Kitabı oxu: «Ich hatte Angst, der Krieg könnte zu Ende gehen»
Ich hatte Angst, der Krieg könnte zu Ende gehen
Axel Panzer
Teil I. Wir
Kapitel 1. Wenn man neun ist
Mit neun Jahren ist die Welt noch übersichtlicher als später. Es gibt Dinge, die richtig sind, und Dinge, die falsch sind. Es gibt Erwachsene, die die Antworten kennen. Einen Vater, der ein Türschloss, eine Fahrradkette und sogar die Wanduhr reparieren kann, obwohl er jedes Mal behauptet, bei einer kaputten Uhr lohne sich eigentlich nur noch das Wegwerfen. Eine Mutter, die schon aus dem Nebenzimmer hört, wann die Milch gleich überkocht. Und einen großen Bruder, der achtzehn ist und einem deshalb beinahe so erwachsen vorkommt wie der Vater – nur sehr viel glücklicher. Und dann gibt es Dinge, über die ein Kind nicht nachdenkt, weil sie einfach schon immer da waren. Die Fahne über der Schule. Das Porträt des Mannes über der Tafel. Der Morgengruß. Das Radio, das der Vater abends ein wenig lauter stellt.
Männer in braunen Hemden. Plakate an den Zäunen. Lieder, deren Texte selbst diejenigen kennen, die behaupten, sie sängen nicht gern. Und Worte. Vor allem Worte. Matthias Roth wusste noch nicht, dass Worte Menschen verändern können, lange bevor diese selbst bemerken, was mit ihnen geschieht. Im Frühjahr 1938 war er neun Jahre alt. Er lebte mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Erich in einer kleinen Stadt, in der fast jeder, wenn schon nicht jeden persönlich, so doch wenigstens die Familiennamen kannte. Das Haus der Roths stand an einer Straße, die zum Bahnhof hinunterführte. Morgens roch es dort nach Kohlenrauch, feuchtem Stein und dem Brot aus Herrn Bremers Bäckerei. Stand der Wind anders, mischte sich der Brandgeruch aus dem Lokomotivdepot darunter. Matthias liebte den Bahnhof. Er hatte ihn schon geliebt, bevor er überhaupt verstand, wohin die Züge fuhren.
Er liebte das schwere Atmen der Dampflokomotiven, die kurzen Pfiffe, das Schlagen der Kupplungen und die Männerstimmen auf dem Bahnsteig. Am liebsten stand er am Zaun und sah zu, wie sich eine riesige Maschine in Bewegung setzte, zuerst beinahe unmerklich, dann immer schneller, als hätte sie plötzlich selbst beschlossen, nicht länger hierbleiben zu wollen. Manchmal dachte er, so müsse Erwachsensein aussehen. Lange steht man still. Dann gibt jemand ein Zeichen. Und man fährt los.
An diesem Morgen war die Stimme seiner Mutter das Zeichen.
„Matthias! Du kommst schon wieder zu spät!“
Er warf noch einen letzten Blick aus dem Fenster auf die Straße und löste sich widerwillig vom Fensterbrett. Auf dem Bett lag das Hemd, das seine Mutter am Abend zuvor herausgelegt hatte. Daneben kurze Hosen, Strümpfe und Schuhe. Über der Stuhllehne hing Erichs Jacke. Matthias blieb mit dem Blick daran hängen. Sein Bruder trug schon lange keine kurzen Hosen mehr, und allein das machte ihn zu einem Wesen aus einer anderen Welt. Erich besaß lange Hosen, einen echten Rasierapparat, den er neben dem Waschbecken liegen ließ, eigene Zigaretten, obwohl die Mutter jedes Mal schimpfte, er ruiniere sich die Lunge, und sogar das Recht, nach neun Uhr nach Hause zu kommen. Matthias versuchte sich manchmal vorzustellen, wie es sich anfühlte, wenn niemand aus der Küche „Nach Hause!“ hinter einem herrief.
Es gelang ihm nicht besonders gut.
„Ich komme ja!“
„Das hast du vor fünf Minuten auch gesagt!“
„Hab ich nicht!“
„Dann höre ich offenbar schon deine Stimme aus der Zukunft.“
Seine Mutter konnte solche Sätze vollkommen ernst sagen. Matthias zog das Hemd über und rannte in den Flur, während er im Laufen die Knöpfe schloss. Anna Roth stand am Herd. Das Haar hatte sie im Nacken zusammengesteckt, die Ärmel ihres Kleides waren hochgekrempelt. Auf dem Tisch lagen Brot und ein Glas Marmelade, daneben stand ein Becher Milch. Karl Roth saß am Fenster und las Zeitung. Sein Vater las Zeitungen fast immer auf dieselbe Art: Er faltete sie einmal in der Mitte, neigte den Kopf ein wenig und brummte von Zeit zu Zeit missmutig, als würden die Artikel eigens gedruckt, um ihn zu ärgern.
„Guten Morgen“, sagte Matthias.
„Er wäre noch besser, wenn gewisse Leute aufstünden, sobald man sie weckt“, bemerkte seine Mutter.
Der Vater senkte den Rand der Zeitung.
„Manche Leute in seinem Alter brauchen überhaupt keinen Schlaf.“
„Wer denn?“
„Keine Ahnung. Aber es wird sie schon geben.“
Matthias begriff, dass es ein Scherz war, und grinste. Erich saß seinem Vater gegenüber. Vor ihm stand Kaffee. Kaffee. Ein untrügliches Zeichen des Erwachsenseins. Matthias hatte einmal aus der Tasse seines Bruders probiert und das Zeug beinahe wieder ausgespuckt. Noch lange danach hatte er sich gefragt, weshalb Menschen freiwillig etwas so Bitteres tranken und dabei auch noch so taten, als würde es ihnen schmecken. Erich bemerkte seinen Blick.
„Willst du?“
„Nein.“
„Hast du es dir mit dem Erwachsenwerden anders überlegt?“
„Ich werde auch ohne Kaffee groß.“
„Das werden wir sehen.“
Matthias setzte sich. Auf der Titelseite der Zeitung seines Vaters war ein großes Foto zu sehen. Ein Mann stand in einem offenen Wagen und hatte den Arm erhoben; rings um ihn ragten unzählige Arme in die Höhe. Solche Bilder waren Matthias längst nicht mehr ungewöhnlich erschienen. Er strich hastig Marmelade auf sein Brot.
„Heute nach dem Unterricht sucht Herr Krüger Jungen aus.“
Die Mutter drehte sich um.
„Wofür sucht er sie aus?“
„Für die Gruppe.“
„Für welche Gruppe?“
„Davon habe ich gestern erzählt.“
„Du hast gleichzeitig mit dem Radio, deinem Vater und einem Kochtopf geredet.“
Matthias sah zu Erich hinüber und hoffte auf Hilfe. Erich grinste.
„Fürs Deutsche Jungvolk, Mama.“
Matthias gefiel, wie sein Bruder die Worte aussprach. Deutsches Jungvolk. Das klang viel ernsthafter als irgendein gewöhnlicher Jungenverein. Die älteren Jungen waren in der Hitlerjugend. Dafür war Matthias noch zu jung, und vermutlich gerade deshalb übte dieses Wort auf ihn eine noch größere Anziehung aus. Das Beste schien aus irgendeinem Grund immer für diejenigen bestimmt zu sein, die älter waren.
Der Vater hob die Zeitung wieder an.
„Er ist erst neun.“
„In drei Monaten bin ich zehn“, sagte Matthias sofort.
Karl sah über den Zeitungsrand hinweg.
„Ich kann rechnen.“
„Herr Krüger hat gesagt, man kann sich schon vorher vorbereiten.“
Die Mutter stellte ihm die Milch hin.
„Was heißt vorbereiten?“
„Na ja … Wanderungen. Sport. Knoten. Kartenlesen. Wettkämpfe. Lagerfeuer.“
Matthias zählte alles rasch auf, weil Heinz Weber, der Sohn des Apothekers, es am Vortag genauso beschrieben hatte. Heinz war fast ein Jahr älter und schon zweimal bei einem Ausflug dabei gewesen. Er erzählte davon, als wäre er mindestens von einer Expedition durch Afrika zurückgekehrt. Zwölf Kilometer waren sie gelaufen. Sie hatten selbst gekocht. Selbst Feuer gemacht. Einer der Jungen hatte sich die Ferse wundgelaufen, bis sie blutete, und trotzdem keinem etwas gesagt. Gerade das hatte Matthias besonders beeindruckt. Er stellte sich vor, wie er mit einer blutigen Ferse weiter in der Reihe marschierte. Die Vorstellung war großartig.
„Und die Uniform“, fügte er hinzu.
Die Mutter seufzte.
„Ach so.“
„Was?“
„Dann hättest du dir Lagerfeuer und Kartenlesen sparen können.“
Erich lachte. Matthias wurde rot. Natürlich wollte er die Uniform. Er hatte die Jungen bei den sonntäglichen Aufmärschen gesehen. Schwarze kurze Hosen. Braunhemd. Halstuch. Koppel. Sie bewegten sich gemeinsam. Nicht wie Schulkinder, die ein Lehrer paarweise über den Hof führte. Ganz anders. Als wüsste jeder von ihnen genau, wohin er ging, und alle anderen wüssten es ebenfalls. Und die Passanten sahen ihnen nach. Manche lächelten. Andere hoben den Arm. Gerade das gefiel Matthias besonders. Man bemerkte sie.
Karl Roth faltete die Zeitung zusammen.
„In deinem Alter mochte ich Uniformen auch.“
Matthias wurde sofort hellhörig.
„Welche?“
Sein Vater antwortete nicht gleich.
„Jede.“
Er nahm seine Tasse. An der linken Hand fehlte ein Teil des kleinen Fingers. Matthias wusste, dass der Krieg daran schuld war. Nicht irgendein Krieg. Der Krieg. Der erste. Sein Vater sprach nur selten davon. Selbst Erich, der inzwischen Fragen stellen konnte, ohne wie ein Kind behandelt zu werden, erfuhr fast nichts. Einmal hatte Matthias wissen wollen, wie genau Karl den Finger verloren hatte. Der Vater hatte lediglich gesagt:
„Die Hand an die falsche Stelle gelegt.“
Mehr nicht. Damals hatte Matthias geglaubt, sein Vater mache einen Scherz. Inzwischen war er sich nicht mehr so sicher.
„Warst du ein Held?“, fragte er.
Seine Mutter hörte auf, Brot zu schneiden. Erich hob langsam den Kopf. Karl sah seinen jüngeren Sohn an.
„Nein.“
„Aber du warst im Krieg.“
„War ich.“
„Dann …“
„Das ist nicht dasselbe.“
Matthias wollte weiterfragen, doch seine Mutter sagte nur:
„Iss.“
An ihrem Ton erkannte er, dass das Gespräch beendet war. Draußen klingelten bereits Fahrräder. Matthias trank die Milch hastig aus, griff nach seinem Schulranzen und ging zur Tür.
„Dein Brot!“
Die Mutter drückte ihm das Päckchen in die Hand.
„Danke.“
„Und renn nicht wieder vor ein Auto über die Straße.“
„Ich renne nicht.“
„Gestern bist du gerannt.“
„Gestern kam gar kein Auto.“
„Deshalb hast du es vermutlich auch nicht gesehen.“
Er schoss ins Treppenhaus. Hinter ihm hörte er die Stimme des Vaters.
„Matthias.“
Der Junge kehrte um. Karl stand in der Küchentür.
„Wenn du da hingehst, mach nichts bloß deshalb, weil die anderen es auch machen.“
Matthias sah ihn verständnislos an.
„Warum nicht?“
Der Vater schien etwas erklären zu wollen, ließ es dann aber bleiben.
„Weil du nur einen Kopf hast. Also benutz ihn auch.“
Matthias nickte. Der Rat kam ihm derart selbstverständlich vor, dass er ihn für vollkommen nutzlos hielt. Dann rannte er die Treppe hinunter.
In der Schule roch es nach Kreide, nassen Jacken und Bohnerwachs auf dem Holzfußboden. An der Wand neben dem Eingang hing ein großes Plakat, das Matthias schon seit Wochen sah. Ein kräftiger blonder Junge blickte über die Köpfe der Betrachter hinweg irgendwo in die Ferne. Hinter ihm wehte eine Fahne. Darunter stand: Jugend dient dem Führer. Matthias kannte den Satz längst auswendig. Heute las er ihn nicht einmal mehr. Er lief einfach daran vorbei.
Im Klassenzimmer saß Heinz bereits auf einer Bank, umringt von anderen Jungen.
„Ich sag euch doch, nachts durften wir das Feuer nicht ausgehen lassen!“
„Warum nicht?“
„Weil wir einen Auftrag hatten.“
„Was für einen?“
„Einen Nachtauftrag.“
„Das ist doch kein Auftrag.“
„Warst du dabei?“
„Nein.“
„Dann halt den Mund.“
Matthias drängte sich näher. Heinz bemerkte ihn.
„Heute kommt Krüger.“
„Weiß ich.“
„Du bist erst neun.“
„Fast zehn.“
„Fast zählt nicht.“
„Herr Krüger hat selbst gesagt …“
„Ruhe!“
Der Lehrer war hereingekommen. Herr Schulze war ein kleiner Mann mit glatt gekämmtem Haar und schmalen Lippen. Er unterrichtete Rechnen, Geschichte und Naturkunde, und Matthias fand es merkwürdig, dass ein einziger Mensch sich gleichzeitig mit Brüchen, deutschen Königen und dem Innenleben eines Frosches auskennen konnte. Alle standen auf. Der Gruß kam wie aus einem Mund. Dreißig Kinderstimmen. Der Lehrer erwiderte ihn. Matthias hob den Arm mit den anderen. Er tat das jeden Tag. So gehörte es sich. Die Lehrer taten es. Der Direktor tat es. Männer auf der Straße taten es, wenn Reden im Radio übertragen wurden. Erwachsene auf dem Marktplatz taten es. Wenn man etwas jeden Tag tut, hört es sehr schnell auf, wie eine Handlung zu wirken. Dann ist es nur noch eine Bewegung. Wie die Mütze abnehmen. Wie „Guten Morgen“ sagen.
Wie eine Tür schließen.
In der ersten Stunde hatten sie Geschichte. Herr Schulze schrieb an die Tafel:
1918
„Wer kann mir sagen, wofür dieses Jahr steht?“
Hände gingen hoch. Matthias meldete sich ebenfalls, obwohl er gar nicht besonders gern antworten wollte. Der Lehrer zeigte auf Kurt.
„Für Deutschlands Niederlage.“
„Richtig. Was noch?“
„Verrat.“
„Gut. Noch etwas?“
Heinz stand auf.
„Demütigung.“
Herr Schulze nickte.
„Genau.“
Matthias schrieb das Wort in sein Heft. Demütigung. Er wusste sehr gut, was es bedeutete. Man konnte einen Jungen demütigen, indem man vor allen sagte, dass er geweint hatte. Man konnte einen Menschen demütigen, indem man ihn zum Betteln zwang. Man konnte Deutschland demütigen. Das Letzte verstand Matthias weniger gut, aber er hatte es oft genug gehört, um nicht daran zu zweifeln.
Herr Schulze sprach vom Versailler Vertrag, von verlorenen Gebieten, von einem Heer, das die Feinde klein und schwach halten wollten. Matthias sah auf die Karte. Deutschland war in einer Farbe eingezeichnet, die Nachbarländer in anderen. Er dachte, die Karte sehe aus wie eine Flickendecke.
„Aber ein Staat“, sagte der Lehrer, „besteht nicht nur aus Land.“
Er wandte sich der Klasse zu.
„Was ist wichtiger als Land?“
Einige Sekunden lang antwortete niemand.
„Das Volk“, sagte Heinz.
„Genau. Das Volk.“
Herr Schulze machte eine Pause.
„Ein Volk, ein Reich, ein Führer.“
Die Klasse wiederholte:
„Ein Volk, ein Reich, ein Führer.“
Matthias sprach mit. Ihm gefiel der Rhythmus. Drei Teile. Drei Schläge. Der Satz hatte etwas so Geordnetes, dass er allein deshalb richtig zu sein schien, weil er gut klang. Der Lehrer fuhr mit dem Unterricht fort. Zehn Minuten später dachte Matthias längst wieder an etwas anderes. Nach Schulschluss sollte Herr Krüger kommen.
Er kam um drei Uhr. Nicht im Anzug eines Lehrers und auch nicht in gewöhnlicher Straßenkleidung, sondern in der Uniform eines Jugendführers. Schon deshalb wurde es in der Aula still, noch bevor der Direktor die Jungen zum Hinsetzen aufforderte. Matthias musterte ihn von Kopf bis Fuß. Herr Krüger war vielleicht fünfundzwanzig, groß und schlank, mit hellem, zurückgekämmtem Haar. Er lächelte die Jungen an, als kenne er jeden von ihnen persönlich.
„Wer von euch sitzt gern zu Hause herum?“
Ein paar Jungen lachten. Keine Hand ging hoch.
„Hab ich mir gedacht. Wer wandert gern?“
Jetzt meldeten sich fast alle.
„Wer möchte lernen, wie man sich im Wald orientiert?“
Hände.
„Schwimmen?“
Hände.
„Schießen?“
Nun meldeten sich sogar diejenigen, die vorher zu bequem gewesen waren. Krüger lächelte.
„Bis dahin müsst ihr noch ein Stück wachsen.“
Ein enttäuschtes Raunen ging durch den Saal.
„Ihr wollt alles sofort?“
„Ja!“
„Schlecht. Ein Mann muss warten können.“
Matthias merkte sich den Satz. Ein Mann muss warten können. Er beschloss auf der Stelle, es auszuprobieren. Allerdings rutschte er schon zwei Minuten später wieder unruhig auf seinem Stuhl hin und her.
Krüger erzählte von Zeltlagern, Sport und Wettkämpfen zwischen den Fähnlein. Von Disziplin. Von Kameradschaft. Vor allem von Kameradschaft.
„Ein Einzelner kann stark sein“, sagte er. „Aber ein Volk ist nur gemeinsam stark.“
Matthias erinnerte sich an die Aufmärsche. Genau so hatten die Jungen ausgesehen. Gemeinsam. Krüger zeigte Fotos. Jungen vor Zelten. Jungen am Lagerfeuer. Jungen auf Fahrrädern. Jungen mit einer Fahne auf einer Anhöhe. Auf einem Bild stand eine Gruppe am Seeufer, alle mit nacktem Oberkörper, braun gebrannt und lachend. Plötzlich sah Matthias sich so deutlich zwischen ihnen stehen, dass er beinahe die Sonne auf den Schultern spürte.
Dann sagte Krüger:
„Ihr seid Deutschlands Zukunft.“
Matthias richtete sich auf. Die Worte galten allen, und doch schien es für einen Augenblick, als hätte Krüger sie nur zu ihm gesagt. Er war noch nie jemandes Zukunft gewesen. Nicht einmal zu Hause. Zu Hause war er der Jüngere. Der, dem man sagte, er solle das Messer nicht anfassen. Nicht aufs Dach klettern. Nicht dazwischenreden. Nicht zu spät nach Hause kommen. Erichs Rasierzeug nicht anrühren. Nicht ohne Erlaubnis auf Vaters Fahrrad steigen. Und hier sagte ein erwachsener Mann: Ihr seid Deutschlands Zukunft. Es war beinahe unglaublich.
Nach der Versammlung blieb Krüger vor der Bühne stehen. Die Jungen traten einzeln zu ihm. Als Matthias an der Reihe war, wurde er plötzlich nervös.
„Name?“
„Matthias Roth.“
„Alter?“
„Neun. Aber im Juli werde ich zehn.“
Krüger hob den Blick.
„Hast es eilig, was?“
Matthias wusste nicht, ob der Mann sich über ihn lustig machte.
„Nein.“
„Gut.“
Krüger schrieb den Namen auf.
„Kannst du schwimmen?“
„Ja.“
Das war übertrieben. Matthias schaffte ungefähr zwanzig Meter, ohne unterzugehen.
„Laufen?“
„Ja.“
„Prügeln?“
Matthias zögerte. Krüger lächelte.
„Die richtige Antwort lautet: nur wenn es nötig ist.“
Auch das merkte Matthias sich. Er wollte schon gehen, da fragte Krüger:
„War dein Vater Soldat?“
„Ja.“
„Im Großen Krieg?“
„Ja.“
„Dann weißt du ja, was Pflicht bedeutet.“
Matthias wollte sagen, dass sein Vater so gut wie nie über den Krieg sprach. Aber aus irgendeinem Grund schwieg er. Krüger legte ihm für einen Augenblick die Hand auf die Schulter. Ganz leicht.
„Aus dir wird ein guter Kerl, Roth.“
Matthias verließ die Schule als ein anderer Mensch. Jedenfalls kam es ihm so vor.
Auf dem Heimweg ging er langsam. Nicht weil er müde war – im Gegenteil. Er wollte den Weg in die Länge ziehen. Er stellte sich die Uniform vor. Sich selbst in der Reihe. Wie er dieselbe Straße entlangmarschierte und Herr Bremer aus seiner Bäckerei trat und ihm nachsah. Dann stellte er sich den Vater am Fenster vor. Ob er wohl stolz sein würde? Matthias beschloss, dass er es bestimmt sein musste. Jeder Vater wäre stolz.
An der Ecke beim Tabakladen hing ein neues Plakat. Darauf war ein Soldat abgebildet. Jung. Kräftig. Mit einem Gewehr. Er sah in die Ferne, ungefähr so wie der Junge auf dem Plakat in der Schule. Matthias blieb stehen. Der Soldat wirkte älter als Erich, aber nicht viel. Einen Augenblick lang dachte Matthias, dass sein Bruder eines Tages genauso aussehen würde. Und er selbst auch. Irgendwann. Der Gedanke gefiel ihm.
Er wusste noch nicht, wie schwer ein Gewehr war. Er wusste nicht, was ein durchnässter Mantel wog. Wusste nicht, wie ein Mensch schrie, wenn ein Splitter in seinen Bauch drang. Wusste nicht, dass man einem Toten die Stiefel auszog, wenn die eigenen auseinanderfielen. Wusste nicht, wie Kleidung roch, die wochenlang nicht richtig trocknete. Wusste nicht, wie es war, Artilleriefeuer abzuwarten und dabei zu wissen, dass die nächste Granate näher einschlagen konnte. Und woher hätte er es wissen sollen? Auf dem Plakat war nichts davon zu sehen. Dort gab es eine saubere Uniform. Einen geraden Rücken. Ein Gewehr. Den Horizont.
Matthias sah noch einen Moment hin und ging weiter. Vor dem Hauseingang stand Erich und hantierte an seinem Fahrrad.
„Wo hast du gesteckt?“
„Bei der Versammlung.“
„Aha. Der künftige Bezwinger der Wälder.“
Matthias stellte den Ranzen auf den Boden.
„Sie nehmen mich auf.“
„Glückwunsch.“
„Krüger hat gesagt, aus mir wird ein guter Kerl.“
„Tatsächlich?“
„Ja.“
Erich zog eine Mutter fest.
„Dann ist ja alles geklärt.“
Matthias hörte den Spott heraus.
„Du glaubst, ich kann das nicht?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber gedacht.“
Erich richtete sich auf. Er war ungefähr einen halben Kopf größer als der Vater. Seine Haare waren so dunkel wie die der Mutter.
„Matthias.“
„Was?“
„Willst du einen Rat?“
Der Junge wurde misstrauisch. Ratschläge seines Bruders bedeuteten meistens, dass gleich etwas kam wie: Finger weg von meinem Fahrrad.
„Was für einen?“
„Wenn dir jemand sagt, aus dir werde ein guter Kerl, dann finde erst heraus, was er überhaupt unter gut versteht.“
Matthias runzelte die Stirn. Die Erwachsenen schienen sich heute verschworen zu haben, in Rätseln zu sprechen.
„Was gibt es da herauszufinden?“
Erich sah ihn ein paar Sekunden lang an und zuckte dann mit den Schultern.
„Nichts.“
Er beugte sich wieder über das Fahrrad. Matthias hob seinen Ranzen auf.
„Du wirst schon sehen.“
„Was?“
„Ich werde der Beste.“
„Natürlich.“
„Wirklich.“
„Glaube ich dir.“
Matthias gefiel nicht, wie sein Bruder das sagte. Er ging ins Haus.
Am Abend hörte die ganze Familie Radio. Karl saß im Sessel. Anna stopfte einen Strumpf. Erich blätterte in einer Zeitschrift. Matthias lag bäuchlings auf dem Teppich, das Kinn auf die Hände gestützt. Aus dem Lautsprecher kam eine Stimme. Große Worte. Deutschland. Volk. Zukunft. Stärke. Einheit. Ehre. Matthias verstand nicht alles, aber einige Wörter kannte er längst.
Als der Satz „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ fiel, sprach er ihn lautlos mit.
Der Vater sah zum Radio. Dann stand er auf und drehte es ein wenig leiser.
Erich hob den Kopf.
„Warum?“
„Man hört es auch so.“
„Im Nebenzimmer vielleicht nicht.“
„Da ist niemand.“
Erich grinste. Die Mutter stopfte weiter. Matthias beobachtete beide. Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, zwischen Vater und Bruder sei etwas geschehen, das er nicht verstand. Doch schon im nächsten Moment zog ihn die Stimme aus dem Radio wieder in ihren Bann.
Es ging um die Jugend. Um eine neue Generation. Um ein Deutschland, das sich nie wieder auf die Knie zwingen lassen würde. Matthias dachte an Herrn Schulze. An Demütigung. An die Karte. An Herrn Krüger. An die Jungen vor den Zelten. An die Uniform. An den Soldaten auf dem Plakat. Alles fügte sich plötzlich zusammen. Nicht vollständig. Nicht so, dass er es hätte erklären können. Aber weit genug, dass er etwas empfand.
Deutschland war etwas Riesiges. Viel größer als ihr Haus, die Stadt, die Schule und sogar der Bahnhof. Und er gehörte dazu. Nicht irgendwann später. Schon jetzt.
Er war neun Jahre alt.
Er lag auf dem Wohnzimmerteppich, ließ die Beine in der Luft baumeln und glaubte vollkommen aufrichtig, die Erwachsenen hätten endlich eine Welt gebaut, in der alles seinen Platz hatte. Das Volk. Der Staat. Der Führer. Der Vater. Die Mutter. Erich. Er selbst.
Noch war ihm nicht der Gedanke gekommen, zu fragen, was mit denen geschah, für die in dieser Welt kein Platz vorgesehen war. Bis zu dieser Frage würden noch einige Jahre vergehen.
Vorerst träumte Matthias Roth von einer Uniform.
Und er wollte so schnell wie möglich erwachsen werden.
Kapitel 2. Die Uniform
Die Uniform kam in einem Papierpaket. Matthias hatte fast einen Monat auf diesen Tag gewartet und ihn sich so oft ausgemalt, dass ihn das wirkliche Braunhemd im ersten Augenblick beinahe enttäuschte. Es war eben nur ein Hemd. Es leuchtete nicht. Es machte ihn nicht größer. Und es verwandelte ihn auch nicht in einen anderen Menschen, nur weil man das Papier darum entfernte. Seine Mutter legte es auf den Küchentisch, strich den Stoff mit beiden Händen glatt und begann als Erstes nach Fehlern zu suchen.
„Hier hängt ein Faden raus.“
„Wo?“
„Nicht dran ziehen.“
„Ich wollte doch nur gucken.“
„Wenn du mit den Fingern guckst, wird es davon auch nicht schöner.“
Matthias trat zurück. Neben dem Hemd lagen die schwarzen kurzen Hosen, das Koppel und das Halstuch. Das Koppel gefiel ihm am besten. Schwer, richtig, ganz anders als der Gürtel, mit dem er seine Schulhose festhielt. Das Koppelschloss glänzte. Matthias strich mit dem Daumen darüber. Seine Mutter sah es sofort.
„Mach keine Fingerabdrücke drauf.“
Er zog die Hand weg.
