Kitabı oxu: «Der Kampf um die Wahrheit»

Şrift:

Originalausgabe

1. Auflage 2021

Verlag Komplett-Media GmbH

2021, München

www.komplett-media.de

ISBN (Print): 978-3-8312-0584-4

ISBN (EPUB): 978-3-8312-7077-4

Lektorat: Kirsten Krebber

Korrektorat: UMP Lektorat M. Paff

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Satz, Layout und E-Book: Daniel Förster, Belgern

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort

1. Verschwörungs­theorien in der wissenschaftlichen Diskussion

Verschwörungstheorien überall

Probleme bei der Begriffsbestimmung

Eine kurze Begriffsgeschichte

Merkmale und Typen von Verschwörungstheorien

Die Sache mit der Wahrheit

Zur Psychologie von Verschwörungstheorien

Wie entstehen Verschwörungstheorien?

2. Zur Geschichte von Verschwörungen und Verschwörungs­theorien

Verschwörungen als historische Konstante

Die Verschwörung der Hexen

Antisemitische Verschwörungstheorien

Freimaurer und Illuminaten

Verschwörungstheorien im Wandel

3. Geheimdienste – im Namen des Staates?

Das Celler Loch

Mythos und Praxis der Geheimdienste

Drogen, Gehirnwäsche und Mind Control – Die geheimen Menschenversuche der CIA

P2, Gladio und die Strategie der Spannung

Rote Linien

Provokationen unter falscher Flagge

Aufklärung und Konspiration

4. Verschwörungs­theorien zum 11. September 2001

Ein Tag, der die Welt veränderte

Verschwörungstheorien und Leitmedien

Die offizielle Version und alternative Deutungen

Die Streitpunkte

Hintergründe und Spekulationen über mögliche Motive

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen

5. Die Verschwörungen der Rechten

Von den politischen Rändern

Milizen, Selbstverwalter und Reichsbürger

Der große Austausch

Vom Tiefen Staat zum Deep State: QAnon

Der NSU-Komplex

Die Nazi-Verschwörung: Realitäten und Zerrbilder

6. Donnerwetter!

Regendiebe und Erdbebenmaschinen

Das HAARP-Projekt

Giftige Zeichen am Himmel

Die Klimaverschwörung

7. Die im Dunkeln sieht man nicht – okkulte Verschwörungs­theorien

Die Reptilien-Agenda und der multidimensionale Kosmos

Grenzwissen, Häresie und Selbstermächtigung

Ritueller Missbrauch – ein gefährlicher Verschwörungsmythos?

Dunkle Erinnerungen und multiple Perspektiven

UFOs – Verschwörer aus dem All?

8. Covid-19: Das Virus Verschwörungs­theorie

Corona und die Neue Weltordnung

Ein Virus befällt die Welt

»Gates kapert Deutschland!«

Die Konjunktur der Faktenchecker und die »Infodemie«

Biosicherheit und Paranoia

Protest als »Widerstand« und »Querdenken«

Ein Virus aus dem Labor?

Wie ein Virus die Welt verengt

9. Medien und Spektakel

Eskalation im Netz

Die Verschwörung der Algorithmen

›Lügenpresse‹ und Meinungsmacht

Digitale Dissidenz: Das Spektrum der Alternativmedien

Spektakel und Reiz der Verschwörung

10. Der Kampf gegen Verschwörungs­theorien

Historische Varianten eines Deutungskonfliktes

›Skeptiker‹: Der Kampf gegen Parawissenschaft

Rechte Ideologie oder russische Desinformation?

Verschwörungsangst und Gegenkonspiration

11. Verschwörungs­theorien in der offenen Gesellschaft

Willkommen in der Paranoiagesellschaft!

Das redaktionelle Ich

Verschwörungstheorie-Wissen

Verschwörungstheorien und Extremismus

Gefangen in der Matrix

Misstrauensbildende Maßnahmen

Schlussfazit: Herausforderungen

Literatur

Über die Autoren

Vorwort

Verschwörungstheorien sind in aller Munde. Nicht nur sogenannte ›Verschwörungstheoretiker‹ wie Xavier Naidoo, Attila Hildmann oder Michael Wendler bevölkern seit der Corona-Krise immer wieder die Bildschirme und Schlagzeilen der Massenmedien. Auch Experten, die Verschwörungstheorien erklären, sozialpsychologische Ursachen aufzeigen und Handlungsempfehlungen im Umgang mit ihnen abgeben, sind längst Teil der Medienberichterstattung – und damit auch unseres Alltagswissens. Warum also dieses Buch? Wozu noch eine weitere x-te, Bestandsaufnahme über Verschwörungstheorien? Ist zu diesem Thema denn nicht schon alles – und nicht nur einmal – gesagt? Sind wir als Gesellschaft nicht längst informiert und gewarnt über die Gefahren, die von Verschwörungstheorien ausgehen? Falls Sie, lieber Leser, diese Fragen spontan bejahen, möchten wir Ihnen die Lektüre der folgenden Seiten umso dringlicher empfehlen.

Das vorliegende Buch ist möglicherweise anders, als Sie es erwarten. Im Unterschied zu den meisten anderen Experten zu diesem Thema halten wir Verschwörungstheorien nicht per se für falsch und gefährlich. Stattdessen möchten wir gerne näher hinschauen und differenzieren. Wir möchten anhand von diversen Beispielen bekannter und weniger bekannter verschwörungstheoretischer Deutungen zeigen, dass die Sache mit der Wahrheit in vielen Fällen nicht ganz so einfach ist, wie es von Politikern, Medienschaffenden und auch Wissenschaftlern oftmals suggeriert wird. Das gilt insbesondere für die Gefahr von Verschwörungstheorien. Unbenommen können Verschwörungstheorien eine Gefahr für die Gesellschaft oder einzelne Personen darstellen. Doch das trifft nur auf einen Teil von ihnen zu. In vielen Fällen entfalten Verschwörungstheorien sogar eine positive Wirkung, indem sie auf bestimmte Probleme oder Ungereimtheiten aufmerksam machen. Das Spekulieren über verborgene Machenschaften ist darüber hinaus ein völlig normaler Teil unseres alltäglichen Lebens und – wie Verschwörungen selbst – eine geschichtliche Konstante.

In den folgenden Kapiteln werden wir uns mit zentralen Eigenschaften von Verschwörungstheorien beschäftigen, aber auch aufzeigen, dass sie untrennbar mit ›echten‹ Verschwörungen verbunden sind. Dabei werden wir auch den gesellschaftspolitischen und massenmedialen Umgang mit Verschwörungstheorien thematisieren, der allzu oft von pauschalen Abwertungen und undifferenzierten Darstellungen geprägt ist. Schließlich werden wir auf dieser Basis Konzepte für den individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit Verschwörungstheorien entwickeln. Nur durch einen offenen, sachlichen und differenzierten Umgang mit dem Thema, so unsere Überzeugung, können Ängste, hasserfüllte Identitätskonstruktionen oder Vorurteile eingedämmt werden, die durch Verschwörungstheorien, aber zum Teil auch durch den Kampf gegen sie gesellschaftlich verbreitet werden.

Beginnend bei wissenschaftlichen Theorien über verschwörungstheoretische Deutungen schlagen wir einen Bogen von der Geschichte von Verschwörungstheorien über das Attentat auf John F. Kennedy, die Anschläge vom 11. September 2001, Geheimdienstoperationen und Verschwörungstheorien sowie tatsächlichen Verschwörungen am politisch rechten Rand. Es geht darüber hinaus um Verschwörungstheorien über Wettermanipulation, Reptiloide, Satanisten, UFOs und das SARS-CoV-2-Virus. Mehrfach mussten wir im Schreibprozess Kapitel und Abschnitte an aktuelle Entwicklungen anpassen. Galt etwa zu Beginn unserer Arbeit am Kapitel über Covid-19-Verschwörungstheorien die Behauptung, SARS-CoV-2 stammt aus einem Labor, noch als eine ›krude‹ Verschwörungstheorie, hat sich dies im Laufe unserer Recherchen überraschenderweise deutlich geändert. Aus der vermeintlichen verschwörungstheoretischen Randmeinung wurde binnen von Monaten eine gesellschaftlich ernst zu nehmende ›seriöse‹ Hypothese. Erfahrungen wie diese bestätigen uns, dass wir mit unserer ›offenen‹ Herangehensweise an das Phänomen Verschwörungstheorie richtigliegen. Wir hoffen, dass die Lektüre dieses Buches Ihnen nicht nur Spannung und Lesefreude, sondern vor allem auch Einsichten und Erkenntnisse beschert, die dazu beitragen können, Gräben im Kampf um die Wahrheit zu überwinden und wieder stärker an verbindenden Brücken zu bauen.

1. Verschwörungs­theorien in der wissenschaftlichen Diskussion
Verschwörungstheorien überall

Am 17. Mai 2019 wurde im Kloster Dalheim bei Lichtenau eine Ausstellung mit dem Titel Verschwörungstheorien früher und heute eröffnet. Die Ausstellung stand unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der zur Eröffnung eine Rede hielt, bei der er den Kampf gegen Desinformation und Verschwörungstheorien als eine der großen Herausforderungen für die liberale Demokratie bezeichnete. Dieser Kampf gehe jeden etwas an und müsse in Familien, Schulen, Büros und Betrieben ebenso ausgetragen werden wie in Zeitungsredaktionen, sozialen Netzwerken und Parlamenten. Denn trotz allen Fortschritts in Wissenschaft und Gesellschaft und trotz aller Aufgeklärtheit und Rationalität, würden bis heute viele Menschen daran glauben, dass sich Verschwörer im Geheimen zusammentun, um dunkle, verbrecherische Komplotte zu schmieden, so Steinmeier.1 Der Bundespräsident bezog sich in seiner Rede auf eine kurz zuvor veröffentlichte Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland.2 Sie erschien im Rahmen der sogenannten Mitte-Studien, die seit 2006 regelmäßig antidemokratische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung messen. 2019 wurde erstmals auch explizit die Zustimmung zu Verschwörungstheorien erfasst. Das Ergebnis: Fast die Hälfte der für die Studie befragten Personen stimmte der Aussage zu, es gäbe geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen haben, und fast ein Viertel der Befragten meinte, Medien und Politik steckten unter einer Decke.3

Steinmeier erwähnte in seiner Rede auch das im Jahr zuvor erschienene Buch »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien des Tübinger Amerikanistik-Professors Michael Butter. Das Buch erfuhr eine erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Für einen Rezensenten der Welt stellte es gar »womöglich (…) das Buch des Jahrzehnts«4 dar. Butters Kernthese in dem Buch lautet, dass die hitzigen Diskussionen über Verschwörungstheorien Symptom einer tiefer liegenden Krise demokratischer Gesellschaften seien: »Wenn Gesellschaften sich nicht mehr darauf verständigen können, was wahr ist, können sie auch die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht meistern.«5 Zu diesem Zeitpunkt war Butter in leitender Position im Rahmen des groß angelegten, von der EU finanzierten Forschungsprojektes COMPACT (Comparative Analysis of Conspiracy Theories) zur Erforschung von Verschwörungstheorien tätig, an dem über 150 Wissenschaftler aus über 30 Ländern beteiligt waren. Eines der Ziele des Projektes bestand darin, Leitlinien für den sozialen und politischen Umgang mit Verschwörungstheorien zu entwickeln.

Das alles war vor Corona. Die SARS-CoV-2-Krise hat die gesellschaftlichen Diskussionen rund um das Thema Verschwörungstheorien noch einmal erheblich angeheizt und zugespitzt. Folgte man den Einschätzungen unzähliger alarmierender Presseartikel während der Corona-Krise, aber auch einiger Politiker und Experten, so hätten sich neben den gefährlichen Corona-Viren mindestens ebenso epidemisch gefährliche Fake News und Verschwörungstheorien zum Thema Corona ausgebreitet. Viele Beobachter sahen hierin einen weiteren Beleg dafür, dass Verschwörungstheorien die Gesellschaft spalten und eine Gefahr für die Demokratie darstellen. Mitte Mai 2020, also mitten in der COVID-19-Pandemie, erschien das Buch Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen der Politikwissenschaftlerin und Netzaktivistin Katharina Nocun und der Sozialpsychologin Pia Lamberty. Das Buch erzielte einen ähnlichen, wenn nicht größeren Erfolg wie das zwei Jahre zuvor erschienene Nichts ist, wie es scheint von Michael Butter. Es schaffte es in die Spiegel-Bestellerliste und wurde von Ralf Dörwang für die Redaktion der ARD-Kultursendung titel, thesen, temperamente zum »Buch zur Stunde«6 gekürt.

Diese Beispiele verdeutlichen zweierlei: Es gab in den letzten Jahren nicht nur eine intensive gesellschaftliche und politische Debatte rund um Verschwörungstheorien. Das Thema hat sich darüber hinaus trotz oder gerade wegen seines verruchten Charakters zu einem anerkannten und populären akademischen Forschungsfeld entwickelt. Letzteres war über lange Zeit völlig anders. Verschwörungstheorien waren über Jahrzehnte kaum Thema wissenschaftlicher Forschung. Dies hing sicher nicht damit zusammen, dass Verschwörungstheorien früher weniger gesellschaftliche Relevanz gehabt hätten, sondern eher damit, dass das Thema als randständig, unseriös und fragwürdig galt – jedenfalls nicht als Thema, auf dem man eine akademische Karriere aufbaut. Seit Mitte der 1990er-Jahre hat sich die Situation grundlegend geändert. Seither ist eine kaum noch zu überblickende Flut an wissenschaftlichen Arbeiten unterschiedlicher Fachrichtungen zum Thema entstanden. Verschwörungstheorien sind gewissermaßen von einem akademischen ›Schmuddelthema‹ zu einem legitimen Forschungsgegenstand avanciert. Befeuert wurde diese Entwicklung unter anderem durch die intensiven gesellschaftlichen und politischen Diskussionen rund um die Themen ›Fake News‹, ›alternative Fakten‹, ›Filterblasen‹ oder das ›postfaktische Zeitalter‹. Doch wie so oft, wenn sich Wissenschaftler auf ein neues Thema stürzen, beginnt der Streit schon bei der Definition des Forschungsgegenstandes. Was genau sind Verschwörungstheorien?

Probleme bei der Begriffsbestimmung

Es gibt bislang keine einheitliche wissenschaftliche Definition des Begriffs ›Verschwörungstheorie‹. Klar ist, dass es bei Verschwörungstheorien um Vermutungen oder Behauptungen über Verschwörungen geht. Letztere wiederum lassen sich recht eindeutig bestimmen. Nach dem australischen Philosophen David Coady zeichnet sich eine Verschwörung im Wesentlichen durch zwei Aspekte aus: Erstens muss es eine Gruppe von Verschwörern geben (denn allein kann man sich nicht verschwören) und zweitens muss die Verschwörung geheim sein (denn so etwas wie eine offene Verschwörung kann es nicht geben).7 In einigen Ländern gelten Verschwörungen als Straftatbestand, etwa in den USA. Hier wird eine Verschwörung als Vereinigung von zwei oder mehr Personen zu dem Zweck der Durchführung einer illegalen oder verbrecherischen Tat definiert.8 Verschwörungen müssen allerdings nicht in jedem Fall eine illegale, kriminelle oder zumindest moralisch fragwürdige Zielsetzung haben. Fest steht aber: Verschwörungen folgen einem Plan oder haben ein Ziel. Man könnte, um es auf eine generelle Formel zu bringen, eine Verschwörung daher wie folgt definieren: Eine Verschwörung liegt vor, wenn zwei oder mehrere Personen in geheimer Kooperation einen Plan entwickeln und diesen umsetzen oder umzusetzen versuchen, um ein konkretes Ziel zu erreichen.

Sind Verschwörungstheorien dann nicht einfach Annahmen über solche Verschwörungen? Ganz so einfach ist es leider nicht. Verschwörungstheorien, darin sind sich alle Wissenschaftler einig, handeln von Verschwörungen. Darüber, was diese Verschwörungen auszeichnet, herrscht allerdings größte Uneinigkeit. Viele Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, betonen, dass der Kern von Verschwörungstheorien darin besteht, dass sie Vermutungen über Verschwörungen anstellen, die aber real nicht existieren. Sie behaupten, es sei ein Charakteristikum von Verschwörungstheorien, dass sie immer falsch sind. Diesen Standpunkt vertritt etwa der bereits erwähnte Amerikanist Michael Butter. Er unterscheidet daher strikt zwischen echten Verschwörungen auf der einen und Verschwörungstheorien auf der anderen Seite, die nach seinem Verständnis von imaginären oder fiktiven Verschwörungen ausgehen.9 Dieses Verständnis entspricht in gewisser Weise auch der Verwendung des Begriffes ›Verschwörungstheorie‹ in den Massenmedien und in der Alltagssprache. Hier gilt er in aller Regel als Synonym für irrationale, unwahre, abwegige oder gar gefährliche Haltungen. Daher weisen einige Forscher darauf hin, dass der Begriff inzwischen derart negativ konnotiert ist, dass er eigentlich gar nicht mehr in einem neutralen oder gar analytischen Sinne gebraucht werden kann. Er tauge letztlich nur noch als Schimpfwort, als Kampfbegriff und als Mittel zur Abwertung und Ausgrenzung missliebiger Meinungen.10 Und in der Tat: Es gibt kaum jemanden, der sich selbst gerne als Verschwörungstheoretiker bezeichnet.11 Hinzu kommt eine zunehmende Verwässerung des Begriffs. Als Verschwörungstheorien werden heute auch Ansichten bezeichnet, die gar nichts mit einer behaupteten Verschwörung im eigentlichen Sinne zu tun haben. Wenn etwa Menschen glauben, dass die Erde vor geraumer Zeit von Außerirdischen besucht wurde und es dafür archäologische Belege gibt, ist dies zunächst keine Verschwörungstheorie. Auch nicht, wenn Menschen glauben, dass es sich bei manchen gesichteten UFOs um außerirdische Raumschiffe handelt. Zu einer Verschwörungstheorie wird das Ganze erst dann, wenn angenommen wird, dass eine geheime Verschwörung die Beweise für eine außerirdische Präsenz auf der Erde systematisch vertuscht. Man nennt diese Art der Vertuschung auch eine »Cover-up«-Verschwörung.12

Wie sollte die Wissenschaft nun also mit dem belasteten Begriff ›Verschwörungstheorie‹ umgehen? Ihn vermeiden? Einen alternativen Begriff wählen? Aus unserer Sicht ist die negative Bedeutung des Begriffs im allgemeinen Sprachgebrauch kein zwingender Grund, ihn im Rahmen einer wissenschaftlichen Diskussion komplett zu vermeiden – und die meisten wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit dem Thema beschäftigen, nutzen ihn auch weiterhin. Allerdings erscheint es uns wichtig, deutlich zwischen der alltagssprachlichen Bedeutung des Begriffs und einer wissenschaftlichen Definition zu unterscheiden, die möglichst sachlich und neutral sein sollte.

Der Begriff ›Verschwörungstheorie‹ wird von manchen Wissenschaftlern aber auch aus anderen Gründen abgelehnt. Da Verschwörungstheorien keine Theorien im wissenschaftlichen Sinne seien, sei der Begriff irreführend und sollte durch andere Begriffe ersetzt werden. Der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber etwa schlägt vor, statt von Verschwörungstheorien von ›Verschwörungshypothesen‹, ›Verschwörungsideologien‹ oder ›Verschwörungsmythen‹ zu sprechen. Die drei Formen unterscheiden sich vor allem dadurch, wie offen sie für Kritik und Gegenargumente sind und ob die vermutete Verschwörung realen oder fiktiven Personengruppen zugeschrieben wird.13 In ähnlicher Weise argumentieren auch Katharina Nocun und Pia Lamberty. Bei Verschwörungstheorien, so die beiden Autorinnen, könne man nicht von Theorien im wissenschaftlichen Sinne sprechen, da sie sich einer systematischen Überprüfung ihrer Argumente entziehen würden. Daher sei der Begriff ›Verschwörungstheorie‹ abzulehnen. Als Alternativbegriff schlagen sie ›Verschwörungserzählungen‹ vor.14 Auch Katrin Götz-Votteler und Simone Hespers, beide wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikation der Universität Erlangen, legen Wert auf die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen Theorien und Verschwörungstheorien. Verschwörungstheorien seien nicht das Ergebnis eines wissenschaftlichen oder epistemischen Prozesses, sondern das Resultat einer subjektiven Interpretation selektiver Wahrnehmungen und würden in der Regel für ihre Aussagen keine belastbaren Beweise liefern.15

Die strikte Unterscheidung zwischen Verschwörungstheorien auf der einen und wissenschaftlichen Theorien auf der anderen Seite mag auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Sie ergibt aus unserer Sicht jedoch analytisch wenig Sinn. Zum einen gibt es durchaus verschwörungstheoretische Spekulationen, die wissenschaftlichen Theorien ziemlich nahekommen. Wenn etwa ein investigativer Journalist auf der Grundlage recherchierter Fakten über eine mutmaßliche Verschwörung spekuliert und nach Belegen dafür sucht, bei fehlenden Hinweisen aber auch von dieser Vermutung Abstand nimmt, entspricht dies im weitesten Sinne einer ergebnisoffenen wissenschaftlichen Herangehensweise zur Überprüfung einer Theorie. Zum anderen gibt es verschiedene Bedeutungen des Begriffs ›Theorie‹. Eine Theorie kann nicht nur im (natur-)wissenschaftlichen Sinne eine wissenschaftlich begründete Aussage zur Erklärung bestimmter Erscheinungen sein, sondern, was der Bedeutung des Begriffs im allgemeinen Sprachgebrauch entspricht, auch schlicht eine zunächst unbewiesene Behauptung oder These.16 Der Philosoph Karl Hepfer betont, dass Theorien, egal ob in der Wissenschaft oder im Alltag, letztlich immer dazu dienen, uns mit Erklärungen für Fremdes und Unbekanntes zu versorgen und damit einerseits unsere Neugierde zu befriedigen, uns andererseits aber auch die Angst vor dem Unbekannten, Unverstandenen zu nehmen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Verschwörungstheorien nicht von anderen Theorien. Mit den Worten Hepfers: »Theorien treten allgemein mit dem Versprechen an, uns zu einem besseren Verständnis der Welt zu verhelfen, und Verschwörungstheorien sind hier keine Ausnahme.«17

Letztlich gibt es keinen zwingenden Grund, in der wissenschaftlichen Diskussion auf den Begriff ›Verschwörungstheorie‹ zu verzichten oder ihn durch einen anderen zu ersetzen.18 Eine Verschwörungstheorie ist, fasst man die vorangegangenen Überlegungen zusammen, zunächst einmal nichts anderes als ein Erklärungsansatz, der aktuelle oder historische Zustände oder Ereignisse als Ergebnis einer Verschwörung interpretiert.19 Diese Definition unterscheidet sich deutlich von der negativen Verwendung des Begriffs im allgemeinen Sprachgebrauch. Doch woher kommt eigentlich der schlechte Ruf von Verschwörungstheorien?

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Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
30 iyul 2025
Həcm:
381 səh. 3 illustrasiyalar
ISBN:
9783831270774
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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