Kitabı oxu: «Akrons Crowley Tarot Führer»
AKRONS
CROWLEY TAROT FÜHRER
Band I
Eine magische Reise durch die Welt des
MEGA THERION

Für Frieda und Ursi
Wenn
das Licht erlischt,
bleibt
die Trauer.
Wenn
die Trauer vergeht,
bleibt
die Erinnerung
an das Licht.
Hinweis
Alle in diesem Buch enthaltenen Angaben wurden vom Autor nach bestem Wissen zusammengestellt. Die Informationen sind nicht dazu gedacht, einen Arzt oder Therapeuten zu ersetzen. Eine Haftung des Autors bzw. des Verlags für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
Originalausgabe
1. Auflage 2007
© Akron
© der deutschsprachigen Ausgabe: 2007 AGM AGMüller Urania, Neuhausen/Schweiz
Die Verwendung der Kartenabbildungen mit freundlicher Genehmigung von © Ordo Templi Orientis.
Thoth Tarot® und O.T.O.® sind eingetragene Warenzeichen von Ordo Templi Orientis, New York.
ISBN 978-3-03819-132-2 (Schuber mit Band I und II)
ISBN 978-3-90537-247-2 (Band I)
ISBN 978-3-90537-248-9 (Band II)
Das gesamte Werk ist im Rahmen des Urheberrechtsgesetzes geschützt. Jegliche vom Verlag nicht genehmigte Verwertung ist unzulässig. Dies gilt auch für die Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, für die Übersetzung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für den auszugsweisen Nachdruck.
Umschlagbild: Ass der Scheiben aus dem Original Aleister Crowleys® Thoth Tarot
Umschlaggestaltung: Antje Betken
Illustrationen: Patricia Cooney, H. R. Giger, Monika Obser, Peregrinus, Voenix u. a.
Fotos: verschiedene Fotografen, siehe Quellen
Layout & Satz: Antje Betken
Produkt-Manager: Silvie Bachmann
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.uraniaverlag.ch
www.akron.de
Inhalt
Cover
Titel
Widmung
Impressum
Dieses Buch und sein Autor
Lieber Aleister Crowley
I Das Buch Thoth – Meine persönliche Geschichte
II Das Buch Thoth – Die magische Ausrichtung
Der Channel und das Liber Legis
»Die Zwillingsfalken« von Har-Sopdu
Die Vision und die Stimme
Der Schutzengel
Eine Standortbestimmung
III Das Buch Thoth – Die Gewichtung für den Tarot
Der Golden Dawn
Samuel Liddel Mathers Farbenskala
Die drei Zeitalter
Die Lady und das Biest
Die projektive Geometrie
Rudolf Steiners Sonnen-Raum
IV Die Person Aleister Crowley – Das Leben des Magiers
Crowleys Erben: McMurtrys Caliphat
V Ergänzungen zur Abbey of Thelema
1. Der Geist der Zeit
2. Die heiligen Fresken
Anhang
Autorenvita
Quellen
Crowleyana
Fußnoten
Dieses Buch und sein Autor
C. F. Frey alias Akron ist der Romantiker unter den Tarotexperten. Weshalb? Er versucht zu begreifen, für uns greifbar zu machen. Unser Leben, unsere Gefühle, unser Zusammenspiel mit allem, was da noch ist – und wie wir dieses Alles wahrnehmen, ist sein Forschungsfeld und dabei nutzt er als Werkzeug den Tarot. Sein »Feld« ist nicht nur »weit«, sondern vor allem tief: Er schaut in die Tiefen der Seelen und riskiert immer wieder Blicke ins Abgründige, ins scheinbar Unerklärbare.
Und damit setzt er, ganz in der Tradition der Romantiker, einen Gegenpol zur gnadenlosen Globalisierung – unserer epochalen Revolution – hin zum anderen, wunderbar Grenzenlosen, alles möglich Machenden, hin zum Imaginären, das wir gemeinsam mit ihm als doch Mögliches erfahren können.
Das Werkzeug für seine magische Philosophie heißt nicht nur TARO, ROTA oder gar RAT(I)O, sondern er hat sich auch den besonderen unter den Tarots ausgesucht und dessen Initiator: den Thoth Tarot und Edward Alexander Crowley, der sich seit seinen jungen Erwachsenenjahren Aleister nennen wird.
Dieser Aleister Crowley war eine der faszinierendsten und schillerndsten Personen seiner Zeit, der es zu eigenem literarischem Erfolg brachte und auf ewig festgehaltenem literarischem Ruhm als zweifelhafte, böse Hauptfigur im Hintergrund in William Somerset Maughams Roman Der Magier, ein Roman, der immerhin in die Reihe der 50-bändigen Bibliothek der Süddeutschen Zeitung aufgenommen wurde, die damit warb, »50 große Romane der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts, ausgewählt von der Feuilletonredaktion der Süddeutschen Zeitung«. Dabei wäre vielleicht der große Somerset-Maugham-Roman Der Menschen Hörigkeit eine Alternative gewesen. Aber eben, Crowley faszinierte, und tut es bis heute, denn das Magische verzauberte zu allen Zeiten und eben auch heute noch.
Aleister Crowley ging als Magier und als Mensch bis an die eigenen Grenzen, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die jenseits seiner technikgläubigen, industrialisierten und dem neuen Gott Fortschritt hörigen Gesellschaft lagen. Doch wenn Crowley seine Grenzen erforschte, um daraus den Gewinn zu ziehen, ein großer Magier zu sein, so trieb er andere, insbesondere Frauen, weit jenseits der ihrigen: in Abhängigkeit, Hörigkeit, ins Elend, ins Irrenhaus oder sogar in den Tod. Dabei hatte er seinen Ruhm, insbesondere den in der Nachwelt, ursächlich zwei Frauen zu verdanken: seiner Ehefrau Rose und, rund 40 Jahre später, Lady Frieda Harris. Rose nämlich war es, die ihm Aiwass, den Boten des ägyptischen Gottes Thoth (Gott der Magie, der Weisheit und der Wissenschaft, aber auch der Schreiber und des Kalenders) ankündigte. Sie befahl ihm, in den Tempel zu gehen und alles zu notieren, was ihm eine geheimnisvolle Stimme diktierte. Das führte schließlich zur Niederschrift seines berühmten Liber Al vel Legis, mit dem er den Neuen Äon der Göttin, ein neues Zeitalter, das der Frauen, einleiten wollte. Dieses Manuskript war 1904 auf merkwürdige Weise verloren gegangen. Jahre später fand er es »rein zufällig« auf dem Dachboden von Boleskine wieder, zur gleichen Zeit, als er von Rose geschieden wurde. Und Lady Frieda Harris war es, von der er glaubte, dass sie einen Tarot nach seinen Vorstellungen und oftmals sehr konkreten Anweisungen, den Regeln des Golden Dawn folgend, kreierte. Doch er merkte nicht oder wollte vielleicht nicht sehen, dass die Malerin Harris sich nicht immer an diese Vorgaben hielt, weshalb manche der Farbbeschreibungen aus dem Liber 777 (in Band II rechts neben den Kartenabbildungen aufgeführt) auch nicht mit dem tatsächlichen Bild korrespondieren. Außerdem fügte Harris einigen Bildern einen weiteren, nicht unbedeutenden Aspekt hinzu: Sie benutzte Rudolf Steiners »projektive Geometrie« für die Gestaltung, besonders gut zu erkennen beispielsweise bei Magus, Hohepriesterin, Eremit, Stern oder Königin der Kelche, aber selbst in Crowleys Signumskarte, dem Ass der Scheiben, noch wahrnehmbar. Und: Steiner war nicht sonderlich interessiert, weder am Golden Dawn noch am O.T.O., dem Erben Aleister Crowleys, wiewohl er eine Zeitlang Mitglied des österreichischen Ablegers des O.T.O. war, sondern verfolgte lieber seine eigenen anthroposophischen Interessen.
Deshalb seien die Fragen gestattet: Müsste der Aleister Crowley Thoth Tarot nicht zumindest auch Frieda Harris Namen im Titel oder Untertitel tragen? Müsste das Liber Al nicht zumindest eine Widmung für Rose enthalten?
So laden wir Sie ein zu lesen:
Diese von Akron festgehaltenen äußerst interessanten biographischen Abrisse aus dem Leben des Aleister Crowley – und damit ebenso Abrisse aus dem Leben einiger höchst interessanter Frauen –, illustriert durch viele Bilder, die fremdes Leben anschaulich machen. Und zugleich auch zu Charles Freys eigener Geschichte, die davon erzählt, wie er dem Magier begegnete, die aber zugleich und vor allem eine unterhaltsame authentische Zeitreise ist in eine kurze Periode der Geschichte des letzten Jahrhunderts, in der noch rebelliert wurde, probiert, experimentiert und gelebt – ohne Zukunftsängste, sondern mit Erstaunen auf die Wunder aller Welten.
Der Verlag
Lieber Aleister Crowley
Ich bitte deinen geneigten Geist um Nachsicht, wenn ich dieses Buch gleich mit ein paar kritischen Bemerkungen eröffne, aber ich denke, für den unvorbereiteten Leser ist es hilfreich, sich in der Auseinandersetzung mit deiner genialen, oft aber auch brachialen und intellektuell kaum zu bewältigenden Botschaft, dem Buch Thoth, nicht alleine zu fühlen. Dahinter verbirgt sich – du ahnst es – meine eigene Erfahrung. Bei meiner ersten Beschäftigung mit dem Thoth Tarot 1981 fühlte ich mich ziemlich frustriert draußen im Regen stehen gelassen, denn ich brachte die für mein damaliges Empfinden stellenweise zusammenhanglos aus verschiedenen esoterischen Lehren assoziierenden und miteinander in Beziehung gebrachten Erklärungen nicht auf die Reihe, bis ich schließlich entnervt aufgab und später auf das deine Message verdrängende, aber eingängig und reflektiert geschriebene Handbuch Gerd Zieglers1 zugriff, das 1984 unter dem Titel TAROT – Spiegel der Seele erschienen war. Was ich damals noch nicht wissen konnte war, dass sich deine Kartenbeschreibungen mit ihren kabbalistischen, magischen und mystischen Korrespondenzen ohne die Kenntnis und Hinzuziehung deiner Lebensphilosophie gar nicht erschließen lassen. Auf der einen Seite erschien mir dein monströses Opus zwar als schier unerschöpflicher Fundus esoterischen Wissens, eine wahre Fundgrube geistiger Tiefe, gespickt mit Einsichten und Erkenntnissen, die völlig neue Dimensionen aufschlossen, und sich im Bestreben, größere Zusammenhänge zu finden, in Schwindel erregende psychologische Höhen hinaufkatapultierten. Auf der anderen Seite beschlich mich aber immer wieder das komische Gefühl, dass du den Leser in deiner widersprüchlichen Art auf die Schippe nehmen wolltest, wenn du, nur um ein Beispiel zu nennen, einerseits bei jeder sich bietenden Gelegenheit von Engeln, Dämonen und anderen außerirdischen Wesen schwärmst, die es zu beherrschen oder zu integrieren gilt, dich aber unversehens als mystischer Atheist bekennst, der sämtliche magischen Erscheinungen als Bestandteile der menschlichen Psyche definiert, und durch das willkürliche Aneinanderreihen und Zitieren endloser Gedankenschlangen sowohl aus seinem Lebenswerk wie auch aus vielen Bereichen der Weltliteratur den atemlosen Leser im sprichwörtlichen Sinn erschlägst.
Heute ist mir klar: Im Grunde handelt es sich bei diesem Buch um den Weg des Narren, der sich um den Preis, seine kindliche Unschuld bewahren zu können, von allen Götzen und Dogmen befreien muss, um seinen Platz anstelle der alten Götter einzunehmen. Dabei vernichtet er seine Eltern, seine inneren Autoritäten, befreit sich von allen falschen Propheten, sprengt die Ketten seiner Konditionierungen und erschafft das Neue Æon aus sich selbst heraus um den Preis der Erkenntnis, dass der Mensch am Ende seines Lebens trotz all seiner Bemühungen einsam und allein dasteht. Dass dieses neue Zeitalter im Grunde nichts anderes als die Vision eines malträtierten Ego darstellt, die Flucht in einen eigenen Wahn, um dem Sektentrauma seiner Kindheit zu entfliehen, wurde mir klar, als ich eine Notiz in deinem Tagebuch fand. Du schriebst: Habe ich überhaupt etwas Wertvolles getan, oder bin ich weiter nichts als ein läppischer Nichtsnutz, der als eine Serie von Veränderung dieser oder jener Art existiert? Ein Ausschuss, Feigling, Strohmann? Ich kann keinerlei Antwort darauf finden, der Urteilsspruch lautet stets eindeutig auf »Schuldig!« Das war für mich der entscheidende Hinweis, der mich auf die Fährte brachte, die sich für mich heute so darstellt: Alle deine prophetischen Visionen sind in Wahrheit wahrscheinlich eine Flucht vor dir selbst – vor deiner eigenen Vergangenheit. Alle deine Erläuterungen sind einerseits sehr detailliert und differenziert, im gleichen Atemzug in ihrer oft ziemlich willkürlich aneinander gereihten Fülle aber sehr verschwommen, und irgendwie erscheint es mir, als ob es dir wichtig gewesen wäre, eine Vision zu entwickeln, an die du glauben konntest. Schließlich ist es gefährlich, die Illusion hinter der Vision zu erfassen, die Klarheit der Wahrheit, denn dann gäbe es ja nichts mehr, vor dem man davonlaufen könnte. Deine Rolle ist die des einsamen Unverstandenen, der ausgestoßen aus den Reihen der Menschheit seine exzentrischen Bahnen zieht. Da dein jugendlicher Geist anfangs noch nicht mit dem »höheren Licht« korrespondierte, konntest du das Schöpfungszentrum nicht erkennen. Trotzdem hattest du stets völlig unbeirrt von anderen deine eigene Initiation vollzogen. Soweit die Einweihungen dafür nicht vorlagen, entwarfst du sie selbst. Doch wer den unerschrockenen Doktor Faustus in dir sieht, müsste auch den Mephistopheles dazu erfinden. Da du deine eigene Mitte in Gott nicht erkanntest, meintest du, Gott umgekehrt als Mittelpunkt in dir selbst erfahren zu müssen. Deshalb identifiziertest du dich mit dem Unerkannten, das du zu erkennen glaubtest, bzw. mit dem Bösen selbst. Damit machtest du das Göttliche zum Teil deines persönlichen Willens und gebärdetest dich selbst als Schöpfer, der die Umwelt nach seiner eigenen Vorstellung bildet und in seine persönlichen Ziele einbindet. Der Advocatus Diaboli nennt es das Luzifer-Syndrom.
