Kitabı oxu: «Miló»

Şrift:

Foto Ayşe Yavaş

Alberto Nessi, geboren 1940 in Mendrisio, studierte an der Universität Freiburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er unterrichtete italienische Literatur in Mendrisio, schrieb für Zeitungen und verfasste Hörspiele. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Schweizer Grand Prix Literatur für sein Lebenswerk. Alberto Nessi lebt in Bruzella. Im Limmat Verlag sind von ihm lieferbar: «Nächste Woche, vielleicht», «Terra matta», «Schattenblüten», «Die Wohnwagenfrau», «Mit zärtlichem Wahnsinn / Con tenera follia» und «Abendzug».

Die Übersetzerin

Maja Pflug, geboren in Bad Kissingen, Übersetzerausbildung in München, Florenz und London, übersetzt seit über dreißig Jahren italienische Literatur ins Deutsche, u. a. P. P. Pasolini, Cesare Pavese, Natalia Ginzburg. Sie lebt in München und Rom und wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis für ihr Lebenswerk. Im Limmat Verlag sind von ihr Übersetzungen von Anna Felder, Alberto Nessi, Giovanni Orelli und Anna Ruchat lieferbar.

Alberto Nessi

Miló

Erzählungen

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

Limmat Verlag

Zürich

Erster Teil

Miló

«Résistance n’est qu’espérance»

René Char

1

Vevey, 3. Februar 1934

Joséphine-Amérique eilt den windgepeitschten Genfersee entlang. An den Steinen am Ufer brechen sich die Wellen, das raue Rumoren der Brandung begleitet ihre Gedanken. Brandung, erbarmungsloses Gelächter: Die Arbeitslosigkeit ufert aus. Wie mag es dem armen Jungen im Gefängnis in Lausanne gehen? Wird er frieren? Er ist schon dreiundzwanzig, aber immer noch ihr Kind. Die Wellen überschlagen sich im Kopf der Frau, die gegen den Wind ankämpft. Sie hat die zwei wasserspeienden Steinlöwen am Brunnen der Place Orientale hinter sich gelassen, wo sie zwei Zimmer bewohnt. Allein, jetzt, da ihr Miló im Gefängnis sitzt.

Ihr Blick schweift zu den scharfen Zähnen der Berge hinter dem See, Drachenzähne, deren Schneespitzen tief hinunterreichen. Sie wird vom Wind gebeutelt und hat keine Augen für die himmeltanzenden Möwen über dem See. Sie hat nur Augen für Miló, bewacht von einem Wärter, der alles sieht. Er ist in einer Zelle eingesperrt, in der Festung Bois-Mermet, am Rand jener Stadt, die sie einmal auf dem Ausflug mit den Fabrikarbeiterinnen gesehen hat. Wie wird er das durchstehen, dieser lebenslustige Junge? Sie weiß noch, wie er mit der Schleuder in der Tasche die Gassen von Vevey unsicher machte, ihr kleiner David, der davon träumte, den in der alten Hausbibel abgebildeten Riesen Goliath zu Fall zu bringen. Was wird aus ihm werden? Was hat er nur im Blut, das ihn zur Rebellion drängt?

Joséphine ist eine mit dem Wind kämpfende Möwe auf dem Weg zur Arbeit. Wenn sie den Blick hebt, sieht sie den Schlot. Sie macht Zigarren bei Rinsoz & Ormond, so heißt die große Manufaktur jetzt. Sie beschleunigt den Schritt, damit sie nicht zu spät kommt. Sie lässt das Hôtel des Trois Couronnes hinter sich, eine gute Zielscheibe für Miló, Schmiedeeisen und Terrassen mit Säulchen, von denen schon die russische Zarin in der Sommerfrische auf den smaragdgrün schillernden Genfersee geblickt hatte. Mit zerzaustem Gefieder erreicht sie die Place du Marché: den weiten Platz, wo sie samstags auf dem Rückweg von der Fabrik ihre Kartoffeln kauft, wo Miló als Kind zwischen Karren, Hütchen und Spazierstöcken loslief, um aus den Körben der Marktfrauen eine Frucht zu stibitzen.

Joséphine kann sich nicht beruhigen. Einmal hatte sie dem verflixten Bengel verboten auszugehen, er hatte sich in einem Winkel der Wohnung versteckt und drei Tage dort ausgeharrt. Sie rief «Milóo …» Und er nichts, stur wie ein Esel, lieber verhungere ich … Eine Machtprobe. Woher hat dieser Dickkopf nur die herausfordernde Art, die ihn, als er noch kurze Hosen trug, die Schaufenster der Lingerie de Paris in der Rue du Centre aufs Korn nehmen ließ? Und jetzt mischt er sich unter Gewerkschafter, Kommunisten und Anarchisten. Dabei wollte er Pastor werden, Lernen gefiel ihm. Doch auch aus dem Internat ist er davongelaufen, ertrug die Disziplin nicht: Sein Gott verleiht ihm Flügel.

Grande Place. Das Ufer, wo sie zusammen mit anderen, ebenso armen Frauen zum Wäschewaschen hingeht. Die flachen Kähne für die Waren. Hier kommt der Tabak für die Zigarren an. Die Frau eilt am Schloss mit den Türmchen vorbei, in dem, sagt man, einst der große Baron gelebt hat, derjenige, der Händevoll Münzen in den See warf und belustigt zuschaute, wie die Buben ins Wasser sprangen, um sie wieder herauszufischen.

Da ist die Fabrik: Nun heißt es Zigarren rollen bis zum Abend, während die Gedanken forteilen aus diesem großen Raum voller Frauen, die vor Bergen von Tabakblättern sitzen, achtundvierzig Stunden pro Woche über die von breiten Fenstern beleuchteten Werkbänke gebeugt. Man muss dem Blick des Peinigers ausweichen: Als sie vor zwanzig Jahren angefangen hat, in der Fabrik zu arbeiten, war der dort, der Herr Aufpasser, imstande, dir eine Zigarre wieder aufzurollen, wenn du zu schnell warst, denn eine Zigarrenarbeiterin darf nicht mehr als zwei Franken pro Tag verdienen: Doch Joséphine ist schlau wie ein Fuchs und kann tausend Zigarren am Tag machen. Ab und zu hebt sie den Kopf und sieht durch die Scheiben die Savoyer Alpen jenseits des Sees. Die Drachenzähne. Ein Dampfer durchfurcht die Wellen. Wo mag das Aostatal liegen, das Dorf, das sie vor so langer Zeit verlassen hat, um in die Schweiz zu gehen?

Jetzt muss man den Kopf senken. Doch als junges Mädchen hatte sie auf den Straßen von Vevey den Demon­s­trationszug der Streikenden gesehen: Arbeiterinnen und ­Ar­bei­ter aus den Zigarren- und Schokoladenfabriken. Am Abend bei der Union ouvrière Louis Bertoni hören, am Tag beim Schokoladenkönig mit Steinen die Scheiben einschmeißen. Bis die Armee eingegriffen und auf die Menge geschossen hatte.

Was soll jetzt bloß aus dem Jungen werden, der den Hitzköpfen von Genf und Lausanne hinterherläuft? Und dann läuft er auch noch den Röcken dieser Landstreicherin hinterher, die durch die Bistrots zieht …

Roll, Joséphine, verlier keine Zeit

Die pouponneuse schiebt dir den poupon hin, das heißt die Puppe, das Innere der Zigarre, das mit den schönsten Blättern umwickelt werden muss, und du denkst an deinen Sohn im Gefängnis. Dein Wickelkind. Zu Hause in der Nachttischschublade hast du das Foto liegen, das mit dem leicht schräg aufgesetzten Strohhut – man sieht, dass du nicht an Hüte gewöhnt bist, die mit Trauben und Blumen geschmückt sind: Du hast sie vor ein paar Jahren auf dem Winzerfest gesehen, als die Grande Place sich mit Frauen und Männern in Tracht gefüllt hat, die sangen, tanzten, mähten und harkten, während sie mit Fässern beladene Karren begleiteten, die von Ochsen gezogen wurden: auf der einen Seite die Kinder der Herrschaften, herausgeputzt als Götter und Göttinnen, Bogenschützen der Sonne, Hundertschweizer mit Federbusch auf dem Helm und auf den Boden gestützten Schwertern, auf der anderen die Kinder der Armen, verkleidet als Bauern, Böttcher und Mistkehrer.

Roll, Joséphine, verlier keine Zeit

Auf dem Foto daheim sitzt du im Studio des Fotografen in der Rue du Centre: die Arbeiterin als Göttin, thronende Madonna mit schwieligen Händen, Mutter, Füchsin ne­ben dem Fuchsjungen im Matrosenanzug. An den Füßen hohe Schnürschuhe. Miló lehnt an deiner Schulter, so seid ihr gleich groß. Wie Wurzeln schauen die Finger deiner Hände aus den Spitzen deiner Bluse heraus, die am Hals mit einer Brosche geschlossen ist: Wie viel Tausend Zigarren hast du schon gerollt, seit dein Mann dich geschwängert und das Weite gesucht hat?

Roll, Joséphine, verlier keine Zeit

Der Aufpasser behält dich im Auge, und die Möwen kreischen vor den Fenstern der Fabrik. Sie haben dir deinen Miló gestohlen, diese Viecher, die sich am Ufer die gestran­deten Fische schnappen … Nun kommt wieder ein poupon zum Einwickeln, dein Wickelkind, und heute Abend wirst du gelbe, stinkende Finger haben.

Wie war denn dein Leben? Wie war das Dorf, das du als junges Mädchen verlassen hast, das ferne Dorf mit dem Vogelnamen, Fénis? Wie ein Phönix schwebt es durch die Erinnerung, ohne sich auf Beute zu stürzen wie diese ­Möwen, die über dem aufgewühlten See kreischen. Mit jenem nach Heu duftenden Namen, der in der Kindheit das Ende aller Übel versprach?

2

Lausanne, Gefängnis von Bois-Mermet,

6. Februar 1934

Emile Lexert, unehelicher Sohn von Joséphine, ohne fes­ten Wohnsitz, ledig, Maler und Gipser, Größe 1,69, mittlere Statur, Haare und Augenbrauen schwarz, Augen braungrün, Nase geschwungen, Schnauzbart dunkelbraun, Lippen dick, Gebiss gut, nicht vollständig, fliehendes Kinn, glattrasiert, ovales Gesicht, eine gerade, senkrechte Narbe von einem Zentimeter über der rechten Augenbraue zur Nase hin, ein Muttermal auf dem linken Nasenflügel, ein Mut­termal neben dem rechten Nasenflügel … Genügt euch das?

Es ist nicht wahr, dass ich im Zimmer von Madame Jaquenoud einen Damenmantel entwendet habe. Es war so: Toto hat mir diesen Mantel verkauft, grau mit Pelzkragen, zum Preis von zehn Franken. Seine Papiere waren nicht in Ordnung, deshalb hat er mir das Ding verkauft: Er brauchte Geld, um nach Italien zurückzukehren. Der Freund Toto hat eine Nacht in meinem Zimmer bei Madame Jaquenoud verbracht, aber ohne Madames Erlaubnis, sie hat ihn gar nicht gesehen. Ja, wahrscheinlich ist der Mantel gestohlen, wie soll man leben, wenn man nichts hat?

Seit ich aus Genf fort bin, bin ich arbeitslos. Am 16. Januar bin ich nach Lausanne gekommen. Seitdem habe ich immer in Prilly bei Anna gewohnt. Ihr kennt Anny nicht. Lasst die Finger von ihr. Nein, ich habe mich nicht bei der Einwohnerkontrolle angemeldet und auch meinen Pass nicht hinterlegt.

Meine Freundin ist Mädchen für alles bei einem Herrn, der in der Apotheke La Palud arbeitet. Dieser Herr hat mir erlaubt, bei ihm zu wohnen, wenn ich keine Arbeit habe.

Ich bin aus Genf ausgewiesen worden, weil ich ohne Genehmigung gearbeitet habe. Ich möchte klarstellen, dass ich Toto den Mantel abgekauft habe, in einem Café, im Beisein meiner Freundin Anny. Ich habe den Mantel mit zwei Münzen à fünf Franken bezahlt.

Am 17. Februar, zehn Tage nach dieser Erklärung, schreibt Miló einen Brief an Monsieur le Président. Er kann gut mit Wörtern umgehen:

Zurzeit bezichtigt die Justiz mich und meine Verlobte eines Verbrechens, das wir nicht begangen haben und für das wir uns vor einem Gericht verantworten sollen. Ich gebe zu, dass der Schein uns unrecht gibt, doch unser Gewissen ist rein, und was mich bedrückt, ist, dass wegen eines Fehlers und einer so geringfügigen Sache das Leben von zwei Menschen, die sich über alles lieben, für immer zerstört werden kann und dass ich gegen meine Entscheidung ausgewiesen werde.

