Kitabı oxu: «Zeig mal: Gesten»
INTERKULTURELLE PRAXIS UND DIVERSITY MANAGEMENT
Sabine Handschuck, Albert Kapfhammer
Zeig mal: Gesten
Hände in der nonverbalen Kommunikation
Die Buchreihe wird herausgegeben von
Sabine Handschuck, Reyhan Kulac, Hubertus Schröer und Gotthart Schwarz.
Dieser Titel ist auch als Printausgabe erhältlich
ISBN 978-3-944 708-62-1
Sie finden uns im Internet unter
www.ziel-verlag.de
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ISBN 978-3-944 708-63-8 (eBook)
| Verlag: | ZIEL – Zentrum für interdisziplinäres erfahrungsorientiertes Lernen GmbH Zeuggasse 7 – 9, 86150 Augsburg, www.ziel-verlag.de 1. Auflage 2017 |
| Gesamtherstellung: | Friends Media Group GmbHwww.friends-media-group.de |
| eBook-Herstellung und Auslieferung: | HEROLD Auslieferung Service GmbH www.herold-va.de |
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Teil
Aspekte interkultureller Kommunikation durch Gesten
Was sind Gesten?
Sind Gesten für jeden verständlich?
Formen der Begrüßung
Gesten der Macht
Gebärden und Gebärdensprache
Gehörlosenbewegung und Gehörlosenkultur
Zeig mal: Gesten
II. Teil
Alltägliche Gesten und ihre Bedeutungen
Der Daumen
1 Daumen hoch
2 Daumen halten
3 Daumen und Zeigefinger bilden einen Ring
4 Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger
5 Daumen und Zeigefinger sind gestreckt
6 Daumen und Mittelfinger bilden einen Ring
7 Daumen und kleiner Finger sind abgespreizt
Der Zeigefinger
8 Der Zeigefinger ist gestreckt
9 Der Zeigefinger ist erhoben
10 Der Zeigefinger ist gekrümmt
11 Zeige- und Mittefinger sind aneinander liegend gestreckt
12 Zeige und Mittelfinger sind gespreizt
13 Zeige- und Mittelfinger sind gekreuzt
14 Zeigefinger und kleiner Finger sind gestreckt
Der Mittelfinger
15 Der Mittelfinger ist erhoben
Der Ringfinger
16 Auf den Ringfinger wird gezeigt
Der kleine Finger
17 Der kleine Finger ist abgespreizt
18 Die kleinen Finger sind verhakt
Die Finger – mehr als zwei
19 Daumen, Zeige- und Mittelfinger sind erhoben
20 Daumen, Zeigefinger und kleiner Finger sind gestreckt
21 Zeige-, Mittel- und Ringfinger sind gestreckt
22 Mittel- und Ringfinger liegen auf dem Daumen
23 Vier gestreckte Finger
24 Vier winkende Finger
25 Vier Finger und der Daumen sind gebündelt
26 Fünf gestreckte Finger
Die Hand
27 Die erhobene Hand
28 Die winkende Hand
29 Hand mit gekrümmten Fingern
30 Die zur Faust geballte Hand
31 Zusammengelegte Handflächen
32 Der Handschlag
III. Teil:
Übungen, Spiele und Aktivitäten
Übungen, Spiele und Aktivitäten
1 Benimm dich!
2 Nur mit Worten
3 Projektarbeit zur politischen Bildung – Ausstellung „Gesten der Macht“
4 Standpunkt und Bewegung: Begrüßungsgesten
Begrüßungskarten
5 Perspektivwechsel
Fragebogen zur Selbsteinschätzung
Fragebogen zum Perspektivwechsel
6 Bingo: Was geht wo?
Bingo – Karten
7 Eine Geste – fünf Aspekte
8 Kettengeschichte
9 Vorstellungsrunde – Das ist mir neu.
10 Die wichtigen Menschen im Hintergrund
11 Gesten aus der Tagespresse
12 Redewendungen zum Thema Gesten
13 Statement: Ist Anpassung nötig?
14 Scharade
15 Auf den Kontext kommt es an
16 Gestenrunde
Literatur
Dank
Die Autoren
Karten-Set mit 32 farbigen Bildkarten im A5-Format
Man lügt wohl mit dem Mund. Aber mit dem Maule, was man macht sagt man doch die Wahrheit.
Friedrich Nietzsche
Einleitung
Wenn Sie dieses Buch mit gerunzelter Stirn betrachten und mit spitzen Fingern anfassen, spricht vieles dafür, dass Sie mit einiger Skepsis dem Thema begegnen. Erhellt dagegen ein Lächeln Ihr Gesicht und Sie fangen an herumzublättern, lässt das auf Interesse schließen.
Körpersprache ist eine faszinierende Form der Kommunikation, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Durch Mimik, Blicke, Haltungen des Körpers oder einzelner Körperteile ebenso wie durch paralinguistische Signale, dem Sprachrhythmus, der Intonation oder der Lautstärke werden Emotionen vermittelt, Einstellungen und Haltungen verdeutlicht und Beziehungen zum Gegenüber ausgedrückt. Insbesondere aber werden die Hände als Instrumente der Verständigung eingesetzt.
Gerade in der interkulturellen Kommunikation sind Gesten und Handzeichen oft ein wichtiges Hilfsmittel, sich zu verständigen – oder auch, sich gründlich misszuverstehen. Teilen die Beteiligten keine gemeinsame Sprache, wird oft „mit Händen und Füßen“ gesprochen. In der Regel gelingt das sehr gut, es kann aber auch zu Verwirrung führen.
Im ersten Teil wird in Kapitel 1 der Begriff „Gestik“ erläutert und es werden verschieden Möglichkeiten vorgestellt, verbale und nonverbale Kommunikation miteinander zu kombinieren.
Kapitel 2 geht der Frage nach, ob Gesten allgemeinverständlich sind. Dass dies nicht immer der Fall sein muss, wird anhand von Beispielen in der interkulturellen Kommunikation ausgeführt, die ganz alltäglich sind: Grundlagen der ersten Verständigung wie die Begrüßungen in Kapitel 3 zeigen auf, dass Menschen ganz unterschiedliche Wege gefunden haben, sich mitzuteilen.
