Kitabı oxu: «Die 8te Pforte»

Şrift:

Akron & Sterntaler

Die 8te Pforte

Jenseits der Schwelle

Der Trauma-Trip des alten Magus



Alle Zeichnungen sowie der „Undine“-Teil in Kapitel 13 („Der vergessene Traum“) entstammen der Feder von Patricia Cooney, die seit vielen Jahren „Undinens unterirdische Sternenkammern“ im Parterregewölbe meines Geisterhäuschens bewohnt.

Weihnachten 2016, am Ruhberg


Copyright © 2017 by Akron Edition GmbH.

Akron Edition GmbH, Ruhberg 20, CH – 9000 St. Gallen

www.akron.de

Layout, Satz- und Umschlaggestaltung: Medienagentur Holger Kliemannel gestaltung@roterdrache.org

Titelbildmotiv: Patricia Cooney

Illustrationen: Patricia Cooney

Gesamtherstellung: Book Press, PL-Olsztyn

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-906925-01-1

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Vorwort

Prolog

Buch I: Das Haus der Geister „Die Suche nach dem Tod“

Kapitel 1Niemand

Kapitel 2Der Dialog mit dem eigenen Spiegelbild

Lore-ley

Kapitel 3Niemands Traum

Niemands unerlöste Liebessehnsucht

Kapitel 4Niemand und Seele

Niemands Seele

Kapitel 5Die sechs Geister

Der Tod – die Bühne der Geister

Der erste Geist

Der zweite Geist

Der dritte Geist

Der vierte Geist

… oder die Vision der Grossen Mutter (4)

Der Geist der Finanzen (3) … war nie weg!

Der fünfte Geist

Der Schatten des Schattens (4)

Alle Geister gemeinsam (1-5)

Der sechste Geist

Der Reigen der Geister (1-6)

Kapitel 6Der Wächter der Seele am Ende der Träume

Buch II: Das Haus der Erinnerungen „Die Suche nach dem Tod führt zum Finden von sich selbst“

Kapitel 7Die Stimme im Ohr

Die Hölle im Kopf

Kapitel 8Der multiple Andere

Der Eingangsbereich

Das Phänomen im Treppenhaus

Der Spiegelraum

… und wieder zurück: Der gespiegelte Eingang

Das Traumschiff und der Küchengeist

Noch eine Stufe tiefer: Der Tod

Einen Schritt zurück: Das Erwachen aus einem Wahn

Kapitel 9Das gespaltene Ich

Mein multidimensionaler Zauberplatz

Meine beiden magischen Ichs

Die Unerlösten und ihre Sehnsucht

Kapitel 10Das tückische Du

Die Augen der Sehnsucht

Kapitel 11Der Urahne

Das Gespenst mit den Bernsteinaugen

Niemand kehrt zurück

Kapitel 12Die Hochzeit aller inneren Personen

Der verlorene Teil kehrt wieder heim

Nach Hause: zu mir!

Kapitel 13Undine – der vergessene (T)Raum

Epilog Niemands Vermächtnis

Die Büchse der Pandora

Ein letztes Manöver in der Zeitlosigkeit

Die Rückkehr zu den Sternen

Weitere Bücher


Der allgegenwärtigen, alles umfassenden und unbekannten geistigen Kraft in uns allen gewidmet!

Nach den „7 Pforten des Geistes“, 2012, und meinem Autounfall im gleichen Jahr wollte ich meine literarische Tätigkeit beenden. Doch ein Traum in der Nacht auf den 11. 12. 2015 hat mich eines anderen belehrt. Es war eine klare Aufforderung, den Schock des Ereignisses und die Erkenntnisse daraus in einer Weiterführung jenes Themas zu verarbeiten.

Prolog

Träumer:Letzte Frage: Was ist mit dem Weiterleben nach dem Tod?

Wächter:Der Tod ist völlig bedeutungslos. Er betrifft nur das Ego und das Ego ist nur eine kleine Feder an der Schwinge des Adlers, und wenn sie wegfällt, wächst darunter schon eine neue nach, und der ganze Vorgang behindert den Flug des Adlers kaum.

Träumer:Und was bleibt von den Träumen?

Wächter:Sie fließen ins Auge des Ewigen zurück, wenn das letzte Individuum am Ende der Reise erwacht und die Kette unterbricht. Dann nämlich, wenn die gereifte Seele die schützende Hülle ihres Egos verlässt und beginnt, wieder mit den kollektiven Schöpferkräften zu zerfließen, welche die Ursprungsquelle darstellen und für die der Mensch nur ein Blick im Auge des Ewigen ist.

Träumer:So hat der Mensch keine wirkliche Freiheit?

Wächter:Er hat viel mehr: nämlich eine schöpferische Illusion seiner Welt. Er weiß nicht, dass das, was er zu tun beabsichtigt, immer gerade dem entspricht, was er sowieso tun wird.

Träumer:Dann wäre das Wollen nur der Trick, sein inneres Streben mit den vorhandenen Energien in Übereinstimmung zu bringen?

Wächter: Nun – Zukunft ist im Grunde immer auch ein Teil unserer inneren Erwartungen.

Träumer:Und wohin führt die Reise?

Wächter:In alle Richtungen gleichzeitig. Die Summe aller gespeicherten Erfahrungen und Erinnerungen ist die treibende Schicksalskraft, die alles vorwärts peitscht, oder andersherum, die „zukünftige“ Erinnerung ist das, was sich in der Gegenwart auswirkt und die Vergangenheit gestaltet, damit das Hier und Jetzt von den Menschen zu jedem Zeitpunkt richtig „beabsichtigt“ werden kann.

Mit diesen letzten Sätzen aus einem mehrseitigen Dialog meiner inneren Personen hatte ich am 23. März 2012 mein letztes Buch, „Die 7 Pforten des Geistes“, beendet. Zwei Stunden später wurde ich vor meinem Grundstück auf der Einbahnstrasse von einem rückwärtsfahrenden Fahrzeug überfahren, und das nächste, was ich wahrnahm, war das Gesicht von Lussia, meiner Gefährtin, die wie ein leuchtender Vollmond über mir schwebte. Sie sagte mir betrübt, dass ich an meinem Gartenzaun von einem Fahrzeug gerammt, mit dem Gesicht gegen die Glasscheibe geklatscht und danach acht Meter rückwärts durch die Luft katapultiert worden wäre. Man hätte mich mit einem Schädel-Hirn-Trauma sofort in die Klinik gebracht, in der ich nach einem mehrtägigen Koma gerade in diesem Augenblick wieder aufgewacht wäre und sie deshalb schon froh sein müsse, dass ich überhaupt noch lebe.

Doch lassen Sie mich die Geschichte der Reihe nach erzählen: An diesem Tag haben sich ein paar gute Freunde von mir anerboten, mir beim Fällen der Bäume zu helfen, denn mittlerweile hat es sich bei uns längst herumgesprochen, dass ich für Garten- und andere materielle Arbeiten zwei linke Hände habe. An diesem Tag hatte ich mich den Korrekturen meiner letzten Publikation gewidmet (siehe Eingangszitat), als ich plötzlich vor dem Haus einen lauten Schrei und einen dumpfen Knall vernahm. Draussen musste ich mit Schrecken feststellen, dass einer der vier Bäume, die zur Fällung standen, zwar ungefähr in der berechneten Linie fiel, doch leider zehn Zentimeter zu weit links auf den metallenen Gartenzaun prallte und von diesem wieder zurückgefedert wurde und in dieser Bewegung meinen mannshohen, hundertjährigen griechischen Amor zerschmetterte, der auf einem Sockel in der Mitte eines kleines Teiches thronte.

Diese Marmorfigur stand mir emotional besonders nahe, war sie vor 150 Jahren nicht nur prominent am Treppenaufgang der marmornen Eingangshalle des St. Galler Museums platziert, sondern sie hatte in meinem Gedächtnis auch eine ganz persönliche Geschichte hinterlassen. Sie war das Geschenk eines guten Freundes an seine Geliebte, nachdem dieser die Figur 1974 während des Theater-Umbaus auf der ungesicherten Baustelle geklaut hatte (und später ertappt wurde). Ich konnte den leicht beschädigten Amor aber ein paar Jahre später für 1000 Franken von der Stadt zurückkaufen, die ja dafür auch keine Verwendung mehr hatte und ihn einfach in ihren Kellern einlagerte. An diesem schicksalsträchtigen Tag war mir daher in der Folge der ganze Tag verdorben. Immer wieder sann ich darüber nach, was mir dieses Malheur wohl zu sagen hatte, denn ich erahnte, ohne die Begleiterscheinungen aber näher ergründen zu können, einen unbewussten, selbst herbeigeführten Zusammenhang. Jedoch erst acht Monate später, während eines Seminars in Wien, als ich den Menschen von diesem Unfall erzählte, fiel‘s mir mit einem Male wie Schuppen von den Augen und auf einmal war die Sache klar.

Als ich im November 1982 in mein Haus einzog, waren die mächtigen, dreissig Meter hohen Bäume noch zierliche vier-Meter-Sträucher, die nahe am Gebäude direkt an der Grenze zum Nachbarn standen. In den nächsten Monaten, in denen ich mich um die totale Restauration dieses kleinen Hexenhäuschens, eine Art „Neuschwanstein im Gartenhäuschenformat“, kümmerte, wurde ich ein paarmal von Nachbarn und Bekannten auf die Bäumchen angesprochen. Sie wollten wissen, ob ich diese nicht lieber fällen sollte, solange sie noch klein waren. Später würden sie bestimmt riesig werden und da sie vom Haus besehen auf der Süd/​West-Seite wuchsen, nähmen sie auch viel Sonne und Licht weg. Doch für mich war das seinerzeit keine Option. Ich kann mich noch ganz gut erinnern, als ich damals, von Carlos Castaneda und den zaubernden Tolteken inspiriert, gross in die Welt hinausposaunte: „Was wäre das für ein erbärmliches Ego, das einfach zerstört, was ihm nicht passt und alles seinen persönlichen Befindlichkeiten unterordnet. Diese Bäume standen schon, bevor ich hier einzog, und deshalb hätten sie die älteren Rechte. Howgh – ich habe gesprochen!“

Langsam bekam ich ein Gefühl für die Abläufe, die sich um mich herum abspielten und nun wurde mir die ganze Sachlage allmählich klar: Es kann durchaus problematisch sein, wenn man tiefe Versprechungen, die man in die Welt setzt, später bricht, und dabei geht es auch nicht um einen Gott oder eine höhere Kraft, die einen bestraft, sondern um das eigene Gewissen, das einem diese plötzliche Haltungsänderung nicht verzeiht. Da kann man im Kopf lange darüber debattieren, die Bäume seien in der Zwischenzeit wirklich hoch bzw. der Schattenwurf auf das Haus mittlerweile inakzeptabel geworden, Tatsache bleibt: Ich habe das Allzeitgedächtnis meines tiefsten inneren Wesens irritiert, als ich die Bäume fällen liess, die ich zuvor dreissig Jahre lang „verteidigte“, und deshalb war alles, was daraus erfolgte, auch nur folgerichtig. Um im Bild zu bleiben: Es geht nicht darum, dass man seine Bäume nicht fällen darf noch geht es darum, dass man keine klaren Zielsetzungen formulieren soll, es geht hier einfach darum, aufzuzeigen, was im Inneren passieren kann, wenn man klare emotionale Massstäbe plötzlich umdreht und das Gegenteil vom ehemals Beschworenen anstrebt.

Zurück zur Geschichte: Die gute Stimmung war plötzlich weg, ich fühlte mich richtig niedergeschlagen und bedrückt und grübelte stundenlang vor mich hin, bis ich schliesslich zurück ins Büro schlich, um an den letzten Korrekturen weiterzuarbeiten und irgendwann dann zum Schluss des Buchs gelangte, dem „Echo aus einer anderen Welt“ (siehe Anfangszitat). Irgendwie war ich schon seit Stunden nicht mehr richtig bei der Sache und so war ich ziemlich erleichtert, dass ich kaum noch weitere Satzfehler oder andere Ungenauigkeiten fand und die Sache abschliessen konnte. Auf eine seltsame Weise zog es mich immer wieder nach draussen. Schnell eilte ich zurück in den Garten. Die gefällten Bäume waren inzwischen auf einem grossen Wagen zum Abtransport verstaut, die Werkzeuge sortiert und die vielen Holzstücke und Scherben aufgeräumt, und so eilte ich zu Lussia und half ihr beim Wischen der Strasse (der Garten mündet an eine abschüssige Einbahnstrasse in einem Wohnquartier).

Während ich also Staub und Dreck zusammenkehrte, kam gegen Abend Ceylan, mein türkischer Nachbar, von seiner täglichen Beschäftigung im nahegelegenen Schrebergarten zurück. Er sah die Holzspäne und die Unordnung auf der Strasse und fragte mich, was denn passiert sei, es wäre doch sehr erfreulich, dass diese hohen dunklen Bäume endlich entfernt worden sind. Ich wollte ihm die ganze Geschichte schildern; dazu bewegte ich mich mit ihm zusammen über die Strasse zum Garten hin, an den Zaun, wo ich ihm das Malheur meiner Marmorstatue genau erklärte, die in vielen Stücken zerschmettert im Teich und auf dem Gartenweg lag.

In diesem Moment begann sich die Szenerie farblich plötzlich zu verändern und als erstes fiel mir auf, dass der zerbrochene Amor im Wasser plötzlich einen perlmuttartigen Glanz ausstrahlte, ja, er schimmerte in einem weichen, an den Rändern verschwimmenden halluzinogenen Licht. Allmählich wurde der ganze Torso von innen her beleuchtet und fing an, in prächtigen, unwirklichen Farben zu illuminieren, und dann wurde ich von den verkopften Gedanken befallen, ob mir irgendjemand möglicherweise Haschisch, Ayuasca oder etwas Ähnliches in den Tee gemischt haben könnte, denn es war ein richtiges halluzinogenes Schauspiel, das sich vor mir ausbreitete …

Im selben Atemzug begann ich mich vom Boden zu erheben und während ich etwa in Manneshöhe in der Luft schwebte – ich war damit beschäftigt, mein Gewicht auszubalancieren, um nicht plötzlich auf die Erde zu fallen –, hörte ich unter mir das unruhige Stimmengewirr vieler Menschen, die um mich herum standen. In der gleichen Sekunde durchzuckte mich die Frage, was die Leute von mir wollten, denn die Realität war bei mir völlig ausgeblendet und stattdessen hatte ich das innere Empfinden, als ob sie nach einer Rede verlangten oder dass ich ihnen etwas Wichtiges sagen sollte.1

Ich dachte noch, das verschiebe ich besser auf morgen, denn ich war schon viel zu lange im Garten und hatte im Büro noch viel Arbeit vor mir, und das Nächste, was ich sah, war – wie schon eingangs geschildert – das Gesicht von Lussia, das über mir schwebte. Ihre Stimme klang wie durch Watte, als sie mir mitteilte, dass ich neben einer zerschmetterten Kniescheibe und ein paar Gesichtsbrüchen ein mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten hätte und soeben aus einem mehrtägigen Koma aufgewacht wäre.