Aleister Crowley mit Fischerhut, 1942
Zurück zum Buch. Die einzig verfügbare deutsche Übersetzung deines Epos bei Urania2 ist gespickt mit inhaltlichen wie auch übersetzten Fehlern. Das hat seinen guten Grund. Zur Zeit der Herausgabe deines Buches 1944 warst du von deiner Drogenabhängigkeit schon so schwer gezeichnet, dass es nicht erstaunlich ist, wenn du immer wieder Dinge verwechseltest oder eigene Erkenntnisse widerriefst, als ob du im Alter vergessen hättest, was du als egozentrischer Dandy einst der erstaunten Welt verkündetest.3 Deshalb stellt sich für den unvorbereiteten Leser auch die Frage: Handelt es sich hier nicht um ein unlesbares Buch – einen Quasi- oder Anti-Tarot? Irgendwie ist es eine Art philosophischer Poly-Arhythmie, mystisch verbrämt und sich querbeet durch die verschiedensten Kulturen pflügend, sich dabei aus den verschiedensten Zitaten speisend in einem schier unerschöpflichen Ellaborat mystisch verunklarend gehütet dargestellt. Gerade weil deine Absicht nicht genau umrissen oder klar ist, weil sich die verschiedenen Gedanken und Möglichkeiten an den Grenzen ihrer Dualität überlappen, ineinander eindringen und sich miteinander vermischen, darf man dein Opus – will man einen roten Faden finden – keinesfalls mit dem Verstand ergründen. Jedes Einzelteil in sich ist weder präzis noch einleuchtend, aber zusammen ergibt es einen Geist, in dem der Leser spürt, dass das ganze Universum als menschliche Vision in ihm enthalten ist. Indem du alles mit deinen Erklärungen zudeckst, erschaffst du eine »überdefinierte« Situation, die zwar alles einschließt, was einem dazu einfällt, aber gleichzeitig auch alles offen lässt. Mit einem Satz: Es macht ganz den Anschein, als ob du in diesem Kartendeck nicht nur dein ganzes Lebenswerk, sondern auch ein ganzes Universum an Assoziationen und Gedankenfragmenten hineininterpretieren wolltest. Du versuchst die Symbole zu überhöhen, indem du erklärst, dass sie im Grunde einer höheren Absicht dienen, die in diesem oder jenem Werk nachzuschlagen wäre, wobei du zur Darstellung des Unerklärbaren gerade wieder jene (unerklärten) Symbole benutzt. Es ist ein merkwürdiger Versuch, von dem abzulenken, was du eigentlich zu erklären suchst, und damit das zu beschreiben, was sich nicht beschreiben lässt, dem Leser aber trotzdem das Gefühl zu geben, dass in seinem Geist das Unbeschreibliche irgendwie seinen Platz hat, wenn er zwischen den Zeilen liest, deinen Fußnoten folgt oder die von dir empfohlene Literatur (meistens deine eigene) beizieht. Und tatsächlich: Der Wissensanspruch, den du dir selbst gesteckt hast, ist unwahrscheinlich hoch. Es ging dir darum, neben der Kabbala, der jüdischen Geheimlehre, die hinter Zahlen und Buchstaben den verborgenen Sinn der Welt sucht, und den philosophisch-okkulten, Hermes Trismegistos zugeschriebenen Schriften, in denen ägyptische, griechische, jüdische und christliche Bestandteile vereinigt sind, auch die Symbole der Freimaurer, Illuminaten, Rosenkreuzer und des Fernen Ostens mit einfließen zu lassen. Du vermischtest das Ganze in einer Art »gnostischem Mix«, der über die Ingredienzen der Alchemie, des magischen Enochismus und der heiligen Magie von Abramelin sowie unter der weiteren Einbeziehung von Schutzkreisen, Zauberstäben, Anrufungen, altägyptischer Mystik und einer Prise Sexualmagie zu einem in der okkulten Szene bekömmlichen Drink »verschüttelt« wird, mit der Kirsche des viel zitierten Satzes Do what thou wilt shall be the whole of the law (Liber Legis I/40) darin.4
Kommen wir zu Gott. Vom unreifen, aber begeisterten Bruder Perdurabo bis zum schwergewichtigen, aber illusionslosen Meister Therion war es für dich ein langer Weg, und was einstmals eine zynische Identifikation mit dem war, was die gehasste Kirche den Erlöser nannte, verwandelte sich im Lauf der Zeit in eine komplexe magische Operation. Allmählich transformierte sich der Mensch in deinem Weltbild gleichermaßen in Schöpfer und Geschöpftes, Wanderer und Weg, Täter und Opfer der historischen Entwicklung, und nicht selten schwang deine Poesie auf einer geistigen Frequenz, bei der man den Eindruck hatte, dass sie aus einer übermenschlichen Quelle strömte. Oft beziehst du dich auch auf Geistführer und höhere Stimmen, die du zu interpretieren versuchtest, aber man hat dabei weniger das Gefühl, dass dir die Geister etwas mitteilen möchten, sondern – umgekehrt – dass du für die Geister eine Botschaft hattest, die sie dann stellvertretend über dich der Welt verkünden. Die Darstellung des Unsagbaren scheint dich zu beflügeln, Sinnbilder aus dem Hut zu zaubern, die dem unbewussten kollektiven Speicher entsprungen sind, und diese in einen überlieferten Mantel zu kleiden, wie ihn nicht nur der Mythos, sondern auch die Literatur oder die bildenden Künste bieten, wenn es gilt, etwas emotional »heraufzugewichten«, das man als innere Sehnsucht bezeichnen kann. Diese Symbole auf der Ebene der Träume und Phantasievorstellungen hast du sehr elegant in deine außerirdischen Erscheinungen gehüllt, die ihre Visionen in deinen Schriften so zweckdienlich entfalteten, dass man sich die Frage stellen muss, ob da möglicherweise nicht doch höhere Kräfte im Spiel waren? Diese »spirituelle« Haltung war gerade um die Jahrhundertwende sehr beliebt. Doch nicht nur du – auch viele andere spirituelle Meister, die ihre Botschaften wie harte Brotreste in alten Mysterien aufweichten, schöpften mit ihren Löffeln tief in den geheimnisvollen Pfründen außerirdischer Erscheinungen, mit denen sie die Suppenteller ihrer Anhänger füllten. Selbst wenn sich das ein wenig despektierlich anhört, heißt das nicht, dass manche Höhenflüge der selbsternannten Gurus, nur weil sie sich nicht in ein anerkanntes Religionsmodell einfügen, deswegen weniger wahr oder wirklich sind als die überlieferten Wundertaten der Heiligen der großen Kirchen.
Im Rückblick sieht es fast so aus, als ob der Mensch gezwungen ist, nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form des Mythos zu benutzen, um seiner eigenen Ergriffenheit, die er in der Realität nicht unterbringen kann, in den Künsten und Gefühlen ein Denkmal zu setzen. Das war schon in der Klassik und Romantik nicht anders. Wenn Goethes Faust kraft seines Paktes die »Projektion des Ewigweiblichen in sich« erfährt und am Ende am Selbstbekenntnis seiner Selbsterkenntnis scheitert (bevor er durch einen dramaturgischen Kniff des »himmlischen Herrn« gerettet wird), so ist dein Bruder Perdurabo5 ein schöpferischer Masochist. Er will bis ans Ende aushalten, auch wenn ihn die Langeweile beinahe erschlägt, denn nur wer bis ans Ende aushält, hat später nichts mehr auszuhalten. Dabei hattest du selbst die Menschheit als das furchtbarste Ereignis auf dem Planeten Erde, dem Planeten der Langeweile, deklariert. Wenn also weder Fausts geistige Erkenntnis noch Nietzsches erkannte Wahrheit annehmbar ist – was bleibt dem Menschen dann? Du hast es uns erklärt: das Neue Æon. Wo es für Faust die schöpferische Weiblichkeit einer wirklichen Frau ist, die durch ihre Schönheit hindurchleuchtet und ihn wie ein Flammenmeer anzieht, ist es für dich die Erweiterung des Menschen bis zu den Grenzen des Absoluten, bis in den Kern des wahrhaftigen und einzigartigen Gottes, der in jedem Menschen schlummert und die Seele einzig und allein entflammen kann: Nicht das Leuchtfeuer des Ewigweiblichen, sondern der Archetypus des Ewiggöttlichen ist das, was dich anzieht. Das Geniale bei dir war, dass du jede deiner göttlichen Inspirationen so exakt übermitteltest, dass sich dein persönliches Destillat irgendwo auf einer geistigen Frequenz so stark verankern konnte, dass sich auch heute noch viele Menschen davon angezogen fühlen. Auch wenn die meisten deiner Einfälle wieder in Zwischenbemerkungen ausufern und in den Fußnoten literarischer Verweise zerstäuben, im Gebrause und Getöse der nächsten Idee triumphieren oder im Dickicht der unter den Tisch gefallenen Idee warten, bis ein nächster Assoziationsfunke sie fünfzig Seiten später wieder zum Leben erweckt, macht sie das zwar für den Laien oft unverständlich, nicht aber für den Studierenden, der ja darauf lauert, immer wieder ein weiteres Puzzlestück vom großen Kuchen zu erhaschen, das er in sein Mosaik einfügen kann.
Alles in allem ist das Buch Thoth in der gesamten Tarotliteratur ein herausklaffender Einzelgänger. Man könnte sogar behaupten, dein gesamtes Werk rage in seiner erschlagenden Fülle und der unkontrollierten emotionalen Kraft wie die New Yorker Freiheitsstatue aus dem verbrämten esoterischen Geist um die Jahrhundertwende heraus6, nicht nur im Sinne einer avantgardistisch-revolutionären Leistung, sondern auch wegen deines eigenen, exzentrischen Stils. Es ist die Ehrlichkeit und der Stolz eines vom Gefühl seiner Überlegenheit zutiefst durchdrungenen Ego nach dem Motto Der Mittelpunkt bin ich! In The Sacred Magick, Canto VII, schriebst du einst über dich: Ich weiß, dass ich einer der ewigen Götter bin, und es verdrießt mich, dass ich anderen Göttern begegnen muss, die entweder unterlassen, mich zu ehren, und mich hassen oder verachten, oder dass andere verfehlen, sich selbst zu erkennen und daher mich mit Anbetung behandeln statt mit Achtung, mit Knechtschaft statt mit Freundschaft; die mir Gehorsam anbieten, wenn ich Kameradschaft benötigte, den Stein des Dienstes, wenn ich nach dem Brot der Liebe hungere. Und – in der Tat: Du warst im künstlerischen Empfinden »nach oben« offen und deine schöpferische Potenz war ungeheuer. Deshalb soll die Beschäftigung mit diesem Koloss auch nicht in die Richtung gehen, an deinem Denkmal zu kratzen – im Gegenteil. Das Ziel liegt darin, den Sinnbildern, die du aus verschiedenen Kulturen zu diesem inspirierenden Patchwork zusammengetragen hast, sachlich nachzuspüren, nicht nur um das filigrane philosophische Netzwerk herauszufiltern, das du um jede der Karten gesponnen hast, sondern um auch in die vielen Töpfe zu gucken, an denen du so reichlich geschnuppert hast. Letzten Endes geht es auch darum, ein bisschen über die Hintergründe deiner magischen Auftritte und Akte von Selbstdarstellung zu spekulieren, über die Art und Weise, wie du deine eigene Aufgabe verstandest und nach außen inszeniertest. So wenn du beispielsweise deine manchmal derben Eingebungen einfallsreich in ein für deine Umwelt »objektives« Weltbild einknüpftest, auf dem sich deine Jünger so hurtig um die Schwerkraft ihres Meisters herumdrehen ließen. Oft erscheinst du auch manisch-depressiv: wenig einfühlsam vor dem Wesen der anderen, besonders, wenn du deinem bärbeißigen Sarkasmus die Zügel schießen lässt. Dein Witz ist inspirierend und kreativ, grob und schonungslos und deine Worte oft verletzend wie scharfe Messer. Als The Great Beast und Freistil-Schamane warst du stolz wie Satan und spucktest auf die erbärmlichen Glaubensbekenntnisse der anderen; dabei bedientest du dich in deiner »Welterkenntnis« selbst ausreichend der Literatur, Philosophie, Psychologie, der Freudschen Psychoanalyse einschließlich der Erkenntnisse und Überlegungen der theoretischen Physik.
Unbestritten ist aber auch die Tatsache, dass du in der gesamten Tarotliteratur zweifelsfrei derjenige warst, der am meisten sowohl zur Bereicherung wie auch zur Verwirrung mythologischer Bilder und Symbole beigetragen hat, und wir können sicher sein, dass das noch länger so andauern wird. Dein eigener Kampf gegen die Gesellschaft und die lodernde Flamme deiner eigenen Selbstsuche ist der geistige Ruf, den du den Menschen, die dem Druck der Gesellschaft nur schwer standhalten oder durch die Leere eines nie gefundenen Lebenssinnes an sich selbst zweifeln, entgegenhältst: Verzweifle nicht! Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen. Dieses Licht deiner visionären Auseinandersetzung mit den Kräften des Kosmos wird seinen Schatten auch weiterhin in den Prägungen der dir geistig oder seelisch verwandten Menschen vorauswerfen, die deine Fackel in ihren Köpfen und das Mantra auf den Lippen tragen: Erkenne deinen Wahren Willen und tu ihn. Gehorche dir selbst! Nur schon allein für diesen Kampfruf der Selbsterlösung vor der kollektiven Angst des Ego vor sich selbst gebührt dir unser aller Dank!
Wintersonnenwende 2006 – in tiefer Ergebenheit
Dein

