleuchtenden Humor und an die schweigsame Güte der Frau, die sich ihren Platz in der Mitte nicht erkämpfen musste; er wurde ihr geschenkt.
Als Anna einen Sohn geboren hatte, brachte sie ihn der alt und müde gewordenen Mutter, Anna besuchte das Kind selten, denn sie war in eine große Stadt gezogen und bewohnte zwei Leben zur gleichen Zeit, bewegte sich in der lichten Welt ihrer Vorstellungen und in der harten, grauen Welt außerhalb. An Sonntagen reiste sie aber manchmal mit dem Zug und ging aufrecht, fast steif zu Fuß vom Bahnhof zum Elternhaus.
Heute trug Anna in einem Korb ein junges Kaninchen für Paul, den Sohn. Paul gehörte zur Welt ihrer Vorstellungen; sie sah ihn hochmütig, mit nachtkühlen Augen und Händen, die nichts halten konnten. Nun, da die alte Mutter gestorben war, musste Anna das Kind zurückholen. Hinter der baufälligen Kirche, in der Annas matte Kindersonntage gefangen gehalten wurden, stieg sie über ausgetretene Stufen auf den Platz hinunter, wo Leute sich um einen Brunnen scharten und über die Erklärungen eines Reiseführers lachten. Plötzlich sah sie ihr Kind: Vor der Glasfassade des neuen Hotels übte es selbstvergessen Tanzschritte, während bunte Fahnen den Takt klatschten. Paul begann immer wieder an der gleichen Stelle, bewegte sich wiegend vorwärts, streckte die kurzen Arme waagrecht auf beide Seiten und betrachtete sich im spiegelnden Glas, ohne der schwarz gekleideten Frau Beachtung zu schenken, die er nicht erkannte.
Anna ging dem Kanal entlang, stieß eine schwere Tür auf, von der jemand die Farbe notdürftig abgekratzt hatte, und betrat den halbdunkeln Raum, in dem ein Greis wie ein Pilz in einem Lehnstuhl wucherte. Als Kind hatte sie vor vielen Jahren mit dem Finger «Mutter» auf den schmutzigen Spiegel geschrieben, der am Boden stand; die Schrift war noch da. Anna bemerkte durch das Fenster an der hintern Wand den verkrüppelten Baum, der mit hellgrünen Wimpeln die Sonne begrüßte, die wie eine Wunderblume aus dem steinernen Himmel schoss; eine an einem dünnen Ast aufgespießte Vogelfeder zitterte im Wind.
«Paul weiß nicht, dass es das Wichtigste ist, den Erwartungen zu entsprechen», flüsterte der alte Mann und befeuchtete mit der Zunge die Lippen.
«Er begreift nicht, weshalb jemand sich anmaßt, ihn zu bewerten. Bald wird er seine erwartungsvolle Haltung verlieren, wird sich ungesellig und abweisend gebärden.» – «Hab keine Angst, Vater; ich hole meinen Sohn und werde ihn alles lehren», sagte Anna; ihre Stimme klang sonderbar klar, so dass sie erschrak, und gleichzeitig spürte sie, wie eine unbekannte Freude ihren Körper erwärmte. Als die Tür sich bewegte und Licht durchs Zimmer sprang, wandte sie sich um. «Du bist so schwer und so leicht wie mein Herz», dachte sie und betrachtete das Kind, das zögernd mit kurzen Schritten näherkam und verständnislos zu ihr aufblickte. Als sie Paul den Korb mit dem Kaninchen zeigen wollte, versteckte er beide Hände hinter dem Rücken, streckte den Kopf vor und schnupperte.
Die goldene Naht
Hannes steht am Fenster. Heute feiert er seinen vierten Geburtstag; die Mutter hat den gestern gebackenen Kuchen am Nachmittag, als Robert kam (ein magerer, kraushaariger Mann, den Hannes nicht mag), auf den Tisch gestellt. Doch Robert aß nichts davon, sondern sagte drohend zur Mutter: «Wenn du deine Meinung nicht änderst, bin ich heute zum letzten Mal hier – und das schwöre ich.» Dann tätschelte er ihren seit einiger Zeit merkwürdig vorstehenden Bauch und ging.
Der Wind zerrt eine finstere Wolke auseinander, und Hannes sieht für einen Augenblick die Sonne, die einbusige Mutter, deren warme Milch in die Erde sickert und flimmernd über den Asphalt fließt; die Sonne ruht auf hellen Kissen und wird geliebt, ohne es zu ahnen, denn sie ist blind, taub und ohne Gefühl.
Hannes stellt sich vor, die Wohnung sei ein Blumenkelch, die Mutter eine Wespe und er ein Bienchen; schläfrig krabbelt er über den Teppich, rollt sich auf den Rücken und blinzelt in einen süßen, weichen Bilderbuchhimmel, der die Lampe mit den falschen Kerzen verdeckt.
Die Mutter geht durchs andere Zimmer; er hört ihren nervösen Schritt – nun bleibt sie stehen. Bald wird die Nähmaschine surren; neugierig dreht er den Kopf und sieht durch die geöffnete Tür, wie sie nach der Schere greift; sie hält inne und starrt gegen die Wand. Lange Sekunden steht sie so; das tut sie oft, dann hat Hannes Angst und verhält sich still. Nach einer Weile setzt sich die Mutter auf den Stuhl neben der Schneiderpuppe. Fassungslos betrachtet sie wieder die Wand, vor welcher Hannes überlebensgroß zu sehen gewesen war – ein verstörtes, kniendes Kind, über dessen Stirne Blut rann.
Sie entgeht ihm nicht; wenn sie sich von ihm abwendet, holt er sie ein wie eben jetzt, und in der Nacht rollt er aus ihr als endloser Filmstreifen; anhand der Bilder kann sie seine schlaftrunkenen Seufzer und sein leises Aufschluchzen deuten.
Das Bild vor der für einige Augenblicke aufgelösten Wand ist in sie hineingesunken.
Hannes schläft im Esszimmer auf der Couch, wo er seine Welt, der ihren gegenüber, hütet. Wenn er die Puppe mit dem Stoffbauch schlägt oder liebkost, wenn er verträumt über den Bilderbüchern sitzt oder zornig sein sorgsam aufgebautes Schloss zerstört, möchte sie aufschreien; die Zärtlichkeit und das verzweifelte Sichwehren des einsamen kleinen Menschen tun ihr weh, die Bilder in den Büchern aber entführen ihn; fern von ihr hüllen sie ihn ein mit einer Liebe und Güte, wie sie vielleicht Engel kennen. Immer wieder erinnert sie sich an jenen Tag, als Hannes beinah zwei Jahre alt war und Robert am Telefon gesagt hatte: «Er oder ich. Gib den Bastard in ein Heim, dann wird alles gut. Wir werden heiraten, und du wirst von mir einen Sohn haben, mit dem sich dieser widerliche Balg nicht wird messen können.» Sie antwortete nicht und hängte den Hörer auf, doch einige Minuten später, als sie die Windeln des Kleinen in der Küche wusch, wurde sie von einem sonderbaren Krampf geschüttelt. Sie rannte mit tropfenden Händen ins Zimmer und sah den leeren Blick des Kindes, in dem sich Erstaunen, dann ein Lächeln ausbreitete, als sie ihr Entsetzen und ihre Wut hinausschleuderte, wie man einen Stein in ein ruhiges Wasser wirft. Hannes verstand den Sinn ihres zur Fratze verzerrten Gesichts noch nicht, hielt ihre Raserei vielleicht für Scherz und schmunzelte, wie er es beim Anblick eines unbekannten Tieres getan hätte. Eine unschuldige, ihr unverständliche Heiterkeit, ein fremdes Paradies leuchtete in seinen Augen. Außer sich schlug sie zu; sein Kopf stieß gegen den Türrahmen. Als er sich weinend an ihr Bein klammerte, riss sie ihn weg und warf ihn in eine Ecke, wo er wimmernd liegenblieb. Sie fühlte ihre Knochen wie zu einem Brei auseinanderfließen, und der Geruch und die grobe Wolle des Teppichs füllten ihren Kopf, dann wurden diese Empfindungen kleiner und verschwanden – als sie zu sich kam, lag sie auf dem Rücken und blickte in entsetzt aufgerissene Augen; das bleiche Gesicht des Kindes war nass von Tränen und aus seinem Haar sickerte Blut.
Hannes steht auf und geht leise zum Fenster. Der Wind hat die Wolke wieder zusammengefügt; sie kommt näher und verdunkelt die Straße. Hannes fröstelt und wendet sich um. Auf dem Tisch stehen die Schuhe der Mutter; das Leder ist alt und rissig, aber Hannes hat es heute eingefettet und mit einem Lappen so lange gerieben, bis es wunderbar glänzte. Er möchte der Mutter eine Freude machen. Plötzlich fährt er zusammen; die Mutter schreit: «Nimm die Schuhe vom Tisch!» Zitternd vor Wut steht sie unter der Tür; ihre rechte Hand, mit der sie sich leicht gegen den Türrahmen lehnt, zuckt. Dann starrt sie auf seinen von Schuhwichse verschmierten Pullover, sieht die geöffnete, fast leere Dose am Boden, kommt näher und packt das Kind, das sich duckt und schützend die Arme über den Kopf hält. Ohne den Blick zu heben, weiß Hannes, dass ihre Augen zustechen wie zwei Messer; sein Herz wird vor Angst kalt. Bevor die Schläge auf ihn niederprasseln, fällt ihm ein, dass durch die schwarze Wolke, in welche sich die Sonne hüllt wie in einen zottigen Pelz, eine goldene Naht läuft; dort schimmert ihr heißer Körper durch.
Die Wünsche des Heiratsschwindlers
Die Dame, die einige Wochen vor Weihnachten in eine der Wohnungen im neuen, noch leeren Miethaus am Fluss eingezogen ist, bittet den Heiratsschwindler, ihr bei der Arbeitssuche behilflich zu sein. «Ich bin nicht verschuldet», glaubt sie erklären zu müssen, «und ich habe ein wenig Vermögen. Ich tippe außerordentlich schnell, fülle stundenlang und pausenlos viele Blätter mit vielen Sätzen; auch mit unbegreiflichen. Die Kopfschmerzen am Abend …» Sie verschweigt, dass sie schon seit zwei Tagen nichts gegessen hat; der Hunger gräbt ihr Inneres um, als suche er den Schatz, der auf jedem Grunde glänzt. Sie erzählt einige Male, sie zürne ihrem Freund, einem Schriftsteller, der ihre Person gestohlen und entstellt habe und auf dreihundertdreiundfünfzig Buchseiten gefangen halte. Sie zürnt auch ihrem alten Vater, der sich jeder Verantwortung entzieht und behauptete, dem Tee, den sie ihm dreimal täglich ans Bett brachte, entströme Menschengeruch. «Er spricht sonst nichts mehr», beklagt sie sich, «und ich schenkte ihm von meiner Zeit so viel; er hätte sich endlich rechtfertigen können. Aber er zog es vor, zu meckern, statt zu lachen, und zu meckern, statt zu weinen.» Der Heiratsschwindler macht sie darauf aufmerksam, dass die Zeit, die sie dem Vater anbot, nicht ihre Zeit gewesen sei; sie gehöre – um Beispiele zu nennen – auch dem Föhn, dem Rosmarinstrauch und den Katzen. Die Dame sieht ein, dass sie sich den Teil nimmt, den sie zu benötigen glaubt. «Ich stecke mir auch den Raum ab», sagt sie, «den aber jedermann ungestraft überqueren kann. Mein Herz ist trotz vielem Ungemach nicht eng geworden; im Gegenteil. Aber man bedrängt mich. Man will, so glaube ich, meinen Tod.»
Während der Wind die Dame und den Heiratsschwindler in undisziplinierter Art und Weise über die Brücke stößt, schweben Möwen wie weiße Ballone vor der schwarzen Himmelshöhle auf und nieder. Die Dame lässt auf der anderen Seite des Flusses zwei Neujahrskarten in einen Briefkasten fallen. Der Heiratsschwindler steht neben ihr und bewundert ihr starkes, verschnörkeltes, schwarzes Haar mit dem rostigen Schimmer; es scheint aus Eisen geschmiedet. Ihr Kinn ist aber vom Alter schon leicht verformt. Sie bindet jetzt den Kopf mit einem grauen Tuch, das sie aus ihrer Manteltasche zieht, am Hals fest, damit der Wind ihn nicht abreißt. Sie erklärt, sie lebe nun für immer allein, ohne Vater und ohne Freund. «Das neue Leben, das ich mir erträumt habe, stellt sich nicht ein», klagt sie; ihre bläulichen Lippen ziehen sich nach unten. Während sie auf der Brücke geduckt zurückschwanken, sich in die lebendige Wand des Windes hineindrücken, haucht der Heiratsschwindler in seine in Handschuhen steckenden Hände. «Ich wünsche Dir neue Bedrängnisse, da Du glaubst, Dich den alten entziehen zu müssen», denkt er lächelnd.
«Luzia mit vierzehn Jahren»
Luzia erwachte und setzte sich im Bett auf; ihre Augen zwängten sich wie neugierige, schwarze Köpfchen durch zu kleine Fenster, wo sie stecken blieben. Sie bürstete ihr wirbliges, blassrotes Haar; als sie noch gehen konnte und die Schule besuchte, hatten die Kinder sie «Meerschweinchen» genannt. Nicht nur ihr Haar, vor allem ihr Gesicht erinnerte an diese kleinen Tiere; wenn sie aß, zog sie die Oberlippe hoch, auch schien sie immer zu schnüffeln. Seit einem Jahr war sie krank; zum Geburtstag hatten ihr die Schulkameradinnen einen Rollstuhl gekauft; sie hatte geweint.
Es schneite; wie tote Schmetterlinge fielen die Flocken zur Erde. Ob der Vater noch schlief? Er kam nie, wie Luzia, in Verlegenheit, ob man «Institution» oder «Instutition» sagte. Luzia stellte sich vor, es gebe Blumen-, Stängel- und Wurzelmenschen. Wenn sie die Blume war, war der Vater der Stängel; sie brauchte ihn, aber es beunruhigte sie, dass er sie nicht wirklich nötig hatte; er schien ganz zufrieden zu sein als grüner, schmuckloser Halm. Doch gestern hatte er ihr eine junge Frau in einem glitzernden Kleid vorgestellt; Luzia war zumute wie damals, als sie zum ersten Mal jene Bahn sah, die man «Roter Pfeil» nannte, und entdecken musste, dass sie die Geschwindigkeit dieses Pfeils überschätzt hatte – ihre kindliche Phantasie hatte ihr vorgegaukelt, er würde engelschnell davonrasen, in der Weise, dass das Auge ihn gar nicht mehr erkennen konnte. Oder wie damals, als sie sechs Jahre alt war und ihrer Mutter entgegenlief, als die von einem Spitalaufenthalt zurückkehrte; statt ihr Kind zu umarmen und zu küssen, hatte sie barsch gefragt: «Wie siehst du auch aus? Ungekämmt, und diese schmutzigen Hände!» Einige Wochen später war die Mutter im Auto tödlich verunglückt; der Vater, der zu schnell auf der regennassen Straße gefahren war, hatte nur geringfügige Verletzungen erlitten. Luzia hatte die Freundin des Vaters nicht begrüßt, nur mit starrem Gesicht Unverständliches gemurmelt und in ihrem Tierbuch weitergelesen. Für Tiere interessierte sie sich; sie hätte gern einen Hund besessen, doch der Vater liebte Hunde nicht. Die Frau sah bleich und böse aus, als ob sie «aus der Fremde» käme, wo Männer kleinen Mädchen übelwollten, alle Leute nur ans Geldverdienen dachten und man ausgelacht wurde, wenn man nicht war wie sie. «Die Fremde» war auch unpraktisch! Wer garantierte, dass dort das Badewasser, das in die Wanne plätscherte, die richtige Wärme hatte? Und dass sich ein Stecker für die Nachttischlampe im Schlafzimmer befand? Und dass man die Geräusche in der Nacht richtig deuten konnte?
Dann hatte sich noch etwas ereignet, das Luzia aufwühlte; sie war der Meinung gewesen, sie habe ihre Mutter nie geliebt. Gestern las sie in einem ihrer alten Aufsatzhefte, als Zehnjährige hatte sie dort unter dem Titel: «Meine liebe Mutter» erzählt, wie die Mutter mit der kleinen Luzia Tierchen und Männchen aus Kastanien gebastelt, ihr vorgelesen und für sie gar Spiele erfunden hatte; an all dies hatte sie sich nun als Vierzehnjährige nicht mehr erinnert; erst beim Lesen des Aufsatzes waren Bilder wie vom Ende des Himmels zu ihr gekommen, um sich wieder in ihr niederzulassen. War es möglich, dass sie viel später auch nicht mehr wusste, wie sie den Vater jetzt liebte? Luzia mochte Erinnerungen nicht; sie waren imstande, Schönes hässlich und Hässliches schön zu machen. Eigentlich wäre es ganz gut zu sterben, dachte sie, wenn noch keine neuen Bilder die alten zu stark verfälschen konnten; aber die Bilder durfte man ja nicht mitnehmen, wie man auch sich selber nicht mitnahm: Man blieb, auch als Erinnerung, die durch spätere Erlebnisse der Hinterbliebenen verändert werden konnte, in den Menschen zurück, die einen gekannt hatten. Und wenn sie über einen zu andern Menschen, die man nicht gekannt hatte, redeten, wurde das Bild des armen Toten, der man nun war, wieder anders; so veränderte man sich ständig, lebte weiter als Splitter in immer mehr Menschen, bis die Splitter kleiner und kleiner und sich so fremd wurden, dass sie sich selber nicht mehr entsinnen konnten, von welchem teuren Toten sie abstammten. Luzia seufzte. Bald würde Regine kommen, Vaters Schwester, die den Haushalt besorgte. Sie würde vor der Tür den Schnee vom Mantel klopfen, über Rheuma jammern und Milchkaffee kochen. Sie sah aus wie eine ständig schwangere Frau; Luzia konnte ihr aufgedunsenes, fleckiges Gesicht und die Art, wie sie sich mit gespreizten Beinen hinsetzte, nicht leiden. Luzia hatte einen Cousin, der erklärt hatte, er müsse erbrechen, wenn er Leute wie Regine sähe. Luzia war von ihm sehr beeindruckt, aber er war ein armer Junge, der von seinen Eltern oft geschlagen wurde. Er schrieb Gedichte, die niemand verstand, auch Luzia nicht.
Sie schaute in den Spiegel: «So wie ich es bestimme, so bin ich», dachte sie und betrachtete sich genau, doch verwirrte sie die Vorstellung, es blicke ihr da ein Gemisch von zurückgelassenen Erinnerungen an verstorbene Tanten, Onkel, Großtanten, Großväter und andere meerschweinähnliche Verwandte entgegen. Sie streckte sich die Zunge heraus und sagte laut: «Was kümmert mich das; ich, Luzia, werde mich schon durchsetzen.» Heute noch würde sie eine Liste aufstellen mit allen Eigenschaften, die momentan und vorläufig die Luzia, die da in den Spiegel guckte, auszeichneten. Sie würde alles, was sie hasste und liebte, samt ihren Plänen und Niederlagen niederschreiben und über das Ganze die Überschrift: «Luzia mit vierzehn Jahren» setzen. Aber vielleicht war sie weder so, wie sie sich, noch so, wie ihr Vater sie sah? Gab es Menschen, die ihr ganzes Leben lang niemand richtig kannte, nicht einmal sie selbst? Man bestand aus tausend Bildern; wenn einen ein Greis, die Mutter, der Geliebte, ein kleines Kind oder ein Hund betrachteten, wurde man zu fünf verschiedenen Personen; und wenn einen jemand aus der Höhe anschaute, oder aus der Ferne, oder durch ein riesiges Mikroskop … Und es gab Geisteskranke, die sich selber als Tier sahen, oder als eine Berühmtheit, oder als Gott, oder als Teufel. Waren sie es nicht? Für die andern nicht, aber für sich selber gewiss; wie ein Reicher, der sich einbildete, verarmt zu sein, tatsächlich arm war … Ihre Wangen wurden rot, ihre Augen glänzten; wenn sie «spintisierte», wie ihr Vater es nannte, fühlte sie sich frei, als wäre die Welt durchsichtig, als würden Vergangenheit und Zukunft zu wunderbaren, klaren Bildern verschmelzen, die in Eiern darauf warteten, dass ein freier Mensch sie erlöse; mit einem Stab in der Hand würde sie durch ein weißes Eierland schreiten und die Eier, die vor Verlangen, geöffnet zu werden, zu glühen begannen, erlösen; ein Bild nach dem andern würde ihr Stab hervorholen, hervorzaubern und auf den Eierschalen tanzen lassen. Sie würde singen mit ihrer zarten Stimme und dirigieren mit ihrem Stab; auch der Vater träte aus einem Ei und würde auf seinen steifen Beinen umherhopsen und sie wüsste alles über ihn: es gäbe ihn wirklich …
Als der Vater zögernd die Tür öffnete und sie sein ratlos lächelndes Gesicht über dem zerknitterten Kragen des Schlafanzugs sah, ertappte sie sich dabei, dass sie versuchte, ihn mit den Augen der jungen Frau im Flimmerkleid zu sehen; sie erschrak. Vaters Gesicht war weich und weißlich-grau. Als wen sah er sich wohl? Als Mörder seiner Frau? Ganz plötzlich klebte dieser Einfall wie ein breites Band auf ihrem Hirn, so dass sie Vaters Frage, ob sie gut geschlafen habe, nicht aufnehmen konnte; das Band verdeckte jeden Eingang und ließ auch keine andern Gedanken heraus als: «Vater, du bist schuld, dass meine Mutter tot ist.» Er starrte sie an. Hatte sie diesen Satz wirklich gesagt? Mit einer ganz harten, trockenen Stimme, die nicht aus ihm zu sprechen schien, nicht aus Luzias Vater, wie sie ihn kannte und liebte – vielleicht aus Mutters Mann? Oder aus dem Geliebten der Flitterfrau? Oder aus dem Vertreter für Kunstbücher? – antwortete er: «Du bist eifersüchtig. Kannst du nicht einsehen, dass ich es schwer habe? Bist du so auf dich selber konzentriert, dass du mir mein Glück nicht gönnen kannst? Meine Frau ist tot, meine Tochter ist ein Krüppel – das habe nicht ich verschuldet: den Ursprung dieser mysteriösen Krankheit wird der Arzt noch aufklären. Was kann mir Freude bereiten? Auch ohne deine Einwilligung werde ich Brigitte heiraten.»
Hätte er in ergreifendem, weichem Ton zu ihr geredet, wäre sie in Tränen ausgebrochen, hätte die Arme nach ihm ausgestreckt, um Vergebung gebettelt und um Verständnis gebeten, doch als der Türrahmen leer war, als ob jemand Vaters Bild herausgebrochen hätte, schienen alle Farben dieses Morgens erloschen; wie in einem steinernen Gefängnis blickte sie sich um.
Neid
Am Radio wurde das Signalement meiner vermissten Schwester durchgegeben: trägt einen Regenbogenmantel; grün mit rotem Glanz oder rot mit grünem Glanz – bat jeden Tag, man möge ihr ein Schloss im Garten hinter dem Haus bauen; schleppte schließlich den rostigen, zerbrochenen Eisentisch aus dem Gestrüpp und behauptete, er sei ihr Palast – Trägt kleine, goldene Ohrringe – bewegt sich sonderbar ruckartig, wenn sie ins Innere einer Straßenbahn tritt; hält sich an einer Stange bei der Tür fest, schluckt krampfhaft und wirkt, als habe man sie in einen engen Kissenanzug gesteckt und sich schamlos auf sie gesetzt – hat die ganze Welt zum Katastrophengebiet erklärt und versucht, sich darin einzurichten – nagt blitzschnell an Äpfeln, Karotten und Seifen mit ihren merkwürdig halbkreisförmig gekrümmten Schneidezähnen –
Das Haus, in dem meine Schwester und ich eine Einzimmerwohnung gemietet haben, steht an einer Kreuzung; wenn Lastwagen oder die Straßenbahn vorbeifahren, zittert der Boden unseres Zimmers. Er ist vier Schritte breit und fünf Schritte lang und neigt sich; aus diesem Grund kann man die Tür nicht offen lassen; nach einer Weile schließt sie sich sachte. Dass sie es wagt, ungefragt und trotzdem höflich das Zimmer zu verschließen, ärgert mich; ich brauche den Ausblick in den Korridor, weil das Zimmer beengend wirkt und im Korridor der Kohlenofen steht, der es heizt. Als ich meine Schwester fragte, ob das Tun der Tür sie nicht störe, antwortete sie, sie sei kein Mensch. Ich schwankte zwischen Mitleid und Neid. Eines Nachts schoben sich die langen Vorhänge auseinander und meine Schwester stand auf, um sie zuzuziehen; kaum lag sie wieder im Bett, öffneten sie sich von neuem. Sie erzählte mir dieses Ereignis am Morgen und ich weinte beinah, weil ich nie etwas Ähnliches erlebt hatte.
An jenem Sonntag im Oktober erreichte der Lichtschirm, der über die Stadt sank, den Boden nicht. Meine Schwester und ich saßen im Zimmer und spielten Eile mit Weile; sie verlor und ging davon, ohne ein Wort zu sagen. Ich suchte sie im Keller und auf dem Dachboden und lief schließlich in den nahe gelegenen Park. Ich hörte Rufe und rannte in jene Richtung, doch dann setzte ich mich unter einen Baum, der von einer rotglühenden Kletterpflanze umwickelt war. Der Wind blies Blätter über den hohen Zaun. Die meisten Stühle standen verlassen. Eine Frau schob, sich verkleinernd, einen Kinderwagen gegen das offene Tor. Manche Bäume grimassierten, als seien sie gezwungen, unter Wasser zu lächeln, und die Nacht rollte einen schwarzen Teppich über den Rasen. Von weitem bemerkte ich ein großes, rattenähnliches Tier, das zwischen den Bäumen lief; als es mich erblickte, stellte es sich auf die Hinterbeine und pfiff; deutlich sah ich goldene Ringe in seinen Ohren. Als ich mich erhob, rannte das Tier davon.
Lange Zeit stand ich erstarrt und spürte die Kälte, die sich über meinen Körper tastete. Fern und klebrig wie der Staub, der Trauben und Schmetterlinge weiß pudert, füllte der Nebel alle Löcher und bedeckte die Augen der Menschen.
Ich tastete mich nach Hause. Jedermann gab vor, meine Schwester zu suchen. Da ich weiß, dass sich Ratten für verschiedene Versuche eignen und die Wissenschaftler an ihnen Interesse haben, berichtete ich einige Wochen später der Polizei aus Neid, was sich im Park zugetragen hatte. Falls es gelingt, meine Schwester einzufangen, wird man versuchen, einen Menschen aus ihr zu machen.
Catalina
Letzte Woche wurde Catalina dreizehn Jahre alt und bekam von Onkel Manuel, der eigentlich kein richtiger Onkel ist, ein gebrauchtes Radio geschenkt. Ein Radio hat sie sich schon lange gewünscht, weil ihre Freundin Maria auch eines besitzt. Wenn Catalina auf die rote Taste drückt, strömt Musik aus den Büschen, unter den Steinen und zwischen den Gräsern hervor. Das Radio steht draußen auf einem umgekehrten Blumentopf. Nun kauert Catalina neben der offenen Tür auf dem schmutzigen Teppich und schnuppert an ihren Knien; sie sind braunrosa und duften nach Schweiß, Seife und Mandeln. Die Mutter ist weg; sie macht Einkäufe und wird dann im Dorf mit Touristen tanzen; sie ist als gute Tänzerin bekannt. Schon oft fragte sie Catalina: «Willst du nicht mitkommen?», doch Catalina bleibt lieber im Haus und träumt. Im Garten nistet ein alter Vogel, und der Himmel ist am späten Nachmittag wie mit Ruß verschmiertes Wachs; aufrecht feiern die Agaven ihr Sterben. Eine unbekannte Katze mustert den kalten Gasofen, auf dem eine zusammengeknüllte Wolldecke liegt, dann geht sie davon und betupft mit dem Kinn den Boden; ein weißer Fleck schimmert einen Augenblick bei der Gartenmauer, dann ist Catalina wieder allein.
Die Mutter sagt: «Ich brauche Menschen; solche, die wie Mauern um mich stehen, und andere, die wie offene Türen sind.» Catalina braucht nur sich; Menschen sind fremd und machen Angst. Die getrocknete Muränenhaut über der Tür klappert im Wind und klingelt leise; Onkel Manuel hat ein Glöckchen an ihr befestigt. Onkel Manuel hat ein kleines und ein großes Ohr; er bedeutet für Catalina Härte und eine wilde, rohe Lustigkeit. Manchmal sehnt sie sich nach Weichheit und Zärtlichkeit; besonders dann, wenn unverhofft Traurigkeit über sie fällt wie eine finstere Masse, in der sie zu ersticken droht. Immer waren nur ältere Menschen («vom Leben gezeichnete», wie ihre Freundin Maria sich ausdrückt) um Catalina; nie war sie mit unbeschwerten, jüngeren Spielgefährten zusammen. Ihr Bruder und ihre Schwester sind schon vor einiger Zeit wieder in die Stadt im Norden zurückgereist, wo sie arbeiten; sie haben der Mutter ein wenig Geld geschickt, doch die Mutter brauchte sofort ein neues Kleid, einen Hut und anderes mehr; falls Mutter keinen Liebhaber findet, müssen auch sie bald abreisen; es ist nicht mehr viel Geld da. Die Mutter arbeitet nicht und Catalina besucht keine Schule: «Sie ist viel zu dumm dazu», erklärt die Mutter.
Die Antenne des Radios besteht aus einem rostigen Stück Eisen, das an einem Draht befestigt ist, den Onkel Manuel durch den Garten zog und am Balkon des Hauses und an einer Pinie festband.
Die Thymianbüsche leuchten wie violette Monde. «Der Rosmarinstrauch hat Geburtstag», denkt Catalina, «er duftet ganz allein und freut sich.»
Auf dem flachen Dach steht eine mit feuchten Tüchern umwickelte Wasserflasche – eine Idee von Onkel Manuel; das Wasser werde so eiskalt, versicherte er immer wieder, doch kälter als kühl wurde es bis jetzt nicht.
Catalina knipst das Radio aus und legt sich auf ihre mit einem weißen Leintuch bedeckte Matratze; ein richtiges Bett hat sie nicht. Die Mutter bemüht sich in der Stadtwohnung im Norden und hier in ihrem Sommerhaus, das sie von ihren Eltern geerbt hat, einen gepflegten Haushalt vorzutäuschen, doch Catalina weiß: Wenn heute Nacht oder morgen Onkel Manuel wiederkommt – die Mutter rechnet fest damit –, läuft er mit seinen Schuhen über das Leintuch, klopft die Asche auf den Teppich, wirft die Zigarettenstummel auf den Boden und schüttet den Wein auf das Tischtuch. Onkel Manuel kommt und geht, wie es ihm passt. Er gibt der Mutter nie Geld, das hat Catalina herausgefunden, nur Geschenke; aber die Mutter gibt ihm Geld, wenn sie nicht alles für sich verbraucht hat. Wenn sie keines mehr hat, wird Onkel Manuel sehr böse; dann weint die Mutter. Catalina ist sicher, dass sie ihn liebt; nur ihn und keinen der andern Männer.
«Lieben heißt besitzen wollen», sagt Catalinas Mutter.
Catalina denkt an das Kätzchen – weshalb hat sie es laufen lassen? Weshalb hat sie nicht eine Weile mit diesem tänzelnden Geschöpf in seinem hellen Samtkleid gespielt, es liebkost, über seine Barthaare, die der Wind streichelte, gelacht? So ist Catalina; letztes Jahr hat die Mutter ihre einzige Spielgefährtin aus der Stadt hierher in die Ferien eingeladen; die schöne, große Maria, von der sie weiß, dass die dicke Catalina sie liebt. Aber weil Catalina sie liebt, wollte sie sich fernhalten; schon nach kurzer Zeit war Maria verwirrt und schmollend abgereist.
Der Abend ist hellgrün und schaukelt den ertrinkenden Mond. Der Wind bürstet die Pinien; wenn Catalina jeweils die Musik laut spielen lässt, drehen sie sich hin und her und möchten mit den Füßen stampfen, doch der Fels hält sie fest. Am Tag ist der Himmel wie ein heißer Betonboden, über den die Flugzeuge rasen, und im Garten ragen überall tonlos schreiende Felsengesichter aus der trockenen Erde – selbst im leeren Schweinestall.
Catalina dreht sich auf den Bauch. Die Matratze ist dünn und uneben; Catalina erwacht jeden Morgen, als ob sie im Traum verprügelt worden wäre. Dann sagt sie zu ihrer Mutter: «Eigentlich habe ich nicht geschlafen; die Sterne stachen.» Die Mutter schüttelt den Kopf und denkt, Catalina sei nicht nur beschränkt, sondern auch wunderlich.
Ein Motorrad stöhnt auf und die Uhr ist stehengeblieben. Catalina will schlafen; der geplättelte Boden ist nah beim Gesicht und steigt, bis er die Wand berührt. Die gespaltene Kerzenflamme schlängelt, ohne sich fortreißen zu können – ihre Nahrung ist der Docht; sie braucht ihn, um zu leben, so wie die Mutter Onkel Manuel oder einen anderen Mann braucht und wie Catalina die Mutter braucht – die Frau, die für sie Butterbrote streicht und ein Taschentuch leiht, wenn Catalina weint.
Catalina liegt wie ein Tier; sie hat Arme und Beine von sich gestreckt, die Stirn in Falten gelegt und die untere Gesichtshälfte im Kissen vergraben. Die Matratze ist ihr Planet, das Haus ihre Welt; sie kreist. Sie trägt eine Pyjamajacke ihres verstorbenen Vaters und hat ihr Gesicht geschminkt; morgen wird die Mutter schimpfen, weil sie den verschmierten Kissenüberzug waschen muss. Immer stiehlt Catalina Lippenstift, Puder, Lidschatten und Wimperntusche aus Mutters Toilettentäschchen, setzt sich vor den halbblinden Spiegel in der Küche und macht sich das Gesicht, von dem sie denkt, dass ein Mann es rauben würde, während sie schläft oder vorgibt zu schlafen. Schenken wird sie sich nie, aber stehlen lassen. Ihre Mutter verkauft sich. Catalina denkt, was man stehle, liebe man mehr, als was man sich schenken lasse oder kaufe. Sie möchte einem Mann gehören, der sie bei sich versteckt und sie nicht zu andern Männern schickt, wie Onkel Manuel dies mit der Mutter tut. Für ihn würde sie tun, was er von ihr verlangt: Purzelbäume schlagen oder Kopfstehen – das kann sie lernen, so plump sie auch ist. Und waschen und putzen und bügeln und vielleicht Kinder und Katzen füttern und streicheln. Was verlangt ein Mann mehr von einer Frau? Sie weiß es, aber sie will nicht daran denken. Sie wird warten; sie wird immerzu auf dieser Matratze liegen mit ihrem runden, bunten Gesicht. Sie denkt an Onkel Manuel, der ihr einmal ein Fläschchen Parfüm mitbrachte und mit einem unschönen Auflachen zur Mutter, deren Mund plötzlich ganz klein und faltig geworden war, sagte: «Sie wird besser als du; du wirst schon sehen, du alte Ziege.»
