Kitabı oxu: «Otto der Schütz»
I
Gegen das Ende des Jahres 1340, in einer kalten, aber noch schönen Herbstnacht, folgte ein Reiter dem schmalen Wege, welcher längs dem linken Ufer des Rheines hinführt. Wegen der späten Stunde und dem raschen Schritte, den er sein Pferd einschlagen ließ, so ermüdet es auch von dem bereits zurückgelegten langen Tagesmarsche sein mogte, hätte man glauben können, daß er zum Mindesten während einiger Stunden in der kleinen Stadt Oberwinter einkehren würde, in die er so eben eingeritten war; aber er schlug im Gegentheile in demselben Schritte und wie ein Mann, dem sie bekannt sind, die schmalen und krummen Straßen ein, welche seinen Weg um einige Minuten abkürzen konnten, und erschien bald darauf an der andern Seite der Stadt; indem er sie durch das entgegengesetzte Thor wieder verließ. Da in dem Augenblicke, wo man das Fallgatter hinter ihm herabließ, der bis dahin in Mitte des Wolkenmeeres, das seine phantastischen Wellen an den Himmel dahin rollte, verschleierte Mond gerade in einen, wie ein ruhiger See reinen und glänzenden Raum trat, so wollen wir diesen flüchtigen Strahl benutzen, um einen raschen Blick auf den nächtlichen Reisenden zu werfen.
Er war ein Mann von vierzig bis fünfzig Jahren, von mittlerer Größe, aber von athletischem und breitschultrigem Baue, der, so sehr stimmten seine Bewegungen mit denen seines Pferdes überein, mit ihm aus demselben Felsenblocke gehauen zu sein schien. Da man sich in Freundes Land, und dem zu Folge fern von aller Gefahr befand, so hatte er seinen Helm an den Sattelknopf gehängt, und trug nur eine kleine, mir Tuch gefütterte Kapuze von Panzerringen, die, wenn der Helm an seinem gewöhnlichen Orte war, spitz zwischen den beiden Schultern herabfiel, um seinen Kopf gegen die feuchte Nachtluft zu schützen. Wahr ist es, daß ein langes und dichtes Haar, das grau zu werden begann, seinem Herrn denselben Dienst erwies, welche ihm die bequemste Kopfbedeckung hätte erweisen können, indem es außerdem, wie in einen natürlichen Rahmen, sein zugleich ernstes und friedliches Gesicht, wie das eines Löwen einfaßte. Was seinen Stand anbelangt, so wäre er nur für die wenigen Personen ein Geheimniß gewesen, welche zu jener Zeit die heraldische Sprache nicht kannten, denn wenn man die Augen auf seinen Helm warf, so sah man aus seiner Grafenkrone, welche dessen Schmuck bildete, einen nackten Arm hervortreten, der ein bloßes Schwert erhob, während auf der andern Seite des Sattels auf dem rothen Grunde des als Gegenstück aufgehängten Schildes die drei goldenen, zu zwei und eins aufgestellten Sterne des Hauses Homburg glänzten, eines der ältesten und der angesehensten von ganz Deutschland. Wenn man jetzt mehr über die Person wissen will, die wir haben auftreten lassen, so fügen wir hinzu, daß der Graf Karl aus Flandern zurückkehrte, wohin er auf Befehl Kaiser Ludwig V. von Baiern gegangen war, um Eduard III. von England, welcher achtzehn Monate zuvor zum Generalvikar des Reiches ernannt worden, den Beistand seines tapferen Schwertes zu leihen, und dieser hatte ihm, mittelst des einjährigen Waffenstillstandes, den er mit Phlipp von Valois durch die Vermittlung der Frau Johanna, Schwester des Königs von Frankreich und Mutter des Grafen von Hennegau, abgeschlossen hatte, für den Augenblick seine Freiheit gegeben.
Auf der Höhe des kleinen Dorfes Mühlheim angelangt, verließ der Reisende die Heerstraße, der er von Coblenz aus gefolgt war, um einen Fußpfad einzuschlagen, der unmittelbar in das Land führte. Einen Augenblick lang verloren sich Pferd und Reiter in einem Hohlwege, bald darauf erschienen sie wieder auf der andern Seite, indem sie einen Weg über die Ebene einschlugen, den beide gut zu kennen schienen. In der That, nach dem es fünf Minuten vorwärts geschritten, erhob das Pferd den Kopf und wieherte, wie um seine Ankunft zu melden, und dieses Mal, ohne daß sein Herr nöthig hatte, es weder durch Worte noch mit dem Sporn anzutreiben, steigerte es seinen Eifer, so daß sie nach Verlauf eines Augenblickes das kleine, in einem Baumdickicht versteckte Dorf Godesberg in der Dunkelheit zu ihrer Linken ließen, und indem sie den Weg verließen, welcher von Rolandseck nach Bonn führt und sich ein zweites Mal links wandten, schritten sie geraden Weges auf das auf der Höhe eines Hügels liegende Schloß zu, welches denselben Namen als das Dorf führt, sei es nun, daß es ihm denselben gegeben, oder denselben von ihm erhalten hat.
Es war jetzt augenscheinlich, daß das Schloß Godesberg das Ziel der Reise des Grafen Karl war, aber was noch weit sicherer war, daß er an den Ort seiner Bestimmung mitten in einem Feste anlangen würde. In dem Maße, als er den schneckenförmigen Weg hinaufritt, welcher von dem Fuße des Berges ausging und an dem großen Thore endigte, sah er jede Seite des Schlosses nach der Reihe Licht aus allen ihren Fenstern verbreiten; dann sah er hinter den hell erleuchteten Vorhängen sich zahlreiche Schatten bewegen, welche mannigfaltige Gruppen bildeten. Er setzte nichts desto weniger seinen Weg fort, so daß er einige Minuten nachher durch das Schloßthor ritt, obgleich es nach dem leichten Runzeln seiner Stirn nicht schwer gewesen wäre, zu sehen, daß er vorgezogen hätte, in den vertrauten Familienkreis zu treten, als in das Getümmel eines Festes.
Der Hof war voll von Knappen, Dienern, Pferden und Sänften, denn wie wir gesagt, fand ein Fest auf Godesberg statt. Kaum war demnach der Graf Karl abgestiegen, als ein Haufen von Dienern und Knechten erschien, um sich seines Pferdes zu bemächtigen und es in die Ställe zu führen. Aber der Ritter trennte sich nicht so leicht von seinem treuen Gefährten; er wollte es daher auch der Obhut Niemandes anvertrauen, und indem er es selbst bei dem Zügel nahm, führte er es in einen abgesonderten Stall, in welchen man die eigenen Pferde des Landgrafen von Godesberg stellte. Obgleich über diese Kühnheit erstaunt, ließen ihn die Diener doch gewähren, denn der Ritter hatte mit solcher Zuversicht gehandelt, daß er ihnen dadurch das Vertrauen eingeflößt hatte, er habe das Recht, so zu handeln.
Als Hans, das war der Name, welchen der Graf seinem Pferde gab, an einem der leeren Plätze angebunden, sein Stand gehörig mit Stroh, seine Krippe mit Hafer und seine Raufe mit Heu versehen worden war, dachte der Ritter an sich selbst, und nachdem er das edle Thier, das sein bereits begonnenes Mahl unterbrach, um durch ein Wiehern zu antworten, noch einige Male gestreichelt, schritt er auf die große Treppe zu und gelangte trotz der auf allen Wegen von den Pagen und von den Knappen gebildeten Versperrungen bis nach den Gemächern, in denen sich für den Augenblick der ganze Adel der Umgegend versammelt befand.
Der Graf Karl verweilte einen Augenblick lang an einer der Thüren des Hauptsaales, um einen Blick auf das am meisten glänzende Ganze des Festes zu werfen. Es war belebt und geräuschvoll, ganz buntscheckig von jungen in Sammet gekleideten Leuten und edeln Damen in mit Wappen gestickten Kleidern, und unter diesen jungen Leuten und diesen edlen Damen war der schönste junge Mann Otto und die schönste Burgfrau Emma, der eine der Sohn, die andere die Frau des Landgrafen Ludwig von Godesberg, des Herrn des Schlosses und Waffenbruders des guten Ritters, der so eben angekommen war.
Uebrigens hatte die Erscheinung dieses seine Wirkung hervorgebracht; allein in Mitte aller Eingeladenen erschien er, wie Wilhelm Leonoren, noch ganz mit seiner Schlachtrüstung bedeckt, deren dunkler Stahl seltsam gegen die heitern und lebhaften Farben des Sammets und der Seide abstach. Aller Augen wandten sich daher auch so gleich nach seiner Seite, mit alleiniger Ausnahme derer des Grafen Ludwig, welcher an der entgegengesetzten Thür stehend, in so tiefe Gedanken versunken schien, daß seine Blicke keinen Augenblick lang ihre Richtung veränderten. Karl erkannte seinen alten Freund, und ohne sich weiter um die Sache zu bekümmern, welche ihn beschäftigte, ging er durch die benachbarten Zimmer, und nach einem hitzigen aber siegreichen Kampfe mit dem Gedränge, erreichte er dieses abgelegene Zimmer, an deren einer Thür er, als er durch die andere eintrat, den Grafen Ludwig erblickte, der seine immer finstere Stellung nicht gewechselt hatte.
Karl blieb von Neuem einen Augenblick lang stehen, um diese seltsame Traurigkeit zu erforschen, die noch weit auffallender bei dem Wirthe war, der den Andern alle Freude gegeben und nur die Sorgen für sich behalten zu haben schien; dann endlich schritt er vor, und als er sah, daß er bis zu seinem Freunde gelangt war, ohne daß das Geräusch seiner Schritte ihn aus seinen Gedanken zu wecken vermogt, so legte er ihm die Hand auf die Schulter.
Der Landgraf erbebte und blickte auf. Sein Geist und seine Gedanken waren aber so sehr in einem ganz verschiedenen, ihn zerstreuenden Ideengang vertieft, daß er einige Zeit lang und ohne es zu erkennen, das offene Gesicht dessen anblickte, den er zu jeder andern Zeit mit geschlossenem Visir in Mitte des ganzen kaiserlichen Hofes genannt haben würde. Aber Karl sprach den Namen Ludwig aus und öffnete die Arme; der Zauber war gebrochen, Ludwig warf sich an die Brust seines Waffenbruders; eher wie ein Mann, der an ihr eine Zuflucht sucht, als wie ein Freund, der vergnügt ist, einen Freund wiederzusehen.
Indessen schien diese unerwartete Rückkehr bei dem tiefsinnigen Wirth dieses fröhlichen Festes eine glückliche Zerstreuung hervorzubringen. Er zog den Ankommenden an das andere Ende des Zimmers, und hieß ihn sich dort in einen weiten Sessel von Eichenholz setzen, über den ein Himmel von Goldtuch angebracht war; er setzte sich neben ihn, wobei er seinen Kopf in dem Schatten verbarg, und indem er ihn bei der Hand ergriff, bat er ihn um die Erzählung dessen, was ihm während der langen dreijährigen Abwesenheit, die sie von einander trennte, begegnet wäre.
Karl erzählte ihm Alles mit der kriegerischen Weitschweifigkeit eines alten Soldaten; wie die Englischen, Brabanter und kaiserlichen, von Eduard III. selbst angeführten Truppen Cambrai belagert hätten, indem sie alles mit Feuer und Schwert verheerten; wie die beiden Heere bei Buironfosse ohne Kampf auf einander gestoßen wären, weil ein Bote des Königs von Sicilien, der ein sehr weiser Astrolog war, in dem Augenblicke, wo man handgemein werden wollte, Philipp von Valois verkündet hatte, daß jede Schlacht, die er den Engländern liefern, und in der Eduard in Person das Commando führen würde, unglücklich für ihn wäre (eine Prophezeiung, die sich späterhin bei Crécy verwirklichte), und wie endlich ein einjähriger Waffenstillstand zwischen den beiden streitenden Königen in der Ebene von Esplechin geschlossen worden sei, und das, wie wir bemerkt, auf Ansuchen und die Bitte der Frau Johanna von Valois, der Schwester des Königs von Frankreich.
Der Landgraf hatte dieser Erzählung mit einem Schweigen zugehört, welches bis auf einen gewissen Punkt für Aufmerksamkeit gelten konnte, obgleich er von Zeit zu Zeit mit einer sichtbaren Unruhe aufgestanden war, um einen Blick in den Tanzsaal zu werfen, da er aber jedes Mal seinen Platz wieder eingenommen, so hatte der augenblicklich unterbrochene Erzähler nichts desto weniger seine Erzählung fortgesetzt, indem er einsah, da der Herr vom Hause sich in der Notwendigkeit befindet, mit den Augen den Anordnungen des von ihm gegebenen Festes zu folgen, damit Nichts von dem mangelt, was es den eingeladenen Gästen angenehm machen kann. Da indessen der Landgraf nach der letzten Unterbrechung, wie als ob er seinen Freund vergessen hätte, nicht zurückkehrte, um seinen Platz neben ihm wieder einzunehmen, so stand dieser auf; er näherte sich von Neuem der Thür des Tanzsaales, durch welche in dieses abgelegene und dunkle kleine Zimmer ein Strom von Licht drang, und dieses Mal hörte ihn derjenige, zu dem er trat, denn er erhob den Arm, ohne den Kopf abzuwenden. Der Graf Karl nahm den durch diese Bewegung angedeuteten Platz ein, und der Arm des Landgrafen sank auf die Achsel seines Waffenbruders herab, den er krampfhaft an sich drückte.
Es fand offenbar ein schrecklicher und geheimer Kampf in dem Herzen dieses Mannes statt, und dennoch mogte Karl noch so sehr die Augen auf diese fröhliche Menge werfen, er sah Nichts, was ihm die Ursache einer solchen Gemüthserschütterung anzudeuten vermogte; indessen war sie zu sichtbar, als daß ein so treuer Freund, wie es der Graf war, sie nicht hätte gewahren und nicht einige Besorgnisse darüber fassen sollen. Er blieb indessen stumm, wohl einsehend, daß die erste Pflicht der Freundschaft gebietet, das Geheimnisses der Dinge zu achten, welche jene verbergen will; aber in Herzen, welche daran gewöhnt sind, sich zu errathen, besteht auch eine sympathetische Berührung, so daß der Landgraf, indem er dieses vertraute Schweigen verstand, seinen Freund anblickte, die Hand auf seine Stirn legte, einen Seufzer ausstieß, und dann nach einem letzten Augenblick des Schwankens mit dumpfer Stimme, wobei er ihm seinen Sohn mit dem Finger zeigte, zu ihm sagte:
–– Findest Du nicht, Karl, daß Otto außerordentlich dem jungen Ritter gleicht, der mit seiner Mutter tanzt?