I Das Buch Thoth –
meine persönliche Geschichte
1967 – 1968 (Erste Berührung)

Charles im Juni 1968 in der Tenne, einem Nachtclub in Konstanz
Meine erste persönliche Berührung mit dem magischen Branding des Meisters hatte ich im Flower-Power-Hippie-Sommer 67, als mir jemand in der Kasernendisco in Göppingen, in der wir jeden Abend für die GIs rockten, bevor sie nach Vietnam ausgeflogen wurden, ein schrilles Buch mit der Bemerkung in die Hand drückte, das sei ein Text über den größten Satanisten dieses Jahrhunderts. Möglicherweise war es mein umgedrehtes Kreuz um den Hals aus einem Dracula-Film, das mich für dieses Präsent prädestinierte, vielleicht aber auch der Status des Drummers einer professionellen Rockband mit 900 Mark Monatsgehalt, was damals der Traum eines jeden Jungen war. Es war der Sommer des Welthits All you need is love, der Vorbote oder der Sommer vor dem Sommer der Liebe, der ein Jahr später kam: ein halbes Jahr bevor die Beatles ihr Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band-Album herausbrachten und die Stones ihr Their Satanic Majesties Request-Opus hinterher schoben, als Swinging London auf dem Höhepunkt shakte und swingte und sich die ersten Meditationsgruppen bildeten, die ein Jahr später in den fernen Osten pilgerten, die ersten Joints die Runde machten, aber nur unter den Trendsettern, die wussten, wo das Zeugs herkam. Als Jimi Hendrix auf dem Höhepunkt seiner Karriere seine Sternenbannerhymne durch die Metallsaiten quälte und durch die monströsen Marshalltürme wie Manna über die entrückte Zuhörerschaft ausstreute, als California dreaming Marihuana invoziering sich mit dem Sound von Mamas and Pappas oder Tyrannosaurus Rex allmählich in den Gehirnnebeln festsetzte und alle von einer Hippieranch oder einer Landkommune träumten, bis uns der Sharon Tate-Mord um Charles Manson aus unserer Haschischwolke aufschreckte. Es war die Erinnerung an die Illusion einer Gesellschaft von freien Menschen, wie sie sich zu Hunderttausenden im Schlamm von Woodstock suhlten, die Vision, wie sie friedvoll miteinander umgingen, wie sie aßen, schliefen, kackten, sich liebten und miteinander stritten, Babys zeugten, Freundschaften schlossen, Pot rauchten, Gedichte schrieben, Filme drehten, Bullen verarschten, einfach der ganz normale (abgehobene) Alltag, wie ich ihn am Ende der sechziger Ära in Erinnerung hatte. Unter dem kosmischen Sound der Hendrix-Nummer 3rd Stone From The Sun auf der ersten LP waren wir zum Aufbruch bereit, es fehlte nur noch ein Kick, ein Auslöser, da alles, was in der Luft lag, noch nicht richtig greifbar war und erst ein Jahr später gesellschaftliche Realität wurde, und deshalb kam mir der erste Kontakt mit den Schauergeschichten des grusligen Schwarzmagiers gerade recht. Es passte einfach wunderbar ins Konzept. Oder vielleicht zu dem mir bislang unbekannten Teil meines unterschwellig brütenden, magischen Charakters.
H. R. Giger und Albert Hofmann im Frühling 2007

H. R. Giger und Sergius Golowin 1973

Timothy Leary und Sergius Golowin im Sinus-Studio in Bern 1972
Bei mir schlug Meister Therion wie eine Bombe ein, und als dieser Jemand, der mir diese Schrift in die Hand drückte, weiter erklärte, dass es sich bei diesem Menschen um einen Abtrünnigen direkt aus der Hölle handelte, dem jede menschliche Regung fehlte, passte das wie die Faust aufs Auge meines unschuldigen, wertherhaften Klischees des unverstandenen Bösen. Dass er daneben auch noch über übersinnliche Kräfte verfügen sollte, die er wie Mephisto in Goethes Faust zum vordergründigen Schaden seiner Umwelt benutzte, die seine Strategie nicht durchschaute, bis sich irgendwann alles wieder zum Guten wendete, war eigentlich nur folgerichtig. Auch wenn man weiß, dass es die inneren Prägungen oder unentdeckten Neigungen eines jungen Menschen sind, die sich ihn an die passenden äußeren Plattformen herantasten lassen, um seine eigenen unentdeckten Anteile nach außen zu tragen und in einem passenden Label spiegeln zu können, so wurde (meine Vorstellung von) Crowley plötzlich zum Sahnehäubchen auf dem etwas lauwarmen Gebräu meiner Weltanschauung, denn die Schamanen, die mich später auch anzogen, waren mir noch nicht bekannt1 und die langsam aufkeimende intellektuelle Auseinandersetzung mit politischen Fragen, die ein paar Monate später folgte, war mir ohne magischen Konsens in ihrer theoretischen Art zu trocken, sodass ich die Inhalte immer wieder mit ein bisschen Dampf aus der Wasserpfeife »nachspülen« musste. Das war noch bevor Politik vielen jungen Menschen auch Spaß zu machen begann, da sie den Alten das Fürchten beibringen konnten, wenn sie gegen den Vietnamkrieg protestierten und Molotowcocktails gegen den Kapitalismus warfen oder sich zu einer Demonstration vor dem Pentagon zusammenfanden. Noch bevor Ulrike Meinhof in der Zeitschrift Konkret ihre eigene Kolumne hatte, Herbert Marcuses kritische Weiterführungen sozialtheoretischer Ansätze von Hegel, Marx und Freud sich in hitzigen Diskussionsrunden in Studentenbuden mit Räucherkerzen und Potgeruch mischten, die Mao-Bibel im Entree jeder anständigen Kommune manchmal direkt neben Theodor Adornos fulminanter Entlarvung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse oder gar ausgehängten Scheißhaustüren als Zeichen kapitalistischer Befreiung lag2. Und auch ein paar Monate bevor die ersten Horrormeldungen über einen abgefahrenen Harvard-Professor über den großen Teich herüberschwappten, der in einem großen Interview von einer Wahnsinnsdroge erzählte, die der Schweizer Chemiker Albert Hofmann entdeckt (und in einer rasenden Velofahrt durch Basel nach deren versehentlichen Einnahme – ohne Kopfhörer und Pink Floyd-Sound – gleich auch selbst eingeweiht) haben soll. Die Rede war von einer Zauberpille, die das Bewusstsein in einen anderen Seinszustand katapultierte, von neuen menschlichen Schaltkreisen im Nervensystem, die dadurch erfahrbar werden, Quantensprüngen, die unsere Entwicklung angeblich so verfeinerten, dass wir wie Tachyonen aus den okkulten Traditionen unserer Gesellschaft hinausgeschleudert wurden. Erinnerungen übrigens, die heute in Phonokinetoskopen simuliert werden, um das Gefühl zu wiederholen, wie es war, als wir uns damals mit einer Birne voller Acid und Moody Blues im Ohr beinahe darüber totlachten, als der Kellner in einem Restaurant für die Getränke plötzlich Geld einziehen wollte, weil das mit dem flöten- und sitarunterlegten Om aus In Search of the Lost Chord im Hinterkopf nicht zu vereinbaren war. Ich ahnte damals nicht, dass Timothy Leary schon drei Jahre später auf seiner Flucht vor der amerikanischen Justiz Anfang der Siebziger bei uns im Schweizer Exil landen würde, umgeben von einem illustren Kreis Psychedelikern unter dem Primus inter pares Sergius Golowin und unter Beisein vieler junger Rebellen wie H. R. Giger, Walter Wegmüller oder auch der Züricher Hell’s Angels, bevor ihn die Behörden schließlich wieder in die USA auslieferten. Was ich aber noch weniger ahnte war, dass der besagte Professor einen direkten Kontakt zu Israel Regardie hatte, der nicht nur Weggefährte, sondern zwischen 1928 und 1932 auch Crowleys persönlicher Sekretär war und Leary mit dessen Werk in Verbindung brachte. Es lag auf der Hand, dass der mit LSD und anderen mystisch-ekstatischen Erfahrungen experimentierende »Drogenpapst« Leary sich prächtig mit dem Ex-Sekretär des »verruchtesten Mannes dieses Planeten« verstand. Leary bekannte sich später öffentlich zu den Schriften Crowleys und seinem thelemitischen Einfluss.

Asyl für Timothy Leary – Brief vom 3. 7. 1971 an den Bundesrat, die höchste schweizerische Instanz
Mein unbekannter Freund, nennen wir ihn einmal in Anlehnung an Crowleys Terminologie meinen persönlichen Schutzengel3, faselte unter dem Mantel der Verschwiegenheit irgendetwas von einer Rache an einigen hundert Jahren europäischer Kultur-Bevormundung durch die Verbindung von Musik und Magie, was ich nicht richtig verstand, jedenfalls beschwichtigte er mich, als ich ihn blöd anglotzte, mit dem Spruch, Crowley sei auch der Schöpfer des Friedenszeichens gewesen (gespreizter Zeige- und Mittelfinger), mit dem wir Hippies uns untereinander grüßten, und damit waren meine Bedenken zerstreut. Er sagte weiter, jede Veränderung begänne mit Provokation und Rebellion. Das wäre die Hefe im Teig der menschlichen Entwicklung, aber am Ende jeder Entwicklung entstünde eine bessere Welt. Diese Argumentation war mir aus meiner Pubertät nicht unbekannt, als wir die Autoreifen unserer Nachbarn zerschnitten und alles, was unsere Väter für gut befanden wie beispielsweise ein gesichertes Studium, rundweg ablehnten. Ich kam mir vor wie Richard Wagner auf den Dresdener Balustraden, der sich plötzlich inmitten eines Aufstandes fand, obwohl ihn im Bann seines eigenen Schöpferdämons Politik eigentlich gar nicht interessierte. Genauso wenig beschäftigte mich auch die revolutionäre Botschaft, die er mir da ins Ohr säuselte, und Probleme mit dem Christentum hatte ich bis anhin auch (noch) keine4, aber die Bezeichnung größter Satanist war schon eher etwas, das in meinen Ohren klingelte, denn ein solcher Titel kam in meiner persönlichen Gewichtung gerade nach den Begriffen größter Schlagzeuger oder größter Gitarrist. Um die Jahrhundertwende, fuhr mein himmlischer Schutzengel an diesem heißen Juni-Spätnachmittag in der stickigen Disco fort, bevor er für immer verschwand, soll der Magus in der Wüste eine Vision gehabt haben, die ihm versicherte, dass er Luzifer persönlich sei, und auch, wenn man später erfuhr, dass diese Halluzination auf seine Mutter zurückging, die ihn Beast oder Tier 666 nannte, wenn er als Kind unartig war, eine Bezeichnung, die sie als frömmelnde Sektiererin der Johannes-Apokalypse entlehnte (Offenb. 11,7), tat das der Begeisterung keinen Abbruch. Sätze wie Der Weg zum Himmel führt durch die Hölle waren einfach zu stark, um meinen rebellischen Geist nicht zu entzünden, und mein magischer Verstand folgerte messerscharf, diese Botschaft müsste in den geplagten Köpfen rebellierender Gymnasiasten und Lehrlinge gut ankommen. Ich malte mir förmlich aus, was für ein kreativer Stich ins Herz eines jeden verkrusteten Paukers es doch wäre, wenn ihm die Schüler auf die Standardfrage Was wollt ihr werden? nicht mit einer üblichen Standardantwort wie Arzt oder Rechtsanwalt, sondern mit einer crowleyschen Vision wie beispielsweise Rächer der Enterbten, Advocatus Diaboli der Intellektuellen oder einfach größter Magier dieses Jahrhunderts kämen. Also gründeten wir flugs unseren magischen Kreis. Andere Schauergeschichten, dass Crowley Fledermäusen den Kopf abbiss oder Ziegen schlachtete, gingen mir dagegen auf den Geist, denn ich hatte schon immer etwas gegen körperliche Gewalt. Mich interessierten vielmehr die psychischen Prägungen, die Menschen beeinflussen, und die Möglichkeit, wie man solche unbewussten Befehle selbst manipulieren kann. Und auch die sexuellen Protzereien, von denen das Buch nur so strotzte, interessierten mich nur soweit, wie sie mir halfen, mit meiner verklemmten Sexualität endlich alle Frauen flachzulegen, indem ich mir ein mystisches Gebräm überzog und damit meinem geschrumpften Selbstbewusstsein einen gehörigen Wachstumsschub verpasste. Auch der Höhepunkt der geschilderten Provokationen, dass es beispielsweise zu seinen zahlreichen Perversionen gehörte, sich auf den Teppich zu entleeren mit der Behauptung, seine Exkremente seien etwas magisch Anmutendes, ließen mich völlig unberührt; sie fielen mir erst wieder ein, als Fritz Teufel zwei Jahre später in einem großen Happening mitten in seiner Gerichtsverhandlung den Richtern auf den Tisch schiss.
1969 – 1972

