Kitabı oxu: «Das deutsche Herz»

Şrift:

Adolf Schmitthenner

Das deutsche Herz

Saga

Das deutsche HerzCoverbild/Illustration: Sutterstock Copyright © 1908, 2020 Adolf Schmitthenner und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726642926

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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ERSTER TEIL

1

Aus dem weiten und warmen Busen des Schwabenlandes rauscht der Neckar dem Odenwald zu. Er verschmäht es, durch die niedrigen Hügel des Kraichgaues zu brechen; er will seine Kraft an den Lenden eines Gebirges erproben. Oder es geht ihm wie einem verwöhnten Muttersohn: es ist ihm zu wohl geworden im bequemen schwäbischen Bürgerhaus, er will ein wenig auf Ritterschaft in die Büsche hinein.

Was nun auch der Grund sei, eigensinnig hält er die Richtung nach Norden fest und bohrt sich ins Gebirge hinein, wo es am höchsten emporsteigt. „Dort ist der Rhein!“ spricht zu ihm der Katzenbuckel und drückt ihn links hinüber. Und nun ist es, wie wenn des unschierigen Mahners Rippenstoß das Gewissen des träumenden Burschen geweckt hätte. Ungestüm und doch mit der Hoheit, die dem deutschen Strome ziemt, bricht er sich nach Westen die Bahn. Leidenschaftliche Sehnsucht gibt ihm die Kraft, die Felsen auseinander zu schieben oder zu durchbrechen und das Gebirge zu zerteilen bis auf den Grund. Und doch tut er zuweilen wieder, wie wenn er sich nicht trennen könnte von diesen grünen, runden Bergen; er schmiegt sich daran fest und hält sie umschlungen mit seinem glänzenden Arm, also daß, wohin auch der Abhang sich senke, des Neckars Woge zu ihm aufrauscht. Strom und Gebirge rüsten sich zum Abschied. Es wird ihnen feierlich zumute, und die große Empfindung gibt ihnen ein erhabenes Ansehen. Stolzer steigen die Berge empor, näher rücken sie an den Strom heran, höher schäumt die Woge, majestätischer blinkt die gleitende Flut. Der Neckar und der Odenwald halten Abschied. Wie eine entfesselte Schlange schießt der Fluß in die Ebene hinaus, genießt der Freiheit in weitem, wohligem Bogen, und dann streckt er sich dem blinkenden Rheine entgegen. Das Gebirge aber reckt sich und schaut dem enteilenden Freunde nach mit einem langen, stillen Blick. —

Über dreihundert Jahre sind vergangen seit dem Tag, wo unsere Geschichte anfängt. Am Fuße des Königsstuhles rauschte der Neckar lauter, als er heute rauscht, denn man war den Granitblöcken, die im Strombett liegen, noch nicht mit Pulver und Dynamit zu Leibe gegangen. Viel mehr Waldvögelchen als heute netzten ihre Schnäbel im Neckarwasser, denn man hatte die Ufer des Flusses und der Seitenbäche noch nicht von dem tausendfältigen Buschwerk gesäubert und ieß die lieben Hecken wachsen, wo sie wachsen wollten. Die Reiher im Reiherwald hatten herrliche Tage, denn den Junkern war die Falkenjagd abhanden gekommen und der Neckar wimmelte von Fischen. Oh, wie es in einer lauen Sommernacht unter dem Ersheimer Kirchlein schnalzte! Die Fische waren wie trunken vom Mondenlicht. Zuweilen klang es plump und grob vom Neckar her, wie wenn ein Pfundstein ins Wasser fiele. Das war ein alter Hecht, der ein Maulvoll Sommernachtlicht geschnappt hatte, oder ein würdevoller Salm, der bei sich dachte: ‚Ich komme auf des Junkers Tisch, das ist mein verbrieftes Recht‘, und bei diesem Selbstgespräch vor Hochmut durch die Luft sprang. Nachtigallenchöre sangen herüber und hinüber über den schimmernden Strom, und die Turteltäubchen gurrten aus dem Wald. Es ist keine Frage, bei Nacht war es damals schöner im Neckartal als heute. Bei Tag dagegen ist es heute lustiger. Noch nicht floß vor dreihundert Jahren der grüne tiefe Strom des Waldes von Berg zu Berg und ins Tal herunter bis zu den Neckarwiesen. Man wußte nicht, was man mit dem Holz anfangen sollte, und rodete sinnlos bald hier bald dort für ein paar Jahre; dann ließ man wieder die Buchen und Eichen hereinwachsen über den ausgeraubten Boden und fing wo anders an. So sah man rechts und links auf den Höhen nur dürftige Roggenfelder oder unerfreulichen Lausewald. Die Berge, worauf die Burgen liegen, waren völlig kahl, und die Schlösser, als sie noch ganz waren, sahen sehr weißgetüncht, nüchtern und behäbig aus, halb ritterlich, halb bäuerlich. Der Torwärtel saß in Schlappen auf dem Bänklein, sagte: „Hä!“ und aß ein dickes Käsebrot.