Der Graf Karl erbebte nun auch. Diese wenigen Worte waren für ihn das, was für den in der Einöde verirrten Wanderer ein die Nacht erleuchtender Blitz ist; bei seinem grausigen Lichte, so flüchtig es auch gewesen war, hatte er den Abgrund gesehen; indessen, welche Freundschaft er auch für den Landgrafen hatte, die Aehnlichkeit des Jünglings mit dem Manne war so überraschend, daß er, obgleich er die Wichtigkeit seiner Antwort errieth, sich nicht enthalten konnte ihm zu antworten:
–– Es ist wahr, Ludwig, man sollte meinen, es wären zwei Brüder.
Kaum hatte er indessen diese Worte ausgesprochen, als er, da er einen Schauder den ganzen Körper dessen überlaufen fühlte, gegen den er gelehnt war, sich hinzuzufügen beeilte:
–– Was beweiset das am Ende?
– Nichts, antwortete der Landgraf mit dumpfer Stimme, nur war es mir sehr lieb. Deine Meinung darüber zu erhalten. Jetzt komm, um mir das Ende Deines Feldzuges zu erzählen.
Und er führte ihn zu denselben Sessel zurück, in welchem Karl seine Erzählung begonnen hatte, eine Erzählung, die er dieses Mal beendigte, ohne unterbrochen zu werden.
Kaum hörte er auf zu sprechen, als ein Mann an der Thür erschien, durch welche Karl eingetreten war. Bei seinem Anblicke stand der Landgraf hastig auf und schritt auf ihn zu. Die beiden Männer sprachen einen Augenblick lang leise mit einander, ohne daß Karl Etwas von dem verstehen konnte, was sie sagt! Indessen sah er leicht an ihren Gebärden, daß es sich um eine Mitteilung von der höchsten Wichtigkeit handelte, und er war mehr als jemals davon überzeugt, als er den Landgrafen mit einem noch weit finstereren Gesicht, als zuvor, zu sich zurückkehren sah.
–– Karl, sagte er zu ihm, aber dieses Mal ohne sich zu setzen, Du mußt nach einer so langen Strecke als die, welche Du heute zurückgelegt hast, mehr der Ruhe, als des Tanzes und der Feste bedürfen. Ich will Dich in Dein Zimmer führen lassen; gute Nacht, wir werden uns morgen wiedersehen.
Karl sah, daß sein Freund allein zu sein wünschte; er stand auf, ohne zu antworten, drückte ihm schwelgend die Hand, indem er ihm ein letztes Mal mit den, Blicke befragte; aber der Landgraf antwortete ihm nur mit jenem traurigen Lächeln, welches dem Herzen andeutet, daß der Moment noch nicht gekommen ist, ihm die geheiligte Mittheilung anzuvertrauen, die es in Anspruch nimmt. Karl deutete ihm durch einen letzten Händedruck an, daß er ihn zu jeder Stunde finden würde, und zog sich in das für ihn bestimmte Zimmer zurück, bis zu welchem, so entfernt es auch war, der Jubel des Festes dennoch gelangte. Das Herz voll trauriger Gedanken und das Ohr voll fröhlicher Klänge legte sich der Graf zu Bett, während einiger Zeit verscheuchte dieser seltsame Contrast durch seinen Kampf den Schlaf. Aber endlich siegte die Ermüdung über die Besorgniß, der Leib besiegte die Seele. Allmählig wurden die Gedanken und die Gegenstände minder deutlich, seine Sinne erstarrten und seine Augen schlossen sich. Es fand zwischen dem Momente der Schlafsucht und des wirklichen Schlafes ein Zwischenraum gleich dem der Dämmerung statt, welche den Tag von der Nacht trennt, ein wunderlicher und unbeschreiblicher Zwischenraum, während dessen die Wirklichkeit sich so mit dem Traume vereinigt, daß weder Traum noch Wirklichkeit vorhanden ist; dann folgte ihm eine tiefe Ruhe. Der Ritter hatte seit langer Zeit immer nur unter einem Zelte und in seinem Kriegsharnische geschlafen und er gab sich mit Entzücken den Annehmlichkeiten eines guten Bettes hin, so daß er, als er erwachte, erst an der großen Helligkeit sah, daß der Morgen bereits ziemlich weit vorgerückt sein mußte. Aber sogleich bot sich ein unerwartetes Schauspiel seinen Augen, das ihn an den ganzen Auftritt vom vorigen Abende erinnerte, und seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Landgraf saß regungslos und mit auf die Brust geneigtem Haupte in einem Sessel, wie als ob er das Erwachen seines Freundes erwartete, und dennoch war seine Träumerei so tief, daß er dieses Erwachen nicht bemerkt hatte. Der Graf blickte ihn einen Augenblick lang schweigend an, und als er hierauf zwei Thränen über seine hohlen und gebleichten Wangen rollen sah, vermogte er sich nicht länger zu halten, und indem er die Arme nach ihm ausstreckte, rief er aus:
–– Ludwig, in des Himmels Namens Was gibt es denn?
–– Ach! ach! antwortete der Landgraf, ich habe weder Gattin noch Sohn mehr!
Und indem er bei diesen Worten mit Mühe aufstand, kam er wankend wie ein Trunkener, um in die Arme zu sinken, welche der Graf öffnete um ihn zu empfangen.
II
Um die Begebenheiten zu verstehen, welche folgen werden, müssen unsere Leser einwilligen, mit uns zur Vergangenheit zurückzukehren.
Es waren sechzehn Jahre seit der Verheirathung des Landgrafen vergangen. Er hatte die Tochter des Grafen von Ronsdorf geheirathet, welcher im Jahre 13l6, während der Kriege zwischen Ludwig dem Baier, für den er Partei ergriffen, und Friedrich dem Schönen von Oesterreich getödtet worden war, und dessen Besitzungen an dem rechten Ufer des Rheins, jenseits und an dem Fuße jener, das Siebengebirge genannten Hügelkette gelegen waren. Die Wittwe von Ronsdorf, eine Frau von hoher Tugend und unbeflecktem Rufe, war nun mit ihrer einzigen, fünf Jahre alten Tochter Wittwe geworden, da sie aber von fürstlichem Geschlechte war, so hatte sie während ihres Wittwenthumes den ursprünglichen Glanz ihres Hauses behauptet, so daß ihr Gefolge fortwährend eines der glänzendsten der umliegenden Schlösser war.
Einige Zeit nach dem Tode des Grafen vermehrte sich der Hausstand der Wittwe von Ronsdorf um einen jungen Pagen, wie sie sagte, den Sohn einer ohne Vermögen gestorbenen Freundin. Er war ein schöner Knabe, kaum drei bis vier Jahre älter als Emma, und bei dieser Veranlassung verleugnete die Gräfin ihren Ruf großmüthiger Güte nicht. Der kleine Waise wurde von ihr wie ein Sohn aufgenommen, mit ihrer Tochter erzogen, und theilte mit dieser die Liebkosungen der Wittwe, und das auf eine so gleiche Weise, daß es schwer war zu unterscheiden, welches von den beiden ihr eigenes oder ihr angenommenes Kind wäre.
So wuchsen sie mit einander heran, und viele sagten, daß sie für einander bestimmt wären; als zum großen Erstaunen des Adels an den Ufern des Rheines der damals achtzehn Jahre alte junge Graf Ludwig von Godesberg mit der kleinen Emma von Ronsdorf verlobt wurde, die erst zehn Jahre alt war; nur wurde zwischen dem alten Landgrafen und der Wittwe bestimmt, daß die Verlobten noch fünf Jahre warten sollten, bevor sie Gatten würden.
Während dieser Zeit wuchsen Emma und Albert heran; der eine wurde ein schöner Knappe, und die andere ein anmuthiges junges Mädchen; die Gräfin von Ronsdorf hatte übrigens mit außerordentlicher Sorgfalt die Fortschritte ihrer Freundschaft beaufsichtigt und mit Vergnügen erkannt, daß, so groß ihre Zuneigung auch war, diese doch durchaus nicht den Charakter der Liebe hatte. Inzwischen war Emma dreizehn und Albert achtzehn Jahre alt; ihr Herz stand gleich der Knospe einer Rose im Begriffe, sich bei dem ersten Hauche des Jünglingsalters zu öffnen; dieser Moment war es, den die Gräfin für sie fürchtete. Unglücklicher Weise wurde sie zu jener Zeit selbst krank; einige Zeit lang hoffte man, daß die Kraft der Jugend (die Gräfin Wittwe war kaum vierunddreißig Jahre alt) über die Hartnäckigkeit der Krankheit siegen würde. Man täuschte sich, sie war tödtlich krank. Sie fühlte es selbst, ließ ihren Arzt kommen, und forschte ihn mit so vieler Beharrlichkeit und Festigkeit aus, daß er sich nicht weigern konnte, ihr zu sagen, daß die Wissenschaft der Menschen unzulänglich wäre, und daß für sie nur noch Rettung von dem Himmel zu erwarten sei. Die Gräfin empfing diese Nachricht als Christin, ließ Albert und Emma kommen, befahl ihnen vor ihrem Bette niederzuknien, und offenbarte ihnen mit leiser Stimme, ohne einen andern Zeugen als Gott, ein Geheimniß, das Niemand hörte. Nur bemerkte man mit Erstaunen, daß zur Stunde des Todeskampfes, statt daß die Sterbende es war, welche die Kinder segnete, es die Kinder waren, welche die Sterbende segneten, und daß sie ihr im Voraus auf Erden einen Fehltritt zu vergeben schienen, wegen dessen sie ohne Zweifel die Absolution im Himmel zu erhalten im Begriffe stand. An demselben Tage, wo diese Mittheilung stattgefunden hatte, verschied die Gräfin fromm und ergeben, und Emma, welche noch ein Jahr zu warten hatte, bevor sie als Verlobte Gattin wurde, brachte dieses Jahr in dem Kloster Nonnenwerth zu, das in Mitte des Rheines, auf der dem kleinen Dorfe Honnef gegenüber gelegenen Insel gleichen Namens erbaut ist.
Was Albert anbelangt, so blieb er in Ronsdorf, und der Schmerz, den er über den Verlust seiner Wohltäterin zeigte, war dem gleich, den er für eine Mutter empfunden hätte.
Die bestimmte Zeit verfloß, Emma hatte ihr fünfzehntes Jahr vollendet und sie blühte in Mitte ihrer Thränen und auf ihrer frommen Insel fortwährend, gleich einer jener frischen Wasserrosen, welche ganz funkelnd von Thau auf der Oberfläche der Seen schwimmen. Ludwig erinnerte den alten Landgrafen an das von der Wittwe gegebene und von der Tochter bestätigte Versprechen; das kam daher, weil der junge Mann seit einem Jahre seine Spaziergänge beständig nach Nonnenwerth gerichtet hatte, einem hübschen Hügel, der den Fluß überragt, und von dessen Höhe aus man unter sich ausgebreitet und den Strom durchschneidend, wie es der Kiel eines Schiffes thun würde, die anmuthige Insel ausgebreitet sieht, in deren Mitte sich noch heutigen Tages das in ein Wirthshaus umgeschaffene Kloster erhebt. Dort brachte er ganze Stunden, die Augen auf das Kloster geheftet zu, denn oft kam ein junges Mädchen, das er an ihrem Novizengewande erkannte, welches sie bald ablegen sollte, sich unter die Bäume zu setzen, welche den Rhein begrenzen, und blieb dort ganze Stunden regungslos und in eine Träumerei versunken, deren Ursache vielleicht derselbe Gegenstand war, der Ludwig anzog. Es war daher nicht zu verwundern, daß sich der junge Mann zuerst erinnerte, daß die Trauerzeit vorüber wäre, und daß er den Landgrafen daran erinnerte, daß diese Zeit duch einen günstigen Zufall mit der für die Feier seiner Verheirathung festgesetzten Zeit übereinstimmte.
Durch eine Art schweigender Uebereinkunft betrachtete jeder Albert, der damals kaum zwanzig Jahre alt war, der sich aber immer durch einen über sein Alter erhabenen Ernst ausgezeichnet hatte, als den Vormund Emmas; er war es also, den der Landgraf daran erinnerte, daß der Zeitpunkt gekommen wäre, die Trauerkleider durch festliche Gewänder zu ersetzen. Albert begab sich nach dem Kloster und benachrichtigte Emma, daß der junge Ludwig das von ihrer Mutter gegebene Versprechen in Anspruch nähme. Emma erröthete und reichte Albert die Hand, indem sie ihm antwortete, daß sie bereit wäre, ihm überall hinzu folgen, wohin er sie führen würde. Die Reise war nicht lang, man hatte nur über die Hälfte des Rheines zu fahren und zwei Stunden längs seiner Ufer zurückzulegen; die Reise konnte daher den von dem jungen Grafen so sehr ersehnten Moment nicht lange verzögern. Drei Tage, nach Vollendung ihres fünfzehnten Jahres, wurde daher Emma, von einem der Erbin von Ronsdorf würdigem Gefolge begleitet und von Albert geführt, den Händen ihres Herrin und Gebieters, des Grafen Ludwig von Godesberg übergeben.
Zwei Jahre, während denen die junge Gräfin einen Sohn gebar, der Otto genannt wurde, verflossen in vollkommenem Glücke. Albert, der eine neue Familie gefunden, hatte diese beiden Jahre bald in Ronstorf, bald in Godesberg zugebracht, und während dieser Zeit das Alter erreicht, in welchem ein Mann von adeliger Abkunft seine ersten Waffenthaten thun muß. Er hatte dem zu Folge Dienste als Knappe unter den Truppen Johanns von Louxemburg, Königs von Böhmen genommen, eines der tapfersten Ritter seiner Zeit, und war ihm zu der Belagerung von Kassel gefolgt, wo er dem Könige Philipp von Valois gute Dienste leistete, der es unternommen hatte, den Grafen Ludwig von Crécy wieder in seine Staaten einzusetzen, aus denen er durch die Bürger von Flandern verjagt worden war. Er hatte sich also in der Schlacht befunden, in welcher diese unter den Mauern von Kassel gänzlich geschlagen wurden, und als Probestück hatte er unter den Bauern eine solche Niederlage angerichtet, daß Johann von Louxemburg ihn auf dem Schlachtfelde zum Ritter schlug. Der Sieg war übrigens so entscheidend gewesen, daß er den Feldzug mit einem Schlage geendigt, und da der Frieden in Flandern wieder hergestellt, so war Albert, ganz stolz, Emma seine goldene Kette und seine Sporen zu zeigen, auf das Schloß Godesberg zurückgekehrt.