Timothy Leary und Sergius Golowin
Der kulturelle Wandel in den Sechzigern, ausgelöst durch die Beatles und Stones, die die Aufbruchstimmung des Rock’n’Roll oder den revolutionären Ansatz eines James Dean wieder aufnahmen und das Ganze plötzlich mit Drogen und Flower Power mischten, konnte auch an Meister Therion nicht wirkungslos vorübergehen. Er wurde von den Hippies nicht nur wegen seiner Drogenphilosophie5, sondern auch wegen seines freien Sexverhaltens zum Drogenpionier und Urvater einer freieren sexuellen Gesellschaft ernannt, die es plötzlich schick fand, vom Geist Crowleys mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Revolution »entjungfert« zu werden. Derselben Meinung waren auch die findigen Journalisten des Sunday Times Magazines,die ihren Landsmann 1969 in einer Auflistung der tausend kreativsten Macher des 20. Jahrhunderts neben Lenin und anderen Berühmtheiten auf die Titelseite setzten. Andere verbreiteten das Gerücht, dass Crowley es war, der Aldous Huxley Experimente mit Meskalin empfahl und damit entscheidend zur Bibel der Hippie-Bewegung, Huxleys berühmtem Drogenwerk Die Pforten der Wahrnehmung, beigetragen habe. Das und ein paar andere Geschichten führten dazu, dass Crowleys Geist hinter den engen Bereichen seiner okkulten Gemeinde wieder hervorzuschielen begann, in denen er seit seinem Tod gefangen war, und sein Werk langsam Zugang zu einer größeren Öffentlichkeit fand, nachdem seine Person wieder ein gewisses Interesse erweckte, da er wie so viele andere »schrille Vögel« im nüchternen Wirtschaftsaufbau der Nachkriegsgesellschaft völlig untergegangen war.

Beatles, Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band, 1967, Apple (Pfeil weist auf Aleister Crowley)

Black Sabbath, 1970, Warner Bros. Records
Jedenfalls schien eurem geneigten Schreiber die Zeit zum Aufbruch allmählich gekommen, denn kaum hatte er einen gewissen regionalen Status als Magier erreicht, war Aleister Crowley plötzlich Kult und strömte in Form einer neuen Welle von Okkultrockern aus allen Musikboxen und Radiohitparaden, während die Beatles gleichzeitig nach Indien zu ihrem Yogi Maharishi pilgerten, bevor sie sich später im Magical Mysterie-Filmprojekt verirrten. Man nannte dieses Phänomen mit seiner Mischung okkulter Elemente von Bühnenshow, lasziven Texten von Schwarzen Messen, Hexenkult und Teufelsbeschwörungen und sinistren Plattenhüllen Okkultrock. Wenn es aus heutiger Sicht ähnlich der gestylten Gruftie-Szene auch eine völlig harmlose Sache war, die einfach ein bisschen mit den Zitaten des Okkultismus spielte, so erschienen solche Leute nach außen doch ungeheuer gefährlich und irgendwie mit dem Teufel im Bunde. Natürlich hatten die Gerüchte einen gewissen Hintergrund, aber der war weder teuflisch noch magisch. Er hatte zwei ganz simple Namen: halluzinogene Drogen und – daraus abgeleitet – jugendliche Überheblichkeit und Größenwahn. Es war die vorherrschende Haltung der Rockstars gegenüber dem Establishment und den Medien, wobei sie sich – und wir mit ihnen – dabei unwahrscheinlich klug vorkamen. Statements der (ab-)gehobenen Art wie beispielsweise Wir versuchen, mit unserer Musik den Leuten in dieser beschissenen Welt einen Sinn zu geben, vom Frontman der Gruppe Black Sabbath anlässlich ihres Plattendebüts vor der versammelten Presse zum Besten gegeben, waren keine Ausnahme. Das war einfach so. Der Spruch war nicht einmal überdurchschnittlich dämlich, sondern bloß durchschnittlich blöd, wenn ich auch zugeben muss, dass mich nicht nur das Cover mit der verfallenen Mühle, dem verfaulten Tümpel und der gespenstischen Lilith im Vordergrund vom Hocker haute, sondern auch der so genannte Tritonus, jene verminderte Quinte, die schon Niccolo Paganini zum Teufelsgeiger machte und die den Titelsong Black Sabbath einleitete, vom passenden Glockengebimmel umrahmt, das gern als untermalender Effekt in Gruselfilmen verwendet wird. Zehn Jahre später widmete der Sänger dieser Band, Ozzy Osbourne, seinem Vorbild einen Song, Mr. Crowley, der, wenn auch etwas hirnrissig, bei den Leuten gut ankam und für einen vollen Klingelbeutel sorgte. Osbourne war sowieso der Genialste, wenn es darum ging, sich mit den Federn Meister Therions zu schmücken, und er scheute sich nicht, zusammen mit Crowley samt Scharlachfrau auf einem durch Fotomontage zusammengebastelten Plakat zu posieren. Das aber nur nebenbei.

Boleskine House (Landschaft)
Durch die Welle der Entrüstung seitens der erschreckten Bürger und Moralhüter wurden auch Mitläufer und Trittbrettfahrer für die Gazetten ein ergiebiges Thema, wie heute noch, wenn es um Okkultismus oder Satanismus geht, und plötzlich fanden wir uns im ersten scheuen Lichtstrahl des öffentlichen Interesses, wenn auch etwas mehr im Schattenbereich, für den ein zweiter Scheinwerfer aufgestellt werden musste, damit der Schatten ins Licht hervorgelockt werden konnte. Die Zeitungen schrieben von einer neuen Geisteshaltung, einer neuen Religion, die dem Aufbruch zu den indischen Yogis nach beatlemanischer Art diametral entgegenstand. Als Seuchenherde rekrutierten sie die okkulten Rockgruppen, die den Nährboden für diese Brut bildeten. Der ganze Affenzauber war natürlich mehr albern als gefährlich, ein Instrument der eigenen Persönlichkeitsfindung, aber durch das Gewicht, das sich da wie ein Lavastrom über uns »Satansjüngern« ausgoss, standen wir mit einem Mal im Mittelpunkt und mussten uns für dieses Vertrauen gegenüber der Öffentlichkeit irgendwie rechtfertigen. Wir taten das, indem wir mit dem gesellschaftlichen Klischee in Übereinstimmung zu kommen suchten. Das war gerade der Kick, denn würden wir die Menschen in ihrer Erwartung enttäuschen, dann würden sie die »teuflische« Projektion wieder von uns abziehen, das brüchige Gerüst unserer neu erworbenen Identität fiele wie ein Kartenhaus in sich zusammen und wir wären wieder das, was wir schon vorher waren – nichts! Also holten wir unseren größten Schmonzes aus der inneren Selbstdarstellungskiste und die Journalisten haben alles gefressen, was wir ihnen auftischten, obwohl sie es eigentlich besser wissen mussten – aber sie wussten natürlich auch, was bei den Lesern gut ankommt. Es ist das Thema, das nach dem Sex die tiefsten inneren Instinkte anspricht: die verdrängte Lust am Bösen als eine Form der unerlebten Freiheit. Ich war, ohne es richtig zu verinnerlichen, schon ganz im Sinne Crowleys unterwegs, nicht im Geiste Crowleys, aber immerhin im passenden magischen Gewand. Den betreffenden Namen hatte ich gleich zur Hand: Blackstone Inspiration. So taufte ich 1969 unsere Untergrund-Zeitung.

Werbung für die Hard-Rock-Gruppe Led Zeppelin. Auf der Titelseite unterstreicht Jimmy Page seine Verbindung zu Crowley.
Im Buch, das mir mein »Schutzengel« überlassen hatte, standen auch ein paar gruslige Storys von einem geheimnisvollen Landsitz, in dem Crowley mit seinen Geistern kommuniziert und seine erste große magische Zeremonie abgehalten haben soll. Die Leute im Dorf hatten alle Angst vor ihm und seinen dunklen Kräften und es wird auch von Menschen berichtet, die den Verstand verloren oder unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. Dort, am Ostufer von Loch Ness, inmitten der alten, an das Grundstück grenzenden keltischen Gräber, die in den Sagen als Treffpunkt schwarzer Hexen beschrieben wurden, war die Rede von der Beschwörung von Abra-Melins Dämonen, die Crowley herbeirief, aber nicht unter Kontrolle brachte, vom Chaos, das ausbrach, von Dienern und Freunden, die ins Delirium fielen.6 Als sich in der Szene herumsprach, dass Jimmy Page, der gefeierte Leadgitarrist der sagenumwobenen Rockgruppe Led Zeppelin Crowleys gespenstischen Landsitz Boleskine mit Blick auf Loch Ness gekauft hatte, um sich zwischen den Tourneen oder Plattenaufnahmen zurückzuziehen und Magie zu tanken, nebst einem Buchladen mit dem sinnigen Namen The Equinox, Crowleys gleichnamiger Zeitschrift, da war’s unserem jungen Helden klar: Eine gute Band musste her, mit der er auf Tournee gehen konnte (= Die Reise des Helden), und ein Landhaus, um die okkulten Feiern zu veranstalten. Also formierten wir eine passende Band und zogen in den Bayerischen Wald, mieteten ein altes Gemäuer, probten wie die Verrückten und feierten Schwarze Messen, gaben Interviews, hielten Pressekonferenzen ab und gaben eine Pressemitteilung heraus, dass wir für unsere Bühnenshow eine passende Darstellerin suchten, die sich als »nackte Jungfrau« ans Kreuz schlagen ließ7, experimentierten mit Texten, die verschlüsselte Botschaften enthielten8, wenn man sie rückwärts abspielte, eine Technik, die Crowley zugeschrieben wurde und die ich mir auch aus dem besagten Buch entlehnt hatte. Dieses Rückwärtseinspielen von Plattenaufnahmen, wodurch geheime Botschaften übermittelt werden, wurde später berüchtigt. Das prominenteste Beispiel ist Led Zeppelins Welthit Stairway to Heaven, der vordergründig einen Passus aus der ägyptischen Mythologie beschreibt, rückwärts gespielt aber ein satanisches Glaubensbekenntnis enthält. Uns schienen diese Gedankengänge plausibel, denn wir hatten gelesen, dass die Satanisten einfach das Christentum umkehrten, indem sie statt einer Friedenstaube einen schwarzen Raben zur Kultfigur machten. Es war ja ganz leicht, so böse wie Crowley zu sein: Wir mussten nur die Grabkreuze auf dem Friedhof auf den Kopf stellen und das Vaterunser rückwärts beten, diesen ganzen verrückten Unsinn halt, der in seiner gängigen Einfachheit die Gefühle bewegte und unsere unterschwellig dunkle romantische Art ans Tageslicht brachte. Gut, ich will es hier zugeben: Wir hatten auch ein bisschen Hegel und Fichte in unser magisches Bekenntnis eingestreut, denn ganz so bekloppt wollten wir unter den Studenten nicht dastehen.

Die Frau am Kreuz (nach dem ursprünglichen Model 1971, das für die Band posierte)