Ich wollte ihr das erst gar nicht glauben, denn das betreffende Auto samt Unglücksfahrer wurde von meinem Bewusstsein (bis heute) verdrängt. In meiner von Morphium getränkten Trance war ich wie euphorisiert und erzählte den Besuchern und allen Menschen an meinem Bett von einem grossartigen Erlebnis, in dem ich mich am Steuer meines Motorboots rheinaufwärts bewegte und eben den Loreleyfelsen passierte, eine schöne, aber wohl dem Trauma geschuldete Reaktion, da die mich betreuende Ärztin auf den Namen Lore hörte.

1

Drei Jahre später konnte ich diese Vision aufschlüsseln. Ich hatte am 22. Januar 2015 im Dornier-Museum in Friedrichshafen einen Vortrag zum Thema „Was ist mit dem Empfinden jenseits des Denkens? Wo sind die Zugänge zu anderen Ebenen?“, und zwar im Hangar direkt unter dem Flügel einer D-1103, einem historischen Flugzeug, das in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts einige Flüge über den Nordpol machte. Das Podium war einen Meter erhöht, und während ich mich locker ins Thema hineinimprovisierte und dabei auch über meinen Unfall vom März 2012 resümierte, hatte ich plötzlich ein Déjà-vu, eine Art „zukünftige Erinnerung“, und zwar aus der Sicht meines vergangenen Unfalls, als ich seinerzeit plötzlich in die Höhe schwebte und viele Stimmen unter mir wahrnahm, was aus der Sicht von damals eben der „zukünftigen“ Erinnerung unter dem Flügel dieser D-1103 entsprach.

Buch I Das Haus der Geister

„Die Suche nach dem Tod“


Kapitel 1

Niemand

„Hörst du mich?“, vernahm ich deutlich eine Stimme. „Wer bist du?“, gab ich zwischen den Welten zurück.

„Gleich wirst du dich wieder erinnern“, hörte ich den inneren Ruf, „lass die Augen nur zu!

Dann kannst du den Übergang besser erfahren, der in deinen Träumen auf dich wartet.“

„Was für einen Übergang?“

„Unsere Begegnung findet auf einer Frequenzebene statt, die bereits an die Pforten des Bewusstseins anklopft, und ich bin die Energie, die ständig zwischen Bewusstem und Unbewusstem hin- und herpendelt. Hier bin ich reine Energie und verfüge im Gegensatz zur anderen Seite über keine äußere Gestalt, doch zur Erleichterung habe ich dir ein Bild von mir rückwirkend in dein Gedächtnis projiziert.“

Der Hintergrund meiner inneren Bilder brachte das Bild wunderbar zum Ausdruck. Es stellte einen Mann unter einer mächtigen Kapuze dar, dessen Gesicht verdeckt im Schatten lag, nur die roten Augen funkelten hervor. Das Gesicht war mir sehr vertraut und auf irgendeine Weise schienen mir auch seine Augen zu antworten, denn einen Moment lang hatte ich das seltsame Gefühl, als blinzelten sie mich an.

Nichts geschah. Das Dröhnen der Stille verstärkte sich. Kein Mensch weit und breit, als ich wieder zu mir kam. Ich war allein, über mir nur die Decke und vor dem Fenster das nächtliche Grau. Um mich herum war es ganz still, weder Geschrei, Chaos oder Hektik, es roch nach Medikamenten und nur das leise Blubbern irgendwelcher Maschinen erfüllte den Raum.

Ein paar Erinnerungsfetzen zuckten mir durch den Kopf und ich hatte das Gefühl, als ob ich vergeblich gegen ein Fahrzeug ankämpfte, das wie ein wilder Stier auf mich zugeschossen kam, und in der nächsten Einstellung lag ich bewusstlos auf der Strasse. Ich machte mir Gedanken, wo ich war und versuchte, alles um mich herum genau aufzunehmen. Dazu liess ich meinen Blick über einen Gesichtskreis von 180 Grad schwenken. Irgendwie nahm ich ein paar grosse Apparaturen und Instrumente um mich herum wahr, Beatmungsmaschinen, Röntgen- und Infusionsgeräte, und langsam dämmerte mir, dass ich mich im Herz eines „Emergency Rooms“, an der Schnittstelle zwischen Rettungswagen und Krankenhaus, befinden musste. Ich war nicht ganz wach, aber ich schlief auch nicht; es musste ein seltsamer Wachtraum sein, der mich mit seinen Schlangenarmen umzüngelte, ein halbwacher Zustand mit dem traumähnlichen Bild eines aus Fragmenten bestehenden Ereignisses.

Noch während ich erschöpft wieder die Lider schloss und mich mit einem Seufzer noch tiefer ins Bett sinken liess, wusste ich, dass ich nicht träumte. Niemals zuvor in meinem Leben war ich bei klarerem Bewusstsein gewesen. Es gab nicht den geringsten Zweifel. An der Wand auf meiner linken Seite leuchtete plötzlich ein grosser Lichtfleck auf und irgendwie starrte ich in einen kegelförmigen Spalt: „Komm da raus!“, rief ich unvermittelt. Aus dem rechten Augenwinkel nahm ich kurz eine Bewegung wahr. „Ich weiss genau, dass du da drinnen steckst!“

Die Leuchtkraft schien die ganze Wand zu überfluten. Es war, als sähe ich durch die geschlossenen Augenlider in ein beissendes Geflimmer. Eine weiße Lichtaura zog mich an und von einer Sekunde zur anderen entzündete sich ein Feuerwerk in meinem Hirn. Erst zirpende, kaum hörbare Stimmen, die immer höher kletterten, kreisende Geräusche, die sich immer schneller drehten und plötzlich hatte ich das innere Gespür, mit den Stimmen zu schweben und in die Ewigkeit aufzusteigen. Ich spürte, wie meine Wirbelsäule in rasende Vibrationen geriet. Irgendwie fühlte ich mich auf einmal in zwei Teile gespalten und gleichzeitig nahm ich den Leuchtfleck als Rahmen einer mir unsichtbaren Welt wahr, in der ich meinem Seelenführer begegnete, irgendwo zwischen Himmel und Erde.

„Zeig dich mir endlich!“ Meine Stimme zitterte vor Aufregung. „Oder bist du zu feige, dich mir zu stellen?“ Dann hörte ich ein leises Scharren, dem ein schürfendes Geräusch folgte. Das Leuchten schien sich auszudehnen und wieder zusammenzuziehen. Es hatte offenbar begonnen, in meine Richtung zu fliessen, denn der Lichtkegel wurde stärker und deutlicher sichtbar. Irgendwann bewegte sich der Spalt, und mir war, als ob jemand den Raum betrat. Um mich herum flutete ein strahlender Glanz.

Ich fühlte mich geistig wie berauscht, als dieses flimmernde Gefunkel wellenförmig auf mich zufloss. Ich versuchte aus den leuchtenden Flächen so etwas wie eine Form oder ein Gesicht herauszulesen; dazu liess ich meinen Blick über das glühende Objekt vor meinen Augen gleiten und sofort glaubte ich irgendwie vertraute Züge wahrzunehmen, die unter dem starken Lichtglanz zum Vorschein kamen, oder anders gesagt, ich wartete, bis die darunterliegenden Gesichtszüge durch die verblassende Glut hindurchschimmerten. Auch wenn ich nichts Genaues wahrnehmen konnte, so bildete ich mir ein, als ob es eine Erscheinung unter einer mächtigen Kapuze war, die sich mir aber nicht zu erkennen gab. „Erkennst du mich? Weisst du, wer ich bin?“, hörte ich eine Stimme, obgleich ich mir ziemlich sicher war, dass ich in diesem Augenblick nur träumte.

„Wo sind wir hier?“, brach es statt einer Antwort aus mir heraus. Meine Persönlichkeitsstruktur löste sich auf und ich bemerkte, wie eine fremde Energie durch mich hindurchfloss.

„Gleich wirst du dich wieder erinnern, allmählich wirst du die Situation verstehen, in der du dich befindest …“ Ich spürte einen eisigen Atem im Gesicht: „Mein Name ist Niemand. Ich bin der Wächter an der Schwelle und erscheine jedem in der Gestalt, in der er sich an mich erinnern kann …“

„Niemand?“ Es war, als ob die mir bekannte Realität zusammenbrach, denn neben meinem Bett sah ich plötzlich zwei flimmernde Augen aufleuchten, als würde ich von einem Hochenergielaser berührt. Das eine Auge brannte sich mir mit seinem Blick punktuell in den Geist oder das Denken ein, während sich das andere kreisförmig um das Empfinden meiner Seele legte, und sie wechselten sich im Rhythmus so ab, dass, wenn das eine in mir explodierte, ich mich in den freien Raum hinausgeschleudert fühlte und, wenn sich das andere in mir wieder zusammenzog, ich mich in Niemands Herzen angekommen fühlte. Zudem erblickte ich um die beiden Augen herum mein eigenes Gesicht: mitten im Zimmer, in dem ich mich befand, und das Leuchten war mein Augenlicht. „Versteh ich dich recht?“, hauchte ich aus dem hintersten Winkel meiner Seele.

„Absolut!“, erwiderte er. „Genauso, wie sich jeder Lebensabschnitt aus verschiedenen Handlungsabläufen und inneren Persönlichkeitsteilen zusammensetzt, ist auch der Tod ein Ereignis mit ganz unterschiedlichen Ausgängen. Dort, wo sich die geistigen Ebenen mit dem menschlichen Selbst schneiden, entsteht ein Durchgang, durch den das Ende in dich eindringen kann.“

„In mich eindringen? Davor bewahre mich Gott!“, brüllte ich. Geister und Dämonen tanzten auf meiner inneren Bühne und schleuderten ganze Armaden von Lichtspeeren auf mich. Mein mehrdimensionales Wesen flackerte einen Moment, dann begann sich meine Bewusstseinsbühne langsam zu verschieben, als ob sie sich zu einem anderen Blickwinkel auseinanderfalten wollte. Unfähig, mich zu rühren, konnte ich spüren, wie seine Energie in meinem Körper floss.

Er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte: „Hab keine Angst! Während des Todes löst sich das gewohnte Ich auf und zerstäubt wie eine Handvoll tanzender Funken. Für das menschliche Ego hört sich das viel schlimmer an, als es wirklich ist. Es ist nur das geistige Herausfegen alter Bilder aus deinem Kopf: Ist dieses alte Gerümpel erst einmal aus deiner Seele verbannt, fühlt es sich im gleichen Augenblick schon sehr viel freier an …“

„Mir wird angst und bang …“, wimmerte ich, der Erschöpfung nahe. Ich spürte, wie sich mein Wesen ganz allmählich mit neuen Erkenntnissen füllte und der veränderte Geist die alten Prägungen aus mir herausdrängte.

„Jaja, ich weiss“, erwiderte er, „Niemand macht dir Angst. Es ist der rigorose Abbau alter gewohnter Beklemmungen in deinem Hirn. Spürst du die Wirkung? Bald bist du frei!“

„Was willst du?“, strömte der Schreck aus meiner Seele. Erschütternde Gewissheit breitete sich in mir aus. Als das Leuchten intensiver wurde, verloren sich die Umrisse seines Gesichts … sie begannen sich langsam zu verdunkeln.

„Ich bin auf deinen Ruf gekommen, um dir zu zeigen, wohin du gehen willst!“, sagte er und ein amorphes Objekt leuchtete an seiner Stelle.

Niemand schien einen empfindlichen Nerv in mir getroffen zu haben, denn ich fühlte, wie mir Tränen in die Augen traten. „Dann sag mir, wohin ich gehen will?“, schluchzte ich.

„Zu mir!“, antwortete er. „Ich sagte schon, dass Niemand für das Ende deines Egos steht, und das ist es, was dich antreibt: Du willst zu mir!“

„Zu dir?“ Ich war konsterniert. „Ist das mein Ziel?“

„Ja und nein. Jeder Mensch setzt seine persönliche Welt nach den eigenen Vorstellungen und Wünschen zusammen.“ Wieder bemerkte ich einen Lichtereffekt an der Stelle, wo ich sein Gesicht vermutete. Allmählich wurden die Gesichtszüge wieder deutlicher. „Aber du bist anders, hast ein anderes Ziel“, fuhr er fort. „Du möchtest die Gesamtheit deines Selbst erfahren, deshalb hast du mich gerufen.“

„Ist meine persönliche Welt denn eine andere?“, erlaubte ich mir sachkundig dagegenzuhalten.

„Gewiss“, bestätigte er, „du bist ein nörgelnder Skeptiker und magst die Menschen nicht, die sich traditionell verhalten.“ Die beiden Ebenen begannen sich ineinander zu verdrehen.

„Und wieso kann ich das alles hier mehrfach sehen?“, versuchte ich herauszufinden, denn gleichzeitig lag ich im Bett und konnte nicht nur Niemand, sondern auch noch ein paar weitere verschiedene Frequenzbereiche um mich herum deutlich wahrnehmen, die sich wie die Speichen eines Rades um eine imaginäre Nabe in meinem Kopf drehten.

„Du bist eben anders“, tat er mir kund. „Du weisst, dass die Beschreibung der Welt nur in deinem Kopf existiert und zwar durch die Brille, die dir dein Ego diktiert. Diese Sichtweise verändert sich im Leben je nach Verschiebung des Fokus, durch dessen Linse du die Welt betrachtest. Jede Veränderung der Perspektive verwandelt auch den Hintergrund, auf den sich die Erfahrung der ursprünglichen Sichtweise bezieht, und von verschiedenen Standpunkten aus kannst du verschiedene Assoziationsebenen aufrufen, die unbekannte Bereiche deiner Persönlichkeit freilegen. Es sind deine sechs inneren Geister oder Wesensteile, denen du hier begegnest!“

„Wo seid ihr – ihr Geister?“, brüllte ich. An der Wand auf meiner linken Seite öffnete sich plötzlich ein mannsgrosser, kegelförmiger Lichtspalt. Ich starrte in die Glut: „Kommt wieder aus mir raus!“, befahl ich meinen inneren Wesensteilen. „Niemand hat euch erlaubt, dass ihr in mir drinbleiben könnt.“ Es war, als sähe ich durch meine geschlossenen Augenlider in ein beissendes Geflimmer. Mein Sehen war viel mehr als nur ein äusseres Bild: es war ein inneres Erkennen. Und als ich meine Aufmerksamkeit bewusster auf die äussere Erscheinung neben meinem Bett richtete, deren Gestalt aus dem Schatten plötzlich ins Licht trat, schienen mir auf irgendeine Weise auch ihre Augen zu antworten, denn einen Moment hatte ich das seltsame Gefühl, als hätten sie mich erkannt.