Die Dörfer und Städtlein, die heute im Neckartal liegen, waren damals schon alle miteinander da; ja noch einige Flecken und Weiler mehr, die in den späteren Kriegsläuften abhanden gekommen sind. Die Dörfer sahen ungefähr geradeso aus wie heute, nur gackerten viel mehr Hühner, und wenn man einen Bauern gefragt hätte, was ihm von der ganzen Welt das liebste sei, so hätte er gesagt: das Schwein und noch einmal das Schwein und zum drittenmal das Schwein. Oh, wie es so köstlich grunzte des Winters in den Ställen und des Sommers in lauschigen Talbuchten unter dem jungen Eichwald! Mit den Städtlein aber, wie Eberbach, Hirschhorn, Steinach, Gemünd, hatte es zu jener Zeit ein ganz andres Wesen als heute. Sie staken in Schanz und Wehr, waren von Mauern umgeben, hatten ein Neckartürlein, ein Bergpförtlein, ein Vordertor, ein Hintertor und ein Mitteltor. Auf den Wällen standen einige Katzenköpfe und andres grobes Geschütz. Es läutete sehr oft, bald dünn, bald dick, und jedermann wußte, was es bedeute. Des Morgens früh, ehe der Tag graute, mahnte die Betglocke: befehlet Leib und Seele dem Herrn und steiget flugs aus dem Bett! Des Abends in der lichten oder dunklen Dämmerung rief dieselbe Glocke die spielenden Kinder in die Häuser; auch die Knechte und Mägde kamen herein. Alle standen um Vater und Mutter herum und beteten der Reihe nach:

„Als unser Herr in Garten ging

und sein bitteres Leiden anfing.“

Des Morgens um elf Uhr rief ein helles, weit klingendes Glöcklein die Mähder und Holzfäller zum Mittagsmahl. Und dasselbe Glöcklein verkündete des Winters um drei und des Sommers um vier den bekümmerten Mägen rings in der Rund: jetzt gibt’s wieder etwas zu essen. Um neun oder um zehn Uhr des Abends läutete die Lumpenglocke, und der Schiffer Stapf zu Hirschhorn stülpte den Würfelbecher um und sagte: „Gute Nacht, Löwenwirt!“ Auch das Bürgerglöcklein hatte mancherlei zu sagen. Es rief die Mannsleut zur Frond oder die Schöffen zum Gericht. Mitunter gellte die Sturmglocke, dann rannten die Leute wie besessen auf die qualmende Gasse und schrien: „Wo, wo?“ Wenn aber die große Glocke mitläutete, dann ließen die Bürger alles stehen und liegen, sprangen in verteilter Ordnung an die Tore und verriegelten und verrammelten die eichenen Flügel. Mitunter kam auch das Armsünderglöcklein in Schwung. Dieses geschah jedesmal eine halbe Stunde später, als der Meister Henker mit seinem Knecht auf der Fähre über den Neckar gefahren war. Das Armsünderglöcklein läutete unterschiedlich lang. Wenn nichts als der Block und das lange Richtschwert auf dem Wägelein des Scharfrichters lag, war das Glöcklein bald zu Ende; wenn aber bei den übrigen Gerätschaften ein schweres eichenes Rad mit dicken Speichen über dem Wägelchen lag, dann läutete die Glocke lange, ach, furchtbar lange, es waren keine einzelnen Schläge mehr, sondern ein fortgehendes Heulen und Wimmern. Wenn es endlich aufgehört hatte, dann wurde dem Meister, wie es anders unbillig gewesen wäre, zu seinem höchsten Lohn noch ein starker Imbiß verehrt. Während nur die Armsünder auf dieses Glöcklein Anspruch erhoben, war die übrige Menschheit, mit Ausnahme derer, die sich selber aus dem Leben beförderten, mit der allgemeinen Totenglocke zufrieden. Diese Glocke läutete nach keiner irdischen Uhr, aber der, den sie meinte, war immer bereit; beim ersten Schlag machte er sich schleunig auf, und lang hingestreckt fuhr er über den Neckar, dem Ersheimer Friedhof zu.