»In Regensburg wurden ihnen die Instrumente gestohlen, in einem Kölner Lokal wurde ihre ganze Anlage ein Raub der Flammen. Trotzdem sind Amon Düül weiter ›topfit‹, was sie am Samstag um 20 Uhr in der Regensburger Uni-Mensa unter Beweis stellen wollen. Neu ist, daß die Gruppe jetzt zusammen mit der Thallmassinger Kommune ›Black Mass‹ ein musikalisches Kollektiv bildet, was einen interessanten Klangkörper geben dürfte. ›Black Mass‹ allein sind, so der Ingolstädter ›Donaukurier‹, bereits ihr Eintrittsgeld wert.« Mittelbayerische Zeitung, 20. Juli 1971
Neben Led Zeppelin und Black Sabbath gab es im okkulten musikalischen Eintopf anfangs der 70er Jahre ein paar weitere Kracher wie Deep Purple oder Rainbow mit ihrem Sänger Dio9, anfänglich noch die Rolling Stones, die 1967 von keinem Geringeren als von Anton Szandor La Vey, Gründer und Hohepriester der First Church of Satan, der Satanskirche in San Francisco, zu ihrer grandiosen Platte Their Satanic Majesties Request inspiriert worden sind, wenn man dem Gerücht Glauben schenken darf. Kurz darauf entstand der Song Sympathy for the Devil, um deren Eingebung sich der satanische Oberhirte mit Kenneth Anger, Filmemacher und selbsternannter Crowley-Schüler, der zusammen mit dem Sexualforscher Robert Kinsey die erotischmagischen Fresken des Meisters in der Abtei Thelema in Cefalù aus dem Staub hervorbuddeln und fotografieren ließ10, zeit seines Lebens stritt. Das Lied wurde dann auch nur sehr bedingt eine Hymne für Satansanbeter, dafür aber ein Hit für die ganze Welt. Ähnlich konfuse Mythen ranken sich um das 30-Minuten-Filmkunstwerk Lucifer Rising, das einer Zusammenarbeit zwischen Anger und den Rolling Stones entsprungen sein soll. Anger, eine der Protagonisten der amerikanischen Untergrundfilmszene, produzierte zwar ein packendes, künstlerisch interessantes, wenn auch aus heutiger Sicht nicht übermäßig schockierendes Sittengemälde, das seinerzeit für großes Aufsehen sorgte. Weniger des teuflischen Inhalts, sondern mehr der äußeren Begleitumstände wegen, als Jagger in dem Film die Hauptrolle spielte sollte, nachdem sein Vorgänger, der Gitarrist Bobby Beausoleil von der Gruppe Lovecraft aus unerklärlichen Gründen Amok gelaufen ist und im Zusammenhang mit der Kommune um Charles Manson gemordet haben soll. Jagger hat dann zwar in einem Fragment, Invocation of My Demon Brother, den Luzifer gemimt und den Soundtrack eingespielt, ist aber nach dem verheerenden Massaker der Hell’s Angels im Dezember 1969 in Altamont Speedway, die als Ordner bestellt waren und eine Welle der Gewalttätigkeit auslösten, bei dem die 18jährige Schwarze Meredith Hunter erstochen wurde, wieder ausgestiegen. Es war ein Fall, der damals um die Welt ging, und seither zählt Altamont als das schwarze Gegenstück zum sonnigen Woodstock. Der Soundtrack zu Lucifer Rising, dem Crowleys Hymn to Lucifer unterlegt ist und zu dem nach unbestätigten Gerüchten Jimmy Page eine Filmmusik geschrieben haben soll, wurde von Bobby Beausoleil mit seinem Freedom Orchestra 1967 eingespielt und 2002 im Hochsicherheitstrakt vollendet, wo er eine lebenslängliche Strafe wegen des besagten Mordes, möglicherweise aber auch im Zusammenhang mit seinen Kontakten zu Charles Manson und dessen Family, verbüßt. Auf der undatierten CD Anfang der 90er Jahre wird er zumindest als Composer aufgeführt. Während sich die Rolling Stones wieder ins kommerzielle Showbusiness verabschiedeten, ging die Sache für einen anderen exzellenten Musiker, Graham Bond, der sich für Crowleys unehelichen Sohn hielt und in dessen Organisation Musiker wie beispielsweise Dick Heckstall-Smith, Jon Hisemann, Jack Bruce, Ginger Baker oder John McLaughlin zu absoluten Berühmtheiten heranreiften11, nicht so glimpflich aus. Seine beiden letzten Platten waren Holy Magick (1970), auf der er in ägyptischer Sprache ein Kabbalistisches Kreuz anbetete und ein Pentagramm-Ritual vollzog, und We Put Our Magick On You (1971), ein kleines Opus über White Magic, also Magie, die die hellen Kräfte der Menschen freisetzt, weswegen auch beim Herabrufen des Großen Lichts, dem Zelebrieren des Crowley-Rituals The Bringing Down of the Light, sinnigerweise eine Studiowand in Flammen aufgegangen sein soll, bevor man ihn 1974 unter merkwürdigen Umständen völlig verstümmelt unter der Londoner U-Bahn hervorzog und nur aufgrund seines Siegelringes identifizieren konnte. Mein persönliches Inferno erfolgte kurz zuvor, 1972, als mir der Bayerische Freistaat ohne Nennen von Gründen, aber wahrscheinlich wegen dem Spektakel um Teufelsmessen und nackten Jungfrauen in den Medien die Arbeitsbewilligung in Deutschland nicht verlängerte.

Kenneth Anger, Lucifer Rising,
The Soundtrack Album of the Film, 1967 (2002 vom Komponisten im Hochsicherheitstrakt vollendet)

Graham Bond, We Put Our Magick On You, 1971, Vertigo

Regensburger Woche, 25. März 1971
2006
Alle diese Episoden und noch viele andere tauchten wieder in meinen Erinnerungen auf, als ich diese einführenden Worte schrieb. Aus der Distanz von beinahe vierzig Jahren schienen mir meine Visionen aus heutiger Sicht nichts anderes als die von der kreativen Aufbruchstimmung einer gesättigten Nachkriegsgeneration in einem Wirtschaftswunderland ohne Arbeitslosigkeit getragenen spätpubertierenden Zukunftsvorstellungen gewesen zu sein, was so allerdings nicht stimmt, denn sie waren ein bewegtes Zeugnis einer Zeit, die für mich absolut authentisch war. Es könnte aber sein, dass diese kritische und distanzierte Haltung eine späte Rache an meiner jugendlichen Illusion war, die aus meiner heutigen Sicht nicht hielt, was ich mir damals versprach (das ist normal). Aber auch diese Bilder werden wieder verblassen und die post-psychedelischen Strohfeuerchen in meinem Hirn erlöschen, spätestens dann, wenn dieser Text zu Ende geschrieben ist. Die Erinnerungen werden in der Tiefe versinken, die Gedanken an die guten alten Dope-Zeiten, zu deren Beginn wir 67/68 mehr oder weniger high auf den Matratzen lagen, die Stones, Pretty Things, Cream, Hendrix, Zappa oder Vanilla Fudge reinzogen und glaubten, am nächsten Abend wie Vodoopriester oder apokalyptische Reiter der entfesselten Masse unser okkultes Credo in die entzündeten Ohrknöchelchen zu trommeln und am darauf folgenden Morgen in einem Paradies der Liebe ohne kapitalistische Produktions- und Gesellschaftsordnung zu erwachen, wo uns der Herr mit allen Engelsscharen in der Hymne All you need is love segnen konnte, wenn wir nicht gerade zwischen den fetten Joints Liebe machten. Diese Insel der Seligen ist einer Phase der Achterbahnfahrt der Seele zwischen dem Himmel der Informationsfluten, die uns das Internet beschert hat, der Industrialisierung der Kultur, dem Spektakel der Medien und der Angst vor Terroristen und vor dem Verlust des Arbeitsplatzes gewichen. Zwischen Lichtarbeitern und Hooligans, gerechten Kriegern und Terroristen, Selbstversorgung und Hartz IV. Im Grunde ist eigentlich nichts anders als vorher, nur wussten wir das – und das war unsere Lebensqualität – damals nicht.
Was blieb vom Ganzen eigentlich übrig? Außer ein paar tollen Erinnerungen an die Haschischnebel in der Morgendämmerung rauchverhangener Zimmer, in denen die Pfeifen die ganze Nacht nicht ausgingen, an die glimmenden Aschen der Riesenjoints, die einem bei der Anfahrt an die Gigs auf den Hinterbänken des Busses in der Müdigkeit der Nacht manchmal in die Schlafsäcke fielen, an die vielen Groupies und die verfickten Matratzen junger Rebellen, die den ersten Gruppensex ihres Lebens zelebrierten, oder die Aktionen auf der Straße, die ein neues Freiheitsgefühl vermittelten. Eigentlich nichts, ein paar zerfledderte Platten, vergilbte Fotos, Posters und Presseartikel von unseren Geisterbeschwörungen im Bayerischen Wald. Nichts als nur Nostalgie – wenn … ja wenn da nicht jener Oktobertag im Jahre 1989 gewesen wäre, an dem mich Ursi, meine große Liebe, von der ich damals seit drei Jahren getrennt war, obwohl sie zu der Zeit wieder in meinem Haus wohnte, beschwor, sie zu begleiten. Sie wollte einen Tarotvortrag von Hajo Banzhaf besuchen, der 1986 sein viel beachtetes Erstlingswerk (Das Tarot-Handbuch) und 1988 den Bestseller Das Arbeitsbuch zum Tarot herausgebracht hatte, mit denen er in den Buchhandlungen auf Tarot-Tour war.

Ursi mit Papagei Hugine im Blick, 4. Februar 1993
1989 (Der Geist klopft an)
Als wir die Buchhandlung Rösslitor in St. Gallen betraten, stand Banzhaf wie ein Wellenbrecher auf dem obersten Podest der Treppe, die links in den Vortragssaal und rechts in die Esoterikabteilung führte. Ich sprach ihn an, denn es war kaum möglich, an ihm vorbeizukommen, ohne ihm auf die Zehen zu treten, und siehe da, plötzlich klopfte der Geist an. Hajo wusste sofort, wer ich war, obwohl wir uns noch niemals im Leben begegnet waren, denn, wie das Schicksal so spielt, er war, wie man heute sagt, »Scout« beim Hugendubel-Verlag, der Manuskripte prüfte und Empfehlungen abgab, und er hatte gerade mein zweites Buch, Im Licht der Sonne, zur Publikation empfohlen. Ich kannte wohl die Empfehlung, nur wusste ich nicht, dass sie von ihm geschrieben war. Nach seinem anderthalbstündigen Vortrag sind wir dann zu viert, Hajo, Ursi, ich und Chris Schmid, der Leiter der Esoterikabteilung, ein alter Kumpel aus den Siebziger Jahren, der mich damals mit dem I Ging bekannt machte, in ein gediegenes Restaurant eingekehrt und fachsimpelten über den Esoterikmarkt. Chris gehörte mit zur halluzinogenen Clique, nennen wir sie einmal unsere 68-er-Pot-ist-fun-Abteilung, die damals die ersten bewusstseinserweiternden Drogen ausprobierte, und er war einer, der nicht nur fast alle esoterischen Bücher kannte, sondern auch Trends erspürte und sich mit fernöstlichen Techniken auseinandersetzte. Und ich kann mich noch gut entsinnen, wie Hajo – der ja keine Erfahrung mit halluzinogenen Drogen hatte – große Augen machte, als ihm Chris mit völlig ernster Miene von einem fehlenden Tag in seinem Leben erzählte, den er auf einem Horrortrip 1968 verloren habe. Hajo dachte wohl, Chris habe einen »an der Klatsche«, und wir mussten alle herzlich lachen, als sich Ursi einmischte und munter erzählte, dass ihr einmal eine ganze Teilpersönlichkeit in einem LSD-Erlebnis abhanden gekommen war. Dafür habe sie eine bessere (zukünftige) Erinnerung erhalten.
Was ich sagen will: Es war eine spontane, verrückte, fröhliche Stimmung, die uns im Laufe des späteren Abends überkam, wie das Echo des Geistes, der irgendwie in mein Leben griff, so beiläufig und doch zupackend, denn schon ein paar Tage später rief mich Hajo an und fragte mich, ob ich nicht das Buch zum Crowley-Tarot übernehmen wolle. Fred Weber vom Urania-Verlag habe ihm ein Angebot gemacht, denn es gäbe außer Gerd Zieglers Taschenbuch trotz großem Potential kein richtiges Standardwerk auf dem Markt. Auf meine Frage, warum er das nicht selbst in die Hand nehmen würde, meinte er nur, dass er sich das nicht zutraue, Crowley wäre ihm irgendwie nicht ganz geheuer. Da schlug ich ihm ohne nachzudenken vor, wir könnten es ja zusammen schreiben. Als ich kurz darauf in den Verlagskatalogen im Rösslitor wühlte, um zu sehen, wie weit sich die Popularitätskurve Meister Therions in meiner magischen Abstinenz entwickelt hatte, war ich ziemlich überrascht. Es waren mehr als ein Dutzend übersetzter Werke im Handel, die in den Listen auftauchten, und auch wenn sie in spezialisierten kleinen Häusern geführt wurden, so waren es doch mehr, als ich erwartet hatte. Der größte Verlag war Urania, damals noch in Sauerlach bei München, in dem neben dem Buch Thoth auch TAROT – Spiegel der Seele gelistet war, ein Buch über die Tarotkarten von Gerd Ziegler, das 1989 schon einen Absatz von beinahe 50 000 Exemplaren hatte. Chris erzählte mir, dass einige von Crowleys Gedankenansätzen auch in den Büchern von Ron Hubbard zu finden wären12, dem umstrittenen Gründer der Dianetik und der Scientology, die man aber nicht über den Buchhandel beziehen könne. Aus heutiger Sicht ist das nicht weiter verwunderlich, da Hubbard nach dem Krieg sehr stark in die Agape-Lodge in Los Angeles eingebunden war.13
Kurz und gut: Banzhaf und ich machten 1991 das Buch (Der Crowley-Tarot, Hugendubel, München, 1991), das sich in der Folge nicht nur recht erfolgreich entwickelte, sondern aus dessen Ansätzen auch viele weitere Bücher entstanden.14 In den beiden letzten Jahren schloss sich der Kreis dann in einem letzten, weniger fröhlichen Kapitel, das mich mit der dunkleren Seite der Schicksalsabläufe konfrontierte, die mich – auch wenn sie immer noch ein bisschen nachwirken – mit der wahren Esoterik aber letzten Endes viel tiefer in Verbindung brachten, als es ein Dutzend selbst geschriebener Bücher hätte bewirken können.

Akron im Garten von H. R. Giger, 1993
Der Traum ist das gespiegelte Bild der Wahrheit in der Seele des Menschen; der Mensch ist der Rahmen und das Bild ist die Seele selbst. Wenn du das Bild im Rahmen bewegst, kannst du bis an die Enden dieser Welt reisen - oder darüber hinaus, wie es auch die alten Mystiker taten. Sie verschwanden in der Eiseskälte der Leere, nachdem sie ihre Wahrnehmung über den Rahmen hinausschoben.