Ich stellte fest, dass diese Vision mehr als nur ein Erlebnis oder eine Erinnerung war: Sie bebilderte eine multiple Situation, in der das Geschehen mehrdimensional übereinandergeschichtet war. „Könnt ihr mehr über euch erzählen?“, erwiderte ich interessiert.


„Sei nicht so neugierig, wir werden dir bald alle begegnen“, hörte ich sie sagen. „Wir sind deine sechs auf unterschiedlichen Stufen operierenden inneren Personen, von denen du alles erfragen kannst, was dich interessiert und was du zu erfahren suchst.“

„Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn ich daran denke, dass ihr alle in mir existiert. Wie kann ich mich schützen?“ Ich hatte ein mulmiges Gefühl beim Gedanken, dass da irgendeine fremde Energie in mein Inneres eingedrungen war.

„Normalerweise braucht man sich vor uns nicht zu schützen“, raunten sie mir zu, „denn wir lösen in den Menschen nur die ‚zukünftigen Erinnerungen‘ aus, an die sie sich erst sehr viel später erinnern können, da sie im Moment ihres Empfindens noch gar nicht stattgefunden haben.“

„Dann seid ihr die unerlebten Erfahrungsmuster und Frequenzebenen unbekannter Wesen meiner Art?“, hörte ich mich selbst denken. „Wo kommt ihr her? Was ist eure Welt? Kann ich irgendetwas für euch tun?“, versuchte ich meine innere Unruhe zu überspielen.

„Was möchtest du denn tun?“ Sie schienen ziemlich belustigt über das, was ich sagte.

„Ich möchte mich von meinem persönlichen Ego lösen und euch in die Geisterwelt folgen …“, versuchte ich sie zu überzeugen und löste damit ein Beben in meinem Solarplexus aus. Die Vibrationen wurden schneller und fingen an, sich in mir zu drehen, bis mir schwindlig wurde.

„ … uns folgen“, wiederholten sie verdächtig sanft. Kaum hatten mich ihre Worte berührt, fühle ich die wundersame Wiederkehr einer tief aufsteigenden Erinnerung in mir. Das Licht im Raum wirbelte nach innen, wobei es herrliche Reflexe hervorrief und seltsame, züngelnde Schatten warf: „Du könntest dich höchstens darauf konzentrieren, unsere Botschaft zwischen deinen Ohren gut zu verarbeiten.“

Die Geister expandierten im Bewusstsein rasend schnell und füllten bald mein ganzes Gesichtsfeld aus. Im nächsten Augenblick zogen sie sich zu einem Lichtpunkt vor mir zusammen, von dem ich annahm, dass es Niemands leuchtendes Auge war. Im Grunde war es mein eigener Blick, der sich mir durch Niemands Auge gegenübersah, eine durchscheinende, schimmernde Glut, deren Tiefe die Unbegrenztheit des Kosmos atmete.

„Sieh nur“, sagte dieser ganz ruhig, „sie kommen aus dem Unbewussten herauf zu dir, um dir etwas mitzuteilen.“ Einen Moment war ich ganz davon in Anspruch genommen, die Lichtfünkchen, die ihn umströmten, zu beobachten.

Und gleichzeitig blickten Niemand und ich uns gegenseitig an, da wurde ich mir plötzlich meiner multiplen Situation bewusst. Irgendwie schien er die Kontrolle über mein Verhalten übernehmen zu wollen und ich fragte mich, ob das Ganze möglicherweise nur ein Versuch von mir war, mit dem Tod und dem bevorstehenden Übergang besser umgehen zu können.

„Kommst du mit mir?“, enthüllte er sein charmantestes Lächeln. „Ich habe dich oft in deinen Träumen besucht, auch wenn du dich nicht mehr daran erinnern kannst …“

„Und nun bringst du mir die Erinnerung zurück, die ich schon längst vergessen habe“, fiel ich ihm ins Wort. Ich spürte die alten Bilder in mir: „Ja, ich komme mit“, meine Gedanken begannen zu rasen. Sie drehten sich immer schneller, bis ich sie nicht mehr einzeln wahrnehmen konnte. Meine Hirnganglien fingen an, sich zu bewegen, und das Ganze stieg wie ein nebelhafter Schleier zu mir auf, eine endlose Kette von Assoziationen, die an meiner Wahrnehmung vorbeischwebten. Schnitt.

Mein mehrdimensionales Wesen flackerte einen Moment, dann begann sich meine Bewusstseinsbühne langsam zu verschieben, als ob sie sich zu einer tieferen Dimension von Erkenntnis auseinanderfalten wollte. Und eine Botschaft vereinigte sich aus sechs verschiedenen Perspektiven in meinem Mund: „Wir sind ‚Niemands‘ verschiedene innere Selbst und möchten dir zeigen, was dich auf der anderen Seite erwartet. Bist du bereit?“ Er lächelte maliziös.

„Ja, ich möchte mit dir kommen, dich durch alle Sehnsüchte meines Herzens begleiten“, jubelte es in mir, „und mich in jeder Hinsicht von dir leiten lassen.“

„Dann lass uns die Welt durch meine Augen betrachten …“, mit einem Mal spürte ich seine Augen in meinem Kopf, seine Gedanken pressten sich in mein Bewusstsein und es war, als sähe ich durch die halbgeschlossenen Augenlider in ein Licht: „ … die ich dir zur Verfügung stelle, damit du die Zusammenhänge in deiner Erinnerung besser verstehen kannst!“

Doch bevor ich in seinen Eingebungen versank und mit den mir geliehenen Augen die Ewigkeit ausmaß, hatte ich eine seltsame Vision: „Du fließt als ein Ausdruck menschlichen Ringens um die letzten Dinge in das kosmische Nichts zurück“, strömte es aus meiner Seele. Schnitt.

„Vermeide seinen Blick …“, sagte eine geisterhafte Stimme plötzlich neben mir und ich spürte, dass ich nicht alleine war. Es war aber auch nicht ‚Niemand‘. Eine unbekannte Energie, die ich in Verdacht hatte, der Tod zu sein, hatte sich zwischen uns gestellt und bewegte sich wie ein Doppelgänger. Irgendwie schien mir, als pendelte sie zwischen ihm und mir.

„ … sonst wirst du von ihm aufgesaugt!“ Plötzlich blickte ich durch die Augen meines Traumkörpers. Während die Person, die ich eben noch war, versuchte, seine Hand zu erfassen, dabei aber nur ins Leere griff, berührte mein geträumter Teil die Hand des Sensenmannes: „Was für dunkle Erinnerungen löst du in mir aus?“ Ich weigerte mich, irgendwelche Ratschläge zu befolgen, solange ich die Zusammenhänge nicht kannte.

„Während des Todes löst sich das gewohnte Ich auf und zerstiebt wie eine Handvoll tanzender Funken, und gleichzeitig entstehen neue Impulse, zwischen denen eine starke Verbindung besteht“, fauchte er mich an. „Das ist auch eine der Ursachen, warum wir miteinander reden können, obwohl wir ganz andere Energiewesen sind. Aber durch einen gemeinsamen kosmischen Traum schwingen wir auf der gleichen Frequenz.“


Sein Gesicht flimmerte. Es war der Tod. Im Grunde war es mein eigener Blick, der dem Tod im Umweg über Niemand ins Auge sah, eine durchscheinende, schimmernde Glut, deren Tiefe die Unbegrenztheit des Kosmos atmete.

„Deshalb pendelst du in diesem Augenblick zwischen Verstand und außerkörperlicher Wahrnehmung hin und her, ohne dich aber für die eine oder andere Seite entscheiden zu können“, antwortete er und schaute mich lang und unverwandt an, „denn du bist im Begriff, dich von deinem Körper zu lösen, obwohl du davon auch nicht restlos überzeugt bist, und im Moment steht es unentschieden, das heisst, dir stehen beide Perspektiven offen.“

Ich sagte ihm, dass ich mich in diesem Augenblick sehr unbehaglich fühlte. Ich fürchtete mich vor dem Unbekannten, das mich erwartete, und das mich gleichermassen anzog. Ich hatte Angst.

„Jeder kommt irgendwann an diesen Punkt“, erklärte Niemand hoheitsvoll. „Auch ich bin vor langer Zeit an dieser Stelle gestanden, und die Kraft hat mich geführt. Mach dir keine Sorgen – schließlich bist du ein Stück von mir …“

„Ein Stück von dir – wie soll ich das verstehen?“

„Niemand ist nichts, weil er alles ist“, erwiderte er und schaute mich an. Ich lag nackt ausgestreckt auf dem Laken auf dem schmalen Bett und gleichzeitig fühlte ich mich schwerelos in der Luft kreisen. Der ganze Raum drehte sich um mich. Aus seinem Gesicht fühlte ich Wellen auf mich zufliessen, die mich umgaben, während er weiter sprach: „Jedes kleine Teilchen in mir ist mit menschlichen Erinnerungen gefüllt, die sich durch den Geist bereisen lassen, wenn der Mensch seine Träume und seine außerkörperlichen Erfahrungen für sich nutzen kann. Ich selbst drang in deinen Geist wie in ein verwandtes Territorium ein, und meine Botschaft veränderte sich in deiner Erinnerung, bis du sie als deine eigene erkanntest, denn ich bin die Kraft, die du gerufen hast, um dir zu helfen, der zu werden, der du bist.“

„Und wer bin ich – der Du bist?“ Es war, als hätte meine Seele ihren Körper verlassen, denn obwohl ich mich teilweise unten in der materiellen Sphäre wahrnahm, spürte ich auch, wie ein anderer Teil seine Worte wie ein Treppengeländer benutzte, um sich zu den Göttern hinauf zu schwingen.

„Es gibt kein Ich“, fuhr er fort. „Deshalb gibt es auch kein göttliches Wesen, das man beschreiben könnte, es gibt tausend innere Wesen, die sich zu einer Seele zusammenfinden und sich ständig nach ihren Selbsterfahrungen und ihrer Selbstwahrnehmungsidentität einordnen und umschichten. Zugleich spalten sich ständig Energieströme aus dem Persönlichkeitskern ab und gehen eigene Wege, indem sie sich mit neuen Bewusstseinskonfigurationen verbinden.“ Da fiel mir plötzlich auf, dass er eigentlich gar keine menschlichen Umrisse hatte; das Ganze erschien mir wie eine energetische Vibration. Ich schaute ihn genauer an und weiter fiel mir auf, dass sich sein Bild mit meinen Gedanken irgendwie anders als sonst verknüpfte: ähnlich einem Wesen aus einer anderen Welt, das sich wie eine menschliche Gestalt anfühlte, wie ein geträumter Mensch sozusagen, der eine mächtige Anziehung auf mich ausübte.

„Ganz im Gegenteil“, tat mir der Halbgeträumte kund. Sein Gesicht vibrierte. Es verwandelte sich in einen riesigen Leuchtfleck. Das Licht schien sein ganzes Wesen zu durchfluten und mir war, als ob ich durch die halbgeöffneten Augenlider vor meiner eigenen Erkenntnis stand: „Man könnte diesen Vorgang auch als eine seelische Verwandtschaft bezeichnen, ein Sympathieband oder eine Art starke innere Bindung zwischen verschiedenen Wesen mit verwandten Genen. Zwischen diesen Energieteilen bleibt ein starker seelischer Bund bestehen, egal, wieweit sie sich voneinander entfernen.“

Und als ich ihn fest anschaute, hatte ich den Eindruck von etwas ganz Realem; er war irgendwie tief in mir verwurzelt und übte eine mächtige Anziehung auf mich aus, aber irgendwie war er auch nicht real. Gleichzeitig spürte ich, wie seine Ausstrahlung meine Aufmerksamkeit losliess und sich mein Bewusstsein auf die alleinige Frage zubewegte: „Aber woher nehme ich die Gewissheit, dass du mir keinen Scheiss erzählst?“

Plötzlich berührte er mich; es war wie ein Tropfen reiner Energie. Auch konnte ich seine energetischen Vibrationen sehen. Er schien sich meiner Anwesenheit bewusst zu werden und im gleichen Atemzug spürte ich seine Hand auf der Schulter.

Es war, als sei ein Teil von mir, der schon gestorben war, durch diese Berührung wiederbelebt worden. Als ich die Augen öffnete, war es ein kurzer Moment der gleiche Schauplatz. Ich sah seine Gestalt, irgendwie war er mir vertraut, doch die ganze Szene verschwand in dem Augenblick, als er zu sprechen anhub: „Menschen, die sich anziehen, strömen in der Sekunde, da der Funke zündet und überspringt, miteinander korrespondierende Energieteile aus.“

Ich spürte nichts, aber ich war überzeugt, dass mein Kopf an seiner Schulter lag: „Das ist übrigens das Geheimnis, das wir als Liebe empfinden, und die Art der Aneinanderreihung dieser Jenseitsmeditationen führt zu dem, was der Mystiker normalerweise als die Entwicklung der Persönlichkeit seiner Seele bezeichnet“, fuhr er fort. Seine Augen funkelten aus dem Nichts, und beinahe hätte ich mein Bewusstsein verloren.


Kapitel 2

Der Dialog mit dem eigenen Spiegelbild

„Niemand, du?“

Plötzlich konnte ich mich wieder erinnern. Es war mein Begleiter, mein innerer Psychopompos, der mich in der Vergangenheit durch die Abgründe meiner inneren Schatten geführt hatte. Es war vor langer Zeit, ich hatte es beinahe vergessen. Aber mit einem Mal stand die ganze Vergangenheit vor meinem inneren Auge da, und ich konnte mich an beinahe jedes Detail wieder entsinnen.

Dann schlug Niemand die Kapuze seines Mantels zurück und mit einem einzigen Blick wurde mir die Antwort klar: Ich sah mich selbst! „Ich bin nicht der, den du zu sehen glaubst“, hörte ich seine Botschaft im Raum, „ich bin der Wächter der Seele am Ende der Träume, der aus dem alten Nichts-weil-es-alles-ist hervorgegangen ist, um dir das zu vermitteln, an das du dich in diesem Augenblick zu erinnern beginnst.“

„Was willst du damit sagen?“

Ich konnte seine Augen in der Dunkelheit leuchten sehen. „Ich blicke in dir auf viele verwandte Erinnerungen zurück, aus denen auch ich einst hervorging, denn ich bin die Summe dessen, der du am Ende deines Weges sein wirst“, spürte ich seine Worte tief in mir, denn sie schienen mir etwas vermitteln zu wollen, das über meine Wahrnehmung hinausging, das Unsagbare nämlich, das nicht wirklich vorstellbar war. „Vergangenheit und Zukunft sind nichts anderes als kosmische Chips oder duale Komponenten, von der Schöpfung als Zeit-Raum Wahrnehmungsmuster im Gehirn unserer Spezies verdrahtet, um die dualen Abläufe in der menschlichen Wahrnehmung zu gewährleisten, und keinesfalls als unabdingbare Form. In diesem Sinn bin ich deine erinnerte Zukunft, in die du einst hineinwachsen wirst, auch wenn alle Teile, die du einst sein wirst, längst in dir vorhanden sind, ähnlich wie deine Lebenswünsche lange schon vor ihrer Erfüllung in deiner Seele fest verankert sind, auch wenn sie nach materiellen Gesichtspunkten noch gar nicht existieren.“

„Du willst meine erinnerte Zukunft sein …“, krächzte ich. „Glaubst du denn wirklich, ich will zu dir?“ Ich stellte fest, dass seine Aussage mehr als eine Feststellung war; es war wie eine gefühlte innere Stimme, eine Art sechster Sinn.

