Kitabı oxu: «Dantes Inferno I»

Akron
Dantes Inferno
Der Astroführer durch die Unterwelt
Frey nach Dantes «Göttlicher Komödie»
Illustrationen von Voenix
Akron Edition GmbH
Akron
Dantes Inferno
In Dante Alighieris Werk vertieft, beschließt der «Leser», Dantes geistigen Spuren durch die Unterwelt zu folgen und ein eigenes Buch zu schreiben. Zutiefst in die inneren Betrachtungen versunken, nimmt er Kontakt zu Akron auf, einem zeitlos-ewigen Geistwesen, das sich ihm als sein eigenes Wissen aus der Zukunft zu erkennen gibt. Gemeinsam brechen sie in die seelische Innenwelt auf. Auf komplexe Weise wird der Leser dabei in die Vielzahl der Handlungsstränge mit einbezogen und schöpft somit unaufhörlich aus dem unergründlichen Fundus eines Psychopompos, der ihm auf dem Weg in die dunkle Innenwelt seiner Psyche mit seinem zeitlosen Wissen hilfreich zur Seite steht.
Dantes Lebenswerk beschreibt über mehrere hundert Seiten eine Wanderung durch das Jenseits: Eintritt in die Hölle, Gang durchs Fegefeuer und Aufstieg ins Paradies. Im Laufe der Wanderung ergeben sich viele Begegnungen, die ein Bild der damaligen Zeit (13./14. Jahrhundert) reflektieren. Lokal- und Zeitgeschichte stehen neben Gedanken zur Mythologie, Philosophie, Theologie, Kultur oder Astrologie und zeigen eine packende, bisweilen erschütternde Welt.
Akron folgt in seiner «Göttlichen Komödie» dem gleichen Weg durch die «menschlichen Höllen», wobei er sich des weitverbreiteten Modells der Astrologie bedient und dieses epische Schauspiel zu einem okkulten Sachbuch-Roman verdichtet. Akron selbst sieht diese Auseinandersetzung mit der «Divina Commedia» als sein bislang wichtigstes und tiefgründigstes Werk an. Es bebildert den Aufbruch an den ältesten Bestimmungsort der Menschheit: zu Geburt und Tod, Liebe und Krieg, Hoffnung und Untergang des Lebens. Weil jeder Hölle eine astrologische Konstellation zugrunde liegt (Sonne in Löwe, Mond in Krebs, Merkur in Stier usw.), hält der Leser einerseits ein esoterisches Sachbuch in Händen, dem ein ausführliches Registerverzeichnis zugeordnet ist (Hölle, Sünder, Disposition, Schuld, Strafe, Lösung). Andererseits erschließt sich ihm auf der erzählerischen Ebene eine wahre Fundgrube esoterischen Wissens, die den bezugsetzenden Verstand in die vielfältigen Welten seiner Seele hineinzieht und unerbittlich auf die verborgene Innenwelt aller Dinge hinweist.
Impressum
Auf dem Friedhof Père-Lachaise in Paris findet man ein Grab, darauf steht weder Name noch Jahreszahl, sondern nur ein Satz: «Sie waren verwundert über die Schönheit der Reise, die sie bis ans Ende des Lebens führte.»
Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme
Akron: Dantes Inferno:
Der Astroführer durch die Unterwelt/
Akron. – Engerda: Arun, 2000
Copyright Akron Edition GmbH
Layout und Bildbearbeitung der eBook-Ausgabe von 2013: ArsAstrologica
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
ISBN 9783905372397
Layout und Bildbearbeitung der Printausgabe von 2000:
Creative Atelier Gianin Rageth, Schwellbrunn/AR
Titelbild: Voenix, (e-mail: info@voenix.de; www.voenix.de)
Gesamtgestaltung: Akron
Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film-, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort - Dantes Werk
Limbus
Prolog - Der Aufbruch des Helden
- Portal - Die Fische-Vorhölle
Sonne
Das Schlangenei
Mond
Schneewittchen und die Ungeborenen
Merkur
Wessen Augen sind die Sterne?
Venus
Undines Todeskuß
Mars
Die versunkene Libido
Jupiter
Die Suche nach dem Gral
Saturn
Die versteinerten Tränen
Inferno
Intermezzo - Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt
- Portal - Die Widder-Hölle
Sonne
Der Fleischwolf
Mond
Medea — die Stiefelherrin
Merkur
Die Stacheln im Hirn
Venus
Der Schatten der Aphrodite
Mars
Das gespaltene Ego
Jupiter
Das magische Theater
Saturn
Das zersprungene Herz
- Portal - Die Stier-Hölle
Sonne
Das geplatzte Gedärm
Mond
Die Nippel der Lilith
Merkur
Das Labyrinth der Erinnerung
Venus
Der Natursekt der Venus
Mars
Die Maske des Henkers
Jupiter
Das große Fressen
Saturn
Der Mörder Tod
- Portal - Die Zwillinge-Hölle
Sonne
Der Doppelgänger
Mond
Der Phallus auf der Stirn
Merkur
Der Trickster im Hirn
Venus
Das Porno-Comic-Heft
Mars
Die Cybersex-Masturbations-Kabine
Jupiter
Der digitale Gott
Saturn
Die Video-Reality-Schizophrenia-Show
- Portal - Die Krebs-Hölle
Sonne
Ödipus
Mond
Der Tempel der Ahnengeister
Merkur
Die Resonanz der verdrängten Erinnerung
Venus
Die Träumerinnen der Seele
Mars
Die Fäzes der Göttin
Jupiter
Das Schweigen der Mütter
Saturn
Die Antwort der Schlange
- Portal - Die Löwe-Hölle
Sonne
Das Ego Gott
Mond
Der embryonale Schleier
Merkur
Der sich selbst bespiegelnde Blick
Venus
Die Paradiesfalle
Mars
Der Kampf mit dem Drachen
Jupiter
Das Feuer des Adlers
Saturn
Der Ungott
- Portal - Die Jungfrau-Hölle
Sonne
Der Sündenengel
Mond
Der gespiegelte Dämon
Merkur
Das Buch der Schuld
Venus
Der gläserne Traum
Mars
Das perforierte Hologramm
Jupiter
Der philosophierende Kegel
Saturn
Der Schatten des Schattens
- Portal - Die Waage-Hölle
Sonne
Die Maske vor dem Gesicht des anderen
Mond
Der andersgeschlechtliche Teil
Merkur
Das Ich des anderen Selbst
Venus
Das Echo der Sehnsucht
Mars
Die libidinöse Projektion
Jupiter
Die Relativität des Betrachters
Saturn
Das Auge des Lesers
Akronos
Epilog - Der Traum des Magiers
Nachwort von Dr. Peter Orban
Vorwort
DANTES «DIVINA COMMEDIA»
Dantes Werk im Spiegel der Zeit
Wenn sich heute jemand an Dante heranwagt, muß er sich zunächst einmal ganz klar darüber werden, was er sagen will. Um Himmel und Hölle kann es ja nicht mehr gehen. Der ewig Strebende, der die Schreckensgewölbe durchdringt und ins Paradies eingeht – ist das noch einsehbar? Zwar kennt die Weltliteratur kein vergleichbares Werk, das in seinen epochalen Ausmaßen Himmel und Hölle so ausschließlich miteinander verbindet und in dem sich das ganze Weltbild seiner Zeit in einem überragenden Kunstwerk von solch hoher Qualität zusammenballt. Dantes gewaltiges Gedicht mit seinen hundert Gesängen führt in einer geistigen Schau von der Darbietung des Jammers (Inferno) über die Schutthalden des Seeleninneren (Purgatorio) bis hin zu den Türmen der Erlösung (Paradiso). Doch obwohl die Kraft seiner inneren Visionen sich bis heute als unerreicht zeigt, stellt sich die Frage, ob der Geist, den der Christ Dante einem jeden Ereignis aus seiner christlich-moralischen Sicht unterlegte, in unserer Zeit noch greift; ob Dantes Universalität, Himmel und Hölle durch ein persönliches Erleben in seiner ganzen Tiefe zu durchleiden und gewissermaßen als persönliche Abrechnung zu einem monumentalen Kulturgemälde zu verarbeiten, über den Status einer Pflichtlektüre an höheren Schulen hinausreichen kann und noch andere Leserkreise als nur die der Literaturwissenschaftler und Kulturhistoriker zu interessieren vermag.
Der moderne Leser, der allenfalls an Gott, kaum noch an Jesus, am allerwenigsten jedoch an Himmel und Hölle glaubt, könnte ein Werk als befremdlich empfinden, das sich mit einzigartiger dichterischer Kraft ausschließlich der Wanderung durch Himmel und Hölle widmet, um so mehr da aus der heutigen Sichtweise klar wird, daß die Hölle zu Dantes Zeit weniger ein Gleichnis für die inneren Ängste war, sondern vor allem ein zum eigenen Machtgewinn benutztes Instrument der Einschüchterung seitens der Priesterkaste. Im Licht dieser Erkenntnis muß dem Leser Dantes geistige Achse seines Riesenepos trotz der hymnischen Kraft seiner Gesänge etwas schief erscheinen. Da die Vorstellungen vom Jenseits natürlich immer auch die geistige Entwicklung einer Gesellschaft innerhalb ihrer Zeit repräsentieren, war es daher unabdingbar, Dantes «Höllentrichter», der entstand, als Luzifer bei seinem Abfall von Gott aus dem Kristallhimmel in den Mittelpunkt der Erde geschleudert wurde, mit den heutigen Erkenntnissen über die Abgründe im Menschen in Verbindung zu bringen.
Dantes alttestamentarische Ausrichtung
Wenn wir Dantes Lebenslauf betrachten, so erkennen wir, daß dem frühen Erfolg, der ihn bereits in jungen Jahren in hohe politische Ämter aufsteigen ließ, schon bald die Verstrickungen in politische Intrigen mit anschließender Flucht und lebenslangem Exil folgten. Bemühte er sich vorerst, die Wiederherstellung seines Rufes und Ranges vor allem durch schriftstellerische Leistungen zu erkämpfen, so brach er dieses sinnlose Bemühen später ab. Aber schon hier wird Dantes zwiespältige Haltung zwischen geistiger Erneuerung und gesellschaftlicher Anpassung sichtbar, die ihn und sein Werk in das sengende Fegefeuer zwischen Revolution und Resignation schickte. Denn von ihrer architektonischen Form her wurde die Hölle von ihm nicht revolutioniert. Er hat seine Visionen im Stil der älteren, populären Überlieferungen der jüdischen Apokalyptik entwickelt, wie sie sich etwa im Henochbuch (3./2. Jh.v. Chr.) finden. Die jüdisch-apokalyptische Vorstellung einer von Würmern belagerten Jenseitslandschaft, in der ein großes Feuer wütet und Strafengel die Folterung der Sünder vorbereiten, muß als direkter Vorfahre von Dantes «Inferno» gelten, wo die Sünder bei lebendigem Leibe im Schlamm begraben, in Sümpfe verbannt, in Felskammern gesperrt, an Steine gekettet und zwischen Baumstämme geklemmt geschildert werden. Sein inhaltlicher Beitrag war dementsprechend auch kein grundlegend-verändernder, sondern nur ein formal-umkehrender: statt der üblichen Sünder und primitiven Gesellen ließ er historische Persönlichkeiten, Fürsten, Kirchenobrigkeiten und andere «Schreibtischtäter» im Feuer schmoren. Diese ketzerischen Spitzen verleihen seinem Werk aus heutiger Sicht durchaus einen Anstrich revolutionären Umbruchs, doch im inhaltlichen Sinn ist er über Denker wie beispielsweise Origenes nicht hinausgekommen, der schon im 3. Jahrhundert die Meinung vertrat, daß Gott reiner Geist sei und das Höllenfeuer metaphorisch, und der das schreckliche Höllengericht durch die universale Versöhnung mit Gott ersetzte, wodurch letztlich alle Sünder erlöst würden. Auch der logische Scharfsinn, mit dem Thomas von Aquin über den Sinn der Höllenstrafen nachdenkt und sich mit der Frage beschäftigt, ob das Mitleid der Seligen die Strafen der Gottlosen nicht mildere und ob das Strafmaß der Ewigkeit die Richter nicht selbst zu Tätern mache, wird von Dante nur stellenweise gestreift, etwa, wenn sich die Verdammten vor Dante ob ihrer Taten schämen, aber nicht, um das unerbittliche Strafmaß der Höllen aufzuweichen, sondern um ihre Greueltaten zu zementieren und die Lauterkeit seiner Visionen, die die politisch Ungerechten und die machtgeile Kirchenmafia in der Hölle beeinflußt, seinerseits wieder abzusichern.
Dantes kultureller Einfluß
Aus dieser Perspektive ist Dantes genialer Ansatz unter geistig-erneuerndem Aspekt gar ein rückwärtsgerichteter oder konservativer, weil die persönliche Abrechnung, die Dante in seine höllischen Gesänge mit hineingepackt hat, ohne die dunkle Kraft ihrer Poesie die Jahrhunderte wohl kaum überdauert hätte. Und dieser visionären Schau eines über sich selbst hinausweisenden Epos ging es natürlich zuallerletzt darum, den Mißbrauch der Hölle zur Einschüchterung der Menschen abzubauen. Damit arbeitete Dante in seinem Werk ironischerweise der von ihm bekämpften Kirche in die Hände, die natürlich sehr daran interessiert war, daß die Hölle ihren negativen Nimbus behielt. Indem sie jeder Sünde eine bestimmte Höllenstrafe zuordnete und mit Fürbitten oder Totenmessen die Einflußnahme auf das jenseitige Geschehen regelte, steigerte sie natürlich auch ihre eigene Autorität. Man könnte sogar behaupten, daß sich das bis weit über die Romantik hinaus so fruchtbar entwickelnde Höllenszenarium, wo in unzähligen Hausbüchern über Größe, Zahl der Insassen sowie Eigenart der Folterkammern in der Hölle Klarheit herrschte, neben der durch die kirchlichen Drohungen gesteuerten Volksfrömmigkeit gerade auch Dantes Einfluß zuzuschreiben ist. Zeugnisse für die kirchlich tolerierte Unterstützung makabrer Phantasien finden sich bis ins 20. Jahrhundert, und die Nachwirkungen können bis zur aktuellen Gegenwart in Schülerbefragungen nachvollzogen werden. Selbst in der Neuzeit kämpfen reaktionäre Theologen gegen ein bloß metaphorisches Höllenverständnis. Und in den Dunstkreisen der Esoterik feiern die längst totgeglaubten und zu Grabe getragenen Engelwesen und Dämonen fröhlich Wiederauferstehung. Deshalb stellt sich hier die Frage: «Was ist die Hölle wirklich?» Und zwar hinter dem von der Kirche seit Jahrtausenden propagierten Bild eines glühenden Feuerofens. Für den rückwärts orientierten Menschen klingt die Wahrheit zynisch: «Sie ist der Himmel selbst!»
DAS LICHT DES INFERNOS
Die Finsternis und das Licht
Wenn wir die Hölle jenseits der apokalyptischen Vorstellung einer ewig brennenden Feuerlandschaft suchen, dann stellen wir fest, daß es sich bei den Sündern um Menschen handelt, die sich den von der Kirche aufgestellten christlichen Geboten widersetzt haben. Verboten aber wurde alles, was den kirchlichen Interessen widersprach. Und wenn wir aus heutiger Sicht weiter erkennen, daß die Gebote weniger dazu dienten, die Menschen in den Himmel zu führen, als sie politisch und kulturell zu kontrollieren und damit zu steuern, dann können wir auch sehen, daß die Hölle weniger ein Instrument der Sühne als vielmehr ein Instrument der Machtentfaltung war, die im Zuge der politischen Ausweitung von der Kirche zur Einschüchterung der Menschen und damit zum eigenen Machtmißbrauch mißbraucht worden ist. Damit hat die Kirche im Teufel ihren verdrängten Schatten nur deshalb heraufbeschworen, um ihren Kampf gegen das Böse zu legitimieren und damit das verdrängte Böse selbst auszuleben, indem sie durch die Verhinderung des scheinbar Bösen vermeintlich Gutes tat. Ergo wird auch klar, daß die Hölle die andere Seite des Himmels ist, also jener Teil, der im Schatten existieren muß, damit der andere sich weiter im Licht sonnen kann. Beide sind gleichermaßen dual und unvollständig und gehören dergestalt zu jenen Stufen menschlicher Entwicklung, die durch Erkenntnis und Bewußtseinserweiterung zu überwinden sind und erst durch Synthese zu einem die Triebnatur einbeziehenden sozialen Bewußtsein führen können. Wenn wir das wissen, erkennen wir plötzlich, daß Himmel und Hölle das Ego erhöhen und für die innere Sehnsucht nach Überwindung der gesellschaftlichen Enge und Beschränkung stehen. Der Unterschied liegt darin, ob sich diese Sinnsuche innerhalb der gesellschaftlichen Normen bewegt oder nicht, denn sowohl hinter der kontrollierten (Himmel) als auch der unkontrollierten Gier (Hölle) nach Sex, Besitz und Macht verbirgt sich nur die zu kompensierende Leere im Leben, denn beide Wege dienen dem Ego letztlich dazu, zu überleben und über die anderen hinauszuwachsen, um seinem Leben einen Sinn abzuringen. Der Unterschied ist wirklich nur der Standpunkt, von dem wir dieses Ziel betrachten, und die Suche nach Sinn der Weg in die Hölle oder ins Paradies. Ein Denker wie Meister Eckhart würde das heute so ausdrücken: «Der Weg in die Hölle ist mit Sinnsuche gepflastert.»
Die Hölle aus esoterischer Sicht
Die Suche nach Sinn ist der Weg in die Hölle, und das Finden des Un-Sinns die Rückkehr ins Paradies. Das Erkennen der Sinnlosigkeit der Sinnfrage wäre dann das «Fegefeuer», und die Erkenntnis, daß es keinen Sinn zu finden gibt und daß die Suche das sinnlose Ziel in sich selbst ist, entweder der «Himmel», wenn wir die Sinnlosigkeit der Sinnsuche erkennen (den Dämon der Sinnfrage), oder die «Hölle», wenn wir den Anlaß unserer Suche verdrängen. Wir ersehnen uns, was wir nicht haben, aber wir wollen es nur, weil es uns fehlt. Hätten wir es, würden wir gar nicht merken, daß wir es wollen, und suchten nach anderem, von dem wir glaubten, daß es uns fehlte. Wir suchen das Suchen, um das Finden zu verdrängen, denn würden wir finden, dann wären wir am Ziel. Doch ähnlich dem Alkoholiker, der zum Arzt geht und vorgibt, mit dem Trinken aufhören zu wollen, aber aus der Therapie aussteigt, sobald ihn der Arzt zum Alkoholentzug in die Klinik schicken will, sehen wir, daß beim Suchenden der Frust gerade dann ausbricht, wenn er zu finden beginnt. Und da wird uns klar: Es geht weder ums Finden noch um die Wahrheit. Sondern ums Suchen. Und solange wir die Hintergründe nicht sehen, warum wir suchen, was wir suchen, sind wir nicht viel klüger als der sprichwörtliche Narr, der den verlorenen Schlüssel unter einer Laterne sucht, weil es ihm dort, wo er ihn tatsächlich verloren hat, zu dunkel ist. Wir suchen im Reich der Ideale, wo man etwas sieht, weil alles hell und klar ist – doch wie sollten wir da finden, was in der Dunkelheit verborgen ist?
Solange wir uns scheuen, im Dickicht der Gefühle und in den Tiefen unserer seelischen Niederungen zu suchen, dort, wo wir ihn verloren haben, solange finden wir den Schlüssel kaum. Möglicherweise finden wir unter der Laterne dafür das Paradies, das uns suggeriert, solange wir immer nur im Licht suchten, solange bräuchten wir auch den Schlüssel nicht. Tatsache ist: Nur aus der Position des Suchens kann ich das Finden manipulieren, nur dort kann ich es mit all meinen Sehnsüchten vollstopfen, die mir meine Masken einreden, und damit schon am Anfang die Wahrheit verdrängen, die für die Masken den Tod bedeuteten: daß nämlich diese Form der Suche schon wieder eine Lüge ist, hinter der sich keine Wahrheiten, sondern nur die Gaukelbilder dämonischer Sehnsüchte verbergen, die mich niemals mehr aus den Netzen ihrer Verstrickungen entlassen. Das aber ist gerade die Hölle, die uns bedroht, weil sie uns den Abstieg zu unseren eigenen Ängsten verwehrt. Denn die erlittenen Wunden und Verletzungen heilen nur durch das Erkennen der seelischen Zusammenhänge, und erst die geistige Einsicht katapultiert unseren Geist ins Licht. Denn, wie sagte ein alter Suchender, nachdem er Gott zeit seines Lebens vergeblich im Himmel suchte und ihn endlich am Ende seiner Tage an der Eingangspforte zur Hölle fand: «Ein ganzes Leben lang war ich auf der Suche nach Gott, und als ich ihn am Ende meiner Tage fand und ihm in die Augen blickte, entdeckte ich, daß er es war, der mich suchte.» (Bajezid Bastami)
DANTES WERK AUS MEINER PERSÖNLICHEN SICHT
Dantes Vorlage als apokryphes Modell
Kehren wir zu Dante zurück. Kaum einer hat wie er das gesamte Weltbild seiner Zeit in sich aufgenommen und es zu einem monumentalen Gebäude unvergänglicher Lettern vor der Geschichte aufgetürmt, keiner hat wie er das geschichtliche Geschehen seiner Zeit aktiv und passiv miterlebt, in seiner ganzen Tiefe durchlitten und es in ein glühendes Versmaß gestellt, das jahrhundertelang die Vorstellungen der Menschen bis an die Schwelle der Neuzeit prägte. An seiner Dichtung mißt sich die sprachliche Gestaltungskraft von Himmel und Hölle. Verglichen mit seinem Werk kann mein Bemühen natürlich nur der schwache Abglanz eines kreativen Zusammenmischens alten Weins in neuen Schläuchen sein. Um diesem Bemühen aber trotzdem einen kollektiven Sinn zu sichern, mußte ich mich dort, wo Dante in vierzehntausend Versen die ganze Schöpfung durchmaß, nach einem System umsehen, das mir Dantes komplettes Weltbild durch eine innere Struktur ersetzte, die es mir erlaubte, die verschiedenen Episoden wie die Perlen auf einer Gebetsschnur nebeneinander aufreihen zu können. Dafür erkor ich mir das astrologische Modell. Der Preis ist klar. Statt der großen Menschheitsbühne, der menschlichen Entwicklungsgalerie, auf der Dante sein monströses, sinnvolles und sinngebendes Opus vom Leben des «Homo sapiens» vollzieht, kann ich nur ein abstraktes Modell anbieten, das über die systemartigen Verknüpfungen in Zusammenhang mit meinen astrologischen Kenntnissen und Erfahrungen im besten Fall auf den Ansatz seelischer Vertiefungen in einem psychologischen Umfeld hinweist.
Trotzdem gab es keine bessere Lösung, weil ein Buch in Dantes epochalen Dimensionen einfach nicht anders möglich war. Deshalb war für mich das Ausweichen auf ein strukturierendes Modell ein letztlich doch befriedigender, weil unausweichlicher Kompromiß, und die Hinwendung an die Astrologie innerhalb ähnlicher Modelle für mich aufgrund meines Erfahrungspotentials interessant. Außerdem schien mir dieses System besonders geeignet zu sein, da es mir erlaubt, jede der Höllen mit einem astrologischen Inventar auszukleiden und mit den astrologischen Konfigurationen meiner LeserInnen in Verbindung zu bringen, die sich in der einen oder anderen Geschichte wiederfinden können.
Manche mögen es auch als eine Anmaßung empfinden, das vorliegende Buch Dante als eine esoterische Paraphrase zu unterstellen und es mit seinem Werk in Beziehung zu bringen. Ich kann sie verstehen. Wenn ich es nach reiflichem Überlegen trotzdem wage, meine Schilderungen im weitesten Sinne an Dantes «Inferno» anzulehnen, dann weniger in kulturpolitischer als mehr in persönlicher Weise. So wie der Dichter sich dem Höchsten in voller Selbsthingabe näherte, um sich im nächsten Augenblick mit den Widersprüchen christlicher Dogmen auseinanderzusetzen, oder wie er seiner großen Liebe Beatrice in der Jenseitswelt genauso wie im Leben verfiel, wobei er sie aber statt als erlösenden Engel bei ihrer Begegnung als unnahbare Madonna mit den moralischen Schuldzuweisungen theologischer Lehren im Mund charakterisierte, erkennen wir in ihm auch eine gebrochene, rückwärtsorientierte Gestalt. Diese kehrt nicht als Handelnde, sondern als Gehandelt-Werdende an den Schauplatz ihrer Erinnerungen zurück, um aus der psychotherapeutischen Sicht des Schauens die eigene Seelenlandschaft aufzuräumen. An diese nicht unwidersprüchliche, aber menschlich-ringende und letztlich sich selbst überwindende Seite von Dantes Wirken wollte ich mein persönliches «Inferno» herantragen: an das rückwärtsgerichtete Hinabsteigen in den dunklen Schacht, diesen abgespaltenen Teil der Seele, dessen schlummernde Erinnerungen erwachen und in visionären Träumen ins Bewußtsein eindringen, um es um diesen unerkannten Teil erweitern zu können.
Dantes Wurzeln
Wir können Dante Alighieri aber nicht verstehen, ohne uns nicht auch seinen Vorbildern zuzuwenden, den Grundlagen, auf denen er sein Werk aufbaut. Vor ihm ist in ähnlichem Sinne Vergils «Aeneis» entstanden, ein Werk, das sich an Homers «Ilias» anlehnt und seinen Schöpfer ebenfalls in die Unterwelt führt. Doch wo der antike Dichter als Person bescheiden im Hintergrund verbleibt und im Epos selbst nicht erscheint, manifestiert sich Dante selbst als der eigentliche Held seiner Geschichte, und damit bekommt die Kulturwelt ihren ersten menschlichen Sänger, der die ungeheuer gehäuften Handlungen der Menschen und ihre verstrickenden Beziehungen untereinander in sich hineinnimmt, in einem gewaltigen Epos zusammenrafft und wieder aus sich herauswirft. Diese selbstbezogene Dramatisierung ist Dantes spontane Fortsetzung griechischer Dichtung: die antike Vorlage aus persönlicher Sicht. Denn Dante ist «Wanderer» und «Weg». Er ist sein eigener Hauptdarsteller, und unter seiner Regie löst er sich aus der dramaturgischen Vorlage und gewinnt durch seine visionäre Präsenz die poetische Kraft, die selbst monströsestes Leiden virtuos und differenziert in Sprache packt. Die ganze menschliche Schöpfungsflamme steigt aus ihm empor, und im unerschöpflichen Ringen zwischen bewußtem Formulieren und unbewußtem Dahingetragenwerden entsteht hier allmählich ein Bewußtsein von Erkenntnis und göttlicher Besinnung, das sich durch die Höllen der Einsicht zu immer tieferem Erkennen vortastet. Es ist dies das Vermögen, in den menschlichen Abgründen die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu sehen und sich damit über die kollektiven Muster und Verhaltensweisen hinwegzuheben. Es ist, als habe der unbewußte Dante hier Regie geführt, wenn er von seiner riesigen Gedankenfülle nicht erschlagen, sondern unter der kundigen Obhut seines Seelenbegleiters Vergil zur inneren Offenbarung und schließlich zu seinem eigentlichen Höheren Selbst getragen wird.
Dantes anderes Selbst
«Seelenbegleiter? Höheres Selbst?! Was für abgehobene Sichtweisen …», mögen sich die LeserInnen denken. Doch erinnern wir uns: Es ist dieses Ringen um das Höchste aus der Perspektive des kleinen, eigensinnigen Ich, dieses Vermischen von Persönlichem und Universalem, Emotionalem und Klerikalem, das Dantes Sicht diese epochale Bedeutung zuteil werden ließ, das den Künstler und Gelehrten neben seinem monumentalen Werk auch emotional und dadurch menschlich erscheinen läßt. Doch wie sollte Dantes kleines Ich die Unvergänglichkeit seines Werkes mit Atem füllen? Wie sollte das Numinose nicht das begrenzte Vorstellungsvermögen des Dichters sprengen? Dazu bedurfte es eines Größeren, denn Visionen dieses Ausmaßes stellen sich nicht ganz ohne unbewußten Beistand ein. Dante brauchte noch ein höheres Wesen, ein Medium, einen Brückenpfeiler zwischen den Welten, denn nicht nur die Reise scheint ein tiefer Abstieg in seelische Abgründe, sondern die Hölle selbst erscheint als eine im Vorgriff aufgerissene Seele. Wir können davon ausgehen, daß Dante genau spürte, daß die visionäre Verdichtung seiner Imaginationen auch aus Teilen seines Unbewußten strömte und er sich in seinen Gesichtern verstrickt hätte, wenn er sie in der Seele nicht hätte ausbrüten können. Deshalb bemühte er sich um einen mentalen Beschützer: Vergil, den er geistig ins Bild brachte und den er als seine eigene Schöpfung in visionärer Leibhaftigkeit durch die Jenseitswelt imaginierte. Die Wahl von Vergil lag – wie gesehen – auf der Hand: Vergil war wie Dante Dichter und begegnete in seinem Werk den Geistern der Abgeschiedenen in einer seelischen Rückschau. Außerdem ist er erdennah: Ähnlich wie Dante mit seiner Fiktion eines Gottesreiches auf Erden strebte er nach der aktiven Gestaltung des materiellen Bereichs durch die politische und visionäre Schöpfung des Römerreichs.
Der magische Pakt mit dem Seelenführer
Damit hatte Dante, wahrscheinlich ohne es zu wissen, den entscheidenden magischen Griff getan. Durch die Einbeziehung Vergils als seelischen Begleiter hatte er sich unbemerkt den Geist der Antike zum Verbündeten gemacht, als deren Vollender er sich sah, genauso wie ich mir durch die Einbeziehung von Akron den Geist des Unbewußten zu verpflichten suchte. Genauso, wie nur Dantes überbewußtem inneren Dialog zwischen Schüler und Lehrer ein so tiefes Eindringen in die seelischen Abgründe gelingen konnte, vermag nur ein widersprüchlicher, in sich gespaltener, seine eigenen Spaltungen reflektierender und die Reflexionen gleichzeitig wieder verarbeitender Geist wie Akron mich durch die Sümpfe unverarbeiteter Seelenschlacken und Geröllhalden unbewußter Gedankenmuster hindurchzuschleusen. Nur ein Geist, der seinem Scheitern ins Auge blicken kann und erst dadurch zu seiner wahren inneren Größe findet, indem er sich in seinen Banalitäten, in seiner Unwichtigkeit und der Relativität seines Erkennens überhaupt erkennt, hat wohl die Kühnheit, mich an ein Werk heranzuführen, das die Hölle nicht einfach nur beschreiben möchte, sondern gewissermaßen dantesk in den Geist der Unterwelt eindringen will. Deshalb fühle ich mich dem «Magier» Dante noch mehr als dem kulturhistorischen Gipfel seines Werks verpflichtet, auch wenn ich die Hölle im Gegensatz zu Dante nicht in der äußeren Welt erblicke, sondern als seelischen Raum empfinde, den ich durch meine inneren Bilder bereisen kann. Ich habe mir deshalb auch als Führer keine historische Figur, sondern ein Energiefeld in meinem Kopf erkürt, mit dem ich korrespondieren kann und das mich durch meine inneren Abgründe führt. Warum?
Das Denken ist dual, und die Dualität trennt, weil das ihre Natur ist. Wenn ich also irrational denke, dann erscheint mein Verstandeszensor und pfeift mich zurück. Die Wahrheit jedoch ist mehrdimensional und hat viele Gesichter. Denken und Sprache umschreiben zwar einzelne Teile, doch Wahrheit umfaßt alle Teile eines Ganzen und ist daher der Ratio nicht einsichtig. Deshalb bedarf ich zur Erfahrung des Unbewußten einer imaginierten Gestalt, die meine Seele begleitet und mir die irrationalen Erlebnisse filtert und reflektiert, und mein inneres Bild von Akron entspricht genau dieser Vorgabe. Er ist eine seelische Vertiefung, ein unfaßbarer Abgrund, der Unvorstellbares auf der Ebene des Verstehens in Bildern ausdrücken kann, ohne der Verstandeszensur verpflichtet zu sein. Wenn es mir emotional gelingt, mich ihm anzuvertrauen, also ein persönliches Vertrauen zu einer Kraft zu entwickeln, die jenseits meiner Verstandeskontrolle liegt, dann kann ich durch sie wie mit einer Tiefseeglocke in die seelischen Abgründe jenseits von Raum und Zeit eintauchen und mich im gelassenen Vertrauen auf meine künftige Auferstehung angstfrei dort unten bewegen. Denn ich weiß: Weder ich noch mein Seelenführer sind das Ganze: Er stützt mich, und ich manifestiere ihn. Die Realität, die ich im Bewußtsein zurücklasse, verschwindet, und die Zeit bleibt in dieser Subjektivität der Seele stehen – bis ich wieder in den Körper und den Intellekt zurückkehre und das erlebte Unfaßbare auf dieser Seite des Erlebens aus mir herausschaufeln kann.
Akron – der andere Seelenspiegel
«Wer aber ist Akron?» wird sich mancher wohl am Ende dieses Vorworts fragen. Um die Wahrheit zu sagen: Ich weiß es nicht. Oder genauer gesagt: Ich bin mir nicht sicher. Ich habe mir über diese Frage aber auch schon Gedanken gemacht. Deshalb habe ich hier zwei mögliche Antworten vorbereitet, die aus ihren polaren Sichtweisen in einem übergeordneten Sinn wahrscheinlich das gleiche ausdrücken. Zuerst die esoterische:
Vor mehr als fünfzehn Jahren hatte ich nicht nur das Glück, meinem inneren Seelenführer und Geisteslehrer Akron zu begegnen, sondern ich hatte auch die Chance, in den Prozeß der Übermittlung seiner inneren Botschaften einbezogen zu werden und mich auf der inneren und äußeren Ebene gleichzeitig zu reflektieren. D.h., mir blieben nicht nur die Teile meines Bewußtseins offen, auf der mir seine inneren Botschaften zuflossen, sondern mir erschloß sich auch die Perspektive, aus der ich den Mechanismus dieser Übermittlungen beobachten konnte, und so konnte ich erkennen, wie diese Übermittlungen dank ihrer raffinierten symbolischen Verschlüsselungen meine «kritische Vernunft» umschifften. Dadurch, daß ich mir das Denken zum Verbündeten gewann, das sich mir in der Verkörperung von Akron bis zu den Grundlagen seiner eigenen Relativität offenbarte, konnte ich den Strukturen des Denkens außerhalb meiner eigenen Denkmuster begegnen und damit die «Botschaften aus dem Universum» relativieren, ohne ihnen aber ihr inneres Geheimnis zu stehlen.
Und nun die pragmatische Antwort:
Das, was ich hier im Buch als meinen Geistesführer bezeichne, ist ein Energieimpuls in meinem Hirn. Es ist die Zusammenfassung der Muster, wie sich das kollektive Wissen in meinem persönlichen Erleben reflektiert. Dieser Teil kann genauso eine höhere Wesenheit sein wie ein abgespaltener Teil in mir, vielleicht mein eigener geistiger Machtanspruch, der mir in dieser ausgelagerten Form viel besser behagt, weil ich mich mit ihm in dieser personifizierten Gestalt nicht restlos zu identifizieren brauche. Im Grunde interessieren mich aber alle Fragen nach Akron auch nur insofern, als daß der innere Dialog funktioniert und daraus etwas Kreatives entsteht.
Sollte mich also heute jemand fragen, ob ich ein «Kanal» für höhere Intelligenzen sei, dann würde ich das aus meiner Sichtweise wahrscheinlich eher verneinen, denn die transpersönliche Erscheinung von Akron scheint mir doch mehr der Odem zu sein, um den von meinem eigenen Selbstbild unterdrückten geistigen Teilen Leben einzuhauchen. Andererseits möchte ich auch nichts ausschließen, da meine persönlichen Ansichten meiner «kritischen Vernunft» genauso unterliegen wie meine überpersönlichen Botschaften meiner «unterdrückten kreativen Irrationalität», und manchmal scheint mir, daß das eine das andere bedinge und erst im gelassenen Zusammenspiel dieser beiden verschiedenen Bewußtseinsebenen sich etwas manifestieren könne, das sich mit den Worten Akrons als «erkennendes Erkennen in meinem Kopf» dann so ausdrückt: «Ich bin der Träumer und der Traum, das Bewußte und das Unbewußte. Ich bin der Zauberer, dessen Zauber die Sphäre des Bewußtseins schafft: Ich bin in allem – alles ist in mir!»
St. Gallen im Februar 2000
Charles F. Frey
(erste Fassung im Mai 1997)