Er fand den Grafen im Dienste des Kaisers abwesend; die Türken waren in Ungarn eingefallen, und auf die Aufforderung Ludwig des V. war Ludwig von Godesberg mit seinem Waffenbruder Karl von Homburg aufgebrochen; er wurde nichts desto weniger auf dem Schlosse Godesberg gut aufgenommen, wo er ohngefähr sechs Monate blieb. Seiner Untätigkeit müde und da er die Fürsten Europas ziemlich ruhig unter sich sah, war er nach Verlauf dieser Zeit aufgebrochen, um gegen die Sarazenen Spaniens zu kämpfen, gegen die Alphons der XI. König von Castilien und Leon, Krieg führte. Dort hatte er Wunder der Tapferkeit gethan, indem er gegen Musley Muhamed kämpfte; da er aber vor Granada gefährlich verwundet worden, so war er ein zweites Mal nach Godesberg zurückgekehrt, wo er den Gatten Emmas wiedergefunden, der das Erbe des gegen den Anfang des Jahres 1332 gestorbenen Landgrafen in Besitz genommen hatte.
Der junge Otto wuchs heran, er war ein schöner Knabe von fünf Jahren, mit blondem Kopfe, rosigen Wangen und blauen Augen. Die Rückkehr Alberts war ein Fest für die ganze Familie, und besonders für den Knaben, der ihn sehr liebte. Albert und Ludwig sahen sich mit Vergnügen wieder, beide hatten gegen die Ungläubigen gekämpft, der eine im Süden, der andere im Norden, beide waren Sieger gewesen, und beide brachten zahlreiche Erzählungen für die langen Winterabende mit; ein Jahr verfloß daher auch wie ein Tag, aber nach Verlauf dieses Jahres führte Alberts abenteuerlicher Character ihn von Neuem fort, er besuchte die Höfe von Frankreich und England, begleitete den König Eduard auf seinem Feldzuge gegen Schottland, brach eine Lanze mit James Douglas; dann sich wieder gegen Frankreich wendend, war er zurückgekehrt, um mit Walther von Mauny die Insel Cadsand zu nehmen. Indem er sich nun wieder auf dem festen Lande befand, hatte er dies benutzt, um seinen alten Freunden einen Besuch abzustatten, und war zum dritten Male auf das Schloß Godesberg zurückgekehrt, wo er einen neuen Gast gefunden hatte.
Das war einer der Verwandten des Landgrafen, Namens Gottfried, welcher, da er Nichts von dem väterlichen Erbe zu hoffen, versucht hatte, sein Glück in den Waffen zu finden. Auch er hatte gegen die Ungläubigen gekämpft, aber in Palästina; die Bande der Verwandtschaft, der Ruf, den er im dem Kreuzzuge erlangt, ein gewisser Luxus, welcher bewies, daß sein Glaube eher den Character der Ueberspannung als den der Uneigennützigkeit getragen, hatten ihm die Thore des Schlosses Godesberg wie einem ausgezeichneten Gaste geöffnet; da bald darauf Homburg und Albert sich entfernt hatten, so war es ihm gelungen, seine Gesellschaft dem Landgrafen Ludwig beinahe unentbehrlich zu machen, so daß dieser ihn zurückgehalten hatte, als er geben wollte. Gottfried lebte daher auf dem Schlosse nicht mehr als Gast, sondern auf dem Fuße eines Hausgenossen.
Die Freundschaft hat ihre Eifersucht wie die Liebe; sei es nun Voreingenommenheit, oder sei es Wirklichkeit, Albert glaubte zu sehen, daß Ludwig ihn mit mehr Kälte als gewöhnlich empfing; er beklagte sich gegen Emma darüber, welche ihm sagte, daß auch sie einige Veränderung in dem Benehmen ihres Gatten gegen sie bemerkt habe. Albert blieb vierzehn Tage in Godesberg, dann ging er unter dem Vorwande, daß Ronsdorf seine Anwesenheit wegen unerläßlichen Ausbesserungen in Anspruch nähme, über den Fluß und durch die kleine Gebirgsschlucht, welche allein die eine Herrschaft von der andern trennte, und verließ das Schloß.
Nach Verlauf von vierzehn Tagen erhielt er Nachrichten von Emma. Sie begriff Nichts von dem Charakter ihres Gatten, aber derselbe war, statt sanft und wohlwollend, wie sie ihn immer gekannt hatte, mißtrauisch und schweigsam geworden. Selbst der junge Otto hatte von seiner bis dahin unbekannten Barschheit zu leiden, und das war um so schmerzlicher für die Mutter und für das Kind, als sie bis dahin von Seiten des Landgrafen die Gegenstände der feurigsten und innigsten Zuneigungen gewesen waren. Uebrigens fügte Emma hinzu, schien Gottfried in dem Maaße, als diese Zuneigung gegen sie abnahm, auffallende Fortschritte in dem Vertrauen des Landgrafen zu machen, wie als ob er den Theil der Gefühle erbte, welche dieser seiner Gattin und seinem Sohne nahm, um sie auf einen Mann zu übertragen, der ihm fast ein Fremder war.
Albert bedauerte von Herzensgrunde diesen Selbsthaß, welcher macht, daß der glückliche Mensch, wie als ob er von seinem Glücke gequält wäre, alle Mittel aufsucht, um es zu mäßigen oder zu erlöschen, wie er es mit einem zu heftigen Feuer machen würde, an dem er sein Herz sich verzehren zu sehen fürchtete. So standen die Sachen, als er, wie der ganze Adel der Umgegend, eine Einladung erhielt, sich nach dem Schlosse Godesberg zu begeben, wo der Landgraf ein Fest zur Feier des Geburtstages Ottos gab, der sein sechzehntes Jahr angetreten hatte.
Dieses Fest, an dessen Ende wir unsere Leser in das Schloß eingeführt haben, bot, wie wir bemerkten, einen seltsamen Kontrast gegen die Traurigkeit dessen dar, welcher es gab; das kam daher, weil von dem Anfange des Tanzes an Gottfried den Landgrafen, wie als ob er zum ersten Male davon überrascht wäre, auf die Ähnlichkeit Ottos mit Albert aufmerksam gemacht hatte. In der That, mit Ausnahme der Jugendblüthe, welche auf dem Gesichte des Jünglings glänzte, und welche die Sonne Spaniens bei dem Manne versengt hatte, waren es dieselben blonden Haare, dieselben blauen Augen, und es gab nicht einmal gewisse Ausdrücke der Züge, deren Ähnlichkeit dasselbe Blut andeutet, die man nicht mit ein wenig sorgfältiger Aufmerksamkeit zwischen innen erkennen konnte. Diese Offenbarung war ein Dolchstoß für den Landgrafen gewesen; auf Gottfrieds Einflüsterungen beargwöhnte er seit langer Zeit die Reinheit der Verhältnisse Emmas und Alberts; aber der Gedanke, daß diese strafbare Verbindung bereits vor seiner Ehe bestanden, der noch weit schmerzlichere Gedanke, dem diese seltsame Ähnlichkeit eine neue Kraft verlieh, daß Otto, den er so sehr geliebt, ein Kind des Ehebruchs wäre, brach ihm das Herz und machte ihn fast wahnsinnig; in diesem Augenblicke war es, wo, wie wir erzählt, der Graf Karl ankam, und wir haben gesehen, wie er, von der Wahrheit fortgerissen, den Schmerz seines unglücklichen Freundes noch durch das Geständniß vermehrt hatte, daß diese Ähnlichkeit Alberts und Ottos unbestreitbar wäre; indessen hatte er sich, wie wir gesehen, zurückgezogen, ohne der Traurigkeit Ludwigs alle die Wichtigkeit beizulegen, welche sie wirklich erlangt hatte.
Das kam daher, weil dieser Mann, welcher mit dem Landgrafen so geheimnißvoll in dem kleinen Zimmer gesprochen hatte, in das er sich mit Karl zurückgezogen, derselbe Gottfried war, dessen Anwesenheit die erste Störung in der glücklichen Familie verursacht, welche ihr Glück getrübt hatte. Er kam ihm zu sagen, daß er nach einigen Worten, welche er gehört hätte, gewiß zu sein glaubte, daß Emma Albert, der noch in derselben Nacht nach Italien aufbrechen wollte, wo er ein Truppencorps anführen sollte, das der Kaiser dorthin sandte, eine Zusammenkunft bewilligt hätte; die Gewißheit dieses Verrathes war übrigens leicht zu erlangen, da die Zusammenkunft an einem der Thore des Schlosses gegeben war, und Emma durch den ganzen Garten gehen mußte, um sich dorthin zu begeben.
Einmal auf der Bahn des Argwohnes, bleibt man nicht mehr stehen; der Landgraf, der, um welchen Preis es auch sein mogte, eine Gewißheit erlangen wollte, unterdrückte daher auch jenes edle und instinctmäßige Gefühl, welches macht, daß jeder Mann von Herz einen Widerwillen dagegen findet, sich zu dem Gewerbe eines Spions zu erniedrigen; er kehrte mit Gottfried in sein Zimmer zurück, und indem er das Fenster halb öffnete, das auf den Garten ging, erwartete er voll Bangigkeit diesen letzten Beweis, der bei ihm einen noch ungewissen entscheidenden Entschluß herbeiführen sollte. Gottfried hatte sich nicht geirrt; gegen vier Uhr Morgens ging Emma die Freitreppe hinab, schritt verstohlen durch den Garten und vertiefte sich in ein Baumdickicht, welches das Thor verbarg. Dieses Verschwinden dauerte ungefähr zehn Minuten, dann kehrte sie in Begleitung Alberts, auf dessen Arm sie sich stützte, bis auf die Freitreppe zurück. Bei dem Scheine des Mondes sah der Landgraf sie sich umarmen, und es schien ihm sogar, auf dem bestürzten Gestatte der Gattin Thränen zu bemerken, welche die Abreise ihres Geliebten sie vergießen ließ.
Von nun an gab es keinen Zweifel mehr für Ludwig, und er faßte sogleich den Entschluß, die strafbare Gattin und das Kind des Ehebruches von sich zu entfernen. Ein Gottfried übergebenes Schreiben befahl Emma, ihm zu folgen, und dem Anführer der Wachen wurde der Befehl gegeben, Otto mit Tagesanbruche zu verhaften und ihn in die Abtei Kirberg bei Köln zu führen, in welcher er die glänzende Zukunft des Ritters gegen die enge Zelle eines Mönches vertauschen sollte.
Dieser Befehl war ausgeführt worden, und Emma und Otto hatten seit einer Stunde das Schloß verlassen, die eine, um sich nach dem Kloster Nonnenwerth, und der andere, um sich nach der Abtei Kirberg zu begeben, als der Graf Karl erwachte, und, wie wir erzählt, seinen alten Freund vor seinem Bette fand, einer Eiche gleich, die der Sturm entlaubt und deren Zweige der Blitz zerschmettert hat.
Homburg hörte mit ernster und liebevoller Freundschaft den Bericht an, den ihm Ludwig von alle dem abstattete, was vorgefallen war. Dann, ohne daß er versuchte, weder den Vater noch den Gatten zu trösten, sagte er zu ihm: – Das was ich thun werde, wird wohlgethan sein, nicht wahr? – Ja, antwortete der Landgraf; aber was kannst Du thun? – Das geht mich an, erwiderte der Graf Karl. Und indem er seinen Freund umarmte, kleidete er sich an, umgürtete sich mit seinem Schwerte, verließ das Zimmer, ging in die Ställe hinab, sattelte selbst seinen getreuen Hans, und schlug wieder langsam und mit sehr verschiedenen Gedanken den schneckenförmigen Weg ein, den er am Abend zuvor so rasch und mit so süßen Hoffnungen zurückgelegt hatte.
Unten an dem Hügel angelangt, schlug der Graf Karl den Weg nach Rolandseck ein, dem er langsam und in ein tiefes Sinnen versunken folgte, indem er seinem Pferde gänzliche Freiheit ließ, langsam oder rasch zu traben; indessen an einem Hohlwege angelangt, in dessen Grunde sich eine Kapelle befand, in welcher ein Priester betete, blickte er um sich, und da er wahrscheinlich sah, daß der Ort so wäre, wie er ihn wünschen könnte, so hielt er an. In diesem Augenblicke stand der Priester, der ohne Zweifel sein Gebet beendigt hatte, auf, und schickte sich an, zu gehen. Aber Karl hielt ihn zurück, indem er ihn fragte, ob es keinen anderen Weg gäbe, um sich von dem Kloster nach dem Schlosse zu begeben, und auf seine verneinende Antwort bat er ihn, zu verweilen, da wahrscheinlich binnen Kurzem ein Mensch seines geistlichen Beistandes bedürfen würde. Der Priester sah an der ruhigen Stimme des festen Ritters, daß er die Wahrheit gesagt hätte, und ohne zu fragen, wer verurtheilt wäre, betete er für denjenigen, welcher sterben sollte.
Der Graf Kail war eines jener Urbilder des alten Ritterthums, welche im fünfzehnten Jahrhundert bereits zu verschwinden begannen, und die Froissard mit aller der Liebe schildert, welche der Alterthumsforscher für einen Ueberrest vergangener Zeiten hegt. Für ihn stellte Alles das Schwert her, und Alles hing von Gott ab, und nach seiner Ueberzeugung war der Mensch gewiß, nicht irre zu gehen, wenn er Alles seinem Richterspruche unterwarf. Nun aber hatte die Erzählung des Landgrafen ihm Zweifel über die Absichten Gottfrieds eingeflößt, welche die Ueberlegung fast in Gewißheit verwandelt hatte; außerdem hatte Niemand, ausgenommen dieser unheilbringende Rathgeber, jemals die Liebe und die Treue Emmas für ihren Gatten in Zweifel gezogen. Er war der Freund des Grafen von Ronsdorf gewesen, wie er der des Landgrafen von Godesberg war. Ihre beiderseitige Ehre machte einen Theil der seinigen aus, es war daher an ihm, zu versuchen, ihr diesen, durch einen Verleumder für einen Augenblick lang getrübten Glanz wiederzugeben; er hatte daher, ohne irgend Etwas davon zu sagen, den Entschluß gefaßt, ihn auf dem Wege zu erwarten, den er einschlagen müßte, und ihm dort seinen Verrath eingestehen oder ihm die Seele aushauchen zu lassen, und im Nothfalle sogar dieses doppelte Unternehmen auszuführen.
Nun schlug er das Visir seines Helmes herunter, ließ Hans in der Mitte des Weges halten, und Pferd und Reiter blieben eine Stunde lang regungslos wie eine Reiterstatue. Nach Verlauf dieser Zeit sah er an dem Ende des Hohlweges einen vollständig gewappneten Ritter erscheinen. Dieser hielt einen Augenblick lang an, den Weg besetzt sah; als er sich aber überzeugt, daß der, welcher ihn bewachte, allein wäre, so begnügte er sich, sich in seinen Steigbügeln festzusetzen, sich zu versichern, daß sein Schwert leicht aus der Scheide ging, und setzte seinen Weg fort. Als er einige Schritte weit von dem Grafen angelangt, sah, daß dieser nicht die Absicht zu haben schien, ihm Platz zu machen, so hielt er gleichfalls an.
–– Herr Ritter, sagte er zu ihm, seid Ihr der Herr der Gegend und habt Ihr die Absicht, jedem Reisenden, der vorüber kommt, den Weg zu versperren?