Seine Antwort fiel sehr knapp aus: „Jedes Ego strebt am Ende zu seinem höheren Selbst: Zu mir!“ Die Atmosphäre rund um seine Gesichtszüge flackerte. Ich spürte, dass es nichts mehr zu sagen gab; mein schnodderiger Einwand hatte die Kommunikation verwehrt und es gab nichts mehr, über was wir uns sonst noch hätten unterhalten können. Sein Blick trübte sich ein und ich befürchtete schon, Niemand verschwände oder löste sich auf.

Doch schon im nächsten Moment war sein Blick wieder durchdringend und klar. Er konzentrierte sich auf den kranialen Ansatz meiner Nasenwurzel: „Du glaubst, dass das, was ich sage, einfältig und simpel ist“, sagte er ungerührt, „nur weil du dir wahrscheinlich unendlich tief und sensibel vorkommst – doch dem ist nicht so! Jedes Ego glaubt, sein Leben wäre eine tolle Abenteuergeschichte, die sich vor ihm ausrollt. Erst wenn der Mensch in zunehmendem Alter merkt, dass die Lebensströme immer mehr versickern, bis das Ganze am Ende schliesslich ganz versiegt, ist er am Ziel. Denn im Grunde handelt es sich um eine sich immer enger zusammenziehende Kurzgeschichte, die sich nur durch die kontrollierende Instanz des Ego wie ein grosser Abenteuerroman anfühlt. Am Ende des Lebens haben die wenigsten Menschen die Kraft, sich selbst zu betrügen.“

„Allmählich begreife ich, was du mir sagen möchtest“, entgegnete ich nach einer gewissen Zeit kleinlaut. Dann begann er wieder über den Tod und uns beide zu sprechen und wunderte sich über meine Art, die wirklichen Dinge selbst am Ende des Lebens noch zu verdrängen. Er beschrieb die Zeit und die Erkenntnisse aus den Abläufen der aufeinander folgenden Abschnitte als das wahre Bindeglied zwischen den Generationen und legte dabei besonderen Wert auf die Erkenntnis, dass er für mich genau die Antwort parat hätte, die ich Zeit meines Lebens in der Welt gesucht hätte.

„Ich danke dir! Es scheint mir, als wolltest du mir durch die Blume sagen, dass du gleichermassen Vergangenheit und Zukunft für mich bist, Vater“, antwortete ich sehr berührt. Irgendwie nahm mich dieser Gedanke für sich ein, denn ich fürchtete mich nicht vor der Aufspaltung des Ego, ganz im Gegenteil, ich sehnte mich nach der Verbindung nach etwas Größerem, nach dem Unbekannten, das mein Bewusstsein in höhere Sphären geleitete. Das Gefühl kam aus meinem Geist und heftete sich an das geistige Bild, das ich mir von ihm machte.

„Es ist schon wahr, dass du dich nur verwirrst, wenn du denkst, und du weisst auch immer noch nicht, was du aus unserer Verbindung für dich entdecken kannst, denn es ist eine Fusion zwischen Bild und Geist oder zwischen Geist und Bild“, entgegnete er bestimmt. „Während sich das persönliche Ego, das sich durch die Aneinanderreihung der persönlichen Erlebnisse definiert, in Funken auflöst, bleibt jedem einzelnen Funken sein persönliches Empfinden erhalten. Man kann also sagen, der Geist hat alle Variationen der Seele in alle Winde ausgestreut, aus der sich die Seelen bedienen, bevor sie wieder auf dieser Erde geboren werden. Das Ganze ist wie ein Kaleidoskop, das sich aus den immer gleichen Bausteinen in unendlichen Variationen ausströmt. Das ist auch der Grund, weshalb auf eurem Planeten eine Entwicklung nur schwer möglich ist.“

„Keine Entwicklung?“ Und wieder stand die missverständliche Wand verschiedener Seins-Ebenen zwischen uns. „Das kann ich nicht glauben – ich denke, die Menschheit entwickelt sich ständig.“

„Das ist eine Illusion“, sagte er behutsam. „Was sich bewegt ist nicht die Entwicklung, sondern die Sichtweise des Menschen, der sich atemlos und hektisch um die unveränderbare Nabe des menschlichen Erlebens dreht. Aus dieser Sicht bin ich nicht nur dein geistiger Vater, ich bin auch eine Art Schicksalsnabe, um die du dich drehst.“

„Das versteh ich nicht. Die Menschheit ist doch heute geistig viel weiter und auch sozial viel reifer als noch vor zweitausend Jahren“, tat ich ihm kund.

„Unsinn“, hörte ich ihn sagen. Dann erst bemerkte ich, dass es stockdunkel im Zimmer war, und ich war mir nicht sicher, ob ich meine Augen offen oder geschlossen hatte. „Wir sind nicht die Schöpfer einer besseren Welt“, sprudelten die Worte, „sondern nur die Gestalter immer neuer Illusionen, die sich aus unseren Kreationen ergeben. Menschliche Schatten wie Angst, Misstrauen, gegenseitige Kontrolle sowie die Grundlage des Übels, das alles überwuchernde krebsartige Geschwür kapitalistischen Wachstums und Zugewinns, werden schon in naher Zukunft zu einem unlösbaren Problem.“

„Unlösbar? Was willst du damit sagen?“ Ich deutete mit dem Kinn auf eine imaginäre Stelle im Raum.

„Tod und Zerstörung sind erst dann einsichtig, wenn man die geistigen Zusammenhänge erkennt.“ Plötzlich war er weg, schien vor meinem Auge verschwunden, obwohl ich ihn einen Moment zuvor noch gesehen hatte.

„Meinst du das im Ernst?“ Und dann war er abwechselnd da und wieder nicht.

„Nein!“ Die Antwort erklang wie ein Posaunenstoss aus einer anderen Dimension. „Du hast in meine Augen gesehen“, ich spürte, wie mir der Atem stockte, „da sahst du in die Spiegel einer anderen Welt, die dir nur deine eigene Meinung reflektieren, also das, was du glauben willst, was dir gefällt. Es ist deine eigene Meinung, die du in mir siehst!“

Ich erwachte wie aus einem verrückten Traum. Trotz wirrem Kopf wurde mir die Situation allmählich klar: Ich hatte die Augen halb geschlossen und schien Zeit und Raum völlig entrückt zu sein. „So hat diese Begegnung für uns keinerlei Bedeutung?“, erlaubte ich mir einen leisen Einwand.

„Ganz im Gegenteil! Dass ich dich anschaue und mit dir spreche, bedeutet doch auch, dass ich dich willkommen heisse“, ertönte seine Stimme, „Willkommen zuhause! Willkommen in dir!“

„Das versteh ich nicht!“ Ich konnte meine eigene Betroffenheit spüren und registrierte im gleichen Augenblick, wie mein Sterbeschweiss das Laken dunkel färbte. Dann hatte ich einen Flash und sagte zu ihm: „Auf der einen Seite bist du nur ein Spiegelbild, das mir ständig meinen eigenen Standpunkt reflektiert, und auf der anderen behauptest du, dass wir füreinander wichtig sind: Du, weil ich von dir lernen kann, und ich, weil ich dich durch meine Erkenntnisse vollständig machen kann, wenn ich wieder zu dir zurückkehre …“

„Das braucht sich nicht auszuschliessen“, entgegnete er sehr sanft. Ich spürte seine Energie, die sich zu einer leuchtenden Erkenntnis ausdehnte und meine Wahrnehmung umkreiste: „Hier geht es nicht um die Frage, welches Ding von zweien, hier geht es um eine Situation von Dualität oder Multiplizität.“

Ich überlegte mir, ob ich ihm darauf überhaupt antworten sollte, denn das war die simple Wiederholung seiner ursprünglichen Behauptung am Anfang unseres Gesprächs. Ich wollte aber auch nicht schweigen und drehte den Spiess einfach um: „Und du denkst, ich möchte immer noch zu dir? Doch die Frage wäre: Willst du zu mir?“

„Es ist die Sehnsucht des Menschen nach sich selbst“, meldete er sich mit einem funkelnden Ausdruck in den Augen wieder zu Wort, „wenn die Menschen dieses Verlangen in der Anbetung ihrer eigenen Schöpfungen stillen.“

„Dann ist die Religion kein Heimweg zu Gott, sondern ein Umweg auf dem Weg zu sich selber?“ seufzte ich.

„Religion ist nur ein Bild, das vom Umgang und von der Verantwortung zu sich selbst ablenkt. Eine Droge oder eine Art psychischer Datenbank, aus welcher der Mensch seine Sehnsüchte in den von ihm bevorzugten Bildern abrufen kann, wenn er für seine kollektiven Handlungen und Taten nach einer Legitimation verlangt“, strahlte er. Irgendwie stand er plötzlich weiter von mir weg und nur, wenn ich die Augen verdrehte, konnte ich ihm folgen.

„Es ist immer der Mensch, der sich in den Mittelpunkt stellt und die anderen unterdrückt, und wir brauchen den Teufel auch gar nicht im Außen zu suchen. Er existiert im Inneren, in jedem einzelnen von uns, im unsichtbaren Teil eines jeden Menschen, der sich im Schatten des anderen versteckt. Aber weisst du auch, wo wir beide uns hier befinden?“, fragte er mit einem unheimlichen Ausdruck in der Stimme. Dabei war ich mir nicht sicher, ob ich diese Worte von aussen oder von innen hörte: „Wir befinden uns gerade auf der Schwelle zwischen handelnder Bewusstheit und verdrängter Erinnerung.“

„Handelnde Bewusstheit und verdrängte Erinnerung? Wie geht das zusammen?“, röchelte ich. Ich versuchte meine duale Welt gegen die Übergriffe des Unbekannten zu verteidigen.

„Nun, im Gegensatz zu den Verdrängungen ist dieser Zustand mehr mit der Hölle verbunden, in der du dich befindest …“ Seine Augen bildeten flammende Kreise: „ … und im Gegensatz zur Hölle ist das, was du hier erlebst, mehr verbunden mit dem, was du bist!“

„Gegensatz? Hölle?“, jammerte ich, und sein Blick streichelte mich sanft zwischen den Brauen. „Dann hatten die alten Philosophen recht, wenn sie sagten, dass der Teufel die andere Seite von Gott wäre?“, wagte ich beeindruckt einzuwenden.

„Beide sind überflüssig. Das Böse steckt im Menschen selbst. Und die Sehnsucht nach Gott bringt einen eigenen kollektiven Brennpunkt hervor, eine von Menschen erschaffene Bühne, die genauso wenig mit einer höheren Kraft in Verbindung steht“, hörte ich ihn antworten. „Nimm dich also vor allen Schöpfungen menschlicher Vorstellungen in Acht!“

„Vor was soll ich mich noch alles in Acht nehmen? Stehe ich nicht schon auf der Schwelle zum Ende?“, sagte ich erschöpft.

„Noch bist du zu schwach, um deinen Körper zu verlassen. Nur in deiner Schwäche bist du vor dem Tod geschützt, denn solange wir miteinander reden, wird er dich nicht anrühren!“, erwiderte er mit ruhiger Stimme.

„Sprichst du vom Ende an der Schwelle zum Tod?“ Irgendwie war mir, als stünde ich im Begriff, den Tod einzuladen, ihm zu erlauben, von mir Besitz zu nehmen.

„Ich rede von der Schwelle zum Paradies. Wenn der Mensch sie überschritten hat, weiß er, wer er ist“, vernahm ich aus weiter Ferne seine Antwort.

„Dann sag mir lieber, wie ich zum Ende meiner Existenz vordringen kann!“ Ich versank in einem dunstartigen Schleier und ahnte, dass es eine Form von Erschöpfung war. Der Schleier bestand aus vielen einzelnen Bildern, die in Myriaden von Ausformungen vor meinem Bewusstsein tanzten.

„Indem du schweigst oder, ganz unverblümt, endlich die Klappe hältst!“ Seine Stimme befahl mir, meine ganze Aufmerksamkeit auf den geistigen Kraftstrom zu konzentrieren. Im gleichen Moment sah ich den Tod wie in einer Seifenblase vor meinem Gesichtsfeld tanzen.

„Wie soll ich sie halten? Die läuft wie von selbst!“ Unfähig, mich zu rühren, konnte ich genau spüren, wie seine Energie in meinen Körper floss.

„Indem du am Übergang dein andauerndes Selbstgespräch mit mir unterbrichst! Das ist das einzige, womit du dem Tod Widerstand entgegenbringen kannst“, sagte er unvermittelt und, um seine Worte zu unterstreichen, legte er den Zeigefinger an seinen Mund. Dann drückte er mir die Hände auf den Solarplexus: „Deine vielen Fragen, die du wie ein beständiges Mantra vor dir herbetest, sind wie ein Panzer, durch den der Tod dich nicht erreichen kann.“

„Dann wäre der Tod nichts anderes als eine Art Loslassen des Inventars?“, ächzte ich und stiess einen gewaltigen Seufzer aus.

„Das ist‘s genau, jetzt hast du‘s erfasst!“, sagte er unvermittelt. Der Schleier zerfiel in unzählige einzelne, verschachtelte Bilder, die sich ausdehnten, bis sie mich einhüllten. „Der Tod ist, als ob du das Inventar, wie die Welt zu sein hat, aus dem Fenster wirfst. Dann erst kann dir die Erfahrung zuteilwerden, wie es ist, wenn du frei von angelernten Inhalten mit dem kosmischen Bewusstsein verschmilzt.“

Es war, als sähe ich in meinem Traum durch die halbgeschlossenen Lider in eine lichtdurchflutete Feuerglut: „Mach dich bereit und löse dich aus der Umklammerung der anerzogenen Vorstellungsinhalte, die dich in dieser materiellen Welt festhalten“, fuhr er fort. Er hielt einen Augenblick inne, und ich fühlte ein unermessliches Gefühl von Sehnsucht in mir aufsteigen.

„Sieh meine Hand.“ Er streckte mir seine rechte entgegen: „Was bedeutet sie dir?“

„Sie bedeutet mir Vertrauen und Schutz. Ich fühle mich an deiner Hand geborgen“, erwiderte ich ganz beseelt.