Pressefotos, Werbung, Wahlplakate, Kunstwerke, aber auch Schilder und oder Emoticons vermitteln durch abgebildete Gestik ihre Botschaften. Manche werden international verstanden, andere nicht. Manche lassen sich nur aus der jeweiligen kulturhistorischen Perspektive erklären und werden seit Jahrhunderten als Bedeutungsträger eingesetzt, andere sind gerade in Mode und auf dem Handy verfügbar. Kapitel 1.4 „Gesten der Macht“ stellt eine Auswahl von Gesten aus der Politik vor. Weitere Beispiele dazu sind in den jeweiligen Beschreibungen der Gesten im zweiten Teil zu finden.
Die Verständigung mit den Händen hat zu einer eigenen Sprache geführt, der Gebärdensprache. Die Gebärdensprache gehört nicht zur nonverbalen Kommunikation, obwohl sie ohne Worte auskommt. Es ist eine klare Trennlinie zwischen Gebärdensprache und Geste zu ziehen. Da aber die Begegnung zwischen Gehörlosen und Hörenden immer auch eine interkulturelle Situation ist, geben die Kapitel „Gebärden und Gebärdensprache“ und „Gehörlosenbewegung und Gehörlosenkultur“ einen Einblick in eine ganz eigene Kultur.
In alle Kapiteln fließen sprichwörtliche Redewendungen ein. Viele von ihnen, obwohl verbal geäußert, befassen sich mit gestischen Botschaften und lassen die Handzeichen vor dem inneren Auge entstehen: die in den Schoß gelegten Hände, die Faust, die man jemandem zeigt, oder der Daumen, der gedrückt wird.
Der zweite Teil stellt einen kleinen Ausschnitt von Gesten vor, die mit den Fingern, der Hand oder mit beiden Händen ausgeführt werden. 32 Gesten und Handzeichen sind durch Fotografien ganz unterschiedlicher Hände dargestellt; die dazugehörigen Beschreibungen vermitteln mögliche Interpretationen.
16 Aktivitäten, Spiele und Übungen sind Inhalt des dritten Teils und für Pädagogen oder interkulturelle Weiterbildnerinnen und Trainer gedacht, die sich mit interkultureller Kommunikation befassen. Sie sollen Anregungen bieten, das Thema zu vertiefen. Ergänzt werden sie durch 32 Bildkarten mit den Fotografien von Albert Kapfhammer. Diese Fotokarten sind nummeriert; die Nummer ist identisch mit der Kapitelnummerierung, in der die Gesten beschrieben werden.
Die Bildkarten können in Schulklassen, in der Jugendarbeit oder bei Seminaren zur Einführung in die interkulturelle Kommunikation eingesetzt werden.
Die Arbeit an diesem Buch hat uns beiden sehr viel Freude gemacht. Aber ohne die vielen Gespräche, die Sabine Handschuck mit Bekannten und Freunden aus ganz unterschiedlichen Ländern führte, wäre dieses Buch nicht möglich gewesen. Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen dafür bedanken. Durch ihre kritische Nachfrage und ihre zahlreichen guten Vorschläge hat uns Herrad Meese als Lektorin unterstützt. Danke für die gute Zusammenarbeit! Unser namentlicher Dank am Ende des Buches geht an die Personen, die ihre Hände als Fotomodelle zur Verfügung gestellt haben. Wir erinnern uns sehr gerne an das unterhaltsame Fotoshooting.
Sabine Handschuck und Albert Kapfhammer
Zeig mal: Gesten
Hände in der nonverbalen Kommunikation
Teil I: Aspekte interkultureller Kommunikation durch Gesten
Suche nicht die großen Worte, eine kleine Geste genügt.
Phil Bosmans
1. WAS SIND GESTEN?
Unter Gesten werden in diesem Buch Zeichen verstanden, die mit der Hand oder den Händen ausgeführt werden und die eine bewusste Form der Kommunikation darstellen. Das ist eine willkürliche Eingrenzung des großen Themas „nonverbale Kommunikation“, da auch Bewegungen mit Kopf, Schulter, Armen usw. Gesten sind, auf die aber nur ganz am Rande eingegangen wird. Gestik wird zum Teil auch unbewusst ausgeführt, also nicht mit der Absicht einer Mitteilung. „Etwa 90 Prozent aller Gesten eines erwachsenen Sprechers werden redebegleitend produziert“ (Weidinger 2011: 9). Sie haben überwiegend keinen expliziten Mitteilungscharakter.
Werden Gesten bewusst eingesetzt, sind sie mit einer Kommunikationsabsicht verbunden und werden als konventionelle Gesten bezeichnet. Kinder lernen deiktische Gesten als erstes – diese Hinweisgesten beziehen sich auf Personen, Gegenstände, Orte und Zeiten. Deutet ein kleines Kind auf ein Spielzeug, kann das bedeuten: „Das will ich haben!“ Deutet es auf sich selbst, heißt das „ich“.
Viele Menschen erwarten den sogenannten Fingerzeig bei einer Hinweisgeste. Mit einem Fingerzeig auf die Tür kann ein Kind seinen Wunsch ausdrücken, auf den Spielplatz zu gehen, auch wenn dieses Anliegen noch nicht in Worten gefasst werden kann. Bittet man in Seminaren darum, zu zeigen, wo die Zukunft liegt, wird in der Regel der Fingerzeig nach vorne eingesetzt. Auch das ist eine deiktische Geste.
Bildhafte Gesten, auch semantische Gesten genannt, übermitteln Informationen durch die bildliche Darstellung. Diese kann einen Gegenstand durch eine Handbewegung formen, so zum Beispiel einen imaginären Ball, der mit den Händen umschlossen die Größe des Balles wiedergibt. Die konkrete Darstellung wird auch als ikonische Geste bezeichnet.
Es kann aber auch eine Vorstellung, eine Idee gestisch ins Bild gesetzt werden. Semantische Gesten, die abstrakte Konzepte darstellen, werden als metaphorische Gesten bezeichnet. So visualisiert eine Handbewegung zur einen und zur anderen Seite ein Pro und ein Kontra und entspricht der Redewendung „zwei Seiten einer Medaille“.
Die dritte Kategorie der semantischen Gesten sind Embleme. Embleme können von jedem Mitglied einer Gesellschaft oder gesellschaftlichen Gruppe problemlos gedeutet und auch sprachunabhängig eingesetzt werden. Beispielsweise gehören Bejahungs- oder Verneinungsgesten zur Gruppe der Embleme. Bedeutungen von Emblemen sind kulturspezifisch. So kann ein Nicken je nach Kontext sowohl eine Bejahungsgeste als auch eine Verneinungsgeste sein. Die häufigsten Missverständnisse in der nonverbalen interkulturellen Kommunikation sind auf die Fehlinterpretation von Emblemen zurückzuführen.