–– Nicht Allen, Herr, antwortete Karl, aber einem Einzigen, und dieser ist ein Niederträchtiger und ein Verräther, von dem ich Rechenschaft über seinen Verrath und seine Schändlichkeit zu fordern habe.
–– Da dann die Sache mich nicht angehen kann, fuhr Gottfried fort, so bitte ich Euch. Euer Pferd zur Rechten oder zur Linken treten zu lassen, damit auf der Mitte des Weges Raum für zwei Männer von demselben Range ist.
–– Ihr irrt Euch, Herr, antwortete der Graf Karl mit derselben Ruhe, und es geht im Gegentheil nur Euch an; ein edler und biederer Ritter wird niemals die Höhe des Weges mit einem elenden Verleumder theilen.
Nun warf sich der Priester zwischen die beiden Männer.
–– Brüder, sagte er zu ihnen, wollt Ihr Euch ermorden?
–– Ihr irrt Euch, ehrwürdiger Vater, antwortete der Graf, dieser Mann ist nicht mein Bruder, und ich halte gerade nicht darauf, daß er stirbt. Er möge gestehen, die Gräfin Emma von Godesberg verleumdet zu haben, und ich lasse ihm frei Buße zu thun, wo es ihm beliebt.
–– Als Beweis ihrer Unschuld, sagte Gottfried lachend, welcher den Ritter für Albert hielt, fehlt es ihr nur noch, so gut von ihrem Geliebten vertheidigt zu werden.
–– Ihr irrt Euch, antwortete der Ritter, indem er seinen mit Eisen verlarvten Kopf schüttelte, ich bin nicht der, für den Ihr mich haltet, ich bin der Graf Karl von Homburg. Ich habe daher gegen Euch nur den Haß, den ich gegen jeden Verräther, nur die Verachtung, die ich für jeden Verleumder habe. Gestehet, daß Ihr gelogen habt, und Ihr seid frei.
–– Das, antwortete Gottfried lachend, ist eine Angelegenheit, die nur Gott und mich angeht.
–– So möge sie Gott denn richten, rief der Graf Karl aus, indem er sich zum Kampfe vorbereitete.
–– Amen, murmelte Gottfried, indem er mit der einen Hand sein Visir herabschlug und mit der andern sein Schwert zog. Der Priester begann wieder zu beten.
Gottfried war tapfer, und er hatte in Palästina mehr als einen Beweis seines Muthes abgelegt; aber damals stritt er für Gott, statt gegen Gott zu streiten. Obgleich der Kampf lange dauerte und hitzig war, obgleich er als muthiger und gewandter Krieger kämpfte, so vermogte er doch nicht der Kraft zu widerstehen, welche dem Grafen Karl das Bewußtsein seines Rechtes verlieh. Er fiel von einem Schwertstoße durchbohrt, der durch den Panzer tief in die Brust gedrungen war vom Pferde. Das durch den Sturz seines Herrn erschreckte Pferd Gottfrieds schlug wieder den Weg ein, auf welchem es gekommen war, und war bald hinter dem Gipfel des Hohlweges verschwunden.
–– Mein Vater, sagte der Graf Karl ruhig zu dem vor Schrecken bebenden Priester, ich glaube, daß Ihr keine Zeit zu verlieren habt, um Eure fromme Sendung zu vollziehen. Hier ist die Beichte, welche ich Euch versprochen hatte; beeilt Euch, sie zu empfangen. Und indem er sein Schwert wieder in die Scheide steckte, nahm er seine statuenmäßige Regungslosigkeit wieder an.
Der Priester näherte sich dem Sterbenden, der sich auf ein Knie und auf eine Hand erhoben, aber nicht mehr zu thun vermogt hatte. Er nahm ihm seinen Helm ab; sein Gesicht war bleich und seine Lippen voll Blut. Karl glaubte einen Augenblick lang, daß er nicht würde sprechen können, aber er irrte sich. Gottfried setzte sich, und der neben ihm knieende Priester hörte die Beichte, welche er ihm mit leiser und unterbrochener Stimme ablegte. Bei den letzten Worten fühlte der Verwundete, daß sein Ende nahe wäre, und nachdem er sich mit Hilfe des Priesters auf die Kniee geworfen hatte, erhob er beide Hände gen Himmel, indem er zu drei wiederholten Malen sagte: »Herr, Herr, vergib mir!« aber bei dem dritten Mal, stieß er einen tiefen Seufzer aus und sank ohne Bewegung zurück. Er war todt.
–– Mein Vater, sagte der Graf Karl zu dem Priester, seid Ihr nicht bevollmächtigt, die Beichte zu offenbaren, welche Euch so eben abgelegt worden ist?
–– Ja, antwortete der Priester, aber nur einer einzigen Person, dem Landgrafen von Godesberg.
–– So besteigt denn mein Pferd, fuhr, der Ritter fort, indem er abstieg, und laßt uns zu ihm gehen.
–– Was thut Ihr, mein Bruder? antwortete der Priester, der gewöhnt war, auf eine weit bescheidene Weise zu reisen.
–– Steigt auf, steigt auf, mein Vater, sagte der Ritter, indem er darauf bestand; es soll nicht gesagt sein, daß ein armer Sünder, wie ich, reitet, wenn der Mann Gottes zu Fuße geht. Und bei diesen Worten half er ihm, sich auf den Sattel zu setzen, und, welchen Widerstand der demüthige Reiter auch leisten mochte, so führte der Graf das Pferd dennoch am Zügel bis auf das Schloß Godesberg. Dort angelangt, übergab er gegen seine Gewohnheit Hans den Händen der Knechte, führte den Priester vor den Landgrafen, den er in demselben Zimmer, an demselben Orte und in demselben Sessel wiederfand, obgleich sieben Stunden verflossen waren, seitdem er das Schloß verlassen hatte. Bei dem Geräusche, welches die Eintretenden machten, erhob der Landgraf seine bleiche Stirn und blickte sie mit erstaunter Miene an.
–– Sieh, Bruder, sagte Karl zu ihm, Hier ist ein würdiger Diener Gottes, der Dir eine Beichte auf dem Todtenbette zu offenbaren hat.
–– Wer ist denn gestorben? rief der Graf aus, indem er noch weit bleicher wurde.
–– Gottfried, antwortete der Ritter.
–– Und wer hat ihn getödtet? murmelte der Landgraf.
–– Ich, sagte Karl, und er entfernte sich ruhig, indem er die Thüre hinter sich verschloß und den Landgrafen mit dem Priester allein ließ.
Der Priester erzählte dem Landgrafen nun Folgendes:
»Gottfried hatte in Palästina einen deutschen Ritter aus der Umgegend von Köln gekannt, den man Ernst von Hüningen nannte; er war ein ernster und strenger Mann, der seit fünfzehn Jahren in den Maltheserorden getreten war und der wegen seiner Frömmigkeit, seiner Biederkeit und seines Muthes im Rufe stand.
Gottfried und Ernst kämpften neben einander bei St. Jean d'Acre, als Ernst tödtlich verwundet wurde. Gottfried sah ihn fallen, ließ ihn aus dem Handgemenge tragen, und kehrte gegen den Feind zurück.
Als die Schlacht beendigt, kehrte er unter sein Zelt zurück, um die Kleider zu wechseln; aber kaum war er dort angelangt, als man ihm meldete, daß Ritter Ernst von Hüningen in höchster Gefahr wäre, und ihn vor seinem Tode zu sprechen wünschte.
Er folgte seinem Verlangen, und fand den Verwundeten von einem hitzigen Fieber befallen, das den Rest seines Lebens in kurzer Zeit verzehren mußte. Da er seine Lage selbst fühlte, so erklärte er ihm daher auch mit wenigen Worten den Dienst, welchen er von ihm erwartete.
Im Alter von zwanzig Jahren hatte Ernst ein junges Mädchen geliebt, und war von ihr geliebt worden, aber ein nachgeborener Sohn, ohne Rang und ohne Vermögen, hatte er sie nicht erlangen können. Die verzweifelnden Liebenden vergaßen, daß sie niemals Gatten werden könnten, und ein Sohn wurde geboren, der weder den Namen des Einen noch der Andern führen konnte.
Einige Zeit nachher war das junge Mädchen durch ihre Eltern gezwungen worden, einen edlen und reichen Herrn zu heirathen. Ernst hatte sich entfernt; er hatte sich in Malta aufgehalten, um sein Gelübde abzulegen, und seit dieser Zeit kämpfte er in Palästina. Gott hatte seinen Muth belohnt. Nachdem er frommer Weise gelebt, starb er als Märtyrer. Ernst überreichte Gottfried ein Schreiben; es war ein Schenkungsakt alles dessen, was er besaß, für seinen Sohn Albert; ohngefähr sechzig Gulden. Da die Mutter seit sechs Jahren gestorben war, so hatte er geglaubt, ihm ihren Namen offenbaren zu können, damit dieser Name ihn in seinen Nachforschungen leite. Es war die Gräfin von Ronsdorf.
Gottfried war nach Deutschland zurückgekehrt in der Absicht, den letzten Willen seines Freundes zu erfüllen. Als er aber bei seinem Verwandten, dem Landgrafen ankam, und als er die Lage der Dinge erfuhr, sah er auf den ersten Blick allen den Nutzen, welchen er aus dem Geheimnisse ziehen könnte, das er besaß. Der Landgraf hatte nur einen Sohn, und wenn Otto und Emma entfernt, so war Gottfried der einzige Erbe des Grafen.«
Wir haben gesehen, wie er diesen Plan in dem Augenblicke seiner Vollendung erreichte, wo er in dem Hohlwege von Rolandseck dem Grafen Karl von Homburg begegnete.
–– Karl! Karl! rief der Landgraf aus, indem er wie ein Wahnsinniger auf den Vorplatz stürzte, wo ihn sein Waffenbruder erwartete. Karl! er war nicht ihr Geliebter, er war ihr Bruder!
Und sogleich ertheilte er den Befehl, Emma und Otto nach Godesberg zurückzuführen. Die beiden Boten sprengten davon, der eine, indem er den Rhein hinauf, der andere, indem er ihn hinabging.
Während der Nacht kehrte der erstere zurück. Seit langer Zeit unglücklich, am Tage zuvor beleidigt, verlangte Emma ihr Leben in dem Kloster zu beschließen, in welchem ihre Jugend verflossen war, und ließ antworten, daß sie im Nothfalle die Heiligkeit des Ortes in Anspruch nehmen würde.
Mit Anbruch des Tages kehrte der zweite Bote zurück; er war von den Knappen begleitet, welche Otto nach Kirberg führen sollten; aber Otto befand sich nickt unter ihnen. Als sie in der Nacht den Rhein hinabfuhren, hatte Otto, welcher wußte, in welcher Absicht man ihn fortführe, den Moment gewählt, wo die ganze Mannschaft mit der Leitung des Schiffes in einem reißenden Strome beschäftigt war, um sich in den Fluß zu stürzen und war verschwunden.
III
Indessen war das Unglück des Landgrafen noch nicht so groß, als er es glaubte. Otto halte sich in den Fluß gestürzt, nicht um den Tod, sondern um die Freiheit in ihm zu suchen. An seinen Ufern erzogen, war der alte Rhein ein Freund, gegen den er zu oft seine jungen Kräfte versucht hatte, um ihn zu fürchten. Er tauchte daher so tief, als er es vermogte, unter, schwamm so lange, als es ihm sein Athem gestattete, unter dem Wasser, und als er wieder auf der Oberfläche erschien, um zu athmen, war das Schiff so fern und die Nacht so finster, daß die ihn begleitenden Wachen glauben konnten, er wäre in dem Flusse begraben geblieben.
Otto beeilte sich, das Ufer zu erreichen. Die Nacht war kalt, seine Kleider trieften. Er bedurfte eines Feuers und eines Bettes. Er ging daher nach dem ersten Hause, dessen Fenster er in der Finsterniß leuchten sah, stellte sich als einen verirrten Wanderer vor, und da es unmöglich war, zu erkennen, ob er durch den Regen des Himmels oder durch das Wasser des Flusses durchnäßt war, so erregte er keinen Argwohn, und die Gastfreundschaft wurde ihm mit der ganzen deutschen Offenherzigkeit und ohne ihn auszufragen bewilligt.
Am folgenden Morgen brach er mit Tagesanbruch nach Köln auf. Es war ein heiliger Sonntag, und da er zur Stunde der Messe ankam, so sah er Jedermann nach der Kirche gehen. Er folgte der Menge, denn auch er hatte zu Gott zu beten . . . zuvörderst für seinen Vater wegen des Irrthumes und der Verlassenheit, in denen er ihn gelassen hatte . . . für seine in ein Kloster eingesperrte Mutter . . . endlich für sich, der frei, aber ohne Stütze und in dieser unermeßlichen Welt verloren war, die ihm bis jetzt als ganzen Horizont nur den des väterlichen Schlosses gezeigt hatte. Indessen verbarg er sich hinter einer Säule, um sein Gebet zu verrichten; so nahe bei Godesberg konnte er von einigen der Adeligen, welche zu dem Feste des vorigen Tages gekommen waren, oder von dem Erzbischoffe von Köln, Herrn Walerand von Jülich selbst erkannt werden, der einer der ältesten und treuesten Freunde seines Vaters war.
Als Otto sein Gebet verrichtet, blickte er um sich, und sah voll Erstaunen, daß sich unter der Zahl der Anwesenden eine so große Menge von Bogenschützen verschiedener Länder befand, daß sein erster Gedanke war, daß die Messe, welche man las, zu Ehren des heiligen Sebastian, des Patrons der Innung, gefeiert werde. Er erkundigte sich sogleich darüber bei dem, welcher sich am nächsten von ihm befand, und erfuhr nun, daß sie sich zu dem Schützenfeste begäben, welches alljährlich zu derselben Zeit der Fürst Adolph von Cleve gab, einer der reichsten und angesehensten Herren unter denen, deren Schlösser sich von Straßburg bis nach Niemwegen erhoben.
Otto verließ sogleich die Kirche, ließ sich den am besten versehenen Schneider der Stadt angeben, vertauschte seine Kleider von Sammet und Seide gegen ein Wamms von grünem Tuche mit einem ledernen Gürtel, kaufte einen Bogen von dem besten Ahornholze, den er finden konnte, wählte einen Köcher mit seinen zwölf Pfeilen versehen, und als er hierauf sich erkundigt, in welchem Wrthshause sich die Bogenschützen besonders versammelten und er erfahren hatte, daß es der goldene Reiher wäre, so begab er sich nach diesem Gasthofe, welcher auf der Heerstraße nach Uerdingen vor dem Adlerthore lag.