„Das ist nicht genug! Möchtest du wissen, was sie für dich sonst noch bedeutet?“ Ich zuckte zusammen, denn dieser freundliche, schleichende Tonfall bedeutete meist eine Falle. Ich überlegte hin und her, kam aber zu keinem Schluss. Wenn sie mehr als seine Hand war, was konnte sie dann für mich noch sein?

„Meine Hand ist ein Wegweiser in die Unterwelt!“, sagte er, und ich legte meine eigene instinktiv auf den Bauch. „Du hast sie für dich zu einem Symbol der äusseren Stärke und der inneren Führung gemacht, die dich in schwierigen Zeiten geleitet. Aber das stimmt nicht ganz.“ Ich konnte seine Stimme sehr gut in mir vernehmen: „Nur dein blinder innerer Wächter ist hier ehrlich genug, dir das Resultat deiner Wünsche und Erwartungen als das zu erklären, was sie sind“, fuhr er fort, „nämlich ein Bündel emotionaler Vorstellungen, die einerseits dazu da sind, um deine eigenen Aktivitäten zu stimulieren, und andererseits um die Begegnung mit dem Tod zu halluzinieren. Dabei bedingen beide einander: Ohne den jeweils anderen ist jede der beiden Grundsätze bedeutungslos! Ohne den Tod hätte das Leben für den Menschen keinen Sinn! Denn die definitive Wahrheit ist …“

„ … die definitive Wahrheit?“ Ich schaute ihn herausfordernd an. Die Hand, die er mir hinhielt, zuckte unmerklich, aber seine Stimme blieb fest. „Die definitive Wahrheit ist die, dass der unersetzliche Partner im Leben eines jeden Menschen der Tod ist.“

„Dieser innere Wächter, von dem du sprichst … ist das der Tod?“, wollte ich von ihm wissen.

„Ja, aber andererseits ist er auch bloss eine geistige Vorstellung.“ Er sagte, ich solle gut auf seine Worte achten, denn diese wären auf der anderen Seite mein einziger Halt. Dann empfahl er mir, sie wie verschachtelte kleine Bilderrätsel zu betrachten, die vor meinem Bewusstsein tanzten, und ich fühlte, wie ich ihnen folgte, als sie langsam aus meinem Gesichtsfeld schwebten. Zusätzlich vernahm ich zirpende, kaum hörbare Stimmen oder besser, kreisende Laute, die sich immer schneller um mein Empfinden drehten …

„Der Wächter der Seele am Ende der Träume …“ Ich spürte plötzlich diesen klaren Gedanken in mir, der wahrscheinlich von ihm ausgelöst worden war. Dann befahl er mir mit ruhiger Stimme, mich von diesen Assoziationen ziehen zu lassen und hinter ihnen über die Schwelle zu tanzen.

„ … an welchem Ende? Wessen Träume?“ Eine weiße Lichtaura zog mich an und von einer Sekunde zur anderen entzündete sich mit ungeheurer Kraft ein Feuerwerk von Visionen in meinem Kopf. Es schien mir, als wären meine Gedanken in eine flüssige Lichtlache getunkt.

„Am Ende, das sich dir rückwirkend in dein bewusstes Erleben projiziert“, sagte mein Ich lächelnd zu meinem anderen Selbst. Es war in einen weiten Mantel gehüllt und zupfte sich neckisch am Ärmel, um aber sofort wieder ernst zu werden: „Wie du siehst, befindest du dich nicht mehr in dir. Du schwebst an der Decke.“ Ich sah meinen Körper unter mir im Bett liegen. „Komm jetzt zur Tür!“

Lore-ley


„Und wieso kann ich alles doppelt sehen?“, versuchte ich herauszufinden, denn gleichzeitig lag ich unten im Bett und konnte die beiden verschiedenen Frequenzbereiche um mich herum deutlich wahrnehmen, die sich wie die Speichen eines Rades um eine imaginäre Nabe in meinem Kopf drehten. Auf der geistigen Sphäre, die mir entgegenstrebte, kündete mir mein innerer Wächter den Eintritt in eine andere Welt an, während auf der materiellen Ebene Lore, die diensthabende Ärztin vom Notfall, meine Aura berührte: „Manchmal reißt die Nabelschnur“, hörte ich ihre Stimme im Raum, „mit dem der Verstand die Welt zusammenhält, und das Bewusstsein kann sich einen Moment lang in mehrdimensionalen Bewusstseinszuständen verlieren, in denen Raum und Zeit aufgehoben sind. Deshalb pendelst du in diesem Augenblick zwischen Verstand und außerkörperlicher Wahrnehmung, denn du stehst im Begriff, dich von deinem Leib zu lösen, und im Augenblick stehen dir beide Türen offen.“

Szenenwechsel: Wie auf einen Paukenschlag ertönte plötzlich eine mehrdimensionale Stimme neben mir: „Nur dem, der am Ende seines Weges angekommen ist, zeige ich mich als sein Spiegelbild.“ Die Leuchtkraft war verschwunden und die Gestalt verschmolz nahezu mit der Dunkelheit. Jemand erfasste meine zitternde Hand und sprach: „Deshalb erscheine ich dir als dein blinder Wächter, der dich führt und dem du in deiner dualen Wahrnehmung begegnen kannst, ohne dass du von ihm verschluckt wirst. Denn wärst du nicht durch deine eigene Blindheit geschützt, würden dir deine inneren Bilder um die Ohren fliegen, denn alles, was du hier erlebst, sind deine unkoordinierten Gedankenströme im Hirn.“

„Was ist denn nur los?“, seufzte ich laut. „Meine duale Wahrnehmung ist doch auch eine Seite vom Ganzen und gehört zu mir. Sie ist Teil meines Wesens und zeigt mir alles, was ich sehen muss, um zu erkennen, was in dieser Welt vorgeht. Ohne sie hätte ich keinen Maßstab, um zu beurteilen, was ich in diesem Augenblick empfinde“, quengelte ich weiter. Ich musste meine Gedanken einen Moment lang ordnen. „Warum gibt mir keiner die Möglichkeit, mein Ende aktiv zu gestalten, um sehen zu lernen? Nur wenn ich das schaffe, kann es mir auch gelingen, mich selbst zu erkennen!“

Jemand schaute mich aus Meinem Spiegel bekümmert an und in seinen leeren Augen lag so viel Traurigkeit, dass ich heftig zu weinen begann. Mit einem Mal spürte ich das sensible Gefühl meiner Emotionen. Mich überfiel eine unglaubliche Seelenqual. Ich musste unwillkürlich schluchzen und umarmte ihn. Dann explodierte mein Kopf; ich spürte einen heftigen Schlag.

Im nächsten Moment erlebte ich eine Vision auf der inneren Bewusstseinsbühne und plötzlich wusste ich, wer ich war: „Ich bin aus vielen multiplen Teilen zusammengesetzt, von denen jeder seine eigene Erinnerung besitzt, die sich durch den Geist erkunden lassen, wenn der Mensch seine Träume und seine außerkörperlichen Erfahrungen nacherleben will“, war meine innere Botschaft. „Und wer bist du?“, brüllte ich noch unter Schock.

„Ich bin Dein inneres Bild“, sagte die Erscheinung neben meinem Bett ungerührt, „nicht Niemand, sondern eine gefühlte Projektion deiner inspirativen Selbstwahrnehmung!“ Ich schaute die Gestalt im Spiegel nur verwundert an.

„Was für eine Projektion?“, wollte ich wissen. Mir wurde augenblicklich schwindelig und ziemlich schlecht. Sofort schlief ich nochmals ein und erst im Traum hatte ich wieder das Gefühl, mich selbst zu sein.

„Eine Art seelische Verwandtschaft oder ein Gefühl starker innerer Verbundenheit“, erwiderte mir Mein gespiegeltes Bild im Traum, „was auf eine gefühlte Verbindung zwischen Wesen aus verschiedenen Welten hinausläuft. Solche, die sich anziehen, verströmen in dem Moment, da der Funke zündet und überspringt, die gleichen miteinander korrespondierenden Energieteile. Das ist übrigens das Geheimnis, das wir als Liebe empfinden, und die Art der Aneinanderreihung dieser Informationen führt am Ende zu dem, was der Mensch die Entwicklung seiner multiplen Persönlichkeitsanteile nennt.“

Ich konnte seine Augen in der Dunkelheit leuchten sehen: „Was weißt du von der Wirklichkeit, die dich umgibt?“ Eine himmlische Gestalt in einem dunkelblauen Mantel stand vor mir und blickte mich unter ihrer Kapuze freundlich an. Die funkelnden Augen leuchteten in ihrem rötlichen Glanz aus der Tiefe der Finsternis hervor und ließen mich am ganzen Körper erzittern.

„Höre! Nur dem, der am Ende seines Weges angekommen ist, zeige ich mich in meiner wirklichen Gestalt“, spürte ich das Gesprochene tief in mir. „Du bist der Teil, der im Begriff ist, sich am Ende seines Lebens aufzulösen, und ich bin der unformatierte Teil deines multipersonalen Ganzen, und zwar schon lange bevor du in die Dualität geboren wurdest. Ich begleitete schon die meisten deiner Vorfahren, denn ich bin das lebendige Glied deiner Ahnenkette: Einerseits bin ich viel mehr, als du jemals sein wirst, und andererseits ist alles, was ich bin, auch nur wiederum ein Teil von dir. Nicht die Sehnsucht nach dem ewigen Paradies ist das Ziel, sondern die Sehnsucht des absichtslosen Geistes nach seinem maskenlosen, ewigen Nicht-Selbst!“

Dann schlug er die Kapuze seines Mantels zurück und mit einem einzigen Blick wurde mir die Antwort klar: Ich sah mich selbst!



Kapitel 3

Niemands Traum

Ich sah auf die sich kräuselnden Wolkenschleier und während der Mond hinter den Wolken verschwand und wieder hervorkam, sah ich am Himmel oben im sanften Licht Ursi, die Glasmalerin, meine verstorbene Geliebte. Es war wie eine Einladung zur chymischen Hochzeit, wie sie mit ausgebreiteten Armen so erhaben dastand, und gleichzeitig hatte ich eine Stimme im Ohr: „Liebe wird erst dann endgültig und tritt auf den Plan, wenn das, was getrennt wurde, wieder vereinigt worden ist.“


„Kann das nicht auch eine Täuschung aufgrund menschlicher Einbildung sein?“, wollte ich vom Erhabenen wissen. Denn ich war mir nicht sicher, ob sich wahre Liebe in der dualen Welt unserer Materie überhaupt halten lässt.

„Gewiss! Es ist die nie versiegende Sehnsucht nach Liebe, die der Mensch noch einmal in seiner Erinnerung durchlebt und die jeder meistens in der frühen Phase der Verliebtheit oder in seiner ersten großen Liebe erfährt.“

Er lud mich ein, mich an alle meine Gefühle in meinem Leben zu erinnern und erklärte mir dann, dass sie der schwache Abglanz jenes Gottesfunkens wären, den die Menschen in Verbindung mit ihrer All-Seele auf der Ebene des kosmischen Bewusstseins erlebten.

Gleichzeitig breitete er überschwänglich die Arme aus und verkündete: „Allerdings ist in der Realität jede Art von überhitztem Liebesfeuer schnell wieder erstickt, denn in der Regel ist Liebe immer nur die Nähe zu sich selbst: die Hingezogenheit zu seinem eigenen Bild oder zum Spiegelbild der eigenen Anziehung, die uns im anderen erfreut. Zum anderen ist die Sehnsucht nach sich selbst die höchste Kraft, die unser Leben beglückt, und ohne sie gäbe es keine ständig neuen Illusionen, die uns die Sehnsucht nach Gott in der Seel-Sucht nach sich selbst immer und immer wieder vergessen lässt. Deshalb lautet des Teufels Spruch:

Dem Menschen wurde ein kostbares Geschenk gewährt:

Jeder darf erfahren, was Einssein bedeutet!

Immer und immer wieder …“

Doch bevor ich mir klar darüber wurde, was da eigentlich geschah, begannen sich die Bilder vor meinen Augen wieder aufzulösen. Nur eine Handvoll verglimmender Lichtpunkte blieb zurück, als ich mein Gesicht wie in einer kurzen Einblendung auf einer Parallelebene an der Zimmerdecke aufleuchten sah. Ich schüttelte den Kopf und drehte mich um.

„Mein Gott – dann habe ich dich die ganze Zeit verdrängt?“, sagte ich zu Niemand, der plötzlich so real neben meinem Bett stand, als ob es kein Traum wäre, in dem ich mich befand.

„Du hast mich nicht verdrängt“, erwiderte er mit einem entwaffnenden Lächeln, „sonst stünde ich ja nicht hier. Aus deiner Vergangenheit heraus betrachtet bin ich eine Projektion deiner zukünftigen Erinnerung, die du vorausgeschickt hast, damit du dich in deiner Zukunft an jemanden erinnern kannst, der dich an seine Vergangenheit erinnert, die er mit dir teilt.“ Zugleich fühlte ich Niemands Berührung im Schulterbereich: „Tritt ein! Wir sind am Tor des Erwachens, das zu den Nebeln der Träume führt …“

„Von was für Nebeln redest du?“ Für einen Augenblick glaubte ich sogar, den Kopf einer wunderschönen Frau im Widerschein des Mondlichts an der Zimmerdecke zu erkennen.

„Es sind die Schleier der Träume, in dem der Träumer im Traum sein Geträumtes sieht, denn dort gibt es nichts mehr, was ausserhalb seiner Träume liegt“, antwortete er ruhig. „Es handelt sich um eine fliessende, faszinierende Welt, die keinerlei Orientierung kennt und in der sich die Gefühle der Reisenden oft in Stimmungsschwankungen ausdrücken.“

Unwillkürlich schloss ich die Augen, bereit mit meinem eigenen Deckenbild zu verschmelzen, und als ich sie wieder aufmachte, sah ich in zwei Augen wie zwei kristallene Spiegel: „Gib dir keine Mühe! Es gibt nichts mehr, an dem du dich festhalten kannst.“ Der ganze Raum begann sich zu drehen.

„Aber wie können wir dann in die Träume hineingelangen?“ Als mich die Blicke stärker fixierten, verstärkte sich meine Übelkeit.

Niemand schaute mich so übertrieben wichtig an, als ob er mir den Sinn des Lebens erklären wollte, und sagte nur: „Indem du die Denkebene loslässt! Veräppelst du mich? Was bedeutet das?“ Ich war sehr verunsichert, denn ich wusste nicht, ob er mich verulkte oder nicht. Unkontrollierte Gedanken begannen in meinem Hirn zu kreisen und mündeten in einem heftigen Schwindel.