So war das Neckartal zwar damals noch ohne die tausend Geräusche der heutigen Zeit. Kein Dampfschlepper brüllte, keine Lokomotive pfiff, kein Güterzug polterte, kein Automobil blökte, kein Fahrrad klingelte, aber viel mannigfaltiger und eindringlicher redeten Glocke und Glöcklein in das Leben der Menschen hinein.

Wenn diese Leute einmal zu ernster Feier oder zu Spiel und Scherz beieinander waren, wie sah die Versammlung doch so stattlich aus! Die kurzen, stämmigen Bauern in Wams und Lederkappe, die Bürger in ihren pelzverbrämten Röcken und kübelartigen Pelzmützen, die man für wunderschön hielt, weil die Tracht von weither kam; sie kam aus dem Lande der wilden Kroaten, von denen man aus den Türkenkriegen her viel erzählte. Die Junker gingen im Barett und im bequemen Flaus oder im engen, düsteren spanischen Gewand, worinnen man wohl oder übel steif und gemessen wandeln mußte. Malerisch sahen die Soldaten aus, die Landsknechte und Reiter, in Blechhaube, Harnisch und hellgelben Schlappstiefeln oder im buntfarbigen Rock, Pluderhose und breitem, verwegenen Filzhut. Wärest du mit dabei gewesen auf einer Kirchweih in Gerach oder auf dem Jahrmarkt in Hirschhorn, nach einer Weile hättest du gemerkt, daß die Leute kein Kauderwelsch reden, sondern Deutsch, und hättest sie auch bald fast ganz verstanden und hättest dich gefreut, wie sie so frisch und kernig und lustig drauflos redeten, sangen und lachten. Auch hättest du manch ein Mägdlein und manch eine Ehefrau gesehen, die dir herzlich Wohlgefallen hätte, und nicht allein dir, sondern auch deinem Herrn Bruder und vielleicht sogar deinem eigenen Schatz. Die Kinder glichen den heutigen am meisten. Sie aßen gerne Äpfel und hatten nichts dagegen einzuwenden, wenn der Lehrer auch einmal außer der Reihe Ferien gab. Ein schönes Leben hatten die Kinder. Denn so bucklig und verschunden die Landstraßen waren, so waren sie doch viel reicher an buntem Leben und Treiben, an Sang und Klang, freilich auch an Seufzen und Wehklagen, als sie heute sind. Täglich gab es irgend etwas Herrliches, Fremdartiges, Rauschendes oder Klirrendes zu sehen, was die Straße gesprengt oder getrabt oder gefahren oder gewandert kam. Die heutigen Kinder des Neckartals wären aus dem Gaffen gar nicht herausgekommen. Wären sie und ihre Kameraden von damals sich gegenübergestanden, so hätten sie sich freilich verwundert angeschaut und hätten zueinander gesagt: ihr seid einmal sonderbar ausstaffiert! Hätten sich aber beide Parteien in holder Nacktheit in ihr eigentliches Element, in den Neckar, gestürzt und hätten sich darinnen getummelt wie die Fische, so hätte man die Knaben von damals und von heute nicht voneinander unterscheiden können: dieselben rosigen Gesichter und die gleichen flachsgelben Haare, vor allem aber die nämliche kurze stumpige Gestalt, weshalb ja auch die Burschen aus dem Neckartal zu Mannheim und zu Worms in der zwölften Kompanie standen, bei den „Mündungsdeckeln“, während sie damals von den hochgewachsenen Leuten der Ebene die „Grampen“ genannt wurden. Sie selbst aber bezeichneten sich mit Stolz als „Neckarschleim“, und ein Zimmergesell aus Heidelberg hatte ein neu Lied gedichtet, dessen Kehrreim lautete:

„Wir sind ein jung frisch Neckarschleimer Blut,

Neckarschleimer Blut.“

Wenn nun wir Leute vom heutigen Tag in das Wesen und Treiben der Neckarschleimer vor dreihundert Jahren hineinschauen, müssen wir einmal übers andre Mal den Kopf schütteln und sagen: „Allhier geht’s wunderlich zu.“ Wenn ein Rechtsbeflissener alles, was gültig und Rechtens war in Stadt und Dorf, in Weiler und Mühle, in Burg und Stift, schwarz auf weiß in Lehensbriefen, Pfandscheinen, Schenkungsurkunden, Zinstabellen und Zehntbeschreibungen hätte sammeln wollen, er hätte mit einem vierspännigen Planwagen fahren müssen, um all das Papier und Pergament mitzunehmen, und wenn einer in einem kleinen Dörflein wie in Mückenloch oder in Igelsbach von Haus zu Haus und von Mensch zu Mensch gefragt hätte, wer alles an den Gefällen, an den Gilten, Zehnten und Frondrechten Anteil habe, er wäre verrückt geworden, noch ehe er zum halben Dorf draußen gewesen wäre. Aus all dem kunterbunten Zeug der siebenundvierzig und dreiviertel Herrschaften, die sich in Recht und Macht teilten, wären doch schließlich zwei als die vornehmsten herausgetreten, das Kurstift Mainz und die Kurpfalz, und unter den einzelnen Herren, deren Hände zu füllen waren, wäre keiner häufiger genannt worden als der Junker von Hirschhorn. Hätte man irgendwelchen Juden oder Müller oder Schiffmann oder Bauern oder Knecht gefragt: was hast du dem Junker von Hirschhorn zu leisten, so hätte unter zehnen kaum einer gesagt: nichts; die andern alle hätten etwas zu nennen gehabt, sei es sieben Batzen oder zwei Sester Korn auf Martini oder einen Hahnen auf Ostern oder einen Brotkuchen auf den Stephanstag. Und hätte man verwundert gesagt: Muß doch ein reicher Herr sein, der Junker von Hirschhorn, so hätte der Jude gerufen: „Reich? Grausam reich! Allen hohen Herren hat er Geld geliehen.“ Der Müller aber hätte gesagt: „Hundert Dörfer sind sein eigen, und der Erzbischof von Mainz, sein Lehensherr, hat ihm zu Ladenburg einen Kuß gegeben, obgleich der Junker lutherisch ist.“

Das war damals allerdings ein großes Stück, denn die Religionen standen sich damals in Deutschland feindselig gegenüber. Im südlichen Odenwald jedoch ging es auch in Glaubenssachen so buntscheckig wie möglich zu. Wenn einer ein Pferd von mäßiger Gangart hatte, so konnte er an dutiem Tag katholisch frühstücken, lutherisch zu Mittag essen und auf reformiert den Abendimbiß einnehmen.

Ja, es ging wunderlich zu bei den alten Neckarschleimern.

Aber die liebe Sonne schien damals in den Tagen, die die längsten sind, geradeso lieb und warm, wie sie uns geschienen hat an dem letzten längsten Tag, den wir verlebt haben. Und die Haselstaude hatte damals geradeso weiche grüne Blätter, wie die waren, die wir im letzten Juni durch die Finger gleiten ließen. Und es gibt heute keinen spitzbübischeren und abgefeimteren Fuchs im ganzen Odenwald, als es der alte Fuchs war, der damals am Johannistage im hellen Sonnenschein vor der Haselstaude lag, sich den Bart leckte und seinen beiden hoffnungsvollen Knaben vergnüglich zublinzelte. Die kleinen Füchslein spielten vor ihrem Vater auf einer Waldblöße, bis sie müde waren, dann legten sie sich dem Alten zwischen die Pfoten und baten ihn: „Erzähle uns etwas.“

„Heute hat der Junker Hochzeit“, antwortete der Alte.

„Wie ist denn das, wenn man Hochzeit macht?“, fragte der jüngste der beiden Buben und drückte die Augen geradeso pfiffig zu wie sein Vater.

„Das verstehst du nicht, du bist noch zu jung“, erwiderte der Vater.

„Kriegen wir auch etwas von der Hochzeit?“, fragte das andre Füchslein.

„Ja, Hasenbraten.“

„Wieso, liebster Vater?“

„Der Junker hat auf Hirschhorn fünf Forstwärtel, die haben heut und morgen fünf große Räusche. Er hat auf der Burg fünfundzwanzig Hetzhunde, die haben heut und morgen vielhundert Knochen zu beißen. Der Junker selber denkt nicht ans Jagen, wohl vierzehn Tage nicht. Wenn er zum erstenmal wieder herauskommt in den Wald, nimmt er keine Hunde mit, sondern seine schöne junge Frau.“

„Wie heißt sie denn?“ fragte der älteste Sohn.