Er fand dort etwa dreißig Bogenschützen versammelt, welche tüchtig zechten. Er setzte sich unter sie, und obgleich er Allen unbekannt war, so nahmen ihn doch Alle wegen seiner Jugend und seines guten Aussehens freundlich auf. Außerdem war er einer guten Aufnahme entgegengekommen, indem er gleich anfangs sagte, daß er sich nach Cleve zu dem Schießfeste begäbe, und die Reise mit so wackern und so fröhlichen Gefährten zu machen wünschte. Der Vorschlag war daher einstimmig angenommen worden.
Da die Bogenschützen noch drei Tage vor sich hatten, und da der Sonntag ein heiliger, der Ruhe gewidmeter Tag ist, so begaben sie sich erst am folgenden Morgen auf den Weg, indem sie längs den Ufern des Flusses hingingen, und fröhlich über Jagd und Kriegsthaten plauderten. Im Gehen bemerkten die Bogenschützen, daß Otto keine Federn an seinem Barett hätte, was gegen den Gebrauch war, da jeder eine Feder trug, welche zu gleicher Zeit die Beute und das Siegeszeichen irgend eines Vogels war, der ein Opfer seiner Geschicklichkeit geworden, und sie neckten ihn über seinen neuen Bogen und seine neuen Pfeile. Otto gestand lächelnd, daß weder Bogen noch Pfeile bereits gedient hätten, daß er aber bei der ersten Gelegenheit trachten würde, sich durch sie den unerläßlichen Schmuck zu verschaffen, der seinem Hute mangelte. Dem zu Folge machte er seinen Bogen zurecht. Jedermann erwartete voll Neugierde eine Gelegenheit, um die Geschicklichkeit seines neuen Gefährten zu beurtheilen.
Die Gelegenheiten mangelten nicht; ein Rabe krächzte auf dem letzten dürren Zweige einer Eiche, und die Bogenschützen zeigten Otto lachend diese» Ziel, aber der junge Mann antwortete, daß der Rabe ein unreines Thier sei, dessen Federn unwürdig wären, den Hut eines freien Schützen zu schmücken. Die Sache war wahr, die fröhlichen Wanderer begnügten sich daher auch mit dieser Antwort.
Ein wenig weiterhin erblickten sie einen Sperber regungslos auf der Spitze eines Felsens, und es wurde dem jungen Manne derselbe Antrag gestellt. Aber dieses Mal antwortete er, daß der Sperber ein adeliger Vogel wäre, über den Leute von Adel allein das Recht hätten, zu verfügen, und daß er, der Sohn eines Landmannes, sich nicht erlauben würde, einen solchen Vogel auf dem Gebiete eines so mächtigen Herrn, als es der Graf von Worringen wäre, über dessen Herrschaft man in diesem Augenblicke kam, zu tödten. Obgleich etwas Wahres in dieser Antwort lag, und vielleicht nicht einer der Bogenschützen sich die Handlung zu erlauben gewagt hätte, die er Otto rieth, so nahmen doch alle diese Antwort mit einem mehr oder minder spöttischen Lächeln auf, denn sie begannen den Gedanken zu fassen, daß ihr junger Gefährte seiner Geschicklichkeit wenig sicher, den Augenblick zu verzögern suchte, um davon einen so entscheidenden Beweis abzulegen, als man von ihm verlangte.
Otto hatte das Lächeln der Bogenschützen gesehen und er verstanden; aber er hatte sich gestellt, als ob er darauf durchaus nicht achtete, und setzte seinen Weg lachend und plaudernd fort, als sich plötzlich ungefähr fünfzig Schritte weit von dem lärmenden Haufen ein Reiher von den Ufern des Flusses erhob. Nun wandte sich Otto nach dem Bogenschützen um, der sich ihm am nächsten befand, und den man ihm als einen der geschicktesten Schützen bezeichnet hatte.
–– Bruder, sagte er zu ihm, ich mogte gar gern eine Feder von diesem Vogel für meinen Hut haben; Ihr, der Ihr der geschickteste unter uns allen seid, erzeigt mir doch den Gefallen, ihn zu schießen.
–– Im Fluge! antwortete der Bogenschuß erstaunt.
–– Ohne Zweifel, im Fluge, fuhr Otto fort; seht, wie schwerfällig er sich erhebt, kaum hat er zehn Schritte zurückgelegt, seitdem er den Boden verlassen, und ist nur auf halbe Bogenschußweite.
–– Schieß, Robert, schieß! riefen alle Bogenschützen aus.
Robert machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches Andeutete, daß er der allgemeinen Aufforderung eher aus Gehorsam für die Befehle der ehrbaren Gesellschaft folge, als in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde. Nichts desto weniger zielte er mit aller der Aufmerksamkeit, deren er fähig war, und der von einem kräftigen Arme und einem geübten Auge geschleuderte Pfeil flog von allen Blicken gefolgt davon und kam so dicht an dem Vogel vorüber, daß er darüber einen Schreckensschrei ausstieß, auf den der Jubel aller Bogenschützen antwortete.
–– Gut geschossen! sagte Otto, jetzt an Euch, Hermann, fügte er hinzu, indem er sich an den Bogenschützen wandte, der sich zu seiner Linken befand.
Sei es nun, daß der, an den er sich wandte, diese Aufforderung erwartet hatte, oder sei es. daß er durch das Beispiel fortgerissen worden war, er war in dem Augenblicke bereit, wo Otto das Wort an ihn richtete, und kaum hatte er ausgesprochen, als ein anderer, ebenso geschickter und eben so rascher Pfeil als der erste, den Flüchtling verfolgte, der einen neuen Schrei bei dem Pfeifen ausstieß, welches dieser nur um einige Zoll weit an ihm vorüberziehende zweite Todesbote hören ließ. Die Bogenschützen klatschten von Neuem.
–– Jetzt ist an mir die Reihe, sagte Otto.
Alle Blicke wandten sich nach seiner Seite, denn ohne außer Schußweite zu sein, begann der Reiher doch eine ziemlich beträchtliche Entfernung zu erreichen, und da er an Luft das hatte, was er für seine weiten Flügel bedurfte, so flog er mit einer Schnelligkeit davon, welche ihn bald außer aller Gefahr setzen mußte. Otto hatte ohne Zweifel alles das gleichfalls berechnet, denn erst, nachdem er die Entfernung genau mit den Augen ermessen, erhob er mit langsamer Aufmerksamkeit seinen Pfeil zu der Höhe des Thieres; dann, als er ihn in die Linie des Auges gebracht, zog er die Sehne nach der Weise der englischen Bogenschützen fast bis hinter seinen Kopf zurück, indem er sich seinen Bogen wie eine Weidenruthe biegen ließ. Einen Augenblick lang blieb er regungslos wie eine Statue, dann hörte man plötzlich ein leises Zischen, denn der Pfeil war so rasch davon geflogen, daß ihn Niemand gesehen hatte. Aller Augen richteten sich auf den Vogel, der anhielt, als ob ihn ein unsichtbarer Blitz getroffen hätte, und der durch und durch gebohrt von einer solchen Höhe herabfiel, daß man nicht einmal geglaubt hätte, daß der Pfeil ihm dorthin hätte folgen können.
Die Bogenschützen waren auf das Höchste erstaunt; eine solche Probe von Geschicklichkeit war für sie selbst kaum glaublich; was Otto anbelangt, der stehen geblieben war, um die Wirkung des Schusses zu beurtheilen, so hatte er kaum das Thier fallen sehen, als er sich wieder auf den Weg begab, ohne daß er das Erstaunen seiner Gefährten zu bemerken schien. Bei dem Reiher angelangt, riß er von seinem Halse jene feinen und schönen Federn welche einen natürlichen Busch bilden, und steckte sie an seinen Hut. Was die Bogenschützen anbelangt, so hatten sie die Entfernung gemessen; der Vogel war drei Hundert und zwanzig Schritte weit gefallen.
Dieses Mal ward die Bewunderung nicht in Beifallsbezeugungen ausgesprochen; erstaunt über einen solchen Beweis von Geschicklichkeit, hatten die Bogenschützen sich unter einander angeblickt; hierauf hatten sie, wie wir bemerkt, die Schritte gezählt, und als Otto damit fertig war, seinen Hut mit dem so wunderbar erlangten Federstrauße zu schmücken, hatten ihm Robert und Hermann, die beiden Bogenschützen, welche vor ihm geschossen, die Hand gereicht, aber mit einem Gefühle von Ehrerbietung, welches andeutete, daß sie ihn nicht allein für einen Kameraden, sondern auch für ihren Meister anerkannten.
Die wandernde Truppe, welche sich in Worringen nur aufgehalten hatte, um zu frühstücken, kam um vier Uhr Abends nach Neuß. Man aß in aller Eile zu Mittag, denn drei Meilen weit von Neuß befand sich die Felsenkirche, an der die frommen Bogenschützen nicht vorübergehen konnten, ohne nach ihr eine Wallfahrt zu machen. Otto, welcher das Leben und die Gebräuche seiner neuen Gefährten angenommen hatte, folgte ihnen bei diesem Abstecher, und sie gelangten gegen Abend an den heiligen Felsen; es war ein ungeheurer Stein, der das Ansehen einer Kirche hatte.
Das kam daher, weil dieser Stein vor Zeiten wirklich die erste, an den Ufern des Rheines von einem Häuptlinge der Deutschen erbaute christliche Kirche war, der im Geruche der Heiligkeit starb, indem er sieben schöne und tugendhafte Töchter hinterließ, die an seinem Grabe beten konnten. Das war zur Zeit der großen Wanderungen der Barbaren. Unbekannte, von unsichtbarer Hand getriebene Völker kamen von den Höhen Asiens herab, und veränderten das Ansehen der europäischen Welt. Eine Hirschkuh hatte Attila durch die Palus Meotides geführt, und er zog nach Deutschland herab, indem ihm der Schrecken vorausging, den sein Name einflößte. Erschreckt über das Geräusch der Schritte dieser wilden Nationen zögerte der Rhein, seinen Lauf nach dem Sande zu verfolgen, in welchem er sich verliert, und schauderte in seiner ganzen Länge wie eine unermeßliche Schlange. Bald darauf erschienen die Hunnen an dem rechten Ufer, und am selben Tage sah man eine Feuersbrunst sich an dem ganzen Horizonte, das heißt von Colonia Agrippa bis nach Vliso1 entzünden. Die Gefahr war dringend; von solchen Feinden war kein Erbarmen zu erwarten, und am folgenden Morgen, wo sie dieselben die Flöße in das Wasser lassen sahen, die sie während der Nacht aus den Bäumen eines Waldes erbaut hatten, der verschwunden war, zogen sich die jungen Mädchen in die Kirche zurück und knieeten um das Grab ihres Vaters, indem sie ihn bei der heiligen Liebe, die er während seines Lebens für sie gehabt, anflehten, sie auch noch nach seinem Tode zu beschützen. Der Tag und die Nacht verflossen in Gebeten, und sie hofften bereits gerettet zu sein, als sie mit Anbruch des Tages die Barbaren herannahen hörten. Sie begannen mit den Knöpfen ihrer Schwerter an die eichene Thür zu klopfen; als sie aber sahen, daß sie widerstand, so kehrten die Einen nach dem Flecken zurück, um dort Leitern zum Ersteigen der Fenster zu holen, die Andern gingen, eine Tanne abzuhauen, die sie ihrer Zweige entledigten, und aus der sie sich einen Mauerbrecher machten. Dann, als sie sich die zu ihrem ruchlosen Vorhaben nothwendigen Werkzeuge verschafft hatten, gingen sie mit ihnen nach der Kirche, welche den sieben Schwestern zur Zufluchtsstätte diente; als sie aber bei ihr anlangten, gab es weder Thüren noch Fenster mehr. Die Kirche war wohl noch da, aber sie war ein Felsen geworden, und hatte sich ganz in Stein verwandelt; nur hörte man aus dieser Granitmasse einen leisen, traurigen und lieblichen Gesang gleich dem Gesange der Todten erschallen. Das waren die Dankgesänge der sieben Jungfrauen, welche dem Herrn dankten./P>
Die Bogenschützen verrichteten ihr Gebet an der Felsenkirche, dann kehrten sie nach dem nächsten Dorfe zurück, um dort zu übernachten.
Am folgenden Morgen begaben sie sich wieder auf den Weg; der Tag verfloß ohne andere Vorfälle, als eine allmählige Verstärkung. Die Bogenschützen strömten aus allen Theilen Deutschlands zu diesem jährlichen Feste herbei, dessen Preis für dieses Mal in einem Barett von grünem Sammet mit zwei durch eine Diamantagraffe mit einander verbundenen goldenen Eichenzweigen bestand. Sie sollte von der einzigen Tochter des Markgrafen selbst, der jungen Prinzessin Helene, welche ihr vierzehntes Jahr antrat, gegeben werden. Das Herbeiströmen so vieler geschickter Bogenschützen hatte daher nichts Erstaunenswürdiges.
Der kleine Haufen, der sich jetzt auf vierzig bis fünfzig Mann belief, wollte am folgenden Morgen früh in Cleve ankommen, da das Schießen gleich nach der letzten Messe, das heißt, um elf Uhr beginnen sollte. Die Bogenschützen hatten dem zu Folge beschlossen in Kervenheim zu übernachten. Die Tagereise war stark, man kehrte daher auch kaum ein, um zu frühstücken und zu Mittag zu essen. Wie sehr sich indessen die Reisenden auch beeilten, so erreichten sie diese Stadt doch erst nach dem Thorschlusse. Es handelte sich darum, die Nacht außerhalb, und das so gut als möglich zuzubringen; man erblickte ein verfallenes Schloß auf einem benachbarten Berge, es war das Schloß Windeck.
Jeder war der Meinung, diesen günstigen Umstand zu benutzen, mit Ausnahme des ältesten der Bogenschützen, der sich aus allen seinen Kräften dem widersetzte; da er aber der Einzige seiner Meinung war, so hatte seine Stimme keinen Einfluß, und wenn er nicht allein bleiben wollte, so war er genöthigt, seine jungen Gefährten zu begleiten; er folgte ihnen.
Die Nacht war finster; nicht ein Stern glänzte am Himmel, schwere Regenwolken zogen über den Häuptern unserer Wanderer gleich den Wogen eines Luftmeeres dahin. Ein solches Obdach, so unvollständig es auch sein mogte, war daher eine Wohlthat des Himmels.
Die Bogenschützen erklommen schweigend den Hügel, und dennoch hörten sie bei dem Geräusche ihrer Schritte längs des ganzen mit Gestrüpp bedeckten Fußpfades das Wild entfliehen, dessen zahlreiche Anwesenheit andeutete, daß diese einsamen Ruinen gegen die Anwesenheit der Menschen durch einen abergläubigen Schrecken geschützt wären. Plötzlich sahen die welche vorausgingen, den ersten Thurm gleich einem Gespenste vor ihren Augen sich aufrichten, eine riesenhafte Schildwoche, welche zu andern Zeiten bestimmt war, den Eingang des Schlosses zu vertheidigen. Der alte Bogenschütz schlug vor, in diesem Thurme zu verweilen, und sich mit diesem Obdache zu begnügen. Man machte dem zu Folge Halt; einer der Schützen schlug Feuer, zündete einen Tannenzweig an, und überschritt das Thor.