Hohepriesterin (1991) von Ursi Cadonau im Foyer der AGMüller Urania (Ausschnitt aus dem dreiteiligen Entwurf Magier-Hohepriesterin-Weltenschlange)
2004 – 2005 Eine Seele nimmt Abschied15
Ich hatte den Akron-Tarot Ursi gewidmet, nicht nur, weil sie mich 1989 in den Buchladen lotste (ich scheue normalerweise öffentliche Veranstaltungen), sondern weil sie mir in unserer gemeinsamen Zeit 1976 – 1986 ihre ganze Kraft und Liebe schenkte und ich ihr dafür einfach Danke sagen wollte. Doch gerade, als ich das Buch vom Tisch hatte, eine Stunde nach Abgabe der letzten Korrekturen, bekam ich anfangs August 2004 plötzlich heftige Darmkrämpfe, ein Blinddarmdurchbruch, der sich – da ich eine Narkose-Allergie hatte, wie sich im Nachhinein herausstellte – auf dem Operationstisch zum Alptraum eines kurzzeitigen Herzstillstandes mit Wasser in der Lunge ausweitete. Warum ich das hier erzähle? Ich tue das, weil sich in dieser Zeit einige merkwürdige Dinge zutrugen, die mit der Entstehung dieses Buches in Zusammenhang standen. In einem tieferen Sinn hatte das Ganze mit einem Akt des Loslassens zu tun.
Zwei Monate später brachte ich Ursi das ihr gewidmete Deck vorbei. Sie hatte ein kleines, idyllisches Atelier für Glasmalereien und Kunstverglasungen gerade an der Hauptstraße zwischen Teufen und Bühler im Appenzellerland, von dem aus man beinahe auf die ehemalige Abtei Thelema in Stein hinüberschauen konnte. Sie freute sich über das Buch und wir hatten einen netten Nachmittag. Ein paar Tage später rief sie mich an und teile mir gefasst mit, ihr Freund wäre nach meinem Besuch gestorben. Irgendwie war das ein seltsames Zeichen. So nahm ich den Kontakt zu ihr wieder auf, begann sie regelmäßig anzurufen und lud sie in der letzten Adventswoche zum Weihnachtsmarkt nach Konstanz an den Bodensee ein. Es war ein wunderschöner Ausflug zusammen mit Lussia und Simon und wir waren uns wieder vertraut wie in alten Zeiten, aber beim Verzehren einer Curry-Wurst bekam sie einen Würgeanfall und erbrach sich auf den Tisch. Ich machte mir meine Gedanken und dachte an eine Magenreizung oder Speiseröhrenentzündung. Am Heiligen Abend unternahmen wir mit der Grenzgängerin und Silbersurferin Illuma eine nächtliche, vom Vollmond beleuchtete Wanderung in die Appenzeller Alpen zum Seealpsee, und auf einmal kam in mir da oben an der Kapelle ein wehmütiges Gefühl an unsere gemeinsame Zeit auf, eine unglaublich tiefe Melancholie, wahrscheinlich ein verdrängtes Schuldgefühl, und plötzlich musste ich die Sache aufgreifen und unsere ganze Beziehung rekapitulieren. Das war ein sehr schmerzhafter, aber gleichzeitig auch sehr befreiender Aspekt. Ich wusste zwar nicht, ob sie mein Reden verstand, aber es war von der Stimmung und vom Empfinden her mein schönstes Weihnachtsfest, das ich da oben mit ihr im tief verschneiten Wald, am zugefrorenen See auf über 1100 Metern erleben durfte. Ursi machte Räucherungen und steckte zusammen mit Illuma einige Dutzend Kerzen in den Schnee, eine richtige Lichterkette oder -straße, die um das Holzkirchlein erstrahlte, und ich konnte nicht ahnen, dass ich im folgenden Jahr am Weihnachtsabend wieder mit ihr dort oben sein würde, wenn auch in einem anderen physischen Zustand: mit einer kupfernen Urne, die ihre Asche enthielt.
Der Schatten des Ego im Spiegel des Lichts

Ursula Cadonau, Baphomet, 1992,
Es ist Gottes Sehnsucht nach seinem Geschöpf, das uns unsere Sehnsucht in Gott realisieren lässt!
Aussendung des Heiligen Geistes, 1974, Alte Kirche, Romanshorn
Der nächste Kontakt war an ihrem Geburtstag am 3. Februar 2005. Ich ging mit Lussia, meiner jahrelangen Begleiterin und Medizinfrau, hin, der auffiel, dass Ursi viel Gewicht verloren hatte. Sie hatte ein schlechtes Gefühl und bat mich, der Sache nachzugehen. Vielleicht ist es wichtig zu wissen, dass Ursi ein Mensch war, der nur sehr selten klagte; ich habe sie zeit ihres Lebens niemals über physisches Leid jammern oder sich gar beschweren hören. Sie fraß alles in sich hinein. Jedenfalls musste ich mit Engelszungen auf sie einreden, um sie überhaupt zum Besuch bei einem Arzt zu bewegen. Der verschrieb ihr anfänglich Tabletten gegen Sodbrennen, die sie tapfer schluckte; aber irgendwie schien mir das alles eine Farce zu sein und ich drängte auf einen Untersuch beim Spezialisten. Das war zu der Zeit, als Silvie Bachmann vom Urania Verlag bei mir vorstellig wurde. Sie erzählte mir von einem neuen, vom O.T.O. in New York angeregten Crowley-Tarot-Deck in unverzerrtem Format und mit exakt auf das Original abgestimmten Farben16, das in Kürze erscheinen sollte, und sie fände es toll, wenn ich dazu ein Buch schriebe. Noch einen Crowley-Tarot? Das hieße ja seinem eigenen Bestseller Konkurrenz zu machen. Also erbat ich mir Bedenkzeit, und genau in diese Phase platzte die Bombe: Der Spezialist überwies Ursi zur genauen Abklärung in die Klinik. Die Diagnose war brutal: Speiseröhrenkrebs im fortgeschrittenen Ausmaß von zwölf Zentimetern mit Metastasen im ganzen Körper.

Türmlihuus
Was wollte mir das sagen? Ursi war in der Buchhandlung dabei, als sich der erste Crowley-Tarot im Geist abzeichnete, und Ursi war auch jetzt wieder da. Sie stand nach beinahe zwei Jahrzehnten wie aus dem Nichts wieder in meinem Leben, aber nur – die Diagnose war ein Todesurteil, das war uns schon klar -, um unsere gemeinsame Reise zu Ende zu bringen, als sich mir die Möglichkeit einer völlig freien Neubearbeitung dieser alten Vorlage anbot. Dieses erste Buch über die Tarotkarten von Crowley hatte mir 1991 die Tore zu allen mir wichtigen Werken geöffnet – sollte diese erneute Auseinandersetzung sie nun wieder schließen? Fast schien es mir so. Ich besuchte Ursi im Spital und fuhr mit ihr in die alte Kirche von Romanshorn, die auf einem kleinen Hügel direkt am Bodensee thronte und für die sie in den 70er Jahren ein wunderschönes großes Glasfenster für ihren Lehrmeister angefertigt hatte. In der Kirche daneben gab es einen kleinen Marienraum, in dem Menschen in schwerer Bedrängnis ihre Sorgen und Wünsche in ein offen aufgelegtes Buch schreiben konnten. Wir gingen dahin und ich sagte ihr, dass ich mich freuen würde, wenn sie wieder »nach Hause« käme; ich würde sie unterstützen, egal, ob sie sich für oder gegen eine Therapie entscheiden würde, die in meinen Augen sinnlos war und das Leiden nur verlängerte. Ihr fiel im wörtlichen Sinne ein Stein vom Herzen, und da merkte ich, dass sie viel mehr Angst hatte, als sie nach außen zugab, und dass es ein alter und tiefer Wunsch war, wieder in das kleine, verwunschene Schlösschen am Ruhberg zurückzukehren.
Damit schloss sich der Kreis mit Crowley und mit Ursi. Ich war bereit, mich der Herausforderung zu stellen und nochmals einen Crowley-Tarot zu schreiben, aber diesmal ganz anders als damals mit Hajo, als wir uns professionell nach den Bedürfnissen des Marktes ausrichteten und ich viele Themen unterschlug, die mir – auch wenn sie sich nicht unbedingt vorteilhaft auf die Verkaufszahlen auswirken – wichtig waren. Nun konnte ich das nachholen. Es sollte ein persönliches Bekenntnis werden, ein Nachschlagewerk natürlich auch, vielleicht auch eine unmittelbare Reflexion zwischen (meiner Vorstellung von) Crowley und mir. Aber damit war es nicht getan. Innerhalb der Entstehung fühlte ich mich plötzlich gezwungen, mich tiefer und ausführlicher mit der Person des alten Zauberers auseinanderzusetzen, als es für ein herkömliches Kartenlegewerk normalerweise üblich ist, und den Thoth Tarot als seine letzte Schrift vor dem Hintergrund seines ganzen Werkes »abzuhandeln«. Das Ganze wurde immer komplexer und persönlicher, und da es letztlich auch zu einer Aufarbeitung und Reflexion meiner magischen Vergangenheit und meiner Beziehung zu Ursi wurde, habe ich mir erlaubt, mit meinem Sermon nicht hinter dem Berg zu halten und alle persönlichen Gedanken einzustreuen, die den Zusammenhang erleuchten, vor welchem Hintergrund dieses Buch entstanden ist. Das ist die Asche auf dem Haupt des Künstlers: Letztlich ist alles, mit dem er sich beschäftigt, immer auch Teil seiner eigenen Projektion.

Ursi und Charles in Meersburg am Bodensee, 17. 8. 1980
Kommen wir zum Schluss. Ursi kehrte im April zu mir ins Haus zurück und hat bis sechs Wochen vor ihrem Tod gearbeitet. Daneben machte sie Bestrahlungen, um den Krebs ein wenig einzudämmen, was im Sinne einer besseren Lebensqualität für eine beschränkte Zeit auch gelang. Es war ein schöner Sommer mit einem letzten Urlaub anfangs August mit Illuma am kroatischen Strand, da wo die Krähen, wie sie lustig schrieb, kroah statt kraah schreien. In ihrer letzten Karte teilte sie weiter mit, dass sie geweint habe, als sie das Meer, das sie so sehr liebte, noch einmal sehen durfte. Das erste, was sie tat, war das Salzwasser zu kosten, um es auch glauben zu können. Nach ihrer Rückkehr verschlechterte sich ihr Zustand zusehends. Die Wucherung in den Gelenken erschwerte ihr das Gehen; sie musste täglich ins zehn Kilometer entfernte Geschäft gefahren werden. Ende September verengte der Krebs die Speiseröhre so sehr, dass sie nicht mehr schlucken konnte, und so entschloss sie sich, ein Implantat einzusetzen, eine ambulante Operation, von der sie sich nicht mehr erholen sollte. Das letzte Zusammentreffen mit alten Freunden bei uns im Restaurant Landscheide am 3. Oktober war vom erstaunlich detaillierten Träumen in alten Erinnerungen bestimmt. Sie konnte sich minutiös an alle Einzelheiten dreißig Jahre zurückliegender Erlebnisse erinnern. Es war der Sonntagabend vor der Operation, und ich fragte sie, ob wir die Sache nicht abblasen sollten, denn obwohl ich ihr zu diesem Eingriff riet, überkam mich plötzlich ein unangenehmes Gefühl. Sie selbst war auch unsicher, mischte aber die (Crowley-)Karten und kam zu einem klaren Ja.17 Danach ging es rasend schnell; ihr Gedächtnis wurde von Tag zu Tag schwächer. Am Ende wog sie fünfunddreißig Kilo und erkannte uns nur noch, wenn wir ganz nahe bei ihr waren und unsere Hände auf ihren Körper legten. Es war keine leichte Zeit. Die notwendige medizinische Betreuung auch zu Hause bekommen zu können, erwies sich als schwierig, denn in der Schweiz ist es beinahe schon verboten, Patienten in diesem Zustand in den eigenen vier Wänden zu pflegen. Man redete uns von allen Seiten ein, sie ins Spital einzuweisen, aber erstens gab es nichts zu betreuen, was wir nicht selber hätten tun können, und zweitens war es Ursis großer Wunsch, nach ihrer zwanzigjährigen Odyssee daheim zu sterben. Dabei waren Lussia und in den letzten Tagen auch Illuma der entscheidende Faktor; ohne ihre Hilfe hätte sich Ursis letzte Bitte nicht erfüllen können. Doch die Götter im Himmel waren uns wohlgesonnen und hielten ihre segensreichen Hände über uns, und es lief trotz der psychischen Schwere alles erstaunlich leicht und gut. Auch der Zeitpunkt ihres Heimgangs war von einer glücklichen Fügung bestimmt.
Es war der Tag, nachdem ich mit der Großen Arkana, der letzten Karte Universum fertig war und eine kurze Verschnaufpause einlegte. Die Sonne glühte und vertrieb den Nebel an diesem zwanzig Grad warmen Herbsttag, und es war für mich ein großes Geschenk, dass ich zugegen sein durfte, denn meist schlüpfen die Seelen aus dem Körper, wenn sie sich einen Moment unbeobachtet fühlen. Lussia und Simon, Illuma und ich lagen um sie versammelt im großen Bett und hielten sie in den Armen. Sie ging behütet im Kreis ihrer Freunde heim; ich hatte meinen Kopf an ihrem Kopf und war etwas verwundert, dass der letzte Atemzug kein Ausschnaufen, sondern ein Einatmen war. Sie ist am 8. November 2005 um 12.35 Uhr gestorben.
In der Todesanzeige konnte man lesen:
Trotzdem gibt es keinen Weg zurück, es gibt nur diesen Weg nach vorn,
um zu erfahren, was man gewonnen hat für den Umstand, dass man
die menschlichen Bilder seiner Sehnsüchte für immer verloren hat:
Nämlich die Freiheit der Ewigkeit immer neuer Horizonte und die
unerschütterliche Freude am Ende des Leidens als eine Quelle
des unerschöpflichen Anfangs.