„Ein Gestentyp wird Beat genannt, da die gestischen Bewegungen aussehen, als würden sie den Takt anschlagen“ (Weidinger 2011: 8). Andere Bezeichnungen für diesen Typus sind Taktgesten oder rhythmische Gesten. Sie werden sprachbegleitend eingesetzt und unterstreichen das Gesagte, akzentuieren relevante Aspekte, visualisieren emotionale Beteiligung oder strukturieren die Rede: Beispielsweise kann der drohende Zeigefinger sich während einer Schimpftirade auf und ab bewegen, oder die rhythmisch bewegten Hände in Form einer Handpyramide können dem Gesagten Nachdruck verleihen.
Die Einteilung in verschiedene Gestenformen bleibt unscharf, da sich durch eine Geste verschiedene Informationen vermitteln lassen. Um welchen Typus von Geste es sich handelt, ist davon abhängig, was jeweils mitgeteilt werden soll. Abhängig von der Mitteilungsabsicht gibt es verschiedene Möglichkeiten, verbale und nonverbale Informationen zu kombinieren (Handschuck / Klawe 2004: 175f).
Gesten können das Gesagte unterstützen, was mit Redundanz bezeichnet wird. Teilt man einer Person mit, dass man ihrem Anliegen nicht entsprechen will und macht dazu eine abwinkende Geste mit der Hand, unterstreicht die Geste das Gesagte.
Durch Gesten kann aber auch eine Botschaft nonverbal ergänzt werden. Sogenannte komplementäre Botschaften konkretisieren das Gesagte. Wenn eine Person im Gespräch äußert, dass sie manche Verbote für völlig unangemessen hält und dabei auf das Schild „Spielen im Hof verboten“ zeigt oder mit dem Daumen hinter sich auf die Hausmeisterwohnung deutet, wird die verbale Mitteilung um die Informationen ergänzt, welches Verbot gemeint ist, und wen man dafür verantwortlich macht.
Bei der Addition werden zusätzliche Informationen gegeben. Gesten dienen dabei als Interpretationshilfe zur Einschätzung von Einstellungen oder Bewertungen. Berichtet eine Frau ihrer Freundin, dass eine gemeinsame Bekannte trotz Schulden einen Flug in die Karibik plant und tippt sich dabei an die Stirn, wird deutlich, was sie von dem Vorhaben hält.
Von Divergenz spricht man, wenn nonverbale Botschaften und verbale Botschaften im Widerspruch zueinander stehen. Beispielsweise kann die verbale Begrüßung einer unwillkommenen Person durchaus freundlich formuliert sein, aber die ausgestreckte Hand wird ignoriert. Oder es wird beteuert, dass das erzählte Erlebnis des Gegenübers interessant ist, vermittelt aber durch das Drehen der Daumen, wie langweilig und langatmig der Bericht empfunden wird.
Bei der Substitution werden Worte durch Gesten ersetzt. Ob man dem Freund den Daumen hält oder der riskant fahrenden Fremden den Mittelfinger zeigt, die Hand zu Abwehrgeste erhebt, um nicht angesprochen zu werden oder den Finger auf die Lippen legt – die Botschaften bedürfen keiner verbalen Ausführung.
Es gehört immer etwas guter Wille dazu, selbst das Einfachste zu begreifen, selbst das Klarste zu verstehen.
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
2. SIND GESTEN FÜR JEDEN VERSTÄNDLICH?
Gesten und insbesondere selbstverständliche Alltagsgesten, also Embleme, können in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen verschiedene Bedeutungen haben. Das kann zu Missverständnissen in der Kommunikation führen. Verstärkt wird die Gefahr der Fehlinterpretation einer Botschaft dadurch, dass kulturspezifische Deutungen sich unterscheiden, dass Genderaspekte nicht berücksichtigt werden, dass der Kontext falsch eingeschätzt wird oder dass die Geste gar nicht als solche wahrgenommen wird und damit die Botschaft nicht ankommt.
Dazu gibt es zahlreiche Untersuchungen. Bei einer in Israel 1988 durchgeführten Untersuchung (vgl. Apeltauer 1997: 27) wurden 46 Collegestudenten aus vierzehn verschiedenen Herkunftsländern äthiopische Embleme auf Video gezeigt. Die spannende Frage lautete, was als Geste ankommt und wie sie gedeutet wird. Ein Teil der Embleme wurde nicht als Geste wahrgenommen, sondern als Verhalten ohne Mitteilungsabsicht. Von den als Emblem erkannten Handzeichen wurden nur 23,3 % richtig dekodiert. Auch wenn es sich um eine ältere Studie handelt, wird deutlich, dass durch Gesten vermittelte Botschaften nicht immer ankommen oder allgemein verständlich sind.
In Kapitel 3 werden dazu Unterschiede in Begrüßungssituationen vorgestellt. Aber auch deiktische Gesten können missverstanden oder nicht wahrgenommen werden.
Viele Menschen erwarten den Fingerzeig bei einer Hinweisgeste, diese kann aber auch durch einen Blick, durch ein Heben des Kinns oder durch gespitzte Lippen ausgeführt werden. Da redebegleitende Gesten einen kurzen Moment vor der verbalen Formulierung produziert werden, lösen sie eine Erwartung aus, die die Deutung der Worte beeinflusst. Die Geste bestimmt also in manchen Fällen – wenn sie als solche erkannt wird –, wie die Rede zu interpretieren ist.
Ein einfaches Beispiel dafür ist der Fingerzeig nach vorne. Bei einer Unterhaltung zwischen einer Person aus Zimbabwe und einer Person aus Deutschland ging es um den Austausch von Erfahrungen und der zukünftigen Gestaltung der Städtepartnerschaft zwischen München und Harare. Das Deuten nach vorne wurde von der deutschen Person als Hinweisgeste in die Zukunft verstanden, von der Person aus Harare war aber die Vergangenheit gemeint. Die mit der Geste verbundene Vorstellung ist in unterschiedlichen Zeitkonzepten verankert. Während in Europa die Zukunft vor einem liegt, planbar und gestaltbar erscheint, ist in vielen afrikanischen Kulturen die Vergangenheit das, was man überblicken kann, das Erlernte, die eigenen Erfahrungen, die eigene kulturelle Entwicklung und die von den Vorfahren zur Verfügung gestellten Ressourcen zur Lebensbewältigung. Dass Geste und verbale Äußerung nicht zusammenpassten, führte zu einer Irritation, die erst durch Metakommunikation beseitigt werden konnte.