„Das bedeutet“, antwortete er nach langer Zeit, nachdem ich mich an die quälenden Erinnerungen schon allmählich gewöhnt hatte, „dass du dich in dieser Welt nicht mehr als vernünftiges, denkorientiertes Wesen begreifen kannst. Lass dein Denken los!“

Ich starrte auf die schwarzen Schatten, die der Mond an die Wand warf, und meinte darin für einen Augenblick unzählige schemenhafte Gesichter und Gestalten zu erkennen. Das Gesehene liess mich nicht mehr los, aber es hatte auch keinen Sinn mehr, mich dagegen zu sträuben. Ich wollte nicht mehr länger verdrängen.

„Solange du dich an deinen Gedanken festklammerst, dreht sich nicht die Welt, sondern dein Kopf und dir wird in der Realität ziemlich schwindlig, denn du blockierst die Spirale des Lebens“, setzte mein Begleiter seine Ausführungen fort, „sobald du sie aber losgelassen hast, versinkst du in multidimensionalen Weiten und Perspektiven, in denen sich dir ganz verschiedene übereinandergeschichtete Wirklichkeiten und Zeitebenen öffnen können. Das ist auch der Punkt, wo du jede deiner Seins-Ebenen als Maya, als materielle Verdichtung reiner Denkvorstellung erkennst. In der Begegnung mit der Seele begegnest du den okkulten Schleiern der Träume, in deren Formen alles fliessend erscheint.“

„Dann zeige mir die magischen Nebel dieser Träume“, forderte ich ihn auf.

„Die kann ich dir nicht im Aussen zeigen, denn sie existieren nur in deinem Kopf, erwiderte er und kräuselte die Lippen, „ich kann dich aber anleiten, wie du in deine Träume hineingelangen kannst.“

„Wenn sie aber nur in mir sind, wie kannst du dann wissen, wie detailliert ich in meine Träume hineingelangen kann?“, hakte ich nach. Ich wollte es genau wissen.

„Wir sind vom gleichen Fleisch und Bein“, entgegnete Niemand.

„Trotzdem habe ich das Gefühl“, sagte ich, von meinen eigenen Worten überrascht, „dass an deiner Geschichte irgendetwas nicht stimmt. Irgendwie fehlt mir der Zusammenhang. Worum geht es? Was verschweigst du mir? Irgendwie ergeben deine detaillierten Aussagen keinen Sinn.“ Ich wollte nicht mehr länger verdrängen. Ich war jetzt bereit, die andere Welt in meinem Inneren zu empfangen. Dann schloss ich die Augen.

„Du hast Recht! Lüge und Wahrheit unterscheiden sich oft nur aus der Sicht, aus der wir sie betrachten“, pflichtete er mir bei. „Es ist eine alte Geschichte, und sie ist wie ein böser Fluch.“

„Jaja, die entscheidenden Dinge sind oft verblüffend einfach“, erwiderte ich schon halb in Trance. Es war der seltsame Hauch, der vom Boden aufstieg, als ich zur Pforte an der Schwelle der Erinnerung lief und die alte Welt hinter mir zurücklies, jetzt erinnere ich mich wieder …“ Und mit einem Mal war mir klar, dass ich an seinen Gedanken teilhatte, denn ich kannte die Geschichte, wir hatten sie schon oft zusammen geträumt …“

„Es ist nicht leicht“, entgegnete er, „die richtigen Worte für etwas zu finden, was man nur in aussergewöhnlichen Phasen fühlen kann. Aber jetzt stehst du exakt an der Schwelle und bist eben im Begriff, in meine Geschichte einzutreten, die dadurch zu deiner eigenen wird. Versuch aber nicht zu ergründen, was ich dir künde. Sei offen und lass dein Herz atmen. Dann wirst du verstehen.“

„Ist das der Übergang?“ Einerseits fühlte ich seine Hand immer noch auf meiner Schulter, gleichzeitig hatte ich aber ein völlig anderes Bild und mir war, als ob ich in einem fremden Traum einen eigenen, wichtigen Lebensabschnitt betrat. Irgendwie existierte die Szene gar nicht wirklich, sondern umkreiste in einer unbeschreiblichen Gebäre das numinose Nichts, von dem meine begriffliche Welt nur ein Teil und meine Suche nach mir selbst wiederum ein noch kleinerer Ausschnitt ist. Mein einziger Halt war die innere Ahnung, dass ich in meinen eigenen Empfindungen, was auch immer passiert, ich selbst bin, und dass ich seinen Worten glauben konnte, auch wenn sie für meinen Verstand nicht leicht zu verstehen waren, denn irgendwie flossen sie aus mir.

Niemands unerlöste Liebessehnsucht

Es war vor langer, langer Zeit“, fing er mit seiner Geschichte an, während der Mond seinen leuchtenden Schimmer über die ganze Landschaft streute und die alten Bilder aus den versunkenen Stuben meiner Träume scheuchte, „als ich noch als Mensch auf Erden wanderte, nur von meiner inneren Stimme geleitet, die mich führte und jeden meiner Schritte prüfte. Es ging aber nicht nur um den Weg des Wissens, sondern auch um Erkenntnis und Weiterentwicklung all dessen, was ich liebte. Ich hatte in jener Zeit viel nachgedacht: Über die geistigen Kräfte, die in mir wirkten, über das Reich der Geister, das sich mit der Welt der Menschen ab und an in den Träumen vermischte und vor allem über die Liebe, die Menschen oft verführte.“


„Wessen Stimme?“, wollte ich wissen, denn der Wille hinter seiner inneren Führung schien mir nicht unvertraut. „Was waren das für geistige Einflüsse? Wurdest du von den Göttern geführt?“

„Ich wurde – ähnlich wie du – von meinem inneren Herrn Jedermann begleitet“, antwortete er mir, „eine Art Quasi-Seelenführer oder ein Teil von mir selbst. Denn ich hatte niemanden sonst, mit dem ich mich verstand. Es gab zu jener Zeit zwar viele andere geistige Begleitwesen, mit denen ich mich aber schlecht unterhielt, denn es waren keine, mit denen ich mich hätte tiefer austauschen wollen. Nur meine innere Stimme war immer da. Anfänglich dachte ich noch, ob ich nur ein Spielball meiner eigenen Erfahrungen wäre, ein willenloses Werkzeug, doch mit der Zeit entwickelte ich ein grosses Vertrauen zu der inneren Kraft und ich musste mir eingestehen, es gab für mich keinen besseren Begleiter auf diesem Weg.“

„Das war eine sehr mutige und auch recht abenteuerliche Einschätzung von dir. Die moderne Psychologie würde behaupten, du wurdest von einem abgespaltenen inneren Teil dirigiert“, warf ich ein. Aber ich hätte da noch eine Frage: „Ist Herr Jedermann für dich das, was du für mich bist: Niemand?“

„Mag sein“, erwiderte er. „Doch wer ist der, der glaubt, solche Kräfte benennen zu können? Nur weil Menschen solche Phänomene genau untersuchen und aus ihrer Verstandessicht zu einem verbindlichen Urteil kommen, heisst das noch lange nicht, dass solche Erkenntnisse richtig sind.“

„Da stimme ich dir zu“, lenkte ich ein. „Solche geistigen Wesenheiten sind oft viel mehr als nur abgespaltene innere Anteile.“

„Wenn du deine Empfindungen jetzt alle losgeworden bist und es dir hier auch recht ist“, spottete er in einem überaus freundlichen Ton, „dann würde ich meine Erzählung gerne hier fortsetzen wollen.“ Er hielt einen Moment inne und ich spürte eine sanfte Melancholie: „Ich hatte auf meinem Weg, wie schon angedeutet, sehr viel nachgedacht. Über den Weg, die Aufgabe und auch den Zweck und das Ziel, die meiner harrten. In der Zwischenzeit bemühte ich mich, die Beziehung zu Herrn Jedermann zu festigen, denn ich war entschlossen, das Geheimnis zwischen uns beiden zu lüften.“

„Sicher ein löblicher Versuch“, sagte ich höflich und schmunzelte leise.

„Und während ich mich mit meiner inneren Stimme beschäftigte, kam ich auf meiner Wanderung auch an die Unterweltsschwelle, aus deren Spalten es heftig rauchte und zischte“, setzte er seine Schilderung unbeirrt fort. „Während ich mich neugierig umschaute, begann es im gleichen Atemzug nach süsslichen Exkrementen zu stinken und ich hielt mir angewidert die Hand vor den Mund. Doch was war das? Irgendwie fühlte ich mich plötzlich beobachtet und Herr Jedermann liess plötzlich eine Saite in mir anklingen, die ich lange nicht mehr vernommen hatte. Gleichzeitig beäugten mich zahlreiche Blicke, denn als ich mich umsah, konnte ich erkennen, dass ich an der Pforte der libidinösen Unterwelt stand, der Hölle der unerlösten Liebessehnsucht, während dem mich Herr Jedermann aufklärte: Es seien dies die geistigen Blicke der abgeschiedenen Verführerinnen, die seit Urzeiten den Eingang zur Liebeshölle bewachten und eifersüchtig und unerlöst auf die männlichen Neuankömmlinge blickten.“

Einen Moment lang hielt er inne und auf einmal stürmte die Erkenntnis seiner Worte mit aller Gewissheit auf mich ein, als er weitersprach: „Für mich war das ein erster finaler Höhepunkt. Ich hatte damals den magischen Weg zum ersten Mal durchlaufen und hatte irgendwie das Gefühl, als müsse ich der Mutter noch etwas beweisen. Als müsse ich am Ende meines Weges noch ungestraft die Liebeswelt durchdringen, um zu zeigen, dass ich das Menschsein überwunden hatte und für alle Verlockungen der Sünde nicht mehr empfänglich war.“

„Das ist eine wahrlich kultig-verrückte Reise, von der du mir da berichtest“, stiess ich hervor, „eine richtige Initiation.“

„Das ist erst der Anfang. Mein innerer Jedermann wies mich an, noch tiefer in das kosmische Gedächtnis einzudringen“, erzählte er weiter. „Doch der Weg ist gefährlich, sehr gefährlich“, sein stimmlicher Ausdruck wechselte die Tonlage und wurde mit einem Mal ziemlich grimmig, „denn die Augen dieser verführerischen Sünderinnen bewachen, wie gesagt, diese mörderische Schwelle, die Liebende nur einmal im Leben betreten können. Die Liebe verschlingt sie und gebiert sie neu.“

„Liebe? Welche Liebe?“ Ich hob meinen Blick und schaute ihm direkt in die Augen. „Und wozu?“

„Wenn du die Liebeswelt betrittst, begegnest du immer auch dem unsichtbaren Teil der Grossen Mutter. Jeder Liebesfunke ist ein Teil von ihr“, verkündete er mir mit einer grossen Geste. „Sie ist die Grundlage, auf der alles gedeiht. Alle sind ein Stück von ihr mit Leib und Liebe, und sie sind nur lebendig, wenn sie von ihrem Bild beseelt werden.“

„Dann bist du in der Seelenwelt deinem Bild von der grossen Liebe begegnet?“, erwiderte ich mit leichter Besorgnis.

Er nickte: „Sie erscheint den Menschen nicht persönlich. „Männern schickt sie ein Bild der Liebe, jedermanns individueller Anima, die diese auf jede Frau übertragen können.“

„Das versteh ich nicht!“ Ich schaute ihn ziemlich ausdruckslos an. „Sie haucht dem Betroffenen ihren Atem ein, woraus dieser sein weibliches Seelenbild formen kann“, antwortete er ungewohnt psychologisch. Es ging ihm darum, mir die Beschreibung geistig näherzubringen: „Schon bald darauf erscheint sie ihm in Gestalt seiner Anima, die sein Liebesverlangen auslöst …“

„Das Verlangen nach Liebe“, warf ich ein, „das jeder Kerl auf seine Angebetete projiziert?“

„Nein. In meinem Fall war es das Suchbild der inneren Geliebten, die ich in mir trug.“ Irgendwie erschütterte mich diese Aussage.

„Ich verstehe nur Bahnhof!“ Immer noch überfordert gab ich meinem Unverständnis heftig Ausdruck: „Kannst du mir das vielleicht etwas deutlicher umschreiben?“

„Du musst meine Worte mit der Seele, nicht mit dem Verstand aufnehmen: Sobald er ihren Atem empfängt, schwingt er mit ihr in Resonanz und wird wieder ein Teil der schöpferischen Liebe.“

„Dann warst du am Ziel?“

„Das war noch nicht das Ziel, das war erst die Vorstufe zur Quelle, die zur Verschmelzung führt“, erwiderte er. „Sobald sich der Mann ruhig in ihrem Atem wiegt, erhält er als Belohnung ihren geistigen Abdruck …“

„Geistiger Abdruck …“, versuchte ich auf ihn zuzugehen: „Ist das eine Art Sehnsucht der Seele, die nach einer Form von Ebenbild drängt?“

„Ein geistiger Abdruck ist eine gasartige und flüchtige Substanz“, flüsterte er bewegt, „eine Form von wässerigem Dampf, in die der Mann seine ideale Vorstellung vom Weiblichen hineinprojizieren kann.“

„Du glaubst, es ist, bildlich gesprochen, eine Art leere Leinwand, die jeder mit seinen persönlichen Vorgaben füllen kann?“

„Es ist mein geistiges Bild von ihr“, sagte er, „dass mir ihre volle weibliche Schönheit spiegelt. Die einen nennen es Liebe, Psychologen nennen es Anima.“

„So konntest du aus dem Fluidum der Seele also deine Wunschfrau formen“, ich war ganz Ohr: „Und wie geht das Ganze aus?“

„Leider bin ich übers Ziel hinausgeschossen. Dabei bin ich am Bild meiner Liebe hängengeblieben, denn in den Träumen ist sie die Vermittlerin zwischen den Träumen und dem Ich. Um ihrer Liebe und Zuneigung teilhaftig zu werden, habe ich sogar der Warnung meines inneren Führers, Herrn Jedermann, misstraut. Jaja, ich war völlig neben den Schuhen“, lächelte er undurchdringlich, „ich dachte bei mir, was könnte es Erfüllenderes geben, als in ihren Armen zu sterben. Jede Nacht bin ich zu ihr in die Träume gepilgert und habe mich in der Glut meiner unerfüllbaren Sehnsucht gewälzt, weil ich ohne die Illusion ihrer Hingabe nicht leben wollte.“

„Die Oper ist jedoch noch nicht zu Ende“, spürte ich. Mich konnte er nicht hinters Licht führen: „Wie ist die Geschichte wirklich ausgegangen?“

„Ich will es dir nicht sagen“, wich er zurück.“ Sei auf der Hut, Bruder, das Ende ist nicht schön, denn wir sind vom gleichen Schlag.“

Auf einmal verschob sich meine Perspektive. Ich sah nicht mehr ihn, sondern mich, denn ohne mich zu bewegen sah ich mich plötzlich vor mir stehen, und ich fragte mich, war ich der Träumer, der träumte, oder ein anderer, der träumte, der Träumer zu sein. Einen Augenblick lang erblickte ich mein eigenes Gesicht im Dunkeln glühen. Es war ein hypnotisches Leuchten, das von diesem glühenden Objekt ausging, und als ich es genauer musterte, begann es seinen Glanz zu verlieren und mir schien, als wäre es das Auge eines alten Mannes, der mich im eigenen Blick betrachtete, ein gespiegeltes Bild in einem Spiegel und zugleich Spiegel selbst, der zu mir sprach: „So sind wir uns ständig auf der Schwelle begegnet, denn sie ist mein Abbild der Göttin, welche die Geheimnisse meiner Innenräume berührt, und ich war der Verliebte, der ihr vorbehaltlos in die Schächte der Tiefe folgte, in die auch schon Faust hinabgestiegen war, um den Dämonen zu begegnen.“

„Aber wie bist du ihr entkommen?“ Ich war ganz Ohr.