Der Aufbruch des Helden
Ich saß an meinem Schreibtisch und grübelte darüber nach, wie es in meinem Leben weitergehen sollte. Ich war traurig, deprimiert, zerstört. Nichts wollte mir gelingen, ich war überall blockiert. Meine Gedanken gingen ins Leere, ich ging ohne mich zu bewegen, denn es war das Schicksalsrad, das sich für mich drehte, eine Fahrt in den Abgrund, in dem die Zeit stillstand. Eigentlich wollte ich ein Buch über das Ringen um die Sinnfrage schreiben, die den Menschen oft in seiner Lebensmitte befällt, doch plötzlich fühlte ich mich selbst in die Abgründe hineingerissen, die ich nur beschreiben wollte, und auf einmal kam mir mein Leben grau und sinnlos vor. Mit dem virtuosen Blick der Selbstzerfleischung hatte ich den dunklen Fleck in mir entdeckt, der mein Selbstverständnis von der Welt und alles, wofür ich kämpfte, allein schon dadurch bedrohte, daß es ihn gab, und deshalb mußte es wohl auch einen Weg geben, ihn aus meinem Leben wieder zu entfernen. «Der Fleck muß verschwinden!» dachte ich laut.
«Doch die Exekution des Fleckes willst du nicht selbst übernehmen, damit dein Weltbild auch weiterhin in Ordnung bleibt, du möchtest vielmehr, daß ich diese Aufgabe für dich übernehme», hörte ich eine näselnde Stimme in mir, die ich für mein abgespaltenes psychologisches Verständnis hielt, «und weil du dich nicht ändern willst, versuchst du, das Leben für dein Scheitern verantwortlich zu machen, statt dir vor Augen zu führen, wo das Übel sitzt und wie schwer es ist, Bestehendes dort zu verändern, wo du selbst Sachverwalter des Bestehenden bist, nämlich in deinem eigenen Kopf.»
«Ich weiß manchmal auch nicht, wie ich das alles in mir zusammenreime», erwiderte ich dem Geist dieser Stimme, die in mir sprach und die ich als inneren Dialog wahrnahm, als sie die Beweggründe meiner Denkmuster kritisierte: «Immer versuchst du dich deinen inneren Ängsten zu entziehen, um dich den Voraussetzungen deiner eigenen Handlungen zu verschließen. Auch jetzt versuchst du über deine Krise intellektuell zu debattieren, aber nicht, um deine Lage zu verändern, sondern nur, um deiner Situation einen vernünftigen Grund zu unterlegen. Wie solltest du da je zur Einsicht gelangen, es sei denn …», sagte sie, einen Augenblick lang innehaltend, um mir die Gelegenheit zu geben, ihr beizustimmen und mich nach einem möglichen Ausweg zu erkunden, was ich auch sofort mit der Frage tat: «… es sei denn was?»
«Es sei denn, du ließest dich bedingungslos in dein unbewußtes schwarzes inneres Loch hineinfallen, in das Zentrum des Flecks», erwiderte die Stimme und machte wieder eine kleine Pause, um diese abschließende Botschaft gewissermaßen in mich einsinken zu lassen: «In deinen Ängsten drückt sich eigentlich nur die Tatsache aus, daß du das moralische Weltbild, die Werte gesellschaftlicher Prägungen, noch immer soweit verinnerlicht hältst, daß du die Erkenntnisse deiner Sinnlosigkeit nicht als Befreiung von diesen anerzogenen Wertvorstellungen, sondern als unzulässige Abweichung von ihnen und damit als Schuld erfährst. Deshalb ist deine Depression auch nicht da draußen, sondern in dir selbst. Sie beruht auf einem Modell, das dir seit Kindesbeinen eingefüttert wurde. Und eine willentliche Veränderung dieser Perspektive bedeutet nicht darüber zu lamentieren, warum das Leben für dich keinen Sinn mehr hat, sondern zu merken, daß im Gegenteil alle dir eingetrichterten Modelle außerhalb ihrer gesellschaftlichen Zielrichtung sinnlos sind. Der Wille zur Genesung kann also nicht bedeuten, den Lebenssinn zurückzuholen, sondern ihn für immer zu verlassen.»
«Wie?» entschlüpfte mir die Frage, denn irgendwie ahnte ich schon, daß diese Verhinderungen nur dazu da waren, erkannt zu werden, denn das innere Erkennen aller Zusammenhänge schien mir die einzige Möglichkeit, die Bedingungen der Leiden kennenzulernen und damit die Voraussetzungen zu ihrer Beseitigung zu schaffen. Die Frage war nur: Wie? Wie sollte das geschehen?
«Zum Beispiel, indem du aus dem Fenster springst!» orgelte es in meinem Inneren.
Meine innere Stimme wollte mich wohl veralbern: «Hast du keinen originelleren Ratschlag für mich?» fragte ich.
«Der Sturz ist die Auflösung des Ich, von dem aus es sich verlierend durch Selbstbetrachtung wieder zurückgewinnen kann. Erst wenn dein Verstand an den Grundlagen des rationalen Weltbilds zerschellt», erwiderte die Stimme, «werden alle deine unterdrückten Persönlichkeitsanteile aus den Umklammerungen des unterdrückenden Denkens wieder frei und du kannst alles sein, was du sein möchtest. Vieles ist in dir, du brauchst es nur zu wollen. Geh jetzt zum Fenster!»
«Ich bin nicht so verrückt, wie du mich darstellst», gab ich zu bedenken, während ich mich erhob und zögernd zum Fenster ging. Der ganze Himmel war von rotem Abendglanz durchglüht. Es hatte am Vormittag und am Nachmittag die meiste Zeit geregnet, erst gegen Abend teilten sich die Wolken, und die Sonne schien ins Zimmer. «Wahrscheinlich habe ich nur einen Sinnfindungs-Komplex. Im Grunde bin ich ein schüchterner kleiner Junge, der nie richtig erwachsen geworden ist», erklärte ich, «und darum beständig naseweis über seine eigenen Bilder hinauswachsen möchte, die er pausenlos produziert und sie im gleichen Atemzug wieder in Frage stellt, um sich vor seinen eigenen Zweifeln zu schützen …»
Plötzlich züngelte vor meinen Augen ein Blitz, und was dann geschah, erlebte ich wie einen «Trip». Hätte mir jemand eine LSD-Droge verabreicht, so hätte die Erfahrung nicht phantastischer sein können. Ich starrte durch das Fenster in die Sonne, und von einer Sekunde zur anderen entzündete sich mit ungeheurer Kraft ein Feuerwerk von Visionen in meinem Kopf. Es war, als ob die mir bekannte Realität plötzlich dünn wie Seidenpapier geworden wäre, denn inmitten der Flammen sah ich ein seltsames Gesicht aufleuchten, als hätten sich sämtliche Poren seiner Haut in Licht verwandelt. Es strahlte eine weiße Licht-Aura aus und zog mich an. Ich spürte, wie meine Wirbelsäule in rasende Schwingungen geriet. Irgendwie fühlte ich mich plötzlich in zwei Teile gespalten, denn ich spürte, wie ich an meinem Arbeitsplatz saß und die Ideen in die Tasten hämmerte, die mir durch den Kopf blitzten, und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, als ob ich es selbst war, der die Geschichte erlebte und aus dem Fenster fiel. Ich erkannte deutlich die luziden Wände meiner Geschichte als Spiegelrahmen einer mir unsichtbaren Welt, in der ich einem Engel begegnete, irgendwo zwischen Himmel und Erde. Sanft faßte er mich an der Hand und sprach: «Was weißt du von der Wirklichkeit, die dich umgibt?» Eine himmlische Gestalt in einem dunkelblauen Mantel stand vor mir und blickte mich unter ihrer Kapuze freundlich an. Die funkelnden Augen leuchteten in ihrem rötlichen Glanz aus der Tiefe der Finsternis hervor und ließen mich am ganzen Körper erzittern.
«Genug, um in der Welt überleben zu können», stammelte ich sichtlich aufgeregt.
«Das ist nicht genug, denn du bist hier nicht in der Zeit, die sich durch den Raum bewegt, sondern du bist der Raum, der durch sich selbst stürzt, weil er sich vor sich selbst verschließt. Ich bin der Schlüssel, der dich öffnet und der dir Zugang zur Wahrnehmung ungeahnter Perspektiven verschafft. Denn du bist die Tür, die dir als Eingang dient, die aber nicht nur an einem einzigen Punkt im Universum existiert, sondern die in verschiedene Bewußtseinsebenen hineingekrümmt ist … Gemeinsam können wir alle Ebenen durchwachsen. Schau hin!»
Und aus der Sonne brach ein glänzender Lichtstrom hervor und fiel über mein Pult auf Baphomets «The Light of Hell», eine alte apokryphe Schrift, die in meinem Bücherregal neben anderen kostbaren, gebundenen Manuskripten stand, die ich aber noch nie eines persönlichen Augenscheines gewürdigt hatte. Als ich gebannt hinsah, hatte ich das merkwürdige Gefühl, daß sich plötzlich ein kleines Auge auf dem mächtigen Rücken des magischen Wälzers abzeichnete und mir einladend zublinzelte. Blitzschnell erhob ich mich, mehr von der Aussicht beflügelt, etwas verpassen zu können, das bis jetzt nur in meiner Phantasie bestand, als vom Wunsch angetrieben, mich in neue Abenteuer zu stürzen. Ich zog das Buch aus dem Regal und schlug es auf, und da verfing sich mein Blick auch sofort in der flammenden Widmung, die über dem inneren Buchdeckel prangte: «Das Licht der Erkenntnis leuchtet aus dem Vorhof der Hölle.» Dann schlug ich die erste Seite auf, auf der in tiefschwarzen Lettern geschrieben stand: «Es stehen viele Geschichten in den geheimnisvollen Zauberbüchern, den schwarzen, unergründlichen Apokryphen der Hölle. Sie berichten von Dingen und Geschehnissen, die sich in der Tiefe der Erde ereignen, in der Finsternis der Nacht, aber nirgends, o Wanderer, findet sich die Geschichte der Seelen, die den Seufzern der Leere lauschen, dem Räuspern des Nichts, und die in der Einsamkeit schaudern und vergeblich einen Ausweg aus dem Schreckensgewölbe ihrer Träume suchen. Sie sühnen in den Verstrickungen ihrer Bilder, den Gefängnissen der Sehnsüchte und sind sich dabei ihrer Strafe bewußt, obwohl sie versuchen, sie aus ihrem Gedächtnis zu tilgen: Aber sie müssen durch die Hölle hindurch, auch wenn sie nicht wissen, was am anderen Ende ist. Aber, so wahr ich hier stehe, mein Freund, es ist Licht!»
Ich ließ das Buch sinken. Durch das einfallende Licht der Sonne wurde mein Blick von einer seltsamen Einrichtung auf der Rückseite des Regals angezogen, und plötzlich wurde ich eines Porträts gewahr, das in einer Nische eingelassen war, und zwar so, daß man nur einen Einblick bekam, wenn man einen der schwarzen Riesenbände aus dem Regal herausnahm. Es mußte sich um ein Ahnenporträt handeln, auch wenn es mir seltsam vorkam, daß es so versteckt hinter den geheimnisvollen Büchern und nicht wie die anderen Bilder im Familienalbum eingeklebt war. Der Glanz der Abendsonne brachte das Bild dabei wunderbar zum Ausdruck. Es stellte einen Mann unter einer mächtigen Kapuze dar, dessen Gesicht verdeckt im Schatten lag, nur die roten Augen funkelten hervor. Das Gesicht war mir sehr vertraut, und irgendwie schienen mir auch seine Augen zu antworten, denn einen Moment hatte ich das seltsame Gefühl, als blinzelten sie mich an: «Erst wenn dein Verstand an den Grundlagen des rationalen Weltbilds zerschellt», vernahm ich meine innere Stimme, «werden all deine unterdrückten Persönlichkeitsanteile aus den Umklammerungen des unterdrückenden Denkens wieder frei und du kannst alles sein, was du wirklich bist. Weshalb nicht auch ‹ich selbst›?»
Immer, wenn ich mich mit meinen inneren Gedanken zu beschäftigen begann, fand ich mich in den tiefsten Depressionen wieder. Ich verstand dann oft nicht mehr, wie es überhaupt möglich war, nicht deprimiert zu sein. Auch diesmal saß ich mit gequälter Miene am Tisch und versuchte, meine Situation selbst in den Blick zu nehmen und meine Gedanken aufzuschreiben, die mir durch den Kopf wirbelten, und damit die Geschichte eines Menschen in seiner Lebensmitte aufzuarbeiten, der seinen Lebenssinn verloren hatte. Doch diesmal eröffnete sich mir eine Vielzahl verschiedener Sichtweisen, meine Situation zu betrachten, und diese relativierten meine Unzufriedenheit mit mir selbst, aus der meine Depression sich speiste, weil ich plötzlich die Möglichkeit erkannte, wenn schon nicht frei handeln, so doch wenigstens innerhalb der schmalen Bandbreite meiner kreativen Phantasie frei entscheiden zu können, und plötzlich war mir die Sache klar: Ich mußte den Verstand aus mir hinausschmeißen, denn die Tendenz zur Hinterfragung meines Denkens und meiner Gefühle gehörte zur Struktur meiner selbst, die sich zu vernichten drohte. Denn wenn ich schon vor mir selbst nicht davonlaufen konnte, dann mußte ich wenigstens das, was mich an meiner Selbstannahme hinderte, aus mir auslagern, damit ich mich nicht weiter von ihm bedrohen lassen mußte. Meiner selbst zwar immer noch unsicher glaubte ich jetzt wenigstens zu wissen, was ich zu tun hatte: Ich packte den Verstand an seinem Schopf und schleuderte ihn gezielt aus mir heraus.
Ein peitschender Strom sich überschlagender Bilder zuckte durch mein Hirn, der sich bis zu den Innenräumen meiner Seele verlängerte, dann spürte ich zwischen den Ohren einen Knall, und gleichzeitig sah ich meinen Verstand mit bleichem Gesicht im Sonnenlicht stehen, der nun den Himmel für seine Lebensdepressionen und sein Scheitern verantwortlich machte, bevor er sich in einem plötzlichen Akt der Verzweiflung aus dem Fenster stürzte. Die Sonne explodierte, und mein Blick fiel auf das Fensterglas, das aus Hunderten von Scherben mein Bild zurückwarf. Ein neues Besinnen war zu meinem Empfinden gekommen und trieb mich über die Schwelle hinaus, als ich den Boden auf mich zurasen sah. Doch zu meinem Erstaunen erwartete mich da unten nicht das Ende mit seinem entsetzlichen Aufprall, sondern eine leuchtende Gestalt mit weit ausgebreiteten Armen. Sie fing mich auf und flüsterte mir ins Ohr, sie habe schon lange mit mir Kontakt aufnehmen wollen, aber meine intellektuellen Abwehrmechanismen hätten bisher eine mögliche Verbindung verhindert. Zwar hätte ich stets geahnt, daß es noch eine andere Seite gäbe, aber sobald ich versuchte hätte, die andere Seite zu erfassen, habe mich mein Verstand zurückgehalten, und dieser sei ein deprimierter Tyrann, der an den Polaritäten seines Denkens klebe und mich zwinge, jede Gewißheit an eine Welt jenseits des Verstandes aufzugeben. Deshalb habe er ihn aus dem Fenster gestoßen, denn der Weg meines Denkens wäre sonst dorthin gegangen, wo ich die Wirklichkeit verdrängte, statt die Voraussetzungen meines Denkens zu überwinden; die Polarität des Denkens sei die Voraussetzung für alle meine Probleme. Der Sturz aus dem Fenster sei gewissermaßen die Brücke ins Erkennen, denn erst dann, wenn der Verstand gezwungen sei, seine Position aufzugeben, würde so etwas wie Einsicht in andere Dimensionen bei mir frei.
Schon fühlte ich mich von einem Mantel roter Flammen eingehüllt, und einen Augenblick lang dachte ich an Feuer, aber mein inneres Auge zeigte mir, daß es die Hölle in mir selbst war, die ausbrach. Die Sonne glühte, und ich erkannte ihre strahlende, leuchtende Gestalt, aber ebenso deutlich erblickte ich darin auch mein Gesicht: mitten im Zimmer, in dem ich mich befand, und das Fenster war mein Augenlicht! Das also war der Blick, der sich ins eigene Auge sah, und in meinem eigenen Auge sah ich die Sonne aufgehen und mitten darin den Namen «Akron» leuchten, dann materialisierte sich vor mir eine Schwingungsenergie, die ich plötzlich sehen konnte; sie bildete eine leuchtende Gestalt mit roten Augen, die mich einhüllte und zu mir sprach: «Hör auf, mich anzustarren, denn was du siehst, sind die Flammen deines eigenen Erkennens, und sie können dich verbrennen, weil sie sich aus deiner Sehnsucht nähren, aus deiner Sehnsucht nach einer anderen Welt. Es sind die Kräfte, die noch zu stark für dich sind, auch wenn es deine eigenen sind. Du kannst mein Fluidum aber erkennen, wenn du dich abwendest und die Flammen aus den Augenwinkeln ansiehst!»
Als ich den Blick abwandte und das flammende Gebilde vor mir aus den Augenwinkeln ansah, erkannte ich seine festen Umrisse, obwohl ich ahnte, daß das, was ich sah, nicht die mir bekannte Realität sein konnte. Die Vision dieses Bildes konnte nichts Wirkliches sein, nichts, was dem materiellen Anspruch des Alltags standhalten konnte, aber ich ahnte auch, wie großartig das Wesen dieser Illusion sein mußte, die alles andere als Täuschung oder Irrtum war, sondern die Wirklichkeit einer irrealen inneren Sehnsucht, deren Verwirklichung uns die eigene Schöpfernatur lockend vor Augen zauberte, denn als ich meinen Blick direkt auf das Wesen richtete, lächelte es sanft unter seiner Kapuze und sprach: «Alle Sehnsucht ist Sehnsucht nach Liebe und Tod, denn das wahre Ziel von Eros und Thanatos ist die Überwindung des Ich, und der Weg führt über sich hinausstrebend zur Ewigkeit. Siehe, ich bin Akron, dein anderes Selbst, und führe dich ins Paradies, doch das Paradies ist eine Welt, die in viele Dimensionen hineingestellt ist, und die erste Schicht, die wir durchqueren, ist die Unterwelt. Genauso, wie das Universum in viele verschiedene Perspektiven aufgeteilt ist, ist auch die Persönlichkeit ein Konglomerat von verschiedenen Selbst, die zahllose Ebenen durchwächst, und dort, wo sie sich mit anderen Dimensionen schneidet, entsteht eine Tür, durch die du in andere Welten hineintreten kannst. Es ist zwar gar keine Tür, sondern ein Spiegel, oder genauer, ein gespiegeltes Fenster, in dem man durch sein gespiegeltes Bild hindurchsehen kann, aber das kann der Verstand nicht verstehen. Denn der Verstand ist ein despotischer alter Furz im grauen Gewand, der sich immerzu selbst wiederholt, weil er nie etwas anderes zu tun beabsichtigt als beständig die Regeln aufzustellen, nach denen er die Welt begreift. Nun ist er aber gerade durch sich selbst hindurchgefallen, durch das Fenster, das er für seine Wahrnehmung hielt, und ist vor die Pforte der Erkenntnis geknallt. Dieser Schock hat ihn verändert, denn er ist aus den Grenzen seiner Wahrnehmung gestürzt, und das hat ihn verwundbar gemacht. Horch! Jetzt steht er vor der Tür und klopft. Vielleicht bringt er dir den Schlüssel, der dich vervollständigt: Willst du ihn nicht hereinlassen?»
«Gewiß!» erwiderte ich rasch und rannte an die Tür. Ich öffnete sie, und da stand er vor mir. Da war er also wieder, mein Verstand, den ich noch eben aus mir hinausgestoßen hatte, der aber schnell wieder zu mir zurückgefunden hatte und mir nun hier auf der Schwelle gegenübertrat. Wie interessant! «Bist du nicht abgestürzt?» fragte ich ihn.
«Ganz recht», erwiderte er sanft, «ich bin aus meiner Alltagsvernunft herausgefallen und diene jetzt jener wirklichen Welt, denn ich bin das Licht deines eigenen Erkennens, das dir die Botschaften deiner Schattenwelt überbringt.»
«Und was willst du von mir?» entgegnete ich unbeirrt.
«Dies läßt sich nicht so einfach erklären», sagte er, «denn ich bin ein Teil von dem, das du aus dir entfernt und in die Unterwelt geschickt hast, damit es deinen verdrängten Schatten für dich sucht. Nun bin ich wieder zurückgekommen, um dir das zu bringen, wonach du mich geschickt hast – in deinem künftigen Erkennen …»
«Geh zum Teufel!» erwiderte ich ungerührt.
«Gewiß, mein Herr – zu dir!» höhnte er zurück, «denn du benutzt dich selbst in mir, um das zu finden, was du suchst. Gleichzeitig versuchst du, die Erkenntnis dessen zu verhindern, wonach du mich ausgeschickt hast. Unter materiellen Gesichtspunkten gesehen bin ich nur ein Gedanke, aber mich durchströmen die Erfahrungen von zehn Millionen Jahren menschlicher Entwicklung, denn in mir sind die Muster, anhand derer du gelernt hast, die Welt zu erschaffen, sowie die Muster der Veränderung, die das verändern, was du aus diesen Mustern geschaffen hast. Vielleicht erscheine ich dir unpersönlich? Doch weil es meine Energien sind, mit denen du die Muster deiner Vorstellung tränkst, bin ich da nicht dein Freund?»
Ich spürte eine unsichtbare zentrifugale, mich langsam aus dem Gleichgewicht bringende Kraft, die mich aufwirbelte und durcheinanderschüttelte. Auf einmal wurde ich mir bewußt, daß ich nicht mehr in der Zeit stand, die sich durch den Raum bewegte, sondern irgendwie auf der Schwelle, wo sich Raum und Zeit verbanden: «Und wie bin ich hierhergekommen?»
«Du bist durch dich hindurchgekommen!»
«Was bedeutet ‹durch mich hindurchgekommen›?»
«Das heißt, daß du durch die Tür gekommen bist!»
«Wenn ich aber durch die Tür gekommen bin, wie kann ich dann durch mich selbst gekommen sein?»
«Weil du die Türe selbst bist!»
«Dann zeig mir diese Tür!» schrie ich erbost.
Er schmetterte die Tür ins Schloß, und die Bilder versickerten in meinem Hirn. Ganz langsam lösten sie sich auf, und genauso langsam öffnete sich eine Glaskuppel, die aussah wie eine Hirnschale. Ich schwebte auf meinen Körper zu, glitt durch meinen Kopf in ihn hinein und fühlte, wie sich in meinem Gehirn eine Vorstellung formte, die sich in der räumlichen Sphäre manifestierte. Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Jemand war durchs Zimmer auf mich zugekommen: «Komm mit!» sagte er. Ich öffnete die Augen.
«Ich führe dich zur Tür!» Da stand er vor mir, sein Blick traf mich direkt ins Auge, und plötzlich war mir klar, als ich mich durch die Augen von ihm sah, wie großartig das Wesen dieser Illusion sein mußte, die alles andere als Täuschung oder Irrtum war, sondern die Wirklichkeit einer irrealen Sehnsucht, die mich mit ihm verband. Ja, es war mir klar, daß er ein anderer Teil von mir war und daß ich nicht aus ihm herauskommen konnte, ohne mich nicht selbst zu verlieren. Und trotzdem war er mir vertraut, denn zwischen uns war eine Verbindung wie zwischen Zeit und Ewigkeit, und unsere Blicke bildeten die Brücke: «Hör auf, mich anzustarren!» hörte ich ihn sagen, aber meine Gedanken kreisten immer stärker um seine seltsam leuchtenden Augen, denn jetzt wußte ich, sie hatten mich erkannt.


Die Fische-Vorhölle
Als Akron mich ansah, wußte ich, wo ich war. Niemals vergesse ich seinen ersten Blick, als er neben mir stand und beiläufig sagte: «Ich bin der Geist, der die Polaritäten überwunden hat, indem er Gott ins Auge blickte und darin die Wahrheit fand. Und du bist der Sünder, der nach einem langen Irrweg wieder zurückgekehrt ist, um vom Ganzen, von dem er sich abgespalten hat, wieder aufgenommen zu werden, damit er das einstmals aus sich selbst Entfernte wieder in sich zurücknehmen kann als das, was es ist, nämlich als einen Teil von sich selbst. Bist du bereit?»
Als ich freudig bejahte, warf er mir die nächste Frage an den Kopf: «Dann sage mir, wer du bist?!»
«Wieso? Ist das hier wichtig?» wollte ich wissen.
«Ich führe dich zu den unergründlichen Tiefen der Seele, deren Ziel es ist, die gefestigte Ordnung aufzuweichen und die Materie in ihre Urbestandteile aufzulösen», psalmodierte er mit glänzenden Augen, «deshalb muß jeder Sünder an dieser Schwelle darüber nachdenken, wer er ist, damit er weiß, was er verliert. Denn hier verlierst du alles, was du bist, und gewinnst alles, was du verlierst. Deshalb möchte ich dich nochmals auffordern, mir hier laut und deutlich zu sagen, wer du bist!»
«Ich bin ich!» brüllte ich. Langsam wurde ich nervös.
«Und woher weißt du, daß du existierst?»
«Es ist eine intuitive Erkenntnis.»
«Das ist kein Beweis: Was für konkrete Beweise hast du dafür, daß du existierst?»
«Nun, ich denke, mein sensorisches Empfinden übermittelt es mir.»
«Gut», er lächelte zufrieden. «Nun denk über die nächste Frage nach: Was ist der Sinn deiner Existenz?»
«Zu sein!» stieß ich mißmutig heraus.
«Du lügst! Wenn das der Sinn deiner Existenz wäre, was wäre dann der Sinn dieser Reise? Ich frage dich also: Bist du bereit zu akzeptieren, daß es keinen fixen Ich-Kern gibt, daß das Selbstbild, das du dir aufgebaut hast, eine Illusion ist, die sich nur dadurch nicht auflöst, weil sich dein Bewußtsein um sich selbst drehend in einer fließenden Bewegung dauernd neu manifestiert?»
«Warum willst du das hören?» fragte ich stöhnend.
«Der Limbus stellt die große Sehnsucht dar», erwiderte er und holte tief Luft, «in der sich unsere kleine Sehnsucht spiegelt, deren Schatten das persönliche Ego ist. Hier begegnest du nicht nur dem Anfang, der werden will, sondern auch dem Ende, das vergehen muß, damit es wieder werden kann, um aufs neue zu vergehen, denn diese Hölle versinnbildlicht die Drehscheibe im göttlichen Schöpfungsplan, weil sie dem schöpferischen Willen entspricht, der keine Absicht hat und ohne die Strukturen des göttlichen Schöpfungsplanes einfach die Potenz des sich selbst aus sich heraus gebärenden Urnichts darstellt. Nur wer um die Unverrückbarkeit dieser absoluten Wahrheit weiß, ist für die Höllischste aller Reisen bereit!»
Plötzlich tat sich der Boden vor mir auf und bildete eine steile Teppe, die tief hinab ins Dunkle führte. Die ganze Sehnsucht meiner inneren Hölle schoß hervor, und unendliche Dimensionen taten sich wie ein riesiger Schlund vor mir auf, denn offenbar hatte ich die Grenze erreicht, an der diese Fähigkeit hervortreten konnte. Ich hatte sozusagen den Punkt erreicht, an dem ich in mich selbst hineintreten konnte. Mein ganzes Hirnpotential war auf Empfang ausgerichtet, und ich sog begierig auf, was mir das Unbewußte zuspielte. Irgendwie war ich mir sicher, daß diese Ausstülpung meiner Innenwelt etwas ganz Natürliches war, ein Spiegel gewissermaßen, in dem man seinem unbewußten Schatten bewußt begegnen konnte, und Akron die Ausstülpung eines anderen Teils meiner Persönlichkeit, der durch mein Bewußtsein hindurch die Brücke bildete, die mich mit den irrealen Mysterien meines Unbewußten verband. Er war sozusagen ein Attribut meiner Hingabe an das Höhere in mir selbst, und mir schien, daß alle kreativen Fähigkeiten die Möglichkeit besassen, mich mit den höherdimensionierten Realitäten in Verbindung zu bringen. Ich sollte wegschauen, ihn nicht anstarren, hatte Akron mit blitzenden Augen noch gesagt, bevor er über die Brücke verschwand, als er nämlich sah, daß ich ihm folgen würde, denn jetzt wußte er, daß ich ihn erkannt hatte.
«Schau nicht hin, während du die Stelle überquerst», hatte er mich gewarnt, als er den Spalt zur Unterwelt am anderen Ende der Brücke öffnete und sich das Nichts drohend vor mir auftürmte, «sonst wird es dein letzter Blick auf den inneren Sternenhimmel gewesen sein, im letzten Moment vor dem Einschlafen, wenn du den Hüter der Schwelle passierst, denn es handelt sich hier um die Sehnsucht deiner Seele nach einem Einblick in ihr eigenes Uhrwerk, der vom rational-logischen Gesichtspunkt aus als unmöglich erscheinen muß. Keiner hält die zersetzenden Dimensionen der Fische mit seinem rational-kausalen Denken aus. Er würde wahnsinnig.»
Meine Augen waren offen; alle meine Sinne waren wach. Ich strengte mich an, nach vorne zu sehen. Aber da gab es nichts. Oder, falls es doch etwas gab, konnte ich es nicht erfassen. Meine Sinne gehorchten nicht mehr jener Arbeitsteilung, die ich als sinnvoll zu betrachten gelernt hatte. Alles stürzte gleichzeitig auf mich ein, oder besser gesagt, das Nichts stürzte auf mich ein, wie ich es niemals vorher oder nachher erlebt hatte. Ich hatte das Gefühl, als würde mein Körper entzweigerissen. Eine Kraft aus meinem Inneren drängte hinaus. Ich zerbarst, und das nicht nur bildlich gesprochen. Das Ego zerfiel, und vor meinen inneren Augen stiegen pulsierende Wirbel auf, in denen ich meine äußeren Blicke erkannte, aus denen unendliche Spiralfäden schwebten. Es war das letzte, woran ich mich erinnern konnte. Einen Wimpernschlag lang sah ich mein Gesicht im Dunkeln glühen. Mein Bewußtsein erlosch, als ich die strahlende Wand durchdrang und die Druckwelle mich aus dem Körper katapultierte. Schlagartig gingen die Lichter aus, und das gedämpfte Wimmern der Erde ballte sich zu einem schmerzhaften Schrei zusammen und brach dann ab. Der Raum löste sich auf, und in höchster Not spürte ich plötzlich den rettenden Griff, die vertraute Hand, die mich fortriß, bevor ich mich auflöste.
Akron stand neben mir und hielt mich an der Hand: «Gerade bist du durch den Spalt geschlüpft, durch den wir in die Wirklichkeit hineingehen, in die Vorstellung des Unbekannten, die wiederum ein Bestandteil unserer Weltvorstellung ist.»
«Und wohin führst du mich?» Ich glaubte genau zu wissen, was er sagen wollte, obwohl ich mir nicht sicher war, ob er überhaupt etwas gesagt hatte, denn mir schien, als ob sich seine Worte direkt in meinem Kopf bildeten.
«Ich führe dich zu dir selbst hin, zu deinen inneren Ebenen, die außerhalb von Raum und Zeit liegen oder zumindest außerhalb der beschränkten Sichtweisen, die wir mit Raum und Zeit umschreiben», erwiderte er und schaute mir in die Augen, «sie stellen die große Sehnsucht dar, in der sich unsere kleine Sehnsucht spiegelt und deren Schatten die Hölle ist.»
«In die Unterwelt?» wollte ich wissen.
«Himmel oder Hölle, das bleibt sich gleich», sagte er lächelnd und hob die Arme in die Luft, «ich fliege mit dir zu den Pforten der Wahrnehmung, zu den Gipfeln göttlicher Erkenntnis, um deren Spitzen die Visionen der Engel schweben und wo die Realität zur bloßen Fiktion zerschmilzt.»
«Was ist Realität?» wandte ich ein.
«Die Realität ist nur das Bild, wie sich die Welt unserer Vorstellung durch die Kapazität der Sinnesorgane darstellt», erwiderte er und tippte sich mit der Linken an die Stirn, «jede Realität kreiert in deinem Gehirn Welten von anderen Realitäten und ruft dabei das täuschend echte Gefühl hervor, als seiest du in ihr, denn dein Geist ist in die Datennetze des ganzen Universums eingebunden und auf sublime Weise mit jeder Realität verbunden. Weißt du überhaupt, wer du bist jenseits der Form, mit der du dich identifizierst?»
Auf einmal verschob sich meine Perspektive. Ich sah nicht mehr ihn, sondern mich, denn ohne mich zu bewegen sah ich mich plötzlich vor mir stehen, und ich fragte mich, war ich der Träumer, der träumte, oder ein anderer, der träumte, der Träumer zu sein. Einen Augenblick lang sah ich mein Gesicht im Dunkeln glühen. Als wollte es Himmel und Hölle verschlingen, schwebte es heran und blickte mich mit leuchtenden Augen geheimnisvoll an. Daraus brach ein wellenförmiges Flimmern hervor, wälzte sich über mich und drang durch jede Öffnung in mich ein. Lichtkaskaden brachen in eruptiven Schüben hervor, und ein glänzender Lichtstrom fegte über mich hinweg. Es war ein hypnotisierendes Leuchten, das von diesem glühenden Objekt ausging, und als ich es genauer musterte, begann es seinen Glanz zu verlieren, und mir schien, als wäre es das Auge eines alten Mannes, der mich im eigenen Blick ansah, ein gespiegeltes Bild in einem Spiegel und zugleich Spiegel selbst, und der zu mir sprach: «Diese Schwelle verkörpert sowohl das Nichts am Übergang zum Werden wie auch die grenzenlose Leere des Alls, die am Ende jeder Entwicklung das Sein wieder in sich aufnimmt. Sie zeigt ein Sehnen nach Verschmelzung mit der Seele an und die Auflösung aller Einschränkungen. Ihr tiefes Streben, durchwoben von den Mustern des Ewigen, mit denen du dich in frommer Übereinstimmung wähnst, führt dich zu den Pforten mystischer Wahrnehmung, zu den Gipfeln göttlicher Erkenntnis, wo die Visionen ihre Perspektiven träumen. Ihre Entsprechungen sind die ätherischen Schleier der Seelenbilder, die die inneren Bilder lebendig werden lassen, die Zaubergärten der Delirien und Drogenräusche, die den Gespenstern als Zwischenwelt dienen, oder die Ahnungen und Botschaften aus dem Reich der Tiefe, die zu den Quellen der Träume und den Schwellen des Unbewußten hinabführen. Sie sind das versunkene Atlantis für das aus den Tiefen leuchtende Licht, der über dem Wasser schwebende Geist Gottes als himmlische Wahrheit oder der Sternenhimmel für die Einstrahlung des Kosmos in den erahnenden menschlichen Geist. Bist du bereit?»
Unendliche Dimensionen gähnten wie ein hungriger Schlund vor mir auf, und unter mir klaffte ein riesiger Abgrund. Meine Schritte wankten ins Leere, denn ich spürte meine Beine nicht mehr. Es war wie ein Gang in den Abgrund, in dem die Zeit stillstand.
«Wo sind wir?» fragte ich meinen Begleiter.
«Wir sind durch eine Lücke deines Bewußtseins hindurchgetreten und befinden uns an der Pforte zur Vorhölle, die das Licht der sich aus sich selbst heraus gebärenden Erkenntnis darstellt. Schau geradeaus», hörte ich Akron sagen.
In diesem Moment vermochte ich im schemenhaften Glanz der Sterne tatsächlich Gott und die Engel zu erkennen. Vor mir öffnete sich der Spalt, aus dem ferne Erinnerungen wie farbige Traumblasen aufstiegen, ein Panoptikum sehnsüchtigster Entrückung, das in eine andere Raum-Zeitlichkeit enteilte. Ich verwandelte mich in eine Eizelle, die in den Tempel des Lebens hineinschoß, und gleichzeitig entdeckte ich, daß das, was ich für mein Lebenswasser hielt, nur ein Bild meiner inneren Vorstellung war. Darin nahm ich meine eigene Wahrnehmung wahr, glaubte sie aber als Schöpferquelle zu erkennen. Ich erkannte in der als Schöpfung erkannten Wahrnehmung die göttliche Formel der Seele, die Gott in allem, was sie sieht, nach ihrem eigenen Bild wahrnimmt. Von der Realität des Alltags befreit, begann ich die Polaritäten zu überwinden und in die zeitlosen Räume einzudringen, in denen Wellen des Geistes alte Erinnerungen heranspülten. Direkt vor mir schäumten die Wellen der Ewigkeit, und sie klatschten mit ihren Armen gegen die uralten, bemoosten Mauerreste.
«Hier stehst du an der Schwelle, hinter der es keine Umkehr gibt, denn sie ist ein Symbol des Dranges, sich selbst in jedem Rahmen zu verlieren und sich jeder Verfestigung zu entziehen. Des Menschen Sehnsucht nach Gott ist das verdrängte Gegengewicht zu seiner materiell-polaren Perspektive, die, einmal aus den Angeln gehoben, sich immer mehr in sich verliert: als Kompensationslust seines Denkens, um sich im Grenzenlosen zu ertränken …»
Das waren Akrons Worte. Sie glitten schwerelos durch Zeit und Raum, und es dauerte Äonen, bis ich ihren Sinn verstand.
Es ist das unsichtbare Tor, von welchem Dante schrieb:
Durch mich geht man hinein zur Stadt der Trauer,
durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze,
durch mich geht man zu dem verlornen Volke.
Gerechtigkeit trieb meinen hohen Schöpfer,
geschaffen haben mich die Allmacht Gottes,
die höchste Weisheit und die erste Liebe.
Vor mir ist kein geschaffen Ding gewesen,
nur ewiges, und ich muß ewig dauern.
Laßt jede Hoffnung, wenn ihr eingetreten.
Inferno 3,1 - 9

Sonne in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der idealisierten Wirklichkeit an der Schwelle zur Realitätsflucht und Selbstbetäubung
Sünder
Illusionisten, Illuministen, (schwärmerische) Okkultisten, chamäleonartige Scheinanpasser, willensschwache Rollenspieler, Falschspieler, Trinker, haltlose Verführer, sexuelle Verdränger, mysteriöse Entzieher
Disposition
Der Schattenbereich von Sonne in den Fischen und Sonne im 12. Haus sowie disharmonische Sonne/Neptun-Aspekte
Schuld
Beeinflußbarkeit, Unentschlossenheit, Verwirrung, Versponnenheit, Unaufrichtigkeit, Unzuverlässigkeit, Rückgratlosigkeit, Selbstverleugnung, Selbstaufopferung, Selbsttäuschung, Handlungsschwäche, Wankelmut, Willenslähmung, Wahnvorstellung
Strafe
In dieser Hölle wirst du ständig von deinen eigenen Schatten belauert. Das Unvermögen, die eigenen Dämonen zu erkennen, entspricht deinem wirklichkeitsverleugnenden Verhalten, und die folgerichtige Strafe, daß die verdrängten Gespenster unerkannt von außen ständig über dich herfallen, läßt auch nicht lange auf sich warten. Statt deine eigenen Gespenster zu erkennen, sicherst du dich nach innen mit fremden Bildern der Erkenntnis ab, um die Blockierung des eigenen Ahnens einerseits durch die Angst zu lösen und andererseits die Konsequenz des eigenen Erkennens auf die Vorstellung übernommener Bilder zu verteilen. Daraus entsteht eine Ziellosigkeit der inneren Sehnsüchte. Du entziehst dich den Niederungen des irdischen Daseins und versuchst, die Verhinderung deiner materiellen Selbstverwirklichung hinter einem kosmischen Mäntelchen zu verstecken, was ein Widerspruch in sich ist, nämlich das Bild der Überwindung durch das Ego darzustellen. Es ist dies ein sich Hinwegheben in den Himmel fixierter Vorstellungen, die der Realität unerreichbar sind. Dort fühlst du dich vor Menschen sicher und bist gleichzeitig den Göttern näher.
Lösung
Die Angst vor der Realität des Alltags wird aber in dem Augenblick abgestreift, wo dein Vertrauen in die Spiritualität dieser höheren Erkenntnis Einzug hält. Das Wissen aus dieser transzendent vergeistigten Dimension ist sich der Relativität seines eigenen Denkens bewußt, weil es weiß, daß die Täuschung deiner Sinne dem Spiel entspricht, das sich dein Geist selbst ausgedacht hat und das er nur über die geistige Einsicht in korrekter Beachtung der Regeln überwinden kann. In den Träumen des Lebens kannst du dich als Teil eines Größeren erfahren, und dieses Größere ist der Traum des Lebens selbst. Von der seelischen Anlage her bist du besser in der Lage, die menschliche Leere zu ertragen, weil du dich selbst als Mysterium erfährst. Dir fällt es leichter, der Auflösung zu begegnen, da du deine Identität nicht rücksichtslos auslebst, sondern den unsichtbaren Schwingungen des Göttlichen nachstellst. Wenn es dir gelingt, deine Aufmerksamkeit von den äußeren Sichtweisen abzuziehen, kannst du alle Ursachen des Lebens in dir selbst finden, weil dir durch die kosmische Berührung deines Geistes Einsichten zufließen, die normalen Sterblichen nicht zugänglich sind.
Das Schlangenei
Als ich durch das unsichtbare Tor hindurchglitt, war mir, als ob ich durch ein Fenster meiner Seele blickte und mir selbst zuschaute, wie ich auf einer Welle mysteriösen Erkennens in eine Welt der Leere und der endlosen Einsamkeit eintauchte, denn in mir formte sich das Bild von Sündern, die sich zu den embryonalen Gestaden des Unbewußten träumten. Schritt für Schritt sah ich mich von blasenförmigen Gebilden umzingelt. «Was sind das für schemenhafte Wesen?» fragte ich Akron, meinen Begleiter.
«Es sind die Spiegelbilder der Nacht», gab dieser zur Antwort, «die Ungeborenen, die sich in den Schatten der Nacht manifestieren.»
«Sie fühlen sich so tot an, so ohne Leben», stellte ich fest.
«Das rührt daher, weil sie keinen Körper haben», sagte er.
«Wo haben sie denn ihre Gestalt, mein Seelenführer?»
«Sie halten sie vor sich selbst verborgen, weil sie sich als die geheimnisvollen Instrumente einer höheren Eingebung wähnen, was in Wahrheit aber nur der schiefen Wahrnehmung ihrer Wirklichkeit entspricht.»
«Wie läßt sich das verstehen», erwiderte ich.
«Sie benutzen uns gewissermaßen als Spiegel, um sich in unseren Gedanken reflektieren zu können», versuchte er mir das Geschehen um mich herum näherzubringen, «da sie ihre Träume aber ebenso in unsere Vorstellungen wie wir unsere Vorstellungen in ihre Träume einbringen, führt das zu einem doppelten Umkehrschluß, daß nämlich ihre Träume durch unsere Lebensperspektive in dem Ausmaß schärfere Konturen gewinnen, wie sich unsere Lebensperspektive durch ihre Träume auflöst.»
«Jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr!» Das war keine Übertreibung.
«Sie löschen den Verstandeszensor im Hirn der Opfer aus und ziehen die armen Sünder in ihre ewigen Träume hinüber. Doch warum willst du sie nicht selbst fragen?» Akrons Blick und sein schelmisches Lächeln verwirrten mich: «Du bist doch selbst ein Teil ihrer Wirklichkeit geworden. Siehst du das Wesen neben dir? Es hat dich soeben in seinen Traum einbezogen.»
Erschrocken drehte ich mich um. Ein mächtiges Lichtei schwebte auf mich zu. Ich konnte sein Äußeres nicht befühlen, aber es wirkte so seltsam glatt wie eine polierte Kugel, und es strahlte eine starke Bewußtheit aus. Dann stieß es mich an. Ich empfand es nicht als Berührung, eher wie ein leises Eindringen, und mir war, als sei ein Teil von mir, der in mir eingeschlafen war, durch diese Berührung wieder aufgeweckt worden.
«Wer bist du?» fragte ich. Ich hatte das Gefühl, als erwachte ich aus einem Traum, doch gleichzeitig hatte ich meine Bedenken, ob diese schimmernde Kugel nicht mehr war als nur ein Traum. Weder bewegte sie sich, noch veränderte sie ihre Gestalt. Und trotzdem übte sie eine so mächtige Anziehung aus, daß ich meine Aufmerksamkeit nicht von ihr lösen konnte. Eine sonderbare Kraft hielt mich wie festgewurzelt an der Stelle: «Ich bin der Horizont deines Traums», antwortete die Kugel, «der sich über deine Bilder wölbt und an deren Schnittpunkten Realität und Einbildung miteinander verwoben sind, und ich habe über uns einen spinnennetzfeinen Schleier ausgespannt, in dem alle Grobheiten des materiellen Imperativs festkleben und hängenbleiben und nur der Geist des Konjunktivs transparent genug ist, die Maschen des Netzes zu überwinden und in unsere Traumwelt vorzudringen. Diese Verfeinerung der Realität, die alles Grobstoffliche aussiebt und uns eine andere Wirklichkeit träumen läßt, ist unser Ziel: das Paradies.»
«Laß dich vom Dämon nicht aufs Glatteis führen», Akron schlug mir mit seinem Schlangenstab aufs Haupt, «sonst bist du auf ewig in seinem Traum gebannt! Sieh ihn nicht an, sondern versuche, durch ihn hindurchzuschauen, dann siehst du seine wirkliche Gestalt!»
Ich hatte ein seltsam milchiges Objekt vor Augen, eine Art gefleckten Nebels, der in ständig metamorphosierenden Farbtönen vor mir pulsierte. In der Mitte war ein mächtiges Loch, das mich einsaugte und sich als das Maul einer Schlange entpuppte, die mich verschluckte und Stück für Stück hinunterwürgte, und ich spürte, wie mich dabei ein starkes Lustgefühl ergriff. Meine Wirbelsäule geriet ins Schwingen, der Raum wurde zum Raumschiff, zur Pagode, zum Tempel, und ich fühlte, wie das göttliche Licht in mich einströmte. Es war eine faszinierende Vision, als sich die Träume wie eine Glaskuppel über die Säulengänge meiner inneren Gehirnkammern wölbten und ich aus der Tiefe eine erhabene Stimme vernahm: «Ich bin der Sternenhimmel für die Einstrahlung des Kosmos in den erahnenden menschlichen Geist oder das versunkene Atlantis als Symbol für das aus den Tiefen leuchtende Licht, denn ich bin die in dir wurzelnde letzte Frage nach dem inneren Selbst, die in dir erwacht ist, um dir zu zeigen, welche Erkenntnisse du aus deinen Träumen ziehen kannst. In mir lernst du das Göttliche in dir selbst erkennen, das sich aus dem Kokon untauglicher Lebensmuster herausgeschält hat, und in mir werden deine Sehnsüchte in die Kelter der sich vermischenden Weltbilder geworfen, in deren Verdichtungen die Prägungen deines Bewußtseins zugunsten höherer Entwicklungsstufen jetzt transformiert werden. Bist du soweit? Der Countdown läuft!»
Gleichzeitig vernahm ich Akrons Stimme. Sie flüsterte mir zu, daß ich sofort handeln müsse, wenn mir mein Leben noch einen Pfifferling wert wäre. Der Dämon dieser Hölle sei der Geist der Delirien und Drogenräusche, der den Gespenstern als Zwischenwelt diene, der ätherische Schleier der kollektiven Sehnsüchte, der meine inneren Bilder erwecke oder die Illusion aus dem Reich der Tiefe, die mich anziehe und mich niemals mehr loslassen würde, wenn ich ihr verfiele. Ich solle direkt auf das Phantom zugehen und es aus dem hüllenden Lichtkreis ziehen. Dann erst könne ich sein wahres Gesicht sehen.
Plötzlich erkannte ich, daß ich wie der doppelgesichtige Januskopf zwei Ebenen gleichzeitig wahrnahm. Links neben mir stand mein Seelenführer im tiefen Morast. Und direkt vor mir sah ich die schwebende Blase in einem kränkelnden grünen Licht. Sie zitterte, wich zurück, als ob sie ahnte, was ich vorhatte. Ich konzentrierte mich einen Augenblick, dann faßte ich mit meinen Händen dorthin, wo sich nach meinem Ermessen ungefähr der Hals befinden mußte, und packte zu. Das aber, was ich zwischen den Fingern hielt, als ich zugegriffen hatte, war kein Phantom, sondern eine zappelnde, grünschillernde Schlange.
«Erwürg sie nicht, sonst bist du verloren – küsse die Schlange auf den Mund», hörte ich Akron abermals sagen. Als ich meine Lippen an ihr Gesicht brachte, explodierte direkt vor meinen Augen ein Blitz, dann öffneten sich die pharaonischen Totenkammern in meinem Gehirn: vegetative, insektoide Gebilde, um die tieferen Schichten meiner Reptilien-Anfänge gewunden, die sich als larvale Kreaturen in den Spiegelräumen meines Egos suhlten und vom Höllenwurm träumten, der sich durch seine eigenen Gesichter hindurchfressen mußte. Durch meinen Kuß schien die Schlange erlöst, denn ihre zuckenden Energien schlüpften elegant in den schützenden Schleier der Nacht zurück. Und wieder ertönte mir Akrons Stimme im Ohr, ich solle das Phantom jetzt aus dem hüllenden Schatten ziehen, dann könne ich sein wahres Gesicht sehen.
Plötzlich leuchtete das Gesicht der Wahrheit vor mir auf: Ein tiefer Donnerschlag erschütterte die Luft, die Erde erzitterte, ich stürzte zu Boden und hielt mich an Akrons Beinen fest. Es war der Schock, der mich durchdrang, denn was ich aus dem Schatten herauszog, war mein eigener Kopf, der lächelte und mich dabei mit meinem eigenen Blick ansah.
Ich habe dich gewarnt», polterte auf einmal Akron und schlug mir mit seinem Caduceus auf den Kopf: «Versuch, deine Vorliebe für Horrorinszenarien zu zügeln, sonst kommst du aus dieser Hölle nicht mehr lebend heraus. Mach die Augen auf! Was hast du gesehen?»
Als ich die Augen öffnete, sah ich die scheußliche Schlange direkt neben mir. Sie war groß und häßlich und ringelte sich um Akrons Bein. Ich versuchte sofort sein Bein loszulassen, doch es gelang mir nicht, denn ich konnte meine Arme nicht bewegen. Erst da bemerkte ich, daß sie zu einem Teil der Schlange geworden waren, denn als ich an mir herunterblickte, sah ich, daß ich mich in eine Schlange verwandelt hatte. Dieses Bild verschwand in dem Augenblick, als Akron der Schlange mit seinem Stock den Kopf einschlug.