Gesten werden nicht isoliert eingesetzt. In Gesprächssituationen sind sie nicht nur in den Gesprächskontext eingebunden, sondern in viele weitere Ebenen nonverbaler Signale, die durch die Körperhaltung, die Mimik, die Stimmführung, den Blickkontakt oder die Körperdistanz bewusst oder unbewusst gesendet werden. Eine Geste kommt anders an, je nachdem, ob sie mit einem freundlichen Lächeln oder durch einen finsteren Blick begleitet wird. Das erleichtert einerseits das Verstehen, andererseits unterscheiden sich aber auch andere Aspekte kultureller Konventionen der nonverbalen Kommunikation – und das zum Teil erheblich.
Dennoch gelingt interkulturelle Verständigung in der Regel, wenn Verständigungsbereitschaft, Vorsicht bei der Interpretation und der Wunsch, sein Gegenüber richtig zu verstehen bei den Kommunizierenden gleichermaßen vorhanden sind. Hilfreich sind dabei interkulturelle Kompetenzen wie die Fähigkeit, die eigene Interpretationsfolie zu reflektieren, die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel, Ambiguitätstoleranz, also das Aushalten von Uneindeutigkeiten, das Wissen um unterschiedliche Konventionen, eine Haltung des Respektes; und durch Metakommunikation Irritationen anzusprechen, nachzufragen und zu erläutern – wenn dazu die Möglichkeit besteht und das Interesse vorhanden ist.
„Küss die Hand, gnä’ Frau“.
Inzwischen veraltete österreichische Begrüßungsformel
3. FORMEN DER BEGRÜSSUNG
Begegnen sich zwei Menschen, beginnt der Kontakt in der Regel mit einer Begrüßung. Man nickt sich zu, reicht sich die Hand, verbeugt sich oder sagt „Hallo“. Sich zu grüßen, ist ein Akt des Respektes, kann eine Geste des Willkommens sein, der Höflichkeitsetikette oder ein Ausdruck des Erkennens und Anerkennens von Zugehörigkeit. Kluge (1999: 342) vermutet, dass das Wort „Gruß“ aus dem lateinischen Wort „gratus“ abgleitet wurde, welches „lieb“ oder „willkommen“ bedeutet.
Begrüßungen haben in unterschiedlichen Gesellschaften sehr unterschiedliche Formen und gehen mit ritualisierten oder formalisierten Gesten einher. Nach Röhrich (1994: 591) lässt sich aus der Gruß-Sitte einer Gesellschaft ihre „ganze Kulturgeschichte“ ablesen. Die früheste Form des in Deutschland üblichen Grußes – Händedruck oder Handschlag – ist zunächst die Bekundung einer friedlichen Gesinnung durch das Ineinanderlegen der waffenlosen Hand. Auch das Heben der rechten Hand zum Gruß zeigt an, dass die waffentragende Hand leer ist, man sich also in friedlicher Absicht nähert.
Welche Grußform als angemessen gilt, ist nicht nur kulturabhängig, sie ist auch durch den jeweiligen Kontext der Begegnung bestimmt: wie gut sich die Begrüßenden kennen, welche Beziehung sie zueinander haben oder ob es sich um eine formelle oder informelle Begegnung handelt. Weiter spielen Generationszugehörigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer subkulturellen Gruppe eine Rolle, welchen sozialen Status die sich begrüßenden Personen haben und ob sie Mann oder Frau sind.
Bestimmte Grußformen können die Zugehörigkeit zu einer politischen oder sozialen Bewegung ausdrücken – wie die erhobene Faust der Black-Power-Bewegung. Andere Gesten zeigen die Verbundenheit mit einer Sport-, Freundes- oder Interessensgruppe, wie der unter Surfern übliche „Hang Loose“ oder die „gehörnte Hand”, die in der Metal-Szene auch als Grußzeichen eingesetzt wird; auch das „Hook ‘em Horns”, mit dem sich Fans der amerikanischen Football-Mannschaft „Texas Longhorns” der Universität Texas begrüßen oder ihre Mannschaft anfeuern, gehört dazu. Regionale Eigenheiten spielen ebenfalls eine Rolle. Der erhobene kleine Finger – „Klenkes“ – ist beispielsweise in der deutschen Stadt Aachen eine Grußgeste. Es gibt auch Gestenformen, die extreme, verfassungswidrige Meinungen repräsentieren. So ist in Deutschland der „Hitlergruß“ verboten, mit dem Rechtsradikale ihre Gesinnung ausdrücken.
Grußformen unterliegen Moden, veralten, werden variiert oder durch neue Grußgesten ersetzt. Das „Hutziehen“ oder der „Handkuss“ als respektvolle Grüße in Deutschland sind inzwischen ebenso aus der Mode gekommen wie das „Hi“ der 1968er-Generation, das sich nur in wenigen subkulturellen Kontexten gehalten hat. Auch der „Knicks“ und der „Diener“, die in den 1950er Jahren noch Mädchen und Jungen gegenüber Erwachsenen bei einer „artigen“ Begrüßung als Respekterweis abverlangt wurden, sind obsolet. Vor allem in männlichen Jugendcliquen kann es Mode sein, sich mit Fauststoß, Abklatschen „high five“ oder mit ganzen Bewegungsabläufen zu begrüßen. Die in Italien gängige Begrüßung mit „Küsschen“ rechts und links auf die Wangen wird auch unter Bekannten in Deutschland immer üblicher, während beispielsweise in den Niederlanden oder in der Schweiz ein dritter Kuss obligatorisch ist. Der Kuss auf den Mund ist in Deutschland nur Liebenden vorbehalten, während in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion der sozialistische Bruderkuss bei Staatsbesuchen üblich war. Inzwischen reicht auch in den osteuropäischen Ländern ein Händedruck.