Es ist so still, als ob ein Würger über das Land geschlichen wäre und die Menschen und Tiere erdrosselt hätte. Sein Schatten ist so riesengroß, dass er sogar den obersten, letzten Himmel verdunkelt. Catalina hört seinen leisen Schritt; er tritt ins Haus. Sie schläft; eine Fliege sitzt auf ihrem festen, dunkelbraunen Oberschenkel. Er wird ihr Gesicht rauben und es in die tiefen Träume der Menschen und Tiere tauchen.
Der Brief
Wenn Hans Sauser, Damencoiffeur in einem nüchternen «Salon» mit Neonlicht, das auf seinen schon leicht kahlen Schädel pocht und in die Augäpfel beißt, in seinem Wagen nach Hause fährt, denkt er an den Brief, den er seiner schönen, fernen Braut schreiben wird. Jede Nacht, während der Himmel ein funkelndes Rad schlägt, schreibt er den Brief und zerreißt ihn dann. Heute Abend beschreibt er, wie er langes Frauenhaar wäscht und in einem summenden Ofen bäckt. Die Haut der Frau rötet sich. Sauser erzählt, bedächtig und mit runden Buchstaben, wie die Haut sich unter Einwirkung der Hitze vom Gesicht löst und er sie in Fetzen abzieht; eine nackte Fleischkugel beugt sich nun über die illustrierte Zeitschrift und liest, glücklich lächelnd, über Prinzen, Königinnen und Filmstars. Sauser zerreißt den Brief um Mitternacht und steht vom Tisch auf. Er fühlt sich wie ein undichtes Gefäß, dessen Inhalt langsam und stetig ausläuft. Seine Gedanken treiben nach allen Seiten, so dass er fürchtet, plötzlich – wie ein leeres Paket ohne Adresse und ohne Absender – als Hindernis übrigzubleiben. Er wünscht, seine Verlobte möge ihm ausweichen, ihn überhüpfen oder zur Seite schieben.
Er zieht sich mit trägen, aber exakten Bewegungen aus und begibt sich zu Bett. Vor dem Einschlafen denkt er zuversichtlich an den Sonntagnachmittag; da wird er Mutter in der psychiatrischen Klinik besuchen, wo sie sich zusehends verändert, sich in ein fremdes, kleines Mädchen verwandelt, das er kennenlernen möchte. Es ist, als sänken die harten Züge auf ihrem Gesicht durch eine Erschütterung ein, und aus den Wangen leuchten Blumen. Als Kind konnte Sauser nicht mit Mutter sprechen und sie redete nie zu ihm. Nun spricht sie in sonderbar verstellter Sprache; nicht, als verstecke sie etwas, sondern, als decke sie etwas auf, das niemand erfahren kann. Es ist, als führe sie ihn an der Hand durch ein großes Haus ohne Dach; der Himmel fällt mit seinen hellen Welten herein. Im weiten Park sind Netze gespannt, in denen sich seine Kindheit verfangen hat; Sauser erkennt sie aber noch nicht.
Der ungewöhnliche Junge und das besondere Mädchen
Wenn der Abend sich hinter den Tannen aufschichtete, die nasse, spiegelnde Eisfläche weiß und hart wurde und die Schlittschuhläufer wie Schwalben umherflitzten, wunderte ich mich, dass sie nie aneinanderstießen. Ich lauschte ihren hohen, spitzen Schreien und beobachtete die kleinen Kinder, die wie junge Bären zu tanzen anhoben. Rolf zog seine Kreise immer noch sorgfältig und sein Gesicht blieb unnahbar. Ich selber wagte mich nie aufs Eis; ich hinkte wegen einer Schwäche in den Gelenken von Tag zu Tag stärker. Ich schämte mich deshalb, denn ich wäre gerne gewandt aufgetreten wie meine Freundin, die ich bewunderte – oder wie Rolf.
Ich sah Rolf auch, wenn er am Montagabend mit einer schwarzen, henkellosen Tasche unter dem Arm in die Ballettschule ging. Vor der Tür hockten die Bühnenarbeiter, rauchend, schwatzend oder lesend; sie musterten die kleinen Mädchen, und wenn sie unter ihnen den streng blickenden Jungen sahen, lachten sie und grüßten spöttisch; «Ballettmaus» nannten sie ihn. Sie verstummten, wenn ein Schauspieler die wenigen Stufen mit einem federnden Sprung hinter sich brachte, in gerader Haltung und mit gesammeltem Ausdruck die Ballettschülerinnen im Korridor überholte und hinter einer Tür verschwand.
Im Theater wurde irgendwo abgehackt Klavier gespielt; mir schien, die Töne flögen wie die Zacken eines Kammes auf die Straße oder sie würden ausgespuckt wie Zähne – und mir böswillig an den Kopf gespickt. Ich zählte vierzehn Jahre wie Rolf und besuchte am Montag einen Abendkurs der Kunstgewerbeschule, wo ich mich in einem Zeichensaal abmühte, einen Hobel oder Schuh auf ein Papier zu stricheln; ohne Gummi, mit viel Ausdruck und einigem Temperament. Ich kannte niemanden und verließ den Saal nach der Stunde beinah fluchtartig; auf der Traminsel wartete Rolf wie ich, statt der Zeichenmappe die Stofftasche unter dem Arm – auch er war allein, hatte seinen Kurs vermutlich ebenfalls mit Fleiß durchgestanden und wollte nun nach Hause, wo seine Mutter vielleicht für den strebsamen Sohn den Kakao warmgestellt hatte.
Eine Strähne seines rötlichen Haares lag über der farblosen Wange. Noch nie hatte ich Rolf sprechen gehört, nie ihn lächeln gesehen. Was dachte er, allein auf dieser Insel im abendlichen Verkehr und wartend auf ein Schiff, das ihn sicher durch alle Gefahren, den Lärm und die hin- und herzuckenden Lichter nach Hause führen sollte?
Klopfte sein Herz wie meines angesichts der fremden Gesichter und der Nacht, die überall davor und dazwischen stand, als fordere sie Rücksicht und Nachsicht, Geduld und Mut? (Eigenschaften, an die man in der Helle des Tages nicht dachte, da man jedes Ding klar zu erkennen glaubte; als sei man sicher, dass Licht ein selbstverständlicher, natürlicher Rahmen und Hintergrund sei für alles und alles erkläre, bloßlege und anbiete. Damals kamen mir zum ersten Mal Zweifel – vielleicht sah und fühlte man in der Dunkelheit klarer, richtiger, direkter? Meine Sinne waren überwach; ich reagierte auf die kleinste Bewegung Rolfs, betrachtete zum ersten Mal seine Hand, die von Scheinwerfern bestrahlt und von huschenden Reklamelichtern angeleuchtet wurde.)
Wenn ich einige Zeit später im Bett lag und das Licht schnell ausknipste, da ich plötzlich gerne Abschied nahm von dem allzu Sichtbaren, Vordergründigen, von den störenden, ablenkenden, zu offensichtlich konstruierten, zu zweckbewussten Dingen, ließ ich mich fallen – ich fiel Stunde um Stunde zurück und wurde immer wacher dabei; Farben und Düfte erregten mich, die ich nie bewusst wahrgenommen hatte, und dabei wusste ich, dass ich mit den Augen Rolfs sah und mit seiner Nase roch und dass er mich schon längst durchschaut hatte und sich nur stumm und steif stellte, um mich nicht zu erschrecken. Dann nahm ich mir vor, ihn das nächste Mal im Restaurant der Kunsteisbahn, wo er vor einem Teller Pommes frites und einem Glas Coca saß, oder auf der Traminsel anzusprechen.
Manchmal gebärdet sich der Oktober, als sei er ein Bote des Frühlings; er lässt den Föhn tanzen und Rosawolken über den Himmel streuen, dann werden die Menschen unruhig, küssen zur Unzeit den Falschen oder stürzen sich von einer Brücke; manche verunglücken aus lauter Verwirrung oder zünden ein Haus an. An einem solchen Tag bin ich immer auf der Hut und bemühe mich, am Morgen nicht unbändig zu lachen, sonst weine ich am Abend. Damals ging Rolf vorbei, und da fiel mir ein, dass ich mir vorgenommen hatte, ihn anzusprechen. Ich wollte ihm sagen, er sei anders als die gewöhnlichen Jungen, wie auch ich mich als besonderes Mädchen fühlte, das von niemandem verstanden wurde. Meine Schulkameradinnen zogen übermütige Buben den stillen, braven Schülern vor; mich aber interessierte Rolf, weil er mir geheimnisvoll schien. Ich ärgerte mich, weil ich eine ziemlich altmodische Windjacke trug, die meiner älteren Schwester gehört hatte, doch dann trat ich ihm in den Weg. Seine Nase war vom Wind gerötet, seine moosfarbenen Pupillen sahen durch mich hindurch. Ich grüßte hastig, verzog meine plötzlich starren Lippen zu einem Lächeln, drehte mich um, hinkte an seine Seite und bliebt dort plappernd, schnaufend und immer verlegener werdend, denn er schritt weiterhin wacker aus, ohne zu nicken oder mich wegzujagen oder auch nur anzusehen. Er hatte Brot eingekauft, das in ein weißes Papier gewickelt war, und trug das gleiche schäbige Jäckchen wie immer. Seine von Ballett und Eislauf stark gewordenen Beine steckten in zu großen Schuhen. Was hatte ich eben zu ihm gesagt? Ich wusste es nicht mehr, nahm aber an, ich hätte mich vorgestellt mit Namen, Alter, Klasse, Beruf des Vaters, Adresse und Referenzen, wie es sich gehörte. Wir waren doch keine kleinen Kinder mehr, die im Park Fangen spielten und nach zwei oder drei Stunden begeistert auseinandergingen, ohne den Namen des Spielkameraden erfragt zu haben. Kleine Kinder interessieren sich für Nebensächlichkeiten wie Namen, Beruf des Vaters, Wohnquartier und Schultyp nicht; es ist ihnen gleichgültig, aus welchem Milieu ihre Spielgefährten stammen; nur den Menschen an sich stellen sie auf die Probe und fällen über ihn ein Urteil, das nicht gültig bleiben muss.
Diesem glücklichen Alter war ich seit einigen Jahren entwachsen, und Rolfs Schweigen verstörte mich. Ich lobte mit flach gewordener Stimme seine exakt gezogenen Kreise auf dem Eis und erkundigte mich, welche Klasse des Ballettkurses er besuchte; wollte er Tänzer werden? Ich begann zu schwitzen – interessierte es ihn denn gar nicht, was ich tat? Welchen Kurs ich besuchte? Welchen Beruf ich erlernen wollte? Welche Interessen ich hatte? Wut ergriff mich und Mitleid mit mir selbst, mit meinem mutigen, verkannten Ich, meiner Offenherzigkeit diesem hochmütigen Jungen gegenüber, hinter dessen Schweigen sich vielleicht nur Dummheit und Leere verbargen. Vermutlich besaß er kein Hundertstel meines Gefühls und hegte nur banale Gedanken; ich war nun fast sicher, dass er noch nie ein Buch gelesen hatte, von Psychologie und Jugendproblemen einen Dreck verstand und hartherzig und eingebildet war.
Der Oktober, der den Frühling vorwegnahm, verdross mich; all die Leute, die ihre Mäntel aufknöpften, kicherten und kopflos und mit glänzenden Augen über die Straßen liefen, um unnützes Zeug einzukaufen oder in der Erwartung, auf dem andern Trottoir sei das Licht noch lieblicher, noch süßer und weicher. Es war gewiss faltenlos und ohne Narben wie eine junge Haut, die über den Himmel gespannt war, aber auch dünn und zart wie eine solche; bald würde es zerreißen und die klare Nacht würde herunterfallen und die schönen Gefühle zerschlagen.
Plötzlich strebte Rolf von mir weg; mit offenem Mund blieb ich stehen und sah, dass er geradewegs auf einen Herrn zulief; es war der Herr, der seit einigen Tagen auf den Plakaten des Theaters seine erstaunlich schönen Zähne bleckte. Mit der einen Hand schüttelte er nun Rolfs Hand, mit der andern tätschelte er seinen Rücken – mit einer dritten hätte er ihm das Brot abgenommen, eine vierte ihm auf den Kopf gelegt und ihn mit der fünften an sich gedrückt … «Wenn er ihn nur nicht noch ableckt», dachte ich und machte auf dem Absatz kehrt.
Nun lag über der Straße ein Schatten und die Leute gingen gebückt, so dass ich nur ihre Scheitel und Hüte sah; ihre Zuversicht schien erloschen – ob sie nicht am liebsten geweint hätten wie kleine Kinder, die man an einem fremden Ort vergessen hat? Papiere, Tramkarten und Zigarettenschachteln flatterten um die Ecke. Meine Beine waren schwach wie nachlässig geknetetes und geformtes Plastilin; ich kam kaum vom Fleck und hätte mich am liebsten an den Straßenrand gesetzt. Ich hinkte stärker als vorher und meine Schulmappe war schwerer als die Aktentaschen der Herren, die in die Straßenbahnen sprangen. Sicher war Rolf ein ungewöhnlicher Junge; er würde ein berühmter Tänzer, ich aber endete als Krüppel. Mein Hals schien anzuschwellen von Tränen und ich sah die Welt auf dem Grund eines tiefen Wassers, zitternd, verschwommen und unscharf; ich mochte ihr gar nicht mehr angehören. Heute Abend im Bett würde ich so lange weinen, bis der Schlaf mich in tausend Decken gewickelt hatte und davontrug – wenn er mich wieder auswickelte, war ich in einer farbigeren, glanzvolleren Welt, in der den Kranken Flügel wuchsen und wo sie mit lächelnder Nachsicht empfangen wurden von den Schmetterlingen und Engeln, die sich manchmal auch in jenen Gegenden aufhielten.
Französischstunden
Die Herbstblätter vollführen auf dem Trottoir einen verrückten Reigen der Greise. Andreas weicht ihnen aus und geht weiter die lange Straße entlang, an deren Ende er wohnt. Im Vorgärtchen kleben vergilbte Blätter wie wertlose Briefmarken, ein Zigarettenstummel rollt über die unterste Stufe der Treppe, und ein älteres, angetrunkenes Ehepaar schwankt über den Platz, aus dessen Mitte eine verkümmerte Linde ragt. Das Zifferblatt einer Uhr blickt aus einem geöffneten Fenster und erinnert Andreas an seine Kindheit; er befand sich immer auf der Flucht: auf der Flucht vor dem Stundenruf der Standuhr mit dem pflichtbewussten Gesicht, das dem Gesicht seines Vaters ähnlich war. Im Uhrenbauch sah er eine kreisrunde Scheibe, durch die er jeweils neugierig starrte und wo ein Messingherz hin- und herschwang und an zwei Schnüren andere, abscheuliche Organe hingen.
Andreas’ Herz benimmt sich auf eine peinliche Art und Weise anders, als man es von einem korrekten Herzen erwarten darf; er schämt sich seiner, und wenn er es schont, seinetwegen den Kaffeekonsum einschränkt und sich das Rauchen verbietet, ergreift ihn Unbehagen; er hasst und liebt sein Herz in einem, und sein verschwollenes Gesicht nimmt dabei einen strengen Ausdruck an; im Spiegel sieht er, dass er seinem Vater gleicht, und spürt ein ertrinkendes Untier, das seine Luftröhre umklammert und sich mit heftigen Klimmzügen nach oben arbeiten will; immer schluckt er es hinunter.
Andreas schließt die Haustür auf und tritt in den Korridor. Sein Zimmer liegt zu ebener Erde; er hat die Wände wasserblau gestrichen, und in einem Blumenständer hocken Blattpflanzen, die das Aussehen von erstarrten Riesenheuschrecken haben. Statt des üblichen Vorhangs verhüllt ein dunkelblaues Tuch aus zerschlissenem Samt das große Bogenfenster. Die Möbel sind hässlich und billig. Neben dem Bett steht der Plattenspieler. Andreas bevorzugt «tropfende» Musik, wie er sie bei sich nennt: keine Blas- und Streichinstrumente, sondern Harfe, Gitarre und Cembalo. Musik hüllt ihn in Regenschauer, plätschert in Gossen, sprudelt in Bechern, strömt durch resedagrüne Täler, singt in Dachtraufen. Dem Gasofen des Zimmers ist ein immerwährender Pfeifton eigen, so hoch, dass er durchs Ohr bis zur Schädeldecke sticht und sie durchbohren will. Andreas hat sich an den Ofen gewöhnt; er überhört und übersieht ihn beinah, begegnet überhaupt der Außenwelt übertrieben höflich und weicht ihr nach Möglichkeit aus. Wenn sie ihn zu stark beeindruckt oder erschreckt, scheint sein Inneres einstürzen zu wollen.
Andreas war Lehrer, doch da die Kinder ihm jeden Tag fremder erschienen – sie veränderten sich jeweils über Nacht; selbst ihre Sprache wurde unverständlich, und sie missverstanden auch ihn öfter –, atmete er auf, als ihm gekündigt wurde. Er erteilt nun jeden zweiten Abend einem Fräulein, das er im geheimen «Blattlaus» nennt, da es sich mit Vorliebe grün kleidet, eine Französischstunde; es hat ein neugierig spähendes Gesicht und einen Körper, der nur mit dem Wort «dumm» treffend charakterisiert werden kann; er ist nicht nur plump, sondern wirkt steif und gefühllos.
In einer Vase auf dem Tisch befindet sich ein Geschenk der Blattlaus: Plastiktulpen. Als trüge sie ein in eine Decke gewickeltes, frierendes Kind, versuchte sie das zu kleine Seidenpapier während des Gehens durch den weißen Novembernebel immer wieder über den leblosen, grellfarbenen Blumenstrauß zu ziehen.
Andreas knipst die Ständerlampe an, lässt den Rollladen herunter, zieht die Schuhe aus und stellt sich unter die Gipsscheibe, die, in der Mitte der Zimmerdecke, eine Sonne darstellt. Er wartet, dass Segen auf ihn fiele wie Manna, wie der Heilige Geist, wie Schneeflocken, wie Samen, den der Wind in die sich öffnende Erde streut. Bald wird die Hausglocke schrillen, und die Blattlaus wird ihren stumpfen, fremden Körper in seine Einsamkeit schieben und sich am Tisch niederlassen und dort wie die Plastiktulpen thronen. Während sie französische Sätze herunterleiert, fließen die wasserblauen Wände auseinander, die Blattpflanzen, die sich vor der Blattlaus fürchten, richten sich auf, schlenkern ihre langen Arme und Beine und galoppieren davon auf einem schmalen, weißen Weg zwischen den Wassern.
Taddea
Man nannte die kleine Taddea eine Lügnerin, weil sie sich nicht viel aus Gedanken machte, die sich wie Blumen oder Früchte entwickelt hatten. Sie spickte die ihren, die Samenkörnchen glichen, munter umher. Wohin sie fielen, wusste sie nicht, glaubte aber bestimmt, dass der Wind sie auf die höchsten Berge, auf die größte Meereswoge, ins tiefste Tal trug, und wer weiß, vielleicht wuchsen daraus Vögel, Schlangen, schillernde Käfer oder Ungeahntes? Taddea liebte Wörter, deren Bedeutung sie kaum kannte, die sie aber jeweils, wenn sie traurig und einsam war, vor sich hinsagte: «Zarewitsch» war eines, dann gab es noch «Ignatius von Loyola» und «raffsüchtig». Sie liebte auch Leute, die sie gar nie gesehen und von welchen sie auch nie gehört hatte, die sie sich nur zu ihrem eigenen Vergnügen ausdachte.
Am Abend, wenn die Mutter glaubte, ihre kleine Tochter löse Schulaufgaben, lag Taddea mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Bett in ihrem Zimmer. Das Fenster rahmte Häuser ein, die an einem sanft leuchtenden Himmel lehnten und sich von Bäumen, die aussahen, als wären sie aus Licht und Schatten gestrickt, streicheln ließen. Sie sah Fernsehantennen auf den Dächern, bunte Wäsche auf den Balkonen, sie hörte Geschirrgeklapper aus den Küchen, irgendwo, gedämpft, Gemurmel aus dem Radio, in der Ferne das Klingeln der Straßenbahn.
Taddea hatte keinen Vater, und die Mutter kümmerte sich kaum um sie, denn abends ging sie meist ins Kino. Sie sagte, weil sie den ganzen Tag im Büro arbeite, brauche sie diesen Ausgleich, doch Taddea befürchtete, dass dieser Ausgleich anders beschaffen sei, als die Mutter vorgab. Ihre Schulkameradinnen sagten: «Deine Mutter ist eine Hure», und sie sagten, als wäre dies ebenso schlimm: «Deine Mutter hat das Haar gefärbt.» Seit Taddea ahnte, dass eine Hure mit dem sechsten Gebot in Zusammenhang stand, das sie während längerer Zeit nicht ganz begriffen hatte, das sich aber um Schlimmes drehte, um Dinge, die man im Kino sah, um Dinge, die der Pfarrer im Religionsunterricht verschwieg, war sie immer bedrückt. Einigen Schulkameradinnen war dieses Gebiet nicht fremd; sie tuschelten unverschämt lachend darüber, doch Taddea, die log, wie wir wissen, auch stahl, hielt sich da lieber fern; es genügte schon, wenn sich die Mutter damit befasste, die übrigens aus «gutem Haus» stammte, wie eine Tante erklärte, und daran hielt sich das Mädchen. Die Mutter selbst sprach nie davon. Taddea wusste nicht, ob die Mutter schön war, sie kümmerte sich nicht darum, nur ihr rotes Haar betrachtete sie jeweils argwöhnisch, als sei es das Symbol ihres sündhaften Lebens, und ihre Brüste, die ihr viel zu mächtig schienen, kamen ihr unangenehm vor. Überhaupt roch sie aufdringlich nach «Frau». Sie war noch sehr schlank, ihre Kleiderausschnitte waren zu groß, ihre Haut welk und gepudert, ihre Stimme rau, manchmal weckte sie Sehnsucht, Erinnerungen nach entschwundener Wärme, Geborgenheit, Vertrautheit, und das Mädchen starrte ihr in die Augen, als suche es dort etwas, doch ihr Blick wich immer aus. Einmal sah Taddea sie mit einem Mann, einem jener Männer wahrscheinlich, mit denen sie Verbotenes tat. Sie betrachtete die beiden genau, konnte aber nichts Besonderes entdecken: Sie waren ungezwungen, wie Erwachsene sind, kalt, böse lächelnd, arrogant, geheimnisvoll. Vielleicht war die Stimmung, die Taddea zu spüren glaubte, tatsächlich anders als die Stimmung, die gewöhnliche Menschen verbreiten; sie glich mehr Tabak, Alkohol, Kino, Dancing, gar nicht Tischtuch, Milch, Schuhputzcreme, Einkaufstasche und Wetterprognose.
Als Taddea noch jünger gewesen war, glaubte sie, die Erwachsenen schenkten der Welt der Kinder Beachtung. Im Winter grub sie jeweils sonderbare Spuren in den Schnee, um die Passanten zu irritieren. Sie stellte sich vor, sie würden zueinander sagen: «Was für ein Tier ging hier wohl? Das war doch kein Hase, kein Reh, kein Fuchs, kein Hund?» Und am andern Tag würde in der Zeitung stehen: «Rätselhaftes Tier, ein Urtier vielleicht, ging durch unsere Stadt.» Doch nichts dergleichen geschah.
Übrigens schien das unstete Leben der Mutter, ihre Unruhe, ihr Jagen nach Abwechslung, nach Abenteuern, eine Flucht vor einer Last zu sein, eher das Vergessen dieser Last, die sie immer mit sich trug. Sie bestand aus Worten wie «Familie», «Verantwortung», «Stand», «Ehre», die plötzlich ihre Bedeutung für sie verloren hatten, denn ihr Vater, der letzte Spross einer vornehmen Familie, war ein Spieler, Trinker und Schürzenjäger gewesen und hatte das Vermögen verjubelt. (Sein Sohn, Onkel Theodor, den Taddea nie gesehen hatte, war Kommunist. Sie stellte sich diesen Beruf sehr schlimm vor.) Die Schwester der Mutter, Tante Sybill, die mit einer gerümpften Nase zur Welt gekommen war, lebte, ziemlich arm, für fremde Leute nähend, in einem Stübchen im Haus der verstorbenen Eltern und hütete das Klavier, die Familienfotos, gestickte Deckchen, verstaubte, dunkle Gemälde, schlecht gemalt, aber immerhin Onkel Alphons und Tante Lilly und Cousine Astrid darstellend, die alle längst tot waren. Die übrigen Räume hatte sie an ruhige, seriöse Leute vermietet. Taddea wollte, wenn sie einmal erwachsen sein würde, auch so leben wie Tante Sybill, die vor allem Widerwärtigen geschützt schien. Doch wenn sie sich im Spiegel betrachtete, konnte sie sich nicht vorstellen, wie dieses ruhige Leben, das nach Staub roch, nach Pfefferminz und Geranienblüten, zu ihr passen würde, denn ihre schrägstehenden Augen, die die Farbe von dunklem Bier hatten, blickten wild, sie war geschmeidig und dünn, obwohl sie viel aß, heimlich geradezu leidenschaftlich Zucker verschlang, Hafer, Butterbrote, Eier.
Oft stand Taddea minutenlang in der leeren Wohnung, in welcher kein Bild hing, keine gestickte Decke lag, ohne sich zu rühren, gelähmt, Angst im Herzen, und glaubte, ihre Gedanken würden wie Glaskügelchen von ihr abfallen und in alle vier Ecken des Zimmers rollen. Sie wollte ihnen nacheilen, sie einsammeln, um wieder sie selbst zu sein, doch sie konnte nicht. Manchmal schrie sie, und sie musste sich die Hand auf den Mund pressen, denn sie war, trotz ihrem verwegenen Äußeren, rücksichtsvoll. Eine ältere Dame, die nur Katzen besaß, strich ihr hie und da über den Kopf, was sie innerlich steif, mit einem falschen, demütigen, halben Lächeln geschehen ließ.
Taddea besaß viele Spielsachen, denn jeden Samstag, bevor die Mutter in ihrem Sportwagen wegfuhr, kaufte sie ihr etwas, eine kleine Welt, die sich in ihre Hand, an ihr Herz schmiegen sollte, doch am liebsten verbrachte das Mädchen die freien Stunden mit dem Schmücken eines Hydranten, der an der Straßenecke stand. Es zog ihm alte Wollmützen an und abgetragene Jacken seiner Mutter, verschiedene Halstücher, Schürzen, einen zerrissenen Vorhang, den es in einem Mistkübel fand und der ihm gefiel, weil er wie Seide schimmerte. Es taufte den Hydranten «Beethoven» oder «Chopin» und unternahm mit ihm Reisen nach Texas, nach Mexico, nach allen Ländern, die es kannte, weil ihre Namen in den Schlagern enthalten waren, die es am Radio hörte. Ältere Kinder, die seinem Treiben belustigt zusahen, versteckten jeweils die Kleider und lachten, wenn Taddea an ihrem nackten Freund lehnte und weinte.
Eines Nachts träumte Taddea, ihre Mutter wandere in einem langen Korridor, immerzu, aber ohne kleiner zu werden, immerzu gegenwärtig wie das ewige Licht in der Kirche, das dem kleinen Mädchen von jeher unheimlich vorgekommen war, und auf ihrem Kopf saß eine Katze, die fragte: «Du liebst mich?», nicht: «Liebst du mich?», woraus das Kind schloss, dass die Katze um seine Liebe zu ihr wusste und eigentlich nur der Form halber fragte. Das Tier war krank, und Taddea fühlte, dass es bald sterben würde, denn alle Blumen und Tiere, die in Mutters Obhut waren, starben über Nacht: Die Kakteen, der Kanarienvogel, die Schildkröte, der kleine Frosch. (Sehr zum Verdruss, aber, wie Taddea richtig empfand, auch zum Schmerz der Mutter, die nach diesen traurigen Erlebnissen vorgab, Pflanzen und Tiere zu verabscheuen, aber dralle, lebhafte Hunde mit eifersüchtigem Lächeln lobte.)
Taddea erwachte. Die Uhr im Nebenzimmer schlug Mitternacht. In der Ferne sangen einige Italiener, Taddea stellte sie sich wie gigantische Engel vor, die singend Wolken kneten. Sie schlüpfte aus dem Bett und ging leise ins Schlafzimmer ihrer Mutter, sah jedoch, dass das Bett leer war. (Die Mutter brachte ihre Männer nie nach Hause. Vielleicht aus Rücksicht?) Sie trat ans Fenster. Die Nacht lag weich und warm wie Samt in den Gassen. Taddea beugte sich weit hinaus, um nach der Mutter Ausschau zu halten, die vielleicht mit der letzten Straßenbahn zurückgekehrt war (das Auto war zu jener Zeit zur Reparatur in einer Werkstatt) und nun allein durch die Straße ging, mit abwesendem Blick, ihr unglückliches, ein wenig slawisches Gesicht wie eine zerfetzte Fahne vor sich hertragend. Sie roch nach Wein, schien aber nie betrunken, und sie trug immer neue Kleider wie der Hydrant, ihre Augen waren schwarz glimmende Scherben, ihre Lippen geschabte Rüben, ihre Hände Krallen, die für Taddea Geld auf die Bank trugen, mechanisch, wie einem inneren Zwang gehorchend. Sie schien stets müde und doch gespannt, hie und da schrie sie ohne Grund, dann weinte sie und schenkte ihrer Tochter Schokolade.
Taddea beugte sich weiter hinaus. War es nicht die Mutter, die dort um die Ecke bog? Aber weshalb kam sie nicht hierher, wo ihre Wohnung war, weshalb verschwand sie in einer anderen Straße? Plötzlich verlor das Mädchen, das aufs Fenstersims gestiegen war, das Gleichgewicht und stürzte hinunter; schnell, lautlos flatterte es auf die Nacht zu. Der Tod nahm sein Herz in die Hände und flog mit ihm in jene Welt, von der wir träumen, wenn der Schlaf mit uns in die Tiefen taucht, wo silberne Flüsse leise wie Katzen zwischen blauen Wolken gehen, wo Männer und Frauen heulend wie hungrige Wölfe auf hohe Türme steigen und stattliche Kröten lachend über Sommerwiesen eilen.
Leo
Jeden Schritt, jede Bewegung schien der kleine Leo zu kosten. Wenn er irgendwo saß, das Kinn auf die Hand gestützt, die Zehen betrachtend, die er spielerisch bewegte, die braunen Augen mit dem verschwommenen Blick halb geschlossen, scharf durch die schmale Nase atmend, dann schien er nicht nur das Atmen, das Spiel der Zehen, das Ruhen des Kinns auf der Hand zu genießen, sondern er schien sich gleichzeitig erfreut seine braunroten Locken vorzustellen, seine kleinen Ohren, die oben spitz zuliefen, seine hübschen Hüften, die blassen, herzförmigen Lippen, die er mit der Zunge streichelte. Diese Trägheit und das verträumte Wesen gefielen seinem Onkel, erregten jedoch den Zorn seiner Tante. «Es soll einmal ein Mann aus ihm werden, vergiss es nicht, Paul!», schrie sie jeweils, doch Onkel Paul betrachtete seinen Pflegesohn als eine teils freundlich, teils bizarr schimmernde Pflanze, sie sich hegen und pflegen ließ und von der fremden Welt träumte, von wo ihr Same aus Versehen auf die Erde gefallen war und nun staunend sich verwandelte, staunend das Dasein genoss und staunend verwelkte.
Tante Elise hätte man sich gut mit einem roten, flatternden Kopftuch auf einem Traktor sitzend vorstellen können, in einem kommunistischen Propagandafilm beispielsweise, entschlossen eine Fahne schwenkend, während Onkel Paul, der vierblättrige Kleeblätter sammelte, Kaugummi kaute und deshalb immer nach Pfefferminz roch, eher einem Landpfarrer oder Landarzt glich; man umfing seine Gestalt mit einem einzigen Blick, nahm sie sozusagen mit einem Schluck wie einen guten, herben Wein, während Tante Elise mit den harten Augen, der geröteten Nase, den breiten, abfallenden Schultern mit einer zähen, schwer verdaulichen Wurst Ähnlichkeit hatte, die sich nicht gut häuten lässt, die beim Kochen aufspringt oder pappig wird, kurzum: die einen vor Probleme stellt. Das Einzige, was an Onkel Paul befremdete, war seine Angewohnheit, die Hände immer zur Faust geschlossen zu halten, wobei er die Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger gefangen hielt, als wären sie die Verkörperung des Bösen.
Onkel Paul war der Sohn eines Kleinbauern, hatte mit Stipendien studiert und durfte sich Herr Doktor nennen, obwohl er orthografische Fehler machte. Seine Arbeit, Zähne flicken, tat er genau, die Patienten liebten ihn, denn er war stets heiter, wenn auch schweigsam. Er besaß eine moderne Praxis in der Stadt und bewohnte ein Haus in der Vorstadt, dessen vorderes Gesicht auf eine Fabrikstraße blickte (einige staubbedeckte Bäume waren zu sehen, rumpelnde Lastwagen, im Hintergrund ein Heer von rauchenden Schornsteinen), dessen hinteres Gesicht aber den Strom betrachtete, auf welchem sich am Sonntag rotweißbeflaggte Ruder- und Motorboote tummelten. Am Samstagabend, wenn die Glocken den Sonntag einläuteten, konnte man Onkel Paul mit andächtigem Gesicht auf der Terrasse stehen sehen, wie er mit schillernden Äuglein über das Wasser blickte.
Hätte man aus der Innenausstattung des Hauses auf den Charakter seiner Bewohner schließen wollen, wäre man in Verlegenheit geraten, als müsse man aufgrund eines Bauchinhalts die Eigenschaften des Trägers dieses Bauches enträtseln. («Bauch ist Bauch» war übrigens der Lieblingsausspruch Onkel Pauls, dessen er sich immer bediente, wenn man ihn in irgendeiner Angelegenheit um seine Meinung fragte. Er schien damit vielleicht auf eine etwas rätselhafte Art sagen zu wollen, alles sei relativ, alles sei im Grunde gleichermaßen wertvoll oder wertlos, so und so zu betrachten, habe seine Vorder- und seine Kehrseite, sei positiv und zugleich negativ, aus diesem Grunde anzustreben und aus jenem Grunde zu verachten.) Onkel Paul besaß einen Fernsehapparat, schöne, alte Bauernmöbel nebst Stühlen, die Abortschüsseln glichen, eine im Warenhaus gekaufte abstrakte Frau, die Ähnlichkeit mit einem Eselsohr hatte, eine rosafarbene Badewanne und eine beachtliche Bibliothek, denn er war eine Leseratte.
An einem Samstag im Frühling trugen fremde Menschen den kleinen Leo ins Haus, weil er von einem der großen Lastwagen überfahren worden war; die Fenster standen offen und breiteten ihre Flügel weit aus, als wollten sie davonfliegen. Während Tante Elise dem Arzt telefonierte, kniete Onkel Paul am Bett des Knaben, der mit einem scharfen Wenden seines Kopfes hierhin und dorthin blickte und mit einer eigentümlich kalten, heiseren Stimme unverständliche Worte sprach. Blut floss schräg über sein Gesicht, das der Onkel mit einem Taschentuch immer wieder zitternd abwischte.