Der Vater besann sich eine Weile und sprach: „Sie heißt Fuchsia.“

„Das ist ein schöner Name, Vater.“

„Freilich. Wenn er zum erstenmal hier herauskommt, geht die liebliche Fuchsia an seiner Seite. Da denkt er nicht ans Jagen. Folglich?“

Die beiden Knaben schwiegen.

„Folglich?“ wiederholte der Alte in strengem Ton.

„Folglich sind wir die Meister im Wald“, sagte der ältere Knabe.

„Ja“, bestätigte der Vater. „Und wir fangen fette junge Hasen.“

„Junge fette Hasen!“ lachte der Jüngste und schlug vor Vergnügen einen Purzelbaum.

In diesem Augenblick rief eine Menschenstimme: „Ein Fuchs!“

Im Nu waren der Vater und der älteste Sohn verschwunden. Der jüngste aber überschlug sich und fiel einem blondlockigen Knaben in die Arme. Der hielt das Füchslein lachend an den Ohren fest. Das Kerlchen wehrte sich, warf sein Unterkörperchen hin und wider und biß um sich, daß es eine Lust war. Endlich fing es in der Todesangst zu hofieren an. Der blonde Knabe erschrak, aber blitzschnell drehte er das Tierlein um, so daß es vorwärts schaute, und hielt es mit gestreckten Armen von sich. Steif und still hing es da und vollendete sein Geschäftchen so säuberlich und anständig, daß sich jedes Heddesbacher Büblein hätte ein Vorbild daran nehmen können. Dann fing das Bürschlein wieder zu zappeln und zu schnappen an, aber nimmer lang. Der Knabe warf das Tierchen über seinen blonden Kopf rückwarts in das Dickicht hinein, dann wandte er sich um und schaute mit blitzenden Augen den Weg, den er gekommen war, zurück ins Tal hinunter.

2

Während der alte Fuchs blinzelnd seinem Söhnlein zuhörte, das mit großen Gebärden von seiner Heldentat erzählte, vergoß einige hundert Schritt weiter oben der Brummbaß von Affolterbach dicke Schweißtropfen. Er blieb stehen, beugte sich vornüber und stemmte die Hände auf die Knie. Der Bauch der Baßgeige lag über seinem Kopf, und ihr Hals hob eine entwurzelte Hainbuche aus dem zerbröckelten Boden.

Die Viola, die mit langen, dünnen Beinen die Waldhalde heraufgestiegen kam, lachte aus vollem Hals und rief in die Büsche zurück: „Guckt einmal, was unser Brummbaß für Kunststücke macht!“

Der Brummbaß schielte zurück nach seinem Rücken und klagte: „Einen ganzen Wald schlepp’ ich den Berg hinauf. Ich sag’s ja immer, wo viel ist, will viel hin. Du, Posaune, wo ist denn die Burg?“

„Die Posaune ist nicht da.“

„Findebusch, Kind, wo ist denn die Burg?“

„Findebusch ist nicht da.“

„Wenn nur Findebusch da wäre, daß mir doch ein ehrlicher Mensch die Augen zudrückt. Wenn die Burg nicht gleich kommt, sterbe ich.“

„Meinst du denn, die Burg käme zu dir? Wenn du da stehen bleibst, muß der Junker seine Urschel ohne Brummbaß nehmen.“

Die gutmütige Viola trat heran und fing an, das Bäumchen aus den Saiten zu lösen.

„Schade!“ rief der Pfeifer herauf, der neben dem Geiger gemächlich hintennach stieg.

„Schade?“ greinte der Brummbaß und schaute erbost zurück. „Der sähe es gern, wenn ich unter einem Eichbaum läge.“

„Sag lieber: ‚Wenn ich an einem Eichbaum hinge!‘ Wo wir gehen und stehen, sollten wir einen Baum bei uns haben, damit sich jeder, der Lust hat, ohne Umstände aufhängen kann.“

Der Pfeifer hatte eine harte, barsche Stimme. Er schien der Oberste in der Gesellschaft zu sein.

Unterdessen hatte die Viola die Zweige zwischen den Saiten herausgehoben und legte das Bäumchen vorsichtig auf den Boden, wie wenn es ein totes Kind wäre. Dann trat der Geselle zu dem weiterkeuchenden Brummbaß, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Du, warum soll denn ich dir nicht einmal die Augen zudrücken?“

Der Brummbaß schaute den Frager erbost an.

„Du mir? Ich werde sie dir zudrücken, ob Gott will!“

Der Pfeifer und der Geiger waren nun herangekommen.