Grußformen verändern sich in allen Gesellschaften. Traditionelle Grußrituale, wie beispielsweise der Nasengruß der Maori in Neuseeland gehören immer weniger zur alltäglichen Begegnung zwischen Gleichgestellten, sondern sind der rituellen Begrüßung, beispielsweise der von Staatsgästen, vorbehalten.
Nicht nur beim militärischen Gruß regelt es die Etikette, wer wen zuerst grüßt. Auch im Alltag gibt es Verhaltensregeln, die sich von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden können. So gilt es in Deutschland als höflich, dass zunächst die Frau und erst dann der Mann bei einem Besuch mit Handschlag begrüßt werden, während es in arabischen Ländern üblich ist, dass der Gast zunächst den Gastgeber mit einem sanften Händedruck begrüßt, der Gastgeberin aber nur freundlich zunickt.
Eine Person nicht zu begrüßen, ist in allen Gesellschaften eine Kränkung. Einen Gruß zu verweigern, ist ein deutliches Zeichen für einen Konflikt oder eine tief sitzende Ablehnung. Immer wieder ist in interkulturellen Seminaren Thema, wer sich wem anzupassen hat. Besonders die Verweigerung der Begrüßung mit Handschlag wird als Unhöflichkeit wahrgenommen; handelt es sich um Mann und Frau, so wird die Verweigerung als Abwertung der Frau und Missachtung der Gleichberechtigung aufgefasst. Das ist unabhängig davon, welcher Herkunft die Person ist, die womöglich einen Händedruck als unangenehm empfindet oder andere Vorstellungen davon hat, was als angemessene Begrüßung gilt.
Im dritten Teil zeigt die Übung „Standpunkt und Bewegung – Begrüßungsgesten“ in sechzehn unterschiedlichen Formen der Begrüßung in verschiedenen Gesellschaften und Subkulturen. Die Übung „Statement“ dient der Meinungsbildung, sie greift Fragen nach Anpassung und Abgrenzung und den Umgang mit Unterschieden auf.
Mit einer geballten Faust kann man keinen Händedruck wechseln.
Indira Gandhi
4. GESTEN DER MACHT
Bei öffentlichen Auftritten von bekannten Persönlichkeiten, seien sie Vertreterinnen oder Vertreter aus dem Medienbereich, der Kunst, des Sports, der Wirtschaft oder Wissenschaft, sind es oft Gesten, die in der Presse einen Aufsehen erregenden Blickfang darstellen und nachdrücklich in Erinnerung bleiben. Es wird umarmt, geküsst, gewinkt, gekniet, sich verbeugt, die Faust gereckt oder durch ein anderes Handzeichen eine Botschaft vermittelt, die die Massen erreicht, sie versöhnt, aufrüttelt, rührt, zum Nachdenken bringt oder ihre Solidarität einfordert. Von Politikerinnen und Politikern wird erwartet, dass sie ihre Körpersprache bewusst einsetzen. Ihre Macht ist im besten Fall akzeptiert, im schlechtesten gefürchtet. „Interaktionistisch verstanden beinhaltet Macht eine asymmetrische Beziehung, die darin besteht, andere beeinflussen, lenken und beherrschen zu können, oft auch gegen deren Wissen“ (Gyr 2000: 43).
Die politische Bühne mit ihrer Medienwirksamkeit ist wohl einer der wichtigsten Orte der großen Gesten. Manche dieser Gesten werden zu Sinnbildern politischer Scheidewege, zu Ikonen gesellschaftspolitischer Einschnitte wie beispielsweise der Kniefall von Willy Brand am 7. Dezember 1970 vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Die spontan wirkende Haltung der Erschütterung und der Demut, mit der Brandt seine Bitte um Vergebung ausdrückte, fand international Beachtung. Das Bild war in allen Medien präsent und wurde als wohl wichtigste Geste der deutschen Nachkriegsgeschichte bezeichnet. Sie ermöglichte eine neue Ostpolitik und ebnete den Weg für die deutsch-deutsche Wiedervereinigung.
Nicht jede Geste geht in die Geschichte ein. So gehört das Händeschütteln wohl zu den am meisten abgelichteten Standardgesten versöhnlicher Begegnung auf dem internationalen politischen Parkett. Bedeutung erhält die Berührung erst durch den politischen Kontext. Sie kann ihre Kraft der Symbolik dadurch entwickeln, dass sie spontan und ehrlich wirkt und eine Botschaft vermittelt, die über Etikette hinausgeht – wie das Halten der Hand zwischen dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl und dem französischen Staatspräsidenten François Mitterand im September 1984. Während sie auf dem Soldatenfriedhof Douaumont in Verdun der Gefallenen beider Seiten gedachten und ein Trompeter die Totenklage blies, nahmen sie sich sichtbar erschüttert spontan bei der Hand und verharrten in dieser Verbundenheit, während sie den traurigen Tönen lauschten.
In der Regel ist der Händedruck als politische Geste inszeniert. Das berühmte Pressefoto von J. David Ake von 1993 dokumentiert den Abschluss des Osloer Friedensabkommens. Im Vordergrund geben sich Jitzchak Rabin und Jassir Arafat die Hand. Hinter beiden steht Bill Clinton mit ausgebreiteten Armen und vermittelt durch die Geste des Zusammenführens seine maßgebliche Beteiligung an den Verhandlungen. Der Handschlag war geplant und geprobt worden. „Mit dem Satz: ‘The whole world will be watching, and the handshake is what they will be looking for’ konnte Clinton vorab auch den skeptischen Rabin von der weitreichenden politischen und medienwirksamen Bedeutung dieser Geste überzeugen“ (Hommers 2014: 418).
Auch der Händedruck zwischen US-Präsident Barak Obama und dem kubanischen Staatschef Raúl Castro im Dezember 2013 auf der Gedenkfeier für Nelson Mandela fand große Aufmerksamkeit in der Presse. Es war die erste Geste der Annäherung seit der kubanischen Revolution von 1959 und von daher von besonderer historischer Bedeutung. Weniger harmonisch verlief dagegen die gemeinsame Presseerklärung von Raúl Castro und Barak Obama drei Jahre später im März 2016.
Ein kurzer Filmausschnitt (https://www.youtube.com/watch?v=IzwL48XtWHU) zeigt, dass Castro sich gegen Obama wehrt, als dieser ihm auf die Schulter klopfen will. Er verhindert die typisch US-amerikanische Geste handgreiflich. Bereits Georg Bush hatte durch ein unangemessenes Berühren der Schulter Aufmerksamkeit erregt: Beim G-8-Gipfel in St. Petersburg im Juli 2006 näherte er sich Angela Merkel von hinten, legte seine Hände auf ihre Schultern und griff beherzt zu. Die deutsche Bundeskanzlerin reagierte mit einer erschrockenen Abwehrbewegung und hob beide Hände. Die Szene führte zu einer großen Aufregung in der Presse und sozialen Netzwerken.
Hatte sich Bush nur einfach peinlich daneben benommen oder hatte der amerikanische Präsident die deutsche Bundeskanzlerin gar sexuell belästigt? Vielleicht handelte es sich aber vor allem um eine Geste der Macht? Diese Erklärung ist sehr nahliegend. In Deutschland wie auch in den USA ist die Schulterpartie die Körperzone der Macht. Nur eine ranghöhere Person darf eine rangniedrigere Person an der Schulter berühren. So kann ein Vorgesetzter dem Mitarbeiter durchaus wohlwollend auf die Schulter klopfen, um seine Anerkennung auszudrücken, der Mitarbeiter darf dies aber gegenüber dem Vorgesetzten nicht. Wer wen, wann, wo und wie lange berührt, unterliegt gesellschaftlichen Konventionen. „Immer ist es der Statushöhere, der den Untergeordneten berührt und nicht umgekehrt“ (Gyr 2000: 51). Es ist also nicht verwunderlich, dass weder Castro noch Merkel die mit der Geste verbundene Rollenzuweisung akzeptieren wollten.
Politische Gesten können die beabsichtigte oder unbewusst angestrebte Wirkung erfüllen, sie können aber auch einfach daneben gehen. So wurde die Geste des Sieges von Christian Wulff (CDU), als er 2003 zum Ministerpräsidenten von Niedersachsen gewählt wurde, in den sozialen Netzen recht höhnisch kommentiert. Zeigen wollte er das Zeichen für „Victory“ (Geste 12). Doch da seine Handfläche nach innen zeigte, wurde daraus nichts. In englischsprachigen Ländern bedeutet dies „Steck dir zwei Finger in den Hintern“.
Etwas länger zurück liegt die Begegnung des ehemaligen Außenministers Klaus Kinkel mit dem Dalai Lama. Als dieser 1995 dem deutschen Politiker als Zeichen der Freundschaft eine Khata, einen tibetischen Schal, der positive Gedanken und Motive symbolisiert, um die Schultern legen wollte, ließ Kinkel das tibetische Ritual nicht zu. Die Presse reagierte mit Spott und zweifelte an den interkulturellen Kompetenzen des deutschen Außenministers.
Als nur noch peinlich kann die Selbstdarstellung des italienischen Politikers Silvio Berlusconi bezeichnet werden, der auf einem Pressefoto hinter dem spanischen Politiker Josep Pique stehend, diesem Hörner aufsetzt und die Geste „Mano Cornuta“, auch „Pommesgabel“ genannt, grinsend in die Kamera hielt. Eine Geste, die in der Türkei Recep Tayyip Erdoğan erregte. Fünf türkische Jugendliche, die auf dem Weg zu einem Rockkonzert waren, grüßten den vorbeifahrenden Corso des Staatschefs mit der Geste. Erdoğan ließ die jungen Männer umgehend in Handschellen abführen und einen Tag lang festhalten (Geste 14).
Erdoğan selbst war auf vielen Pressefotos seit 2013 mit erhobenen vier Fingern (Geste 24) zu sehen (SZ 18.08.2016). Dieses politische Statement drückt seine Unterstützung für die Muslimbrüder und den gestürzten ägyptischen Staatspräsidenten Mohhamad Mursi aus. Das Handzeichen „Rabia“ (vier) ist eine Anspielung auf den Rabia-al-Adawiya-Platz in Kairo, auf dem das ägyptische Militär mit Waffengewalt gegen Demonstranten vorging und über 600 Anhänger der Muslimbrüder tötete.
Der äthiopische Marathonläufer Feyisa Lilesa nutzte beim letzten olympischen Wettkampf der Leichtathletik die große Bühne für eine politische Geste gegen die Unterdrückung seines Volkes, den Stamm der Orono (SZ 23.08.2016). Dazu erhob er die Arme gekreuzt über den Kopf, ein Symbol für gefesselte Hände. Die olympische Charta verbietet jegliche politische Demonstration. Wer dagegen verstößt, kann disqualifiziert werden. Lilesa wurde lediglich vom IOC an die olympische Charta erinnert, kam also ohne Disziplinierungsmaßnahme davon.
Die afroamerikanischen Sprinter Tommie Smith und John Carlos hingegen wurden 1968 bei den Spielen in Mexiko diszipliniert, weil sie ihre schwarz behandschuhten Hände bei der Siegerehrung als Demonstration gegen die Rassendiskriminierung in den USA in die Höhe hielten.
Die Wirkung von Gesten ist oft eine Herausforderung für die Staatsmacht, wenn sie die Opposition von Bürgern zum Ausdruck bringen. So drohte die Militärregierung 2014 in Thailand gegen den „Gruß von Panem“ (Geste 21) vorzugehen, wenn dieser in der Öffentlichkeit gezeigt würde. Es wurden mehrere Studenten, die gegen die Machtübernahme des Militärs mit dieser Geste protestierten, festgenommen.
Als ein Beispiel für politisch couragiertes Auftreten ging die Schwedin Tess Apslund durch die Presse (SZ 04./05.05.2016), die sich einer Gruppe aufmarschierter Rechtsextremisten mit erhobener Faust (Geste 30) entgegen stellte. Die Geste habe sie dem Freiheitskämpfer Nelson Mandela abgeschaut, erläuterte Asplund, für sie sei es eine Selbstverständlichkeit gegen Neonazis zu demonstrieren. Ein Fotograf war zur Stelle und veröffentlichte das Foto auf Twitter, viele Tausende teilten es nationen-übergreifend. „Du bist großartig“, twitterte die englische „Harry Potter“-Autorin Joan K. Rowling.
Die Unterhaltung in der Gebärdensprache ist für mich eine reine Entspannung. Ich kann mich zurücklehnen und die Schönheit der sprechenden Hände beobachten
Zitat aus einer Fallbeschreibung (Leonhardt 2010:144)
5. GEBÄRDEN UND GEBÄRDENSPRACHE
Wäre es nicht schön, wenn Verständigung kulturübergreifend „einfach von der Hand“ ginge? Wenn es eine universelle Gebärdensprache gäbe, die weltweit unterrichtet und damit von allen Menschen erlernt würde? Das ist leider nicht der Fall.
Während jeder Mensch gestikuliert und zum größten Teil unbewusst die verbale Kommunikation durch Körpersprache ergänzt, kommentiert oder verstärkt, muss die Gebärdensprache erlernt werden. Sie ist eine eigene Sprache, sie sich anzueignen ist ebenso mühsam wie das Erlernen einer Fremdsprache (Leonhardt 2010: 140). In der Gebärdensprache können wie in jeder gesprochenen Sprache komplexe Zusammenhänge ausgedrückt werden und alle Gebärdensprachen haben ihre eigene linguistische Struktur (Boyes Bream 1995: 14).
Weiter wird die Verständigung dadurch erschwert, dass über hundert verschiedene Gebärdensprachen existieren. Dabei sind Dialekte nicht mit berücksichtigt, von denen es allein in der Schweiz schon mehrere gibt (Boyes Braem / Haug / Shores 2012). So unterscheiden sich die Dialekte der deutsch-schweizer Gebärdensprache in den fünf Kantonen, in denen sie an Gehörlosenschulen unterrichtet werden, und der jeweilige Spracherwerbsort der Gebärdenden kann am Dialekt regional zugeordnet werden.
Gebärdensprachen unterscheiden sich durch unterschiedliche Zeichen, Zeichenbildungs- und Satzbauregeln. Benutzer verschiedener Sprachen können sich untereinander nicht verständigen, selbst wenn die gleiche Lautsprache gesprochen wird, wie es zum Beispiel bei der britischen (British Sign Language, BSL) und der amerikanischen Gebärdensprache (American Sign Language, ASL) der Fall ist (Crystal 1995: 220). Selbst das Buchstabieren hilft nicht weiter, denn auch das Fingeralphabet unterscheidet sich. Das englische Fingeralphabet wird mit beiden Händen ausgeführt, während das amerikanische nur eine Hand benutzt. So entspricht der Buchstabe „T“ im amerikanischen Fingeralphabet der Geste „Feigenhand“ (Geste 4), im englischen Fingeralphabet wird das Zeichen für „T“ ausgeführt, indem mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den unteren Rand der geöffneten Handfläche der linken Hand gedeutet wird. Im schwedischen Fingeralphabet, das auch mit nur einer Hand auskommt, werden Zeigefinger und Daumen aus der zur Faust geschlossenen Hand gestreckt, was in Deutschland als Zählgeste für „zwei“ gedeutet werden kann.
Gebärdensprachen sind also ebenso komplex wie gesprochene Sprachen. „Eine flüssige Konversation in der Gebärdensprache hat eine Geschwindigkeit – ein bis zwei Zeichen pro Sekunde –, die mit der gesprochenen Sprache vergleichbar ist. Die Bildung eines Gebärdenzeichens nimmt zwar mehr Zeit in Anspruch als das Aussprechen eines Wortes, aber zahlreiche Zeichen drücken eine bestimmte Bedeutung erheblich prägnanter aus als ihre lautsprachliche Entsprechung“ (Crystal 1995: 222).
Jede Gebärdensprache verfügt über eine große Anzahl von Zeichen, die amerikanische beispielsweise umfasst etwa 4000. Nur ein kleiner Teil von ist ihnen ist so bildhaft, dass er ohne weiteres Wissen verstanden wird. Die in einer Auf-und-ab- Bewegung zur Faust geballten Hände stehen beispielsweise in der Deutschen Gebärdensprache für den Begriff Wut. Der die Vokabel begleitende Gesichtsausdruck erleichtert die Übersetzung. Das Handzeichen für die Farbe Gelb ist dagegen nicht ohne Kenntnis zu deuten, hier hilft auch Mimik nicht weiter. In der amerikanischen Gebärdensprache entspricht die Farbbezeichnung der Grußgeste „Aloha“ (Geste 7).
Crystal (1995: 220) vermutet, dass ursprünglich viele Handzeichen der Gebärdensprache ikonisch, also bildhaft waren, die Bildhaftigkeit der meisten Zeichen aber durch den Sprachwandel verloren ging.
Die Ausdrucksmittel der Gebärdensprache bedienen sich nicht nur der Hände und Arme. Gesichtsausdruck, der Blick und die Blickrichtung, das Bild, das der Mund formt, die Kopfhaltung und die Körperhaltung vermitteln Gefühle und Ansichten der Gebärdenden und sind für die Grammatik der jeweiligen Gebärdensprache von zentraler Bedeutung (Leonhardt 2010: 141). Eine Frage kann von einer Aussage durch das Hochziehen der Augenbrauen oder das Anheben des Kinns unterschieden werden. Die Wiederholung einer Verbgebärde in unterschiedlichen Geschwindigkeiten kann Kontinuität, Wiederholung oder die Betonung eines Aspektes bedeuten und wird durch die begleitende Mimik differenziert. Pausen zwischen Gebärden und Gebärdenfolgen markieren „Satzzeichen“, auch hier erschließt sich durch den Gesichtsausdruck und die Körperhaltung, ob es sich um ein „Komma“, ein „Ausrufungszeichen“ oder einen „Punkt“ handelt.
Von großer Bedeutung für die Verständigung ist die Nutzung des Gebärdenraums. Der Gebärdenraum reicht von der rechten bis zur linken Seite der gestreckten Arme und vom Scheitel bis etwas unterhalb der Taille. Über dem Kopf oder unterhalb der Gürtellinie werden nur sehr wenige Zeichen ausgeführt (Cystal 1995: 222). Je nachdem wohin jeweils Zeichen in den Gebärdenraum gesetzt werden, drücken sie unterschiedliche Satzelemente oder semantische Funktionen aus. So werden Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit dadurch erkannt, dass Gebärden eher vorne oder eher hinten im Gebärdenraum platziert werden. Wird sich über verschiedene Personen unterhalten, so sind diesen unterschiedliche Bereiche im Gebärdenraum zugeordnet. Der Gebärdenraum wird verkleinert oder vergrößert, je nachdem, ob es eher um „leisere“, zurückhaltende Mitteilungen geht oder um „lautere“, stark emotionale und nachdrückliche Botschaften.
Bereits 1817 wurde in Hartford, USA, die erste Gehörlosenschule gegründet. Die komplexe Struktur der Gebärdensprache wird aber erst seit knapp sechzig Jahren systematisch erforscht. William Stokoe verfasste mit „Sign Language Structure“ 1960 eine der ersten wissenschaftlichen Abhandlungen und stellte fest, dass die Gebärdensprache alle linguistischen Kriterien einer Sprache erfüllt. Stokoe untersuchte Gebärdenzeichen danach, wo sie im Gebärdenraum ausgeführt werden, wie die Hand geformt wird, um eine Gebärde auszuführen, und welche Bedeutung dem Bewegungsfluss der aktiven Hand zukommt. Er schlug vor, die Untersuchung der kleinsten Bedeutung unterscheidenden Elemente, der „Chereme“, Cheremologie zu nennen und nicht von Phonologie zu sprechen. Der Vorschlag ist naheliegend, da sich der Begriff Phonologie aus dem griechischen Wort für „Laut“ oder „Stimme“ ableitet, während Stokoe Cheremologie aus dem griechischen Wort für „Hand“ ableitete. Sein Vorschlag setzte sich nicht durch. In Deutschland ist nach wie vor von „Phonologie“ die Rede.
Ich denke, dass nur Leute, die in die Gehörlosenkultur hineingeboren sind, diese Einzigartigkeit vollständig verstehen können.
Zitat aus einer Fallbeschreibung (Leonhardt 2000:145)
6. GEHÖRLOSENBEWEGUNG UND GEHÖRLOSENKULTUR
In den 1970er-Jahren entwickelte sich zunächst in den USA, kurz darauf auch in Europa eine Gehörlosenbewegung, die auf einem neuen Selbstbewusstsein der Gehörlosen aufbaute und die Gehörlosensprache selbst erweiterte. Neue Gebärden wie „Selbstbestimmung“ und „Bevormundung“ drückten aus, dass sich Gehörlose gegen die Stigmatisierung als Behinderte wehrten. Sie begannen sich als Mitglieder einer kulturellen Gemeinschaft zu definieren, gründeten soziale und politische Organisationen, setzten sich für den Erhalt ihrer Sprache ein und kämpften für die Entwicklung angemessener Methoden für den Gehörlosenunterricht.
Die Merkmale der Gehörlosenkultur lassen sich nach Leonhardt (2010) folgendermaßen zusammenfassen: Grundlage der Gehörlosenkultur ist die Gehörlosensprache, unabhängig von der Hörfähigkeit ihrer Mitglieder. Die kulturelle Zugehörigkeit geht mit der Einstellung einher, Zugehörige der Gehörlosenkultur zu akzeptieren, sie zu erkennen und anzuerkennen. Innerhalb der Gehörlosenkultur existiert eine formale Sozialstruktur. Eigene Höflichkeits- bzw. Benimmregeln bestimmen das Gesprächssetting. Es besteht ein hoher Prozentsatz von Ehen der Gehörlosen untereinander. Gehörlose organisieren sich in eigenen Vereinen und Verbänden. Die Gehörlosenkultur umfasst eigene Kunstformen wie das Gehörlosentheater, eine eigene Art des Humors wie gehörlosenspezifische Witze, eine eigene Namensgebung durch entsprechende Gebärden, eine eigene gehörlosenspezifische Literatur und sie bringt Kulturgegenstände hervor, die nur von Gehörlosen im Alltag genutzt werden wie Signaleinrichtungen, die Töne ersetzen (Türklingel, Babyfon) oder Schreibtelefone.
Ein Beispiel für einen Repräsentanten der Gehörlosenkultur ist der finnische Rapper Signmark, alias Marko Vuoriheimo. Er verfasst seine Texte in Gebärdensprache und tritt weltweit mit seinen Konzerten auf. Die Texte werden für Hörende übersetzt. Gehörlose verstehen ihre Sprache und verbinden sie mit der Musik, die sie als Vibrationen spüren und zu denen sie tanzen.
Mit der Gehörlosenkultur ist der Begriff „Deafhood“ (Taubsein) verbunden. Der Begriff „Deafhood“ bezeichnet eine Lebenseinstellung, die auf gemeinsame Werte und ein starkes Gemeinschaftsgefühl bezogen ist. Diese wird als ein Konzept der Selbstermächtigung dem gehörlosen britischen Wissenschaftler Patrick Ladd zugeschrieben. Deafhood soll dem defizitorientierten Begriff der Taubheit „Deafness“ ein positives Wort und eine selbstbewusste Haltung entgegen setzen. Wird ein Mensch in Texten als nicht hörend beschrieben, verwendet man die Kleinschreibung „deaf“. Eine Person, die der Gehörlosenkultur angehört, wird mit einem großen „D“ geschrieben, also „Deaf“. Die Deaf-Szene ist weltweit im Internet vertreten und in eigenen Austauschforen organisiert. Die Ansichten von Ladd, der Gehörlose durch Hörende kolonialisiert sieht und zum Widerstand gegen die Dominanz der Hörenden aufruft, sind umstritten.
Unbestritten ist, dass die Rechte der Gehörlosen nicht den Rechten der Hörenden entsprechen. In nur wenigen Ländern ist die Gebärdensprache Landessprache oder als Minderheitensprache akzeptiert wie beispielsweise in Schweden, das bereits 1981 die schwedische Gebärdensprache als Minderheitensprache anerkannt hat. Eines der ersten Länder, in denen die Gebärdensprache in der Verfassung verankert wurde, ist Finnland, das 1995 die finnische Gebärdensprache neben Finnisch und Schwedisch als Landessprache festgeschrieben hat. Uganda bestätigte 2000 die Gebärdensprache verfassungsrechtlich, 2005 wurde in Österreich die Gebärdensprache als anerkannte Minderheitensprache in die Bundesverfassung aufgenommen und seit 2006 ist die neuseeländische Gebärdensprache neben Englisch und Maori offizielle Amtssprache.
Die deutsche Gebärdensprache ist in einer Vielzahl von Gesetzen verankert. Auffällig ist allerdings, so ein Kommentar des Gehörlosenbundes, dass alle diese gesetzlichen Regelungen in den Behindertenbereich fallen bzw. die Sozialgesetzgebung betreffen.
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