Nun wurde man gewahr, daß die Dächer eingefallen waren, daß die Mauern allein noch standen, und da die Nacht regnerisch zu werden drohte, so gab es nur eine Stimme, den Weg bis nach den Wohngebäuden fortzusetzen; indessen ließ man von Neuem den alten Schützen die Freiheit, an diesem Orte zurückzubleiben. Aber er schlug es ein zweites Mal aus, indem er vorzog, seinen Gefährten überall hin zu folgen, wohin sie gehen würden, als in einer solchen Nacht und in einer solchen Nachbarschaft allein zu bleiben. Die Truppe begab sich daher wieder auf den Weg; nur hatte während dieses Haltes von einigen Minuten jeder einen Tannenzweig abgebrochen und sich eine Harzfackel gemacht, so daß der Berg, der vorher dunkel, Plötzlich erleuchtet geworden war, und daß man an dem Ende des Lichtkreises die traurige, unbestimmte und dunkle Masse des Schlosses zu unterscheiden begann, das, in dem Maße als man näher kam, auf eine weit deutlichere Weise hervortrat, indem es seine massiven Säulen und seine gedrückten Gewölbe zeigte, deren erste Steine vielleicht von Karl dem Großen selbst gelegt worden waren, als er von den Pyrenäen bis nach den batavischen Morästen diese Linie von Festen erbauen ließ, welche dazu bestimmt war, den Einfall der Männer des Nordens zu brechen.
Bei dem Herannahen der Bogenschützen und bei dem Anblicke der Fackeln entflohen die Gäste des Schlosses nun auch; es waren Eulen und Krähen mit schwerfälligem Fluge, welche, nachdem sie zwei bis drei Kreise über den Häuptern derer beschrieben, welche sie zu stören kamen, sich kläglich schreiend entfernten. Bei diesem Anblicke und bei diesem widrigen Geschrei waren die Herzhaftesten nicht frei von einer Regung des Schreckens, denn sie wußten, daß es gewisse Gefahren gibt, gegen die weder der Muth noch die Zahl Etwas vermögen. Sie drangen nichts desto weniger in den ersten Hof, und befanden sich in dem Mittelpunkte eines großen, von Gebäuden gebildeten Viereckes, von denen die einen in Ruinen zusammenfielen, während die andern sich in einem um so auffallenderen Zustande der Erhaltung befanden, je größer der Kontrast war mit den Trümmern, die ihnen gegenüber den Boden bedeckten.
Die Bogenschützen traten in ein Gebäude, welches ihnen das am meisten bewohnbare schien, und befanden sich bald in einem großen Saale, welcher ehedem der der Knappen gewesen zu sein schien. Trümmern von Läden verschlossen die Fenster so, um die größte Gewalt des Windes zu brechen. Bänke von Eichenholz, welche in dem ganzen Umkreise des Saales an die Wände befestigt waren, konnten noch zu demselben Gebrauche dienen, zu dem sie bestimmt gewesen waren. Endlich bot ihnen ein ungeheures Kamin das Mittel, ihren Schlaf zugleich zu erleuchten und zu erwärmen. Das war Alles, was Männer wünschen konnten, welche, durch die Mühseligkeiten der Jagd und des Krieges abgehärtet, daran gewöhnt waren, Nächte zuzubringen, in denen sie nur die Wurzeln eines Baumes zum Kopfkissen und sein Laub zum Obdache hatten.
Das Schlimmste von alle dem war, Nichts zum Abendessen zu haben. Der Weg war lang gewesen und das Mittagessen längst vergessen; aber das war wieder eine jener Unannehmlichkeiten, an welche Jäger gewöhnt sein müssen. Dem zu Folge schnallte man den Gürtel enger, zündete ein großes Feuer in dem Kamine an, wärmte sich reichlich, da man nichts Besseres thun konnte, und als sich dann der Schlaf der Wanderer zu bemächtigen begann, so richtete sich jeder so bequem ein, als er es vermogte, um die Nacht zuzubringen, nachdem man indessen aus den Rath des alten Schützen die Vorsicht getroffen hatte, vier Personen nach einander wachen zu lassen, damit der Schlaf der übrigen Truppe ruhig wäre. Man zog das Loos, und das Loos traf Otto, Hermann, den alten Bogenschützen und Robert. Die Wachen wurden auf zwei Stunden jede bestimmt; in diesem Augenblicke schlug es halb zehn Uhr auf der Kirche von Kervenheim. Otto begann die seinige, und nach Verlauf eines Augenblickes befand er sich unter seinen neuen Gefährten allein wach.
Das war der erste Moment der Ruhe, den er fand, um mit sich selbst zu sprechen. Drei Tage zuvor, zur selben Stunde, war er glücklich und stolz, indem er der edelsten Ritterschaft der Umgegend die Ehren des Schlosses Godesberg erwies, und jetzt, ohne daß er irgend Etwas zu der entstandenen Veränderung beigetragen, deren Ursache er fast nicht wußte, befand er sich der väterlichen Liebe beraubt, verbannt, ohne das Ziel seiner Verbannung zu wissen, und unter einen Haufen ohne Zweifel wackerer und biederer Männer gemischt, die aber ohne Geburt und ohne Zukunft waren, über deren Schlaf er, der Sohn eines Fürsten, wachte, der daran gewöhnt war zu schlafen, während man über den seinigen wachte! Diese Betrachtungen ließen ihm seine Wache kurz erscheinen. Zehn Uhr, halb elf Uhr und elf Uhr schlugen nach einander, ohne daß er den Gang der Zeit gewahr wurde, und ohne daß irgend Etwas seine Betrachtungen störte. Indessen begann die körperliche Ermüdung gegen die moralische Beschäftigung zu kämpfen, und als es halb zwölf schlug, war es Zeit, daß das Ende seiner Wache herbeikam, denn seine Augen schlossen sich unwillkürlich. Er weckte dem zu Folge Hermann, der ihm folgen sollte, indem er ihm meldete, daß seine Reihe gekommen wäre. Hermann erwachte sehr übler Laune; er träumte, daß er ein Reh braten ließ, das er geschossen hatte, und in dem Augenblicke, wo er zum Mindesten im Traume ein gutes Abendessen halten wollte, befand er sich wieder nüchtern, mit leerem Magen und ohne irgend eine Aussicht, ihn zu füllen. Getreu dem gegebenen Befehle, trat er nichts desto weniger Otto seinen Platz ab, und nahm den seinigen ein. Otto legte sich; seine halb offenen Augen unterschieden noch während einiger Zeit auf eine ungewisse Weise die ihn umgebenden Gegenstände, und unter diesen Gegenständen Hermann, der an eine der massiven Säulen des Kamines gelehnt stand; bald verschmolz Alles in einem grauen Nebel, in welchem jedes Ding seine Gestalt und seine Farbe verlor, endlich schloß er die Augen gänzlich und entschlief.
Wie wir bemerkt, war Hermann an einem der massiven Träger des Kamines stehen geblieben, indem er das Getöse des Windes in den hohen Thürmen behorchte, und bei dem verlöschenden Scheine des Feuers seine Blicke in die dunkelsten Winkel des Gemaches senkte. Seine Augen waren auf eine verschlossene Thüre gerichtet, welche in die inneren Gemächer des Schlosses führen zu müssen schien, als es Mitternacht schlug. So tapfer Hermann auch war, so zählte er doch mit einem gewissen inneren Schauder, und die Augen immer auf denselben Punkt geheftet, die elf Schläge der Glocke, als in dem Augenblicke, wo der zwölfte erschallte, die Thüre aufging, und ein junges, schönes Mädchen, bleich und schweigend auf der, von einem hinter ihr verborgenen Lichte erleuchteten Schwelle erschien. Hermann wollte rufen. aber das junge Mädchen, wie als ob sie seine Absicht errathen hätte, legte einen Finger auf ihren Mund, um ihm Schweigen zu gebieten, und gab ihm mit der andern Hand einen Wink, ihr zu folgen.
IV
Hermann zögerte einen Augenblick lang; aber da er sogleich bedachte, daß es schimpflich für einen Mann wäre, vor einer Frau zu zittern, so that er einige Schritte auf die geheimnißvolle Unbekannte zu, welche, als sie ihn zu sich kommen sah, in das Zimmer zurückkehrte, eine auf einem Tische stehende Lampe nahm, eine andere Thüre öffnete, und von der Schwelle dieser aus sich umwandte, um dem an dem Eingange des zweiten Zimmers stehen gebliebenen Bogenschützen einen neuen Wink zu geben. Der Wink war mit einem so huldvollen Lächeln begleitet, daß die letzten Befürchtungen Hermanns verschwanden. Er eilte hinter dem jungen Mädchen her, welche, als sie seine eiligen Schritte hörte, sich ein letztes Mal umwandte, um ihm ein Zeichen zu machen, hinter ihr zu gehen, indem er einige Schritte der Entfernung beibehielt, Hermann gehorchte.
So schritte sie schweigend durch eine Reibe öder und dunkler Gemächer, bis endlich die geheimnißvolle Führerin die Thüre eines hell erleuchteten Zimmers aufstieß, in welchem ein Tisch mit zwei Gedecken angerichtet war. Das junge Mädchen trat zuerst ein, stellte die Lampe auf das Kamin und setzte sich ohne ein Wort zu sagen auf einen der Stühle, welche die Tischgenossen erwarteten. Als sie hierauf sah, daß Hermann, eingeschüchtert und zögernd, auf der Schwelle der Thüre stehen geblieben war, sagte sie zu ihm:
–– Seid willkommen auf dem Schlosse von Windeck.
–– Aber darf ich die Ehre annehmen, welche Ihr mir anbietet? antwortete Hermann.
–– Habt Ihr nicht Hunger und Durst, Herr Schütz? erwiderte das junge Mädchen; so setzt Euch denn an diesen Tisch und trinkt und eßt, ich lade Euch dazu ein.
–– Ihr seid ohne Zweifel das Burgfräulein? sagte Hermann, indem er sich setzte.
–– Ja, antwortete das junge Mädchen mit einem Zeichen des Kopfes.
–– Und Ihr bewohnt diese Ruinen allein? fuhr der Schütz fort, indem er voll Erstaunen um sich blickte.
–– Ich bin allein.
– Und Eure Eltern?
Das junge Mädchen zeigte ihm mit dem Finger zwei an der Wand hängende Porträts, von denen das eine einen Mann, das andere eine Frau vorstellte, und sagte mit leiser Stimme:
–– Ich bin die letzte der Familie.
Hermann blickte sie an, ohne daß er noch wußte, was er von dem seltsamen Wesen denken sollte, welches er vor sich hatte. In diesem Augenblicke begegneten seine Augen den Augen des jungen Mädchens, welche von Zärtlichkeit feucht waren. Hermann dachte nicht mehr an Hunger noch an Durst; er, ein armer Schütz, sah eine edle Dame vor sich, welche ihre Geburt und ihren Stolz vergaß, um ihn an ihrem Tische zu empfangen; er war jung, er war schön, es fehlte ihm nicht an Selbstvertrauen; er glaubte, daß die Stunde, welche, wie man sagt, sich jedem Menschen zeigt, um ein Mal in seinem Leben Glück zu machen, sich ihm in diesem Augenblick zeigte.
–– So eßt doch, sagte das junge Mädchen zu ihm, indem sie ihm ein Stück von dem Kopfe eines Ebers vorlegte. So trinkt doch, sagte das junge Mädchen, indem sie ihm ein Glas wie Blut hochrothen Wein einschenkte.
–– Wie nennt Ihr Euch, meine schöne Wirthin? sagte Hermann kühn gemacht und indem er sein Glas erhob.
–– Ich nenne mich Bertha.
–– Wohlan! Auf Eure Gesundheit, schöne Bertha! fuhr der Schütz fort. Und er trank den Wein in einem Zuge aus.
Bertha antwortete Nichts, sondern lächelte traurig.
Die Wirkung des Trankes war zauberisch, die Augen Hermanns funkelten nun auch, und indem er die Einladung des Burgfräuleins benutzte, griff er das Abendessen mit einem Eifer an, welcher bewies, daß es keinem Undankbaren angeboten worden war, und, was das Vergessen entschuldigen konnte, in welches er verfallen, indem er das Zeichen des Kreuzes nicht machte, wie er es jedes Mal zu thun gewohnt war, wenn er sich zu Tisch setzte. Bertha sah ihm zu, ohne ihm nachzuahmen.
–– Und Ihr, sagte er zu ihr, eßt Ihr nicht?
Bertha machte ein verneinendes Zeichen, und schenkte ihm ein zweites Mal Wein ein. Es war bereits ein Gebrauch jener Zeit, daß die schönen Damen das Essen und Trinken als eine ihrer unwürdige Sache betrachteten, und Hermann hatte oft bei den Mahlzeiten, denen er als Diener beigewohnt, die Burgfrauen so bleiben sehen, während die Ritter um sie herum aßen, um glauben zu lassen, daß sie gleich den Schmetterlingen und den Blumen, deren Leichtigkeit und Glanz sie hatten, nur von Wohlgerüchen und von Thau lebten. Er glaubte, daß dem so mit Bertha wäre, und er fuhr fort zu essen und zu trinken, als ob sie ihm gänzlich Gesellschaft leistete. Außerdem blieb seine huldvolle Wirthin nicht unthätig, und als sie sah, daß sein Glas leer war, füllte sie es ihm zum dritten Male.
Hermann empfand weder Furcht, noch Verlegenheit mehr, der Wein war köstlich und ächt, denn er brachte auf das Herz des nächtlichen Gastes seine gewohnte Wirkung hervor; Hermann fühlte sich voll Selbstvertrauen, und indem er alle die Verdienste durchging, die er in diesem Augenblicke an sich fand, verwunderte er sich nicht mehr über das Glück, das ihm zustieß, und das Einzige, was ihn verwunderte, war, daß es so lange gezögert hätte. Er befand sich in dieser glücklichen Stimmung, als seine Augen auf eine Laute fielen, welche auf einem Stuhle lag, wie, als ob man sich ihrer an demselben Tage bedient hätte; nun meinte er, daß ein wenig Musik Nichts an dem vortrefflichen Mahle verderben würde, das er so eben gehalten hatte. Er forderte dem zu Folge Bertha artig auf, ihre Laute zu nehmen, und ihm irgend Etwas zu singen.
Bertha streckte die Hand aus, nahm das Instrument und entlockte ihm einen so schwungvollen Accord, daß Hermann die letzten Fiber seines Herzens erbeben fühlte; und er hatte sich kaum von dieser Gemütsbewegung wieder erholt, als das junge Mädchen mit sanfter und zugleich inniger Stimme eine Ballade begann, deren Worte mit der Lage, in welcher er sich befand, eine solche Aehnlichkeit hatten, daß man hätte glauben können, die geheimnißvolle Künstlerin improvisiere.