Ein Traum, der so groß war, dass er das ganze Zimmer ausfüllte, die Wände sprengte und überallhin floss wie ein farbiger Brei, der wunderliche Formen annimmt, zeigte dem Knaben die Daumen seines Onkels, die aus den Händen krochen, sich vermehrten, wie Zeppeline durchs Zimmer flogen, gegeneinanderstießen, schreiend, mit offenen Mündern um die Lampe wirbelten. Die Menschen und Gegenstände erstarrten, die Nacht wuchs aus den Dächern und warf ihren Schatten ins Zimmer. Mahlzeiten, die Leo geliebt hatte, erstanden vor seinen Augen, doch waren sie sonderbar verzerrt, als ob man sagen würde: «Ich bud» statt «ich badete»; nicht aus Unwissenheit, sondern aus einem unerklärlichen Übermut oder Überschwang, der der Sache gar nicht angemessen war. Eine Bratwurst mit Zwiebeln roch nach Vanille, einer Torte entstieg Knoblauchgeruch, eine Forelle war zäh und klebrig wie Nougat.
Je länger Onkel Paul das Kind anblickte, desto fremder kam es ihm vor; manchmal wurde es plastisch, wie es vorher nie gewesen war (es hatte eigentlich immer unräumlich, verwischt wie auf einer schlechten Fotografie gewirkt), sein längliches Gesicht war wie von einem Heiligenschein umgeben, die Augen wurden überdeutlich, ragten wie Stecknadeln hervor und begannen zu leuchten, hinter seinem Gesichtchen schien sich Unbekanntes zu verbergen, und seinen blutenden, gekrümmten Körper schien es zu ignorieren; es lebte hinter ihm wie der Wahnsinnige hinter den Mauern seiner Zelle, die er nicht wahrnimmt, und wenn er mit dem Kopf an sie stößt, kann man sein wütendes, schmerzliches Aufbrüllen hören. (Wenn seine Vernunft hie und da den Ansturm der Traumbilder zurückdrängte und sich umsähe, würden sich auf seinem Gesicht Erschrecken, Staunen, Widerwillen zeigen, hätten die Hiebe der Dämonen es nicht zerstört.) Der Knabe glich einem Engel, der sich in ein Tier verwandelt, in eine Ratte beispielsweise, sich aber immerzu schämt und die Füße beschnuppert, um festzustellen, ob sie nicht übel riechen, und den Schwanz einzieht wie ein geschlagener Hund, und wenn er irgendwo Seife frisst oder an einer Türe nagt, träumt er von weißen, zarten Flügelchen, vermeidet es, zu rülpsen, und die sehnsüchtigen Worte: «Wenigstens ein Schmetterling …» drängen sich auf seine Rattenlippen.
Als der Arzt endlich kam, unsanft Tante Elise und den verstörten Lastwagenchauffeur zurückstieß, die ihn mit Fragen und Erklärungen bedrängten, runzelte Leo die Stirn, atmete einige Male kurz und heftig, schloss die Augen und öffnete die weißen trockenen Lippen. Onkel Paul erhob sich, blickte sich erschreckt im Zimmer um, und während er sich gleichzeitig mit dem Arzt über Leo beugte, wusste er, dass das Kind tot war, und es schien ihm, er habe es geliebt, wie man eine Frau liebt, mehr noch als Elise, deren Weinen er wie aus weiter Ferne hörte, mehr als seine Bücher, mehr als sich selbst.
Er öffnete seine Hände, und als der Arzt ihm eine Frage stellte, schwieg er, denn seine Stimme, seine Zunge und seine Lippen blieben bewegungslos wie seine Hände, sie wurden zu etwas Fremdem, zu Gegenständen, die er nicht mehr gebrauchen konnte und wollte, da der Knabe nicht mehr da war, zu dem er hätte reden, den er hätte streicheln und küssen können und der schön war.
Die Nachbarin
Ich weiß alles über meine Nachbarin. Sie bohrt manchmal mit dem Zeigefinger, mit dessen Hilfe sie tagsüber Kohlepapier zwischen gelbes und rosarotes Durchschlagpapier schiebt, in den Nasenlöchern, die dann schwarz bleiben. Sie arbeitet acht Stunden am Tag zwischen vier Betonwänden; oft löst sich der Nagel, an dem der Kalender mit den bunten Landschaftsansichten hängt; der Kalender fällt zu Boden und meine Nachbarin schlägt den Nagel wieder ein und hängt den Kalender vorsichtig auf. Manchmal schließt sie sich in der Toilette ein, um in ihr Gesicht zu spähen; dann drehen sich die Augen, die wie Fische hinter den dicken Brillengläsern schwimmen, auf den Rücken.
Ich beobachte meine Nachbarin nun schon seit 313 Tagen, überwache ihre Gedanken und verfolge ihre Schritte, da ich über sie ein Hörspiel schreiben will. Ich mache mir Notizen. Sie lebt mit ihrer Schildkröte allein, die ich aber nicht ins Spiel einbeziehen möchte; ich könnte allerdings jemandem eine Bemerkung über das grämliche Tier in den Mund legen, ihn zum Beispiel feststellen lassen, der Hals der Nachbarin gleiche dem Hals der Schildkröte. Obwohl meine Nachbarin ihr Haar geranienrot färbt, weiß ich, dass sie bald zu den Alten gehören wird; dann wird sie in eines der schwankenden Boote am Fluss kriechen und sich wegspülen lassen, und mich, da ich bald nicht mehr weiß, ob ich sie bin oder ob sie ich ist, soll man dann nicht suchen.
Ein Traum
Während Reto, Student der Rechtswissenschaft, einschläft, träumt er, er beuge sich hinaus, um den rechten Flügel des Vorfensters mit der Spitze des mittleren Fingers so weit als möglich zurückzustoßen, doch drückt der Wind die Scheibe immer wieder von der Hauswand weg, an welcher sich kein Haken zum Befestigen des Fensters befindet. Im Nu ist Retos schweißnasses Gesicht trocken; er atmet einige Male tief und flucht leise, da es ihm noch immer nicht gelungen ist, das Fenster offen zu lassen, damit der Wind die Wärme aus dem stickigen Zimmer blase – kaum tritt er zurück, klappt der gläserne Flügel schmetternd zu, als wolle er den Raum wie einen kranken, alten Leib schützen.
An der hinteren Wand des dunklen Hotelzimmers steht das Bett, auf dem gestern das Känguru Hedwig saß.
Reto hat das Känguru vor zwei Tagen unter rührenden Umständen kennengelernt – an Hedwigs Hochzeit, in einer jener Kirchen, deren Erbauer Gott für eine Art Käfer halten, den man in eine mit Luftlöchern versehene Schachtel sperren muss. Auch der Heiland in jenem grauen Kerker glich einem Insekt, und wohl aus diesem Grund brach die Braut in ein Weinen aus, das kein Ende nehmen wollte. Reto, der zwischen zwei Vorlesungen die neue Kirche besichtigen wollte und nun auf diese ungewöhnliche Art gestört wurde, fühlte sich verpflichtet, die Tür zu öffnen, um so der Hochzeitsgesellschaft – die, was er passend fand, zum Teil ebenfalls aus Kängurus bestand – einen Ausweg zu zeigen: Kommt, hier draußen ist der Himmel; ein Papiertaschentuch rollt unter eine grüne Bank, ein Handschuh steckt hinter einem Fensterladen – da wird sich die Braut wieder erholen und lächeln, wenn sie Tramwagen sieht, die aussehen, wie man sich Tramwagen vorstellt; Kinder unter einem Sonnenschirm in einem Garten, die aussehen wie Kinder; der Sonnenschirm gleicht einem Sonnenschirm, und der Garten ist nicht mit dem Meer oder mit einem Ballon zu verwechseln. Aber die Hochzeitsgäste verstanden ihn nicht, und das Känguru schluchzte in immer grauenvollerer Verzweiflung, bis Reto es kurzerhand entführte. Hedwig besaß tatsächlich nur, was ihr Kleid betraf, Ähnlichkeit mit einer Braut im landesüblichen Sinn, sonst war sie Känguru mit allem, was zu diesem Tier gehört: Sie hatte starke Hinter- und kurze Vorderbeine, einen langen Stützschwanz und einen kleinen Kopf. Ihre Pupillen schoben sich von Zeit zu Zeit fast ganz unter die oberen Augenlider, so dass ihr Blick einer weißen Wolke glich. Reto fand ihre Angst verständlich, unterhaltsam und faszinierend und ahnte bald, dass es nichts gab, wovor sie sich nicht fürchtete: Der Mond erfüllte sie mit Schrecken, wenn er wie von roten Lippen umklammert war, und sie erschauerte beim Anblick eines Holzhäuschens, das aussah, als ob es mit viel Leim an eine große zerfallene Fabrik geklebt worden wäre. Angesichts eines Scheinwerfers in einem Kasernenhof begann sie zu zittern, und sie glaubte an Tauben, denen jemand die Flügel abgeschnitten hatte und die sich unter den Brücken versteckten.
Reto schließt das Fenster und wendet sich um. Die Finger der Nacht schieben sich schon den Wänden entlang – bald werden sie sich schließen, und Reto wird sich im Dunkel dieser Faust auf dem Bett ausstrecken. Er hat das Zimmer noch für diese Nacht gemietet und genießt gespannt und ein wenig furchtsam wie ein Kind die ungewohnte Umgebung. Er schüttelt einige Male unwirsch den Kopf, denn er glaubt Hedwig zu sehen, wie sie vom Bettrand hüpft, ihr weites, weißes Kleid zurechtzupft und ihn anlächelt. Ihr Lächeln ist wie eine Zusammenfassung, eine Art Abkürzung, wie ein Zeichen, das für sie und ihr Leben auf einer sonst leeren Seite steht.
Sie wurde nicht wie Reto in einem abgelegenen Haus am Rand eines schwarzen Waldes geboren; sie stammt aus einem jener Häuser, die sich wie ältliche Freundinnen irgendwo treffen und nun auf der Stelle festwachsen; mit tückischen, verhängten Blicken durchbohren sie jeden Fremdling, der es wagt, sich ihnen zu nähern, und mit lammfrommen, weißen Gesichtern und Blumen auf dem Hut grüßen sie ihn süß, doch plötzlich werden ihre Münder finster, fallen zu, schnellen wieder auf, fallen wieder zu – Versammlungen von solchen Häusern nennt man «Ortschaften», Reto fürchtet sie und ihre Bewohner.
Er lauscht, als ob im Heulen des Windes Worte verständlich würden – gestern noch spielten auf jenem flachen Dach zwei Knaben in roten Pullovern, doch heute wirkt das Haus wie eine umgekehrte Trommel; überall liest er das Zeichen für «Hedwig». Wenn es stimmt, dass wir vor Menschen und Tieren, die unser Mitleid erregen, zugleich Ekel empfinden – zwischen Reto und Hedwig war das anders: Sie rührte ihn, und er fühlte sich angesichts ihrer Schüchternheit und ihres seltsamen Äußeren stark und selbstlos. Ohne Angst vor den befremdeten Blicken der Passanten hatte er sie durch die Stadt geführt, ohne Unbehagen ein Hotelzimmer für sie gemietet, wo sie sich vorläufig vor ihrem Bräutigam verstecken konnte, einem Menschen, der Buser oder Schranz hieß – der Name war ihm entfallen. Obwohl dieser Bräutigam sich als «Forscher der Kängurus» ausgab, musste er ein gemeiner, gewöhnlicher Kerl sein, ohne Sinn für die körperlichen und seelischen Eigenarten dieser Tiere. Er hatte es jedoch verstanden, seinen wahren Charakter zu verstecken und Hedwigs Eltern und ihre Verwandten für sich zu begeistern. Heute Morgen, als Reto zu seiner Mutter gelaufen war, um ihr sein merkwürdiges Abenteuer zu erzählen, war Schranz oder Buser, von zwei Polizisten begleitet, im Hotel erschienen und hatte Hedwig als sein Eigentum mitgenommen, denn die Hochzeitsgäste hatten alle ihr Jawort gehört; zwar leise, vom Weinen entstellt, aber doch gültig.
Unschlüssig tritt Reto wieder zum Fenster; als erwarte er jemanden, presst er die Stirn gegen die heftig zitternde Scheibe. Ein schwarzer, hochgewachsener Baum dirigiert das Pfeifen des Windes; er beugt sich nach hinten, verwirft die Äste, neigt sich wieder nach vorn und schnellt zur Seite, während eine Laterne, die schon seit Tagen nicht mehr leuchtet, wie ein im Gebet versunkener Einsiedler vor dem Geburtshaus eines vergessenen Dichters steht. Die Schimpfworte eines Betrunkenen wollen von der Straße heraufdringen, doch ist es, als ob sie ins Wasser fielen; der Wind spült sie weg. Nun hüpft Hedwig um die Straßenecke; ihr Brautkleid schimmert durch das lärmende, tanzende Dunkel, in ihrem Beutel trägt sie ein kleines Känguru. Sie ruft: «Reto, Reto, Reto» und blickt zu seinem Fenster auf. Deutlich sieht er die kräftigen Hinterbeine und die kurzen Ärmchen; sie winkt mit einer langen Stange, mit welcher sie gewiss das Fenster einschlagen möchte. Er kauert nieder und legt die Arme über seinen Kopf.
Verwundert spürt er die Angst und den Ekel, die wie ein ätzender Brei über seinen Körper fließen. Durch ein Klopfen an der Tür schreckt Reto vom Schlaf auf; die Stimme seiner Mutter bleibt nicht sofort in seinem Ohr haften, sondern rollt wie auf einer weiten Ebene an ihm vorbei, doch schließlich merkt er, dass Worte ins Zimmer gerufen werden, die ihm gelten: «Hedwig ist am Telefon!» Er setzt sich im Bett auf; die Wände sind sonnengelb, ein schwarzer Jazzpianist grinst neben einem fleckigen Wandschoner, über dem Arbeitstisch hängt ein Kruzifix mit einem Heiland, dünn wie ein Insekt. Da weiß er es plötzlich: Morgen, Samstag, findet seine Hochzeit mit Hedwig, der kränklichen Tochter des Tierarztes Jakob Knüsel, statt. Er springt aus dem Bett, wo er ein Nachmittagsschläfchen gehalten hat, und bemüht sich, in Gedanken seine Füße zu begleiten, die auf eine ungewöhnliche Weise vielleicht schwebend in den Korridor gelangen.
Aus der halboffenen Küchentür strömt ein Duft von Kaffee und Apfelkuchen, auf dem Telefonbuch steht das kleine rote Feuerwehrauto seines Bruders. Während er – schwankend, als ob er Fieber hätte – zum Hörer greift, hat er das deutliche Empfinden, ein Känguru wünsche ihn zu sprechen; nur zögernd nennt er seinen Namen.
Die Käferwohnung
Stephan wohnte erst wenige Tage bei der Großmutter. Als er vor ihrem Haus aus dem Auto gestiegen war, sang der Schnee eine weiße Melodie und tanzte dazu wie die Tontupfen in seinem Notenbuch, so dass Stephan nicht hörte, was die Großmutter zur Begrüßung sagte. Auch ihre Miene konnte er nicht deuten, denn der Kälte wegen verhüllte ein Tuch ihr Kinn und die Stirn. Als er dann im stickigen Zimmer am Fenster stand – jenseits der Straße strich ein Eisenzaun seinen Schatten durch, der rückwärts in den Schnee gesunken war –, verstand er wiederum nicht, was die Großmutter über den Tisch hinweg seiner weinenden Mutter erklärte. Die Mutter trug einen neuen Hut mit gelben Kugeln darauf, die sich wie Küken aneinanderdrängten. Im Fenster sah er die Großmutter doppelt, verschwommen, als ob sie versuchen würde, aus sich selbst zu steigen. Eine blaue, verzeichnete Lampe beleuchtete ihre zitternde Hand, die vielleicht Angst hatte, jemand komme und tadle sie, verhafte sie, drohe ihr mit Folterung. Ihre Füße hielten sich unter dem Tisch umschlungen wie zwei schlafende Katzen.
Stephan spielte jeden Tag im Hof hinter dem Haus; als ob die Brille seiner Großmutter sich vervielfältigt hätte, blinkten Hunderte von Fenstern. Am Abend sah er dahinter gelbe, weiße und rötliche Lichter, dann wurde er zum Nachtessen gerufen. Um den Hals trug die Großmutter die Maria und den Antonius, und Stephan musste die beiden vor dem Zubettgehen küssen; das ekelte ihn, als ob er den Kaugummi, aus dem jemand den Pfefferminzgeschmack längst hinausgebissen und hinausgesogen hatte, mit der Zunge hätte berühren müssen. Da er nun der Großmutter gehörte, musste er jeden Tag auf der Blockflöte «Komm heiliger Geist» und andere fromme Lieder spielen. Sein Vater war Schauspieler und Sänger; er bewunderte ihn heimlich, da die Mutter und die Großmutter ihn vor einem Leben, wie es der Vater führte, warnten. Stephan konnte nicht singen; er stotterte, und dieses Gebrechen war schuld, dass er die Hoffnung aufgegeben hatte, einst ein Mann wie sein Vater zu werden. Im Traum sah er die Großmutter mit rotem, braunem oder blondem Haar in Korridoren, in Konditoreien und vor Kirchentüren. Sie kicherte am Telefon, atmete an des Knaben Ohr, rutschte auf den Knien durch die Küche und leckte an einer weißen Taube. Am Morgen erwachte er, wenn sie ihren Nachttopf in die Toilette leerte. Sie trug stets eine große Ärmelschürze, und die Mieter grüßten mit furchtsamem Lächeln, wenn sie Staub auf der Treppe fand oder lärmende Kinder zurechtwies.
An einem langen Nachmittag hielt sich Stephan im Keller verborgen, da er Angst hatte, die Großmutter würde ihn des milden Wetters wegen vom Balkon aus beim Spielen beobachten. Es tropfte vom Dach, und die Lampen schaukelten über der Straße. Als es dunkel wurde, trat er in den Hof und sah ein Mädchen, das rote Gummistiefel trug und die Stadt verwüstete, die er aus Steinen erbaut hatte. Die Erregung darüber empfand er wie ein Flattern, ein Ausschlagen von starken Fäden, die sich dann schnell zu einem Knäuel drehten und in seinem Hinterkopf steckenblieben; erst jetzt begann er zu schreien und lief auf das fremde Kind zu, das ihn anstarrte. Es hatte Augen wie aus Glas und ein langes Kinn. Während Stephan weinte, wurde ihm bewusst, dass der Knäuel im Kopf nach vorn rutschte, sich auflöste und mit langen Armen über sein Gesicht hing; er fühlte sich gelähmt, als gehöre er diesem Kind, als habe es ein Recht, ihn zu bestrafen oder zu verlangen, dass er vor ihm niederknie. «Weshalb hast du das getan?», fragte er, doch die Frage klang, als versuche sie, sich selbst auszulöschen. Während er auf den Boden kauerte und mit seinen Fingern suchend umherglitt, ging das Mädchen fort.
Hier auf diesem flachen Stein hatte Stephans Mutter gewohnt – dort auf dem gewölbten, fast schwarzen Stein der Vater mit der neuen Frau; beide Steine waren umgefallen, und zu Stephans Entsetzen liefen kleine Tiere darüber. Auf dem spitzen Stein, der nun schief stand, hauste die Großmutter mit ihrem Enkel und schälte Kartoffeln, griff mit geschwärzten Händen ins Feuer, um Holz aufzulegen, schob den heulenden Staubsauger durch die Wohnung und las Heftchen.
Stephan sah hoch oben einen einzigen Stern, ein winziges Funkeln. Ob es Zeit war fürs Nachtessen? Vielleicht hatte die Großmutter das Rufen vergessen, dann war es besser, er ging nun leise ins Haus und zeigte auf der Treppe ein gleichgültiges Gesicht, damit niemand auf den Gedanken komme, er sei verzweifelt.
Am nächsten Tag war es kalt. In einer Ecke lag Schnee wie nasser Zucker. Stephan stieß Steine in die Erde; er baute eine neue Stadt. In der Mitte hob er einen Graben aus; dort durften die Käfer wohnen. Äste teilten diesen Korridor in kleine Zimmer. Mit zwei Fingern wanderte er von einem Raum in den andern und plauderte, wobei ihm gar nicht bewusst wurde, dass er nicht stotterte: «Guten Tag, Großmutter. Sieh, wir wohnen nun hier mit den Käfern. Seit die Käfer eine eigene Wohnung haben, fällt es ihnen nicht mehr ein, in die Häuser zu steigen und die Mutter und den Vater und die neue Frau zu belästigen, und auch für uns ist es besser so; die hohen Häuser können umfallen, aber uns im Graben kann nichts geschehen. Die Tiere sind zwar widerlich, aber wir werden uns an sie gewöhnen.» Er erhob sich, klaubte einen Apfel aus der Hosentasche und aß, während er mit strengem Gesicht hin- und herschritt und seine Stadt im Auge behielt.
Der Dornenbaum
Iselin fühlte dringend die Notwendigkeit, sich in eine Geschichte zu begeben, sich vom Leben mitnehmen zu lassen, um sich ausweisen zu können. Er machte die notwendigen Schritte, arbeitete und sparte und kaufte ein verfallenes Haus auf unwegsamem Gelände, das er ausbesserte. Er nahm eine magere, blonde Frau mit schwarzem Haaransatz zu sich, die ihn «Iselin» nannte, obwohl er einen hübschen Vornamen hatte, und die alte Kleider umänderte, die Iselin auf dem Flohmarkt in der Stadt verkaufte.
Iselin suchte erst einen Arzt auf, als die Schmerzen in seinem Körper sich zu einem Dornenbaum ausgewachsen hatten. Zwei Wochen musste er auf den Bescheid warten, dann begab er sich wieder in die Klinik. Er saß im weißen Untersuchungsraum auf einem Stuhl; seine langen Hände lagen auf den Knien, und die groben Schuhe waren schmutzig. Flüchtig dachte er an das merkwürdige Scharreisen neben seiner Haustür, das die Form einer Seejungfrau hatte, und an die Schwalben, die in der Garage nisteten. «Ihr Blut ist phantastisch!», rief plötzlich der Arzt und blätterte im Untersuchungsbericht. «Es ist nicht nötig, dass Sie sich dem Messer ausliefern oder Pillen schlucken; ich verschreibe Ihnen eine Salbe gegen die Geschwulst am Hals. Sind Sie nicht froh?» – «Sehr froh», bestätigte Iselin und wartete, bis der Arzt sein hinterhältiges Kritzeln im Krankenbericht einstellen würde. Als er sich verabschiedete, erschrak er über den Blick der ältlichen Arztgehilfin, die stumm beobachtete, wie er die falsche Tür öffnete; hinter der Tür saß ein Kind in einem Laufgitter und zerriss Brot.
Jeden Tag bedachte er von nun an, dass der Arzt sein Blut «phantastisch» genannt hatte; er versuchte sich einzureden, sein Blut sei der Retter, der die Krankheit wegspüle. Doch nach einiger Zeit wurde die Vorstellung, dass dieses Blut (rot plätschernd, hellrot lachend) ihn betrüge, zur Gewissheit. Noch später argwöhnte er, das Wort «phantastisch» sei überhaupt kein Grund zur Beruhigung, sondern sei im Gegenteil dem abgründigen Zynismus des Arztes, der einen Spitzbart trug, zuzuschreiben. Iselin war nun überzeugt, dass er nur zum Schein, nur versuchsweise (wie spielerisch) daran gezweifelt hatte, dass der Arzt ihn belog.
Der Frau gegenüber erwähnte er den Besuch beim Arzt nicht. Ihr fiel auf, dass er an jenem Abend, als er später als sonst aus der Stadt zurückkehrte, gezielt auf eine Biene spuckte, die auf dem Weg vor dem Haus krabbelte; früher hatte er dergleichen nie getan.
Eines Morgens riss die Haut auf Iselins geschwollenem Hals. Er fühlte sich schwach und legte sich oft mit den Schultern aufs Bett, was die Frau ärgerte, die nun die Kleider selber in der Stadt verkaufen musste. Einmal bewegte Iselin den kleinen, weißen Mund, der wie das Zeichen für «Schmerz» zwischen Nase und Kinn stand, und sagte mit der hohen, fliegenden Stimme, die ihm eigen war: «Lies mir etwas vor.» – «Lies selber», antwortete die Frau. Der Pfarrer des Dorfes besuchte ihn im roten Pullover und lachte: «Nicht so schlimm, mein Lieber; es gibt Schlimmeres! Heute beschäftigen uns: A – eine schwere Flugzeugkatastrophe in den USA, und B – eine Panne am Versuchsreaktor in München.» Iselins große Ohren am geschorenen Kopf zuckten, und der Pfarrer wartete einige Minuten, bevor er ihn verließ.
Später sah Iselin hinter dem Fenster, an dem sein Bett stand, einen rosendunklen Wolkenstrauß lodern; der Nachtwind blies ihn aus, doch Iselin blickte noch immer hinauf. Als die Frau die Fensterläden mit heftigen Bewegungen schloss, klagte er, er könne sich nicht ausweisen. «Du hast einen Pass!», schrie sie. Er flüsterte auch, er habe Angst vor den Zöllnern, die die kalte Bettflasche in seinem Bett fänden (wobei ihn nicht die Tatsache, dass er eine Bettflasche unter der Decke versteckt hielt, beunruhigte; schlimm fand er, dass dieselbe kalt war), doch da war die Frau schon aus dem Zimmer gegangen, um nie mehr zurückzukehren. Um Mitternacht erwachte Iselin und hatte das deutliche Empfinden, der Dornenbaum in seinem Körper schlürfe sein Blut, schlucke es gierig bis zum letzten Tropfen. Iselin wunderte sich nicht, dass das Blut, das der Arzt «phantastisch» genannt hatte, dem durstigen Baum gut schmeckte, und er wartete mit aufmerksamer Freude, bis er ganz leergetrunken wäre und schlapp wie ein Schlauch daläge.
Als der Pfarrer das abseitsstehende Haus aus einer Laune heraus – oder weil ihm die junge, blonde Frau gefallen hatte – wieder aufsuchte, war Iselin seit fünf Tagen tot.
Ekstase
Nero entdeckte das Mädchen, das er Aglaia nannte, als er an einem Sommerabend im ersten Stock des leeren Hauses seiner schon seit einigen Jahren verstorbenen Eltern am Fenster stand. (Er war nicht bei seinen Eltern aufgewachsen, sondern auf dem Bauernhof eines Onkels, wo sich beim Kirschenpflücken die Kirschen in Noten verwandelt hatten, so dass er gezwungen gewesen war, zu komponieren; dunkelrote Kirschen ergaben tiefe Töne und hellrote hohe, doch vermochte er damals noch nicht, seine Kompositionen auf einem Instrument zu spielen.) Auf einer Wegbiegung in der Ferne, die plötzlich abzubrechen schien, weil sich dort blau geäderte, beinah durchsichtige Berge aufrichteten, bewegte sich eine Person mit einem aufgespannten Regenschirm. Sie näherte sich langsam, wurde dann durch einen Baum verdeckt und kroch wahrscheinlich später unter den Dächern durch. Unordentlich hingestellt wie nicht mehr brauchbare Öfen oder Herde schienen Nero die ziegelroten und ockergelben Häuser des Dorfes. Er hatte keinen Kontakt zu den Bewohnern, die ihn fremd und unbegreiflich dünkten und denen er fremd und unbegreiflich vorkam. Nun wartete er, obwohl es nicht wahrscheinlich war, dass die Frau oder das Mädchen den schmalen Weg zu ihm heraufsteigen würde. Ein dünner Regen rieselte aus dem leuchtenden Himmel, der höher und höher schwebte.
Als Nero Schritte hörte, misstraute er seiner Wahrnehmung und dachte, er vernehme das Prasseln eines großen Feuers jenseits der Sträucher, die am Weg standen; dort war aber kein Rauch: Ein Mädchen – er sah einen Augenblick lang seine nackten, geraden Beine, dann wurden sie von den Bäumen, die sich wie gestärkte Frauenkleider aufgebläht im Garten umhertrieben, verdeckt – ging dem Zaun entlang und näherte sich dem Gartentor. Wenn Nero die Augen halb zukniff, sah er deutlich dort hinten einen steil ansteigenden Friedhof. Doch nun blieben seine Augen weit offen, standen ganz ruhig, schwarz und rund wie Zielscheiben.
Aglaia kam durch den Garten und schritt, den Schirm zuklappend, da es nicht mehr regnete, gegen das Haus. Nero versuchte, sich eines Wortes zu entsinnen, das eine Vorstellung ausdrückte, die ihn seit seiner Kindheit nicht losließ und die er einmal, nein, mehrere Male, hatte erleben, hatte auskosten wollen. Viele Worte fielen ihm ein: Traum, Trance, Ohnmacht, Leidenschaft, Wahnsinn, Sucht … Nein, das war es nicht; plötzlich wusste er es: Ekstase. Nero ärgerte sich, da in diesem Augenblick eine Kuh auf der Weide vor dem Haus muhte; der Klang befremdete ihn, da er nicht warm und satt war und nicht zum Bimmeln der Kuhglocken passte. Das Rufen des Tieres glich einem quälenden, leidvoll fragenden Trompetenton, der sich einige Male – auch als er ihn nicht mehr bewusst wahrnahm – wiederholte. Flüchtig fragte er sich, ob es wohl ein Stier sei, der da aus einer beängstigenden Unruhe heraus schrie, dann ging er durch das dunkle Haus die Steintreppe hinunter; seine Schritte hallten. Er öffnete die Haustür und hatte das Empfinden, er falle in die Augen des Mädchens, die unnatürlich weit und hell waren. Ihr kleiner Körper erinnerte ihn an den Körper des Mauerseglers, eines Vogels, der nicht mehr auffliegen kann, wenn er auf die Erde gefallen ist. Seltsam hilflos stand sie da und hielt den Schirm, der nicht ganz geschlossen schien, ein wenig von sich, damit das Wasser nicht auf die Füße tropfte. Vage hob sie die Hand, wandte sich um, fragte: «Kommt man dort irgendwohin?», und folgte Nero ins Haus. Sie setzte sich auf einen der niederen, geflochtenen Stühle an den Esstisch und zog die Knie herauf; so blieb sie, die angezogenen Beine mit den weißen Armen umklammernd. Nero sah erst jetzt, dass sie keine Schuhe trug, und musste beinah lachen, wenn er sich vorstellte, wie sie unter dem Schirm barfuß gewandert war. Er brachte auf den Tisch, was er an Esswaren und Getränken im Kühlschrank fand, doch Aglaia rührte nichts an. Sie sagte mit bedeutungsvoller Miene: «Ich finde es wichtig zu wissen, wo man sich befindet», und ihr Seerosenblick schaukelte im Raum. Sie war fast noch ein Kind mit Lippen, die aussahen, als ob sie sie blutig gebissen hätte. Einmal warf die Sonne ein goldenes Netz herein, das eine Zeitlang auf ihrem Haar lag. Nero war es bewusst, dass er dieses Bild – Aglaia am Tisch, er selber ihr gegenübersitzend, hinter dem Fenster Wolken, leicht wie ausgedrückte Schwämme – während Tagen, Wochen und Jahren als Bestandteil seiner Erinnerungen betrachten würde, und ein großer Schrecken ergriff ihn vor seiner Einsamkeit. Er nahm wahr, dass Aglaia mit einer Stimme zu reden begann, die ihn an flockige Wolle erinnerte, die sofort reißt; die Stimme war aber angenehm – weder zu rau noch zu glatt. Sie sprach, wie sich eine Heuschrecke fortbewegt, ohne aber wahrscheinlich die Zusammenhanglosigkeit ihrer Sätze zu empfinden. Sie stellte Verbindungen zwischen weit auseinanderliegenden Begebenheiten her, breitete ihre Gedanken wie in einem Taumel vor ihm aus, doch er konnte ihrer Rede nicht folgen, schweifte ab, fragte sich, ob es möglich sei, einen Menschen ganz auszuschöpfen, bis auf den Grund seiner Seele vorzustoßen und an seine Grenzen zu gelangen. Er war entschlossen, Aglaia, nötigenfalls mit Gewalt, bei sich zu behalten. Er nahm an, dass sie von zu Hause ausgerissen oder aus einem Heim geflüchtet wäre und von der Polizei gesucht würde, doch es schien ihm unwahrscheinlich, dass es ihm misslingen könne, sie vor aller Augen zu verbergen. Er beschloss, die Fensterläden zu schließen, die beiden Türen des Hauses zu verriegeln, niemanden einzulassen und Aglaia zu bewachen, vielleicht sogar zu fesseln, denn er stellte sich vor, dass er, falls es ihr einfiele, um ihre Freiheit zu kämpfen, der Unterlegene sein würde.
Er forderte sie mehrmals auf zu essen und zu trinken, wobei er sich flüchtig an eine Frau erinnerte, die eine kranke junge Katze in eine Kartonschachtel gebettet hatte. Sie stellte die Schachtel in einer schmalen Gasse an eine Hausmauer, schnalzte mit der Zunge, um die Aufmerksamkeit des Tieres zu erregen, und legte ihm ein Büschel Gras und ein Stückchen hartes Brot vor das trockene Maul. Die Szene hatte ihn damals seltsam berührt, schien ihm auch jetzt wie ein Rückblick in alte Zeiten, als man den Toten eine Wegzehrung für die Reise ins Jenseits mitgab. (Was sollte das Kätzchen mit dem Gras und dem harten Brot?) Er wollte aber nicht, dass Aglaia verhungerte und verdurstete, während sie ihn auf der Reise durch seine Welt begleitete, wo das Schauen unnötig ist, weil alle Bilder sich wunderbar unversehrt um einen drängen und wo man aufgenommen wird und genießen darf, ohne dass man etwas unterscheiden und benennen muss.
Man erzählt noch heute im Dorf, dass Nero eine Woche später wegen Gewaltanwendung gegen zwei Beamte, die in sein Haus eindrangen, angeschossen und festgenommen worden sei; mildernde Umstände ließ man bei der Verurteilung nicht gelten, denn er hatte einen der Polizisten getötet. Aglaia, für die er drei wunderschöne Lieder komponiert und auf der Klarinette gespielt hatte, stürzte sich aus dem obersten Fenster des Hauses und starb am gleichen Tag an inneren Verletzungen. Man beteuert, sie habe Nero sehr geliebt; alle Fenster des Hauses seien stets weit offen gestanden und man habe Aglaias Lachen im Dorf – und, wenn der Wind wehte, auch unten am See – gehört.