Geringfügig, ja: ein Mantel für zehn Franken. Aber der Brief nützt nichts. Am 13. März wird er mit Anny in Lau­san­ne vorgeladen, vor den Richter, die Beisitzer, den Amtsschreiber und die Gerichtsdiener. Es erscheinen Berthe mit ihrem Hütchen, das Dienstmädchen von Madame Jaquenoud, und Jean, der Kellner des Cafés Ecusson Vaudois. Der Amtsschreiber beginnt ein Papier vorzulesen, in dem Miló der grivèlerie bezichtigt wird, das heißt, auf Kosten anderer zu essen und zu trinken. Dann wird er des Diebstahls angeklagt. Er und Anny. Doch das Gericht entscheidet, dass weitere Informationen benötigt werden, und ver­tagt die Sitzung: Sie haben nicht genügend Beweise gegen die beiden.

Eine Woche später stehen sie erneut vor dem Richter. Diesmal ist eine andere Berthe da, die für die Heilsarmee arbeitet, die Uniformierten, die Trompete und Trommel spielen und Gott ein Loblied singen, sie wollen die Menschheit vom Teufel befreien und haben eine Fahne, auf der sang et feu steht.

«Sie haben etwas entwendet, von dem sie wussten, dass es ihnen nicht gehört», schreiben die vom Gericht. Einen Mantel mit Pelzkragen.

So verurteilt der Gerichtshof sie zu drei Monaten Gefängnis, zu fünf Jahren Verlust der Bürgerrechte und zur Bezahlung der Hälfte der Gerichtskosten wegen einer Sache, die sie bei einem Dieb gekauft haben. Doch der Mantel mit Pelzkragen war wirklich schön: In diesem Mantel sah Anny wie eine richtige Dame aus, nicht wie ein Mädchen ohne festen Wohnsitz. Anna, die noch keine achtzehn Jahre alt ist.

3

Gefängnis von Bochuz, 21. März 1934

Miló ist nach Bochuz verlegt worden und wartet auf den Tag seiner Ausweisung aus der Schweiz. Die Polizei hat ihn als «unerwünscht» bezeichnet; er trägt das Wort in sich, als hätte man ihn angespuckt.

An der Umfassungsmauer des Gefängnisses Bois-Mermet, das er vor wenigen Tagen verlassen hat, hatte auch Benito Mussolini kurz mitgebaut, einer der sechstausend armen Schlucker, die damals in Lausanne arbeiteten: Als Gelegenheitsmaurer in Lausanne zu Beginn des Jahrhunderts musste er manchmal sogar auf einer Bank unter dem Grand Pont übernachten. Er war nicht nur Handlanger gewesen, sondern auch Gehilfe im Weinladen und in der Metzgerei, der aus der Romagna ausgewanderte Schullehrer, der jetzt Italien beherrschte. Eines Abends in der Maison du Peuple, bei einem Streitgespräch über «Christus als Befreier der Sklaven und Vorläufer des Sozialismus», hatte Mussolini die Größe Jesu geleugnet, was hatte der denn schon Denkwürdiges vollbracht? Ein paar Dörfer missioniert und ein Dutzend unwissende Landstreicher als Jünger geworben …

Diese Dinge hat Miló von seinen italienischen Freunden erfahren, und ab und zu denkt er daran. Jetzt in dem neuen Gefängnis wurde die Umfassungsmauer durch Stacheldraht ersetzt: eine moderne Strafanstalt in der ­Orbeebene. Ein Schandmal.

«Er war in Bochuz» ist ein Satz, der dich für immer brandmarkt.

In seiner Zelle eingeschlossen, wird Miló wieder zum Kind: In der Zweizimmerwohnung an der Place Orien­tale hat er sich nach den Vorhaltungen seiner Mutter hinter dem Vorhang versteckt. Er will nicht herauskommen, lauscht im Dunkeln dem Stundenschlag der großen Turm­uhr. Er hört sein Herz klopfen, der vaterlose kleine Fuchs … Er hat mit sich selbst gewettet: das Dunkel aushalten. Keinen Vater zu haben, ist besser, so kannst du ihn dir ausdenken, wie du willst. Ein Vater mit Schnauzbart, der mit mir auf dem See Boot fährt, meine Hand in seiner hält, mir beibringt, flache Steinchen über die Wellen hüpfen zu lassen …

Eines Tages trottet er nach der Schule mit seinem Klassenkameraden dahin. Am Seeufer bleiben sie nachdenklich stehen:

«Du hast überhaupt keinen Papa», sagt der Kamerad.

«Oh doch. Mein Papa ist Handelsvertreter. Er reist her­um und verkauft Sachen. Er ist reicher als deiner, mein Papa.»

«Das ist nicht wahr. Ich hab ihn noch nie gesehen. Wo wohnt er denn?»

«In Frankreich. In Paris.»

«Das ist nicht wahr. Du hast keinen Papa.»

«Und du weißt nicht mal, wo Paris liegt …»

Damit stößt Miló den Kameraden ins Wasser, damit er den Karpfen und Hechten des Genfersees Gesellschaft leis­tet.

In der Zelle in Bochuz fallen ihm die Dinge aus der Kindheit ein: Sie kommen und gehen wie die Wellen der Brandung. Nun bringen die Wellen das Buch mit dem blauen Umschlag aus der Grundschule: die Schöpfungsgeschichte, die Sintflut, das Kamel, die Wüste, der Turmbau zu Babel, die Landkarten in Grün, Ocker und Blau, das Blau des Meeres. Wie gern würde er einmal im Meer schwimmen! Was waren das bloß für Geschichten, die sie in der Schule lasen? Der Steinklopfer beklagt sich über die Anstrengung und will aufhören zu arbeiten, aber der Ochse hält ihm eine Predigt: Des Menschen Schicksal ist es zu arbeiten, zu leiden und auf den erlösenden Tod zu warten, und die Reichen werden den Elenden die Brosamen von ihrem Tische geben …

Nun bringen die Wellen seine Mutter. Sie ist aus der Fabrik zurückgekehrt, Miló geht pfeifend Brot holen, und es gefällt ihm, hinter dem Mann mit dem Stab herzugehen, der auf der Straße die Gaslampen anzündet. Dann erscheinen in der Brandung die kleinen Dinge des Alltags, die großen Schuhe, mit Stroh gepolstert, um die Füße warmzuhalten, die Frau, die ihm fürs Einkaufen zwei Franken gibt, das Räuber-und-Gendarm-Spielen auf der Gasse. Die Grande Place, der Herbstmarkt mit Rindern, Schweinen und Ziegen, Schießbuden, Karussellen, Marroniverkäufern zwischen den Säulen der Markthalle La Grenette, dem Duft nach gebrannten Mandeln und Lebkuchenherzen … Die Geschichten des Lehrers: Napoleon mit dem goldbetressten Zweispitz auf dem Kopf und dem Säbel an der Seite lässt die Männer auf dem Platz Revue passieren, bevor er zum Großen St. Bernhard aufbricht: Er reitet auf einer Berberstute, ist so groß wie die Welt, und ein Adler leitet ihn bei seinen Eroberungen.

Früh hatte er den Ungehorsam entdeckt, der Junge. Statt in die Schule zu gehen, sah er den Fischern am Bootssteg zu und betrachtete die in der Metzgerei an Haken aufgehängten Tierleichen. Einmal war er der Straßenbahn mit der Reklame für Suchard-Schokolade in der Rue de Lausanne bis zum Bahnhofsplatz gefolgt, wo die Wagen der Hotels halten, und hatte sich bis zu der großen Aufschrift Hôtel de Vévey vorgewagt. Auf dem Rückweg war er vor dem Pavillon stehengeblieben, wo am 1. August die Fan­fare spielt und lebende Bilder mit der weißgekleideten Mamma Helvetia inszeniert werden.

Jetzt in der Zelle erscheint ihm vor dem Einschlafen Anny. Mädchen gefallen ihm. Ihre Arme sind weich. Sie lächeln wie das Wasser im Wald: Man hört es fließen, und dann sieht man es, dieses Wasser. So ist es, wenn die Mädchen lächeln. Wenn sie dir in die Augen schauen. Das Wasser glitzert auf den Kieseln im Bachbett der Veveyse, und Anny zieht lächelnd ihre Bluse aus.

In Bochuz kennt man nach einer Weile die Geschichten aller anderen, wenn man in den Werkstätten oder auf den Feldern arbeitet. Miló sieht sich um: Wer mögen diese Männer sein, die hier hinter Gittern leben? Diese Mäuse in der Falle?

Der hier ist ein Alkoholiker, den seine Frau betrogen hat, er hat das Haus angezündet und zehn Jahre bekommen. Der dagegen hat mit dem Ordonnanzgewehr geschossen und auf dem Dorfplatz zwei Leute umgebracht. Der andere, der ins Leere starrt, lebte in Lausanne, Rue du Pré, mit drei Brüdern und vier Schwestern, er hat früh angefangen, nachts auszureißen, mit elf Jahren war er schon im Erziehungsheim. Dann ist da noch der Einbrecher, der das Geschäft seines Arbeitgebers ausgeraubt hat.

Im Zuchthaus hat Miló alle Zeit, sich zu erinnern. Nicht nur an Anny und die Brücke, wo sie sich verabredeten, im Schilf der Veveyse. Er erinnert sich auch an die Ferien in Fénis, die Wiesen, wo die Weidenröschen blühten, an die Füchse, an die Großmutter beim Heuen und beim Kochen von Polenta mit Käse und peilà, an die Sprüche: «Kuckuck, mein Kuckuck, wie viele Jahre gibst du mir noch zu leben?» Einmal hatte er das Schloss besichtigt, und der heilige Christophorus mit dem Kind auf der Schulter hatte sich ihm eingeprägt, auch er wollte ein Heiliger werden. Tja, die Dinge geschehen, damit man sich später daran erinnern kann, bevor sie der Kuckuck holt …

Die Tage, als er als Maler und Gipser in Genf arbeitete, kommen ihm in den Sinn, die Streifzüge über die Bau­stellen auf der Jagd nach Streikbrechern: Sie verraten die Brüder, wie Judas Jesus Christus verraten hat. Arbeitslose schliefen mal hier, mal dort, in einem Waggon, in einem Keller, in einem Heuschober am Rand der reichen Schweizer Stadt. Vagabunden. In seiner Gruppe gab es viele ritals: So wurden die Italiener genannt. Sie waren in den zwanziger Jahren über den Moncenisio gekommen auf der Flucht vor Mussolini.

Am Samstagnachmittag teilten sich die militanten Gewerkschafter in Gruppen auf und gingen nachsehen, ob der Feierabend eingehalten wurde. Ein Unternehmer weigert sich, den Kollektivvertrag zu unterschreiben? Dann geht man hin und demoliert die Baustelle, reißt alles wieder ein, hoppla! Und wenn der Vermieter einem Arbeitslosen fristlos kündigt und die Gemeinde ihm ein Rattenloch zur Verfügung stellt, geht man hin und demoliert das Rattenloch. Démolissons les taudis stand auf einem Plakat, das auf den Straßen der Stadt aufgetaucht war. Ein Teil der Gewerkschaft war für die direkte Aktion: Ganz einfach, man steht um fünf Uhr morgens auf, geht die Bruchbuden abreißen und schafft so Arbeit für neuen Wohnungsbau. Haben wir nicht das Recht, anständig zu leben? In Genf standen Tausende von Wohnungen leer, doch wer die Miete nicht zahlen konnte, flog raus. Der Gerichtsvollzieher kam mit seiner gelb-roten Schärpe und begann: «Im Namen des Gesetzes …»

Einmal, in der Rue Verte, erfand eine Gruppe von Rabauken ein neues Gesetz, das Gesetz der Jungs von Carouge: Man zieht dem Gerichtsdiener ein Leintuch unter den Achseln durch und hängt ihn wie eine Salami ans Fenster. Und ein andermal sperrten sie die flics in den Keller und brachten die Möbel aus den Wohnungen der Gekündigten weg, um zu verhindern, dass der Gerichtsvollzieher mit der Schärpe kommt und sie pfändet.

In Genf gingen die Streikbrecher in jenen Jahren unter Polizeischutz zur Arbeit und wurden abends bis zum Büro der Christsozialen, die ihre Beschützer waren, zurückbegleitet. Auf der Place du Molard gab es L’Ouvrier du Bois et du Bâtiment und Le Réveil Anarchiste zu kaufen. Manchmal wurden die Zeitungsverkäufer von den Faschisten angegriffen.

Miló las L’Ouvrier, der jeden Mittwoch herauskam. Ob er registriert war, wusste er nicht. Doch die Militanten standen auf der schwarzen Liste, das wusste er. Es herrschte Arbeitslosigkeit, und die Bosse nutzten es schamlos aus. Sie fragten den Arbeiter:

«Wie viel verlangst du pro Stunde?»

«Na ja, ein Franken fünfundfünfzig ist mir recht.»

«Nein, nein, ich finde für einen Franken Arbeiter, so viel ich will …»

«Aber wir wollen den Tariflohn. Der Tarif muss eingehalten werden!»

«Welcher Tarif denn? Nichts zu machen!»

«Wir haben unsere Gewerkschaft, die verteidigt uns.»

«Wir pfeifen auf eure Gewerkschaft …»

Den Franken fünfundfünfzig hatten die Maurer bei dem Streik 1928 erstritten. Miló war gerade neunzehn – er hat früh angefangen, mit Pinsel und Spachtel bewaffnet auf luftigen Gerüsten herumzuklettern. Damals führte Lucien Tronchet die Maurer an, in Samtjacke und schwarzer lavalliere:

«Die Herrschaften, die sich christlich nennen und mit ihrem Verhalten wegen drei Centimes ihr Paradies verspielen …»

Er sagte zu den Arbeitern:

«Lernt euer Handwerk gut. Wenn ihr euch unentbehrlich macht, könnt ihr den Bossen die Stirn bieten.»

Doch diese setzten die «trockene Guillotine» ein, das heißt, sie vereinbarten, keine Arbeiter zu beschäftigen, die Gewerkschaftsmitglieder waren.

Milós bester Freund war Amedeo, ein vor dem Faschismus geflüchteter Maurer aus dem Piemont. Arbeitslos geworden, half er hier und da aus, ernährte sich von den Abfällen der Restaurants, manchmal auch von streunenden Katzen. Man nannte ihn «den wandernden Juden». Sie trafen sich oft, und Miló lauschte seinen Geschichten.

In Genf lebten zu der Zeit mehr als zweitausend Juden, Georges Oltramare hasste sie und hetzte auf den Kundge­bungen gegen die geizigen Besitzer der Kaufhäuser der Stadt: «Die Verantwortlichen für die Oktoberrevolution in Russland sind alle Juden … Sie sind nicht einfach Bürger wie alle anderen, die Juden, sondern Terroristen, Zerstörer der Mittelklasse!»

Miló war ein junger Fuchs, der allmählich heranwuchs. Er begann zu begreifen, dass die menschliche Gesellschaft auf Lüge gebaut ist. Bei der Arbeit auf den Baustellen hörte er den Gesprächen seiner Kollegen zu; und an einem Novembernachmittag 1932 kommt einer und sagt, sie sollen sich bereithalten, am Abend alle nach Plainpalais zu laufen, um die Union Nationale ein bisschen aufzumischen; die, die mit gestreckter Hand den rechten Arm he­ben.

«Die sind wie die Nazis», sagen die Arbeiter, «wir gehen hin und hindern sie am Reden!»

«Sie haben die Banque de Genève in die Pleite getrieben …»

«Mit unserem Geld spielen sie an der Börse …»

«Hoch Nicole!»

«Hoch Dicker!»

«Gehen wir die Genossen verteidigen!»

«Bringt Stöcke, Pfeffer und Trillerpfeifen mit!»

Doch an jenem Novemberabend marschiert vor dem Palais des Expositions das Militär auf:

Rekruten aus der Infanterieschule

Jungs aus dem Wallis, der Waadt, dem Jura, aus Genf

können kaum die Waffen halten

mit Helm und Gewehr mischen sie sich unter die Menge

beziehen Prügel von den Arbeitern

ein paar Gewehre gehen zu Bruch

es sprechen Nicole und Tronchet

«Hoch die Sowjets!», «Tod den Schweinen!»

Man singt die Internationale

ist das die Revolution?

Nein, nur Krawall, Pfiffe, fliegende Steine

«Die Soldaten in die Kaserne!»

Ketten versperren den Zugang zum Gemeindesaal

die Menge durchbricht sie, zu Dutzenden stürmen sie

durch die Bresche

die Polizei jagt sie zurück

nur Krawall

bis die Trompete schallt

was hat das zu bedeuten?

«Un coup, visez bas, feu!»

schau diese Unglücksmenschen an, sie knien nieder,

zielen und schießen!

Maschinengewehre und Kriegsmunition!

in die Luft zielen verboten

nach dem Schuss eine tiefe Stille

in der Brasserie des Sports kommen erste Verletzte an

sie werden auf den Billardtisch gelegt

ein alter Mann wiederholt immer wieder

«Sagt es meiner Tochter, sagt es meiner Tochter …»

Erinnerst du dich, Miló? An alles erinnerst du dich, auch an Blanche, deine Gewerkschaftsgenossin: Sie hat ihren Bruder in der Rue de Carouge besucht und sieht nun auf dem Heimweg die Leute auf dem Platz, sie hört, dass es schon zwei Tote gegeben hat. Zuletzt werden es dreizehn Tote sein – darunter auch der Vater eines der Rekruten, die geschossen haben –, von den Verletzten zu schweigen.

Aber die Kaufleute können beruhigt sein, ihre Geschäf­te haben überlebt, nur das Schaufenster des Bäckers hat ein Loch, die Feuerwehrleute werden in der Nacht mit ei­nem Wasserschlauch die Blutspuren tilgen, und was soll die junge Blanche anderes tun, als in der Manteltasche die Fäuste zu ballen? Es ist kalt heute Abend in Genf, die Bise treibt die dürren Lindenblätter vor sich her, wer es sich leisten kann, geht ins Capitol in den Film La foule hurle mit Jean Gabin oder ins Central-Sonore, um die Beine der Marlene Dietrich zu bewundern.

In Bochuz denkt Miló wieder an die Szene mit Ramón ­Novarro und dessen akrobatische Flugkünste in dem Film La flotta del cielo, den er eines Nachmittags im Cinéma Oriental gesehen hat: Draußen schneit es, und Ramón springt hinaus in den Himmel, weil er seine unglückliche Liebe vergessen will, die schöne Sirene, die ins Meerwasser eintaucht. Die Flugzeuge dröhnen, Miló ist Ramón Novarro, er fliegt aus der Zelle davon und erlebt eine Liebesgeschichte mit der Sirene, küsst sie tief und lange.

In der Schwärze der Einsamkeit bevölkert sich die Stille mit Gespenstern, und der Gefangene sieht seine Helden wieder vor sich: Ramón Novarro, Bartolomeo Vanzetti, Nicola Sacco.

Eines Tages erschien auf den Straßen ein Plakat, auf dem stand: Sacco et Vanzetti sont innocents, liberons-les. Die Arbeiter in Genf demonstrierten. Einer von der Gewerkschaft zog einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche, der die beiden mit Handschellen aneinandergefesselt zeigte: Vanzetti hat einen Schnauzbart, Sacco einen stolzen Blick und eine Fliege. Beide tragen einen Mantel mit Pelzkragen: genau wie der Mantel, den Toto gestohlen hat, der Mantel, der ihn ins Gefängnis gebracht hat. Unter der Fotografie die Worte, die Vanzetti vor dem elektrischen Stromstoß gesagt hat, schwarze Binde über den Augen, Metallring um den kahl rasierten Kopf:

«Hier vor dem Tod wiederhole ich: Ich bin unschuldig. Sicherlich habe ich auch Unrecht begangen, aber ein Verbrechen nie. Ich danke allen, die mit uns gekämpft haben. Ich bin ein unschuldiger Mann, wie auch mein Genosse im Unglück, Sacco, unschuldig war. Ich verzeihe den Menschen, die mir das angetan haben.»

Und dann das im Gefängnis geschriebene Gedicht:

An den Füßen tragen wir Ketten

zur Buße.

In schmutzigen, dunklen Gefängnissen erleiden wir jede Qual

Zur Buße

Doch ihr, ihr da draußen

zerreißt die Ketten, holt uns heraus.

Die Gefängnistür geht auf

und wir hören den Schrei, den einzigen Schrei

Die Welt ist frei – ist frei – ist frei!

An einem dieser Tage hatte Amedeo ihm eine Zeitungsseite mit einer unfassbaren Nachricht mitgebracht:

Heute gegen zwölf Uhr erschien über Mailand plötzlich ein italienisches Flugzeug am Himmel und warf Flugblätter von Giu­stizia e Libertà ab. Die sprachlose, staunende Bevölkerung las sie mit Freuden. Die Flugblätter fordern zur Rebellion auf, um den Faschismus zu stürzen. Die Po­li­zei griff ein, als das Flugzeug schon wieder aufgestiegen war und am Horizont verschwand.

Es ist ein Samstag im Juli 1930, Miló fantasiert. Zerreißt die Ketten! Dieser Irre ist ein Grundschullehrer aus Ao­sta: Bassanesi heißt er. Kommt aus dem Aostatal wie seine Mutter, ein Lehrer, ein sturköpfiger Fuchs, der gelernt hat, einen Eindecker zu fliegen. Um Platz für die Stöße von Flugblättern zu schaffen, verzichtet er auf den Fallschirm: zu schwer. Und über dem Domplatz von Mailand werfen Bassanesi und sein Freund die Flugblätter ab, die zur Revolte aufrufen, Tausende und Abertausende rote, grüne und gelbe Vögel flattern am lombardischen Himmel. Genau dann, wenn die Arbeiter und Angestellten aus den Käfigen der Büros und Fabriken kommen, in den Straßen den bunten Vögeln nachlaufen können und die Worte lesen: Revolte! Revolte!

Miló stellt sich vor, er sei sein Landsmann Bassanesi. Er erhebt sich im Flug über den See. Neben ihm in der Kanzel des Farman F200 sitzt seine Mutter Joséphine-Amérique, die aufgehört hat, Zigarren zu rollen. Jetzt überfliegen sie die Savoyer Alpen, der Eindecker verwandelt sich in einen rosa Phönix, der bis nach Fénis fliegt, dort macht er ein akrobatisches Manöver à la Ramón Novarro und setzt seine Mutter auf einer Wiese mit blühenden Weidenröschen ab; dann steigt er wieder auf, kehrt um und holt seine Verlobte Anna, die einen Mantel mit Fuchskragen trägt, aber darunter ist sie eine splitternackte Sirene und singt, wie die Sirenen für Odysseus auf dem Schiff.

4

Zu Beginn des Sommers 1934 verlässt Miló das Zuchthaus und überquert den Großen St. Bernhard; aber ohne Napoleons Berberstute … Innerlich nimmt er die Radtouren an den Ufern des Genfersees mit, das Paradies oberhalb der Veveyse, das Geklimper des Gefängniswärters, der im Vorbeigehen an die Gitterstäbe des Zellenfensters schlägt, Bassanesis Riesenvogel; und jenes Wort, das er nicht vergessen kann: «unerwünscht». Er hat Anna verlassen, die nun ihre Kunden in den Cafés sucht, wo sie sich für wenig Geld verkauft, und in den Nachtlokalen, in denen sie sich als Tänzerin ausgibt; auch sie wird die Strafanstalten kennenlernen. Auch sie wird ausgewiesen werden, un­­erwünscht.

In Italien strengt Miló sich an. Er lernt Roulette spielen wie die schicken Krawattenträger in Vevey, die er durch die Scheiben sah, wenn er an den Luxushotels vorbeiging. Auch er ist jetzt ein vornehmer Herr. Er fährt einen Balilla und hat stets ein Hündchen dabei, setzt in den Spielcasinos auf Rot und auf Schwarz: Er hat eine Methode entdeckt, die es ihm ermöglicht, zu gewinnen und ein schönes Leben zu führen. Bei Frauen ist er begehrt.

Hier ist er in Venedig. In der Rechten die Zigarette wie ein Geschäftsmann, die Linke in der Tasche des Mantels, den er mit dem Geld vom Roulette gekauft hat: im Hintergrund die Piazza San Marco, Touristen mit Tauben und Fledermaus-Carabinieri. Auf einem anderen Foto ist er in Nizza, mit Clownshose und Clownshut, in einer Gruppe, die von einer Ziehharmonika bei Laune gehalten wird. Im Jahr 1936 löst er das Überlebensproblem in einer Kaserne von Turin, viertes Bersaglieri-Bataillon: Er ist italienischer Staatsbürger und muss seinen Militärdienst ableisten. Der piemontesische Feldwebel begrüßt ihn mit dem Schrei: «Valdustàn patata» …

Nach dem Militär kehrt er zu seinem Onkel nach Aosta zurück. Die Gebirgsstadt empfängt ihn mit rauen Straßen, engen Gassen, Handwerksbetrieben. Auf dem Marktplatz sieht er Bergbauern mit gegerbten Gesichtern, Kinder, die barfuß um Almosen betteln, den Scherenschleifer mit seinem Karren, die fliegenden Händler und die Gemü­sefrauen; ihm aber fehlt die blaue Luft des Sees. Die Stadt gefällt ihm wenig mit den traurigen Steinquadern des Römischen Bogens und den faschistischen Samstagen, den Fähnchen und Standarten, den Tugenden der Faschistischen Jugend, dem strahlenden Horizont, den Worten, die aus dem Radio tönen:

«Die Sonne geht auf, es kräht der Hahn, o Mussolini, aufs Pferd, wohlan!»

Vor dem Bahnhof stehen Statuen von Cäsar und Au­gustus. Wenn er den Blick hebt, sieht Miló die Berge; doch ihm fehlen die anarchistischen Freunde von den Baustellen in der französischen Schweiz. Auch wenn die Straße, in der er wohnt, ihn an gewisse enge Straßen in Vevey erinnert, wo er sich als Kind herumtrieb und von der Schleuder Davids träumte.

Er wohnt in der Via de Lostan in einem Reihenhaus bei seinem Onkel Baccio, der als Schmied arbeitet, und nimmt seine Tätigkeit als Anstreicher wieder auf. Doch bald erfasst ihn die Sehnsucht: Was wohl seine Mutter in Vevey macht? Umwickelt sie immer noch poupons in der Fabrik? Ist ihre Arthritis schlimmer geworden? Er hat sie seit mehreren Jahren nicht gesehen und beschließt, sie zu besuchen: Am 29. Juli – wenn der Weizen reift, wie sie beim Barras in den Osterien von Turin sangen – macht er sich auf Ziegenpfaden auf den Weg. Kein Weizen, allerdings. Keine kleinen Mädchen «mit einer Rose in der Hand», sondern Steinhaufen voller Vipern und das plötzliche «Halt! Wer da?» des Schweizer Gendarmen, der auf dem Großen St. Bernhard Dienst tut: Sie nehmen ihn fest, entdecken, dass er aus der Schweiz ausgewiesen wurde, und übergeben ihn dem italienischen Wachtmeister, der sich darum kümmert, ihn «angemessen» zu verhören und zum Sprechen zu bringen, um ihn in Handschellen ins Gefängnis von Aosta zu überführen. Auf dem Fahndungsfoto des Polizeipräsidiums hat der Flüchtling eine geschwollene Nase und verquollene Augen. Sie geben ihm drei Monate und zweitausend Lire Geldstrafe. Doch dann hat Maria Pia von Savoyen die gute Idee, auf die Welt zu kommen, und es gibt eine Amnestie: Der Allmächtige, unendlich Gütige und Gerechte hat die gekrönten Häupter nach seinem Bilde geschaffen, um die Unerwünschten zu begnadigen.

Begnadigt und überwacht. Niemand kann ihn allerdings daran hindern, sich zu verlieben. Lässt die Liebe nicht selbst die Esel tanzen? Eines Tages arbeitet er als ­Anstreicher auf dem Gerüst an der Entbindungsstation, als er eine magere Krankenschwester mit lächelnden schwarzen Augen vorbeigehen sieht: Es ist Ida, die Kleine aus den Abruzzen. Sie hat ihre Heimat am Meeresufer, wo sie sich eingesperrt gefühlt hat, für die Berge im Norden verlassen. Ihre Brüder arbeiten bei Cogne, sie schuftet hier. Und nun steht dort dieser kräftige Bursche mit dem Schnauzbart: Die Pinsel in der Hand, hält er inne und sieht sie verzaubert an. Er gleicht dem Schauspieler aus dem Film, den sie im Filmtheater Politeama Vittoria gesehen hat. Sein Po ist wohlgerundet, wie er da auf der Leiter balanciert. Seine Augen dunkel wie die Blüten der Akelei. In ihren Augen funkeln Sternchen. Sie unterhalten sich. Und heiraten am 13. April 1940. Die wichtigen Dinge geschehen immer im April.

Miló findet eine Stelle bei Cogne in der Mechanikerwerkstatt, Abteilung Eisenlegierungen. Die große Fabrik befindet sich im Süden der Stadt, wo ein Wildbach in die Dora fließt.

Er bekommt einen Arbeiterlohn, arbeitet aber als Angestellter:

«Bist du Parteimitglied?», fragt ihn der Personalchef, als er sich vorstellt.

«Wollt ihr jetzt einen Faschisten oder einen Angestellten? Wenn ihr einen Angestellten wollt, bin ich dabei.»

Der Betrieb arbeitet auf Hochtouren für den Krieg. Stahl für Eisenbahnschienen, Waggons, Kanonen, Flugzeuge, Schiffe, Panzer, leichte Waffen, Geschosse. Der Krieg. Nach der Eisenbahnüberführung sieht Miló, wenn er zur Arbeit geht, über dem Hauptgebäude des Stahlwerks die Schrift mit den weißen, fensterhohen Buchstaben: Duce Duce Du­ce. Und vor einigen Monaten hat man der Belegschaft die ­Regeln des faschistischen Arbeiters ausgehändigt, ­die folgendermaßen beginnen: «Erinnere dich, dass Mussolini immer recht hat.» Und so enden: «Arbeite und schweig.» Dazwischen wird an einer Stelle dazu aufgerufen, die aufrührerischen «Schwachköpfe», die behaupten, etwas von Politik und Strategie zu verstehen, unerbittlich niederzumachen: «Hab absolutes Vertrauen zu Demjenigen, der – in Rom – die Verantwortung für alles trägt. Er genügt für alle.»

Die Bewohner des Aostatals arbeiten bei Cogne, auf diese Weise brauchen sie nicht zu emigrieren: Der Krieg mit seinen Haien, Spekulanten und der Todessense kommt ihnen zu Hilfe. Die meisten sind Bauern, nach der Arbeit gehen sie heim zum Heuen und Stallausmisten. Sie haben zwei Arbeiten, das Tal hört auf, sich zu entvölkern. 1936 hat der Faschismus in Spanien seine Generalprobe abgehalten. Drei Jahre später ist Mussolini in das kleine Rom der Alpen eingezogen, durch einen M-förmigen Bogen gegenüber dem des Kaisers Augustus. Und jetzt marschieren bei Cogne die fürchterlichen Deutschen ein: Die verstehen was vom Tod! Und im Mai 1943 wird man deutlich sehen, was der Krieg wirklich ist, was übrigbleibt vom Bataillon Monte Cervino, das in den Steppen des Don zur Schlachtbank geschickt wurde … Die jungen Hasen kommen in Waggons zurück, auf denen steht: W i lupi della steppa – Ein Hoch auf die Steppenwölfe. Den gefeierten, mit Blumen und Schlachtrufen empfangenen Alpini bleibt nichts, als sich an die Flasche zu hängen: Die wenigen Überlebenden können den Bischof über die Barbarei der Roten und der Engländer reden hören und abends mit Freikarten ins Filmtheater gehen: Der Sieg ist ein Kinomärchen.

Seit Ende des Jahrhunderts, als die Cholera ein Massaker angerichtet hat, gibt es im Tal keine Arbeit mehr; Felder, wo man etwas anbauen kann, gibt es wenige, die Ernten sind karg und die Steuern hoch. Also wandert man aus: nach Paris, um Taxi zu fahren, in die französische Provinz, in Schweizer Städte, nach Amerika; Milós Mutter hat Vevey gewählt. In einigen Dörfern des Hochtals hängen in den Geschäften die Fahrpläne der Überseedampfer aus. In der Osteria flucht man: «Scheißitalien, hauen wir ab!»

Jetzt aber ist es genug: Man arbeitet bei Cogne, und in der Stadt ist sogar ein neues Viertel entstanden, wo die Arbeiterfamilien wohnen, die häufig aus dem Veneto und aus Kalabrien stammen oder Ausländer sind. Das zertrüm­merte Erz wird mit Loren aus dem Bergwerk und dann mit einer Seilbahn bis zur Fabrik in Aosta transportiert: Hochofen, Stahlwerk, Walzwerk. Die Bewohner des Aosta­tals sind stark und gelehrig. Die Gießerei ist die Hölle: Hochöfen zum Schmelzen des Stahls bei Temperaturen von 1500 bis 2000 Grad, Getöse der Walzstraßen, Kräne, die Schrott wegräumen, Spritzer von geschmolzenem Stahl beim Guss. Der größten Gefahr sind die Schlangenlenker ausgesetzt, die am Ausgang und am Eingang der Walzen mit riesigen Zangen die Rundstahl- und Vierkantstäbe steuern. Tust du einen falschen Schritt oder verpasst den richtigen Moment, wirst du von der glühenden Schlange erfasst. Außerdem bringt die Schichtarbeit den Rhythmus des täglichen Lebens durcheinander: Eine Woche steht man vor Sonnenaufgang auf, in der nächsten Woche arbeitet man bis spät und kommt erst mitten in der Nacht nach Hause, in der dritten Woche schläft man nachts überhaupt nicht.

Unter den Arbeitern fühlt Miló sich wohler als unter den Bauern, die ständig am Schwanz ihrer Kuh hängen. Er beginnt, den historischen Materialismus zu studieren, organisiert Versammlungen bei sich zu Hause in der der Via Croix de Ville Nummer zwei. Er ist einer der «Besserwisser, die behaupten, sie verstünden etwas von Politik». Ida, die inzwischen die kleine Renata bekommen hat, gönnt sich einen Tapetenwechsel und fährt für einige Monate in ihre Heimat, die Abruzzen, während Miló zum Lehrer wird für Emilio, Alfredo, Augusto und Italo, alles Cogne-Arbeiter: Sein Freund Lino Binel, der in Mailand Inge­ni­eur geworden ist, hat ihm Das Wesen des Marxismus gegeben, und er macht auf losen Blättern Zusammenfassungen: «Was versteht man unter Ware? Als Ware müssen alle durch menschliche Arbeit geschaffenen Dinge verstanden werden … Denn der Wert einer Ware ist nichts anderes als die Arbeit, die zu ihrer Produktion aufgewendet wurde …» Worte, bei denen man begreift, wie die Hölle funktioniert und wie erbarmungslos sie ist. Ende 1942 schreibt Miló an seine Frau: «Meine Schüler rauben mir all das bisschen Freizeit, das ich habe.»

Unterdessen macht der Faschismus mit seiner Angeberei weiter. Doch nicht alle heben den Arm mit der ausgestreckten Hand. Manche «Schwachköpfe» treffen sich nachts in der Vorstadt oder am Ufer der Dora, um zu bera­ten. Einer davon heißt Jean Chabloz und gehört einer Un­tergrundzelle an: Sein Deckname ist Carlo. Er ist in Frankreich Kommunist geworden, nachdem er die Ziegen des Aostatals mit einem Pariser Taxi vertauscht hat. Während er auf Kunden wartete, konnte er Zeitungen und Bücher lesen, verstehen, wie es in der Welt läuft. Er hat sich einen goldenen Ring machen lassen, auf dem eine Emaille mit dem Foto seines Sohnes angebracht war, innen eingraviert Hammer und Sichel mit den Initialen seines Namens. Die frühen Dreißigerjahre hat er in Paris erlebt, so wie Miló in Genf. Und nun, im Frühjahr 1943, erreichen die Nachrichten über Streiks in den Fabriken von Mailand und Turin allmählich auch das Tal, und es sind auch ein paar rote Fahnen aufgetaucht. Die faschistischen Schlägertrupps drohen mit Schlagstöcken und Pistolen, aber die Arbeiter reagieren, indem sie Bolzen werfen.

In der Stadt spielen die «Schwachköpfe» dem Regime lustige Streiche: Dem römischen Kaiser, der auf die Gipfel schaut, wird eines Nachts eine Kette aus steinharten Broten um den Hals gehängt, zusammen mit einem Schild, auf dem steht: Augustus, kannst du mit deinem Bronzemagen dieses Brot verdauen? An manchen Häusern tauchen Sprüche auf wie: Brot und Pasta, mit Duce ist jetzt basta. Und in der Fabrik organisieren sie kleine Sabotageakte der Kriegsproduktion: langsam arbeiten, Material verschwenden …

Am 25. Juli, einem Sonntag mit leuchtenden Wolken über den Höhen, kann der piemontesische Schuster in der Via Croix de Ville endlich verkünden:

«Er ist gestürzt! Er ist gestürzt!» Es ist, als setzte ein plötzlicher Rausch die Luft in Brand, ein unruhiges Glücksgefühl: Das obszöne Maul der römischen Wölfin, die von der Säule gegenüber dem faschistischen Parteibüro alles dominiert, muss dem federnden Schritt des Fuchses weichen, der die Freiheit schnuppert. Anmut und Schlauheit statt Grausamkeit.

Miló beteiligt sich an dem Trubel auf den Straßen der Stadt, er reißt die Abhörwanzen der Faschisten herunter, die Plakate, die «Glauben-Gehorchen-Kämpfen» predigen. Noch einmal wird er verhaftet, auf die Polizei und ins Gefängnis gebracht. Nur kurz allerdings: Die Tage folgen aufeinander, aber sie verändern sich.

5

Nicht alle wissen, wo das Clavalité-Tal liegt. Das Wort lässt an einen Knüppel denken, mit dem man der faschistischen Republik den Kopf einschlagen kann, an ein Tal, das man durchqueren kann, an die berühmte égalité, von der in den Geschichtsbüchern die Rede ist. Es vermittelt ein Gefühl von Öffnung, von Aufatmen, sogar von Adel; man könnte meinen, Monsieur de Clavalité mit dem Falken auf der Schulter auf die Burg von Fénis reiten zu sehen. Lauscht man der Melodie des Wortes, kann man an den Wind denken, der weit durch die Pinien, Lärchen und Flaumeichen braust, an die hungrigen Füchse, die nachts durch die Niederungen streichen. Jetzt jedoch gibt es keinen Monsieur, keine Fantasien: Und die Füchse sind die Rebellen, die hier ihre Höhle gebaut haben, die jeden Tag Waffen, Esskastanien, Reis und Tabak herbeischaffen und dafür sorgen müssen, ihre Haut zu retten. In dieser Senke, die in Friedenszeiten einer sanft gewellten Lichtung voll guter Kräuter gleicht, wohnt nun die Angst.

An diesem Abend eilen Milós Gedanken unter dem Wintermond dahin: Wird Sterben wirklich sein, als erwachte man aus tiefem Schlaf? Steif vor Kälte kehrt er von einem seiner Erkundungsgänge im Tal zurück, und plötzlich fällt ihm dieser Kinderreim ein, das Jahr im Sprichwort: «Ein Baum hat zwölf Äste, jeder Ast hat vier Nester, jedes Nest hat sieben Junge, jeden Tag fliegt eines fort und das nächste kommt.» Den sagte ihm seine Großmutter in Fénis immer vor, wenn er als Kind in den Ferien aus Vevey zu ihr kam mit Mama Joséphine, die jetzt dort in der Schweiz bestimmt an ihren Sohn denkt, während er am Rand des Abgrunds geht.

Jeden Tag fliegt eines fort und das nächste kommt: Wie viele Tage mögen vergangen sein, seit sie sich in der Wohnung in Aosta versammelt haben? Es war am Abend des ­­8. September, Badoglio hatte den Waffenstillstand mit den Alliierten verkündet. Doch in den Zeitungen wurde die Meldung mit einem Trauerrand veröffentlicht. Was war da los? Der berühmte Badoglio, der Herzog von Addis Abeba, hatte gesagt: «Der Krieg geht weiter.»

Miló dachte: «Wenn der Krieg weitergeht, geht auch der Faschismus weiter.» Und er hatte beschlossen, jene Versammlung in der Wohnung in der Via Croix de Ville zu organisieren. Binel nahm teil, der ihm die Artikel von Gramsci gegeben hatte und am 25. Juli mit ihm zusammen verhaftet worden war; Chabloz kam, der mit Ivrea und Turin Verbindung hielt, und einige Cogne-Arbeiter waren da, die Brot und Frieden auf die Mauern der Stadt geschrieben hatten. Ida stand auf dem Balkon Schmiere, und im Erdgeschoss hörte man die Schritte einer hinkenden Frau, während an der Straßenkreuzung die faschistische Miliz vorbeimarschierte. Wie viele Tage ist das her?

Miló erinnert sich an die Septemberabende, als sie beschlossen hatten, ins Gebirge zu gehen. Was hatte ihn zu diesem Entschluss bewegt? Ein Wind, der aus seiner Schweizer Jugend herüberwehte, von den Gerüsten, auf denen er den Ungehorsam erlernt hatte, von den erlittenen Demütigungen, dem Faustschlag der flics mitten ins Gesicht, von seiner Mutter, der Zigarrenarbeiterin, die schnell am Genfersee entlangging, von den freien Möwen, die er am Himmel über dem See hatte fliegen sehen. Es war ein Wind, der ein neues Wort unter die Menschen brachte, eine Hoffnung auf Gerechtigkeit. Nun warfen die Soldaten des königlichen Heeres die Koppeln fort und liefen davon, die Offiziere machten sich aus dem Staub, der Staat brach zusammen, und die Bourgeoisie machte sich in die Hose, der König, seine Generäle und Höflinge waren nur darauf bedacht, ihre Haut zu retten: Was sollte man tun? Was bedeutet «Waffenstillstand»? Miló und die anderen entschieden, für diese neue Hoffnung zu kämpfen.

Miló stapft durch den Schnee des Clavalité-Tals. Aosta ist weit, und der Winter ist auf über tausend Metern ein elendes Vieh. Die Aufständischen – die Banditen, sagen die anderen – sind etwa ein Dutzend, wie die Äste des Baums in dem Kinderreim, aber die Faschisten der Republik von Salò denken, dort oben seien mehr als hundert, und wagen nicht anzugreifen.

Um den Unterschlupf zu erreichen, hat er den Maultierpfad eingeschlagen, auf der einen Seite im Mondschein bleiche Felszacken, auf der anderen Schluchten und Abgründe. Gib gut acht, wohin du deine Füße setzt. Das Knirschen der Klettereisen begleitet die sich überschlagenden Gedanken. Miló denkt an seine Frau Ida: Sie ist als Stafette im ganzen Tal unterwegs, und eines Tages erschien sie bei einem solchen Schneesturm mit einem Paket oben in der Berghütte, dass sie selbst nicht wusste, wie sie das geschafft hatte. Sie näht Schulterriemen und Säckchen für die Handgranaten, sogar eine Nähmaschine haben sie ihr in die Hütte gebracht. Ida macht auch den Vierten beim Kartenspiel mit den Männern der Bande und hat Verbandsmaterial und Mullbinden im Schrank. Sie backt Pizza und kocht Spaghetti. Sie hat keine Angst. Sie nimmt den Zug bis Pont-Saint-Martin, dann läuft sie hinauf bis Gaby. In Ivrea geht sie auf den Markt, um Hosen und Hemden für die Bande zu kaufen. Doch nun ist sie wenigstens in Sicherheit mit Renata, ihrer kleinen Tochter, die ein Jahr nach der Hochzeit geboren wurde. Sie hat einen gefälschten Personalausweis: Ins Gebirge zu gehen war auch für sie eine Entscheidung auf Leben und Tod.

Es ist anstrengend, durch den Schnee zu stapfen, doch heute Abend erhellt der Vollmond den Schritt. Der Mond lässt Füchse und Gedanken tanzen. Und plötzlich erscheint auf dem Weg tsamba de bouque, der in den Voll­mond­nächten über die Felder strich, bewaffnet mit einer Sense. Das ­Hinkebein. Wenn er einen Menschen traf, verfolgte er ihn, um ihn mit seiner Waffe zu töten, so erzählte die Großmutter im Stall von Fénis; aber man braucht sich nur hinter einem Baum zu verstecken, dann geht tsamba de bouque davon. Au claire de la lune je l’ai vu, à l’ombrette je l’ai perdu …

Miló flüchtet sich in den Bauch einer Felsspalte, um ge­schützt eine Zigarette zu rauchen. Sorgsam achtet er darauf, das Flämmchen zu verbergen. Wie viele Tage sind seit dem 8. September verbrannt, wie viele Vögel aus dem Nest fortgeflogen, seit die Rebellen entschieden hatten, nein zu sagen? Die ersten wohnten in der Berghütte von tante Pélagie, dann sind sie auf neunhundert Meter hinaufgestiegen, und jetzt noch höher, auf zwölfhundert, wo sich ein weiter Himmel über das Matterhorn und den Monte Rosa spannt: gegenüber das Valtournenche, das Tal mit den Strommasten, die gesprengt werden sollen. Von dort oben überblickt der Wachposten die große Straße am Talboden.

Miló denkt an die Bande: an den Backofen, der im Bau ist, den Generator, den sie zu konstruieren versuchen, das Holz, das auf die Axt wartet, die Auseinandersetzungen um die Gemeinschaftskasse, das Kalb, das geschlachtet werden soll, das Roggenmehl, das sie für die peilà beschlagnahmen müssen, die Unterstützung seitens der Bevölkerung, die immer mehr abnimmt. Und dieser miese Kerl aus Fénis? Man hat ihn sagen hören: «Wenn der Krieg noch zehn Monate weitergeht, brauche ich nie mehr zu arbeiten.» Und auch diesem anderen Erzfaschisten vom Schwarzmarkt muss man einen Besuch abstatten …

Ein Schritt, noch ein Schritt. Zur Bande gehört auch Victor, der Engländer: Eines Tages hat er sich im Dorf mit Grappa volllaufen lassen, die Genossen mussten ihn zurückschleppen und haben ihn mit Wassertragen und Ausschluss von den Aktionen bestraft. Außerdem ist da noch der andere Engländer, sie nennen ihn «Lord», und Italo ist eifersüchtig auf ihn, weil er ihm beim Tanz die Frau ausspannt. Es gibt Reibereien zwischen ihnen, und einige drohen, sich abzuseilen und wieder zu Cogne zu gehen. Kürzlich ist Michele zu uns gestoßen, der monatelang in Montenegro war als Maschinengewehrschütze beim vierten Regiment der Alpini. Er hängt an der Flasche, und wenn er betrunken ist, legt er sich mit jedem an. Aber es gibt auch gute Neuigkeiten: Am 25. Januar sind die Engländer bis vierzig Kilometer vor Rom vorgedrungen, hieß es in Radio London.

Mühsam setzt Miló im Schnee ein Bein vor das andere. Das Militärkommando fällt ihm ein, das seiner Bande kaum Beachtung schenkt, weil sie sagen: Das sind Kommunisten, die wollen keine Autonomie. Doch bedeutet es, wieder neue Zäune zu ziehen, wieder andere Mauern zu bauen, wenn man die Freiheit will? Das Aostatal ist nur ein kleines Fleckchen der weiten Welt, die man aus den Ketten befreien muss.

Sie haben einen Ofen in die drei Berghütten getragen, wo ihr neuer Sitz ist, haben Betten und Schränke gebaut, die Musketen gelagert, das Hotchkiss-Maschinengewehr und die Breda mit der Munition, die Handgranaten und die Pistolen. Nebendran steht ein alter Brunnen: La Suelvaz heißt der Ort. Es klingt wie der Name eines Indianerverstecks.

Im September sind als Erste Silvio, Toio, Pierino, Italo, Giovanni, Arturo und die beiden versprengten Engländer mit ihm hinaufgegangen. Eines Nachmittags erschien Chabloz in Begleitung eines ehemaligen Freiwilligen aus dem Spanienkrieg, der Gemsen jagen wollte; doch er hat sich geweigert, die Munition ist knapp. Jetzt sind neue Elemente dazugekommen. Unter anderem ein Gefreiter der Miliz, der Partisan werden will. Kann man ihm trauen? Ist er vielleicht ein Spitzel? Und außerdem haben die Besitzer von La Suelvaz gesagt, sie müssten weg, die Faschisten zeigen die Krallen, die Bevölkerung in Fénis hat Angst, die Deutschen kontrollieren. Werden sie noch weiter hinauf ziehen müssen, nach Morgnetta, ins Jagdhaus von Baron Peccoz? Während er zwischen weißen und schwarzen Schatten vorangeht, denkt Miló an alle diese Dinge: Er ist der Anführer der Bande. Den Mittelpunkt seiner Gedanken bilden die Sabotageakte, jetzt plant er einen großen Coup beim Kraftwerk von Covalou im Valtournenche. Dafür braucht es Disziplin, aber nicht diesen stumpfsinnigen Gehorsam der Marionetten der faschistischen Pseudorepublik: Die Rebellen müssen ihre Disziplin freiwillig, aus Überzeugung aufbringen. Am 21. Fe­bruar schreibt der Kommandant ins Tagebuch der Bande:

Schwere Disziplinlosigkeit hat sich Giordano zuschulden kommen lassen. Im Auftrag von Miló sollte er mehrere barres à mine und ein Rohr holen, Material, das zur Ausführung eines Sabotageakts benötigt wurde; er hatte versichert, das Material werde im Lauf des Tages bereitgestellt. Er ist erst nach fast zwei Tagen zurückgekehrt und kann seine Abwesenheit nicht rechtfertigen. Würde ich es ihm vorwerfen, wäre es ungerecht, da auch andere Ban­denmitglieder in ähnliche Fehler verfallen sind. So kann es nicht wei­tergehen. Es ist absurd, eine Rebellengruppe trotz grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten und chronischer Nachlässigkeit bei der Erfüllung ihrer elementarsten Pflichten aufrechtzuerhalten. Wahrscheinlich ist es größtenteils meine Schuld, weil ich das System der Selbstkontrolle ausprobieren wollte anstelle der Dis­ziplin, die sich von der direkten Autorität ableitet.

Ich habe eine Entscheidung getroffen und teile sie der Gruppe mit. Ich gebe die Methode der Selbstkontrolle auf und führe die der Disziplin ein. Ich übernehme alle Verantwortung gegenüber den verschiedenen Komitees, die die Gruppe sowohl politisch als auch finanziell tragen, und ebenso gegenüber der Gruppe und meinem Gewissen.

Ich erkläre das Experiment mit der Methode der Selbstkontrolle nicht für gescheitert, es wird schöner und dauerhafter fortgesetzt werden können, aber ich konstatiere, dass den Gruppenmitgliedern die moralische und politische Reife fehlt, um spontan und mit vollem Bewusstsein in Zusammenarbeit mit dem Anführer der Gruppe alle Verantwortung zu tragen, die aus unserer Lage als Geächtete entsteht.

6

Ende Februar und Anfang März erhellen Lichtschlangen die Nächte im Valtournenche. Das Tagebuch spricht deutlich: Am 27. Februar sprengen die Rebellen mit Sägen, Dynamit, Sprengkapseln und Zündschnüren einen Mast in die Luft, der den Strom nach Turin leitet, wo die Arbeiter zu streiken begonnen haben: eine Hochspannungsleitung von 270 000 Volt. Ein trockener Knall, ein weißes Licht und dann ein rotes Licht, auf das eine zweite Explosion folgt. Nach der Aktion bleibt keine Zeit zum Feiern. Eilig laufen sie zur Baustelle Volpe und machen sich an die Arbeit: Da gibt es so viel zu holen, was sie schultern und wegtragen müssen … Nun drohen die Deutschen und die Faschisten der Republik von Salò, die Wehrdienstverweigerer zu erschießen.

Doch einige Tage später nehmen die Saboteure einen Gittermast des Kraftwerks von Breil aufs Korn: In der Nacht unterbricht das Kreischen von Sägen an Stahl die Stille des Waldes. Nachdem die Sprengstoffkästen und die Lunten platziert sind, begibt sich die Gruppe auf eine ­Anhöhe, um das Schauspiel zu genießen: plötzliche Helle, Explosion, rote Schlange am Himmel. Und am ersten Frühlingstag gehen die Rebellen, manche mit dem Hut der Alpini auf dem Kopf, zum Kraftwerk von Castiglion Dora, setzen den Wächter fest und sprengen die Leitungsrohre.

Weitere Vögelchen fliegen aus dem Nest davon. Bis der April kommt, la fleur d’avril ne tient que par un fil. April ist ein besonderer Monat. Im April hat Miló die Schweiz verlassen, im April hat er geheiratet, im April beginnt der Kuckuck zu rufen: «Kuckuck, mein Kuckuck, wie viele Tage gibst du mir noch zu leben?»

Ende vergangenen Monats hat es in La Suelvaz einen Ausbruch gegeben. Eines Nachts haben sich Celestino, Vittorio, Gino und Bich, der Säufer, ein Maschinengewehr, zwei Breda, drei Kisten Munition und sieben Musketen gekrallt und sind auf und davon. Angeblich hat es was mit Chanoux und der Unabhängigkeit des Aostatals zu tun: Im Valtournenche soll eine neue Autonomistengruppe entstehen. Miló und die anderen haben sie in den Wäldern verfolgt, oberhalb von Misérègne, dem Reich des Elends. Giovanni hat fünf Magazine geleert, indem er im Wald breitgestreute Garben abfeuerte, und die Flüchtigen haben die Waffen zurückgelassen, auch Celestino, der als Oberfeldwebel den Russlandfeldzug mitgemacht hat und das Kriegshandwerk gewöhnt ist. Ob sie bestraft werden? Der Ältestenrat der Bande hat sich für die Todesstrafe entschieden, sie soll am Ostersonntag vollzogen werden. Wird es gelingen, die Sache zu klären?

Anfang April ist eine schlimme Nachricht eingetroffen; Carlo, das heißt Jean Chabloz, der Genosse aus der ersten heimlichen Versammlung, ist festgenommen worden, sie haben seinen Ring mit Hammer und Sichel gefunden: ihm einen Eisenring um den Kopf geschraubt, Benzin in die Arme gespritzt, ihn ausgepeitscht, mit Bajonetten, Fäusten und Fußtritten massakriert …

In der Nacht vom Samstag 22. April

geht Miló auf Kontrollgang mit Mario,

dem Jungen, der erst fünfzehn Jahre alt ist:

Vor Tagesanbruch erreichen sie das Kraftwerk von

Covalou

im Valtournenche, hinter dem Grat von Champlong,

tauchen die Masten der Druckleitung auf,

die Feinde, die fallen sollen

im ersten Licht der Morgenröte,

man muss die Gegend erkunden,

in Kürze sitzen die Bauern

mit dem Schemel am Hintern im Stall beim Melken

wie vor hundert Jahren, immer das gleiche Leben.

Miló umklammert den Fotoapparat in der Tasche,

in Kürze geht die Sonne auf, in La Suelvaz die Genossen

träumen von einer Frau,

der Wachposten friert in seinem Häuschen,

der ganze schwarze Wind des weiten Tals,

das Rauschen des Sturzbachs,

hier muss man warten auf das Licht,

das sonntägliche Morgenrot, die neue Sonne,

wann wird es möglich sein, in einer Gesellschaft

zu leben, in der alle gleich und alle verschieden sind

so wie die Blätter der Eiche?

Die Schönheit zu genießen

wie der Sperber, der am Himmel die Flügel ausbreitet?

Bald setzen die Frauen zur Messe den Schleier auf

die Kühe haben am Brunnen getrunken

in der Küche kocht man peilà

heute Abend geht’s nach Septumian zum Treffen mit dem Kommando

Pierino ist abgehauen,

seit drei Tagen saß er bei Solari und trank,

da, es wird hell, Miló knipst die Masten,

die in die Luft fliegen sollen,

seine Männer werden kommen mit dem Sprengstoff

man braucht Disziplin,

Brot und Käse.

Mario ist im Gras eingenickt

er ist doch erst fünfzehn

jetzt steigen sie zur Staatsstraße hinunter, Vorsicht,

hier fährt das Auto der Faschistenrepublik durch,

jetzt können wir gehen, sagt Miló, sie sind vorbei,

ja, sie sind vorbei

er umklammert den Fotoapparat in der Tasche

im Talgrund überqueren sie die Straße

hinter der Abzweigung nach Pontey,

doch da, auf der Staatsstraße, vier Lastwagen

kehren von der Razzia zurück

die Gewehrläufe noch heiß

verfluchter Mist

Miló und Mario rennen auf die Häuser von Breil zu

sie rennen, rennen

dann jeder auf eigene Faust

dort ist die Bahnunterführung

weg von den Häusern

Vergeltungsmaßnahmen der Schwarzhemden,

sie brennen nieder, foltern, nehmen Geiseln

bloß weg von den Häusern von Breil!

Miló umklammert die Handgranate in dem Säckchen

das Leinensäckchen hat seine Ida ihm genäht

die Frau, die er mehr liebt als alle anderen Frauen

dort vorn ist die Brücke über die Dora

da ist sie, die Brücke

Miló zieht die Granate heraus

dreht sich zu den Faschisten um und schreit

doch die Garbe trifft ihn ins Gesicht, mitten ins Gesicht

so lassen sie ihn liegen, neben der Dora

das Gesicht voller Blut

nehmen ihm Schuhe, Uhr und Ring ab

ja, auch den Ring, den Ida ihm geschenkt hat

lauf wenigstens du, Mario, lauf, wirf dich ins Heu

die Heugabel des Soldaten kann dich nicht finden

doch jetzt schießen sie erneut

die Musketiere aus den Alpen schießen

schießen auf ein kleines Mädchen

aus einem Haus kommt noch ein Junge

hat die Schüsse gehört, will nachsehen, was los ist

und die Garbe trifft ihn voll:

es ist Vittorio, einer aus dem Valtournenche

ein Partisan von neunzehn Jahren

er war heimgekommen, um die Weiden zu

bewässern.

Miló, steh auf, schlaf nicht ein.

Heute ist Sonntag, ein Sonntag im April, und in allen Dörfern läuten früh die Glocken zur Messe, die Frauen legen den schwarzen Schleier an, die Heilige Maria vom Schnee verlässt ihre Nische, um dich anzusehen, setzt das Kind, das sie im Arm trägt, auf den Boden und lässt es aus den ersten Blumen eine Girlande winden, sie tritt zu dir und wischt dir das Blut vom Gesicht, und mit ihr kommen nun die Madonnen aus den Nachbardörfern, Notre-Dame des sept douleurs, Notre-Dame de Pitié, Notre-Dame de l’Epine und Notre-Dame de la Guérison mit dem Wundermantel, bald wird hier das Weidenröschen zwischen den Trümmern blühen.

Miló, steh auf, schlaf nicht ein.

Mario konnte sich retten, tsamba de bouque, das Hinkebein, wollte ihn mit der Heugabel aufspießen, doch er hat sich tief im Heu verkrochen, wie eine Eidechse ist er in den Schober gehuscht und wartet nun auf dich, um nach La Suelvaz zu laufen, wo die Bande dich braucht, damit die Männer losgehen und die Masten in die Luft sprengen können.

Miló, steh auf, schlaf nicht ein.

Da ist Ida allein, mit der Kleinen auf dem Arm, die noch einmal deine Stimme hören will, und dann machst du für sie den Kuckuck nach, der nun zu rufen beginnt, um dich zu wecken: Ist Sterben wirklich, als erwachte man aus einem tiefen Schlaf? Jeden Tag fliegt eines fort und ein anderes kommt, lass uns nicht allein dem Lied der Dora lauschen.

Miló, steh auf, schlaf nicht ein.

Jetzt kommt der Pilot Bassanesi mit seinem Eindecker und rettet dich, er nimmt dich mit; er ist in der Schweiz losgeflogen und hat deine Mutter Joséphine-Amérique dabei, die die steinernen Löwen der Place Orientale verlassen hat, um zurückzukehren nach Fénis, wo sie ein junges Mädchen war, sie hat dich schon ziemlich lange nicht mehr gesehen, verstecke dich nicht, steh aus dem Staub auf, Miló, zieh dich um, empfange sie im Sonntagsstaat.

Miló, steh auf, schlaf nicht ein.

Zeige dein Gesicht noch einmal den Arbeitern von Cogne, die mit glühenden Stahlschlangen aus dem ganzen Tal herkommen, um zu beweisen, dass der Kampf für die Unabhängigkeit nicht nur eine Region betrifft, sondern jeden Einzelnen, so wie du dachtest: Die Unabhängigkeit gilt für jeden von uns, in unserem Leben, wenn es die Ketten abwirft.

Epilog

Parma, 3. März 2009

Ich fahre nach Oltretorrente, um Ida Summer zu besuchen, Milós Witwe. Ich überquere den Ponte di Mezzo. Auf der Wiese am Flussdamm sind noch weiße Schnee­flecken, und am Brückengeländer lehnt ein alter Mann und beobachtet ein Nutria, eine Biberratte, die langsam aus dem grünen Wasser kommt, um an Land zu klettern. Plump, das wilde Nutria. Eine fette Ratte. Sie aalt sich im milden Märzlicht, das die Fahrräder auf dem Asphalt quietschen lässt und Umarmungen begünstigt; doch die Frau, der ich auf der Brücke begegne, möchte alle Nutrias nur umbringen. Auf der anderen Seite der Brücke das Denkmal eines Mannes, der seinen aufgebäumten Körper den Beleidigungen der Geschichte darbietet.

In dieser Straße ist der Dichter Renzo Pezzani geboren – hier ist die Gedenktafel –, in einer der Wohnungen über den Kebab-Läden, einem Geschäft, das wertvolles Porzellan verramscht. Ida lebt hier in diesem volkstümlichen, am Samstag stillen Viertel versteckt in einem Altersheim. Niemand kennt ihre Geschichte. Die Pförtnerin schaut in der Liste der Heimbewohner nach, findet aber den Nachnamen Lexert nicht. Die Witwe lebt versteckt.

Doch sie ist da, kommt mir im Trainingsanzug entge­gen. Darüber eine zu weite Jacke, dieses Jahr ist der Winter auch in Parma lang. Sie schlief gerade in ihrem Zimmer, entschuldigt sie sich. Leicht wie eine Mücke schwebt sie durch die Gänge. Ich überreiche ihr den Strauß roter Tulpen, und wir setzen uns in einen Aufenthaltsraum, der sich nach und nach belebt: Neben uns stößt eine unförmige Frau stotternd ein paar Schreie aus, eine kleine Mongoloide ist still, eine lange Dünne kann sich nicht auf den Beinen halten. Ich frage nach einer Schere, um die Schleife an den Tulpen aufzuschneiden. Doch eine der verlassenen Seelen sagt zu mir: Hier darf man keine Schere haben. Wie? Sind wir im Gefängnis? Ich knote die Schleife auf, eine Frau nimmt sie als kostbares Dekorationsmaterial an sich. Dann stelle ich die Blumen in einen Wasserkrug. Vasen gibt es hier nicht, niemand bringt den alten Frauen, die in der Märzsonne vor sich hin summen, Blumen mit. In der Sonne von Renzo Pezzani.

Ida erzählt. Die Frau, die mit der kleinen Mongoloiden am Nebentisch sitzt, sieht mich an und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe, als wollte sie sagen: Die ist nicht mehr ganz richtig im Kopf. Die kleine Rache der Verlassenen.

Ida glaubt, ihre Eltern lebten noch. Sie leben in Lido Traversato. Auch ihre Tochter lebt noch und wird niemals sterben. Sie ist bloß Witwe, so wie sie selbst auch. Ida weiß nicht, dass Miló in Parma begraben ist, wenige hundert Meter von ihr entfernt, zusammen mit anderen Partisanen. Sie glaubt ihn noch in Fénis.

Idas Eltern stammten aus den Abruzzen, aus einer Krämerfamilie. Aber ihr Vater tat nichts, er spielte Karten. Sie, Ida, hat bis zur vierten Klasse die Schule besucht; für die fünfte musste man drei Kilometer den Berg hinauf laufen, da hat sie aufgegeben.

Dann ist sie nach Aosta gegangen, um frei zu sein. Auf der Treppe zur Entbindungsstation, wo sie als Krankenschwester arbeitete, begegnete sie eines Tages Miló. Mit diesem Schnauzbart und diesem Blick hatte er schon mehr als eine Frau beeindruckt. Als sie ihn aber auf dem Gerüst sah, verliebte sie sich in ihn, weil er ein freier junger Mann war.

Wenn er gekonnt hätte, hätte er ihr das Paradies geschenkt, ihr Miló. «Mein Käsebröckchen» nannte er sie. Im Gebirge übte sie mit der Muskete und zielte am besten von allen. Mit der Pistole in der Tasche überbrachte sie Botschaften. Zu Fuß, im Zug, im Bus, sie mischte sich un­ter Faschisten und Deutsche.

Und als die Leiche ihres Mannes exhumiert wurde, sah Ida, dass er gut erhalten war. Er hatte noch seine schönen Hände, weil man ihn tief in der Erde begraben hatte, dort bei Fénis. Sie hat ihm nur die Strümpfe gewechselt. Nun trägt er neue Strümpfe. Keine Ratte wird ihn zernagen können, denn er liegt tief unter dem Weidenröschen, das die Blume des Feuers ist.

Augustfeuer

Giustina ist aus ihrem kleinen Blumenbeet herausgeschlüpft, hat das Friedhofstor geöffnet und macht sich auf den Weg. Sie will einen Blick auf die Orte ihrer Jugend werfen, fühlt eine Art Wehmut, vielleicht wegen des Stiefmütterchens, das sie neben dem Grabstein gepflückt hat. Sie will die Augustfeuer sehen. Am Ufer der Lys hört sie die Stimmen der Leute, die an Tischen unter den bunten Glühlampen sitzen. Sie hört die Schüsse, die sie an andere Schüsse erinnern. Sie sieht das Feuer am Flussufer, die Funken, die zum Himmel stieben. Auf der Bank neben der Kirche sitzend, erinnert sie sich.

Hoch loderten die Flammen in jener Nacht, in der sich ihr Leben änderte.

Dort oben unter der großen, von der kalten Luft des Monte Crabun genährten Buche, in den Höhlen aus erzgrauem Gestein, in den Sennhütten, wo nicht einmal die Maulesel hinaufkommen, dort waren die Rebellen angekommen, auch die, die sich erst im Juni, zur Kirschenzeit, entschieden hatten, der Bande beizutreten. Und heute Abend kehren sie zurück, kommen Giustina besuchen. An den Füßen tragen sie Schuhe aus Lumpen, die Jungen aus Perloz. Sie kratzen sich wegen der Wanzen, wegen der Krätze, kochen Seife aus den Gerippen oder den Eingeweiden von Tieren, rauchen Kartoffelschalen und Chry­san­the­men­­blätter: Am Samstag aber tanzen sie in den Heuschobern mit den Mädchen, die warme Augen haben. Es gibt dort oben ein Orchester mit Ziehharmonika, Klarinette, Saxophon und Schlagzeug und einen Ballon mit Wein. Und während sie in Paris den Kindern in diesen Kriegszeiten Goldfische zu essen geben, fehlt es oben in Perloz nie an Suppe und Polenta.

Heute Abend treten sie in ihren geflickten Kleidern wieder aus den steinernen Riesen über der Lys hervor, die Jungen der Bande. Manche tragen eine Militärjacke, die noch vom 8. September stammt, und rauchen eine Ziga­rette aus dürrem Gras. Bei ihnen ist auch Enrichetta, die mit drei Kilo Brot aus Pont-Saint-Martin zurückkehrte: Sie wurde verhaftet und aufs Kommando gebracht, wo man sie verhörte, um die Namen der Rebellen zu erfahren; Augusto ist da, den sie ärger als die heilige Martha gefoltert, dann an den Füßen auf einen Misthaufen am Bahnhof geschleift und dort liegengelassen haben, denn die Schwarzhemden können grausamer sein als die Nazis; auch Rosier ist da, der seine Ziehharmonika nie aufgegeben hat und mit Giustina tanzte, bevor er mit ihr in den Heuschober ging; die Frau ist da, die einen Brief an Mussolini geschrieben hatte, adressiert an «Beniti Mussolino» (vielleicht dachte sie dabei an den Banditen Musolino), worauf ihr Mann die Stelle in der Fabrik Ilssa Viola erhielt, an der stand: Hier wird gearbeitet und nicht gesprochen, nimm die Lohntüte und schweig. Da ist auch der Junge, der, bevor er starb, mit seinem eigenen Blut auf das Leinensäckchen geschrieben hat: Ich opfere mein Leben. es lebe Christus König. Und die vier Freiwilligen der Fallschirmspringer-Division Folgore, denen die Partisanen auf dem Kirchplatz den Prozess gemacht und sie dann gezwun­gen haben, sich ihre eigene Grube zu schaufeln. Giustina, auferstanden, schaut. Sie erinnert sich an jenen Faschisten, der immer, wenn er ihr begegnete, sagte:

«So ein guter Brandgeruch …!»

Denn 1944 brannte Perloz, Marine brannte, Chamioux brannte, wie heute Abend die Augustfeuer brennen.

Die Feuer loderten in jener Nacht Ende Juni vor sechzig Jahren auf dem Berggrat. Die Nazifaschisten stehen auf der Wiese neben dem Turm und bewundern die leuchtenden Brände: Eben haben sie zwei junge Burschen ge­tö­tet, die auf der großen Straße einen Lastwagen mit Lebensmitteln entluden. Und jetzt überqueren sie den Fluss, le­gen mit dem Flammenwerfer Feuer an die Häuser von Chamioux, nehmen drei Geiseln mit, gehen hinauf bis Marine, wo sie Häuser, Schule und Kapelle anzünden, dann kehren sie nach Perloz zurück, während alle in die Wälder flüchten und in Felsspalten und Fuchsbauten Schutz suchen, stellen auf dem Dorfplatz einen Mann an die Wand und tun so, als würden sie ihn erschießen:

«Wir bringen dich um, hier und jetzt bringen wir dich um!»

Sie verprügeln Adriano und zünden noch zwanzig Häuser an. Frauen und Männer bilden mit Eimern eine Kette, versuchen, die Flammen zu löschen: Dann beobachten sie unten an der alten Brücke entsetzt den grauenvollen Brand. Doch heute Abend fühlt Giustina keinen Schmerz mehr. Reglos starrt sie auf die Augustfeuer.

Das erste Gefecht begann an einem Samstag im März: Die Frauen gehen mit Butter, Käse und Hühnern zum Markt nach Ponte hinunter, und die Faschisten fangen an, die Sachen zu beschlagnahmen; daraufhin greifen Ernesto und die anderen zum Gewehr statt zur Einkaufstasche. Die Carabinieri schnappen einen, der seine Jacke über die Schulter gehängt hat, doch er entwischt, und sie stehen mit der Jacke in der Hand da. Ernesto, an den Beinen verletzt und die Schuhe voller Blut, schleppt sich mit Hilfe einer Frau bis über Perloz hinauf, während seine Genossen wie verrückt schießen, um glauben zu machen, dass sie viele seien, um den Faschisten Angst einzujagen. Am nächsten Tag nehmen die Jungen von Perloz ein paar Flaschen Wein und flüchten sich in die höher gelegenen Ortsteile.

Das erste Haus, das zur Vergeltung angezündet wurde, war das von Rosier. So hieß er, weil der Standesbeamte den Namen so geschrieben hatte: Das g von Roger war zu si geworden. Mit fünfzehn Jahren hatte er auf dem Feld zu arbeiten begonnen. Mit zwanzig stand er bei den Wehrpflichtigen auf der Piazza in Perloz, und alle sagten:

«Wir ziehen nicht mehr in den Krieg.»

Für den Duce waren sie Deserteure, Banditen, Bolschewisten. Es hatte eine Bekanntmachung gegeben: Wer desertiert, wird zum Tode verurteilt, wer mit Waffen in der Hand überrascht wird, wird sofort erschossen. Doch Rosier war nur ein Bergler. Er und seine Genossen fühlten sich nicht als Söhne des Vaterlands mit großem V. Sein Vater war in Paris gewesen, zuerst Auto-laveur und dann Taxifahrer; und schon sein Großvater war ausgewandert und hatte die Zulassung als cocher erworben. Alle gingen damals zum Arbeiten nach Frankreich. Levallois-Perret un­weit von Paris war voller Leute von hier. Die Pariser Taxifahrer stammten aus Perloz oder Marine. Wenn die flics Bußgelder verhängten, fragten sie:

«Wie, kommt ihr alle aus Marine? Ja ist Marine denn eine große Stadt?»

Womöglich dachten sie an eine Stadt am Meer! Und einmal hatte einer geantwortet:

«Das will ich meinen! Ein Pferd schafft es in sieben Tagen nicht, sie ganz zu umrunden!»

Es waren die Jahre, in denen im Hauptort der Spruch prangte: Wir marschieren, wie der Duce will, wo schon die Römer gingen. Die Jahre, in denen die Schullehrerin in der Klasse sagte:

«Die Unseren rücken vor», während sie die Fähnchen auf der Landkarte versetzte; sie ließ die Kinder auch Briefe schreiben «an einen Soldaten, der keine Post bekommt». Mit den Adlerjungen und den Schwalben Italiens zeigte die Lehrerin Geduld, während sie Giustina hart auf die Finger schlug; und dann machte die Kleine in die Hose und war auf ihre Klassenkameradinnen neidisch, die an Dreikönig gefütterte Holzpantinen und bunte Pullover bekamen. So sind die Lehrerinnen: Sie sagen, der Duce ist von Gott gesandt. Und Rosier hatte in Ponte auch die Parade der Bersaglieri gesehen, die Vinceremo sangen, wir werden siegen, und sich dann abschlachten ließen, um Helden zu werden.

Aber auf der Piazza von Perloz sagten Rosier und die anderen, auch die aus der Kirschenzeit, alle:

«Wir bleiben hier, nach Deutschland gehen wir nicht.»

Da Rosier kein Zuhause mehr hatte, schlief er von nun an auf Lagern aus Buchenblättern voller Flöhe und wählte als Decknamen den seiner Ziege: Binda. Seine neue Wohnung waren die Schluchten, die Berghütten ganz oben, wo nicht einmal der Maulesel hinkam. Dorthin hatte sich Bono Badery geflüchtet, nachdem er mit einem Lastwagen mit Musketen, Handgranaten, Munition, drei Maschinengewehren und zwei Motorrädern ins Tal gekommen war. Er hatte die Waffen in die Seilbahn geladen, um sie hinaufzubringen; es war Bono gewesen, der im Aostatal den maquis eröffnet hatte: Als am 8. Dezember 1943 die Carabinieri aus der Ebene heraufsteigen, um die Wehrdienstverweigerer aus Marine zu suchen, feuert er mit seinem Maschinengewehr eine Salve von Schüssen in die Luft, und die Carabi­nieri laufen Hals über Kopf davon.

Rosiers Heimat waren also die Ziegen, die Alpen, die Steinhaufen, die Kastaniensuppe, die Polenta, die Ziehharmonika, um mit der Liebsten im Heuschober zu tanzen, das Läuten der Glocke, die Gefahr ankündigte: Bis es den Faschisten gelang, den Klöppel der größten Glocke zu erbeuten, dort in der Wallfahrtskirche der Madonna della Guardia.

Diese wundertätige Madonna hatte im Ersten Weltkrieg die drei Brüder im Schützengraben gerettet, die eine Marienmedaille auf dem Hemd trugen, dem kleinen Mädchen Gnade erwiesen, das vom Balkon gefallen war, dem Mann, den eine Lawine erfasst hatte, dem Arbeiter, der ei­nen Stromschlag abbekommen hatte. Und nun versteckte sie unter ihrem blauen Mantel die Rebellen: Denn auch der Pfarrer war auf ihrer Seite. Als man ihn aufs Kommando brachte, sah er im Vorraum seine leichenblassen Gemeindemitglieder stehen, und der diensthabende Faschist, der einen Spaten in der Hand hielt, sagte zu ihm:

«Damit werden sich deine Partisanen die Grube graben.»

Rosier war zum Patrioten geworden. Sein Vaterland war jetzt die Bande Cappellin, benannt nach einem Jungen, den die Faschisten mit Fußtritten und Gewehrkolben massakriert hatten, als er von einem Abwurf von Hilfsgütern der Alliierten zurückkehrte: Seine entstellte Leiche hatten sie auf eine Plane gelegt und ihn heimlich zur Beer­digung hinuntergetragen. Und die Plane mit dem ganzen Gehirn drauf hatten sie Giustina zum Waschen gegeben, die das bis heute nicht vergessen kann.

Keine Politik, in der Bande. Ihre Politik war, ihre Haut zu retten. Frei zu sein, sich zu bekreuzigen, bevor sie die Straße überquerten, und sich nicht umbringen zu lassen. In der Bande von Perloz gibt es nicht, so wie oben im Tal, falsche Partisanen, die von außerhalb kommen, Diebe, die Vieh stehlen, Räuber. Hier kennen sich alle und helfen sich gegenseitig, hacken Holz. Als die Faschisten die Bäckerei von Chamioux niederbrennen, bauen die Partisanen sie wieder auf. Mit Masten aus Kastanienstämmen und Te­legrafenleitungen versorgen die Männer vom Ta­glia­men­to die entlegenen Ortsteile mit elektrischem Strom. Und manchmal machen sie sich über die Nazis lustig. Giu­stina erinnert sich an die Bergbäuerin, die, als die Deutschen kamen, um zu plündern, während sie gerade Ziegenkäse machte, sagte:

«Wartet, nehmt auch noch die hier …»

Sie hob ihren Rock und setzte sich mit nacktem Hintern auf die hölzernen Formen. Als die Deutschen sahen, wie in Perloz der Käse gemacht wird, ließen sie alles fallen und zogen ab.

Die Frauen strickten Pullover aus Schafwolle und nähten Hemden aus Fallschirmplanen, sie wuschen den in den Berghütten versteckten Männern die Wäsche, warnten sie, wenn die Faschisten kamen, und arbeiteten als Stafette, sie trugen Holzschuhe mit genagelten Sohlen, die auf den Steinen Funken schlugen, sie ernteten Kartoffeln, säten Roggen, transportierten Dung, gingen mit fünfzig Kilo Kastanien auf der Schulter zum Markt hinunter, während die Frau des Podestà ein Dienstmädchen mit Häubchen und schwarzer Satinschürze hatte. Einige Mädchen gingen zum Arbeiten in das Walzwerk von Ilssa Viola hinunter; und auf dem Maultierpfad fühlten sie am Kontrollposten jedes Mal ihr Blut stocken bei dem Ruf: «Halt! Wer da?!»

Die Frauen waren auf Seiten der Rebellen. Giustina war auf Seiten der Rebellen. Als Kind hatte sie mit ihren Brüdern auf einer Matratze aus Dung geschlafen, der mit einer Schicht Blätter bedeckt war. Sie erkannte jeden Hund an seinem Gebell und wusste, wenn nachts die Faschisten vorrückten: «Sie sind in Marine.» – «Sie sind am Crest.» Das Bellen der Hunde verriet sie.

Hier, zwei Schritte von den Feuern entfernt, die heute Abend am Flussbett der Lys auflodern, war der Wilde Westen. Damals geschahen Dinge, wie die Ziegenhirten sie noch nie gesehen hatten: Eines Tages Ende Januar 1944 sah man mit Gewehren und Maschinengewehren bewaffnete junge Leute, die Bandiera Rossa singend durch Lillianes zogen. Es geschahen Wunder. Nehmen wir Beniamino, zum Beispiel: Als er die Schüsse der Russen hört, ist sein Rheuma plötzlich geheilt, und er springt vom Mäuerchen herunter und dann in den Fluss, um seine Spuren zu verwischen.

Von einem deutschen Unteroffizier angeführt, waren die Russen bis Lillianes gekommen: Sie waren nervös, denn die Brigade kontrollierte mittlerweile das ganze Tal. Die Männer vom Tagliamento – Deo, Bandiera, Rospo, Spiccalocchio und noch ein paar – saßen in ihrem Stützpunkt beim Kartenspiel, manche gekleidet wie der Prinz von Wales, weil einer aus Biella den Stoff für ihre Jacken und Hosen geliefert hatte. An den Füßen Schuhe aus Autoreifen. Als sie den Trupp in der Nähe des Friedhofs sehen, gekommen, um zu plündern und zu brandschatzen, befiehlt Deo, der Anführer:

«Haut ab! Es hat keinen Zweck, das Feuer zu erwidern.»

Daraufhin verschwinden sie in die Berge Richtung Ma­­rine. Doch Bandiera wird gefangengenommen:

«Du Bandit! Heute Abend in Ponte San Martino erschießen!»

Zuerst bringen sie ihn nach Fontainemore, wo sie ihn beschimpfen und verprügeln. Sie wollen ihn auf der Stelle erschießen, doch der Feldwebel der Alpini ist dagegen: Wenn sie Bandiera umbringen, werden seine Genossen rea­gieren. Also binden sie ihn mit einem Eisendraht an das Kuhgeschirr und los, runter zur Brücke. Doch an einer Kurve vor dem Dorf angekommen, hat der Eisendraht seine Arbeit getan, und Bandiera wird von der Kuh gerettet, die ihm geholfen hat, den Strick durchzuscheuern. So kann er sich vor der Nase der Russen, die so sturzbetrunken sind, dass sie kein Gewehr mehr halten können, in die Weinberge absetzen.

Das wahre Wunder geschieht jedoch vor dem Dorf. Dort patrouilliert Nerone zu Füßen der Bella Italia, als plötzlich eine Kugel seinen Kopf durchschlägt: Wie ein Ei, das zerbricht. Die Kugel dringt an der Schläfe ein und tritt im Nacken an der Schulter wieder aus: Nerone fällt um, steht auf, rollt von der Mauer herunter, versteckt sich in einem Kanal, steht erneut auf, um einen Apfel zu pflücken, kann aber den Kiefer nicht bewegen; er schleppt sich bis zur Lys, durchquert sie, trinkt, übergibt sich, sie flößen ihm Ziegenmilch ein, binden ihn an eine Leiter, die als Bahre dient, und tragen ihn nach Ruine hinauf. Sie wachen die ganze Nacht bei ihm. Dann geht’s noch weiter hinauf bis Mont Rot. Nachts ruft das Käuzchen: Doch Nerone stirbt nicht.

Gegen Ende August 1944 heulten in Ponte eines Tages um die Vesperzeit die Sirenen: Dicker Qualm verdunkelte die Sonne, und alles wurde schwarz. Da sah Rosier oben im Gebirge Fotos durch die Luft fliegen wie orientierungslose Vögel. Die amerikanischen Bomben hatten auch das Haus des Dorffotografen getroffen, und dabei waren die Bilder von den Rebellen – verewigt mit Maschinengewehr und Ziehharmonika, als sie ein Fest gefeiert hatten – hoch hinauf gewirbelt worden.

Und heute Abend beginnt diese Ziehharmonika neben den Augustfeuern die alten Lieder zu spielen, die Giustina an ihre Jugend erinnern. Und nun, schau, nun landen die Fotos auf den Rhododendronsträuchern, während in der Ebene auf den Straßen alle durcheinanderschreien und die Bomben in Ponte mehr als hundert Tote verursachen: Die Mutter des Fotografen findet man in einem Graben auf der anderen Seite des Flusses wieder, doch wo mag das Kind hingekommen sein? Die zwei kleinen Geschwister, die auf der Piazza vor dem Denkmal Murmeln spielen, fliegen in die Luft, genau wie Maria Anna am Waschtrog, der Barbier, der gerade einem Kunden die Haare schneidet, Mario an der Kaffeetheke und Domenico am Kartentisch mit seinen Freunden, die dreizehnjährige Ines auf dem Weg zum Brotholen, der Direktor der Sparkasse mit der Schachtel seiner Schuhe in der Hand, die frisch besohlt werden sollen, und von der Frau aus Carema, die zum Feigenverkaufen gekommen ist, findet man nur noch die Kräze. Und alle anderen: von den Bomben zerfetzt. Den Bomben, die man schwankend und in der Sonne glänzend über den Häusern von Ponte hatte fallen sehen. Es interessierte die amerikanischen Piloten nicht, wo diese silbernen Geschosse landeten, die den Passanten auf der Straße die Kleider herunterreißen und sie mit Erde bewerfen; die dem Tod Entronnenen irren nackt und schwarz wie Kaminfeger mit blutenden Füßen auf den Glassplittern durch die Straßen, und am nächsten Morgen denkt man, die Sonne könne nicht mehr aufgehen über Ponte, während sich das Pfarrhaus von Perloz mit weinenden Menschen füllt und man den Schreiner aus der Via Roma singen hört, der vor Schmerz wahnsinnig geworden ist und einen wirklich schönen Sarg für sein Töchterchen zimmert, das zerschmettert wurde, als es gerade mit dem Cousin zum Bonbonkaufen ging: Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein …

Auch heute Abend fliegen sie, die Fotos der Rebellen, werden von den Funken der am Flussbett lodernden Feuer hinaufgewirbelt, eins, zwei, drei, eins, zwei, drei, wie in einem Walzer, mit den jungen Gesichtern von Vadalà ­Ridolini Saetta Canonico Piccolo Stukas Grappa Carnera Siberia Tabacco Nerone Capèl Tom Garibaldi Pirata Galletta Badoglio Nebbiolo Primola Binda Bandiera Tremendo und allen anderen, die im Rauch verblassen: bis das Foto der kompletten Brigade mit angelegtem Gewehr ­Giustina direkt in den Schoß flattert, während sie die Augustfeuer am Ufer der Lys betrachtet.

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