„Ich wollte nur …“
„Ich weiß. Du willst immer nur.“
Sie hielt das Hemd gegen das Licht.
„Ein bisschen groß.“
„Das muss so sein.“
„Wer sagt das?“
„Heinz.“
„Heinz ist natürlich der größte Fachmann für Kleidung.“
Matthias antwortete nicht. Er stellte sich bereits vor, wie das Hemd an ihm aussehen würde, wenn die Mutter die Ärmel zurechtgelegt und alle Falten glattgestrichen hatte. Bis zum ersten Antreten waren es noch zwei Tage. Zwei Tage kamen ihm beinahe wie eine Ewigkeit vor.
„Darf ich es anprobieren?“
„Was meinst du, warum ich es hier ausgebreitet habe?“
Er zog sich das Schulhemd so hastig über den Kopf, dass sein Ohr im Kragen hängen blieb. Die Mutter verzog das Gesicht.
„Wenn du es vor dem ersten Ausflug zerreißt, gehst du im alten Hemd.“
Matthias erstarrte. Die Drohung wirkte. Von da an zog er sich sehr vorsichtig an. Das Hemd war tatsächlich etwas zu groß. Die Ärmel musste man umschlagen. Die Hose saß besser. Die Mutter zog das Koppel fest, rückte das Halstuch zurecht und trat einen Schritt zurück. Matthias stand mitten in der Küche, die Arme steif an den Seiten.
„Und?“
Anna Roth antwortete nicht sofort. Sie sah ihren Sohn mit einem Ausdruck an, den Matthias nicht deuten konnte. Als lächle sie schon ein wenig. Oder als wolle sie etwas Ernstes sagen. Schließlich lächelte sie doch.
„Siehst gut aus.“
Das genügte. Matthias ging sofort zum Fenster und versuchte, sich in der Scheibe zu erkennen. Am Tag spiegelte das Glas schlecht. Er sah sein Gesicht, einen dunklen Umriss, die Schultern.
„Da sieht man doch nichts.“
„Ich sehe genug.“
„Ich will mich selbst sehen.“
„Im Schlafzimmer ist ein Spiegel.“
Er rannte in den Flur.
„Nicht rennen!“
Ein paar Sekunden später stand er bereits vor dem Spiegel. Er war schmal, sodass Matthias sich nie ganz darin sehen konnte. Also trat er zurück, beugte sich, drehte sich seitlich. Er gefiel sich sofort. Seine Schultern wirkten breiter. Das Kinn wollte er automatisch etwas höher halten. Sogar seine Beine sahen aus irgendeinem Grund kräftiger aus. Matthias richtete sich auf und versuchte ein strenges Gesicht zu machen. Es gelang nicht. Er grinste. Dann wurde er wieder ernst, hob den rechten Arm, betrachtete sich, ließ ihn sinken und hob ihn noch einmal. Diesmal schneller, entschlossener. So war es besser.
Von der Tür her kam eine Stimme.
„Übst du?“
Matthias zuckte zusammen. Erich stand im Flur, die Schulter an den Türrahmen gelehnt.
„Nein.“
„Natürlich nicht.“
„Mama hat gesagt, ich soll es anprobieren.“
„Und?“
„Was?“
„Bist du jetzt ein anderer Mensch?“
Matthias hörte den Spott heraus.
„Gefällt es dir nicht?“
„Warum? Ist doch ein ordentliches Hemd.“
„Das ist nicht einfach ein Hemd.“
„Ach so.“
„Ja.“
Erich kam ins Zimmer und stellte sich hinter seinen Bruder. Nun waren beide im Spiegel zu sehen: Matthias, klein, in der neuen Uniform, und hinter ihm Erich, groß, in einem gewöhnlichen hellen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Ein paar Sekunden schwiegen sie.
„Hast du so etwas auch getragen?“, fragte Matthias.
„Nein.“
„Warum nicht?“
Erich zuckte mit den Schultern.
„Hat sich nicht ergeben.“
„Du warst doch auch mal Jugend.“
„Stell dir vor, ich bin noch immer kein Greis.“
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Weiß ich.“
Matthias rückte sein Koppel zurecht.
„Krüger sagt, die Uniform erinnert einen daran, wer man ist.“
„Tatsächlich?“
„Ja.“
„Und ohne Uniform vergisst man es?“
Matthias runzelte die Stirn. Erich konnte mit einer einzigen Frage eine gute Idee verderben.
„Du machst das absichtlich.“
„Was?“
„Du drehst alles um.“
Erich sah ihn im Spiegel an.
„Vielleicht.“
„Warum?“
Diesmal antwortete der ältere Bruder nicht sofort.
„Weil es manchmal ganz nützlich ist, eine Sache auch von der anderen Seite anzusehen.“
Matthias schnaubte.
„Papa sagt so was auch.“
„Dann ist Papa ein kluger Mann.“
„Er sagt, ich soll meinen Kopf benutzen.“
„Na also.“
Matthias drehte sich zu ihm um.
„Du magst Krüger nicht, stimmt’s?“
„Ich kenne ihn kaum.“
„Aber trotzdem.“
„Matthias.“
Erich hörte auf zu lächeln.
„Gefällt dir die Uniform?“
„Ja.“
„Dann trag sie.“
„Das ist alles?“
„Was möchtest du denn sonst hören?“
Matthias wollte hören, dass sein Bruder stolz auf ihn war. Aussprechen konnte er es nicht. Er sah wieder in den Spiegel. Erich blieb noch einen Augenblick stehen und ging dann hinaus. Matthias war allein.
Eine Minute später hob er den Arm noch einmal.
Diesmal lächelte er nicht.
Am Samstag begann der erste Ausflug um sieben Uhr morgens. Matthias wachte um zwanzig vor sechs auf. Zuerst glaubte er, verschlafen zu haben, dann sah er das dunkle Fenster und die Uhr. Er legte sich wieder hin. Eine Minute später setzte er sich auf. Dann legte er sich noch einmal hin. Um sechs hielt er es nicht mehr aus und begann sich anzuziehen. Seine Mutter erschien in der Tür, als er gerade das Hemd zuknöpfte.
„Was machst du für einen Lärm?“
„Ich bin leise.“
„Wenn du so leise gegen die Möbel Krieg führst, will ich gar nicht wissen, wie sich laut anhört.“
Matthias sah schuldbewusst auf den umgestoßenen Stuhl.
„Entschuldigung.“
Die Mutter seufzte.
„Komm in die Küche. Schlafen kann jetzt ohnehin keiner mehr.“
Der Vater kam zehn Minuten später. Er trug Unterhemd und Hose mit Hosenträgern. Er sah Matthias an.
„Brennt es irgendwo?“
„Wir haben Antreten.“
„So früh?“
„Um sieben.“
Karl sah zur Uhr.
„Bis sieben ist noch eine Stunde.“
„Ich muss früher da sein.“
„Warum?“
„Weil man nicht zu spät kommen darf.“
Der Vater kratzte sich am Kinn.
„Ein unschlagbares Argument.“
Die Mutter stellte Haferbrei auf den Tisch. Matthias aß viel zu schnell.
„Langsamer“, sagte sie.
Er wurde langsamer. Nach drei Löffeln beschleunigte er wieder. Karl beobachtete ihn.
„Willst du einen Zug erwischen?“
„Nein.“
„Dann fährt er auch nicht ohne dich ab.“
Matthias schwieg. Er hatte Angst, sich die Uniform schmutzig zu machen. Der Brei kam ihm an diesem Morgen besonders gefährlich vor. Erich ließ sich nicht blicken. Er war am Abend spät nach Hause gekommen und schlief noch. Matthias war fast ein wenig froh darüber. Auf weitere Scherze hatte er keine Lust.
Als er endlich gehen wollte, zwang die Mutter ihn, eine Jacke über die Uniform zu ziehen.
„Draußen ist es warm.“
„Morgens ist es kalt.“
„Die anderen tragen bestimmt keine Jacke.“
„Die anderen kommen dann alle mit Schnupfen nach Hause.“
„Mama.“
„Was denn?“
„Dann sieht man die Uniform nicht.“
Sie sah ihn einige Sekunden an. Dann half sie ihm überraschend, die Jacke wieder auszuziehen.
„Na gut.“
Matthias lächelte. Anna nahm ihn an den Schultern, rückte den Kragen zurecht und strich den Stoff auf seiner Brust glatt.
„Steck bloß nicht deine Nase irgendwo hinein, wo sie nichts zu suchen hat.“
„Wir sind im Wald.“
„Eben deswegen.“
„Da ist doch nichts.“
„Im Wald ist von allem genug.“
Matthias wartete geduldig. Die Mutter rückte noch einmal das Halstuch zurecht.
„So.“
Er ging zur Tür. Karl sagte:
„Matthias.“
Der Junge drehte sich um. Sein Vater stand am Fenster.
„Hab einen guten Tag.“
Es war ganz schlicht gesagt. Ohne Spott. Und aus irgendeinem Grund freute Matthias sich gerade darüber besonders.
„Danke.“
Dann lief er hinaus.
Auf dem Platz standen bereits Jungen. Einige kannte Matthias aus der Schule, andere hatte er noch nie gesehen. In Uniform sahen sie einander alle ein wenig ähnlicher. Und genau das gefiel ihm auf Anhieb. Heinz kam als Erster zu ihm.
„Zu spät.“
Erschrocken sah Matthias zur Rathausuhr.
„Es sind noch zehn Minuten.“
„War nur Spaß.“
Matthias stieß ihn mit der Schulter an.
„Idiot.“
Heinz grinste.
„Neues Koppel?“
„Ja.“
„Meins ist genauso.“
Sie verglichen die Schlösser. Tatsächlich waren sie gleich. Früher hatte Matthias gern Dinge besessen, die besser waren als die der anderen. Jetzt gefiel ihm aus irgendeinem Grund gerade, dass sie dasselbe trugen.
Krüger erschien Punkt sieben. Mit ihm kamen zwei ältere Jugendführer. Einer trug eine kleine Trommel, der andere die Fahne. Die Gespräche verstummten allmählich. Die Jungen traten an. Zunächst stellte sich heraus, dass es viel schwieriger war, ordentlich in einer Formation zu stehen, als es von außen wirkte. Einer stand zu dicht, ein anderer zu weit weg. Einer verwechselte immer wieder rechts und links. Ein anderer drehte ständig den Kopf. Krüger ging die Reihen entlang.
„Gerader.“
Er sprach ruhig. Er schrie nicht. Gerade deshalb wollte jeder umso schneller richtig stehen. Vor Matthias blieb er kurz stehen.
„Roth.“
„Ja.“
„Fersen zusammen.“
Matthias stellte sie augenblicklich zusammen.
„Und nicht so steif. Du bist nicht aus Holz.“
Ein paar Jungen lachten. Matthias wurde rot. Krüger lächelte.
„Schon gut. Das lernst du.“
Nach einer Viertelstunde sah die Reihe endlich einigermaßen aus wie eine richtige Formation. Matthias spürte die Schulter des Jungen rechts neben sich. Hinter ihm hörte er Heinz atmen. Vor seinen Augen war Kurts Hinterkopf. Normalerweise störten Menschen, wenn sie so dicht um einen standen. Sie schubsten, redeten, versperrten die Sicht. Jetzt war es, als würden sie ihm helfen, überhaupt so gerade zu stehen.
Krüger trat vor die Gruppe.
„Für einige unserer neuen Kameraden ist das heute der erste richtige Ausflug.“
Das Wort Kameraden klang besonders gut. Matthias fühlte sich sofort mitgemeint.
„Merkt euch eines: Hier ist keiner wichtiger als die Gemeinschaft.“
Er ließ den Blick über die Reihen gehen.
„Und hier geht keiner allein.“
Matthias hörte sehr aufmerksam zu.
„Wenn einer müde wird, hilft ihm der andere. Wenn einer zurückbleibt, lassen wir ihn nicht liegen. Und wenn einer einen Fehler macht, betrifft der Fehler uns alle.“
Krüger machte eine Pause.
„Wir lernen, zusammenzustehen.“
Matthias erinnerte sich an Herrn Schulzes Worte: Ein Volk ist nur gemeinsam stark. Schon wieder passte alles zueinander.
Nach dem kurzen Antreten marschierten sie aus der Stadt. Vorn wurde die Fahne getragen. Dahinter kam die Trommel. Dann sie. Die Straßen waren noch fast leer. Die wenigen Passanten drehten sich um. Vor der Bäckerei stand eine Frau mit einem Korb und lächelte. Ein Mann neben seinem Fahrrad hob den Arm. Matthias spürte eine merkwürdige Wärme in der Brust. Nicht ihm galt sie. Allen. Aber weil er zu allen gehörte, eben auch ein wenig ihm.
Sie gingen gleichmäßig. Ein Schritt. Noch einer. Die Trommel gab den Takt vor. Zuerst sah Matthias auf seine Füße. Dann hob er den Kopf. So fühlte es sich richtiger an. Die Häuser wirkten niedriger, die Straße breiter. Sogar der Klang der eigenen Stiefel war anders als sonst. Es war das eine, allein zu gehen. Etwas völlig anderes, wenn zwanzig Paar Schuhe beinahe gleichzeitig auf das Pflaster schlugen.
Zum ersten Mal verstand Matthias, warum es sich gut anfühlte, im Gleichschritt zu marschieren. Man hörte den eigenen Schritt nicht mehr. Er ging im gemeinsamen Klang auf.
Hinter der Stadt führte die Straße zwischen Feldern hindurch. Der Morgen war kühl, Feuchtigkeit hing noch über dem Gras, und die Sonne begann die Erde erst langsam zu wärmen. Nach einer Stunde war Matthias heiß. Nach zwei Stunden taten ihm die Beine weh. Zugeben würde er es nicht. Heinz marschierte neben ihm.
„Müde?“
„Nein.“
„Ich auch nicht.“
Beide logen.
Krüger ließ die Gruppe immer wieder anhalten. Die Jungen übten, mit der Karte die Richtung zu bestimmen, Zeichen zu finden und sich Wegmarken zu merken. Matthias machte mehrere Fehler. Einmal verwechselte er Osten und Westen, ein anderes Mal schätzte er die Entfernung bis zum Wald falsch. Das ärgerte ihn. Er wollte sofort der Beste sein.
Krüger bemerkte es.
„Roth.“
„Ja.“
„Ärgerst du dich?“
Matthias zuckte mit den Schultern.
„Nein.“
„Du lügst.“
Matthias senkte den Blick. Krüger ging vor der Karte in die Hocke.
„Ein Fehler ist nützlich, wenn du etwas aus ihm machst.“
Er zeigte mit dem Finger auf die Karte.
„Warum dachtest du, Osten läge dort?“
Matthias erklärte es.
„Gut. Dann weißt du jetzt, wo du falsch abgebogen bist.“
„Ja.“
„Und wenn du dich nur ärgerst?“
Matthias schwieg.
„Dann machst du denselben Fehler noch einmal.“
Krüger klopfte ihm auf die Schulter.
„Lern daraus.“
Solche Sätze mochte Matthias. Sie machten ihn nicht klein. In der Schule bedeutete ein Fehler einen roten Strich im Heft. Hier schien ein Fehler zum Weg dazuzugehören.
Am Nachmittag erreichten sie eine Lichtung im Wald. Dort sollten sie sich etwas zu essen machen. Sie teilten sich in Gruppen. Matthias musste Reisig sammeln. Heinz erklärte sofort, er könne ein Feuer anzünden. Er konnte es nicht. Den ersten Versuch blies der Wind aus, der zweite qualmte nur und erlosch wieder.
Kurt Bauer schnaubte.
„Großer Waldläufer.“
„Mach's doch selber.“
„Gib her.“
Fünf Minuten später wurde aus dem Streit ein Gerangel. Heinz packte Kurt am Kragen, Kurt stieß ihn weg. Matthias hatte sich schon darauf eingestellt, eine Prügelei zu sehen, da erschien Krüger.
„Was ist hier los?“
Beide schwiegen.
„Nichts.“
„Dann sehe ich also Dinge, die gar nicht da sind?“
Kurt senkte den Blick. Krüger sah auf das nicht brennende Feuer.
„Wer war dafür zuständig?“
„Ich“, sagte Heinz.
„Hat nicht geklappt?“
„Der Wind.“
„Verstehe.“
Krüger nahm einen trockenen Zweig auf.
„Und Bauer wollte mit den Fäusten nachhelfen?“
Ein paar Jungen lachten.
„Einen Kameraden muss man nicht besiegen“, sagte Krüger. „Man muss ihn stärker machen.“
Er zeigte ihnen, wie man den Zunder legt, wie man die kleine Flamme vor dem Wind schützt und warum man nicht gleich zu viel Holz daraufwerfen darf. Wenige Minuten später brannte das Feuer. Heinz und Kurt saßen nebeneinander und schwiegen. Krüger ließ ausgerechnet die beiden gemeinsam auf die Flammen aufpassen. Am Abend redeten sie längst wieder miteinander.
Matthias merkte sich das alles. Ihm gefiel, dass es hier für beinahe alles eine Antwort gab. Streiten war schlecht. Helfen war gut. Vor Schwierigkeiten zurückschrecken war schlecht. Durchhalten war gut. Zu spät kommen war schlecht. Sich in die gemeinsame Ordnung einfügen war gut.
Die Welt wurde verständlich.
Zu Hause redeten die Erwachsenen ständig von komplizierten Dingen. Preise. Arbeit. Politik. Krieg. Versailles. Arbeitslosigkeit. Partei. Polen. Tschechien. Matthias verstand oft nicht, weshalb sein Vater plötzlich ärgerlich wurde oder warum die Mutter ihn aufforderte, leiser zu sprechen.
Hier war alles einfacher.
Es gab eine Aufgabe. Eine Gruppe. Eine Regel. Man erfüllte sie – gut. Man ließ die anderen im Stich – schlecht.
Für einen zehnjährigen Jungen war eine solche Klarheit beinahe Glück.
Nach dem Essen durften sie sich eine Weile ausruhen. Matthias legte sich auf den Rücken und sah zu den Kronen der Kiefern hinauf. Die Zweige bewegten sich langsam. Irgendwo rief ein Vogel. Neben ihm redeten die Jungen durcheinander. Heinz erzählte wieder eine Geschichte über die Älteren aus der Hitlerjugend.
„Die waren im Winter in den Bergen.“
„In richtigen?“
„Was soll es denn sonst für Berge geben?“
„Hohe?“
„Sehr hohe.“
„Hast du das selbst gesehen?“
„Mein Bruder hat es erzählt.“
Heinz' älterer Bruder war bereits in der Hitlerjugend. Damit besaß Heinz einen beinahe unerschöpflichen Vorrat an Geschichten.
„Einer ist dort abgestürzt“, sagte Heinz.
Matthias drehte den Kopf.
„Tot?“
„Nein. Er ist irgendwo hängen geblieben.“
„Und wenn nicht?“
Heinz zuckte mit den Schultern.
„Dann wäre er eben gestorben.“
Er sagte es ganz beiläufig. Matthias stellte sich einen Jungen vor, der von einem Felsen stürzte. Aus irgendeinem Grund setzte seine Fantasie ihm sofort eine Uniform an.
„Und der hatte keine Angst?“
„Wer?“
„Der Junge.“
„Wahrscheinlich schon.“
Matthias war ein wenig enttäuscht.
„Hat dein Bruder Angst?“
Heinz sah ihn an, als hätte Matthias etwas Dummes gefragt.
„Der ist doch fast erwachsen.“
Die Antwort leuchtete ein. Matthias sah wieder zu den Kiefern. Er dachte über Angst nach. Als er klein gewesen war, hatte er sich vor dem dunklen Flur gefürchtet. Irgendwann nicht mehr. Vor dem Hund des Fleischers hatte er ebenfalls Angst gehabt. Dann hatte er ihn eines Tages gestreichelt, und auch diese Angst war verschwunden.
Also war Angst vielleicht einfach etwas, das man noch nicht gelernt hatte zu überwinden.
Die Vorstellung gefiel ihm. Er beschloss, eines Tages überhaupt keine Angst mehr zu haben.
Krügers Pfiff beendete die Pause.
Der Rückweg war schwerer. Matthias' Beine taten nun wirklich weh. An der Ferse begann es unangenehm zu brennen. Er begriff, dass er sich eine Blase gelaufen hatte, und erinnerte sich an Heinz' Geschichte von dem Jungen mit der blutigen Ferse. Geschah das jetzt tatsächlich auch ihm? Der Gedanke freute ihn beinahe.
Die erste halbe Stunde hielt er es problemlos aus. Dann wurde es schlimmer. Jeder Schritt tat weh. Matthias begann leicht zu hinken. Heinz bemerkte es.
„Was ist?“
„Nichts.“
„Du hinkst.“
„Ein Stein.“
„Im Schuh?“
„Ja.“
„Dann nimm ihn raus.“
„Später.“
Ein paar Minuten danach ließ Krüger für eine kurze Rast halten. Matthias setzte sich nicht. Er hatte Angst, jemand könnte seine Ferse sehen, wenn er den Schuh auszog. Krüger kam vorbei.
„Warum stehst du?“
„Ich will mich nicht hinsetzen.“
„Na schön.“
Er wollte schon weitergehen, sah dann aber nach unten.
„Schuh.“
Matthias erstarrte.
„Was?“
„Ausziehen.“
„Wieso?“
„Roth.“
Der Ton blieb ruhig, aber Matthias hatte plötzlich keine Lust mehr zu widersprechen. Er setzte sich und zog den Schuh aus. Die Socke war an der Ferse feucht, die Haut aufgescheuert. Krüger hockte sich neben ihn.
„Seit wann?“
„Nicht lange.“
„Wie lange?“
Matthias zuckte mit den Schultern.
„Eine Stunde?“
„Vielleicht.“
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Ich konnte doch weiterlaufen.“
Krüger sah ihn an. Matthias wartete auf Lob. Jetzt würde es kommen. Er hatte durchgehalten. Sich nicht beklagt. Genau wie der Junge aus Heinz' Geschichte.
Doch Krüger runzelte die Stirn.
„Das ist dumm.“
Matthias war verblüfft.
„Warum?“
„Weil du in einer Stunde vielleicht gar nicht mehr hättest laufen können.“
Krüger holte Verbandszeug aus seiner Tasche.
„Schmerzen auszuhalten kann nötig sein. Ein Problem zu verstecken ist etwas anderes.“
Matthias fühlte sich betrogen.
„Aber ein Mann muss doch etwas aushalten.“
„Wer hat dir das gesagt?“
„Sie.“
Krüger schmunzelte.
„Ich rede viel, wenn der Tag lang ist.“
Er säuberte die Ferse. Es tat weh. Matthias biss die Zähne zusammen.
„So. Jetzt darfst du aushalten.“
Ein paar Jungen lachten. Diesmal lachte Matthias mit. Krüger legte den Verband fertig an.
„Merk dir etwas: Stark ist nicht der, der so lange schweigt, bis er umfällt. Stark ist, wer weiß, wann er weitermachen kann – und wann er mit seinem Starrsinn die anderen belastet.“
Er half Matthias auf.
„Verstanden?“
„Ja.“
„Gut.“
Matthias trat wieder in die Reihe. Die Ferse tat noch immer weh, aber jetzt fiel das Aushalten leichter. Er dachte über Krügers Worte nach. Ihm gefiel, dass sich sogar Schmerz in eine Regel verwandeln ließ.
Als sie gegen Abend wieder in die Stadt kamen, waren viel mehr Menschen auf den Straßen. Gerade an diese Rückkehr erinnerte sich Matthias später am deutlichsten. Alle waren müde. Die Hemden waren vom Schweiß dunkel geworden, die Schuhe voller Staub, und bei einigen Jungen stimmte der Schritt längst nicht mehr. Doch vor den ersten Häusern ließ Krüger die Reihen wieder straffen. Die Trommel gab erneut den Takt vor.
Matthias richtete sich auf. Die Ferse pochte, doch er beachtete es nicht. Frauen blieben auf dem Gehweg stehen. Jemand winkte. Ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, sah sie mit offenem Mund an. Matthias fing seinen Blick auf – und erkannte plötzlich sich selbst darin.
So hatte er bis vor Kurzem ebenfalls den vorbeiziehenden Gruppen nachgesehen.
Nur war er jetzt nicht mehr am Rand.
Er war mittendrin.
Die Erkenntnis nahm ihm fast den Atem. Es war schnell gegangen. Nichts Besonderes war geschehen. Er hatte keine Heldentat vollbracht, keinen Wettkampf gewonnen, niemanden gerettet. Er hatte lediglich die Uniform angezogen und war ein paar Kilometer mit den anderen marschiert.
Und trotzdem gab es eine Grenze.
Am Morgen hatte er noch auf dem Gehweg gestanden.
Jetzt ging er auf der Straße.
Und andere sahen ihm nach.
Zu Hause fiel seiner Mutter zuerst der Staub auf.
„Mein Gott.“
„Was denn?“
„Wo bist du überall herumgekrochen?“
„Wir sind gar nicht gekrochen.“
„Dann ist die Erde vermutlich von allein auf dich geklettert.“
Sie ließ ihn die Schuhe an der Tür ausziehen.
„Wie war es?“
„Gut.“
„Hast du gegessen?“
„Ja.“
„Was?“
Matthias zählte auf, was es gegeben hatte.
„Na, immerhin.“
Er wartete darauf, dass sie noch etwas fragte. Nach der Karte. Dem Feuer. Dem Marschieren. Doch die Mutter untersuchte bereits seine Socke.
„Ist das Blut?“
Matthias seufzte.
„Nur ein bisschen.“
„Was heißt ein bisschen?“
„Ich habe mir die Ferse wundgelaufen.“
„Zeig her.“
„Die ist schon verbunden.“
„Von wem?“
„Krüger.“
Die Mutter sah genauer hin.
„Hat er es ordentlich gemacht?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Eben.“
Sie nahm den Verband trotzdem ab und machte einen neuen. Matthias saß auf dem Küchenhocker.
„Mama.“
„Hm?“
„Ich bin den ganzen Weg mitgelaufen.“
„Das sehe ich.“
„Auch als es wehgetan hat.“
„Sehr schön.“
„Krüger hat gesagt, ich hätte nicht so lange schweigen sollen.“
„Ein kluger Mann.“
Matthias sah sie erstaunt an.
„Du magst ihn?“
„Ich kenne ihn nicht.“
„Erich hat dasselbe gesagt.“
„Dann ist heute offenbar der Tag der vernünftigen Antworten.“
Matthias wollte widersprechen, doch in diesem Moment kam der Vater in die Küche. Karl sah auf die Uniform, die über einem Stuhl lag.
„Wieder da?“
„Ja.“
„Den Wald besiegt?“
„Papa.“
„Was?“
„Du machst dich extra lustig.“
Karl setzte sich ihm gegenüber.
„Na gut. Erzähl.“
Matthias war sofort wieder munter. Er erzählte fast alles. Vom Antreten. Von der Karte. Vom Lagerfeuer. Von Heinz und Kurt. Von der Ferse. Davon, wie sie wieder in die Stadt einmarschiert waren. Sein Vater hörte schweigend zu. Besonders ausführlich gab Matthias wieder, was Krüger über Kameradschaft gesagt hatte.
„Wenn einer zurückbleibt, darf man ihn nicht im Stich lassen.“
Karl nickte.
„Das stimmt.“
„Und wenn einer einen Fehler macht, betrifft er alle.“
„Manchmal.“
„Wieso manchmal?“
„Weil es Fehler gibt, für die derjenige verantwortlich ist, der sie macht.“
Matthias verstand nicht.
„Aber wenn die Gruppe …“
„Ich weiß, was du meinst.“
Der Vater strich mit der Handfläche über den Tisch.
„Gewöhn dir nur nicht an zu glauben, ein Mensch höre auf, er selbst zu sein, bloß weil er zwischen anderen steht.“
Matthias zog die Stirn kraus. Schon wieder. Wieder machten die Erwachsenen aus schönen, einfachen Dingen etwas Kompliziertes.
„Aber zusammen ist man stärker.“
„Ist man.“
„Was ist dann falsch daran?“
Karl sah ihn an.