„Ich bin ihr nicht entkommen“, flüsterte er kaum vernehmlich, „denn meine Sehnsucht hat sie viel zu stark gemacht. Ich konnte sie nicht mehr verfehlen.“

„Auch wenn du für diese Liebe am Ende alles opfern musstest?“

„Das verstehst du nicht! Liebe kann erlöschen, doch das Verlangen nach Liebe nie. Und es war die Sehnsucht nach Liebe, die mich als Wanderer zwischen den Welten festhielt.“

„Dann bist du ihrer Liebe nicht entkommen?“, entgegnete ich betroffen. „Du liebst sie noch?“ Ich schaute ihm tief in die Augen und wusste Bescheid. Ja, er liebte sie noch immer, ich spürte es genau.

„Ich bin nicht an ihrer Liebe, sondern an meiner Sehnsucht zerbrochen“, erwiderte er matt. Er beschrieb die Libido als eine Kraft, die das wahre Bindeglied zwischen dem Ego und der Welt ist.

Und zerdrückte sich eine Träne im Gesicht: „Der Hunger nach Liebe ist die höllischste Kraft, die unser Leben regiert. Sie zieht die Menschen als Liebende ein und spuckt sie als Sklaven der Libido wieder aus.“

„Das ist ja ungeheuerlich! Solche unerlösten Gefühle sind die Hölle.“ Im gleichen Atemzug brachte ich meine inneren Empfindungen auf den Punkt: „Die Liebe verschlingt sie alle und gebiert sie als Ungeheuer neu!“

„Ab und an sehe ich seltsame komische Dinge“, rundete ich zum Schluss meine Einwände ab, „von denen ich nicht einmal weiss, ob sie schon passiert sind oder sich noch zutragen werden. Irgendwie hoffe ich für dich, dass sie nur meiner eigenen Phantasie entspringen. Aber irgendwie scheint mir, du sitzt immer noch fest!“

„Trotzdem gibt es keinen Weg zurück“, er schien geknickt, „es gibt nur diesen Weg nach vorn, um zu erfahren, was man für den Umstand gewonnen hat, dass man die Bilder seiner Sehnsüchte für immer verloren hat: Nämlich die Freiheit zur Ewigkeit immer neuer Bilder und die unerschütterliche Freude am Ende als Voraussetzung zur immerwährenden Geburt. Geh jetzt, geh!“

„Bist du noch hier?“ Alte Bilder stiegen in mir auf und ich spürte ein starkes, seelisches Band, das mich mit ihm verknüpfte. Niemand stand neben meinem Bett und sah mich an, und in seinen Augen lag so viel Gram, Qual und Kümmernis, dass es mir schier das Herz zusammendrückte. Mich überfiel ein überwältigendes Verlangen, seine Geschichte zu verstehen, die Hölle seiner unerlösten Liebessehnsucht All die Spekulationen, die ich bisher über das schmerzhafte Wesen der Liebe zu einem Menschen angestellt hatte, waren letztlich nur intellektuelle Spielereien im Vergleich zu den multidimensionalen Schichten seiner Sehnsucht, wie er sie mir eben in der Vergangenheit geschildert hatte.

„Es tut mir leid“, sagte ich traurig, „dich hier so betrübt zu sehen, und ich würde vieles tun, um dir zu helfen und die schwere Last von den Schultern zu nehmen. Irrst du seitdem zwischen den Welten hin und her?“

„Seitdem pendle ich zwischen Himmel und Hölle …“ Er war von meinem Verständnis berührt. „Zwar konnte ich ihr zeitweise immer wieder entkommen, aber ich kann nie mehr in die normale Welt der Menschen zurück. Deshalb bin ich das geworden, was du siehst: Ein ewiger Wanderer, dessen Aufgabe es ist, die erwachenden Seelen zu sich selbst zu führen, zur Wissenspforte, die ihm aber selbst ewig verschlossen bleibt.“

Armer Niemand! Er hatte die Polaritäten überwunden und war in die zeitlosen Räume eingedrungen, in denen Wellen des Geistes alte Erinnerungen heranspülten. „Und was geschah mit ihr?“, wollte ich wissen.

„Sie hat mich niemals losgelassen …“, ächzte er, „ganz im Gegenteil, sie ist immer noch hier!“

„Was?“ Ich verspürte einen heftigen Schreck und zugleich den inneren Drang, mich einer jeden möglichen Konfrontation zu entziehen: „Ich kann sie nirgends sehn!“

„Nun …, in den Visionen der Träumer, die über die Schwelle gehen, kann man die Geister der Zwischenebene oft sehen.“

„Aber wie hast du sie gefunden?“ Ich spürte ein elektrisierendes Flimmern mein Rückgrat herunterlaufen. Ich war hellwach.

„Sie war in meinen Erinnerungen plötzlich wieder präsent, als ich dir die Geschichte erzählte“, seine Stimme stockte.

Eine riesige Traurigkeit ergriff mich, als er so sprach, dann zogen Bilder aus seiner Geschichte vor meinem inneren Auge vorbei. Was wollten sie mir sagen?

„Sie kommt uns bald besuchen“, fuhr er fort, „zumindest hat sie das versprochen. Denn in den letzten Gedanken Sterbender hat sie ihren tiefsten und ursprünglichsten Platz.“

„Und wie endet die Reise?“

„Endet?“ Er schaute mich an. Seine Augen versanken im Leeren. Sie zeigten ein Sehnen nach Verschmelzung mit der Seele an und die Auflösung aller Einschränkungen.

„Ich meine, wo ist das Ende der Geschichte?“ Als ich genauer hinsah, gewahrte ich in seinen Zügen ein leichtes Zittern.

„Nun, sagen wir es so: Meine Sehnsucht hat kein Ende. Sie hatte kein Ende und wird nie ein Ende haben, das ist das wahre Ende der Geschichte.“

Dann fühlte ich Niemands Hand auf meiner Schulter: „Wach auf! Gleich begegnet sie uns wieder: Sie ist meine grosse Liebe! Wie du siehst, bin ich immer noch auf der Reise zu ihr …“

„ … zu ihr?“ Ich erschrak. Seine Worte entsprangen den tiefen Ahnungen und Überzeugungen aus dem Reich der Liebe, wo die Quellen des Unbewussten strömen.

„Unser unerlöster Weg kennt kein Ende“, sagte er mit einem traurigen Blick und sah mich an, „sondern immer nur die ätherischen Bilder neuer Illusionen, die ständig Fehlschlüsse aus sich gebären. Bist du bereit?“

Tiefes Mitgefühlt umfasste mein Herz. „Kann ich dir wenigstens meine Träume borgen?“ Niemand schaute mich an und in seinen Augen lag so viel Trauer, dass ich sehr heftig zu heulen begann. Ein immenser Schmerz durchflutete meine Seele.

„Mir nutzt kein Traum, weil ich keine persönlichen Gefühle mehr habe“, antwortete er sanft und nahm mich an der Hand. „Ich bräuchte dein Geträumtes, damit ich meinen Geist in deine Träume einfliessen lassen kann.“

Ich schluchzte erleichtert auf und umarmte ihn: „Was soll ich tun?“


„Siehst du dort oben die Sternentänzer, die sich in den tiefen Wassern der Träume spiegeln?“ Er wies mit seinem Blick auf die Flammen am Himmel: „Begib dich zu ihnen und träume von mir! Dann komme ich als dein Geträumtes im Traum zu dir und kann dich in deinem emotionalen Empfinden begleiten.“



Kapitel 4

Niemand und Seele

„Niemand, du?“ Plötzlich konnte ich mich wieder erinnern. Es war mein künftiger Begleiter, mein innerer Psychopompos, der mich in meiner zukünftigen Erinnerung durch die Abgründe meiner inneren Schatten führen wird. Deshalb war es für mich auch so ungemein schwer, mich jetzt schon zu konzentrieren, weil das alles erst zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden wird. Aber mit einem Mal schwebte meine noch unerlebte Zukunft vor meinem inneren Auge, und ich konnte jedes zukünftige Detail vor mir sehen, und da wurde mir klar: Ich werde meine Reise durch das zukünftige Haus der Erinnerungen genauestens protokollieren. Denn: „Die Suche nach dem Tod wird eines Tages zur Aufarbeitung und endgültigen Erlösung meines Schattens werden.“

Dann schlug Niemand die Kapuze seines Mantels zurück und mit einem einzigen Blick wurde mir die Antwort klar: Es war kein Körper aus Fleisch und Blut, sondern es handelte sich um leuchtende Flammen aus regenbogenfarbenem Licht, lebendige Energiemuster, vielleicht eine abstrakte Entsprechung dessen, was sich der Mensch unter einem physischen Körper vorstellt, der sich wie ein starkes Informationsfeld aus meinem Bewusstsein in den Kosmos abstrahlte.

„Ich bin nicht der, den du zu sehen glaubst“, hörte ich seine Botschaft im Sternenmeer, „ich bin der Wächter der Seele am Ende der Träume, der ganz zum Schluss aus dem alten Niemand hervorgehen wird, um dir zu zeigen, an was du dich eines Tages wieder zu erinnern beginnst.“

Seine Augen glühten wie zwei Laserstrahlen, die mit einer höheren Welt in Kontakt waren. Als ich ihn berührte, wechselte sein leuchtender Ausdruck und er schaute mich ruhig und gefasst an, als ob er gerade wieder in meine Träume zurückkehren würde: „Willkommen in meiner Erinnerung: Endlich bist du wieder bei mir – ich liebe dich und vermisse dich so sehr“, hörte ich ihn sagen. „Nie wieder lasse ich dich gehn!“

„Ja, ich liebe dich auch“, wollte ich ihm schon antworten, da merkte ich, Niemand meinte nicht mich – er sprach durch mich hindurch, aber nicht mit mir. Zumindest war es nicht meine Person, der seine Worte galten. Was war geschehen?

Im Spiegel seiner Augen erblickte ich eine wunderschöne Frau: „Ja, ich vermisse dich sehr“, stöhnte sie. Eine weibliche Erscheinung züngelte wie eine Energiesäule in ihm, von der ich keine Ahnung hatte, wie es ihr gelungen war, sich in seiner Pupille zu spiegeln.

Vielleicht war sie durch einen geheimen Seiteneingang gekommen, von oben durch die Decke geschwebt oder auf digitalem Weg irgendwo verschwunden und bei mir im Schockraum wieder aufgetaucht. Ich spürte einen erotischen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ihr funkelnder Leib war erfüllt von leuchtender Wärme und ich sah den feurigen Strom seiner Worte ihre Lust umschmeicheln. Sein Geist nahm sie auf, und sie fanden ihren Rhythmus in der Liebesglut. Beide schrien ihre Lust hinaus in die Sternennacht.

Niemands Seele

Im gleichen Atemzug spürte ich einen feurigen Reigen von Bildern in meinem Inneren aufsteigen und mit einem Schlag war mir alles klar: Der sexuelle Funke war die geistige Anima aus Niemands Traum. Ich wähnte die himmlische Gestalt hinter mir, von der er mir in seinem Erlebnis erzählt hatte. Im selben Moment hatte ich eine sexuelle Vision. Ich empfand sie über und in mir: Eine geheimnisvolle schillernde Erscheinung in schimmerndem Licht. Sie erfüllte den Raum. Dabei atmete sie eine starke Präsenz und ich saugte ihren Glanz und ihre Ausstrahlung mit voller Seele ein. Zugleich lauschte ich ihren Worten und ich erinnerte mich, ich hatte den Klang ihrer Stimme schon tausendmal in mir gespürt. Eine Welle von freudigem Abschied überrollte mich. Die Freude entsprang der Botschaft, die sie mir sandte. Ich besass die Gabe des Zweiten Gesichts.

Ich roch den Duft der Göttin, hörte ihre Stimme, aber dort, wo normalerweise das Gesicht sass, konnte ich sie nicht persönlich fixieren. Ihr Antlitz war verschwommen, ich konnte ihre Gesichtszüge nicht deutlich erblicken und einen Augenblick dachte ich, es läge an der Perspektive. Ich versuchte erst meinen Kopf herumzudrehen, und als das nicht gelang, meinen Oberkörper anzuheben, um die weibliche Erscheinung in mein Gesichtsfeld zu rücken. Erst da wurde es mir auf einmal klar, dass sie einerseits hinter mir, an meinem Kopfende stand, weshalb ich ihre Züge auch nicht richtig orten konnte. Andererseits hatte ich gleichzeitig ein inneres Gesicht: Es waren die Gesichter aller Frauen, die mir im Leben je nahe standen, und die sich plötzlich mit ihrem vermischten. Sie trug die Gesichtszüge vieler Frauen, die sich mir tief eingeprägt hatten und vor allem das Antlitz aller Gefährtinnen, die ich je geliebt hatte. Gleichzeitig spürte ich, wie mich ihre Augen durchbohrten. Wie brennende Stichflammen drangen sie von hinten durch mich ein und sanken bis zum tiefsten Grund meiner Seele, und irgendwie sah ich an ihrer Stelle … mich selbst!

Im gleichen Moment verliess ich meinen Körper. Ich versuchte dabei, sehr vorsichtig zu sein, um die pulsierende Verbindung zwischen Geist und Leib, die matt in der Dämmerung schimmerte, nicht zu zerreissen. Langsam stieg ich auf. Dabei sah ich mich selbst im Bett unter mir liegen: Ein älterer Herr im Spitalnachthemd, der nach einem schweren Autounfall an einigen Beatmungsmaschinen und Infusionsgeräten angeschlossen war.