Die beiden andern blieben stehen und fragten eines Mundes: „Nichts?“

„Nichts!“ erwiderte der Pfeifer. „Sie muß doch auf dieser Seite liegen. Hätten die beiden andern sie gefunden, so hätten sie schon gerufen.“

„Findebusch und die Posaune, wo sind sie denn?“ fragte der Brummbaß.

„Ich habe sie rechts hinübergeschickt, Ausguck zu halten“, antwortete der Pfeifer und stieg rüstig aufwärts.

„Ich fürcht’, wir kriegen heute noch etwas aufs Dach“, meinte der Geiger. „Die Sonne sticht und es ist dunstig.“

„Und wenn es Katzen hagelt, wir müssen gleich nach Mitternacht abfahren, denn morgen früh um sechs Uhr müssen wir dem Zehntrechner in Kirchheim aufspielen.“

„Abfahren?“ fragte die Viola. „Schickt uns der Zehntrechner ein Wägelein?“

„Mit dem Schiff. Wir fahren den Neckar hinunter und wenn es donnert, daß dem Petrus die Schwarten krachen.“

„Wenn es donnert, kriech’ ich am liebsten in einen Kuhstall“, greinte der Brummbaß. „Beim unvernünftigen Vieh ist man am besten aufgehoben, denn das flucht nicht.“

„Warum müssen wir denn ums Verrecken morgen früh dem geizigen Zehntschreiber zum Kirchgang spielen? Hätt’ er nicht dem Federvieh absagen können? Bei des Junkers Hochzeit sollte man sich doch gründlich auslustieren, und jetzt müssen wir davon, wenn es am schönsten ist.“

Niemand gab der Viola Antwort. Der Brummbaß blieb ein wenig zurück und raunte dem Frager zu: „Er freit um des Zehntschreibers Schwester.“

Dabei winkte er mit dem Kopf nach dem Pfeifer hinüber, sah aber bei seinem scheelen Blick dabei aus wie ein stößiger Widder, verwickelte sich mit dem linken Fuß in eine Wurzel und fiel vornüber gestreckten Leibs in einen Haselbusch.

Der Geiger schaute zurück und lachte hellauf.

„Alles macht Hochzeit“, rief er. „Der Junker mit der Ursula, der Zehntschreiber mit der Urschel, der Buchbaum mit der Baßgeige, der Brummbaß mit der Hasel.“

„Und der besoffene Geiger mit dem Misthaufen!“ schrie der Brummbaß grimmig und rappelte sich mühselig auf. Die Viola half ihm dabei.

„Wenn nur der Findebusch da wäre!“ jammerte der Brummbaß.

„Ich helfe dir ja. Ist das nicht geholfen, wenn ich es tue?“

„Ach, wenn nur das Kind da wäre, damit ein Ehrenmann bezeugen kann, wie ich schwitze!“

Um den Brummbaß zu ärgern, fing der Geiger zu singen an:

„Am Himmel glänzt ein heller Stern,

Ju, ja, heller Stern,

Bei meinem Schatz da lieg’ ich gern,

Ju, ja —“

Wie’s Wetter war der Brummbaß bei dem Sänger, hielt ihm mit seiner breiten Tatze den Mund zu und rief in hellem Zorn:

„Schweig still, du wüster Igel! Sing deine Schandlieder auf dem Privet und halt dein Maul dazu! Du bist so voller Schweinerei, wie meine Geige voller Baß. Wenn nur ein Funke Gottesfurcht in dir wäre, müßtest du dich der Sünde fürchten, das Kind zu verderben. Das Kind! Wo bleibt es nur? Findebusch!“

„Dort kommt die Posaune“, rief die Viola. „Da ist die Trompete auch nicht weit. Wo ist Findebusch?“

„Nichts gesehen?“ fragte der Pfeifer den Heraufkletternden.

„Nichts! Die Burg muß hier oben sein.“

Dann wandte er sich der Viola zu und sagte: „Findebusch hat zu schaffen. Er hat ein Füchslein auf einen Ulmer Hafen gesetzt, und jetzt besieht er das Wasser.“

Die Posaune hatte sich zu den andern gesellt, und die fünf Männer gingen durch den Niederwald dem nahen Höhenrande zu.

Plötzlich blieben alle stehen wie auf einen Schlag.

„Was war das?“ fragte der Geiger.

„Wenn wir nicht mitten im Walde wären“, meinte die Posaune, „würde ich sagen, es sägt einer ein Brett.“

„Es war vielleicht ein Specht. Still!“

Man hörte wieder den singenden, knirschenden Ton, und ganz in der Nähe.

„Kein Zweifel“, sagte der Pfeifer. „Dort oben ist eine Säge und ein Brett.“

„Und eine Hobelbank und ein Schreiner“, fuhr die Posaune fort.

„Woher weißt du, daß es ein Mensch ist von Fleisch und Blut?“ sagte der Geiger ängstlich. „Vielleicht ist es der Lindenschmitt. Der geht um hierzuland.“

„Der Reitersknab’?“ antwortete die Viola. „Was hat das mit der Säge zu tun? Soeben fallen die Bretter, hört ihr nicht?“

„Gehen wir drauflos“, entschied der Pfeifer, und die Männer stiegen in einer Reihe den letzten Rain hinauf.

„Wäre nur das Kind da!“ klagte der Brummbaß. „Vor dem Findebusch weicht jeder Spuk.“

„Was er wohl machen mag?“ fragte der Geiger, der wieder Mut bekommen hatte. Er gab sich selbst die Antwort. „Was anders als ein Ehebett, oder gar eine Wiege, oder — oh, ich weiß —“. Er brach in ein wieherndes Gelächter aus. „Er macht — einen —“

Sein Einfall erstickte ihn fast durch den Haufen Gelächter, worin er sich wickelte.

„So hör doch auf und sag’s!“ rief die Posaune.

„Er macht — einen —“

Eine neue Flut kreischenden Gekichers.

Die andern waren auf die Höhe getreten und standen still und unbeweglich.

Jetzt kam auch der lachende Geiger nach. Auch er verstummte. Sein freches Gesicht wurde bleich. Seine Augen wurden groß und größer und bekamen einen angstvollen Schein. „Er macht einen Sarg“, sagte er leise.

Die Männer standen am Rande einer weiten Lichtung, die sich, an den Seiten und im Rücken von Hochwald umgeben, über den Kamm des Höhenzuges hinzog. Auf dem mit Waldgras überwachsenen Boden standen einzelne hohe Föhren. Unter der nächsten und größten war eine Hobelbank zu sehen. Auf ihr und um sie herum standen und lagen alle möglichen Werkzeuge und Gerätschaften der Schreinerei. Mehrere zurechtgesägte Bretter lagen auf dem Boden, hinter dem Baum lehnte ein Bord am Stamm, noch in seiner ganzen Länge, mit rindigem Rand. Weiter vorn aber, dicht vor den Musikanten, lag Sarg an Sarg im hohen Gras.

Als die Männer auf die Höhe traten, wurde gerade das Bord vom Boden gehoben, leicht, als ob es ein Pfahl wäre, auf eine schlanke Schulter geworfen, über die Hobelbank gelegt, und eine jugendliche Gestalt beugte sich darüber, setzte die Säge mit Sorgfalt an und sägte. Die wirren blonden Haare fielen über die Stirn in das Gesicht hinein und bedeckten es, so daß nur die bleichgelbe und magere Wange zu sehen war. Vom Hals bis zu den bloßen Füßen hing ein langer, weiter Rock herunter, der mit mehr denn hundert Stücken von allerhand Tuch überflickt und aufeinander gesetzt war. Anstatt des Gürtels war ihm ein Strick um den Leib geschlungen.

Der wunderliche Mensch verwandte keinen Blick von der Arbeit, und wenn er nicht taub und blind war für die ganze Welt, die außerhalb seiner Arbeit lag, so wollte er es wenigstens für die Fremdlinge sein, die da standen und ihn angafften.

„Wie hast du denn die Hobelbank heraufgebracht mitten in den Wald?“ fragte der Geiger.

Der Brummbaß warf dem albernen Gesellen einen zornigen Blick zu; aber es wäre unnötig gewesen, denn der Einsiedler sägte zu und gab keine Antwort.

„Wieviel Särge machst du denn?“ fragte der Fant weiter.

„Wieviel Leute seid ihr denn?“ erwiderte der Jüngling und hielt im Sägen inne.

Er sah langsam auf und zählte: „Eins, zwei, drei, vier, fünf —“

„Nein, sechse!“ rief eine helle Stimme, und ein blondgelockter Knabe tauchte aus dem Gebüsch.

Der Einsiedler sah den zuletzt Gekommenen scharf an und sagte: „Sechs Särge mache ich.“

Er schaute wieder auf das Brett und zog die Säge an, aber nach dem ersten Strich hielt er inne, und sein düsterer Blick, wie wenn er etwas vergessen hätte, hob sich wieder zu dem Rufer von vorhin.