„Gar nichts. Solange du noch weißt, warum du mit den anderen gehst.“
Matthias wusste darauf nichts zu sagen. Der Vater lächelte.
„Denk nicht weiter darüber nach. Du bist müde.“
Das zumindest stimmte. Matthias konnte die Augen kaum noch offen halten.
Vor dem Schlafengehen legte er die Uniform noch einmal ordentlich auf den Stuhl. So, dass das Hemd keine Falten bekam. Die Hose daneben. Das Koppel darüber. Seine Mutter hatte gesagt, sie werde am Morgen alles waschen.
Matthias betrachtete die Sachen lange. Am Morgen waren sie neu gewesen. Jetzt trugen sie Spuren des Tages. Staub. Rauchgeruch. Einen kleinen Erdfleck am Ärmel. Es war, als gehörten sie ihm jetzt mehr als zuvor.
Er legte sich ins Bett. Das Zimmer war dunkel. Aus dem Nebenzimmer kamen die Stimmen seiner Eltern. Matthias hörte nicht genauer hin. Er schloss die Augen und sah wieder die Straße vor sich. Die Trommel. Das Pflaster. Die Gesichter der Passanten. Den kleinen Jungen am Gehweg. Schritt. Noch ein Schritt. Noch einer. Der Klang seiner eigenen Schritte verschwand zwischen allen anderen.
Und genau das war die schönste Erinnerung an diesem Tag.
Matthias konnte noch nicht erklären, warum.
Wenn man allein war, musste man ständig wissen, wer man war. In einer Formation wurde alles einfacher. Jemand zeigte einem den Platz. Man stellte sich hin. Jemand gab den Takt vor. Man passte sich an. Rechts und links standen andere. Alle sahen beinahe gleich aus. Alle gingen in dieselbe Richtung. Und wenn einen manchmal doch ein Zweifel beschlich, musste man nur nach rechts und links sehen. Die anderen marschierten weiter.
Also ging auch man selbst richtig.
Matthias schlief schnell ein. Auf dem Stuhl neben dem Bett lag seine erste Uniform. Durch das offene Fenster drang von fern das Geräusch eines Nachtzuges.
Noch wusste er nicht, dass die Uniform für ihn eines Tages aufhören würde, bloß Kleidung zu sein. Sie würde zum Beweis der Zugehörigkeit werden. Dann zur Pflicht. Dann zu einem Versprechen.
Und viel später, wenn die Jungenuniform längst zu klein geworden war und seit Jahrzehnten irgendwo liegen mochte, würde ein alter Matthias Roth versuchen, sich an diesen ersten Tag zu erinnern und herauszufinden, in welchem Augenblick es sich so gut angefühlt hatte, dass sein eigener Schritt nicht mehr nur ihm gehörte.
Er würde es nicht können.
Solche Dinge haben selten ein genaues Datum.
Manchmal merkt ein Mensch nur irgendwann, dass er schon seit langer Zeit mit allen anderen mitgeht.
Kapitel 3. Der große Bruder
Erich wollte fort.
Matthias erfuhr es zufällig. Am Sonntagmorgen ging er ohne anzuklopfen in das Zimmer seines Bruders und sah den offenen Koffer. Auf dem Bett lagen zwei Hemden, ein Pullover, mehrere Paar Strümpfe, das Rasierzeug und ein sauber gestapelter Packen Briefe. Daneben standen frisch geputzte Schuhe. Erich hockte vor dem Schrank und überlegte, welche von zwei Jacken er mitnehmen sollte.
Matthias blieb in der Tür stehen.
„Wo fährst du hin?“
Erich drehte sich um.
„Guten Morgen.“
„Wo fährst du hin?“
„Klopfen wäre auch eine Möglichkeit.“
„Du fährst weg?“
„Matthias.“
„Wohin?“
Erich seufzte und setzte sich auf die Bettkante.
„Für ein paar Wochen.“
„Wohin?“
„In ein Lager.“
Matthias wurde sofort hellhörig.
„Militär?“
„Nein.“
„Was dann?“
„Arbeitsdienst.“
Das klang deutlich weniger spannend. Matthias trat an den Koffer.
„Wozu?“
„Weil man das eben macht.“
„Wer?“
„Junge Männer.“
„Alle?“
„Fast alle.“
Matthias strich über den Pullover. Erich schob seine Hand sofort beiseite.
„Ich packe selbst.“
„Was macht ihr da?“
„Arbeiten.“
„Was denn?“
„Weiß ich noch nicht.“
„Bauen?“
„Vielleicht.“
„Straßen?“
„Vielleicht.“
„Kriegt ihr Uniformen?“
Erich sah ihn an.
„Natürlich. Das ist ja das Wichtigste.“
Matthias konnte nicht erkennen, ob sein Bruder sich über ihn lustig machte.
„Was für welche?“
„Matthias.“
„Was?“
„Interessiert dich wirklich nichts anderes?“
Der Junge zuckte mit den Schultern. In Wahrheit interessierte ihn vieles. Wohin Erich fuhr. Mit wem. Für wie lange. Was sie essen würden. Wo sie schliefen. Ob man eine Uhr mitnehmen durfte. Ob es dort Gewehre gab. Aber nach der Uniform zu fragen war am einfachsten. Eine Uniform bedeutete, dass etwas wichtig war.
„Wann kommst du wieder?“
„Ende des Monats.“
„Und dann?“
„Dann nach Hause.“
„Und das war's?“
Erich grinste.
„Reicht dir das nicht?“
Matthias setzte sich neben ihn. Er sah, dass sein Bruder sich auf die Reise nicht besonders freute. Das verwirrte ihn. Wenn Matthias zu einem Ausflug fuhr, begann er sich schon Tage vorher darauf zu freuen. Erich sollte irgendwohin, wo erwachsene Männer waren, Disziplin, Arbeit und Uniformen – und er benahm sich, als würde man ihn zum Kohleschaufeln schicken.
„Ich würde gern mitfahren.“
„Ich weiß.“
„Wirklich.“
„Glaube ich dir.“
„Du sagst das immer so.“
„Wie?“
„Als hätte ich etwas Dummes gesagt.“
Erich hörte auf zu packen.
„Du hast nichts Dummes gesagt.“
„Warum lachst du dann?“
„Weil du immer dorthin willst, wo du gerade nicht bist.“
Matthias dachte darüber nach.
„Du nicht?“
Erich zuckte mit den Schultern.
„Manchmal will man lieber dortbleiben, wo man ist.“
Auch das kam Matthias sonderbar vor. Für ihn bestand Erwachsensein doch gerade darin, jederzeit irgendwohin gehen zu können. Sich aufs Fahrrad setzen und losfahren. In einen Zug steigen. Spät nach Hause kommen. Arbeiten. Geld verdienen. Niemanden um Erlaubnis fragen. Wenn Erwachsene freiwillig zu Hause bleiben wollten – wozu wurde man dann überhaupt erwachsen?
„Weiß Mama davon?“
„Natürlich.“
„Papa?“
„Auch.“
„Warum hat mir keiner was gesagt?“
„Weil es weder ein Staatsgeheimnis noch eine Familientragödie ist.“
Matthias war beleidigt.
„Ich habe doch nur gefragt.“
„Und ich habe nur geantwortet.“
Erich legte ihm die Hand in den Nacken und schüttelte ihn leicht.
„Sei nicht eingeschnappt.“
Matthias versuchte sich loszumachen, doch sein Bruder hielt ihn noch eine Sekunde fest.
„He!“
„So, du bist entlassen.“
„Idiot.“
„Durchaus möglich.“
Matthias ging aus dem Zimmer. Im Flur hörte er hinter sich:
„Und mach die Tür zu.“
Er schloss sie. Dann öffnete er sie wieder.
„Erich.“
„Was denn noch?“
„Wenn es dort interessant ist, erzählst du mir davon?“
Der ältere Bruder sah ihn an. Diesmal ohne Spott.
„Mach ich.“
Karl Roth mochte die Sonntagsfrühstücke nicht. Jedenfalls kam es Matthias so vor. An Werktagen aß sein Vater schnell, las die Zeitung und ging zur Arbeit. Sonntags musste niemand fort, und deshalb wurden die Gespräche zwangsläufig länger.
An diesem Morgen ging es um Erich.
Die Mutter fragte, ob er alles eingepackt habe. Erich sagte ja. Sie fragte noch einmal. Er sagte noch einmal ja. Karl hörte schweigend zu.
„Warme Unterwäsche?“, fragte Anna.
„Hab ich.“
„Handtuch?“
„Hab ich.“
„Bürste?“
„Hab ich.“
„Das zweite?“
„Was für ein zweites?“
„Handtuch.“
Erich legte die Hand vors Gesicht.
„Mama.“
„Was?“
„Ich fahre nicht zum Nordpol.“
„Ich weiß durchaus, wo Deutschland liegt.“
Karl lächelte. Matthias auch. Anna sah ihren Mann an.
„Du könntest mich wenigstens unterstützen.“
„Das tue ich.“
„Wen?“
„Erich.“
„Sehr komisch.“
Sie wandte sich wieder ihrem älteren Sohn zu.
„Geld hast du?“
„Ja.“
„Tu etwas davon woanders hin.“
„Wieso?“
„Falls du deine Brieftasche verlierst.“
„Die verliere ich nicht.“
„Niemand nimmt sich vor, seine Brieftasche zu verlieren.“
Matthias beobachtete die beiden. Ihm gefiel, dass sogar Erich manchmal wieder zum Kind wurde. Das geschah allerdings fast nur in Gegenwart ihrer Mutter.
Schließlich stellte Karl seine Tasse ab.
„Lass ihn, Anna.“
„Ich lasse ihn, sobald er gefahren ist.“
„Eben.“
Die Mutter schwieg. Nicht lange.
„Wie viele seid ihr dort?“
Erich zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung.“
„Und wer leitet das Lager?“
„Weiß ich nicht.“
„Wo schläft ihr?“
„In Baracken.“
Anna zog sofort die Stirn kraus.
„Was denn für Baracken?“
„Normale.“
„Was heißt normal?“
„Mama, ich bin kein Barackeninspektor.“
Karl sagte leise:
„Anna.“
Sie seufzte und griff nach ihrer Tasse. Ein paar Minuten aßen alle schweigend. Matthias wollte fragen, ob es im Lager auch Exerzieren gab, spürte aber, dass jetzt nicht der richtige Moment war.
Der Vater begann als Erster wieder zu sprechen.
„Und du selbst?“
Erich sah ihn an.
„Was ist mit mir?“
„Ich frage nicht, ob du gesund bist.“
„Hab ich verstanden.“
„Und?“
Erich zuckte mit den Schultern.
„Was soll sein?“
„Weiß ich nicht. Deshalb frage ich ja.“
Erich drehte seine Tasse zwischen den Händen.
„Ich fahre hin. Ich leiste meinen Dienst. Dann komme ich zurück.“
„Ist es das, was du willst?“
Anna blickte sofort zu ihrem Mann. Erich hob die Augen.
„Was macht das für einen Unterschied?“
„Einen großen.“
„Es ist ohnehin entschieden.“
„Das war keine Antwort.“
Matthias sah von einem zum anderen. Das Gespräch bewegte sich eindeutig in einen Raum, zu dem er keinen Zutritt hatte.
Erich seufzte.
„Papa, es sind ein paar Wochen. Nicht die Front.“
Nach diesen Worten wurde es still. Nur sehr kurz. Aber Matthias bemerkte es.
Karl sah als Erster weg.
„Ich weiß.“
Das Wort Front bekam für Matthias plötzlich ein Gewicht. Er hatte es oft genug gehört. In Radiosendungen über den letzten Krieg. In Gesprächen der Erwachsenen. In Zeitungen. Aber hier am Küchentisch klang es anders. Als hätte jemand einen schweren Gegenstand darauf abgestellt.
Erich schien es ebenfalls bemerkt zu haben.
„Es ist alles in Ordnung.“
Karl nickte.
„Gut.“
Damit war das Gespräch beendet. Matthias dachte wieder daran, wie wenig er eigentlich über seinen Vater wusste.
Erich fuhr am nächsten Tag ab. Zum Bahnhof gingen sie alle mit. Matthias liebte Abschiede am Bahnhof, selbst wenn jemand fortfuhr, den er kannte. Ein Bahnhof machte aus gewöhnlichen Menschen Reisende. Jeder hatte einen Koffer. Eine Fahrkarte. Ein Ziel. Eine Abfahrtszeit. Als gehörte er schon zur Hälfte einem anderen Ort.
Auf dem Bahnsteig war viel los. Mehrere junge Männer fuhren gemeinsam mit Erich. Einige trugen bereits die Uniform des Arbeitsdienstes. Matthias musterte sie. Sie wirkten erwachsener als sein Bruder. Nicht weil sie älter waren, sondern weil sie gleich aussahen.
Wieder fiel ihm diese merkwürdige Sache auf: Gleiche Kleidung machte Menschen selbstsicherer. Als müsste jemand, der so angezogen war wie die anderen, nicht mehr nur für sich allein stehen.
Anna hielt Erich an der Hand.
„Schreib sofort.“
„Mach ich.“
„Nicht erst nach einer Woche.“
„Sofort.“
„Wenn du angekommen bist.“
„Ja.“
„Damit ich weiß …“
„Mama.“
Sie schwieg. Dann rückte sie ihm den Kragen zurecht. Genauso hatte sie es vor kurzem bei Matthias gemacht. Er sah zu und grinste. Erich bemerkte es.
„Was ist so lustig?“
„Nichts.“
„Sehe ich.“
„Mama richtet dir den Kragen.“
Anna drehte sich zum jüngeren Sohn um.
„Noch ein Wort, und ich richte dir gleich auch etwas zurecht.“
Matthias wurde sofort ernst.
Karl gab Erich die Hand. Er umarmte ihn nicht. Nur die Hand.
„Pass auf dich auf.“
„Da gibt es nichts, worauf ich aufpassen müsste.“
„Das glaubst du.“
Erich wollte etwas erwidern, ließ es aber bleiben. Der Zug gab ein Signal. Türen schlugen. Die Menschen verabschiedeten sich plötzlich schneller.
Erich war schon eingestiegen, als er unerwartet wieder aus dem Wagen sprang. Anna sah erschrocken auf.
„Was ist?“
Er umarmte seine Mutter. Kurz. Dann seinen Vater. Und bevor Matthias sich darauf vorbereiten konnte, fuhr er ihm durchs Haar.
„Benimm dich.“
„Mach ich doch.“
„Umso besser.“
„Erzählst du alles?“
„Wenn es etwas zu erzählen gibt.“
Erich stieg wieder ein. Eine Minute später setzte sich der Zug in Bewegung. Matthias lief ein paar Schritte am Bahnsteig mit, solange er konnte. Erich stand am Fenster und hob die Hand. Matthias hob seine. Der Wagen zog vorbei. Dann der nächste. Dann das Ende des Zuges. Zurück blieb Rauch.
Anna sah ihm nach. Karl stand neben ihr.
Matthias spürte plötzlich Neid.
Nicht auf Erich.
Auf den Zug.
Er hatte den Bruder an einen Ort gebracht, den Matthias selbst noch nicht erreichen konnte.
Der erste Brief kam vier Tage später. Die Mutter öffnete den Umschlag vorsichtig, als fürchte sie, nicht das Papier, sondern Erich selbst zu beschädigen. Als Karl von der Arbeit kam, setzte sie sofort alle an den Küchentisch.
„Ich lese vor.“
„Lies“, sagte der Vater.
Matthias rückte näher.
Der Brief war enttäuschend kurz. Erich schrieb, er sei gut angekommen. Sie wohnten in Baracken. Das Essen sei erträglich. Der Weckruf komme früh. Sie arbeiteten viel. Das Wetter sei gut. Grüße an alle.
Das war alles.
Matthias wartete auf die Fortsetzung.
„Mehr nicht?“
Die Mutter drehte das Blatt um.
„Mehr nicht.“
„Was machen sie denn?“
„Er schreibt doch: arbeiten.“
„Was?“
„Schreibt er nicht.“
„Warum nicht?“
Karl nahm den Brief.
„Weil es für ihn offenbar nicht das Wichtigste ist.“
Matthias war enttäuscht. Er hatte eine Geschichte erwartet. Von Schwierigkeiten. Vorgesetzten. Märschen. Wenigstens von der Uniform.
Eine Woche später kam der zweite Brief. Etwas länger. Erich schrieb, sie bauten an einem Straßenabschnitt, befestigten einen Hang und schleppten Erde. Ein Junge aus Hamburg habe sich die Hand verbrannt. Ein anderer schnarche ununterbrochen. Der Führer ihrer Gruppe sei der Ansicht, Menschen arbeiteten besser, wenn sie vorher gelaufen seien. Erich teile diese Ansicht nicht.
Am Ende stand ein Nachsatz:
Matthias soll wissen, dass es hier überhaupt nichts Romantisches gibt.
Die Mutter lachte. Karl auch. Matthias nicht.
„Warum schreibt er mir das?“
„Weil er dich kennt“, sagte der Vater.
„Ich habe doch gar nichts gesagt.“
„Musst du dafür auch nicht.“
Matthias zog ein Gesicht.
Am Abend nahm er ein sauberes Blatt Papier. Lange saß er davor. Dann schrieb er:
Lieber Erich,
Mama hat deinen Brief vorgelesen. Ich denke nicht, dass es dort romantisch sein muss. Ich wollte nur wissen, was ihr macht. Wir hatten gestern Dienst. Ich war am besten darin, die Richtung mit dem Kompass zu bestimmen. Krüger hat mich gelobt. Heinz sagt, dass sie in der Hitlerjugend mit Gewehren schießen. Stimmt das?
Er hielt inne. Dann fügte er hinzu:
Wenn du wiederkommst, zeigst du mir deine Uniform?
Er las den Satz noch einmal, strich ihn durch und schrieb stattdessen:
Wenn du wiederkommst, erzählst du mir alles.
Das klang erwachsener.
Erich kam braun gebrannt und dünner zurück. Matthias hörte seine Stimme im Flur und schoss aus seinem Zimmer.
„Erich!“
„Du bist ja immer noch da.“
„Wo soll ich denn sein?“
„Keine Ahnung. Ich dachte, inzwischen wärst du nach Afrika ausgerückt.“
Matthias stürzte auf ihn zu. Erst hatte er ihm nur die Hand geben wollen. Das wäre erwachsen gewesen. Im letzten Augenblick umarmte er ihn doch.
Erich lachte.
„He, vorsichtig.“
„Du bist dünner geworden.“
„Danke.“
„Das war nicht böse gemeint.“
„Dann danke ich ganz besonders.“
Die Mutter weinte ein wenig. Gerade genug, um sich ständig über die Augen zu wischen und zu behaupten, ihr sei etwas hineingeflogen. Karl nahm den Koffer.
„Na?“
Erich sah ihn an.
„Zu Hause ist besser.“
„Du wirst klüger.“
„Fang nicht an.“
Beim Abendessen musste Erich erzählen. Die Mutter wollte wissen, was es zu essen gegeben hatte. Der Vater wollte wissen, wie die Arbeit organisiert gewesen war. Matthias wollte alles andere wissen.
„Und die Uniform?“
„Gab es.“
„Bequem?“
„Ging.“
„Seid ihr marschiert?“
„Manchmal.“
„Geschossen?“
„Nein.“
„Gar nicht?“
„Matthias, wir haben eine Straße gebaut.“
„Na und?“
„Auf wen hätten wir schießen sollen? Auf den Kies?“
Karl hustete, um sein Lachen zu verbergen. Matthias wurde rot. Erich bekam Mitleid.
„Wir hatten ein bisschen Ausbildung. Aber nichts Besonderes.“
„Was denn?“
„Das Übliche.“
„Was ist das Übliche?“
„Matthias.“
„Du hast versprochen, alles zu erzählen.“
Erich sah ihn an.
„Das habe ich nicht versprochen.“
„Doch.“
„Ich habe gesagt: Ich erzähle dir davon.“
„Also alles.“
„Bemerkenswerte Logik.“
Die Mutter mischte sich ein.
„Lass deinen Bruder wenigstens essen.“
Matthias schwieg. Bis zum Nachtisch.
Dann begann er wieder zu fragen.
Am Abend gab Erich auf. Sie gingen in sein Zimmer. Er holte Fotos aus dem Koffer. Matthias setzte sich neben ihn. Auf dem ersten Bild standen mehrere junge Männer vor einer Baracke. Auf dem zweiten war eine lange Kolonne mit Spaten zu sehen. Auf dem dritten saß Erich auf einem Stapel Baumstämme neben einem großen blonden Jungen.
„Wer ist das?“
„Willi.“
„Ein Freund?“
„Vielleicht.“
„Was heißt vielleicht?“
„Wir haben zusammen gearbeitet.“
„Kommt der von hier?“
„Aus Hamburg.“
„Ist er nett?“
„Ganz in Ordnung.“
Matthias blätterte weiter.
„Und euer Führer?“
„Da.“
Erich zeigte auf einen Mann in Uniform.
„Streng?“
„Er redet gern.“
„Worüber?“
„Über Pflicht.“
Matthias wurde aufmerksam.
„Was sagt er?“
Erich nahm ihm das Foto aus der Hand.
„Verschiedenes.“
„Zum Beispiel?“
„Dass die Jugend Deutschland dienen müsse.“
„Stimmt doch.“
Erich sah ihn an.
„Warum?“
Die Frage kam so unerwartet, dass Matthias ins Stocken geriet.
„Weil … Deutschland unser Land ist.“
„Und?“
„Wir sind Deutsche.“
„Und?“
„Na ja …“
Er erinnerte sich an den Dienst.
„Das Volk muss zusammenstehen.“
„Den Satz habe ich schon gehört.“
„Warum fragst du dann?“
Erich legte das Foto weg.
„Weil mich interessiert, was du selbst denkst.“
Matthias runzelte die Stirn.
„Dasselbe.“
„Was genau?“
Das Gespräch begann ihn zu ärgern.
„Machst du das absichtlich?“
„Nein.“
„Warum fragst du dann dauernd?“
Erich lehnte sich zurück.
„Weil im Lager einer war, der ständig in fertigen Sätzen geredet hat.“
„Wer?“
„Ist egal.“
„Was hat er gesagt?“
„Alles Richtige.“
Matthias verstand nicht.
„Wenn es richtig war, was war daran schlecht?“
Erich lächelte. Aber das Lächeln war nicht fröhlich.
„Das frage ich mich auch.“
Ein paar Sekunden schwiegen sie. Matthias nahm wieder ein Foto.
„Hat es dir gefallen?“
„Was?“
„Dort.“
Erich dachte nach.
„Manches.“
„Was?“
„Die anderen. Die Arbeit, wenn etwas gelang. Abends nach Feierabend zusammensitzen.“
„Und der Rest?“
„Der Rest war eben der Rest.“
Wieder war Matthias enttäuscht. Erich besaß die merkwürdige Fähigkeit, spannende Dinge gewöhnlich klingen zu lassen.
„Ich würde trotzdem fahren.“
„Ich weiß.“
„Du sagst das dauernd.“
„Weil du es dauernd willst.“
Matthias legte die Fotos beiseite.
„Wenn ich achtzehn bin, fahre ich auch.“
„Möglich.“
„Und danach zur Armee.“
Erich sah ihn an.
„Möglich.“
„Du auch?“
Der ältere Bruder zuckte langsam mit den Schultern.
„Wahrscheinlich.“
„Willst du?“
Erich antwortete nicht.
„Na?“
„Ich weiß es nicht.“
Matthias lachte.
„Jeder will das.“
„Wer ist jeder?“
„Männer.“
„Woher weißt du das?“
„Das muss so sein.“
Nun sah Erich ihn sehr aufmerksam an.
„Warum?“
Matthias wusste bereits, dass er wieder in eine Falle geraten war.
„Weil ein Mann sein Land verteidigen muss.“
„Wenn es angegriffen wird.“
„Ja.“
„Und wenn es nicht angegriffen wird?“
Matthias schwieg. Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. In der Schule war alles einfacher. Deutschland war gedemütigt worden. Deutschland holte sich zurück, was ihm zustand. Deutschland wurde stärker. Es ergab eine gerade Linie.
„Trotzdem.“
„Was heißt trotzdem?“
„Wenn es nötig ist.“
„Für wen?“
„Für Deutschland.“
„Und Deutschland sagt dir dann Bescheid?“
Matthias stand verärgert auf.
„Du machst dich über mich lustig.“
„Nein.“
„Doch.“
„Setz dich.“
„Will nicht.“
„Matthias.“
Er war schon an der Tür, als Erich sagte:
„Ich halte dich nicht für dumm.“
Der Junge blieb stehen.
„Warum dann?“
Sein Bruder schwieg lange.
„Weil ich manchmal selbst nicht weiß, was ich denke.“
Dieses Geständnis erschütterte Matthias stärker als jede Antwort. Erich war erwachsen. Erwachsene mussten doch wissen, was sie dachten. Besonders große Brüder.
„Wie kann man das nicht wissen?“
„Sehr leicht.“
„Ich weiß es.“
„Du bist neun.“
„Fast zehn.“
„Eben.“
Matthias war wieder beleidigt.
„Wenn ich achtzehn bin, werde ich es wissen.“
Erich sah ihn an.
„Ich hoffe es.“
Im Sommer veränderte sich vieles. Nicht auf einmal. Nicht so, dass die Stadt eines Morgens anders aufgewacht wäre. Es gab einfach mehr Fahnen. Mehr Reden. Mehr Männer in Uniform. Neue Plakate erschienen an den Wänden. Die Lehrer sprachen häufiger über Deutschland. Bei den Treffen redete Krüger von Disziplin und Zukunft.
Matthias gefiel all das.
Es war, als nähme das Leben Fahrt auf.
Auch die Gespräche der Erwachsenen veränderten sich. Immer öfter fielen Namen von Orten, die Matthias auf der Karte suchte. Österreich. Sudetenland. Tschechoslowakei. Er fuhr mit dem Finger darüber. Karten begannen ihn viel stärker zu interessieren als früher. Bis dahin war eine Landkarte ein Schulgegenstand gewesen. Nun schien sie etwas Lebendiges zu sein. Grenzen konnten sich verschieben. Gebiete wechselten die Farbe. Und jedes Mal erklärte das Radio, weshalb alles genau so richtig gewesen war.
Matthias hörte zu.
Karl schaltete das Radio manchmal vor dem Ende aus. Erich stritt gelegentlich mit dem Vater. Anna bat dann beide, nicht wieder damit anzufangen. Gerade wenn Matthias aus dem Zimmer geschickt wurde, hörte er besonders aufmerksam hin. Sehr schnell begriff er: Wenn Erwachsene sagten „nicht vor dem Jungen“, ging es um die wichtigsten Dinge.
Eines Abends hörte er Karl sagen:
„Mir gefällt nicht, wie leicht inzwischen alle über Krieg reden.“
Matthias stand im Flur. Er war gekommen, um ein Buch zu holen, und hatte die Stimme seines Vaters gehört. Er ging nicht hinein.
Erich antwortete:
„Keiner sagt, dass es Krieg gibt.“
„Noch nicht.“
„Warum erwartest du immer das Schlimmste?“
„Weil ich schon einmal erlebt habe, wie alle das Beste erwartet haben.“
Eine Pause. Dann Erich:
„Das ist zwanzig Jahre her.“
„Eben.“
„Alles hat sich verändert.“
„Die Menschen auch?“
Erich sagte nichts.
Karl fuhr fort:
„Als ich jünger war als du, hat man uns auch erzählt, es würde schnell gehen.“
Matthias drückte das Buch an die Brust. Der Vater sprach über den Krieg. Von selbst. Ohne dass jemand ihn fragte. Das tat er beinahe nie.
„Und?“, fragte Erich.
„Nichts.“
„Papa.“
„Was willst du hören?“
„Wie es war.“
Karl schwieg lange.
„Dreckig.“
Matthias erstarrte. Er wartete auf mehr.
„Das ist alles?“
„Reicht dir das nicht?“
„Ich meine es ernst.“
„Ich auch.“
Wieder Schweigen.
Dann sagte der Vater:
„Das Erste, was ein Krieg mit einem Menschen macht, ist, ihm die schönen Wörter abzugewöhnen.“
Matthias verstand nicht. Erich offenbar ebenfalls nicht.
„Welche Wörter?“
„Alle, mit denen man ihn beschreibt, bevor er angefangen hat.“
Das Gespräch verlief sich.
Matthias blieb noch einige Sekunden im Flur stehen. Dann ging er absichtlich laut zu seinem Zimmer, damit niemand merkte, dass er gelauscht hatte.
In dieser Nacht lag er lange wach. Immer wieder hörte er die Worte seines Vaters.
Dreckig.
So einen Krieg gab es auf den Plakaten nicht.
Auf den Plakaten waren die Soldaten immer sauber.
Ende August bekam Erich einen Brief. Einen offiziellen. Der Umschlag lag morgens auf dem Küchentisch. Erich hatte ihn bereits gelesen. Die Mutter stand am Fenster. Der Vater rauchte, obwohl er vor dem Frühstück sonst nie rauchte.
„Was ist passiert?“
Zunächst antwortete niemand.
Matthias sah seinen Bruder an.
„Fährst du wieder weg?“
Erich nickte.
„Wohin?“
„Erst einmal zur Ausbildung.“
„Militärisch?“
Erich nickte wieder.
Matthias spürte, wie etwas in ihm hochsprang.
„Wirklich?“
Die Mutter drehte sich so scharf zu ihm um, dass Matthias sofort begriff, dass er sich im falschen Moment gefreut hatte.
„Ich wollte nur …“
Anna ging aus der Küche. Die Tür fiel zu.
Karl drückte die Zigarette aus.
„Nicht jetzt, Matthias.“
„Ich wollte nicht …“
„Ich weiß.“
Erich saß schweigend da.
Matthias sah ihn an. Nun wurde sein Bruder tatsächlich zu dem, was er dem Jüngeren schon immer zu sein schien. Ein Mann. Ein Soldat. Beinahe.
Matthias empfand gleichzeitig Stolz – und Scham darüber, stolz zu sein.
„Wann?“, fragte er leise.
„In zwei Wochen.“
„Wie lange?“
„Weiß ich nicht.“
„Und danach?“
Erich sah zum Vater. Der wandte den Blick ab.
„Dann sehen wir weiter.“
Matthias wollte noch mehr fragen. Er traute sich nicht.
Stattdessen setzte er sich an den Tisch. Vor ihm stand ein Becher Milch. Er sah auf die weiße Oberfläche.
In zwei Wochen würde Erich eine echte Soldatenuniform tragen. Nicht das Braunhemd eines Jungen. Nicht die Uniform des Arbeitsdienstes. Eine richtige. Gewehr. Kaserne. Soldaten.
Matthias stellte sich das alles vor und spürte Begeisterung. Dann erinnerte er sich an das Gesicht seiner Mutter, und die Begeisterung fühlte sich plötzlich falsch an.
Er konnte noch nicht zwei widersprüchliche Gefühle gleichzeitig in sich tragen. Er wollte eines davon auswählen.
Es gelang ihm nicht.
Am Tisch schwieg man.
Schließlich streckte Erich die Hand aus und stupste Matthias mit dem Finger gegen die Schulter.
„He.“
Der Junge hob den Blick.
„Was?“
„Schau nicht so.“
„Wie?“
„Als wäre ich schon weg.“
Matthias wurde verlegen.
„Tu ich gar nicht.“
„Doch.“
„Du kommst doch zurück.“
Erich lächelte.
„Natürlich.“
Das Wort klang leicht. So leicht, dass Matthias es sofort glaubte.
Jahre später würde er versuchen, sich genau an diesen Augenblick zu erinnern. Den Tisch. Den Morgen. Den unberührten Becher Milch. Die Zigarette des Vaters. Die geschlossene Tür, hinter der die Mutter weinte. Und Erich, der sagte: Natürlich.
Damals bedeutete dieses Wort ein Versprechen.
Später würde Matthias begreifen, dass Menschen manche Versprechen nicht geben, weil sie sich der Zukunft sicher sind.
Sondern weil ein Kind neben ihnen sitzt, das noch daran glauben muss.
Kapitel 4. Der erste September
An diesem Morgen sprach das Radio früher als sonst.
Matthias wachte weder vom Wecker noch von der Stimme seiner Mutter auf, sondern von einer fremden, metallisch klingenden Stimme aus der Küche. Ein paar Sekunden lag er da und wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Dann hörte er die Schritte seines Vaters. Die Tür ging auf. Karl Roth kam bereits angezogen ins Zimmer.
„Steh auf.“
Matthias richtete sich auf die Ellbogen.
„Was ist passiert?“
Sein Vater sah ihn an. Das Gesicht war dasselbe wie immer. Und doch war etwas anders.
„Krieg.“
Matthias setzte sich ganz auf. Das Wort klang zu schlicht. Wie Regen. Wie Zug. Wie Frühstück. Er wartete auf mehr.
„Was für einer?“
Karl verzog den Mund zu einem kurzen Lächeln, in dem nichts Heiteres lag.
„Wie viele verschiedene Kriege gibt es deiner Meinung nach?“
„Ich meine … gegen wen?“
„Polen.“
Matthias war mit einem Schlag hellwach.
„Wirklich?“
Karl sah ihn an. Der Junge bemerkte den Blick und versuchte sofort, die Freude aus seiner Stimme zu nehmen. Zu spät.
„Ja. Wirklich.“
Der Vater ging hinaus. Matthias blieb auf dem Bett sitzen.
Krieg.
Da war er.
Nicht Vergangenheit. Nicht 1914. Nicht Zeichnungen in Büchern. Nicht die Fotos seines Vaters. Nicht die Erzählungen des Lehrers. Ein echter Krieg. Jetzt. Heute.
Er sprang auf. Beim Anziehen zitterten seine Hände. Nicht vor Angst. Vor Aufregung.
In der Küche stand die Mutter am Herd, kochte aber nichts. Das Radio war laut gestellt. Erich saß am Tisch. Vor ihm lag ein Einberufungsbescheid.
Matthias sah das Papier sofort.
„Du hast es auch gehört?“
Erich nickte.
„Alle haben es gehört.“
„Hat es schon angefangen?“
„Ja.“
„Unsere sind in Polen?“
Karl stand am Fenster und rauchte.
„Matthias.“
„Was?“
„Iss.“
„Ich habe keinen Hunger.“
„Dann trink deine Milch.“
„Papa, ich habe doch nur gefragt.“
Der Vater drehte sich um.
„Hast du.“
„Und?“
Karl seufzte.
„Ja. Sie sind einmarschiert.“
Matthias sah zu Erich.
„Dann schicken sie dich jetzt auch?“
Die Mutter stellte ihre Tasse hart auf den Tisch.
„Genug.“
„Ich wollte doch nur …“
„Genug.“
In ihrer Stimme lag so viel Schmerz, dass Matthias verstummte.
Erich sah zur Mutter.
„Mama.“
„Lass.“
Sie wandte sich ab.
Im Radio war weiter von der Grenze die Rede. Von Angriffen. Von der Verteidigung Deutschlands. Von polnischen Provokationen. Von der Notwendigkeit, zu antworten. Matthias hörte zu. Die Worte passten bequem ineinander. Wenn jemand angriff, musste man sich verteidigen. Wenn jemand drohte, musste man reagieren. Wenn Deutschland gedemütigt worden war, musste es sich zurückholen, was ihm zustand. Alles war verständlich.
Karl ging plötzlich zum Apparat und drehte leiser.
„Warum?“, fragte Matthias.
„Ich habe Kopfschmerzen.“
„Aber das ist doch wichtig.“
„Ich habe es gehört.“
„Und wenn sie noch etwas sagen?“
Der Vater sah ihn an.
„Werden sie.“
Dann wandte er sich wieder dem Fenster zu.
„Von jetzt an werden sie sehr viel sagen.“
In der Schule lernte an diesem Tag niemand etwas. Offiziell fand Unterricht statt. Herr Schulze stand an der Tafel. Das Lehrbuch lag auf seinem Pult. Aber kein Junge hörte bei Rechnen oder Naturkunde zu. Alle warteten darauf, dass der Lehrer vom Krieg sprach.
Er tat es nach dem zweiten Klingeln.
Er stellte sich vor die Klasse und ließ das Buch geschlossen.
„Heute hat für Deutschland eine neue Zeit begonnen.“
Sofort wurde es still. Matthias setzte sich gerader hin.
„Heute Morgen hat die deutsche Wehrmacht den Kampf gegen Polen aufgenommen.“
Ein paar Jungen sahen einander an. Heinz grinste. Kurt Bauer flüsterte:
„Hab ich doch gesagt.“
Herr Schulze hob die Hand.
„Ruhe.“
Er sprach von der Grenze. Von Danzig. Von Deutschen, die angeblich unterdrückt worden waren. Von Deutschlands Geduld. Vom Führer, der keinen Krieg gewollt habe, aber zum Handeln gezwungen worden sei.
Matthias hörte zu. Jeder Satz bestätigte das, was er ohnehin bereits empfand. Deutschland begann keinen Krieg. Deutschland antwortete. Also war alles richtig.
Der Lehrer ging zur Karte. Polen nahm östlich von Deutschland eine große Fläche ein. Mit dem Zeigestock fuhr er die Grenze entlang.
„Hier.“
Matthias sah hin. Die Grenze war plötzlich keine Linie mehr. Dahinter bewegten sich Soldaten. Panzer. Lastwagen. Flugzeuge. Irgendwo dort geschah in diesem Augenblick etwas, worüber er bisher nur gelesen hatte.
„Der deutsche Soldat“, sagte Herr Schulze, „verteidigt heute nicht nur das Gebiet des Reiches.“
Matthias wusste schon, was als Nächstes kommen würde.
„Er verteidigt das Volk.“
Die Klasse hörte zu.
„Und jeder von euch muss begreifen: Der Dienst an Deutschland beginnt nicht erst auf dem Schlachtfeld.“
Matthias war enttäuscht. Gerade das Schlachtfeld hatte ihn interessiert.
Doch der Lehrer fuhr fort:
„Er beginnt hier. In der Schule. Bei der Arbeit. In der Disziplin. In der Bereitschaft, das Gemeinsame über das Eigene zu stellen.“
Heinz hob die Hand.
„Können sie uns zum Helfen schicken?“
Der Lehrer lächelte.
„Eure Aufgabe ist es vorerst, zu lernen und euch als deutsche Jungen würdig zu erweisen.“
Jemand lachte. Matthias nicht.
Das Wort vorerst genügte ihm.
Vorerst.
Es bedeutete, dass sich später etwas ändern konnte.
In der Pause drängten sich die Jungen am Fenster. Heinz hatte bereits Neuigkeiten.
„Mein Vater sagt, Warschau hält sich nicht lange.“
„Woher will er das wissen?“
„Vom Radio.“
„Mein Onkel sagt, in zwei Wochen ist alles vorbei“, erklärte Kurt.
„In zwei?“
„Höchstens.“
Matthias runzelte die Stirn.
„Das kann nicht sein.“
„Wieso?“
„Polen ist groß.“
„Na und?“
„Das dauert Monate.“
Heinz lachte.
„Was ist mit dir? Willst du, dass der Krieg länger dauert?“
Matthias wurde sofort rot.
„Nein.“
„Klingt aber so.“
„Ich sage doch nur.“
Kurt stieß ihn mit der Schulter an.
„In einem Monat sind unsere in Warschau.“
„Vielleicht.“
„Ganz bestimmt.“
Matthias sah aus dem Fenster. Hinter den Dächern lagen die Gleise. Auf ihnen fuhren Züge. Jetzt stellte er sich keine Personenwagen vor. Sonderzüge. Waggons voller Soldaten. Geschütze. Panzer. Uniformen. Nacht. Bahnhöfe. Signale.
Wieder spürte er den Neid in sich aufsteigen.
Nicht auf einen bestimmten Menschen.
Auf das Alter.
Auf diejenigen, die schon durften.
Er war zehn. Und der Krieg hatte bereits begonnen.
Es kam ihm beinahe ungerecht vor.
Nach der Schule war der Platz voller Menschen. Vor dem Haushaltswarenladen stand eine Gruppe Männer. Vor der Bäckerei stritten zwei Frauen. An der Ecke verteilte jemand Flugblätter.
Matthias ging nicht sofort nach Hause. Er lief durch die Straßen. Er wollte alles sehen.
Der Krieg hatte die Stadt in wenigen Stunden verändert, obwohl äußerlich fast nichts geschehen war. Es fielen keine Schüsse. Keine Flugzeuge waren zu sehen. Keine Soldaten standen an den Kreuzungen. Aber die Menschen redeten anders. Schneller. Leiser. Dann wieder lauter. Das Wort Krieg fiel überall.
Matthias blieb vor dem Tabakladen stehen. Dort, wo früher das Plakat mit dem Soldaten gehangen hatte, war nun ein neues Blatt angeschlagen. Große Buchstaben. Matthias las. Fast alles verstand er. Verteidigung des Reiches. Pflicht. Einigkeit.
Das Wort Einigkeit gefiel ihm.
Es passte zum Gleichschritt. Zu den Liedern. Zur Fahne. Dazu, wie sie gemeinsam marschierten. Zu Hause waren solche Wörter manchmal leer erschienen. Heute nicht. Heute kämpften irgendwo Menschen.
Die Wörter waren wirklich geworden.
Drei Tage später wurde Erich einberufen.
Matthias sah, wie seine Mutter den Bescheid las. Sie weinte nicht. Das war schlimmer. Sie las zu Ende, faltete das Papier, legte es auf den Tisch und begann dann, die Tischplatte abzuwischen, obwohl sie sauber war.
Karl stand daneben.
„Wann?“
„Montag.“
Anna rieb weiter über dieselbe Stelle.
„Wohin?“
„Erst zur Einheit.“
„Und danach?“
„Weiß ich nicht.“
„Erich.“
„Ich weiß es wirklich nicht.“
Matthias saß in der Ecke. Er verstand, dass er sich nicht einmischen sollte. Trotzdem hielt er es nicht aus.
„Bekommst du ein Gewehr?“
Die Mutter schloss die Augen. Karl sah den Jungen an.
„Matthias.“
„Ich wollte doch nur …“
Erich antwortete überraschend selbst.
„Wahrscheinlich.“
Matthias drehte sich zu ihm.
„Ein echtes?“
„Bei der Armee gibt es nicht viele andere.“
Wieder zuckte etwas in Matthias' Brust. Er wusste, dass er ernst aussehen sollte. Aber allein die Vorstellung von einem Gewehr war stärker.
Erich bemerkte es.
„Worüber freust du dich?“
„Ich freue mich nicht.“
„Doch.“
„Nein.“
„Dein Gesicht leuchtet.“
Matthias wusste nicht, wohin mit sich.
„Weil du … weil du jetzt Soldat bist.“
Erich schwieg einen Moment.
„Noch nicht.“
„Aber du wirst einer.“
„Ja.“
„Das ist doch …“
Matthias wollte sagen: gut.
Er sagte es nicht.
Die Mutter verließ die Küche. Karl sah ihr nach.
„Pass auf deine Wörter auf“, sagte er.
Matthias senkte den Kopf.
„Ich wollte nicht …“
„Ich weiß.“
Erich setzte sich ihm gegenüber.
„Du glaubst, das ist so wie bei euch?“
Matthias zuckte mit den Schultern.
„Nein.“
„Wie dann?“
Er dachte nach.
„Ernster.“
„Viel ernster.“
„Ich weiß.“
„Nein.“
Erich sagte es ruhig.
„Du weißt es nicht.“
Matthias hob den Blick.
„Und du?“
Erich antwortete nicht. Einige Sekunden sah er auf den Einberufungsbescheid.
„Ich auch noch nicht.“
Diesen Satz behielt Matthias im Gedächtnis. Zum ersten Mal schien sein älterer Bruder nicht höher zu stehen als er selbst.
Nur weiter vorn.
Am Abend vor der Abreise packte Erich seine Sachen. Diesmal ging Matthias nicht einfach hinein. Er klopfte.
„Ja.“
Erich saß auf dem Bett. Der Koffer stand wieder offen. Und doch sah alles anders aus. Beim letzten Mal war die Reise vorübergehend gewesen. Arbeit. Ein paar Wochen. Rückkehr. Jetzt sprach niemand davon, wann Erich zurückkam.
Matthias setzte sich neben ihn.
„Darf ich?“
„Setz dich.“
Eine Weile schwiegen beide.
„Hast du Angst?“, fragte Matthias schließlich.
Erich sah ihn an.
„Ja.“
Die Antwort kam sofort. Ohne Scherz. Ohne Zögern.
Matthias war verblüfft.
„Echt?“
„Echt.“
„Aber …“
„Was?“
Matthias wusste nicht, wie er den Satz beenden sollte. Aber du bist erwachsen. Aber du bist ein Mann. Aber Soldaten haben keine Angst. Alle drei Sätze fühlten sich plötzlich falsch an.
„Nichts.“
Erich lächelte.
„Du dachtest, ich würde Nein sagen?“
Matthias zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht.“
„Dann hätte ich gelogen.“
Erich nahm ein Paar Strümpfe und legte es in den Koffer.
„Angst zu haben ist normal.“
„Krüger sagt das auch.“
„Na siehst du.“
„Aber man muss sie überwinden.“
Erich sah ihn an.
„Manchmal.“
„Was heißt manchmal?“
„Manchmal warnt dich die Angst davor, dass etwas nicht stimmt.“
„Wenn man immer auf die Angst hört, macht man überhaupt nichts.“
„Stimmt auch.“
Matthias runzelte die Stirn.
„Bei dir gibt es auf alles zwei Antworten.“
„Weil das Leben selten nur einen hat.“
Das ärgerte Matthias. Bei Krüger waren die Antworten klarer. Bei Herrn Schulze auch. Richtig. Falsch. Pflicht. Feigheit. Kameradschaft. Verrat.
Bei Erich tauchte ständig dieses manchmal auf.
Matthias mochte das Wort nicht.
Es brachte die Ordnung durcheinander.
„Willst du fahren?“
Erich schloss den Koffer.
„Nein.“
Matthias war wieder überrascht.
„Gar nicht?“
„Gar nicht.“
„Aber wenn es nötig ist?“
„Dann fahre ich.“
„Also willst du deine Pflicht erfüllen.“
Erich schüttelte den Kopf.
„Verwechsel nicht wollen mit tun.“
Matthias schwieg. Er versuchte den Unterschied zu begreifen. Es gelang ihm nicht.
„Wenn du zu Hause bleiben dürftest?“
Erich sah ihn an.
„Dann würde ich bleiben.“
Das war beinahe ein Schock.
„Wirklich?“
„Wirklich.“
„Aber …“
Schon wieder dieses aber. Erich grinste schwach.
„Sag schon.“
„Willst du Deutschland nicht verteidigen?“
„Doch.“
„Warum würdest du dann bleiben?“
Erich fuhr sich über das Gesicht.
„Matthias, so einfach ist es nicht.“
„Alle Erwachsenen sagen immer dasselbe.“
„Weil es stimmt.“
Der Junge stand auf.
„Nein.“
„Was nein?“
„Krüger sagt es einfach.“
„Krüger hat mit Zehnjährigen zu tun.“
„Herr Schulze auch.“
„Eben.“
Matthias wurde rot vor Ärger.
„Du glaubst, die lügen?“
Erich sah ihn genau an.
„Ich glaube, sie sagen das, woran sie selbst glauben.“
„Was ist dann der Unterschied?“
„Manchmal glaubt ein Mensch ganz ehrlich an Unsinn.“
Matthias blieb stehen.
Der Gedanke fühlte sich beinahe verboten an. Nicht weil Erich jemanden beim Namen genannt hätte. Sondern weil die Vorstellung selbst gefährlich war. Wenn man sich aufrichtig irren konnte, dann reichte es nicht mehr, einfach fest genug zu glauben.
Matthias wollte das nicht.
„Ich verstehe dich nicht.“
„Weiß ich.“
„Du machst alles kompliziert.“
„Wahrscheinlich.“
„Früher warst du normal.“
Erich lachte.
„Das ist jetzt aber ein ernster Vorwurf.“
Matthias lächelte nicht. Er ging zur Tür.
„Matthias.“
Der Junge blieb stehen. Erich stand auf.
„Komm her.“
„Wieso?“
„Komm einfach.“
Matthias ging zurück. Erich nahm ihn in den Arm. Nicht so wie damals am Bahnhof. Fester. Länger. Matthias stand erst steif da und umarmte ihn dann ebenfalls.
„Hör auf Mama.“
„Warum sagt das jeder?“
„Weil du es nicht tust.“
„Tu ich doch.“
„Und auf Papa.“
„Auf dich auch?“
Erich ließ ihn ein Stück los.
„Besonders auf mich.“
„Wie denn, wenn du weg bist?“
„Ich schreibe.“
„Alles?“
Erich lächelte.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil es Dinge gibt, die ein kleiner Bruder nicht wissen muss.“
Matthias war beleidigt.
„Ich bin schon zehn.“
„Eben deshalb.“
Am Morgen war der Bahnhof ein anderer Ort.
Matthias merkte es sofort. Das hier war kein gewöhnlicher Abschied. Keine Reise zur Arbeit. Auf dem Bahnsteig standen Dutzende junge Männer. Manche waren mit ihren Frauen gekommen, andere mit den Eltern. Einige Kinder waren dabei. Jemand lachte. Zu laut. Jemand rauchte eine Zigarette nach der anderen. Manche Mütter weinten offen, andere hielten die Gesichter vollkommen still.
Erich trug noch Zivilkleidung. Das enttäuschte Matthias ein wenig. Er hatte erwartet, ihn bereits jetzt als Soldaten zu sehen.
Karl gab seinem Sohn wieder die Hand. Dann tat er etwas, das Matthias bei ihm fast nie gesehen hatte. Er umarmte Erich. Zog ihn an sich. Und ließ lange nicht los.
„Papa.“
„Was?“
„Es ist alles gut.“
Karl nickte.
„Ich weiß.“
Aber er sagte es so, als wüsste er es nicht.
Anna hielt bis zum letzten Augenblick durch. Als der Zug schon bereitstand, begann sie, Erichs Kragen zurechtzurücken. Ihre Hände zitterten.
„Mama.“
„Bleib still.“
„Der sitzt richtig.“
„Nein.“
„Doch.“
„Ich sehe es doch.“
Sie richtete weiter. Erich ließ sie. Dann strich die Mutter ihm mit der Hand über die Wange.
„Schreib.“
„Mach ich.“
„Jedes Mal, wenn du kannst.“
„Ja.“
„Und spiel nicht den Helden.“
Matthias horchte auf. Das Wort Held klang in ihrem Mund beinahe wie eine Beschimpfung.
Erich lächelte.
„Mach ich nicht.“
„Ich meine es ernst.“
„Ich auch.“
Anna drückte sich an ihn. Matthias sah weg. Aus irgendeinem Grund war es ihm peinlich zuzusehen.
Als er sich wieder umdrehte, stand Erich vor ihm.
„Na?“
„Was?“
„Willst du gar nichts sagen?“
Matthias wollte vieles sagen. Dass er stolz auf ihn war. Dass er genauso sein wollte. Dass Erich ihm etwas von der Front mitbringen sollte. Ein Foto vielleicht. Dass Matthias auf jeden Brief warten würde.
Aber er sah wieder das Gesicht seiner Mutter vor sich.
Also sagte er nur:
„Komm zurück.“
Erich lächelte.
„Ich versuche es.“
„Nicht ich versuche es.“
„Was dann?“
„Versprich es.“
Der ältere Bruder hörte auf zu lächeln. Matthias wartete.
„Versprich es.“
Erich nickte langsam.
„Gut. Ich verspreche es.“
Das beruhigte Matthias.
Ein Kind glaubt noch, ein Versprechen könne stärker sein als die Umstände.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Erich stand am Fenster. Matthias lief neben dem Wagen her. Diesmal länger. Bis der Bahnsteig zu Ende war. Er blieb stehen. Der Zug fuhr davon. Vom letzten Wagen winkte jemand. Vielleicht Erich. Vielleicht ein anderer Mann. Matthias winkte trotzdem zurück.
Dann war der Zug verschwunden.
Er fühlte gleichzeitig Leere und Stolz.
Sein Bruder war Soldat.
Fast.
Zwei Wochen später befand sich die polnische Armee bereits auf dem Rückzug. Im Radio folgte eine Siegesmeldung der nächsten. Städtenamen wurden aufgerufen, einer nach dem anderen. Matthias suchte sie auf der Karte und machte kleine Bleistiftmarkierungen.
Eines Tages bemerkte sein Vater es.
„Was soll das?“
„Da sind unsere.“
„Mach das weg.“
„Warum?“
„Weil das eine Landkarte ist.“
„Das weiß ich.“
„Keine Lagekarte des Generalstabs.“
„Ich male doch ganz ordentlich.“
Karl wollte etwas erwidern, ließ es aber bleiben und ging hinaus.
Matthias markierte weiter.
Seine Karte war lebendig geworden. Pfeile rückten vor. Städte wechselten von einem Zustand in den anderen. Für ihn war es beinahe ein Brettspiel. Er dachte nicht an Häuser. Nicht an Menschen in den Städten. Nicht daran, was es bedeutete, wenn im Radio von einer genommenen Stadt die Rede war.
Auf einer Karte war eine Stadt ein Punkt.
Ein Punkt schrie nicht.
Ein Punkt brannte nicht.
Ein Punkt begrub keine Kinder.
Ein Punkt wechselte lediglich die Farbe.
Ende September kam Erichs erster Brief aus der Einheit. Er schrieb, die Ausbildung gehe schnell. Der Kragen der Uniform scheuere ihm den Hals wund. Die Stiefel seien schwer. Der Unteroffizier brülle lauter, als Krüger es je schaffen werde.
Matthias lachte.
Dann stand da:
Das Gewehr ist tatsächlich echt. Und bevor du fragst: Ja, ich habe damit geschossen. Auf eine Scheibe. Schlecht getroffen.
Matthias las die Zeilen mehrmals.
Ein echtes Gewehr. Erich hatte geschossen.
Dann entdeckte er den Nachsatz:
Sei nicht neidisch. Das Ding ist schwer.
Matthias runzelte die Stirn. Woher wusste sein Bruder das?
Die Mutter fragte:
„Was steht da?“
„Nichts.“
„Gib her.“
Er reichte ihr den Brief. Anna las langsam. Karl stand neben ihr. Als sie am Ende angekommen war, lächelte sie.
„Ein vernünftiger Junge.“
Matthias empörte sich.
„Wieso Junge?“
„Weil er mein Sohn ist.“
„Er ist neunzehn.“
„Und?“
„Er ist erwachsen.“
Die Mutter faltete den Brief.
„Für dich.“
Karl sagte leise:
„Und für die Armee.“
Anna sah ihn an.
„Lass es.“
Er schwieg.
Der Krieg gegen Polen war schnell zu Ende.
Zu schnell.
Matthias hätte das niemandem gegenüber zugegeben. Nicht einmal sich selbst.
Als das Radio vom Sieg sprach, freute er sich. Alle freuten sich. Fahnen erschienen auf den Straßen. In der Schule war von der Schlagkraft der deutschen Waffen die Rede. Herr Schulze zeigte auf die Karte. Krüger sagte, die neue Generation müsse der Soldaten würdig sein.
Matthias hörte zu.
Und irgendwo sehr tief in ihm entstand ein merkwürdiges Gefühl.
Keine Enttäuschung. Das Wort wäre beschämend gewesen.
Eher Unruhe.
Der Krieg konnte vorbei sein.
So einfach.
Er hatte angefangen. Deutschland hatte gewonnen. Ende.
Am Abend lag Matthias im Bett und rechnete. Er war zehn. Bis zur Hitlerjugend waren es noch vier Jahre. Bis zur Armee viel länger.
Wenn alle Kriege so kurz dauerten …
Er drehte sich zur Wand.
Der Gedanke fühlte sich falsch an. Beinahe verräterisch.
Matthias vertrieb ihn.
Ein paar Minuten später war er wieder da.
Was, wenn es keinen Krieg mehr gab?
Natürlich wollte Matthias keinen Krieg. Natürlich nicht. So musste man denken. Niemand wollte Krieg. Auch der Führer nicht – das sagten sie im Radio. Deutschland war gezwungen worden. Die Soldaten taten ihre Pflicht.
Und trotzdem …
Erich war rechtzeitig erwachsen geworden. Genau in dem Alter, in dem die Geschichte Erwachsene brauchte.
Matthias war ein Kind.
Zum ersten Mal in seinem Leben ärgerte er sich wirklich über sein eigenes Alter. Nicht weil er nicht rauchen durfte. Nicht weil er abends früh nach Hause musste. Nicht weil Erich mehr durfte als er.
Sondern weil das größte Ereignis ihrer Zeit vielleicht ohne ihn vorübergehen konnte.
Der Gedanke war noch schwach. Fast formlos. Matthias selbst hätte ihn nicht in Worte fassen können.
Vorerst war es nur ein Gefühl.
Wie wenn irgendwo in der Ferne ein Zug abfährt. Man hört den Pfiff. Sieht den Rauch. Rennt zum Bahnhof.
Und hat nur vor einem Angst:
Dass, wenn man den Bahnsteig erreicht, der letzte Wagen bereits hinter der Kurve verschwunden ist.
Matthias schloss die Augen. Durch die Wand hörte er das Radio. Es wurde vom Sieg gesprochen.
Er schlief glücklich ein.
Und ein wenig enttäuscht.
Ohne selbst zu wissen, warum.
Kapitel 5. Sieg
Die Karte hing über Matthias' Schreibtisch. Zuerst hatte der Vater gesagt, die Reißzwecken würden die Tapete verderben. Die Mutter hatte erwidert, die Tapete sei ohnehin alt. Darauf hatte der Vater gesagt, darum gehe es gar nicht. Matthias hatte nicht verstanden, worum es sonst gehen sollte, aber er widersprach nicht.
Er drückte zwei kleine Reißzwecken vorsichtig, beinahe geräuschlos, in die Wand, strich die Ränder der Karte glatt und trat bis in die Mitte des Zimmers zurück.
Nun lag Polen vollständig vor ihm. Städte. Flüsse. Eisenbahnlinien. Grenzen. Namen, die er einen Monat zuvor kaum hätte lesen können, kannte er inzwischen auswendig. Posen. Lodz. Krakau. Warschau. Manche klangen fremd. Matthias sprach sie mehrmals vor sich hin, bis seine Zunge nicht mehr darüber stolperte.
Neben dem Schreibtisch stand eine kleine Schachtel mit roten Stecknadeln. Seine Mutter hatte sie in der Nähschublade gefunden.
„Aber später gibst du sie zurück.“
„Natürlich.“
„Alle.“
„Alle.“
Matthias steckte die Nadeln nicht wahllos in die Karte. Er richtete sich nach den Meldungen. Das Radio nannte eine Richtung – Matthias suchte sie. Die Zeitung berichtete von einem Vormarsch – er versetzte eine Nadel. Manchmal musste er korrigieren. Manchmal war dieselbe Stadt in einer Meldung bereits eingenommen und in einer anderen noch eingekesselt.
Das ärgerte ihn.
Matthias wollte Genauigkeit. Auf einer Karte sollte Krieg verständlich sein. Ein roter Punkt hier. Der nächste dort. Dazwischen eine Bewegung.
Er fuhr die Routen mit dem Finger nach und stellte sich Kolonnen vor. Panzer. Motorräder. Lastwagen. Infanterie. Flugzeuge über den Straßen.
Auf den Fotos sahen die Soldaten immer gleich sicher aus. Sie standen neben zerstörtem polnischem Gerät, rauchten, lächelten und zeigten auf Wegweiser. Niemand fror auf diesen Bildern. Niemand hatte Angst. Niemand wollte nach Hause.
Matthias sammelte Zeitungsausschnitte. Eines Tages kam seine Mutter ins Zimmer und entdeckte einen ganzen Stapel Zeitungen auf dem Fußboden.
„Was ist das?“
„Die brauche ich.“
„Wozu brauchst du drei gleiche Zeitungen?“
„Die sind nicht gleich.“
„Auf allen ist dasselbe Gesicht.“
Matthias sah hin. Auf den Titelseiten war tatsächlich meistens der Führer. Nur die Überschriften unterschieden sich.
„Ich schneide die Meldungen aus.“
„Welche Meldungen?“
„Von der Front.“
Die Mutter schwieg einen Augenblick.
„Matthias.“
„Was?“
„Mach aus deinem Zimmer keine Zeitungsredaktion.“
Er lächelte. Sie nicht.
Matthias sah wieder auf die Karte.
„Warschau ist fast eingeschlossen.“
Anna antwortete nicht.
„Mama?“
„Ich höre dich.“
„Dann ist es bestimmt bald vorbei.“
Sie blieb an der Tür stehen.
„Hoffentlich.“
Matthias sagte nichts.
Die Mutter ging hinaus. Er versetzte wieder eine Nadel.
Das Wort hoffentlich blieb aus irgendeinem Grund im Zimmer zurück.
In der Schule begannen Wettbewerbe. Keine offiziellen. Niemand hatte sie angekündigt. Eines Tages kam Heinz einfach mit einer Zeitung herein und erklärte:
„Ich kenne alle Städte, die unsere in der letzten Woche genommen haben.“
Kurt glaubte ihm nicht. Also musste man ihn prüfen. Dann kamen die anderen dazu. Zwei Tage später konnte die Hälfte der Klasse polnische Städte auf der Karte schneller zeigen als deutsche Flüsse.
Herr Schulze tat zunächst so, als bemerke er nichts. Dann begann er selbst zu fragen.
„Wer zeigt mir Warschau?“
Zehn Hände.
„Krakau?“
Noch mehr.
„Danzig?“
Fast die ganze Klasse.
Der Lehrer nickte.
„Gut. Ein deutscher Junge muss den Raum kennen, in dem sein Volk lebt.“
Matthias mochte diese Formulierung. Raum. Das Wort machte aus einer Landkarte mehr als ein Blatt Papier. Als hätte jede Linie Bedeutung.
Nach dem Unterricht stritten die Jungen über den Krieg. Kurt war sicher, Polen werde in drei Tagen kapitulieren. Heinz gab dem Land fünf. Matthias sagte sieben.
„Warum sieben?“, fragte Kurt.
„Warschau ist groß.“
„Na und?“
„Da leben viele Menschen.“
„Unsere nehmen die Stadt trotzdem.“
„Weiß ich.“
„Dann fünf.“
Matthias überlegte.
Sie redeten über eine Stadt wie über ein Fußballspiel. Wer gewinnt. Mit welchem Ergebnis. Wie lange es dauert. Keinem von ihnen kam in den Sinn, sich vorzustellen, was es bedeutete, in einer Stadt zu leben, die „genommen“ wurde. Dazu brauchte man zu viel Vorstellungskraft.
Ein Punkt auf einer Karte war leichter.
Das erste beunruhigende Zeichen war eine Postkarte.
Der Briefträger brachte sie am Morgen. Die Mutter erkannte Erichs Handschrift sofort.
„Von ihm.“
Matthias ließ den Löffel fallen.
„Gib!“
„Hände.“
„Sind sauber.“
„Zeig.“
Er zeigte die Handflächen. Anna las trotzdem zuerst. Es war ungerecht, aber über das mütterliche Recht, Briefe als Erste zu lesen, ließ sich nicht verhandeln.
Die Karte war kurz.
Mir geht es gut. Bin noch hier. Wir üben. Macht euch keine Sorgen. Mama, schick nicht so viel Essen, wir bekommen genug. Matthias soll wissen: Mit dem Schießen klappt es inzwischen etwas besser.
Matthias strahlte.
„Siehst du?“
Die Mutter sah noch immer auf die Karte.
„Was?“
„Er hat über mich geschrieben.“
„Sehe ich.“
„Also denkt er an mich.“
Anna hob den Blick.
„Hast du gedacht, er vergisst dich?“
„Nein.“
„Warum wunderst du dich dann?“
Matthias konnte es nicht erklären. Es war das eine, zu wissen, dass ein Bruder an einen dachte. Etwas anderes, den eigenen Namen auf einer Karte von einem Soldaten zu lesen. Auch wenn Erich noch in der Ausbildung war.
Matthias bat um die Karte. Die Mutter gab sie ihm. Er nahm sie mit in sein Zimmer und legte sie neben die Landkarte.
Jetzt war der Krieg beinahe unmittelbar mit ihm verbunden.
Es gab die Front. Es gab Deutschland. Es gab Erich. Es gab die Postkarte. Es gab Matthias.
Die Kette schien vollkommen klar.
Karl Roth mochte die Karte nicht.
Er verbot sie nicht. Forderte Matthias auch nicht auf, sie abzunehmen. Aber jedes Mal, wenn er ins Zimmer seines Sohnes kam, blieb sein Blick zu lange daran hängen.
Eines Abends fand Matthias ihn allein dort. Der Vater stand vor der Karte, die Hände in den Taschen.
„Was machst du?“
Karl drehte sich um.
„Anschauen.“
„Die Nadeln stimmen.“
„Was?“
„Die Nadeln.“
„Ach so.“
Matthias trat neben ihn.
„Hier stehen unsere.“
Er zeigte darauf.
„Und hier sind die Polen zurückgegangen.“
Karl nickte.
„Das haben sie im Radio gesagt.“
„Hab ich gehört.“
„Hier ist noch ein Kessel.“
Der Vater sah auf die roten Punkte.
„Hübsch.“
Matthias wurde misstrauisch. Diesen Ton kannte er inzwischen.
„Was?“
„Nichts.“
„Du schon wieder.“
„Was schon wieder?“
„Du sagst das so.“
Karl seufzte.
„Wie?“
„Als würde dir alles nicht gefallen.“
„Mir gefällt vieles nicht.“
„Sogar der Sieg?“
Der Vater sah ihn an. Matthias wusste sofort, dass er die falsche Frage gestellt hatte.
„Sieg worüber?“
„Über Polen.“
„Das habe ich verstanden.“
„Warum dann?“
Karl trat näher an die Karte.
„Siehst du Warschau?“
„Natürlich.“
„Was ist das?“
Matthias war verblüfft.
„Eine Stadt.“
„Was ist eine Stadt?“
„Na ja …“
„Na?“
Matthias zuckte mit den Schultern.
„Häuser. Straßen. Menschen.“
„Noch?“
„Läden.“
„Noch?“
„Schulen.“
„Krankenhäuser.“
„Ja.“
„Kinder.“
Matthias schwieg einen Moment.
„Ja.“
„Alte Leute.“
„Ja.“
„Menschen, die überhaupt nicht wissen, wer Matthias Roth ist.“
Der Junge zog die Stirn kraus.
„Was habe ich damit zu tun?“
„Nichts.“
Karl zeigte auf den Punkt.
„Genau darum geht es.“
Matthias sah auf die Karte. Der Vater fuhr fort:
„Auf Papier ist es sehr bequem.“
„Was?“
„Krieg.“
Matthias wollte widersprechen.
„Ich finde ihn nicht bequem.“
„Noch nicht.“
„Nein.“
„Für dich ist eine Stadt ein Punkt.“
Karl berührte die Karte mit dem Finger.
„Einen Punkt verschiebt man leicht.“
Dann ging er hinaus.
Matthias blieb zurück. Eine Weile sah er auf Warschau. Dann versetzte er eine Nadel um einige Millimeter. Nicht weil er seinem Vater etwas beweisen wollte. Die Meldung hatte sich einfach geändert.
Ende September wurde die Stadt mit Fahnen geschmückt. Die Zeitungen erschienen mit riesigen Überschriften. In der Schule verkündete Herr Schulze die Kapitulation Warschaus so feierlich, als hätte er bei der Unterzeichnung selbst daneben gestanden.
Die Jungen wurden laut. Einer begann zu klatschen. Der Lehrer hielt sie nicht zurück. Matthias klatschte ebenfalls.
Heinz beugte sich zu ihm.
„Hab ich doch gesagt: fünf Tage.“
„Es waren mehr.“
„Ist doch egal.“
„Dann lag ich näher dran.“
„Du hast sieben gesagt.“
„Eben.“
„Das ist trotzdem mehr.“
Fast hätten sie mitten in der Rede angefangen zu streiten. Herr Schulze sah herüber. Beide schwiegen.
Auf der Tafel stand ein Datum. Der Lehrer zog einen Kreidestrich darum.
„Merkt euch diesen Tag.“
Matthias schrieb ihn auf. Er mochte Daten, an die man sich erinnern sollte. Sie machten aus Geschichte eine Kette fester Punkte. 1918. 1933. 1938. 1939. Ein Jahr. Ein Ereignis. Eine Bedeutung. So war es einfacher.
Herr Schulze sprach von der Standhaftigkeit der Armee, vom Können der Führung, von der Einigkeit des Volkes. Dann sagte er:
„Deutschland hat bewiesen, dass es nie wieder andere über sein Schicksal entscheiden lassen wird.“
Matthias empfand Stolz. Echten Stolz. Einen Stolz, bei dem man automatisch gerader sitzt. Er hatte an diesem Sieg nicht mitgewirkt. Und trotzdem gehörte er ein wenig auch ihm.
Weil er Deutscher war.
Das genügte.
Nach der Schule wurde die Gruppe auf dem Platz zusammengerufen. Krüger stand vor den Jungen. An diesem Tag war er besonders ernst.
„Ein Sieg ist kein Grund, bequem zu werden.“
Matthias wunderte sich. Er hatte gedacht, gerade heute könnte man einmal auf das Exerzieren verzichten.
„Ein Sieg verpflichtet uns, derer würdig zu sein, die ihn errungen haben.“
Krüger sprach mit fester Stimme.
„Während deutsche Soldaten ihre Pflicht tun, müsst ihr eure tun.“
Matthias hörte zu.
„Lernen. Üben. Diszipliniert sein.“
In der hinteren Reihe bewegte sich jemand. Krüger bemerkte es sofort.
„Für manche scheint schon zehn Minuten stillstehen eine Heldentat zu sein.“
Die Jungen lachten. Matthias ebenfalls.
Danach übten sie. Laufen. Werfen. Antreten. Auf dem Rückweg stellte Krüger Matthias zum ersten Mal an die Spitze einer kleinen Gruppe.
„Roth.“
„Ja.“
„Du führst bis zur Brücke.“
Matthias verstand zuerst nicht.
„Ich?“
„Nein, der Mann hinter dir.“
Ein paar Jungen kicherten. Matthias richtete sich auf.
„Ja.“
„Dann kommandier.“
Und plötzlich hatte er Angst. Nur ein wenig.
Bis jetzt hatte er immer ausgeführt. Nun musste er den anderen etwas sagen. Wenden. Den Schritt halten. Das Kommando nicht verwechseln.
Matthias holte Luft und gab den Befehl. Zu leise.
„Lauter“, sagte Krüger.
Er wiederholte ihn. Diesmal besser. Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Die ersten Schritte waren ungleichmäßig, dann fand sich der Takt.
Matthias ging vorn.
Hinter sich hörte er die Schritte der anderen. Noch vor kurzem war sein eigener Schritt im gemeinsamen Geräusch verschwunden. Nun hing der gemeinsame Schritt ein wenig von ihm ab.
Es war ein anderes Gefühl.
Noch angenehmer.
An der Brücke ließ Krüger einen anderen Jungen übernehmen.
„Nicht schlecht.“
Nur zwei Wörter.
Matthias ging nach Hause und wiederholte sie in Gedanken. Nicht schlecht.
Von Krüger bedeutete das beinahe gut.
Am Abend rief Erich an. Völlig unerwartet. Die Roths hatten zu Hause kein Telefon. Der Anruf kam im Postamt an, wo ein Bekannter Karls arbeitete, und von dort wurde ein Junge geschickt.
„Herr Roth! Telefon! Ihr Sohn!“
Anna ließ das Handtuch fallen. Fünf Minuten später war die ganze Familie beinahe im Laufschritt unterwegs. Matthias hatte seine Mutter noch nie so schnell gehen sehen. Karl hielt sie am Arm.
„Nicht so schnell.“
„Ich gehe nicht schnell.“
„Du rennst.“
„Ich gehe ganz normal.“
Am Apparat sprach zuerst der Vater.
„Ja.“
Pause.
„Ich höre dich.“
Noch eine Pause. Karl lächelte. Wirklich lächelte.
„Wir sind alle hier.“
Anna streckte schon die Hand aus.
„Gib.“
Karl reichte ihr den Hörer.
„Erich?“
Die Mutter begann sofort zu weinen. Nicht heftig, aber ihre Stimme veränderte sich.
„Ja … ja … nein, hier ist alles gut … Wir haben sie bekommen … Natürlich …“
Matthias stand daneben und starrte auf den schwarzen Hörer, als könnte er seinen Bruder darin sehen. Endlich hielt die Mutter ihm das Telefon hin.
„Kurz.“
Er griff danach.
„Erich?“
Zuerst hörte er Rauschen. Dann die Stimme. Weit weg. Anders als in Wirklichkeit.
„Matthias?“
„Ja!“
„Brüll nicht.“
„Ich brülle nicht.“
„Hier kommt es jedenfalls so an.“
Matthias grinste.
„Wo bist du?“
„Bei der Einheit.“
„Und wohin kommt ihr?“
Pause.
„Weiß ich nicht.“
„Hast du schon geschossen?“
„Interessiert dich wirklich nur das?“
„Nein.“
„Du lügst.“
Matthias lachte.
„Wir haben Warschau genommen.“
Am anderen Ende entstand wieder eine Pause.
„Wir?“
„Na ja … unsere.“
„Ach so.“
Matthias verstand nicht, weshalb Erich so merkwürdig antwortete.
„Alle feiern.“
„Gut.“
„Überall hängen Fahnen.“
„Gut.“
„Krüger sagt, wir müssen euch würdig sein.“
„Uns?“
„Den Soldaten.“
„Ich bin noch kein Soldat.“
„Du bist in der Armee.“
„Das ist nicht dasselbe.“
Matthias verdrehte die Augen, obwohl sein Bruder es nicht sehen konnte.
„Schon wieder.“
„Was schon wieder?“
„Du machst immer alles kompliziert.“
Erich lachte. Sofort klang die Stimme näher.
„Darin bin ich gut.“
Matthias wollte etwas Wichtiges fragen. Was genau, wusste er nicht. Die Worte kamen von selbst.
„Wann kommst du an die Front?“
Stille.
Dann:
„Weiß ich nicht.“
„Willst du hin?“
Diesmal dauerte das Schweigen länger. Karl sah seinen Sohn an. Matthias spürte, dass er etwas Falsches gefragt hatte.
Erich antwortete:
„Ich will nach Hause.“
Ganz einfach.
Matthias verstummte.
Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet.
„Na ja … danach.“
„Natürlich.“
„Ich meine vorher.“
Erich schien auszuatmen.
„Was vorher?“
„Na …“
Matthias brachte das Wort Krieg nicht heraus.
Zum ersten Mal blieb es ihm im Hals stecken.
„Nichts.“
„Na, dann ist ja gut.“
Erich sagte etwas zu jemandem neben sich und fügte rasch hinzu:
„Ich muss aufhören. Hör auf Mama. Und lass mein Fahrrad in Ruhe.“
„Ich fasse es nicht an.“
„Du lügst.“
„Tu ich nicht.“
„Matthias.“
„Na gut. Einmal.“
„Wusste ich's doch.“
„Nur bis zur Ecke.“
„Wenn ich zurückkomme, kontrolliere ich es.“
„Wann?“
„Weiß ich nicht.“
Die Leitung knackte.
„Erich?“
„Bin noch da.“
„Komm bald zurück.“
„Ich versuche es.“
Matthias erinnerte sich an den Bahnhof.
„Du hast es versprochen.“
Am anderen Ende wurde es still.
„Ich weiß.“
Dann brach die Verbindung ab.
Matthias hielt den Hörer noch einige Sekunden fest. Schließlich nahm ihn der Postangestellte vorsichtig aus seiner Hand.
„Das war's.“
Auf dem Heimweg war die Mutter glücklich. Man sah es ihr an. Sie sagte, Erichs Stimme habe gut geklungen. Er sei nicht erkältet. Wenn etwas nicht in Ordnung gewesen wäre, hätte sie es sofort gehört. Karl nickte.
Matthias ging hinter ihnen und dachte nur an einen Satz.
Ich will nach Hause.
Warum wollte ein Soldat nach Hause, noch bevor er überhaupt im Krieg gewesen war?
Matthias beschloss, dass Erich einfach seine Familie vermisste.
So war es leichter.
Einige Tage später fand auf dem Platz eine Siegesfeier statt. Eine Kapelle spielte. Es gab Reden. Fahnen. Viele Menschen. Matthias kam mit seiner Gruppe. Sie standen in Reihen. Seine Beine wurden steif, doch heute beschwerte sich niemand.
Auf der Tribüne wurde vom Sieg gesprochen. Von neuer Größe. Vom deutschen Soldaten. Von historischer Gerechtigkeit. Eine Rede klang der anderen ähnlich, aber Matthias störte das nicht. Manche Dinge hörte man gern mehrmals.
Als die Musik einsetzte, wurde die Menge lebhafter. Jemand setzte ein Kind auf die Schultern. Der Junge lachte.
Matthias dachte, dass er sich an diesen Tag erinnern würde. Wenn er einmal erwachsen war, würde er sagen können: Ich war dabei. Nicht an der Front. Aber hier. In dieser Zeit. Unter diesen Menschen.
Er sah auf die Fahnen. Die Gesichter. Die Uniformen seiner Kameraden. Krüger. Die erhobenen Arme.
Und wieder spürte er diese Wärme.
Wir.
Das Wort wurde immer wichtiger.
Wir haben gesiegt. Wir sind stark. Wir haben uns zurückgeholt, was uns gehört. Wir haben es nicht zugelassen. Wir haben es bewiesen.
Matthias fragte sich kein einziges Mal, wen dieses wir eigentlich umfasste. Hätte er gefragt, wäre ihm die Antwort selbstverständlich erschienen: uns alle.
Doch gleich neben dem Platz, hinter der Menge, lag ein Geschäft, das früher der Familie Levi gehört hatte. Matthias hatte dort einmal Bleistifte gekauft. Nun war das Schaufenster geschlossen. Das Schild über der Tür war verschwunden.
Als Kind hatte er Herrn Levi hinter der Theke stehen sehen. Manchmal saß dort auch sein Sohn David, ein Jahr älter als Matthias. Ein paarmal hatten sie zusammen im Hof gespielt. David konnte mit zwei Fingern schrill pfeifen. Matthias hatte es nie gelernt.
Jetzt war das Geschäft geschlossen.
David kam schon lange nicht mehr zur Schule.
Und Matthias hatte seit Wochen nicht an ihn gedacht.
Auch an diesem Abend dachte er nicht an ihn.
Auf dem Platz war zu viel Musik.
Der richtige Herbst kam schnell. Morgens stand Feuchtigkeit an den Fenstern. Die Bäume in der Straße wurden gelb. Der Krieg schien stillzustehen. Polen war besiegt, aber Frieden gab es nicht. Im Radio war weiter von Großbritannien und Frankreich die Rede. Die Zeitungen brachten Fotos von der Westfront. Doch dort schien fast nichts zu geschehen.
Matthias langweilte sich.
Sich selbst hätte er das nie eingestanden. Krieg durfte keine Unterhaltung sein. Aber er hatte sich an Meldungen gewöhnt. An Pfeile. An neue Namen. Jetzt standen die Nadeln auf seiner Karte still.
Eines Tages sagte Heinz:
„Im Frühjahr geht es bestimmt los.“
„Was?“
„Im Westen.“
„Woher weißt du das?“
„Mein Vater sagt es.“
„Weiß dein Vater alles?“
„Mehr als deiner.“
Matthias stieß ihn.
„Idiot.“
Heinz lachte. Sie rannten los.
Der Krieg wurde wieder etwas Fernes. Man konnte Fußball spielen. Zum Dienst gehen. Streiten. Sich prügeln. Auf Briefe warten.
Nur die Eltern hörten dem Radio weiterhin anders zu als früher.
Der erste richtige Brief von Erich kam im November. Keine Postkarte. Vier Seiten. Anna wartete, bis Karl von der Arbeit zurückkam, und öffnete den Umschlag nicht vorher. Allein das war ein Ereignis.
Matthias ging mehrmals am Tisch vorbei. Der Umschlag lag da. Grau. Mit Poststempel. Er wollte ihn nehmen. Traute sich nicht.
Als der Vater kam, setzten sie sich alle. Anna öffnete vorsichtig den Rand und begann laut vorzulesen.
Erich schrieb von der Kaserne. Von den Männern. Von dem Unteroffizier, der tatsächlich so laut brüllen konnte, dass man danach Kopfschmerzen bekam. Von Stiefeln. Vom Exerzieren. Vom Waffenreinigen. Von endlosen Kontrollen. Zwischendurch machte er Witze.
Matthias hörte sehr aufmerksam zu und wartete.
Jetzt musste doch endlich das Interessante kommen.
Aber der Brief handelte weiter vom Essen, von kalten Waschräumen, Wachdiensten und einem zerrissenen Handschuh.
Dann endlich:
Es sieht so aus, als würden wir bald verlegt.
Die Mutter hielt inne. Karl hob den Blick.
„Weiter.“
Sie las:
Wohin, sagt uns niemand. Vielleicht nach Westen. Macht euch nicht vorher verrückt. Hier weiß keiner etwas, aber jeder tut so, als wüsste er alles.
Karl lächelte.
„Das klingt nach ihm.“
Anna las weiter. Am Schluss standen einige Zeilen für Matthias.
Matthias, falls du deine Stecknadeln immer noch verschiebst: Glaub nicht jede Zeitung. Die wissen kaum mehr als wir. Sie schreiben nur sicherer.
Matthias runzelte die Stirn.
„Warum schreibt er so?“
Karl sah ihn an.
„Weil er klüger wird.“
„Die Zeitungen melden doch offiziell.“
„Und?“
„Dann wissen sie es.“
Der Vater zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht.“
„Schon wieder.“
„Was schon wieder?“
„Du und Erich sagt dauernd vielleicht.“
Karl lächelte.
„Ein gutes Wort.“
„Es bedeutet gar nichts.“
„Im Gegenteil. Manchmal bedeutet es mehr als ganz bestimmt.“
Matthias wandte sich ab.
Er mochte Zweifel nicht.
Zweifel bauten nichts. Führten keine Formation. Bewegten keine Stecknadeln. Erklärten nicht, wer recht hatte.
Zweifel ließen einen Menschen nur stehen.
Kapitel 6. Die, die nicht zu uns gehören
An David Levi erinnerte Matthias sich wegen eines Pfiffs.
Es war Ende November. Nach mehreren kalten Tagen kam plötzlich die Sonne heraus, und der Schnee, der sich gerade erst am Straßenrand gesammelt hatte, verwandelte sich in grauen Matsch. Matthias ging mit Heinz von der Schule nach Hause. Sie kickten einen kleinen Klumpen festgetretenen Schnee vor sich her und stritten darüber, welcher deutsche Fußballer aus der Distanz am härtesten schoss, als Heinz plötzlich zwei Finger in den Mund steckte und zu pfeifen versuchte.
Es kam nur ein heiseres Geräusch heraus.
Matthias lachte.
„Was machst du da?“
„Pfeifen.“
„So geht das nicht.“
„Kannst du es etwa?“
Matthias wollte schon selbstverständlich sagen, dass er es könne, hielt aber inne.
Er hatte es tatsächlich einmal gelernt. Nur eben nie geschafft.
Im Frühjahr des vergangenen Jahres hatten sie hinter der Werkstatt von Herrn Krause gestanden – Matthias und David Levi. Die Ziegelmauer war von der Sonne warm geworden, an einem Fallrohr hüpften Spatzen herum, und David zeigte ihm, wo genau die Zunge liegen musste.
„Nicht so. Weiter runter.“
Matthias versuchte es wieder. Mehr als feuchte Luft kam nicht heraus.
David stieß ihn mit der Schulter an und lachte.
„Blas doch nicht wie ein Blasebalg.“
Dann nahm er selbst die Finger in den Mund, kniff die Augen zusammen und stieß einen so schrillen Pfiff aus, dass die Vögel vom Dach aufflogen. Matthias war jedes Mal neidisch gewesen.
Nun war die Erinnerung plötzlich wieder da. So deutlich, dass er den Pfiff beinahe hörte.
„Was ist?“, fragte Heinz.
„Nichts.“
Sie erreichten die Ecke. Dort sah Matthias den ehemaligen Laden der Levis.
Früher hatte über der Tür in goldenen Buchstaben gestanden:
M. LEVI – SCHREIBWAREN UND BÜCHER
Matthias hatte dort Bleistifte und Radiergummis gekauft und einmal ein billiges Notizbuch mit blauem Einband. Jetzt war der Name Levi verschwunden. Über dem Schaufenster hing ein neues Schild. Ein anderer Besitzer. Ein anderer Name.
Drinnen sah fast alles aus wie früher: Hefte, Papier, Schachteln mit Bleistiften, Postkarten auf einem drehbaren Ständer. Nur hinter dem Ladentisch stand ein anderer Mann.
Matthias verlangsamte den Schritt.
„Was ist?“, fragte Heinz.
„Hier waren doch die Levis.“
„Waren sie.“
„Und jetzt?“
„Jetzt nicht mehr.“
„Das sehe ich selbst.“
Heinz zuckte mit den Schultern.
„Verkauft.“
Matthias sah ihn an.
„An wen?“
„Was weiß ich.“
„Ich frage doch nur.“
„An den neuen Besitzer.“
„Und wo sind sie?“
„Die wohnen noch irgendwo hier.“
Matthias war überrascht.
„Sind die nicht weggezogen?“
„Wer sagt das?“
Er dachte nach.
Niemand.
David war nur schon lange nicht mehr in der Schule. Der Laden gehörte nicht mehr seinem Vater. Der Familienname war aus der Straße verschwunden. Aus diesen drei Dingen hatte sich in Matthias' Kopf irgendwie von selbst die Vorstellung ergeben, die ganze Familie müsse ebenfalls verschwunden sein.
„Ich dachte, sie wären weg.“
„Mein Vater sagt, sie wollen weg.“
„Wohin?“
„Keine Ahnung. Amerika oder sonst wohin.“
Heinz sagte es ohne jedes Interesse. Dann versuchte er wieder zu pfeifen. Diesmal gelang es ein wenig besser.
„Da.“
Matthias grinste.
„Immer noch falsch.“
„Dann zeig du es.“
„Kann ich nicht.“
„Wer kann es denn?“
Matthias sah auf das neue Ladenschild.
„Einer.“
Er sagte den Namen nicht.
Er wusste selbst nicht, warum.
Davids Platz im Klassenzimmer war längst nicht mehr Davids Platz.
Seit dem November des Vorjahres kam er nicht mehr zur Schule. Zuerst hatte Herr Schulze erklärt, einige Schüler würden ihren Unterricht „in anderer Form“ fortsetzen. Was diese andere Form bedeutete, erklärte niemand den Kindern genauer.
In den ersten Tagen fiel der leere Platz auf. Dann wurde Fritz Möller dorthin gesetzt. Einige Wochen später hatte Matthias sich daran gewöhnt. So gründlich, dass ihm manchmal vorkam, Fritz habe schon immer dort gesessen.
Bis Herr Schulze sich eines Tages versprach.
Er kontrollierte die Hausaufgaben, blätterte im Klassenbuch und sagte, ohne aufzusehen:
„Levi, an die Tafel.“
Die Stille war sofort da.
Keine lustige Stille. Nicht die übliche Schulpause nach einem Versprecher des Lehrers. Eine andere.
Herr Schulze hob den Kopf. Sah zum Platz. Zu Fritz. Dann ins Klassenbuch.
Sein Gesicht veränderte sich nur für eine Sekunde.
„Möller.“
Fritz stand auf und ging zur Tafel. Niemand lachte.
Matthias sah auf eine Zeile in seinem Heft und fühlte sich aus irgendeinem Grund unbehaglich, obwohl nicht er den Fehler gemacht hatte.
Nach dem Unterricht sagte Heinz:
„Der Alte wird senil.“
„Wer?“
„Schulze. Hat es vergessen.“
Matthias fragte:
„Wo geht David jetzt zur Schule?“
Heinz sah ihn an.
„Keine Ahnung.“
„Nirgendwo?“
„Woher soll ich das wissen?“
Kurt Bauer stand daneben und hatte die Frage gehört.
„Die haben eigene Schulen.“
„Wer?“
„Die Juden.“
Matthias gefiel nicht, wie das Wort klang.
Nicht weil er es vorher nie gehört hätte. Er hörte es ständig. In Zeitungen. In Reden. Im Unterricht. Auf Plakaten.
Aber bisher hatte es für ihn zwei getrennte Dinge gegeben: die Juden, über die Erwachsene redeten, und David, der laut mit zwei Fingern pfeifen konnte und beim Murmelspiel schummelte.
Jetzt waren diese beiden Dinge auf einmal dasselbe.
„Er ist doch einfach David“, sagte Matthias.
Kurt lachte.
„Einfach David Levi.“
„Na und?“
„Nichts.“
„Warum lachst du dann?“
„Warst du mit ihm befreundet?“
Die Frage klang vollkommen gewöhnlich.
Und trotzdem spürte Matthias plötzlich Gefahr. Nur ein wenig. Fast lächerlich wenig. Aber genug, um sofort zu antworten:
„Nein.“
„Na also.“
Es klingelte. Alle gingen ins Klassenzimmer. Matthias blieb noch einige Sekunden im Flur stehen.
Er hatte David tatsächlich nie als Freund bezeichnet. Sie waren nicht bei einander zu Hause gewesen. Hatten nie nebeneinander gesessen. Verbrachten ihre Sonntage nicht gemeinsam. Manchmal hatten sie gespielt. Geredet. Hinter Krauses Werkstatt das Pfeifen geübt.
Für Freundschaft war das nicht genug.
Also hatte Matthias nicht gelogen.
Der Gedanke beruhigte ihn.
Im Winter veränderte sich der Unterricht.
Rechnen blieb Rechnen. Zwei und zwei ergaben immer noch vier, ganz gleich, wer einen Krieg gewann. Auch der Aufbau eines Blattes hing im Naturkundeunterricht nicht von den Schlagzeilen ab.
Aber Geschichte, Erdkunde und nach und nach sogar Stunden, die früher ganz anderen Dingen gehört hatten, füllten sich mit Gesprächen über das Volk. Über Abstammung. Blut. Vererbung. Darüber, dass Deutschland nicht einfach aus allen Menschen bestand, die innerhalb seiner Grenzen lebten.
Matthias hatte diese Wörter schon früher gehört. Jetzt wurden sie zu einem System.
Eines Tages brachte Herr Schulze mehrere Schautafeln mit und befestigte sie an der Tafel. Auf einer waren menschliche Profile abgebildet, auf einer anderen eine Folge von Generationen. Die dritte mochte Matthias nicht.
Das Gesicht darauf war absichtlich hässlich gezeichnet: schwere Lippen, eine übergroße Nase, kleine Augen.
Matthias musste sofort an Herrn Levi denken. Der hatte eine ganz gewöhnliche Nase. David auch.
Der Widerspruch blitzte nur kurz in seinem Kopf auf und verschwand wieder.
Herr Schulze begann den Unterricht.
„Ihr hört oft das Wort Volk.“
Er schrieb es an die Tafel.
VOLK
„Was bedeutet es?“
Hände gingen hoch.
„Die Menschen in Deutschland.“
„Die Deutschen.“
„Alle, die Deutsch sprechen.“
Der Lehrer hörte sich die Antworten an. Dann sagte er:
„Das reicht nicht.“
Er sprach von Abstammung. Von Generationen. Davon, dass Zugehörigkeit nicht allein dadurch entstehe, dass man in einer bestimmten Stadt geboren sei oder eine bestimmte Sprache spreche.
Matthias schrieb mit. Manche Sätze waren kompliziert. Andere sehr einfach.
Es gab die Eigenen.
Und die Fremden.
Man musste den Unterschied erkennen.
Irgendwann sagte Herr Schulze:
„Manchmal verstellt ein persönlicher Eindruck den Blick auf das Wesentliche. Ihr könnt einem einzelnen Menschen begegnen, der euch angenehm erscheint, höflich, vielleicht sogar gut. Aber die Pflicht gegenüber dem Volk verlangt, über persönliche Sympathie hinauszusehen.“
Matthias hob den Kopf.
David erschien wieder in seiner Erinnerung.
Nicht sein Gesicht.
Der Pfiff.
Matthias meldete sich.
„Roth?“
„Und wenn er wirklich gut ist?“
Irgendjemand in der Klasse schnaubte. Schulze sah Matthias aufmerksam an.
„Wer?“
„Na … ein Mensch.“
„Was für ein Mensch?“
Matthias spürte, dass die Frage bereits dumm klang.
„Irgendeiner.“
„Dann musst du zuerst feststellen, was du unter gut verstehst.“
„Wenn er nichts Schlechtes tut.“
Herr Schulze trat näher.
„Es geht nicht immer um die persönliche Handlung eines Einzelnen.“
„Worum dann?“
„Um Zugehörigkeit.“
Matthias verstand nicht.
„Aber wenn er nichts getan hat?“
Schulze zog leicht die Stirn zusammen. Nicht wütend. Eher wie jemand, der gezwungen war, etwas Selbstverständliches noch einmal zu erklären.
„Manchmal liegt die Gefahr nicht in der einzelnen Tat eines Menschen, sondern in dem, wozu er gehört.“
Matthias schwieg.
Er verstand es noch immer nicht.
Aber etwas anderes verstand er: Er sollte nicht weiterfragen.
Der Lehrer wandte sich wieder zur Tafel. Der Unterricht ging weiter. Zehn Minuten später übertrug Matthias bereits die Generationenfolge in sein Heft.
Seine Frage blieb unbeantwortet.
Und nach und nach kam sie ihm nicht mehr besonders wichtig vor.
Beim Abendessen fragte die Mutter:
„Was hattet ihr heute in der Schule?“
„Nichts.“
„Großartig. Fünf Stunden herumgesessen und nichts gemacht.“
Matthias aß Kartoffeln.
„Naturkunde.“
„Was habt ihr gelernt?“
„Blutkreislauf.“
Karl lächelte.
„Nützliches Thema.“
„Danach etwas über das Volk.“
Der Vater hob den Blick.
„Und wie hängt das mit dem Blutkreislauf zusammen?“
„Das war eine andere Stunde.“
„Wenigstens das.“
Anna sah ihren Mann an.
„Fang nicht an.“
„Ich mache doch gar nichts.“
Matthias wusste inzwischen, dass ein „Ich mache doch gar nichts“ seines Vaters meistens genau das Gegenteil bedeutete.
Karl fragte:
„Und was habt ihr erfahren?“
„Etwas über Abstammung.“
„Wessen?“
„Von Menschen.“
„Von allen gleichzeitig?“
Matthias seufzte.
„Papa.“
„Ich interessiere mich nur für deine Bildung.“
„Wer zum deutschen Volk gehört.“
Karl legte die Gabel hin.
„Und wer gehört dazu?“
„Deutsche.“
„Hochinteressant.“
Matthias wurde ärgerlich.
„Deutsche nach dem Blut.“
Die Mutter hörte auf zu essen. Karl sah seinen Sohn an. Nicht wütend.
Das war schlimmer.
„Was ist ein Deutscher nach dem Blut?“
„Na …“
Matthias versuchte, sich an Schulzes Formulierung zu erinnern.
„Jemand mit deutschen Vorfahren.“
„Wie vielen?“
„Was wie vielen?“
„Vorfahren.“
„Weiß ich nicht.“
„Einem?“
„Nein.“
„Vieren?“
„Papa, woher soll ich das wissen?“
Karl nickte.
„Eben.“
„Was heißt eben?“
„Nichts.“
„Du machst das immer.“
„Was?“
„Du fragst so lange, bis ich die Antwort nicht mehr weiß.“
„Vielleicht ist es manchmal nützlich, genau bis zu der Stelle zu gehen, an der es keine Antwort mehr gibt.“
Matthias schob den Teller weg.
„Herr Schulze weiß es.“
„Vielleicht.“
„Schon wieder dieses Wort.“
„Ein gutes Wort.“
„Es erklärt nichts.“
„Manchmal ist ein ehrliches vielleicht besser als sicher vorgetragener Unsinn.“
Anna sagte leise:
„Karl.“
Er sah sie an und schwieg. Doch nun wollte Matthias selbst nicht mehr aufhören.
„Ist Herr Levi Deutscher?“
Der Vater drehte sich langsam zu ihm.
„Warum fragst du?“
„Einfach so.“
„Er ist hier geboren.“
„Das weiß ich.“
In Wahrheit hatte Matthias das erst vor kurzem von seinem Vater erfahren, aber darüber wollte er jetzt nicht streiten.
„Sein Vater ist, soweit ich weiß, ebenfalls hier geboren. Und sein Großvater auch.“
„Aber sie sind Juden.“
„Ja.“
„Dann sind sie keine Deutschen.“
Karl sah ihn einige Sekunden an.
„Wer hat dir das gesagt?“
„Das wurde in der Schule erklärt.“
„Warum fragst du dann mich?“
Darauf wusste Matthias nichts zu sagen.
Die Mutter versuchte es noch einmal.
„Können wir bitte einfach in Ruhe essen?“
Doch Karl sah seinen Sohn weiterhin an.
„Hast du jemals mit Herrn Levi gesprochen?“
„Ich habe bei ihm eingekauft.“
„In welcher Sprache?“
Matthias verstand sofort, worauf sein Vater hinauswollte.
„Deutsch.“
„Erstaunlich.“
„Das heißt doch nicht …“
Er brach ab.
„Was heißt es nicht?“
Matthias wurde rot. Er wusste es nicht.
Karl nahm wieder die Gabel.
„Dann sei vorsichtig damit, anderen Leuten zu erklären, wer sie sind.“
„Ich erkläre gar nichts.“
„Noch nicht.“
Das traf ihn.
„Du glaubst, ich bin schlecht?“
Der Vater sah überrascht aus.
„Wie kommst du darauf?“
„Du redest immer so, als wäre alles falsch, was man uns beibringt.“
Karl fuhr sich müde über die Stirn.
„Nein, Matthias. Ich will, dass du dich wenigstens manchmal fragst, warum etwas wahr sein soll, wenn man es dir erklärt.“
„Und wenn es alle wissen?“
„Wer sind alle?“
Schon wieder.
Matthias sprang auf.
„Siehst du! Du machst das absichtlich!“
„Matthias.“
„Was?“
„Setz dich.“
Er setzte sich nicht.
„Ich bin fertig.“
Die Mutter sah streng zu ihm. Karl hielt sie mit einer Handbewegung zurück.
„Lass ihn.“
Matthias ging hinaus. Im Flur hörte er noch die leise Stimme seiner Mutter.
„Er ist ein Kind.“
Der Vater antwortete:
„Eben.“
Matthias hörte nicht weiter zu.
Im Dezember erfuhren sie, dass die Familie Levi tatsächlich versuchte auszureisen.
Die Nachricht kam nicht aus der Schule. Die Mutter brachte sie mit. Anna hatte im Treppenhaus mit Frau Bremer gesprochen und war ungewöhnlich still, als sie in die Wohnung kam. Matthias saß am Tisch und machte Hausaufgaben.
„Was ist?“
„Nichts.“
„Du bist traurig.“
„Red dir nichts ein.“
Sie zog den Mantel aus. Dann sagte sie von selbst:
„Die Levis sammeln ihre Papiere.“
Matthias hob den Kopf.
„Welche?“
„Für die Ausreise.“
„Wohin?“
„Weiß ich nicht.“
„Heinz sagt, nach Amerika.“
Anna sah ihn an.
„Vielleicht.“
Matthias verzog den Mund.
„Du jetzt auch.“
„Was auch?“
„Alle sagen neuerdings vielleicht.“
Sie lächelte nicht.
„Weil sie es wahrscheinlich selbst noch nicht wissen.“
„Warum fahren sie nicht einfach?“
Anna blieb stehen.
„Matthias, ein Mensch packt sein Leben nicht an einem Abend in einen Koffer.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Wenn sie wegwollen …“
„Zuerst muss es einen Ort geben, der dich hineinlässt.“
Darüber hatte Matthias noch nie nachgedacht.
„Wo lässt man sie nicht rein?“
„An vielen Orten.“
„Warum?“
„Weil es so ist.“
„Das ist keine Antwort.“
Die Mutter sah ihn an und sagte plötzlich:
„Siehst du.“
„Was?“
„Dir gefällt es auch nicht, wenn man statt einer Antwort nur weil sagt.“
Sie ging in die Küche.
Matthias blieb über seinem Heft sitzen. Nach einigen Minuten begann er wieder an der Aufgabe zu rechnen.
Doch jetzt stellte er sich einen Koffer vor.
Und fragte sich, wie viele Dinge eine Familie mitnehmen konnte, wenn sie nicht wusste, wohin sie fuhr.
Im Januar traf er David.
Nicht in der Schule. Nicht vor dem ehemaligen Laden. An einem Bahnübergang.
Der Tag war grau und frostig. Am Straßenrand lag alter Schnee, schwarz vom Kohlenstaub. Matthias kam zusammen mit zwei Jungen aus seiner Gruppe vom Dienst zurück, Otto und Walter. Sie stritten darüber, wer im Frühjahr als Erster die Laufprüfung schaffen würde.
Die Schranke senkte sich. In der Ferne kam ein Güterzug.
Auf der anderen Straßenseite standen eine Frau und ein Junge. Die Frau trug zwei schwere Taschen. Der Junge hielt einen kleinen Pappkarton, mit einer Schnur verschnürt.
Matthias sah nur flüchtig hin.
Dann noch einmal.
David.
Er hatte sich nicht sehr verändert. Nur das Gesicht war schmaler geworden. Und sein Mantel wirkte erwachsen, zu breit an den Schultern.
Matthias blieb stehen.
David sah ihn fast im selben Augenblick.
Ein paar Sekunden sahen sie einander nur über die Gleise hinweg an.
Dann hob David die Hand.
Ganz gewöhnlich. Ohne Lächeln. So, wie Menschen grüßen, die sich kennen.
Matthias wollte beinahe automatisch zurückgrüßen. Seine Hand bewegte sich schon ein wenig.
Da fragte Otto:
„Wer ist das?“
Matthias ließ die Hand sinken.
„Niemand.“
Der Zug kam näher.
„Kennst du den?“
„Ein bisschen.“
Walter kniff die Augen zusammen.
„Ist das Levi?“
Matthias sah auf die Schienen.
„Vielleicht.“
Das Wort kam von selbst.
Der Güterzug fuhr zwischen ihnen hindurch. Der Lärm wurde so stark, dass man nicht mehr sprechen konnte. Matthias sah auf die Wagen. Grau. Braun. Wieder grau. Ein offener Flachwagen. Ein Kesselwagen. Noch ein Waggon.
Der Zug war lang.
Das gab Zeit.
Zeit zum Nachdenken. Zeit zu entscheiden, was er tun würde, sobald der Zug vorbei war.
Er hätte einfach sagen können:
Hallo, David.
Mehr nicht.
Zwei Wörter.
Matthias stellte sich schon vor, wie Otto und Walter ihn ansehen würden. Vielleicht würden sie gar nichts sagen. Vielleicht würden sie später Heinz davon erzählen. Vielleicht würden sie lachen.
Unsinn.
Was war denn an einem Gruß? Matthias hatte David früher gekannt. Alle hatten ihn gekannt.
Und trotzdem blieb Matthias' Hand in der Tasche, als der letzte Wagen vorüber war und die Sicht wieder frei wurde.
David winkte nicht mehr.
Neben ihm stand seine Mutter. Matthias erinnerte sich nur undeutlich an sie. Früher hatte sie manchmal im Laden geholfen. Jetzt wirkte sie sehr müde.
Die Schranke ging hoch. Beide Gruppen gingen aufeinander zu.
Matthias sah geradeaus.
Sie kamen beinahe Schulter an Schulter aneinander vorbei.
David sagte nichts.
Matthias auch nicht.
Nach ein paar Metern blickte Walter zurück.
„Wo wollen die hin?“
„Woher soll ich das wissen?“, sagte Otto.
„Schleppen Taschen.“
Matthias wollte sich ebenfalls umdrehen.
Er tat es nicht.
„Vielleicht zum Bahnhof“, sagte Walter.
„Sollen sie.“
Eine Minute später redeten sie wieder über das Laufen. Matthias redete mit. Er lachte sogar über irgendetwas.
Nur ein wenig lauter, als nötig gewesen wäre.
Am Abend dachte er mehrmals an die Begegnung zurück. Jedes Mal erklärte er sich dasselbe.
Er hatte David nichts getan.
Er hatte ihn nicht beleidigt. Nicht geschubst. Nicht beschimpft. Ihn nicht angezeigt. Kein einziges böses Wort gesagt.
Nichts.
Der Gedanke hätte beruhigen müssen.
Tat er aber nicht.
Nach dem Essen wusch Matthias lange seine Hände. Die Mutter sah nach ihm.
„Was machst du da?“
„Hände waschen.“
„Zehn Minuten lang?“
„Die sind schmutzig.“
„Gleich hast du keine Haut mehr.“
Er drehte das Wasser ab und trocknete die Hände. Die Haut war tatsächlich rot.
In der Küche saß sein Vater mit der Zeitung. Matthias ging an ihm vorbei. Dann kam er zurück.
„Papa.“
„Ja?“
„Wenn jemand nichts Schlechtes getan hat …“
Karl senkte die Zeitung.
„Weiter.“
„Aber trotzdem das Gefühl hat, er hätte etwas getan?“
Der Vater sah ihn genauer an.
„Was ist passiert?“
„Nichts.“
„Matthias.“
„Wirklich nichts.“
„Gut. Dann frag.“
Matthias setzte sich ihm gegenüber.
„Wenn man einfach … etwas nicht getan hat.“
Karl wartete.
„Zählt das?“
„Als was?“
„Als etwas Schlechtes.“
Der Vater faltete die Zeitung zusammen.
„Manchmal.“
„Warum?“
„Weil ein Mensch nicht nur für das verantwortlich ist, was er tut.“
Matthias hatte das Gefühl, die Fortsetzung schon zu kennen und sie nicht hören zu wollen.
„Wofür noch?“
„Für das, was er hätte tun können und nicht getan hat.“
„Aber wenn er gar nicht musste?“
„Wer entscheidet, was man muss?“
„Weiß ich nicht.“
„Ich auch nicht immer.“
Matthias fragte gereizt:
„Wie soll man es dann wissen?“
Karl schwieg einen Augenblick.
„Manchmal ganz einfach.“
„Wie?“
„Stell dir vor, du wärst der andere.“
Sofort sah Matthias die Schranke. David. Die erhobene Hand. Dann sich selbst auf der anderen Seite. Und drei Jungen, die einfach durch ihn hindurchsahen.
Er stand auf.
„Ich muss Hausaufgaben machen.“
Der Vater fragte nichts weiter. Er sagte nur:
„Gut.“
Matthias ging hinaus.
An diesem Abend gingen die Hausaufgaben schlecht von der Hand.
In der folgenden Woche ging Matthias absichtlich am Haus der Levis vorbei. Er erklärte sich selbst, der Weg sei kürzer. Das war gelogen.
Das Haus sah gewöhnlich aus. Gardinen in den Fenstern. Eine Pflanze auf dem Fensterbrett. Kein Koffer vor der Tür. Kein Wagen. Keine Abreise.
Matthias war erleichtert.
Also war David noch hier.
Also war noch nichts endgültig geschehen.
Beim nächsten Mal konnte er ihn grüßen.
Auch dieser Gedanke beruhigte ihn.
Man hat immer ein nächstes Mal.
Jedenfalls glaubt man das, bis es eines Tages keines mehr gibt.
Im Februar sprach Krüger wieder über Kameradschaft. Sie saßen im Gruppenraum, weil draußen nasser Schnee fiel. An der Wand hingen eine Fahne, eine Deutschlandkarte und mehrere Fotografien.
„Je älter ihr werdet“, sagte Krüger, „desto besser müsst ihr verstehen: Man kann nicht allen zugleich angehören.“
Matthias hörte zu.
„Ein Mensch hat seine Familie. Seine Kameraden. Sein Volk.“
Krüger ging langsam an der ersten Reihe entlang.
„Treue gibt es gerade deshalb, weil wir zwischen den Eigenen und den Fremden unterscheiden können.“
Heinz nickte, als hätte er eine längst bekannte Wahrheit gehört.
Matthias dachte kurz an David.
„Ist ein Fremder dann ein Feind?“, fragte jemand.
Krüger blieb stehen.
„Nicht unbedingt.“
Die Antwort überraschte Matthias.
„Was dann?“
„Jemand, der nicht zu deinem Kreis der Pflicht gehört.“
Krüger sprach ruhig.
„Du kannst nicht für alle Menschen auf der Welt gleichermaßen verantwortlich sein. Das klingt schön, aber so funktioniert das Leben nicht. Zuerst bist du für die Deinen verantwortlich.“
Matthias gefiel die Antwort. Sie klang vernünftig. Wenn die Mutter krank wurde, half man natürlich der Mutter und nicht irgendeiner fremden Frau. Wenn ein Kamerad auf einer Wanderung müde wurde, stützte man den Kameraden.
Das war verständlich.
Er versuchte, dieselbe Logik auf David anzuwenden.
Es gelang.
Nicht vollkommen.
Aber ausreichend.
David war einfach keiner von den Eigenen.
Die Worte waren bequem.
Zu bequem.
Nach dem Treffen fühlte Matthias sich leichter.
Im März war die Familie Levi noch immer nicht fort.
Matthias erfuhr es von seiner Mutter.
„Hat man sie nicht reingelassen?“, fragte er.
Anna sah ihn scharf an.
„Woher hast du diese Formulierung?“
„Du hast doch selbst gesagt, man müsse erst irgendwo hineingelassen werden.“
Sie seufzte.
„Irgendwelche Papiere fehlen noch. Dann gab es wohl einen Platz, dann hat sich wieder etwas geändert.“
„Wohin wollen sie?“
„Vielleicht über Verwandte weiter.“
„Wohin weiter?“
„Ich weiß es nicht, Matthias.“
„Amerika?“
„Kann sein.“
Er schwieg kurz.
„Und wenn sie nirgendwo hineingelassen werden?“
Die Mutter antwortete nicht sofort.
„Dann bleiben sie.“
„Hier?“
„Wo sonst?“
Das erschien ihm selbstverständlich. Deutschland war ihr Zuhause.
Matthias hätte es beinahe laut gesagt.
Dann erinnerte er sich an Herrn Schulzes Unterricht.
Und schwieg.
Erichs Brief kam Ende März. Seine Einheit befand sich inzwischen im Westen Deutschlands, nicht weit von der französischen Grenze. Einen Ortsnamen nannte er nicht.
Wir stehen herum und warten, schrieb er. Das scheint überhaupt die wichtigste militärische Beschäftigung zu sein: auf etwas zu warten, das dir niemand erklärt. Alle tun so, als wüssten sie, was morgen passiert. In Wirklichkeit weiß es keiner.
Karl grinste, als er die Stelle las.
„Hat er es gelernt.“
Anna fragte:
„Was?“
„Leuten nicht zu glauben, die zu genau wissen, was morgen passiert.“
Matthias hörte weiter zu. Für ihn hatte Erich noch etwas hinzugefügt:
Beeil dich nicht zu sehr mit dem Erwachsenwerden. Hier sind genug Männer, die ihre halbe Jugend darauf gewartet haben, dass man ihnen endlich eine richtige Männeraufgabe gibt. Jetzt wollen sie vor allem eines: nach Hause.