Säntis, Herbst 2007: Abschied von Ursi im Freundeskreis
Seealpsee, rechts im Hintergrund der Säntis
The Attampted Beauty of Nightmar
II Das Buch Thoth –
die magische Ausrichtung
Es ist schon wahr, dass meine erste Begeisterung für Crowley weder seinem intellektuellen Credo noch seinem schöpferischen Gloria, sondern ganz einfach seiner schillernden Persönlichkeit galt: seinem Ruf, ein Rebell, ein Aussteiger und ganz nebenbei auch noch der größte Magier des 20. Jahrhunderts zu sein. Einem Mann also, dem die Kunde vorauseilte, mit den Dämonen ins Bett zu gehen und mit den weiblichen Buhlteufeln wieder aufzuwachen. Er war aber nicht nur der Begründer des modernen Satanismus, ein Vertreter der gnostischen Literatur, der Hermetica, des Abramelin oder des Necronomicon, der die Henochischen Beschwörungen wieder entdeckte, die magische Formel des Alchemisten John Dee, mit dem er den Dämon Choronzon in der Sahara beschwor. Er war auch Bergsteiger, Yogameister, Philosoph, Poet, Pirat, exzellenter Maler und suggestiver Beschwörer, ein kreativer Genius, dem das Wort Freiheit auf der Stirn geschrieben stand. Sein Einfluss auf einen Teil der Jugendkultur ist nicht zu unterschätzen, gerade weil viele der ihn hochpushenden Rockmusiker den Eindruck erweckten, als sei er der Teufel höchstpersönlich und sie seine auserwählten Schüler. Dieser Mann war Erbe und Erneuerer einer Strömung aus dem Dunkel des Mittelalters1, nämlich der Magie, die er selbst und einige seiner Anhänger Magick nannten. Die einen sahen in ihm nicht nur den größten Magier des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch den Verkünder einer neuen Religion, und für die anderen war er einer der finstersten Menschen aller Zeiten. Für sich selbst war er einfach nur groß: Ich mag vielleicht ein Schwarzmagier sein, aber dann wenigstens ein verdammt guter! soll er einmal gesagt haben. Er diente der Nachkriegsgeneration sozusagen als Opiumersatz. Diese hatte von den Zusammenhängen des komplexen Wirtschaftswunders keine Ahnung und war gerade im Begriff, sich von den Erwartungen der Alten loszureißen, sie wollte neben Fun und Musik auch Sex und Magie (Sexualmagie) haben und jemanden, der sich mit Drogen auskannte. Es ging einfach um den Kick, um die suggestive Botschaft Tue, was du willst!, ähnlich, wie John Lennons krächzendes Drogenbekenntnis Ticket to ride oder Sprüche wie Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment Balsam auf die Blasen einer gelangweilten, sich am eigenen Wohlstand »wund gescheuerten« Jugend war.
Wenn ich durch die Erfahrungen der nächsten vierzig Jahre heute auch glaube, zur tiefen Auseinandersetzung mit dem Propheten und Geisterbeschwörer Crowley gehöre schon etwas mehr als nur schwelgerische Phantasie, jugendliche Sinn- und Idolsuche beim Ausloten geeigneter Projektionsflächen, so war das damals trotzdem nicht verkehrt. Nicht nur, weil viele junge Menschen im Kampf gegen die Ablösung von den Werten der Nachkriegskultur in diesem genialen Schlangenbeschwörer mit seinem prallen Korb an esoterischem Wissen aus allen Kulturen eine geistige Heimat fanden, sondern weil er dem schwärmerischen, unreflektierten Idealismus junger Menschen – da sie genau auf der aufmüpfigen, pöbelnden Frequenz seines überlieferten Klischees schwangen – auf der Suche nach Revolution und Sprengung der Gesellschaftsmuster entsprach. Ganz ähnlich wie der rebellierende John Lennon, der sich mit Jesus verglich, Bob Dylan, der wie Crowley von einem neuen Horizont sprach und zum Symbol einer neuen Generation suchender Kinder wurde, oder die anfänglich zumindest für die Fotografen randalierenden Rolling Stones oder Pretty Things, deren Sänger bei Auftritten ins Publikum pinkelte, verrührte Crowley in seiner Lehre klassische und fernöstliche Überlieferungen aus fremden Töpfen zu einer neuen Bedeutung, die sogar ein Neues Zeitalter als Zukunftsvision kreierte, eine Botschaft, die ihre Anhänger in die Lage versetzte, durch spezielle (sexualmagische) Techniken ein geschärftes Auge für die spirituellen Möglichkeiten des Menschen zu entwickeln, und der keiner eine starke Faszination und ein großes Charisma absprechen konnte.

Napoleonische Gebärde (Kopfbedeckung des Horus) um 1910 im schrillen Kleid eines »halluzinogenen« Photoshop-Designs
Von außen lassen sich bei Crowley mehrere, sich aufeinander beziehende Beweggründe ausmachen: Einerseits dient ihm seine ganze Magie als der Versuch einer erfolgreichen Selbsttherapie, einer Persönlichkeitsaufarbeitung, nämlich durch die Entwicklung einer eigenen Lehre nicht nur die ihm in der Kindheit aufgedrückten Sektenmodelle zu desavouieren, sondern auch Einfluss, Freiheit und Macht zu gewinnen.2 Folgerichtig benutzt er das esoterische Vakuum seiner Umwelt, stellt sich darauf ein, damit sich die Leute darin wieder erkennen, und versucht sie Schritt um Schritt mit ihren Widersprüchen zu konfrontieren, die auch seine eigenen sind, und streift ihnen dabei sein magisches Weltbild über. Es ist die zynisch-rebellische Aufbruchsposition eines Wissenden, dem durch seine rebellische und selbstgefällige Art keine andere Wahl blieb als entweder klein beizugeben oder aber sein eigenes »Ding zu drehen«. Er beginnt auf der Tastatur esoterischer Techniken wie mit Zauberbällen zu spielen, wobei er wie ein Jongleur komplexe esoterische Modelle wie I Ging, Astrologie und Kabbala mit den Eiern, Bananen oder Salatköpfen seiner eigenen obskuren Ideen und revolutionären Einsichten zusammenmischt.3 Gleichzeitig muss man sich auch fragen, ob sich der Obermeister selbst immer ganz ernst nimmt, denn allzu oft gibt es bei ihm Stellen, in denen er seine eigenen Sprüche karikiert oder uminterpretiert, was in den Augen kritischer Betrachter Zynismus-Alarm auslöst.
Man könnte etwas überspitzt auch sagen, dass sich das sozial subversive Element von Crowley mittels Beschwörungsritualen und suggestiven Übertragungen gerne in den Köpfen geeigneter, auf der gleichen Frequenz schwingender Anhänger auslöst. Das Vorgehen ist äußerst simpel: Negative Abspeicherungen wie etwa Hure Babylon oder Tier 666 werden einfach umgedreht und dadurch erlöst. Plötzlich begegnet uns der Teufel im Kleid des Positiven, Erstrebenswerten, den es nur noch seiner hässlichen alten Hülle zu entkleiden gilt, um zu den höheren Weihen aufzusteigen. Damit hat Crowley seinen Finger erfolgreich auf die Relativität menschlicher Wahrnehmung, auf die einseitige Sicht der herrschenden Moralvorstellungen gelegt. Das, was er sieht, ist wahr, auch wenn er diese Erkenntnis letztlich in seiner eigenen Haltung widerlegt, wenn er der Versuchung erliegt, religiöse Dogmen und Intoleranz sektenhafter Systeme, wie er sie erlebt hat, nicht nur nicht zu vernichten, wofür er angetreten ist, sondern sie am Ende durch die Überführung in seine eigene Lehre geradezu zu bestätigen.
Nichts ist, wie es ist, sondern nur, weil es einer so sieht, wie er es sieht, und der sieht es anders, als ein anderer es sieht, denn jeder sieht es so, wie man ihm beigebracht hat, es zu sehen. Die gesellschaftliche Prägung ist der Gott, dem wir dienen müssen und der uns zwingt, die Welt so zu sehen, wie wir sie durch unsere soziale Umwelt eingelöffelt bekommen haben. Diese Ordnung oder diesen Gott hat Crowley mit seiner persönlichen Revolution sabotiert und das ist auch sein schöpferischer Trick: die Realität, die ihn negativ berührt, in die »Vorstellung eines Neuen Æons« einzupacken, wodurch das Unbehagen am eigenen Versagen gleichzeitig als kreative Handlung gewürdigt wird. Die Widersprüche verbünden sich in einer crowleyschen Zukunftsoption zu einer Aussage, die ihr Potential aus der rebellischen Umschichtung gewinnt, wobei Crowley auf gewisse magische Techniken setzt, die über die beschissene Realität hinausführen, als Gegengewicht zu einer Gesellschaft, die seine Werkzeuge, seine Fähigkeit als Magier nicht erkennt. Somit ist der Rebell (nicht zuletzt auch) als ästhetischer Egomane entlarvt.
Der Channel und das Liber Legis

Original-Titelseite des Liber Al vel Legis
Kommen wir nun zum spirituelleren Teil. Am 8., 9. und 10. April empfing Crowley in Kairo durch die geistige Vermittlung seiner Frau Rose eine kuriose Botschaft, die er sofort zu Papier brachte, das Liber Al vel Legis, das Buch des Gesetzes. Es ist eine eigenartige Vision, wie eine Art stenografisch verkürzter Prosa-Dichtung, die ihnen eine geheimnisvolle geistige Erscheinung mit dem Namen Aiwass auf ihrer Hochzeitsreise zukommen ließ. Die Message ist einfach: Sie verkündet den Beginn eines Neuen Æons, in dem die spirituellen Formeln vorangegangener Äone ergänzt werden sollen, damit sie mit dem erweiterten Bewusstsein der Menschen besser im Einklang sind. Es geht uns hier aber nicht um die Frage, ob Crowleys Botschaften authentisch sind oder nicht – das lässt sich sowieso nicht herausfinden –, sondern es geht uns darum, darüber zu spekulieren, ob sie etwas Tieferes, Kollektiveres zum Ausdruck bringen, das im Menschen etwas auslösen kann, oder ob sie einfach Crowleys mysteriöse Überhöhungen und geliebte Versteckspielereien repräsentieren, die im Prinzip ein Spiel mit sich selbst sind. Es geht darum, ob der Psyche im spirituellen Sinn eine Landkarte in die Hand gedrückt wird, anhand derer sie sich auf höhere innere Frequenzen einschwingen kann, oder ob es sich einfach um das Material auf der Ebene seiner persönlichen Traumsphäre handelt, innerhalb derer die Botschaften mehr von individuellem als von kollektivem Wert sind. Also im Grunde um die Antwort, ob die Überlieferungen von Aiwass die Botschaft einer höheren Wesenheit darstellen oder einfach so etwas wie ein umfassender seelischer »Versprecher« sind, wie ihn Sigmund Freud den unbewussten Bereichen einer jeden Persönlichkeit zuweist. Die zentrale Frage, die sich dabei stellt, ist: Wer ist Aiwass?

Roses handschriftliche Ergänzungen
Dazu muss man aber wissen, dass Roses Beitrag an dieser Operation vom Meister nicht gerade ins (Rampen-)Licht gezerrt worden ist. Im Manuskript finden wir einige handschriftliche Änderungen, die nicht seinem Schriftbild entsprechen und damit eine gewisse Mitwirkung Roses an diesem Prozedere nahe legen. Man mag darüber streiten, ob und in welchem Umfang sie auf die Aufzeichnungen Einfluss genommen hat. Fakt ist, dass es ohne sie kaum zu Aiwass’ Erscheinen gekommen wäre. Sie war es, die Crowley zum Besuch des Boulak-Museums überredete und zu der bestimmten Stele führte, und sie war es auch, die ihm die Rituale nach ihren Anweisungen ans Herz legte, die – wie wir noch sehen werden – im Anschluss zu den historischen Aufzeichnungen führten. Damit ist sicher, dass sich »das Höhere« ihrer Stimme bediente und sie sich mit Madame Blavatsky oder Edgar Cayce die Ehre eines frühen Vorläufers der gegenwärtig boomenden Channeling-Szene teilen kann. In der Zwischenzeit gibt es ganze Heerscharen gechannelter Geistesführer, die der Menschheit etwas mitzuteilen haben, und die konventionelle Forschung hat bislang keine akzeptablen Erklärungen für solche Trance-Persönlichkeiten gefunden. Andererseits greift es zu kurz, wenn wir alles, für das es keine Erklärungen gibt, als Traumfiguren oder Abspaltungen des Ichs bezeichnen, wie dies in klassischer psychologischer Sicht geschieht. Damit ist die moderne spirituelle Seele nicht zufrieden, denn es gibt kaum einen größeren Gräuel als die Menschen, die ihre Person hinter den sich selbst aufoktroyierten wissenschaftlichen Modellen zelebrieren. Umgekehrt darf es aber nicht dahin führen, jeden mystisch-verbrämten Schutt aus der kollektiven Seelenmüllhalde zum alternativen Zukunftsmodell zu stilisieren. Grundsätzlich geht es um die Sehnsucht des Menschen nach seinen unentdeckten Teilen, die ihn einladen, sich über visionäre Erfahrungen mit diesen unbewussten Strömen zu verbinden. Dahin zielen auch die alten Totenbücher der Ägypter und Tibeter. In der Auseinandersetzung und Beschäftigung mit jener höheren Ebene geht es weniger um den Tod als um eine spirituelle Perspektive auf der Grundlage des Lebens.
April 1904