Es war auch ein wonniges Ding, in das feine, offene frauenhaft schöne Gesicht zu schauen. Ein wundersamer Reiz war darüber ausgebreitet, aber man mußte oft hinschauen, bis man sich über den Grund Rechenschaft geben konnte.

Findebusch hatte die Arme übereinander geschlagen und sah verwundert drein, wie die andern getan hatten. Bei diesen war der Bann des Staunens einer unruhigen Neugier gewichen, bei dem Geiger seiner fahrigen Frechheit.

„Sechs Särge! Dann reicht es ja gerade für uns!“ rief er lachend. „Wir wollen doch sehen, ob sie uns angemessen sind.“

Und er sprang mit gleichen Füßen in eine der offenen Grabkisten und streckte sich der Länge nach aus.

„Den Deckel darauf, daß wir ihn nimmer sehen, den Schandbuben!“ rief der Brummbaß.

Was er im Zorn meinte, meinten die Posaune und der Pfeifer im Scherz. Sie holten den Sargdeckel und stülpten ihn darüber. Der darinnen lag, war still und regte sich nicht.

Niemand lachte. Die beiden Gesellen schämten sich des mißlungenen Spaßes. Der Pfeifer trat hinweg und ließ den andern hantieren. Der hob leise den Deckel auf und ließ ihn ins Gras fallen. Jetzt erhob sich auch der Geiger, half sich auf die Beine und stieg vorsichtig aus dem Sarg. Er war weiß wie ein Handtuch und schlotterte an allen Gliedern. Er versuchte zu lachen, aber es gelang ihm nicht; er trat blöd und verlegen auf die Seite und stand da wie ein nasser, frierender Hund.

Der Sargmacher hatte unterdessen weitergearbeitet, wie wenn er allein wäre. Die Frage der Posaune, wo die Burg läge und wie weit es noch bis dorthin wäre, hatte er überhört oder keiner Antwort gewürdigt.

„Hier liegt sie ja!“ rief Findebusch.

Er war auf einen geglätteten Baumstumpf gestiegen, so daß er eines Hauptes größer war als die andern.

„Ihr braucht nicht hierherzukommen. Dort, wo der Geiger steht, wenn ihr ein paar Schritte weiter vorgeht, müßt ihr sie sehen. Wahrhaftig, ein stolzes Schloß! Was für ein mächtiger Turm! Und unten glänzt der Neckar. Oh, ist die Welt hier so schön!“

Findebuschs Zuruf machte die müde und verstörte Gesellschaft wieder lebendig. Alle waren froh, den düsteren Eindruck abschütteln zu können, und zeigten sich doppelt lustig. Der Brummbaß, der auf einem in die Quere liegenden Baumstamm ausruhte, schlug sich vergnügt auf die Schenkel, und der Pfeifer, der Grund haben mochte, den liederlichen Geiger bei der Gesellschaft zu halten, trat zu diesem hin und reichte ihm die Branntweinflasche.

Findebusch aber stand noch immer auf seinem Schemel und schaute barhäuptig in das Land hinaus.

Sein Gesicht war der vollen Sonne dargeboten. Geradeso schien das erleuchtende Himmelsgestirn mit breitem Schein in das Antlitz des Eremiten, der ein eisernes Winkelmaß hinter sich auf den Baumstumpf gelegt hatte, auf dem Findebusch stand, und jetzt nach der Säge griff und ihre Schneide fester schraubte. Findebusch ragte dicht hinter dem Siedler in die Höhe, und sein glattes Kinn berührte fast die dunkelblonden Locken des Waldschreiners.

Auf seinen Zuruf: „Dort ist die Burg!“ hatten für einen Augenblick alle zu ihm hingesehen, der Brummbaß mit einem verklärten Blick. Während aber jetzt die andern vorgetreten waren, um behaglich das Tal und die Burg und das Städtlein zu beschauen, ging die Viola alsbald wieder zurück, und wie wenn seine Augen etwas verabsäumt hätten, schaute er alsbald wieder den einen Kopf und den andern an, und so oft ihn auch die Gesellen durch Frage oder Zuruf oder eine Bemerkung in Anspruch nahmen, kehrte sein Blick immer wieder zu dem Geschäfte zurück, die beiden Gesichter zu besehen und zu vergleichen.

11,88 ₼
Yaş həddi:
0+
Həcm:
470 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788726642926
Naşir:
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Bookwire
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