Matthias las die Zeilen zweimal.
Sie gefielen ihm nicht.
„Er schon wieder.“
„Was?“, fragte die Mutter.
„Nichts.“
„Warum machst du dann so ein Gesicht?“
Matthias gab ihr den Brief.
„Er schreibt wie ein alter Mann.“
Karl sah seinen Sohn an.
„Manche Dinge machen schnell alt.“
„Er war doch noch gar nicht im Kampf.“
Der Vater schwieg lange.
„Glaubst du, nur der Kampf verändert einen Menschen?“
„Was sonst?“
Karl blickte zu Anna. Dann wieder zum Sohn.
„Warten auch.“
Matthias glaubte ihm nicht.
Wie konnte Warten schlimmer sein als ein Ereignis? Er selbst wartete ständig. Auf den nächsten Dienst. Auf Erichs Briefe. Darauf, älter zu werden. Darauf, was im Krieg als Nächstes geschah.
Warten hatte sogar etwas Schönes.
Es versprach, dass vor einem noch etwas Wichtiges lag.
Anfang April ging Matthias wieder am Haus der Levis vorbei. Die Fenster waren geschlossen. Die Pflanze auf dem Fensterbrett war verschwunden.
Er blieb stehen.
Vielleicht waren sie nun doch fort.
Etwas zog sich unangenehm in seiner Brust zusammen.
Da öffnete sich die Haustür. Herr Levi kam heraus. Er trug eine Mappe mit Papieren unter dem Arm.
Er sah Matthias.
Blieb stehen.
Matthias ebenfalls.
Ein paar Sekunden sagte keiner etwas.
Dann sagte Herr Levi:
„Guten Tag, Matthias.“
Nicht Roth. Nicht Junge. Sein Vorname. So wie früher im Laden.
Matthias spürte, wie ihm das Gesicht heiß wurde.
„Guten Tag.“
Nur zwei Wörter. Leise ausgesprochen.
Herr Levi nickte und ging weiter.
Matthias blieb stehen.
Merkwürdig.
Nichts war geschehen.
Niemand hatte geschrien. Niemand hatte es gesehen. Die Welt hatte sich nicht verändert. Er hatte lediglich einen Menschen gegrüßt, den er kannte.
Und gerade deshalb fühlte es sich noch schlimmer an.
Denn nun wusste er ganz genau, wie leicht er am Bahnübergang dasselbe hätte tun können.
Matthias ging nach Hause.
Er versuchte nicht mehr, sich einzureden, damals sei nichts geschehen.
Es war etwas geschehen.
Etwas ganz Kleines.
So klein, dass kein Erwachsener es in eine Chronik des Krieges geschrieben hätte. Kein Befehl. Keine Verhaftung. Kein Blut.
Ein Junge sah einen anderen Jungen.
Der eine hob die Hand.
Und der andere beschloss, nicht zurückzugrüßen.
Mehr war es nicht.
Und doch entstand die neue Ordnung des Lebens allmählich gerade aus solchen winzigen Entscheidungen.
Zuerst verschwand ein Name von einem Ladenschild.
Dann ein Platz im Klassenzimmer.
Dann ein Gruß auf der Straße.
Und erst sehr viel später begannen die Menschen selbst zu verschwinden.
Im Frühjahr 1940 wusste Matthias Roth das noch nicht.
Die Levis lebten noch immer nur ein paar Straßen entfernt. David ging noch immer durch dieselben Straßen. Es gab noch die Möglichkeit, sich zu begegnen. Zu reden. Zu grüßen. Zu fragen, wohin sie eigentlich fortwollten.
Diese Möglichkeit bestand noch.
Aber der Abstand zwischen den beiden Jungen war längst sehr viel größer geworden als die paar Meter, die sie am Bahnübergang getrennt hatten.
Kapitel 7. Die richtigen Worte
Seinen ersten Aufsatz schrieb Matthias fast ohne Korrekturen.
Das Thema stand seit dem Morgen an der Tafel:
Was schulde ich meinem Volk?
Herr Schulze zog mit Kreide einen Kreis um die Frage und trat einen Schritt zurück.
„Lasst euch Zeit. Ich will nicht drei gleiche Sätze lesen, die ihr aus dem Lehrbuch abgeschrieben habt. Denkt nach.“
Matthias schlug sein Heft auf. Im Klassenzimmer kratzten die Federn über das Papier. Einige begannen sofort zu schreiben. Kurt kaute lange auf dem Ende seines Füllhalters herum. Heinz saß mit gerunzelter Stirn da, als müsse er eine besonders schwierige Rechenaufgabe lösen.
Auch Matthias schrieb zunächst nichts. Er sah auf die Frage.
Was schulde ich meinem Volk?
Es gab viele Antworten. Gehorchen. Lernen. Stark sein. Nicht jammern. Den Kameraden helfen. Deutschland keine Schande machen. Dienen. Wenn die Zeit gekommen war: verteidigen.
All diese Gedanken fühlten sich an wie seine eigenen. Matthias erinnerte sich nicht mehr daran, wo er jeden einzelnen zum ersten Mal gehört hatte. In der Schule? Beim Dienst? Im Radio? Von Krüger? Auf einem Plakat?
Es spielte keine Rolle mehr.
Die Wörter waren längst in ihm und warteten nur darauf, gebraucht zu werden.
Er schrieb die erste Zeile. Dann die zweite. Nach wenigen Minuten fand seine Hand von selbst die Fortsetzung.
„Der Mensch wird nicht nur für sich selbst geboren. Jeder Deutsche ist Teil eines großen Volkes und erhält von ihm Sprache, Heimat, Schutz und Zukunft. Deshalb muss er bereit sein, das Gemeinsame über das Persönliche zu stellen.“
Matthias las die Sätze noch einmal.
Gut.
Er schrieb weiter. Über Disziplin. Arbeit. Kameradschaft. Treue. Darüber, dass ein Staat stark werde, wenn jeder seine Aufgabe erfüllte.
Der letzte Satz gefiel ihm besonders:
„Wenn jeder nur an sich selbst denkt, wird ein Volk schwach. Wenn alle einem gemeinsamen Ziel dienen, kann ein Volk nicht besiegt werden.“
Er setzte einen Punkt und sah zur Uhr.
Noch zwanzig Minuten bis zum Ende der Stunde.
Matthias war überrascht. Normalerweise quälte er sich viel länger mit Aufsätzen. Er las alles noch einmal durch, änderte ein Wort und betrachtete dann erneut den letzten Satz.
Er klang schön.
Sicher.
Und vor allem richtig.
Von der Nachbarbank flüsterte Heinz:
„Schon fertig?“
Matthias nickte.
„Zeig mal.“
„Darf man nicht.“
„Nachher.“
„Mal sehen.“
Herr Schulze hob den Kopf.
„Weber.“
Heinz beugte sich sofort tief über sein Heft. Matthias konnte sich ein Grinsen gerade noch verkneifen.
Zwei Tage später gab Herr Schulze die Arbeiten zurück. Am Rand standen Korrekturen in roter Tinte. Bei Matthias waren es nur wenige. Unten hatte der Lehrer geschrieben:
Sehr gut. Klar und reif formuliert.
Matthias las den Satz mehrmals.
Reif.
Das Wort gefiel ihm noch besser als die Bewertung. Er schob Heinz sein Heft hin.
„Sieh.“
Heinz las die Bemerkung.
„Na und?“
„Was hast du?“
„Auch gut.“
„Zeig.“
„Keine Lust.“
„Dann war es schlechter.“
„Gar nicht.“
Matthias wollte nach dem Heft greifen, Heinz stieß seine Hand weg. Beinahe fingen sie noch an, sich direkt an der Bank darum zu balgen.
„Roth! Weber!“
Beide saßen augenblicklich still.
Herr Schulze wartete einen Moment.
„Wenn ihr überschüssige Energie habt, finden wir nach dem Unterricht eine Verwendung dafür.“
Danach stritten sie nicht mehr.
Am Ende der Stunde sagte der Lehrer überraschend:
„Einige Aufsätze möchte ich euch vorlesen.“
Matthias hatte sofort das Gefühl, dass seiner dazugehören würde.
Und tatsächlich.
„Roth.“
In seiner Brust wurde es warm.
Herr Schulze nahm Matthias' Heft. Matthias saß ganz gerade. Der Lehrer begann zu lesen.
Am Anfang war es angenehm. Dann wurde es peinlich. Die eigenen Sätze klangen aus dem Mund eines Erwachsenen vor der ganzen Klasse viel ernster, als sie auf Papier gewirkt hatten.
Als Herr Schulze las: „Der Mensch wird nicht nur für sich selbst geboren“, hörte irgendwo hinten jemand auf, mit Papier zu rascheln.
Bei dem Satz „Wenn alle einem gemeinsamen Ziel dienen, kann ein Volk nicht besiegt werden“ machte der Lehrer eine kleine Pause.
„Seht ihr.“
Er hob den Blick.
„Ein guter Gedanke.“
Matthias wurde rot.
„Gerade die Einheit unterscheidet ein starkes Volk von einer schwachen Menge.“
Der Lehrer legte das Heft hin.
„Roth hat verstanden, worauf es ankommt.“
Matthias fühlte sich größer. Nicht körperlich. Als hätte er innen ein paar Zentimeter gewonnen.
Nach dem Unterricht sagte Kurt:
„Liebling.“
„Hättest du eben selbst so schreiben sollen.“
„Hab ich.“
„Warum hat Schulze deinen dann nicht vorgelesen?“
„Weil er dich mag.“
Matthias wollte scharf antworten, ließ es aber bleiben. Das Lob war zu schön, um es mit einem Streit zu verderben. Er packte das Heft in den Ranzen.
Am Abend würde er es unbedingt dem Vater zeigen.
Karl las den Aufsatz zweimal. Das erste Mal schnell. Das zweite Mal langsamer. Matthias stand neben ihm. Die Mutter kochte Abendessen. Wasser brodelte auf dem Herd. Draußen regnete es.
„Und?“, fragte Matthias.
Sein Vater sah noch einmal auf Herrn Schulzes Bemerkung.
„Du schreibst ordentlich.“
„Ich meine nicht die Fehler.“
„Was dann?“
„Den Aufsatz.“
Karl legte das Heft auf den Tisch.
„Gut geschrieben.“
Matthias wartete. Der Vater schwieg.
„Und sonst?“
„Was möchtest du denn?“
„Weiß ich nicht.“
„Dann wird das Raten schwierig.“
Matthias wurde ärgerlich.
„Herr Schulze hat ihn vor der ganzen Klasse vorgelesen.“
„Das ist schön.“
„Er hat gesagt, ich hätte das Wichtigste verstanden.“
Karl sah wieder auf das Heft.
„Das ist interessanter.“
„Was?“
„Das Wichtigste.“
„Na ja.“
„Was ist das Wichtigste?“
Matthias seufzte.
„Steht doch da.“
„Ich habe es gelesen.“
„Einheit.“
„Gut.“
Karl schob das Heft näher zu seinem Sohn.
„Und wenn alle gemeinsam in die falsche Richtung gehen?“
Matthias spannte sich sofort an. Er wusste, dass das Gespräch verdorben war.
„Schon wieder.“
„Was schon wieder?“
„Warum suchst du immer etwas, das falsch sein könnte?“
„Ich habe nur gefragt.“
„Niemand geht irgendwo falsch hin.“
„Ist das eine Antwort?“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil …“
Matthias brach ab. Karl wartete.
Die Mutter legte den Kochlöffel hin.
„Karl, der Junge wollte dir nur seinen Aufsatz zeigen.“
„Ich weiß.“
„Dann sag ihm, dass er gut ist.“
„Das habe ich.“
„Nein. Du hast daraus eine Prüfung gemacht.“
Der Vater seufzte.
„Gut.“
Er sah Matthias an.
„Der Aufsatz ist wirklich gut. Formal.“
Matthias hörte sofort die Falle.
„Und was ist schlecht daran?“
„Ich habe nicht gesagt, dass er schlecht ist.“
„Aber gedacht.“
„Matthias.“
Karl tippte mit dem Finger auf eine Zeile.
„Wenn alle einem gemeinsamen Ziel dienen, kann ein Volk nicht besiegt werden.“
„Ja.“
„Hast du dir das selbst ausgedacht?“
„Ja.“
Die Antwort kam zu schnell.
Der Vater sagte nichts. Matthias spürte ein unangenehmes Zögern in sich.
„Na ja … ich habe es selbst geschrieben.“
„Danach habe ich nicht gefragt.“
„Wonach dann?“
„Woher der Gedanke kommt.“
„Aus meinem Kopf.“
„Gut.“
Karl nickte.
„Warum genau dieser?“
Matthias wurde inzwischen richtig wütend.
„Weil er stimmt.“
„Woher weißt du das?“
„Das weiß jeder.“
Der Vater schloss für einen Augenblick die Augen. Dann öffnete er sie wieder.
„Schon wieder jeder.“
„Was ist daran falsch?“
„Nichts.“
„Warum hakst du dann dauernd nach?“
Karl schwieg.
„Weil ich in dir langsam nicht mehr dich höre.“
Matthias verstand nicht.
„Was?“
„Ist nicht wichtig.“
„Doch. Sag es.“
„Später.“
„Warum später?“
„Weil du jetzt nur beleidigt sein wirst.“
„Bin ich schon.“
Die Mutter drehte sich vom Herd um.
„Schluss. Es reicht.“
Aber Matthias wollte jetzt nicht aufhören.
„Wessen Stimme hörst du?“
Karl sah ihn müde an.
„Das Radio.“
Matthias wurde rot.
„Ich habe nichts aus dem Radio abgeschrieben!“
„Das weiß ich.“
„Und von Schulze auch nicht!“
„Vielleicht.“
„Du hältst alle für dumm!“
„Ich halte niemanden für dumm.“
„Was dann?“
Der Vater beugte sich etwas vor.
„Ich sage nur eines: Wenn ein Mensch denselben Satz hundertmal hört, kann er ihm beim hundertundersten Mal wie ein eigener Gedanke vorkommen.“
Matthias erstarrte.
„Na und?“
„Nichts. Manchmal sollte man es nur überprüfen.“
„Wie?“
„Frag dich: Wenn niemand vor mir diese Worte gesagt hätte – wäre ich selbst auf diesen Gedanken gekommen?“
In der Küche wurde es still.
Matthias sah auf seinen Aufsatz. Die Sätze standen sauber auf dem Papier. Vor ein paar Minuten waren sie ihm noch stark vorgekommen. Nun hatte der Vater sie ihm irgendwie verdorben.
„Du glaubst, ich habe keine eigenen Gedanken.“
„Nein.“
„Doch.“
„Matthias …“
„Du glaubst, ich wiederhole nur!“
„Manchmal.“
Die Antwort kam ruhig. Gerade deshalb traf sie härter.
Matthias riss das Heft an sich.
„Herr Schulze sagt, ich hätte reif geschrieben.“
Karl nickte.
„Vielleicht macht mir genau das Sorgen.“
Matthias ging hinaus. Diesmal schlug er die Tür hinter sich zu.
In seinem Zimmer warf er das Heft auf den Tisch. Dann hob er es sofort wieder auf. Zum Kaputtmachen war es ihm zu schade.
Er las den Aufsatz noch einmal und versuchte herauszufinden, woher einzelne Formulierungen kamen.
Das Gemeinsame über das Persönliche. Krüger hatte so etwas gesagt. Oder Schulze.
Der Mensch ist Teil des Volkes. Das stand im Lehrbuch.
Einheit macht uns stark. Das sagte ständig jemand.
Aber was änderte das?
Wenn kluge Leute einen richtigen Gedanken schon formuliert hatten, warum sollte man ihm nicht zustimmen? Man musste ja auch nicht die Mathematik neu erfinden, um zu wissen, dass zweimal zwei vier war.
Matthias gefiel der Vergleich. Einen Augenblick lang wollte er zu seinem Vater gehen und ihn damit überzeugen. Dann ließ er es bleiben.
Sollte Karl doch selbst darauf kommen.
Einige Tage später verkündete Krüger beim Dienst, dass Matthias beim nächsten Ausflug eine kleine Gruppe der Jüngeren führen sollte.
Das war sehr viel wichtiger als irgendein Aufsatz.
„Ich?“
Krüger sah ihn an.
„Fängst du schon wieder an?“
Matthias grinste.
„Nein.“
„Sechs Jungen.“
Krüger nannte die Namen. Zwei davon waren fast ein Jahr jünger als Matthias.
„Du achtest auf die Reihe, kontrollierst die Ausrüstung und meldest mir, wenn etwas nicht stimmt.“
„Verstanden.“
„Und noch etwas.“
Krüger zog leicht die Stirn zusammen.
„Spiel nicht den Feldmarschall.“
Heinz lachte. Matthias stieß ihn mit dem Ellenbogen.
„Hast du gehört?“, fuhr Krüger fort. „Führen heißt nicht, am lautesten zu brüllen.“
„Ja.“
„Wir werden sehen.“
Matthias ging nach dem Dienst in bester Stimmung nach Hause. Nun vertraute man ihm wirklich etwas an. Nicht nur für ein paar Minuten vorne in einer Reihe stehen. Sechs Jungen. Eine kleine Gruppe, ja. Aber seine.
Zu Hause erzählte er es sofort. Seine Mutter freute sich.
„Dann machst du deine Sache wohl gut.“
„Krüger hat mich selbst ausgesucht.“
„Glückwunsch.“
Karl nickte ebenfalls.
„Das kann eine nützliche Erfahrung sein.“
Matthias war überrascht.
„Findest du?“
„Warum nicht?“
„Keine Ahnung.“
„Menschen zu führen kann nützlich sein.“
Matthias sah ihn misstrauisch an.
„Kommt jetzt ein Aber?“
Karl lächelte.
„Ja.“
„Wusste ich es doch.“
„Besonders nützlich ist es zu begreifen, dass sie dadurch nicht dein Eigentum werden.“
Matthias verdrehte die Augen.
„Papa.“
„Schon gut. Ich schweige.“
Vor dem Ausflug kontrollierte Matthias die Jungen mit einem Eifer, als hinge das Schicksal Deutschlands von ihren Rucksäcken ab. Bei Wilhelm war ein Riemen falsch eingestellt.
„Mach ihn neu.“
„Der ist doch in Ordnung.“
„Mach ihn neu.“
„Warum?“
Matthias wollte schon sagen: Weil ich es sage.
Der Satz lag ihm bereits auf der Zunge.
Dann erinnerte er sich an Krüger.
„Weil er dir sonst die Schulter wundscheuert.“
Wilhelm sah hin und änderte den Riemen.
Franz hatte seine Feldflasche vergessen.
„Wo ist sie?“
„Vergessen.“
„Wie kann man so etwas vergessen?“
„Einfach.“
„Lauf zurück.“
„Dann komme ich zu spät.“
Matthias fühlte sich bedeutend.
„Dann bleibst du hier.“
Franz wurde blass.
„Aber …“
Krüger stand in der Nähe und hörte alles. Er griff nicht ein.
Matthias sah den Jungen an. Bis zum Antreten waren noch zehn Minuten. Franz wohnte nicht weit weg.
„Lauf. Wenn du in zehn Minuten nicht zurück bist, gehen wir ohne dich.“
Franz rannte los. Nach sieben Minuten war er wieder da, außer Atem, aber mit Feldflasche.
Matthias war zufrieden mit sich.
Während des Marsches lief alles gut. Die Gruppe blieb zusammen. An einem Anstieg fiel der kleine Rudi zurück. Matthias ließ die anderen halten.
„Schneller!“
Rudi versuchte sein Tempo zu erhöhen und stolperte. Matthias wollte ihn schon tadeln. Dann sah er das Gesicht des Jungen.
Er war wirklich erschöpft.
„Ist der Rucksack zu schwer?“
„Geht schon.“
„Gib her.“
„Musst du nicht.“
„Gib ihn.“
Matthias nahm ihm einen Teil der Sachen ab.
Heinz, der mit einer anderen Gruppe neben ihnen lief, sah es.
„Der Anführer macht jetzt den Gepäckträger?“
Matthias wollte zurückfahren. Doch Krüger, der weiter vorn ging, sagte:
„Manchmal besteht Führen genau darin.“
Heinz schwieg.
Matthias merkte sich den Satz.
Am Abend zog Krüger Bilanz.
„Roth.“
„Ja.“
„Nicht schlecht.“
Schon wieder dieses Wort. Matthias kannte inzwischen seinen Wert.
„Aber.“
„Was?“
„Du magst es ein bisschen zu sehr, wenn man dir gehorcht.“
Die Jungen in der Nähe lachten. Matthias wurde rot.
„Was ist daran schlecht?“
Krüger grinste.
„Nichts, solange sie dir gehorchen, weil du recht hast.“
Er machte eine Pause.
„Schlecht wird es, wenn du irgendwann glaubst, du hättest recht, weil sie dir gehorchen.“
Matthias verstand den Satz nicht sofort. Krüger war bereits beim nächsten Jungen.
Der Gedanke blieb zurück.
Er klang nach etwas, das sein Vater hätte sagen können.
Das ärgerte Matthias ein wenig.
Der Frühling rückte näher. An der Westfront geschah noch immer fast nichts. Die Zeitungen schrieben. Das Radio redete. Die Soldaten warteten.
Erich schrieb seltener.
In einem Brief berichtete er, er habe inzwischen gelernt, beinahe überall zu schlafen. Auf einer Bank. Auf dem Fußboden. In einem Lastwagen. Einmal sei er während einer politischen Belehrung eingeschlafen und habe danach noch eine zweite anhören dürfen – diesmal ganz für ihn allein.
Matthias lachte. Karl ebenfalls.
„Das ist wirklich ein Talent.“
Dann schrieb Erich:
Man erklärt uns sehr ausführlich, warum dieser Krieg notwendig ist. Merkwürdig ist nur: Je länger wir warten, desto öfter muss man es uns erklären.
Karl hörte auf zu lächeln.
Anna fragte:
„Was meint er damit?“
„Genau das, was er geschrieben hat.“
Matthias las den Satz noch einmal.
„Soldaten müssen doch wissen, wofür sie kämpfen.“
Der Vater sah ihn an.
„Natürlich.“
„Was?“
„Nichts.“
„Du fängst schon wieder an.“
„Ich sage kein Wort.“
Matthias gab den Brief gereizt zurück. Er hatte diesen Blick seines Vaters satt. Manchmal musste Karl gar nichts sagen. Es genügte, wenn er einen ansah, und schon begann ein sicherer Gedanke zu wackeln.
In der Schule wurde unterdessen eine feierliche Veranstaltung vorbereitet. Einige Schüler sollten auftreten. Herr Schulze wählte Matthias aus.
„Du liest einen kurzen Text über die Jugend.“
„Soll ich ihn schreiben?“
„Nein. Hier.“
Er reichte ihm ein Blatt. Matthias las. Weniger als eine Seite. Über Deutschland. Über die Pflicht der neuen Generation. Über Dankbarkeit gegenüber den Soldaten. Über die Bereitschaft, ihr Werk fortzuführen.
Der letzte Satz klang besonders gut:
„Wir sind noch jung, aber wir wissen schon, wem unser Leben gehört.“
Matthias las ihn noch einmal.
„Gut.“
„Lern ihn.“
„Ganz?“
„Ganz.“
„Ich könnte es auch mit eigenen Worten sagen.“
Schulze sah ihn an.
„Wozu?“
Matthias wusste keine Antwort.
„So ist es genauer formuliert.“
„Gut.“
Er nahm das Blatt mit nach Hause. Am Abend lernte er. Die Sätze gingen leicht ins Gedächtnis. Sie hatten Rhythmus. Jeder schien schon zu wissen, an welcher Stelle er stehen musste.
Die Mutter hörte zu, während sie Kartoffeln schälte.
„Lauter.“
Matthias begann von vorn.
„Wir, die deutsche Jugend …“
Er sprach. Die Mutter schwieg. Der Vater kam herein und blieb in der Tür stehen. Matthias sah ihn, fuhr aber fort.
„… wissen, dass Freiheit und Zukunft unseres Volkes von jedem die Bereitschaft zu Dienst und Opfer verlangen …“
Karl zog den Mantel aus.
„… wir sind noch jung, aber wir wissen schon, wem unser Leben gehört.“
Matthias endete.
Anna sagte:
„Du liest gut.“
Karl hing seinen Mantel auf.
Nichts.
Matthias fragte selbst:
„Und?“
„Was?“
„Hat es dir gefallen?“
„Du hast es gut gelernt.“
„Das meine ich nicht.“
Karl sah auf das Blatt.
„Wer hat das geschrieben?“
„Weiß ich nicht.“
„Genau das interessiert mich.“
„Wieso?“
„Weil dieser Mensch offenbar schon entschieden hat, wem dein Leben gehört.“
In Matthias flammte alles auf.
„Papa!“
Anna sagte scharf:
„Karl, jetzt reicht es.“
Er bereute es bereits. Das war ihm anzusehen.
„Ich wollte dir den Auftritt nicht verderben.“
„Hast du aber.“
Matthias riss das Blatt an sich.
„Du machst immer alles kaputt!“
„Vielleicht.“
„Und schon wieder dieses Wort!“
Er rannte in sein Zimmer. Diesmal schlug die Tür so hart zu, dass das Glas klirrte.
Matthias saß lange auf dem Bett. Das Blatt lag in seiner Hand.
Wem unser Leben gehört.
Vor wenigen Minuten war der Satz noch kraftvoll gewesen. Jetzt klang er tatsächlich merkwürdig.
Wem?
Deutschland. Dem Volk. Dem Führer.
Das war doch die offensichtliche Antwort.
Aber sein Vater fragte anders. Als würde er jedes Wort auseinandernehmen und nachsehen, was darin steckte.
Matthias hasste das.
Wörter waren nützlich, solange sie ganz blieben. Wenn man eine Uhr auseinandernahm, zeigte sie keine Zeit mehr. Wenn man ein Gewehr zerlegte und nicht wieder zusammensetzte, konnte es nicht schießen.
Vielleicht war es mit Gedanken genauso.
Man konnte nicht alles endlos zerlegen.
Manches musste man einfach annehmen.
Er sagte leise:
„Wir sind noch jung, aber wir wissen schon, wem unser Leben gehört.“
Im leeren Zimmer klang der Satz leiser.
Matthias wiederholte ihn. Lauter. Besser.
Beim dritten Mal war das unangenehme Gefühl verschwunden.
Bei der Veranstaltung waren viele Menschen. Eltern. Lehrer. Parteivertreter. Jugendführer. Auf der Bühne hingen Fahnen. Matthias stand hinter dem Vorhang und wartete.
Vor ihm sprach ein älterer Schüler. Über die Soldaten. Applaus.
Dann wurde Matthias aufgerufen.
Er trat hinaus. Das Licht blendete. In den ersten Sekunden sah er keine Gesichter, nur den dunklen Saal. Dann erkannte er die ersten Reihen. Seine Mutter. Seinen Vater. Krüger. Herrn Schulze.
Matthias begann.
Die Stimme zitterte zuerst, dann wurde sie fest. Er kannte den Text genau. Die Sätze stellten sich einer nach dem anderen an ihren Platz. Jugend. Pflicht. Zukunft. Treue.
Als er von Opferbereitschaft sprach, nickte jemand im Saal.
Matthias sah es und sprach sicherer.
Schließlich:
„Wir sind noch jung, aber wir wissen schon, wem unser Leben gehört.“
Applaus.
Kräftig.
Matthias blieb eine Sekunde stehen und verbeugte sich dann, wie man es ihm gezeigt hatte. Hinter dem Vorhang schlug sein Herz schnell.
Krüger wartete auf ihn.
„Gut.“
„Danke.“
„Kein einziges Wort verschluckt.“
Das war Lob.
Auch Herr Schulze gab ihm die Hand.
„Siehst du, Roth. Wenn ein Mensch versteht, was er sagt, hören die Leute ihm zu.“
Der Satz gefiel Matthias.
Er glaubte augenblicklich, dass er tatsächlich verstanden hatte.
Nach der Veranstaltung umarmte ihn die Mutter.
„Gut gemacht.“
„Ich habe mich kein einziges Mal versprochen.“
„Ich habe es gehört.“
„Auch in der Mitte nicht.“
„Auch das habe ich gehört.“
Karl stand daneben. Matthias wartete.
Der Vater sagte:
„Du hast gut gesprochen.“
„Wirklich?“
„Wirklich.“
„Und der Text?“
Eine kleine Pause.
„Heute fange ich nicht damit an.“
Matthias musste plötzlich lachen. Karl ebenfalls. Die Spannung verschwand.
Sie gingen nach Hause. Draußen war es kühl. Die Menschen liefen in kleinen Gruppen auseinander und redeten über die Auftritte. Anna ging ein Stück vor ihnen. Matthias lief neben seinem Vater.
Einige Minuten schwiegen sie.
Dann fragte Karl:
„Hat es dir gefallen?“
„Was?“
„Dass sie geklatscht haben.“
„Ja.“
„Natürlich.“
„Und?“
„Nichts.“
Matthias wartete schon auf die nächste Frage. Aber sein Vater sagte nichts mehr. Das überraschte ihn.
„Du wolltest doch noch etwas sagen.“
„Wollte ich.“
„Und?“
Karl sah seinen Sohn an.
„Darauf kommst du irgendwann selbst.“
„Schon wieder ein Rätsel.“
„Genau.“
Sie gingen weiter.
Matthias fragte trotzdem:
„Hat es dir nie gefallen, wenn Leute dir Beifall gegeben haben?“
Karl dachte nach.
„Doch.“
„Warum dann?“
„Weil man Applaus sehr leicht mit einem Beweis dafür verwechselt, dass man recht hat.“
Matthias schwieg.
„Wenn tausend Menschen klatschen“, fuhr sein Vater fort, „dann bedeutet das zunächst nur, dass tausend Menschen gern gehört haben, was du gesagt hast.“
„Und wenn sie alle zustimmen?“
„Dann bedeutet es zusätzlich, dass sie zustimmen.“
„Und sonst nichts?“
„Sonst nichts.“
Matthias schnaubte unzufrieden.
„Nach dir kann man überhaupt nichts sicher wissen.“
„Manches schon.“
„Was?“
Der Vater lächelte.
„Zum Beispiel, dass deine Mutter sich jetzt umdrehen und sagen wird, wir sollen nicht so trödeln.“
Vorn drehte Anna sich tatsächlich um.
„Seid ihr da hinten eingeschlafen?“
Matthias lachte.
Karl auch.
Ein paar Tage später geschah etwas, an das Matthias sich zunächst kaum erinnerte.
In der Pause standen die Jungen am Fenster. Sie redeten über den Krieg. Wie immer.
Heinz sagte, sein Vater sei sicher, Frankreich werde nicht lange durchhalten. Kurt stimmte zu.
Fritz sagte:
„Und wenn doch?“
Heinz lachte.
„Wird es nicht.“
„Woher weißt du das?“
„Das weiß jeder.“
Matthias sagte beinahe automatisch:
„Die Einheit unseres Volkes und die Überlegenheit unserer Armee lassen ihnen keine Chance.“
Der Satz kam glatt heraus.
Sehr glatt.
Die Jungen wunderten sich nicht einmal. Kurt nickte.
„Genau.“
Fritz zuckte mit den Schultern.
„Werden wir sehen.“
Das Gespräch ging weiter. Wenige Minuten später klingelte es. Matthias war schon im Klassenzimmer, als er plötzlich stehen blieb.
Die Einheit unseres Volkes und die Überlegenheit unserer Armee lassen ihnen keine Chance.
Wo hatte er das gehört?
In der Zeitung? Im Radio? Bei Schulze?
Er wusste es nicht genau.
Vielleicht nirgendwo in genau dieser Form. Vielleicht hatte er die Wörter selbst zusammengesetzt.
Er setzte sich, schlug das Buch auf, aber der Satz ließ ihn nicht los.
Sein Vater hatte gesagt: Wenn du etwas hundertmal hörst …
Matthias wurde wütend.
Auf sich. Auf den Vater. Auf die ganze Frage.
Was machte es für einen Unterschied, woher ein Gedanke kam, wenn er richtig war?
Er zwang sich zu lesen.
An diesem Abend wurde im Radio wieder eine Rede übertragen. Die Familie saß im Wohnzimmer. Die Stimme füllte den Raum. Sie sprach von Deutschlands Feinden. Von der Notwendigkeit, zusammenzustehen. Von der Jugend. Vom Opfer. Vom Schicksal.
Matthias hörte zu.
Einige Sätze kamen ihm bekannt vor. Nicht weil er sie schon einmal genau so gehört hatte, sondern weil er das nächste Wort vorauswissen konnte.
Nach Volk kam fast zwangsläufig Einheit.
Nach Soldat: Pflicht.
Nach Jugend: Zukunft.
Nach Führer: Treue.
Matthias ertappte sich dabei.
Das Wort war noch nicht gefallen, und er wusste es schon.
Es war fast wie bei einem Lied. Kennt man die Melodie, muss man nicht mehr überlegen, welcher Ton als Nächstes kommt.
Karl saß im Sessel. Matthias sah zu ihm. Der Vater hörte ebenfalls zu. Sein Gesicht zeigte nichts.
Matthias wandte sich wieder dem Radio zu.
Die Stimme sagte:
„Deutschland erwartet von jedem …“
Matthias beendete den Satz lautlos:
… die Erfüllung seiner Pflicht.
Genau so kam es.
Für einen Augenblick spürte er einen merkwürdigen Schauder.
Dann war er beinahe zufrieden.
Er hatte richtig geraten.
Anfang Mai schrieb Erich nur einen kurzen Satz:
Es sieht so aus, als müssten wir nicht mehr lange warten.
Mehr nicht. Keine Erklärung.
Karl las den Brief und legte ihn hin.
Anna fragte:
„Was bedeutet das?“
„Genau das.“
„Werden sie verlegt?“
„Vielleicht.“
Matthias merkte gar nicht, wie er sagte:
„Deutschland muss zu Ende bringen, was es angefangen hat.“
Der Vater drehte langsam den Kopf.
„Was?“
Matthias wiederholte es. Diesmal weniger sicher.
„Der Krieg muss beendet werden.“
„Das war nicht dasselbe, was du eben gesagt hast.“
„Na und?“
Karl sah ihn an.
„Nichts.“
Matthias wurde gereizt.
„Hörst du schon wieder das Radio in mir?“
Der Vater war überrascht. Matthias selbst hatte nicht erwartet, dass er das sagen würde.
Einige Sekunden sahen sie einander an.
Dann antwortete Karl:
„Weniger.“
Matthias verstand nicht.
„Was weniger?“
„Das Radio.“
Der Vater nickte in seine Richtung.
„Dafür immer mehr dich.“
Es sollte versöhnlich klingen.
Aus irgendeinem Grund machte es Matthias noch unruhiger.
In der Nacht konnte er lange nicht schlafen. Draußen regnete es. Tropfen schlugen gegen das Blech des Fensterbretts. Die Uniform hing über dem Stuhl. Auf dem Tisch lag das Heft mit dem Aufsatz. Daneben der Text seines Vortrags.
Matthias stand auf. Ohne das große Licht einzuschalten, machte er die Schreibtischlampe an und holte den Aufsatz hervor.
Er las den ersten Satz.
Der Mensch wird nicht nur für sich selbst geboren.
Das dachte er wirklich.
Wahrscheinlich.
Jeder Deutsche ist Teil eines großen Volkes.
Auch das.
Das Gemeinsame über das Persönliche.
Natürlich.
Matthias nahm einen Bleistift und versuchte, denselben Gedanken mit anderen Worten zu schreiben.
Es ging nicht sofort.
Er saß eine Weile da. Dann schrieb er:
„Manchmal muss ein Mensch auf etwas verzichten, das er selbst will, wenn es dadurch anderen besser geht.“
Er sah den Satz an.
Er klang schwächer.
Aber verständlicher.
Matthias dachte an Rudi, dessen Rucksack er leichter gemacht hatte. Das war wirklich geschehen. Rudi war müde gewesen. Matthias hatte geholfen. Kein Volk. Kein Schicksal. Nur ein Junge, der einem anderen half.
Dann schrieb er:
„Kameradschaft heißt, dass man einen Menschen nicht im Stich lässt, der neben einem geht.“
Auch das war seins.
Das wusste er.
Weil er das Gewicht eines fremden Rucksacks gespürt hatte.
Lange sah Matthias auf beide Sätze. Dann wieder auf den Aufsatz.
Die großen Wörter schienen plötzlich ein wenig weiter entfernt. Sie waren nicht verschwunden. Er glaubte immer noch an sie.
Aber zum ersten Mal begriff er, dass ein Unterschied bestand zwischen einem Wort, das man erlebt hatte, und einem Wort, das einem nur schön erklärt worden war.
Matthias klappte das Heft zu und legte sich wieder hin.
Am nächsten Morgen war das Gefühl beinahe verschwunden.
In der Schule sprach Herr Schulze von den kommenden Ereignissen im Westen. Am Abend sprach Krüger von Disziplin. Das Radio sprach von Entschlossenheit. Die Zeitungen sprachen von einer historischen Stunde.
Die Wörter umgaben Matthias wieder.
Und sie fanden wieder ihre Plätze.
Denn es ist anstrengend, jeden Tag neu zu prüfen, woran man glaubt.
Viel einfacher ist es, etwas Fertiges zu benutzen.
Matthias Roth lernte diese bequeme Fähigkeit nach und nach sehr gut.
Noch stritt er. Manchmal zweifelte er. Manchmal erinnerte er sich an die Fragen seines Vaters.
Aber immer öfter lag der richtige Satz bereits bereit, bevor er überhaupt zum Nachdenken kam.
Und jedes Mal, wenn er sicher klang und die anderen zustimmend nickten, fiel es ein wenig leichter zu glauben, dass Matthias schon immer genauso gedacht hatte.
Kapitel 8. Der zehnte Mai
Am zehnten Mai wurde Matthias vom Läuten der Kirchenglocken geweckt. Im ersten Moment dachte er, es sei Sonntag. Dann fiel ihm ein: Freitag. Er lag auf dem Rücken, starrte an die Decke und versuchte herauszufinden, woher das Läuten kam, als draußen im Flur die schnellen Schritte seines Vaters zu hören waren. Wenige Sekunden später wurde das Radio eingeschaltet. Laut. So laut hörte Karl es nur an besonderen Tagen.
Matthias sprang aus dem Bett. In der Küche stand seine Mutter bereits im Morgenmantel am Tisch und hielt mit einer Hand das zerzauste Haar zurück. Karl beugte sich über den Empfänger. Es war von der Westgrenze die Rede. Von deutschen Truppen. Von Belgien. Den Niederlanden. Luxemburg. Matthias hörte mitten im Zuknöpfen seines Hemdes auf.
„Es hat angefangen?“
Niemand antwortete. Er trat näher. Aus dem Radio kam eine feierliche Stimme. Deutsche Truppen hätten die Grenzen überschritten. Das Vorgehen sei notwendig gewesen. Deutschland habe gewarnt. Deutschland sei dazu gezwungen worden. Deutschland reagiere auf eine Bedrohung.
Matthias hörte eine Reihenfolge, die ihm bereits vertraut war. Die Wörter waren andere als im September, doch sie fügten sich beinahe auf dieselbe Weise zusammen. Bedrohung. Notwendigkeit. Antwort. Verteidigung. Er ertappte sich dabei, dass er manche Wendung vorausahnte, noch bevor der Sprecher sie aussprach.
Karl schaltete das Radio aus. Er drehte es nicht leiser. Er schaltete es aus.
„Warum?“, fragte Matthias.
Karl sah auf die Uhr. „Du musst in die Schule.“
„Aber gleich kommt bestimmt noch etwas.“
„Bestimmt.“
„Und wenn es etwas Wichtiges ist?“
Sein Vater nahm eine Zigarette vom Tisch, steckte sie aber nicht an. „Von jetzt an wird es eine ganze Weile nur Wichtiges geben.“
Anna stand noch immer reglos da. Matthias sah sie an.
„Ist Erich dort?“
Sie zuckte zusammen. Erst jetzt begriff er, dass sie genau daran gedacht hatte.
„Ich weiß es nicht.“
„Er ist doch im Westen.“
„Ich weiß, wo er ist.“
Es kam schärfer heraus, als sie beabsichtigt hatte. Sofort wandte sie sich ab. Karl trat zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Seine Einheit kann in Reserve geblieben sein.“
„Kann sein.“
„Wir wissen nichts.“
„Eben.“
Matthias schwieg. Die Erregung, mit der er in die Küche gekommen war, war nicht verschwunden. Aber nun stand etwas anderes daneben. Erich. Bis zu diesem Augenblick hatte die Offensive im Westen als ein großes Ereignis existiert. Pfeile. Armeen. Staaten. Jetzt befand sich irgendwo in einem dieser Pfeile sein Bruder.
Vielleicht.
Matthias mochte dieses Wort nicht. Aber ein anderes gab es nicht.
Auf den Straßen summte die Stadt vor Gesprächen. Nicht laut. Nicht festlich. Die Menschen blieben an Zeitungskiosken stehen, redeten vor Geschäften, lasen die ausgehängten Meldungen. Auf dem Weg zur Schule hatte Matthias das Gefühl, zu etwas viel Wichtigerem zu spät zu kommen als zum Unterricht.
Vor Bremers Bäckerei standen fünf Männer. Einer hielt eine Zeitung in der Hand.
„Durch Belgien“, sagte er.
„Wie beim letzten Mal.“
„Nicht ganz.“
„Durch die Ardennen gehen sie, wirst schon sehen.“
Matthias verlangsamte den Schritt. Er wollte mehr hören.
„Roth!“
Er drehte sich um. Heinz winkte von der anderen Straßenseite.
„Hast du es gehört?“
Matthias lief hinüber. „Natürlich.“
„Mein Vater sagt, jetzt ist alles ganz schnell vorbei.“
„Das sagt er immer.“
„Weil er Bescheid weiß.“
„Was weiß er denn?“
„Mehr als du.“
Matthias schnaubte. „Mein Bruder ist dort.“
Die Worte klangen gewichtiger, als er erwartet hatte. Heinz hörte sofort auf zu grinsen.
„An der Front?“
„An der Westgrenze.“
„Dann kommt er jetzt bestimmt dran.“
Matthias verspürte einen seltsamen Anflug von Stolz. Gleich darauf Sorge.
„Nicht unbedingt.“
„Wieso?“
„Vielleicht sind sie Reserve.“
Er wiederholte die Worte seines Vaters. Heinz zuckte die Schultern.
„Trotzdem großartig.“
Matthias sah ihn an. Vor ein paar Monaten hätte er selbst genau dasselbe gesagt. Jetzt störte ihn das Wort plötzlich.
„Was soll daran großartig sein?“
„Na ja … dein Bruder ist dort.“
„Und?“
„Er ist ein richtiger Soldat.“
„Das war er vorher auch schon.“
„Aber jetzt ist der Krieg richtig.“
Matthias wollte etwas entgegnen. Ihm fiel nichts ein. Sie gingen weiter.
Herr Schulze kam mit einer Karte ins Klassenzimmer. Damit war sofort klar, dass es keinen gewöhnlichen Unterricht geben würde. Die Karte wurde vor die Tafel gehängt. Westeuropa. Matthias kannte es schlechter als Polen. Frankreich wirkte riesig. Belgien klein. Die Niederlande noch kleiner.
Der Lehrer nahm den Zeigestock.
„Heute Morgen hat eine Operation begonnen, deren Bedeutung ihr erst später ganz verstehen werdet.“
Er sprach feierlich. Nicht wie ein Lehrer. Eher wie ein Rundfunksprecher. Matthias hörte zu. Die deutsche Armee sei den Gegnern zuvorgekommen. Frankreich und Großbritannien wollten das Reich erdrosseln. Die kleinen Staaten ließen zu, dass ihr Gebiet gegen Deutschland benutzt werde. Nun habe die deutsche Führung zuerst gehandelt.
„Wer kann mir sagen, warum Geschwindigkeit entscheidend ist?“
Heinz hob die Hand.
„Damit der Feind keine Zeit hat, sich vorzubereiten.“
„Richtig.“
Herr Schulze zeigte auf die Karte. Er sprach über Eisenbahnen. Flüsse. Befestigungen. Die Maginot-Linie. Es war interessant. Sehr sogar. Der Krieg wurde wieder verständlich. Es gibt ein Hindernis. Man muss es umgehen. Es gibt einen Gegner. Man muss ihm zuvorkommen. Es gibt ein Ziel. Man muss es erreichen.
Matthias betrachtete die Karte und spürte, wie die Unruhe des Morgens zurückwich. Wenn alles so gründlich geplant war, wusste auch Erich, was er zu tun hatte. Die Armee war groß. Die Kommandeure wussten Bescheid. Der Führer wusste Bescheid. Die Generäle wussten Bescheid. Jeder war an seinem Platz.
Wie sehr er das glauben wollte.
In der Pause drängte sich die Klasse um die Karte.
„Von hier“, sagte Kurt.
„Nein, weiter nördlich.“
„Bist du jetzt General?“
„Und du?“
Matthias trat dazu. Heinz fragte sofort:
„Wo ist Erich?“
„Ich weiß es nicht genau.“
„Und der Brief?“
„Ist schon eine Weile her.“
„Vielleicht ist er längst in Belgien.“
Matthias sah auf die Karte. Belgien. Eine kleine Fläche. Wie viele Kilometer lagen zwischen diesem Punkt und ihrem Haus? Er versuchte es auszurechnen. Es gelang ihm nicht. Bisher hatte Entfernung einen Weg bedeutet. Mit dem Fahrrad. Mit dem Zug. Zu Fuß. Jetzt bedeutete Entfernung auch die Zeit, die eine Armee brauchte, um sie zurückzulegen.
Plötzlich sah er Erich nicht auf einem Foto und nicht in einer Kaserne, sondern auf einer fremden Straße, das Gewehr in der Hand. Ein echtes Gewehr. Diesmal nicht auf dem Weg zu einer Schießscheibe.
Matthias trat von der Karte zurück.
„Was ist?“, fragte Heinz.
„Nichts.“
Die ersten Meldungen waren überwältigend. Niederlande. Belgien. Luxemburg. Übergänge. Luftlandetruppen. Vormarsch. Jeder Morgen begann mit dem Radio. Jeder Abend endete damit. Matthias holte wieder seine Stecknadeln hervor. Die alte Polenkarte reichte nicht mehr. Er bat seinen Vater um eine neue.
„Wozu?“
„Zum Verfolgen.“
„Was willst du verfolgen?“
„Die Front.“
Karl sah ihn lange an. Dann sagte er: „Im unteren Schrankfach liegt ein Atlas.“
Matthias fand ihn und breitete ihn aus. Frankreich. Belgien. Niederlande. Am ersten Abend saß er beinahe eine Stunde darüber, hörte den Wehrmachtbericht, suchte Ortsnamen und versetzte die Nadeln. Karl kam vorbei und blieb stehen.
„Schon wieder?“
„Was?“
„Generalstab spielen.“
Matthias lächelte nicht.
„Ich will wissen, wo Erich ist.“
Sein Vater wurde sofort ernst. „So findest du das nicht heraus.“
„Aber wenn seine Einheit …“
„Wir kennen weder den Verband noch die Richtung noch den Auftrag.“
„Du weißt doch, wo er war.“
„Wo er war. Vor einer Woche.“
Matthias stieß eine Nadel gereizt in die Karte.
„Wie soll man es dann überhaupt erfahren?“
„Auf einen Brief warten.“
„Und wenn lange keiner kommt?“
Karl schwieg. Die Antwort war offensichtlich. Warten. Matthias hasste es, warten zu müssen, wenn nichts von ihm abhing.
„Wissen die wenigstens, wo die Soldaten sind?“
„Wer?“
„Die Führung.“
„Natürlich.“
„Dann ist doch alles in Ordnung.“
Karl sah ihn an. „Was genau soll in Ordnung sein?“
„Sie verlieren die Leute doch nicht einfach.“
Sein Vater schloss für einen Moment die Augen. Matthias merkte, dass er etwas Falsches gesagt hatte.
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Ich weiß.“
Karl trat an die Karte.
„Die Armee weiß tatsächlich, wo ihre Verbände sind.“ Er fuhr mit einem Finger über das Papier. „Das heißt aber nicht, dass sie jeden einzelnen Mann bewahren kann.“
Matthias starrte ihn an.
„Wozu ist dann die Führung da?“
Sein Vater wandte sich zu ihm.
„Um einen Auftrag zu erfüllen.“
„Welchen?“
„Den, den man ihr gegeben hat.“
„Und die Menschen?“
Karl schwieg kurz. „Die führen ihn aus.“
Es klang zu einfach. Matthias mochte die Antwort nicht.
„Erich auch?“
„Erich auch.“
Zum ersten Mal dachte Matthias über den Unterschied zwischen dem Wort Armee und dem Namen Erich nach. Eine Armee konnte erfolgreich vorrücken. Und gleichzeitig konnte Erich etwas Schlimmes zustoßen. Diese beiden Dinge widersprachen sich nicht.
Bis zu diesem Tag hatte Matthias geglaubt, sie täten es.
Neun Tage lang kam kein Brief. Anna zählte nur die ersten drei laut. Danach hörte sie damit auf. Doch jedes Mal, wenn Schritte im Treppenhaus zu hören waren, hob sie den Kopf. Jedes Mal. Matthias bemerkte es. Karl auch. Niemand sagte etwas.
Am zehnten Tag kam eine Postkarte.
Matthias kam aus der Schule und sah seine Mutter schon von der Treppe aus. Sie stand in der offenen Wohnungstür und lächelte.
„Von ihm.“
Matthias rannte hinauf.
„Wo?“
„Hier.“
Sie hielt die Karte mit beiden Händen.
„Lebt er?“
Die Mutter sah ihn seltsam an. „Natürlich.“
Das Natürlich kam zu schnell. Matthias bemerkte es nicht. Er nahm ihr die Karte aus der Hand.
„Vorsichtig!“
Erichs Handschrift. Nur ein paar Zeilen.
Mir geht es gut. Wir sind unterwegs. Wo ich bin, darf ich nicht schreiben. Macht euch keine Sorgen, wenn länger keine Post kommt. Hier ändert sich alles sehr schnell. Mama, wirklich, mach dir keine Sorgen. Grüße an Papa. Und Matthias sag, seine Karte wird ihm trotzdem nicht helfen.
Matthias las den letzten Satz noch einmal.
„Woher weiß er das?“
Anna lachte. „Weil er dich kennt.“
Matthias musste ebenfalls lächeln. Zum ersten Mal seit zehn Tagen fühlte sich die Wohnung wieder leicht an. Sogar die Luft schien anders. Am Abend kochte die Mutter etwas, das es sonst nur sonntags gab. Karl brachte eine Flasche Wein mit.
„Wozu die?“, fragte Matthias.
„Weil wir heute dürfen.“
„Erich ist doch noch gar nicht zurück.“
Sein Vater sah Anna an. „Aber er hat geschrieben.“
Das genügte.
Ein paar Tage später rückte die Front so schnell vor, dass Matthias mit den Stecknadeln kaum noch hinterherkam. Ein Ortsname folgte auf den anderen. Sedan. Maas. Ardennen. Kanal. Küste. Jeden Tag entstand eine neue Linie.
Heinz war begeistert.
„Siehst du?“
Er stieß den Finger auf die Schulkarte.
„Sie sind schon hier!“
„Ich sehe es.“
„Die Franzosen sind abgeschnitten.“
„Ich sehe es.“
„Das ist doch genial.“
Matthias nickte. Auch ihm kam es genial vor. Keine Verteidigung hatte geholfen. Keine Linie. Die deutsche Armee zog dort hindurch, wo man sie nicht erwartet hatte. Geschwindigkeit. Entschlossenheit. Risiko. Alles, was man ihnen bei Spielen und Märschen beigebracht hatte, existierte plötzlich im riesigen Maßstab.
Matthias stellte sich die Panzer vor, die nach vorn stießen. Lastwagen. Kolonnen. Brücken. Flugzeuge. Er spürte beinahe körperliche Begeisterung.
Dann erinnerte er sich daran, dass Erich irgendwo darin war.
Die Begeisterung verschwand nicht. Aber sie bekam eine Kante.
Eine scharfe.
Ende Mai fiel im Radio immer häufiger der Name Dünkirchen. Matthias suchte die Stadt auf der Karte und legte einen Finger darauf.
„Hier?“
Karl nickte. „Hier.“
„Sie sind eingekesselt?“
„Sieht so aus.“
„Dann ist es vorbei.“
Sein Vater sagte nichts.
„Was?“
„Nichts.“
„Papa.“
„Ich habe längst gelernt, bei solchen Meldungen ein wenig zu warten.“
„Warum?“
„Weil der Krieg selten genau das tut, was man von ihm erwartet.“
Matthias betrachtete wieder die Karte. Das Meer. Ein kleiner Küstenstreifen. Sehr viele Truppen. Er kannte nur das Gesamtbild. Nicht die Menschen.
Das Gesamtbild sah großartig aus.
Genau das bekam er zu sehen.
Zwei Wochen später schrieb Erich wieder. Diesmal war der Brief länger. Anna las ihn laut vor. Die ersten Zeilen waren gewöhnlich. Er lebte. Es ging ihm gut. Er war müde. Sie marschierten viel. Schliefen wenig. Das Essen war mal besser, mal schlechter. Die Füße taten weh.
Dann kam der Satz:
Matthias will bestimmt wissen, ob ich inzwischen richtig geschossen habe. Ja. Habe ich.
Die Mutter hielt inne. Matthias spürte, wie sein Herz kräftiger schlug.
Karl sagte: „Lies weiter.“
Anna las:
Daran ist nichts Interessantes, also soll er keine Geschichten erwarten.
Matthias runzelte enttäuscht die Stirn. Danach schrieb Erich schon über etwas anderes. Über eine Straße. Einen verlassenen Bauernhof. Eine Kuh, die niemand melken konnte, bis sich herausstellte, dass einer der Männer aus Bayern Bauernsohn war. Darüber, wie sechs erwachsene Männer um das Tier herumgestanden und Ratschläge gegeben hatten.
Anna lächelte.
Matthias dachte noch immer an die beiden Sätze.
Ja. Habe ich.
Richtig.
Er wartete, bis der Brief zu Ende gelesen war.
„Gib mal.“
Anna reichte ihn ihm. Matthias fand die Stelle und las sie selbst. Dieselben Worte. Kein Satz mehr.
„Warum schreibt er nichts?“
Karl verstand sofort.
„Worüber?“
„Na … was passiert ist.“
„Weil er nicht will.“
„Warum nicht?“
„Frag ihn.“
„Habe ich doch.“
„Dann hast du deine Antwort bekommen.“
„Das ist keine Antwort.“
Karl sah seinen Sohn an. „Manchmal ist auch die Weigerung, über etwas zu sprechen, eine Antwort.“
Matthias war anderer Meinung. Wenn jemand etwas Wichtiges erlebt hatte, warum sollte er es nicht erzählen? Vor allem seinem Bruder. Vor allem, wenn der Bruder es unbedingt wissen wollte. Es fühlte sich beinahe unfair an.
Erich ließ ihn wieder draußen stehen.
Im Juni kam die Nachricht von Paris. Matthias erfuhr es noch vor der Schule. Zeitungsjungen riefen auf der Straße. Die Leute kauften Sonderausgaben. Auf der Titelseite stand ein einziges Wort, das keiner Erklärung bedurfte.
PARIS.
Die letzten hundert Meter zur Schule rannte Matthias. Nicht weil er zu spät war. Er wollte der Erste sein, der es sagte.
Pulsuz fraqment bitdi.