Rose Crowley
Crowley und seine Frau Rose verbrachten gerade ihre Flitterwochen in Kairo, als Rose in Trance fiel und stammelte, die alten ägyptischen Götter, insbesondere Horus, wären über sie gekommen und liehen sich ihre Stimme, und sie möchten mit ihm, Crowley, Kontakt aufnehmen. Nachdem er sich ihrer Medialität dadurch versicherte, indem er ihr einige Fachfragen zu Horus stellte, die sie ihm überraschenderweise beantworten konnte, obwohl sie weder über okkulte noch ägyptologische Bildungsinhalte verfügte, willigte er ein. Beim Besuch des Boulak-Museums Kairo (dessen Sammlungen heute zum Bestand des Cairo-Museum gehören), bat er sie, ihm das Geheimnis von Horus zu offenbaren. Dabei ignorierte sie die üblichen Abbilder von Horus und zeigte auf eine schlichte Stele mit der Katalognummer 666 als die Quelle der Botschaften. Crowley war überrascht. Es war die Begräbnis-Stele des Ankh-af-na-Khonsu, eines Hohepriesters des Kriegsgottes Mentu in Theben.1 Die auf der Stele verwendeten Bildelemente Nuit, Hadit und Re-Harachte werden, wie wir noch sehen werden, von Crowley in Atu XX dann konsequent umgesetzt. Diese »Stele der Offenbarung«, wie sie Crowley später nannte, wurde nun zur Ikone des Gesetzes von Thelema, zum Fundament einer ganzen Palette magischer Eingebungen, die sich in Crowleys »Buch des Gesetzes« krönten, das für das »Buch Thoth« wiederum als Quelle diente. Man kann ohne zu übertreiben sagen, dass das der Schnittpunkt war, an dem sich seine magische Ader und sein Profilierungsstreben die Hand gaben und zum göttlichen Manna wurden, aus dem Crowleys Lebenswerk entsprang. Darauf erhielt er von Rose die Anweisung, ein Ritual nach ihrer Vorgabe durchzuführen, der er mehrmals nachkam, und in deren Verlauf er am 8., 9. und 10. April 1904 die Anweisungen eines geistigen Wesens namens Aiwass bekam, die er dann zu den drei Kapiteln des »Liber Al« zusammenfasste.

Stele der Offenbarung
Wer also ist Aiwass? – Tue, was du willst, sei das ganze Gesetz und Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen sind die populärsten Hits, die er uns übermittelt hat. Die spröde Form der Botschaft, obwohl auf den ersten Blick scheinbar klar strukturiert, sagt beim näheren Betrachten nichts Genaues aus. Es sind tranceartige Bilder, in rätselhafte Assoziationen gehüllt, aus denen Crowley sein Gesetz von Thelema kreierte. Die Worte scheinen weniger Bedeutungsträger als Meditationswerkzeuge zu sein, die in den geeigneten Personen die Kanäle öffnen können, durch die sie in einen Bewusstseinszustand gelockt werden, auf dessen Ebene sie die verklausulierten Botschaften verstehen.
Drehen wir die Frage einmal um: Wer ist Crowley, und zwar vor dem Hintergrund seiner eigenen Entität? Wie empfände Aiwass Crowley als Teil seiner geistigen Realität? Wenn Crowley predigt Tue, was du willst, dann stellt sich doch die Frage, was wer will? Ist Aiwass ein innerer Aspekt von Crowleys höherem Selbst, der sich einfach im Außen manifestieren will, oder ist er eine Botschaft aus dem kosmischen Raum, ähnlich wie die Beatles oder die Erfindung des Internets, die ihr Publikum erreicht, wenn die Zeit dafür reif geworden ist? Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern zeigt die Individualität des Menschen als höchstes Gut. Gilt das aber auch für die anderen, wäre die Frage, die man Crowley stellen müsste, insbesondere für die eigenen Feinde? Und weiter: Wenn alle Menschen so einzigartig und aus sich heraus strahlend sind, wozu bedürfen sie dann eines Propheten? Trotz dieser Widersprüche ist die Botschaft nicht falsch: Jedes Individuum fühlt in sich gelegentlich eine Inspiration oder wird von einem Gespür oder einer Vision überrascht, die sich unerklärlicherweise erfüllt. Die meisten Menschen machen in ihrem Leben immer wieder erstaunliche mediale Erfahrungen. Einigen wir uns also auf die Aussage, dass es Propheten braucht, um den Menschen beizubringen, dass es hinsichtlich ihrer eigenen Gaben, die sie nur zu entwickeln brauchten, gar keiner Propheten bedarf. Und wenn doch, dann auch nur deswegen, weil sie ihren inneren Propheten noch nicht erweckt haben. Trotzdem bleibt die Frage offen: In welchem Sinn kann Crowleys Lehre seinen eigenen Anhängern hilfreich sein? Geht es ihm wirklich um die Befreiung des Menschen, oder ist das Ziel »seiner« eigenen Befreiung der Mittelpunkt? Thelema versteht sich zwar als Universalphilosophie, aber ist es nicht so, dass die Lehre und alle mit ihr korrespondierenden sozial-gesellschaftlichen Utopien wie vorgefertigte Stanzformen einzig im magischen Weltbild ihres Meisters wurzeln? Visionäres Erleben wird auf vorgefertigte Schablonen reduziert, die in den Kreationen ihres Schöpfers gründen, dabei könnte man fast schon behaupten, dass das blinde Nachfolgen von Crowleys Lehre eigentlich in sich selbst gegen das Gesetz von Thelema verstößt. So wie er alle Lehren benutzte, um ihnen seine eigene Vorstellung aufzudrücken, müsste er eigentlich seine Anhänger ermuntern, seine Vorgaben selbst wiederum um ihre eigenen Erkenntnisse zu erweitern und nach ihrem inneren Empfinden umzubiegen. Crowley-like wäre nicht das Zementieren, sondern das beständige Umschichten und Erweitern der heiligen Bücher. Der kritische Punkt jeder elitären Gemeinschaft ist wie immer das Ego-Problem ihrer Führer. Alphatiere können anderen niemals das zugestehen, was sie selbst für ihre eigene Entwicklung beanspruchen, und letztlich ist es die Selbsterhebung des gesteigerten Ich-Empfindens, das sich hinter den Masken von Göttlichkeit und Befreiung der Menschen in einem stets auf die eigene Biographie verweisenden Dogma verbirgt. In diese Richtung argumentiert auch Peter Sloterdijks und Thomas H. Machos Theorie der Gnosis als wiederholte Selbsterfindung2. Crowley erklärt sich zum Idol, und alles, was er sagt, verweist immer nur auf ihn selbst.
Juni 2006
Wenn ich mir beim Schreiben über die Schulter gucke, sozusagen über meine eigenen Eingebungen beim Schreiben reflektiere, kann ich erkennen, wie ich durch Denken und Konzentration versuche, verschiedene Teile meines Wissens miteinander in Verbindung zu bringen, um eine passende Aussage zu formulieren, von der ich annehme, dass sie den Leser interessieren könnte. Wenn es bei mir aber zum Fließen kommt, dann ist es so, wie wenn mein Denken anhält und ich mit einem Mal über einen Fluss innerer Informationen verfüge, die ich wie ein umsichtiger Orchesterleiter dirigiere, der weiß, dass er nicht der Komponist des Werkes ist. Plötzlich bekomme ich ein leichtes und gutes Gefühl und muss mich auch nicht mit den Begriffen herumquälen und der Selbstkritik, ob das, was ich formulieren will, für den Leser überhaupt nachvollziehbar ist. Als ich das zum ersten Mal begriff, schien es mir, als ob ich nicht bloß Vermittler verschiedener Abteilungen meines angelernten Wissens wäre, sondern auch Mittler zwischen verschiedenen Bewusstseinsebenen, deren Schnittpunkte irgendwie in meinem Hirn lagen, aber nicht in der Form des Denkens, das darauf Einfluss nimmt, sondern in Form des Fühlens, das die Impulse in die Tasten tippt.3 Versuche ich mich in das Geschriebene jedoch »gedanklich« einzumischen, erlischt der Fluss und ich gerate wieder in den stockenden Strom der dualen Quader des zu einem Turm aufeinandergeschichteten Denkens. Wenn ich mich über die Auseinandersetzung mit Crowley in den Geist hineinversenke, dann kommt beim Fließen am Ende etwas heraus, das irgendwie mit Crowley korrespondiert, aber niemals mit meiner bewussten Meinung über Crowley übereinstimmt. Im vorliegenden Fall kommt es zu einer viel härteren und analytischeren Aufarbeitung, als es dem in magischen Kreisen überlieferten Klischee des Meisters entspricht, und andererseits sind es genau die Energieströme, die mich durchziehen, wenn ich mich bemühe, mich in Crowley hineinzufühlen.
Kommen wir zur Frage zurück: Wer ist Aiwass, der ihm am 8., 9. und 10. April via Rose das Buch diktierte, das die Ankunft eines Neuen Æons verkündete?4 Obwohl sich Crowley anfänglich gegen diese Botschaft sträubte, wie er selbst bekannte, da der mitleidslose Geist der Übermittlung die moralischen Grundfesten seiner Seele schwer erschütterte, triumphierte schließlich sein uneigennütziger Verstand. Letztlich konnte er es der Menschheit doch nicht antun, sie so völlig »ungebremst« ins Verderben rennen zu lassen, und so brachte er schweren Herzens ein Rundschreiben heraus, das ein neues Zeitalter ankündigte.5 Im selben Aufwasch ließ er S. L. Mathers wissen, dass er von der Geistigen Loge der Geheimen Oberen dazu auserkoren worden sei, die Leitung des Golden Dawns zu übernehmen, und man mag sich bildhaft vorstellen, wie sehr sich dieser darüber gefreut haben mag. In seinem heroischen Versuch, sich dem Neuen Æon zu verschließen, entdeckte er in der Folge noch eine Vielzahl von Ausflüchten, sich dieser Versuchung zu widersetzen, und das gipfelte im »glücklichen Missgeschick«, dass er das Manuskript (vorübergehend) verlegte. Erst der Umstand, dass er die Aufzeichnungen 1909 auf dem Dachboden seines Hauses im schottischen Hochland wiederfand, war für ihn der unumstößliche Beweis für die Gültigkeit und Wichtigkeit seiner Offenbarung. Damit war der Weg zu einer neuen Weltordnung geebnet.
Die Thesen:
These 1 – Alpha-Zustand-Variante: Aiwass ist eine halbbewusste Energiegestalt aus der inneren Trancewelt Crowleys, und der Alpha-Zustand eine Art Sicherungsseil, an dem er sich (im Geist) festhalten kann, wenn er in die Tiefe des Unbewussten eindringt. Er ist mit seinem Bewusstsein verbunden, während er sich gleichzeitig in die tieferen Ebenen hinabfallen lässt.
These 2 – Schulpsychologie-Variante: Aiwass ist ein abgespaltener Teil, wie es die alte Schulpsychologie formuliert, der sich nicht in die Persönlichkeit eingebunden hat und sich eines Tages plötzlich zurückmeldet. In diesem Falle ist die Prophetie die eigene Vision, die von der Ratio des Betreffenden unterdrückt wurde und jetzt frei geworden ist.
These 3 – Multipersonale Variante: Aiwass ist ein tiefer liegender, im Unbewussten angesiedelter Teil von Crowleys Persönlichkeit. Wenn Crowley auf der Denkebene für hellseherische Informationen offen war, informierte seine mentale Kontrollinstanz den anderen Energieteil über den »Zentralcomputer« von diesem offenen Kanal, der flugs erschien und ihm die Informationen vermittelte, die der andere Teil auf der Bewusstseinsebene gewissenhaft aufschrieb. Mit einem Wort: Sein Ich stimmte sich auf einen unbewussten Teil seiner eigenen Wesenheit ein.
These 4 – Kollektive Schicksals-Variante: Aiwass ist ein unbewusstes, kreatives Selbstverwirklichungsprogramm, das schon lange in Crowley »beabsichtigt« worden ist und bis zum »Knall« tief im Unbewussten schlummert. Irgendwann steigt dieser Plan als verschwommene Vision im Bewusstsein auf und das Ego heftet sich an die Fersen seiner längst vergessenen Botschaft, die es aber, damit sein Weltbild keine Sprünge erleidet, aus sich entfernt, also von außen erlebt.6
These 5 – Erich v. Däniken-Variante: Aiwass ist ein fremdes Energiefeld, das sich vorübergehend in Crowleys Geist fokussiert und ihm Botschaften zum Sinn und Zweck anvertraut, dass er sie im Sinne seiner Magie nach außen trägt.
These 6 – Kosmische Variante: Aiwass ist ein kosmisches Programm (das entspräche Crowleys selbst propagierter These). Diese Vision wird im Zeitgeist aktualisiert, wenn die Menschheit dafür bereit ist, und das vom Geist berührte Bewusstsein verändert Zivilisation und Kultur.
These 7 – Esoterische Variante: Aiwass ist die Verbindung zu Ankh-f-n-Khonsu, einer weit zurückliegenden leiblichen Verkörperung des Meisters (das reflektiert die andere Seite von Crowleys spirituellem Empfinden, denn zeit seines Lebens trug er einen großen Siegelring mit dem Namen des Priesters in ägyptischen Hieroglyphen), der vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren ähnlich wie Nostradamus eine Zukunftsperspektive entwarf, die in Crowley die Erinnerung an seine ägyptische Inkarnation erweckte, was er gleich als Vorwand zur Festsetzung des Beginns des neuen Zeitalters benutzte.
Pulsuz fraqment bitdi.