Mond in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der emotionalen Sehnsucht an der Schwelle zur Selbsttäuschung und Flucht in die Phantasie
Sünder
Mediale Schwärmer, emotionale Säuglinge, haltlose Träumer, vorzeitig Erleuchtete, sich aufopfernde Helfer, naive Streber oder kindliche Sucher nach dem Einklang mit dem göttlichen Selbst
Disposition
Der Schattenbereich von Mond in den Fischen und Mond im 12. Haus sowie disharmonische Mond/Neptun-Aspekte
Schuld
Verdrängung, Verlogenheit, Verwahrlosung, Unreife, Illusionen, Rückzug, Sucht, Flucht in die Einsamkeit, emotionale Räusche aufgrund unbewußter Erlösungssehnsüchte
Strafe
Weil du nicht bereit bist, persönliche Gefühle zu entwickeln, möchtest du in Übereinstimmung mit dem Göttlichen bleiben und hoffst, ein Medium des Geistigen zu werden, wenn du die Signale des Kosmischen empfängst und reflektierst. In Affinität zu deinem inneren Bestreben taucht das Bild der Seele auf, die vertrieben von den Gestaden des Lebens in den Gewässern des Unbewußten sühnt. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die ständige Flucht vor den Gefühlen, das ständige Bestreben, ihnen auszuweichen und alles Persönliche aufzulösen, und damit das infantile Ziel, von den Engeln auf den Weg geführt zu werden, um den Garten Eden in wonnevoller Verantwortungslosigkeit zu finden. Der Wunsch nach Übereinstimmung mit dem Kosmos ist also nichts anderes als die verdrängte Handlungsschwäche, Entscheidungen zu treffen, und führt zum Verlangen, von außen auf eine Weise manipuliert zu werden, die mit der Unfähigkeit der Präsentation deiner inneren Gefühlsnatur übereinstimmt. Da die inneren Kanäle den spirituellen Einsichten vor allem geöffnet sind, um die körperlichen Gefühle zu betäuben, wird die Vitalität gelähmt, die Sexualität verdrängt und in die Hölle abgeschoben, wo sie statt mit Engeln, von der betäubten Psyche abgeschnitten, mit Dämonen psalmodieren. Es ist die Hölle, die sich aus deinem infantilen Streben nach embryonaler Wonne nährt.
Lösung
Mond in den Fischen drückt oft auf negative Art das aus, was der Mensch mit Pseudospiritualität, Selbstbetrug und Weltflucht umschreibt. Diese Hölle symbolisiert den Drang nach Auflösung des Egos zugunsten dessen, was man die mystische Vision nennen könnte, wenn sie nicht einfach der Realitätsverdrängung entspräche, hinter dem sich die schwache Identifizierung mit deinen Gefühlen versteckt. Negative Umweltreize werden durch dein inneres Bestreben ersetzt, der Realität zu entschweben und in den Mutterschoß zurückzukehren, um einerseits geschützt und behütet zu sein und andererseits der eigenen körperlosen Spiritualität frönen zu können. Deshalb solltest du dir unter dem Einfluß dieses Gestirns bewußt werden, daß die ausschließliche Auseinandersetzung mit deiner inneren Welt dich nicht zurück ins Paradies, sondern ganz im Gegenteil zur Verdrängung des Alltags und zur Schwächung deiner Lebensbehauptung und Realitätsbewältigung und damit zu immer neuen Verstrickungen im täglichen Geschehen führt. Werde dir also über die irrlichternde Gefühlsalchemie deines inneren Zaubergartens klar!
Schneewittchen und die Ungeborenen
Ich sah zu Akron auf. Er hielt seinen Stock drohend in der Luft und fragte lächelnd, ob ich schon genug hätte oder lieber noch einen weiteren Schlag verpaßt haben wolle: «Eine Tracht Prügel scheint das einzige Mittel, dich von einem Absturz ins Unbewußte abzuhalten. Wir müssen schleunigst hier verschwinden, denn die giftigen Dämpfe dieser Hölle lösen dein geistiges Empfinden noch vollends auf.»
Er packte mich energisch an der Hand und wollte mich schon fortzerren. Ich riß mich jedoch los, denn ich wollte von ihm zuerst noch wissen, was hier geschehen war. Ich sagte ihm, daß ich keinen Fuß von der Stelle rühre, bis er mir nicht erklärt habe, was mir da widerfahren war.
Was immer ich persönlich zu erleiden glaube, erwiderte er sanft, sei unbedeutend im Vergleich zur immensen Gefahr, in der ich noch immer schwebe, denn die Atmosphäre dieser Hölle habe meinen Geist ergriffen und ich sei im Begriff, mich aufzulösen.
«Was lösen Sinn und Inhalt deiner klugen Worte in mir aus», entgegnete ich ihm schlau, «wenn sie mir die Frage nach dem inneren Sinn meiner Sehnsucht nicht beantworten können. Ich will wissen, wer ich bin, damit ich erfahren kann, worin der Sinn dessen liegt, was mir soeben widerfuhr. Sonst bleib ich lieber da.»
«Du mußt deine Abwehrhaltung überwinden», antwortete der Führer, «denn die Fische-Ebenen sind schrecklich gefährlich. Das Gefühl, aus Raum und Zeit hinauszutreiben, nimmt überhand, doch der Pfad, der zu den Geistern der Tiefe in die versunkenen Kathedralen hinabführt, ist nur ein Traum, ein trügerisches Hirngespinst wie eine Luftblase, in die du dich einhüllen kannst, um in die Sehnsucht einzutauchen: in die diffuse Versponnenheit einer irrationalen Vision.»
«Aber was gibt schon Sinn in einem Traum?» wagte ich zu fragen.
«Das bleiche Mondlicht», fuhr er nach einer Weile fort und zeigte auf den nebligen Schein, ohne auf meinen Einwand näher einzugehen, «dessen schimmerndes Flimmern auf die sensiblen inneren Geheimnisse der unergründlichen Mütter hinweist.»
«Das ist doch alles Mist», entgegnete ich grob und schaute auf die weite Oberfläche, deren Wasser in einem tiefen smaragdgrünen Glanz erstrahlte.
«Das ist es nicht», versuchte mir Akron die Situation zu erklären, «an den Wassern des Lebens fühlst du die Sehnsucht nach den Quellen, denn der Mond in den Fischen repräsentiert die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Es ist der zeitlose Urfunke des ewigen Stirb und Werde, der dich anlockt, und er zieht dich in den Mutterleib zurück.»
«Das glaub ich nicht», maulte ich frech zurück, «du willst mich hier nur weglotsen, aber ich bewege mich keinen Schritt, bevor du mir nicht sagst, wer ich bin und worin der Sinn dessen liegt, was mir hier widerfährt.»
«Gut, wie du willst», hörte ich ihn plötzlich in einem harten Tonfall sagen, «nur ein schmerzhafter Schlag auf den Kopf kann offenbar deine inneren Hirnblockaden lösen.» Ich schaute zu ihm auf. «Dieser Schlag steht für den Drang nach Auflösung des Egos zugunsten dessen, was man die mystische Vision nennen könnte, wenn diese nicht einfach dem Realitätsmangel entspräche, hinter dem sich die Lähmung des Egos versteckt», fuhr er fort, wobei sein Stock noch immer wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf schwebte, «einerseits wird dieser Schlag nach innen übertragen und als göttliche Vision erfahren, die dich in deine eigenen Verdrängungen verstrickt, gleichzeitig wird er aber auch nach außen projiziert und als äußeres Ereignis erfahren, auf das du deine inneren Zielsetzungen übertragen hast. Der Wunsch nach Übereinstimmung mit der inneren Sehnsucht ist also nichts anderes als deine innere Handlungsschwäche, Entscheidungen zu treffen, und führt zum Verlangen, von außen auf eine Weise dirigiert zu werden, die mit deiner inneren Erwartung übereinstimmt.»
Ich starrte auf das Wasser, das vor meinen Augen zu schäumen begann und in dessen Wellen meine innere Sehnsucht nach seinen Worten eingeschlossen war. Gleichzeitig spürte ich Akrons Stock auf mich zukommen. Doch bevor er auf meinem Kopf aufprallte, schmolz er zusammen und verwandelte sich in eine Wasserblase, die auf mich zuschwebte und mich sanft anstieß. Ich empfand es nicht als Schlag, eher wie eine sanfte Berührung, als sie vor mir explodierte und ihren Inhalt über mich entleerte. Meine Blicke versanken in einem grünlichen Dunst, die Erinnerungen in der Tiefe meines Unbewußten lichteten den Anker und ich segelte mit phallischem Geschütz in die Gebärmutter hinein. Dann vernahm ich ein leises Flüstern, das sanft an mein inneres Empfinden pochte: «Wir sind die Seelen, die im Mutterschoß träumen. Willkommen in der Gebärmutter-Abteilung!» Und gleichzeitig verspürte ich Akrons Stimme schmerzhaft in meinen Gehörgängen: «Du befindest dich in der Kinderabteilung der Seelen, die in den fäkalen Gewässern des Embryonalen blind dahintreiben, weil sie sich weigern, erwachsen zu werden und ihre Gefühle anzunehmen. Wach auf!»
Meine Träume schoben sich dabei über die Realität hinaus und öffneten sich nach allen Seiten. Sie breiteten sich allmählich in alle Richtungen aus, verbanden sich miteinander und nahmen die wirbelnden Bewegungen eines sich aus sich selbst herauswerfenden Gedankenstrudels an. Dieser Strudel nahm die Gestalt einer sich ausdehnenden Blase an, die von oben wie ein unsichtbarer Stockschlag gegen meinen Schädel klatschte. Der äußere Rand dieses Wirbels, da, wo die äußere Realität in meine Träume eindrang, wurde dabei von meiner sich selbst beobachtenden Vernunft dirigiert, über der die Stimme Akrons thronte, darunter der vaginale Schlund eines mächtigen Trichters, der tief ins Unbewußte führte. Aus der Röhre schwebte mir eine nackte Frau entgegen und machte mir bewußt, über welche Kanäle die Bilder aus den Tiefen der Erinnerung in mein Bewußtsein stiegen. Schon explodierte ihr Bauch, das Fruchtwasser lief aus und aus ihrem Uterus strömte eine eklige grüne Masse, die mich am ganzen Leib einschloß. Ich spürte, wie sich eine Glaswand vor mein Gesichtsfeld schob, mein Blick versank nach innen, und auf der Leinwand meiner luziden Bilder sah ich plötzlich eine durchsichtige Tür durch das Grün des Wassers schimmern. Ich schnappte nach Luft. Und hinter der Tür sah ich meine Mutter winken. Neben ihr stand Akron; er rief mir etwas zu. Er schrie, ich sei in das Loch meines Geburtstraumas gefallen und könne ersticken, wenn ich mich nicht nach seinen Anweisungen richte. Wenn ich mich retten wolle, müsse ich versuchen, die Tür zu öffnen.
«Öffne die Tür!» Er bedrängte mich beharrlich, die Tür zu öffnen und meinen Platz sofort zu verlassen.
«Wie?» röchelte ich zurück.
«Faß sie an!» hörte ich seine Stimme. Gleichzeitig sah ich, wie meine Mutter einen Apfel aus der Tasche zog und ihn vor die Scheibe hielt: «Wir sehen uns noch», murmelte sie durch die Tür, «Tote können hier nicht reden.»
«Wo?» keuchte ich mit letzter Kraft.
«In den Lebenswassern», hörte ich sie sagen.
Ihre Worte drangen in mich ein wie eine Flamme, die die Glut meiner inneren Sehnsucht entfachte, und in einem Schub visionärer Erkenntnis überfiel mich eine unvorstellbare Empfindung. Ich kniete am Ufer und schaute ins Wasser, und auf dem Wasserspiegel bewegte sich eine wunderschöne Frau. Sie ging zur Tür, jedenfalls sah ich sie direkt auf mich zukommen. Ich betrachtete ihre sanfte Erscheinung, als sähe ich durch ein Fenster hinaus, das nach innen geht, und sie stand an der Tür, blickte mich an und sagte nur: «Erkennst du in mir dein inneres Verlangen, sich dem Ewigen zu nähern und in den Mutterschoß zurückzukehren, um die Wahrheit zu erfahren und die Sehnsucht nach dem Unbewußten zu stillen? Bitte rühre mich nicht an!»
«Wer bist du?» fragte ich die schöne Gestalt.
«Ich bin Schneewittchen, die Märchenfee, die von ihrer bösen Stiefmutter vergiftet wurde, und deshalb bin ich hinter diese gläserne Tür verbannt. Doch jetzt bist du gekommen, mein Retter, um mich zu finden und in mich einzudringen, und so werden wir den Garten Eden im gemeinsamen Träumen finden, wo wir uns miteinander verbinden können, ohne uns körperlich berühren zu müssen.»
Und dann stürzte alles über mir zusammen, die Kuppel der Träume oder die Sehnsucht nach einer anderen Welt, die Sehnsucht nach all den Träumen der Ungeborenen, die aus dem Weltall herabgestiegen waren, um die Sehnsucht in die Welt zu tragen, die Sehnsucht nach dem Leben, das sich im Mutterschoß und an der Mutterbrust erfüllt. Ich wußte nicht mehr, ob meine Sinne verwirrt und in den Wassern der Täuschung verfangen waren oder ob sie einer höheren Einsicht stattgaben, um hinter dem Sichtbaren eine andere Realität zu erfahren, die meinen Augen normalerweise verschlossen blieb. Doch dann erkannte ich die Tür: Es war die Tür meines Sarges – der Deckel von Schneewittchens gläsernem Sarkophag.
Ja, jetzt erinnerte ich mich wieder, jetzt erinnerte ich mich genau: Stiefmutter hatte mir den präparierten Apfel gegeben, und ich war an seinem Gift erstickt! Aber jetzt fand ich meinen Retter, meinen kühnen Helden, der sein Leben für mich opfern wollte. Er gab mir ein Zeichen, daß ich die Türe öffnen sollte. Er wollte mich retten. Jaja, ich verstand, er wollte mich berühren, in mich eindringen, er wollte sich in meinem Uterus finden, aber ich wollte mich nicht anfassen lassen. Er kniete am Ufer und hörte deutlich meine Stimme, die Stimme seiner Mutter, die nach ihm rief. Dann versank er langsam in den Fluten. Ich winkte ihm zu, ja …, jetzt hatte er mich erkannt … Er röchelte nach Luft und klopfte an die Tür. Da spürte ich sie wieder, meine klaustrophobische Angst, jedesmal ersticken zu müssen, wenn mich jemand berühren wollte. Trotzdem ließ ich ihn herein und öffnete meinen Schoß; dabei sprengte er meinen Leib, die Haut, den Bauch – das Fruchtwasser lief aus, und aus dem Uterus strömte eine ekelhafte grüne Masse …
Das war knapp», hörte ich Akrons Stimme neben meinem Ohr, «du bist über die Realität hinausgeschossen und beinahe daran krepiert. Ich selbst bin schon viele Male über diese Welt hinausgegangen», erläuterte er mir, «deshalb weiß ich, was dort passiert. Schneewittchen hat sich selbst vergiftet, denn die böse Stiefmutter ist ein innerer Bestandteil ihrer selbst. Und dieses Gift schwebt noch immer in der Welt, bereit, mit Leib und Seele zu vernichten, wer die Voraussetzungen zur Täuschung nicht in sich selbst erkennt. Darum hat die Seele auch Angst, sich selbst zu empfinden und zu öffnen, was das Verhalten an diesem Ort erklärt. Eine bessere Lösung aber, statt vor sich davonzulaufen, bestünde darin, den Apfel bewußt zurückzunehmen. Erlösung kann nur durch das bewußte Loslassen des lebensvernichtenden Egotrips geschehen, den die böse Stiefmutter als Verkörperung des eigenen Schattens immer wieder heraufbeschwört. Doch wir können es nicht ändern – dies entspricht exakt dem Leiden dieser Hölle. Komm raus! Wir müssen weiter!»
Da wurde mir auf einmal klar, daß ich mit dem Gesicht im Wasser lag. Akron zog meinen Kopf über die Wasseroberfläche und befahl mir, aufzustehen.
«Ich kann nicht», entgegnete ich.
«Und warum nicht?» erwiderte er.
«Ich kann nicht, weil ich noch gar nicht geboren bin … weil ich in den Wassern des Lebens ertrunken bin …»
«Laß das und spuck den Apfel sofort aus!» sagte er energisch und knallte mir seinen Stock so heftig auf das Haupt, daß die Blase in meinem Kopf zersprang und die ekelhafte grüne Maße wie eine Fontäne aus meinem Mund herausquoll. Dann packte er mich an der Hand: «Sonst läßt dich die Sehnsucht nicht mehr los. Im Dämmern der Seele wacht die Angst auf und mit ihr die Sehnsucht nach dem Paradies. Die Sehnsucht nach dem Garten Eden ist die lyrische Sehnsucht nach dem Tod. Die Gefangenen dieser Hölle leben in einem Wahn, der sich aus ihren embryonalen Sehnsüchten bildet. Komm raus! Wir müssen weg!»
«Aber was ist ihre Schuld?» Ich riß mich los.
«Die Seelen, die sich aus Angst vor den Gefühlen nicht in ihre eigene Identität hineingetrauen, suchen ihre Aufgabe darin zu finden, daß sie sich zwischen die Welten stellen, um den Garten Eden im Uterus zu finden. Die schlummernde Psyche ist vom eigenen Geschehen abgeschnitten. Auf Ausformungen des Lebens erfolgen keine persönlichen Reaktionen mehr. Statt sich in der Umwelt darzustellen, versuchen sie, ihre Träume mit der Realität zu verweben und dadurch in jene geistigen Bereiche zu entschweben, wo alles Körperliche aufgehoben ist. Es sind die Feen, die in den Wassern schlummern, die die Welt nur träumen, die vertrieben von den Gestaden des Lebens in den Wassern der Unberührten existieren und alle Träumer in ihre Abgründe hinunterziehen», antwortete er. «Los! Raus!»

Merkur in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der mystischen Eingebung an der Schwelle zur Auflösung der Wahrnehmung
Sünder
Ver-Rückte, Ent-Täuschte, Auf-Löser und Ent-Grenzer zwischen Traum und Wirklichkeit: Lügner, Betrüger, Scharlatane, Hellseher, Zauberer, (Doppel-)Spione
Disposition
Der Schattenbereich von Merkur in den Fischen und Merkur im 12. Haus sowie disharmonische Merkur/Neptun-Aspekte
Schuld
Versponnenheit, Irrationalität, Verworrenheit, Phantasterei, Hirnmüdigkeit, geistige Betäubung, inneres Entschweben, Mangel an Realitätssinn, Flucht vor Menschen, Rückzug aus der Welt, Sehnsucht nach geistiger Durchdringung und der Wunsch, die Schleier durch Auflösung des Denkens zu heben
Strafe
Diese Hölle erzeugt aus verworrenen und verschwommenen Gedankengängen oft wahnhafte Gesichter und hysterische Verstrickungen, denn hier bist du zur Strafe in deine eigenen Gedanken eingesperrt. Versorgungsängste und Verfolgungswahn führen entweder zum Rückzug aus der Welt oder zum Bedürfnis, dich deiner Ratio durch Betäubung wenigstens für kurze Augenblicke zu entziehen. Hier verschmilzt du in den Tiefen deines Bewußtseins mit jener höllischen Einsicht, selbst nur Bühne unbewußter Gespenster oder Rahmen visionärer Botschaften zu sein, die zwar Himmel und Hölle inszenieren, in Wahrheit aber nur einen Mangel an Realitätssinn darstellen. Du kannst die Wirklichkeit nur noch durch die Bilder erfahren, die du dir selbst geschaffen hast. Das entspricht dann jener Vorstellung von Wirklichkeit, die zwar sehr sinnvoll ist, auch wenn sie natürlich niemals stimmt. Nur wenn du sie zu hinterfragen suchst, wird dein ganzes Denken sinnlos, denn damit läufst du ja deiner eigenen Wahrnehmung davon. Deshalb gibt es außer dieser Hölle keinen Ort, wohin du fliehen könntest. Wenn du die Illusion als Illusion erfahren willst, dann gerätst du von der Illusion sinnvoller Ziele zum Bild sinnloser Wahrheit! Wenn nicht, dann bleibst du bei einem Bild deiner Projektion. Du projizierst das Inventar deiner Bilder auf alles, was dir von außen entgegentritt, und reagierst dann auf dein Bild anstatt auf das Geschehene. Du kannst deinem Denken aber nicht entfliehen, denn es färbt ja die Inhalte von allem, was du siehst: Du lebst also nicht in dem, was geschieht, sondern in dem von dir durch deine Vorstellung selbst geschaffenen Raum/Zeit-Kontinuum.
Lösung
Die rationale Basis der Materie mit ihren funktionalen Handlungsabläufen ist hier weggespült. Dafür wird dein gesamtes Selbst von kosmischen Erfahrungen durchdrungen, denn der Geist dieser Hölle jagt deinen Verstand auf seiner Reise ins Unfaßbare durch Kanäle, die man mit den Werkzeugen des Denkens nicht mehr nachvollziehen kann. Dies kann eine Eignung für die Fiktionen mathematisch-mystischer oder okkult-utopischer Richtung anzeigen, in denen weniger das Detail als der Sinn fürs Ganze herausgehoben werden will. Denn durch deine Prägung kannst du deinen Mitmenschen den Weg zu einem Mythos zeigen, der wahr und doch nicht wahr ist, da sein Inhalt für alle Zeiten unerschöpflich ist. Faßt man ihn symbolisch auf, ist er der Anfang und das Ende, untersucht man ihn aber konkret, dann stellt er sich als das Nichts heraus, aus dem alles Göttliche hervorgegangen ist.
Wessen Augen sind die Sterne?
An der Grenze zur Merkur-Sphäre lagerte eine große Nebelwand. Akron stand neben mir und sprach: «Hier stehen die Seelen am Nichts. Ich hoffe, du bist nüchtern genug, um dir auch das Formlose anzusehen, die Ur-Energien, nach deren magnetischen Ausrichtungen sich überhaupt erst das gestaltet, was du in der Welt als Form erkennst. Im Unbewußten verkörpert diese Ebene das Staunen, mit dem nach Platon alle Erkenntnis beginnt.»
Dann zeigte er auf den Nebel: «Dieser Aspekt ermöglicht es dir, aus der Zeit herauszutreten und einen kurzen Blick hinter die Bewußtseinstüren zu werfen, ins Reich des Unfaßbaren, bevor sich die Ozeane des Vergessens wieder über den Zugriff des polarisierenden Verstandes legen. Aber es wird sehr verwirrend werden, das versprech ich dir!»
Einen Augenblick nahm ich den Nebel wie die unerfüllbare Sehnsucht kollektiver Träume wahr, die mich anzog. Dann verwandelte sich das Ganze in ein strahlendes Lichtermeer, das sich ausdehnte, bis es mich ganz einhüllte. Akron schaute mich fragend an: «Was ist mit dir los? Normalerweise kannst du niemals genug Fragen stellen, aber hier, wo deine Fragen gewissermaßen zur Hölle würden, die wir durchqueren könnten, wenn du sie nur stellen würdest, da sagst du kein Wort.»
Als ich darauf erwiderte, wie sich denn ein physischer Ort aus einer Frage bilden könne, da lächelte er geheimnisvoll: «Wenn die Merkur-Hölle beispielsweise nur ein schäbiger Gedanke wäre, der bloß in deinem Kopf existiert …» Und fügte weiter hinzu, ich solle mich einfach an seinen Antworten festhalten, dann würde er mich durch die Widersprüche des Denkens auf den Hirnfrequenzen dieser Hölle wie an einem Geländer zu neuen Bewußtseinserkenntnissen führen.
Ich sah, wie der kosmische Nebel mich umkreiste und in ein glitzerndes Gedankennetz einband, während Akron weiter philosophierte: «Das entspräche dann jener Vorstellung von Wirklichkeit, die zwar sehr sinnvoll wäre, auch wenn sie tatsächlich gar nicht existieren würde.»
«Deine Antworten sind ein Witz», rutschte es mir da heraus.
«Nein, sie sind höchst bedeutungsvoll, denn sie sind das Geländer im Hirn, das uns gefahrlos durch die Achterbahn dieser Hölle führt», sagte er daraufhin. «Nur wenn du sie polarisieren oder dich nach dem Sinn hinter den Antworten erkundigen wolltest, würden sie sinnlos, denn damit liefen sie ja ihren eigenen Grundlagen davon.»
«Du meinst der intellektuellen Sinnlosigkeit menschlicher Fragen?» forschte ich nach.
«Du hast es erfaßt», sagte er und nickte.
«Aber wo liegt das Ziel, wenn ich das Bild als Bild erfahren will?» ließ ich nicht locker. «Gibt es irgend etwas, wohin sie fliehen könnten?»
«In unbekannte Tiefen», sagte Akron. «Es gibt nichts, wohin sie fliehen könnten, was sich dir da draußen erschließen könnte. Wenn du die Illusion als Illusion erfahren willst, dann gerätst du von der Illusion sinnvoller Ziele zum Bild sinnloser Wahrheit.»
«Dann lande ich wieder bei mir selbst?» fragte ich erstaunt.
«Bei einem Bild deiner Projektion – na klar», nickte er und drückte meinen Arm. «Sieh dich doch um! Du projizierst das Inventar deiner Bilder auf alles, was dir von außen entgegentritt, und reagierst dann auf dein Bild anstatt auf das Geschehen. Schau dir nur die Sünder an!»
Ein Knäuel gräulicher Schemen glotzte mich stumm aus dem Nebel an, während Akron weitersprach: «Das sind die Seelen, die hier büßen. Sie haben zwar keine Gestalt, aber es ist ihnen gelungen, aus dem Numinosen hervorzutreten und sich in deiner Vorstellung vom Unfaßbaren als flimmernde Schatten zu reflektieren. Sie wollen dir etwas sagen. Leider kannst du sie nicht verstehen.»
«Warum kann ich die Sünder nicht verstehen, Akron?»
«Weil du dem Nichts in deinen Träumen keinen Platz einräumst: Das Unsagbare würde die innere Organisation deiner Träume sprengen.»
«Aber warum kann ich sie dann sehen?»
«Weil du sie statt zu sehen nur nach einer Vorstellung vom Sehen siehst!»
«Das ist mir zu komplex», räumte ich vorsichtig ein. «Das versteh ich nicht!»
«Du siehst sie nicht in ihrer wahren Gestalt, du siehst sie gewissermaßen durch eine vorgefaßte innere Prägung, die dir sagt, wie du dir das Unvorstellbare vorzustellen hast.»
«Eine vorgefaßte Prägung …?»
«Ja, ein graues Nebelband.»
«Du meinst», sagte ich zu Akron, «daß ich diese Seelen nur durch mein vorgefaßtes inneres Bild wahrnehme, das für mich wie ein graues Nebelband aussieht?»
«Genau», bestätigte mein Führer, «dein innerer Glaube erschafft jenen Teil der Wirklichkeit, der dir als Realität erscheint, gestaltet formlose Energie zu sichtbaren Formen, die du als gegenständlich empfindest, und formt dein Betrachten, das wiederum das Betrachtete nach seinem eigenen Bilde formt, damit die Welt, in der du dich orientierst, immer genau der Vorgabe deiner inneren Bild-Wahrnehmung entspricht. Doch vom wirklichen Geschehen erfährst du nichts.»
«Darum geht es doch nicht», sagte ich.
«Doch, darum geht es auch», korrigierte er mich und deutete auf ihre Gesichter, «sie haben dir nämlich auch etwas zu sagen, doch ist es unmöglich, dir ihre Aussagen in den richtigen Proportionen zu übermitteln, weil du ihnen in deinem Vorstellungsrahmen keinen Platz einräumst. Sieh einmal vorbehaltlos hin!»
Vor mir im Nebel schwebten immer noch die glotzenden Schemen. Doch während ich hinsah, lösten sich ihre ohnehin schon schlaffen Gestalten zu gänzlich zerfließenden Formen auf. Sie begannen sich vom Hintergrund zu lösen und tropften wie Tränen auf den Boden. «Das ist ja unerträglich», schrie ich hysterisch und faßte Akron am Arm, «laß uns schnell weitergehen!»
«Es ist halb so schlimm», hörte ich ihn sagen, «sie wollen dir einfach mitteilen, daß sie in dieser Hölle ihre Identität verloren haben. Auf dieser Ebene besitzen sie weder Augen noch Mund. Beides haben sie nur in deinem Hirn.»
Ich war ganz erschöpft. Was ich üblicherweise hinsichtlich des Gedankenaustausches zwischen Menschen empfand, war aus Gesichtern, Mündern und Sprache geformt. Und nun schlitterte ich ohne Vorwarnung in ein mir völlig fremdes Weltbild hinein: eine Nebelwand aus dem Blickwinkel dualer Aufweichung oder eine Art mystischer Glaube an meine verborgene Seite – ein masochistischer Troll des Selbstzweifels in einem Netz verzerrter Selbstbilder, der sich mit aller Macht um den Verstand bringen wollte. «Was soll ich tun?» wollte ich wissen.
«Tauch ruhig in die Spiegelungen deiner Hirnmuster ein, aber gib den Wesen Raum, in dem sie ihre Nicht-Gestalt visualisieren können», flüsterte mir Akron ins Ohr, «nur laß dich von deinem eigenen Formlosen nicht forttragen, sonst ist es möglich, daß ich dich nicht mehr erreichen kann. Laß mich wissen, wenn du sie siehst!»
Schnell und mühelos gelang es mir, das vollständige Bild eines grauen Nebelbandes vor mein inneres Auge zu zaubern. Doch plötzlich riß das Band, und ich erkannte zu meinem Entsetzen, wie sich eine riesige Öffnung im filigranen Gedankenschleier bildete, die sich blitzschnell erweiterte, und im gleichen Atemzug sah ich einen Knäuel zuckender Selbstbilder wie eine Feuerschlange in das Nebelband eindringen und wie glühende Bewußtseinsfunken durch das Loch in meinem Hirn verschwinden.
«Wir sind deine eigenen Gedanken, auf ewig träumend in dein unbewußtes Wissen eingebunden», wisperten die Bewußtseinsflammen auf der anderen Seite meines Denkens, «und jetzt ist uns endlich der Durchbruch gelungen. Alles, was in deinem Kopf geschieht, ist in diesem Augenblick mit dem verbunden, was in uns stattfindet, und deshalb kannst du jetzt alles verstehen, was wir an Wissen für dich aufbewahrt haben.»
«Aber was macht ihr in meinem Hirn?» Der Himmel über meinem Kopf war voller Bilder. Es waren Hunderte von ihnen, die sich an den Öffnungen meiner Gehirnschlitze rieben. Was mich aber erschreckte, war, daß ich kein Wort hervorbringen konnte, so verzweifelt ich mich auch bemühte, Akron wissen zu lassen, daß ich die beabsichtigten Stimmen jetzt bildlich vor mir sah.
«Es gibt keinen anderen Ort, an den wir uns begeben könnten», flüsterten diese, «denn wir gehören zu dir. Wir sind die Gedanken in deinem Hirn. Das ist unsere Strafe.»
«Und warum kann ich mich nicht mehr artikulieren?» wollte ich schon losbrüllen, aber ich hatte weder Mund noch Stimme.
«Ein Gedanke, der nur über sich selbst nachdenkt, braucht keinen Mund», antworteten mir die Seelen.
«Gedanke? Bin ich nicht das Ganze?» wollte ich in Erfahrung bringen.
«Einst warst du das Ganze», bestätigten mir die säuselnden Stimmen, «doch dann bist du durch deine eigenen Denkmuster hindurchgefallen und nun genauso wie wir im nebulösen Nichts gefangen.»
«Wie konnte das geschehen?»
«Indem du über diese Hölle nachzudenken begannst. Indem du dich bemühtest, das Nichts so zu betrachten, wie du es dir vorstelltest, hast du ein gefährliches Leck in dein Bewußtsein geschlagen. Schließlich fielst du durch diese Bewußtseins-Bruchstelle aus der dualen Übereinstimmung mit der Welt heraus, weil für dich das Numinose zur persönlichen Wirklichkeit wurde. Weil dein Bewußtseinszensor nicht erkannte, daß es eine persönliche Vorstellung war, hat er diese Vorstellung zu einer anderen Wirklichkeit umgruppiert und dich damit in eine andere Welt gestellt. Diese Welt ist dein Hirn.»
«Und wie komm ich hier wieder raus?» lautete meine nächste Frage.
«Die wahre Freiheit, die hinausgeht, geht nach innen: Dann bist du draußen! Doch du bist nach innen gefallen, weil du nach draußen gehen wolltest, und nun sind wir miteinander im nebulösen Nichts gefangen und müssen auf den nächsten Sünder warten, der uns möglicherweise erlöst, wenn er hereinkommt.»
«Wie groß ist die Chance?» brach ein stummer Wutschrei aus mir heraus, und schlagartig war mir alles klar: Es war das innere Bestreben, zurück zum Geist als Ganzem zu gelangen, ohne mich in Details zu verfangen. Wenn dieses Loch das Nichts war, das die Wahrheit enthielt, dann war ich eine Vision der unbeschreiblichen Kraft, in der ich mich selbst als Teil eines Größeren erkannte, und dieses Größere war der Impuls des Lebens selbst. In diesem Augenblick gab es einen riesigen Knall, und gleichzeitig verwandelte sich mein Hirn in einen glühenden Feuerball, denn plötzlich wußte ich: Ich war das Licht! Ich war das Nichts, und das Nichts war Licht! Einen Atemzug lang erhellte die Explosion mein Gesicht. Und wenn man den Himmel ansah, konnte man einen bis zu den Plejaden durchdringenden Wirbel sehen, ein implodierendes Loch aus regenbogenfarbigem Licht.
Was ist los? Was hast du gesehen?» Akron stand vor mir.
Ich versuchte mich zu erheben, stürzte aber vornüber und schlug mit meinem ganzen Gewicht am Boden auf. Mein Körper schlotterte, als würde er von elektrischen Stromstößen erschüttert; dann erkannte ich die Situation. Ich war der von sich selbst abgespaltene Teil, der sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb seiner eigenen Wahrnehmung sah, und gleichzeitig stimmte ich mich in ihm auf den herrschenden Teil meiner eigenen Wesenheit ein, denn es waren seine Worte, die das Treppengeländer bildeten, das mich in die Tiefe führte. Sein Gesicht schwebte unmittelbar über mir, und ich begriff, daß ich es selbst war, der sich in der Arena seiner eigenen Gespenster begegnete: «Ich glaube, du solltest allmählich begreifen», sagte er, «daß unsere Reise kein Vergnügungsbummel ist. Die Fallen des Denkens sind genauso gefährlich wie die Abgründe der Seele. Beinahe hätten sie dich vernichtet. Warum willst du dich ständig umbringen?»
Ich verstand nicht, wovon er sprach, und bat ihn, sich klarer auszudrücken. Er sagte aber nur, er sei gerade noch zur rechten Zeit gekommen, als ich mich schon von der Ratio verabschieden wollte, um mich im freien Fließen meines Geistes aufzulösen, was mich in dieser Hölle festgehalten hätte.
Ich wollte noch viel mehr wissen, doch Akron winkte ab: «Komm jetzt, du hast dich wie ein Idiot benommen. Dort vorne leuchtet schon das Venuslicht …»

Venus in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der (embryonalen) Sehnsucht an der Schwelle zum Versinken im Seelenschlamm
Sünder
Haltlose Schwärmer, Giftmischer, Orakelpriesterinnen, Liebes- und Zuwendungssüchtige, Erotomanen, Nymphomanen oder von der Triebhaftigkeit angewiderte Platoniker, heimliche Huren, versponnene Heilige, selbstlose Egoisten
Disposition
Der Schattenbereich von Venus in den Fischen und Venus im 12. Haus sowie disharmonische Venus/Neptun-Aspekte
Schuld
Antriebslosigkeit, Schwärmerei, reduzierter Wirklichkeitssinn, Stupor, Delir, Wahrnehmungsschwäche, Tendenz zu verinnerlichtem Verträumtsein, unverwirklichte oder unstillbare Liebessehnsüchte, irreale Liebesverstrickungen, Flucht in Sucht und Rausch (Liebesräusche), ich-zersetzende Tiefensehnsüchte, trügerische, irreführende Wunschbilder, verwirrende, unklare Beziehungen, verdrängte Emotionen, versteckte Erotik, Angst vor Sexualität, übergroßer Idealismus, Scheinharmonie, pseudospirituelle Ego-Auflösungen, Altruismus aus schwachem Persönlichkeitsgefüge
Strafe
Die Strafe stellt das Versinken im Schlamm trügerischer Hoffnung dar, denn sie entspricht dem unstillbaren, grenzenlosen Wahn, der sich bis zur völligen Aufweichung des Egos auswachsen kann. Das versinnbildlicht die Erschließung der inneren Bilder und das tiefe Eintauchen in die unbewußten Bereiche des Selbst, wo dich deine innere Sehnsucht gefangenhält. Es ist, als ob du von der Vorstellung deiner Sehnsucht ausgefüllt oder von der idealen Gott-Liebe besessen der Verschmelzung mit dem Universum nachsinnst. Diese Hölle hält dich an der Wurzel deiner unbewußten Begierden fest, denn hier werden deine gefährlich bezaubernden und in dir selbst wirkenden Sehnsüchte angesprochen. Da du durch den Kontakt mit ihnen zum hilflosen Bündel verschmelzender Hingabe wirst, erfährst du hier deine latente Bereitschaft, dich diesen sirenenhaften Verführungskräften opfern zu wollen. Doch da das Ziel deines Opfers gewissermaßen in dir selbst liegt, ist es so, als ob du dich selbst nach deinem Spiegelbild sehnst, in dessen Spiegelung du deiner eigenen Sehnsucht begegnest und in der du dich von deinen eigenen Gefühlen auszuschließen verstehst.
Lösung
Venus in Fische entwickelt ihr geistiges Potential aus dem Unvermögen, persönliche Eigenart zeigen zu können. Diese Grundhaltung ist eng mit dem Verhalten verknüpft, sich auflösen zu wollen, denn dein spirituelles Engagement ist eine Sublimierung des Mutter-Eros, der wiederum mit einer unbewußten Todessehnsucht (Auflösungsverlangen) verbunden ist. Deshalb ziehst du dich von der äußeren Hektik in die versunkenen Räume innerer Traumbilder zurück, wo du in der Geborgenheit deiner Numinosität versinken kannst. Wenn du begreifst, daß du unter dem Einfluß dieser Hölle nicht nach klaren Zielen, sondern nach einem metaphorischen, allegorischen, symbolischen oder sonstwie verschwommenen Mythos strebst, vermagst du den Hintergrund deiner traumhaften Erscheinungsbilder zu erkennen und die Grundlage deiner von den Verdrängungsmechanismen angetriebenen Sehnsüchte auch dort zu sehen, wo sie nicht nur verschleiernd von der Wirklichkeit ablenken.
Undines Todeskuß
Weit draußen sah ich ein rotes Licht wie die Morgendämmerung über den Wassern funkeln, es leuchtete wie ein großer, glühender Rubin, und ich fragte meinen Seelenführer: «Was ist das für ein Licht?»
«Es ist das Licht der toten Seelen, die sich in den tiefen Gewässern bis zur Selbstauflösung verloren haben – es ist gefährlich, sich ihnen zu nähern.»
«Wer sind diese armen Wesen, und was ist ihre Schuld?» Eine unendliche Sehnsucht überfiel mich plötzlich.
«Es sind die Irrlichter einer unerfüllbaren Sehnsucht nach Liebe, die dort draußen über den Morästen schweben und ihre Netze nach den Menschen auswerfen. Dabei locken sie die Vorüberziehenden in die tiefen Gewässer, um sie in der Dämmerung allein zu lassen. Vielen erscheinen sie aber auch im Licht, denn es sind die spirituellen Mütter der Ungeborenen.»
«Ich dachte, die Morgenröte sei ein Sigill der sich öffnenden Seele, Grundlage der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit in der menschlichen Welt?» erwiderte ich.
«Die Sehnsucht nach Liebe und Verschmelzung ist eine Illusion», sagte Akron lachend, «die Gärten der Hesperiden, die Insel der Seligen oder die unterirdischen Paläste der Wassernixen sind nur die Sumpfblüten, die ihre Kronen aus dem Schlamm der kollektiven Träume erheben, um die Menschen zu den Quellen ihrer embryonalen Sehnsüchte hinunterzuziehen.»
«Aber dann wäre für den Mann ja jedes Weib gefährlich?» wandte ich ein. Ich konnte Akrons Plädoyer gegen die Liebe nicht unterstützen, ohne diese Perspektive nicht geklärt zu wissen.
«Nicht das Weib ist für den Mann gefährlich, sondern der Archetyp der inneren Sehnsucht, der da ins Licht des Bewußtseins dringt und ihn mit seinem inneren Bild der Weiblichkeit verbindet, das mit der Mutter und dem Bild des Ewigweiblichen beginnt.»
«Und wie unterscheidet sich das archetypische Weib von der gewöhnlichen Frau?»
«Die archetypische Gestalt erscheint immer in einem seltsam irisierenden und opalisierenden Licht», antwortete er, «denn sie taucht aus den Tiefen der Fluten auf, um die Erinnerungen einer Sehnsucht in die Welt zu tragen, in denen wir unser Heimweh nach den Urmüttern erfahren. Deshalb ist es sehr gefährlich, diesen Wassergeistern zu begegnen, doch wenn wir in den inneren Kreis der Hölle gelangen wollen, müssen wir durch den Seelenschlamm hindurch.»
«Und wie gelangen wir durch diesen Höllensumpf, mein Führer?» Ich schaute ihn respektvoll an.
«Dazu brauchen wir ein Boot», entgegnete mein Begleiter und schnippte mit den Fingern in die Luft. Wie von unsichtbarer Hand getragen sah ich aus der Ferne eine kleine Barke auf uns zuschweben. Wie eine Nußschale schien sie im Wind zu liegen, denn ich spürte die Wellen in einer tänzerischen Bewegung buchstäblich unter ihr wegschlüpfen. Doch damit war es vorbei, als das Boot wie an unsichtbaren Fäden gezogen vor uns stehenblieb. Tief sank der Bug in die schwarzen Fluten, als wir einstiegen, und kaum hatten wir im Inneren Platz genommen, schien eine unsichtbare Geisterfaust das Schiff an der Reling zu packen und es zuerst in einer scharfen Drehung nach Backbord auf einen Wellenkamm zu heben, um es nachher um so niederträchtiger in einer gleitenden Abwärtsbewegung in die Tiefe zu schmettern, daß ich für einen Augenblick glaubte, aus Himmelshöhen direkt in das finsterste Höllenmaul zu stürzen. So schloß ich unwillkürlich meine Augen und fiel in einen tiefen Traum. Kaum aber befand ich mich im Zustand kontemplativer Versenkung, sah ich eine wunderschöne Wassernymphe wie eine feine Nebelsäule aus dem tosenden Abgrund steigen. Sie schien das Wasser nicht zu berühren, sondern wie eine Luftblase darüberzuschweben. Ein weißer Nebelschleier schien ihren zarten Leib als einzige Hülle zu bedecken, und keine Bewegung verschob die Falten ihres Totenhemds. Nur ihre großen, lichtstrahlenden Augen waren nicht verschleiert, sie starrten mir sehnsüchtig ins Auge, bis mir die Tränen kamen. «Ich bin gekommen, um dich zu lieben, denn meine Liebe ist dein Tod», flüsterte sie mir ihre Liebesworte ins Ohr.
Erschrocken sprang ich auf. Das also war sie, die liebliche Verführerin, vor der mich Akron gewarnt hatte, aus den Höllentiefen hochgestiegen, um meine Sehnsucht einzufangen und sie in wehmütigem Entzücken an die Schönheit ihrer Unerreichbarkeit zu knüpfen. Alles dehnte und weitete sich vor mir aus, und ich spürte in mir jene göttliche Liebe aufsteigen, die nicht mehr nur vom triebgesteuerten Menschen herrührte, sondern die aus den Strahlenquellen jenes göttlichen Lichtes strömte, dessen innerste Erfahrung schon tief mit dem Ewigen verbunden war. Es war, als ob ich selbst der Rückbindung an das ungeformte Ur-Anfängliche in den Tiefenschichten der Seele verfiel, wo die Erinnerung an das kindliche Eins-Sein mit den noch ungerichteten und deshalb unschuldigen Triebkräften aufbewahrt war. Dabei stieß ich Akron, meinen Seelenführer, unbeabsichtigt um, der sich im Sturmwind über den Rand der Barke beugte, um eine Leiche ins Boot zu ziehen, die auf eine merkwürdige Weise eine entfernte Ähnlichkeit mit mir aufwies. Durch den Stoß ließ er sie los.
Hast du sie gesehen?» rief ich ihm zu. Ich sah in seinem Gesicht die gleiche Verzückung wie bei mir, wenn auch Hand und Auge in eine andere Richtung zeigten als dorthin, wo die bezaubernde Erscheinung wieder in den Wellen verschwunden war. Ich schrie: «Schau dort, nein da … sieh hier!» Und in jeder Blickrichtung tauchten neue Bilder auf, und mein ganzes Sichtfeld wimmelte von prächtigen Wassernixen, die da glaubten, sich ungelebt in meinen inneren Sehnsüchten verwirklichen zu können. Sie stellten das Versinken im Schlamm trügerischer Hoffnung dar, was sich in irreführenden Wunschbildern und Liebesräuschen ausdrückte. Einen Sekundenbruchteil überlegte ich mir, ob es das Unvermögen war, mich selbst zu empfinden, oder ob es mein eigener Venusdämon war, diese abgründige Schlange, die mich in die Tiefe lockte, nur um mich dort unten allein zu lassen. Ich fühlte, daß dieser Ort den vergifteten Träumen der Seele entsprach, die alles verschlingen, was nicht wirklich geerdet war.
«Beruhige dich», sagte Akron, «es ist Undine, die ungreifbare Wassernixe, die jedesmal ein Stück ihrer unsterblichen Seele erhält, wenn sie unter den Menschen ein neues Opfer gefunden hat. Durch die menschliche Brille betrachtet, verkörpert sie das unberührbare Kind, das Männer verführt. Sie verkörpert das aus den Tiefen der Mütter geborene und mit den Zielen der Väter verknüpfte Gottesbild, das nicht die Antworten auf die Rätsel des Lebens, sondern ein noch nicht gereiftes, an regressiven Mustern orientiertes, sehnsuchtsvoll-romantisches Streben nach dem Göttlichen darstellt. Deshalb solltest du nicht ihren Reizen erliegen, sondern die Projektion zurücknehmen und in ihr jene numinose Liebessehnsucht erkennen, die dein Herz mit plötzlicher Wehmut durchglüht, ohne jemals Realität werden zu können, weil dieser Ort weniger zur sexuellen Erlösung als zum Gefühl emotionaler Auflösung einlädt.»
Mitten in der Rede tauchte Poseidons betörende Tochter aus den kristallenen Unterwasserpalästen wieder vor mir auf. Wie eine smaragdäugige und algenperückte Sirene tauchte sie verführerisch aus den Fluten und umschwebte mich mit ihren regenbogenfarbenen Gluten, bis ich spürte, wie sie in mein Innerstes blickte und meine Seele vollständig umfing. In dem Moment jedoch, als ich mich ihr schon hingeben wollte, bekam ich einen heftigen Schlag auf den Kopf. Todesangst packte mich plötzlich, als ich entdeckte, wie tief sie in meiner Libido wühlte und meine Männlichkeit durchdrang, und dann wußte ich, daß ein Liebeskampf auf Leben und Tod begann.
«Hast du Angst?» hauchte sie mich an: «Wisse, ich bin die Urgestalt deiner inneren Verführerin, die gekommen ist, um dich zu holen. Wer mich sieht, muß sterben, denn ich stehe für das infantile Ringen mit kollektiven Erinnerungen, die die Seele in die Tiefe unbewußter Sehnsüchte hinunterlocken. Im Moment des Versinkens stehst du auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, am Ziel deiner Wünsche, wo der Abgrund aufbricht und dich einen Schimmer des schwindelnden Nichts erahnen läßt, denn dein spirituelles Engagement ist eine Sublimierung des Liebeseros, der wiederum mit einer unbewußten Todessehnsucht verbunden ist. Komm, laß dich fallen – gib dich mir hin!»
Ihre Zähne gruben sich tief in meine Haut und schenkten mir zum ersten Mal die Qual der hohen Lust. «Man muß sein Opfer langsam in die elysischen Wonnen hinüberziehen, damit die Lust alchemistischer Umwandlung die Seele trägt und die aufstrebende Kurve der Libido nicht plötzlich sinkt», raunte sie mir verschwörerisch zu, während ihre Fingerkuppen sanft über meine Brust glitten. «Es liegt an jedem selbst, ob er es sich sanft oder hart erwünscht …»
Sie atmete schwer, als sich ihre sexuellen Flammen glühend unter meinen Küssen vermehrten. «Ich opfere mich gern», keuchte ich ekstatisch und spürte das wilde und hungrige Tier in ihr, das seine willenlose Beute schlägt, nachdem es die Spur des opferbereiten Fleisches gewittert hatte. Eine Sturmwelle unermeßlicher Anziehung durchströmte mich: «Wie muß ich mich verhalten, daß es hart ausfällt?»
«Der Schmerz wird es dir zeigen», flüsterte sie erregt und zog meinen stöhnenden Leib ins Wasser. «Bist du bereit?»
Ich spürte ihre süße Nähe, und meine Sehnsucht wuchs ins Ungeheure. Eine unerträgliche Erregung überflutete mich. Meine Seele sträubte sich gegen die Offenbarung der Wahrheit, aber mein Körper begriff die devote Hingabe an das strenge Ritual meiner inneren Auflösung, und ich verstand zum ersten Mal in meinem Leben, wie wunderschön es sein mußte, Auge in Auge, Körper an Körper mit dem Tod alle Gefühle und Sehnsüchte zu genießen und in bodenloser Seligkeit zu vergehen. In mir wuchs das unersättliche Verlangen, ihr nahe zu sein und mich ihr ganz zu überlassen, so sehr ich mich auch dagegen sträubte, ihr mein Leben zu opfern und mich restlos den Wonnen der strömenden Wollust zu überlassen, die sie in mir entfachte …
«Empfange jetzt den Todeskuß!» Bebend vor Liebe und Todesnähe streckte ich mich ihr entgegen, und sie küßte mich mit einem himmlischen Kuß, der meine Brunstschreie erstickte und mich von den letzten Zweifeln meiner Bestimmung befreite, denn jetzt war mir klar, ich gehörte dieser Frau auf ewig … Sie drückte mich inniger an sich, und mit ihren ekstatischen Lippen erfaßte mich der Tod und entriß mir den Lebensodem. Ihre Tränen drangen in meine Augen, und mit einem Stöhnen erfaßte mich die Ekstase und entriß mir in zuckenden Strömen die Lebensglut, bis mir endlich der Atem erlöschte und ich aus ihrer Umarmung sanft in die Tiefe sank.