Ich blickte mich nach Niemand um und plötzlich war mir klar, die Bilder, die ich empfing, waren keine wirren Träume, sondern vergessene Botschaften aus seinem Traum. Er nickte nur und deutete auf die holde Erscheinung, die von hinten an mein Kopfende trat und mir ihre Hände sanft auf das Haupt legte: „Das ist Seele, meine grosse Liebe oder, wie du sagen würdest, die geliebte Erinnerung aus meinem Traum. Wir begegnen uns ständig auf der Schwelle, denn sie verkörpert meine Sehnsucht nach Liebe, die mich als Wanderer zwischen den Welten festhält.“ Und allmählich dämmerte mir, dass irgendein

Energiestrom in mir Anschauungen aus meinem Seelenreich in meinen organischen Leib übertrug und ich auf irgendeine seltsame Weise zwischen diesen beiden extremen Polen hin- und herschwankte.

Gleichzeitig trat ein schimmerndes Lichtwesen aus mir hervor und hielt meinem anderen Ich im Bett ebenfalls die Hände auf den Kopf. Im selben Augenblick wurde ich von einem warmen Lichtkegel erfasst und ich spürte, wie sich mein ganzes Sein plötzlich in sechs verschiedene Dimensionen aufteilte. Ich war mit mir eins und doch nahm ich mich auf sechs verschiedenen Existenzebenen parallel wahr: Als mehrdimensionales Wesen, das seine menschliche Form verloren hatte. Ich verspürte eine feierliche Stimmung – es fühlte sich wie etwas Grosses an.

„Wir sind gekommen, um dich am Ende des Weges wieder mit uns heimzunehmen“, hörte ich ihre festlichen Gesänge.

„Ist es schon so weit?“, stöhnte es in mir. „Und wo bin ich hier?“

„Du hängst ziemlich hilflos in deiner selbst auserkorenen Mehrdimensionalität drin“, spottete Niemand in seiner liebenswürdigen Art. „Und? Wie fühlt sich dieser ausserordentliche Zustand an?“

„Ich habe meine verschiedenen Persönlichkeitsanteile noch nie so stark gespürt“, erwiderte ich schwach. Ich erlebte mich gleichzeitig ‚verschieden voneinander‘, aber ich konnte nicht richtig mit ihnen kommunizieren: „Bitte erklärt mir, was hier vor sich geht!“, röchelte mein Alltagsverstand.

„Du bist über die Realität hinausgeschossen und hast dich geteilt“, hörte ich ihre Stimmen neben meinem Ohr. „Wir haben schon viele Seelen über die Schwelle geführt, aber so etwas ist uns noch nie passiert.“

„Geteilt?“ Plötzlich nahm ich an ihrer Stelle den behandelnden Arzt und seine Assistentin wahr, die sich mit verschiedenen Apparaturen und Geräten an meinem Leib zu schaffen machten. Ich überlegte noch, was das wohl zu bedeuten hatte und ob das wirklich zwei verschiedene Paare waren, ein himmlisches und ein irdisches … oder ob ich diese Unterteilung nur in meinem Kopf vornahm. Irgendwie war mir aber auch, als hätte ich meinen Körper verlassen, denn obwohl ich einen Teil von mir ganz tief unten in der materiellen Sphäre auf dem Rücken liegend wahrnahm, wusste ich nicht, ob ich meine Augen offen oder geschlossen hatte und ob ich in meinem Leib oder in meinem Traumkörper war. Schmale Blicke glitzerten über mir und funkelten mich an und eine leichte Berührung im Nacken liess mich aufschrecken: „Auf der einen Seite sind wir viel mehr als nur die Summe deiner Teile, andererseits sind wir mit allem verbunden, was du bist.“

„Können wir uns deshalb so gut miteinander unterhalten?“ Ich analysierte die Situation: Ich war vor zwei Stunden überfahren worden und jetzt lag ich im Schockraum im Spital. Und plötzlich schien mir die Sache klar: Meine beiden geistigen Erscheinungen bemühten sich um meine geistige Ablösung oben, während sich das Medizinpersonal unten um meine irdische Hülle kümmerte. Seele blickte mich tiefgründig an und nickte: „Aus Sicht der anderen Seite versteht sich alles wie von selbst, denn die Inhalte im Unbewussten sind so strukturiert, dass sich die Bilder in der Seele von alleine aufspannen, wenn man die kontrollierende Absicht des Verstandes loslassen kann.“

Die beiden Seelenbegleiter waren mir ganz nah: „Wir sind der Erinnerungsimpuls aus dem kollektiven Bewusstseinsspeicher, der sich auf die Frequenzen deines Denkens eingeschwungen hat, sozusagen die Schwelle zwischen dem Unbewussten und dem Ich, deshalb darfst du uns nicht mit der Gesamtheit deines Selbst verwechseln, aber im Dialog miteinander bilden wir den Schnittpunkt zwischen den Welten, wo Erkenntnisse hin- und her fliessen. Das ist der Begegnungsort mit den sechs Geistern.“

„Geister?“, stöhnte ich. „Soll das heißen, dass ich nichts über mein eigenes Wesen weiß?“ Ihre Botschaft verführte mich zu endlosen Spekulationen. „Das macht mir aber grosse Angst!“ Schmerzhaft verzog ich den Mund.

Seele hob ihren Blick und schaute versunken in die Ferne: „Das menschliche Ego verliert den Boden unter den Füssen immer wieder und besonders ganz am Schluss. Der Tod zieht alles in die Tiefe. Jede Zeit geht zu Ende, alles muss sterben, nichts bleibt bestehen.“ Dann reichte sie mir tröstlich die Hand.

„Das wird ja immer toller …“ Ich spürte, wie der Hauch des Lebens langsam verging. Ich fühlte die Hand des Todes auf meiner Stirn.

„Sind Krisen deshalb nicht immer auch ein notwendiger Teil der individuellen Entwicklung?“ Ich fühlte das Ende, wie es langsam in mich hineinkroch. „Krisen sind der Ausdruck eines Prozesses im Menschen, den man mit der Angst vor dem Leben umschreiben könnte“, tönte es geheimnisvoll zurück, „denn Glück und Zufriedenheit sind nicht erzwungenermassen Bestandteile der Evolution. Das menschliche Wachstum liegt nicht nur in der weisen Erkenntnis, sondern auch im ständig zunehmenden Intellekt, der in den Lösungen auf die Probleme von gestern die Probleme von morgen schafft, die dann wiederum nach den Lösungen von übermorgen verlangen.“

„Aber warum kann der Mensch dann nicht lernen, bescheidener zu werden?“, wagte ich entmutigt einzuwenden.

„Sobald der Mensch aufhören würde, ständig mehr und mehr zu wollen, bräche alles zusammen“, setzten sich die Worte in meinen Gehörknöchelchen fest. „Das bedeutet auch: Er müsste sich nicht nur auf ein Ziel ausrichten, das er ständig zu erreichen sucht, sondern gleichzeitig auch merken, dass diese Suche sein Ende wäre, falls er den Ort wirklich erreichen würde!“

„Sagt mir, ist das unser letzter Austausch, bevor ich mich wieder mit dem Geist vereine?“, schlich sich eine andere Frage in mein Hirn und die alte Sehnsucht nach dem Himmlischen war wieder da. Tränen flossen mir übers Gesicht.

„Nach der Vermischung mit den sechs Geistern fliesst du als ein Ausdruck alchimistischen Ringens um die letzten Geheimnisse der menschlichen Dinge in das kosmische Nichts zurück“, strömte es als Antwort aus meiner Seele. „Jeder Erfahrung, die über das Wesen eines Menschen hinausreicht, wohnt der Tod als alles entscheidender Antrieb inne. Während dieses Bewusstseinsvorgangs löst sich das gewohnte Ich wie ein pulsierender Wirbel auf, und während es in viele leuchtende Flämmchen zerfällt, entstehen gleichzeitig neue Impulse, zwischen denen eine neue kosmische Ordnung entsteht. Das ist auch der Grund, warum wir miteinander sprechen können, obwohl wir uns ausserhalb der menschlichen Form befinden. Aber durch unsere geistige Nähe haben wir die Schranken überwunden und schwingen gemeinsam auf einer bewusstseinsmässig übergreifenden Frequenz.“

Ich glaubte, über mir die Sterne zu sehen, und ich spürte auch, wie sich in diesem anderen Teil meines Selbst die Blickrichtung veränderte und ich meine Erinnerungen wie Lianen benutzte, um mich im Licht der Erkenntnis in die Zukunft zu schwingen: „Du kommst vors Jüngste Gericht. Dort begegnest du den sechs Geistern, deinen inneren Richtern.“ Ich empfand eine Art Einladung, einen leichten Sog. Dann hatte ich die seltsame Gewissheit, als wäre es mein eigenes Auge, das mich ansah, und ich verschmolz in einer Flamme aus regenbogenfarbenem Licht.

„Schau nicht nur zu den Sternen empor“, erwiderte Niemand mit einem beinahe zärtlichen Unterton, „blick auch nach unten in die irdische Hölle und teil mir den Unterschied mit, den du siehst.“ Er stand neben meinem Bett und schaute mich mitfühlend an. Nur widerwillig kehrte ich in meinen Körper zurück.

Im gleichen Moment wurde mir aber auch bewusst, dass sich mein Blickfeld mehrdimensional anfühlte. Auf der Bewusstseinsoberfläche erkannte ich Seele, wie sie in der Tiefe verschwand. Es war wie die Rückkehr zu Niemands Traum, den ich zwar längst vergessen hatte, der mich aber immer noch verfolgte. Mich überfiel ein glitzernder innerer Schauder, als die Bilder aus dem Teich der Versenkung herauf langsam vor mein Bewusstsein stiegen und mir signalisierten, dass ich im Begriff war, etwas zu finden, was schon längst in meinem Unbewussten versunken war. Andererseits wusste ich auch, dass der Tod nahe war. Meine Lebensflamme ging unaufhaltsam zu Ende. Vergeblich versuchte ich, auf die Füsse zu kommen, was mir aber nicht gelang. Stattdessen schwebte ich wie ein Schlafwandler, der seine Ziele vergessen hat und sich so niemals über den halluzinogenen Schimmer seiner Träume erheben kann, nicht nur auf die regenbogenfarbige Schicksalsnabe zu, sondern sozusagen in das Sternenrad hinein, Speiche an Speiche mit dem Erhabenen und verknüpft in die namenlose Sphäre von Ewigkeit, eine lebendige Gemeinschaft mit Gott oder auch eine vitale Auslöschung jeden menschlichen Seins.


Dann spürte ich Niemands sanfte Hand: „Ja, es ist passiert – genau hier an der Stelle, wo wir uns befinden. Es war nur ein kleines Zeitfenster, aber du hast deine Chance gepackt! Auch wenn du die Konsequenzen meiner Handlung für diesen anderen verliebten Teil von Niemand, meine von dir abgespaltene innere Gestalt, noch nicht in ihrer ganzen Tragweite überblicken kannst: Beide sind jetzt wieder da, woher sie kamen.“

„Beide …? Ich versteh nicht: Du meinst Niemand und Seele?“, jammerte ich konsequent. „So hast du die Rückbildung gewisser Handlungen bereits in die Wege geleitet. Übrigens, wo sind wir hier?“

„Wieso wir? Du bist alleine hier!“, lächelte er gespalten.

„Was …? Wo …? In was für einer Welt bin ich da gelandet?“, stöhnte ich entsetzt. Irgendwie lag ich auf der Strasse am Boden, mit zuckenden Gliedern, Schaum vor dem Mund.

„Vergeblich sahst du dem Auto ins Auge, das wie ein wilder Stier auf dich zugeschossen kam. Dabei hat es dich voll am Kopf erwischt: Schädelknochen knirschten, Kniescheiben zersprangen und Blut tropfte aus dem Auge. Schädel-Hirntrauma nannten es die Ärzte“, entgegnete er ernst. Ein Anflug von Schmerz und Kummer durchwellte sein Gesicht.

„Sag mir, was ist das für eine Welt?“, wiederholte ich hartnäckig. Ausschnitthafte Ansichten meiner Hirnwände glitten vorbei, Leitungen, die meine Gehirnströme darstellten und offene Gehirnschächte, in denen Informationseinheiten Gedanken zerlegten und zu neuen Gebilden verschweißten.

„Was für eine Welt? Gute Frage! Es ist ja auch kein physischer Raum …“


Kapitel 5

Die sechs Geister

… dann wachte ich auf! Um mich herum herrschte völlige Finsternis, die lediglich durch die Sterne unterbrochen wurde, die zu Abermillionen am Firmament funkelten. Als ich nach unten blickte, um mich zu vergewissern, wo ich mich befand, gähnte mir die gleiche Dunkelheit entgegen. Außer mir und der absoluten Stille gab es nichts um mich herum, an dem das Auge des Betrachters irgendeinen Fixpunkt hätte festmachen können. Ich schien irgendwo frei im Universum zu schweben. Die Frage, die sich mir stellte, war die: Wer oder was war ich? Doch noch viel wichtiger schien mir in diesem Moment: Wo war ich und was war um mich? War die Wirklichkeit nur ein Übergang zwischen den Welten, wie sich dieser Zustand für mich als eine Form menschlichen Sterbens anfühlte, unter kaltem Neonlicht in einem sterilen Spitalzimmer auf irgendeiner Sterbestation, wo ich dem Ende entgegendämmerte, oder war das alles ein Vorgeschmack auf das kommende Zeitalter, dessen freudentrunkene Wehen wie ein künftiges Ereignis am Horizont einer neuen, unbekannten Erfahrung heraufzogen …?

Als die nächste Lichtwelle auf mein Bewusstsein traf, rannte ich los, und kein Hindernis hätte mich aufhalten können, denn ich bemerkte, wie sich die andere Seite Zugang zu meinem Bewusstsein verschaffen wollte. Ich fühlte einen Zugriff im Hirn und einen Augenblick hatte ich das Gefühl, als ob man mein Bewusstsein spalten oder auseinanderdividieren wollte, denn zur gleichen Zeit spürte ich ganz unterschiedliche Persönlichkeiten in mir, die abwechselnd die Kontrolle über mein Verhalten zu übernehmen versuchten. Zugleich schien irgendetwas schief gelaufen zu sein, denn für Sekundenbruchteile konnte ich mich auch an das Handeln verschiedener ‚anderer‘ innerer Personen erinnern, als ob ich mich gleichzeitig in unterschiedlichen Positionen wahrnahm, und synchron dazu fühlte ich mich von einer unbändigen Energie angetrieben, die mir auf die ewige Frage, „Wer bin ich?“, die tiefschürfende Botschaft sandte, „ … die letzte Hürde zu dir selbst!“

„Sag, ist das die letzte Prüfung, die mich zur Auseinandersetzung mit mir selber zwingt, bevor ich mich wieder mit dem Geist verbinde?“, schlich sich eine weitere Frage durch meinen Kopf und die alte Sehnsucht nach dem Himmlischen war wieder da. Ein grosses Verlangen breitete sich in meinem Inneren aus.

Pulsuz fraqment bitdi.

19,03 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
Həcm:
357 səh. 96 illustrasiyalar
ISBN:
9783906925011
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Автор
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar