Kitabı oxu: «Historische Valenz»

Şrift:

Albrecht Greule / Jarmo Korhonen

Historische Valenz

Einführung in die Erforschung der deutschen Sprachgeschichte auf valenztheoretischer Grundlage

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Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Alexander von Humboldt-Stiftung.

© 2021 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8233-8478-6 (Print)

ISBN 978-3-8233-0306-0 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

  Einleitung

 A. Deutsche Sprachgeschichte im Überblick1. Perioden der deutschen Sprachgeschichte2. Die Textüberlieferung in den historischen Sprachperioden3. Bibliografie der wichtigsten Grammatiken und Wörterbücher der deutschen Sprachperioden

  B. Der gegenwartssprachliche Valenzbegriff. Eine Zusammenfassung 1. Prädikate, Ergänzungen, Angaben 2. Verb-Aktanten-Konstellationen (VAK)

 C. Historische Valenz. Forschungsüberblick und Problembereiche1. Forschungsüberblick2. Probleme bei der Analyse der historischen Valenz3. Herausarbeitung der Verb-Aktanten-Konstellationen aus historischen Texten

 D. Valenz und Historische Grammatik1. Die Satzbaupläne im Zentrum der Syntax2. Von der Textanalyse zur Valenz und zu den Verb-Aktanten-Konstellationen3. Die linguistische Ersatzkompetenz (Prokompetenz)4. Vom historischen Korpus zur Valenz und zu den Satzbauplänen (Methoden)5. Die Satzbaupläne, Satzmodelle oder Satzmuster im Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutschen sowie im (Älteren) Neuhochdeutschen6. Die „logisch-grammatischen Satztypen“ in der deutschen Sprachgeschichte7. Polyvalenz in der deutschen Sprachgeschichte8. Historische Valenz und Wortbildung9. Historische Valenz und verbale Wortfelder10. Historische Valenz und Phraseologie11. Historische Valenz und Funktionsverbgefüge12. Historische Valenz und Textgrammatik13. Pragmatische Valenz historisch14. Historische Valenz und Konstruktionsgrammatik

 E. Historische Valenz und Lexikografie1. Historische Valenzlexika und valenzbezogene Informationen in historischen Allgemeinwörterbüchern des Deutschen2. Methoden der historischen Valenzlexikografie3. Projekte zur historischen Valenzlexikografie (HSVW, KHVL, MSVW)4. Historische Valenz und Digital Humanities

 F. Valenzwandel und Valenzentwicklung1. Valenzwandel: Satzglied- und Attributklassen2. Entwicklung der Valenz ausgewählter Verben und Verbphraseme vom Althochdeutschen bis zum heutigen Deutsch3. Valenzgeschichte(n)

 G. Lexikografischer Anhang1. Ausschnitt aus dem Syntaktischen Verbwörterbuch zu den althochdeutschen Texten des 9. Jahrhunderts (Greule 1999, 300)2. Probeartikel zum Mittelhochdeutschen syntaktischen Verbwörterbuch (MSVW)3. Probeartikel zum Historisch syntaktischen Verbwörterbuch (HSVW)4. Probeartikel zum Kleinen historischen Valenzlexikon (KHVL)

  Literatur zur Historischen Valenz

 Verzeichnisse1. Wörterbücher2. Korpora

  Verfasser- und Quellenregister

  Sachregister

Vorwort

Mit dem vorliegenden Handbuch, für dessen Inhalt wir gemeinsam verantwortlich zeichnen, wollen wir zum einen einen Überblick über die verschiedenen Forschungsaktivitäten im Zusammenhang mit der Übertragung der Valenztheorie auf die Beschreibung des Deutschen unter sprachgeschichtlichem Gesichtspunkt bieten und zum anderen die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Valenzmodells für die Erfassung des Sprachwandels und damit für die Schaffung von Voraussetzungen für ein besseres Verständnis historischer Texte lenken. Bei der Beschäftigung mit älteren Texten in lexikalischer, syntaktischer, phraseologischer und semantischer Hinsicht stellen synchronsynchron und diachrondiachron angelegte Wörterbücher ein unverzichtbares Hilfsmittel dar, und gerade auf dem Gebiet der Erstellung historischer lexikografischer Nachschlagewerke hat die Valenztheorie in den letzten Jahrzehnten wichtige Ansätze entwickelt. Entsprechend bildet die historische ValenzlexikografieValenzlexikografie neben der Erläuterung von Beziehungen zwischen Valenz und historischer Grammatik sowie von Aspekten des ValenzwandelsValenzwandel und der ValenzentwicklungValenzentwicklung einen deutlichen Schwerpunkt in unserem Buch.

Das Interesse für die Anwendung der Valenztheorie auf die deutsche Sprachgeschichte erwachte vor rund 50 Jahren. Bereits in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre haben wir uns ‒ unabhängig voneinander ‒ vorgenommen, jeweils einen umfangreicheren Text mit valenzbasierten Methoden zu analysieren. In der Abhandlung von Albrecht Greule diente das „EvangelienbuchEvangelienbuchOtfrid von Weißenburg“ Otfrids von WeißenburgOtfrid von Weißenburg, in der von Jarmo Korhonen der Sermon „Von den guten Werken“ von Martin LutherLuther, Martin als Untersuchungsmaterial. Seitdem haben wir uns fast ununterbrochen mit dem Problemkomplex Valenztheorie und historische deutsche Sprachwissenschaft befasst und dazu mehrere Publikationen in unterschiedlicher Form vorgelegt. Unsere Zusammenarbeit hat sich in letzter Zeit besonders dadurch verstärkt, dass Jarmo Korhonen mit Hilfe eines Forschungsstipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung in den 2010er-Jahren am Institut für Germanistik der Universität Regensburg arbeiten konnte. Während dieser Zeit hat Albrecht Greule eine Idee entwickelt, einerseits ein umfassendes Historisch syntaktisches Verbwörterbuch mit Schwerpunkt auf der Valenz und andererseits ein Kleines historisches ValenzlexikonValenzlexikon zu erarbeiten.

Ende der 1970er-Jahre intensivierten sich die Forschungen zur historischen Valenz erheblich, sodass Albrecht Greule im Jahr 1982 einen diesbezüglichen Sammelband („Valenztheorie und historische Sprachwissenschaft“) herausgeben konnte. Schon damals zeigte sich, dass die einschlägigen Untersuchungen trotz der gemeinsamen theoretischen Grundlage recht divergent waren, was sich z.B. in den Methoden, der Terminologie und der Kennzeichnung der valenzbedingtenvalenzbedingt Bestimmungen (ErgänzungenErgänzung) widerspiegelte. Auch spätere historische Valenzstudien sind durch eine ähnliche Differenziertheit geprägt, weshalb wir uns entschieden haben, für unsere Darstellung keine formale Einheitlichkeit anzustreben, sondern die herangezogenen Publikationen etwa in Bezug auf die Gestaltung der Symbole von Ergänzungen unverändert zu dokumentieren und bei Bedarf kritisch zu besprechen.

Unsere Arbeit im Bereich der historischen Valenzforschung ist außer von der Alexander von Humboldt-Stiftung auch von der germanistisch-romanistischen Forschergemeinschaft CoCoLaC (Contrasting and Comparing Languages and Cultures) in der Abteilung für Sprachen der Universität Helsinki gefördert worden. Es konnten beispielsweise mehrere Arbeitstreffen und kleinere Kolloquien, auf denen wir unsere Überlegungen und Forschungsergebnisse präsentieren konnten, abwechselnd in Regensburg und Helsinki stattfinden. Beiden Institutionen sind wir zu Dank verpflichtet, desgleichen sprechen wir der Alexander von Humboldt-Stiftung für die Bewilligung einer großzügigen Druckkostenbeihilfe einen verbindlichen Dank aus. Schließlich danken wir dem Verlag für die gute Betreuung bei der Erstellung der Druckvorlage.

Regensburg und Helsinki, im März 2021

Albrecht Greule und Jarmo Korhonen

Einleitung

„Viel stärker noch als bei der Beobachtung der Gegenwartssprache stoßen wir beim Lesen älterer Texte auf Zeichen der Veränderung. […] Dies macht sich durch zahlreiche Verständnisprobleme fortwährend bemerkbar. Je älter ein Text ist, umso mehr häufen sie sich. […] Das Gute an den Schwierigkeiten im Umgang mit historischen Texten ist aber, dass sie uns die Tatsache der geschichtlichen Entwicklung einer Sprache nachhaltig verdeutlichen. […] Sprachgeschichtliche Kenntnisse helfen uns dabei, diese älteren Texte – und damit die Gedanken und Konzepte vorangegangener Generationen – richtig einzuordnen“.1

Im Vorwort zu seinem Werk betont JÖRG RIECKE darüber hinaus, dass es in der Sprachgeschichte um Grundlagen des Textverständnisses, um ein Verständnis für den Wandel von Kommunikationsformen und um Einblicke in den historischen Wandel bei der Erfassung und Interpretation unserer Welt geht.

Wir sind der Überzeugung, dass die Übertragung des aus den praktischen Belangen des Deutsch-als-Fremdsprache-Unterrichts der 1960er-Jahre entwickelten Valenzmodells auf die deutsche Sprachgeschichte den Ansprüchen an die Sprachgeschichtsschreibung, besonders dem Anspruch, Grundlagen des Textverständnisses zu schaffen, Vorschub leistet. Wir sehen dies darin begründet, dass die Beobachtung der semanto- und morphosyntaktischenmorphosyntaktisch Umgebung – in erster Linie – von Verben, wenn die historischen Texte der Valenzanalyse unterzogen werden, Erkenntnisse zutage fördert, die dann in lexikalische Verzeichnisse (analog oder digital) Eingang finden. Damit stehen syntaktisch untersuchte Verben aller Sprachperioden bereit und bieten sich zum historischen Vergleich an. Aufgrund der „ValenzgeschichteValenzgeschichte“, die für je ein Verb das syntaktische Verhalten und die semantische Entwicklung vom Ahd. bis zum Nhd. beschreibt, wird aus einem spezifischen Blickwinkel der Sprachwandel erfasst und erklärt. Die wichtigsten Beschreibungs- und Forschungsbereiche der historischen Valenz sind demnach Syntax, Phraseologie, lexikalische Semantik und Lexikografie.

Das Buch ist folgendermaßen aufgebaut. Zunächst erhalten die Leser einen knappen Einblick in die (periodisierte) deutsche Sprachgeschichte (Kapitel A), um die zeitlichen Dimensionen, die Textmenge und Themenfülle kennenzulernen, auf die sich die valenzbasierte Text- und Satzanalyse erstreckt. Kapitel B fasst den Forschungsstand zur gegenwartssprachlichen Valenztheorie zusammen. In Kapitel C geht es um die Probleme der Übertragung des ValenzbegriffsValenzbegriff in die deutsche Sprachgeschichte. Die Kapitel D und E präsentieren die Ergebnisse historischer Valenzforschung auf dem Gebiet der Grammatik und der Lexikografie, den Hauptgebieten der Anwendung der sprachhistorischen Valenz. Kapitel F beschreibt den Sprachwandel, soweit die Verbvalenz erklärend dazu beiträgt. Die aus unterschiedlichen Perspektiven verfassten Probeartikel zu Historischen VerbvalenzwörterbüchernValenzwörterbuch des Deutschen füllen den umfangreichen Anhang (Kapitel G).

A. Deutsche Sprachgeschichte im Überblick
1. Perioden der deutschen Sprachgeschichte

Auf der Grundlage der schriftlichen Überlieferung ergibt sich folgende Einteilung der Entwicklung der deutschen Sprache in zeitliche Abschnitte. Die zeitlichen Grenzen sind ungefähre und gerundete Jahreszahlen. Neben den im hochdeutschen Sprachraum entstandenen Texten findet auch die Entwicklung im niederdeutschen Sprachraum Berücksichtigung.

 1.1 Die althochdeutsche (und altsächsische) Zeit ca. 750‒1050 (ahd.) bzw. 9.‒12. Jh. (as.)

 1.2 Die mittelhochdeutscheMittelhochdeutsch (und mittelniederdeutscheMittelniederdeutsch) Zeit ca. 1050‒1350 (mhd.) bzw. ca. 1200‒1650 (mnd.)

 1.3 Die frühneuhochdeutscheFrühneuhochdeutsch Zeit ca. 1350‒1600 (fnhd.)

 1.4 Das NeuhochdeutscheNeuhochdeutsch ab ca. 1600 (nhd.)

1.1 AlthochdeutschAlthochdeutsch und Altsächsisch

Das Ahd. wird von dem sprachhistorisch nah verwandten AltsächsischenAltsächsisch durch den geografischen Raum, in dem es schriftlich festgehalten wurde, und durch lautliche Differenzen unterschieden. Die altsächsischen (altniederdeutschen) Aufzeichnungen weisen keine Reflexe der Zweiten (hochdeutschen) Lautverschiebung (germanisch /p, t, k/ > ahd. /ff, zz, hh/ bzw. /pf, tz, kch/) auf, sondern bewahren den germanischen Lautstand. Der Raum, in dem ahd. geschrieben wurde, wird durch die folgenden Schreiborte (Klöster, Bischofssitze) markiert: Trier, Echternach, Köln, Aachen, Mainz, Lorsch, Speyer, Frankfurt, Fulda, Würzburg, Bamberg, Weißenburg, Murbach, Reichenau, St. Gallen, Freising, Regensburg, Salzburg, Tegernsee, Passau, Mondsee. Nach der Unterwerfung des Stammes der Sachsen durch Karl den Großen (804) wurden altsächsische Texte zum Zweck der Christianisierung der Sachsen verfasst und niedergeschrieben (vgl. das Altsächsische Taufgelöbnis). Als Grenze zu dem ahd. Gebiet wird die Benrather Linie (auch maken-machen-Linie) angenommen, eine gedachte Linie, die vom Rhein bei Düsseldorf nach Nordosten verläuft und die heutigen hochdeutschen Mundarten im Süden von den niederdeutschen im Norden trennt.

Die ahd. Schriftlichkeit setzt im 8. Jh. ein (siehe Kapitel A.2). Die historischen Rahmenbedingungen dazu schufen die (fränkischen) Karolinger, deren Reich mit dem Tod Kaiser Karls III. anno 888 endete. Insbesondere die Kirchen- und Bildungsreform Kaiser Karls des Großen (geb. 747 oder 748, gest. 814 in Aachen) ist die Ursache dafür, dass „im ahd. Sprachraum Grundlagentexte des christl. Glaubens, der kirchlichen Praxis, der kulturell-politischen Auseinandersetzung und der schulischen Lektüre glossiert, übersetzt, kommentiert und zur Dichtung umgestaltet“ wurden.1

Nach den herausragenden Werken des St. Galler Mönchs Notker III.Notker III. (†1022) findet die ahd. Phase unter dem Geschlecht der Salier (1024‒1125) mit den um die Mitte des 11. Jh. verfassten Schriften ihr Ende und geht allmählich ins Frühmhd. über. Williram von Ebersberg (†1085) widmete seine ahd. Hoheliedparaphrase Heinrich IV., römisch-deutscher König seit 1056.

1.2 MittelhochdeutschMittelhochdeutsch

Während das Ahd. eine Sammelbezeichnung für die Schriftzeugnisse der „Stammesdialekte“ Fränkisch, Alemannisch und Bairisch ist und es noch keine „deutsche“ Sprachgemeinschaft gab, verfestigte sich der um 1090 im vermutlich in Siegburg verfassten Annolied auftauchende Ausdruck diutsch (diutischin sprechin ‚deutsch sprechen‘) als Sprachbegriff. Er findet sich weiterhin in Texten des 11. und 12. Jh. aus allen Mundartgebieten und wird zum Volks- und Raumbegriff (diutschi liute). Der politische Hintergrund für diese Entwicklung ist die Machtentfaltung des (ehemals ostfränkischen) Reiches zur Zeit der salischen (1024‒1125) und staufischen (1125‒1250) Kaiser, auf die im letzten Jh. der mhd. Periode (1250‒1350) als Folge des Interregnums (1254‒1273) wechselnder Herrscherhäuser und territorialer Gewalten der Niedergang folgte.

Der Wechsel der politischen Herrschaft im deutschen Reich ermöglicht es, das Mhd. in drei Phasen einzuteilen:

 Frühmhd. (während der Zeit der Salier etwa ab 1050 bis 1125)

 Klassisches (höfisches) Mhd. (während der Zeit der Staufer)

 Spätmhd. (vom Ende der Staufer bis zu den Mystikern im 14. Jh.)

Die frühmhd. Texte, die besonders im bairisch-österreichischen Raum entstanden (vgl. zuerst das um 1060 verfasste Ezzolied), gehen auf die Wirkung der in Deutschland seit 1070 wirksamen cluniazensischen Klosterreform zurück. Sie verfolgten die Absicht, auch dem Laienstand das asketische Ideal des Mönchtums nahezubringen. Die Verfasser waren vorrangig Geistliche. Ebenfalls von Geistlichen, die aber im Dienst adliger Auftraggeber standen, wurden Versepen verfasst (z.B. das Rolandslied des Pfaffen Konrad, 1170), die auf die aventiure-Romane der höfischen Zeit vorverweisen.2

MittelhochdeutschDie Literatur zur Zeit der Staufer wird von den ritterlichen Epen, der Minne- und Kreuzzugslyrik bestimmt, besonders durch die Werke Hartmanns von AueHartmann von Aue, Wolframs von EschenbachWolfram von Eschenbach, Parzival, Gottfrieds von StraßburgGottfried von Straßburg, Tristan und Isolde, des anonymen Nibelungenlied-DichtersNibelungenlied und Walthers von der Vogelweide. Die Dichtungen der klassischen Autoren sind rhetorisch geformt und von einem speziellen, teils aus dem Französischen entlehnten Wortschatz geprägt, in dem sich das Ideal der ritterlichen Lebensführung ausdrückt. Die „mhd. Dichtersprache“ war auch in der Weise überregional angelegt, als sich im Sprachgebrauch der Dichter um 1200, besonders in den Reimen, eine Vermeidung von Dialektismen und eine Tendenz zum Dialektabbau feststellen lässt.3 Die lautliche Abgrenzung des Mhd. vom Ahd. wird vor allem an der „Nebensilbenabschwächung“ sichtbar. Das bedeutet, dass die im Ahd. noch vollen Vokale der unbetonten Silben im klassischen Mhd. als einförmiges <e> erscheinen oder durch Synkope oder Apokope ausfallen. Dem ahd. sálbōta entspricht mhd. salbete, nhd. salbte.

Spätmhd. Phase (ca. 1250 ‒ ca. 1350): Seit dem 13. Jh. finden immer mehr Menschen Zugang zur Schriftlichkeit. Die Zahl der Städte stieg in Mitteleuropa zwischen 1200 und 1500 von ca. 250 auf ca. 3000. Die Städte boten in den unsicheren Zeiten Schutz. Es bildeten sich neue Kommunikationsgruppen; die Kaufleute brauchten Schulen, in denen Lesen, Schreiben und Rechnen in deutscher Sprache gelernt werden konnte. In diese Zeit fällt der Verfall der höfischen Dichtersprache; das höfische Ideal wurde in den Dichtungen der Zeit zur Mode stilisiert oder von realistischer Dichtung (z.B. Werner der Gartenaere, „Meier Helmbrecht“) verdrängt. Gegenüber dem Versepos in Reimpaaren gewinnen Texte in Prosa die Oberhand. Einerseits ist es die von den Angehörigen des Franziskaner- und Dominikanerordens gepflegte geistliche Predigt (z.B. Berthold von Regensburg), andererseits Fachliteratur, insbesondere die des Rechtswesens. Zuerst wurden Urkunden, in der Mitte des 13. Jh. im Südwesten, in deutscher Sprache ausgestellt. Der Beginn der Rechtskodifikation, z.B. im Sachsenspiegel, fällt in die mittelniederdeutscheMittelniederdeutsch Zeit (s.u.). Für das Geschäfts- und Rechtswesen sind die im Sprachgebiet verbreiteten herrschaftlichen Kanzleien wichtig. Aufgrund der hier verschrifteten Texte können verschiedene Schreiblandschaften ausfindig gemacht werden. Am Ende der spätmhd. Phase stehen die Mystiker und Mystikerinnen (z.B. Mechthild von Magdeburg, Meister EckhartMeister Eckhart), die ihre „Gottsuche und Gotteserkenntnis“4 in mhd. Prosa zum Ausdruck brachten. Den Übergang zur neuen Epoche markiert der Weltgeistliche Konrad von Megenberg, dessen für Laien in Prosa verfasstes naturkundliches „Buch der Natur“ (1348/1350) mit mehr als 100 Handschriften weite Verbreitung fand.

Das MittelniederdeutscheMittelniederdeutsch (von ca. 1200 bis ca. 1650) schließt an das AltsächsischeAltsächsisch an. Sprachräumlich umfasste das Mnd. ganz Norddeutschland und wurde zur Zeit der Hanse die führende Schreibsprache im Norden Mitteleuropas und Lingua franca in der Nordhälfte Europas. Bereits seit dem 12. Jh. trug die Einwanderung deutschsprachiger Siedler vorwiegend aus Flandern, Holland, dem Rheinland und Westfalen in die von Slawen besiedelten Gebiete östlich von Saale und Elbe (Deutsche Ostsiedlung) zur Erweiterung des Sprachgebiets bei. Es entstanden der niederdeutsche Dialekt ostelbisch und der ostmitteldeutsche Raum, dem Martin LutherLuther, Martin entstammte. Wichtige mnd. Sprachdenkmäler sind der Sachsenspiegel Eikes von Repgow, ein um 1225 entstandenes Rechtsbuch, die Sächsische Weltchronik (13. Jh.), das Redentiner Osterspiel (Handschrift 1464), der Frühdruck der Lübecker Bibel (1494) und das Tierepos Reynke de vos (1498 gedruckt in Lübeck).

MittelhochdeutschDer Untergang des MittelniederdeutschenMittelniederdeutsch, jener neben dem Mhd. existierenden deutschen Varietät mit überregionaler Verbreitung, wurde auch ‒ als Folge der Reformation ‒ durch die Ausbreitung des „Meißnischen“, der durch LuthersLuther, Martin BibelübersetzungLuther-Bibel geschaffenen Schreibsprache, bewirkt.

1.3 FrühneuhochdeutschFrühneuhochdeutsch

Die Gründe, dass zwischen den Perioden Mhd. und Nhd. eine Epoche, das Fnhd., eingeschoben wird, liegen bei zwei weltgeschichtlichen Ereignissen, die für die Entwicklung der deutschen Sprache von großer Bedeutung waren: Um 1450 wurde der Druck mit beweglichen Metalllettern erfunden, und in der Folge der Reformation übersetzte Martin LutherLuther, Martin (1483‒1546) die Bibel ins Deutsche. Im September 1522 erschien seine Übersetzung des Neuen Testaments als gedrucktes Buch zur Leipziger Buchmesse. Luther legte damit und mit den späteren Bibeldrucken den Grundstein für die Herausbildung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache.5

LutherLuther, Martin selbst bekannte, dass er nach der sächsischen Kanzlei „rede“, und lenkte damit den Blick auf die Rolle der sogenannten Kanzleisprachen und ihre Wirkung als schreibsprachliche Vorbilder im 14. und 15. Jh. Ab der Mitte des 14. Jh. erhöht sich die Zahl der Texte je Textsorte, vor allem die Zahl der Gebrauchstexte, nicht zuletzt befördert durch die Verbreitung des Schreibstoffs Papier. In diesem Zusammenhang wuchs auch die Zahl der Schreib- und Schriftkundigen an. Vor allem die Kanzleien sind die Schreibstätten, wo das Schrifttum der herrschaftlichen Verwaltung durch Notare und Schreiber auch in deutscher Sprache produziert wurde. Aufgrund der zunächst nur regionalen (territorialen) Verbreitung der in den Kanzleien hergestellten Schriften entwickelten sich in den Kanzleien spätmittelalterliche Schreibdialekte. Unter ihnen kam der Schreibsprache der kaiserlichen Kanzlei eine gewisse Vorbildfunktion zu.

In der Kanzlei des späteren Kaisers Karl IV. wurden um 1350 die Ergebnisse der nhd. Monophthongierung (mhd. /ie uo üe/ > nhd. /i: u: y:/) und der nhd. Diphthongierung (mhd. /i: u: y:/ > nhd. /ei au eu/) geschrieben und erlangten Vorbildfunktion für den Schreibusus auch anderer Kanzleien. Beide Lautentwicklungen gelten als die deutsche Sprache charakterisierende Erscheinungen und werden als Hauptmerkmale genannt, durch die sich das Mhd. vom Fnhd. abgrenzt.

Die führende Rolle für die Sprachentwicklung übergaben die Kanzleisprachen im Lauf des 16. Jh. an die städtischen Druckerzentren. Es entstanden regionale Druckersprachen. Mit der gedruckten Bibelübersetzung durch Martin LutherLuther-Bibel, der sich an Tendenzen zur Bildung überregionaler deutscher Schriftlichkeit anschließen konnte, bildete sich nach 1500 eine bislang fehlende deutsche Leitvarietät aus, die auch dank der Tatsache, dass die Druckerzeugnisse einen großen Absatzmarkt brauchen, geografische Verbreitung fand, zuerst in den protestantischen, danach auch in den katholischen Herrschaftsgebieten. Nachdem der deutschen Sprache dank der Bibelübersetzung der Rang einer heiligen Sprache zuerkannt worden war, sind erste Werke der Sprachkultivierung zu verzeichnen, d.h., es entstanden grammatische Darstellungen, die auf das einheitliche Lesen und Schreiben ausgerichtet waren.

1.4 NeuhochdeutschNeuhochdeutsch

Die Abgrenzung und der Beginn der nhd. Periode der deutschen Sprachgeschichte ist nicht einheitlich. Bisweilen setzt man den Schnitt zwischen Fnhd. und Nhd. auch erst mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) an. Dies bedeutet aber, dass die Zäsur in der Mitte des 17. Jh. nicht nur die Epoche der deutschen Literaturgeschichte (Literatur des Barock), sondern auch wichtige sprachgeschichtliche Entwicklungen, die die Zeit des Barock mitprägen, auseinanderreißen würde.6 Man teilt das Nhd. beginnend mit dem Barock (17. Jh.) in drei Phasen ein:

 Das Ältere Nhd.NeuhochdeutschÄlteres 1600 ‒ ca. 1800 (änhd.)

 Das Jüngere Nhd.NeuhochdeutschJüngeres ca. 1800‒1950 (jnhd.)

 Nhd. Gegenwartssprache seit ca. 1950 (nhd.)

Das Ältere Nhd.NeuhochdeutschÄlteres: Der Dreißigjährige Krieg hinterließ ein verwüstetes Land und brachte dem Deutschen Reich einen politischen und ökonomischen Rückschlag. Am Ende des Krieges hatte sich Frankreich als führende Macht in Europa etabliert. Der französische Hof wurde zum Vorbild der absolutistischen Territorialfürsten, was eine besonders starke Einwirkung auf die deutsche Sprache durch die Übernahme zahlreicher Lehnwörter aus dem Französischen hatte und zu der häufig kritisierten deutsch-französischen „Mischsprache“ (Alamodewesen) führte. Außer der durch die Sprachkritik angeregten Sprachreflexion bekam die deutsche Sprachkultivierung noch vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges einen weiteren Impuls. Infolge der Gründung der ersten der barocken, primär adeligen Sprachgesellschaften im Jahr 1617 durch Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen bildeten sich im 17. Jh. neue Zentren der Sprachreflexion, Sprachkultivierung und literarischen Produktion heraus. Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft war auch Martin Opitz, der mit dem „Buch von der deutschen Poeterey“ (1624) eine Literaturreform herbeiführte und einem der drei bestimmenden Prinzipien der Sprachreflexion, der Sprachschönheit, zur Geltung verhalf. Neben den Prinzipien der Sprachschönheit und Sprachreinheit beschäftigte man sich mit der Sprachrichtigkeit und der Norm einer Leitvarietät des Deutschen. Zwei weiteren Zielen, die Georg Philipp Harsdörffer im Programm der Spracharbeit formulierte, nämlich die Erarbeitung eines Wörterbuchs und einer der Sprachrichtigkeit verpflichteten, normativen Grammatik, kam man näher: Dominant war in dieser Zeit die „Teutsche Sprachkunst“ (1641) von Justus Georg Schottel; aus der theoretischen Diskussion über das Verfassen eines Wörterbuchs ging gegen Ende des Jahrhunderts das normierende Wörterbuch von Kaspar Stieler „Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs / oder Teutscher Sprachschatz“ (1691) hervor. Dass die überregionale Verständlichkeit schriftlich verfasster und öffentlicher Texte erreicht war, zeigt die Zeitungssprache. Erstmals 1609 erschienen periodische Wochenzeitungen, ab Mitte des Jahrhunderts auch erste Tageszeitungen.

Den Übergang vom 17. zum 18. Jh., dem Zeitalter der Aufklärung, innerhalb des Älteren Nhd.NeuhochdeutschÄlteres, markiert Johann Christoph Gottsched (1700‒1766), dessen maßgebliche Grammatik „Grundlegung einer deutschen Sprachkunst“ ab 1748 erschien. In seinem „Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen“ (Leipzig 1729/1730) begründete Gottsched den Zusammenhang von Vernunft und Sprachgebrauch und setzte Maßstäbe der Sprachnorm, die im Laufe des 18. Jh. sowohl in den katholischen Regionen Süddeutschlands akzeptiert wurde als sich auch im niederdeutschen Norden als Schriftsprache (Meißnisch) ausbreitete. Dass das Hochdeutsche nun im gesamten deutschen Sprachraum Geltung besaß, ist auch den an verschiedenen Orten erscheinenden Zeitungen zu verdanken.

NeuhochdeutschKritik an der von Gottsched mit Absolutheitsanspruch vorgetragenen Sprachreform regte sich auf Seiten der Dichter. Zu nennen sind in diesem Kontext besonders Friedrich Gottlieb Klopstock (1724‒1803), Gotthold Ephraim Lessing (1729‒1781) und Christoph Martin WielandWieland, Christoph Martin (1733‒1813). Zu den Kritikern gehörte auch Johann Christoph Adelung (1732‒1806), der mit dem „Grammatisch-kritischen Wörterbuch der hochdeutschen Mundart“ (1774–1786) nicht mehr Normen setzen, sondern den tatsächlichen Sprachgebrauch (der oberen Stände Obersachsens) beschreiben wollte. Adelungs großes neues deutsches Wörterbuch wurde mit Gewinn von den Klassikern und gebildeten Bürgern benutzt.

Zwischen Älterem und JüngeremNeuhochdeutschJüngeres Nhd.NeuhochdeutschÄlteres: Die politischen und literaturgeschichtlichen Ereignisse zwischen 1789 und 1830/1832 erfordern es, dass die Sprachgeschichtsschreibung eine die deutsche Literatur und Sprache entscheidend prägende Epoche einblendet und die Epochengrenze ca. 1800 gleichsam überspringt. In den Vordergrund treten dabei die literarischen Werke der Weimarer Klassiker und der Romantiker; insbesondere geht es um die Literatursprache GoethesGoethe, Johann Wolfgang von und SchillersSchiller, Friedrich von. Wie die Klassiker verhielten sich auch die Romantiker ablehnend gegenüber der Französischen Revolution von 1789. (Als Dichter des „Sturm und Drang“ werden Goethe und Schiller auch der Periode des Älteren Nhd. zugeordnet.) Seit Beginn des 19. Jh. wird die auf der klassischen Literatursprache beruhende Norm zur Gebrauchsnorm der Schriftsprache überhaupt; eine überregional verständliche Schriftsprache ist vorhanden. Sie war die Sprache der in ganz Europa anerkannten klassischen Literatur und prägte das „bürgerliche Sprachempfinden“7 im gesamten 19. Jh.

Das Jüngere Nhd.NeuhochdeutschJüngeres: Der Tod GoethesGoethe, Johann Wolfgang von im Jahr 1832 markiert das Ende der Zeit, in der die für die deutsche Literatur- und Schriftsprache vorbildlichen Werke geschaffen wurden. Das 19. Jh. ist danach durch die Festigung und Verbreitung der literatursprachlichen Norm, zu deren Durchsetzung besonders in Norddeutschland die Zeitungen einen wichtigen Beitrag leisteten, gekennzeichnet. Der Gebrauch der perfekten Schriftsprache wurde durch das Lesen der richtigen Bücher (z.B. der Ausgabe von Goethes Werken), durch Sprachratgeber, Lehrbücher und Briefsteller garantiert. Von besonderer Bedeutung waren das „Vollständige Orthographische Wörterbuch der deutschen Sprache“ (1880) von Konrad Duden und die „Deutsche Bühnenaussprache“ (1889) von Theodor Siebs. Nicht den aktuellen Sprachgebrauch beschreiben oder regeln wollten die Brüder Jacob und Wilhelm GrimmGrimm, Jacob und Wilhelm. In der Tradition der Romantik stehend erforschten sie die Geschichte der deutschen Sprache und begründeten durch Werke wie die „Deutsche Grammatik“ (1819‒1837) und das „Deutsche Wörterbuch“ (1. Band 1854, 33. und letzter Band 1971) eine deutsche Nationalphilologie. In den von den Brüdern Grimm verfassten und in mehreren Ausgaben überarbeiteten „Kinder- und Hausmärchen“ (1. Auflage 1812‒1815) ist die dafür als Volkspoesie konzipierte Sprache bis heute verbreitet und bekannt.

NeuhochdeutschNach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 erhielt der gegen französische Einflüsse auf die deutsche Sprache gerichtete Sprachpurismus Auftrieb. Behörden griffen regulierend, z.B. bei Post, Eisenbahn und Militär, in den „Sprachenkampf“ durch Verdeutschungen ein. Nach der Gründung des „Allgemeinen deutschen Sprachvereins“ (1885) wurde die Sprachreinigung fast zu einer populären Bewegung. Noch zuvor war der „Allgemeine Deutsche Arbeiter-Verein“ (1863) entstanden und wurde die „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ (1869) gegründet. Damit etablierte sich ein Arbeiterbildungswesen, das die literatursprachliche Norm akzeptierte. Die Teilnahme der Bevölkerung am öffentlichen politischen Leben und die Rolle, die die Sprache in der öffentlichen Auseinandersetzung jetzt spielte, führten im Gefolge des Ersten Weltkriegs zur Politisierung der Sprache. Von den Schrecken des Ersten Weltkriegs sind die expressionistischen Dichtungen (1906‒1923) geprägt, in deren besonderem Sprachstil sich die Krise der bürgerlich-imperialistischen Gesellschaft abzeichnet.

Mit der Herrschaft der Nationalsozialisten (1933‒1945) war der öffentliche Sprachgebrauch vom nationalsozialistischen Sprachstil und von den durch den Rundfunk ins ganze Land verbreiteten Hetz- und Hassreden der Nazigrößen dominiert. Für seine Kritik des nationalsozialistischen Sprachgehabes ist besonders Victor Klemperer, der Autor der „Lingua Tertii Imperii“ (1947), bekannt geworden. Ein herausragendes Zeichen der Auseinandersetzung mit der durch den Nationalsozialismus „vergifteten“ deutschen Sprache nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte die von Dolf Sternberger herausgegebene Sammlung „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ (1957).

NeuhochdeutschGegenwartssprache: Die von den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs 1945 befreiten Länder Deutschland und Österreich waren zunächst in vier Besatzungszonen aufgeteilt worden. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 war der öffentliche politische Sprachgebrauch vom sogenannten Ost-West-Konflikt in der deutschen Sprache, der sich schon ab 1945 in den Tageszeitungen andeutet, beherrscht. Der Konflikt wurde theoretisch durch die Vier-Varianten-Theorie untermauert, die besagt, dass es gemäß den deutschsprachigen Staaten, Bundesrepublik Deutschland, DDR, Österreich und Schweiz, auch vier offizielle Varianten des Deutschen gibt. Durch die Wiedervereinigung 1989 und die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland existierte auch das „DDR-Deutsch“ außer in Regionalismen nicht weiter.

Als die zentrale außeruniversitäre Einrichtung zur Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache der Gegenwart wurde 1964 das Institut für Deutsche Sprache (IDS), jetzt Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, gegründet. Im Fokus der sprachwissenschaftlichen Forschung der deutschen Sprache der Gegenwart standen und stehen: die Sprache der Werbung (in allen Medien), die Sprache der Jugend und der Jugendkultur, die Sprache der Politiker, die Entwicklung der Dialekte zu Regionalsprachen, neuerdings die Sprachstile der „neuen Medien“, die durch die breite Nutzung der Sozialen Netzwerke (z.B. Facebook) und des Smartphones präsent sind. Als wichtige Institutionen der Sprachkultivierung und Sprachberatung wirken die bereits 1947 gegründete Gesellschaft für deutsche Sprache und die Duden-Redaktion. Sprachwissenschaftlich festgestellt werden Tendenzen, wie die deutsche Gegenwartssprache sich unter dem Einfluss der medialen und gesellschaftlichen Diskurse entwickelt. Dazu gehören z.B. der seit 1945 wachsende Einfluss des amerikanischen Englisch, der Übergang von einer literaturgeprägten Schriftsprache zu sprechsprachlichen Stilen, verbunden mit der Neigung zu kürzeren Sätzen und erweiterten NominalgruppenNominalgruppe, und die Änderung der Satzklammer.8Neuhochdeutsch

2. Die Textüberlieferung in den historischen Sprachperioden

Die Sprachgeschichtsschreibung sowie die grammatische und lexikalische Beschreibung der historischen Sprachstufen des Deutschen beruhen auf Texten, d.h. auf in lateinischer Alphabetschrift fixierten sprachlichen Formulierungen. Dem Umfang nach kann es sich um Kleinsttexte handeln, die nur aus einem Satz bestehen, oder auch um Großtexte und Textsammlungen (Bücher, Codices). In der Art und Weise der Überlieferung der Texte seit dem frühen Mittelalter bis in die Jetztzeit spiegelt sich auch die Entwicklung der Schriftmedien wider. Obwohl „Inschriften“ auf Stein, Holz, Gebäuden usw. angebracht wurden und noch werden, sind für die deutsche Textgeschichte als Schriftträger Pergament, Papier und letztlich computerbasierte Speichermedien die wichtigsten Träger der Textüberlieferung.

Im frühen Mittelalter wurden die Texte in den Skriptorien der Klöster durch Abschreiben hergestellt. Geschrieben haben anfangs vornehmlich Mönche. Die volkssprachliche (deutsche) Textüberlieferung beginnt im späten 8. und frühen 9. Jh. mit Glossierungen lateinischer Texte (anfänglich durch ahd. Einzelwörter), mit Übersetzungen pastoraler Kleinliteratur (z.B. die ahd. Übersetzungen des Vaterunsers) und weitet sich aus auf die Bibeldichtung (z.B. das Evangelienbuch Otfrids von WeißenburgOtfrid von Weißenburg) und die zum Zweck der Schullektüre verfassten Schriften NotkersNotker III. von St. Gallen oder auch auf heldenepische Texte (z.B. das HildebrandsliedHildebrandslied). Zu den historischen Rahmenbedingungen für die Übersetzung lateinischer religiöser Texte bis hin zu den Dichtungen des (ahd.) Evangelienbuchs und des (altsächsischenAltsächsisch) Heliands durch die Kirchen- und Bildungsreform Karls des Großen vgl. den Überblick über die deutsche Sprachgeschichte (Kapitel A.1.1).

Im späten Mittelalter änderte sich zwar die „Technik“ des Schreibens; das Texteschreiben war jetzt arbeitsteilig organisiert: Der „Autor war für die Erzeugung des Textes verantwortlich, der Schreiber für die Herstellung des Manuskriptes“.1 Die Kunst des Schreibens blieb aber noch immer auf den Klerus beschränkt. Schon im 13. Jh. wurden in den Kanzleien Urkunden nicht mehr nur in lateinischer, sondern auch in deutscher Sprache abgefasst. Vom 14. Jh. an üben sich auch Laien (Ritter und ansehnliche Bürger) in der Kunst des Schreibens, hauptsächlich um geschäftliche und private Briefe zu schreiben. Wichtige Sammelhandschriften sind die am Ende des 12. Jh. im Augustiner Chorherrenstift Vorau (Steiermark) geschriebene Vorauer Handschrift und der Codex Manesse, die bedeutendste deutsche Liederhandschrift des Mittelalters, die veranlasst durch die Zürcher Patrizierfamilie Manesse in der ersten Hälfte des 14. Jh. auf der Grundlage der Sammlung der Manesse vermutlich durch Nonnen des Klosters Oetenbach in Zürich hergestellt wurde. Nicht nur durch das zeitgleiche (oder spätere) und fehleranfällige Abschreiben (Kopieren) von Handschriften erscheint der mittelalterliche Text als ein dynamisches Gefüge. Es war auch üblich, Texte zeitlich und räumlich, dialektal und inhaltlich zu aktualisieren. Nicht jede mittelalterliche Handschrift setzt Verse ab; die Handschriften kennen keine Interpunktion im modernen Sinn und keine diakritischen Zeichen wie z.B. den Balken über Vokalen, um die Länge des Vokals zu markieren. Dies alles stammt von den Herausgebern der Neuzeit, die mit der Interpunktion das Textverständnis der modernen Rezipienten erleichtern, aber auch steuern wollten. Die Edition mittelalterlicher Texte hat erhebliche Auswirkungen auf die historische Syntax und die interpretative Satzabgrenzung.

An die Stelle des teuren und für schnelles Schreiben ungeeigneten Pergaments trat das glattere und billigere Papier als Schreibunterlage. Im 14. Jh. verbreitete sich Papier als Beschreibstoff und verdrängte im 15. Jh. das Pergament. Die erste deutsche Papiermacherwerkstatt wurde 1390 in Nürnberg in Betrieb genommen. Papier war eigenhändig leicht zu beschreiben und ermöglichte einen durchgängigen Schreibfluss. Diesem diente auch die – anstelle der aufwendigen Buchschrift vor allem in Handel und Verwaltung verwendete – Kursivschrift, wo große Schriftmengen (Akten, Rechnungen) zu bewältigen waren. Auch ganze Bücher wurden im 14. Jh. in Kursive geschrieben.

Das mühsame (Ab-)Schreiben mit der Hand konnte die steigende Nachfrage nach Lektüre auf Dauer nicht befriedigen. Die Erfindung des Bedruckens von Papier mit beweglichen Metalllettern durch Johannes Gutenberg um 1450 ermöglichte es, Texte zu „setzen“ und beliebig oft mechanisch in identischer Form zu vervielfältigen. Gegen Ende des 15. Jh. existierten in ganz Europa Druckwerkstätten (Offizinen). Die zwischen 1454 und dem 31. Dezember 1500 mit beweglichen Lettern gedruckten Einblattdrucke und Bücher (Inkunabeln, Wiegendrucke) waren in Format, Typografie und Illustration vom Erscheinungsbild mittelalterlicher Handschriften geprägt. Die Produktion auch deutscher Bücher stieg bis 1523 auf 944 Exemplare. Neue Textsorten wie gedruckte Flugblätter und Flugschriften sind Vorformen der Zeitungen und Vorläufer der Massenmedien.

In der zweiten Hälfte des 20. Jh. brachte die Erfindung und weite Verbreitung des Computers eine der Erfindung Gutenbergs vergleichbare mediale Wende auf der Grundlage elektronischer Datenverarbeitung. Mit Hilfe des Computers seit den 1970er-Jahren, des Internets und des World Wide Webs seit den 1980er-Jahren sind die Herstellung, massenhafte Verbreitung und Speicherung von Texten in uneingeschränktem Maß möglich. Neue Textsorten wie E-Mail, Newsletter, Chat (und Chatroom), Tweet u.a.m., die sich von den Texten in den Printmedien erheblich unterscheiden, sind entstanden. Die Digitalisierung ganzer Bücher und mittelalterlicher Handschriften ist in vollem Gang. Die Digitalisate werden online gestellt und sind jederzeit und überall mit Hilfe des Computers aufrufbar. Damit schließt sich der Kreis zum Beginn der Überlieferung deutscher Texte im 8. Jh. – Zur Anwendung der Computer-Technik bei der Erforschung der Historischen Valenz vgl. Kapitel E.4.

Die Textüberlieferung im Wandel der Medien am Beispiel von Otfrids Otfrid von Weißenburg Evangelienbuch Otfrid von Weißenburg

Die als Codex Vindobonensis (V) bezeichnete Handschrift des EvangelienbuchsOtfrid von Weißenburg von Otfrid von WeißenburgOtfrid von Weißenburg wurde zwischen 863 und 871 im Skriptorium des Klosters Weißenburg unter der Aufsicht und mit eigenhändigen Korrekturen Otfrids hergestellt. V diente im dritten Viertel des 9. Jh. als Vorlage für die zweite – ebenfalls in Weißenburg hergestellte – Handschrift, den Codex Palatinus (P). In Freising entstand am Anfang des 10. Jh. die dritte Handschrift (F) und in Fulda in der zweiten Hälfte des 10. Jh. die nur fragmentarisch erhaltene Handschrift (D), beide kopiert von V. Der Codex Vindobonensis gilt als Haupthandschrift. Sie ist bis 1480 als Teil der Weißenburger Klosterbibliothek nachgewiesen, wurde aber, nachdem sie zwischenzeitlich in das Kloster St. Martin in Sponheim verbracht worden war, 1576 als Handschrift der Wiener Hofbibliothek geführt. 1560 fertigte Achill Pirmin Gasser in Augsburg eine Abschrift der Handschrift P an, nachdem P an Ulrich Fugger verkauft worden war. Als Druck erschien 1571 in Basel eine von Matthias Flacius Illyricus veranlasste Gesamtausgabe des Evangelienbuchs. Im 19. Jh. entstanden mehrere kritische (gedruckte) Textausgaben des Evangelienbuchs, zuerst die von Eberhard Gottlieb Graff unter dem Titel „Krist“ 1831 herausgegebene („mit einem Facsimile ieder der drei Handschriften“), dann die von Johann Kelle (1856‒1881) und Oskar Erdmann (1882), auf der Grundlage von V, und Paul Piper (1882) auf der Grundlage von P. Die Handschrift F wurde erst im Jahr 2000 durch Karin Pivernetz ediert. Eine Faksimile-Ausgabe der Wiener Handschrift wurde unter Mitwirkung von Hans Butzmann im Vierfarbendruck 1972 in Graz gedruckt. Eine nach den Handschriften V, P und D getrennte Neuedition des Evangelienbuchs gab Wolfgang Kleiber (2004 und 2006) im Druck heraus. Die Neuedition wird mit Mängeln der älteren Editionen, Neufunden zur Handschrift D und Konsequenzen aus der Autopsie der Wiener Handschrift begründet. Wichtiges Editionsprinzip ist die Vermeidung von Normalisierungen, moderner Zeichensetzung, Lesehilfen usw. zugunsten einer originalnahen, handschriftgetreuen Textwiedergabe. Das Ende der Textgeschichte des Evangelienbuchs ist vorläufig erreicht, seit die in der Universitätsbibliothek Heidelberg lagernde Handschrift P als digitale Kopie2 und die Handschrift F als Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek3 verfügbar sind.

3. Bibliografie der wichtigsten Grammatiken und Wörterbücher der deutschen Sprachperioden
3.1 Althochdeutsch

Grammatik:

Wilhelm Braune (2018 [1886]): AlthochdeutscheAlthochdeutsch Grammatik. Band I: Laut- und Formenlehre. 16. Auflage. Tübingen; Richard Schrodt (2004): Althochdeutsche Grammatik. Band II: Syntax. Tübingen.

Wörterbücher:

AlthochdeutschesAlthochdeutsch Wörterbuch (1968ff.). Auf Grund der von E. v. Steinmeyer hinterlassenen Sammlungen im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig bearbeitet und herausgegeben von Elisabeth Karg-Gasterstädt/Theodor Frings u.a. Berlin (bis 2020 sind 7 Bände erschienen, Band VII: O‒R). (= AWB) Digital zugänglich.

Rudolf Schützeichel (2006): AlthochdeutschesAlthochdeutsch Wörterbuch. 6. Auflage. Tübingen.

3.2 Altsächsisch

Grammatik:

Johan Hendrik Gallée (1993 [1891]): AltsächsischeAltsächsisch Grammatik. 3. Auflage. Tübingen.

Wörterbuch:

Heinrich Tiefenbach (2010): AltsächsischesAltsächsisch Handwörterbuch. Berlin/New York.

3.3 Mittelhochdeutsch

Es existiert keine umfassende grammatische und lexikografische Darstellung des Frühmhd. und des Spätmhd. Die mhd. Grammatiken konzentrieren sich auf das klassische Mhd.

Grammatiken:

Hermann Paul (2007 [1881]): MittelhochdeutscheMittelhochdeutsch Grammatik. 25. Auflage. Tübingen.

Thomas Klein/Hans-Joachim Solms/Klaus-Peter Wegera (2018): MittelhochdeutscheMittelhochdeutsch Grammatik. Teil II: Flexionsmorphologie. Tübingen; dies. (2009): Mittelhochdeutsche Grammatik. Teil III: Wortbildung. Tübingen.

Wörterbücher:

Georg Friedrich Benecke/Wilhelm Müller/Friedrich Zarncke (1854‒1861): MittelhochdeutschesMittelhochdeutsch Wörterbuch. 3 Bände. Leipzig. (= BMZ) Digital zugänglich.

Matthias Lexer (1872‒1878): MittelhochdeutschesMittelhochdeutsch Handwörterbuch. 3 Bände. Leipzig. (= ML) Digital zugänglich.

Kurt Gärtner/Klaus Grubmüller/Karl Stackmann (Hg.) (2006‒2012): MittelhochdeutschesMittelhochdeutsch Wörterbuch. Stuttgart (bis 2020 ist 1 Band erschienen, Band 1: a–êvrouwe). (= MWB) Digital zugänglich.

3.4 Mittelniederdeutsch

Grammatik:

Agathe Lasch (1974 [1914]): MittelniederdeutscheMittelniederdeutsch Grammatik. 2., unveränderte Auflage. Tübingen. Digital zugänglich.

Wörterbuch:

Karl Schiller/August Lübben (1875‒1881): MittelniederdeutschesMittelniederdeutsch Wörterbuch. 6 Bände. Bremen.

3.5 Frühneuhochdeutsch

Grammatiken:

Virgil Moser (1929‒1951): FrühneuhochdeutscheFrühneuhochdeutsch Grammatik. Band I,1 und 3. Heidelberg.

Hugo Moser/Hugo Stopp (Hg.) (1970–1991): Grammatik des FrühneuhochdeutschenFrühneuhochdeutsch. Beiträge zur Laut- und Formenlehre. 7 Bände. Heidelberg.

Robert Peter Ebert/Oskar Reichmann/Hans-Joachim Solms/Klaus-Peter Wegera (1993): FrühneuhochdeutscheFrühneuhochdeutsch Grammatik. Tübingen.

Wörterbücher:

Ulrich Goebel/Anja Lobenstein-Reichmann/Oskar Reichmann (Hg.) (1986ff.): FrühneuhochdeutschesFrühneuhochdeutsch Wörterbuch. Berlin/New York (bis 2020 sind die Bände 1‒6, 8 und 9 erschienen, Band 9: l‒ozzek). (= FWB) Digital zugänglich.

Ph. Dietz (1973 [1870‒1872]): Wörterbuch zu Dr. Martin LuthersLuther, Martin Deutschen Schriften. 2., unveränderte Auflage. Band 1‒2,1 (A‒Hals). Leipzig (Nachdruck Hildesheim/New York). (= PHD)

Renate und Gustav Bebermeyer (1993‒2018): Wörterbuch zu Martin LuthersLuther, Martin deutschen Schriften. Wortmonographien zum Lutherwortschatz. [2], 2 (Hals‒Härtigkeit) ‒ 17 (Lehnen‒Liebreden). Hildesheim/Zürich/New York. (= RGB)

3.6 ÄlteresNeuhochdeutschÄlteres Neuhochdeutsch

Grammatik:

Robert Peter Ebert (1999): Historische Syntax des Deutschen II: 1300–1750. 2., überarbeitete Auflage. Berlin.

Wörterbücher:

Goethe-WörterbuchGoethe, Johann Wolfgang von (1978ff.). Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Stuttgart (bis 2020 sind 6 Bände erschienen, Band 6: Medizinalausgabe‒Promenade). (= GWB) Digital zugänglich.

Rosemarie Lühr/Susanne Zeilfelder (Hg.) (2010‒2012): Schiller-WörterbuchSchiller, Friedrich von. 5 Bände. Berlin/Boston.

3.7 NeuhochdeutschNeuhochdeutsch

Grammatiken:

Duden. Die Grammatik (2016). 9., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Herausgegeben von Angelika Wöllstein und der Dudenredaktion. Berlin.

Ulrich Engel (1988): Deutsche Grammatik. Heidelberg.

Gerhard Helbig/Joachim Buscha (2001): Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Berlin u.a.

Hans Wellmann (2008): Deutsche Grammatik. Laut. Wort. Satz. Text. Heidelberg.

Wörterbücher:

Konrad Duden (1880): Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Leipzig.

Duden. Die deutsche Rechtschreibung (2020). 28., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Berlin.

Wörterbuch der deutschen Gegenwartsprache (1961‒1977). Herausgegeben von Ruth Klappenbach/Wolfgang Steinitz. 6 Bände. Berlin (Ost). (= WDG) Digital zugänglich.

Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache (1976‒1981). Herausgegeben und bearbeitet vom Wissenschaftlichen Rat und den Mitarbeitern der Dudenredaktion unter Leitung von Günther Drosdowski. 6 Bände. Mannheim/Wien/Zürich.

Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache (1999). 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben vom Wissenschaftlichen Rat der Dudenredaktion. 10 Bände. Mannheim.

Duden. Deutsches Universalwörterbuch (1983). Herausgegeben und bearbeitet vom Wissenschaftlichen Rat und den Mitarbeitern der Dudenredaktion unter Leitung von Günther Drosdowski. Mannheim/Wien/Zürich. (= DUW)

Duden. Deutsches Universalwörterbuch (2019). 9., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Berlin. (= DUW)

Duden. Onlinewörterbuch. duden.de/woerterbuch

Brockhaus-Wahrig. Deutsches Wörterbuch in sechs Bänden (1980‒1984). Herausgegeben von Gerhard Wahrig †/Hildegard Krämer/Harald Zimmermann. Wiesbaden/Stuttgart. (= 1BW)

Brockhaus-Wahrig. Deutsches Wörterbuch von Renate Wahrig-Burfeind. Mit einem Lexikon der Sprachlehre (2011). 9., vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage. Gütersloh/München. (= 2BW)

DWDS-Wörterbuch. dwds.de/wb (= DWDSWB)

Helmut Schumacher/Jacqueline Kubczak/Renate Schmidt/Vera de Ruiter (2004): VALBU ‒ ValenzwörterbuchValenzwörterbuch deutscher Verben. Tübingen. (= VALBU)

NeuhochdeutschElektronisches ValenzwörterbuchValenzwörterbuch deutscher Verben. grammis.ids-mannheim.de/verbvalenz (= E-VALBU).

3.8 Diachrondiachron

Grammatiken:

Hermann Paul (1916‒1920): Deutsche Grammatik. 5 Bände. Halle a. d. S.

Otto Behaghel (1923‒1932): Deutsche Syntax. 4 Bände. Heidelberg.

Robert Peter Ebert (1978): Historische Syntax des Deutschen. Stuttgart.

Wladimir Admoni (1990): Historische Syntax des Deutschen. Tübingen.

Jürg Fleischer in Zusammenarbeit mit Oliver Schallert (2011): Historische Syntax des Deutschen. Eine Einführung. Tübingen.

Ingerid Dal/Hans-Werner Eroms (2014): Kurze deutsche Syntax auf historischer Grundlage. 4. Auflage, neu bearbeitet von Hans-Werner Eroms. Berlin/Boston.

Wörterbücher:

Jacob Grimm und Wilhelm GrimmGrimm, Jacob und Wilhelm (1854‒1971): Deutsches Wörterbuch. 33 Bände. Leipzig. (= DWB) Digital zugänglich.

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm GrimmGrimm, Jacob und Wilhelm (1983ff.). Neubearbeitung, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen bzw. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. 9 Bände. Leipzig/Stuttgart. (= DWBN) Digital zugänglich.

Daniel Sanders (1860‒1865): Wörterbuch der deutschen Sprache. Mit Belegen von LutherLuther, Martin bis auf die Gegenwart. 2 Bände. Leipzig. (= DS)

Hermann Paul (2002 [1897]): Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes. 10., überarbeitete und erweiterte Auflage von Helmut Henne/Heidrun Kämper/Georg Objartel. Tübingen.

Trübners Deutsches Wörterbuch (1939‒1957). Herausgegeben von Alfred Götze/Walther Mitzka. 8 Bände. Berlin.

B. Der gegenwartssprachliche Valenzbegriff. Eine Zusammenfassung

Den gegenwartssprachlichen ValenzbegriffValenzbegriff beschreibt HANS-WERNER EROMS in der „Syntax der deutschen Sprache“ (Eroms 2000) ausführlich. Vorausgesetzt werden dabei die Annahme der „Satzbedeutung“, wonach Sätze komplexe Zeichen sind, die eine strukturierte Bedeutung haben und durch integrierende Regeln ein komplexes Ganzes aufbauen, sowie der Satzgliedbegriff. SatzgliederSatzglied oder PhrasenPhrase werden durch zwei auf den Satz angewendete Proben (PermutationPermutation oder VerschiebeprobeVerschiebeprobe und KommutationKommutation oder ErsetzungsprobeErsetzungsprobe) ermittelt und in sieben Phrasentypen unterteilt: NominalphrasenNominalphrase, PronominalphrasenPronominalphrase, PräpositionalphrasenPräpositionalphrase, AdverbphrasenAdverbphrase, Satzförmige Typen, InfinitivkonstruktionenInfinitivkonstruktion und PartizipialkonstruktionenPartizipialkonstruktion. Die Phrasen sind meist aus mehreren Wörtern bestehende Wortgruppen (Eroms 2000, 34‒38, 47). Die Benennung der Phrasen erfolgt nach der Wortart des die Wortgruppe „regierenden“ Wortes (NukleusNukleus, Kern oder Haupt).

Dass die Wörter bzw. Wortgruppen im Satz so angeordnet sind, dass sich zwischen ihnen Verbindungslinien fassen lassen, die ihre Funktion steuern, ist der Ausgangspunkt der DependenzgrammatikDependenzgrammatik. In ihr herrscht ein hierarchisches Prinzip vor, das sich am ValenzbegriffValenzbegriff verdeutlichen lässt. Der Valenzbegriff ist eine aus Physik oder Chemie übernommene Metapher, die besagt, dass das Verb als Kern des Satzes dank seiner WertigkeitWertigkeit (Valenz) andere Einheiten an sich bindet. Grundlage der Analyse des Satzes ist nicht die SubjektSubjekt-PrädikatPrädikat-Trennung, sondern die n-näre Valenz des Verbs (verbale Valenz). Verben erscheinen nämlich viel offensichtlicher „unvollständig“ oder ungesättigt als Substantive. Werden Verben bei der Versprachlichung verwendet, dann werden nominale Ausdrücke als Beteiligte von kleinen Handlungs- oder Vorgangsszenen oder Zuständlichkeiten spontan mitgedacht.

Eine noch formalere Deutung des der verbalen Valenz zugrunde liegenden Phänomens ist der Bezug auf logische Vorstellungen: Wie ein PrädikatPrädikat ArgumenteArgument erfordert und dabei seine Stelligkeit von entscheidender Bedeutung ist, so gibt es ein-, zwei- oder höherwertige Verben, die entsprechende Füllungen ihrer LeerstellenLeerstelle verlangen.

ValenzpragmatischeWörter sind inhalts- und ausdrucksseitig bestimmbar, aber sie sind, wie alle Zeichen, gesamthaft funktional. Entsprechend lässt sich von ausdrucks- und inhaltsseitiger Valenz sprechen. Isolierungen von logischen, semantischen, syntaktischen und pragmatischen Valenzen sind jedoch immer Abstraktionen vom Gesamtbegriff der Valenz, der dadurch als ein Bündel verschiedener Schichten erscheint. – Es wird davon ausgegangen, dass die schon angegebene Argumenthaftigkeit die logisch-semantischeValenzlogisch-semantische Grundlage des Valenzkonzepts bildet. Dies kann nur so verstanden werden, dass ErgänzungenErgänzung zu Verben in der Art von ArgumentenArgument zu PrädikatenPrädikat aufgefasst werden. […] Manifest wird diese Valenz-Grundschicht in der „Beteiligtheit“ der AktantenAktant an der „Verbszene“.

Sind die Verben gegeben, dann ist die valenzgrammatische Frage zunächst: Welche sind die valenzgebundenenvalenzgebunden Substantive und welche nicht? Ein Blick auf unterschiedliche Sätze zeigt, dass es alles andere als offensichtlich ist, was eine ErgänzungErgänzung (KomplementKomplement) ist und was eine AngabeAngabe (SupplementSupplement) als Komplementärmenge der dependenten Glieder. Gerade die ValenzwörterbücherValenzwörterbuch verdeutlichen durch ihre Unterschiedlichkeit die Schwierigkeit bei der Bestimmung der Ergänzungen. Zum Beispiel setzt ein Wörterbuch das Verb kaufen als zweiwertigzweiwertig, ein anderes als dreiwertigdreiwertig, teils als vierwertigvierwertig an.

Welches E- und welches A-Kandidaten sind, muss jeweils einzeln durch Testverfahren ermittelt werden (vgl. Eroms 2000, 122‒125). Operationale Verfahren sind allerdings nur Näherungslösungen, und bei oberflächenstrukturellen Kriterien spielen auch immer inhaltsseitige Bedingungen eine Rolle. Dass ein Komplementärbereich, die AngabenAngabe, zugelassen wird, ermöglicht andere syntaktische Regelinstanzen anzusetzen. Denn nur die gestufte Einbindung der Konstituenten in die gesamte Satzbedeutung vermeidet eine bloß reihende „flache“ Verkettung der SatzgliederSatzglied. ErgänzungenErgänzung und Angaben tragen in prinzipiell unterschiedlicher Weise zur Satzbedeutung bei. Dass es Syntagmen gibt, bei denen die Entscheidung für die eine oder andere Klasse nur mit Wahrscheinlichkeit gegeben werden kann, ist kein Einwand.

(Eroms 2000, 119‒129)

1. Prädikate, Ergänzungen, Angaben

Das finite Verb (Finitum) ist der „Kopf“ des Satzes und bildet das PrädikatPrädikat. Einfache finite Verben werden in der deutschen Sprache der Gegenwart zunehmend durch periphrastische, hierarchisch aufgebaute Fügungen ersetzt; das Prädikat ist dann identisch mit einer Verbgruppe (VG); diskontinuierliche Verbgruppen bilden die Verbalklammer. Die Verben werden wie folgt eingeteilt: HilfsverbenHilfsverb, ModalverbenModalverb, Modalitätsverben, Aktionsartverben. Einen besonderen Typ der VG stellen die FunktionsverbgefügeFunktionsverbgefüge (FVG) dar.

ErgänzungenErgänzung (AktantenAktant, KomplementeKomplement) füllen die durch Verben geschaffenen LeerstellenLeerstelle. Prototypisch sind dabei nominale Glieder (nominale Wortgruppen, NG). Die Kriterien für die Einteilung in ErgänzungsklassenErgänzungsklasse sind uneinheitlich (siehe dazu die Konkordanz bei Eroms 2000, 172) ebenso wie deren Bezeichnung. Am häufigsten wird das Symbol E verwendet und entweder durch eine Zahl (z.B. E4) oder durch eine grammatische Abkürzung (z.B. Eakk = AkkusativergänzungAkkusativergänzung) indiziert.

Ergänzungstypen (Eroms 2000, 183‒214)


(1)
(2)
(3)
(4)
(5)
(6) Esit = Situativergänzung
(7) Edir = Direktionalergänzung
(8) Emens = Mensuralergänzung (Maßergänzung)
(9)
(10) Eadj = Adjektivalergänzung, Artergänzung, adjektivisches Prädikatsnomen.

Es ist zu beachten, dass diese Abgrenzung der ErgänzungenErgänzung formale und semantische Kriterien mischt: Typ 1‒5 sind formal bestimmt, Typ 6‒10 vorrangig semantisch. Typ 2‒4 sind Kasus-ObjekteKasusobjekt, genauer Oberflächenkasus-ObjekteOberflächenkasus. Von den Oberflächenkasus müssen die TiefenkasusTiefenkasus (Kasusrollen, Theta-Rollen) wie z.B. AgensAgens, PatiensPatiens, ExperiensExperiens, unterschieden werden. Es handelt sich um „Funktionsindikatoren von SatzgliedernSatzglied in Hinblick auf ihre Bindung an das PrädikatPrädikat“ (Eroms 2000, 178), vgl. den Überblick über unterschiedliche Kasuslisten bei Eroms (2000, 180f.); neueste Überlegungen zu den semantischen RollenValenzsemantische bei Welke (2011, 140‒163).

AngabenAngabe (Supplemente)Supplement sind nicht im StellenplanStellenplan von Verben verankerte SatzgliederSatzglied. Ihre Klassifikation erfolgt nicht nach formalen Kriterien, sondern nach dem Beitrag der A zur Satzbedeutung:


(1)
(2) Propositionsbezügliche Angaben mit den Subklassen:
(a) Situierende: Temporal-, Lokalangaben
(b) Handlungskennzeichnende: Kausal-, Konditional-, Konzessiv-, Restriktiv-, Konsekutiv-, Finalangaben
(c) Prädikatmodifizierende: Instrumental-, Modal-, Quantifizierende Angaben
(d) Subjektbezogene Angaben
(e) Sprecherbezogene Angaben
(f) Negationsangaben.

Für eine AngabeAngabe steht das Symbol A, indiziert durch die Abkürzung des Namens der Subklasse, z.B. Asit, Atemp, Alok. Die SatzadverbienSatzadverb erhalten die Sigle Mw (ModalwortModalwort).

(Eroms 2000, 215‒246)

2. Verb-Aktanten-Konstellationen (VAK)

Das Verb und die ErgänzungenErgänzung (AktantenAktant, KomplementeKomplement) bilden spezifische Konfigurationen. In isolierten Sätzen besteht deren Funktion darin, propositionale Inhalte kompakt auszudrücken. Die Konfigurationen können entweder so wie sie im mentalen Lexikon gespeichert sind, abgerufen und verwendet werden, oder aber quantitativ reduziert oder erweitert und je nach den Erfordernissen des KontextesKontext abgewandelt werden. Gewöhnlich werden die Verb-Aktanten-KonstellationenVerb-Aktanten-Konstellation als SatzmusterSatzmusterSatzbauplan oder SatzbaupläneSatzbauplan (SBP) bezeichnet (Eroms 2000, 315). Wird im Satzbauplan den Ergänzungen auch die jeweilige Kasusrolle zugeordnet, dann liegt ein KasusrahmenKasusrahmen („case frame“ nach Ch. J. Fillmore), besser TiefenkasusrahmenTiefenkasusrahmen (TKR), vor. Die VAK können demnach auf zwei Ebenen beschrieben werden: auf der morphosyntaktischenmorphosyntaktisch (z.B. als NominalgruppeNominalgruppe im Akkusativ bzw. als AkkusativobjektAkkusativobjekt) und auf der semantosyntaktischensemantosyntaktisch, auf der der NGakk die Kasusrolle PatiensPatiens zugeordnet wird.

C. Historische Valenz. Forschungsüberblick und Problembereiche
1. Forschungsüberblick

Noch im Jahr 2007 konstatierte MECHTHILD HABERMANN (2007, 85), dass es zur historischen Valenz des Deutschen nur wenige Forschungsbeiträge gebe, und zählte folgende Arbeiten auf: Greule (1973), Korhonen (1978), Maxwell (1982b), Greule (1982a), Ágel (1988). Ein Blick auf das Literaturverzeichnis zur Historischen Valenz (S. 207‒221) beweist, dass es bis 2007 und erst recht bis heute (2021) eine weit größere Zahl an Forschungsbeiträgen gibt. Die Idee der Übertragung des Valenzkonzepts auf die deutsche Sprachgeschichte und auf historische deutsche Texte kam – unabhängig voneinander – in der deutschen und in der finnischen Germanistik auf. Wichtige Anregungen gingen von den Arbeiten HANS JÜRGEN HERINGERS (Heringer 1967; 1968a; 1968b; 1968c; 1969) aus. Eine erste Zusammenfassung der Forschungslage nach gut zehn Jahren lieferte der Sammelband „Valenztheorie und historische Sprachwissenschaft“ (Greule 1982b).

Die – mit den von Habermann genannten Arbeiten charakterisierte ‒ Forschungslage war streng synchronsynchron auf einzelne historische Sprachdenkmäler (z.B. Otfrid von WeißenburgOtfrid von Weißenburg, NibelungenliedNibelungenlied, LutherLuther, Martin) konzentriert (vgl. auch Habermann 1994, 65‒70, zu Albrecht Dürer). Erst JARMO KORHONEN befasste sich 1995 unter dem Terminus „Polyvalenz“ explizit mit dem ValenzwandelValenzwandel (siehe dazu Kapitel F).1 Bereits ein Jahr nach dem Statement von Habermann (2007) erschien 2008 die Dissertation von NÁNDOR CSIKY, in der die Geschichte eines ganzen WortfeldsWortfeld, nämlich des Wortfelds WACHSEN, vom Ahd. bis zum Nhd. ausgearbeitet wurde. Der ValenzgrammatikValenzgrammatik der historischen Sprachstufen des Deutschen sind im Handbuch „DependenzDependenz und Valenz“ mehrere Artikel gewidmet. Während Greule (2014) diachronediachron Perspektiven im historischen ValenzwörterbuchValenzwörterbuch skizzierte, behandelte HANS-WERNER EROMS in der 4. Auflage der „Kurzen deutschen Syntax auf historischer Grundlage“ (Dal/Eroms 2014, 4‒31) die Entwicklung der Valenz im Kontext von „Kasus und Kasusfunktionen“. Den Abriss einer historischen ValenzsyntaxValenzsyntax, konzentriert auf den EinfachsatzEinfachsatz, enthält die 3. Auflage der „Einführung in die deutsche Sprachgeschichte“ von Hans Ulrich Schmid (Schmid 2018, 185‒201).

Die neueste Forschung ist vorrangig auf den Entwurf und die Realisierung eines Historisch syntaktischen Verbwörterbuchs (HSVW) konzentriert (vgl. Greule/Korhonen 2016), siehe dazu Kapitel E.

Folgende historische Schriften sind bislang zur Beschreibung der historischen Valenz ausgewertet worden:

Gotische BibelGotische Bibel (Korhonen 1995a); AlthochdeutscheAlthochdeutsch Exhortatio ad plebem christianam (Greule 1982c); HildebrandsliedHildebrandslied (Greule 1987); OtfridOtfrid von Weißenburg, EvangelienbuchOtfrid von Weißenburg (Greule 1982a; Thornton 1984); ahd. IsidorAlthochdeutscher Isidor (Eichinger 1993); ahd. GebeteAlthochdeutsche Gebete (Braun 2016); ahd. Rezepte und ZaubersprücheAlthochdeutsche Rezepte und Zaubersprüche (Riecke 2016); Hartmann von AueHartmann von Aue (grüezen im Gesamtwerk) (Greule 2016); NibelungenliedNibelungenlied (Maxwell 1982a; 1982b); Heinrich von MorungenHeinrich von Morungen (Schütte 1982); Österreichische ReimchronikÖsterreichische Reimchronik (Lénárd 1996); mhd./mnd. KochbuchtexteMittelhochdeutsche/Mittelniederdeutsche Kochbuchtexte (Ehnert 1982); Handschriften des Rechtsbuchs „Schwabenspiegel“ (Uhlig 1983); mhd. Prosa-Lancelot (Keinästö 1986; 1990; 2016); fnhd. „Legenda aureaLegenda aurea“ (Wegstein/Wolf 1982; Wolf 1985); Bruder BertholdBruder Bertholds „Rechtssumme“sBruder Bertholds „Rechtssumme“ „Rechtssumme“ (Wegstein/Wolf 1982; Wolf 1985); „Denkwürdigkeiten der Helene KottannerinDenkwürdigkeiten der Helene Kottannerin“ (Ágel 1988); fnhd. BenediktinerregelFrühneuhochdeutsche Benediktinerregel (Simmler 1982); Texte Albrecht Dürers, Heinrich Deichslers und Veit Dietrichs (um 1500) (Habermann 1994); Martin LutherLuther, Martin, Schriften (u.a. Korhonen 1978); Luthers BibelübersetzungLuther-Bibel (Thornton 1984; Wolf 1984; Funk 1995; u.a. Korhonen 2016); Reiseberichte der frühen Neuzeit (Aehnelt 2016); Leipziger ZeitungLeipziger Zeitung (1660‒1914) (Anttila 1997); Leipziger Frühdrucke (Fischer 1987).

2. Probleme bei der Analyse der historischen Valenz

Die folgenden Problembereiche, die bei der Übertragung des gegenwartssprachlichen Valenzmodells auf historische deutsche Texte zu beachten sind, wurden zuerst im Zusammenhang mit der Valenzanalyse der mhd. Lieder Heinrichs von MorungenHeinrich von Morungen dokumentiert (Schütte 1982, 32‒40).

2.1 Allgemeine Probleme

 a) Man muss zwischen (freien) AngabenAngabe und ErgänzungenErgänzung unterscheiden, die nach Helbig/Schenkel (1973, 33ff.) in der „Tiefenstruktur“ begründet sind und durch eine Eliminierungs- und Substitutionsprobe unterscheidbar sein sollen. Die Unterscheidung in obligatorischeobligatorisch und fakultative ErgänzungenErgänzungobligatorische wird dadurch getroffen, dass fakultativefakultativ ErgänzungenErgänzungfakultative weggelassen werden können, ohne dass der Satz ungrammatisch wird oder sich die Verbbedeutung wesentlich ändert.

 b) Es ist nicht angebracht, die GenitivobjekteGenitivobjekt – bei einer Analyse mhd. Texte – als veraltet anzusehen, weil die Genitive im Mhd. eine größere und natürlichere Rolle spielen als im Nhd.

 c) Bei FunktionsverbgefügenFunktionsverbgefüge wird dem Funktionsnomen nicht der Rang eines AktantenAktant zuerkannt. Funktionsverbgefüge sind erwartbar bei semantisch indifferenten Verben wie mhd. tuon ‚tun‘ und hân ‚haben‘ (s.u.).

 d) Die Valenz eines Verbs ist nicht unabhängig vom Genus VerbiGenus Verbi (AktivAktiv oder PassivPassiv). Die Passivierung ist ein Verfahren der ValenzminderungValenzminderung, weil der Erstaktant im Passiv fakultativfakultativ wird.

 e) Die WertigkeitWertigkeit eines Verbs kann durch Reflexivierung erhöht werden, z.B. mhd. vröiwe ich mich ‚…freue ich mich‘ mit zwei referenzidentischen AktantenAktant.

 f) Die Valenz eines Verbs kann auch mit dem Verbinhalt wechseln, z.B. mhd. kommen 1 ‚gehen nach‘ mit PräpG mit in oder einem Dativ; kommen 2 ‚gereichen‘ mit PräpG mit ze.

 g) Es ist sinnvoll, keine nullwertigennullwertig Verben anzusetzen und referierendes mhd. ez von „inhaltsleerem“ ez (z.B. bei Witterungsverben, mhd. dô tagte ez) nicht zu unterscheiden.

2.2 Methodologische Probleme

 a) Da bei der Anwendung der muttersprachlichen Kompetenz auf die Valenzbestimmung historischer Verben die Gefahr intuitiver Fehlschlüsse besteht, sind der Ansatz einer „ErsatzkompetenzErsatzkompetenz“ (siehe Kapitel D.3) und statistische Methoden (z.B. die Häufigkeit bestimmter Syntagmen bei verschiedenen Verben) erforderlich (s.u.).

 b) Linguistische Tests können nur beschränkt angesetzt werden.

 c) Notwendig ist die Übertragung der gegenwartssprachlichen Kompetenz des Deskribenten auf die gewünschte Sprachstufe (siehe Kapitel D.3).

2.3 Grundsätzliche Unsicherheiten

Indem sie sich mit der historischen ValenzsyntaxValenzsyntax generell kritisch auseinandersetzt, führt MECHTHILD HABERMANN sechs „Unsicherheiten“ auf, die bei der Feststellung der historischen Valenz beachtet werden sollten.

 a) Die Unsicherheit bei der Abgrenzung der Sätze: „Uncertainty as to the limits of the clause. Punctuation is often missing as a clause is punctuated according to pauses in speech, hence there are no criteria for identifying the beginning and the end of sentences.“

 b) Die Unsicherheit in Bezug auf den Status der Sätze: „Uncertainty as to the status of the clause. Subordinate clauses are, as such, not unequivocally identified in every case, since the end position of the finite verb first appears as a rule in New High German. In addition, many conjunctions can just as well be read as hypotactic subordinators or coordinating elements. […] To sum up: the difference between parataxis and hypotaxis is nowhere as clear and unequivocal as in Modern German.“

 c) Die Unsicherheit in Bezug auf den Verbstamm: „For a long time, noun compounds and […] verb compounds were not usually written as one word. With regard to the stem and its valency, it is essential to determine whether Middle High German adverbs such as an, auf, durch, or heran, hinauf, herum have the status of phrases or not and whether, as a consequence, they could be complements or adjuncts; or whether we are dealing with verb particles, and thus with verbs which take a particle“ (z.B. ankommen, aufsteigen, durchfahren).

 d) Die Unsicherheit in Bezug auf die morphologische Identifikation der Kasus: „Because of early syncretism of form, especially since Middle High German, certain cases are no longer identifiable. […] It is very risqué to transpose conventional valency schemata of New High German to historical language.“

 e) Die Polyvalenz der Verben: „In contrast to New High German verbs, Old and even Middle High German verbs do not have a stable, or should I say prototypical valency. In New High German the meaning of the verb introduces a valency framework which, although it is slightly modifiable, as for instance in the case of optional complements, is quite stable for this particular meaning of polysemic lexemes. A wider range of structures is often recognisable in historical periods of language, so that prototypes cannot easily be defined. Thus here […] historical valency is greatly influenced by co-textual and contextual factors“ (siehe Kapitel D.12).

 f) Nachwirkung der indoeuropäischen Kasus-Bedeutungen: „It seems that the meanings of the case in Old and Middle High German are still strongly influenced by their ancient Indo-European meanings […] – Basically, the three morphological cases genitive, dative and accusative can appear as adverbial phrases. The disparity and diversity of meanings of genitive and dative render the assignment of semantic roles difficult.“

(Habermann 2007, 86‒88)

Kommentar: Die vor der Analyse zu bedenkenden Unsicherheiten (a) – (c) betreffen nicht nur die historische Valenzanalyse, sondern syntaktische Analysen und Beschreibungen der Sätze in historischen Texten gleich welcher Art. Bei (a) und (b) kommt man um eine syntaktische Interpretation einer Textstelle nicht herum. Entweder übernimmt sie der Deskribent aus der Edition des historischen Textes (und folgt der Interpretation des Herausgebers) oder er interpretiert unter Beachtung von Textgliederungs-Signalen in der Handschrift die Interpretation selbst. (d) entspricht der Warnung, nhd. SatzbaupläneSatzbauplan auf die historischen Texte einfach zu übertragen. (e) betrifft die bekannte Tatsache, dass vor der grammatischen und lexikalischen Regelung der deutschen Standardsprache sich aus den historischen Texten nicht immer ‒ wie im Nhd. ‒ eine stabilestabil, prototypische Valenz ermitteln lässt (siehe Kapitel D.7). (f) zielt auf die Schwierigkeit des Ansatzes der semantischen RollenValenzsemantische generell und auf die „Ableitung“ der semantischen Rollen aus den morphologischen Kasus (siehe Kapitel B.1).

3. Herausarbeitung der Verb-Aktanten-Konstellationen aus historischen Texten

Die Abstraktion von Verb-Aktanten-KonstellationenVerb-Aktanten-Konstellation (auch SatzmusterSatzmusterSatzbauplan, SatzbaupläneSatzbauplan, SatzmodelleSatzmodellSatzbauplan) (vgl. Kapitel B.2) erfolgte – anders als in der Grammatik der Gegenwartssprache ‒ im Rahmen der historischen Grammatik abhängig von der Methode, unter unterschiedlichen Begriffen und mit unterschiedlicher Markierung (vgl. Kapitel D.5).

Als Erster hat JARMO KORHONEN den Begriff des SatzmodellsSatzmodellSatzbauplan auf die Analyse eines umfangreicheren historischen Textes angewendet. In Korhonen (1978) wurde mit mehreren Arten von Satzmodell operiert: Es wurden zunächst einerseits aktivischeaktivisch und passivischpassivische SatzmodelleSatzbauplanaktivischer (Satzbauplanpassivischermit PrädikatPrädikat in Aktiv-Aktiv bzw. Passivform), andererseits Haupt- und NebenmodelleNebenmodell unterschieden. Zu den HauptmodellenHauptmodell wurden vom PrädikatsverbPrädikatsverb unmittelbar abhängige Elemente (ErgänzungenErgänzung 1. GradesErgänzung1. Grades), zu den Nebenmodellen mittelbar abhängige Elemente (Ergänzungen 2. GradesErgänzung2. Grades) gerechnet. Als ValenzträgerValenzträger der Nebenmodelle fungiert in Korhonen (1978) eine infinite Verbform oder ein prädikativesprädikativ Adjektiv. Die konstitutiven Glieder der Haupt- und NebenmodelleNebenmodell wurden in Bezug auf Form und Funktion beschrieben und mit entsprechenden Symbolen gekennzeichnet, an denen die Wortklasse und die Anschlussart an den Valenzträger bzw. der Satztypus zum Ausdruck kommen (z.B. Nomen im Nominativ als SubjektSubjekt, präpositionales Adjektiv als PrädikativPrädikativ und Nebensatz als ObjektNebensatzobjekt). ObjektDie auf diese Weise entstandenen Kombinationen von Ergänzungen wurden morphofunktionelle SatzmodelleSatzbauplanmorphofunktioneller genannt. In einem weiteren Arbeitsschritt wurden die unterschiedlich ausgeprägten Ergänzungen jeweils zu Gruppen mit gleicher syntaktischer FunktionFunktionsyntaktische zusammengefasst und diese ferner miteinander verbunden, was zur Bildung von SatzgliedmodellenSatzgliedmodell führte. ‒ Zu den verschiedenen Satz- und Satzgliedmodellen vgl. genauer Kapitel D.4.5.

Verb-Aktanten-KonstellationALBRECHT GREULE (1982c) fasste unter dem Terminus SatzformSatzform das formalisierte Ergebnis der Satzglied-AnalyseSatzglied eines konkreten (ahd.) Satzes zusammen. Die Analyse beginnt mit einer Segmentierung des Satzes in Satzglieder, denen Kategorialsymbole zugeordnet werden. Zum Beispiel wurde der ahd. Satz1 aufgeteilt in die Satzglieder: a) drato mihiliu caruni, b) dar inne, c) sint pifangan „sehr große Geheimnisse sind darin eingefangen“ (= SatzmusterSatzmusterSatzbauplan). In der abstrahierten Satzform, die die Reihenfolge der Satzglieder wie im originalen Satz beibehält, sind die Satzglieder durch die Symbole a) NG1 (NominalgruppeNominalgruppe im Nominativ), b) AdvG (AdverbgruppeAdverbgruppe), c) VER (Verb) präsent. Die morphosyntaktischmorphosyntaktisch determinierte Satzform bildet die Grundlage zu ihrer semantischen Interpretation. Im Fallbeispiel sieht die semantisch interpretierte Satzform so aus: a) NG1/Pat – b) AdvG/U:loc – c) VER/P:perf2. Die Satzform ist also noch nicht auf das PrädikatPrädikat und seine ErgänzungenErgänzung reduziert.

LAWRENCE JOHN THORNTON (1984, 77‒117) unterschied, ausgehend vom „Kleinen ValenzlexikonValenzlexikon deutscher Verben“ (Engel/Schumacher 1976), zehn „complement classes“ (E0‒E9), indem er das syntaktische Verhalten von ahd. Verben mit fnhd. Verben vergleicht: E1 ist markiert als Akkusativ, E2 als Genitiv, E3 als Dativ, E4 durch eine Präposition, E5 + 6 als lokale und temporale PhrasenPhrase, E6* durch VerbzusätzeVerbzusatz, E7 ist die „EinordnungsergänzungEinordnungsergänzung“ (z.B. er nennt sie Schätzchen) und E8 sind „Artergänzungen“ (z.B. er nennt sie faul), E9 ist der ErgänzungssatzErgänzungssatz. Dem ahd. Verb geban wird u.a. der SatzbauplanSatzbauplan 013 zugeordnet und durch den Belegsatz (OtfridOtfrid von Weißenburg 1,27,39) gab er mit giwurti in avur antwurti (= P, Nnom, Ndat, Nakk) verdeutlicht. Dem fnhd. Verb geben wird u.a. der Satzbauplan 014 zugeordnet und durch den Belegsatz (LutherLuther, Martin, Jn6.51): welchs ich geben werde fur das Leben der Welt (= Nakk, Nnom, P, PräpG) verdeutlicht (Thornton 1984, 290, 293).

Verb-Aktanten-KonstellationHARRY ANTTILA (1997, 78‒83) definierte SatzmodellSatzmodellSatzbauplan wie folgt: „Mit Satzmodellen sind syntaktische Grundstrukturen gemeint, die auf der Valenz beruhen und die jedem realisierten Satz zugrunde liegen. […] Es handelt sich also um eine begrenzte Zahl von abstrakten Strukturmodellen, denen alle Verben des Deutschen zugeordnet werden können. Es ist zu beachten, daß ein und dasselbe Verb zu mehreren Satzmodellen gehören kann.“ (Anttila 1997, 78). Bei Anttila werden Satzmodelle, die bei aktivischenaktivisch PrädikatenPrädikat vorkommen, von solchen unterschieden, die bei passivischenpassivisch Prädikaten vorkommen (Anttila 1997, 156). Die für die Satzmodelle konstitutiven (d.h. die obligatorischenobligatorisch und fakultativenfakultativ) SatzgliederSatzglied sind im Satzmodell durch fettgedruckte Abkürzungen der grammatischen Bezeichnungen präsent. Dem Verb danken wird z.B. entweder das Satzmodell sub dat prp mit den Satzgliedern SubjektSubjekt, DativobjektDativobjekt und PräpositionalobjektPräpositionalobjekt (Der Lehrer dankt dem Schüler für die Hilfe) zugeordnet oder das Satzmodell sub dat gls mit den Satzgliedern Subjekt, Dativobjekt und GliedsatzGliedsatz (Der Lehrer dankt dem Schüler, dass er ihm geholfen hat). Man muss beachten, dass Anttila das Satzmodell sub dat gls nicht als Variante bezüglich der Position 3, die meist mit einer PräpositionalgruppePräpositionalgruppe als ObjektObjekt besetzt ist, versteht, sondern als eigenes Satzmodell.

D. Valenz und Historische Grammatik
1. Die Satzbaupläne im Zentrum der Syntax

Um der wichtigsten Aufgabe einer Syntax, nämlich die Satzkonstitution zu beschreiben, gerecht zu werden, bietet die Valenztheorie einen grundlegenden Ansatz an (vgl. Wegstein/Wolf 1982, 113). Die Valenz ist zwar primär ein lexikografisches Phänomen (vgl. Kapitel E). Das zeigt die praktische Umsetzung der Theorie in ValenzwörterbüchernValenzwörterbuch (Helbig/Schenkel 1973; Engel/Schumacher 1976; Schumacher 1986; Sommerfeldt/Schreiber 1996; VALBU 2004; E-VALBU) und deren Einsatz im Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht. Im Valenzwörterbuch sind, vereinfacht gesagt, den Verben die Verb-Aktanten-KonstellationenVerb-Aktanten-Konstellation (SatzbaupläneSatzbauplan) zugeordnet, die das Grundgerüst dieses mit einem Verb gebildeten Satzes vorgeben. Ein Thema der Grammatikografie wird die Verbvalenz aber dann, wenn die lexikografische Perspektive umgekehrt wird und ein Verzeichnis der Satzbaupläne erstellt wird, dem – meist wahlweise – die entsprechenden Verben zugeordnet sind. Für die Satzbaupläne der deutschen Sprache der Gegenwart vgl. die Duden-Grammatik (2016, 927‒951); Engel (1988, 185‒218); Helbig/Buscha (2001, 516‒532); Wellmann (2008, 128‒135, 164‒184, 192‒194).

Als Ordnungsprinzip ist die Valenz bzw. die Satzbauplan-DarstellungSatzbauplan auch in der grammatischen bzw. syntaktischen Beschreibung der historischen deutschen Sprachstufen (Ahd., Mhd., Fnhd.) anerkannt und wird praktiziert (vgl. Greule 1992, 201‒204). Dabei wird von einem hierarchischen Drei-Ebenen-Modell ausgegangen: Auf der Ebene I geht es um die auf den höheren Ebenen II und III als SatzgliederSatzglied fungierenden Wortgruppen; sie werden hier nach Kategorien (Verbgruppe, NominalgruppeNominalgruppe, Präpositionalgruppe)Präpositionalgruppe gesammelt und im Hinblick auf ihre interne Struktur beschrieben. Vgl. die Behandlung der Ebene I bei Schmid (2017, 201‒214). Auf der Ebene II geht es um die Strukturen des EinfachsatzesEinfachsatz. Die Grundlage dafür ist die Typologie der Satzbaupläne, die aus der Valenz der Verben abgeleitet sind. Da die Satzbaupläne stellungsneutral formuliert sind, vgl. das Beispiel (Kapitel C.3): SatzmodellSatzmodellSatzbauplan sub dat prp mit den Satzgliedern SubjektSubjekt, DativobjektDativobjekt und PräpositionalobjektPräpositionalobjekt (Der Lehrer dankt dem Schüler für die Hilfe), muss die Ebene II um eine Beschreibung der möglichen Reihenfolge der Satzglieder, wie sie in den historischen Texten tatsächlich vorliegt, ergänzt werden. Auf der Ebene II muss ferner die Beschreibung des erweiterten Einfachsatzes bedacht werden, d.h., die durch die SatzbaupläneSatzbauplan vorgegebenen Satzstrukturen können in konkreten Sätzen durch „freie“ Satzglieder (valenztheoretisch: AngabenAngabe, Supplemente)Supplement erweitert sein. Vgl. die diachronediachron Behandlung der Ebene II unter dem Titel „Valenz und EinfachsatzEinfachsatz“ mit Beispielen aus Texten der drei deutschen Sprachstufen (Schmid 2017, 185‒201). Auf der Ebene III, der höchsten Ebene, geht es um die Beschreibung der komplexen Sätze in den Formen SatzreiheSatzreihe, SatzgefügeSatzgefüge (mit GliedsatzGliedsatz und AttributsatzAttributsatz) und SatzperiodeSatzperiode. Vgl. die Behandlung der Ebene III bei Schmid (2017, 215‒230) mit Beispielen aus Texten der drei deutschen Sprachstufen. Diese syntaktischen Großstrukturen, die mindestens zwei PrädikatePrädikat aufweisen, müssen bereits im Zusammenhang mit der Segmentierung der Einfachsätze aus den historischen Texten in den Blick genommen werden.

(Greule 1992, 208‒210)

2. Von der Textanalyse zur Valenz und zu den Verb-Aktanten-KonstellationenVerb-Aktanten-Konstellation

Die historische Valenz erfordert – im Unterschied zur Anwendung der Valenztheorie auf die Gegenwartssprache – folgende methodischen Schritte:

 1) Festlegung eines Korpus, das mit einem Text oder allen einer der historischen Sprachperioden zugeordneten Texten identisch ist.

 2) Anwendung der auf den Verbalsatz eingeschränkten Satzdefinition (= Konstruktion aus SatzgliedernSatzglied mit einem PrädikatPrädikat im Zentrum) auf den Text, was zu einer Liste von konkreten Sätzen führt, vgl. die Liste der 88 Sätze, in die das (ahd.) HildebrandsliedHildebrandslied (Greule 1987, 440‒445) eingeteilt wird (zu den Problemen vgl. Habermann 2007, 86).

 3) An die Text-Satz-Segmentierung schließt sich die interpretierende Segmentierung der gegebenen Verbalsätze in SatzgliederSatzglied an.

 4) Den konkret ausformulierten SatzgliedernSatzglied wird jeweils – stellvertretend – ein morphosyntaktischesmorphosyntaktisch Kategorialsymbol zugeordnet, z.B. NGnom für ein Satzglied, das mit einer NominalgruppeNominalgruppe im Nominativ identisch ist (z.B. ahd. fater unser) oder PräpGin für ein Satzglied, das mit einer von der Präposition in eingeleiteten PräpositionalgruppePräpositionalgruppe identisch ist (ahd. in himile).

 5) Die interpretierende Ausscheidung von zusätzlichen SatzgliedernSatzglied (Supplementen, AngabenAngabe) aus der formalisierten Satzstruktur-Beschreibung und die damit einhergehende Feststellung der AktantenAktant (ErgänzungenErgänzung) ermöglicht die Abstraktion eines SatzbauplansSatzbauplan von einem konkreten Satz.

 6) Die Zuweisung der TiefenkasusrolleTiefenkasusrolle zu den als ArgumenteArgument fungierenden ErgänzungenErgänzung ergibt schließlich die aus SatzbauplanSatzbauplan und TiefenkasusrahmenTiefenkasusrahmen bestehende und auf das Verb als PrädikatPrädikat bezogene Verb-Aktanten-KonstellationVerb-Aktanten-Konstellation (VAK) (siehe Kapitel B.2).

Beispiel: Die dritte Âventiure des NibelungenliedsNibelungenlied (= Korpus) beginnt mit der Zeile (Strophe 44)

Den herren muoten selten deheiniu herzen leit.

Die Zeile (44,1) ist mit einem (mhd.) EinfachsatzEinfachsatz identisch. Es handelt sich um eine Konstruktion mit dem PrädikatPrädikat muoten (= 3. Person Plural Präteritum Indikativ des Verbs mhd. müejen ‚bekümmern‘) im Zentrum. Die weiteren (konprädikativen) SatzgliederSatzglied sind: den herren (= Siegfried), selten (‚niemals‘), deheiniu herzen leit (‚irgendwelches Herzeleid‘, Plural). Den Satzgliedern werden folgende Kategorialsymbole zugeordnet: NGakk (den herren) – P (muoten) – Adv (selten) – NGnom (deheiniu herzen leit). Das Adverb selten ist eine zusätzliche, die Zeit betreffende Prädikation und wird ignoriert, so dass der muoten/müejen zugeordnete (zweiwertige)zweiwertig SatzbauplanSatzbauplan (stellungsneutral) lautet: P – NGnom – NGakk. Die Zuweisung der TiefenkasusrollenTiefenkasusrolle erfolgt von der Verbbedeutung her. Die Bedeutung des Verbs mhd. muoten ist ‚Tätigkeit, die einen emotionalen Zustand bewirkt‘ und verlangt ein AgensAgens, das den Zustand bewirkt (im Beispiel abstrakt: deheiniu herzen leit) und ein PatiensPatiens, den ZustandsträgerZustandsträger (den herren). Das ergibt folgende (stellungsneutrale) VAK:


P (müejen) – Agens/NGnom – Patiens/NGakk

Im konkreten Text des NibelungenliedsNibelungenlied ist das PatiensPatiens topikalisiert (an die Satzspitze gestellt) und der Satzinhalt durch selten in der Bedeutung ‚niemals‘ negiert.

Detaillierter wird die Methode, die vom historischen Text-Korpus zur Valenz, zu den VAK und zu ihrer Präsentation im ValenzlexikonValenzlexikon führt, in Kapitel E (Historische Valenz und Lexikografie) dargestellt.

Alle methodischen Schritte setzen die Existenz einer linguistischen ErsatzkompetenzErsatzkompetenz voraus.

3. Die linguistische Ersatzkompetenz (Prokompetenz)

Die erste kritische Diskussion der Methode, wie man vom historischen Text (= Korpus) zur Valenz eines Verbs und zur Erschließung von Satzmodellen gelangt, fasste Thornton (1984, 113‒219) unter der Kapitelüberschrift „From Corpus to Valence“ zusammen. Die Diskussion mündet schließlich in die Annahme und Forderung einer „linguistischen ErsatzkompetenzErsatzkompetenz“ des Deskribenten ein, die JARMO KORHONEN (1976, 208) wie folgt beschreibt:

Diese Art von Kompetenz bezieht sich […] nur auf die Erkennung, nicht auf die Erzeugung sprachlicher Strukturen. Eine generelle linguistische Kompetenz kann sich der Deskribent einer älteren Sprachstufe dadurch aneignen, daß er die Elemente des ihm vorliegenden Korpus beobachtet und miteinander vergleicht, bis er sie allmählich zu identifizieren lernt. Nachdem dieses Stadium erreicht worden ist, vermag nun der Deskribent die Elemente richtig zu segmentieren und zu klassifizieren. Zur Abgrenzung von ErgänzungenErgänzung und AngabenAngabe ist aber noch eine spezifische (d.h. valenzbezogene) linguistische Kompetenz nötig. Eine solche Kompetenz kann der Deskribent aufbauen, indem er seine Kompetenz der Gegenwartssprache auf die zu erforschende Sprachstufe überträgt und sie noch durch weitere Beobachtungen zur Struktur der betreffenden Sprachstufe erweitert. Die Bestimmung des Unterschieds zwischen Ergänzungen und Angaben kann kaum nur im Rahmen einer morphosyntaktischmorphosyntaktisch orientierten Beschreibung erfolgen; damit eine sprach- und linguistikadäquate Deskription gewährleistet werden kann, müssen auch logisch-semantischeValenzlogisch-semantische Begründungen herangezogen werden. Die spezifische linguistische ErsatzkompetenzErsatzkompetenz ist durch textinterne und -externe Vergleiche zu verstärken, wobei sich die Feststellung der Vorkommenshäufigkeit als ein brauchbares Hilfsmittel erwiesen hat: Elemente, die bei bestimmten Lexemen regelmäßig vorkommen, sind als Ergänzungen zu klassifizieren. Als textexterne Vergleichsbasis kommen sowohl zeitgenössische als auch historische Grammatiken und Wörterbücher in Betracht, wenn sie auch nicht explizit valenzbezogene Informationen enthalten.

3.1 Sprachkompetenz, idealer Sprecher-Hörer und „tote“ Sprachen

Die Frage nach einer „Kompetenz“ des Deskribenten historischer Sprachstufen ist vor dem Hintergrund der Sprachtheorie, die der berühmte US-amerikanische Linguist NOAM CHOMSKY 1965 ausarbeitete,1 zu sehen. Im Mittelpunkt der „generativ“ genannten Theorie steht die Kompetenz des „idealen Sprecher-Hörers“. Das Problem der Kompetenz stellt sich im Falle der Beschreibung der Grammatik „toter“ Sprachen, für die es keinen „idealen Sprecher-Hörer“ mehr gibt, völlig neu. Die Grammatik einer „toten“ Sprache kann ohne „native speaker“ nach den strengen Regeln der generativen Theorie gar nicht beschrieben werden. Es wurde in der Forschung deshalb auch bestritten, dass Linguisten – etwa nach entsprechender Ausbildung – eine Kompetenz für eine nur schriftlich fixierte Sprache besitzen können und wie in der Gegenwartssprache Sätze transformieren und generieren, d.h. neu bilden, können. Jedoch wurde vorgeschlagen, anstatt von einem „idealen Sprecher-Hörer“ für ältere Sprachstufen von einer „idealen Sprachkompetenz der Textschreiber“ auszugehen. Da eine Grammatik als Theorie dieser „idealen Sprachkompetenz der Textschreiber“ zu verfassen auf erhebliche Schwierigkeiten stößt, wird in dieser Theorie der Deskribent selbst an die Stelle des „native speaker“ gesetzt.

3.2 Die vierfache Kompetenz des Deskribenten älterer Sprachstufen

In der von ROGER G. VAN DE VELDE (1971) vorgetragenen Methodenlehre, die er auf die altfriesische Syntax anwandte,2 werden vier Unterarten der Deskribenten-Kompetenz unterschieden (vgl. Greule 1982a, 73f.):

 1) Verstehenskompetenz: Der Deskribent muss über ein semantisch-funktionales Verständnis der vorliegenden Materialien verfügen.

 2) Textkompetenz: Der Deskribent muss bei der Lektüre und Interpretation seiner Texte die innersprachlichen, intratextuellen Fragen aufgrund der Kenntnis satz- und textkonstitutiver Regularitäten und aufgrund extratextueller Vorkenntnisse berücksichtigen.

 3) Philologische Kompetenz: Der Deskribent muss über paläografische Fähigkeiten sowie kultur-, religions- und rechtsgeschichtliche die Materialbasis betreffende Kenntnisse verfügen.

 4) ErsatzkompetenzErsatzkompetenz: Der Deskribent baut sich aus der sprachlichen Erforschung der Materialbasis seine sekundäre Kompetenz auf, die der sprachlichen Intuition des Textschreibers nahekommen sollte.

Die Annahme einer Deskribenten-Kompetenz oder linguistischen ErsatzkompetenzErsatzkompetenz ist für jede Beschreibung einer älteren Sprachstufe, für die es nur schriftliche Sprachdaten gibt, eine unabdingbare Voraussetzung. Ersatzkompetenz steht als Zusammenfassung aller vier prozesshaft erworbenen Unterarten. Aber dieser abgeleiteten, sekundären Kompetenz fehlt aufgrund ihrer Gebundenheit an die geschlossene Materialbasis die Kreativität. Sie ist nicht fähig, im generativen Sinn unendlich viele neue Sätze zu erzeugen und zu verstehen. Wenn der Deskribent dennoch „neue“, in seinem Korpus nicht belegte Sätze versuchsweise bildet, kann es sich dabei nur um Vermutungen handeln. Die Ersatzkompetenz ist einseitig; ihre Fähigkeit besteht im Wesentlichen im Verstehen der im Korpus belegten Sätze, im Erkennen der sprachlichen Strukturen sowie im richtigen Segmentieren und Klassifizieren der im Korpus belegten sprachlichen Elemente.

3.3 Die Ersatzkompetenz als Erweiterung der muttersprachlichen Kompetenz

Der Erwerb der vollständigen ErsatzkompetenzErsatzkompetenz kann mit dem Erwerb einer Zweitsprache verglichen werden und kann mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Der Erwerb der Ersatzkompetenz kann – als Ausgleich eines sprachlichen Defizits – aber leichter vor sich gehen, wenn die „tote“ Sprache einen historischen Zustand der Muttersprache des Deskribenten oder einer durch den Deskribenten vollständig erworbenen lebenden Zweitsprache darstellt. Bei deutschsprachigen Deskribenten trifft das auf ahd., mhd. und fnhd. Texte als Materialbasis zu. Es wird sogar angenommen, dass der Erwerb der Ersatzkompetenz einer Erweiterung der für die Muttersprache oder eine Zweitsprache der Gegenwart bereits erworbenen Kompetenz gleichkommt. Für das Deutsche formulierte diese Position der Schweizer Sprachwissenschaftler HANS GLINZ (1913‒2008) (Glinz, Deutsche Syntax. 3., durch einen Nachtrag erweiterte Auflage. Stuttgart 1970, 108f., zitiert nach Greule 1982a, 75f.):

Wir sind […] nicht mehr die unmittelbaren Teilhaber der Sprache um 1500, um 1200, um 900 (ja nicht einmal mehr ganz der Sprache um 1800), sondern wir sind die Erben – zwar bevollmächtigte Erben, indem es unsere eigene Vergangenheit ist, aber doch Erben. Das müssen wir im Auge behalten, und wir müssen in unseren Methoden und in den darauf gestützten Aussagen entsprechend vorsichtig sein. So dürfen wir in erster Annäherung durchaus annehmen, daß unsere Vorfahren in ihrer Sprache größtenteils ähnliche morphosyntaktischemorphosyntaktisch Kategorien besessen haben wie wir (etwa Verb, Nomen, Pronomen, Kasus, Numerus usw.) und daß wir also, sobald wir die andersartige Phonomorphie beherrschen, von unserer gegenwärtigen Sprache zunächst zu einem gewissen Vorverständnis der Texte und ihres syntaktischen Baues kommen können. Dann müssen wir aber jederzeit damit rechnen, daß die Kategorien anders gewesen sein konnten, schon in der MorphosyntaxMorphosyntax (z.B. Rolle des Genitivs, kein Plusquamperfekt, kein so deutliches PassivPassiv), und erst recht in der Nomosyntax. […] Dabei wird man […] nicht […] direkt und unmittelbar von den Texten ausgehen können, sondern man wird zum vornherein alle Vorarbeit nützen müssen, die in Grammatiken und Wörterbüchern gesammelt ist. Man wird sie aber kritisch nützen müssen und sich immer bewußt sein müssen, daß das alles im Grunde lauter Vorbegriffe und Hypothesen sind, die sich immer erst in der Analyse konkreter Texte bewähren müssen, und daß man sich ihrer wohl bedient, sich aber nicht an sie bindet.

4. Vom historischen Korpus zur Valenz und zu den SatzbauplänenSatzbauplan (Methoden)
4.1 Vom Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg zur Bestimmung der Valenz althochdeutscherAlthochdeutsch Verben

Das Evangelienbuch Otfrids von WeißenburgOtfrid von Weißenburg (EB) ist einer der wenigen umfangreichen ahd. Texte. Das EB ist in drei vollständig überlieferten Handschriften (V, P und F) überliefert (vgl. Kapitel A.2). Die Handschriften V (Wiener Handschrift) und P (Heidelberger Handschrift) sind im 9. Jh. im Skriptorium des Klosters Weißenburg (heute Wissembourg im Elsass) geschrieben worden. Die Wiener Handschrift (EB/V), an deren Entstehung OtfridOtfrid von Weißenburg selbst beteiligt war, gilt als Haupthandschrift. Eine valenztheoretische Untersuchung, die nicht auf einer Edition des Evangelienbuchs beruht, sondern direkt von der Wiener Handschrift EB/V ausgeht, wird dadurch erleichtert, dass sich die Grammatikografen auf eine Faksimile-Ausgabe des Codex Vindobonensis (1972) stützen und als Korpus auswerten können.

Ein ausdifferenziertes Operationsmodell zur Bestimmung der Verbvalenzen in EB/V mit 14 Einzelschritten, die von der Sammlung der Belegstellen eines bestimmten Verbs Vx zu einem Eintrag in ein ahd. ValenzlexikonValenzlexikon führen, entwickelte ALBRECHT GREULE (1982a, 206‒218).

Die Analyseschritte führen von Schritt 1: Sammlung der Belegstellen und Unterscheidung von Vx (z.B. (gi)fullen ‚füllen‘) in finite und infinite Formen (z.B. Partizip Präsens fullentaz) bis zur zusammenfassenden Formulierung eines Lexikoneintrags (Schritt 14). Die Zwischenschritte sind:

 Festlegung eines Signifikanten (Zusammenfassung der Schreibweisen von Vx, z.B. fullit, fulta) und eines vorläufigen Signifikats (Schritt 2 und 3)

 Bildung einfacher Sätze mit Vx als PrädikatPrädikat (Schritt 4), Bestimmung der konprädikativen SatzgliederSatzglied in den Belegsätzen (Schritt 5)

 Spezifizierung deiktischer Sprachzeichen, z.B. er, thiu, uuir (Schritt 6)

 formale und semantische Klassifizierung der SatzgliederSatzglied (Schritt 7 und 8)

 Quantifizierung der AdverbialeAdverbial (ErgänzungErgänzung oder AngabeAngabe) (Schritt 9)

 QuantifizierungErgänzungobligatorische der ErgänzungenErgänzung (obligatorischobligatorisch vs. fakultativfakultativ) (Schritt 10)

 Beschreibung morphosyntaktischermorphosyntaktisch Qualität der LeerstellenLeerstelle (Schritt 11)

 Beschreibung der semantischen Qualität der LeerstellenLeerstelle durch KlassemeKlassem (Schritt 12)

 Neufassung des Signifikats (Schritt 13), z.B. sind im Korpus zwei SememeSemem von (gi)fullen erkennbar: a) ‚vollmachen‘, b) ‚verrichten, befolgen‘.

Der Analyse des Beispielverbs liegen 13 aus dem Korpus EB/V gebildete EinfachsätzeEinfachsatz zugrunde. Nach Aussonderung der gering belegten Umstandsbestimmungen (AdverbialeAdverbial) werden unter dem LemmaLemma (gi)fúlli- zwei Unterartikel für das ahd. ValenzlexikonValenzlexikon formuliert:

 a) fakultativfakultativ 3w: ErgänzungfakultativeE1, E2, E(orn), obligatorischobligatorisch 2w: E1, E2, E(orn) = NP4/NP5, KlassemKlassem 1 ‚belebt‘, Klassem 2 ‚konkret, hohl‘. Paraphrase: x1 macht: y2 ist voll (mit z)Beispielsatz (OtfridOtfrid von Weißenburg 1,21,2) mit todu er (= ther kuning herod) daga fultaSatzbauplanSatzbauplan: PräpGmit – NGnom – NGakk – P, oder (stellungsneutral) Enom, Eakk, Epräp

 b) 2w: E1, E2, Klassem 1 ‚Mensch‘, KlassemKlassem 2 ‚Mandat‘. Paraphrase: x1 verrichtet/befolgt y2.Beispielsatz (rekonstruiert, OtfridOtfrid von Weißenburg 1,4,6) siu bethiu (= Zacharias und Elisabeth) io giuuar sinaz gibot fultun.SatzbauplanSatzbauplan: NGnom ‒ [Adv] – NGakk – P, oder Enom, Eakk E1 und E2 bedeuten: ErgänzungErgänzung im Nominativ und Ergänzung im Akkusativ; NP4/NP5 bedeutet: NominalgruppeNominalgruppe im Genitiv oder PräpositionalgruppePräpositionalgruppe. E(orn) bedeutet: ornative Umstandsbestimmung als Ergänzung.

(Greule 1982a, 206‒218, 244‒246)

4.2 Vom Nibelungenlied zur mittelhochdeutschenMittelhochdeutsch ValenzgrammatikValenzgrammatik

Das NibelungenliedNibelungenlied (NL) in der Fassung der Handschrift B, die im 13. Jh. in St. Gallen (Codex sangallensis 857) geschrieben wurde, dient HUGH MAXWELL (1982b) als Korpus, aus dem heraus die theoretische Grundlage für ein ValenzwörterbuchValenzwörterbuch der mhd. Verben entstehen sollte. Maxwell betrachtet das Korpus aufgrund der Edition des NL durch Helmut de Boor (19. Auflage, 1967) als bereits in Sätze segmentiert. Der Ausarbeitung eines mhd. ValenzlexikonsValenzlexikon geht eine Grammatik voraus, deren Kategorien durch Beispielsätze belegt und verdeutlicht werden. An oberster Stelle steht eine Darstellung der Formen, die das PrädikatPrädikat als ValenzträgerValenzträger im Korpus annehmen kann. Der zweite Teil der Grammatik beschreibt die 12 ErgänzungsklassenErgänzungsklasse, die durch einfache Versalien (N = N[ominativ]ergänzung usw.) markiert sind. Die Auflistung aller Ergänzungsstellen, die zusammen in einem Satz bei dem Verbx vertreten sein können, ergeben den SatzbauplanSatzbauplan.

Beispiel: NL 1790, 4 ist ein Nebensatz mit dem PrädikatPrädikat schalt (Präteritum von schelten)

(daz) diu frouwe Kriemhilt die schœnen Prünhilden schalt

Kriemhilt ist NominativergänzungNominativergänzung, Prünhilden AkkusativergänzungAkkusativergänzung. Der SatzbauplanSatzbauplan wird jeweils über den unterstrichenen SatzgliedernSatzglied in Kurzform (N, A) markiert. In dieser Form wird der Satz als Beleg in den Artikel des ValenzwörterbuchsValenzwörterbuch unter dem LemmaLemma schelten eingetragen.

(Maxwell 1982b, 16, 44‒164)

4.3 Ermittlung der Satzmodelle in den Liedern Heinrichs von MorungenHeinrich von Morungen

Ebenfalls auf der Grundlage einer Edition, der Edition von Helmut Tervooren (1971), erarbeitet WILFRIED SCHÜTTE eine Liste von 161 mhd. Verben, die in den 35 Liedern des ostmitteldeutschen Minnesängers Heinrich von MorungenHeinrich von Morungen (†1218 in Leipzig) vorkommen (Schütte 1982, 54‒68). Die Verbliste entspricht einem ValenzwörterbuchValenzwörterbuch zu den Liedern Heinrichs von Morungen. Den nummerierten Verblemmata sind zugeordnet: 1. die Belegstellen, 2. die belegten Verbformen, 3. die ErgänzungenErgänzung, etwa in der Form PNn, PNa, PNg, AdV.m (lies: Pronomen im Nominativ, Pronomen im Akkusativ, Pronomen im Genitiv, modales Adverb). Damit erfasst Schütte – genau genommen – alle im Werk Heinrichs von Morungen vorkommenden Satzmodelle, und die Verbliste könnte als eine Grundlage für das noch zu schaffende mhd. Valenzwörterbuch dienen.

Beispiel:


Nr. 15 biten, bitten V, 1 (7) bite PNn, PNa, PNg = des „um das“

Von Schütte (1982, 41‒45) aufgelistete Probleme: Gemäß der Grundannahme der ValenzsyntaxValenzsyntax, dass die WertigkeitWertigkeit eines Verbs unabhängig ist von den realisierten morphosyntaktischenmorphosyntaktisch Formen, führte Schütte (1982, 41) alle flektierten Verbformen auf den Infinitiv zurück und ordnete sie dem Infinitiv als LemmaLemma unter. Bei den problematischen Verbalpräfixen mhd. en-, ge- und PartikelnPartikel wie umbe und an, die als PräfixPräfix oder als Adverb aufgefasst werden können, musste teilweise willkürlich entschieden werden, ob ein präfigiertes Verb einen eigenen Eintrag in die Liste erhält oder nicht. Modal- und HilfsverbenHilfsverb wurden von Schütte nicht berücksichtigt. Bei den Imperativen fehlt der Erstaktant als textuelles MorphemMorphem (Pronomen). Da bei Heinrich von MorungenHeinrich von Morungen der Erstaktant entweder als Vokativ oder als fiktionaler Kommunikationspartner, nämlich als die besungene vrowe, gegeben ist, liegt keine Aktantenreduktion vor; Schütte (1982, 43) notiert für Textstellen mit dem Imperativ daher einen Erstaktanten in Klammern. Zum Beispiel weist die Stelle

XIX (1,2) Vrowe, […] sich mich ein vil lützel an „Herrin, […] sieh mich ein bisschen an!“

mit dem Imperativ des trennbaren VerbsVerbtrennbares mhd. ansehen die Satzgliedstruktur auf:



Bei kasusneutralen ErgänzungenErgänzung werden die möglichen Kasus durch Kleinbuchstaben angegeben (z.B. g/d = Genitiv oder Dativ). Endungslose Formen, bei denen alle Kasus möglich sind, werden durch 0 gekennzeichnet. „JunktorenJunktor“ bleiben unberücksichtigt; schwierig zu unterscheiden, ob z.B. bei des ein JunktorJunktor oder ein Pronomen im Genitiv vorliegt, ist in Fällen wie im folgenden Beleg:

XIa, 2 (7,8) jâ enwil ich niemer des eralten, swenne ich sie sihe, mir sî von herzen wol

Heinrich von MorungenDes kann hier als JunktorJunktor oder Verweisform auf einen eingebetteten Satz gesehen werden.

4.4 Ermittlung der Satzglieder im FrühneuhochdeutschenFrühneuhochdeutsch

Um die SatzgliederSatzglied in fnhd. Texten zu ermitteln und die auf dieser Sprachstufe geltenden SatzbaupläneSatzbauplan zu rekonstruieren, ist es notwendig zu speziellen Techniken zu greifen. Zunächst muss eine Reihe von immer denselben Verben gesucht und deren KontexteKontext auf ErgänzungenErgänzung und AngabenAngabe durch Quantifizierung (vgl. das Modell unter D.4.1) analysiert werden. WERNER WEGSTEIN und NORBERT RICHARD WOLF legten der Analyse folgende Texte (Korpus) der neuen geistlichen Prosa in Editionen zugrunde: „Legenda AureaLegenda aurea“ (1362), Ulrich von Pottenstein, „Katechismus“ (Anfang 15. Jh.), Bruder BertholdBruder Bertholds „Rechtssumme“, „Rechtssumme“ (1390, 1423, 1454) und Hugo Ripelin von Straßburg, „Compendium theologicae veritatis“ (1375, 1. Hälfte des 15. Jh.).

Das fnhd. Verb machen ist im Korpus in 19 Sätzen als PrädikatPrädikat belegt, die aufgrund der KontexteKontext in zwei Gruppen mit 1machen und 2machen aufteilbar sind, z.B.

1machen: Do mahte der boͤse geist ein vngewetter vffe dem mere

2machen: ob ich dir dinen sun mache lebende

In den neun Belegsätzen mit 1machen sind immer zwei ErgänzungenErgänzung vorhanden: im Nominativ (= Subjekt)Subjekt, im Beispielsatz der boͤse geist, und im Akkusativ, im Beispielsatz ein vngewetter vffe dem mere.

In den zehn Belegsätzen mit 2machen sind drei ErgänzungenErgänzung vorhanden: im Nominativ (Subjekt)Subjekt, im Beispielsatz ich, im Akkusativ, im Beispielsatz dinen sun, und eine dritte Ergänzung, die im Beispielsatz als Adjektiv (lebende) vorkommt, aufgrund der Analyse der anderen Belegsätze mit 2machen aber als ObjektsprädikativObjektsprädikativ (Epräd) identifiziert wird.

Dass bei fnhd. machen zwei unterschiedliche SatzbaupläneSatzbauplan, nämlich Enom, Eakk gegenüber Enom, Eakk, Epräd, vorkommen, wird durch die unterschiedliche Semantik von 1machen und 2machen erklärt: Das SememSemem von 1machen kann mit ‚herstellen‘ paraphrasiert werden, das Semem 2machen aber mit ‚bewirken‘. Aus der unterschiedlichen Semantik des Verbs können auch unterschiedliche Propositionsstrukturen abgeleitet werden:

1machen: Tätigkeits-PrädikatPrädikat (AgensAgens, Resultat)Resultat

2machen: kausativeskausativ PrädikatPrädikat [AgensAgens, ist-Prädikation (VorgangsträgerVorgangsträger, Eigenschaft)].

(Wegstein/Wolf 1982, 112‒121)

4.5 Vom Korpus zu den Satzmodellen und ihren Valenzträgern bei Martin Luther
4.5.1 Einleitende Bemerkungen

Den nachstehenden Ausführungen liegt eine Untersuchung zugrunde, die in Korhonen (1978) veröffentlicht wurde. Darin wurden valenzbezogene Methoden auf einen Luther-TextLuther, Martin, und zwar den Sermon „Von den guten Werken“, angewendet. Er wurde im Jahr 1520 fertiggestellt und stammt somit aus den ersten Jahren des literarischen Schaffens von Luther. Von Bedeutung und Wert dieser frühesten reformatorischen Schrift Luthers, die im Juni 1520 herausgebracht wurde, zeugen die sieben weiteren Ausgaben, die davon noch im selben Jahre erschienen. Für die unten vorzustellende Untersuchung wurde die Ausgabe exzerpiert, die als der Urdruck angesehen wird und im fortlaufenden Text abgedruckt ist (= D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesammtausgabe. Band 6. Weimar 1888, 196‒276). Der Text hat hier einen Umfang von 75 Seiten, wovon ein Widmungsbrief an Herzog Johann von Sachsen zwei Seiten, der Sermon selbst (nur dieser wurde für die Analyse berücksichtigt) 73 Seiten umfasst.

Die Untersuchung stellte sich zunächst die Aufgabe, aus den konkreten Satzgebilden der Textunterlage abstrakte syntaktische Grundstrukturen zu erschließen und diese Strukturen zu einheitlichen Gruppen zusammenzufassen. Dabei handelte es sich einerseits um Satzmodell-, andererseits Satzgliedum SatzgliedmodellSatzgliedmodellgruppen (freie AngabenAngabe blieben außer Acht). Weiterhin wurden die einzelnen Satzmodelle in Bezug auf die verschiedenen ValenzträgerValenzträger klassifiziert. Dadurch ließ sich die Umgebung des Valenzträgers genau beschreiben, was wiederum für die Ermittlung eventueller Änderungen in der Umgebung des Valenzträgers und für die Unterscheidung von Varianten den Ausgangspunkt bildete. Neben der Aufstellung und Besprechung von Strukturmodellen wurde jedoch auch einigen spezifischen Valenzproblemen nachgegangen. Damit bestand das Ziel der Untersuchung darin, den lutherschenLuther, Martin Sprachgebrauch im Sermon „Von den guten Werken“ im Hinblick auf die Valenz möglichst exakt zu erfassen.

4.5.2 Methode
4.5.2.1 Formalisierung und Abstrahierung

Da den Sätzen der Textunterlage eine morphofunktionelle Strukturbeschreibung zugeordnet wurde, die eine weitgehende Untergliederung erfordert, wurden als Grundlage der Formalisierung Buchstabenabkürzungen verwendet (dies ermöglichte also eine übersichtliche Darstellungsform). Die Grundgedanken der valenzbezogenen Satzstrukturbeschreibung und der systematischen Zusammenstellung von Satzmodellen waren in den 1970er-Jahren an der heutigen Sprache entwickelt worden, weshalb das Formalisierungssystem zuerst auf vorgegebene Kombinationsmuster der deutschen Gegenwartssprache gegründet werden musste. Entsprechend den Voraussetzungen einer morphofunktionellenSatzbauplanmorphofunktioneller Beschreibung wurden hierbei besonders solche Darstellungssysteme von Satzmodellen in Betracht gezogen, die morphosyntaktischemorphosyntaktisch Repräsentationsformen verschiedener ErgänzungsklassenErgänzungsklasse als konstitutive Einheiten aufweisen. Allein in Anbetracht der Art des Beschreibungsobjekts erwies es sich jedoch als notwendig, diese deduktive Vorgehensweise mit empirisch-induktiven Beobachtungen zu Satzstrukturen im Sprachgebrauch LuthersLuther, Martin zu verbinden. In der Praxis bedeutete das, dass für jede Kombination valenzgebundenervalenzgebunden Elemente, die in Listen der Satzmodelle des heutigen Deutsch nicht nachzuweisen war, ein neues Strukturmuster angesetzt wurde.

In systemgebundenen Darstellungen deutscher Satzmodelle wird von mehreren Merkmalen abgesehen, die für einen konkreten Satz charakteristisch sind. Da es sich aber in Korhonen (1978) um eine Erfassung des syntaktischen Sprachgebrauchs in einem fnhd. Text handelte, bezog sich die Abstrahierung nur auf einen strukturellen Aspekt des Satzes, nämlich auf die Trennung von ErgänzungenErgänzung und AngabenAngabe; mithin wurden andere Merkmale des Satzes, vor allem der kommunikative Aspekt und seine formalen Ausdrucksmöglichkeiten, beibehalten. In Hinsicht auf die verschiedenen Positionen des Satzes will das u.a. besagen, dass weder an Genus, Modus und Tempus des satzkonstituierenden Verbs noch am Aufbau nominaler und verbaler Ergänzungen vereinfachende Transformationen durchgeführt wurden. Zudem wurde noch an den folgenden drei Merkmalen festgehalten: Unterordnungsgrad des Satzes (regierender Satz, Ergänzungs- bzw. AngabesatzAngabesatz usw.), Satzgliedfolge und Vorkommen der NegationspartikelNegationspartikel. Mit diesem Verfahren wurde also versucht, bei einer valenzorientierten Satzanalyse zwei verschiedene beschreibungstheoretische Gesichtspunkte zu vereinigen: einmal die Beschreibung abstrakter ValenzstrukturenValenzstruktur, zum anderen die Beschreibung bestimmter Aspekte des konkreten Satzbaus.

4.5.2.2 Automatische Datenverarbeitung
4.5.2.2.1 Kodierungssystem von Satzmodellen

Für die Untersuchung von Satzmodellen, die mit Hilfe statistischer Methoden durchgeführt wurde, musste zunächst ein Kodierungssystem erstellt werden. Entsprechend der Darstellung von Satzmodellen in Korhonen (1977b, 251ff.) wurden anfangs vier verschiedene Unterarten differenziert: einerseits Haupt- und NebenmodelleNebenmodell, andererseits aktivischeaktivisch und passivische ModelleSatzbauplanaktivischer. Zur Kodierung der Modelle bedurfte es jedoch nur eines einzigen einheitlichen Prinzips: Es wurden jeweils zwei Kodezahlen verwendet, und zwar eine für die Hauptklasse, die andere für die Unterklasse der valenzbedingtenvalenzbedingt Umgebung des Lexems. Dabei bezog sich die Hauptklasse auf die Anzahl der ErgänzungenErgänzung, die Unterklasse ihrerseits auf die Form (Wortart und Art des morphosyntaktischenmorphosyntaktisch Anschlusses) und die SatzgliedfunktionSatzgliedfunktion der Ergänzungen innerhalb der jeweiligen Hauptklasse. Im Einzelnen wurden die Satzmodelle in Übereinstimmung mit dem Formalisierungsprinzip kodiert: Zuerst wurden die deduktiv gewonnenen Modelle mit Kodezahlen versehen, und erst danach erfolgte die Kodierung der durch induktive Beobachtungen ermittelten Modelle ‒ genauer gesagt wurden die letzteren Satzmodelle jeweils in der Reihenfolge ihres Vorkommens fortlaufend nummeriert. Die Anzahl der Ergänzungen wurde in den HauptmodellenHauptmodell vorläufig auf vier, in Nebenmodellen hingegen auf drei (Modelle mit einer infiniten Verbform als Valenzträger)Valenzträger bzw. zwei (Modelle mit einem prädikativenprädikativ Adjektiv als Valenzträger) begrenzt. Bei Hauptmodellen und solchen Nebenmodellen, die auf der Valenz infiniter Verbformen beruhen, wurden aktivische und passivischepassivisch ModelleSatzbauplanpassivischer so auseinandergehalten, dass für die eine Art der Modelle eine ungerade, für die andere eine gerade Kodezahl der Hauptklasse festgesetzt wurde, wohingegen eine derartige Differenzierung bei Nebenmodellen mit einem prädikativen Adjektiv als Valenzträger unnötig war. Zur Erläuterung des Kodierungssystems der morphofunktionellen SatzmodelleSatzbauplanmorphofunktioneller seien folgende Fälle angeführt:


0301:
0403: passivisches Hauptmodell mit einer Ergänzung (= 04); Ng (= 03)
0501: aktivisches Hauptmodell mit zwei Ergänzungen (= 05); Nn+Na (= 01)
0607: passivisches Hauptmodell mit zwei Ergänzungen (= 06); Nn+pNP (= 07)
205: aktivisches Nebenmodell (infinite Verbform als Valenzträger) mit einer Ergänzung (= 2); pN (= 05)
302:
209: Nebenmodell (prädikatives Adjektiv als Valenzträger) mit einer Ergänzung (= 2); INFzu (= 09)

Die Kodebezeichnung 01 (in HauptmodellenHauptmodell) bzw. 1 (in NebenmodellenNebenmodell) der Hauptklasse bezieht sich auf Strukturmuster, in denen ErgänzungenErgänzung aus dem einen oder anderen Grund nicht vorhanden sind; es handelt sich also hierbei um die Klasse ‒ (= keine Ergänzungen).

4.5.2.2.2 Speicherung von Daten

Für die Speicherung der Daten jedes analysierten Satzes wurden zwei Lochkarten hergestellt. Die verschiedenen Dateneinheiten wurden als 60 Variablen dargestellt, d.h., die zwei Karten wurden den Erfordernissen der jeweiligen Dateneinheit entsprechend in insgesamt 60 Lochfelder aufgeteilt. Bei der Kodierung wurden zwei Arten von Zeichen, nämlich Alphabetzeichen und Ziffern, benutzt. Das für die Ausgestaltung des Satzes entscheidende Element, der Haupt-ValenzträgerHaupt-Valenzträger, wurde auf Karte 1, die anderen ValenzträgerValenzträger (infinite Verbformen bzw. prädikativprädikativ verwendete Adjektive) auf Karte 2 eingetragen. Sowohl die verbalen als auch die adjektivischen Valenzträger wurden in der nhd. Grundform (Verben im Infinitiv I AktivAktiv, Adjektive in der unflektierten Form) kodiert. Bei verbalen Valenzträgern wurden VerbzusätzeVerbzusatz (trennbareVerbtrennbares Verbpräfixe usw.) und Verb-SimpliziaSimplex in zwei selbstständige Lochfelder platziert.

Von den Umgebungsdaten (in drei verschiedenen Spaltengruppen auf den Lochkarten) und den ValenzträgernValenzträger abgesehen wurden auf den Karten auch noch u.a. folgende weiteren valenzbezogenen Informationen angebracht: Valenzreduzierung des satzkonstituierenden Verbs; Pronomen esPronomen es (bzw. das) als PlatzhalterPlatzhalter oder ErgänzungErgänzung; ReflexivpronomenReflexivpronomen als Verbbestandteil oder Ergänzung; KorrelateKorrelat von InfinitivkonstruktionenInfinitivkonstruktion und GliedsätzenGliedsatz; Dativbestimmung als Ergänzung oder AngabeAngabe. Darüber hinaus wurden auf den zwei Lochkarten einige Daten gespeichert, die sich nicht unmittelbar auf eine Valenzanalyse beziehen. Von diesen Daten, die in erster Linie der Anordnung und Gruppierung des Beobachtungsmaterials dienten, sei erstens der Unterordnungsgrad von Sätzen (genauer: Unterscheidung regierender und abhängiger Sätze) genannt. Zweitens wurden bei jedem PrädikatsverbPrädikatsverb Verbalgenus, Modus, Tempus und Person kodiert und als vier verschiedene Variablen auf Karte 1 eingetragen. Im Anschluss an diese Klassifizierung wurde drittens die Verwendung von ModalverbenModalverb und einigen anderen Verben mit HilfsverbcharakterHilfsverb als Prädikatsteilen auf Karte 1 festgehalten. Weitere Aspekte, die bei der Satzstrukturbeschreibung Berücksichtigung fanden, waren die Satzgliedfolge (das SubjektSubjekt vor oder nach dem PrädikatPrädikat), dasprädikativ Vorkommen der NegationspartikelNegationspartikel nicht und der Gebrauch von PhrasemenPhrasem.

4.5.2.2.3 Technische Realisierung der maschinellen Datenverarbeitung

Für die maschinelle Bearbeitung des Materials wurden die einzelnen Dateneinheiten zuerst auf Kodierungsbogen geschrieben, von denen sie dann auf Lochkarten übertragen wurden. Danach wurden die Daten auf einer weiteren externen Speichereinheit, und zwar auf einem Magnetband, gespeichert und dadurch in eine maschinenlesbare Form gebracht. Von dort wurden die Daten mit entsprechenden Programmen an die Zentraleinheit des Computers weitergegeben; nachdem hier die eigentliche Datenverarbeitung stattgefunden hatte, wurden die Ergebnisse durch einen Zeilendrucker in Klarschrift ausgegeben. Die maschinelle Verarbeitung erfolgte in der Zentraleinheit von zwei Rechenanlagen, Honeywell 1644 (im Rechenzentrum der Universität Oulu/Finnland) und Univac 1108 (im staatlichen Computerzentrum, Helsinki), und dazu wurden knapp 30 Programme geschrieben. Nachdem alle vorbereitenden Schritte durchlaufen worden waren, wurden die einzelnen Aufgabenformulierungen von zwei Spezialisten in eine der Maschine verständliche Sprache umgesetzt.

Die bei der Verarbeitung der Daten verwendeten Programme wurden in der FORTRAN-Sprache geschrieben. Ein bedeutender Teil der Programme wurde speziell für die Untersuchung in Korhonen (1978) hergestellt, daneben wurden aber auch einige Bibliotheksprogramme ‒ vor allem beim Sortierungsverfahren ‒ auf das Material angewendet. Außerdem wurden noch besonders für die statistische Auswertung drei Programme eines Programmkomplexes benutzt, der an der Universität Helsinki entworfen worden war. Angesichts des umfangreichen Beobachtungsmaterials erwies es sich als nötig, zunächst die einzelnen ‒ sowohl verbalen als auch adjektivischen ‒ ValenzträgerValenzträger nebst bestimmten anderen Daten (Nummer des Belegs; Stellenangabe; Präposition und Kasus des PräpositionalobjektsPräpositionalobjekt; valenzbedingtevalenzbedingt Umgebung; Unterordnungsgrad des Satzes; Genus, Modus, Tempus und Person des satzkonstituierenden Verbs; Aufbau nominaler ErgänzungenErgänzung) zu sortieren und aufzulisten. Diese Bearbeitungsphase kann anhand folgenden Beispiels (zwei Abschnitte aus dem Listenausdruck der PrädikatsverbenPrädikatsverb) illustriert werden1:


1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15.
02366 0242 ACHTEN 0501 04 1 2 04 3 2 02 01
00601 0213 ACHTEN 0501 04 1 1 01 4 2 02 01
02863 0251 ACHTEN 0504 01 1 1 01 6 2 02 02
03154 0256 ACHTEN 0504 04 1 1 01 3 2 02 01
01510 0228 ACHTEN 0513 01 1 1 01 1 1 02
00710 0215 ACHTEN 0513 04 1 1 01 6 1 02
04311 0275 FOLGEN 0503 08 1 2 01 4 2 02 02
02126 0238 FOLGEN AUS 3 0505 01 1 2 02 3 2 06 01
00202 0207 FOLGEN AUS 5 0525 01 1 1 01 3 1 04
02529 0245 FOLGEN NACH 0503 01 1 1 01 6 2 01 02

Mit Hilfe eines Sortierungs- und Auflistungsverfahrens oben dargestellter Art ließ sich das Material in einheitliche Gruppen einteilen, sodass sich daraus zugleich eine systematisch angeordnete Belegsammlung ergab, was wiederum insbesondere im Hinblick auf ein konsequentes Anführen von Beispielen von praktischer Bedeutung war. Zur Vereinfachung des technischen Bearbeitungsprozesses wurden die einzelnen ValenzträgerValenzträger auch in alphabetischer Reihenfolge mit einer fortlaufenden Kodenummer versehen; dieses Kodierungssystem wurde z.B. dem obigen Listenausdruck zugrunde gelegt. Weitere Programme waren in erster Linie für die Sortierung, Klassifizierung und Tabellierung der morphofunktionellen SatzmodelleSatzbauplanmorphofunktioneller (AktivAktiv und PassivPassiv) und für die Ermittlung der prädikatsverbbezogenen Verteilung der einzelnen Modelle (Aktiv und Passiv) nötig. Ebenso wurden für die einzelnen Prädikatsverbbelege und für die Verteilung der PrädikatsverbenPrädikatsverb auf verschiedene morphosyntaktischemorphosyntaktisch Umgebungsklassen Sortierungs-, Klassifizierungs- und Tabellierungsprogramme benutzt. Da aber bei der Satzanalyse auch die infiniten Verbformen und prädikativenprädikativ Adjektive im Hinblick auf ihre Valenzbeziehungen beschrieben wurden, bedurfte es für diese Valenzträger der gleichen Programme wie für die Prädikatsverben. Außerdem wurden noch bestimmte Einzelprobleme der Valenz und einige nicht unmittelbar valenzspezifische Daten (z.B. das Vorkommen von ModalverbenModalverb als Prädikatsteilen) mittels Sortierungs-, Klassifizierungs- und Tabellierungsprogrammen bearbeitet. In den Tabellen, die als Ergebnis der verschiedenen technischen Bearbeitungsschritte ausgegeben wurden, erschienen folgende Informationen: die Variable nebst ihren jeweiligen Werten sowie die absolute und relative Häufigkeit der einzelnen Variablenwerte. Dieses Tabellierungsprinzip betraf die drei zentralen Problemkreise der statistischen Untersuchung, d.h. die Satzmodelle und die Valenzträger, die Einzelprobleme der Valenz sowie die nicht unmittelbar valenzbezogenen Daten.

4.5.2.3 Manuelle Bearbeitung

Zum Aufgabenbereich der Untersuchung gehörte auch eine Zusammenfassung der Satzmodelle zu höheren syntaktischen FunktionFunktionsyntaktischeseinheiten, d.h. zu SatzgliedmodellenSatzgliedmodell, weshalb das Material noch weiterbearbeitet werden musste. Diese Bearbeitung war jedoch relativ einfacher technischer Natur und konnte deshalb manuell durchgeführt werden. Bei der manuellen technischen Arbeit wurden die Ausgabedaten der maschinellen Verarbeitung zum Ausgangspunkt genommen; zuerst wurden die ErgänzungenErgänzung der morphofunktionellen SatzmodelleSatzbauplanmorphofunktioneller zu größeren Gruppen mit derselben syntaktischen Funktion kombiniert, und auf der Grundlage der auf diese Weise gebildeten Klassen wurden dann die Satzgliedmodelle selbst aufgestellt. Die neuen Klassen konnten beim manuellen Bearbeitungsprozess in zweierlei Hinsicht verwertet werden: einmal für die Beschreibung der Umgebung der verschiedenen Valenzträgerarten, zum anderen für die Erfassung der Repräsentationsformen der Ergänzungen in den einzelnen Satzgliedmodellen.

Einen weiteren Objektbereich manueller Arbeitsgänge bildeten die nektiertennektiert ValenzträgerValenzträger. Die valenzbedingtenvalenzbedingt Umgebungen nektierter satzkonstituierender Verben wurden besonders deshalb extra behandelt, weil es zu erwarten war, dass sich daraus Erkenntnisse über die Auslassung von ErgänzungenErgänzung gewinnen lassen. Zum Teil aus demselben Grunde wurden auch die Umgebungsstrukturen der anderen Valenzträger des Satzes manuell erfasst, auf der anderen Seite hatte das auch einen beschreibungstheoretischen Grund: Es wurde davon ausgegangen, dass nektiertenektiert infinite Verbformen und prädikativeprädikativ Adjektive als Valenzträger mit ihren Ergänzungen keine eigenen Sätze, sondern vielmehr Teile des Satzes konstituieren. Somit konnten bei der maschinellen Verarbeitung der Daten nur solche adjektivischen und infiniten verbalen Valenzträger berücksichtigt werden, die im Satz allein (d.h. ohne nebengeordnete Elemente) als NukleusNukleus der unmittelbar verbabhängigen Ergänzungen fungieren. ‒ Darüber hinaus mussten auch noch freie Angaben 2. GradesAngabeAngabe, 2. Grades und satzförmige Ergänzungen teilweise außerhalb der automatischen Bearbeitungsphase bleiben. Bei der ersteren Dateneinheit wurde die Anzahl auf der Lochkarte festgehalten, während Informationen über Form und Inhalt ohne maschinelle Hilfe verarbeitet wurden. Bei der letzteren Dateneinheit wiederum bezog sich die manuelle Behandlung auf Fälle, in denen der Haupt-ValenzträgerHaupt-Valenzträger zwei GliedsätzeGliedsatz im Satz fordert; wie bei der Maschinenbehandlung wurden die Gliedsätze auch hier nach Art und Anzahl sortiert. Desgleichen musste die Umgebung von zwei Infinitiven als verschiedenen Ergänzungen manuell klassifiziert werden.

4.5.3 Ausgewählte Ergebnisse der Beschreibung von Satzmodellen und Valenzbeziehungen

Die hier präsentierten Ergebnisse beziehen sich zunächst auf aktivischeaktivisch und passivische HauptmodelleSatzbauplanpassivischerSatzbauplanaktivischer. Im Sermon „Von den guten Werken“ wurden insgesamt 4017 aktivische Sätze registriert. Diese Sätze verteilen sich auf 165 verschiedene morphofunktionelle SatzmodelleSatzbauplanmorphofunktioneller, unter denen die Modelle mit zwei ErgänzungenErgänzung am häufigsten sind. Dann kommen die Modelle mit einer Ergänzung, danach die Modelle mit drei Ergänzungen, und zuletzt das Modell ohne Ergänzungen. Die fünf häufigsten Modelle sind Nn+Na, Nn+INF, Nn, Nn+ADJP und Nn+NnP. Dabei ist die Differenz zwischen Nn+Na und Nn+INF bedeutend größer als die Differenzen jeweils zwischen den übrigen Modellen. ‒ Die passivischenpassivisch Sätze sind 340 an der Zahl und können zu 37 verschiedenen Modellen geordnet werden. Am häufigsten belegt sind die Modelle mit einer Ergänzung, dann folgen die Modelle mit zwei Ergänzungen, danach das Modell ohne Ergänzungen, und zuletzt die Modelle mit drei Ergänzungen. Nn, Nn+pN, Nn+Nd, Nn+pNAg und das Modell ohne Ergänzungen sind die fünf häufigsten passivischen HauptmodelleHauptmodell. Der größte Anteil kommt dem Modell Nn zu, das hier viel deutlicher dominiert als Nn+Na bei den aktivischen HauptmodelleSatzbauplanaktivischern.

Bei den aktivischenaktivisch HauptmodelleSatzbauplanaktivischernSatzbauplanaktivischer kommen insgesamt 579 verschiedene ValenzträgerValenzträger vor. In Bezug auf die Repräsentation der Valenzträger sind die folgenden fünf Modelle am variationsreichsten (hinter den Modellen wird jeweils die Zahl der Valenzträger angegeben): Nn+Na 260, Nn 176, Nn+pN 89, Nn+Nd 44, Nn+NS 43. Als häufigste Valenzträger dieser Modelle erscheinen folgende Verben: Nn+Na: haben, tun, suchen, hören, machen; Nn: sein, sagen, da sein, geschehen, wollen; Nn+pN: bitten, zweifeln, kommen, sein, trauen, sich verlassen; Nn+Nd: trauen, wohl gefallen, folgen, helfen, gefallen; Nn+NS: wissen, finden, tun, fragen, sehen. Die fünf häufigsten Verben aller aktivischen HauptmodelleHauptmodell sind sein, sollen, tun, haben und sagen. Das Verb sein dominiert eindeutig, insofern als sein Anteil ca. 19 % der Belege erreicht. ‒ Die Zahl der verschiedenen ValenzträgerValenzträger der passivischenpassivisch HauptmodelleSatzbauplanpassivischer ist 170. In folgenden Modellen kommen die meisten verschiedenen Verben vor: Nn 108, Nn+pN 28, Nn+pNAg 16, Nn+Nd 14. Als häufigste Valenzträger dieser Modelle können folgende Verben angesehen werden: Nn: gebieten, erhören, erfüllen, geben, ehren, stiften; Nn+pN: sagen, begreifen, schreiben; Nn+pNAg: anfechten, treiben; Nn+Nd: geben, zueignen, gebieten, nehmen. Werden alle passivischen Hauptmodelle berücksichtigt, so erweisen sich gebieten, sagen, schreiben, geben, achten und erhören als die sechs häufigsten Valenzträger. Dabei kann dem Verb gebieten keine beherrschende Rolle zugesprochen werden.

Bei der Zusammenstellung von SatzgliedmodellenSatzgliedmodell ergab sich für die aktivischenaktivisch HauptmodelleSatzbauplanaktivischer, dass sich aus den 165 morphofunktionellen SatzmodellenSatzbauplanmorphofunktioneller 28 Satzgliedmodelle herleiten lassen. Die fünf häufigsten Satzgliedmodelle sind SubjektSubjekt + ObjektObjekt, Subjekt + PrädikativPrädikativ, Subjekt, Subjekt + Objekt + Objekt und Subjekt + lokales AdverbialAdverbial. Das häufigste Modell dominiert stark. ‒ Im Bereich der passivischenpassivisch HauptmodelleSatzbauplanpassivischer können die 37 morphofunktionellen Satzmodelle zu zehn Satzgliedmodellen zusammengefasst werden, unter denen die folgenden fünf am häufigsten vorkommen: Subjekt, Subjekt + Objekt, Subjekt + lokales Adverbial, Subjekt + AgensAgens, Subjekt + Prädikativ. Auch hier dominiert das häufigste Modell eindeutig.

Unter den aktivischenaktivisch HauptmodelleSatzbauplanaktivischernSatzbauplanaktivischer kommen acht verschiedene SatzgliedklassenSatzgliedklasse vor. Diese Klassen werden jeweils durch die folgenden Formen am häufigsten realisiert (hinter jeder Klasse wird die Zahl der Belege angegeben): SubjektSubjekt (3806): Nomen im Nominativ; ObjektObjekt (2810): Nomen im Akkusativ; kausales AdverbialAdverbial (7): Nomen mit Präposition; lokales Adverbial (232): Nomen mit Präposition; modales Adverbial (122): Adverb; temporales Adverbial (5): Nomen mit Präposition und Adverb; AgensAgens (2): Nomen mit Präposition (= die einzige Ausdrucksform); PrädikativPrädikativ (786): Adjektiv. ‒ Bei den passivischenpassivisch HauptmodellenSatzbauplanpassivischer begegnen fünf konstitutive Satzgliedklassen, deren häufigste Repräsentationsformen sind: Subjekt (316): Nomen im Nominativ; Objekt (93): Nomen mit Präposition; lokales Adverbial (20): Nomen mit Präposition; Agens (22): Nomen mit Präposition (= die einzige Ausdrucksform); Prädikativ (20): Adjektiv.

Für die aktivischenaktivisch und passivischen HauptmodelleSatzbauplanaktivischer (und die aktivischen und adjektivischen NebenmodelleNebenmodell) wurde jeweils an einer bestimmten Zahl von ValenzträgernValenzträger eine nähere Umgebungsanalyse durchgeführt. Bei den aktivischen HauptmodelleSatzbauplanaktivischern wurden 38, bei den passivischenpassivisch 19 verschiedene Valenzträger in Bezug auf ihre morpho- und semantosyntaktischensemantosyntaktisch Umgebungen beschrieben. Den Umgebungen wurde genauer gesagt auf der einen Seite eine morphofunktionelle und auf der anderen Seite eine inhaltlicheInhalt Beschreibung mit TiefenkasusrollenTiefenkasusrolle und semantischen Merkmalensemantisches Merkmal zugeordnet. Die Aufgabe der Arbeit bestand hier vor allem darin, zu untersuchen, ob eine quantitative und/oder qualitative VariationVariation in der Umgebung eines Valenzträgers möglicherweise auf verschiedene Bedeutungsvarianten zurückzuführen ist.

Bei den aktivischenaktivisch HauptmodelleSatzbauplanaktivischernSatzbauplanaktivischer sindHauptmodell die folgenden Verben reich an Bedeutungsvarianten (sie weisen zumindest fünf Varianten auf): geben, gehen, glauben, haben, halten, kommen, lassen, machen, sehen, sein, setzen, stehen. Im Hinblick auf morphosyntaktischemorphosyntaktisch Repräsentationsformen zeigen die valenzbedingtenvalenzbedingt Umgebungen der meisten Varianten dieser Verben, besonders aber die von haben, halten, kommen, sehen und setzen, jeweils wenig VariationVariation. Verben, die in der Textunterlage entweder nur in einer oder höchstens zwei Bedeutungen vorkommen, sind befehlen, begehren, bitten, fragen, gebieten, gedenken, geschehen, helfen, klagen, lesen, meinen, mögen, müssen, sagen, sollen, sprechen, wissen und wollen (die ModalverbenModalverb wurden nicht in Bedeutungsvarianten differenziert). Im Ganzen genommen haben diese Verben in ihren Umgebungen mehr Ausdrucksformen als die Verben mit vielen Bedeutungsvarianten. Vor allem bitten, fragen, gebieten, geschehen, helfen, lesen, sagen, sprechen und wollen weisen jeweils in einer bestimmten Bedeutung mehrere morphofunktionelle Umgebungen auf.

In der Liste der 19 Verben der passivischenpassivisch HauptmodelleSatzbauplanpassivischer gibt es nur drei Verben, die in drei oder mehr Bedeutungen vorkommen. Das sind die Verben halten, setzen und treiben, von denen halten in jeder seiner Bedeutungen durch nur eine Umgebung realisiert wird. Bei zwei Varianten von setzen und treiben dagegen sind jeweils zwei verschiedene Umgebungen vorhanden. Unter den übrigen 16 Verben zeigen die Verben anzeigen, begreifen, ehren, erhören, gebieten, müssen, schreiben, sollen und verbieten eine Bedeutung und die Verben achten, befehlen, erfinden, erfüllen, geben, sagen und stiften zwei Bedeutungen. Eine reiche VariationVariation der morphofunktionellen Umgebungen ist für achten, gebieten, sagen und schreiben nachweisbar.

Zur Illustration werden unten die Valenzanalysen von jeweils fünf Verben aus den aktivischenaktivisch bzw. passivischen HauptmodellenSatzbauplanaktivischer präsentiert. Hinter den Verben erscheint zuerst eine AngabeAngabe für die absolute und danach für die relative Häufigkeit (Letztere in Klammern). Das Gleiche gilt für die einzelnen Bedeutungsvarianten (V 1, V 2 usw.). An die Beispielsätze schließt sich eine inhaltliche Beschreibung an, die aus Abkürzungen für TiefenkasusrollenTiefenkasusrolle und Symbolen für semantische Merkmalesemantisches Merkmal besteht. Am Ende steht eine Belegangabe (Seite und Zeile der Textunterlage). Die ausgewählten ValenzträgerValenzträger der aktivischenaktivisch HauptmodelleSatzbauplanaktivischer sindHauptmodell glauben, halten, heißen, sehen und setzen:


glauben 26 (0,65)
V 1 ,denken, meinen, vermuten‘ 4 (15,38): Nn 2, Nn+NS 2 […], und ob sie glauben, das got ein wolgefallen darynnen uber sie habe, […] (EXP/Hum, O/Act) (205, 16f.)
V 2 ,eine religiöse Überzeugung haben‘ 7 (26,92): Nn 3, Nn+pNin 4 ,[…], das yr in den glaubt, [den er gesandt hat]‘ (AG/Hum, EXP/Hum) (204, 28)
V 3
V 4 ,sich auf jmdn., etw. verlassen‘ 7 (26,92): NS (oS) 1, Nn+HS 2, Nn+NS 2, Nn+pNan 1, Nn+ADVAm 1 dan wilch nit glauben, das sie erhoret werdenn, […] (AG/Hum, O/Act) (233, 27)
V 5 ,Vertrauen schenken‘ 4 (15,38): Nn+Nd 4 ,[…], sundern da ihr dem wort gottis glaubet habt‘ (AG/Hum, O/Abstr) (206, 31f.)


halten 23 (0,57)
V 1 ,in seinem Zustand bestehen bleiben‘ 1 (4,35): Nn 1 […], [und on sulchen glauben und zuvorsehen] helt […] nichts (O/Abstr) (224, 27f.)
V 2 ,ausführen, befolgen, erfüllen‘ 7 (30,43): Na (oS) 1, Nn+Na 6 […], dan wir halten sein gebot […] (AG/Hum, O/Abstr) (205, 36)
V 3 ,zurückhalten, beherrschen‘ 1 (4,35): Nn+Na 1 […], [und ist leyder niemandt], der […] halte dich (AG/Hum, EXP/+Anim (-Hum)) (241, 8f.)
V 4 ,veranstalten, abhalten‘ 1 (4,35): Nn+Na 1 […] die priester und geistlichen halten […] mesz, […] (AG/Hum, F/Abstr) (243, 31)
V 5 ,enthalten‘ 1 (4,35): Nn+Na 1 […], was die wort halten, […] (L/Abstr, O/Abstr) (235, 19)
V 6 ,für jmdn., etw. sorgen‘ 2 (8,70): Nn+pNob/pNüber 2 […] er […], helt uber sie, […] (AG/Hum, EXP/Hum) (275, 19)
V 7 ,bewahren, einhalten‘ 6 (26,09): Nn+Na 4, Nn+NS 1, Nn+Na+Nd 1 Dan szo der teuffel, […], helt glauben allen, den […] (AG/+Anim (-Hum), O/Abstr, EXP/Hum) (225, 1f.)
V 8 ,gegenüberstellen‘ 1 (4,35): Nn+Na+pNgegen 1 Sie […] hielten sie (die Werke und Worte) gegen gottis gebot, […] (AG/Hum, O/Abstr, Z/Abstr) (228, 36f.)
V 9 ,eine bestimmte Meinung haben‘ 1 (4,35): Nn+Na+pNvon 1 […], auff das er […], nit etwas vonn yhm selb halt, […] (AG/Hum, F/Abstr, EXP/Hum) (265, 29f.)
V 10 ,zu etw. bringen‘ 1 (4,35): Nn+Na+pNzu 1 […], der ihn dartzu halte, […] (AG/Hum, EXP/Hum, Z/Abstr) (269, 26f.)
V 11 ,bewahren, in einem Zustand erhalten‘ 1 (4,35): Nn+Na+ADJP 1 […], wer es (das Gebot) recht halten sol, […] (AG/Hum, O/Abstr, ESS/Mod) (273, 16f.)


heißen 28 (0,70)
V 1 ,den Namen haben, genannt werden‘ 14 (50,00): Nn+NnP 11, Nn+ADVP 1, Nn+INFP 1, Nn+NSP 1 […], das wir Christgleubigen heissen, […] (EXP/Hum, ESS/Hum) (206, 15)
V 2 ,bedeuten‘ 3 (10,71): Nn+PARTIIP 1, NSS+PARTIIP 1, SGFS+INFP 1 […], das heisset dan [den feyrtag recht] gehalten und geheiliget, […] (O/Abstr, ESS/Act) (248, 11f.)
V 3 ,gebieten‘ 5 (17,86): Nn+INF 3, Nn+Na+Na 1, Nn+Na+INF 1 […], [das] uns sanct Peter heyst ansehen, […] (AG/Hum, EXP/Hum, O/Act) (259, 11f.)
V 4 ,nennen, bezeichnen als‘ 6 (21,43): Nn+Na+NaP 3, Nn+Na+INFP 2, Nn+Na+PARTIIP 1 […], die (die ersten Werke dieses Gebotes) wir heyssen gottis dienst, […] (AG/Hum, O/Abstr, ESS/Abstr) (229, 28f.)


sehen 46 (1,15)
V 1 ,überlegen, prüfen‘ 3 (6,52): NS (oS) 3 ,[…], unnd sihe, ab dir ein bratensz hun ynsz maul fliege‘ (O/Act) (271, 32f.)
V 2 ,den Blick irgendwohin richten‘ 4 (8,70): pNAl (oS) 1, Nn+pNAl 3 ,[…], er […] sicht durch die fenster‘, […] (AG/Hum, L/Dir) (208, 13)
V 3 ,sich etw, ansehen, betrachten‘ 3 (6,52): Nn+Na 3 […], auff das wir […], mesz sehen, […] (AG/Hum, O/Abstr) (243, 22f.)
V 4 ,erkennen, erfassen‘ 2 (4,35): Nn+Na 2 […], die warheit sehenn sie nit, […] (EXP/Hum, O/Abstr) (227, 6f.)
V 5 ,auf etw. achten, bedacht sein‘ 3 (6,52): Nn+pNauf 3 […] yhr […] seht auff die person des ungerechten? (AG/Hum, O/Abstr) (227, 2)
V 6 ,sich um etw. kümmern‘ 2 (4,35): Nn+pNnach 2 […], das er […] noch grossen wercken sicht, […] (AG/Hum, O/Abstr) (218, 35f.)
V 7 ,bemerken, erblicken, als vorhanden feststellen‘ 7 (15,22): Nn+Na 5, Nn+NS 1, Nn+SGF 1 Dan wie vil sihestu, [die da hyn gehen], […] (EXP/Hum, O/Hum) (234, 21)
V 8 ,merken, feststellen, einsehen‘ 22 (47,83): Nn 4, Nn+SGF 8, Nn+NS 5, Nn+Na 4, Nn+Na+INF 1 […] sihstu aber […], das der glaub musz sein der werckmeyster disses wercks, […] (EXP/Hum, O/Act) (275, 22f.)


setzen 10 (0,25)
V 1 ,bestimmen, vorschreiben‘ 1 (10,00): Nn+Na 1 […], was sie (die geistliche Gewalt) […], setzt, […] (AG/Abstr (als Hum), O/Abstr) (255, 20)
V 2 ,zu jmdm., etw. machen‘ 2 (20,00): Nn+Na+NaP 1, Nn+Na+pNP 1 […] got […] dich […] zum spitel meyster setzt, […] (AG/+Anim (-Hum), EXP/Hum, ESS/Hum) (253, 37‒254, 1)
V 3 ,festlegen‘ 1 (10,00): Nn+Na+Nd 1 […], wilch aber yhm (Gott) ein tzil setzen, […] (AG/Hum, EXP/+Anim (-Hum), O/Abstr) (233, 29)
V 4 ,entgegenbringen‘ 4 (40,00): Nn+Na+pNauf/pNin 4 […], das er […] setze sein zuvorsicht nicht auffs gelt, […] (AG/Hum, O/Abstr, Z/Abstr) (271, 22f.)
V 5 ,an eine bestimmte Stelle bringen‘ 2 (20,00): Nn+Na+pNAl 2 […], das sie […], den glauben gesetzt haben nit uber, szunder neben andere tugent, […] (AG/Hum, O/Abstr, L/Loc) (206, 19ff.)

Die folgenden fünf Verben sollen die Valenzverhältnisse in den passivischenpassivisch HauptmodellenSatzbauplanpassivischer veranschaulichenHauptmodell: achten, befehlen, erfinden, erfüllen und sagen.


achten 9 (2,65)
V 1 ,gegenüberstellen, vergleichen‘ 1 (11,11): Nn+pNgegen 1 […], wan sie (die Werke) gegenn dem glauben unnd seinem werck geachtet werden: […] (O/Abstr, Z/Abstr) (217, 13f.)
V 2 ,einschätzen, beurteilen‘ 8 (88,89): Nn+ADJP 3, Nn+NnP 1, Nn+pNP 1, Nn+pNSP 1, Nn+pNAg+ADJP 2 Widderumb die geistliche gewalt […] ist, […] vil zu kostlich von yhm (Gott) geacht, […] (O/Abstr (als Hum), AG/+Anim (-Hum), ESS/Mod) (259, 36f.)


befehlen 4 (1,18)
V 1
V 2 ,gebieten‘ 3 (75,00): INFzuS+Nd 2, INFS+Nd 1 […], die weyl den eltern befolen ist, [den kindern solchs] zuleren, […] (O/Act, EXP/Hum) (252, 29f.)


erfinden 6 (1,76)
V 1 ,finden, auf jmdn., etw. stoßen‘ 2 (33,33): Nn 2 […], das […] nit erfunden sollen werden furbitter und fursetzer […] (O/Hum) (241, 7)
V 2 ,befinden‘ 4 (66,67): Nn+ADJP 3, Nn+pNP 1 ,Es wirt […] kein lebendig mensch rechtfertig erfunden‘, […] (EXP/Hum, ESS/Mod) (215, 31f.)


erfüllen 7 (2,06)
V 1 ,Genüge tun, wahr machen‘ 6 (85,71): Nn 5, NSS 1 […], das ewr gebet wirt erfullet werdenn, […] (O/Abstr) (232, 20)
V 2 ,ausfüllen‘ 1 (14,29): Nn+pNmit 1 […], und die Christenheit mit feynem jungen volck erfullet […] wurd (L/Abstr (als Hum), EXP/Hum) (256, 4)


sagen 17 (5,00)
V 1 ,(aus-)sprechen, äußern‘ 16 (94,12): ‒ 7, Nn 2, pNvon 2, NSS 2, Nn+pNvon 3 […], was gesagt ist von dissen werckenn, […] (F/Abstr, O/Abstr) (264, 16)
V 2 ,einen bestimmten Sinn haben‘ 1 (5,88): Nn+ADVP 1 […], das ist szo vil gesagt […] (O/Abstr, ESS/Mod) (209, 25)

Abkürzungen

1. ErgänzungenErgänzung in den morphofunktionellen SatzmodellenSatzbauplanmorphofunktioneller


Nn =
NnP =
Na =
NaP = Nomen im Akkusativ (als Prädikativ)
Nd = Nomen im Dativ (als Objekt)
Ng = Nomen im Genitiv (als Objekt)
pN = präpositionales Nomen (als Objekt)
pNAg =
pNAl =
pNP = präpositionales Nomen (als Prädikativ)
ADJP = Adjektiv (als Prädikativ)
ADVAm = Adverb (als modales Adverbial)
ADVP = Adverb (als Prädikativ)
INF = Infinitiv ohne zu (als Objekt)
INFS = Infinitiv ohne zu (als Subjekt)
INFP = Infinitiv ohne zu (als Prädikativ)
INFzu =
INFzuS = Infinitiv mit zu (als Subjekt)
PARTIIP = Partizip II (als Prädikativ)
HS = Hauptsatz (als Objekt)
NS = Nebensatz (als Objekt)
NSS = Nebensatz (als Subjekt)
pNSP =
SGF = Satzgefüge (als Objekt)
SGFS =

2. TiefenkasusTiefenkasus


AG = Agens (der Kasus des belebten Urhebers einer Handlung)
ESS = Essiv (der Kasus für Eigenschaft, Identität und Zuordnung)
EXP = Experiential (der Kasus des belebten Wesens, das von einer Handlung, einem Vorgang oder einem Zustand betroffen ist)
F = Faktitiv (der Kasus für Gegenstände, Wesen und Begriffe, die aus einer Handlung, einem Vorgang oder einem Zustand resultieren)
L = Lokativ (der Kasus, der die räumliche Abgrenzung einer Handlung, eines Vorgangs oder eines Zustands bezeichnet)
O = Objektiv (der Kasus für Gegenstände, Wesen und Begriffe, die von einer Handlung, einem Vorgang oder einem Zustand betroffen sind)
Z =

3. Semantische Merkmalesemantisches Merkmal


Abstr = Abstraktbezeichnung
Abstr (als Hum) = Kollektivbegriff (auf Institutionen bezogen)
Act = Handlung
+Anim (-Hum) = belebtes Wesen (menschliches Wesen ausgenommen)
-Anim = unbelebtes Wesen
Dir = Richtungsbestimmung
Hum = menschliches Wesen
Loc = Ortsbestimmung
Mod = Artbestimmung

4.6 Vom Korpus zu den Satzmodellen in Zeitungstexten von 1660‒1914 (ÄlteresNeuhochdeutschÄlteres Neuhochdeutsch)

HARRY ANTTILA (1997, 156‒168) geht es darum, die Satzmodelle und ihre Frequenzen in den vier Teilkorpora (1660, 1750, 1850, 1914) des aus Leipziger ZeitungenLeipziger Zeitung der Zeitspanne 1660‒1914 bestehenden Gesamtkorpus zu ermitteln und miteinander zu vergleichen. Er exemplifiziert die Methode, die von den Korpustexten zu den Satzmodellen führt und die Valenz im engeren Sinne überspringt, an Einzelbelegen aus den Teilkorpora. Bei der Segmentierung der Belegsätze aus dem jeweiligen Textganzen orientiert er sich an der in den Drucken vorgegebenen Zeichensetzung. Das Ergebnis der syntaktischen Interpretation der einzelnen Sätze durch den Deskribenten wird grafisch folgendermaßen markiert: In den Belegsätzen sind die ErgänzungenErgänzung kursiv gedruckt, das PrädikatPrädikat (der Valenzträger)Valenzträger fett und Objektsätze kursiv und unterstrichen.

An mehreren Belegsätzen aus dem ältesten Teilkorpus (1660) demonstriert Anttila (1997, 156‒160) folgende Satzmodelle mit aktivischemaktivisch PrädikatPrädikat. (Im Folgenden werden die Belegsätze im Unterschied zum Original verkürzt wiedergegeben.)


(1) Belegsatz […] Gott […] wolle […] stärcken ihre Arme, [daß …]

ValenzträgerValenzträger stärken, PrädikatPrädikat wolle…stärcken, ErgänzungenErgänzung(2) Gott (Nominativ = Subjekt)Subjekt, ihre Arme (Akkusativ), Satzmodell sub akk – Keine Berücksichtigung findet der finale oder konsekutive Nebensatz daß sie das Schwerdt mit unverzagten Muth führe.


(2) Belegsatz Dieses pahr Hand=Schuh werden das Land von Aelst allein auff die 11000. fl. kosten „Dieses Paar Handschuhe wird allein das Land von Aelst bis zu 11000 Gulden kosten.“

ValenzträgerValenzträger kosten, PrädikatPrädikat werden…kosten, ErgänzungenErgänzung(3) Dieses pahr Hand=Schuh (Nominativ = Subjekt)Subjekt, das Land von Aelst (Akkusativ), (auff die) 11000. fl. (Akkusativ)1, Satzmodell sub akk akk


(3) Belegsatz dahero man Ihnen die versprochene 20. Regimenter […] hinunter schicken müssen wird

ValenzträgerValenzträger schickenNeuhochdeutschÄlteres, PrädikatPrädikat schicken müssen wird, ErgänzungenErgänzung(4) man (Nominativ = Subjekt)Subjekt, Ihnen (Dativ), die versprochene 20. Regimenter (Akkusativ), hinunter (Richtungsadverb = dir), Satzmodell sub dat akk dir


(4) Belegsatz […] / wessen man sich noch vergleichet / öffnet die Zeit

ValenzträgerValenzträger sich vergleichen, PrädikatPrädikat sich…vergleichet, ErgänzungenErgänzung(2) man (Nominativ = Subjekt)Subjekt, wessen (Genitiv), Satzmodell sub gen


(5) Belegsatz La Ferte dürffte mit seinen Trouppen dem Bisthum Trier einigermaßen beschwerlich fallen […]

ValenzträgerValenzträger fallen, PrädikatPrädikat dürffte…fallen, ErgänzungenErgänzung(3) La Ferte (Nominativ = Subjekt)Subjekt, dem Bisthum Trier (Dativ), beschwerlich (Adjektiv modal), Satzmodell sub dat mod


(6) Belegsatz Das Königreich Fez grenzet an das Königreich Marocco

ValenzträgerValenzträger grenzen, PrädikatPrädikat grenzet, ErgänzungenErgänzung(2) Das Königreich Fez (Nominativ = Subjekt)Subjekt, an das Königreich Marocco (Präpositionalgruppe)Präpositionalgruppe, Satzmodell sub prp


(7) Belegsatz nach dem Außgange der Tractaten in Dennemarck verlangt uns

ValenzträgerValenzträger verlangen, PrädikatPrädikat verlangt, ErgänzungenErgänzung(2) nach dem Außgange der Tractaten in Dennemarck (Präpositionalgruppe)Präpositionalgruppe, uns (Akkusativ), SatzmodellSatzmodellSatzbauplan akk prp

NeuhochdeutschÄlteresKommentar: Im Unterschied zu Lawrence John Thornton (s.u.) werden die das SatzmodellSatzmodellSatzbauplan konstituierenden ErgänzungenErgänzung von Harry Anttila nicht numerisch, sondern durch Abkürzungen der Namen der SatzgliederSatzglied (also sub, gen, dat, akk, prp usw.) bezeichnet, wodurch Missverständnisse vermieden werden. Wie bei Thornton wird auch von Anttila die Herauslösung der Belegsätze aus dem jeweiligen Textzusammenhang als bekannt vorausgesetzt, und die Methode kann nicht nachvollzogen werden. Die Identifikation, welche Satzglieder in den Belegsätzen für Ergänzungen gehalten werden und welche Wörter zum PrädikatPrädikat gehören, unterscheidet Anttila aber durch unterschiedlichen Druck der entsprechenden Passagen in den Belegsätzen. Bei dem finnischen Forscher wird auch deutlich, dass bei der Benennung der Satzglieder morphologische Kriterien (z.B. gen, dat, akk, prp) und semantische Kriterien (z.B. dir, mod) nicht scharf getrennt werden.

4.7 Valenz und SatzbaupläneSatzbauplan diachrondiachron – am Beispiel von bei Otfrid und Luther belegten Verben

LAWRENCE JOHN THORNTON (1984, 146‒219) setzt voraus, dass die Sätze in einem gegebenen Korpus (z.B. OtfridsOtfrid von Weißenburg EvangelienbuchOtfrid von Weißenburg) mit identischem PrädikatsverbPrädikatsverb bereits in SatzgliederSatzglied segmentiert sind (!). Die Beschreibung der ErgänzungenErgänzung des Prädikatsverbs wird soweit wie möglich auf die realisierten Formen begrenzt („morphosyntaktischemorphosyntaktisch Valenz“); aus dem Bereich der Semantik spielt dabei nur die Verwendung des semantischen Merkmalssemantisches Merkmal +/-human eine Rolle. An dem „easy“ Verb FAST ‚fasten‘, das in beiden Korpora (Otfrid und LutherLuther, Martin) mehrfach Prädikatsverb ist, wird die Methode wie folgt verdeutlicht:

a) Auflistung der Belegsätze bei OtfridOtfrid von Weißenburg:

 1) Ist er ouh fon iugendi filu fastenti (1,4,34)

 2) ioh fastota io zi noti in uualdes einoti (1,10,28

 3) Si allo stunta betota ioh filu ouh fastota (1,16,11)

 4) Er fasteta unnoto thar niuuan (lies: niun) hunt zito (2,4,3)

Kommentar zu den Belegsätzen:

 1) Das PrädikatPrädikat Ist…fastenti kommt zusammen vor mit einem temporalen SatzgliedSatzglied (fon iugendi) und dem Adverb filu. Beide können auch bei anderen Verben, sofern es das „semantic profile“ zulässt, vorkommen und gehören deshalb nicht zur Valenz. Das Pronomen Er fungiert als E0 (SubjektSubjekt des Satzes im Nominativ).

 2) Das Verb wird von den frei vorkommenden Adverbien io, zi noti und von dem lokalen SatzgliedSatzglied in uualdes einoti begleitet. Das lokale Satzglied ist eine AngabeAngabe (A) und gehört nicht zur Valenz von FAST, weil jede Ortsbestimmung, die mit dem Verb kombiniert würde, für die Umgebung des Verbs in einem grammatikalisch korrekten Satz nicht essentiell wäre. Die fehlende E0 kann aus dem vorausgehenden TeilsatzTeilsatz als thaz kind oder er ergänzt werden.

 3) filu und allo stunta sind adverbialeAdverbial AngabenAngabe (A); si ist die E0.

 4) Unnoto und thar sind adverbialeAdverbial AngabenAngabe (A); niun hunt zito (ergänze: sehszug ouh thar miti in uuar = 360 Stunden = 40 Tage) ist Akkusativ der Zeitdauer (= A); Er ist die E0.

Schlussfolgerung: Dem Verb FAST in OtfridsOtfrid von Weißenburg EvangelienbuchOtfrid von Weißenburg kann die Valenznummer 0 gegeben werden, d.h., FAST ‚fasten‘ ist monovalent.

b) Auflistung der Belegsätze mit dem PrädikatsverbPrädikatsverb FAST in LuthersLuther, Martin Übersetzung der Evangelien:

 1) Da er vierzig tag und nacht gefastet hatte (Mt4.2)

 2) wenn ir fastet (Mt6.16)

 3) wenn du aber fastest (Mt6.17)

 4) warumb fasten wir und die Phariseer so viel (Mt9.14)

 5) und deine Juenger fasten nicht? (Mt9.14)

 6) als denn werden sie fasten (Mt9.15)

 7) ich faste zwier in der Wochen (Lk18.12)

Kommentar zu den Belegsätzen:

In 5) ist das PrädikatPrädikat begleitet von der E0 und einer NegationspartikelNegationspartikel. In 1), 2), 3), 6) und 7) ist es umgeben von der E0 und temporalen Elementen, während in 4) die Adverbien warumb und so viel zu finden sind. Außer der E0 ist keines dieser Elemente „verb-spezifisch“; sie sind alle AngabenAngabe (A).

Schlussfolgerung: Das Verb FAST ist bei LutherLuther, Martin ebenfalls monovalent (mit E0). Das Valenzprofil ist das gleiche wie bei OtfridOtfrid von Weißenburg.

Mit dieser Methode kommt Thornton zu den numerisch formulierten SatzbauplänenSatzbauplan der von ihm untersuchten ahd. und fnhd. Verben. Kritisch gesehen werden muss dabei und bei der Darstellung der Ergebnisse, dass die Herauslösung der Belegsätze aus dem jeweiligen Textzusammenhang ‒ nicht nachvollziehbar ‒ vorausgesetzt wird. Ferner wird die Abgrenzung der SatzgliederSatzglied nicht markiert; bei der Kategorisierung der Satzglieder bestehen Unklarheiten (z.B. wenn ist bei LutherLuther, Martin 2) und 3) temporales Element und Subjunktion), und es fehlen AngabenAngabe zur Bedeutung des Verbs, die der Deskribent aber weiß bzw. wissen muss und die z.B. bei der Unterscheidung der SatzgliederSatzglied in ErgänzungenErgänzung (E) und Angaben (A) wichtig ist.

5. Die Satzbaupläne, Satzmodelle oder Satzmuster im Alt-, Mittel- und FrühneuhochdeutschenFrühneuhochdeutsch sowie im (Älteren) Neuhochdeutschen
5.1 Verb-Aktanten-Konstellationen im AlthochdeutschenAlthochdeutsch

Die Verb-Aktanten-KonstellationenVerb-Aktanten-Konstellation (VAK), die aus den ahd. Texten des 9. Jh. erschlossen wurden, werden nach der Zahl der ErgänzungenErgänzung (E), die den SatzbauplanSatzbauplan konstituieren, kategorisiert. Die Ergänzungen werden zuerst semantisch (z.B. ‚AgensAgens‘), an zweiter Stelle morphosyntaktischmorphosyntaktisch (z.B. NGnom = NominalgruppeNominalgruppe im Nominativ) markiert. Es gibt ein- bis vierstelligevierstellig Verb-Aktanten-Konstellationen. „Nullstellige Satzmuster“SatzmusterSatzbauplan, d.h. Satzbaupläne, die keine Ergänzung aufweisen, werden bei Witterungsverben und verbalen Zeitausdrücken angesetzt, z.B. ahd. iz regenot, iz abandet. Als PrädikatPrädikat sind die Verben mit „expletivem“, nicht referierendem iz ‚es‘, das nicht als Ergänzung gezählt wird, verbunden. Unterhalb der VAK-Formel werden die ahd. Verben aufgeführt, die die jeweilige VAK verlangen, wenn mit ihnen als Prädikat (P) ein Satz gebildet ist.

Einstellige einstellig Verb-Aktanten-Konstellationen Verb-Aktanten-Konstellation


(1)

thursten ‚dürsten‘, hungaren ‚Hunger haben‘, slāfan ‚schlafen‘, zwīfolōn ‚zweifeln‘, liuhten ‚leuchten‘, scīnan ‚leuchten, glänzen‘


(2)

thorren ‚verdorren‘, wahhēn ‚wach sein, wach bleiben‘, weinōn ‚weinen‘


(3) P (‚Handlung‘) ‒ E (Subjekt) ‚Agens‘/NGnom

fastēn ‚fasten‘, suntōn ‚sündigen‘

Zweistellige zweistellig Verb-Aktanten-Konstellationen Verb-Aktanten-Konstellation


(4) P (‚Handlung‘) // E (Subjekt) ‚Agens‘/NGnom // E ‚Adressat‘/NGakk

giberehtōn ‚verherrlichen‘, rehhan ‚rächen‘, ruogen ‚beschuldigen‘, salbōn ‚salben‘, seganōn ‚segnen‘, steinōn ‚steinigen‘, tiuren/tiurisōn ‚preisen, verherrlichen‘, scirmen ‚beschützen‘, trosten ‚trösten‘


(5)

scirmen ‚beschützen‘, thionon ‚dienen‘, tarōn/terren ‚Schaden zufügen‘


(6) P (‚Handlung‘) // E (Subjekt) ‚Agens‘/NGnom // E ‚Adressat‘/NGgen

wīsēn ‚planen, darauf sinnen‘, wīsōn ‚sich hinwenden‘, zilēn/zilōn ‚streben nach, sich bemühen um‘


(7)

beran ‚gebären, zeugen‘, bergan ‚verbergen‘, buozen ‚bessern‘, then(n)en ‚ausstrecken‘, 1th(w)ingan ‚bändigen‘, 2th(w)ingan ‚bedrängen‘, fillen ‚schlagen‘, frem(m)an ‚in die Tat umsetzen‘, fuotiren ‚füttern‘, heilagōn ‚weihen, heiligen‘, slīz(z)an ‚zerreißen, zerbrechen‘, stelan ‚stehlen‘, tīlōn ‚tilgen‘, 2twellen ‚hemmen‘


(8)

ahtōn ‚überdenken, abwägen‘, jehan ‚sich bekennen zu‘, trahtōn ,in Erwägung ziehen‘, weiz(z)en ‚verständlich machen‘


(9) P (‚Handlung‘) // E (Subjekt) ‚Agens‘/NGnom // E ‚Inhalt‘/NGgen

jehan ‚sich bekennen zu‘, lougnen ,verleugnen‘, trahtōn ,in Erwägung ziehen‘, 1twellen ‚Zeit verstreichen lassen‘


(10)

frum(m)en ‚ausführen‘, sitōn ‚ausführen‘, zimb(e)ren/zimb(o)rōn ‚(er)bauen‘


(11) P (‚Handlung‘) // E (Subjekt) ‚Agens‘/NGnom // E ‚Ziel‘/PräpGin, zi

thingen/thingōn ,zu etwas gelangen wollen‘


(12)

haz(z)ōn ‚hassen‘, intrātan ‚sich fürchten‘


(13) P (‚Zustand‘) // E (Subjekt) ‚Zustandsträger‘/NGnom // E ‚Adressat‘/NGdat

milten ‚Mitleid fühlen‘


(14) P (‚Zustand‘) // E (Subjekt) ‚Zustandsträger‘/NGnom // E ‚Adressat‘/NGgen

tharbēn ‚entbehren‘


(15)

trūēn ‚Vertrauen haben‘


(16) P (‚Zustand‘) // E ‚Zustandsträger‘/NGdat // E ‚Ziel‘/NGgen

gilustit ‚es gelüstet nach‘


(17) P (‚Zustand‘) // E ‚Zustandsträger‘/NGdat // E ‚Ursache‘/PräpGin

līhhēt ‚es gefällt‘


(18) P (‚Zustand‘) // E ‚Zustandsträger‘/NGdat // E ‚Ursache‘/NGnom

līhhēn ‚jemandem gefallen‘


(19)

thunken ‚glauben, meinen‘


(20) P (‚Zustand‘) // E ‚Zustandsträger‘/NGnom // E ‚Ursache‘/NGgen, PräpGin

(sih) menden ‚sich freuen‘

Dreistelligedreistellig Verb-Aktanten-KonstellationenVerb-Aktanten-Konstellation. In keinem Fall sind alle drei ErgänzungenErgänzung realisiert.


(21)

līhan/firlīhan ‚zuteilwerden lassen‘


(22)

retten/irretten ‚retten vor, befreien von‘


(23) P (,Tätigkeit‘) // E ‚Agens‘/NGnom // E ‚Adressat‘/NGdat // E ‚Inhalt‘/NGakk

harēn/heren ‚etwas zurufen‘, 1jehan/bijehan ‚bekennen‘


(24) P (‚Tätigkeit‘) // E ‚Agens‘/NGnom // E ‚Patiens‘/NGakk // E ‚Ursprungs-/Zielort‘/NGdat, PräpGfon, zi

irfirren ‚wegnehmen, entfernen‘, 1fuogen ‚hinzufügen‘


(25)

thankōn ‚danken‘, lōnōn ‚vergelten, belohnen‘


(26)

beiten ‚drängen, auffordern‘, spannan ‚zu einem bestimmten Verhalten bewegen‘


(27) P (‚Tätigkeit‘) // E ‚Agens‘/NGnom // E ‚Patiens‘/NGakk // E ‚(Zahlungs-)Mittel‘/PräpGmit

koufen ‚kaufen‘

Vierstellige vierstellig Verb-Aktanten-Konstellation Verb-Aktanten-Konstellation


(28)

fuaren ‚führen‘

(Greule 1992, 205‒208; Schrodt 2004, 62–67)

5.2 MittelhochdeutscheMittelhochdeutsch Satzmodelle

In den Liedtexten des ostmitteldeutschen Minnesängers Heinrich von MorungenHeinrich von Morungen sind folgende SatzbaupläneSatzbauplan (SBP) häufiger realisiert (zur Methode vgl. oben 4.3). Die ErgänzungenErgänzung werden nur in Ausnahmefällen semantisch bestimmt.

Einstelligeeinstellig SatzmodelleSatzmodellSatzbauplan

P // E NGnom: mhd. liuhten, swîgen, zergên

Zweistelligezweistellig SatzmodelleSatzmodellSatzbauplan

P // E NGnom // E NGakk: mhd. ansehen, dulden, enphâhen, erkuolen, haben/hân, klagen, rechen, singen, sprechen, sünden, verklagen ‚beklagen‘

P // E NGnom // E NGdat: mhd. dienen, lachen, leben/geleben, vluochen

P // E NGnom // E ‚lokal‘/PräpG: mhd. gân/gên, ligen, stân/stên

P // E NGnom // E PräpGvon, nach, in, gegen, an: mhd. spiln, trûren, vlêhen, wonen

P // E NGnom // E ‚modal‘/Adv: mhd. gebieten

P // E NGnom (Subjekt)Subjekt // E NGnom: mhd. heizen ‚heißen‘

P // E NGnom // E AdjG: mhd. werden

Dreistelligedreistellig Satzmodelle

P // E NGnom // E NGakk // E NGdat: mhd. geben, künden, erben ‚vererben‘

P // E NGnom // E NGdat // E ‚lokal‘/Adv: mhd. ligen

P // E NGnom // E NGakk // E AdjGakk: mhd. machen, schouwen

P // E NGnom // E NGakk // E NGgen/Adv: mhd. biten/bitten

P // E NGnom // E NGakk // E PräpGan: mhd. begân/begên, gernschouwen

P // E NGnom // E NGakk // E PräpGvon, ze: mhd. haben/hân

P // E NGnom // E NGdat // E PräpGze, in, dur: mhd. komen

P // E NGnom // E NGakk // E Infinitiv: mhd. heizen ‚befehlen‘

P // E NGnom // E NGakk // E Infinitiv/Adj/PräpG: mhd. lâzen/lân

(Schütte 1982, 45‒47)Mittelhochdeutsch

5.3 Satzmodelle im Frühneuhochdeutschen (Valenz FrühneuhochdeutschFrühneuhochdeutsch)
5.3.1 Einleitendes

Das Valenzverhalten fnhd. Lexeme wird hier anhand von Strukturmodellen dargestellt, die auf morphosyntaktischmorphosyntaktisch determinierten ErgänzungenErgänzung dieser Lexeme beruhen. Je nachdem, welche Lexemklasse als ValenzträgerValenzträger fungiert, werden in Korhonen (2006a) verb-, adjektiv- und substantivabhängige Modelle unterschieden. Für diese Valenzträgerklassen gelten unten folgende Einschränkungen: Die Verben erscheinen in der Rolle eines aktivischenaktivisch PrädikatsPrädikat, die Adjektive in der Rolle eines PrädikativsPrädikativ, und die Substantive sind (Verbal-)Abstrakta. Von ihrer syntaktischen FunktionFunktionsyntaktische her sind die Glieder der Modelle SatzgliederSatzglied (bei Verben und prädikativenprädikativ Adjektiven) oder AttributeAttribut (bei Substantiven). Die SatzgliedklassenSatzgliedklasse, auf die sich die nachstehenden Ausführungen beziehen, sind SubjektSubjekt, ObjektObjekt, Prädikativ und AdverbialAdverbial. Für die Ergänzungen werden die Anschlussmöglichkeiten durch Kasus, Präposition, Infinitiv und GliedsatzGliedsatz berücksichtigt, sodass als Glieder von Satzmodellen Begriffe wie NominativsubjektNominativsubjekt, AkkusativobjektAkkusativobjekt, InfinitivobjektInfinitivobjekt, GenitivprädikativGenitivprädikativ, lokales Adverbial und PräpositionalattributPräpositionalattribut auftreten werden. Bezüglich der Anzahl der Glieder handelt es sich um Konstruktionen, in denen sich das Modell aus null bis drei Ergänzungen zusammensetzt.

5.3.2 Verbabhängige Modelle

Weist ein Verb in seiner Umgebung keine ErgänzungenErgänzung mit Satzgliedstatus auf, so liegt ein Modell ohne valenzbedingtevalenzbedingt Glieder vor. Zu diesen PrädikatenPrädikat zählen vor allem Ausdrücke der Naturerscheinungen mit Pronomen esPronomen es, unter denen die Witterungsverben an zentraler Stelle stehen. Im Fnhd. lassen sich für diese Verben Belege mit und ohne es anführen, wobei die Belege ohne es relativ selten sind: es donnert, blitzet, regent (PHD 1, 319); […] widderumb bat er, vnd hot geregent, […] (LutherLuther, Martin). Eine zweite, wesentlich größere Gruppe bilden Verben, bei denen eine oder mehrere ErgänzungenErgänzung erspart worden sind, sodass die Grundstruktur des Satzes durch das PrädikatsverbPrädikatsverb allein konstituiert wird. Neben Fällen mit Prädikatsverb im Imperativ sind hier Verwendungsweisen zu nennen, in denen ein einwertigeseinwertig Verb ohne SubjektSubjekt erscheint (das Subjekt ist z.B. aus einem vorhergehenden Satz zu entnehmen): Nemet hyn vnd esset, […] (Luther); […] so werden ewre augen auff gethan / vnd werdet sein wie Gott […] (Luther); entweyche im die varb vnd erpleychet (Eyb).

EinesFrühneuhochdeutsch der häufigsten verbabhängigen Strukturmodelle im Fnhd. basiert auf Konstruktionen, in denen das NominativsubjektNominativsubjekt das einzige konstitutive Glied darstellt. Viele ValenzträgerValenzträger dieses Modells sind inzwischen jedoch verschwunden bzw. veraltet oder haben ihre Bedeutung geändert. Weitere ErgänzungsklassenErgänzungsklasse, die das eingliedrigeeingliedrig Strukturmodell konstituieren können, sind u.a. das AkkusativobjektAkkusativobjekt, das DativobjektDativobjekt, das GenitivobjektGenitivobjekt und das PräpositionalobjektPräpositionalobjekt: vnnd da er […] gefastet hatte, hungert yhn (LutherLuther, Martin-BibelLuther-Bibel); das wasser so streng lief, das dem grafen schwindlet (Zimmersche Chr.); wenn sein not ist (Tucher); Darumb das an Brot vnd Wasser mangeln wird […] (Luther). Für Valenzträger dieser Modelle lassen sich schon im Fnhd. konkurrierende Konstruktionen mit Nominativsubjekt beobachten: Sie werden weder hungern noch dürsten (Luther) usw. Die Fügung es gibt/hat + Akkusativobjekt (es hat in oberdeutschen und schlesischen Mundarten) breitet sich besonders im 16. und 17. Jh. aus: viel helden hat es jetzt, so hats auch viel poeten (DWB).

Unter den Strukturmodellen mit zwei konstitutiven Gliedern ragt die Kombination NominativsubjektNominativsubjekt + AkkusativobjektAkkusativobjekt durch ihre außerordentlich hohe Frequenz hervor. Schon im 14. Jh. ist die Gruppe der Verben mit entsprechender Valenz sehr groß und in semantischer Hinsicht heterogen, und im Laufe des Fnhd. gesellen sich dazu zahlreiche weitere Verben. Einige Verben haben das damals übliche Akkusativobjekt zugunsten einer anderen ErgänzungsklasseErgänzungsklasse aufgegeben: ich wais wol, waz mich angehoͤrt, so wais mein sun wol, waz in angehoͤrt. (FWB); Das wir der Christenheit unfal […] spotten, […] (LutherLuther, Martin). Neben SimpliziaSimplex und fest präfigierten Verben stellen Verben mit trennbaremVerbtrennbares PräfixPräfix (u.a. ab, aus, bei, mit, nach, ob, vor, zu) Lexeme dar, auf deren Valenz das Modell Nominativsubjekt + DativobjektDativobjekt häufig aufbaut: […], ob es (Unrecht leiden) wol abnimpt dem leyb vnd gut (Luther). Für das Glied GenitivobjektGenitivobjekt im Modell Nominativsubjekt + Genitivobjekt kann folgende Unterteilung vorgenommen werden: partitiverpartitiv Genitiv, Genitiv bei Negation und subklassenspezifischer Genitiv. Während die ersten beiden Genitivarten im Fnhd. stark zurückgedrängt wurden, konnte sich die dritte Art (vor allem bei Verben mit akkusativischem Reflexivpronomen)Reflexivpronomen etwas besser behaupten: […] das mehrer teil […] geistlicher gewalt misbrauch, […] (Luther); Jch habe mich der Höflichkeit, und anderer tugenden, so wol beflissen […] (Schupp). Für das Modell Nominativsubjekt + PräpositionalobjektPräpositionalobjekt ist schon zu Beginn der fnhd. Periode eine relativ hohe Frequenz nachweisbar, und vom 15. bis 17. Jh. nimmt die Zahl von Verben mit dieser syntaktischen Umgebung noch erheblich zu. Allerdings können bestimmte verbspezifische Präpositionen vom heutigen Gebrauch abweichen: die selbigen czwelf v̈beltäter die hörtten als pald auf von irem pösen sündigen leben. (FWB); Disse nachfolgende gebot handeln mit den begirden vnd wollusten des menschen, […] (Luther).

ImFrühneuhochdeutsch Bereich des InfinitivobjektsInfinitivobjekt kann auf folgende Besonderheiten hingewiesen werden: Der einfache InfinitivInfinitiveinfacher kommt bei einigen Verben vor, die jetzt einen Infinitiv mit zuInfinitivmit zu verlangen, und vor einem Infinitiv mit zu muss im Unterschied zu heute nicht ein PräpositionaladverbPräpositionaladverb als KorrelatKorrelat stehen: […] wir […] vormessen uns […] ym gefallen, […] (LutherLuther, Martin); […], dan so viel und weit es dienet, das fleisch und seine lust zudempffen odder todten (Luther) (hier fehlt das im gegenwärtigen Deutsch obligatorischeobligatorisch Korrelat dazu). Auch bei satzförmigen Objekten (gemeint sind sowohl Haupt- als auch Nebensätze) begegnen Fälle, in denen der Anschluss an den ValenzträgerValenzträger anders gestaltet wird als heute: Gleich wie das erst gebot vorbeut, wir sollen kein andere gotter haben, […] (Luther); die bedurfften wol, das man zwifach fur sie bittet, […] (Luther).

Spezielle fnhd. Strukturmodelle mit PrädikativPrädikativ als zweitem Glied sind NominativsubjektNominativsubjekt + DativprädikativDativprädikativ und Nominativsubjekt + GenitivprädikativGenitivprädikativ. In beiden Modellen kann ein Possessiv- bzw. Zugehörigkeitsverhältnis zum Ausdruck gebracht werden: […], vnnd ist yhn kein werckel tag, […] (LutherLuther, Martin); ich hab gesündet, so bin ich der behaltenen (Pauli). Zu valenzbedingtenvalenzbedingt AdverbialenAdverbial ist anzumerken, dass im Fnhd. noch Konstruktionen mit liegen, sitzen und stehen als ValenzträgerValenzträger und einem RichtungsadverbialRichtungsadverbial als ErgänzungErgänzung lebendig sind: Eim auff die achßlen Ligen (JM 273b); da es sich begab, das ein minbruder, wie mans nent, stund auff die kantzel (DWB). Die Bedeutungen der Verben können in einem solchen Gebrauch wie folgt definiert werden: ‚sich legen‘ bzw. ,sich setzen‘ bzw. ‚sich stellen‘. Dieser Konstruktionstypus ist insbesondere bei oberdeutschen Autoren noch im 18. Jh. zu finden.

Von subjektlosensubjektlos Modellen mit zwei konstitutiven Gliedern seien folgende genannt: AkkusativobjektAkkusativobjekt + GenitivobjektGenitivobjekt, Akkusativobjekt + PräpositionalobjektPräpositionalobjekt, DativobjektDativobjekt + Genitivobjekt und Dativobjekt + Präpositionalobjekt: mich wundirte des gesichtis (Cranc); ja nymer glangt yn dar nach (Geiler v. Kaisersberg); das im nicht geprist | der hymelischen wunne. (FWB); also wer den lißt oder hoͤrt / dem můß darob grawsen (Wickram). Ähnlich wie bei eingliedrigeneingliedrig Modellen ohne SubjektSubjekt tauchen hier konkurrierende Strukturen mit persönlichem oder sachlichem Subjekt auf, z.B. do der künig von Engelant lange strites wartete und ime spise gebrast, […] (FWB). Es ist auch möglich, dass bei einem Verb sowohl das Personen- als auch das SachobjektSachobjekt zum Subjekt wird: vnd mus ergerlich, freuelich vnd ketzerlich handeln, wer nit an yhren schlechten worten benugt (PHD 1, 254); als ich nun kund schreiben und lesen, das mich benügt zů meinem wesen (DWB).

Dreigliedrigedreigliedrig Modelle Frühneuhochdeutschweisen im Fnhd. zwar vielfältige Kombinationsmöglichkeiten von ErgänzungenErgänzung auf, kommen aber im Ganzen viel seltener vor als Modelle mit zwei Gliedern. Das Modell NominativsubjektNominativsubjekt + zwei AkkusativobjekteAkkusativobjekt ist im Fnhd. etwas häufiger als im heutigen Deutsch: ich will euch auch eyn wort fragen (LutherLuther, Martin). Ein erheblich größerer Frequenzunterschied zwischen dem Fnhd. und der deutschen Gegenwartssprache ist für das Modell Nominativsubjekt + Akkusativobjekt + AkkusativprädikativAkkusativprädikativ festzustellen: […] ob sie das auch gut werck achten, […] (Luther). Das häufigste und stabilstestabil Strukturmodell mit zwei KasusobjektenKasusobjekt ist Nominativsubjekt + Akkusativobjekt + DativobjektDativobjekt; später sind bei den ValenzträgernValenzträger jedoch mehrere Änderungen eingetreten: got […] schafft yhn leiden vnd allerley widerwertickeit tzu, […] (Luther) (anstelle von zuschaffen wird heute zufügen verwendet). Das Modell Nominativsubjekt + Akkusativobjekt + GenitivobjektGenitivobjekt hat zwar im Vergleich mit dem Mhd. an Bedeutung verloren, wird aber noch durch mehrere Verben realisiert: eins dinges wil ich dich bitten (R. Merswin). Ebenso ist das Modell Nominativsubjekt + Akkusativobjekt + PräpositionalobjektPräpositionalobjekt schon im Mhd. bei zahlreichen Verben anzutreffen, und während des Fnhd. wird sein Gebiet ständig erweitert: Got wirt sie […] davon nit fragen […] (Luther). Im Modell Nominativsubjekt + Dativobjekt + Präpositionalobjekt stellt das letzte Glied bei bestimmten Verben eine neuartige, bei anderen wiederum eine ursprüngliche ErgänzungsklasseErgänzungsklasse dar: die sollen dem herrn dancken vmb seine güte vnd vmb seine wunder, […] (PHD 1, 396) (im Fnhd. auch noch mit dem ursprünglichen Genitivobjekt); Nu wil ich euch kunt tun von dieser Mechthilden Krumpsitin (C. Ebner). Die beiden Modelle Nominativsubjekt + Dativobjekt + Genitivobjekt und Nominativsubjekt + Genitivobjekt + Präpositionalobjekt, die im strukturellen System des GegenwartsdeutschenGegenwartsdeutsch nicht mehr vorhanden sind, lassen sich bei einer relativ geringen Zahl von Verben belegen: ich will dir dyner guothait wider gelten (Steinhöwel); […], szo du […] dich alles guttis, gnadenn vnnd wolgefallhens tzu yhm vorsichst, […] (Luther). Ein seltener Typus ist auch das Modell Nominativsubjekt + zwei Präpositionalobjekte: Da wolt er mit jm von etlichen Sachen reden (LutherLuther, Martin). Das Modell NominativsubjektNominativsubjekt + Akkusativobjekt + RichtungsadverbialRichtungsadverbial wird von mehreren Verben konstituiert, ist aber in einigen Fällen später unüblich geworden: do man si dar hiez (A. Langmann).

5.3.3 Adjektiv- und substantivabhängige Modelle

WennFrühneuhochdeutsch ein prädikativesprädikativ Adjektiv in einem Satz erscheint, kann es als ValenzträgerValenzträger 2. GradesValenzträger2. Grades eingestuft werden. Valenzträger 1. GradesValenzträger1. Grades ist dann die KopulaKopula, die neben dem prädikativen Adjektiv das SubjektSubjekt als ErgänzungErgänzung 1. GradesErgänzung1. Grades zu sich nimmt. Unter dieser Voraussetzung besteht die Valenz eines prädikativen Adjektivs aus Ergänzungen 2. GradesErgänzung2. Grades, d.h. aus Bestimmungen, die direkt von ihm abhängen. Die weitaus größte Zahl der Adjektive kommt ohne Ergänzungen vor: kinder die nicht falsch sind (PHD 1, 630). Zu den eingliedrigeneingliedrig Modellen zählt erstens das AkkusativobjektAkkusativobjekt, das nicht selten das ältere GenitivobjektGenitivobjekt ersetzt: also was der platz vol folck (W. Rem). Allerdings kann der Anschluss bei einem Adjektiv variieren: Der Akkusativ ist besonders bei alleinstehenden Substantiven (wie oben) und neutralen Pronomina möglich: Denn ein Erbeiter ist seiner Speise werd […] Ob jemand darinnen sey / der es werd ist […] (Luther-BibelLuther-Bibel). Sehr gut vertreten sind die Modelle DativobjektDativobjekt und Genitivobjekt: daz er […] gueten leuten gar holt was (A. Langmann); so sind wir der ewigen selikeyt gewiß (Geiler v. Kaisersberg). Das PräpositionalobjektPräpositionalobjekt tritt schon zu Beginn des Fnhd. bei vielen Adjektiven als einzige Ergänzung auf, und im Laufe des 14. bis 17. Jh. wird es immer häufiger: […] wer schuldig sey an dem diebstal (Hartlieb). Zweigliedrigezweigliedrig Modelle sind relativ selten und beschränken sich auf die Kombinationen Dativobjekt + Genitivobjekt (an die Stelle des letzteren Glieds tritt jedoch schon früh das Akkusativobjekt) und Dativobjekt + Präpositionalobjekt: ich byn euch desz schuldig (DWB); dem […] ist kein gutt werck, furderlich zur frumkeyt vnd seligkeit (PHD 1, 747).

Die als ValenzträgerValenzträger fungierenden abstrakten Substantive stehen sehr oft ohne abhängige Glieder: bei jm […] ist weisheit vnd gewalt (Luther). Unter den eingliedrigeneingliedrig Modellen stellt das DativattributDativattribut eine fnhd. Eigentümlichkeit dar, die jedoch ganz selten ist: […] im zestraff vnd zepezzerung dem vndertan (Bruder BertholdBruder Bertholds „Rechtssumme“). Viel gebräuchlicher ist das GenitivattributGenitivattribut mit den beiden Subklassen Genitivus subjectivusGenitivussubjectivus und Genitivus objectivusGenitivusobjectivus: […] das willig volgen der Christen (Zwingli); die bestellung der arbeiter (Tucher). Ebenso lässt sich das PräpositionalattributPräpositionalattribut als eine häufige ErgänzungsklasseErgänzungsklasse abstrakter Substantive betrachten: die hoffnung in got (Eyb). Wird ein Substantiv mit zwei ErgänzungenErgänzung verbunden, liegt meistens das Modell GenitivattributGenitivattribut + PräpositionalattributPräpositionalattribut vor: solch reuberey, schinderey, vnserer guter von dem bapst (LutherLuther, Martin).

5.3.4 Formale Polyvalenz

Eine typische Valenzeigenschaft fnhd. Lexeme ist die morphosyntaktischemorphosyntaktisch VariationVariation beim Anschluss einer ErgänzungErgänzung an den ValenzträgerValenzträger, wobei die Bedeutung des Valenzträgers unverändert bleibt. Es kann u.a. ein Kasus mit einem anderen Kasus oder einer Präposition wechseln, oder es gibt eine Konkurrenz zwischen verschiedenen Präpositionen. Im Hinblick auf die SatzgliedklassenSatzgliedklasse bezieht sich ein solcher Wechsel sehr oft auf das ObjektObjekt, daneben aber auch auf das SubjektSubjekt und das PrädikativPrädikativ (bei substantivischen Valenzträgern auf AttributeAttribut). Wie aus Kapitel D.7.1 hervorgeht, umfasst die formale PolyvalenzPolyvalenzformale ohne BedeutungsveränderungBedeutungsveränderung des Valenzträgers außer einer Variation beim ValenzmarkerValenzmarker einen Wechsel bei der syntaktischen Klasse der Ergänzung (etwa Substantiv, Infinitiv oder Satz). Auf letztere Erscheinung wird hier nicht eingegangen.

BeiFrühneuhochdeutsch Verben kommt die VariationVariation von ValenzmarkernValenzmarker erstens bei KasusobjektenKasusobjekt vor. Es gibt vor allem einen Wechsel zwischen dem Akkusativ und Dativ einerseits (angehören, dünken, fluchen, folgen, helfen, lüsten …) und dem Akkusativ und Genitiv andererseits (sich anmaßen, bedürfen, entbehren, entraten, erwarten, spotten, üben, vergessen …). Ebenso weit verbreitet ist der Wechsel zwischen einem Kasus- und PräpositionalobjektPräpositionalobjekt. Der Akkusativ kann z.B. mit auf (trauen), über (regieren), vor (fliehen) und zu (rufen), der Dativ mit in (trauen, vertrauen), von (abfallen, nehmen) und zu (sagen) und der Genitiv mit an (gedenken), über (sich erbarmen), um (sich annehmen) und von (sich enthalten) konkurrieren. Für das Präpositionalobjekt ist ein Wechsel zwischen zwei oder mehr Präpositionen nachweisbar, z.B. aus – von (kommen), gegen – zu (sich versehen), mit – wider (streiten), nach – um (eifern), für – um – um … willen (eifern) und mit – ob – über – von (sich bekümmern). Darüber hinaus finden sich zahlreiche Belege für eine kombinierte Variation von Kasus- und Präpositionalobjekt, vgl. u.a. Akkusativ – Genitiv – auf (achten), Akkusativ – von – zu (bitten), Akkusativ – Dativ – vor – zu (flehen), Genitiv – an – auf – zu (gewöhnen), Genitiv – halb – über – um – vor (sich bekümmern) und Genitiv – für – ob – über – um – um … willen – von – vor (danken).

Bei Adjektiven wechselt u.a. das AkkusativobjektAkkusativobjekt mit dem GenitivobjektGenitivobjekt (gewiss, pflichtig, schuldig, wert …), das DativobjektDativobjekt mit dem PräpositionalobjektPräpositionalobjekt (abfällig) und das Genitivobjekt mit dem Präpositionalobjekt (arm, fähig, frei, froh, reich, voll …). Im Falle substantivischer ValenzträgerValenzträger kommt es insbesondere beim Genitiv- und PräpositionalattributPräpositionalattribut zu einem häufigen Wechsel: Der Genitiv konkurriert u.a. mit an (Schaden, Verderbung), für (Vergebung), gegen (Ehre, Gehorsam), von (Aufhören) und zu (Trauen, Ursache). Beispiele für eine VariationVariation von Präpositionen beim Präpositionalattribut sind in – über (Wohlgefallen) und über – von (Frage). Drittens können bei einem AttributAttribut drei Anschlussarten auftreten, insofern als zwei Präpositionen zum Genitiv in Konkurrenz treten, z.B. Genitiv – gegen – zu (Glaube, Liebe, Zuversicht) und Genitiv – in – zu (Glaube).

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