Mars in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der Durchsetzungsschwäche an der Schwelle zur Aggression aus sexueller Unterdrückung
Sünder
Asoziale, Süchtige, Suizidenten, Penner, unberechenbare Trinker (Gewalttäter unter Drogen- oder Alkoholeinfluß), Spiegelfechter, Falschmünzer, Ränkeschmiede und alle Feiglinge unter dem Schlüsselbegriff «der besiegte Held»
Disposition
Der Schattenbereich von Mars in den Fischen und Mars im 12. Haus sowie disharmonische Mars/Neptun-Aspekte
Schuld
Durchsetzungs- und Antriebsschwäche, Zersetzung der Kräfte (Selbstauflösung), Aggressionslähmung (Reizbarkeit, Schwäche), Chaos, Verwirrungen, Triebverirrungen, Versagensängste, Haltlosigkeit, Intrigen, Lüge, Lust und Sucht (das Abgleiten in den Sumpf falschen Vergnügens), Gleichgültigkeit, Unentschlossenheit, Apathie
Strafe
In dieser Hölle bist du dazu verurteilt, deine unterdrückten Aggressionen gegen dich selbst zu richten, denn deine flammende Triebnatur wird durch das Eintauchen in die ozeanischen Tiefengründe ihrer kreativen Feurigkeit beraubt und damit gezwungen, ihre persönlichen Ziele loszulassen und als körperloses, lebendiges Wassergespenst zu sühnen, das sich nur in den Visionen der Träumer und in den Räuschen der Süchtigen manifestieren kann. Durch die durch die innere Versagensangst potenzierte Aggressions- und Willensschwäche wird deine Aggressivität in den unbewußten Fische-Meeren gelähmt. Dadurch findest du Lust am Untergang, denn dieser Ort repräsentiert die vollständige Zerstäubung deiner Aggressionen und die innere Auflösung deiner libidinösen Instinktnatur. Als Symbol der Unterwerfung trägst du die Nabelschnur um den Hals, zum Zeichen, daß du die Gefühle der Hilflosigkeit und Schwäche jetzt annehmen kannst, denn diese Buße fordert dich zur inneren Hingabe auf, da die Zeit gekommen ist, die Aggressionen der Vergangenheit hinwegzuschwemmen und den Ich-Kern aufzulösen. Mit der Aufweichung des Ich verlierst du alle schützenden materiellen Hüllen: Du versinkst im bodenlosen Raum des Selbst und läßt dein Ego als Opfergabe auf dem Altar des Ewigen zurück.
Lösung
Noch bist du von den sexuellen Lockrufen der Sirenen besessen, die für die unerlösten Sehnsüchte stehen und dich wieder zu den Urquellen hinunterziehen wollen, gleichzeitig bist du aber schon auf dem Weg zum Großen Geist, denn der höhere Wille zieht dich aus den Wassern des Unbewußten zu den Visionen des himmlischen Erkennens hinauf. Das entspricht der Überwindung der eigensinnigen Autorität des Ich und der Bereitschaft, dich von einer höheren Kraft führen zu lassen. Vielleicht hast du dich aber auch an deine innere Schwäche gewöhnt, aus der heraus du dich selbst bedauerst, ohne zu merken, daß sich in dieser Haltung ja gerade dein innerer Wille erfüllt: keine Kriege zu führen, keine Kreaturen zu töten und dich nicht um jeden Preis durchsetzen zu wollen, eben kein brutaler Held, keine aggressive Amazone zu sein. Jetzt kannst du dir die Strafe verdienen – aber nicht, indem du die Aggressionen unterdrückst und damit für ihr sicheres Eintreffen sorgst, sondern indem du dich öffnest und die Aggressionen losläßt!
Die versunkene Libido
Einen Moment war ich mir nicht sicher, ob ich wachte oder träumte, und ich rief nach Akron und fragte ihn, was mir widerfahren sei, denn ich fühlte mich von meinen inneren Gespenstern und Liebesdämonen umfangen und in die Tiefe gezogen.
«Was ist mit mir geschehen?» fragte ich.
«Du hast dich deiner infantilen Sehnsucht, dieser irisierenden und opalisierenden, aber unerreichbaren inneren Dämonin ausgeliefert. Vielleicht solltest du mir sagen, wie sie ausgesehen hat?»
«Sie hatte grüne Haare und eine unverschämt erotische Ausstrahlung …» Als ich ihm gerade zu schildern begann, wie sie mich durchdrang, meinte er nur, dies sei ohnehin belanglos. Ich solle ihm lieber erzählen, ob sie mich angesehen habe.
Ich sagte ihm, daß sie smaragdene Augen hatte, doch er sprach von der Leiche, die eine entfernte Ähnlichkeit mit mir aufwies und die er vergeblich ins Boot zu ziehen versuchte: «Hat sie dich angeschaut?»
Ich konnte mich an diesen Vorfall nur sehr dunkel erinnern; ich wußte nur noch, daß Akron versuchte, eine Leiche ins Boot zu ziehen und ich ihn in dem Moment, wo er sich gerade anschickte, sie über die Kante an Bord zu hieven, umstieß, weil mir genau an dieser Stelle die Wassernixe erschien. «Ist das wichtig?» erwiderte ich.
«Natürlich ist das wichtig», entgegnete er, «denn die Leiche ist ein Fragment deiner selbst, die Materialisation deiner negativen und aggressiven Gefühle. Hätte sie dich angeblickt, hättest du sterben müssen!»
«Das paßt doch gut. Die Wassernixe hat mich angeschaut, die ich anstelle der Leiche sah», bestätigte ich.
«Die Leiche wurde von der dynamischen Kraft deiner destruktiven Energien geformt. Während du sie bewußt hinter dem Gesicht der Nixe getarnt hast, kanntest du sie unbewußt sehr gut. Du hast die Maske der Sehnsucht auf das Gesicht der Verwesung gepfropft», sagte er nachdenklich, «und damit den Tod vorderhand unschädlich gemacht.»
«Was bedeutet das?» Ich wollte wissen, was der Umstand zu bedeuten hatte, daß mich die Nixe genau an jener Stelle anlächelte, an der er die Leiche aus dem Wasser zog.
«Das bedeutet, daß die schreckliche Veränderung nicht stattfinden konnte, weil du dein Bild nicht auf die Leiche übertragen hast. Hättest du die Leiche erblickt, hätte das nichts anderes besagt, als daß du in jenem Augenblick ertrunken wärst …»
Ich erschrak. Die Welt vor meinen Augen wurde schwarz, und ich stand erstarrt – erstarrt über die ungeheuren Ahnungen, die in mir erwachten, über die Gewalt der psychischen Zusammenhänge, die plötzlich aus der Dämmerung des Unbewußten machtvoll zu mir aufstiegen: «Dann wäre die Leiche ja eine mögliche Materialisation dessen, was sich auch hätte verwirklichen können?»
Akron lachte und ahmte mich nach, wie ich ihn daran hinderte, die Leiche an Bord zu ziehen: «Das war eine erneute Bestätigung, daß der Tod dich noch nicht will», sagte er, «und das gibt uns die Gewißheit, daß wir unsere Reise fortsetzen können. Der Tod ist noch nicht endgültig!»
«Welcher Tod, Akron?» platzte ich heraus.
«Der Tod ist für dich eine smaragdäugige Hexe mit algengrünem Haar. Mit glänzenden Augen schaut sie dich an, bis dir die Tränen kommen, und dann wird sie sich in die Woge deiner strömenden Sehnsucht stürzen, die dir aus dem Auge quillt, und in deinem Inneren verschwinden, nur noch ein blinder Fleck in deiner Pupille. Die Jahre vergehen, und die Zeit zerrinnt; aber am Ende des Lebens kommt sie zurück. Im Augenblick des Todes taucht sie vor dir auf, ihre Nägel graben sich in deinen Leib und ihre süße Nähe verwandelt deinen Schmerz ins Ungeheure, und jetzt erfährst du es: Es ist dein unerreichtes Mutterbild, das du gleichermaßen haßt wie liebst! Denn sie ist das Tor, das dich ins Leben entläßt; hier tragen dich die Wasser der Lethe in die Nacht der Finsternis zurück.»
Ich war von seinen Worten sehr ergriffen, denn auf eine solche Antwort war ich nicht gefaßt. Lange Zeit konnte ich nichts sagen, und als mir endlich eine Frage einfiel, spürte ich die Wogen alter Erinnerungen über meinen Gedanken zusammenschlagen.
«Los, schau’s dir an! Der Tod ist nicht der Zerstörer des Lebens, sondern die Voraussetzung zur Geburt …» Er gab mir von hinten einen Stoß, und ich fiel über die Bootskante ins Wasser. Dort verwandelte ich mich in eine Eizelle, die in den Tempel des Lebens hineinschoß, und gleichzeitig fühlte ich, wie sich die Gebärmutter mit Lebenswasser füllte. Aber als ich in den Geburtskanal eintrat, da sah ich eine neblige Gestalt.
«Wo bin ich hier?» schrie es in mir.
«Bist du erwacht?» fragte sie.
«Wieso erwacht», erwiderte ich, «ich habe nicht geschlafen …»
«Nein, aber du kommst aus einer anderen Energie. Weißt du noch, aus welcher Idee?»
«Aus einem Boot», versuchte ich meine Gedanken zu ordnen.
«Das Boot ist nur ein oberflächliches Symbol. Geh tiefer! Siehst du nicht ihre wunderschöne Gestalt? Schließe die Augen und erinnere dich …» Ich schloß die Augen, und plötzlich sah ich eine wunderschöne Wassernymphe wie eine feine Nebelsäule aus dem tosenden Abgrund steigen. Sie schien das Wasser nicht zu berühren, sondern wie eine Luftblase darüberzuschweben. Ein weißer Nebelschleier schien als einzige Hülle ihren zarten Leib zu bedecken, und keine Bewegung verschob die Falten ihres Totenhemds. Nur ihre großen, lichtstrahlenden Augen waren nicht verschleiert, sie starrten mir sehnsüchtig ins Auge, bis mir die Tränen kamen, und leise flüsterte sie mir ins Ohr: «Ich bin gekommen, um dich zu lieben, denn meine Liebe ist dein Tod …»
Ich erschrak: «Hör sofort mit dem Unsinn auf!» forderte ich laut.
«Wieso? Es fängt erst an! Hier befindest du dich am Schaltkreis des Energieaustausches zwischen Mann und Frau», tönte es aus dem Nebelschleier, «und zwar exakt am weiblichen Geschlechtseingang. Der Orgasmus ist gewissermaßen die Verbindung der Welten, wo sich nicht nur die Geschlechter, sondern auch Leben und Tod berühren. Hier entscheidet sich dein Weg – du kannst wählen! Auf der inneren Seite empfängt dich die Gebärmutter und du wirst als Knabe wiedergeboren, und auf der äußeren Seite erwartet dich der Tod, der dich über die Wasser der Lethe zu den Gestaden der im Zustand des Ungeborenseins verharrenden Seelen führt.»
«Entweder wurdest du in den Wassern der Lethe zu heiß gebadet», brüllte ich erzürnt, «oder du treibst ein übles Spiel mit mir!»
«Laß dir Zeit! Du bist noch gar nicht richtig in unseren Sphären angekommen», antwortete die Nebelgestalt, ohne im geringsten beleidigt zu sein, «es ist dir zwar gelungen, deine Körperlichkeit aufzuheben und sie in deinen Energiekörper zu integrieren, doch bist du trotzdem noch nicht richtig da. Dein Verstandeszensor ist wahrscheinlich zu stark.»
«Halt den Mund», schrie ich sie an, «deine Meinung zählt gar nicht! Du bist nur ein armseliger Wassergeist!»
«Ich bin ein mächtiger Wassergeist mit einer starken Feuerseele. Als du aus dem Boot fielst, da haben sich unsere Energien verbunden, und nun will sich dein Verstand nicht mehr erinnern, was die Voraussetzung zu unserer Verbindung war. Er versucht, die Situation zu verdrängen, indem er sich nicht mehr an den Orgasmus erinnert, der dich in die Tiefe zog.»
Ich machte jede Anstrengung, diese Verneblung in meinem Gedächtnis abzuschütteln, aber ich konnte mich an nichts mehr erinnern. «Ich träume das Ganze nur, nicht wahr?» fragte ich, um eine Bestätigung zu bekommen, denn die ganze Szenerie schien mir so real wie der Wasserdampf in einem türkischen Bad.
«Zwar bist du nicht phantasielos genug, um dir nicht vorstellen zu können, daß es auch ein ungeheurer Alptraum sein könnte», sagte die nebulöse Erscheinung, «aber trotzdem ist es keiner. Normalerweise wird der Sünder durch das Eintauchen in die ozeanischen Tiefengründe seiner direkten Aggressivität beraubt und damit gezwungen, seine Ziele loszulassen und sich dem freien Spiel der Kräfte hinzugeben. Du aber versuchst, das Spiel zu kontrollieren, und dieses Spiel geht hier nicht auf!»
«Dann sage mir, was ich hätte tun sollen?» Ich erinnerte mich daran, wie Akron mir einmal erklärt hatte, daß meine Erlebnisse nur dann Macht über mich hätten, wenn ich sie aus meiner Perspektive akzeptierte. Nur wer seine Sichtweise ändert, kann sich ihr entziehen.
«Nicht herkommen», hallte es aus dem Nebeldunst, «solange du nicht bereit bist, loszulassen. Oder zurückkehren, solange du noch kannst …»
«Und wie soll das geschehen?» fragte ich und sah mich suchend um. Und noch etwas anderes fiel mir ein, was Akron mir gesagt hatte: daß ich, wenn mich meine inneren Bilder allzusehr bedrängten, nur meine Erinnerung loszulassen bräuchte, damit sich meine Träume änderten.
«Wähle deinen Weg», sagte die mysteriöse Gestalt und streckte mir beide Hände entgegen, «und entscheide dich für eine Hand: die linke steht für den blühenden Tod, die rechte für das verdorrende Leben!»
«Ich werde dahin zurückkehren, woher ich gekommen bin», sagte ich mit endgültiger Entschlossenheit und wählte die linke Todeshand. Doch als ich nach ihr griff, löste sie sich wie ein Trugbild auf. Ich strauchelte und verlor meinen Halt.
«Schnell, pack die andere», dröhnte mir eine Stimme im Ohr, «sonst bist du verloren! Zwar ist sie auch nur ein materialisierter Gedanke in diesem Spiel, aber wenn du den Glauben an die Festigkeit deiner Gedanken verlierst, dann bist du in dieser Hölle führerlos!»
Hilflos ruderte ich in der Luft, um wenigstens die Rechte zu erhaschen, doch auch sie löste sich vor meinen Augen auf, als ich sie zu fassen suchte, und als ich mich schon damit abfand, in den Fluten des Unbewußten auf ewig zu versinken, packte mich jemand energisch an der Hand und riß mich ins Boot: «Es scheint, als ob deine Seele die Pforten geöffnet hätte, um dir die Flut der Bilder zu übermitteln, die dort unten lagern; indem du aber wiederum verdrängst, daß du alles immer nur so siehst, wie du es träumst, schützt du dich selbst vor deinem eigenen Erwachen. Noch bist du von den sexuellen Lockrufen der Sirenen besessen, die für die unerlösten Sehnsüchte stehen und dich wieder zu den Urquellen hinunterziehen wollen, gleichzeitig bist du aber schon auf dem Weg zum Großen Geist, denn der höhere Wille zieht dich aus den Wassern des Unbewußten zu den Visionen des himmlischen Erkennens hinauf. Damit befindest du dich auf jener Entdeckungsreise, auf der du deine spirituelle Phantasie im Spiegel deiner kreativen Impotenz erkennst!»
Als ich langsam wieder zu mir kam, wurde mir bewußt, daß ich auf dem Boden des Bootes lag. Göttliche Vibrationen erreichten mich und wurden zu Licht, flossen in meine Seele mit dem Brausen jener überirdischen Harmonie, deren Bedeutung meine Seele jubeln ließ: Akron stand vor mir und goß mir einen Kübel Wasser über den Kopf. Ich schwebte in einer leuchtenden Blase aus flüssigem Licht und nahm sein Gesicht als weißen Nebel wahr, durchdrungen von einem inneren Leuchten, das stärker und stärker wurde. Dieses Leuchten quoll ungefähr an der Stelle hervor, hinter der ich sein linkes Auge vermutete. Das ganze Gesicht schien mir sozusagen vom Auge überstrahlt, und darin schwamm die kleine Nixe.
«Der Tod ist das zeugende Sperma und das empfangende Ei», flüsterte sie erregt, «er ist der Hüter des Lebens, und wer ihn besiegen will, muß mehr sein als ein Gott oder Teufel, nämlich ein Kind …» Ich spürte ihre süße Nähe, und meine Sehnsucht wuchs ins Ungeheure. Ich begriff, wie wunderschön es sein mußte, Auge in Auge, Körper an Körper mit dem Tod alle Gefühle und Sehnsüchte zu genießen und in bodenloser Seligkeit zu vergehen, und in mir wuchs das Verlangen, ihr nahe zu sein, ihr ganz zu gehören, mich restlos den Wonnen der strömenden Wollust zu überlassen, die sie in mir auslöste …
«Empfange jetzt den Todeskuß!» Bebend vor Liebe und Todesnähe neigte ich mich ihr entgegen, und sie küßte mich mit einem himmlischen Kuß, der mich erstickte, sie drückte mich inniger an sich, und mit ihren ekstatischen Lippen erfaßte mich der Tod und entriß mir den Lebensodem. Ihre Tränen drangen in meine Augen, und mit einem Stöhnen der Wollust erfaßte mich der Orgasmus und raubte mir in zuckenden Strömen die Lebensglut, bis mir endlich der Atem erlöschte und ich aus ihrer Umarmung sanft in die Tiefe sank.
In diesem Moment spürte ich in der Gegend des Stirnchakras einen harten Schlag. «Fang nicht wieder zu träumen an – wir sind da!» sagte Akron und nahm den erhobenen Stab wieder herab. Dann befahl er mir, aus dem Boot zu steigen.
Ich geriet in Panik und sprang heraus: «Was ist mit mir geschehen?»
«Zuerst wurdest du von deinen infantilen Sehnsüchten hinuntergezogen, und dann versuchtest du, den negativen Attributen deines Mutterbildes entgegenzutreten und dir die Libido zurückzuholen.»
«Aber ich bin beinahe erstickt», entgegnete ich.
«Weil du dich zwischen dem Hinabgezogen werden und dem Obenbleiben wollen nicht entscheiden konntest. Man könnte dein Verhalten als eine Reaktion beschreiben, vor den eigenen Verdrängungen so zu erschrecken, daß man den Ausgang nicht mehr findet und sozusagen zwischen den Welten vor seinen eigenen Ängsten davonrennt. In diesem Augenblick höchster Not habe ich den Angelhaken deiner eigenen Aggressionslähmung, die Leiche, ins Wasser geworfen. Diesen Köder hast du geschluckt, und so konnte ich dich im letzten Augenblick aus ihren Armen fischen. Jetzt sind die Unerlösten um eine Seele ärmer …»
«Und der Schlag?» wollte ich wissen und sah blinzelnd auf den Stab.
«In diesem Fall war er eine reine Zugabe», lachte er hart.

Jupiter in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle des schimmernden Elysiums an der Schwelle zur spirituellen Inflation
Sünder
Erleuchtete Verdränger, abgehobene Träumer, übertreibungssüchtige Schwärmer, falsche Propheten, scheinheilige Verführer, leichtgläubige Dummköpfe, religiöse Fanatiker, größenwahnsinnige Visionäre, übertriebene Frömmler, leichtsinnige Optimisten, sektiererische Pharisäer, religiöse Spinner, Pseudo-Esoteriker, selbsternannte Auserkorene, Berufene vor dem Höchsten, für die eigenen Himmelsziele sich aufopfernde Idealisten, Wolkenkuckucksheim-Erbauer (Opfer eigener Sehnsüchte und Träume)
Disposition
Der Schattenbereich von Jupiter in den Fischen und Jupiter im 12. Haus sowie disharmonische Jupiter/Neptun-Aspekte
Schuld
Religiöses Sektierertum, selbstgefälliges Märtyrertum, visionäre Verwirrungen, Expansionsdrang, spiritueller Größenwahn, abwegige Ideologien, versponnene Visionen, abgehobene Weltbilder, übertriebene Sehnsucht nach dem Grandiosen, religiöser Wahn
Strafe
Dieser Ort zeigt ein Fluidum seraphischen Elysiums an, das zum Alptraum werden kann, wenn du deine unerlösten Instinkte ungelebt in die Wolken verlegst. In dieser Hölle ist es nämlich dein Los, deiner unstillbar expandierenden Sehnsucht ständig Räume zur Verfügung stellen zu müssen, in denen sie sich durch immer abgehobenere Träume und Bilder zu den Gralsweihen des höchsten Gottesbewußtseins «durchfressen» muß. Es ist die Suche nach Wahrheit, das Streben nach Lebenssinn, um der drohenden Sinnlosigkeit zu entkommen. Der innere Sinn dieser Hölle ist nämlich die Erkenntnis, niemals finden zu können, weil sich in jedem Suchen nur das Finden «sucht». Zwar erahnst du den Geist, der dein Leben erfüllt, denn in religiösen und mystischen Bereichen, in denen sich das Ego zugunsten transzendenter Erfahrungen auflöst, kannst du jene schimmernde Lichtinsel erahnen, die in den Wassern des Ewigen aufglimmt. Doch der kosmische Glanz befriedigt dich nicht, denn dieses Licht ist zwar mehr als die Summe allen Bewußtseins, aber alles Bewußtsein ist auch, was es ist: Nichts!
Lösung
Du liebst das Empfinden kindlichen Versinkens in einer Woge kollektiven Gefühls, was sich nicht selten zur kultischen Anbetung spiritueller Inhalte ausdehnt, und fühlst dich selbst als Auserkorener, der zu den höheren Weihen zugelassen ist. Hier zeigt sich ein transzendentes Erahnen jenes Empfindens, das sich nur schwer im bloßen Mitschwingen des sphärischen Atems in Gott verwirklichen kann, denn hier findet sich jenseits aller Vorstellungen der Abgrund, der dich in deiner Abgehobenheit ständig scheitern läßt. Der Enthusiasmus, der dich erfüllt, katapultiert dich in Gefilde, in denen deine Psyche nicht immer stabil genug ist, zwischen Realität und Irrealität zu unterscheiden. Dafür kannst du zu philosophischen Einsichten vordringen, die sich aus der Relativität deines Sehens und der Einbeziehung dieser Relativierungen nähren, wenn du die Subjektivität deiner persönlichen Wahrnehmung als das einzig Objektive erkennst. Laß deine überhöhten Ziele los: Das einzige, was du nicht findest, ist das, was du suchst!
Die Suche nach dem Gral
Ich setzte mich ans Ufer. Das Boot hatte gewendet und rauschte führerlos an mir vorbei, und meine flammenden Erinnerungen flogen leise hinterher und sangen tonlos den Sang der Sirenen. Was war es, dieses unbestimmte Etwas, das mich in den Netzen meiner Sehnsucht gefangen hielt? War es die Suche nach Freiheit? Aber was ist schon Freiheit? Wenn alles, selbst die Liebe, wie Akron meinte, ein Spiel meiner Einbildung sei, dann wäre selbst die Liebe zu Gott nur die Sehnsucht des Menschen nach sich selbst. Solche und andere Gedanken rauschten mir ohne Pause durch den Kopf, als ich mit den Wellen spielte und wie ein Perlenfischer nach ihrem tiefen inneren Geheimnis haschte. Das Wasser umspülte meine Beine und vertraute mir die Gabe, Gott in seiner fundamentalen Sehnsucht zu erfahren, wie er seit Milliarden Jahren aus den Tiefen der Meere ans Licht der Ufer strebt, denn ich war wie betrunken von dem Wunsch, das Rätsel zu lösen, um nicht länger die ohnmächtige Beute der ständig auf mich einprasselnden eigenen Fragen zu sein.
«Sei bloß vorsichtig», hörte ich da die Stimme Akrons hinter mir, «daß dich die Urgewässer nicht verschlingen, denn du hältst lebendiges Plankton in der Hand.» Da fragte ich ihn, ob es meine Sehnsucht nach Freiheit sei, die mich zwinge, mich immer über mich hinauszuheben und die Welt in ihrer höchsten spirituellen Ausdehnung zu erfahren, wie sie durch die menschliche Brille gerade noch erahnt werden kann?
«Mach dir keine Sorgen! Du littest schon als Kind an einer Art spirituellem Größenwahn, denn seitdem ich dich kenne, befindest du dich auf einem philosophischen Höhenflug», blies er mir lächelnd den Marsch, «und nun kommt in dieser Hölle zum jupiterhaften Verlangen, dich ins Unermeßliche auszudehnen, auch noch das auflösende Sehnen, dich im Streben nach einem Ganzen aufzugeben, und das katapultiert deinen Geistesanspruch natürlich so hoch in die Wolken, daß er von dir dort oben nur noch schwer zu finden ist.»
«Willst du damit sagen, daß das Streben nach Freiheit gefährlich für mich ist?» wollte ich wissen, nachdem ich mir seine Botschaft angehört hatte.
«Nein, so kann man das nicht sagen, denn innerhalb deiner spirituellen Abgehobenheit bist du ja ein sehr bemühter Esoteriker. Es ist nur so, daß die Sehnsüchte in dieser Hölle so hoch in den Wolken schweben, daß sie für keinen leicht zu gewinnen sind.»
«Dann kann ich sie auch nie erreichen», entgegnete ich matt und zuckte mit den Schultern. Die Fragen waren mir ausgegangen.
«Ganz im Gegenteil, du kannst sie gar nicht verfehlen, denn sie richten sich ja ausschließlich auf dich aus, weil du der einzige bist, der sich von ihnen anziehen läßt, nur wissen das die meisten Seelen nicht», sagte er. «Sehnsüchte sind wie kleine Kinder, die unablässig von der Mutter Aufmerksamkeit fordern. Wenn du sie vergißt und sie in dir nicht festhältst, dann entfalten sie ihre Flügel und breiten sich ins Leben aus. Du kannst sie später als Ziele nutzen, wenn du ihre Energien kontrollierst. Letztlich sind sie es, die dich bedingungslos anziehen und die du niemals verfehlen kannst.»
«Ich darf sie also nur nicht wollen?»
«Du darfst sie schon wollen, du darfst sie nur nicht in dir festhalten. Damit es etwas im Leben gibt, das sich für dich später zu erreichen lohnt.»
«Ich soll sie loslassen?»
«Ja. Benutze dafür deinen Willen, und bau dir deine persönlichen Ziele auf. Ziele sind wie Zugvögel. Sie fliegen durch deine Sehnsüchte hindurch und ziehen ihre Fäden in die Welt hinaus. Wenn du die Ziele in dir zurückbehältst, dann staust du die Sehnsüchte gefährlich ihn dir an.»
«Aber wohin soll ich die Sehnsucht transportieren, wenn ich weiß, daß ich sie sowieso nicht verfehlen kann?»
«Das fragst du mich? Zum Schöpfungsgipfel natürlich! Denn das Werdende strebt nach Zerfall, aber mit dem Zerfall schwillt gleichzeitig das Werden an, das das Zerfallende wieder zu binden sucht: Das unendlich sich Bildende zerstäubt nicht im Grenzenlosen, es formt sich zu immer neuen Schöpfungszielen. Denn erst jenseits aller Vorstellungen ahnst du den Geist, der dein Leben erfüllt; in religiösen und mystischen Bereichen, in denen sich das Ego zugunsten transzendenter Erfahrungen auflöst, kannst du jenen schimmernden Gipfel erreichen, der über den Wassern des Unbewußten thront. Dieser Gipfel ist zwar mehr als die Summe allen Bewußtseins, aber alles Bewußtsein ist auch, was er ist: Nichts!»
«Wo ist dieser Gipfel, Akron?»
«Dort, wo du dich selbst im Licht erblickst! Das Nichts steigt als eine unstillbare himmlische Sehnsucht aus dir empor, eine göttliche Flamme, die schnell auch zum Seelenbrand entarten kann, wenn du deinen spirituellen Rahmen sprengst.»
«Und warum brechen wir nicht auf?»
«In dieser Hölle gibt es kein materielles Ziel», versicherte er mir, «denn dieser Ort verkörpert nicht die sinnvolle Suche, sondern die Suche nach dem Unerreichbaren, die Suche nach dem Gral. Was du auch immer fändest, es dünkte dich gering. Nur der Weise, der den langen Wegen bewußt gefolgt ist, kann ermessen, daß es kein Ziel gibt, zu dem sie hinführen. Das einzige, was du nicht findest, ist das, was du suchst!»
«Gut», antwortete ich ihm, «wenn der innere Sinn dieser Ebene nicht das Finden ist, sondern die Erkenntnis, niemals finden zu können, weil sich in jedem Suchen nur das Finden sucht, bleibe ich hier sitzen, bis mir der Hintern am Boden festwächst.»
«Deine innere Ungeduld und dein ungeheurer Wissensdrang sind es, die mir Sorgen machen. Du hast schon zwei Dinge vollbracht, die mir zuwider sind.»
«Sag mir, Akron, welche?»
«Als wir über die Lethe fuhren, hast du deine destruktiven Energien mutwillig geweckt.»
«Du meinst die Leiche?» fragte ich.
«Ja, die Leiche», fuhr er fort. «Sie war ein Fragment deiner selbst, die Materialisation deiner negativen und aggressiven Gefühle. Du hast die Maske der Sehnsucht auf das Gesicht der Verwesung gepfropft und damit den Tod zu deinem unbewußten Ziel erklärt.»
«Was beunruhigte dich daran, Akron?»
«Durch die Verbindung der Sehnsucht mit dem Tod hast du diesen zum Ziel deiner Sehnsucht erklärt. Und dann hast du dich noch einmal für den Tod entschieden, am Schaltkreis des Energieaustausches, an dem sich die Geschlechter berühren. Damit hast du dich der Todessehnsucht verschrieben, und das mit einer spielerischen Leichtigkeit, die jedem Betrachter den Angstschweiß auf die Stirn treibt.»
«Ist das schlimm?» fragte ich keck.
«Beunruhigend ist deine unverfrorene Naivität», antwortete er, «mit der du diese schrecklichen Kräfte dirigierst. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Aber die Gefahr ist noch nicht gebannt. Auf uns wartet noch der Schatten des Planktons, die dunkle Muttermilch deiner unbewußten Perversionsstillung aus den Schattenkammern der Instinktnatur, ein ekelhaftes Gekröse, das jeden angreift, der sich von der Urlust löst und über das Bekannte hinaus nach dem unmenschlichen Unbekannten strebt.»
«Was können wir tun?» Ich hielt einen Moment den Atem an. Die plötzlich aufdämmernde Gefahr bahnte sich plötzlich in meiner Seele Raum.
Akron schaute mich an: «Nichts! Wir müssen warten, bis es dich angreift.»
Mehrere Minuten lang hatte ich kein anderes Empfinden als das Tosen der Brandung in der Bucht. Dann bemerkte ich, wie ein trübes, düsteres Flackern am Horizont aufzog und sich wie ein dunkler Schatten über meine Seele senkte. Mir war, als ob die Wogen des Stromes immer finsterer wurden, die ich ebenfalls in meinem Inneren spürte, und die mich umbrandenden Wasser gleichzeitig auch die giftigen Quellen meiner Seele wären, die da geheimnisvoll um meine Beine spülten. Ich spürte ein Zittern, ein Grollen, ein Pfeifen im Ohr, und als ich die Augen wieder erhob, gefror mir das Blut in den Adern.
«Dieses Gewässer ist eine Brutstätte für deine vampirhaften inneren Empfindungen», sagte Akron plötzlich. «Wenn sie in dein Erleben dringen, dann geschieht dies durch die Visionen ungestillter Wünsche und Begierden, die sich erst zaghaft in den Träumen melden und sich dann langsam ins Bewußtsein schieben.»
Vor mir bewegte sich eine Riesenkrake wie ein den Morästen meiner Seele entflohenes Ungeheuer heran, und ich erkannte in ihr all die prickelnden Ängste und fesselnden Abenteuer eines erhitzten, pubertierenden Knabengehirns. Das Unangenehme an der Geschichte war, daß ich diese chthonische Erinnerung aus pubertärer Urzeit als realistischen Schrecken wahrnahm. Sie erhob sich langsam aus dem dunklen, gräßlichen Abgrund meiner Seele und richtete sich in ihrer ganzen Größe vor mir auf, so daß mir die Knie zu zittern begannen. Einen Augenblick lang voll unaussprechlichen Schreckens blieb sie in ihrer erhobenen Position wie eine düstere, satanische Ausgeburt dieser Hölle vor mir stehen, als berauschte sie sich an ihrer eigenen Majestät, und dann fiel sie mit fuchtelnden Tentakeln über mich her. Blitzschnell stürzte ich zur Seite, um dem vernichtenden Schlag zu entgehen. Ich benutzte den Schwung, packte die Krake am Schopf und knallte ihren Kopf im Fallen mit einer tödlichen Bewegung gegen das Riff. Wie Fontänen schoßen die schwarzen Wasser aus der Mutterbrust meiner pervertierten Trieberfüllung, den aus Freudschen Urbildern inspirierten Schattenkammern der Lust, deren Bilder aus dem Unbewußten auftauchten und sich einen Moment ängstlich vor meinem Erleben drehten, bevor sie wieder zitternd wie Marionetten an unsichtbaren Fäden in den Tiefen der Dunkelgründe versanken. Mit wollüstigem Stolz betrachtete ich den Todeskampf der Riesenkrake. Das Bild der sterbenden Kreatur, die sich mit zuckenden Umarmungen von der Erde löste, stürzte mich in ein wahnsinniges Chaos der Lust. Akron sagte, ich solle versuchen, durch die Lücken meiner höllischen Ekstasen in die Räume jenseits meiner begrifflichen Realität einzudringen, um dort jene Wirklichkeit zu finden, die meinen inneren Träumen angemessen sei. Dann befahl er mir, meine Augen zu schließen und im Geist die Himmelsstufen zu besteigen.
«Aber es gibt hier keine Stufen», erwiderte ich.
«Natürlich gibt es keine materiellen Stufen», sagte er, «weil deine Ziele so hoch in den Wolken schweben, daß kein materieller Weg zu ihnen führt. Du bist daran gewöhnt, mit materiellen Dingen umzugehen, und sobald du über das Konkrete hinausgelangst, erscheint dir das, was du dort erfährst, unwirklich. Doch in dieser Hölle ist die Wahrnehmung nicht auf das Gegenständliche beschränkt, sondern bildet sich aus dem Streben, zu deiner inneren Sehnsucht zurückzukehren, oder aus dem überwältigenden Enthusiasmus, der dich erfüllt, jenen schimmernden Gipfel zu erreichen, der sich über den Wassern des Unbewußten erhebt. Dafür sind imaginäre Stufen doch der adäquate Weg. Sie bilden sich aus deinem spirituellen Sehnen, denn es ist der Archetyp des Sehnens, der dich aufwärtszieht. Oder wäre es dir lieber, auf einer Rolltreppe in die Höhe zu schweben?»
Ich tat so, wie mir aufgetragen war. Sobald ich die Augen schloß und meinen rechten Fuß etwas anhob, fühlte ich einen Widerstand unter der Ferse, als ob mir eine Stufe unter den Absatz geschoben worden wäre. Ich verlagerte mein Gewicht vom linken auf das rechte Bein und begann den linken Fuß zu heben, um die nächste Stufe zu erreichen, und so kletterte ich Stufe um Stufe zum «Homo futurus», dem Menschen der Zukunft, empor, wie mir die Stimme das Ziel meines Aufstiegs erläuterte.
«Langsam näherst du dich der Spitze des Wissens», erläuterte Akrons Stimme, «in der sich das Sagbare mit dem Unsagbaren kreuzt. Das ist exakt der Schnittpunkt beider Welten, an dem das Licht des Grals erscheint. Man nennt diese Stätte auch das Einswerden mit Gott oder das Bewußtsein der Hölle, weil sein Schnittpunkt irgendwo tief in der Erinnerung des Unbewußten liegt. Noch bist du hier, und dein Ziel liegt dort, du befindest dich noch im Zustand des Ich, das sich auf sein Ziel zubewegt, doch dann gelangst du allmählich in das Ziel hinein, so daß du dich immer mehr mit ihm zu identifizieren beginnst, bis du dich schließlich selbst als Teil deines Zieles erkennst, das sich nach sich selbst sehnt und sich mit dem erkannten Größeren im Außen zu verschmelzen beginnt. Doch bevor du in ihm aufgehst, wirst du es bekämpfen, weil du es aus dem Zustand der Dualität zuerst als von dir selbst verschieden ansiehst.»
Seine Stimme erreichte mich aus unendlicher Ferne: «Du stehst jetzt unmittelbar vor dem Gipfel, und es ist Zeit für dich, deine unbewußten Inhalte zu sehen, denn du bist durch die Lücken deiner Ekstase jetzt in die Räume jenseits deiner begrifflichen Realität eingedrungen und kannst dir nun in deinen eigenen Träumen begegnen – hinter der Schwelle, die du überwunden hast!»
Ich spürte einen Schlag, und dieser gebar eine schreckliche Vision, denn plötzlich sah ich mein kleines, gemeines, in den Begrenzungen seiner eigenen Argumente und rationalen Trugschlüsse gefangene Ego vor mir auf dem Gipfel der Erkenntnis tanzen. Mir war seine Absicht klar, das erworbene Wissen seinen egoistischen Zielen einzuverleiben und dadurch den Käfig seiner Ich-Beschränkung zu sprengen und Weltherrschaft zu erreichen. Statt seinen Verstand in seine unendliche Dimensionen hinein auszustrecken und die Erkenntnisse als das Fundament zu nehmen, auf dem sich der Verstand erhob, statt also die Ursachen der Ursachen der Ursachen der Ursachen auszuloten und den Sinn hinter dem Sinn des Sinnes zu erkennen und die Zusammenhänge zu verstehen, tanzte es nur an der Oberfläche des Lebens und dachte darüber nach, zu welchen Vorteilen im Leben ihm dieses Wissen gereichen könnte.
Im nächsten Augenblick, als ob meine Empfindungen vom Himmel erhört worden wären, bemerkte ich ein trübes, düsteres Flackern am Himmelsrand, das einem mächtigen, autoritären Gott gleich sich über ihm ausbreitete. Es war wie der Schein eines finsteren Lichts, das auf mein Alter ego herabströmte und einen inneren Widerhall in ihm auslöste, denn ich erhob mich langsam aus dem dunklen, gräßlichen Abgrund seiner Seele und richtete mich in meiner ganzen Größe vor ihm auf, so daß ihm die Knie zu zittern begannen und ihm das Blut in den Adern erstarrte, als es die Augen erhob und mich erkannte. Ich spürte in mir all die glühenden Angstbilder und Phantasien seines überhitzten Gehirns. Was mich jedoch am meisten erstaunte, war der Umstand, daß ich alle seine Vorstellungen in Handlungen umsetzen und ihm dabei durch alle seine eingebildeten Schrecken hindurch als reale Bedrohung von außen entgegentreten konnte. Einen Augenblick lang blieb ich in meiner erhobenen Position wie eine düstere, satanische Ausgeburt dieser Hölle vor ihm stehen, als berauschte ich mich an meiner eigenen Majestät, dabei war ich nur die Ausgeburt seiner eigenen Ängste, die mich steuerten; dann fiel ich mit fuchtelnden Tentakeln über ihn her und saugte mich mit meinen Fangarmen wie ein Schatten an seinem Körper fest. Gleichzeitig fiel ich in eine höllische Ekstase.
Akron sagte, die Substanz dieser Auseinandersetzung sei von einer unglaublich intensiven gegenseitigen Durchdringung von Geist und Materie. Solange ich letztere aber nicht verstünde, könne ich auch niemals meinen Schatten in all seinen Auswirkungen akzeptieren, denn aus der Gipfelsicht meiner Perspektive sei er nur Dreck, was wiederum die Auswirkungen dieser Hölle reflektiere. Deshalb sollte ich all meine schrecklichen Bilder, die ich während meines Aufstiegs durchmessen und in denen ich mich eingesperrt habe, wieder vergessen und meinen Schatten loslassen.
«Welchen Schatten?» entgegnete ich und erkannte dabei, daß ich mich an Akron festhielt.
Er lachte und befahl mir, die Augen zu öffnen: «Indem du mich losläßt, versöhnst du dich mit deinem inneren Tier! Durch das Loslassen meines Mantels hast du den Schatten integriert! Damit kannst du den Olymp wieder verlassen, denn du hast alles erkannt, was du erkennen mußtest …»
An seinem Lachen erkannte ich ihn, es war Akron, wie er leibt und lebt: «Das Ganze entwächst jenem Urgrund, der allen Wesen gemeinsam ist. Der Trick dabei ist, dich nicht in einem Bild deiner eigenen Persönlichkeit einzuschliessen und dann zu denken, daß das Vollkommene jenseits des eigenen Bildes ist, sondern zu merken, daß du selbst das Ganze bist. Auch wenn du auf der einen Seite durch deinen ausgelagerten Schatten bekämpft wirst, so bleibst du auf der anderen doch mit Gott verbunden, so daß du dir, wenn du in die Tiefe dringst, des Schöpfers in all seiner Größe bewußt werden kannst, von dem du glaubtest, daß er jenseits des Egos nur in der Höhe existiert. Deshalb erlebst du in der Tiefe deines Schattens das Licht der Erfahrung, die unmöglich war, solange du den Schatten als getrennt von Gott ansahst!»
Ich tat, wie er mir geheißen hatte, und als ich auf Befehl der Stimme die Augen wieder öffnete, saß ich am Strand und spielte mit den Wellen. Wie ein Perlensucher fischte meine Hand am Grund der Fluten, und ich fragte mich, was es war, das mich mit dem Urgrund verband. Das Wasser umspülte meine Beine und verlieh mir die Gabe, den menschlichen Geist in seiner fundamentalen Sehnsucht zu erfahren, wie er seit Milliarden Jahren aus den Tiefen der Urgründe ans Licht der Ufer strebt.
«Das war nicht ungefährlich», sagte Akron lächelnd, «beinahe hätten dich die Urgewässer verschlungen, denn du hattest die Urbausteine des Lebens, lebendiges Plankton in der Hand. Dieser Urstrom, der alle Lebensbereiche zu einem gemeinsamen Eintopf verbindet, produziert unaufhörlich neue Lebensformen und rollt sie wieder auf. Wie in einem magischen Spiegel können sich dann die kollektiven Urängste im Brennpunkt deines inneren Betrachtens monströs vergrößern, genauso wie die Liebe zu Gott, denn Gott kommt noch vor dem Plankton. Er ist der Urimpuls des Sichtbaren. Jetzt ist die Reihe an dir. Für mich ist nichts mehr wichtig, doch diese Erfahrung mußt du selbst machen. Wenn Gott Nichts ist, dann ist nichts das Ziel!»
Er zog mich von der Uferböschung weg: «Nach Erlösung zu streben, ist die einzige Freiheit in dieser Hölle. Die Freiheit, sich in die Erlösung davonzustehlen genauso wie die Suche, die, obwohl sie dem Glanz von Millionen Schätzen gegenübersteht, doch intakt bleibt, weil sie niemals beansprucht, das zu sein, was sie sucht, nämlich den Gral, sondern immer nur das, was sie motiviert, zu finden: sich selbst.»
Dann legte er seinen Arm um mich und sagte: «Der innere Sinn des Suchens ist die Erkenntnis, niemals finden zu können, weil jedes Finden die Suche nur erschwert. Denn jeder Mensch ist auf dem Heimweg und sollte niemals aufhören zu suchen, da es im Prinzip sowieso nichts zu finden gibt. Nur wer in seinem eigenen Leben den langen Wegen bewußt gefolgt ist, kann ermessen, daß es kein Ziel gibt, zu dem sie hinführen. Alles, selbst die Liebe, ist ein Spiel deiner Einbildung, und erst, wenn du das erkennst, kannst du den Menschen die Freiheit bringen, diese furchtbare, unerträgliche, aber letztlich einzige Freiheit.» Ich blickte zu ihm auf. Er lächelte, und seine Augen strahlten heiß und kalt: «Es ist der Wunsch nach Freiheit von sich selbst! Komm», sagte er, «wir müssen weiter. Die Saturn-Hölle wartet!»

Saturn in Fische
Vorhölle
Die Vorhölle der Angst vor dem Unfaßbaren an der Schwelle zu den verborgenen Grüften der Dämonen der Nacht
Sünder
Betrüger, Lügner, Verdränger, Täuscher, Intriganten, Gralspriester, Sektierer, Fassadenträger, Hochstapler, Strohmänner, Steuerhinterzieher, Profilierungsneurotiker, Problemflüchter, Quartalssäufer, Sozialschmarotzer, öffentliche Versager
Disposition
Der Schattenbereich von Saturn in den Fischen und Saturn im 12. Haus sowie disharmonische Saturn/Neptun-Aspekte
Schuld
Flucht (vor Verantwortung), Sucht (aus depressiver Überempfindlichkeit), Erstarrung (im Grenzenlosen), Mangel an Stabilität und Festigkeit, Verhärtung, Realitätsangst, Problemverdrängung, Scheinwirklichkeit, Auflösung gesellschaftlicher Strukturen, unlösbare Diskrepanz zwischen Realität und Traum, Vernunft und Intuition bzw. Struktur und Seele, Ablehnung des Irrationalen aus Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren
Strafe
In dieser Hölle fühlst du dich in den Träumen der Ewigkeit gefangen, denn die Fische lassen das Interesse für das Ewige aufscheinen, während Saturn das Gefäß zur Aufnahme und Begrenzung dieses Ewigen darstellt. Doch dem saturnischen Bestreben, auf dem schwimmenden Boden der fischehaften Ebene eine konkrete Wirklichkeit zu errichten, ist kaum Erfolg beschieden, da sich letztere allem Sichtbaren entzieht, aus Angst, banal und faßbar zu werden, sobald sie Eigenart verkörpert oder konkrete Stellungnahme bezieht. Denn diese Hölle repräsentiert den unerlösten «Erlöser», der die Spiritualität, die er verfehlt, wenigstens als Bild in seinem persönlichen Erleben inszeniert. Da er seine eigene innere Leere damit verdrängt, schafft er ihr zumindest ein geeignetes Gefühlsreservat. Es ist dies das Träumen im Entschweben. Du entziehst deine Seele dem Alltag des Lebens, um allein und einsam in deinen Träumen die eigene Ewigkeit zu leben. Doch diese Flucht hat ihren Preis. Deine inneren Wünsche werden in die Sümpfe der Illusionen abgeschoben. Als Bilder der Sehnsucht müssen sie warten, bis ein Vorübergehender sie mit seinen Tränen erlöst.
Lösung
All dein äußeres Streben dient im Prinzip nur dem Versuch, das Innere zu erhellen und es in seinen sphinxhaften Verschleierungen den Vorstellungsinhalten des analysierenden Erkennens einzuverleiben, denn Saturn in den Fischen ist ein Wegweiser auf dem Pfad der Erleuchtung, der nicht nur die geheimnisvollen Gewässer des Unergründlichen zeigt, sondern gleichzeitig über sich selbst hinaus auch auf die saturnischen Urbilder weist, die über die Träume in das Bewußtsein fließen. Die Angst vor dem Bösen ist die Angst vor sich selbst, und in dieser Angst, die du vor deinem eigenen Bewußtsein versteckst, verfängst du dich in deinen eigenen psychischen Abgründen, im Fäulnisgeruch deiner eigenen Seele. Das schafft neue Unsicherheit, aus der sich wiederum die Depressionen speisen. Vielleicht wirst du aber auch zur sich selbst erkennenden Seele, die über die mehrfachen Brechungen der Realität im Spiegel ihres Bewußtseins der Relativität ihrer selbst und der Relativität ihrer Sichtweisen begegnet. Das sind Erfahrungen im Leben, in denen du dir deiner Unfreiheit und Abhängigkeiten bewußt werden kannst.
Die versteinerten Tränen
Wir wateten in der seichten Mulde eines breiten Flußbetts landeinwärts, dessen Wasser schon längst vertrocknet waren, und zu beiden Seiten der flachen Uferböschung zogen sich Hunderte von erratischen Blöcken wie eine Garnison versteinerter Träumer dahin. Sie nickten einander unmerklich zu, und über ihren Köpfen brauste ein Föhnsturm mit lautem Rauschen dahin. Und über dem ganzen Flußgrund verteilte sich, von der spröden Hitze in den Schlamm gefressen, ein merkwürdiges, netzartiges Muster von Rissen, dessen Zentrum sich direkt unter mir befand. Da wurde mir erst klar, daß der Boden aus unzähligen kleinen Granitplättchen bestand, die ein kompliziertes Muster bildeten, dessen Linien sternförmig unter meinen Füßen zusammenliefen. Das Seltsame aber war, daß sich der Boden gewissermaßen zu meinen Schritten mitbewegte, denn mit jedem meiner Schritte ging eine wellenförmige Bewegung durch das ganze Flußbett, so daß sich der ganze Boden im Rhythmus meiner Bewegungen auf eine Weise verschob, daß ich immer im Zentrum der strahlenförmigen Linien verblieb.
«Was ist das für ein seltsamer Pfad?» fragte ich.
«Es ist die Straße der Selbsterkenntnis», sagte Akron ruhig, «die aus den Visionen der Träumer gepflastert ist, die die Straße säumen.»
«Höre ich recht?» wandte ich ein: «Diese Steine sind Träume?»
«Es sind versteinerte Träume, gewiß», antwortete er gedehnt.
«Steine können nicht träumen», wandte ich entschieden ein.
«Du bist schon ein seltsamer Heiliger», sagte Akron und schaute mich von der Seite mißbilligend an, «gerade noch hattest du einen imaginären Gipfel bestiegen, der nur in deinem Kopf existierte, und aus einer Handvoll Plankton ein Ungeheuer gezaubert, das dich verschlingen wollte, und nun willst du plötzlich mit tödlicher Sicherheit wissen, daß Steine niemals träumen können.»
«Nun gut», mußte ich einräumen, denn er hatte natürlich recht. «Doch wie träumen Steine», wollte ich wissen, «und wie unterscheiden sie sich von den anderen Träumern?» Meine Kehle war wie verdorrt.
«Der Plankton-Träumer sucht weder nach Begriffen, noch will er etwas begreifen, er will vielmehr ein Bild, das nicht nur die Teile, sondern das gesammelte Empfinden seines inneren Erlebens berührt, empfangen», versuchte er mir die Sache näherzubringen. «Die Steine träumen dagegen diskursiv, sie verbeißen sich in die Träume und suchen den Sinn des Lebens aus den unbewußten Bildern herauszupressen.»
«Und was hat das alles für mich zu bedeuten, Akron?» Es war sehr seltsam. Ich nahm diese Szene plötzlich als Erinnerung wahr. Irgendwie hatte ich das sonderbare Gefühl, daß dieses Erleben etwas war, das schon lange in mir stattgefunden hatte und an das ich mich plötzlich wieder erinnern konnte. Das war weder ein Traum noch irgendeiner von Akrons Zaubertricks.
Akron drehte sich mit einem Ruck um: «Ich sehe es dir an, daß du dich plötzlich erinnerst, und nun müssen wir blitzschnell in deine Erinnerungen eindringen, bevor die Bilder wieder in deinem Hirn versickern.»
«In die Erinnerungen eindringen?» Einen Augenblick lang sah ich eine riesige Silhouette aus Stein, einen gewaltigen Findling, der am Ende der Straße lag.
«Ja! Die Träume der Steine bereisen. Möglicherweise wird dir dann klar, daß es deine Erinnerungen sind. Und dann fällt dir auch wieder ein, wer die Steine sind.» Er blickte mich offen an: «Ich spüre, du bist dir nicht so sicher, doch ist unser Manöver zu wichtig, als daß ich jetzt mit dir darüber diskutieren möchte. Du mußt den Geist der Steine selbst fragen. Heb einen von diesen kleinen Steinen auf, und bitte ihn um Erlaubnis, seine Träume bereisen zu dürfen. Sag einfach, du suchst den Stein der Weisen, den du in seinen Träumen zu finden hoffst, oder frag ihn, was der Sinn des Lebens sei. Am besten du fragst ihn, auf was er in dieser Hölle hofft. Es ist doch nicht dein Herz?» sagte er schallend lachend: «Du magst’s erahnen: Er träumt den depressiven Lebensschmerz!»
Ich hob einen Stein vom Boden auf und sah mich ängstlich nach Akron um. «Soll ich ihn wirklich fragen?» wollte ich noch einmal wissen.
«Ja, los doch, frag!»
«Eine sehr heikle Situation», stellte ich fest, denn ich wußte nicht recht, wie ich aus meiner Position den kleinen Stein in meiner Hand ansprechen sollte. Schließlich murmelte ich leise: «Was ist der Sinn deiner Träume, Geist?»
Dann geschah etwas Sonderbares. Der Stein löste in mir auf eine mysteriöse Weise ein inneres Gefühl für die Worte aus, die er mir sagen wollte, ohne sie aber selbst zu formulieren, denn ich nahm plötzlich ein paar Gedanken in mir wahr, die ich kaum zu denken wagte, ohne mich nicht selbst als verrückt bezeichnen zu müssen: daß nämlich nicht ich, sondern er der Frager sei, der auf mich am Weg die ganze Zeit gewartet habe, weil er jetzt von mir wissen wolle, warum ich meine himmlischen Sehnsüchte und Träume nicht einfach zulassen könne und ich jedes innere Entzücken ständig mit strukturierenden Höllen zupflastern müsse. Denn die Welt, die ich hier sähe, existiere nur aufgrund der Vorstellung, die ich mir von ihr mache. Es sei auch nicht der bittere Lebensschmerz, den ich suche, wie mir mein Seelenführer weismachen wolle; ich suche nach Wärme für mein kaltes Herz. Akrons Aussage entspräche nur meinem intellektuellen Empfinden, die Bilder meines inneren Erlebens mit dem Inventar meines äußeren Wissens in Übereinstimmung zu bringen. Jeder Sünder enthalte in seiner Seele nämlich ein reflexives Abbild im Spiegel seiner Bewußtseinsmuster, und er, den ich im Spiegel meiner Vorstellung erkenne, sei nur das Gespiegelte meiner Denkstruktur. Mein Geist sei in die Datennetze dieser ganzen Hölle eingebunden und deshalb auf sublime Weise auch mit ihm verbunden, obwohl ich mir dessen nicht bewußt wäre. Auf seine Weise spinne er die Träume im Bewußtsein dieser Hölle fort, deshalb seien für mich alle inneren Freuden statt leuchtender Sonnen bloß träumende Steine, die nur auf der Rückseite des Mondes existieren können, weil ich sie von mir abgespalten und aus mir selbst entfernt habe. Deshalb fände ich die wahre Antwort in dieser Hölle immer auf der Rückseite dessen, was ich für meine Wirklichkeit hielte.
«Dann dreh ihn um», ermunterte mich Akron, «wenn er dies wünscht: Vielleicht zeigt sich dort der gesuchte Sinn?»
Ich drehte den Stein in meiner Hand und betrachtete die Worte, die auf seiner Rückseite eingeritzt waren. «Dies ist der Unsinn der Frage nach Sinn …», las ich.
Akron kugelte sich vor Lachen: «Die Frage nach dem Sinn ist das Ablenkungsmanöver des materiellen Denkens, und der Sinn besteht gerade darin, den Hintergrund solcher Fragen zu erkennen, den Widerspruch einer jeden Frage nach Sinn, denn dieser ist ihr doch gerade durch sich selbst verlorengegangen.»
«Das versteh ich nicht», sagte ich kopfschüttelnd.
«Er wollte dir durch die Blume sagen», erwiderte Akron grinsend, «daß es töricht ist, nach Wissen zu streben, wenn man dem schon vorhandenen Wissen so wenig Beachtung schenkt wie du. Probleme sind nie einfach nur Manifestationen in der Außenwelt, sondern aus dem Unbewußten heraus agieren Menschen so, daß sie sie sich selbst schaffen. Somit liegen die Ursachen vieler Probleme schon in der Grundhaltung unserer Art, Umwelt wahrzunehmen. Da unsere Probleme also darüber mitbestimmen, wie wir die Welt betrachten, können wir die Lösung unserer Probleme erst dann erfahren, wenn wir uns der Art und Weise bewußt sind, wie wir die Welt anschauen. Dann nämlich, wenn wir erkennen: Jede Art der Welterkenntnis ist ein Akt der Selbstbetrachtung!»
Mir kam eine seltsame Idee. Als ich den Stein anschaute, hatte ich den Eindruck, daß er ein Teil eines komplexen Musters war, das auf ein Ziel hinführte, das mehr als die Summe seiner Teile war. Die Straße erschien mir wie ein universeller Code, der alle Erfahrungen der Vergangenheit speicherte und zugleich das gesamte Potential einer zukünftigen Evolution enthielt; und ich selbst war der Brennpunkt, in welchem sich das kausale Denken als Teil der Erfahrung einer sich selbst entwickelnden holistischen Struktur erkannte.
«Bin ich das Ziel?» wollte ich plötzlich wissen, denn der Stein ließ mich innerlich spüren, daß mein Hiersein eine nicht unbeträchtliche Voraussetzung seines Leidens wäre.
Akron sah mich fragend an. Er schien überrascht von dem, was ich sagte, und kratzte sich bedächtig am Kinn: «Diese Frage geht eigentlich über das hinaus, was du wissen kannst, denn diese Straße ist eine Ebene, die du oben in deinem Bewußtsein noch gar nicht wahrgenommen hast, und deshalb kann das Ziel, auf das sie hinführt, niemals das Ich sein, so wie du es von deinem Bewußtsein her kennst. Andererseits kann sie natürlich niemals von dem wegführen, was du bist. Sie führt dich in die unendlichen Tiefen deiner Innenwelt und damit in die höllischen Untergründe der Seele. Dort gewährt sie dir einen Blick hinter den Spiegel, ins Reich des Unbewußten, aus dem dir deine Sehnsüchte und Abgründe entgegenblicken, denn der Fische-Nebel heftet sich an die inneren Gefühle deiner Träume und projiziert sie wie Bilder in die Realität der Sehnsüchte, die für dich zur Wirklichkeit werden können. Der Saturnpfad ist hingegen der Führer, um das Labyrinth der Schatten zu erkunden, die Struktur der Projektionen zu erklären und sie den Sinnen zugänglich zu machen. Die Angst vor dem Bösen ist die Angst vor dir selbst, und in dieser Angst, die du vor dir selbst verbirgst, verfängst du dich im Fäulnisgeruch deiner eigenen Seele. Deshalb stellt sich hier die Frage, wer du bist, und zwar außerhalb der Person, die du zu sein glaubst, denn unterhalb des Ich, das du kennst, hast du eine unergründliche Seele, von der dieses Ich ein Teil ist, und gleichzeitig ist dieser Teil vom Ganzen getrennt durch einen Wächter, der prüft, ob dieser Teil der Erfahrung von deinem Bewußtsein aufgenommen werden kann oder nicht.»
«Wächter», echote ich verblüfft, «da existiert ein Wächter?» Ich war entzückt: «Kann ich ihn sehen?»
«Du wirst ihm begegnen», sagte Akron ruhig.
«Wie sieht er aus?»
«Mir ist er schon in vielen Masken begegnet, und deshalb ist es schwer zu sagen, in welcher du ihn sehen wirst, aber ich denke als geträumten Stein. Oder als körperlose Stimme. Er wird dich prüfen, und wenn er dich für reif genug hält, diese Sphäre zu betreten, dann geleitet er dich über die Schwelle, die zwischen Vorhölle und Hölle liegt, denn du weißt unendlich mehr über die Abgründe der Seele, als du rational vermuten kannst. Sei aber vorsichtig, er ist niemandes Freund; er ist der Wächter einer anderen Welt.»
«Welcher Welt? Der Welt der Toten?»
«Der Nacht der Seele! Das tiefe Unbewußte ist die Quelle, aus der die Bilder strömen, und er ist der Prüfer, der über die Weiterreise der Seele bestimmt.»
Dann stand er plötzlich da. Vor dem flammenden Tor zur Wahrheit stand er plötzlich da: eine Silhouette aus Stein. Meine Blicke umkreisten den gewaltigen grauen Findling, der am Ende der Straße unerschütterlich aufgerichtet war. Und in diesen Felsen eingefressen sah ich ein Skelett, ein Knochengeflecht, halb entblößt und halb in den düsteren Mantel der Verwesung eingehüllt, das mich aus tiefstem Nichts ansah.
«Bist du der Wächter?» fragte ich.
Er schwieg.
«Er ist die Summe deiner Erfahrungen auf allen Realitätsebenen, der Geist des Ewigen oder der Rahmen, in dessen Reflexionen sich der Kosmos erkennt», erwiderte Akron ernst, «frage nicht, sondern versuche den Durchbruch mit deinem inneren Willen zu erzwingen!»
Ich trat näher und erkannte, daß der Stein mein eigenes Grabmal war. Auf dem Grabsockel war eine Schrift, ich las meinen eigenen Namen und darunter die Worte: «Sei willkommen am Tor, das dich zur Wahrheit führt …»
Der Wächter blickte auf mich herab, und ich war verwundert über die Schönheit der Jahrtausende, die auf mich niedersahen, als er mir mit den Worten über die Schwelle half: «Jede Türe ist versperrt, weil der Mensch selbst die Türe ist, die die Lebendigen von den Toten trennt. Doch du kannst die Türe öffnen. Sprich einfach die Worte: ‹Sehnsucht, öffne mir das Tor!›»
Über seinem Kopf brauste der Sturmwind mit lautem Rauschen dahin; die Wolken zogen sich zusammen, Blitze zuckten übers Firmament und ich war entzückt über die triumphale Erhabenheit dieses Augenblicks, der am Ende meines Lebens am Horizont aufdämmerte. Und mein innerer Wille befahl mir, mich in den steinernen Koloß hineinzubegeben, um seine erstarrte Seele zu wärmen und seinen harten Panzer zu lösen. Da zerfloß die ganze Welt in einer Sphäre glitzernden Lichts, und in den Tiefen meiner Seele sah ich die bleichen Mütter lauern, bei deren Anblick die Toten schauderten. Also träumte ich mich in seine Seele hinein. Plötzlich schoß eine schäumende Lava aus dem Stein, ein heftiger Windstoß durchpeitschte den Äther, die Erde erbebte in ihren Fundamenten und über mir sah ich einen mächtigen Wasserstrom, der sich über die Felskante auf mich hinunterstürzte.
«Sehnsucht, öffne mir das Tor!» schrie ich ins Getöse, bevor mir das Inferno den Schrei von den Lippen riß. Da öffnete sich mit einem Schlag der Weg ins Licht, vor mir bildete sich ein tiefer Riß, der die Felswand durchschnitt, und während ich noch staunend hinblickte, erweiterte sich der Spalt mit jäher Gewalt, blendendes Licht umhüllte mich, und ich spürte, wie ich ein Teil des Lichtes wurde und zusammen mit ihm aus der Dunkelheit schoß, wie ein strahlendes Bewußtsein auf mich zufließend. Ich brauchte nur meinen Blick auf die Felswand zu richten und schon wurde ich in einen tosenden Wirbel hineingerissen. Es war, als hätte der Felsen mich verschluckt, aber nur um mich sofort wieder auszuspucken, und dann verwandelte ich mich in jene übermächtige Gestalt, die auf meine Frage «Bist du der Wächter?» endlich die letzte aller Antworten fand: «Jetzt, da du erkannt hast, daß du selbst der Wächter bist, der das Mysterium schützt, und daß das Geheimnis wiederum nur ein Trick des Verstandes ist, um den wirklichen Sinn hinter einem scheinbaren Ziel verborgen zu halten, öffnet sich das Tor! Denn hinter den Polaritäten leuchtet der Gral, und wer das erkannt hat, für den steigt der Weg in lichte Höhen an, und die Dämmerung der Seele verwandelt sich in Morgenröte.»
Als ich wieder zu mir kam, war alles still. Die Zeit stand still, kein Hauch bewegte den Staub der Straße; die ganze Szenerie war verschwunden. Ich drehte mich um. Aber auch hinter mir sah ich nur das ausgetrocknete Flußbett, das sich in sanften Windungen zum Meer hinunterdrehte, und ganz weit unten hörte ich das Rauschen der Brandung in der Bucht. Dann spürte ich Akrons Daumen auf meinem Gesicht. Sanft massierte er mir die verhärteten Tränen, und ich fühlte deutlich, wie mir das Wasser in die Augen stieg. Sanft lächelte er und sprach: «Der Wächter dieser anderen Welt ist eine Träne, die dich in den Räumen der Seele willkommen heißt, sobald du deine Erstarrungen loslassen kannst!»
Das Wasser stieg in meinen Augenlichtern, diesen Altären schäumender Traumgesichte, und plötzlich stand ich selbst in der tosenden Flut: «In diesem Moment wirst du dich als der Empfänger einer gottähnlichen Kraft erfahren, da du meine Inspiration erhältst. Je empfänglicher du für die höheren Schwingungen bist, desto mehr kannst du in die unbekannten Geheimnisse dieser Hölle eintauchen», hörte ich den Wächter sagen, «denn um geträumt zu werden, brauche ich eine gewisse Tiefe des Träumenden. Erst in der spirituellen Tiefe des Träumens erreiche ich die nötige Verdichtung, um dich zu den verborgenen Geysiren des wärmenden Erkennens zu führen, deren Wiederentdeckung die Versteinerung der Herzen sprengt …»
Ein Blitzstrahl zuckte durch die Sphäre, ein heftiger Windstoß brauste durch den Äther, und die Erde erzitterte in ihren Fundamenten. Ich drehte mich um, um zu sehen, woher dieser Einbruch kam. Da war eine tiefe Kluft, die die Felswand durchschnitt, und genau an dieser Stelle, wo sich das Auge des unheimlichen Wächters verbarg, sah ich eine mächtige Quelle aus dem Gestein herausschießen, die sich schäumend über die Felswand hinunterstürzte.
Und dort, wo sich die riesige Felswand in die Höhe türmte, stand Akron vor mir in der brausenden Gischt. Das Wasser strömte über sein ganzes Gesicht. Er schrie: «Ja! Löse sie! Weine deine Tränen!»

Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt
Ich versuchte, seinen Geist zu beschwören, und begann, aus dem schwarzen Höllenbuch vorzulesen. Doch das leuchtende Objekt verglühte auf dem Schirm, der beißende Glanz verschwand vor meinen Augen und reduzierte sich auf ein milchiges Ei, das auf dem Bildschirm vor mir auf- und abhüpfte. «Akron», sagte ich, während ich auf den Monitor sah, «Akron, bist du’s?»
Der Geist oder das, was ich für den Geist hielt, konnte nicht sprechen. Er seufzte nur, und dann begann der Bildschirm zu flimmern. Ich fühlte, wie sich in meinem Gehirn eine Vorstellung formte, die mit mir auf der Denkebene kommunizieren wollte. Aber ich konnte diese Vorstellung nicht finden.
«Hörst du mich, Akron?» flüsterte ich und klopfte an die Wand des Gehäuses: «Kann ich etwas für dich tun?»
Ein Muster formte sich auf dem Schirm, phosphoreszierend, aber undeutlich: Akrons auf Faustgröße digitalisiertes Gesicht. «Es gibt da etwas, das meinen Geist gefangenhält …», vernahm ich eine schwache Stimme, und ein inneres Glühen umfing Akrons flimmerndes Bild.
«Ist es dieses Buch? Dieses Buch im Regal?» hörte ich mich brüllen, denn einen Sekundenbruchteil tauchte mein Bücherregal am Bildschirm auf.
«Ja, ja, richtig … Es ist dieses Buch …» vernahm ich eine sanft erinnernde Stimme aus dem Computer-Inneren.
«Soll ich versuchen, dich da rauszuholen», sagte ich und klopfte an die Wand, «noch ist es Zeit …»
«Nein … um Himmelswillen», ertönte eine gedämpfte Stimme, «was glaubst du, was du da anrichten würdest, denn ich befinde mich in den unbewußten Schächten deines Hirns. Da ich gerade damit beschäftigt bin, die verdrängten Dateien in den verstaubten Regalen deines Unbewußten auf den Monitor deines Kurzzeit-Gedächtnisses zu schaufeln, habe ich mir erlaubt, dich zu kontaktieren. Aber im Moment ist unsere Verbindung nicht optimal … Du kannst mich nicht richtig visualisieren, stimmt’s?»
«Darf ich fragen, wer du bist?» Zwar konnte ich sein Bild nicht richtig empfangen, doch ich spürte deutlich, es war nicht Akron.
«Eine naive Frage», kam es postwendend aus den eingebauten Lautsprechern zurück, «denn die Antwort muß deinen Verstand verwirren. Genauso wie das Universum in viele verschiedene Perspektiven aufgeteilt ist, ist auch die Persönlichkeit ein Konglomerat von verschiedenen Selbst, die zahllose Ebenen durchwachsen, die nicht nur sind, was du bist, sondern auch das, was als Zukunft schon heute in dich eingepreist ist. Du bist erst am Anfang deiner Reise. Deshalb möchte ich mich dir als Geist deiner Zukunft beschreiben, das Wissen, dem du noch nicht begegnet bist.»
«Und wo kommst du her?» Der Monitor begann zu flimmern.
«Ich komme durch die Tür», säuselte die Stimme.
«Durch welche Tür?» wollte ich wissen. Das glühende Flimmern auf dem Bildschirm begann zu hüpfen, dann brach die Wellenbewegung ab.
«Wie gesagt», rauschte es in meinem Hirn, «überall dort, wo sich eine Perspektive mit einer anderen schneidet, entsteht eine Tür, durch die man in andere Welten eintreten kann. Oftmals ist es zwar keine Tür, sondern ein Spiegel, ein gespiegeltes Fenster, in dem man durch sein gespiegeltes Bild hindurchsehen kann, was dein dualer Verstand nur schwer verstehen kann. Hier versteckt sich die Tür hinter dem Regal.»
«Hinter welchem Regal?» Ich warf einen Blick auf das Regal: «Ich sehe keine Tür!»
«Du kannst die Tür nicht sehen, denn der Geist verdeckt die Tür. Geschlossene Türen sind hier unsichtbar», sagte die Stimme kichernd.
«Aber kannst du mir nicht wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt geben?» wagte ich schüchtern einzuwenden.
«Na gut, es ist die Lücke, die du verursacht hast, als du das geheimnisvolle Buch aus der Bücherreihe zogst.»
«Durch diesen Zwischenraum willst du hindurchgeschlüpft sein?» höhnte ich ungeschminkt.
«Eigentlich bin ich ja durch das Buch gekommen. Aber nachdem du das Buch aus der Reihe genommen hast, hat mich das Vakuum angesaugt, das das fehlende Buch in deinem Verstand hinterließ.»
«Von welchem Titel redest du?»
«Von deiner Reise in die Unterwelt!»
«Du lügst», zeigte ich mich ziemlich betroffen. «Dieses Projekt ist doch erst in der Entstehung begriffen. Das Ganze ist noch ungedacht; nur die Vorhölle ist abgeschlossen.»
Da wurde das Bild auf dem Monitor plötzlich scharf. Es war mein eigenes Gesicht, das mich lächelnd ansah und sprach: «Ja, jetzt hast du die Sache erfaßt. Hinter dieser Lücke beginnt deine eigentliche Reise!»
«Aber wie kann ich ein Buch aus dem Regal herausnehmen wollen, das noch gar nicht geschrieben worden ist?» entgegnete ich ängstlich.
«Die Frage lautet doch eher umgekehrt: Wie kann man ein Buch im Regal stehenlassen, das erst geschrieben werden will?»
Ich war verwirrt. «Jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr!»
«Das Buch, von dem wir reden, ist dein zukünftiges Projekt, und das Regal, aus dem du es herausgenommen hast, dein bewußter Verstand. Deshalb mußte dieses Projekt aus der Aneinanderreihung deiner Alltagsgedanken herausgenommen werden, weil das, was du beschreiben möchtest, vom bewußten Verstehen gar nicht verstanden werden kann. Aus diesem Grund fiel das Buch aus dem Regal heraus und schaffte hinter sich den Raum, der deine Erinnerungen ansaugt. In diesem Sog bin ich jetzt aus der Tiefe zu dir gekommen, um dich zu fragen, ob du mir folgen willst?»
«Wohin?» Zitternd schaute ich mich um.
Die pulsierenden Linien verschwanden, das Geistergesicht nickte: «Zu den Quellen des Unbewußten!» Und dann sprang der große schwarze Wälzer mit einem riesigen Getöse aus dem Regal und ließ ein helles Rechteck dahinter erscheinen. Darin leuchtete das Porträt des Psychopompos aus «Dantes Inferno» auf. Es stellte einen Mann mit einer mächtigen Kapuze dar, dessen Gesicht im Schatten lag. Ich sah nur die roten Augen im Licht funkeln, als sich das Bild plötzlich bewegte und eine Stimme zu mir sprach: «Damit du dein Werk nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit deiner Seele nachempfinden kannst!»
Vor mir öffnete sich eine Tür. Kaum hatte ich die Schwelle überquert, als ich zu schrumpfen begann. Vor meinem inneren Auge spulte sich mein ganzes Leben ab. Ich folgte den Spuren meiner Entwicklung bis zum Moment der ersten Bewußtwerdung zurück, bis ich mich als ungeborenen Fötus empfand, der sich in den endlosen Gedanken auflöste. War ich zum bloßen Bild in mir selbst geworden, damit ich mich besser in mir selbst erkennen konnte, fragte ich mich, denn ich fühlte, wie sich in meinem Gehirn eine Vorstellung formte, die ihm in seine räumliche Sphäre folgte: Bestand eine Verbindung zwischen ihm und mir? Dieser Teil von mir hatte gar keine physische Gestalt, sondern war nur ein Lichtpunkt, der sich in seinem Hirn bewegte, und jetzt wurde mir auch klar: Ich war ein Teil dieser psychischen Energie, die in den Tiefen des Unbewußten gründelt, um das Unerkannte in neuen Symbolen zu finden. Ich war der von sich selbst abgespaltene Teil, der sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb seiner eigenen Wahrnehmung empfand.
«Erst wenn dein Verstand an den Grundlagen des rationalen Weltbilds zerschellt», hörte ich seine Stimme, «werden alle deine unterdrückten Persönlichkeitsanteile aus den Umklammerungen des unterdrückenden Denkens wieder frei und du kannst dir alle deine Wünsche erfüllen …»
«Ich will hier raus!» kreischte ich mit sich überschlagender Stimme.
«Die einzige Türe, die hinausführt, führt nach innen», hörte ich meine innere Projektion zu mir sagen, «und indem du die Schwelle überschreitest, gehst du unangefochten an den Masken und Projektionen deiner inneren Wächter vorbei. Wolltest du nicht immer wissen, wer ich bin? Jetzt stehst du auf der Schwelle und kannst die Antwort hören …»
Ich fühlte mich wie in einem halbwachen Zustand, in jener kurzen Dämmerphase, in der der Mensch noch nicht erwacht ist, aber auch nicht mehr schläft, in jenem Augenblick zwischen den Welten, wo der Mensch Situationen erahnt, die seinem inneren Wissen entsprechen, die von seinem materialisierenden Verstand aber verdrängt werden: «Wir sind der Schlüssel zu deinem Hirn», hörte ich die Sylphen in mir säuseln, «gemeinsam können wir alle Ebenen durchwachsen …» Dann fiel der schwarze Vorhang vor meinem Bewußtsein.
Wo sind wir hier?» wollte ich von Akron wissen, als ich wieder zu mir kam. Sein Blick war auf das große schwarze Buch gerichtet, das aufgeschlagen vor mir lag, bevor er seine Augen auf mich richtete. «Wir sind in der Vorhölle hinter der Realität», sagte er, «schau doch hin!» Da erst erkannte ich, daß auf dem inneren Buchdeckel eine flammende Widmung prangte: «Das Licht der Erkenntnis leuchtet aus dem Vorhof der Hölle.»
«Willst du sagen, daß ich durch das Buch, ohne Rücksicht auf physikalische Gesetze, direkt in andere Räume treten kann?»
«Zumindest ohne Rücksicht auf deine verstandesorientierten Verhaltensmuster», erwiderte er und hielt seinen Finger auf das Buch. «Wenn du es auf der Unterlage verrückst, dann kannst du deine Perspektive verschieben und die Welt um dich herum verändern. Das wußten schon die Alten: Verschiebe deine Sichtweise, und du veränderst die Welt! Willst du es nicht selbst ausprobieren?»
«Das übersteigt meine Vorstellung», gab ich zurück, «und außerdem ist mir das viel zu gefährlich. Am Ende verrutscht mir meine Perspektive und ich finde nicht mehr in die Realität zurück.»
«Das ist der Preis», entgegnete er, «dieses Buch symbolisiert dein bewußtes Verstehen, und der Spiegel, der unter dem Buch in die Holzplatte eingefügt ist, steht für das Unbewußte, das sich in deinem Verstand reflektiert. Wenn du das Buch über dem Spiegel drehst, dann nimmst du die Erinnerungen aus der Tiefe auf, doch wenn du das Buch ganz über den Tisch hinausstößt, dann gibst du deine persönliche Perspektive auf und kannst auf den Schwingen deines innersten Willens bis an die Enden aller Perspektiven reisen oder darüber hinaus, wie es auch deine Vorfahren taten, die ihre Aufmerksamkeit von der äußeren Welt nach innen verschoben hatten. Sie wurden verrückt, nachdem sie das Buch aus dem Bücherregal herausgeworfen hatten. Aber ich bin ja bei dir und paß auf dich auf. Bist du bereit? Dann nimm das Buch und halte es in die Höhe!»
Ich hob das Buch, und darunter kam ein Spiegel zum Vorschein, der exakt in Buchgrösse in den Tisch eingelassen war. «Dieser Spiegel ist die Rückseite des Porträts», fügte Akron hinzu, «das bei dir an der Rückwand des Bücherregals hängt und dir eine Kommunikation mit deiner Alltagswelt erlaubt.»
«Aber in der Alltagswelt stand das Bild doch vertikal im Raum», wandte ich ein.
«Es ist ja auch kein physischer Raum, in dem wir hier sind, es ist ein psychisches Gebilde, das der Vertiefung entspricht, die das Buch in deinem Hirn ausgespart hat. Weil du in deiner Alltagsebene vor dem Computer sitzt, hast du das Bild gedreht und das vertikale Bild auf die horizontale Ebene projiziert, damit du deine Körperhaltung nicht zu ändern brauchst und gleichzeitig das persönliche Erleben kontrollierst, das du als gespiegeltes Bild in deinen Händen hältst. Doch damit erreichst du hier nichts», sagte er und schleuderte das Buch vom Tisch.
Es gab einen Ruck, ich wurde aus meiner Sitzlage katapultiert, die ganze Szenerie vor meinen Augen wurde mit einem Schlag gekippt und ich schlug schmerzhaft am Boden auf. «Jetzt hab ich das Bild in deinem Kopf wieder zurechtgerückt», sagte Akron und klopfte auf die Tischplatte, die als Wand jetzt senkrecht vor mir stand. «Siehst du, sie ist sehr stabil! Du hast sie mit Hilfe der Sinne konstruiert, derer du dich gerade bedienst.»
«Du möchtest sagen, daß ich diese Wand selbst aus meinem inneren Empfinden aufgebaut habe?»
«Alle äußeren Bilder erschaffen sich in dieser Welt aufgrund der inneren Erwartungen. Diese Wand hier», er strich mit den Fingerspitzen beinahe zärtlich über das Holz, «ist ein Symbol für deinen tiefgründigen Verstand, und deshalb setzt sie sich sowohl aus den Vorstellungen deines Arbeitstisches wie aus den Bildern der verborgenen Rückseite deines Bücherregales zusammen, und der Spiegel», er zeigte auf einen glitzernden Spiegel, der in die Holzwand eingelassen war, «ist, wie gesagt, die Schwelle, über die du in die psychische Ebene eintreten kannst. Auf der Alltagsebene wäre er die Brücke, über die die beiden Hirnhälften miteinander verbunden sind.»
«Hirnhälften?» Ich schaute ihn an. Er trug eine dunkle Kapuze und einen Mantel, der bis zum Boden reichte. Aus meiner Perspektive wirkte er monströs wie ein schwarzer Dämon.
«Ja, weißt du denn noch nicht, wo wir hier sind: Wir sind in deinem Hirn. Du wirst noch staunen, welchen Gestalten du in der rechten Hirnhälfte begegnest, in der die Gesetzmäßigkeiten des dualen Verstehens nicht mehr funktionieren. Leider wirst du alles, was du hier erlebst, wieder vergessen haben, wenn du auf der anderen Seite erwachst.»
«Wie ist es mit dir?» erwiderte ich, während ich mich langsam erhob. «Werde ich dich auch vergessen haben?»
«Ich bin dein Höheres Selbst, das aus deinem inneren Geiste spricht, während ich dir da draußen in der materiellen Welt nur als undeutlicher Schatten begegne.» Eine seltsame Aura umschattete ihn: «Deshalb habe ich dir auch mein Bild ins Bücherregal gestellt, damit du mich auf der Bewußtseinsebene nicht verdrängst.»
«Wie kann ich dir glauben», entgegnete ich.
«Das brauchst du nicht: Sieh einfach hinüber in deine Alltagswelt!» sagte er und zeigte auf den eingelassenen Spiegel in der Wand. «Der Spiegel ist gewissermaßen die Tür, die die physische und die psychische Welt miteinander verbindet. Zu Dantes Zeiten nannte man ihn auch die Schwelle der Angst. Wenn du ihn nur benutzt, um dein Gesicht zu betrachten, dann ist er nichts als ein Spiegel, der dir dein Äußeres zeigt. Wenn du dich aber selbst vergißt, während du in den Spiegel siehst, dann zeigt er dir plötzlich, was sich auf der anderen Seite der Schwelle abspielt, denn die Rückseite des Spiegels ist mein Bild, das bei dir an der Rückwand des Bücherregals steht und dir eine Kommunikation mit deiner Alltagswelt erlaubt.» Er klopfte mit dem Knöchel an das Glas: «Siehst du dein Alter ego, deinen anderen Teil, der dort am Schreibtisch sitzt? Er hat sich tief in seine Gedanken versenkt, um dich innerlich zu kontaktieren. Kannst du ihn spüren? Er scheint bereit!»
«Wozu bereit?» verlangte ich zu wissen.
«Bereit, in seine rechte Hirnhälfte einzutreten und dir in unserer Traumwelt zu begegnen. Wenn du durch diesen Spiegel siehst, sieht er auf seinem Bildschirm dein Gesicht. Dann könnt ihr miteinander nach Herzenslust kommunizieren. Geh jetzt, los! Er versucht, deinen Geist auf seinem Monitor zu beschwören!»
Ich starrte in den Spiegel, und von einer Sekunde zur anderen entzündete sich mit ungeheurer Kraft ein Feuerwerk von Visionen in meinem Hirn. Irgendwie fühlte ich mich plötzlich in zwei Teile gespalten, denn ich spürte, wie er vor seinem Bildschirm saß und die Ideen wild in die Tasten hämmerte, die mir durch den Kopf blitzten, und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, als ob ich es selbst war, der die Geschichte aufschrieb. Irgendwie erahnte er auf dem Monitor meine virtuelle Gestalt, aber ebenso verschwommen erkannte er in mir auch sein eigenes Gesicht, denn durch die Augen, die ihn ansahen, erblickte er auch den Raum, in dem er sich befand.
Ich schwebte auf meinen Körper zu, glitt durch meinen Kopf in ihn hinein und fühlte, wie sich in seinem Gehirn meine Vorstellung formte, die sich in der räumlichen Sphäre formulieren wollte. Doch er brachte meine Worte nicht heraus, die ich durch ihn hindurchzusprechen versuchte. «Du kannst ohne Medium nicht direkt mit ihm kommunizieren», hörte ich Akrons Stimme in mir flüstern, «denn du bist ein Teil seiner Geschichte, die er nicht ständig präsent in sich trägt, sondern die er im Computer gespeichert hat. Nimm den Monitor als Plattform!» Den Rest konnte ich nicht mehr hören, denn seine Stimme ging in einem lauten Wimmern unter. Ich hörte ein Knacken, Geräusche heulten wie der wehklagende Gesang der Jungfrauen in meinen Gehörgängen auf, dann hatte ich eine andere Vision.
«Komm», sagte Akron und nahm mich an der Hand. Rasch zog er mich zum Regal. Er warf das Buch heraus, packte das Bild an der Rückseite und drehte es wie einen Türknauf um. Das Bild begann sich nach hinten zu öffnen. «Das Hirn ist wie ein Spukschloß», erklärte er mir, «voll mysteriöser Kammern.» Die Szene vor meinen Augen schrumpfte zusammen, es war mir, wie wenn ich nach innen in einen dunklen Schlund hineingezogen würde.
Ausschnitthafte Ansichten meiner Hirnwände glitten vorbei, Leitungen, die meine Gehirnströme darstellten und offene Gehirnschächte, in denen Informationseinheiten Gedankenimpulse zerlegten und zu neuen Denkmustern verarbeiteten. «Die Datennetze sind der Schlüssel, und der wachhabende Engel ein Wächter der Hölle, der die Gedanken der Sünder kontrolliert», versuchte mir Akron die Vorgänge zu schildern. Doch ich war erschüttert, als er mich zu einem riesigen Schaltpult führte, hinter dem der digitale Dämon den Zustand meiner Seele analysierte und Akron die Situation protokollierte: «Wir haben ihm die Daten in den Arbeitsspeicher seines Kurzzeitgedächtnisses geladen und sie ihm auf der Bildschirmmaske als virtuelles Bücherregal angezeigt. Auch die Menüführung haben wir vereinfacht und die Schwelle als Buch im Regal getarnt, damit er überhaupt einen Zugang findet. Er braucht das Symbol nur anzuklicken, schon springt die Tür vor seiner Nase auf …»
Ich erkannte deutlich den Bildschirm als Brücke zwischen zwei Welten, auf deren Plattform ich mit ihm kommunizieren konnte, ohne mich auf seiner körperlichen Ebene zu befinden. Sanft schaute ich ihn an: «Siehst du mich?» Er zuckte wie von der Tarantel gestochen auf, aber offenbar konnte er mich auf dem Bildschirm nicht erkennen, denn sein Blick ging hilflos ins Leere: «Bist du’s, Charles?»
Ich fühlte, wie sich in seinem Gehirn eine Vorstellung formte, die mit mir auf der Denkebene zu kommunizieren begann: «Hörst du mich?» stammelte er sichtlich aufgeregt.
«Komm mit! Ich führe dich zur Tür!» wollte ich sagen, da brach aus meinem Auge ein glänzender Lichtblitz hervor, den er wohl als Sonnenstrahl interpretierte, da er mich nicht wirklich sah. Er starrte auf den Monitor, dort flimmerte Dantes «Divina Commedia» auf, eine alte, höllische Schrift, die in seinem Bücherregal neben anderen kostbaren Manuskripten stand. «Das ist die Tür, durch die du ins Unbewußte eintreten kannst», brüllte ich ihm zu, «klick sie an!»
Er klickte mit der Maus auf das Manuskript im virtuellen Bücherregal, da explodierte das Bild und Akron stieß mich hinter dem Spiegel an: «Blinzle ihm zu! Er begegnet dir auf dieser Ebene zum ersten Mal, und deshalb mußt du ihm auf seinen Blick antworten. Für ihn bist du die unheimliche Gestalt unter der dunklen Kapuze, deren Gesicht verdeckt im Schatten liegt!»
Da stand ich vor ihm, mein Blick traf ihn direkt ins Auge, und es gab nichts, was er nicht sah, zumindest nicht im Ausschnitt, den auch ich überblickte. Ja, es war ihm klar, daß ich ein anderer Teil von ihm war und daß er nicht aus mir herauskommen konnte, ohne sich nicht selbst zu verlieren. Und trotzdem war ich ihm vertraut, denn zwischen uns war eine Verbindung wie zwischen Weg und Ziel, und unsere Blicke bildeten die Brücke: «Hör auf, mich anzustarren!» hörte er mich sagen, aber seine Gedanken kreisten immer stärker um meine seltsam leuchtenden Augen, denn jetzt wußte er, sie hatten ihn erkannt.


Die Widder-Hölle
Existierte dieser Wächter wirklich oder habe ich ihn mir nur eingebildet?» fragte ich Akron, denn plötzlich überfielen mich rationale Zweifel, und ich fragte mich, ob ich dem Unfaßbaren wirklich begegnet war.
«Gewiß», grinste er, «der Wächter stand genauso da, wie du ihn sehen wolltest. Um ihn zu sehen, mußtest du einen konzentrierten Angriff gegen die starre Bewußtseinswand führen und durch das Loch in der Mauer blitzschnell zu seiner Sichtweise vordringen, das heißt, du mußtest seine Bereitschaft, gesehen zu werden, mit deinem Willen, zu sehen, in Übereinstimmung bringen, und das hast du getan. Die Folge war, daß du eine neue Seite in dir entdeckt hast, die du als Stein wahrnehmen konntest.»
«Aber das war doch keine Wirklichkeit …?!»
«Es gibt keine wirklichere Wirklichkeit, die du erleben kannst. Sie reicht einen Daumenbreit über dein anerzogenes Wahrnehmungsmodell hinaus. Jede Wirklichkeit muß der anerzogenen Wahrnehmung als sinnlos erscheinen, weil die Wahrnehmung die Sichtweise der Sinne auf ihre eigenen Erklärungen reduziert. Nur wenn du sie einen Augenblick zur Seite schiebst, sind Wunder möglich.»
«Ich kann es fast nicht glauben», erwiderte ich.
«Sie sind möglich», beteuerte er, «du hast es selbst erlebt: Warst du nicht den Bruchteil einer Sekunde selbst der Stein?»
«Das ist allerdings wahr. Wie hängt dies alles mit meinem Erleben zusammen?»
«Einen Augenblick lang warst du auf einer anderen Bewußtseinsfrequenz. Aber wenn du mich fragst, wo diese ist, und ich dir sage, sie liegt auf einer bestimmten Frequenz innerhalb der Bandbreite deines inneren Erlebens, dann verstehst du nichts», antwortete Akron und ließ mich unter dem alten Grabmal am ausgetrockneten Flußbett niedersitzen.
«Es war der Traumwächter am Tor der Sehnsucht, der die Steinträumer mit Tränen entläßt», sagte er und schaute mich nachdenklich an. «Es gibt aber noch etwas anderes, das du wissen mußt, bevor wir die wirkliche Hölle erreichen», fuhr er fort, und ich sah in seinem Auge, wie die Brandung in der Bucht weit unten an die Felsen schäumte: «Wer alle Kraft an die Träume hängt, bleibt ungeboren wie die Fische-Verlorenen in ihren Nebelschleiern, sie büßen in den embryonalen Gewässern der Vorhölle. Sie sind nicht in physischem Sinne schuldig, ihre Schuld ist verschwommen und unergründlich. Sie verweben Wahn und Wirklichkeit so miteinander, daß sich die eigene nebulöse Welterfahrung zur Wirklichkeit emporschwingt und ihr bewußtes Ich im Morast des Unbewußten ertrinkt. Es sind die hüllenlosen Seelen, die an den Wassern schlummern, die Welt nur träumen, den Menschen unsichtbar die Schicksalsfäden spinnen und ihr Wissen hüten. Doch die wahre Hölle, die wir nun betreten, ist nicht ein fernes Jenseits wie der Fische-Limbus, sondern tiefste Gegenwart und schwärzestes Inferno. Sieh dich also vor, wenn wir aus den trüben Gewässern der Seele am Feuerwächter vorbei durch das Widder-Tor in die wahren Abgründe eindringen!»
«Eine interessante Reise», erwiderte ich nickend und schloß die Augen, bevor ich mit einem Schlag in den Strudel meiner inneren Hölle hinabgeschickt wurde, denn als ich erwachte, sah ich mich von einem hohen, von zwei Widdern flankierten Höllentor umgeben. Raum und Zeit verschmolzen vor meinem inneren Auge, und ich sah, wie sich im Osten der rote Feuermars mit dem schwarzen Pestring des unerbittlichen Saturns bekämpfte. Über mir stand eine schreckliche Gestalt mit erhobener Lanze auf dem Torbogen, bereit, jedem, der die Grenze überschritt, die Spitze ohne Wimpernzucken in den Leib zu rammen.
«Was willst du von mir?» donnerten mir seine Worte wie Erzgestein entgegen: «Verschwinde hier!» Ich sah direkt in die Krone des Schöpferbaumes und erschrak, denn die Stimme, die ich vernahm, war nicht die Stimme eines einzelnen, sondern die Stimme vieler, und ihr Tonfall, der mein Ohr erreichte, war der Chor der in dieser Hölle versammelten Seelen. Ihre schmerzverzerrten Leiber leuchteten wie rote Feuerbrände im Hintergrund, und mir war, als entzögen sie der Luft den letzten Sauerstoff, denn ich bekam fast keine Luft. Es war eine todbringende Situation, eine Verdichtung von Schmerz und Wut, die so konsistent war, daß ich nicht umhin konnte, die Summe all meiner Empfindungen als etwas total Beengendes zu empfinden, dem ich so schnell wie möglich entrinnen wollte. Als ich die Augen wieder öffnete, erkannte ich, daß ich direkt in die Augen von Akron sah.
«Ist das der Sinn der Widder-Hölle?» entgegnete ich giftig, denn ich begann durch den kosmischen Raum hindurchzusehen, und plötzlich verwandelte sich Akrons Antlitz vor meinen Augen in einen behelmten Totenkopf. Es war aber kein äußerliches Bild des Schauderns, sondern ein inneres, es war, wie wenn das seltsame Wesen, das Luft und Himmelskörper durchdrang, sich nicht nur im Äußeren offenbarte, sondern auch in meinen Gedanken, denn irgendwie war mir, als ob das, was mich ansah, ich selbst mit meinen eigenen Augen war. Ich erschrak fast zu Tode, als eine fremde Stimme in mir anschwoll und mir durch meinen eigenen Mund antwortete: «Die Hölle selbst hat keinen Sinn. Sie ist immer nur die Reaktion auf eine Form der Verdrängung, in diesem Fall auf die Verdrängung der Wahrheit, daß auch Krieg und Zerstörung ein Teil vom Himmel sind, denn sie ist das schwarze Loch in unserem Bewußtsein, weil sie das repräsentiert, was wir nicht zulassen können. Deshalb wird alles, was du hier und jetzt empfindest, aus deinem Bewußtsein verschwunden sein, wenn du wieder erwachst, weil dein Vernunftdenken die Wahrheit, die du hier erfährst, nicht akzeptieren kann.»
«Was heißt das?» fragte ich entrüstet. «Heißt das, daß ich hier nicht bei klarem Bewußtsein bin?»
«Aus der Sicht deines Alltagsverstandes sicher nicht, aber das braucht dich nicht zu kümmern, denn in Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt: Das klare Bewußtsein verschwindet, wenn du in der Alltagswelt erwachst. Es sind deine inneren Sinne, über die wir miteinander kommunizieren können und durch die du meine Schwingungen in eine physische Form übertragen kannst. Auf der Ebene deines Vernunftdenkens bin ich unsichtbar.»
«Bist du der gute Geist in mir?» wollte ich von der Erscheinung wissen.
Akrons Auge glühte wie eine kleine Sonne, und das Licht schien den Himmel zu durchdringen, denn das Leuchten dehnte sich mächtig aus und schien meine Seele zu erfüllen, bis es sich wieder zu einem kleinen Lichtpunkt verdichtete und in seiner irisierenden Pupille verschwand: «Sagen wir, ich bin das Selbst des raumzeitlosen Nicht-Seins, das dich umkreist und durch das du jetzt hindurchgetreten bist …»
Die Zeit stand still: Nur noch der Wind, die Vögel und das Knarren der alten Zeder waren zu hören. Und natürlich das Rauschen des Blutes ganz tief in meinen Adern. «Langsam beginnst du, dir ein Bild von dir selbst zu machen», hörte ich eine innere Stimme, «und in einem gewissen Sinne bin ich daher der Bote dessen, was du die langsam aufkeimende und stetig wachsende Bewußtwerdung tief in deinem Unbewußten nennen könntest. Und dadurch, daß wir uns jetzt auf dieser unbewußten Stufe miteinander unterhalten können, kann ich dich mit den verschiedenen Aspekten deines Wesens auch außerhalb der dreidimensionalen Existenz in Berührung bringen. Tritt ein!»
Ich schloß die Augen. Plötzlich sah ich eine leuchtende Gestalt vor mir. Sie saß auf meinem Stuhl am Schreibtisch und sah mich teuflisch an: «Willkommen in der Hölle!»
«Wer bist du?» wollte ich sie fragen, aber eine innere Angst lähmte mich und kein Wort kam über meine Lippen.
Das leuchtende Objekt gerann, als würde es irgendwie fixiert, und dann verlor sich der Glanz, es wurde fest und fleischig und sagte: «Erkenne dich in mir!» Es war mein eigenes Gesicht, das mich ironisch angrinste: «Sieh mich an, und versuch dein aggressives Ego nicht zu lähmen, denn es sitzt in diesem Augenblick vor dir!»
«Was weißt du schon von mir?» schrie ich meinen Doppelgänger an. Er schien nicht zu wissen, daß es meine Gedanken waren, die er dachte.
«Hier brauchst du mich nicht länger zu verdrängen», entgegnete die Erscheinung kühl, «denn in der Widder-Hölle regiert die Auswirkung der Tat. Wer anderen Böses wünschte, sühnt jetzt im Bösen, wer sich am Streit ergötzte, lebt als Zerrissener, und wer anderen Übles antat, büßt selbst als Opfer.»
Ich war verwirrt. Dann hatte ich plötzlich Akrons Stimme wie eine meinen eigenen Träumen und Visionen entsprungene Erklärung im Ohr: «Wir haben dein geistiges Erkennen in die Widder-Realität verlängert, damit all deine verdrängten Aggressionen wieder in dein seelisches Erleben zurückfließen können.»
«Wer ist der Mann?» fragte ich ihn.
«Der Mann bist du!»
«Aber wieso steh ich dann hier?»
«Weil du noch nicht durch das Widder-Tor hindurchgegangen bist!»
«Das versteh ich nicht …»
«Wir stehen auf der anderen Seite deiner aggressiven Instinktnatur und begegnen ihr aus der Sicht ihrer verdrängten sozialen Komplexität. Der Mann am Schreibtisch hat im Moment zwar auch unsere Gedanken, oder anders gesagt, er denkt das, über das wir im Moment diskutieren, aber sein aggressiver Wille ist sich der Vielschichtigkeit seines Geistes nicht bewußt. Unsere Sichtweise hingegen, das Gesehene als einen Teil von sich selbst zu erkennen und sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Gesehenen zu betrachten, entspricht der Sichtweise der gegenüberliegenden Waage-Hölle, die ihn am Schreibtisch in seinem eigenen Erkennen erkennt, ohne aber auf die Geschichte direkt einwirken zu können. In ihm begegnest du deinem aggressiven Willen, wie er über sich selbst reflektiert und dich gleichzeitig in seinem Gesehenen erkennt. Er kann unsere Schwingungsenergie in diesem Augenblick spüren, wenn auch unbewußt, denn wir haben ihm jetzt den Kanal geöffnet. Indem alle Gedanken mit sich selbst verbunden sind und jeder Gedanke einen anderen auslöst, erschaffen die Wirkungen seiner Gedanken unsere Realität, genauso wie die Wirkungen unserer Realität seine Gedanken schaffen. Dadurch entsteht in unseren Gedanken ein Vakuum, ein Loch oder ein Korridor, an dessen Ende eine Tür ist, durch die man durch sich selbst hindurchgehen kann, an deren Ende ein Spiegel hängt, durch den man durch sich selbst hindurchsehen kann und an dessen Ende sich wiederum ein Fenster befindet, durch das man durch sich selbst hindurchspringen kann. Dadurch, daß du ihn gesehen hast, bist du durch dich selbst hindurchgesprungen, durch das gespiegelte Fenster, das du für deine Wahrnehmung hieltest, und bist zu den Pforten der nächsten Hölle gelangt. In deinen Augen ist es eine Tür. Willst du nicht anklopfen?»
«Gewiß!» Ich klopfte an, und einer, der wie mein Ebenbild aussah, öffnete mir mit den Worten die Tür: «Was willst du hier?» Plötzlich war ich mir sicher, daß diese Ausstülpung meiner Innenwelt etwas ganz Natürliches war, ein Spiegel gewissermaßen, in dem man seinem unbewußten Schatten bewußt begegnen konnte, und daß der andere, der da vor meinen Augen auftrat und mir die Tür öffnete, die Ausstülpung eines anderen Teils meiner Persönlichkeit war, die durch mein Bewußtsein hindurch die Brücke bildete, um mir die Antworten aus dem Unbewußten zukommen zu lassen.»
«Ich will zu dir!» Gleichzeitig erkannte ich, daß ich überräumlich sah und Innen und Außen gleichzeitig wahrnahm. Ich saß an meinem Schreibtisch über die Tastatur gebeugt und sah mich gleichzeitig unten an der Tür als jemand stehen, der mit einer seiner verschiedenen inneren Personen in einen Dialog verwickelt war.
«Was willst du von mir?» entgegnete der andere unbeirrt. Er stand neben der Tür und sah mich an, doch ich konnte seine Züge nicht erkennen.
«Sag ihm einfach», Akron kniff mich wieder in den Arm, «du seist ein Teil von dem, den er in die Unterwelt geschickt habe, damit er ihm seinen eigenen Schatten zurückbringe. Nun seist du zurückgekommen, um ihm das zu bringen, wonach er dich geschickt habe – sich selbst!»
«Aber wer ist er?»
«Der Mann, der deine Gedanken denkt!» Akron tippte sich mit dem Finger an die Stirn.
«Wie ist das möglich?» Obwohl ich es eigentlich schon wußte, zeigte ich mich doch ziemlich überrascht.
«Es ist der Verstand, der aus sich herausgefallen war, als er herauszufinden versuchte, wer er ist, denn er ist der Haken am Seil, den du ins Unbekannte geworfen hast, um dich an seinen Erlebnissen über den Abgrund an der Schwelle zum Unbekannten auf die andere Seite zu ziehen. Nimmst du seine Geschichte an?»
«Solange es meine Gedanken sind», hielt ich mir die Türe offen.
«Du brauchst keine Angst zu haben», entgegnete er mir, «wo du auch immer hinkommst, er ist schon da! Es ist der sich selbst beobachtende Verstand, der dich in diese Hölle eindringen läßt.» Ich war mir nicht sicher, ob ich wachte oder träumte, deshalb sah ich mein Ebenbild scharf an.
«Schau ihn nicht an», fauchte mich Akron plötzlich an, «der Geist, der sich auf sich selbst richtet, um sich in den Griff zu kriegen, verliert sich notwendigerweise in einer Vorstellung von sich selbst. Diese Vorstellung ist der Geist selbst, und er gewinnt sich allein dadurch, daß er sich in ihr verliert. Dazu darf er sich aber nicht erkennen. Auch nicht in dir!»
«Und wenn er mir nicht glaubt?» erwiderte ich.
«Dann tauschen wir ihn aus!» lächelte er grimmig. Er schmetterte die Tür ins Schloß, und die Bilder versickerten in meinem Hirn. Ich fühlte ein schwereloses Fallen, und gleichzeitig nahm ich ein anderes unglaubliches Phänomen wahr. Mein Körper saß am Tisch, meine Hand kritzelte wie wild meine Gedanken auf ein Stück Papier, die mir durch den Kopf blitzten, und doch schien ich gleichzeitig an anderen Orten zu sein. Ich stürzte durch einen langen Korridor, an dessen Ende sich eine Tür befand, und vor mir öffnete sich der Raum. Mein Ebenbild stand vor mir und schaute mich an. Seine Augen leuchteten wie zwei blitzende Perlen am Himmel, und in der Tiefe seines Blicks glühte mein eigenes Gesicht. Langsam wurden meine Augen unscharf, und er verschwand. Ich sah direkt in die Krone des Schöpferbaumes. Nur der Wind, die Vögel und das Knarren der alter Zeder waren zu hören. Ganz langsam löste ich mich auf, und genauso langsam öffnete sich eine Glaskuppel, die aussah wie eine Hirnschale. Ich glitt in sie hinein und fühlte, wie sich in meinen Gedanken eine Vorstellung formte, die sich in der räumlichen Sphäre manifestierte. «Komm mit!» hörte ich hinter mir eine vertraute Stimme. Akron war von hinten auf mich zugekommen und legte mir seine Hand auf die Schulter: «Ich führe dich zur Tür!»
Ich öffnete die Augen. «Wo ist der Kerl?» fragte ich vorsichtig.
«Du weißt, wo er ist», entgegnete er sanft. «Er wartet auf dich – hinter der Tür!»
Dann gingen wir hinein.

Sonne in Widder
Hölle
Die Hölle der maskulinen Aggression und der ewigen Flucht nach vorn
Sünder
Triebhafte Aggressoren, unüberlegte Hitzköpfe, primitive Draufgänger, rücksichtslose Egoisten sowie Feiglinge, schwache Männer und aggressionsgehemmte Verdränger (Sex- und Muskelprotze)
Disposition
Der Schattenbereich von Sonne im Widder und Sonne im 1. Haus sowie disharmonische Sonne/Mars-Aspekte
Schuld
Permanentes Durchsetzungsstreben, Ellenbogenegoismus, Voreiligkeit, Willkür, Selbstüberschätzung, Aktivität als aggressiver Selbstzweck, übertriebene Ich-Bezogenheit (uneinsichtig, naiv, geltungssüchtig, angeberisch)
Strafe
Von der Zerstörung aller Widerstände getrieben, bist du vom Gedanken besessen, alles Beeinträchtigende zu zerschmettern, denn du benötigst äußere Hindernisse, um sie mit der ganzen Lust deiner heldischen Impulsivität überwinden zu können. Deshalb bist du in dieser Hölle unaufhörlich mit dir selbst im Krieg. Vom Wunsch nach Überwindung irdischer Bindungen beseelt, bist du bestrebt, alles Behindernde zu vernichten, ohne zu bemerken, daß du gerade das, was du zu verhindern suchst, in seinen Wirkungen noch mehr bestärkst. Deshalb fühlst du dich wie von einer Horde innerer Dämonen getrieben, ständig um des Reagierens willen über dich und andere herzufallen, und bleibst trotz aller Aggressionen im Inneren ein Kind, ohne Geduld, langfristige Ziele gegen äußere Widerstände erfolgreich durchzuboxen. Wirst du in deiner Aggression gehindert, führt dies zu großer Frustration und Zorn, denn deine Absicht charakterisiert sich durch das Erstürmen deiner Ziele mittels der Tollkühnheit einer gebündelten und in den Brennpunkt der Aggression gebrachten Handlungsabsicht. Entziehst du dich den Konflikten aber umgekehrt durch Flucht, dann wirst du durch den Fleischwolf der Angstgefühle deiner verhinderten Aggressionen gedreht, was zeigt, daß du die ungelösten Probleme ungefiltert in dich hineinzuziehen versuchst, um dem Konflikt auf der inneren Ebene zu begegnen. Die Auseinandersetzung findet dann innerhalb deines eigenen Körpers statt, indem du die eingedrungenen Dämonen besiegen und wieder ausscheiden mußt.
Lösung
Deshalb steht diese Hölle auch für Wut und Übermut, die als verdrängte Angst wiederum ein Teil der Aggressionen sind. Dieser Teil ist es, der immer wieder nachwächst, weil es ja der unerlöste Teil in dir selbst ist, den du nicht besiegen, sondern nur akzeptieren und dadurch zurücknehmen kannst. Zwar symbolisiert er einerseits den Widerstand der Umwelt, den es zu vernichten gilt, andererseits ist er aber auch der Spiegel deiner inneren verdrängten Kraft, die dir so von außen ständig Angst einjagt, solange du nicht erkennst, daß die Voraussetzungen dazu in dir selbst liegen. Denn die Voraussetzung zur Verarbeitung eines solchen Konfliktes ist oftmals die Erkenntnis, daß die Schwierigkeiten in den verfehlten Zielansprüchen selbst liegen.
Der Fleischwolf
Los, auf die Knie!» Neben der Tür stand ein Mann mit einem Widderkopf und schlug mit seinem Gummiknüppel wütend auf mich ein. Ich sank zu Boden; fiel in das Schreckensgewölbe der Seele. Ein Panoptikum von Angst und Aggressionen brach auf: Alte Erinnerungen wurden wie von einem Blitz jäh aus der Dunkelheit gerissen, setzten ihre Ladung in der Realität meines Erlebens ab und versanken wieder im Seelendunkel.
«Wo kommst du her?» Ich drehte den Kopf. Der Mann stand hinter mir. Seine Lippen waren dünn und hart, seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut.
«Durch das Tor», sagte ich.
«Und was willst du hier?»
«Den Feuerwächter sehen!» entgegnete ich unerschrocken.
«Weißt du nicht», sagte er und riß sich die Widdermaske vom Gesicht, «wer ich bin?» Es war der Odem meines alten Widersachers, der mich umfing: «Ich bin der unerlöste Schatten deines aggressiven Selbst und werde dich vernichten, wenn du mir nicht zu Willen bist.» Das mußte die lächerliche Welt männlicher Ur-Aggressionen sein, schoß es mir durch den Kopf, in der der unbekümmerte Gott des Zwistes sich ohne Rücksicht auf Gefühle durchsetzt. Seine Stimme bebte vor unterdrückter Wut: «Los, auf die Knie, oder ich schlag dir den Schädel ein!»
«Ich bin nur aus Versehen hier …», stotterte ich unangenehm berührt.
«Dann hast du keine Ahnung, wer ich bin», sagte er, und ich spürte plötzlich, wie der Atem der Zwietracht seiner Brust entwich. «Ich bin das unerlöste Opfer deines aggressiven Selbst und wünsche mir geköpft, kastriert, zermalmt, zerteilt, zerschmettert, verflüssigt oder sonstwie erlöst zu werden, um mich in der totalen Hingabe an die äußere Gewalt spüren zu können und nicht immer nur die anderen in ihren eigenen Spiegelbildern zerstören zu müssen …»
«Verlang nicht so etwas von mir», stammelte ich verwirrt. «Ich bin nur ein isolierter Gedanke in deinem Hirn, der sich, aus deiner Zukunft betrachtet, in seiner eigenen Vergangenheit verfangen hat. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich dir deinen Wunsch sicher gern erfüllen, doch bis dahin betrachte mich bitte nur als erstes Anklopfen deiner inneren Sehnsucht nach einer möglichen Manifestation.»
«Tue’s jetzt», brüllte er und hielt mir den Knüppel hin, «oder ich schlag dir dein verflixtes Hirn zu Brei!»
«Ich kann es nicht», stöhnte ich erschöpft. Da wurde mir mit einem Male klar, was Akron meinte, als er sagte, daß sich die Seelen in der Widder-Hölle der Aggressionen ihrer Gedanken nicht bewußt wären. Sie fielen mir spontan zu, ohne daß ich mir darüber Gedanken zu machen brauchte. Ich sank zu Boden. Dann merkte ich, wie er mich an den Haaren nach hinten zog, mir die Arme auf den Rücken drehte und wie wild auf mich einschlug. Ich fühlte mich von brutalen Armen durch die Menge geschoben, die Leiter zu einem hölzernen Podest hinaufgestoßen und unter eine Guillotine gezerrt. Die Glut der Flammen ergoß sich dunkelrot über den blutroten Korridor meiner Seele, und eine erstickende Ausdünstung trug noch dazu bei, die Ausbrüche meiner Seele zu vermehren. Ich hörte das schneidende Geräusch des Fallbeils, spürte einen stechenden Schmerz … Doch es war keine Guillotine, denn ich fühlte mich an den Beinen wie ein Schlachtvieh zu einem in den Boden eingelassenen Trichter geschleift und anschließend in den Mörser gestoßen, in dem rotierende Messer die hineingeworfenen Leiber zerstückelten und die zuckenden Glieder scheibchenweise wieder aus sich herausspuckten. Es war wie ein Konglomerat von Schmerz und Lust und von solch bohrender Tiefe, daß mir das Blut in den Adern stockte und ich nicht mehr wußte, ob ich meine Augen offen oder geschlossen hielt. Während ich so durch die Mangel gedreht wurde, wurde mir auf einmal bewußt, daß ich nicht mehr in meinem Körper war, der sich durch den Raum bewegte, sondern daß ich in den verschiedenen kleinen Scheibchen war, die aus dem Fleischwolf fielen. Sie entsprachen den multidimensionalen Perspektiven des Ich, von dem aus ich mich verlierend durch Selbstbetrachtung wieder zurückgewinnen konnte, denn durch die verschiedenen Teile der Aufsplitterung konnte ich mich in allen anderen Teilen betrachten und wurde mir so meiner tausend Gesichter bewußt. Dann begannen sich die verschiedenen Teilchen untereinander unabhängig vom Ganzen zu immer neuen Mustern zu vernetzen, sich dabei in Denkvorstellungen ergießend, die ständig neue Perspektiven aus sich hervorzauberten. Gleichzeitig empfand ich ein Gefühl von Wachstum, und plötzlich baute sich aus den multidimensionalen Sichtweisen vor meinem inneren Auge das Bild eines mächtigen Widdergottes auf, der eine Widdermaske mit Widderhörnern trug, auf dem toten Leib eines Opferwidders tanzte und mir mit wütendem Blick den Vorwurf ins Gesicht schmetterte: «Wolltest du mich nicht erlösen?»
«Nein, nicht dich …»
«Wen denn dann?»
«Den unerlösten Schatten deines aggressiven Selbst!» gab ich zurück. Er wirkte auf mich sehr anziehend. Sein Tanz war erfüllt von trotzigem Widerstand und brachte die Schönheit der männlichen Aggression zur Entfaltung, ohne die sich im Bereich der Schöpfung kaum etwas bewegen würde. Über ihm sah ich den Trichter, der von unten aussah wie ein Ventilator, der meine zuckenden Glieder scheibchenweise ausspuckte, und mir wurde klar, daß ich nicht nur ich und er, sondern daß ich alles war, was ich erlebte, als ich aus den Fluten der Seele plötzlich den winzigen Schädel eines Kindes auftauchen sah. Aber als ich richtig hinschaute, erkannte ich, daß es der tanzende Widder-Gott war, angetan mit einem Gurt aus Menschenköpfen, der mir seinen mit Blut gefüllten Kelch entgegenhielt, in dem das abgeschlagene Köpfchen des Kindes schwamm. Mit seinen traurigen Augen sah es rührend aus, während es mit dünner Stimme zu mir sprach: «Geh zurück durchs Tor, solange du kannst, denn es sind immer dieselben aus Kain gezeugten Bedürfnisse nach Krieg und Streit, und sie nur anzuschauen wäre schon ein alter Anfang eines immer wieder neu entstehenden Verderbens: das einer perversen und sich selbst zerstörenden Welt …»
Bleib da!» hörte ich plötzlich Akrons Stimme hinter mir, als ich schon durch die Tür zurückgehen wollte, durch die ich eben hereingekommen war, um dieser Hölle zu entkommen: «Du würdest nur erschrecken, wenn du sähest, wer da draußen vor der Türe auf dich wartet!» Und er fügte in etwas milderem Tonfall hinzu, als er sah, daß ich am Rande einer Ohnmacht stand: «Du fühlst dich im Moment noch etwas schwach, weil deine persönliche Energie am Ansturm dieser aggressiven Urenergie zusammengebrochen ist. So etwas genügt, um jeden zu lähmen. Aber du brauchst keine Angst zu haben, ich bin ja bei dir.»
«Und wer war das Kind im Unbewußten, das mich vor den Aggressionen dieser Hölle warnte?» fragte ich, als mich ein nervöses Flimmern in der Magengrube überfiel: «War es eine innere Person von mir?»
«Der gehörnte Widder zeigte den dramaturgischen Höhepunkt in dieser kritischen Situation», entgegnete Akron und fummelte in seiner Manteltasche, «er ist die Verkörperung deiner destruktiven Energie, und beinahe hätte er dich verschlungen, denn du warst im Begriff, dich hineinziehen zu lassen. Das Kind selbst ist ein Fragment deiner Seele, eine überwundene Materialisation deiner inneren Angst, und deshalb hat deine Seele im Augenblick der höchsten Not dein Persönlichkeitsbild einen Moment lang auf das Kind projiziert, das du dir selbst geschaffen hast, und aus dieser Position dein anderes Ich am Rande des Trichters gewarnt. Diese Warnung hat dein höheres Selbst auch sofort akzeptiert, denn mit einer blitzschnellen Verdichtung von Raum und Zeit hast du dich in einem einzigen Satz bis an den Eingang der Hölle zurückkatapultiert.»
«Und was wäre passiert, wenn ich die Türe geöffnet hätte?» Ich ließ nicht los.
«Du hättest sie nicht öffnen können», sagte er ganz langsam und zog schalkhaft einen Plastikschnuller aus seiner Tasche hervor, «denn du bist die Tür! Ich bin der Schlüssel, der dich öffnet, und das Schlüsselloch ist die Pforte, durch die der Leser in verborgene Welten hineingelangen kann.» Darauf lachte er schallend und sagte: «Ich bin der Teil deines Wesens, der deine Fragen denkt, die Antworten bündelt und dir hilft, beides in ein Buch einzubringen. Es geht hier darum, die Seelen der Leser deiner inneren Sehnsucht hinterherzuschicken, denn sie warten draußen vor der Tür. Sei also vorsichtig, was du denkst!»
«Wer ist der Leser?» Aus dem Gefühl wachsender Verantwortung spürte ich in mir eine tiefe Beklemmung aufsteigen.
«Der Leser ist das Ziel, auf das du dich beim Schreiben dieses Buches ausrichtest. Dieses künftige Buch ist ein Vakuum, ein Loch oder ein Korridor, an dessen Ende eine Tür ist, durch die der Leser hindurchgezogen wird. Wenn du durch diese Tür zurückgehen möchtest, dann begegnest du dem Leser, der sich in deinen Gedanken sucht. Du würdest ihn um die Geschichte bringen, weil du ihm in seiner möglichen Zukunft sozusagen davonliefest in eine Vergangenheit, in der wir uns fragen, ob es sich lohnt, ihn in die Geschichte überhaupt mitnehmen zu wollen.»
Das alles war völlig unverständlich für mich. Akron erwiderte aber, daß ich eine tiefere Erklärung sowieso nicht verstehen könne, weil es mir an Verstandesenergien fehle. Ich müsse mich eben damit trösten, mein Unverstehen zu akzeptieren: «Los, knie dich hin und öffne den Mund!» Er hielt den Gummisauger in der Hand.
«Jetzt versteh ich überhaupt nichts mehr», maulte ich. Gehorsam kniete ich mich hin und öffnete den Mund. Mit einem durchdringenden Blick schaute er durchs Schlüsselloch und steckte mir den Schnuller in den Schlund: «Dann liegst du richtig. Wenn du das akzeptieren kannst, können wir weitergehen», sagte er.

Mond in Widder
Hölle
Die Hölle der infantilen Triebnatur
Sünder
Scheinanpasser mit unterschwelligen Aggressionen, die zu Vorwürfen, Schuldzuweisungen und starken emotionalen Ausbrüchen neigen; unkontrollierte Affekt- und Triebtäter sowie sich ständig von außen angegriffen fühlende Personen, die die Verantwortung für ihre Triebnatur nicht übernehmen wollen und ihr Aggressionspotential dadurch stellvertretend gegen sich ausleben
Disposition
Der Schattenbereich von Mond im Widder und Mond im 1. Haus sowie disharmonische Mond/Mars-Aspekte
Schuld
Unterdrückte Aggressionen und große Spannungen zwischen Gefühlsebene und Triebnatur (verletzte Gefühle führen zu vulkanartigen Ausbrüchen der Leidenschaft); Unsicherheit, nervöse Unruhe, überagierende Aktivität aus Bedrohungserwartung und übertriebene Aggressionen gepaart mit Angst; Integrationsschwierigkeiten der aggressiven (sexuellen) Perspektive, Gefühlskälte und -abwehr aus verletztem Stolz: unbewußte Ängste, die tief im Innern sitzen und sich anschicken, im Alltag aufzutauchen
Strafe
Im Bereich dieser Hölle bleiben die aktiven, zur Entwicklung und Durchsetzung benötigten Aggressionskräfte oft in den Kanälen unbewußter Ängste hängen, was sich in einer Neigung zu Verfolgungswahn ausdrückt: Du fühlst dich sofort bedroht, ohne zu merken, daß es meist deine eigene verdrängte Wut ist, die von der Umwelt nur reflektiert wird und die sich manchmal als unkontrollierte Affekt- und Triebhandlung manifestiert. Immer tiefer verstrickst du dich in deinen aggressiven Wahnbildern. Eine häufige Variante dieser höllischen Prägung ist das seelische Empfinden, dem inneren Animus bzw. der Anima geopfert zu werden oder vom Muttermund als Symbol des Höllenloches wieder verschlungen zu werden: Die Angst will raus! Fötale oder embryonale Erinnerungen tauchen auf, Abläufe auf der Ebene des Zellbewußtseins werden reaktiviert. Die Beschäftigung mit den eigenen Dämonen wird hier zum Ventil für unterdrückte Aggressionen, denn ihnen zu unterliegen verspricht gleichzeitig Lustgewinn. Das führt (im Ausleben der Verhinderung) dann zu einer sich selbst aus der Frustration befreienden Tat, die ihren angestauten inneren Gefühlen schließlich mit Selbstzerstörungsinszenarien gewaltsam Luft verschafft.
Lösung
Dieser Zustand drückt sich in dieser Sphäre meist als etwas aus, das die Seele zugleich ängstigt und fasziniert. Du hast Angst, weil du die verdrängte Aggression im finstersten Winkel als etwas fühlst, vor dem du dich fürchtest, und spürst Faszination, weil der dunkle Trieb dich gleichzeitig durch deine Neugierde gefangen hält. Damit wäre der Lustverhinderer umzingelt. Du müßtest ihn nur noch überwinden, damit er sich nicht in den Tiefenschichten deiner sexuellen Vorstellungen verheddert und dich den Perversionen deiner verdrängten Aggressionen ausliefert, entspricht er doch einem Stück deiner innersten Wahrheit, die nur über die Rücknahme der Projektion zu dir zurückfinden kann.
Medea – die Stiefelherrin
Kind! Hab keine Angst! Du wirst deine Realität unverändert wiederfinden», hörte ich eine vertraute Stimme, die mein Herz zum Stottern brachte, «sobald du in deiner Alltagswelt wieder erwachst. Hast du mir die verdrängten Bilder aus deiner Kindheit zurückgebracht?»
Während ich am Schreibtisch eingeschlafen war, hörte ich ein klirrendes Geräusch. Scherben splitterten, und als ich in meinem Sessel auffuhr, sah ich links von mir einen illuminierten runden Gegenstand unter der Fensterbank flimmern. Ich ging zum Fenster und hob ihn auf: «Sieh da, ein Bote», stellte ich überrascht fest, denn er leuchtete in einem schwachen, fluoreszierenden Schein. Als ich mich weiter fragte, ob er wohl die Botschaft in sich barg, auf die ich angesprochen worden war, sah ich plötzlich Akrons Gesicht durch das Licht hindurchschimmern: «Erschrick nicht, ich bin’s nur, der dich gerufen hat», sagte er, indem er mich schelmisch anlächelte, «auch wenn der Ruf aus der Unterwelt offenbar zu stark für dein Raum-Zeit-Kontinuum war und dir die Fensterscheibe auf der Bewußtseinsebene zertrümmert hat. Denn der höhere Geist, der sich gegen das duale Bewußtsein richtet, richtet sich gegen die Strukturen des überlieferten Denkens selbst und gewinnt sich, indem er sich verliert, im Verlust seiner realistischen Bilder und Vorstellungen.»
Ich war mir nicht sicher, ob ich wachte oder träumte, deshalb drehte ich mich um, um festzustellen, woher die Stimme kam. Aber da war niemand. Nur ein schwaches Glimmen. Eine Sekunde lang schien ich über die Schwelle meines Empfindens hinausgelangt zu sein und mit meinem Spiegelbild auf den Gewässern meiner inneren Gesichter zu verschmelzen. Gleichzeitig spürte ich aber auch, wie ich die Kontrolle über meine inneren Bilder verlor, und einen Augenblick war’s mir, als wäre ich ein Stein, der durch den schwerelosen Raum segelte, bis er, von der Schwerkraft wieder angezogen, irgendwo auf der Bewußtseinsoberfläche aufklatschte und in der Tiefe des Unbewußten versank. Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, sahen meine Augen auf eine Urinlache zwischen meinen Beinen, und ich mußte heftig weinen.
«Kind!» hörte ich die vertraute Stimme wieder, die mein Herz fast zum Stehen brachte: «Wo ist die Hose, die du mir bringen solltest?» Bei der Forderung nach dem, was die Stimme mit dem Wort «Hose» umschrieb, zuckte ich heftig zusammen und bemerkte, daß ich in Gedanken den Stein in meinen Händen offenbar noch immer festhielt. Für mich war er kein besonderes Objekt, das Leuchten war weg und was blieb, war nur ein abgeschliffener Flußkiesel, wie man ihn oft an Flüssen und Seen findet, mit interessanten, aber nicht außergewöhnlichen Einschlüssen. Ich strich mit meinen Fingern über seine glatte Oberfläche und bemerkte, daß plötzlich Zimmer und Umgebung verschwunden waren. Nur Akron war da. Und ein weites, glitzerndes Gewässer, auf dessen Oberfläche sich der Mond spiegelte.
Er befahl mir, mich hinzusetzen, die Augen zu schließen und mich ausschließlich auf den Stein zu konzentrieren: «Versuche dir seine Gestalt zu visualisieren, ohne ihn anzusehen», flüsterte er mir ins Ohr, «denn er ist der Bote, der dich in eine andere Wahrnehmung trägt. Die nächste Hölle hat keinen sichtbaren Raum, den wir durchqueren können. Sie manifestiert sich auf einer Ebene, die man die Angst der Seele vor ihren eigenen Gefühlen nennen könnte, und man erreicht sie nur durch die schockartigen Erinnerungen verdrängter Erlebnisse.»
Leicht und völlig mühelos gelang es mir, das Bild des Steines, den ich in meinen Händen hielt, zu imaginieren. Dazu hörte ich Akron sagen: «Ein ins Wasser geworfener Stein verursacht Wellen – doch der Flug setzt den Augenblick des Werfens eines Werfenden voraus und beginnt beim Loslassen des Steins. Karmisch relevant sind beide Aspekte: die Vergangenheit der zukünftigen Absicht des Werfenden ebenso wie die Zukunft der Wellen, die der Stein auslöst. Sie überlagern sich im Moment des Aufschlagens des Steins auf der Wasseroberfläche. Du mußt jetzt einfach versuchen, in die Vergangenheit deiner beabsichtigten Handlung einzudringen. Damit kannst du dich genau an den Schnittpunkt tragen lassen, wo der Stein aufschlägt, denn genau an der Stelle, wo der Stein die Bewußtseinsschwelle berührt, ist der nächste Raum zentriert. Es ist die urinale Hölle aus deiner Kinderzeit, die sich hier mit deinen Gedanken überschneidet, denn sie wurde in deiner Erinnerung fixiert. Willst du’s erleben? Dann wirf den Stein!»
«Was macht der Kerl im Kinderbett?» hörte ich eine längst vergessene Stimme in mir kreischen, als ich den Stein in die Luft warf und dabei selbst einen Augenblick über den Wassern meines Unbewußten dahinsegelte: «Warum ist er zurückgekehrt?» Dann spürte ich, wie ich die Kontrolle über den Flug allmählich verlor und in die Tiefe sackte, weil meine Gedanken immer weniger Auftrieb hatten, bis ich irgendwo auf dem Wasser aufklatschte. Verwesungsdunst breitete sich im Zimmer aus, und in meinem Hirn öffnete sich eine Fiebertür. Ich kam zum Pissoir am Ende der Kindheit. In der unschuldig weißen Schüssel brodelte und schwoll die Brühe wie in einem Taufbecken an. In der Algenflora dieser Nacht lag ich nackt da. Mein embryonalisierter Leib dümpelte in einer Wolke aus Fäkalien. Gleichzeitig hörte ich Mutters Schritte, die sich langsam entfernten, nur um von der anderen Seite mit wütender Stimme desto eindrücklicher in meine Kindheitserinnerungen einzudringen: «Wißt ihr was, Leute, er hat sich ins Kinderzimmer gelegt und ins Bett gepißt. Ist das nicht unverschämt?»
«Hab keine Angst», sagte Akron und legte mir seine Hand auf den Arm, dabei spürte ich seine wohltuende Nähe, «dies ist der Ort verdrängter frühkindlicher Aggressionen, und er führt die Sünder in die Abgründe ihrer unbewältigten Gefühlsmuster zurück. In dem Augenblick, in dem der Stein die Bewußtseinsoberfläche durchschlägt, erwachen die unbewußten Ängste und verbinden sich mit dem Verstand, und du erlebst die Hölle all jener, die von den Flammenzungen ihrer ungelösten Kindheitstraumen ständig aufs schmerzlichste durchdrungen werden. Los, versuch dich zu entspannen, damit du deinen eigenen Aggressionen nicht schutzlos ausgeliefert bist!»
Ich lehnte mich langsam nach hinten, das Wasser floß in dünnen Wellen über meine Bauchhaut und umspülte allmählich meinen Körper. Vor meinen Augen begannen die Bilder zu flimmern, während im selben Augenblick ein großes Loch vor mir aufging. Dann geschah etwas Unerwartetes. Das Loch dehnte sich in meiner Vorstellung plötzlich zu den weiblichen Umrissen einer saugenden Vulva aus, und aus den Wassern meiner Erinnerungen tauchte langsam die übermächtige Erscheinung einer höllischen Verführerin auf. Sie trug hochhackige, rote Stiefel und verzierte, breite Lederbänder um Oberschenkel und Arme. Dazu hatte sie einen roten Catsuit an, der in den Falten ihres üppigen Körpers die Geheimnisse eher freigab als verbarg. Ein breiter schwarzer Gürtel schmiegte sich eng um ihre Taille, und darunter schimmerte ihr Schlitz durch den dünnen Stoff. Zwischen den straffen Wülsten schienen die Reste ihrer Wollust verborgen, denn mit einer Mischung von Aggressivität und Hingabe funkelte sie mich an: «Kind!» hörte ich ihre vertraute Stimme, «hast du mir die verpißte Hose zurückgebracht?»
Bei ihren Worten zuckte ich zusammen und merkte, daß mir der silberne Mondschleim auf die Hände fiel. Er begann in meinen Handflächen zu glimmen und schimmerte in einem kalten, fluoreszierenden Glanz. «Sei vorsichtig», hörte ich Akrons Stimme durch meine Libido dringen, und gleichzeitig leuchtete sein Gesicht geheimnisvoll im flimmernden Lichtkranz auf, «die Vergangenheit deiner zukünftigen Absicht verlangt nach einem dominanten Mutterbild, und hier wird die kinderfressende Medea aus den tiefsten Schichten der kollektiven Seele nach außen projiziert, denn Mond im Widder löst bei Adams Söhnen jene geilen Horrorbilder aus, von der Mutter entweder lustvoll verschlungen oder zumindest in irgendeiner ähnlichen Form gepiesackt zu werden.»
Dann verschob sich meine Perspektive, und einen Augenblick später sah ich wieder die rote Teufelin im Mittelpunkt stehen. «Hinknien», hatte sie rauh befohlen und mich dabei unbeirrt mit ihren Katzenaugen angesehen: «Welche seelische Hypothek möchtest du abtragen, unter deren Last du stöhnst?» Schon spürte ich jene magische Kraft der Liebe, die die Liebenden lähmt, denn mein ganzer Körper verwandelte sich in einen orgiastischen Eingeweide-Dschungel, der von der Lust am Schmerz noch mehr erhitzt wurde, während mir ihre erläuternden Wort in den Ohren klingelten: «Ich wurde schon als kleines Mädchen vom Vater im Stich gelassen und von Männern verführt. Hilflos mußte ich ihr Gestöhne über mich ergehen lassen, denn ich war schwach und konnte mich nicht wehren. Seit jener Zeit war ihre Bestrafung für mich beschlossene Sache. Seither brauche ich ihre Demütigung. Seitdem verlangt es mich nach der einzigen Lust, die mich noch befriedigen kann. Die Lust, sie zu quälen. Dafür opfere ich der Hölle meine Seele!»
Ihre Augen glühten. Ohne ihren Blick von mir wegzunehmen zog sie eine neunschwänzige Katze unter dem Gürtel hervor: «Diese negative Fixierung wirkte sich in meinem weiteren Leben dann in dem Sinne aus, daß ich nur Männer akzeptierte, die ich aus meiner negativen Prägung als Strafe gegen den Vater demütigen konnte, was auf eine unbefriedigende Weise auch gelang. Als Strafe bin ich nun dazu verdammt, solange in dieser Hölle zu verharren, bis ein Mann aus freien Stücken zu mir findet, dessen Lust sich darin erschöpft, sich mir mit Haut und Haaren hinzugeben.»
Schmerzerfüllt schaute sie mich an, und als ich erwachte, erkannte ich, daß es das Gesicht des Vollmonds war, mit dem ich sprach, und der sich auf der Oberfläche des Unbewußten spiegelte, das ich in meinen Träumen überflog. Gleichzeitig spürte ich den Kuß der Lederzunge, die sich um meine Lenden wand, als sollte meinem Körper die Lust an der Unterwerfung eingeprägt werden. Unter der peinigenden Glutspur der Schlange kroch ich in die klammernde Umarmung begehrender Hingabe zurück. Dabei dirigierte sie meine Seele mit den hämmernden Worten zu den glitzernden Tempel wonnevoller Liebeserfüllung: «Nimmst du das Opfer an?»
«Jaaa! Jaaah!» schrie ich stöhnend und küßte ihre Stiefel. Ich spürte die Lust, die meinen Körper peitschte, Lust, unter der die Haut aufschrie, wenn ihre Welle meine Hüften umspannte und sich tief in die Seele fraß, denn nur auf diese Weise konnte ich mich spüren. Ich wand mich genußvoll unter ihren kraftvollen, gleichmäßigen Schlägen und spürte, wie meine Geilheit wuchs. Während sie meinen Rücken peitschte, bis mir das Wasser in die Augen schoß, kamen mir die Bilder meiner Kindheit wieder in den Sinn, wo ich von Mutter jedesmal verhauen wurde, wenn ich ins Bett pißte. Jede Strieme ließ mich erneut den Schmerz fühlen, den ich verspürt hatte, wenn sie mich strafte. Sie ließ mich niederknien und jeden der empfangenen Hiebe laut mitzählen. Ich wand mich, rieb mich an ihr und schnappte selbst immer keuchender nach Atem, denn nur in der totalen Aufgabe spürte ich ihre Lust in mir. «Warum willst du leiden? Warum suchst du Strafe?» züngelte sie: «Warum wünschst du immer mehr von jener Situation, die gleichzeitig auch deine Frustration aufbaut? Sprich’s aus!»
«Weil ich das Weibliche in mir bekämpft, vergewaltigt oder auf andere Weise unterdrückt habe», schoß die Lösung plötzlich wie ein mächtiger Urinstrahl aus mir heraus, schlagartig fühlte ich meinen Körper wieder, und im selben Augenblick zischte die Stimme meiner Mutter wie eine Klapperschlange aus den dunklen Kammern meiner Kindheit: «Du hast schon wieder ins Bett gepinkelt», baute sie sich drohend vor mir auf, «gleich kommt die Strafe. Zieh dich aus!»
Entsetzliche Qualen. Panik stieg in mir auf. Mit saugendem Blick stand sie vor mir. Ich faßte sie am Handgelenk und schüttelte sie. Sie wuchs und erfüllte das Gemach, und plötzlich stand ich unter Schock. Ich spürte, wie ich die Kontrolle über den Flug verlor und in die Tiefe sackte, bis ich irgendwo auf dem Wasser aufklatschte. Dann spürte ich einen elektrischen Schlag, aber ich hätte nicht sagen können, daß diese Stromstöße der Ableitung meiner angestauten Gefühle entsprachen, denn ich hatte noch nie im Leben die Strahlen energetisierten Wassers gespürt. «Wasch dich!» hallte das Echo ihrer Stimme in meinen Ohren nach: «Deine Pisse stinkt!»
Tu, was sie befiehlt, sonst ist es aus», hörte ich Akrons Stimme wie aus weiter Ferne sagen, «und versuch dich an das Erlebnis zu erinnern. Sonst bleibst du in den Gewässern deiner kindlichen Gefühle kleben …» Ich spürte den Schlag, heftige Wärmestöße durchströmten meinen Körper, und in der Erinnerung rannte ich zu den vergessenen Quellen meiner Kindheit zurück. Dort sah ich einen schmutzigen Jungen in einer vollgepinkelten Unterhose stehen, der mit dem großen Zeh das Gesicht des Mondes berührte, das sich auf der Wasseroberfläche reflektierte. Einen Moment hatte ich das Gefühl, als ob er schmerzhaft zusammenzuckte, als er mit der aufgeladenen Libido des Wassers in Berührung kam. Dann sprang er in die mondweiße Flut.

Merkur in Widder
Hölle
Die Hölle der Zunge in der Arena der Argumente oder die Stätte der Verzettlung und der geistigen Aggression
Sünder
Pseudo-intellektuelle Begriffsverdreher, Kopf-Aggressoren, neunmalkluge Besserwisser, Zyniker, sarkastische und widersprüchliche Denker (bereit, jede denkbare These zu unterstützen, weil jeder Standpunkt so gut wie irgendein anderer ist und der beste natürlich immer der, der dem Befürworter am meisten nützt!)
Disposition
Der Schattenbereich von Merkur im Widder und Merkur im 1. Haus sowie disharmonische Merkur/Mars-Aspekte
Schuld
Verletzende Ausdrucksweise, überspitzte Kritik, geistige Provokation (Konfliktsituationen herbeireden!), Rechthaberei, Streitlust, Durchsetzungswahn und Widerspruchsgeist (unterdrückt: Furcht vor geistiger Konfrontation), Zersplitterungstendenzen (Ständig-auf-dem-Sprung, Nichts-geht-schnell-genug), aggressives Denken und intellektueller Egoismus (nur die eigene Meinung zählt), unersättlicher, zwanghafter Wissensdrang, Unempfindlichkeit für Bedauern oder Gewissensbisse, Geschicklichkeit im Formulieren von Ausreden, schizoide Handlungsabläufe (verschiedene Aktivitäten gleichzeitig)
Strafe
Im Leben bist du ein überzeugender Lügner und gerissener Hirnakrobat auf allen Ebenen, der mit immer neuen Absichten und Ansichten brilliert und seine Ideen zu gigantischen Visionen visualisiert, ohne aber je eine auszuführen. Es sind nicht hundert, es sind tausend Ideen, die dein Hirn gleichzeitig umzingeln, und das macht dich zum intellektuellen Durchlauferhitzer, der meistens nur heiße Luft produziert. Deshalb wirst du in dieser Hölle von Gedanken beherrscht, die abgeschnitten von der Umwelt in (d)einer isolierten Denkwelt schweben. Als verrannt-besessene «Reflexionen mit sich selbst», die alles beobachten, was sie inszenieren, ohne aber selbst eingreifen zu können oder sich zu spüren, schweben sie in durchsichtigen (Seifen-)Blasen durch die Bilder von allerlei Aggressionen, die aber allesamt nicht wirklich das Leben berühren, sondern nur mit sich selbst kokettieren. Sie müssen solange warten, bis ein barmherziger Wanderer ihre Hüllen zerquetscht, damit sich der Geist des Wissens wieder befreien kann.
Lösung
Dieser Ort führt dir den in deinen Absichten und Taten verborgenen Widerspruch vor Augen, der gleichermaßen Anfang und Ende (besser: Frage und Antwort) ist. Deshalb steht er auch wie kein anderer sonst für die Möglichkeit, die gegensätzlichen Gedanken, Überzeugungen und Gefühle im eigenen Inneren zu meistern. Denn das aus allen Handlungsfäden sich unablässig knüpfende Strickmuster ist die Grundlage, auf der sich das Ego bewegt, und dadurch verändert sich das kosmische Ganze laufend durch die Initiative seiner Teile. Es ist dein persönliches Ziel, das den Weg bereitet, und das Vehikel, mit dem du es erreichst, ist die Erkenntnis deines eigenen Wirkens oder das Erkennen deines wahren inneren Wesenskern. Aber was ist das Ziel? Was ist es, das es zu erkennen gilt? Nichts anderes als der Weg selbst!
Die Stacheln im Hirn
Die Welt begann sich vor meinem inneren Auge zu drehen, und plötzlich war mir, als ob sich die Realität vor meinem Blick auflöste. Ich fühlte mich durch mein eigenes Sehen hindurchgezogen, aber irgendwie erkannte ich die Relativität der Bilder, die mich umringten und mich über ihre Auflösung zu neuen Perspektiven führten. Mir schien, als ob sich die Sichtweise zu einem glühenden Film auf meinem Auge transformierte, wodurch sich Wirklichkeit manifestierte, ein gesampeltes Knäuel aus leuchtenden Fasern, das sich aus einer spiralförmigen Galaxie auf mich herabsenkte. Alles zog sich zusammen, die Wände veränderten ihre Form und zerfielen in Falten, der Boden begann sich unter meinen Füßen zu drehen, und plötzlich ging ein trichterartiges mysteriöses Loch vor mir auf, das alles in sich hineinsaugte. Dann verließen mich die Kräfte. Ich stürzte durch meine Weltvorstellung hindurch und fühlte, wie ich immer winziger wurde. Alles zog sich zusammen, und nach ein paar Herzschlägen war ich nur noch so groß wie eine Erbse. Doch bevor ich durch die Bodenritze fiel, fing mich Akron auf und hielt mich lächelnd vors Gesicht. «Was ist passiert?» japste ich.
Behutsam öffnete er die Lippen und sagte: «Du bist durch deine Weltvorstellung hindurchgefallen, und ich habe dich hier aufgefangen, bevor du dich in den Falten des Universums verlieren konntest. Siehst du den Riß?»
Ich wollte ihm sagen, daß ich keinen Riß sah, aber da tippte er mich mit dem Zeigefinger an der Schulter sanft an und wirbelte mich herum: «Hier brauchst du dein Unverständnis nicht mehr durch ein subjektives Denken zu kompensieren, damit du deine Emotionen durch dieses hindurchfiltern und damit für dein eigenes, unmittelbares Erkennen entschärfen kannst, denn du wurdest auf das Energiepotential deiner inneren Vorstellungskraft reduziert.» Dann fügte er schelmisch hinzu, ich sei das folgerichtige Ergebnis einer langen Kausalitätskette, die sich in meinem lächerlichen Ego manifestiere, das Bücher schriebe und von sich glaube, neue Denkinhalte zu kreieren, und darüber nicht nur nachdenke, sondern auch über sein eigenes Nachdenken reflektiere und sich letzten Endes genau an jener Stelle positioniere, in der es glaube, sich erkennen zu können. Ich solle mir aber nicht ans Bein pinkeln, denn bevor ich wie eine Erbse durch die Bodenritze falle und auf Nimmerwiedersehen im Unergründlichen versacke, würde er mich sicher und liebevoll auffangen.
Dann hielt er mich plötzlich fest und sah mir väterlich in die Augen: «Denn hier bist du nicht nur der Energie deiner menschlichen Vorstellung begegnet, sondern du hast soeben ihre Grenzen physisch überschritten. Deshalb bist du auf das Bild deiner inneren Vorstellung geschrumpft.»
Anschließend ließ er mich auf seiner Handfläche mehrmals um die eigene Achse drehen, und bei der vierten oder fünften Umdrehung glaubte ich eine weitere Öffnung vor mir zu entdecken. Ich erkannte so etwas wie einen Riß in der dreidimensionalen Realität, der vor mir aufschimmerte, und dahinter eine regenbogenfarbene Iridule durchglimmen.
«Du stehst hier am Durchbruch zu neuen Dimensionen», sprach er, «der das alte Weltbild vom Leben abfaulen läßt. Die dreidimensionale Realität entspricht dem Unvermögen, Verstand und Vernunft loszulassen und danach zu fragen, was jenseits der Ratio liegt.» Gleichzeitig nahm ich links und rechts von mir eine Unzahl von Bewegungen wahr. Kleine leuchtende Kugeln schwebten wie schimmernde Raumschiffe in mein Blickfeld. Akrons Gesicht schien von unzähligen Lichtpunkten übersät: «Du brauchst dir aber keine Sorgen zu machen», sagte er, «es sind auch wiederum nur Gedanken, wenn auch gefangene. Sie haben sich in ihrem eigenen Schöpfergeist eingesperrt.»
«Eingesperrt?» Eine seltsame Grimmigkeit lag in den seltsamen Blasen. Sie rührte von einer fühlbaren Aggression her, die ich hinter ihren Durchmessern verspürte. «Was sind das nur für unangenehme Gebilde?»
«Das sind implodierte Gedanken», über mir schwebte Akrons vertrautes, lächelndes Gesicht, «man nennt sie auch die Stacheln im Hirn.»
«Weshalb Stacheln im Hirn?» fragte ich, obwohl mir der Name gefiel. Er paßte jedenfalls zu meinem negativen Gespür.
«Weil in ihnen ein tückisches Ich regiert, das abgeschnitten von einem emotionalen Hintergrund in einer aggressiven, isolierten Denkwelt operiert, in der hinter all ihren Zielen nur die unzubefriedigende Lust an der ewigen Durchsetzung steht. Einst fühlten sie sich in Situationen wohl, in denen schnelle Entscheidungen verlangt wurden, ohne sich an zementierte Standpunkte zu klammern, sie konzentrierten sich auf das augenblickliche Handeln und suchten sich ihr Weltbild aus den unterschiedlichsten Sichtweisen zusammen», sagte er mit plötzlicher Eindringlichkeit, wobei sein Lächeln merklich schrumpfte: «Doch eines Tages verspürten sie den Wunsch, über sich selbst hinauszuwachsen, denn sie hatten das Denken als Grundlage allen Wesens entdeckt und glaubten nun selbst in die Schöpfung eingreifen zu müssen. Sie lehnten sich über ihr Weltbild hinaus und behaupteten, alles bestünde nur aus Gedanken und die ganze Welt sei ihre Schöpfung. Sie schufen sich ihren eigenen Gott und nannten ihn Erkenntnis. Doch dieser selbsterkürte Gott, der sich auch Wissensanspruch nannte, mußte ständig mit neuen Einsichten gefüttert werden. Die Gedanken hielten das Universum ein paar Jahrhunderte mit immer wieder neuen Entwicklungsvarianten zusammen. Irgendwann aber fehlte ihnen die Energie, um den aus sich selbst hervorgebrachten Gott weiter zu nähren, der immer neue Perspektiven und Sichtweisen einforderte. Sie erlahmten, der Gegendruck fiel weg, und dann wurden sie in einem riesigen Knall von ihrem eigenen Dämon aufgesaugt und mit ihnen das ganze Universum in ihrem Kopf. Sie implodierten in ihrem eigenen Denken und sind seit jenem Tag in ihrem eigenen Erkennen eingesperrt, aus dem es kein Entrinnen gibt.»
«Warum können sie nicht entrinnen?»
«Weil sie ja nicht wissen, daß sie eingesperrt sind.»
«Wieso wissen sie das nicht?» fragte ich und runzelte argwöhnisch die Stirn.
«Woher sollten sie die Einsicht nehmen?» erwiderte Akron achselzuckend. «Der Grund, warum sie nicht herauskönnen, ist doch gerade der, weil sie nicht wissen, wo sie sind.»
«Versteh ich das richtig: Sie sind nur aus dem Grund gefangen, weil sie nicht merken, daß sie gefangen sind …?!»
«Genau», erwiderte Akron, «es gibt für sie kein Entrinnen, solange sie die Aggressivität ihres Denkens nicht erkennen. Deshalb stürzen sie sich auch wie die Harpyien auf jeden Neuankömmling, der ihnen Nahrung bietet, und saugen ihm die prallen Bilder seiner Vorstellungen aus.»
«Aber ich dachte, sie sind in diesen Blasen eingesperrt?»
«Das sind sie auch.»
«Aber wie können sie dann heraus?»
«Wieso raus? Sie müssen doch nicht raus», entgegnete Akron und grinste sanft: «Wir sind doch drin!»
Plötzlich schienen die Blasen wie weggefegt und die Lichtpunkte hatten sich in blutsaugende Monster verwandelt, riesige Mückenschwärme, die drohend über meinem Haupte schwirrten. Ich konnte die unterschiedlichsten Sichtweisen und Perspektiven gleichzeitig erkennen: die höllischen Biester, die im Begriff waren, mich anzugreifen, der Monitor vor mir auf dem Tisch, in den ich meine Gedanken hineinhämmerte sowie die Worte, die mir als betrachtendem Prüfer seiner Erinnerungen entgegenflimmerten: «Jetzt gibt’s kein Entrinnen mehr», zirpten sie. «Zuerst verschlingen wir dich und dann lösen wir dich in den Horrorinszenarien deiner paranoiden Ängste auf, zumindest solange du nicht merkst, wer wir sind: ein steckengebliebenes, traumatisiertes Bild in deinem Hirn.»
Erschrocken wich ich einen Schritt zurück. Ich kreischte und ruderte mit den Armen, doch sie fielen von allen Seiten über mich her und drangen durch Ohren, Mund und Nasenlöcher in mich ein. Während ich vom schwindelnden Drehmoment, mit dem mir die Gedanken im Kopf herumkreisten, festgehalten wurde, kam Akron zum Schluß: «Andererseits können sie dir aber auch die verborgenen Ängste offenbaren, die unter den Bildern deiner Vorstellung liegen und an die du normalerweise nicht herankommen kannst.»
«Hör auf!» schrie ich und richtete meinen Blick auf ihn: «Warum treibst du dieses Spiel mit mir? Ich halt das nicht mehr lange aus. Ich versteh das nicht, und ich weiß auch nicht, ob ich das Ganze jemals verstehen kann.»
«Das kann man nie wissen», sagte er nachdenklich und wandte sich ab. Plötzlich drehte er sich wieder um und hielt mir seinen ausgestreckten Finger an die Stirn: «Warte! Sie versuchen gerade herauszubekommen, wer du bist, und sie tun dies, indem sie die Energiemuster der Denkcodes aus dem Konzentrat deiner Hirnflüssigkeit sampeln, die sie in großen Bottichen bereithalten. In dieser Hölle ist Persönlichkeit so etwas wie Hirnkapazität.»
«Akron!» schrie ich und lauschte, wie der Name verklang, denn seine Erklärungen waren absurd; ich konnte ihn nicht verstehen, das war mir zuviel.
«Schau!» Seine Stimme klang erregt: «Sieh doch hin! In deinem Kopf passiert etwas Großartiges. Dein Verstand beginnt zu zaubern. Die Gedanken kommunizieren über die Denkkanäle miteinander. Sie zimmern sich die Viren als Träger von Daten zurecht, die in Nukleinsäureketten gespeichert sind. Das ergibt einen Sinn. Es ist das Anzeichen einer fiebrigen Infektion, die nach einer gedanklichen Verarbeitung sucht, denn sie laden die ungelösten Dateien aus der letzten Hölle zurück in dein Hirn.»
«Was?»
«Du kannst die Ängste aus der letzten Hölle durch die Gedankenmuster dieser Hölle filtern», brüllte er fröhlich.
Dann verschob sich meine Perspektive, und einen Augenblick später sah ich die rote Teufelin aus der letzten Hölle vor mir stehen. Sie sah mich mit ihren Katzenaugen tückisch an: «Mit wem suchst du notdürftig den Riß zu kitten, der sich durch deine Seele zieht?» Ein Feuerschein fiel auf ihr Gesicht, und für einen Moment erschien sie mir wie ein höllischer Vamp. Sie trug Gummistiefel, Gummihandschuhe und eine rote Gummischürze und rührte in einem Kessel mit Leichenteilen. «Sieh nur», hörte ich Akrons besonnene Stimme hinter mir, «deine innere Bildvorstellung fällt durch den Riß in die Gefühlsabteilung der Mond-Hölle zurück, ohne das analytische Verstehen der Merkur-Ebene zu verlieren. Damit werden deine alten negativen Gefühlsbilder neu belebt, und du kannst etwas über deine unbewußten Ängste in deiner Seele erfahren, was dein Verstand normalerweise niemals zulassen würde. Vielleicht kannst du deine Gefühlsblockaden sogar lösen. Laß uns hören, was sie dir zu sagen hat?»
«Komm! Jetzt wird sofort gebadet», baute sich mein verdrängtes Mutterbild vor mir auf und packte mich am Handgelenk, «du hast dir vor Angst in die Windeln gemacht!»
Zuerst sah ich sie als Gitter und als holographische Entität. Ich entspannte mich, und das Hologramm kam, ein fluoreszierendes Knäuel aus leuchtender Computergrafik, das sich aus einer spiralförmigen Galaxie auf mich herabsenkte. Ein glühender Kreis dehnte sich plötzlich vor mir aus und zog sich sofort wieder in einen winzigen Lichtpunkt zusammen. Dieser Lichtpunkt zog mich in sich hinein, jedenfalls überkam mich ein Gefühl, als ob mich das Licht auffressen würde, und es zog mich in einen weiten Raum, in dem sich sonnengroße Lichteier an den Kristallwänden reflektierten. Die Hitze hatte meinen Körper in eine energetische Flamme verwandelt, die mich von innen her erfüllte. Dann verwandelten sich die Lichteier in galaktische Sternenmeere, die die ganze Umgebung in einen multidimensionalen Lichtglanz tauchten. Plötzlich veränderte sich das Licht. Es wurde blendend scharf. Ich konnte die einzelnen Linien wahrnehmen; sie zeichneten sich außerordentlich hart ab. Und dann hatte ich mit einem Mal das Gefühl, nicht mehr nur einfach Kugeln, sondern Hologramme mehrdimensional ineinandergespiegelter Gedankenmuster zu sehen, die wie gläserne Querschnitte in Form schimmernder Kugeln vor mir schwebten. Sie begannen zu phosphoreszieren und eine Art geistiger Informationen auszuscheiden. Das Licht dehnte sich in Wellenbewegungen aus, und dabei wurde der Regenbogeneffekt immer stärker, bis er zu einer rundum glühenden Strahlung wurde, die alles überzog.
«Warte», wie eine schwimmende Lichtwelle drang ein Leuchten durch Akrons flammende Augen und weckte in mir Erinnerungen an eine schillernde Fruchtblase, die plötzlich aufbrach und mir ihre Geheimnisse offenbarte, «wir versuchen, ob wir den Geist dieser Hölle nicht hervorlocken können.» Er zerschlug eine der glühenden Blasen, so wie man eine Mücke zerquetscht, öffnete die Hände und ließ die fluoreszierende Flüssigkeit, die sich aus der Blase ergoß, in seine Hände tropfen: «Vielleicht vermag er dir etwas zu sagen?» Dann rieb er die Handflächen heftig einander, bis die Flüssigkeit zwischen seinen Händen verdampfte.
Im nächsten Moment erhellte eine intensive Flamme den Raum, ein Licht, so hell, daß mir die Augen schmerzten. «Pst! Sei still! Er ist schon da!» Akrons Gesicht begann zu leuchten. Das Feuer entzündete den Geist, und in den züngelnden Flammen knisterte plötzlich eine Stimme: «Du hast mich gerufen?»
Ich war sehr verblüfft und schaute mich nach Akron um: «Was jetzt?»
«Versuch ihm das Mysterium zu entreißen», antwortete er, «und frag ihn, ob er ein Hirnstachel ohne Erlösung ist oder warum er die Seelen sonst in seinem Geist festhält?»
«Wer bist du?» fragte ich die leuchtende Gestalt. Helle Funken liefen die Farblinien um die Blase entlang, helle digitale Funken.
«Ich bin es, der dich spürt und der dich mich fühlen sieht, du Narr, denn ich bin der Chip, der deine Gehirnzellen manipuliert, das Kurzwellensignal, das deine Gefühle irritiert oder das Hirngewitter, das in deiner Zahnplombe explodiert», sagte er und eine rhythmische Bewegung huschte durch die Glut, «denn ich bin der Mastermind, und das ist meine Show. Die Welt, die dir erscheint, ist meine Projektion in deinem Kopf, die ich mir selbst geschaffen habe, um mit mir selbst in Berührung zu kommen. Deshalb kannst du in diesem Moment auch meine Gedanken fühlen, denn sicher kannst du spüren, daß deine Gedanken in diesem Augenblick einen eigenen Willen haben, eine Art aktives Unterbewußtsein im Gegensatz zum rationalen Denkvermögen, das dich normalerweise auszeichnet.»
«Und was bedeutet der Riß?» fragte ich und schaute in den leeren Spalt.
«Der Riß ist der Spalt im menschlichen Hirn, durch den die Gedanken ständig hindurchpurzeln, die sich unbemerkt selbst austricksen», projizierte sich die Stimme in den Raum, «dabei überholt sich das Ego ständig selbst, weil es nicht merkt, daß es in seiner selbsterkennenden Ich-Durchsetzung vor sich selbst davonläuft, weil hinter allen Zielen nur das eigene Suchen steht.»
«Das versteh ich nicht!» Ich visierte die gespenstische Projektion an, die wie ein Wirbel von regenbogenfarbenem Licht am Himmel tanzte.
«Das Hirn denkt und hält sich durch immer neue Gedanken in Bewegung. Diese werden laufend im Kopf verarbeitet und fließen in einem zu nach außen ab. Doch je mehr das Hirn erkennt, desto weniger kann es ständig neue Erkenntnisse liefern, und so muß es seinen Hunger mit immer merkwürdigeren Einfällen stillen und zu immer ungewöhnlicheren Erkenntnissen Zuflucht nehmen. Irgendwann ist aber der Punkt erreicht, an dem es nichts mehr zu erkennen gibt außer der einzigen und letzten Erkenntnis, daß Erkenntnis sich immer nur selbst wahrnimmt, und das ist dann die Situation, wo das Innere des Hirns für die Verschmelzung der Gedankenkerne mehr Energie fordert, als es sich an Erkenntnismaterial selbst liefern kann. Damit fällt der Druck aus der inneren Erwartung zusammen. Die Folge ist der Riß. Das Hirn implodiert und fällt durch den aus sich selbst erzeugten Spalt, in dem die Atomkerne und Elektronen so dicht gepackt sind, daß dort ganze Universen in der Größe von Seifenblasen erscheinen. Es ist das menschliche Denken, daß dir dort in sich selbst erscheint.»
«Und was passiert dann?» fragte ich, während ich die regenbogenfarbige Iridule mißtrauisch beäugte.
«Besitzt deine Denkkapazität genügend Kraft, kann die Anziehungskraft deines Hirns so mächtig werden, daß selbst die Materie deines Körpers ihr nicht entfliehen kann. Dann wirst du in dein eigenes Erkennen hineingesaugt wie die Blasen, denen du begegnet bist. Es sind die im Erkennen eingefrorenen Gedanken, die in dich eingedrungen sind.»
«In mich?» brüllte ich entsetzt: «Wieso in mich? Ich gehöre doch nicht hierher!»
«Du wirst überrascht sein», entgegnete mir grinsend die Bit-Folge aus der Software dieser Hölle, «wieviel Spaß es machen kann, die Gedankenbits in deinem Kopf herumzuwirbeln.»
Mein Kopf zersprang in tausend Stücke, und in den Gedankenbruchstücken erkannte ich die Hexe. Ein Feuerstrahl von regenbogenfarbenen Licht fiel auf ihr Gesicht, und einen Augenblick erschien sie mir wie das Aufbrechen eines alten Erinnerungsmusters. Zu einer reissenden Bestie geworden, rührte sie in einem Bottich mit Leichenteilen. «Endlich konnte ich dich in den Abgründen deiner Ängste überwinden», erklärte sie mir triumphierend, «jetzt wirst du in den kochenden Wassern der Urmütter gebadet!»
Die Welt begann sich vor meinem inneren Auge zu drehen, und plötzlich war mir, als ob sich die Realität vor meinem Blick auflöste. Alles zog sich zusammen, die Wände veränderten ihre Form und zerfielen in Falten, der Boden begann sich unter meinen Füßen zu drehen, und mit einem Mal ging ein riesiges trichterartiges Loch vor mir auf, das alles in sich hineinsaugte. Ich fühlte mich durch mein eigenes Sehen hindurchgezogen, aber irgendwie erkannte ich die Relativität der Bilder, die mich umringten und mich über ihre Auflösung zu neuen Perspektiven führten. Das also waren die Träume der Mütter, in denen sich die Leiber in Föten zurückverwandelten, die bebend in der embryonalen Ursuppe warteten, um vom Rachen des Ungeheuers wieder in die Welt gespuckt zu werden, dachte ich noch, bevor mich meine Kräfte verließen und ich immer kleiner wurde. Nach wenigen Sekunden hatte ich die Größe einer Erbse.
Bevor ich jedoch durch die Parkettritze fiel, fing mich Akron auf und hielt mich lächelnd vors Gesicht: «Nur keine Angst! Du bist ins Mahlwerk deiner verdrängten Erinnerungen geraten und dabei auf die Größe der inneren Erwartungen geschrumpft.»
«Was ist passiert?» fragte ich nach Luft japsend.
Behutsam öffnete er die Lippen und sagte: «Du bist durch deine Weltvorstellung hindurchgefallen, und ich habe dich schnell aufgefangen, bevor du dich in den Rockfalten der Mütter verlieren konntest. Versuch jetzt, die Herrschaft über deinen Geist zurückzugewinnen!»
«Wie soll mir das gelingen?» Ich versuchte, meine wachsende Panik unter Kontrolle zu halten, denn ich war unfähig, mit der Ungeheuerlichkeit dessen, was da vorging, fertigzuwerden.
«Nur Mut! Du mußt die Datenpakete in deinem Hirn entrollen und die verborgenen Ängste freilegen, die dich in dieser Hölle festhalten.»
«Aber wie?»
«Ganz einfach», sagte Akron und sah mich an: «Durch das gedankliche Zulassen irrationaler Einsichten löst du die Ängste in deinem Hirn.»
Ich öffnete mich selbst, trat aus der Vorstellung heraus und erkannte, daß das Überwinden einer Vorstellung immer eine neue Vorstellung mit sich bringt, in der die eine in der anderen verschwindet und die andere in der einen sich gebärt, und wenn ich das erkenne, verschwinden sie in mir, und ich werde ewig, nicht in der Vorstellung, sondern mit der Vorstellung – in mir!

Venus in Widder
Hölle
Die Hölle des sexuellen Versagens und der passiven Gewalt
Sünder
Gewalttäter (Liebe und Gewalt), Versager (sexuelle Über-Erregung in Verbindung mit Angst) und unbefriedigte Genießer (permanenter Mißklang zwischen Eros und Sexus), emotionale Kurzstreckenläufer (Sinnlichkeitsschübe mit rascher Erkaltung)
Disposition
Der Schattenbereich von Venus im Widder und Venus im 1. Haus sowie disharmonische Venus/Mars-Aspekte
Schuld
Erotomanie, Gefallsucht und Buhlen um Aufmerksamkeit, übersteigerte Begierde, zwanghafter Drang nach Sinnlichkeit und Liebeskraft, triebhafte Lust, verdrängte Aggressionen, permanente Konflikte, überbordende Gefühlsausbrüche bei kurzer Leidenschaft und Steckenbleiben auf der Ebene pubertierender Liebesräusche
Strafe
Dein sexueller Pegel strahlt einen stark magnetisierten Eros aus, und das manifestiert sich in triebhafter Lust und führt oft zu sexueller Gewalt, weil die Unfähigkeit zu tieferer Bindung sich hinter einer starken Libido versteckt. Dabei wird der andere desto attraktiver für dich, je mehr er die übertragene Aggressivität reflektiert, dich gewissermaßen über die verdrängten Wünsche balbiert. Hier zeigt sich der karmische Seelenanteil der peinvoll vergewaltigten Frau, die unbewußt ihren Peiniger sucht, um durch die Rache am Täter das innere Gleichgewicht zu erlangen, oder der sich opfernde Mann, der sich mit seiner eigenen Weiblichkeit überworfen hat und deshalb seine Männlichkeit nicht ausleben kann, weil er sie aus der Sicht des Weiblichen ablehnt. Da die männliche Seele ahnt, daß sie das dunkle Weibliche in sich nie wird überwinden können, bittet sie unbewußt ihre Anima, wenigstens ihr Opfer anzunehmen, indem sie sich selbst auf dem Altar der Schuldgefühle anbietet.
Lösung
In dieser Hölle wirst du mit den Bildern sexueller Gewalt und ritueller Opferung konfrontiert, denn Amor stößt den funkelnden Speer seiner Begierde tief in die Leiber der von ihm Verführten. Du genießt das Unbehagen deiner Opfer, wenn du sie in ihrer Hingabe provozierst, denn tief in den Flammen deines inneren Feuers begegnest du der animalischen Wut schmerzender Liebesglut, und weil dich jeder Widerstand nur noch mehr antreibt, forderst du jede Berührung bis zur Erschöpfung heraus. Auf der anderen Seite ist es aber so, daß jeder Konflikt auch eine Chance ist, die persönliche Entwicklung voranzutreiben, weil du erst in den Ergebnissen den Auswirkungen der Ursachen begegnen kannst, für die du letztlich einzustehen hast. Versuche also nicht, dir über die Hintergründe immer klarzuwerden, sondern handle einfach, als wüßtest du, was du tust. Denn es sind die Flammen des alle Unreinheit der Seele verbrennenden Fegefeuers, die aus dem Augenblick spontaner Lust heraus gelebt und empfunden werden wollen, und die dich lustvoll an die Materie binden und dir alles erfüllen, was das Leben interessant und abwechslungsreich erscheinen läßt.
Der Schatten der Aphrodite
Als ich aus meinem Alptraum erwachte, sah ich Akrons riesiges Auge vor mir leuchten. Eine kugelförmige Lichtmasse drehte sich vor meinem Gesicht, und plötzlich sah ich wie durch ein Loch hindurch das kollektive Erkennen, das sich wie ein flammender Ring um mein Sehen legte, und mir war, wie wenn ich ins grenzenlose Licht starrte. Und am Ende des Lichts stand Akron selbst, der mir erklärte, daß die nächste Hölle äußerst tückisch wäre, weil ich dort meiner aggressiven inneren Hingabe begegnen würde, die dort büssen müsse und auf mich warte, weil sie sich von mir Erlösung erhoffe. Dann befahl er mir mit ruhiger Stimme, einfach seinem Blick zu folgen: «Du beginnst im äußeren Blick meines rechten Auges. Wird es kritisch für dich, blinzle ich, und dann wechselst du zum inneren Sehen meines linken Auges. Wenn ein Mann seiner verlorenen inneren Weiblichkeit begegnen will, muß er klug und listig sein wie eine Schlange, sonst ist es um ihn geschehen. Ist das klar?»
In seinen Blicken konnte ich die Bilder spüren, die aus jedem seiner Augen strömten. Im rechten Auge fand ich mich inmitten der unvergleichlichen Pracht eines jener ungeheuren Gemächer von düsterem, phantastischem Pomp in den Armen einer wunderschönen Frau, die ihre Lippen auf die meinen preßte und mir leise zuflüsterte: «Ich bin die himmlische Verführerin, ins Höllische entrückt, und bringe dir die Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft und sinnliche Kraft, die sich nach körperlicher Erfüllung sehnt, zurück …»
«Jetzt schau sie dir in meinem anderen Auge an», hörte ich Akron sagen. Ich vernahm seine Stimme, die sie mir entriß, ihr duftender Atem zerstäubte in meinem entsetzten Gesicht, denn im linken Auge hielt ich statt der Schönen plötzlich eine verwachsene, affenartige Gestalt im Arm, die ihre Lippen auf die meinen preßte und dabei heftig stank: «Opfere dich», rülpste sie, «und befreie mich aus dieser Schmach! Weil ich über die sexuelle Anziehung immerzu die anderen manipulierte, wurde ich dazu verdammt, mit ohnmächtigster Lust und unstillbarem Verlangen der unversiegbaren Libido zu dienen und mich auf die peinlichste Weise prostituieren zu müssen. Deshalb scheide ich diese entsetzlichen Körpersäfte aus. Sie ziehen alle Teufel an, die sich in meiner Fäulnis suhlen. Das macht sie tierisch an. Erst wenn du mit mir schläfst, bin ich erlöst. Dann werde ich der Hölle entkommen und wieder so attraktiv und anziehend werden, wie ich es schon einmal für dich war.»
Ihre verlangenden Worte schienen mich zu betäuben und in ihre Gestalt hineinzuziehen, aber während ich in sie eindrang, löste sich ihre Erscheinung auf, und so plötzlich, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden, und ich sah nur noch Akrons blinzelndes Auge vor mir, das mich nachdenklich anschaute: «Hast du sie erkannt? Das waren die Ausformungen deiner destruktiven weiblichen Energie: Tauch noch etwas tiefer in die Geschichte ein, denn es sind die beiden verschiedenen Seiten deiner Weiblichkeit, die dich in die Zange nahmen, als du in ihre Liebesdienste tratst.»
Was mochte ihre Geschichte sein? Ich schloß die Augen und warf mich meinem unbewußten Gedächtnis in die Arme, das sich in allen Einzelheiten so lebensvoll vor meinem Seeleninneren aufspannte, daß ich für einen Moment glaubte, die Jahrhunderte durchdrungen und mit meinem Geist die Grenzen von Raum und Zeit niedergerungen zu haben. Es fiel mir nicht schwer, die Vergangenheit zu genießen, die sich wie ein geheimnisvoller Hintergrund vor mein Bewußtsein schob, denn es war ein absolut leichtes Unterfangen, mich der Liebe hinzugeben, die ich empfand, als ich mich neben Aphrodite im Brautbett fand. «Bin ich nicht schön?» flüsterte sie mir ins Ohr. «Oder bist du je einem Weib begegnet, das sich mit mir messen könnte?»
Sie neigte sich noch weiter zu mir hin, bis ihr weiches Haar meine Stirn streifte und ihr duftender Atem meinen Willen lähmte: «Wenn du willst, daß sich dein Herz nach mir verzehrt, dann brauchst du mich nur zu begehren …»
Schon streckte ich die Arme aus, um sie noch fester an mich zu ziehen, da entschlüpfte sie mir mit einer schlängelnden Bewegung und richtete sich auf. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, und in einem leicht veränderten Tonfall fuhr sie fort: «Da gibt es noch etwas, was du wissen mußt: Ich suche den Ausdruck orgiastischer Lust, die sich an der Schwelle zur Qual befindet.» Sie hielt die Hand über meinen Kopf, und mir war, als strömte etwas in mich ein, das mir die Sinne kühlte und mir das Bewußtsein zurückbrachte. «Du mußt wissen, daß ich nur einen Mann, der den Tod nicht fürchtet, akzeptieren kann, weil nur ein solcher Mann das hingebende Verlangen meiner aggressiven Triebinstinkte spürt.»
«Sprichst du vom Schmerz?» entgegnete ich verwirrt. Was war sie nur für eine Frau, dachte ich fasziniert, die den Mann, dem sie sich hingibt, mit demselben Werkzeug verschlingt, mit dem sie in seinem Herzen nach Liebe buhlt.
«Weshalb ist Liebe so schön?» wich sie meiner Frage mit einer Gegenfrage aus und beantwortete sie gleich selbst: «Weil sie die andere Seite des Todes ist! Aus der Nacht wird der Morgen geboren, und ihm folgt wiederum die Nacht. Wenn Leben und Tod, Tag und Nacht enden und eingehen in das, woraus sie kamen, was wird dann am Ende aller Wege sein? Es ist der Tod! Kannst du das verstehen?»
Ich nickte.
«Dann liebe mich», flüsterte sie voll Verlangen, und ihre Lippen verschloßen die meinen, bevor ich etwas erwidern konnte: «In mir schlägt ein Herz, das sich nach dir sehnt, und du besitzt die Waffe, die stark genug ist, die verschlossenen Gemächer zu durchdringen. Stoß zu, fest und tief, und erlöse mich!»
Ich zögerte, bevor ich die richtigen Worte fand. «Und wenn ich dich verletze?»
Aphrodite schloß meine Lider mit kleinen Küssen. «Komm, beeil dich, diese schwarzen Neumondnächte sind für ein Liebe-Tod-Ritual besonders geeignet», flüsterte sie und schmiegte sich an mich.
Als ich sanft in sie eindringen wollte, verengten sich ihre Blicke, und ich spürte förmlich, daß es offenbar nicht das war, auf das sie sehnsuchtsvoll gewartet hatte. «Willst du nicht, daß wir uns lieben?» fragte ich unsicher und legte meine Hand auf ihren Arm, als sie wie eine Giftnatter zurückzuckte. Erst ganz langsam wurde mir so richtig bewußt, was sie da sagte und wie ernst es ihr war.
«Das ist es nicht, was ich anstrebe», sagte sie schroff und entzog mir ihren Schoß, «hast du meine Botschaft nicht verstanden? Ich wünsche, mit der Realität der Gewalt hautnah konfrontiert zu werden …»
Ich war entsetzt: «Ist das dein Ernst?»
«Liebst du es nicht, den großen Helden zu spielen und die Demonstration von Stärke, die du zur Selbstbespiegelung brauchst, in all dein Liebesverlangen hineinzuinszenieren?» erwiderte sie mit spöttischem Gesicht: «Je mehr sich der andere für dich quälen läßt, desto attraktiver wird er für dich …»
«So ist es nicht», verteidigte ich mich.
«Da kennst du dich aber schlecht», antwortete sie höhnisch, «es fällt dir nämlich schwer, mit dem weiblichen Teil in dir Frieden zu schliessen, denn du suchst das Sakrament der Liebe auf dem Altar der Kriege. Es ist die animalische Wut schmerzender Liebesglut, die dich umzingelt, die unbändige Freude beim Gedanken, die Frau stellvertretend für deine unterdrückte Weiblichkeit zu quälen.»
«Redest du von mir?»
«Ich rede vom bösen Buben, den du nicht sehen willst. Ihm gilt meine Rede, denn in meinen Armen wirst du ihm begegnen!»
«Das klingt ja, als müßte ich mich vor dem fürchten, was du von mir erwartest?»
«Würdest du erahnen, was ich mit dir vorhabe, wenn die Leidenschaft mich übermannt, du würdest zitternd vor Furcht zurückweichen. Du mußt wissen, ich bin die Priesterin der Nacht, die sich als saugende Vulva um den samenspendenden Phallus des Mannes schließt und diesen zerquetscht. Nichts ist schwieriger, als seiner schwarzen inneren Frau zu begegnen.»
«Ich verstehe nicht, warum du das sagst?» entgegnete ich. «Willst du, daß ich dich hasse?»
«Wie kannst du mich hassen», entgegnete sie kalt, «solange du deine Aggressionen verdrängst? Du bist kein Mann, du bist ein Knecht, der sich von seiner eigenen Weiblichkeit bedrohen läßt. Zwar begehrst auch du, läßt dich aber gleichzeitig von deinem inneren Weib dazu zwingen, das eigene Begehren abzulehnen und statt dessen Befriedigung in der Unterwerfung unter das Bild deiner ausgelagerten Aggressionen zu finden. Doch ich bin noch nicht am Ende meiner Möglichkeiten. Meiner Masken sind gar viele, und in ihnen spiegle ich alle Gesichter der Menschen, die geliebten und auch die, vor denen, würden sie es wissen, alle schaudernd Reißaus nehmen würden.»
Dann zog sie zwischen ihren Beinen plötzlich einen Dolch hervor, dessen Griff aus einem glühenden Blutstein-Phallus bestand: «Sieh! Dieser Phallus symbolisiert den emotionalen Virus männlicher Leidenschaft, den du im Kampf gegen dein inneres Weib verloren hast und den du in meinen Armen wieder zurückbekommen kannst. Nur die Triebe sind fähig, die Besessenheit der Anziehung zu offenbaren, die sich als Liebe tarnt: Nimm ihn und stoß fest zu, fest und tief! Wenn du mich schon nicht lieben kannst, dann töte mich!»
Ich sank auf die Kissen neben ihr, noch immer zitternd vor Erregung, denn ich spürte, wie recht sie hatte, wenn sie sagte, ich könne meine Triebe nur gegen meine eigene Lust leben. «Du weißt, daß ich dich niemals verletzen könnte», stöhnte ich, «nicht einmal um meines eigenen Lebens willen. Eher würde ich mich selbst töten!»
«Nicht du – ich bin es, die den Tod anruft!» schrie sie darauf wutentbrannt und wuchs zu einer riesenhaften Gestalt empor: «Sieh, ich bin die Hexe, die deine Libido entflammt. Du wirst alles tun, was ich dir befehle, und nicht nur das, was du zu tun begehrst. Ich befehle dir, Sklave, töte mich!»
Plötzlich war sie die unerbittliche Herrin, nach der ich mich sehnte. Ihre raubtierhaften Fangzähne schienen mir Insignien dämonischer Instinkte zu sein, und in einer seltsamen Verquickung von Qual und Lust verspürte ich einen Augenblick den Wunsch, mein Leben unter ihren messerscharfen Küssen auszuhauchen. «Das hieße Tod!» Ich krümmte mich wie ein geprügelter Hund.
«Das heißt Liebe! Meine Hingabe ist der Ausdruck orgiastischer Lust, die sich am Tor zur Vernichtung befindet», antwortete sie lächelnd, als ich den Dolch ganz an mich nahm, «es scheint, daß du mich langsam zu lieben beginnst, denn meine Liebe ist der Tod.» Dabei hatte ich ein äußerst angenehmes Gefühl. Ich spürte die verzehrende, schwarze Glut ihrer Lust, die zwischen sexueller Kraft, unterwerfender Macht und aufreizender Hingabe pendelte, und gleichzeitig spürte ich jenes züngelnde, verzehrende schwarze Feuer in ihren Augen, aus dem mir plötzlich Akron entgegenstrahlte. Im gleichen Atemzug spürte ich eine große Müdigkeit. Ich hob die Hand, um mir die Anstrengung aus den Augenwinkeln zu reiben.
«Reib dir nicht die Augen», fauchte Akrons Stimme tief in mir, und gleichzeitig fühlte ich einen Klaps auf der Hand, «sonst reibst du deine aufsteigende Erkenntnis wieder ab. Das Weib ist ein Bestandteil deines inneren Sehens. Gleich wird sie dich verraten. Sie wird dich in dem Moment vernichten, in dem du dich anschickst, ihr das zu erfüllen, wonach sie sich sehnt. Deswegen büßt sie in der Hölle. Hörst du die Geräusche auf dem Gang?»
Zuerst waren es nur eilige Schritte, die näherkamen, dann vernahm ich wütende Schläge gegen die Tür. Es hörte sich so an, als ob man sie jeden Moment aufbrechen wollte. «Du kennst die Geschichte», sagte die Stimme, «denn es sind die Häscher, von der Göttin ausgeschickt, um dich in jenem Augenblick zu überraschen, in dem du mit dem Schwert ihren Leib durchstößt. Sie ist deine verletzte Anima und zwingt dich, die Waffe gegen dich selbst zu richten, solange du nicht auf ihre Wünsche eingehst. Sieh nur, wie raffiniert sie dir die Seele entreißt, die sie in der Hölle für sich beansprucht!»
Dann sank sie mit einem röchelnden Schrei zusammen, und zwar genau in dem Augenblick, als die Tür aufsprang und die Kerle ins Schlafgemach eindrangen. «Es scheint ja fast, als ob du langsam zu verstehen beginnst», sagte sie mit einem schmerzhaften Lächeln zu mir, bevor sie sich an ihre Knechte wandte: «Nehmt ihn gefangen und werft ihn in den Kerker! Er soll seiner Strafe nicht entkommen!»
Sei nicht enttäuscht!» versuchte mich Akron zu trösten, «aber wie hätte ein naiver Kerl wie du die Hitze der Leidenschaft von der Kälte der Macht auch unterscheiden sollen, die in den Falten seiner aufgebrachten inneren Weiblichkeit schlummert? Jetzt schmort Aphrodite in der Hölle!»
«Aber warum hat sie mich verraten?» unterbrach ich ihn bekümmert.
«Sie hat dich nicht verraten. Sie hat dein Opfer angenommen.»
«Mein Opfer? Ich wollte mich gar nicht opfern.»
«Sie spürte, daß du sie nicht töten konntest, also mußte sie dich zwingen. Indem du ihr aber ihren Wunsch erfülltest, hast du dich in die Rolle des Opfers begeben.»
«Aber ich wollte sie nicht töten», beharrte ich auf meiner Meinung.
«Das ist ja gerade der Grund, warum du ihr Opfer geworden bist.» Mitleid und Verständnis flimmerten in seinem Blick. «Verstehst du es denn nicht? Sie opferte dich gerade, weil du sie nicht töten wolltest. Sonst wäre das Spiel für sie doch sinnlos!»
«Das ist mir zu widersprüchlich», gab ich meinem Unverständnis Ausdruck.
«Sie wollte die Macht über dich erringen, indem sie dich zwang, sie umzubringen. Denn dadurch konnte sie dich in deine Schuld einbinden und dich auf einer höheren Ebene gleichzeitig wieder bestrafen. Einen größeren Einfluß innerhalb der Macht über einen anderen gibt es nicht.»
«Und wo liegt der Sinn?»
«Die Freude an der Lust, die Menschen zu zwingen, über ihre eigenen Grenzen hinauszugehen, und sie gleichzeitig für ihre Vermessenheit zu vernichten, ihre Schwelle überschritten zu haben.»
«Indem sie sich von einem anderen umbringen läßt?»
«Ihre Besessenheit zwingt sie, die ihr Begegnenden zu zwingen, das Liebste, was sie haben, umzubringen: das ist in diesem Fall sie selbst! Das gibt ihr die Kraft, ihre Opfer für die Schwäche zu bestrafen, ihr den Wunsch erfüllt zu haben.»
«Ist das nicht pervers?»
«Hast du vergessen, wo wir sind?» starrte er mich düster an. «Es ist nicht die Aufgabe der Hölle, für die Schuld ihrer Sünder die Verantwortung zu übernehmen. Als Liebesdämonin ist es vielmehr ihre Pflicht, dem Sünder durch Vernichtung die Auswirkungen seiner inneren Zwänge vor Augen zu führen, und das hat sie vortrefflich getan.»
«Dann hat sie sich nur aus dem Grund vernichtet, um mich dem Henker auszuliefern?»
«Nein, nicht dem Henker …»
«Wem denn dann?»
«Sich selbst!»
«Wie denn das? Ist sie nicht tot?»
«Nicht ganz.»
«Das versteh ich nicht!»
«Sie selbst ist das Gesetz. Ich weiß, daß du das nicht verstehen kannst, aber du bist ja hier, um zu lernen», sagte er ein wenig barsch und verschränkte die Arme vor der Brust. «Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.»
Ein großes Fragezeichen stand mir im Gesicht: «Und wie geht sie weiter?»
«Jede Hölle hat ihren eigenen Ablauf; ich weiß es nicht. Ich kenne nur den nächsten Schritt», antwortete er und wechselte den Gesichtsausdruck, «du wirst dem Richter vorgeführt. Aber ich denke», lächelte er sanft und blinzelte fröhlich mit dem Auge, «es wird langsam Zeit, uns deine eigene Sicht der Dinge zu erzählen. Findest du nicht auch?»
Bisher war es sehr dunkel hier», sagte der Richter, eine drohende Gestalt, die auf einem massiven Thron aus Ebenholz saß, während ihm einer der Wächter eine Fackel reichte, «nun wollen wir Licht in die Sache bringen.» Er drehte sich mir zu – ich sah zwei glühende Augen in einem verhüllten Gesicht – und richtete die Fackel direkt auf mich, die mit ihrem flackernden Licht gespenstische Schatten auf ihn zurückwarf.
«Elender …», sagte er drohend, wobei seine Stimme in meinen Ohren hallte, «du weißt, warum du hier im Staube liegst: Du hast Aphrodite getötet! Weshalb? Sag den Göttern den Grund!» Ich hob den Kopf und entdeckte den gespiegelten Glanz der Flammen in seinen goldgefleckten Augen. «Gab sie dir nicht alles, was du dir nur wünschen konntest?»
Die Worte schienen aus weiter Ferne zu kommen. Ich fühlte, wie sich meine Kehle eng zusammenzog. Rote Lichtstrünke begannen um mich zu züngeln, aber ich hatte Angst davor, in mich zu dringen und mich der Wahrheit zu nähern, vor die mich der Richter mit der Frage stellte: «Warum hast du Aphrodite umgebracht?»
Im gespiegelten Glanz der Fackel nahm ich plötzlich Akrons blinzelndes Auge wahr, und auf einmal war mir die Geschichte klar. Es war, als hätte sich der Raum geöffnet, als stünde ich wieder im Brautgemach, in dem ich Aphrodite begegnet war. Der Schleier vor meinen Augen riß auf; dahinter erkannte ich die Silhouette der Liebesgöttin und hörtes ihr dunkles Lachen, das sich mit den Worten des Richters verband. «Bin ich nicht schön?» flüsterte sie mir ins Ohr: «Warum begehrst du mich dann nicht?»
Ich hob den Kopf und fühlte mich der vermummten Gestalt, zu deren Füßen ich lag, emotional ganz nah. Selten hatte mich eine Person so angezogen, der ich doch völlig ausgeliefert war. «Großer Gott!» schrie ich, bestürzt über meine Einsicht, und plötzlich war die Antwort da: «Ich suchte die Verletzung durch die Hexe, die ich einstmal vergewaltigt hatte, und tötete sie aus Wut, weil sie mein Opfer nicht annehmen wollte.»
«Welches Opfer?» fragte die nachtschwarze Gestalt. Ihre Miene war ernst, die dunklen Augen aber leuchteten.
«Das Opfer, ihre Macht nicht annehmen zu wollen», antwortete ich. Es waren die Flammen ihrer Sinneslust, jenes züngelnde, verzehrende schwarze Feuer, fiel mir plötzlich wieder ein, das die animalische Wut schmerzender Liebesglut in mir entfachte und mich den funkelnden Speer sexueller Begierde ihr tief in den Leib eindringen ließ.
«Welche Macht?» Der Richter sah mich düster an und in seinen Augen erkannte ich die peinvoll vergewaltigte Frau, die ihren Täter suchte.
«Die Macht, die sie über mich errang, indem es ihr gelang, mich zu zwingen, sie gegen meinen Willen umzubringen. Dadurch konnte sie mich in meine Schuld einbinden …»
Bei diesen Worten spürte ich, wie eine heftige Wut in mir aufstieg, gefolgt von einem sexuellen Gedanken, sie für das, was sie mir antat, quälen zu wollen. Gleichzeitig ahnte ich aber auch meine Schuld, denn in diesem Augenblick wurde mir mein innerer Widerspruch bewußt, und auf einmal wußte ich, weshalb ich hier stand.
«Respekt. Nicht jeder, der an dieser Stätte erscheint, hat die Wahrheit über das gefunden, was sich in seiner Seele zugetragen hat», tönte die richterliche Stimme durch Zeit und Raum. «Es ist wahr: Aphrodite begegnet den Sündern dieser Hölle als ihr Seelenanteil einer peinvoll vergewaltigten Frau, um durch die Rache am Täter das innere Gleichgewicht zu erlangen, und du selbst bist der sich opfernde Mann, der sich mit seiner eigenen Weiblichkeit überworfen hat und deshalb seine Männlichkeit nicht ausleben kann, da er sie aus der Sicht des Weiblichen ablehnt. Deshalb werde ich sie bitten, dein Opfer anzunehmen.»
Er hielt die rauchende Fackel mit der Rechten in die Höhe und betete: «Ich bitte dich, nächtliche Göttin, nimm sein Opfer an …»
Der Schleier vor meinen Augen hatte sich gehoben und zeigte mir die Göttin, nach der ich mich sehnte. Ihre massigen Formen waren von einem rötlichen Leuchten durchdrungen, und durch den impulsiven Schmerz hörte ich das Manifest ihrer Kraft, das sich mit meinen Tränen verband: «Meine Liebe ist der Ausdruck orgiastischer Lust, die sich am Tor zur Vernichtung befindet. Deshalb nehme ich dein Opfer an.»
Sie war es wirklich, dachte ich. Großer Gott, steh mir bei: Bin ich nicht ihr Opfer? Oder ist ihr mein Tod nicht Liebe genug?
«Bedank dich bei der Göttin für die Gnade, dein Bußopfer auf dem Sühnealtar annehmen zu wollen», sprach der Richter und ließ die Arme sinken, «kommen wir nun zum Urteilsspruch.»
Es war das Auge der Göttin, das auf mich gerichtet war: Es war nicht der Tod, es war die Liebe, die mich übergoß.
«Zur Buße wirst du auf ein Rad geflochten und der Göttin zum Opfer präsentiert», sagte er, «und zwar solange, bis dein sündiges Fleisch verwest und von den Gebeinen abgefallen ist. Dadurch wird deine Seele erlöst und dein sündiger Leib von Schuld befreit!»
«Das ist das Ende», wußte ich, als ich in seine Augen sah, denn es war die Hölle, der ich ins Antlitz blickte, der unbarmherzige Ort, der die Feinde bei lebendigem Leib zermalmte. Ich ahnte, mein Opfer war der Göttin nicht genug. Sie würde alles zerstören, auch die Frau, die ich liebte. Flehend winselte ich um Gnade: «Nicht diese Strafe!» bat ich inständig.
Die verhüllte Gestalt erhob sich und trat an meine Seite, und ich spürte, wie ihr prüfender Blick sanft über meinen geschundenen Körper glitt: «Eigentlich bin ich es, die verdient, bestraft zu werden» sagte sie, indem sie sich langsam zu mir hinunterbückte und die Maske hob. Da traf mich die Wahrheit wie ein Keulenschlag.
«Ich bin es selbst», sagte sie leise, und es klang beinahe versöhnlich, denn unter der Maske kam Aphrodites göttliches Antlitz zum Vorschein: «Verzeih!» Sie schien den Schrecken der Nacht ebenso überwunden zu haben wie die schwarze Maske, und nun stand sie wie die Verkörperung verlockender Weiblichkeit vor mir: «Erinnerst du dich? Ich bin die himmlische Verführerin, ins Höllische entrückt, und ich bringe dir den verlorenen Schmerz zurück.»
«Warum tust du mir das an? Was hab ich dir getan?» fuhr ich sie an und warf mich meinem unbewußten Gedächtnis in die Arme, das sich in allen Einzelheiten so lebensvoll vor mir aufspannte, daß ich glaubte, die Jahrhunderte durchdrungen und mit meinem Geist die Grenzen von Raum und Zeit niedergerungen zu haben.
Sie neigte sich zu mir herab, bis ihr weiches Haar meine Stirne streifte und ihr duftender Atem über mein Gesicht kroch und meine Sinne weckte: «Das ist keine Strafe! Sieh es einmal so: Aus der Nacht wird der Morgen geboren, und ihm folgt wiederum die Nacht. Wenn Leben und Tod, Tag und Nacht enden und eingehen in das, woraus sie kamen, was wird dann am Ende aller Wege sein: Es ist die Liebe. Kannst du das verstehen?»
Dann wandte sie sich dem Henker zu und gab ihm den Befehl, das Urteil zu vollstrecken. Doch bevor sie ging, schaute sie sich noch einmal um: «Das Überwinden der Schwelle ist wie eine fleischfressende Pflanze, die sich zwar jedem öffnet, der ihr Nahrung bietet, die aber auch jeden verschlingt, der sich zu tief in ihr verfängt.» Ihre Augen, in denen das Feuer der Leidenschaft zurückkehrte, wirkten golden, überirdisch, und bevor sie endgültig verschwand, vernahm ich ihre Stimme: «Ich sah, daß du dich nach der Lust der Schmerzen krümmtest. Deshalb nahm ich dein Opfer an. Besuch mich in der Hölle!»
Das Bild war verschwunden, als Akron plötzlich wieder vor mir stand und mich anzüglich anschaute.
«Wer war die Frau?» wollte ich wissen. Auf irgendeine Weise war sie mir vertraut, denn sie schien mir meine Opfermentalität zu spiegeln.
«Dann hast du dieses Teufelsweib erkannt», wiederholte er schmunzelnd, «denn es waren meine Augen, in die du schautest. Ich bin aber keine menschliche Person. Ich bin der Spiegel deines unbewußten Erlebens, zwischen dessen Rahmen du deine unerkannten inneren Personen plazierst. Und in meinem Auge hast du einen abgespaltenen Teil von dir entdeckt.»
«Meinst du die Frau?»
«Das war keine Frau, das war ein Fragment deiner negativen weiblichen Aggression, und das Erlebnis wurde von alten karmischen Erinnerungen geprägt. In dieser Szene manifestierte sich deine unerlöste destruktive Weiblichkeit, die du, wie gesagt, nicht erlösen konntest. Nun büßt sie in der Hölle. Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, denn sie wollte, daß du sie dort unten besuchen kommst. Sehen wir uns also den letzten Abschnitt deiner Reise an …»
Und noch ehe ich mich zu seinem Vorschlag äußern konnte, mußte Akron schon mit beiden Augen geblinzelt haben, denn plötzlich hielt ich eine verwachsene, affenartige Gestalt im Arm, die gräßlich stank. Tausend Falten durchzogen ihr Gesicht, und doch erkannte ich unter ihrer Haut die Gesichtszüge der Göttin.
«Verzeih mir», rülpste sie, und dabei kroch ein entsetzliches Stück Kot aus ihrem Mund, «wenn ich dir in dieser Gestalt erscheinen muß, denn ich bin der Schatten der Aphrodite und büße hier für ihren Verrat. Ich bin dazu verdammt, mich nach Liebe zu sehnen, die ich nicht mag, und deshalb rieche ich nach Verwesung, was wiederum meine Ablehnung der Liebe vermehrt. Es sind die schwarzen Körpersäfte, die ich ausscheide und an denen ich leide, denn sie ziehen alle Buhlteufel an. Sie suhlen sich in meiner Fäulnis; das regt sie tierisch an. Deshalb bitte ich dich: Rette mich! Opfere dich und befreie mich aus dieser Schmach! Wenn du mit mir schläfst, bin ich erlöst. Dann werde ich zurückkommen und wieder so anziehend werden, wie ich es schon einmal für dich war. Erinnerst du dich nicht? Es war meine Liebe, die ich dir schenkte, die schwarze Glut meiner Lust, die zwischen sexueller Kraft, unterwerfender Macht und aufreizender Hingabe pendelte, eine Form von verzückter Ekstase, die sich an der Schwelle zum Liebestod befand.»
Ihre verlangenden Worte schienen mich zu betäuben und in sie hineinzuziehen, aber während ich in sie eindrang, spürte ich gleichzeitig auch eine Art von Befreiung, denn ich hatte das unbeschreibliche Gefühl, daß ich mich im Verschmelzungsrausch auflöste und langsam starb. Allmählich löste sich ihre Erscheinung auf. So überraschend, wie sie gekommen war, war sie auch wieder verschwunden, und ich sah nur noch Akrons blinzelndes Auge vor mir, das mich prüfend anschaute.
«Was bedeutet diese Vision?» wollte ich wissen.
«Sie beschreibt dein inneres Streben, den anderen zu verschlingen und dich gleichzeitig opfern zu wollen. Zwar begehrst du, läßt dich aber gleichzeitig von deiner inneren Angst dazu zwingen, das eigene Begehren abzulehnen und statt dessen Befriedigung im Erleiden der Aggressionen von anderen zu finden. Deshalb kannst du deine Triebe nur noch gegen deine innere Verhinderung durchsetzen, und dazu bedarf es der sexuellen Anziehung durch eine Hexe, der du deine Libido entweder im frustrierenden Verzicht oder in der Unterwerfung opfern darfst, oder die dich körperlich so sehr abstößt, daß jede Vereinigung zum schmerzlichen Sühneopfer werden muß.»
Als ich gerade begann, ihm zu schildern, wie sie mir in meiner Erinnerung erschienen war, winkte er freundlich ab und sagte, daß das nicht so wichtig wäre: Er wolle nur wissen, ob mich die affenartige Gestalt physisch angezogen habe oder nicht?
«Sie hat mich auf eine unbewußte Weise angezogen», erzählte ich ihm, «obwohl ich sie bewußt so häßlich fand, daß ich mich beinahe auflöste, als ich in sie eindrang.»
«Dann warst du in großer Gefahr», erwiderte er ernst, «denn dieses Geschöpf wurde von der unerlösten Lust deiner selbstzerstörerischen inneren Frau besetzt. Während du sie einerseits ablehntest, zog sie dein Unbewußtes an, denn es sind deine eigenen destruktiven Neigungen, die dich anziehen, und dieser Widerspruch bewirkte, daß du sie in deinem Vordringen gleichzeitig abgewehrt hast. Eine schleichende Vereinnahmung hätte eintreten können, wenn sie dich in sich hätte festhalten können. Deshalb habe ich auch sofort mit dem Auge geblinzelt, damit du dich nicht in deiner abgespaltenen, frustrierten Sexualität verfängst.»
«Aber was wäre geschehen, wenn du nicht geblinzelt hättest?» Sein glühendes Auge drehte sich im Kreis.
«Dann hätte dein verdrängter weiblicher Aggressionsteil deine Libido wahrscheinlich in den Kerker der Verdrängung geworfen.»
«Und was wäre dann passiert?»
«Was fragst du mich?» lächelte er vergnügt. «Hier befindest du dich in der Hölle der Animalität, in der die entfesselten Tigerinnen ihrer Beute zuerst die Knochen brechen, bevor sie ihnen die Eier lecken, und möglicherweise wärst du in der Auslieferung an deine verhinderten Instinkte zu einem kastrierten Zombie mutiert, der seiner verdrängten Männlichkeit in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht ständig hätte hinterherrennen müssen. – Schau! Da vorne braut sich ein schweres Gewitter zusammen. Laß uns gehen, bevor uns das Unwetter erreicht.» Doch da hatte uns das Unheil schon eingeholt.

Mars in Widder
Hölle
Die Hölle der aggressiven Triebdurchsetzung
Sünder
Raufbolde, Heißsporne, Streithammel und aggressive Egoisten, die sich in allem nach sich selbst ausrichten und beim Wegfall geeigneter Ziele manchmal die Selbstausrichtung selbst zum Ziel erklären
Disposition
Der Schattenbereich von Mars im Widder und Mars im 1. Haus
Schuld
Ungeduld, Wut, Jähzorn, Willkür, Rechthaberei, Egoismus, Unabhängigkeit, Kraftvergeudung, Zerstörungswut, überstürztes Handeln, willkürliches Instinktverlangen, übersteigerte Triebenergie, Gewalt und Rücksichtslosigkeit im Umgang mit anderen (mit dem Kopf durch die Wand!)
Strafe
Vom Wunsch nach Selbstdurchsetzung durchströmt, bist du bestrebt, alles zu vernichten, was deine Kreise stört, denn dein Dämon versinnbildlicht die rücksichtslose Kraft, die alles in der Außenwelt zu manifestieren sucht, was sie an heroischer Willenskraft durchglüht. Wirst du im Leben an der Entäußerung deiner Aggression gehindert, führt dies zu unterdrückter Wut und großem Zorn. Doch der Weg zur Ichfindung setzt Reife und Selbsterkenntnis voraus, denn Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung führen letztlich nur zum Scheitern und zum Erleiden sinnloser Gewalt. Diese Hölle vermag deshalb auch eine Warnung sein: Du wirst zur Strafe mit deinen eigenen aggressiven Dämonen konfrontiert, die dir nach dem Leben trachten, das du sinnvollerweise aber niemals verlieren kannst, so daß dir daraus eine weitere, nämlich die entscheidende Strafe erwächst, nämlich dir die Sinnlosigkeit deines eigenen Tuns ständig vor Augen halten zu müssen. Du wirst pausenlos von deinen inneren Gespenstern attackiert, ohne dich aus dem Alptraum befreien zu können.
Lösung
Mars im Widder ist ein Symbol des Vorwärtsdranges und der blinden Durchsetzung, denn er ist der Herr des Krieges, der Zerstörung, des Streites und der ewigen Zwietracht. Deshalb verkörpert er auch die Rebellion gegen patriarchale Gewalt, den aktiven Animus, der den alten König stürzt, die pubertäre Phase der Suche und der Selbstfindung oder die Vater-Sohn-Beziehung als Wiege nährender Konflikte der männlich-aggressiven Triebnatur. Jede Auseinandersetzung bietet ihm die Chance, Dinge durcheinanderzubringen und Gewohnheitsmuster zu zerstören, was immer neue Perspektiven von Entwicklung und Erkenntnis nach sich zieht. Damit wird er aber gerade zu einem Teil jener Zerstörungskraft, die den Ursache-Wirkungs-Kreislauf entfacht und damit den Weg für Neuentwicklung und Erkenntnis freimacht. Ja, man kann es so betrachten, daß du als sein Eigner und seine verlängerte Hand die karmische Aufgabe hast, voranzutreiben, was dich hindert und blockiert, damit sich dein Schicksal nicht nur im Erreichen der ersehnten Ziele, sondern auch im Scheitern erfüllen kann. In jedem Scheitern findet sich immer auch ein Samenkorn zu reiferer Entfaltung, und damit dient der Dämon in seinem zwanghaften Tatendrang gleichzeitig jener höheren Führung, die in der Zusammenfügung allen Wesens Sein und Werden überhaupt erst sinnvoll macht. Denn wie sagte schon Heraklit: «Krieg ist der Vater aller Dinge!»
Das gespaltene Ego
Der Feuersturm traf uns mit voller Wucht, als wir in die nächste Hölle traten. Rote Flammenzungen schoßen aus den brennenden Wolken, und ein heulender Feuerwind peitschte mir die schmerzenden Glutfunken auf die nackte Haut.
«Wo sind wir hier?» wollte ich von Akron wissen. Irgendwie hatte ich Furcht vor der Aggression der Elemente dieses Raumes, denn vor unseren Augen tobte ein Wirbelsturm, und in der Atmosphäre der wütend zuckenden Feuerschlangen glühte der Untergrund in einem unnatürlichen Glanz, der ihm eine wabernde gasartige Ausstrahlung verlieh, die wogend wie ein Feuertuch auf ihm lagerte. Dann sah ich in der Ferne ein kurzes, aber glühend helles Blinken.
Akron lächelte verheißungsvoll: «Wir befinden uns in der Hölle pubertärer Gewalt. Die Seelen sind ständig in äußere Gefechte verstrickt, die sich aus der Unerlöstheit ihrer inneren Blockaden nähren.» Er kam mir seltsam vor. In seinen Augen glitzerte ein listiges Funkeln. Es schien mir wie das Glitzern einer Messerklinge.
Vorsichtig schaute ich mich um. Ganze Perlenschnüre aneinandergereihter Bilder glitten vorbei, die in meinem Hirn den Eindruck dolchartiger Lichtstrahlen hervorriefen, und innere Programmierer schienen alte Gedanken neu zu formatieren, denn ich sah uralte Bilder aus meiner Kindheit, die sich vor dem Bildschirm der Erinnerung drehten und wendeten.
«Komm!» sagte er und nahm meine Hand. «Da liegt sie vor dir – diese Hölle ist wie ein meuchelnder Dolchstoß. Du weißt nie, was dir im Rücken auflauert. Schau!»
«Was ist denn das?» Vor unseren Augen war ein junger Mann gerade damit beschäftigt, eine Gestalt zu beatmen, die auf dem Boden lag. «Was ist mit ihm … was tut er da?» Als ich genauer hinschaute, traf mich fast der Schlag, denn es war Akron, der vor mir in einer Blutlache lag. Ich sah meinen Begleiter an. Eine seelische Leere lag in den glatten Zügen seines Gesichts, stellte ich fest, die ihn von der imponierenden Ausstrahlung Akrons unterschied, während er mir antwortete: «Er versucht, dein mentales Bild vom Seelenführer wieder zu beleben, das von einem seiner abgespaltenen Teile in deiner zukünftigen Erinnerung eben zerstört worden war.»
«Aber warum sieht er so aus wie Akron?»
«Er sieht nicht nur so aus», sagte er, und ich spürte, daß er mich verwirren wollte, «er ist es. Zumindest das, was von ihm übriggeblieben ist.»
«Aber wer bist dann du?» Meine Hände zitterten unkontrolliert.
«Ich bin nur ein Gedanke, ein elektromagnetisches Kraftfeld, in deine Erinnerungsmuster eingerollt», erwiderte er kühl
«Du Ungeheuer …!» brüllte ich entsetzt und wollte ihn am Ärmel packen. Doch ich verfehlte ihn, und wie von Geisterhand hielt ich plötzlich einen mächtigen Dolch in die Hand, der sich seinen Weg durch meine stolpernde Bewegung mitten in sein Herz bahnte. Das Blut spritzte in die Höhe wie die Gischt aus einer Wasserfontäne, und durch die Wucht des Stoßes fiel ich über ihn. Die Tränen liefen in Bächen über mein Gesicht. Ich küßte seine Lippen, denn ich hatte meinen Weg verloren. Ich konnte nur noch stöhnend sagen: «Du Ungeheuer … du …»
«Warum willst du mich beleben», hörte ich ihn murrend sagen, «wenn du mich auf der anderen Seite mit dem Messer erstichst? Immerhin bin ich das dir vertraute Bild von Akron, das du in deiner Vorstellung festhältst.»
«Ich weiß es nicht», antwortete ich ihm, «ich weiß nicht einmal, wer ich bin: Bin ich jetzt der, der ich zu sein glaube, oder bin ich der, der in sich ein falsches Bild von dir festhält?»
«Hier bist du der Schatten, der aus Wut zerstört, denn es ist die Angst, die dich immer dann umhüllt, wenn du negative Gefühlsfrequenzen aufnimmst, gegen deren Auswirkungen du dich nicht wehren kannst, weil diese Energien unter der Verstandesdecke liegen», sagte er und half mir auf die Beine. «Los, schauen wir’s uns an!» Er gab mir seine Hand.
Die roten Feuersäulen über uns schrumpften zu einem fernen roten Punkt zusammen, als wir unter die Bewußtseinsschwelle traten und mir ein giftiger Verwesungsgeruch in die Nase kroch. «Der Weg in den Abgrund ist mit allen Kopfleichen gepflastert», kommentierte mein Begleiter, «die du während deines Lebens in Gedanken vernichtet hast.» Mit jedem Schritt, mit jedem Stolpern wurde der Abstieg schwieriger, denn die Leichen, die die Strecke säumten, wurden immer zahlreicher. Schließlich endete er in einer dunklen Nische vor einer Pissoirwand, die mit den flotten Sprüchen postpubertärer Männerphantasien vollgekritzelt war. «Es sind die ersten Zeugnisse deiner frühreifen Phase, die sich schützend um deine Gehirnwindungen lagern», sagte er und schmetterte einen schweren Felsbrocken gegen die Wand. Donnernd fiel die Mauer zusammen und gab den Blick auf die dahinterliegenden Gedanken frei. «Und das ist die Vorstellungsebene in deinem Hirn», erklärte er mir, «aus der wir deine verhinderten Aggressionen wieder hervorbuddeln müssen, die von den Vernunftwächtern im Lauf der Jahre hier eingestampft worden sind.»
Durch die freigelegte Sicht sah ich ein Dutzend Wärter, die einen Trupp von Sündern brüllend anwiesen, den Boden mit ihren schweren eisernen Geräten aufzupflügen. In ihren Augen glühte förmlich die aggressive Lust, die Gefangenen zu quälen, denn ich spürte, daß der ganze Untergrund eine einzige Verhärtung meiner ungelebten Gefühle war, versteinerte Schlacke, die nur sehr schwer aufzubrechen war. Doch unter den mahlenden Schaufeln schraubten sich aus der Tiefe die Energiekräfte hervor, die aus den aufgebrochenen Gesteinsschichten sprangen, aggressive Wesen, die ihrem Gefängnis wie pfeifende Fürze entwichen …
«… habe ich dir nicht die schwarze Glut meiner Lust geschenkt, die verzückte, verzehrende Ekstase an der orgiastischen Schwelle zur Liebe. Jetzt befreie mich aus meiner Schmach! Wenn du mit mir schläfst, bin ich erlöst», ertönte aus der Ferne plötzlich eine Stimme.
«Sieh nur …», aus einem aufquellenden Gesteinsschlitz stürzte ein häßliches altes Weib auf uns zu, «da versucht sich sogar deine verwunschene Venus aus der letzten Hölle wieder an dich heranzumachen, aber sie hat keine Chance», das Lächeln um Akrons falschen Mund wurde kalt, und mit einem grauenhaften Schrei fiel sie in einen vor uns aufbrechenden Spalt.
«Warum hast du ihr nicht geholfen», wollte ich von ihm wissen, doch er winkte ab: «Ich kann ihr nicht helfen; wir sind in einer anderen Hölle. Laß sie los und konzentrier dich lieber auf das feindliche Ego», er deutete auf einen numinosen Punkt in der Luft, «dieses Ich deines verdrängten Selbst ist schon unterwegs, um dir deine Seele zu stehlen!»
Ich folgte seiner Fingerspitze mit meinem Blick, und plötzlich sah ich, wie mich aus dem Hintergrund eine dunkle Masse ansprang. Wir stürzten zu Boden, einer wälzte sich über den anderen, und mit einem Male wurde mir klar, daß sich offenbar zwei verschiedene Persönlichkeitsfragmente in meinem Hirn bekämpften. Ein Dolch blitzte heraus, traf aber nicht mein Herz, sondern stieß rechts an mir vorbei ins Leere. Dann hörte ich ein schrilles Lachen und sah, wie ich aus der Tiefe meiner Erinnerung ein jüngeres Bild auf mein anderes Selbst projizierte und mir durch die Augen meines Doppelgängers plötzlich ein Knabe entgegenblickte. Innerhalb weniger Sekunden war ein anderes Klümpchen Gene in das gesichtslose Wesen geschlüpft, und vor mir schwebte ein zahnloses Lausbubengesicht. Im gleichen Atemzug überkam mich eine höllische Lust, in dieses hämische Affengesicht hineinzuschlagen, und ich spürte schon, wie ich dieses spöttische Grinsen zu einem winselnden Zellhaufen zerstampfen und anschliessend wie eine Hühnerpastete aufessen wollte. «Laß dich nicht von deinen Aggressionen in die Tiefe ziehen», schrie mich mein Wegbegleiter an, «denn es ist dein rebellierendes inneres Kind, das dich besiegen und für immer in den pubertierenden Aggressionen festhalten will.»
«Dieses Biest …!» brüllte ich entsetzt und wollte Akron am Ärmel packen. Doch ich verfehlte ihn, und wie von Geisterhand hielt ich unerwartet einen mächtigen Dolch in der Hand, der sich seinen Weg durch meine stolpernde Bewegung mitten in sein Herz bahnte. Das Blut spritzte in die Höhe, wie die Gischt aus einer Wasserfontäne, und durch die Wucht des Stoßes wurde ich herumgewirbelt und lag urplötzlich über ihm. Aus seiner Brust kam ein wütender Orkan und schleuderte mich durch die Luft. Von einer Anhöhe herab, von der ich die Schatten meiner Bilder zu durchdringen suchte, sah ich ein wütendes Schlachtgetümmel unter mir: verworrene, drohende und zornige Gespenster. Die Bilder drängten sich zusammen und verschwanden in einem großen Loch, das mich wie ein weicher, dunkler Gang anzog, der ins Freie führte. Ich wurde angesaugt. Dann purzelte der lachende Kopf vom Hals, der Schatten bekam einen Riß, und dort, wo der Bauch war, stieß eine Messerklinge wie eine Schlange von innen hervor und säbelte sich eine große Öffnung heraus, ähnlich einer Grotte, die sich nach auswärts drehte. Zwei kleine Fäustchen schauten lustig hervor, und ein zahnloses Lausbubengesicht lächelte mich schelmisch an: «Hallo, Paps! Erkennst du jetzt, wer ich bin? Ich bin dein pubertierendes Selbst, das du stets bekämpft und aus dir selbst entfernt hast, um es gewissermassen außerhalb von dir zerstören zu können. Doch bin ich nur der Spiegel, der dich selbst reflektiert. Nun dreh mich um, und sieh dir an, wie du dich durch meinen eigenen Tod gemordet hast!»
Da erhob ich mich, packte ihn am Hals und drehte ihn herum, und da sah ich, daß ihn sein eigener Hermesstab durchbohrt hatte.
Akron packte mich am Arm und schleuderte mich zu Boden: «Zurück!» schrie er mich an, «hier wirst du pausenlos von deinen inneren Gespenstern attackiert, denn in dieser Hölle ist ein jeder dazu verdammt, sich der Sinnlosigkeit seiner eigenen Aggressionen opfern zu müssen, ohne sich je daraus befreien zu können.»
«Wer war das?» fragte ich röchelnd.
Doch Akron schien meine Frage nicht zu akzeptieren: «Du weißt verdammt gut, wer das war», entgegnete er heftig. «Nicht ‹Wer war das?› ist die Frage, sondern ‹Wer verbirgt sich hinter dem, was war?› ist das Problem: ‹Wer ist der Regisseur meines Bühnenstücks?› Darauf kommt es jetzt an!»
Ich hatte mir eine Erklärung zurechtgelegt, die mir befriedigend erschien: Der Schatten war mein kollektives Selbst und ich der mutige Held, der seinen Schatten besiegte.
Akron schüttelte den Kopf: «Du warst nicht nur der Held, du warst auch der Schatten selbst – und du weißt es genau! Vom Drang nach rücksichtsloser Selbstdurchsetzung beherrscht, warst du bestrebt, alles zu vernichten, was sich gegen deine Ziele stellte.»
«Was ist daran falsch?» wagte ich einzuwerfen.
«Nichts ist falsch», fauchte er mich an, «denn es ist ja gerade auch der Sinn des Schattens, die eigenen Ziele zu verhindern, um die Spielregeln der menschlichen Entwicklung kennenzulernen. Doch in dieser Hölle ist dieses Verhalten eminent gefährlich, weil du ja für all die verhinderten, unerlösten Sünder ebenfalls zum Spiegel werden mußt, in dem sie ihren eigenen Schatten unerkannt in dir bekämpfen können.»
Dann wurde Akrons Miene noch ernster, und er sagte, daß das Leben ein einziges Chaos sei, solange man sich über seine verschiedenen Seelenanteile kein inneres Bild gemacht habe. Und das spüre man in dieser Hölle ganz besonders, denn hier überschneide sich das persönliche Ego mit den Energien des kollektiven aggressiven Selbst. Das Ichbewußtsein sei so stark auf die materielle Realität und das Überleben eingestellt, daß man die Gefahren dieser Hölle kaum erkennen könne, weil die Energien sich sofort in das individuelle Aggressionspotential einbringen und man das nur insoweit spüren könne, als daß man seine Umgebung plötzlich angreifen und verletzen möchte. «Wolltest du mich eben nicht auch umbringen?» Er lachte böse.
Ich war ziemlich verwirrt: «Was sollen wir tun?» wollte ich wissen.
«So schnell wie möglich hier verschwinden! Der Weg zur Ichfindung setzt eine große Portion von Selbsterkenntnis voraus, denn Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung führen letztlich nur das Scheitern an unüberwindlichen Hindernissen herbei. Denn wenn du dich gegen äußere Widersacher nicht durchzusetzen vermagst, wendest du dich gegen dich selbst und vernichtest dabei deinen eigenen Rahmen. Komm!»

Jupiter in Widder
Hölle
Die Hölle der Hybris und der Selbsterhöhung
Sünder
Selbstgefällige und von fanatischen Überzeugungen getriebene, zur Selbstkritik oder gar zum Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten unfähige Führer, Glaubensstreiter, Gralssucher, Gurus, Lehrer und Besserwisser
Disposition
Der Schattenbereich von Jupiter im Widder und Jupiter im 1. Haus sowie disharmonische Jupiter/Mars-Aspekte
Schuld
Anmaßung, Auflehnung, (geistiger) Fanatismus, Intoleranz, Unmaß, Verschwendung, Voreiligkeit, Titanentrotz (Selbstüberhebung und frevelhafter Übermut zwingen zur pausenlosen Selbstdarstellung der inflationären Bilder)
Strafe
Die Übertreibungen im Bereich der Bewußtseinszunahme lassen die Grenzen der Vorstellung überschreiten und führen zu einer inflationären seelisch-geistigen Entwicklung. Du fixierst dich auf deine inneren Wünsche und suchst diese zu finden, indem du sie in deinen eigenen Phantasiegebilden suchst. So kommt es, daß du im Streben nach Erkenntnis nur die inneren Luftschlösser findest. Die Folge ist nicht das depressive Scheitern an den Lebensumständen, sondern ein vages Unbefriedigtsein mit den gesellschaftlichen Bedingungen. Unter dem Einfluß dieser Prägung bist du immer auf der Suche, die Antwort nach dem Sinn in immer neuen Selbstdarstellungen zu inszenieren, denn du wähnst dich an der Quelle des Erkennens angekommen und siehst nicht, daß diese dir nur deine eigene Maske reflektiert. Weil du nicht erkennst, daß in deinen Bildern statt Lebensreife und -erfahrung nur deine egoaufgeblähte Selbstbespiegelung schlummert, nämlich im Gesehenen die Realität nach deinem eigenen inneren Bild zu interpretieren, bist du gezwungen, die Überwindung und die Wiedergeburt des inneren Vater-, Guru- oder Gottesbildes auf der Vorstellungsebene bodenlosen Hirntheaters als endlose Selbstverzerrung immer wieder darzustellen, bis du eines Tages merkst, daß sich in dieser Haltung ja gerade dein Negativ-Wunsch erfüllt: Der Wunsch, vom Vater für deine Aggression bestraft zu werden … oder vom Schicksal für das Fehlen, nicht wie der Vater(-Gott) zu sein.
Lösung
Andererseits bist du in dieser Hölle in der Lage, dich als gespiegeltes Bild im Spiegel deiner Vorstellung zu erkennen, denn dein Bestreben, die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen, krönt sich in der Auseinandersetzung mit einer Ein- und Rückbindung ins Zeitlos-Ewige. Der Spiegel verwirrt dich nicht, ganz im Gegenteil, du rennst auf den Spiegel zu, indem du durch das Ausleben der inneren Strukturen die Ereignisse in dein Leben ziehst, die als Projektionsträger deiner unerlösten Wünsche in der Außenwelt fungieren. Erst wenn du im äußeren Schicksal jene Teile deiner Personalität erkennst, die du im Tageslicht nicht siehst, kannst du auf den Spiegel verzichten, denn dann kannst du die Verantwortung für deine äußeren Such- und Sinnbilder wieder übernehmen, und zwar auf einer Tiefen-Ebene, die unendlich mehr ist, als du in deinem Bewußtsein unterbringen kannst: Es ist das Wissen des Vaters, der sein eigener Sohn geworden ist!
Pulsuz fraqment bitdi.