Mein Schweigen
Ich heiße Mirjam, bin dreizehn Jahre alt und lebe im Erziehungsheim «Zuversicht». Die Erzieherinnen Schmidt, Schmidli und Schmidheini streiten verstohlen und hartnäckig wegen meiner Erziehung; es ist, als nähme eine der andern die Türfalle aus der Hand, aber ich zöge die Tür von innen mit aller Kraft zu, so dass sie niemand öffnen könne. Fräulein Schmidt rüttelt nur; Fräulein Schmidli will die Tür eindrücken oder einschlagen, und Fräulein Schmidheini versucht, die andern zu übertrumpfen und zu überlisten, indem sie heimlich verschiedene Schlüssel ausprobiert. Der Heimleiter und die Psychologin mischen sich manchmal auch ein. Ich fühle mich wie ein leerer Handschuh, in den jeder seinen dicken Finger zwängt. Fräulein Schmidli hat neulich zu mir gesagt, ich lebte nach dem «frühkindlichen Lustprinzip». Ich finde es frech, so etwas zu einer Dreizehnjährigen zu sagen, die das gar nicht versteht; aus Wut habe ich wie ein böser Hund in ihren überlangen Arm gebissen. Gestern ging ich mit Fräulein Schmidt in die Stadt, weil sie mir Schuhe kaufen musste. Auf den Windschutzscheiben der Autos, auf den Brunnenröhren und auf den Tauben hüpften silberne Feuerchen; auch meine Fingernägel, die dumm und rund aussehen, glitzerten. Wie immer, wenn der Wind weht, konzentrierte er sich vor allem auf mich; meine Kleider flatterten wild, während die Kleider der andern Leute kaum zitterten. Es ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass die Nacht nie ganz weicht; Reste von ihr kleben in den Winkeln und schleichen heraus und wachsen.
Ich flüsterte beim Gehen, aber ohne Worte; nur meine Lippen öffneten und schlossen sich, während die Zungenspitze gegen den Gaumen und die Zähne tupfte. Dabei hörte ich das Dröhnen der Automotoren, das Kreischen der Straßenbahn und die Stimme, die manchmal meinen Namen ruft. Vor einem Warenhaus war eine große Plastikrakete aufgestellt; die Menschenmenge, die sich angesammelt hatte, erwartete Wunder, wenn sich die Rakete alle zehn Minuten wackelnd aufrichtete, wobei sich eine Luke öffnete und schloss. Fräulein Schmidt fragte, was ich flüstere, obwohl sie weiß, dass ich nie antworte. Nun bin ich in meinem Zimmer, das ich mit Ruth teile, die älter ist als ich, aber nur noch zwei Gesichter hat; die meisten Menschen haben mehr, und sie gehören ihnen nicht, weil sie sie nicht kennen. Ich zeige nur ein einziges Gesicht, und um dieses Gesicht zu besitzen, brauche ich meine ganze Kraft. Mich dünkt, meine Erzieher brechen den Mut, der mich wie einen Regenschirm aufspannt, aus mir heraus, Stück um Stück.
Ich nehme mein Aufsatzheft und schreibe «Der», «Die» und «Das» in Spiegelschrift auf eine leere Seite, dann zeichne ich ein Kreuz aus Blumen, das mich begeistert; es ist erstaunlich regelmäßig geraten, nur der linke Balken bleibt unvollständig, weil er sich zu weit außen befindet; der Papierrand hindert mich daran, den Balken fertig zu zeichnen. «Es ist ein Gebinde», denke ich. Ich rahme das Kreuz mit vier schwarzen, dicken Strichen ein und schraffiere die Fläche; nun scheint das Kreuz auf einem Sarg zu liegen. Ich bedaure, dass die sich öffnenden Arme des «Gebindes» nicht gleich lang sind; da der linke Arm verstümmelt ist, kann es mich nicht richtig, das heißt fest, in die Arme schließen.
Die Tür öffnet sich und Fräulein Schmidheini tritt rasch ein, als wolle sie mich ertappen. Ihr Atem bewegt mein dünnes Haar. Wie ich erwartet habe, erkundigt sie sich nach meiner Tätigkeit; ich habe das Heft schnell unter eine illustrierte Zeitschrift geschoben, wende den Kopf nach ihr um und betrachte ihre Nase. Das rechte Nasenloch ist kleiner als das linke. Der Satz «Das Schweigen steht wie eine Wand», den ich einmal irgendwo gelesen habe, passt nicht; mein Schweigen gleicht einem elektrisch geladenen Drahtgeflecht, in dem ich gefangen bin.
Das Brillenmuseum
Verfolgung
Nonnato schlief in kurzen Etappen, sprang wenige Zentimeter hoch über seinem Körper und neidete, wieder wach geworden, andern Schläfern die weiten, zügellosen Reisen. Beim leisesten Geräusch fiel er. Eines Nachts weckte ihn der Mieter vom obern Stock, der versuchte, seinen defekten Ölofen anzuzünden. Der Mann geriet dabei in maßlose Wut und zuletzt schien es, er demoliere seine ganze Inneneinrichtung. Nonnato knipste die schirmlose Lampe auf seinem Nachttisch an und glaubte, er höre die merkwürdige Melodie, die auf dem Gleis der Nacht dahinfährt. Er dachte an die junge Frau, die in tiefem Schlaf lag, als ihr Haus brannte. Sie hatte ein Herzkirschengesicht und trug keine Brille, obwohl sie beinah blind war, da sie den verschwommenen Zustand, in den ihre Augenkrankheit sie versetzte, genoss – dies wenigstens erzählte sie Nonnato kurz vor ihrem Feuertod. Wenn er jeweils neben ihr lag und die Hand auf ihren Rücken legte, spürte er, dass sie wie eine Katze schnurrte.
Nonnato stülpte sich die Perücke über den Schädel, weil er fror, und setzte die dunkle Brille auf, um das Fehlen der Brauen und Wimpern zu verbergen. Dann schlüpfte er in einen seiner zu wuchtigen Mäntel und zog Gummistiefel an. Er trat aus dem Haus und schritt über den Schnee in der Erwartung, einzusinken, sich in den Bauch der weiß blühenden Stadt zu bohren; ihr Duft – der Duft des Schnees – versetzte ihn in Aufregung. Er hörte von weitem einen hysterischen Singsang, ein Grölen vielmehr, und fand die Treppe zur Bahnhofsunterführung. Rasch stieg er in die Tiefe und ging durch den langen, unterirdischen Gang – dort im Dunkeln, mitten im Weg, lag ein Hut, der mit einem funkelnden Licht gekennzeichnet war. Der Besitzer des Hutes lehnte an der Wand; Nonnato wagte nicht, ihn genau anzublicken, sondern bewegte sich auf den Hut zu, verlangsamte den Schritt, bückte sich tief, kratzte mit der linken Hand an der Innenseite seines linken Stiefels und legte mit der rechten einen Geldschein zu den Münzen. Dann richtete er sich auf und hastete weiter. Er wagte nicht, umzukehren, da er nicht noch einmal am Sänger vorbeigehen wollte, der nun seine Finger über die Saiten einer Gitarre schleuderte und auf diese Art rhythmisch schnarrende Geräusche erzeugte; es schien, er wolle sich die gefrorenen Fingerbeeren aufkratzen.
Als Nonnato am Ende der Fußgängerpassage die Treppe hochstieg, mischte er sich unter einige Schneeflocken, die sich in einem trüben Tanz drehten, wobei sie von einer Straßenlampe beleuchtet wurden. Ein kahler Strauch beugte sich über eine Mauer. Nonnato hatte den Eindruck, die Straße mit den stillen Häusern wachse aus seinem Gesicht; plötzlich warf sich jemand vorbei – wahrscheinlich ein junges Mädchen; er sah das rote, lange Haar, das über seinen Rücken hing und sachte und teilnahmslos auf das beim Gehen schaukelnde Gesäß klopfte. Sofort dachte er wieder an die tote Frau und gleichzeitig fiel ihm das Wort «Euphoranol» ein; oder war es «Euphoridon», das sie geschluckt hatte, um sich wegzuschneiden, sich zu entfernen aus der schmerzhaften Nähe der Geräusche und Berührungen? (Der Name der Pille verdrehte sich stets in seinem Kopf, drängte sich fratzenhaft und immer anders hervor, um ihn zu quälen. Nonnato zwang sich dann, an anderes zu denken, was ihm manchmal für kurze Zeit gelang.) Nur das Feuer hatte die Frau in ihren Schlaf verfolgt, hatte sie gefunden und verzehrt. Nonnato, der damals nach seiner Flucht wieder ins brennende Haus gestürzt war, hatte sie nicht retten können. Nun wusste er plötzlich, dass er das rothaarige Mädchen suchte. Er überließ sich weiterhin seinen Stiefeln, die den Stempel, das Zeichen für seine Person, in regelmäßigen Abständen auf den Schnee drückten, um zu beweisen, dass er die Jagd nicht aufgab.
Die Seifenblase
Das Schultor öffnete sich, die Klassen sprangen wie bunte Ketten heraus, kollerten über die beiden breiten Treppen und rollten über den geteerten Hof, als wären die Schnüre gerissen, an denen die Perlen aufgereiht gewesen waren. Niemand dirigierte das wilde Hüpfen, das nun begann; die Schreie und Bewegungen der rennenden Kinder bildeten ein grelles, sich stets neu formendes Zackenmuster.
Die nicht mehr ganz junge Aushilfslehrerin, die sich beim Rektor vorstellen sollte, wartete schon seit einigen Minuten in der Nähe des Schultores und dachte: «Langes Warten tötet den Helden.» Winkelried hätte die Speere nicht so freudvoll in seine Brust eindringen lassen, wenn er ihre langsame Annäherung, an einer Mauer stehend, hätte erwarten müssen. Die Aushilfslehrerin stellte sich im Pausenhof Signale vor, die verhindern sollten, dass die Kinder aus vorgezeichneten Bahnen fielen. Fette Kastanienbäume, die sich im Laufe des Tages aus der sonnigen Hälfte des Platzes in den Schatten wälzten, ruhten in den Nächten an den Grenzen; dann glänzten ihre Helme nicht.
Als die Glocke schrillte, begab sich die Aushilfslehrerin, noch bevor die flinksten Kinder die Treppen erreichten, in das Gebäude. Sie klopfte leise an die Tür des Rektorats und trat ein. An den Wänden waren Mitteilungen befestigt. Die breiten oder schmalen Rücken der Ordner waren mit Worten wie WEISUNGEN, AUFNAHMEVERFAHREN und BEURTEILUNGEN beschriftet. Auf dem Arbeitstisch befanden sich zwei Stempel, ein Stempelkissen, ein Locher und ein Lineal.
Der Rektor stand plötzlich im Zimmer; schwarze Augenschlitze ließen sein Gesicht maskenhaft erscheinen. Die Aushilfslehrerin betrachtete während des Gesprächs, das der Rektor nach der Begrüßung sofort einleitete, die Innenseite ihrer linken Hand. Dort riss sie, genau in der Mitte, ein Stückchen Haut weg. Sie hoffte, der Rektor würde den roten, brennenden, glänzenden Fleck, den sie «Wundmal» nannte, bemerken und sich darüber wie über etwas Verbotenes, Unerhörtes äußern, das ihre Tätigkeit an dieser Schule verunmöglichte. Ein unvorhergesehenes Ereignis störte die Sympathie, die die Aushilfslehrerin gegen ihren Willen für den unverständlich und schnell sprechenden Rektor empfand; eine sehr große Seifenblase schwebte zum offenen Fenster herein und glitt ruhig, wunderbar wie eine runde, sanfte Blüte, auf den Rektor zu; dieser warf seine rechte Hand, die der Klaue eines Raubvogels glich, nach ihr, als wolle er sie fangen; sie zerplatzte lautlos. Die Aushilfslehrerin hielt nach dem Junitag Ausschau, der die Fensteröffnung verklebte.
In der Falle
Fern liegt wie ein milchblauer Leib die Landschaft hinter einem rostroten Gitter, wie es kahle Bäume bilden. Der Journalist, der keine Artikel mehr schreibt, weil er sich vor Journalisten ekelt, die Artikel schreiben, betrachtet die Landschaft vom Berg aus, auf dem er ein Haus gebaut hat. Eigentlich gehört das Haus seiner Frau. In den Zimmern sieht man Beton, Backsteinwände, Holzdecken und viele große Fenster. Wenn ein Regen übers Land huscht oder wenn der Nebel herunterhängt, wirken die Innenräume nass. Bei Gefahr kann der Journalist auf einen Knopf drücken, dann werden die Fassaden von Scheinwerfern angestrahlt, alle Außentüren und Fenster schließen sich und eine Sirene heult.
Die Kühe und Schafe auf den Hängen seines Berges erscheinen dem Journalisten riesengroß. Die Wiesen glänzen, und am Bach wachsen Sumpfdotterblumen. Der Frühling kommt hier spät, aber schon bedeckt Grün die Rücken der tierhaft neben- und übereinanderliegenden Hügel, und Vögel rufen sich aus ihren Verstecken zu.
Der Journalist wundert sich schon seit einiger Zeit, dass es Wirte gibt, die wie Wirte, und Briefträger, die tatsächlich wie Briefträger aussehen; er war auf Maskeraden gefasst und musste erleben, dass Menschen ihr Inneres wirklich nach außen stülpen und dass ihr Inneres sich im Außen bewährt. Der Journalist kennt auch mindestens drei Krankenschwestern, die das Aussehen von Krankenschwestern haben. Auch viele Lehrer erfüllen die Erwartungen, die man in sie setzt. Der Journalist selber hat diesbezüglich Schwierigkeiten, denn wenn er sein Inneres nach außen stülpte, hüpften wir, seine Mitmenschen, vor Entsetzen in großen Sprüngen davon. Es ist nun überhaupt eine mühselige Zeit für den Journalisten, weil er sich nicht anmerken lassen will, dass manche der ihm im Laufe der Jahre liebgewordenen «Sachen», wie er sie nennt, ihre Bedeutung geändert haben; er kann nicht mehr über sie bestimmen, weil er sie nicht erkennt. (Unter «Sachen» versteht der Journalist zum Beispiel Geigen und Heißluftballone, Vorwürfe und Spott, Bücher und Scherenschnitte.) Die meisten Sachen bleiben für ihn zwar wie von jeher beinah bedeutungslos, aber jene, die ihm früher vertraut waren, zu denen er einen engen, freundschaftlichen Kontakt herstellen konnte, verweigern und verschließen sich, indem sie ihren Ausdruck ändern. Auch die Möglichkeiten, die sie immerhin offenließen, sind jetzt in Frage gestellt. Vor allem befremdet es den Journalisten, dass zwischen ihnen Übereinstimmung herrscht. Eine Frauenstimme singt zum Beispiel im Radio einen Schlager mit dem Refrain «Der Mann mit Pfiff», während der Journalist ein Zitat Hitlers liest, der in seiner Sehnsucht nach einem neuen Reich geschrieben hat: «In den Anfängen unserer Geschichte ist es Brauch gewesen, dass germanische Frauen jeden zurückweichenden Krieger erschlugen. Diesen feigen Deserteuren gebührt der Hass, die Verachtung und die Wut der deutschen Frau. Das soll jede Frau wissen, danach soll sie sich auch richten.» Noch vor einem Jahr wäre es unmöglich gewesen, dass Hitler sich mit der Schlagersängerin in Verbindung gesetzt hätte. Jetzt fühlt sich der Journalist übergangen und machtlos, weil Hitler sogar mit dem Texter des Schlagers und mit dem Regie führenden Mann beim Radio ein Komplott gebildet hat. Hitler nähert sich dem Journalisten auf eine neue Art und Weise, gegen die er nicht ankämpfen kann. Auch der Psychiater, den der Journalist wegen seiner Angst aufsuchte, ist an einem Komplott beteiligt, über das der Journalist nichts Genaues weiß. Der Psychiater fragte nämlich: «Weshalb sprechen Sie nicht mit Ihrer Frau darüber?» und zwang so den Journalisten, mit dem Bekenntnis eines ihm unbekannten Schriftstellers zu antworten, das er im Wartezimmer zehn Minuten vorher in einer illustrierten Zeitschrift gelesen hatte: «Viel Arroganz und eine Art, die Dinge halb ausgesprochen zu lassen, machen mich unsympathisch.»
Der Journalist fühlt sich gedrängt, seine Ohnmacht zuzugeben: An einem trüben Tag lässt er das Haus – die Falle, in der er sitzt – anstrahlen, und die Sirene jault fürchterlich. Die Frau des Journalisten aber, die sehr gut kocht, ohne je Köchin gewesen zu sein, begibt sich auf eine lange Wanderung auf lehmigem Boden im Nebel. Der Journalist hofft ja nicht mehr, dass er sich an sie halten kann; er befürchtet, dass sie ihn eines Tages, dem Ratschlag Hitlers Folge leistend, erschlagen wird.
Misslungene Kopie
Einmal sagte Herr Weinwild zu Otto, dem Lehrling: «Ich bin stolz auf dich», dann errötete er, was Otto bemerkte. Damals trank Otto noch nicht oder noch nicht so viel, und damals hätte sich niemand Ottos Verschwinden vorstellen können.
Viel später brausten Winde über die Ebene vor der Stadt wie Geisterzüge heulend und pfeifend dahin, zerstampften die Schrebergärten und rammten die Fabrik. Herr Weinwild gab Otto, mitten im Atelier stehend, eine Ohrfeige, und Otto lallte: «Der Wurm, der Wurm …»; nach einer Pause fuhr er fort: «Nein, eine Blindenschleiche ist das.» Es verstimmte Herrn Weinwild, dass der Lehrling, für dessen Erziehung und Bildung er mehr als ein Vater getan hatte, «Blindenschleiche» und nicht «Blindschleiche» sagte. Es war typisch für Otto, falsch zu sprechen, aber diesmal argwöhnte Herr Weinwild, Otto mache dies absichtlich. Der Lehrling übergab sich dann in der Toilette und schlief, auf der Schwelle des Ateliers liegend, ein. Herr Weinwild überdachte den Satz mit dem Wurm nur flüchtig, ohne einen Sinn zu entdecken. Er hatte Otto am frühen Morgen, als er seinen Wagen vor der «Textil AG» parkiert hatte, betrunken angetroffen und mitgenommen. An Samstagen arbeitete Herr Weinwild stets allein im Atelier; der Stardessinateur, der nur hie und da in Erscheinung trat, hatte für einen Gardinenstoff Hasen entworfen, die Herr Weinwild nun zu Ende pinseln musste. Einmal erhob sich Otto und ging schwankend hinaus; es fiel Herrn Weinwild nicht auf, dass er nicht zurückkehrte, sondern mit dem Lift ins Erdgeschoss fuhr. Später gestand er sich ein, dass er Ottos Anwesenheit vergessen hatte, da er ganz in den Anblick des Hasen vertieft gewesen war. Er musste aber seine Arbeit als misslungen betrachten, denn der Stardessinateur bemängelte später die Hasenohren, die ihm wie Eselsohren vorkamen.
Da Otto am Montag nicht zur Arbeit erschien, telefonierte Herr Weinwild der Mutter des Lehrlings und erfuhr, dass Otto der Polizei als vermisst gemeldet worden war. Ottos Mutter, die ihren Kummer gewohnheitsmäßig im Alkohol ertränkte, erklärte, der missratene Sohn sei vermutlich mit seiner Freundin, einer geschiedenen Frau, durchgebrannt.
Als Otto auch in der Woche vor den Lehrabschlussprüfungen nicht zurückgekehrt war und also nicht beabsichtigte, seinem Lehrmeister durch glänzende Prüfungsnoten Ehre zu erweisen, begann Herr Weinwild, der allein lebte, an sonderbaren «Zeitverschiebungen», wie er es nannte, zu leiden. So sah er zwei schwarze Schwäne aus früherer Zeit, die sich auf dem spiegelnden Linoleumboden seines Schlafzimmers paarten, während er nach dem Bad mit dem in einem Pantoffel steckenden Fuß die abgeschnittenen Zehennägel unter sein Bett schob. Er konnte sich solche und ähnliche Störungen nicht erklären.
Da er sich in den vergangenen drei Jahren stärker mit Otto als mit sich selber beschäftigt hatte, bemerkte er erst jetzt, dass der frühere Herr Weinwild abhandengekommen war. Das hieß, dass man ihn – wie Otto – als vermisst hätte betrachten müssen. Da er aber annahm, dass die Leute ununterbrochen den Herrn Weinwild, den sie in Erinnerung hatten, erleben wollten, kopierte er jenen genau. Er erschien weiterhin einige Minuten früher als seine Arbeitskollegen im Atelier und verließ es einige Minuten später als sie, und er arbeitete wie gewohnt an den Samstagen. Es war aber nicht leicht, Herrn Weinwild so echt zu zeigen, wie sich die Schwäne gezeigt hatten. Es kamen immer wieder Fehler vor. So fiel es Herrn Weinwild auf, dass er in der letzten Zeit den Satz: «Aber ich habe gemeint …» öfter als sonst aussprach; er sagte deshalb zu sich selber mehrmals warnend, vielleicht drohend: «Du weißt, wer meint!» Einmal drehte er am Arbeitsplatz die Kurbel einer kleinen Spieldose, die er Otto nie zu schenken gewagt hatte, und rief: «Musik für schwungvolle Leute!» Die Arbeitskollegen lächelten.
An einem Sonntagabend, als die Lichter des Hochkamins der städtischen Kehrichtverbrennungsanstalt merkwürdig hastig zum Wohnzimmerfenster hereinblinkten und ein Re genbogen wie ein schlanker, schillernder Blütenstengel unter dem schwarzen Himmel wuchs, hüpfte Otto plötzlich auf der Scheibe des Fernsehers als Eiskunstläufer. Herr Weinwild erkannte ihn sofort an den Augen, die den Blick eines verwundeten Äffchens hatten. Nach einigem Zögern wagte sich Herr Weinwild ebenfalls aufs Eis, sprang an Ottos Seite und drehte sich im Takt einer fremd klingenden Musik, doch der Applaus des Publikums blieb aus. Ob die Zuschauer ahnten, dass das Paar nur die misslungene Kopie eines früheren Paares war, das sich Herr Weinwild eine Zeitlang ausgedacht hatte?
August, Außenseiter
Bruder August machte früh den Eindruck, als hätten wir ihn uns nur geliehen. Nichts, was er tat, schien er aus einer Gewohnheit heraus zu tun. Er hatte in nichts Übung: weder im Klettern oder Rechnen noch im Lachen. Das Gefühl, nur irrtümlicherweise unter uns zu weilen, schien ihn ganz zu beherrschen; er bemühte sich nicht, angenehm zu wirken, und so waren wir der Überzeugung, er mache sich nichts aus uns und unserer Welt.
In geschlossenen Räumen erwartete August Befehle, Drohungen und Tadel; die Angst trieb ihn hinaus. Er umhüpfte unser Haus in immer größerem Bogen, flatterte durch Außenquartiere, huschte mit Raben und Möwen über Felder, bestieg eines Morgens ein Flugzeug und flog in den unbegreiflichen Himmel hinein – niemand wusste, wohin. Ich vermute, dass er ein Flugzeug nahm, um den Wind nicht zu spüren, der in jenen Tagen an allem rüttelte. Als das Telefon schrillte, hielt ich den Hörer nicht nah ans Ohr, begriff aber, dass eine Stimme mich knapp über Augusts Flucht unterrichtete. Ich teilte den Eltern das Vorgefallene mit und bemerkte, dass Mutter die Uhr vom Handgelenk nahm und die Brille von der Nase hob, als kümmerten sie Zeiten und Bilder nicht mehr. Die Dunkelheit verdichtete sich; vielleicht umlagerten doch ziemlich hohe Schneewälle die Stadt, und ich sah durchs Fenster Blätter gekrümmt über den Asphalt kriechen. Vater erklärte beschämt: «Er war schon immer anders.» Befremdet blickte ich auf die Löwenfüße eines Sessels, der sprungbereit in der Zimmerecke stand. Ich dachte an Mutter, wie sie von ihrer Mutter erzählt hatte: «Sie hat bei einem Antiquar einen Großvaterstuhl gesehen und nicht gekauft, weil Großvater tot war, und dann doch gekauft und ihren Mann hineingesetzt.»
Ich erinnere mich, dass August als Junge hie und da zu mir kam und versuchte, etwas mitzuteilen. Einmal sagte er: «Ich spüre es genau: Diesmal ist die Nacht innen.» Ein andermal stand er neben mir im Vestibül unserer Wohnung und betrachtete ein Theaterplakat, das ich über die vier Glasscheiben der Tür geklebt hatte, die ins Treppenhaus führte; zaghaft strich er mit dem Zeigefinger über die weiße Tänzerin. Unerwartet wurde der Hintergrund weggerissen; jemand hatte im Treppenhaus das Licht angeknipst. Entsetzt wies August auf den schwarzen Rahmen in Kreuzesform, der nun hinter dem leuchtenden Bild sichtbar wurde.
Seitdem ich erwachsen bin, erzähle ich den Leuten, August wohne in einem Schloss mitten im Wald – «Mischwald», füge ich, das Genaue liebend, hinzu. Ein Diener staube die weißen Heizkörper in den hohen Räumen ab und August esse vornehm hinter gerafften Vorhängen. Der Diener streue eine Prise Salz aus einem Gefäß, das in Zierschrift mit «Sucre» beschrieben sei, in die Waldbeerensuppe seines Herrn. August sei umgeben von Kakteen und lustwandle oft in einem gedeckten Innenhof; durch eine Luke im Glasdach wachse ein Baum, der sowohl mit den Wurzeln als auch mit der Krone denken könne.
Je ausführlicher ich berichte, desto steiler wächst mein Stolz auf den Bruder. Ich habe mir August geliehen, um ihm Gewohnheiten anzudichten und um ihn mir angenehm zu machen. Aber wenn ich am Abend von der Arbeit komme, wende ich mich ständig um. Kürzlich sah ich, um nur ein Beispiel zu nennen, einen Herrn, der in einiger Entfernung stand und mir den Kopf zuwandte, wobei er den Mund öffnete und schloss. Heute entdeckte ich einen Mann, der die Straße herunterrannte und schrill durch die Finger pfiff. Ich wollte rufen: «Ich habe nichts getan!», doch dann beschleunigte ich meine Schritte, trat hastig ins Haus und warf die Tür ins Schloss.
Seit Martins Tod
Wenn Fränzi sich nach trockenem Holz und Pinienzapfen bückte, ließ sie sich vom Wind überrollen. Sie suchte das Meer, das an stillen Tagen wie eine Mauer in der Ferne stand und einen Berg trug; jetzt verbarg es sich hinter einem kleinen Nebel. Zerzauste Schafe zitterten, wenn die wie Nonnen gekleideten Bäuerinnen breitbeinig und böse krächzend über die steinigen Felder liefen, und die Mutter sagte: «Der Wind quält.»
Auch in den Nächten knatterte der Wind pausenlos über unsichtbare Straßen; die Vorhänge vor den geschlossenen Fenstern bewegten sich und das hastige Klopfen des Weckers neben der Kerze schien Fränzis Herz nachzuäffen. Die Mutter schlief nicht; Fränzi sah ihre komische, kurze und spitze Nase, die die schmalen Lippen überdachte, doppelt: an der Wand als graue Tuschmalerei und über der Bettdecke pfirsichfarben. Viele Kerzen und viel Petrol brauchte man in solchen Nächten, in denen neben dem Hut am Haken mit dem darübergeworfenen Kopftuch ein stumpf erstauntes, zungenzeigendes Froschgesicht an der Wand erschien, das davonschwamm, wenn der Morgen kam.
Manchmal flüsterte Fränzi: «Mama, wann fahren wir nach Hause?», dann hob die Mutter den Kopf von ihrem Buch und sagte: «Schlaf.»
Aber es war schwierig, den Schalter für den Schlaf zu finden, wenn man draußen das rhythmische Rauschen und Summen hörte – als ob der Wind mit einem riesigen Wasserfall spielen würde. Manchmal krachte die Tür, und Fränzi stellte sich schaudernd vor, wie der Wind im Kamin in der Küche miaute. Wenn der Schlaf die Hand auf ihr vor Angst kaltes Gesicht legte, sah sie zwischen seinen Fingern auf dem Nachttisch Disteln in einer Flasche, die vor einem grauen Distelbaum standen, der die Wand hinaufgewachsen war und sich an der Decke über Fränzi und die Mutter beugte; vielleicht war es auch ein Sternbaum – die Nacht war voll glitzernder Sternbäume, an deren Äste der Wind turnte als Affe ohne Pelz; er besaß eine narbige Lederhaut und schwamm von Baum zu Baum. Er hatte das Brüderchen geholt, das im Meer ertrunken war, und trug die Leiche als Gürtel um seinen Bauch. Vom Brüderchen standen Fotografien im Esszimmer; es hatte einen großen Kopf mit braunem Haar und lachte gern. Sein Lachen schien immer noch in den Wänden des Hauses, das vor dem Tod des kleinen Martin nur ein Ferienhaus gewesen war, verborgen zu sein; wenn Fränzi lauschte, hörte sie es leise klingen – wie aus weiter Ferne; ob die Wände in die Ferne gerückt waren?
Wie die Orgel in eine Kirche, so gehörte Martins Lachen zu diesem Haus. Jahrelang hatte die Mutter mit ihren beiden Kindern den Sommer hier verbracht. Nun war aber der Sommer längst vorbei; der Herbst und der Winter versuchten, vor Martins Tod zu stehen und ihn zu verstecken, doch es gelang ihnen nicht; zuerst kam der März und wusch mit seinem Regen ein Stück von ihnen weg, und nun war der April da mit seinem Wind, der sie umstieß. Die Erinnerung an Martins Tod war so deutlich und schmerzlich grell wie im Sommer; es gab keine Sekunde, in der Fränzi nicht wusste, dass er gestorben war.
Sie waren letztes Jahr früher als sonst hier angekommen; der lange Regen war vorbei, aber das Haus innen noch feucht. Die Mutter öffnete Türen und Fenster, stellte die Matratzen hinaus und ließ die Leintücher an der Leine flattern. Fränzi wusste es noch genau; sie und Martin sammelten Schnecken und betrachteten einen Wiedehopf, der mit seinem Weibchen spielte. Der Morgen und der Abend waren am andern Tag kalt, doch am Nachmittag brannte die Sonne und der Wind war sanft und lustig. Die Mutter erlaubte ihnen, im Meer zu schwimmen, während sie das Haus putzte, und auch am nächsten Tag wanderten sie eine halbe Stunde bis zum Strand und vergnügten sich im noch kühlen Wasser, während die Mutter Briefe schrieb. Da geschah der Unfall; Martin lieh sich von einem andern Jungen die Taucherbrille aus und ertrank, ohne dass jemand es sofort bemerkte. Fränzi erstellte mit kleinen Ästen eine Hecke um ihre Sandburg; niemand war am Strand als die Mutter des andern Jungen; sie schlief rot und dick und ölig – später weinte sie. Ihr Sohn, ein leicht idiotisches Kind von zehn Jahren, das die zwölfjährige Fränzi um Haupteslänge überragte, fand den toten Martin und verkündete das Ereignis später immer wieder stolz.
Seit dem Unfall war Fränzi nicht mehr am Strand gewesen, und ihre Mutter hatte das Haus seit der Beerdigung nicht mehr verlassen; jeden Tag ging das Mädchen eine Viertelstunde weit ins Dorf, um einzukaufen. Nackt und frierend schienen die weißen Häuser im Wind zu stehen, der Sand gegen die Scheiben warf und die verblichenen, klappernden Storen hinauf- und hinunterzerrte. Ein lahmes Kind bewegte sich manchmal auf Händen und Füßen über die holprige Straße und trug eine Tasche im Mund; wenn der Wind es umwarf, rappelte es sich wieder hoch, drehte sich auf sonderbare Weise einmal um sich selbst, schlenkerte die dünnen, krummen Beine und hoppelte weiter. Es hatte ein hübsches Gesicht und braune, kräftige Hände. Wenn Fränzi an der Kirche vorbeiging, erinnerte sie sich, wie Martin auf das Kreuz gezeigt und gefragt hatte: «Weshalb ist da ein Flugzeug auf dem Dach?» Er war noch so klein und unwissend, aber Fränzi wurde von ihrer Mutter jeden Tag vier Stunden lang in Aufsatz, Mathematik und Fremdsprachen unterrichtet. (Sie wusste, dass manche Leute an einen lieben Gott glaubten, der sich aus dem Himmel beugte und eifersüchtig und nörgelnd ihr Tun beobachtete; alles, was mit diesem lieben Gott zusammenhing, ging sie, die Mutter und Martin nichts an.) Seit Martins Tod fiel ihr das Lernen schwer; es war, als habe jemand einen Sack voll kleiner, scharfer Messer über sie ausgeleert, die alles auftrennten, was die Mutter ihr in den Schulstunden beigebracht hatte: Die Wörter zerfielen in Silben, die Silben in Buchstaben, die Buchstaben in Striche und Halbkreise.
Manchmal sah sie im Traum Martin wie das lahme Kind auf Händen und Füßen auf einem steinigen Weg; ihr Herzschlag setzte aus, doch plötzlich richtete er sich auf und kam zu ihr gerannt; sie sah sein liebes, lachendes Gesicht ganz nah, blickte in seine Augen wie in weit geöffnete Blumenkelche und drückte seinen kleinen Körper an sich, doch dann schien jemand ihr Herz mit zwei Nadeln auseinanderzuziehen; der Schmerz ließ sie erwachen und sie wusste, dass Martin tot war und weinte lautlos, fast ohne die geöffneten Lippen zu verzerren.
Im Himmel leuchtete die Sonne wie ein runder Gott, den der Priester über dem Altar zeigte. Winde rasten vorbei und läuteten im Wasser, das die Mutter in einem irdenen Krug von der Zisterne zur Küche trug. Im tiefen Brunnen schwamm seit vielen Tagen eine tote Eidechse; die kleine Leiche ruderte mit dem Schwanz und den Füßen, sooft der Eimer ins Wasser tauchte; das wirkte ungehörig. Stieß man mit dem Eimer nach ihr, schwamm sie davon.
Fränzi hasste die tote Eidechse, die so tat, als lebte sie noch, und die sie nur einmal gesehen hatte, da die Mutter ihr nicht erlaubte, Wasser zu holen; das Heraufziehen des Eimers und Tragen des Kruges hätte die Kräfte des schmächtigen Kindes überfordert. Selbst das Heben des hölzernen Deckels gelang Fränzi kaum; der Wind versuchte ihn ihr aus der Hand zu reißen. Die Mutter war zum ersten Mal seit der Beerdigung des Brüderchens ins Dorf gegangen, um einen Brief an ihre Schwester einzuwerfen; sie gedachte, mit Fränzi in einer Woche nach Hause zu fahren – dann war es ein Jahr her seit Martins Tod. Vorher aber wollte Fränzi versuchen, mit dem Eimer die Eidechse hochzuheben; die Mutter hatte es schon einige Male probiert, doch immer war das tote Tier ihr entwischt.
Nachdem Fränzi den Deckel weggehoben hatte, ließ sie langsam den Eimer hinunter; der Wind strich über das schwarze Wasser und zerteilte ein blaues Fenster, aus dem sich ein Mädchen beugte, dem fuchsrote Zöpfe über die Schulter hingen; Fränzi hatte erstaunt sich selber erkannt und sich an ihrem Spiegelbild gefreut; es war, als ob Goldmarie ihr zugenickt hätte. Andere Märchen fielen ihr ein, in welchen tiefe Brunnen eine Rolle spielten: Rotkäppchen oder die sieben Geißlein. – Die Eidechse bewegte sich. Vorsichtig versuchte Fränzi, ihr mit dem Eimer zu folgen, doch sie wich gegen den Rand hin aus; eine Weile war sie im Dunkel verschwunden, dann trieb sie wieder gegen die Mitte. Fränzi schwenkte mit dem Eimer, der sich rasch füllte, gegen die Mitte und kletterte auf den Brunnenrand, das Seil mit der Faust krampfhaft haltend – weit beugte sie sich hinunter. Ein gellender Schrei ließ sie zusammenzucken; sie sah ihre Mutter mit schreckgeweiteten Augen auf sich zueilen und glitt langsam auf den Boden, wobei sie nicht merkte, dass ihr das Seil aus den Händen fiel und in den Brunnen klatschte. Zitternd ließ sie sich – zum ersten Mal seit des Brüderchens Tod – umarmen und schluchzte: «Die eklige Eidechse – Mama, nimm die Eidechse weg; mir graut vor ihr.»