Sie sang von einem Burgfräulein, das in einen Schützen verliebt war.
Die Anspielung war Hermann nicht entgangen, und wenn ihm einige Zweifel übrig geblieben wären, so hätte die Ballade sie ihm genommen; bei dem letzten Verse stand er daher auch auf, und indem er um den Tisch herum ging, stellte er sich hinter Bertha und zwar so nahe, daß, als ihre Hand von den Saiten des Instrumentes herab glitt, sie zwischen die Hände Hermanns sank. Hermann erbebte, denn diese Hand war eisig; aber er faßte sich sogleich wieder.
–– Leider! Fräulein, sagte er zu ihr, bin ich nur ein armer Schütz ohne Geburt und ohne Vermögen, aber um zu lieben habe ich das Herz eines Königs.
–– Ich verlange nur ein Herz, antwortete Bertha.
–– Ihr seid also frei? wagte Hermann zu sagen.
–– Ich bin frei, erwiderte das junge Mädchen.
– Ich liebe Euch, sagte Hermann.
–– Ich liebe Dich, antwortete das junge Mädchen.
–– Und Ihr willigt ein, mich zu heirathen? rief Hermann aus.
Bertha stand auf ohne zu antworten, ging nach einer Truhe, und indem sie eine Schublade öffnete, nahm sie daraus zwei Ringe, welche sie Hermann überreichte; hierauf kehrte sie zu der Truhe zurück, und nahm aus ihr, immer schweigend, eine Krone von Orangeblüthen und einen Brautschleier. Dann schlug sie den Schleier über ihren Kopf, befestigte ihn darauf mit der Krone, und indem sie sich umwandte, sagte sie:
–– Ich bin bereit.
Hermann schauderte fast wider seinen Willen; er war indessen zu weit gegangen, um nicht bis an das Ende zu gehen. Was wagte außerdem er, der arme Schütz, der keinen Winkel Boden besaß, und für den allein das mit Wappen geschmückte Silbergeschirr, womit der Tisch bedeckt war, ein Vermögen gewesen wäre.
Er reichte daher seiner Braut die Hand, indem er ihr gleichfalls ein Zeichen mit dem Kopfe gab, daß er bereit sei, ihr zu folgen.
Bertha nahm mit ihrer kalten Hand die glühende Hand Hermanns, und indem sie eine Thüre öffnete, trat sie in einen dunklen Gang, der nur noch durch den bleichen Schein erleuchtet war, welchen der hinter den Wolken hervorgetretene Mond durch die schmalen, von Strecke zu Strecke angebrachten Fenster warf. An dem Ende des Ganges fanden sie eine Treppe, welche sie in gänzlicher Finsterniß hin ab schritten, nun, von einem unwillkürlichen Schauder befallen, blieb Hermann stehen und wollte wieder umkehren; aber es schien ihm, als ob die Hand Berthas die seinige mit übernatürlicher Kraft drückte, so daß er, halb aus Scham, halb fortgerissen, fortfuhr, ihr zu folgen.
Indessen gingen sie immer hinab; nach Verlauf eines Augenblickes schien es Hermann nach dem feuchten Eindrucke, den er empfand, daß sie in einer unterirdischen Region wären; bald zweifelte er nicht mehr daran, sie hatten aufgehört abwärts zu gehen, und sie gingen auf einem ebenen Boden, den man leicht als den Boden eines Grabgewölbes erkennen konnte.
Nach Verlauf von zehn Schritten blieb Bertha stehen; und indem sie sich zur Rechten wandte, sagte sie:
–– Kommt, mein Vater.
Und sie begab sich wieder auf den Weg.
Nach Verlauf von zehn andern Minuten blieb sie von Neuem stehen, und indem sie sich zur Linken wandte, sagte sie:
–– Kommt, meine Mutter.
Und sie setzte ihren Weg fort, bis daß sie, nachdem sie noch zehn andere Schritte zurückgelegt hatte, ein drittes Mal sagte:
–—Kommt, meine Schwestern.
Und obgleich Hermann Nichts unterscheiden konnte, so schien es ihm doch, als ob er hinter sich ein Geräusch von Schritten und ein Rauschen von Gewändern hörte. In diesem Augenblicke berührte sein Kopf das Gewölbe; aber Bertha drückte den Stein mit der Spitze des Fingers, und der Stein erhob sich. Er führte in eine glänzend erleuchtete Kirche; sie traten aus einem Grabe, und befanden sich vor einem Altare. Im selben Augenblicke erhoben sich zwei Platten in dem Chore, und Hermann sah den Vater und die Mutter Berthas in demselben Kostüme erscheinen, in welchem sie auf den beiden Gemälden des Zimmers waren, wo er zu Nacht gegessen hatte, und hinter ihnen, in dem Schiffe, auf dieselbe Weise die Nonnen der an das Schloß anstoßenden Abtei hervorkommen, welche seit einem Jahrhunderte in Ruinen zusammenfiel. Alles war daher zu der Trauung versammelt, Brautleute, Eltern und Eingeladene. Nur der Priester fehlte; Bertha machte ein Zeichen, und ein auf seinem Grabe liegender Bischof von Marmor erhob sich langsam und stellte sich vor dem Altar. Nun bereute Hermann seine Unvorsichtigkeit, und hätte gar viele Jahre seines Lebens darum gegeben, in dem Rüstsaale neben seinen Gefährten zu liegen; aber er ward von einer übermenschlichen Gewalt fortgerissen, und gleich einem, von einem gräßlichen Traume befallenen Menschen, vermogte er weder zu rufen noch zu fliehen.
Während dieser Zeit war Otto erwacht, und seine Augen hatten sich natürlicher Weise nach dem Platze gerichtet, an welchem Hermann wachen sollte; Hermann war nicht mehr dort, und Niemand hatte seine Stelle eingenommen; Otto stand auf; eine seiner letzten Erinnerungen in dem Augenblicke, wo er einschlief, war, als ob er dunkel eine Thüre hätte aufgehen und eine Frau erscheinen sehen; er hatte das für den Anfang eines Traumes gehalten, aber die Abwesenheit Hermanns verlieh diesem Traume einen Anschein von Wirklichkeit, seine Augen richteten sich sogleich nach der Thüre, von der er sich vollkommen erinnerte, sie verschlossen gesehen zu haben, während er selbst Schildwache stand, und die er jetzt offen sah.
Indessen konnte Hermann, ermüdet, dem Schlafe nachgegeben haben; Otto nahm einen Tannenzweig, zündete ihn an dem Heerde an, ging von einem Schläfer zu dem andern, und erkannte den nicht, welchen er suchte. Nun erwachte der alte Schütz, an welchem die Reihe war, Schildwache zu stehen; Otto erzählte ihm das, was vorgefallen war, und bat ihn zu wachen, während er seinen verlorenen Gefährten aufsuchen wollte. Der alte Schütz schüttelte den Kopf und sagte:
–– Er wird das Burgfräulein von Windeck gesehen haben; in diesem Falle ist er verloren.
Otto drängte den Greis, sich zu erklären, aber dieser wollte Nichts mehr sagen. Indessen, statt in Otto den Wunsch zu erlöschen, die Aufsuchung seines Gefährten zu unternehmen, verliehen ihm diese wenigen Worte einen neuen Eifer; er sah in diesem ganzen Abenteuer etwas Geheimnißvolles und Uebernatürliches, auf dessen Ergründung sein Muth im voraus stolz war, außerdem liebte er Hermann; die beiden Tage des Marsches, die er mit ihm zurückgelegt, hatten ihm denselben als einen wackeren und lustigen Gesellen kennen gelehrt, den zu verlieren ihm leid war; dann hatte er endlich großes Vertrauen zu einer wunderthätigen Medaille, welche einer seiner Ahnen, der sie das Grab Christi hatte berühren lassen, aus Palästina zurückgebracht; sie war ein Geschenk, welches seine Mutter ihm in seiner Jugend gemacht, und das er immer gewissenhaft auf seiner Brust getragen hatte.
Welche Bemerkungen ihm der alte Schütz auch machen mogte, Otto beharrte nichts desto weniger in dem gefaßten Entschlüsse, und bei dem Scheine seiner natürlichen Fackel trat er in das anstoßende Zimmer, dessen Thüre offen geblieben war; Alles war darin in seinem gewöhnlichen Zustande, nur dachte er, da eine zweite Thüre wie die erste offen stand, daß Hermann, durch die eine eingetreten, durch die andere wieder hinausgegangen wäre; er schlug denselben Weg, wie dieser ein, und, wie er durchschritt er diese lange Reihe von Gemächern, welche Hermann durchschritten hatte. Sie endigte sich mit dem Festsaale.
Als er sich diesem Saale näherte, schien es ihm, als ob er sprechen hörte; er blieb sogleich stehen, spannte das Ohr, und nach einem Augenblicke der Aufmerksamkeit blieb ihm kein Zweifel mehr übrig; nur war es nicht Hermanns Stimme; da er aber dachte, daß die, welche sprächen, ihm Nachrichten über ihn geben könnten, so näherte er sich der Thüre. Auf der Schwelle angelangt, blieb er überrascht über das seltsame Schauspiel stehen, welches sich seinen Augen bot; der Tisch war gedeckt und erleuchtet geblieben, nur die Tischgenossen waren gewechselt, die beiden Porträts hatten sich von der Leinwand losgemacht, waren aus ihren Rahmen herabgestiegen, und, auf jeder Seite des Tisches sitzend, unterhielten sie sich ernst, wie es sich für Personen ihres Alters und ihres Standes geziemt. Otto glaubte, daß sein Gesicht ihn täusche, er hatte Personen vor Augen, welche durch ihre Gebräuche einem, seit mehr als einem Jahrhunderte verschwundenen Geschlechte angehört zu haben schienen, und die das Deutsch der Zeit Karls des Kahlen sprachen. Otto schenkte darum dem, was er sah und was er hörte, nur eine um so größere Aufmerksamkeit.
–– Trotz allen Euren Gründen, mein lieber Graf, sagte die Frau, werde ich nichts desto weniger behaupten, daß die Ehe, welche unsere Tochter Bertha in diesem Augenblicke schließt, eine Mißheirath ist, von der es in unserer Familie noch kein Beispiel gegeben hat, Pfui doch! ein Bogenschütz . . .
–– Edle Frau, antwortete der Gatte, Ihr habt recht, ober seit mehr als zehn Jahren war Niemand in diese Ruinen gekommen, und sie dient einem minder schwer zu befriedigenden Herrn als wir, für den eine Seele eine Seele ist . . . Außerdem kann man das Gewand eines Bogenschützen tragen, und braucht darum kein Unadeliger zu sein. Ein Beweis ist dieser junge Otto, der sich ihrer Verbindung zu widersetzen kommt, der uns auf unverschämte Weise behorcht, und den ich mit meinem Schwerte spalten werde, wenn er nicht auf der Stelle wieder zu seinen Gefährten geht.
Indem er sich bei diesen Worten nach der Thüre wandte, wo der junge Mann stumm und regungslos vor Erstaunen stand, zog er sein Schwert und kam mit langsamen und automatischen Schritten auf ihn zu, wie, als ob er mit Hilfe geschickt berechneter Federn, und nicht durch lebendige Muskeln bewegt ginge.
Otto sah ihn mit einem Entsetzen kommen, das nicht zu beherrschen vermogte. Nichts desto weniger dachte er daran, sich in Vertheidigungsstand zu setzen und einen Kampf zu bestehen, wer sein Gegner auch sein mögte. Da er indessen sah, mit welchem seltsamen Feinde er zu thun hatte, so sah er ein, daß er zu seiner Vertheidigung nicht zu viel geistliche und weltliche Waffen haben würde; bevor er sein Schwert zog, machte er dem zu Folge das Zeichen des Kreuzes.
Im selben Augenblicke erloschen die Kerzen, die Tafel verschwand, und der alte Ritter und seine Gattin vergingen wie Erscheinungen. Otto blieb einen Augenblick lang betäubt, und als er hierauf Nichts mehr sah noch hörte, trat er in diesen jetzt so dunkeln Saal, der so eben noch voll Licht war, und bei dem Scheine seiner Harzfackel sah er, daß die phantastischen Tischgenossen ihren Platz in ihren Rahmen wieder eingenommen hatten; nur die Augen des alten Ritters schienen noch lebendig, und folgten Otto, indem sie ihm drohten.
Otto setzte seinen Weg fort. Nachdem, was er gehört hatte, glaubte er, daß Hermann eine dringende Gefahr drohe, und da er eine Thüre offen sah, so folgte er der gegebenen Andeutung und trat in den Corridor. An das Ende des Ganges gelangt, erreichte er die Treppe, ging die erste, Stufen hinab, und befand sich bald in gleicher Höhe mit dem Kirchhofe der Abtei, jenseits dessen er die erleuchtete Kirche sah; eine in die unterirdischen Gewölbe hinabführende Thüre stand offen, aber Otto zog es vor, über den Kirchhof zu gehen, als unter ihm. Er trat daher in das Kloster und ging auf die Kirche zu; die Thüre derselben war verschlossen, aber er brauchte sie nur zu drücken, und das Schloß löste sich von dem Holze los, so sehr verfiel die Thüre vor Alter.
Nun befand er sich in der Kirche, er sah Alles, die Nonnen, die Brautleute, die Eltern, und bereit an den Finger des bleichen und zitternden Hermanns den Trauring zu stecken, den Bischof von Marmor, welcher sich von dem Grabe erhoben hatte; es unterlag keinem Zweifel, es war die Verheirathung, von welcher der alte Ritter und seine Gattin sprach. Otto streckte die Hand nach einen Weihkessel aus, und indem er hierauf mit seinen feuchten Fingern seine Stirn berührte, machte er das Zeichen des Kreuzes.
Im selben Augenblicke verschwand Alles wie durch Zauber, Bischof, Brautleute, Eltern und Nonnen; die Kerzen erloschen, die Kirche erbebte, wie, als ob im Zurückkehren in ihr Grab die Todten ihre Grundmauern erschütterten; ein Donnerschlag ließ sich hören, ein Blitz fuhr durch das Chor, und wie, als ob er von dem Blitze getroffen wäre, sank Hermann ohne Bewußtsein auf die Platten der heiligen Stätte.
Noch von seiner dem Erlöschen nahen Fackel erleuchtet, ging Otto zu ihm, und indem er ihn auf seine Schulter lud, versuchte er ihn fortzutragen; in diesem Augenblicke war der Tannenzweig abgebrannt; Otto warf ihn von sich, und suchte die Thüre wieder zu erreichen; aber die Dunkelheit war so groß, daß es ihm nicht gelingen wollte, und er länger als eine halbe Stunde ging, indem er sich von Pfeiler zu Pfeiler stieß; seine Stirn bedeckte sich mit Schweiß und seine Haare sträubten sich bei der Erinnerung an die höllischen Dinge, welche er gesehen hatte. Endlich fand er die so sehr gesuchte Thüre.