Sabel
In wenigen Tagen würde Sabel – eigentlich hieß sie Isabelle wie die Mutter – mit den Eltern und vier jüngeren Geschwistern in eine Notwohnung eingewiesen werden; in eine der Baracken am Fluss, wo auch das dunkelhäutige Mädchen lebte, dessen Namen sie nicht kannte. Das Haus, in dem sie wohnten, wurde abgerissen.
Sabel hatte stets entzündete, geschwollene Augenlider; man hatte den Eindruck, sie könne die hellen Augen auch von unten her schließen. Sie stellte sich vor, dass sie kein Kind wäre, sondern eine in ein Kind verwandelte Erwachsene. Während Kinder wie die Dunkelhäutige sich schützen konnten, weil sie niedlich und drollig wirkten und bei Erwachsenen Zärtlichkeit hervorriefen, war Sabel – so fand sie – ein kleines Scheusal, nicht weniger hässlich als die Großmutter der Mulattin, deren roter Rücken im Sommer faltig über das hinten weit ausgeschnittene Badkleid hinunterhing. Der Gedanke, die drei großen Zimmer mit der vergilbten Tapete, den hohen Fenstern und den knarrenden Türen für immer verlassen zu müssen, in welchen sie nun ein Jahr lang gelebt hatten, verursachte Sabel Schwindel und Angst, auch war es keine Beruhigung, die Schwarze nun ganz in der Nähe zu haben; sie hatte noch nie mit ihr gesprochen und fürchtete sich, sie wirklich kennenzulernen, denn sie hatte ein blitzendes, unbarmherziges Lachen. Gerne wäre Sabel stumm zur Welt gekommen; am liebsten saß sie auf einem Stuhl und dachte sich Handlungen aus, in deren Verlauf das dunkle Mädchen von ihr vor dem Tode errettet und dann auf unklare Weise angebetet wurde, indem sie ihm überallhin folgte, alles tat, was es befahl, sogar stahl und schließlich seinetwegen starb.
Sabel lebte wie in einem Zelt, das immerzu mit neuen Bildern, Szenen und Zeichen bemalt wurde; das Tuch aber wurde kleiner und kleiner geschnitten vom Ticken der Uhr, die im Esszimmer auf der Kommode stand. Bald würde sie das Zelt nicht mehr brauchen, das ihr Horizont war, das ihr die Sicht in die Ebenen, in die Weite jenseits verwehrte, um sie zu schützen. Vorläufig hatte sie noch Bilder und Zeichen nötig, brauchte sie das Mulattenmädchen mit den großen Lippen und den Augen, die so schwarz waren, dass sie ohne Blick zu sein schienen; Sabel stellte sich manchmal vor, das Kind sei blind und sie führe es, läse ihm vor und lasse sich anschreien, weil sie nur mühsam buchstabieren konnte.
Sabel war eine schlechte Schülerin, aber sie war der Meinung, nur sie allein wisse, dass der Schnee am frühen Morgen blau war, dass im Frühling die Äste der Bäume wie mit einer Zuckerlasur bestrichen waren und die Sommerabende als milder, süß duftender Rauch überallhin quollen. Sie liebte den Baum hinter dem Haus; im Herbst stand er auf einem Bein im Regen; seine vielen bunten Flügelchen hatte der Wind davongeblasen und der Baum hatte doch so sehr gehofft, einmal wegfliegen zu können.
Sabel durchquerte den Vorgarten; sie schleppte den Schulsack wie einen Koffer, während andere Kinder ihn am Rücken trugen. Einige Schwalben schnellten schreiend die Straße entlang; ihre Schatten glitten über die Hauswände. Der Vater hatte sie letztes Jahr fotografiert, als sie sich auf dem Draht versammelt hatten; Sabel liebte die Fotos und hatte sie über ihrem Bett aufgehängt, doch die Mutter hatte sie wieder heruntergerissen, zerknüllt und in den Ofen geworfen.
Sabel kam meist zu spät zur Schule, da sie am Morgen nicht aufstehen mochte, sondern durch ihre weißen Wimpern wie durch einen Vorhang das Theater beobachtete, das ihre Geschwister mit viel Geschrei aufführten, indem sie die Kleider durcheinanderwarfen, Wasser spritzten und Milch verschütteten. Die Mutter hatte keine Lust, sich um ihre faule Älteste zu kümmern; selten kriegte Sabel Schläge, meist wurde sie übersehen – sie war ja auch zu still und so bleich, dass sie sich kaum von den weißen Leintüchern abhob und man den Eindruck hatte, es sei in Ordnung, dass sie im Bett blieb. Manchmal zischte die Mutter: «Du bist wie der Vater.» Der Vater aber war um diese Zeit schon zur Arbeit in die Fabrik gefahren. Sabel würde später nicht arbeiten; lieber würde sie verhungern.
Der Wald besaß eine kahle, kranke Stelle, die nun rot leuchtete; man nannte jenen nackten Knochen die «Fluh» – Sonntagsspaziergänge führten dorthin.
Heute fühlte sich Sabel unsicherer als sonst; sie hatte den Eindruck, sie bestünde aus unordentlich übereinandergelegten Bauklötzen und könnte plötzlich auseinanderfallen; aus Schwäche lehnte sie sich gegen einen kleinen Lastwagen, der geduckt im kalten Sonnenlicht stand, und streichelte ihn.
Das Schulhaus zeigte vorerst nur sein großes Dach; die Straße führte zu ihm hinauf wie zu einer Gottheit; es sperrte die Träume aus, doch sie glitten wieder hinein und füllten es mit unruhigen Schatten. Ein heftiger Wind stieß Sabel vorwärts; anscheinend lag ihm daran, sie zur Schule zu führen, doch plötzlich erlahmte er und fuhr wie ein alter Herr leise und vornehm im Rollstuhl davon. Sabel sah, dass es hinter dem Wald regnete; bald würde auch das Schulhaus eingetaucht sein in Wasser und Dunkelheit, und die Fenster würden vom Regen zerkratzt. Sie bemühte sich, schneller zu gehen; weich wie Elefantenfüße traten ihre Stiefel am Boden auf, in welchen erbärmlich dünne Beine staken.
Sabel hatte in ihrem kurzen Leben viele Umzüge durchgestanden, sich an neue Gerüche und fremden Lärm gewöhnen müssen. Dieses Mal musste sie das Schulhaus nicht wechseln. Sie sah einige Kinder aus einer Seitenstraße rennen; die schöne Mulattin war dabei, hatte die Hand erhoben, lachte und schrie. Sie war etwas jünger als Sabel, acht oder neun; ihre Stimme war angenehm rau wie die Stimme eines Buben.
Ein Schlag gegen das Ohr ließ Sabel taumeln; in vielen Farben schillernd wie ein großes Windrad wirbelte die Straße mit den Häusern, den Gartenzäunen und dem Himmel rundum und sie flatterte mit, drehte sich rasend schnell, sauste über eine steil abfallende Wand und fiel in Dunkelheit und Stille.
Jemand hob sie auf, drückte ihr ein Taschentuch gegen das Ohr und redete auf sie ein, doch sie war mit dicker Watte umwickelt und wusste, dass sie nicht gehen und nicht sprechen konnte. Von weither hörte sie eine aufgeregte Frauenstimme: «Ein dunkelhäutiges Mädchen war’s, ich hab’s gesehen; einen Stein hat sie dem Kind gegen das Ohr geworfen. Oh, das viele Blut …» Zufrieden, ja froh stellte sich Sabel vor, wie das Blut aus ihrem Ohr floss, sich davonmachte aus ihrem Körper und alle Wärme mitnahm, alles Leben, alle Gedanken – leer würde sie zurückbleiben, eine hässliche Hülle, die niemand brauchen konnte.
Nun würde die Dunkelhäutige sich nicht schützen können; man würde sie zur Rechenschaft ziehen, Sabel aber in ein Bett legen, umsorgen, bemitleiden, vielleicht lieben und versuchen, sie wieder aufzufüllen mit Wärme und Leben. Sie spürte, dass man sie in ein Auto trug; ihr Kopf mit dem kurzen, blassen Haar ruhte an der Brust eines fremden Mannes, auch die Frau mit der schrillen Stimme war dabei; während sie das Ereignis wieder und wieder kommentierte, fühlte Sabel sich geschaukelt von einem Meer aus Glück und Zärtlichkeit; das dunkle Mädchen hatte sie aus purem Übermut hineingestoßen in dieses weiche Wasser, aus Lust das Blut aus ihrem Ohr spritzen lassen, gesehen, wie sie auf der harten, schmutzigen Straße lag, und gelacht dazu, dann war es feige davongelaufen. Es würde ihm schlecht ergehen deshalb, man würde es ausschelten und strafen, doch Sabel würde es stärker lieben als bisher, denn sie gehörte ja nun zu ihm, zu seiner lauten Welt in jenen finstern Baracken am braunen, faul riechenden Fluss.
Je länger das Auto fuhr, desto deutlicher wurde alles, auch der Schmerz; hatte man ihr ein Stück vom Kopf weggerissen? Es war, als ob man mit einer kantigen Schaufel in ihrem Hirn graben würde; jemand hatte ihr das Ohr ausgerissen und wollte ein neues pflanzen … Sie fühlte Übelkeit in sich aufsteigen und fürchtete, sie müsse über den hellen Regenmantel des Mannes erbrechen. Leise begann sie zu weinen; nun war sie ein Kind, klein, schwach und schutzbedürftig trotz ihrer Hässlichkeit.
Knupps Gefühle der Allmacht
Knupp geht durch einen halbdunkeln Gang im Keller der Klinik, an dessen Decke silberne Röhren angebracht sind, und betritt einen niedern Raum. Er wartet im Schneidersitz auf dem Boden und lässt den Blick seiner schönen, sozusagen in Leid eingelegten Augen über die farbigen Zeichnungen an den Wänden schweifen; er sieht Springbrunnen, spritzendes Blut, Quellen und Wasserfälle. Es sind dies Schöpfungen seiner Lieblingspatientin Ludmilla, die nun hereintritt und auf einer mit einem weißen Tuch bedeckten Matratze in der Mitte des Raumes niederkniet. Das junge Mädchen leidet seit zwei Jahren unter Schluckbeschwerden. Es hat Knupp sein Leben erzählt. Er hat zur Kenntnis genommen, dass Ludmilla Novizin war und dann für eine Werbeagentur arbeitete. Momentan ist sie Friedhofsgärtnerin, doch der Friedhof ist um diese Jahreszeit kalt; Knupp hat ihr geraten, sich einen Pelzmantel für die Arbeit anzuschaffen, doch Ludmilla hat lächelnd den Kopf geschüttelt.
Die sanfte Stimme Knupps bewirkt nun, dass sich Ludmilla auf der Matratze ausstreckt und die Augen schließt. Knupp gibt Anweisungen. Seine Stimme, die er tief unten im Brustkorb wärmt und dann langsam aus seinem runden Mund herausbläst, nimmt Besitz von Ludmillas Zehen, umspült ihre schmalen Füße, kriecht den Waden entlang, umschließt ihr linkes Knie, spannt und entspannt ihre Gesäßmuskeln, vertauscht Kälte gegen Wärme, rastet in den zerbrechlichen Schultern, betastet die nackten Arme und schiebt sich unbemerkt zwischen ihre fast makellosen Zahnreihen. Knupps Stimme könnte auch mit einer langen Schnur verglichen werden; sie entrollt sich und entlässt Ludmilla in schwindelerregender Höhe, wo sie schwebend verharrt, von wo sie aber, da sie sich nicht in Spannung befindet wie ein Drache, sondern von Knupp und den Psychopharmaka nach allen Regeln der Kunst entspannt worden ist, schnell nach unten torkelt. Zugeklappt liegt Ludmilla jetzt auf der Matratze, lahm und mutlos, ohne dass Knupp dies weiß: Ihn blähen Gefühle der Allmacht.
Der Baum
Der kleine Rolf sitzt auf einem der Stühle mitten im roten Zimmer, das renoviert wird; eine Bohrmaschine lärmt, und ein Handwerker misst den Raum aus. Rolf darf die Stellung nicht ändern, um diesen Nachmittag nicht zu verstören. Er legt die rechte Hand langsam auf seinen warmen, runden Kopf und lässt den linken Arm hängen. So sitzt er unbeweglich. Die Bohrmaschine ist wieder still; nun hört Rolf die Stimme seiner Mutter, die stärker kratzt, wenn sie süß flöten möchte; sie sucht ihn, aber er antwortet nicht. Der dort ist ein Zechpreller, der Baum hinter dem Fenster, wo das rote Zimmer aufhört: Alle Töne tropfen in seinen Schlund, und der dicke Regen fließt hinein. Rolf kann die Schwimmhäute zwischen den Händen, mit denen der Baum in der blauen Luft rudert, wegreißen, aber er tut es nicht. Er will dem Baum nicht weh tun. Der Baum steht wie eine finstere Lampe im hellen Tag; er wirft keinen Lichtkreis, sondern einen Schattenkreis auf den Boden, und dort stehen Pilze rund um den Stamm. Der Baum hat einmal in Rolfs Haar gelangt und es gestreichelt. Der Autobus fährt am Baum vorbei; die vielen Menschen halten sich an den Stangen fest, um bei der Kurve nicht zu fallen; sie stehen und sitzen krumm wie verkrüppelte Pflanzen, der Baum aber, der morgen gefällt werden soll, steht gerade.
Ein unbegreifliches Stück
Lange Zeit stand ich an der Bushaltestelle; auf dem Flachdach des Hauses gegenüber saß eine Reihe von Möwen. Eine schlief nicht; im Licht des Mondes sah ich, dass sie sich putzte. Es war kalt. Ich stieg in den Bus, der hier, zwischen zwei Dörfern, nur auf Verlangen anhält. Hinter mir saß eine Frau, die den Schluckauf hatte. Ich kannte sie von früher; sie trat in meinem andern, milden, weit entfernten Leben auf, aber sie war hereingefallen ins Heute. Ich zog meine ledernen Handschuhe aus und zerknüllte sie nervös. Der Chauffeur sang Arien; er hatte einen schönen Bariton. Die Bäume an den Straßenrändern waren noch nicht leer; sie zeigten den Rest ihres Vermögens: magere, braune Blätter, auf denen der Schnee schon wieder geschmolzen war. Ich äußerte mich während der Fahrt ganz unverfroren, indem ich stöhnte oder «mhm» sagte oder «nönönö», was niemand wichtig nahm. Ich verfolgte in Gedanken Spuren, bezog Stellung und überblickte von gewissen Punkten aus das Ganze. Manchmal landete ich mitten in einer Szene aus meinem Leben, die verfälscht war, aber ich zog dieses falsche, vergoldete Leben meinem jetzigen Leben vor; ich liebte seine Tiefe, die ruhigen Bewegungen der Personen und das frohe Lachen im Hintergrund.
Ich stieg nach einigen Stationen aus und stand vor einem schwarzen Haus. An einer Tür las ich: «Besser nicht eintreten»; die Formulierung irritierte mich, da sie Gefahr andeutete. Erst als ich mich der Schrift nochmals zuwandte, entzifferte ich: «Bitte nicht eintreten». Ich trat trotzdem ein, gab aber den Mantel an der Garderobe nicht ab, sondern ging sofort in einen dunkeln Zuschauerraum und setzte mich auf einen leeren Sitz vorne an der Wand. Der Bühnenvorhang war offen, die Bühne war leer, ohne Kulissen, aber das Stück hatte schon vor einer Stunde begonnen.
Die wenigen Zuschauer zeigten sich unruhig; manche pfiffen oder fielen durch Rufe auf, andere verließen laut murrend den Saal. Anscheinend hatte noch niemand Tomaten oder Eier geworfen. Zwei Kritiker waren fest entschlossen, bis zum Ende auszuharren; sie saßen hinter mir und sprachen miteinander. Ich, als Verfasserin des Stücks, fühlte mich krank. Eine Schauspielerin, die ich nicht kannte, trat auf; sie weinte während längerer Zeit und öffnete dann ihren Koffer. Das Publikum glaubte, nun sei der Zeitpunkt gekommen, den Atem anzuhalten. Der Koffer war leer. Mein Hass wuchs; er war wie ein Trompetenton; ich musste aufpassen, dass er mich nicht gegen die Wand schmetterte. Ich erhob mich, zog meinen Revolver aus der Handtasche, zielte und wollte abdrücken, doch die beiden Kritiker rissen mich zurück, drehten meine Arme auf den Rücken, entwanden mir den Revolver und sagten, dass auch sie das Stück nicht begriffen hätten, dass das aber doch kein Grund sei, die Schauspielerin umzubringen.
Maikäfer, flieg
Nachdem der Verleger der Buchreihe «Aberwitz» (goldfarbener Einband, Fr. 19.50) sich mit seiner Haarbürste den Rücken gekratzt hat, trinkt er im Garten vor seinem Haus eine Tasse Kaffee. Die Trauerweide, von seinem Sohn gepflanzt, hockt wie ein zottiges Ungeheuer beim Gartentor. Der Verleger hat eins der neuen Bücher, einen Gedichtband von Salomon Spatz, vor sich auf dem Tisch liegen. Der Verleger verfasst in seiner Freizeit auch Gedichte, die allerdings ein wenig dilettantisch sind. Er träumt davon, sie herauszugeben und berühmt zu werden, ein Dichter zu sein wie Salomon, Lindas Entdeckung. Linda heißt des Verlegers kleine Frau, die wie auf Rädchen durchs Haus rollte und die mit Salomon Spatz durchgebrannt ist. Der Verleger kritzelt in sein Notizbuch, das er immer bei sich trägt: «Wenn alle Münder der Erde sich öffnen / Wenn alle Augen der Erde sich öffnen / Wenn die Erde sich mitteilt / Schreit sie / Gebiert sie Blüten und blutet.» Die Zeilen sind ihm eben zugefallen; auf die Wendung «Blüten und blutet» ist er besonders stolz. Er lässt seinen Blick vom Feuerbusch zum Quittenbaum und von da zum Fliederstrauch schweifen; soll er noch Zeilen mit den Worten «Qual, so harte Quitten» oder «fliegende Blüten des Flieders» hinzufügen? Nein, so gut ist das nun auch wieder nicht. Der Verleger trinkt den kalt gewordenen Kaffee und tritt, das Buch unter den Arm geklemmt, ins Haus.
Draußen zieht der Sohn des Verlegers, der Bücher hasst, einen großen Rechen über den gemähten Rasen, um das geschnittene Gras einzusammeln. Die blaue Himmelsfahne wird eingerollt; es gibt heute nichts zu feiern. Früher, da war das Leben ungestüm zum Verleger gekommen; er hielt es nicht an der Leine, sondern ließ es frei, freute sich, wenn es ihn umhertrieb. Der Verleger gehört aber zu jenen Menschen, die einen Tramführer nicht von einem Polizisten und einen Polizisten nicht von einem Postboten unterscheiden können. Salomon Spatz kann dies wohl. Der Verleger gehört auch zu den Menschen, die nicht Abschied nehmen können; sie zerbrechen daran. Er beherrscht die Sorgfalt nicht, mit der zum Beispiel ein Salomon Spatz mit der Zeit umgeht und so das Abschiednehmen entschärft. Jener hat eine genaue Vorstellung davon, wie lange eine Stunde, ein Tag, ein Monat, ein Jahr währt, und er verzweifelt nicht; gelassen schleppt er seine ganze Kindheit mit den vielen Abschieden mit sich.
Bevor Linda mit Salomon Spatz durchbrannte, schrieb sie einen Abschiedsbrief, den der Verleger nicht lesen kann. Schon immer hat Linda ihn mit ihrer «Charakterschrift», wie sie sagte, genarrt. Der Verleger hat diesen Brief in das Buch von Salomon Spatz gelegt; jedes Mal, wenn er das Papier in die Hand nimmt, hämmert sein Herz, und er fürchtet, er könne die Zeilen plötzlich entziffern und es handle sich um ein böses Gedicht, das Salomon Spatz sich für ihn ausgedacht und Linda diktiert habe. Er stellt sich einen Vers in der Art von «Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg, die Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt» vor; er glaubt sogar, das Wort «Maikäfer» entziffern zu können. Letzte Nacht träumte er, Pommerland sei abgebrannt, und sein Weinen ließ nicht nach, als er aufwachte.
Das Brillenmuseum
Wie sich doch die psychiatrische Klinik dieser Stadt vergrößert; es wird ständig gebaut. Die Klinik wirbt mit Plakaten: «Kommen Sie zu uns! Werden Sie Patient! 1000 Psychiater erwarten Sie!» Ich wollte einmal über diese Klinik eine Erzählung schreiben. Ich wollte zum Beispiel den Satz: «Die Patientin warf ihrem Arzt einen fetten Traum vor» verwenden. Die Ärzte hätten es aber nicht geschätzt, mit gierigen Tieren verglichen zu werden, mit entthronten Löwen, denen nicht der Löwenanteil zusteht, sondern die froh sein müssen über jeden Happen Traum, den ihnen die Patienten hinwerfen. Wenn die Patienten dies nicht täten, müssten die Psychiater hungern an ihrer Seele und an ihrem Geist. Sie ziehen den Patienten eine Haut nach der andern ab und verzehren diese Häute. Ich wollte über eine Patientin schreiben, die den größten Teil ihrer Häute für sich behält; die Ärzte dürfen an ihren Häuten zwar riechen und lecken, aber nur selten und wenig davon fressen. Oft lassen die Ärzte einen Patienten mit nur noch einer Haut austreten; sie erklären ihn für gesund, doch nach einigen Wochen ist er wieder in der Klinik. In Wirklichkeit können sie niemanden für immer gesund machen; diese Tatsache wollte ich in meinem Text nicht verschweigen. Die Ärzte testen an ihren Patienten Pillen; manche dieser Medikamente bewirken Unruhe, Halbblindsein, Nicht-mehr-schreiben-Können. Die Patienten knüpfen ihren zerrissenen Geduldsfaden immer wieder neu. Wenn der Faden zu kurz geworden ist, wenn er sie nicht mehr zusammenhält, bleiben sie für immer in der Klinik als alt und schal gewordener Fraß, dem kein Psychiater mehr Interesse entgegenbringt.
Die Psychiater sind ganz versessen auf Erlebnisse ihrer Patienten. Ich glaube, als Patient braucht man viel mehr Platz denn als Nicht-Patient, um sich «in seiner Seele zu ergehen», wie man es geschwollen ausdrücken könnte. Ist man wieder «Nicht-Patient», schrumpft die Seelenfläche. Seitdem die Kranken diese neuen Pillen schlucken, bleiben aber das Wachstum der Seelenfläche und die Erlebnisse meist aus; die Seelenfläche sackt ein, und die Pillen ersticken die Phantasie.
Psychiater interessieren sich nicht nur für Erlebnisse, sondern auch für Unfälle. Sie sind Polizisten, die in Erscheinung treten, wenn sich ein Unfall ereignet hat: Sie stellen Pannendreiecke auf, markieren, fragen die Zeugen aus, notieren. Mehr können sie nicht tun; es liegt nicht in ihrer Macht, Verletzte zu heilen oder Tote zum Leben zu erwecken.
Man kann so tun, als ob nichts wäre. Die junge Patientin Olga ist trainiert darauf. Aber eines Nachts träumt sie: In ihrem Zimmer im ersten Stock des Elternhauses auf den Holzdielen unter der reich verzierten Barockdecke stehen Kisten voller Hefte und Bücher. Im Kamin liegt bündelweise Papier, in den Ecken stehen Kartotheken, auf dem Tisch türmen sich lose Blätter. Olga sichtet, ordnet, schreibt und telefoniert. Sie hat ein Museum eingerichtet, das nie jemand besucht; es ist ein kleines Museum für Brillengestelle im Erdgeschoss. Sie glaubt an die wichtige Funktion dieser Gestelle und der dazugehörenden Gläser, die Gesichter veredeln, verdummen, verschönern oder verwüsten. Wenn jemand sein brillenloses Dasein gegen ein Dasein mit Brille eintauschen muss, kann diese Person eine ernstzunehmende Identitätskrise erleiden. Frauen lassen sich ungern mit ihren Brillen fotografieren, Sekretärinnen tragen aber oft mit Selbstbewusstsein große Hornbrillen. Was wäre Schubert ohne seine Brille? Es ist Olga gelungen, das Gesicht von Proust mittels einer Brille auf ungeahnte Art zu verändern.
Nett sind altertümliche Krankenkassenbrillen; die Gesichter erscheinen durch sie hilflos. Und wie viel verdankt ein guter Schütze seiner Schießbrille.
Auch Sonnenbrillen und Schneebrillen sind nützlich. Man beachte die Erzählung von Edgar Allan Poe: «Die Augengläser»; da verliebt sich ein junger, brillenloser Mann mit schwachen Augen in eine alte Frau, die er für ein junges Mädchen hält. Oder man stelle sich die Frage, ob El Greco nicht ganz anders gemalt hätte, wenn er Brillenträger gewesen wäre. Das Hauptinteresse von Olga gilt aber einer einzigen Brille, die es noch nicht gibt; sie macht unzählige Entwürfe, umrandet die Augen ihres weit entfernten Vaters auf einer großen Fotografie ganz zart, zeichnet für ihn Brillen, die sie immer wieder mit einem weichen Gummi ausradiert. Sie skizziert ovale, runde, eckige, dünn- oder dickrandige Brillen. Sie hofft fest, dass es ihr gelingen wird, das Gesicht des Vaters menschlicher erscheinen zu lassen. Je mehr sie zeichnet, je verzweifelter sie sich müht, desto grauenhafter wird der Ausdruck der väterlichen Augen – ja, des ganzen Gesichts. Die Augen glitzern, starren sie an, blinzeln, als blende sie das Licht der Ständerlampe, unter der die Fotografie liegt.
Nach einem halben Jahr Klinikaufenthalt kehrt Olga nach Hause zurück. Ihr Psychiater hat sich nicht in ihren Vater verwandelt. Kaum zu Hause, beschäftigt sie sich wieder mit dem Thema «Brillen», so dass sie, wenn sie unten über den großen Platz geht, zugleich oben in ihrem Schlafzimmer, dem Arbeitszimmer ihres Traums, am Fenster steht. Sie beobachtet, wie sie sich vor einem Café auf einen der weißen Plastikstühle, Jugendstilimitation, setzt, ein Cola trinkt und raucht. Bei schönem Wetter sitzen vor allem Touristen draußen unter dem Himmel, der die Türme der Kathedrale weit von sich weist. Olga sieht, wie sie mit dem Zigarettenstummel weiße Kreuze in die Asche im dreieckigen Aschenbecher gräbt. Sie ist als Gast dieses Cafés ausgestellt, aber von Zwängen frei, als säße sie auf einer hohen Leiter. Es gibt keine vier Ecken, wo Gottvater hockt. Olga schreibt einen Brief, den sie nicht an ihren Vater senden wird: «Da mir das Schreiben immer leichter fiel als das Reden, will ich mir treu bleiben. Es ist meines Erachtens besser, wir ändern die Rollen nicht, da wir zu ungeübt sind, um miteinander zu reden. Wann haben wir je miteinander geredet?» Um Olga zu charakterisieren, muss ich vielleicht noch erwähnen, dass sie nie die Bücher liest, die man gelesen haben muss, und nie die Filme besucht, über die man noch nach Jahren redet. Sie weiß nicht, welches Gesicht zu welcher Gelegenheit passt. Sie weiß nicht, dass es in unserer Stadt Menschen gibt, die Verbrechen begehen aus dem unbewussten Wunsch heraus, von der Polizei in Gewahrsam genommen zu werden. Sie weiß aber, dass die Kirchen und die politischen Parteien um Gläubige werben. Vielleicht auch das Militär. Trotzdem ziehen Jugendliche, vaterlose Horden, durch die Straßen der Stadt, zertrümmern Schaufenster, plündern und legen Brände. Kinder, junge Frauen und junge Männer kleben keine Plakate an die Wände, um für sich zu werben. Sie beschriften aber die Mauern der Stadt mit Sätzen wie: «Wir wollen leben! Auch Beton welkt!» Ein Jugendlicher hat an die Wand des Elternhauses von Olga mit einer Farbspraydose, blutrot, das Wort «Vorsicht!» hingespritzt. An Sonntagen begeben sich Bürger in das Stadtinnere, um die Schäden zu betrachten. Das sind schöne Spaziergänge, die einen Kinobesuch ersetzen.
Das Kind
Manchmal rede ich mit dem Kind, es ist ein kleines Mädchen, doch ich kann nicht beurteilen, ob es mich ernst nimmt. Heute ist es als Clown bemalt; seine kleine Nase leuchtet rot, das Kinn ist weiß und der Mund mit roten Strichen verbreitert, so dass es zu lachen scheint. Es hat sein Haar unter einer Mütze versteckt und trippelt neben seiner Mutter um den runden Weiher im Garten. Ich höre, dass es fragt: «Mama, wo ist das Unglück?» Sieht es denn nicht, dass der Hagel die Bäume nicht verschont hat? Zweige und Blätter und verschiedene bohnen- und raupenförmige Früchte, die man nicht essen kann, liegen am Boden. Die Mutter klettert über einen großen, abgebrochenen Ast, aber das Kind will nicht klettern; es bleibt stehen und streckt beide Arme in die Luft.
Ich sitze auf dem Sims am offenen Küchenfenster. Neben mir am schwarzen Brett hängen die Öffnungszeiten des Krämerladens und der Post, auch die Zeiten für den Gottesdienst sind angeschlagen, obwohl niemand unserer Wohngemeinschaft die Kirche besucht. Wir sind Randfiguren, Städter, die sich in diesem Dorf zusammengeschlossen haben. Durch die Anwesenheit des Kindes gibt es so etwas wie einen Alltag. Kürzlich hat das Kind einen Indianer gezeichnet und an die Wand in der Küche geheftet. Auch ein kleines, rotes Haus in einem großen, durchsichtigen Haus hat es gemalt, ein Motiv, das ich noch nie gesehen habe. Die Enten im Garten vermehren sich; das Kind zählt die Jungen. Ohne das Kind wären wir nur eine Siedlung von Enten, die von ein paar Menschen betreut werden. Wir schreiben phantasievolle Namen, die das Kind für die täglichen Speisen erfindet, auf einen Zettel, den wir am Schwarzen Brett befestigen. Das Kind enttäuscht uns nie, weil es sich keinen Augenblick lang vor uns verstecken will; es greift uns offen an.
Ich habe den Eindruck, es verstehe uns gut, aber wir sind ständig erschöpft; trotzdem führe ich ein Tagebuch und schreibe in den Nächten schamvoll Satz um Satz.
Heute Abend ist die Mutter des Kindes mit den andern ins Dorf gegangen, um in einer Gartenwirtschaft etwas zu trinken. Ich bleibe zu Hause und sitze vor dem Fernseher; plötzlich geht das Kind leise durchs Zimmer und stellt den Apparat ab; das andere Licht und das fremde Geräusch waren ihm vielleicht unangenehm. Ich erhebe mich, nehme es an der Hand und führe es in den Garten. Wir setzen uns auf zwei Stühle, die beim Weiher stehen. Das Wasser ist dunkelgrün mit einem Lichtstreifen; es zittert. Dort, wo eine Ente taucht, bildet sich ein kleiner, ein größerer, ein ganz großer Ring. Ich erzähle, dass ein alter Mann im Altersheim, in dem ich arbeite, immer in einem Kleiderkasten Lift fuhr, bis ich ein Schild mit dem Hinweis «Lift defekt» an der Kastentür befestigte. Das Kind lacht nicht. Der Himmel fließt schnell und kommt uns näher mit seinen schwarzen Vögeln. Ich denke an den Traum, den ich in der vergangenen Nacht hatte: Das Kind schwebte als Schatten durch einen langen Korridor, verschwand in Türen, war aber immer wieder vor mir, leicht, fast nicht sichtbar. Ich denke schon seit einiger Zeit daran, dem Kind ein Geschenk zu kaufen. Es ist nicht so, dass ich es freundlich gegen mich stimmen möchte, aber an manchen Tagen ist der Drang, ihm etwas zu schenken, groß.
Das Ungeborene
Es regnet schon wochenlang nicht mehr; der Himmel scheint mit etwas schwanger zu gehen: mit einer geheimen Glut. Die Geburt zögert sich hinaus; schrecklich wird die große Glut sein, die der Himmel aus sich herausstoßen, von sich werfen, auf die verdorrte Erde schleudern wird.
Astrids Betäubung gleicht der Verwirrung der Tiere, die kein Wasser finden; der Schwindel, der wie Nebel ihren Kopf umhüllt, der ihren Blick trübt, ihn angestrengt und dunkel erscheinen lässt, verwirrt auch ihre Gedanken. Nur zögernd überschreitet sie jeden Tag mit dem Einkaufsnetz die staubige, im Sonnenlicht schwankende Straße. Alles in der Nähe löst sich in glühenden Wellen auf; nur was in der Weite, in der Ferne wie Signale hingestellt ist – eine weißgestrichene Holzveranda, ein runder Baum mit kühlen Schattennestern –, kann sich den müden Augen mitteilen. Astrid ist beinah blind.
Wenn sie – geschickt tastend – im Haushalt irgendwo anstößt, weil sich manche Gegenstände nicht am erwarteten Ort befinden, und ein mit frisch gewaschenem Salat gefülltes Sieb zu Boden fällt, schreit ihre Schwester Fanny. Astrid hat sich in den langen Jahren, die sie bei Fanny lebt, an die Ecken gewöhnt; ihr Fuß kennt die Schwellen, ihre Hände finden das Besteck in der Schublade, das Obst auf der Fruchtschale, die frischen Servietten im Kasten.
Die Wohnung liegt in goldbraunem Dämmerlicht; die Rollläden sind bis auf einen Spalt heruntergelassen, die Fenster geöffnet. Jeden Morgen um halb sieben bereitet Astrid für sich und Fanny, die arbeiten muss, den Tee. Es ist für sie eine kleine Genugtuung, eine kindische Rache, Fannys Tasse mit dem Teebeutel links auf den Küchentisch zu stellen. Während sie das kochendheiße Wasser zuerst in ihre eigene, auf der rechten Seite stehende Tasse gießt, sagt sie, jedes Wort laut betonend: «Zuerst für mich», und dann, fast erschrocken über ihre Vermessenheit, beinah mit schlechtem Gewissen: «Nachher für Fanny.»
Gestern Nacht hat es sacht geregnet; die schon wieder trockenen Bäume in den Gärten teilen sich das Ereignis lispelnd mit, und Fannys Haar, das dem widerspenstigen Haar junger Mädchen gleicht, ist wild und knistert. Fanny steht «mitten im Leben». Fanny braucht keine Armbanduhr, sie weiß Bescheid, während Astrid immer mühsam das Datum der Zeitung, die sie jeden Morgen aus dem Briefkasten nimmt, liest. Auch der Wetterbericht erregt ihr Interesse, doch sind ihre Augen zu schwach, um ihn zu entziffern, und ein Radio besitzt Fanny nicht. Ganz ohne Besitz aber ist Fanny nicht. Ihr gehört sogar eine Violine, der sie manchmal quäkende Töne entlockt, um «in der Übung zu bleiben». Astrid besitzt nichts, oder beinah nichts; ein Tagebuch aus ihrer Mädchenzeit und einige andere Bücher, die sie nicht mehr lesen kann und die unter den vielen Büchern Fannys versteckt sind.
Der Himmel hat seine Glut irgendwo verschenkt, und der Sommer nimmt seinen Fortgang. An den Nachmittagen, während Astrid mit steifem Rücken auf einem Stuhl in der geradezu leichtsinnig großen, alten Wohnung sitzt, denkt sie sich für ein ungeborenes Kind Namen aus wie eine schwangere Frau: «Norbert, wenn es ein Knabe ist; für ein Mädchen ist Annette ganz hübsch.» Das Kind wäre ihr Besitz, den sie nicht mit Fanny teilte. Wie eine jener Eingeborenen, die sie früher in Filmen oder in Missionsheftchen sah, bände sie es an sich, trüge es immer auf dem Rücken oder auf der Brust und schenkte ihm Atem und Seele und Leben, Sekunde für Sekunde; sein Duft und sein Blühen gäbe ihr Freude. Kein Wind könnte es peitschen, keiner zerpflücken; sie lebte mit ihm in ihrem eigenen Kreis, um den das Schicksal die Nacht wie einen Zaun baut. Sie spürte ihre Erniedrigung nie mehr. So wie ihre Augen nur noch kleine oder ferne Dinge wahrnehmen, die sie bewusst fixiert, während alles Große und nahe Gelegene sich in Nebel auflöst, nimmt sie in Gedanken nur noch das Ungeborene wahr; es wird wichtig wie ihre auf der rechten Seite des Küchentisches stehende Teetasse, in die sie das Wasser zuerst gießt.
Der Prinz
Die alte Frau dachte, der Bahnhof gliche einer Kathedrale oder einem Theater, einem Ort jedenfalls, in dem Rituale gefeiert werden. Sie wusste, dass der Bahnhof jeden Morgen gereinigt wurde, doch jetzt war er schmutzig. Sie ging durch den dunklen, kalten Korridor zur Schalterhalle; ein weißblonder Junge trat aus der Herrentoilette mit einer Zahnbürste in der Hand und lächelte sie an – er lächelte wie jemand, der sich vorgenommen hat, einen bestimmten Menschen aus einem bestimmten Grund anzulächeln. Der Junge glich Jonas, ihrem Sohn. Sie hatte den Brief, in dem sie Jonas ihre Ankunft angekündigt hatte, vorgestern in einen Briefkasten in ihrer Straße geworfen. Dort stand, eng an den Kasten gedrückt, ein verwahrlost aussehendes Mädchen. Etwas barsch hatte die alte Frau um Entschuldigung gebeten – nicht, weil es nötig gewesen wäre, dass das Mädchen zur Seite rückte; es war klein, und sie hätte den Brief auch so, über seine Schulter hinweg, einwerfen können, aber sie war misstrauisch und ärgerlich: Was hatte das unglückliche Geschöpf zu kontrollieren? Als die alte Frau dann wegging, drehte sie sich zweimal um und beobachtete das Verhalten des Mädchens, argwöhnte, es würde den Brief vernichten, indem es ein brennendes Zündholz in den Schlitz warf. Herausziehen hätte es ihn mit seinen dicken Fingern nicht können. (Sie vermutete, dass die Finger des jungen Mädchens dick waren; angeschaut hatte sie sie nicht.) Das sonderbare Ding stand wieder nah beim Kasten, ohne sich zu rühren; die alte Frau blieb den ganzen Tag unruhig und machte sich Vorwürfe, dass sie den Brief nicht einige Straßen weiter in einen andern Kasten eingeworfen oder dass sie nicht telefoniert hatte. Aber sie telefonierte ungern, hatte Angst vor Wörtern, die aus weiter Ferne direkt ins Ohr hineingesagt wurden.
Als die alte Frau an der kleinen Station des Ortes, wo Jonas wohnte, aus dem Zug stieg, sah sie, dass ein Junge und ein Mädchen in einem Tümpel zwischen parkierten Autos Fußball spielten; sie lachten, wenn das schmutzige Wasser aufspritzte. Der angetrunkene Chauffeur eines kleinen, gelben Lastwagens schleppte eine Kiste mit leeren Bierflaschen in einen Laden. Ungläubig sah die alte Frau, wie der kleine Lastwagen am Straßenrand zu schaukeln begann; ohne ersichtliche Ursache schaukelte er auf und nieder. Bäume plusterten sich auf wie nasse Vögel. Sorgsam trug die alte Frau den selbstgebackenen Kuchen für den Sohn. Später erschrak sie, weil ein Auto sehr nah und schnell seine Schnauze aus dem Verkehrsstrom bedrohlich gegen sie streckte; seine Bremsen kreischten. Schon von weitem bemerkte sie aber das blaue Haus, das wie ein Kachelofen aussah und wo Jonas sie gewiss erwartete. Das letzte Mal, als sie kam, stand er mit dem Rücken gegen seinen großen Spiegel und betrachtete sich in einem kleinen Spiegel, den er in der Hand hielt, von hinten. Jonas war schön. Seine vollen Wangen waren für sie der Beweis, dass sie ihn als kleinen Jungen gut gepflegt hatte und jetzt noch über ihn wachte. Jonas war der Prinz, der sie eines Tages erlösen würde aus ihrer armseligen Hässlichkeit.
Die Prinzessin
Vera wohnte seit einem Jahr in einem winzigen, weißen Haus an der Küste; vor ihr war nur der Himmel – ein kleines, totes Blau am Tag, ein Sammetbeutel voll goldener Kugeln in der Nacht – und das Meer; sie deckten die Vergangenheiten, die Vera mit stundenlangem Gekritzel hervorlocken wollte, zu wie Schatten von Riesen.
Veras kleine Tochter trat ins Haus, setzte sich, nachdem sie drei oder vier Butterbote verzehrt hatte, an den Tisch und verfertigte eine ihrer unzähligen Zeichnungen: Am Himmel rollten zwei Sonnen, im Gras stapften eine dickbäuchige, kahle Prinzessin und ein Zwerg.
Vera hatte Kindern gegenüber immer Unbehagen empfunden; bevor sie selber Mutter wurde, konnte sie die kleinen Geschöpfe nicht an sich drücken wie andere Frauen, sowenig wie sie es über sich brachte, ein Tier zu kraulen; das fremde, ungewohnt riechende Fleisch flößte ihr Abscheu ein. Sie verstand es noch heute nicht, mit Kindern zu scherzen; sie fand sie frech und unberechenbar, und ihr Übermut erschreckte sie. Sie fühlte sich ihnen unterlegen wie damals, als sie als sechsjähriges Mädchen zum ersten Mal ins Schulzimmer getreten war und die vielen schrecklichen Wesen gesehen hatte, die so laut und herausfordernd und grausam waren und deren Freuden und Leiden sie nicht teilen konnte. Sie war das einzige Kind ihrer Mutter gewesen und liebte nur ihre eigenen Freuden und Leiden; sie waren bedeutsam; vertraut und fein wie das Glück und die Schmerzen der Gräfinnen in den Romanen ihrer Mutter. Das Lachen der Schulkameradinnen fand sie roh, ihr Weinen peinlich, ihre Hände und Füße hässlich. Das Mädchen, das neben ihr in der Bank gesessen war, hatte an der rechten Hand nur vier Finger besessen; jede Berührung dieses Kindes hatte ihr Gänsehaut verursacht.
Sie erinnerte sich nur ungern an ihre Freundschaft mit Martha, die sich ihr aus dem einzigen Grund aufgedrängt hatte, weil sie beide – im Gegensatz zu den übrigen Kindern – katholisch waren. Marthas Kichern, ihre plumpen Wangen, ihre wie polierten Augäpfel, ihre Albernheit, das Schreiben von «wichtigen Mitteilungen» auf Papierfetzen, die sie ihr unter der Bank zugeschoben hatte, ihre Geständnisse, ihr Flüstern im Pausenhof, in der Kirche, hinter dem Haus – alles hatte Vera angewidert, doch sie hatte getan, als ob sie wäre wie Martha, um ihren Stolz und ihre Einsamkeit zu schützen; instinktiv hatte sie erkannt, dass man Edelsteine am sichersten in billigen, unansehnlichen Behältern aufbewahrt.
Vera hatte Martha viel später einmal unvermutet getroffen; Martha war verlobt, überhitzt wie ein Lampion, bevor aus ihm die Flammen schlagen und das Papier wie nichtige Worte durcheinanderwirbelt und verschwindet, als wäre es nie da gewesen. Vera hatte damals jeweils am Abend mit Ekel ihre eigenen, langen, weißen Glieder, die mit braunen Punkten übersät waren, betrachtet und gedacht: «Wer mag die schon.» Dann aber hatte sie einen ehemaligen Fremdenlegionär geheiratet, einen schmalen, dunkelhäutigen Burschen, dessen Gesicht aussah, als ob Mehl über Paprika gestäubt wäre; entschärft, verwischt. Nach drei Jahren wurde die Ehe geschieden, und ein Jahr später heiratete sie einen großgewachsenen Engländer mit glatten, runden Gliedern wie aus Teig und einwärts gerichteten Füßen, der ziemlich vermögend war, Frösche sammelte und sich am liebsten unter Wasser aufhielt; seine Augen hinter der Taucherbrille erinnerten sie an zwei Tropfen Lebertran. Diese Ehe dauerte nur zwei Jahre.
Ihre Ehen waren für sie beklemmende Träume, die sie vergessen hatte. Sie hatte nie geliebt; für den fremd bleibenden Legionär, den Vater ihres Kindes, hatte sie eine etwas verrückte Leidenschaft empfunden, die erst nach seinem Verschwinden – dann aber schnell – erloschen war, was sie enttäuscht hatte; sie hatte erwartet, sie würde des Nachts leidend seinen Namen flüstern. (Nur in jener Nacht, als der Gatte das Weite gesucht hatte, hatte sie, obwohl sie von dem skandalösen Ereignis noch nichts wissen konnte, im Traum seine Fotografie vom Nachttisch heruntergeschlagen und das Glas zertrümmert.) Der nach Hausfrauenart pedantische Engländer samt Tabakpfeife und tantenhafter Furcht vor Katzen war ihr nur lästig gewesen. Deshalb bestürzte sie die Liebe zu ihrer Tochter; sie hatte in ihrem Leben nie Angst gekannt, nur Ekel und Widerwillen und Gleichgültigkeit und eine Trauer, die sie – wie einen großen, dunklen, fernen Falter – mit Dankbarkeit bewunderte. Nun hatte sie Angst um sich und um ihr Kind; sie fürchtete, sich selber oder das Kind zu verlieren.
Es war Abend. Das Töchterlein, das nach Veras Mutter Saskia getauft worden war, lag auf seiner Matratze in der hintern Ecke des einzigen Raumes, dort, wo helle und dunkle Wolken wie gute und böse Engel hinter dem Fenster vorbeiflogen; Hand in Hand oder Rücken an Rücken. Das Fenster hatte ein Stück des Ölbaumes abgeschnitten und eingerahmt. Saskias dunkle Lippen besaßen einen zarten, lilafarbenen Glanz wie die Lippen von Mulatten und öffneten sich leicht im Schlaf, die Wimpern glichen feinen, samtbraunen Blumenblättern. Scheu betrachtete Vera die nun vollendete Zeichnung, die das Mädchen selber an der Wand neben dem Fenster befestigt hatte, und mit einer seltsamen, schmerzlichen Freude erkannte sie, dass sie darauf die Farben, die sie soeben so eigenartig glücklich gestimmt hatten, wiederfand; als ob das Kind, fasziniert von seiner äußeren Erscheinung, versucht hätte, sie dem Papier mit den knapp erzählten Wahrheiten aufzuprägen: Braun und lila waren die beiden Sonnen, und lila und braun war die mächtige Prinzessin, der nun langes, starkes Haar zum Kopf herauswuchs wie ein Gewirr von Seilen. Nur der Zwerg war weiß geblieben, durchsichtig; er schien unter der Last der Farben über ihm zusammenzubrechen. Plötzlich glaubte Vera, in ihm sich selber und in der aufgeblähten Prinzessin, die wie ein mit zwei strahlenden Kronen versehenes Untier in der Mitte thronte, ihre Tochter zu erkennen – oder war es Martha, die hier Atem holte, um ihr ein letztes Mal Widerwärtiges ins Ohr zu zischeln? Ekel würgte sie, wie sie ihn, seit sie hier einsam wohnte – umgeben von sauberem Sand, roten Felsen, glänzendem Wasser und einem Himmel, der so reinlich war wie das geplättelte Badezimmer ihrer verstorbenen Mutter – nicht mehr gekannt hatte. Dann aber sah sie ihre Tochter im Traum lächeln; sie beugte das Knie und küsste das Kind auf die von der Sonne verbrannte Wange, auf welcher ein wenig Sand klebte.
Der Engel
Arthur war keineswegs gedankenfaul, und er bildete sich weiter, indem er Kurse besuchte, die ihm gewandte Umgangsformen, Kochen, Fotografieren und Stenografie beibrachten. Er bemühte sich, den menschlichen Kontakt zu pflegen, doch wo er sich auch in die unsichtbaren Zelte einschleichen wollte, in welchen er die andern einzeln oder in Gruppen vermutete – stets stand ein Engel davor und verwehrte ihm den Eingang mit der Geste eines Coiffeurs, der es bedauert, keine weitere Kundschaft mehr bedienen zu können.
Arthur versuchte sich Bilder zu machen über einige Frauen und Männer und Kinder, die in seiner Straße wohnten, während andere ihm gleichgültig waren. Die Straße hieß Wölkleinstraße und ihre Häuser waren grau und unterschieden sich nicht voneinander. Auf einem Balkon stand ein Engel aus Gips, der ein niedliches Doppelkinn hatte und schon erwähnt wurde – vielleicht in einem etwas unverständlichen Zusammenhang; dort wohnte ein Bildhauer. In Gedanken stellte Arthur das Buffet der Leute, das er durchs Fenster sah, ihre Art, sich am Kragen zu zupfen, und ihre Wünsche, die den seinen glichen, zusammen, wie ein Kind sich aus einem Blatt, aus Zündhölzern, aus einem Apfelstiel und aus einem Taschentuch ein Haus baut, in welchem nicht nur seine Puppe wohnt, sondern auch es selbst, seine Freundin, ein Zwerglein aus einem Märchen und der Buchstabe R, den es neulich in der Schule lernte. Zu den Kindern hatte er aber keine Beziehung – er konnte sich kaum an seine Kindheit erinnern; wenn man ihn danach gefragt hätte, hätte er geantwortet: «Ich habe gespielt», doch niemand fragte ihn etwas, niemanden gelüstete es, ihn zu schütteln, wie man es mit einem Getränk in einer Flasche tut, bevor man es braucht. Er arbeitete in einem Büro, wo er jeden Morgen «Beginne!» las, ein Wort, das er auf ein Stück Karton gemalt und an die Wand geheftet hatte, und wo er während der Arbeit hie und da eine Bemerkung über ein Fußballspiel fallenließ. Er besaß keine Laster – selbst das Tragen einer Sonnenbrille bereitete ihm Unlust, da er sich durch sie betrogen fühlte; er liebte die Verdunkelung oder Verschleierung der Welt nicht, sondern fürchtete alles, was die Klarheit beeinträchtigte, oder das, was er für Klarheit hielt. Dass Worte mit der Endung «-ung» ihn mit Schauern des Wohlbehagens durchrieseln durften, war etwas anderes – er sprach sie mit einer wohlklingenden Stimme aus, die verblüffend laut aus seinem winzigen, lippenlosen Mund strömte: «Sitzung», «Verschiebung», «Ordnung». Einmal war ihm aufgefallen, dass die linke Hälfte seines Gesichts stumpf aussah, gewalttätig, furchterregend, während die rechte Hälfte den Ausdruck eines schlafenden Kindes hatte. Diese Entdeckung beunruhigte ihn flüchtig, wie es jemanden erschreckt, wenn er merkt, dass er das Licht anknipst, um besser hören zu können.
Arthur war Grundbuchbeamter, geschieden, und liebte heimlich ein Mädchen, das ebenfalls in der Wölkleinstraße wohnte, ein Stockwerk höher als der Bildhauer, auf dessen Engel es manchmal hinunterblickte. Es hieß Cäcilia, war Krankenpflegerin und glich einem schönen, kräftigen Vogel, der eine Brille trägt. Arthur stellte sich Cäcilia keusch, klavierspielend und stickend vor. Als er sich bei ihr nach einem kranken Bürokollegen erkundigt hatte, den sie im Spital pflegte, bemerkte er, dass sie stockend und ungenau sprach. Ihre Stimme erinnerte ihn an Nebel, genauer gesagt, an eine Fahne, die an einem nebligen Tag von einem Aussichtsturm weht, doch im Tal sieht sie niemand, und wen gelüstet es, einen dunklen Berg zu erklimmen, wenn unten die Sonne scheint?
Eines Abends, als Arthur am offenen Fenster stand, bemerkte er einen Knaben, der über die Straße tänzelte und einem jüngeren Mädchen befahl, Kieselsteine in die Sandalen zu füllen, worauf er dasselbe tat. Anschließend rannte er mit der Kleinen um die Wette, doch entfernte er vorher heimlich seine Steine und wurde Sieger, während die Verliererin mit schmerzerfülltem Gesichtchen um die Hausecke humpelte. Der Himmel schwamm über die Dächer und zwischen den Ästen und Blättern hinter den Häusern und in den Augen der Kinder, die keine Farbe zu haben schienen. Der Knabe hatte einen glänzenden schwarzbraunen Haarwirbel, und seine Bewegungen schienen stets sportliche Übungen zu sein. Die weißen Arme des Mädchens wuchsen wie Raupen aus dem roten Kleidchen und erinnerten Arthur an die Arme seiner Frau Martha. Es war ihm bis zu diesem Augenblick nie geglückt, sich seine Frau, mit welcher er drei Jahre verheiratet gewesen war, genau vorzustellen, sie zu sehen, wie man einen Stuhl sieht; man weiß um seine vier Beine, selbst wenn er das vierte verstecken sollte, und man kennt die Beschaffenheit seiner Lehne, auch wenn ein Kleidungsstück darüberhängt. Marthas Augen waren ruhig und ein wenig drückend gewesen wie eine niedere, weiß getünchte Decke, die dunkler ist als der Boden, auf welchem das Lampenlicht liegt. Wenn er sah, dass ein Feuerlein aus ihren Pupillen sprang oder dass sie den Schritt verlangsamte, ohne ihn wissen zu lassen, weshalb, wurde er wütend und ratlos. Er schrieb in sein Notizbuch: «Sie ist träge, rührselig und eitel», um einen Beweis zu besitzen, dass diese ihre Eigenschaften vorhanden waren, um es immer wieder nachlesen zu können, dass er sie für falsch hielt: Ihr Wille, gut und angenehm zu scheinen, dünkte ihn schlechter als ihr Charakter. Manchmal weinte sie, ohne dass er den Grund für ihre Trauer hätte erraten können, und er war davon überzeugt, dass sie die Menschen roh fand, Felsblöcke, zwischen welchen ihr Weinen wie ein Bächlein, bei dessen Anblick man «entzückend» sagt, hindurchglitt. Er verdächtigte sie eines geheimnisvollen Umgangs mit dem Engel des Bildhauers. Er beobachtete das Lächeln, das sie jener Gipsfigur schenkte, und das Nicken und Flügelschlagen, mit welchen der holde Jüngling sie oft begrüßte, war ihm nicht entgangen. Allerdings hatte diese Angelegenheit bei der Scheidung keine Rolle gespielt, da er sich geschämt hätte, seine Eifersucht auf die Statue eines unbedeutenden Künstlers zu verraten.
Einmal erschien ihm der Engel im Traum, schüttelte die Locken und sprach, Arthur habe richtig vermutet, er sei der Engel, der die Zelte der Menschen bewache, worauf Arthur ihn fragte, ob er auch vor seinem Zelt stehe, doch der Engel erwiderte zungenschnalzend, Arthur besäße kein Zelt, sondern nächtige unter freiem Himmel, auf der nackten Erde, weder von einem Strauch, noch von einer Frau liebkost. Er fuhr wörtlich fort: «Du gleichst einem Apfelkern, der auf einer gefrorenen Schneedecke liegt – ein hungriger Vogel wird dich finden.» Da es nach diesen seltsamen Worten genau sechs Uhr früh war und der Wecker schrillte, löste sich der Engel in nichts auf.
Es wurde dunkel. Der Nachmittagshimmel zog sich mit seiner Sonne wie ein Trompeter mit seinem Instrument zurück. Die Stimmen einiger Kinder, die noch immer draußen spielten, liefen wie das Schreien von Affen und Vögeln zusammen. Die Lampen spannten Lichtbänder über die Wege. Eine Katze strich vorbei, und Arthur fiel ein, dass Martha Tiere geliebt hatte. Sie brachte ein fettes Meerschwein in die Ehe, das sie «Onkel Andreas» nannte, und eine tote Grille in einem kleinen, selbstgezimmerten Sarg, die Glück bringen sollte. Arthur aß gerne Hasenbraten oder Geflügel, doch weiter reichte sein Interesse für Tiere nicht; es hatte ihn geekelt, wenn seine Frau Onkel Andreas’ Nase geküsst hatte, und die Stimme besagten Onkels war ihm unangenehm gewesen. Auch den Sarg mit der toten Grille auf dem Nachttisch hatte er nicht geliebt.
Arthur beobachtete Cäcilia, die in ihrer Wohnung ans geöffnete Fenster trat. Er dachte, dass ihr gewiss schwindlig sei, dass sie in einem Nebel lebe, ungeliebt, ihrer selbst überdrüssig, doch jetzt würde sie als Schatten zu ihm durch die Luft schwimmen und unter seiner Liebe aufleuchten. Er zitterte, während er seine Finger wie dünne, schwarze Äste über das Gesims streckte, um Cäcilia aufzufangen. Ihre Brillengläser funkelten, und Arthur beobachtete argwöhnisch das Erröten des Engels, das nicht zu übersehen war. Eine Frau, die himmlische Erscheinungen hatte, ging vorbei. Arthur grüßte sie nie, da sein Verstand sich bei ihrem Anblick wie das Gefieder eines fröstelnden Vogels sträubte, doch nun fühlte er das Bedürfnis, mit ihr zu sprechen, hielt jedoch nach dem ersten Wort inne, als er sah, dass Cäcilia und der Engel durch die Luft schwebten, um eine himmlische Erscheinung vorzutäuschen, doch die Frau ließ sich nicht irreführen, sondern schüttelte den Kopf, verdeckte ihr Gesicht und entfloh. Da Cäcilia wohl zu allerlei gespenstischem Schabernack aufgelegt, jedoch ein an Leib und Seele gesundes Mädchen war, gelüstete es sie nicht, die Nacht schwebend an der Seite eines Gipsengels zu verbringen, weshalb sie den Beschützer der zeltenden Menschen auf den Balkon zurückgeleitete, sich mit einem Kopfnicken von ihm verabschiedete und durchs Fenster in ihre Wohnung kletterte, wo alsbald das Licht erlosch.
Arthur erwog, ob Cäcilia auch zu den Menschen gehöre, die kein Zelt besitzen, doch das eben Geschehene schien ihm das Gegenteil zu bestätigen; ihr vertrauter Umgang mit dem Gipsengel ließ befürchten, dass Arthur umsonst hoffte, sie würde eines Tages seine Liebe erwidern. Es erschien ihm natürlich, dass derjenige, der ein Dach über dem Kopf besitzt, einem armen Vagabunden keine Beachtung schenkt. Glich sie nicht dem Vogel, von dem der Engel prophezeit hatte, er würde Arthur wie einen Apfelkern aufpicken? Traurig wandte er sich vom Fenster ab, schlüpfte im Dunkeln aus seinen Kleidern und ging zu Bett. Der Schlaf schlich herbei und legte sich so sanft neben ihn, wie keine Frau es tut.
Tag im Wind
Das Fenster trägt durchsichtige Unterkleider und warme Übergewänder, der Wind aber ist nackt, der sich gegen das Fenster presst, die Scheiben ganz aufstößt und in die Vorhänge fährt, so dass sie davonflattern wollen. Auch die Wolken bauschen sich: Über die braune Haut des Flusses zittern Kälteschauer, und er zieht sich zusammen wie eine kranke Schlange. Der Tag ist in der Frühe stehengeblieben; es wird nicht hell. In meinem Schlafzimmer brennt Licht. Ich bin aufgestanden, habe ein wollenes Tuch über mich geworfen, sitze still auf meinem Stuhl und stelle mir vor, ich sei ein Riesenschaf. Später ziehe ich mich an und gehe in die Stadt. Ich sehe ein Kind; es überquert eine Straße und hält mit beiden Händen den Schleier seines Haares zurück, den der Wind über sein Gesicht werfen will; mit weichen Lippen lächelt es in den Aufruhr, in die wippende, sich drehende Welt. Und dann sehe ich Johannes; sein Haar wird rundum geschleudert, seine Augen stecken wie zwei nasse Muscheln im sandhellen Gesicht; er winkt mit gespreizten Fingern und tritt vor mir her durch eine Tür in ein Restaurant; wir setzen uns an einen Tisch. «Wie siehst du nur aus?», sagt Johannes, und ich frage erstaunt, ob ich denn aussähe. Wir schweigen, trinken Wein und betrachten uns; er trägt noch immer den Ring mit dem Löwen, der einen Rubin mit den Lippen hält; ich deute darauf: «Daran sieht man, dass es kein richtiger Löwe ist, nur ein Wappenleu; ein richtiger hielte Fleisch oder mindestens einen Knochen zwischen den Zähnen», erkläre ich. Johannes lacht. In seinen Augen glimmt ein Feuerchen; seine Hand, auf die ich die meine lege, ist heiß. Meine kalte Hand wärmt sich an der seinen; ich spüre den Schlag seines Herzens gegen meine Handfläche – oder ist es mein Herz, das aufgetaut ist und nun im Blut schwimmt, spritzt und stampft? In plötzlichem Schwindel falle ich in diesen Blut- und Weinwirbel; an den Haaren reißt Johannes mich heraus und hält mich hoch in die Luft: «Keine Angst!», ruft er.
Das unheimliche Geschehen in jener Nacht
Ich zählte acht Jahre. Die Bäume rührten sich seit einigen Tagen nicht mehr und die Stadt war ohne Farbe. Mutter schrieb an Großmutter, die ein Haus über dem See bewohnte; sie wähnte mich dort gut aufgehoben, während sie zu einer Operation ins Spital musste.
Ich wurde vom Großvater im Auto abgeholt. Er läutete und wartete unten; er war kein Mann, der sich mit überflüssigen Eindrücken oder Gedanken belastete. Er war der Stiefvater meines früh verstorbenen Vaters und liebte Mutter nicht. Ich hatte ihn erst einmal gesehen, erinnerte mich aber nicht an ihn. Mutter schleppte den Koffer die Treppe hinunter und ich folgte. Der Großvater nahm Mutter den Koffer ab und reichte ihr die Hand, ohne sie anzublicken; er verstaute ihn im Gepäckraum des Wagens und sagte dann, ich solle mich neben ihn setzen. Mutter umarmte und küsste mich. Während der Großvater losfuhr, befahl er «wink», und ich drehte mich um und winkte; Mutters Gesicht war eine kleine Maske. Ich schaute auf die Straße; das Auto schien sie in sich hineinzusaugen wie ein Staubsauger.
Bald hatten wir die Stadt verlassen. Der schwarze Himmel blähte sich wie ein Vorhang im Wind, und nun prasselte der Regen aufs trockene Land. Auf den Wiesen bildeten sich schnell gelbbraune Seen, und zu beiden Seiten des Autos spritzte das Wasser meterhoch. Ich wünschte, der immer heftiger fallende Regen möge die Straßenarbeiter in ihren leuchtenden Wettermänteln, die nun langsam rollenden Autos und die Bäume, die sich wie zerzauste Riesenvögel aneinanderschmiegten, mit einem gurgelnden Meer zudecken, dann schlief ich ein.
Als ich die Augen öffnete, sah ich durchs Wagenfenster das Gesicht eines Clowns mit runden Augen und einem elastischen Mund. Der Großvater öffnete die Autotür und sagte, dies sei die Großmutter. Der Clown zog mich an sich; er überragte mich nur um wenige Zentimeter. Der Großvater trug den Koffer ins Haus und die Großmutter schob mich hinter einen weißen Tisch, der in einem bunten Garten stand: Brot, Konfitüre, Käse, Milch, Kaffee und Butter türmten sich vor mir, aber ich konnte nicht essen.
Als ich im Bett lag, brachte die Großmutter Bilderbücher und ich betrachtete die Titelbilder, dann zog ich die Beine an und glaubte, im Auto bergab zu rollen in ein mit Wasser gefülltes Tal; tote Tiere und Männer in grellgelben Regenmänteln trieben auf dem Rücken vorbei und Autos, die die Räder in die Luft streckten. Sie wurden für einen Zirkus am Ende des Tales gebraucht; es war ein Wasserzirkus. Ich verstand nicht, was die Großmutter immer wieder rief, doch ich wusste, dass es der Name des Zirkus war.
Weiße Blumen betupften mit ihren Köpfen die Fensterscheibe; sie hoben sich ab von einer Mauer, vor welcher der Großvater stand und mit einer Gießkanne Wasser schüttete. Der Himmel bestand aus schleimigen Wolken, und Kälte strömte zum halb geöffneten Fenster herein. Ich lag still und betrachtete die sich senkende Türfalle; der Clown schob den Kopf herein und fragte: «Gut geschlafen?» Er half mir beim Ankleiden und Kämmen und führte mich an der Hand ins Esszimmer, wo an einem kleinen, wiederum überladenen Tisch der Großvater frühstückte. Während des Essens wurden die Fenster heller. Die Großmutter gab mir kurze Anweisungen: «Nicht die Ellbogen auf den Tisch – nicht mit offenem Mund – nicht mit vollem Mund …» Nachher musste ich Hände und Gesicht waschen und die Zähne putzen, dann durfte ich in den Garten: «Aber nicht in den Rasen und nicht zwischen den Blumen; nur auf den Weglein.»
So viel Platz hatte ich bisher noch nie, denn ich lebte mit Mutter in einer engen Stadtwohnung. Sie hatte keine Zeit, mich zu beaufsichtigen, da sie arbeitete. Nun setzte ich mich aufs saubere Weglein und blickte auf den See hinunter. Er war wie ein blassblaues Spielfeld mit spitzen, weißen Hütchen besetzt; Mutter und ich machten manchmal am Sonntag das Hütchenspiel. Auch der Himmel und die fernen Hügel waren blassblau. Das Haus der Großeltern war neu und nicht nur innen, sondern auch außen weiß; ich wunderte mich, dass die Blumen, die die Großmutter in vielen Vasen im Haus verteilte, nicht erfroren.
Der Großvater arbeitete den ganzen Tag im Garten. Er schleppte am Morgen, wenn ich die Decke höher zog, schon Wasser; später pflückte er Bohnen oder Beeren, mähte den Rasen, zupfte Unkraut oder schnitt Blumen, und ich half ihm. Er bewegte sich langsam und ging stets mit geneigtem Kopf; die Sonne hatte seinen Rücken und die Kopfhaut rot-braun getönt. Er sprach kaum. Er durfte nicht mit den schmutzigen Turnschuhen über den hellen Spannteppich des Salons schlurfen und musste den Gesundheitszustand der Großmutter immer wieder erwähnen; es wurde erwartet, dass er von Zeit zu Zeit fragte: «Geht’s? Fühlst du dich nicht zu schlecht?» Dann jammerte die Großmutter, ließ sich bemitleiden und durfte sich mit einem Buch hinlegen.
Einmal gab die Großmutter am Abend eine «Party»: Wein- und Schnapsflaschen überragten die Blumen, und Leute saßen um den weißen Tisch unter dem Himmel wie unter einem finsteren Loch. Die Großmutter kreischte: «Einmal in meinem Leben möchte ich betrunken sein!» Der Großvater schien verlegen, während die andern Menschen sich anscheinend wohl fühlten. Ich saß am Boden und betrachtete die Gesichter, die wie fotografische Vergrößerungen im Dunkeln hingen und rot und gelb wurden, und die Füße; jene der Großmutter baumelten über dem Boden, während die andern – die des Großvaters in braunen Manchesterschuhen – unruhig hin- und her tanzten und manchmal gegeneinanderstießen. Ich wunderte mich über die Großmutter, da sie sich jeden Nachmittag mit «unerträglichen Kopfschmerzen» zu Bett legte und Lärm und Bewegungen anderer Leute verabscheute, weil sie immer müde war. Ich durfte niemals schreien oder rennen, nun aber schrie die Großmutter am lautesten und eilte hin und her, um neue Flaschen und Gebäck zu holen. Ihre feuerroten Lippen bildeten einen ovalen Rahmen um die langen Zähne, und sie schüttelte ihr Haar, das Ähnlichkeit mit staubigen Federn hatte. Ich versuchte, den Gesprächen der Leute zu lauschen, doch die Worte schoben sich durcheinander. Der hünenhafte Großvater wurde immer kleiner, während die winzige Großmutter auf den Stuhl stieg und mit sich überschlagender Stimme Witze erzählte; die Körper der andern bogen sich und zuckten krampfhaft, und Gelächter spritzte aus ihren verzerrten Mündern; sie schienen von einer beängstigenden Krankheit befallen. Der Großvater hatte den Einfall, für ihre Gesundung Zucchetti zu holen, doch statt dass sich die Leute beruhigten, brach nun der Tumult erst recht los; einer der Herren, ein dicker mit einer Knollennase, den die andern «Herr Doktor» nannten, verteilte die grünen, zigarrenähnlich geformten Gemüse an die Damen; ich sah erstaunt, dass die ganze Gesellschaft sich vor Lachen nicht mehr halten konnte: Die Großmutter stand nun auf dem Tisch und gestikulierte, während Flaschen und Gläser umfielen, und alle sangen.
Seit jenem Abend betrachtete ich die Erwachsenen – vor allem die Großmutter, die nun doch schon eine Zuflucht für mich bedeutet hatte – mit Grauen. Ich verstand nicht, dass die Großmutter am nächsten Tag so tat, als wäre es in Ordnung, dass sie sich schnell wieder zurückverwandelt hatte, so dass nichts mehr an das unheimliche Geschehen in jener Nacht erinnerte. Ich betrachtete sie manchmal verstohlen, ob nicht eine Naht sichtbar sei; ich stellte mir vor, irgendwo könne sich die Großmutter öffnen und hervor träte das Ungeheuer jener Nacht, um dann wieder in die Großmutter hineinzukriechen, worauf sich die Naht schließe. Ich dachte, dass von den Erwachsenen, außer von Mutter, das Böseste zu erwarten war. Sobald ich wieder zu Hause wäre, würde ich Mutter von der «Party» berichten. Der Großvater hatte einmal gesagt, Mutter sei hübsch, aber leichtfertig. Ich wusste nur, dass Mutter still und traurig war.
An einem Nachmittag erlosch der See und alles verschwamm, als blicke man durch beschlagene Brillengläser. In den Zimmern des Hauses schienen sich große, dunkle Fächer zu öffnen, die mit rätselhaften Bildern bemalt waren.
Plötzlich trat der Großvater ins Zimmer; in der Hand hielt er einen Brief. Er blickte uns nicht an und murmelte; als die Großmutter fragte, was er denn da sage, wiederholte er den Satz und ich verstand, dass Mutter gestorben war. Ich sah, dass die Augen der Großmutter sonderbar flockig wurden; ihr Mund war wie aus dickem, dunklem Leder im weißen Gesicht. Ich begann zu zittern und mein Herz schmerzte. Wie im Traum ging ich ans Fenster. Es regnete; die Blumen sanken zu Boden, die Kamine der Häuser lösten sich auf und rutschten über die Dächer. Ich würde nie mehr nach Hause zurückkehren, Mutter von der «Party» erzählen und spüren, dass sie um meine Angst wusste.
Das Telefon
Ein Vogel sitzt auf dem Kamin des gegenüberliegenden Hauses; der Blick in die Glasveranda ist durch einen roten Vorhang verwehrt und hinter dem Dach ragt von einer Baustelle ein Kran in den Himmel. Ich betrachte das Haus jeden Morgen und freue mich. Sonst habe ich nicht viel Grund, mich zu freuen; wenn ich mich in die Zeitung vertiefen will, lese ich statt «Tito möchte entlastet werden» – «Tito möchte entlaust werden» und statt «Bedachungen» – «Beobachtungen» – ich fürchte, nie mehr wird es mir gelingen, mich zu vertiefen, weder in die Zeitung noch in sonst etwas; ich lebe immer mehr ganz außen, und nichts mehr ist verständlich. Auch weiß ich, dass ich ein «Muffel» bin; in einer deutschen Zeitschrift, die Ingrid abonniert hat (ihre ganze Weisheit schöpft sie daraus und aus Frauenzeitschriften; jede Woche verkündete sie mir mein Horoskop, und einmal wusste sie zu berichten, das dritte Ehejahr sei ein Krisenjahr; wie recht solche Zeitschriften doch immer haben!), wurde ich mit «Sexmuffel» und «Krawattenmuffel» beschimpft, und außerdem bin ich ein Sport- und Nachmittagsmuffel; ich liebe nur den Morgen: die hellen, leichten Morgen, die beinah davonfliegen und viel versprechen.
Ich bin seit drei Wochen von Ingrid geschieden; «Ingrid und lsidor» hießen wir, als wären wir ein Mensch; heute verstehe ich nicht mehr, dass ich neben dieser seelenlosen, feigen Hündin mit dem Schlangenkopf leben konnte. Als ich sie zum ersten Mal mit dem Säugling im Arm sah, als dessen Vater ich galt, erschrak ich zutiefst; war sie dem Kind ausgeliefert oder das Kind ihr? Der Junge schielte und klemmte seine Zunge zwischen die feuchten Lippen; ich wandte mich ab, verließ bald das Spitalzimmer und sprang auf die erstbeste Straßenbahn; als sie anfuhr, trippelte ich schnell zu einem leeren Sitz und ließ mich fallen. (Obwohl ich noch jung bin, bin ich ziemlich dick und erwecke den Eindruck zu trippeln, auch wenn ich mich bemühe, elastisch zu schreiten.) Zuerst war es, als ob meine Gedanken um mich herumzufließen begännen, doch bald umkreiste ich die Gedanken, zog immer größere Kreise, geriet immer weiter weg und konnte nicht mehr zurückfinden.
Kaum war Ingrid mit dem Jungen zu Hause (der nicht mein Kind sein kann; während sie im Spital war, machte man mir Andeutungen, telefonierte mir anonym und im Briefkasten steckte ein Zettel mit einem gehörnten Ungeheuer), zog ich in ein Zimmer, das ich mir reserviert hatte; seither wohne ich hier. Die Möblierung ist karg, ja traurig; das liebe ich. Vor Gericht sagte man mir, ich hätte Ingrid böswillig verlassen und sei nun schuldig geschieden. Obwohl ich mir einrede, das beeindrucke mich gar nicht, stört es mich ein wenig, dass mich Herren, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen, «schuldig» nennen. Sie haben mir sogar eine Strafe aufgebrummt, wie dies einst mein Vater oder die Lehrer taten; ich bin erstaunt; ich dachte, ich sei nun erwachsen und niemand mehr könne mich strafen oder mir etwas vorschreiben. Ich darf ein Jahr lang nicht heiraten; als ob ich den Wunsch geäußert hätte, heiraten zu wollen! Und ich muss Ingrid für den Jungen Geld schicken; ich verstehe nicht weshalb, denn ich liebe dieses Kind nicht.
Ich bin Cellist im Theaterorchester und kann nun üben, ohne dass Ingrid mich wegen des Jungen anschreit; ich kann ausgehen und nach Hause kommen, wann es mir passt, und rauchen, so oft und so viel ich will.
Seit gestern habe ich ein Telefon; ich konnte es kaum erwarten, doch nun weiß ich nicht, wen ich anrufen soll. Die Freunde von «Ingrid und Isidor» stehen auf Ingrids Seite; meine Berufskollegen scheinen sich nicht sonderlich viel aus mir zu machen und ich mir nicht aus ihnen; ins Wirtshaus gehe ich recht selten und Nachbarn kenne ich keine mit Namen. Da sitze ich also neben dem Telefon und starre hinaus; die Häuser sind bleich heute und die Fenster dunkel; der Nachmittag schlägt alles tot, was ich liebe. Aber wenn der Morgen kommt wie ein stolzer, silberner Prinz, schlagen die Häuser ihre Augen auf, und ich halte den Atem an und lächle, dann grüße ich demütig, denn nicht ich bin es, der sie ins Leben zurückrief. Manchmal erscheint jemand an einem der Fenster und glotzt wie ein Fisch, dann gehe ich schnell zum Tisch, decke ihn geschäftig, wärme Milch oder Suppe und warte vor Freude zitternd, ohne zu wissen, auf was oder wen.
Jetzt wird es Abend; bald wird die Nacht die Häuser begraben, auch meines; ich werde mich aufs Bett legen und nicht einschlafen können unter dem schweren Hügel. Ich muss nicht arbeiten heute und mag nichts tun. Ob ich Ingrid anrufen soll? Ich werde meinen Namen nicht nennen und auf ihren Atem lauschen; vielleicht erkennt sie den meinen? Vielleicht sieht sie wie in einem Traum die Stille um mich und die Angst; vielleicht flüstert sie meinen Namen oder schreit ihn in plötzlicher Wut?
Ich hebe den Hörer ab und stelle die Nummer ein; mein Knie schlägt gegen den Tisch; ich bebe am ganzen Körper. Ingrid sagt zweimal «Hallo» in mein Ohr. Ob sie nicht hört, wie mein Herz davonrennt? Im Hintergrund fragt eine Männerstimme ungeduldig, wer ich sei, da hänge ich wieder auf und lasse meine Hand auf den Tisch fallen und dann den Kopf; die Brille klemmt mein Nasenbein. So sitze ich lange in der Finsternis, ganz tief in mir drinnen; niemand könnte mich sehen, auch Ingrid nicht, wenn sie hereinträte. Ich habe mich zugeschlossen und bleibe bei mir; endlich bin ich in der Tiefe angelangt. Ich werde nicht mehr auf die hellen, leichten Morgen hoffen und ihnen nicht mehr glauben.
Enttäuschung
Ich weiß nicht, ob es leidenschaftliche oder zu wenig leidenschaftliche Naturen sind, die nie eine Sonnenbrille, beim Nähen keinen Fingerhut und zum Geschirrwaschen keine Gummihandschuhe tragen; was andere Menschen nötig finden, um Augen, Fingerspitzen oder Hände zu schonen, war Agnes ärgerlich, muss sie als eine lästige Wand zwischen der Wirklichkeit, zwischen dem Leben und ihrem Ich, dem Erfühlen dieses Lebens empfunden haben. Sie war meine Patin; ich war nach ihr getauft worden und verbrachte, nachdem man mich von meiner liederlichen Mutter weggenommen hatte, deren uneheliches Kind ich war, ein halbes Jahr bei ihr; nachdem sie aber schwer erkrankt war, wurde ich in ein erstes, zweites und drittes Heim gesteckt. In jedem fühlte ich mich wie eines von fünfzig oder hundert Schaumkrönchen, die von den Leiterinnen umher- oder weggeblasen werden konnten. Dass es Wellen gab und Tiefe, ahnte ich, und dass es Schiffe gab, die stampfend und Aufruhr bringend über einen hinwegfahren konnten, wusste ich, seit mein Onkel Raymond nach Tante Agnes’ Tod mich aus dem Heim holte; ich war nun dreizehn Jahre alt. Riesengroß stand er vor mir, überragte er mich bei Tisch, wo er laut vorbetete, warf er Schatten, als ob er Läden hinter sich geschlossen hätte, um das Sonnenlicht für immer von mir fernzuhalten. Hinter den Läden klopften die vielen Bäume wie Stiefel ums Haus. Ich hatte keine Freundinnen, auch keine Puppe; ganz allein war ich von Heim zu Heim gewandert, unansehnlich wie ein Gepäckstück in meinen fremden, abgetragenen Kleidern, und dass Onkel Raymond – der Mann meiner verstorbenen Tante Agnes, dieser wortkargen, kränklichen Frau, die aber mit den Augen gewärmt und deren Stimme wie ein Feuerchen geknistert hatte – mich zu sich sperrte, wurde mir von der Leiterin des letzten Heims als Glücksfall geschildert. Ich galt als bockiges, unzugängliches, verträumtes und faules Kind. Es war das erste Mal, dass sie zu mir allein redete, dass ich mich nicht als ein Teilchen einer Kindergruppe fühlte, nicht als eine in der Fabrik verfertigte Puppe, die ebenso langweilig wie alle andern aussah, die wartete und wie im Traum Befehle hörte, die allen galten: Hände waschen, Zähne putzen, Schulaufgaben lösen, beten, zu Bett gehen. Nein, nun war ich ein Einzelstück, sozusagen eine selbstverfertigte Puppe aus einer Boutique; ich erinnere mich, dass ich mir mit einem Brennen im Herzen wünschte, die Leiterin möge beachten, dass das eine meiner Augen heller war als das andere und dass meine Mundwinkel, obwohl ich ein langgezogenes, trauriges Gesicht hatte, sich leicht nach oben bogen. Ich stellte mir auch vor, sie würde mir etwas erzählen oder erklären, was ich schon lange gerne gewusst hätte: Weshalb es Wellen gab und wie es in der grauen Tiefe aussah, von der man glauben konnte, sie sei gestorben, so still schien sie, und ob ich mich als Teil dieser Tiefe betrachten durfte oder ob ich nur aus Schaum mit ein bisschen spitzem Licht bestand; ja, das Licht war spitz und tat weh, aber die Dunkelheit, in der Onkel Raymond mich verstecken wollte, erhoffte ich mir rund und weich.
Mein Onkel hatte wieder geheiratet; die Frau glich Tante Agnes überhaupt nicht; ich sah sofort, dass sie an hellblauen Tagen eine Sonnenbrille aufsetzte, ihre Hände während der Hausarbeit mit Gummihandschuhen schonte und zum Nähen einen Fingerhut trug – wie es sich gehört!, betonte sie. Ich weiß nicht, weshalb mich das erschreckte; ich wurde immer mutloser, wagte nichts zu fragen, gab das Warten auf: Die Wellen und die Tiefe waren weiter entfernt als je, auch Schaum und Licht gab es nicht mehr, und das mächtige Schiff, als das mir Onkel Raymond erschienen war, wurde kleiner und kleiner, bis der Horizont es einsog. Es wohnte dort hinten in der Dunkelheit in einem winzigen Loch, und die neue Tante – Monika hieß sie – lebte zwar im Vordergrund, doch irgendwo in der Luft: Vielleicht auf einer Wolke hatte sie ihre Polstermöbel aufgestellt, ihre polierten Tischchen und Kommödchen, ihre staubfreien, echten Teppiche, den Nagellack und den Lippenstift und die Teetassen und die blonde und die schwarze Perücke.
Wer war ich? Meinen Vater kannte ich nicht, an meine Mutter erinnerte ich mich kaum (einmal hatte sie mich mit einer Kelle geschlagen, und als die Kelle ihr aus der Hand und hinter den Herd gefallen war, nahm sie eine zweite, um mich weiterzuprügeln, bis ich blutete …) und Tante Agnes wurde in meinen Wachträumen eine Art vornehmes Skelett, das mit Vorliebe französische Brocken ins Gespräch eingestreut hatte; ich wusste nur noch: «Oh lala» und flüsterte das manchmal heimlich, um mich mit irgendjemandem verbunden zu fühlen. Sie hatte einen stimmlosen Hund besessen, den Onkel Raymond töten ließ, und war immer sehr aufrecht geschritten und steif in hochlehnigen Stühlen gesessen. Ich weiß nicht, was sie in ihrer Kindheit alles hatte schlucken müssen, dass sie so steif geworden war. Ich stellte mir vor, dass sie niemanden geliebt hatte; auch mich nicht – seltsamerweise tat mir das, obwohl es mich quälte, wohl.
Ich besuchte die Schule im Dorf und saß neben einem Mädchen, das wie meine Banknachbarin im letzten Heim Grete hieß, nur dass es rotes Haar hatte, während jenes braun gewesen war. Während der Schulstunden träumte ich davon, wie ich einen Vorstoß unternehmen würde; was ich mir unter «Vorstoß» vorstellte, hätte ich nicht mit Worten erklären können. Ich wollte aus meiner Starre aufgeschreckt werden, mich fortbewegen, zu jenem Loch im Horizont schwimmen oder fliegen, wohin das große Schiff verschwunden war, wo es so tat, als ob es ein harmloser Wasserkäfer wäre; lächerlich schwach oder gar nicht vorhanden. Oder ich wollte in die Tiefe tauchen, immer tiefer und tiefer; vielleicht erwartete mich dort ein anderes Schiff, das zwischen silbernen Fischleibern äugte und dröhnend lachte, wenn es mich sah; natürlich hätte ich mich verwandelt, wäre ein wunderschönes Mädchen, ein Fräulein aus dem Film, eine Sängerin mit einer Stimme wie ein Wind so klar und fürchterlich geworden.
Onkel Raymond sahen wir nur übers Wochenende und auch dann nicht immer. Er war in einem kleinen Museum als Konservator tätig und ich nahm an, er müsse sehr gescheit sein, ein Genie vielleicht; sogar seine Zähne dünkten mich melancholisch, weil sie breit und gelb und schwer waren. Ich liebte es, wenn er Lederhandschuhe trug; ich hätte gerne hineingebissen bis ins Fleisch und dann seinen Schrei gehört; einen wilden, bösen Vogelruf. Ich wollte und konnte nicht annehmen, dass alles wie tot war: Ich sehnte mich nach Aufruhr, Blitz, Getöse, Leben und Mord. Ich wollte die Ferne in die Nähe zwingen, sie befühlen, drücken, an mich reißen, mich in ihr wälzen – ob Tante Agnes das getan hatte? Und Tante Monika? Ich wusste, dass Tante Monika sich oft in der Stadt mit einem faden, dünnhalsigen Friseur traf, dessen Namen ich vergessen habe; sie telefonierte ihm fast täglich und fuhr jeden Montagnachmittag mit ihrem kleinen, dummen Rosawagen in die Stadt, wo ich sie einmal mit ihm Arm in Arm entdeckte. Sie betrachteten einen Hutladen. Ich hasste sie – aber nicht nur; widerwillig stellte ich fest, wie es mich freute, dass sie Onkel Raymond betrog.
An einem Samstagnachmittag, der unter einem schlaffen Himmel umsonst auf Regen wartete, traf es sich, dass ich mit Onkel Raymond allein zu Hause saß. Seine Frau war an einer Klassenzusammenkunft, wie sie mit einer Einladungskarte beweisen konnte – was mich aber nicht hinderte, ihr zu misstrauen. (Am Tage vorher war ich unfreiwilliger Zeuge einer peinlichen Szene geworden; ich hörte, wie Tante Monika außer sich schrie: «Du bist kein Mann, ich hab’s endlich satt; ich werde schon anderswo auf meine Rechnung kommen, du blöder Kirchgänger, du!», und heulend und türenschlagend im Schlafzimmer verschwand.) Onkel Raymond hielt sich in seinem Studierzimmer auf und ich sollte Schularbeiten machen, trödelte jedoch herum, trank Zitronenwasser, aß Biskuits und blätterte in alten Fotoalben, in welchen ich nur fremde Menschen sah, die mir wie Sektenmitglieder vorkamen, die Farbe als Sünde betrachten; alle trugen sie graue und schwarze Schatten als Kleider und Kopfbedeckungen, als Augen, Nasen und Wangen, und alle waren sie umsorgt von ernsten Hauswänden, lichtlosen Himmeln und trübseligen Baumgruppen. Niederschmetternd war aber für mich die Feststellung, dass Onkel Raymond – dieses in meiner Vorstellung furchterregende Kriegsschiff, das sich durch feindliche Gewässer geschoben und Schreckliches im Schild geführt hatte, sich nun aber vor mir versteckt hielt in der Erwartung, dass ich aufbrechen würde, um es zu suchen – als mageres, bleichsüchtiges Studentlein erschrocken neben einer glotzenden Riesenkuh stand; richtig, ich entsann mich, dass Tante Agnes einmal angetönt hatte, dass er aus kleinbäuerlichen Verhältnissen stammte und einen Bruder hatte, der irgendwo Pächter war. Ich hatte mich also getäuscht: Auch er hatte nie gelebt; es war sinnlos, ihn am Horizont zu suchen, war er doch gewiss immer noch das kümmerliche Studentlein, das, falls ich in seinen Lederhandschuh beißen würde, nur ein hohes, furchtsames «Au» hervorstieße, obwohl es mit den Jahren massig geworden war.
Ich geriet in Wut und fühlte mich betrogen, wurde es mir doch jetzt noch deutlicher als vorher bewusst, dass es die Wellen gab, auf welchen ich schaukelte, und die Winde, die mich hierhin und dorthin bliesen, und die wie erloschene, aber gewiss heiß leuchtende Tiefe, und das Versteck am Horizont, klein wie ein Nadelöhr …
Schnurstracks lief ich in Onkel Raymonds Studierzimmer, ohne anzuklopfen, ohne vorher einen Blick in den Spiegel geworfen zu haben. (Auch so war mir bewusst, dass ich meine Bluse nur nachlässig zugeknöpft hatte; ich hatte mir angewöhnt, in Onkel Raymonds Haus in einer Weise herumzugehen, von der ich annahm, sie sei «sexy»; Vorbild war mir Tante Monika. Oft tat ich so, als wäre ich erschrocken, wenn ich frühmorgens im kurzen Nachthemd über den Korridor lief und er mir begegnete; sein verwirrter Blick bereitete mir Vergnügen, denn obwohl ich davon überzeugt war, hässlich zu sein, wusste ich nun, dass mir endlich kleine Flügel wuchsen; sie sollten mich dorthin tragen, wo die gefährlichen Schiffe lauerten, auf ihren Kapitän oder Feind warteten …) Mitten in sein dunkles, dickes Gesicht erzählte ich ihm nun, dass Tante Monika ihn seit Monaten mit einem Friseur betrüge. Er starrte mich an; seine Augen waren wie erfrorene Blumen, seine Lippen grau. Er wies zur Tür, indem er den Ellbogen nur ganz wenig hob und sagte: «Agnes, du hast mich enttäuscht – wenn du wüsstest, wie du mich enttäuscht hast.»
Ich durfte nicht mehr in jenem Haus bleiben; einige Tage später packte ich meinen Koffer, um auch mein vierzehntes Jahr in einem Heim zu verbringen. Ich galt nun nicht mehr als nur verstockt, sondern auch als lügenhaft und verdorben. Ob Tante Monika ihren Friseur weiterhin besucht, weiß ich nicht. Von Onkel Raymond träume ich seit langer Zeit immer dasselbe: Er öffnet eine Tür und heißt mich eintreten; er ist zwergenhaft, stützt sich auf zwei Krücken, trägt Pantoffeln an den Füßen und blickt mich süß an, doch das Zimmer, in dem er steht, ist mit dornigen Gewächsen gefüllt, die kreuz und quer durch den Raum ragen; an einigen sehe ich Blut. Ich habe einen schweren Sack in der Hand und friere; trotzdem kann ich mich nicht entschließen einzutreten, sondern stehe lange Zeit, vor Erwartung und Grauen wie angenagelt, auf der Schwelle – so lange, bis Onkel Raymonds Gesicht sich vor Zorn rötet und entstellt und er mir mit hasserfüllter Gebärde und wie von Ekel gepackt die Türe weist. Dann drehe ich mich um und steige die Stufen hinunter. Wenn ich dann glaube, erwacht zu sein, sind meine Wangen von Tränen nass und ich bin der Meinung, auf den Tod krank zu sein, und entsinne mich, dass ich meine Bettnachbarin gebeten habe, den Arzt zu holen – der Arzt aber ist Onkel Raymond. Nun steht das Mädchen vor mir, keuchend noch vom Laufen, und erklärt: «Der Arzt will nicht kommen; er sagt, er sei von dir enttäuscht.» Mit einem Stöhnen der Verzweiflung erwache ich, höre das Atmen und leise Schnarchen wie von tausend Tierchen, die in kleinen Schachteln verpackt sind, und manchmal den Wind, der das Haus mit vielen Regenvorhängen umwickelt.
Der Berg
Als der Journalist mit dem Pseudonym «Mimi» in die kleine Stadt zog, regnete es. Es regnete wochenlang; die kleine Stadt stand ohne Kulissen, nur mit Regenvorhängen drapiert, im Halbdunkel. Der Journalist, der eine spitze Feder führte und bald in der einzigen Tageszeitung regelmäßig eine Klatschspalte veröffentlichte, wurde rasch zum heimlichen Oberhaupt der kleinen Stadt. Es war nicht auszuschließen, dass er bald Redaktor sein würde. Er nahm zu an Gewicht, und namentlich die älteren und alten Damen betrachteten mit Wohlgefallen sein weiches, lockiges Haar. «Sie leben so sehr in der Realität!», jubelte einmal ein Fräulein, als Mimi sein Stammlokal betrat. Manche Herren zitterten heimlich vor Mimi.
Das Wetter besserte sich, und jetzt, da Sonnenlicht auf die Stadt fiel, sah Mimi, dass im Hintergrund ein hochmütiger Berg stand, der seinen Scheitel manchmal hinter einem dünnen Schleier verbarg. Er spielte nicht mit den weißen Wolken, die um ihn herumtanzten, und die andern Berge buckelten vor ihm und schauten niemanden an als ihn. Mimi, der von seinen Lesern gemästet schien, begann an seelischen Verstimmungen zu leiden. Er unternahm lange Autofahrten oder ging auf dem äußersten Rand des Gehsteigs wie auf einem Seil. Immer deutlicher wurde in ihm die Vorstellung, er müsse sich einigen Bergsteigern nähern und sie fragen, ob er mit ihnen zusammen den Berg bezwingen dürfe. Er hätte beim Berg ein- und ausgehen mögen, doch auch wenn er mit der Zahnradbahn in seine Nähe gelangte, wurde seine sonderbare Unruhe nicht gestillt. Er kaufte sich Bergschuhe, dann eine ganze Bergsteigerausrüstung. Die Bergsteiger lachten ein wenig über ihn, doch nahmen sie ihn mit und anerboten sich, ihm zu helfen, bis zum Scheitel des Berges hochzuklettern; von dort würde er auf die kleine Stadt hinunterblicken können.
Niemand weiß genau, weshalb Mimi dann eigentlich abstürzte; vielleicht konnte der Berg ihn nicht leiden. Manche Herren atmeten auf, die älteren und alten Damen aber weinten an der Beerdigung heftig, und das Fräulein, das gefunden hatte, Mimi lebe «so sehr» in der Realität, warf eine Alpenrose und ein Edelweiß in die Grube.
Anna und ich
Sommer
Was soll der Vater mit seiner Selbstfindung machen, zu der ihm der Psychiater in jahrelangen Therapiesitzungen nach dem allzu frühen Tod seiner Frau verholfen hat? Soll er sein entkleidetes Bildnis einrahmen und an die Wand hängen? Soll er es unterentwickelten Völkern schenken? Der junge Psychiater, der hinter einem netten Gesicht ruht, das, so findet der Vater, dem Buchstaben E gleicht, hat den Vater nicht vom Zwang erlöst, sich einmal umbringen zu müssen. Der Vater fürchtet sich davor, als unerlöste Seele dann mitten auf einem Platz zu stehen, als helles Licht, Sommer für Sommer, eine Ewigkeit lang. Alle Häuser wären weit zurückgetreten, winzig klein und knallgelb, und der Lärm und die Autoabgase würden die unsichtbaren Ohren und die große, unsichtbare Nase des Vaters füllen. Der Psychiater, älter und noch perfekter geworden, würde seinen ehemaligen Patienten nicht grüßen, da er ihn nicht erkennen könnte.
Aus diesem Grauen heraus küsst der Vater Rebekka, eilt nach der ungeliebten Arbeit als Versicherungsagent jeden Abend durch farblose Unterführungen (oben fahren Autos und Straßenbahnen), um seine einzige Tochter zu erreichen und in die Arme zu schließen; da er als ehemaliger Pfadfinder wichtige Wege nie verfehlt, kommt er stets sehr schnell zum Ziel, auch wenn er sich in fremden Außenquartieren befindet.
Rebekka hat ihr Nachthemd über den halboffenen Balkonflügel ihres Zimmers gehängt und tanzt mit gotischen Füßen auf dem roten Teppich. («Sie hat gotische Füße», stellte vor einiger Zeit die Nachbarsfrau schrill fest, die Vaters Haushalt führt und nebenbei Rebekka zu erziehen versucht. Sie erinnert sich noch an den Tag, als der Vater Rebekkas Mutter geheiratet hatte; er rannte an der Seite seines Schwiegervaters an einem Maisfeld entlang und redete atemlos über Mais, während die schwangere, sehr junge Frau weit hinten lächelnd ging und ein weißes Täschchen in der Hand trug. Ihr Ehering glänzte. Sie starb nach Rebekkas Geburt und hörte im Sarg nicht auf zu lächeln.)
In einer Ecke des kleinen, viereckigen Rasenstücks hinter dem Haus stöhnt eine gefangene Taube; sie hockt neben ihrem lahmen Flügel in einem runden Drahtverhau unter einem Busch mit unordentlichen Blüten. Der Busch wagt sich vor dem Himmel auszustrecken wie vor einer steilen, hohen Wand. Rebekka wartet, ob die Taube nicht endlich schreie. Einmal sah Rebekka eine Taube, die von einem Auto überfahren wurde; sie zerplatzte mit einem lauten Knall. Rebekka glaubt, Tante Clara zu sein, die ein Bild gemalt hat, oder sie denkt an die Großmutter, deren Augen hinter den Brillengläsern wie riesenblaue Blumen glänzen und die sich die dürren Lippen schminkt; sie sieht aus, als hätte sie Blut geschlürft. Rebekka übermalt Tante Claras Bild mit dicker Acrylfarbe. Einmal erblickt Rebekka auf der Hecke, über die der Junge, den sie liebt und mit dem sie nicht sprechen darf, Steine auf den Rasen wirft, einen Falter, der aussieht, als ob er in einem tiefen Keller gewachsen wäre. Rebekka glaubt, Bienen sängen in ihrem langen Haar, das sie kurz schneiden will, um dem Vater weh zu tun, und das die Farbe blasser Rüben hat, die nicht saftig sind. Sie liegt in den Nächten auf ihrem Bett an die kalte Wand gepresst, aber die linke Seite ihres Körpers glüht. Heute träumt sie von Häusern mit unterschiedlich gefärbten Dächern, kleinen Balkonen, neun Kaminen und drei Fernsehantennen; auf einem der Balkone sitzt ein gefangener Alkoholiker und komponiert, ohne einen Ton von sich zu geben, und seine Frau füttert ihn mit Erdnüsschen. Rebekka will ihm winken, um ihn zu trösten, da spürt sie plötzlich die Lippen des Vaters auf den ihren: Sie sind warm und trocken wie ein junger Vogel, der noch immer, schon lange, in seinem Nest sitzt.
Heilig
Es ist kalt und neblig. Kleine Dachfenster mit rostigen Fensterrahmen und magere Kamine beleben die Kulisse, die Veronika vom Gartenrestaurant aus betrachtet. Aus einem runden Betonbecken wächst Efeu, das ein fremder, roter Hund beschnuppert; er träumt davon, eine Herrin, die kleine Heilig mit den zu großen Augen, durch die Stadt zu ziehen. Außer Veronika und Heilig sitzt kein Gast unter den Bäumen. Das Restaurant befindet sich in einem Stadtteil, den Veronikas Mann nie aufsucht; als er dies erwähnte (ohne zu wissen, dass sie sich tagtäglich dort aufhält), klopfte ihr Herz glücklich und aufgeregt, was sie nicht verstand.
Jeden Tag wäscht Veronikas Mann sein erdnussfarbenes, schütteres Haar und pudert sein Gesicht. Er sammelt getrocknete Patisserien, farbige Pillen und Kapseln in Gläsern, die Veronika abstaubt und hasst. Eine Tochter hat sie sich selber geschenkt; sie nahm das Kind in Pflege, dessen Name man ihr am Telefon mitteilte. «Heilig?», hatte Veronika verblüfft gefragt, «ist denn das ein Name?» – «Nein, Heil-wig», hatte man ihr lachend geantwortet. Während ihr Mann mit dem Staubsauger von Wohnung zu Wohnung zog, Teppiche reinigte, den entsetzten Hausfrauen ein Mittel gegen Teppichflöhe, die er in ihren gepflegten Räumen angeblich entdeckt hatte, anpries und den Staubsauger dazu, erwartete Veronika ihre Pflegetochter, die von der Schule kam, jeden Abend in diesem Gartenrestaurant. Sie tut dies heute zum letzten Mal; sie muss Heilig (wie sie das Kind nach jenem Missverständnis nennt) zurückbringen in eine dunkle Welt, wo Heilig von niemandem erwartet wird. Veronikas Mann erträgt Heilig nicht.
Die Statue im Hintergrund des Gartens ist unter einer goldenen Farbschicht erstickt; ihre toten Augen glänzen. Die Blätter am Boden ähneln den Händen von Greisen, und der Baumstamm, an dem Heilig lehnt, gleicht einem von harter Arbeit gestrafften Männerkörper. Eine hässliche Zahnprothese, die Heilig auf dem Jahrmarkt gekauft hat, entstellt ihr spitzes Gesicht. «Es soll ein Witz sein», sagt sie und lächelt.
Veronika schlägt ihren Mantelkragen hoch und nippt am vierten Kaffee, den sie am Selbstbedienungsbuffet geholt hat. Früher bewegten sich Kellner wie große, vom Wind gefaltete Servietten zwischen den Bäumen; man gab Zeichen, die sie offenbar verstanden, denn sie trugen Flaschen und Gläser herbei. In Spanien klatscht der Gast in die Hände, was als Befehl gedacht ist, doch nie schlägt jemand auf eine Trommel, um sich den Kellnern mitzuteilen; Veronika möchte trommelnd durch die vom Nebel verdunkelten Straßen der Stadt ziehen und ausrufen: «Mein Mann hasst Heilig; er schickt sie fort; er nimmt sie mir weg!»
Der fremde, rote Hund balanciert seine Nase wie einen frischen Pilz, den er Heilig anbietet; sie kauert sich nieder und krault mit der behandschuhten Rechten seinen vom Nebel feuchten Nacken; ihre Draculazähne wackeln. Eifersucht schüttelt Veronikas Herz, macht es vor Angst schwach und schlaff; zitternd streichelt sie Heiligs Schulmappe, die vor ihr auf dem Tisch liegt.
Die Zeichnung
Der Regisseur sensibler Filme bewohnt eine geräumige Wohnung im obersten Stock. Wer zu einem der großen Fenster hinausblickt, glaubt, die Stadt sei eingesunken; die Häuser sind niedrig, und jenseits der Dächer, auf denen der Nebel hockt und die nassen Pfoten leckt, macht sich der Fluss davon. Manchmal tritt ein Turm aus seinem Versteck hervor. Kein Mensch bewegt sich hinter den dunklen Fenstern der Häuser, kein Vogel fliegt vorbei.
Das Mädchen kniet am Boden und skizziert den Erker mit dem leeren Vogelkäfig, den beinah verdorrten Feigenbaum und den chinesischen Wandschirm; der Regisseur, der auf dem breiten Bett liegt, erscheint nicht auf dem Blatt. Auf dem Bettrand vor der leeren Wand sitzt der Freund des Regisseurs, ein junger Drehbuchautor; er raucht und beobachtet das Mädchen. Plötzlich erhebt sich der Regisseur und tritt neben die Zeichnende, die ein wenig in sich zusammensinkt. «Sie ist ganz gefühllos», sagt der Regisseur zum Freund, indem er den Mund, der von einer Hornhaut eingefasst scheint, nur wenig öffnet, so als fürchte er, ein unbedachtes Wort könne entweichen. «Ich hab sie endlich gefunden; sie passt genau. Schau ihre Zähne und den Halsansatz an.» – «Auch die Augen», bemerkt der Freund. Das Mädchen denkt, seine Stimme sei im dünnen, weißen Rohr gefangen, das zum Lichtschalter führt. Der Regisseur, der die nackte Wade der Knienden mit seiner Schuhsohle leicht betupft, fährt fort: «Sie ist weder aufmerksam noch hat sie Phantasie; sie wird nie in unsere Welt vordringen. Sie kann unsere Melodie nicht wahrnehmen und unsern Rhythmus nicht spüren. Um mich zu ärgern, zeigt sie sich beleidigt, wenn ich ihr nicht die Namen aller Dinge ins Ohr hinein vorsage. Sie ist ahnungslos, kennt weder Erinnerungen noch Hoffnungen. Ich habe ihr verboten, mir je wieder eine Frage zu stellen, denn ihre Fragen sind …» Während er sich zur Tür begibt, wiederholt er: «Ihre Fragen sind … Schläge, mit denen sie mich töten will.» Der Freund zögert, deutet auf das barfüßige Mädchen im kurzen, gelben Kleid, schüttelt ein wenig fassungslos den Kopf und folgt dem immer noch Sprechenden zur Tür hinaus; sie wird abgeschlossen. Lautlos schwingt sich der Nebel aufs Sims.
Ein schwächer werdender, unsicherer Strich zeigt an, dass die Hand des Mädchens, die den Bleistift führte, leblos über das Papier zur Seite gerutscht und, sich langsam umdrehend, auf dem Steinboden gleich einer halboffenen Blüte liegen geblieben ist; der Kopf neigt sich tiefer, und die Haare bewegen sich wie helles, vom Wind gewelltes Gras. «Wenn er mich jetzt sähe», denkt das Mädchen nach einer Weile. Es richtet sich etwas auf, nimmt den Bleistift und zeichnet den Regisseur; er sitzt im Vogelkäfig, und von beiden Achseln hängen die Arme wie gebrochene Flügel herunter. Eulenhaft starrt er durch die Gitterstäbe, denn das Mädchen stellt ihn ohne die dunkle Brille dar, die am Tag und in den Nächten seinen Blick zusperrt.
Der Abstecher
Stämpfli Max, der von der Insel, auf der er zwanzig Jahre lebte, zurückgekehrt war, erzählte von den Alten Zeiten. Er sprach vom Greis, der mit Bleistiften, deren Spitze abgebrochen war, unermüdlich Geisterschrift geschrieben hatte, Briefe oder Gedichte, die niemand, selbst der Alte nicht, hatte lesen können. Als Kinder hatten sie ihn verspottet. «Er wollte nach dem Tod seiner Frau», sagte Stämpfli Max, «die Augen nicht mehr anstrengen; sie waren auf die weiße Leere gerichtet, die er überschreiben, die er mit Worten zudecken wollte, aber er vermochte es nicht.»
Stämpfli Max und die Frau seines toten Schulfreundes saßen am hohen Bogenfenster. Die Tanne im Garten, die der Sturm gebrochen hatte, war gestern weggeräumt worden; nur ihr Stumpf ragte noch aus der zerwühlten Erde. Überraschend war der Blick über die Ebene frei geworden. Blumen lagen zerfetzt und Sträucher stützten sich gegenseitig. Die Autos, die sich auf der fernen Straße im Gänsemarsch fortbewegten, schienen auf der Suche nach einer saftigen Weide; die alte musste verdorrt oder abgegrast sein. Der Abend schleppte müde seinen mattgoldenen Mantel über die Wolkenklippen und sprang in das Rauschen der Nacht. Stämpfli Max trank einen Schluck Wein und leckte sich den ergrauten Schnurrbart, den er wie sein lockiges Haupthaar wild wuchern ließ. Er war ein kurzer, breiter Mensch, ein Bildhauer mit mäßigem Talent und wenig Erfolg. «Auch ich bin seit dem Tod meiner Frau wunderlich geworden», sagte er mit einer gewissen Behäbigkeit. Er wusste, dass er gut und sicher formulierte, aber er saß während des Sprechens unbewegt da – auch seine Stimme hob und senkte sich nicht, und seine Augen erloschen. «Wünsche oder Befürchtungen verstecken sich zum Beispiel blitzschnell in Gegenständen und beseelen sie. Sie offenbaren sich mir in verlogenen Gebärden; sie zeigen sich maskiert; ihre Maskierungen wollen erkannt sein. Es kommt vor, dass die Türfalle der Eingangstür meines zerfallenden Hauses abbricht und in meiner Hand zurückbleibt, wenn ich am Abend überprüfen will, ob die Tür auch wirklich verschlossen ist. So überfällt mich flüchtig und schreckhaft der Eindruck, ich könne die Tür nie mehr öffnen; meine Angst vor der Einsamkeit zeigt sich mir in einem kurzen Augenblick und verflüchtigt sich sogleich wieder, denn natürlich merke ich, dass die Falle sich noch immer an der Tür befindet. Oder ich sehe – ebenfalls in Sekundenschnelle –, dass die Wand eines Zimmers sich neigt und auf mich zu stürzen droht; die versteckte Angst, auf jener Insel unter den Trümmern meiner Hoffnungen für immer begraben zu werden, tritt auf diese Weise in mein Bewusstsein.»
Die Frau lauschte schweigend; Schatten versenkten ihr Gesicht. Plötzlich hörte er ihre Stimme wie das Flüstern von Blüten im Wind: «Mein Haus ist meine Insel. In der Todesanzeige, die von Karls Arbeitgeber in der Zeitung veröffentlicht worden war, las ich: ‹Während über zwanzig Jahren hat Herr Wagner seine ganze Kraft und sein Können in den Dienst unserer Bank gestellt.› Nun erst begann ich zu weinen. Der Hass auf ihn und auf alle steigt manchmal in mir hoch wie Brechreiz, bleibt beim Herzen stehen und versetzt ihm Stöße.» Nach einer Weile setzte sie hinzu: «Siehst du den Mond? Er ist wie ein Katzenauge; einmal eng, einmal weit. Er belauert uns.» Sie saß ein wenig zur rechten Seite geneigt; den Arm hatte sie auf der Lehne des Sessels aufgestützt. Während der Gesprächspausen klemmte sie ihre Lippen zwischen Zeige- und Mittelfinger der mit der Innenfläche nach außen gedrehten Hand. Stämpfli Max erinnerte sich, dass sie vor ihrer Heirat Tänzerin gewesen war und als junges Mädchen den Ehrgeiz gehabt hatte, zu verhungern; dies war ihr als höchste Seligkeit erschienen. Sie war damals ein schönes Mädchen mit einer großen Nase, die sie aber später durch eine Operation verkleinern ließ, da Karl über die Nase gerne Witze machte. Nun hatte sie sich eingeschlossen in den Mauern der Nacht; keine Ritze, keine Luke ließ Licht hereinschimmern. Er erkannte sie nicht mehr. Er fühlte, dass sie dabei war, die Erinnerungen an einem geheimen Ort ihres Herzens zu verscharren. Die Bilder der Vergangenheit hatten ihm aus jener Welt geleuchtet, die klein ist wie das Nadelöhr und groß wie das Tor zum Paradies; diese Bilder hatten sein Herz erwärmt und erhellt und seinen Gedanken, die für einige Augenblicke leicht, ja, schwebend schienen, Süße verliehen. Nun herrschte Finsternis, und Kälte drang ins Zimmer.
Verwirrt wie einer, der Zeuge war, als eine Blume in wenigen Sekunden ein Wasserglas leertrank, erhob er sich und verließ die Frau, um das Schiff zu erreichen und auf seine Insel zurückzukehren. Dort sagte er zu seinem Papagei: «Ich habe einen Abstecher gemacht.»
Kavalier
Der magere Jochen möchte Isländer sein; er stellt sich vor, dass er dann das Recht hätte, zu schweigen und zu fischen.
Gedanken wie Blattgerippe: Veronika hält sie dem mageren Jochen vor; am Stiel. Sie dreht sie, wirbelt sie. Er weiß, dass sie als Kind viel gelitten hat. Man hat sie im Suppentopf gekocht, man hat sie geschält, man hat sie am Baum vor dem Haus aufgehängt; ein Rabe hat sie aufgefressen, wieder ausgespuckt. Noch immer lebt sie. Aber nein, natürlich wurde sie nicht im Suppentopf gekocht; man hat sie, abwechselnd, mit brühheißem und eiskaltem Wasser übergossen. (Die Vorstellung, dass es ihrer Katze gut geht, wenn sie durchs Quartier streift, sollte sie glücklich stimmen. Und dass die Katze nachher vor der kalten Zentralheizung sitzt und sie anbetet – vermutlich in der Erinnerung an den Winter, wenn der Heizkörper heiß ist.) Der magere Jochen beneidet Veronika; sie kann die kleine Tippmaschine am Bankschalter an der Grenze, wo die Leute Geld wechseln, flink bedienen. Sie rechnet im Nu, begreift immer, was die Bankkunden wollen. Auch der magere Jochen hat seine Vorzüge: Er erkennt die Busstationen, wenn er gewisse Orte in der Stadt aufsucht – zum Beispiel die am Arbeitsamt, an der Krankenkasse oder an der Volkszahnklinik. Er weiß, welche Gesichter die Häuser an welchen Stationen machen, wenn er auch die Gesichter nicht beschreiben könnte; es sind keine Einzelheiten, die ihm im Gedächtnis haftenbleiben. Die Häuser gruppieren sich immer ein wenig anders, die Bilder wechseln; eigentlich sind es verschwommene Zeichen, die ihm bedeuten: Jetzt bist du da, jetzt bist du – für eine Weile – angekommen.
Veronika und der magere Jochen leben in einem Betonhaus, dem hässlichsten Haus der Straße, im Parterre. Die Geräusche im Mietshaus sind aufdringlich: die Glocke, der Türöffner, die Fernseher, Schritte und Stimmen. Der Autolärm hinter dem Fenster ist laut, unaufhörlich, unhöflich. Der Himmel bildet ganz oben am Fenster einen gezackten, blauen oder grauen Rand; die Zacken entstehen, weil spitze Dachfenster wie winzige Häuser auf den schrägen Dächern stehen. Wer dahinter wohnt, kann man nicht ahnen. Der magere Jochen und Veronika sehen den Himmel, wenn sie sich bücken; sie bücken sich, um zu schauen, ob es regnen wird.
Sie nehmen das Mittagessen in einem dunkeln Restaurant ein, das keinen schlechten Ruf hat. Veronika trinkt zu viel Weißwein, raucht zu viel und spricht nicht wenig, aber im Restaurant schreit sie nicht oder nur selten. Immer am gleichen Tisch sitzen zwei Frauen zwischen vierzig und fünfzig und haben sehr enttäuschte Gesichter. Der magere Jochen nimmt sich am zweiundzwanzigsten April nach dem Mittagessen vor, am Abend seinen Wecker und seine Schlafpillen in einen Papiersack zu legen und mit dem Bus in ein stilles Hotel zu fahren, um dort zu wohnen. Er wird mit seinem Wecker reden; der Wecker heißt Kavalier und weckt ganz sanft, mit zupfenden Tönen; wenn man den Wecker nicht abstellt und einfach weiterschläft, beginnt er zu schrillen. Der magere Jochen erwacht immer schon beim ersten, sanften Stupfen; es ist, als ob der Wecker ihn mit den Tönen betupfen würde. Übrigens ist Veronika nicht allein, wenn er sie verlässt; sie hat eine große, eine mächtige Freundin, die ihr jedes Mal, wenn sie Veronika erblickt, aus einer kleinen Flasche Parfum an den Hals spritzt und dann fragt: «Du willst doch?»
Nein, der magere Jochen wird Veronika nicht verlassen, weil er sich ihre Rabenaugen nicht nur vorstellen will – wie sie aussehen, wenn sie lacht oder lächelt oder weint, und ihr Rabenhaar, durch das er mit allen fünf Fingerspitzen der rechten Hand auf die Kopfhaut drückt. Er erschrak einmal, als er sah, dass ihre Kopfhaut weiß ist; er hatte sie sich schwarz vorgestellt.
Fräulein Heim
Die Lampe auf Fräulein Heims Pult, das in einer Ecke stand und durch Tageslicht wenig beleuchtet war, brannte nicht. Man bedeutete Fräulein Heim, ein Herr Kinkelmann oder Hunkelmann ersetze die defekte Birne; sie ging zu dem Herrn, der eine Ärmelschürze trug und ihr eine neue Birne gab, die Fräulein Heim jedoch nicht in die Lampe einschrauben konnte. Fräulein Heim suchte den Herrn abermals auf, doch der sagte, er sei nicht Herr Kinkelmann, obwohl die Ärmelschürze dieselbe war. Er zeigte Fräulein Heim, dass ein Ring, der an der defekten Birne angebracht war, an die neue gesteckt werden müsse; doch auch mit diesem Ring konnte Fräulein Heim die neue Birne nicht in die Lampe schrauben; sie arbeitete im Halbdunkel.
Als Fräulein Heim um zwölf Uhr aus dem Büro auf die Straße trat, hatte sie den Eindruck, Spinnen webten ein dichtes Netz von Dach zu Dach. Im Gartenrestaurant, wo sie das Mittagessen einnahm, setzte sie sich unter einen roten Baum, der inmitten von grünen Bäumen stand. Sie äugte durch ihre große Brille und hatte dabei einen Ausdruck im Gesicht – nicht hart, nicht vulgär, aber furchtbar, als ob sie etwas Entsetzliches erlebt hätte. Ein junger Mann mit Pferdeaugen trat auf sie zu und fragte, ob der Platz neben ihr noch frei sei; Fräulein Heim bejahte, dann aber sah sie, dass der Mann den Stuhl, nicht den Platz meinte, denn er trug den Stuhl fort an einen andern Tisch. Fräulein Heim saß dort viele Stunden und rauchte. Sie dachte daran, dass Hirten die Gesichter von Tieren lesen können. Wer die Gesichter von Menschen liest, gerät manchmal ins Stottern. Die Fähigkeit von Fräulein Heim, Gesichter wiederzuerkennen, war sehr beschränkt. Sie stellte sich vor, dass es vielleicht leichter sei, Rosen voneinander zu unterscheiden als Menschen. Sie lebte jeden Tag nur für wenige Stunden oder Minuten; dann nahm sie Konturen wahr; den Rest des Tages, den größten Teil des Tages hing sie wie eine noch nicht abgebetete Perle eines Rosenkranzes im Leeren, wanderte fühllos, bis der Beter sie hochzog, zwischen die Fingerspitzen nahm und leicht drückte. An den gestrigen Tag zum Beispiel konnte sie sich nicht erinnern; sie wusste nur noch, dass am Abend die Menschen, darunter auch Kinder, von acht bis halb elf Arm an Arm, Rücken an Bauch am Brückengeländer und an beiden Ufern des Flusses standen und auf ein Feuerwerk warteten. Plötzlich erblühten und welkten große Bäume aus farbigem Licht.
Wenn sie sich an den vorgestrigen Tag erinnern wollte, musste sie nachschauen, was sie in ihrer Agenda notiert hatte; da standen der Name und die Adresse einer Firma. Ja, sie hatte sich in einer Firma für Beleuchtungskörper vorgestellt. Sie wollte sich verändern, wie sie in einem Stelleninserat kundtat. Die Eingangshalle war leer: Kein Mensch, kein Stuhl, nichts befand sich dort – nur ein Telefonhörer, den der Eintretende abheben musste; eine Stimme wies ihr den Weg. In einem Großraumbüro, das mit Neonlicht erhellt und mit dunkelgrünen, glänzenden, südlichen Pflanzen (Plastik?) verstellt war, saßen die Arbeitenden hinter halbhohen, orangefarbenen Wänden, die unzählige kleine Zellen abteilten. Man hörte nur, wie an Telefonen leise gesprochen wurde. Die Personalchefin stellte lächelnd Fangfragen; Fräulein Heim war von Anfang an klar, dass sie die Stelle nicht bekäme, nicht bekommen wollte. Lieber wollte sie verhungern: auf frosthartem Grund hockend, über ihr das Glas des Himmels, in dem sich nichts spiegelt.
Vereinzelt saßen noch Gäste an wenigen Tischen, als Fräulein Heim aufstand und davonging, nach Hause, um ihr langes Kleid anzuziehen. Um acht Uhr abends betrat sie den Konzertsaal; man hörte dort die Straßenbahn: Während Papa Haydn im Feuerwagen über die Köpfe der Zuhörer rollte, ratterte die Straßenbahn unter den Stuhlreihen durch; Fräulein Heims Stuhl zitterte. Fräulein Heim mochte den Dirigenten; sie bewunderte seine Eitelkeit, liebte die abstrakten Gemälde, die er mit seinem Taktstock in die Luft malte; er malte und tanzte gleichzeitig. Als die ungeduldigsten Zuhörer schon am Ausgang drängelten, stand Fräulein Heim immer noch vor ihrem Stuhl und klatschte langsam in die Hände; die Brille war auf ihre Nasenspitze gerutscht und Tränen liefen über ihr Gesicht; es war ihr, als beklatschte sie die Schrecknisse der gewöhnlichen Tage.
Ein Fremder
Gaston saß vor der Kommode und starrte in den Spiegel des Spiegelkästchens, das ein Geigenbauer angefertigt hatte. In der linken Hand hielt er eine lange, zündrote Locke, die von der Schläfe herunterhing; mit einer stumpfen, großen Schere klemmte er das Haar fest, riss daran, dann schnitt er wie mit wütenden Schnabelhieben die Locke entzwei. Er schnitt auf beiden Seiten des mit Laubflecken übersäten Gesichts, über der Stirn, hinten im Nacken, wo er nichts sehen konnte: Er war mit abgeschnittenen Haaren über und über bedeckt, und auf dem Boden lagen sie in langen Flechten und in Häufchen. Eugen sollte Gaston nicht wiedererkennen; Gaston wäre ein Fremder, und er führte mit Eugen Gespräche wie mit einem Fremden, redete, als würde er ihn zum ersten Mal sehen, von Dracula, Eugens Kater – Graf Dracula, der, wäre er ein Mensch, im Telefonbuch in der Schweiz den Titel Graf weglassen müsste; es ist nicht gestattet, sich in der Schweiz Graf oder Fürst zu nennen; Grafen und Fürsten müssen sich verleugnen, müssen vorgeben, sie seien gewöhnliche Männer wie Eugen, Gastons Freund, der – spaßeshalber – Draculla sagte statt Dracula.
Ritsch, ratsch schnitt Gaston sein Haar. Er hatte die Deckenbeleuchtung eingeschaltet, obwohl es noch Tag war. Graf Dracula saß schnurrend in einiger Entfernung und beobachtete, wie die Haarbüschel zu Böden fielen. Nachdem Gaston die letzten Stoppeln, die von seinem Kopf abstanden, weggeschnitten hatte (wobei er einen kleinen Spiegel zu Hilfe nahm), lachte er plötzlich. Er erinnerte sich, wie Eugen ihn an Sonntagen in seinem Auto ausführte; die vielen Signaltafeln rührten Eugen stets; er fand es so nett, wie der Autoverkehr sich ordentlich abwickelte, wie an alles gedacht worden war, um Unfälle zu vermeiden. Eugen sagte einmal, die Menschheit sei nicht so schlecht. «Es gibt eifrige Männer, die das Gemeinwohl im Auge behalten», erklärte er, «und die für Ordnung sorgen.» Jede Abschrankung, jeder Hinweis, jede Ortsbeschriftung entzückte ihn. Beinah stiegen ihm Tränen der Freude in die Augen, wenn er die verschiedenen Zeichen richtig deutete und seinen Weg mühelos zurücklegte. In der Nacht begeisterten ihn die leuchtenden Steinpflöcke, die die Straßen abgrenzten. Wie umsichtig war alles geplant! Planung war seine Leidenschaft; als Konzertagent war ihm noch nie eine Panne unterlaufen – immer hatte alles geklappt.
Gaston stand auf, zupfte die abgeschnittenen Haare von seinem Morgenmantel (ein Geschenk Eugens), holte einen kleinen Wischer und schob Berge von rotgoldenen Locken auf die Schaufel, die er anschließend wegtrug. In der Küche setzte er sich an den Tisch, goss Cola in ein Glas und rauchte; der Rauch schwebte, in kleine Schleier verteilt, langsam auf und nieder. Er trommelte mit seiner linken Hand auf dem Tisch; es war eine zierliche Hand – so zierlich, dass sie fast verkrüppelt wirkte. Graf Dracula sprang auf seine Knie. Gaston betrachtete den glänzenden Rücken des Katers und seine Ohren, die manchmal zuckten. Gastons kupferfarbene Augen waren noch runder im langen Gesicht. Er fror am Kopf. Aus dem Radio, das auf dem Holzherd neben dem Gasherd stand, sprach die Vertreterin einer sprachlichen Minderheit. Durchs Fenster sah Gaston Leute vorbeigehen; er hörte ihre Schritte, hörte sie sprechen, verstand aber nichts. Der Himmel schien dunkel, obwohl er blau war. Plötzlich erkannte Gaston Eugens Profil; wenig später hörte er, wie Eugen die Haustür aufschloss, durch den Korridor ging und die Wohnungstür öffnete; gleich würde er eintreten.
Marianna im Zelt
Im Hinaufsteigen sieht Bruno auf dem Hügel Figuren wie Schaufensterpuppen vor dem blauweiß gestreiften Himmel. Plötzlich erkennt er, dass es Menschen sind, die, die Arme erhoben, in den Himmel blicken; er weiß nicht, was sie dort sehen, und kehrt wieder um. Mit seiner rechten Hand befühlt er in der Jackentasche den Fahrplan, den seine Mutter ihm jedes halbe Jahr schickt: eine Aufforderung, sie zu besuchen. In seiner linken Jackentasche steckt die Agenda mit den Telefonnummern, die er nie einstellt.
Weit unten stehen die Bäume starr in Achtungstellung: ein ganzes Heer, das vor Urzeiten herangestampft ist. Zwischen den Bäumen lebt Marianna, Brunos Freundin, in einem Zelt; nur die Grasmilben stören sie. (Sie brät vor ihrem Zelt jeden Tag ein Lamm und lädt alle Leute ein, die vorbeigehen.)
Marianna lebte leise am Rand. Jeweils am Abend saßen sie auf dem roten Kanapee, das an der Wand des roten Zimmers steht, und sahen durch die geöffnete Flügeltür ins grüne Zimmer und, durch eine dort offene Tür, ins gelbe Zimmer. (Mitten im grünen, leeren Zimmer steht seit langem ein Kessel mit Farbe und eine Leiter; Brunos zweite Frau wollte das Zimmer neu, schneeweiß, streichen, doch sie wurde plötzlich verhaftet. Bruno besucht sie einmal im Monat und spricht mit ihr durch eine Glaswand in Anwesenheit eines Wärters. An der Wand ist ein Schild angebracht: «Abschiedsszenen nicht gestattet.») Im roten Zimmer steht links der zerbrochene Kachelofen, rechts das mit einem dünnen Teppich zugedeckte Klavier. (Brunos erste Frau, Hildegard, spielte Klavier.) An der hintern Wand des gelben und kleinsten Zimmers hängt ein Spiegel, in dem sich die Wand des roten Zimmers, vor der sie saßen, spiegelt; zwei Drittel eines ovalen Bildes – eines Aquarells aus dem letzten Jahrhundert – und der untere Teil des vierarmigen Leuchters mit den Glastränen sind von jenem Platz aus im Spiegel zu sehen. An den Wänden hängen Brunos Bilder; er malte Frauen wie seltsame Blumen, doch seit Hildegards Tod malt er nicht mehr. Die Räume sind kühl; nur im Korridor brennt im Winter ein Ölofen, der die drei beschriebenen sowie ein viertes, blaues Zimmer heizt, das von ihrem Platz aus nicht zu sehen war. In jenem Zimmer liebten sie sich, schliefen sie. Sie redeten nicht, wenn sie vorher im roten Zimmer saßen, aber tranken roten Wein. Marianna gebrauchte modische Wörter wie irgendwie und total, was Bruno nicht leiden konnte und weshalb er ihr am Abend das Reden verbot. Er findet solche Wörter, die in Hildegards Wortschatz und im Wortschatz seiner zweiten Frau nicht zu finden waren, wenig delikat. Einmal sagte Marianna in einer kalten Winternacht flüsternd trotzdem: «Irgendwie kann ich mich dir nicht total ausliefern», worauf Bruno sie aus dem Haus wies. Sie kehrte am Morgen blaugefroren zurück; erst als es Frühling wurde, zog sie ins Zelt.
Das Foto
Die Fenster sind verschieden groß, und das Dach ist auf der einen Seite steiler als auf der andern. Mitten auf der geteerten Straße, die vom Haus zum Fluss führt, ist eine lange, schwarze Bremsspur zu sehen. Der kleine Hermann mit dem weißblonden Haar, das wie eine Perücke aussieht, die über seinen Kopf gestülpt wurde, stellt sich den Fluss doppelt so breit vor, als er ist; er versucht zu denken, der Fluss sei ein Strom, obwohl er noch nie einen Strom gesehen hat. Der Fluss befördert wie ein grünes Fließband zwei Enten. Ob sie mit den Füßen rudern, obwohl sie weggetragen werden? Lange steht Hermann am Ufer und isst ein Stück Brot; er kaut auf der linken Seite, weil auf der rechten ein Zahn wehtut. In der Straße daheim scheint das Vogelgezwitscher aus Lautsprechern in den Autolärm gestreut zu werden; hier sind die Vögel wirklich: eine Elster wohnt im Garten. Hermann denkt, sie sammle in ihrem Nest Fünfliber, Stanniolpapier und Ohrringe.
Hermann ist bei den Großeltern in den Ferien; am Abend schlafen sie vor dem Fernsehapparat ein: die Großmutter mit zurückgelegtem, der Großvater mit gesenktem Kopf. Hermanns Mutter besitzt keinen Fernsehapparat; sie hört Radio mit Kopfhörern, während sie liest, immerzu liest. Einmal hat sie ein Blatt Papier genommen und mit blauem Filzstift in großen Buchstaben darauf geschrieben: «Ich will nicht mehr leiden, ich will nur noch überleben», und das Papier mit vier Reißnägeln neben ihrem Bett an die Wand geheftet. Einige Wochen später hat sie das Papier entfernt und ein neues angebracht, auf dem stand: «Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut.» Aber auch diesen Zettel warf sie wieder fort. Sie hat vom Erben eines Buchantiquars Bücher gekauft; sie lagerten in einer Garage, von wo Hermann und die Mutter sie mit einem Handkarren in die Wohnung brachten. Jeden Samstag verrichteten sie diese mühselige Arbeit, bis die vielen Schachteln mit den staubigen Büchern ein Drittel des Wohnzimmers versperrten. Die Mutter und Hermann sind nun wie in einem Güterwagen eingesperrt, der auf einem Nebengleis steht, weil man vergessen hat, ihn an die Lokomotive zu hängen; die Hausfassaden hinter den Fenstern bewegen sich nicht, aber im Kopf der Mutter tanzt die ganze Welt vorbei. Hermann bleibt allein; es beißt ihn im ganzen Gesicht – das kommt vom Staub der Bücher.
Gestern hat die Großmutter gesagt, als sie Hermann weckte und Hermann aus einem Traum heraus schrie: «Schrei mich doch nicht an.» Und gestern hat der Großvater einen Fotoapparat gekauft und blickt nun nach dem Mittagessen lange Zeit in den Sucher; dann muss Hermann seinen Stuhl näher zum Stuhl der Großmutter rücken. Die Großmutter, die sich vor dem Spiegel im Korridor gekämmt hat, stellt die Kaffeekanne beiseite und die Vase mit den Blumen in die Mitte des Tisches. Der Großvater befiehlt Hermann, den Kopf nicht zu senken und zu lächeln. Als der neue Fotoapparat dann plötzlich ein Papier ausspuckt, das der Großvater auf den Tisch legt, ist noch kein Bild darauf zu sehen; das Foto entsteht ganz langsam. Die Großeltern betrachten es aufmerksam. Die Großmutter entdeckt auf dem Foto, dass eine Schublade der Kommode nicht ganz geschlossen ist, und der Großvater versteht nicht, weshalb die Vorhänge im Hintergrund schwarz statt rot sind. Aber da der fotografierte Hermann lächelt, finden die Großeltern das Bild nett. Später, während die Großmutter das Geschirr wäscht und der Großvater das Tischtuch aus Plastik sorgfältig zusammenfaltet, zerknüllt Hermann das Foto langsam mit beiden Händen.
Ein zweites Ich
Der Priester erzählt im Schulzimmer vom Kind, das vergaß, sein Nachtgebet zu sprechen, in der Nacht starb und geradewegs zur Hölle fuhr. Die Kinder sitzen starr in ihren Bänken: der Sommer ist ganz klein hinter den Fenstern, weit entfernt mit seinem Vogelgezwitscher und heißen Licht. «Und welche Sünde ist die größte Sünde?», fragt der alte Priester und reißt dabei die Augen weit auf, die wie zu flüssige Spiegeleier aussehen, nur blau. Margrit hebt die Hand hoch; sie sagt: «Die Sünde wider das sechste Gebot.» – «Und wie heißt das im Beichtspiegel?», fragt der Priester mit seiner Fliegenfängerstimme. «Du sollst nicht Unkeuschheit treiben», antwortet Margrit. «Und welche Sünde ist die allerallerschlimmste Sünde, von der nur der Papst den Menschen lossprechen kann?», fragt der Priester. «Das ist, wenn wir unwürdig kommunizieren.» Margrit ist elf Jahre alt und eine gute Schülerin.
Der Abend ist der Künder der Schwärze, die hinter den Dächern lauert und langsam hervorkommt und dann schnell auf alles fällt. Margrit wirft ihren Ball gegen die Hausmauer und fängt ihn wieder. Die Mutter ist noch nicht zu Hause; sie arbeitet und kommt oft sehr spät. Ein Mann, den Margrit als dumpf empfindet, beobachtet sie schon seit einiger Zeit. Er hat eine Lücke zwischen den Vorderzähnen und einen Blick, wie ihn Blinde haben. Sein fleischiges Gesicht lächelt, als ob eine Maus lächelte. Er raucht und hustet; auch er scheint zu warten. «Willst du nicht nach Hause?», fragt er, näher tretend. Margrit antwortet nicht, klatscht den Ball gegen die Mauer und fängt ihn; der Ball ist rund und lieb, die Farbe vom vielen Schlagen verschwommen. Niemand schaut aus den Fenstern der Häuser; da ist das Haus mit den Krankenwagen in der Garage; oben wohnen ein Chauffeur und einige Krankenschwestern. Etwas entfernter steht die ehemalige Fabrik, die jetzt als Gewerbeschule dient. Weiter weg befindet sich das neue Primarschulhaus, daneben ein Holzhaus. Margrit wirft den Ball jetzt gegen das Garagentor. Das Haus, in dem sie mit der Mutter lebt, ist von hier aus nicht zu sehen. «Willst du ein junges Kätzchen?», fragt der Mann, «meine Katze hat Junge; ich kann nicht alle behalten.» – «Was will der Mann», denkt Margrit. Der Ball macht bumm, immer wieder. «Ich wohne nicht weit von hier», sagt der Mann, «deine Mutter hätte sicher auch Freude an einem Kätzchen.» Margrit hält den Ball mit beiden Händen gegen die Brust gepresst und schaut dem Mann in die blinden Augen. «Ist es bestimmt nicht weit?», fragt sie. «Nein», lächelt der Mann, «komm.»
Auf der Landstraße fahren die Autos wie in einem Spiegelsaal, denkt Margrit; die Sonne sitzt in den Scheinwerfern. Sie geht neben dem Mann, der lange Schritte macht. «Das ist aber weit», sagt sie nach einer Weile. Sie denkt an einen älteren Herrn, der über einen Randstein stolperte; rennend bewahrte er sich vor dem Fallen, rannte dann aber, obwohl die Gefahr vorbei war, weiter und weiter. Dann denkt sie an eine Dame mit verbittertem Gesichtsausdruck, die, ihr Zitterhündchen unter dem Arm, eine Straßenbahn bestieg. Jemand streichelte das Hündchen und sofort veränderte sich der Gesichtsausdruck der Dame; sie lächelte. – Warum fallen ihr nur diese Dinge ein?
«Hier ist es», sagt der Mann und tritt durch die angelehnte Tür in ein Haus. Margrit möchte vor der Tür stehenbleiben, aber sie folgt ihm. Ihr Herz kopiert die Schläge des Balls gegen das Garagentor: bumm, bumm. Der Mann zieht die Tür von innen zu, nachdem Margrit eingetreten ist; es ist dunkel. Sie hört seine Schritte nicht, spürt, dass er neben ihr steht. Seine Hände greifen sie plötzlich an. Sie hält sich an ihrem Ball fest. «Still», keucht der Mann, obwohl sie ganz still ist. Was macht er mit ihr? Um Gottes willen, was tut er? Als er endlich die Tür aufreisst und davonrennt, geht auch Margrit in die hellen Kulissen nach draußen. Warum können ihre Beine noch gehen? «Spatzenbeinchen», sagte einmal die Mutter einer Schulkameradin zu Margrit. Ein Spatz erlebt nicht, was sie erlebt hat. Sie wird ihrer Mutter nichts erzählen.
Am Sonntag geht sie mit den andern Kindern zur Kommunion; nachher fällt der Gedanke über sie, dass sie nun von Gott verdammt sei; nur der Papst könnte sie lossprechen. Ihr Ich steht wie eine ausgeblasene Kerze im Dunkel. Sie muss ein zweites Ich erfinden, um weiterleben zu können; ein Ich, das lachen und spielen und Hausaufgaben machen kann.
Im Alter von neunzehn Jahren begeht Margrit Selbstmord.
Die junge Mutter
Die junge Mutter kann nicht durch das Haus hindurchgehen, auch nicht um das Haus herumlaufen. Das Haus steht eingeklemmt zwischen Häusern. Zum Hin- und Herlaufen hat sie fünf kleine Flächen: den Korridor (ohne Fenster), die Küche (ohne Fenster), das Badezimmer (ohne Fenster), das Zimmer (mit Fenster) und den Balkon.
Dort, wo die junge Mutter ihre Kindheit verbrachte, gab es ein Vor-dem-Haus, ein Hinter-dem-Haus und zweimal ein Auf-der-Seite-des-Hauses. Ein grüner Papagei mit einem gelben Fleck auf der Stirn und roten Flügelrändern ächzte wohlig; er saß hinter dem Haus auf einem kahlen Ast, der an einer der dünnen Metallsäulen, die den Balkon zu tragen schienen, mit Draht festgebunden war. Der Baum am Gartenhag war eine Schutzmantelmadonna, die ihren Mantel lüpfte, wenn der Wind angerannt kam und bei ihr unterstehen wollte.
Die junge Mutter holt am Abend, wenn sie von der Arbeit im Schuhgeschäft kommt, ihr Kind aus der Krippe, und wenn das Kind schläft, steht sie vor einem Kino und betrachtet die hinter Glas ausgehängten Bilder. Ihr Leben spielt sich im Kino ab. Sie sitzt zwei Stunden gefangen im Dunkel. Wenn sie den Saal verlässt, ist ihr schwindlig; der Körper, der gefühllos wurde, kann sich nur schwer bewegen.
Die junge Mutter ist brüsk zu den Leuten und mundfaul. Oft merkt sie es erst hinterher, macht es aber nie wieder gut. Sie möchte nur mit Stichworten in Kontakt treten. Sie möchte ganz einsam und still den Biegungen der Gedankenwege folgen und erst am Schluss ins kalte Wasser springen, wo die andern sind, die Haie und die harmlosen Fische. Sie denkt, sie müsse lernen, mit den Fischen nett umzugehen, zu plaudern, um ihre Freundschaft zu gewinnen.
Die junge Mutter sitzt im Zimmer am Tisch. Der Himmel hinter dem Fenster ist weißer als der weiße, durchscheinende Vorhang, der vom großen, grauen Haus gegenüber verdunkelt wird. Die junge Mutter hat Spinnenfinger, die sich immer bewegen. Es ist Sonntag. Das Kind steht in seinem weißen Gitterbett und weint. Die junge Mutter nimmt aus dem Schrank einen Papiersack, daraus ein Schächtelchen mit Schlaftabletten. In der Küche löst sie die Pillen in Sirup auf, dann steht sie vor dem Bett und flößt dem Kind, das hustet und spuckt und das Glas mit den Händchen fortstoßen will, das bittere Getränk ein; die Hälfte rinnt dem Kind, vermischt mit Speichel, übers Kinn und bekleckert seinen Schlafanzug. Die junge Mutter spült das Glas in der Küche, dann legt sie das Kind aufs Kissen, wo es einschläft. Die junge Mutter betrachtet das runde Gesichtchen, die leicht geöffneten Lippen. Das Kind atmet ruhig; es hält den Kopf schräg und schwitzt noch von der Anstrengung des Weinens; das blonde, dünne Haar klebt auf der Stirn. Das Herz der jungen Mutter klopft nicht mehr; es zittert. Sie stellt sich vor, sie telefoniere nach einem Taxi, rase mit dem Kind ins Spital, wo man ihm den Magen auspumpe. Es schlage die großen, schattenblauen Augen auf und lächle sie an.
Pulsuz fraqment bitdi.