In dem Augenblicke, wo er den Fuß in das Kloster setzte, hörte er seinen Namen und den Hermanns von mehren Stimmen wiederholt; dann leuchteten in demselben Augenblicke Fackeln an den Fenstern des Schlosses; endlich erschienen einige unten an der Treppe, und verbreiteten sich unter den Hallen des Klosters, Otto antwortete nun durch einen einzigen Schrei, in welchem der Rest seiner Kräfte erlosch, und sank erschöpft neben dem ohnmächtigen Hermann zu Boden.
Die Bogenschützen trugen die beiden jungen Leute in den Rüstsaal, wo sie bald die Augen wieder aufschlugen. Hermann und Otto erzählten nun jeder nach seiner Reihe das, was ihnen begegnet war; was den alten Schützen anbetrifft, so hatte er, als er diesen Donnerschlag gehört, der ohne Gewitter kam, auf der Stelle alle Schläfer geweckt, und sich zur Aufsuchung der verwegenen jungen Leute auf den Weg gemacht, welche er, wie wir gesehen, in einem wenig von einander verschiedenen Zustande wiedergefunden hatte.
Niemand schlief wieder ein, und bei der ersten Dämmerung des Tages verließ der Haufen schweigend die Ruinen des Schlosses Windeck, und schlug seinen Weg nach Cleve wieder ein, wo er gegen neun Uhr Morgens anlangte.
V
Eine Ebene, welche sich von dem Schlosse von Cleve bis an das Ufer des Rheines erstreckte, bildete den zu dem Bogenschießen eingerichteten Kampfplatz. Auf der Seite des Schlosses war ein erhöhter Platz errichtet, und erwartete den Fürsten und sein Gefolge; auf der andern Seite und an dem Ufer hatte sich das Volk aller umliegenden Dörfer bereits in Erwartung des Schauspieles, das seiner harrete, aufgestellt, auf das es um so stolzer war, als der Sieger des Tages aus seinen Reihen hervorgehen sollte. Eine Gruppe aus andern Theilen Deutschlands angekommener Bogenschützen wartete bereits an einem der Enden der Wiese, während an dem andern das Ziel, welches die Pfeile erreichen sollten, auf Hundert und fünfzig Schritte Entfernung in Mitte einer weißen Scheibe einen schwarzen Punkt bot, der mit zwei Kreisen, der eine roth und der andere blau, umgeben war.
Um zehn Uhr hörte man die Trompeten schmettern; die Thore des Schlosses öffneten sich, und ein glänzender Reiterzug zog aus ihnen heraus; er bestand aus dem Fürsten Adolph von Cleve, der Prinzessin Helene und dem gefürchteten Grafen von Ravenstein. Ein zahlreiches Gefolge von Pagen und Dienern, die wie ihre Herren zu Pferde waren, obgleich die Entfernung, welche das Schloß von der Wiese trennte, kaum eine halbe Stunde betrug, folgte den Herren, und glich, indem es sich auf dem schmalen Fußpfade entfaltete, einer langen buntscheckigen Schlange, welche in dem Flusse ihren Durst löschen wollte.
Langes Jauchzen empfing den König und die Königin des Festes in dem Augenblicke, wo sie sich auf der Tribüne zeigten, welche für sie bereitet war. Was Otto anbelangt, so hatten sie bereits Platz genommen, ohne daß noch ein Ausruf aus seinem Munde gedrungen war, so sehr war er in eine stumme und tiefe Beschallung bei dem Anblicke der jungen Prinzessin versunken.
Sie war in der That eines der anmuthigsten Geschöpfe, welche dieses nördliche Deutschland hervorzubringen vermogte, das so fruchtbar an bleichen und lieblichen Bildern ist. Gleich den Pflanzen, welche im Schatten wachsen, indem ihre Wurzeln in einem feuchten Boden ruhen, fehlte es Helenen vielleicht an jenen lebhaften Farben der Jugend, welche unter einer glühenderen Sonne aufblühen; aber dagegen hatte sie alle die Geschmeidigkeit und alle die Anmuth jener hübschen Seeblumen, welche man am Tage aus dem Wasser hervortauchen sieht, um sich einen Augenblick lang umzusehen und ihren Antheil an dem Feste des Lebens zu nehmen, die sich aber mit der Dämmerung wieder schließen, und sich Nachts auf jene breiten runden Blätter mit unsichtbaren Stengeln legen, welche ihnen die Natur zur Wiege gegeben hat. Sie folgte ihrem Vater und ihr folgte wieder der Graf von Ravenstein, der, wie man sagte, bald den Titel als Verlobter erhalten sollte; hinter ihnen ritten Pagen, die auf einem Kissen von rothem Sammet das Barett trugen, welches dazu bestimmt war, dem Sieger als Preis zu dienen. Endlich füllten die Beamten des Fürsten Adolph vollends die auf der Tribüne vorbehaltenen Ehrenplätze aus, und nachdem die Prinzessin Helene mit einem huldreichen Verneigen des Kopfes auf das Gemurmel der Bwunderung geantwortet hatte, das sie empfangen, gab ihr Vater das Zeichen, daß man anfangen könnte.
Es waren ungefähr Hundert und zwanzig Bogenschützen anwesend, und die Bedingungen waren folgender Maßen gestellt:
»Die, welche bei dem ersten Rennen die weiße Scheibe gänzlich gefehlt hätten, sollten sich auf der Stelle zurückziehen, und auf die Mitbewerbung verzichten.
Die, deren Pfeile bei dem zweiten Rennen nicht innerhalb des rothen Kreises getroffen hätten, sollten sich gleichfalls zurückziehen.
Endlich sollten für den entscheidenden Kampf nur diejenigen bleiben, welche nach dem dritten Rennen in dem blauen Kreis getroffen hätten.«
Auf diese Weise vermied man Verwirrung unter den Mitbewerbern; und, was auch noch möglich war, daß statt der Geschicklichkeit der Zufall aus einem mittelmäßigen Schützen einen Sieger machte.
Sobald das Signal gegeben, spannten alle Schützen ihre Bogen und bereiteten ihre Pfeile vor. Jeder ließ sich einschreiben, und die Reihe war nach dem Alphabet geordnet. Ein Herold rief die Namen, und je nachdem sie gerufen waren, traten die Schützen vor und schossen ihre Pfeile ab.
Einundzwanzig Bogenschützen unterlagen bei dieser ersten Probe, und zogen sich beschämt und von dem Gelächter der Zuschauer begleitet in einen vorbehaltenen Raum zurück, in welchem bald neue Unglücksgefährten zu ihnen stoßen sollten.
Bei der zweiten Probe war die Anzahl noch weit beträchtlicher, denn je schwieriger die Aufgabe wurde, desto mehr Ausgeschlossene mußte es dabei geben. Endlich blieben bei der dritten nur noch elf Schützen übrig, um sich den Preis streitig zu machen, unter denen sich Nobert, Hermann und Otto befanden. Das war der Kern der Bogenschützen von Straßburg bis nach Niemwegen. Die Aufmerksamkeit steigerte sich dabei auch, und selbst die Schützen. welche kein Recht mehr zu dem Kampfe hatten, theilten, indem sie ihre Niederlage vergaßen, diese allgemeine Spannung, wobei jeder Gelübde that, damit das Schicksal, das sie verlassen hatte, einen Freund, einen Landsmann oder einen Bruder begünstige.
Eine neue Ubereinkunft wurde nun unter den Bogenschützen selbst getroffen, nämlich daß ein viertes Rennen angestellt werden sollte; alle Pfeile, welche dieses mal das Schwarze selbst nicht berührten, sollten seinen Schützen ausschließen, und die Zahl der Mitbewerber nochmals Verringern. Sieben Schützen unterlagen. Robert und Hermann hatten halb schwarz getroffen. Mildar und Otto hatten gerade in das Schwarze getroffen.
Dieser Mildar, den wir zum ersten Male nennen, war ein Bogenschütz des Grafen von Ravenstein, dessen Ruf an dem Rheine von dem Orte an, wo sich derselbe in dem Sande bei Ortrecht verliert, bis dahin, wo er als kleiner Bach aus der Gebirgskette des Sanct Gotthardt entspringt, verbreitet war; seit langer Zeit wünschten Robert und Hermann, die ihren Ruf zu behaupten hatten, mit diesem schrecklichen Gegner zusammenzutreffen, den man ihnen beständig entgegenstellte. Der Streit war entschieden worden, ohne daß sie abgewiesen waren; der Vorrang war Mildar geblieben, dem Otto allein beständig das Gleichgewicht gehalten hatte. Je mehr die Anzahl der Schützen sich verringerte, desto mehr hatte sich das Interesse der Zuschauer gesteigert. Die vier Bogenschützen, welche auf dem Kampfplatze blieben, waren daher auch das Ziel aller Blicke. Drei waren bereits berühmt, weil sie gar viele Preise streitig gemacht und davon getragen hatten, aber der vierte und der jüngste war Jedermann gänzlich unbekannt; jeder frug nach seinen Namen, und Niemand konnte einen andern erfahren als den, den er selbst gewählt hatte: . . . Otto der Schütz.
Robert sollte zuerst schießen. Er schritt bis zu der von einem Rasenhaufen bezeichneten Gränze vor, wählte seinen besten Pfeil, legte langsam an, indem er seinen Bogen von unten nach oben erhob, zielte einige Secunden lang mit all der Aufmerksamkeit, deren er fähig war, dann ließ er die Sehne los, und der Pfeil drang ins volle Schwarz. Beifallsbezeugungen erschallten von allen Seiten; Robert zog sich zurück, um seinen Gefährten Platz zu machen.
Hermann trat als der zweite vor, traf dieselben Vorsichtsmaßregeln, wie sein Vorgänger und erlangte dasselbe Resultat.
Jetzt war die Reihe an Mildar. Er nahm seinen Platz in Mitte des tiefsten Schweigen ein, wählte mit außerordentlicher Sorgfalt einen Pfeil aus seinem Köcher, legte ihn auf seinem Finger ins Gleichgewicht, um zu seien, ob die eiserne Spitze nicht mehr wiege, als das Elfenbein der Kerbe; dann, mit der Prüfung zufrieden, legte er ihn auf der Sehne zurecht; in diesem Augenblicke stand der Graf von Ravenstein, sein Gönner, auf, und indem er, eine Börse aus seiner Tasche zog, sagte er zu ihm:
–– Mildar, wenn Du näher an den Nagel triffst, als Deine beiden Gegner, so ist diese Börse Dein.
Dann warf er die Börse hin, welche dem Schützen zu Füßen rollte. Aber dieser war so sehr beschäftigt, daß er kaum auf das zu achten schien, was sein Herr zu ihm sagte. Die Börse fiel klingend neben ihm nieder, ohne daß er den Kopf weg wandte; einige Blicke suchten einen Augenblick lang dieses durch die seidenen Maschen, welche es enthielten, glänzende Gold, dann richteten sie sich sogleich wieder auf Mildar.
Die Erwartung des Grafen von Ravenstein wurde nicht getäuscht; Mildars Pfeil zerbrach den Nagel selbst, und drang in den Mittelpunkt des Zieles; ein Schrei erschallte von allen Seiten, der Graf von Ravenstein klatschte in die Hände. Helene erbleichte dagegen so sichtlich, daß ihr besorgter Vater sich zu ihr neigte und sie frug, ob sie unwohl wäre; aber statt aller Antwort schüttelte sie lächelnd ihr blondes Haupt und der beruhigte Fürst Adolph richtete seine Augen wieder nach den Schützen. Mildar raffte die Börse auf.
Es war noch Otto übrig, welcher der letzte war, und dem die Geschicklichkeit Mildars keine Aussicht übrig zu lassen schien. Indessen hatte auch er, wie die Prinzessin gelächelt, und an diesem Lächeln hatte man sehen können, daß er sich noch nicht für geschlagen hielt.
Aber die, welche den lebhaftesten Antheil an diesem Kampfe der Geschicklichkeit zu nehmen schienen, waren Robert und Hermann. Besiegt, hatten Robert und Hermann alle ihre Hoffnung auf ihren jungen Gefährten übertragen. Sie hatten ihm keine Goldbörsen zu Füßen zu werfen, wie es der Graf von Ravenstein gethan hatte, aber sie näherten sich Otto, und drückten ihm die Hand.
–– Denke an die Ehre der Bogenschützen von Köln, sagten sie zu ihm, obgleich wir, aufrichtig gesprochen, nicht wissen, wie Du sie wirst vertheidigen können.
–– Ich kann, antwortete, Otto, wenn man den Pfeil Mildars wegnehmen will, den meinigen in das Loch schießen, das der seinige gemacht hat.
Robert und Hermann blickten einander mit einem Erstaunen an, das an Bestürzung gränzte. Otto hatte diesen Vorschlag in einem so ruhigen Tone und mit einer solchen Kaltblütigkeit gemacht, daß sie nach den Beweisen von Geschicklichkeit, welche er ihnen gegeben hatte, nicht zweifelten, daß er im Stande wäre, das zu thun, was er vorschlug. Da nun aber ein großes Getöse in der ganzen Versammlung entstand, so machten sie ein Zeichen, daß sie sprechen wollten, und die Ruhe stellte sich wieder her. Nun erhob Hermann, indem er sich nach der Tribüne wandte, auf welcher sich der Fürst von Cleve befand, die Stimme und theilte ihm die Forderung Ottos mit. Sie war so gerecht und so außerordentlich, daß sie ihm auf der Stelle bewilligt wurde, und dieses Mal war es Mildar, welcher lächelte, aber mit einer Miene des Zweifels, die bewies, daß er die Sache für unmöglich hielt.
Nun legte Otto seinen Hut, seinen Bogen und seine Pfeile auf den Boden, und ging selbst langsamen und gemessenen Schrittes, um den Schuß zu untersuchen; es war wirklich so, wie es der Zieler gesagt hatte; an der Scheibe angelangt, riß Mildar, der ihm gefolgt war, selbst seinen Pfeil aus. Robert und Hermann wollten es eben so machen, aber Otto hielt sie mit einem Blicke zurück; sie verstanden, daß ihr junger Gefährte sich ihrer Pfeile wie zweier Führer bedienen wollte, und antworteten durch ein Zeichen des Einverständnisses. Otto pflückte nun ein kleines Gänseblümchen, steckte es in die von dem Pfeile Mildens gebildete Höhlung, um in Mitte des schwarzen Kreises durch einen weißen Punkt geleitet zu sein; nachdem er diese Vorsichtsmaßregel getroffen, kehrte er ohne Demuth und ohne Stolz auf seinen Platz zurück, indem er überzeugt war, daß er, wenn er den Preis verlöre, ihn lang genug streitig gemacht hätte, um ihn ohne Schande in die Hände eines Andern übergehen zu sehen.
An der Gränze angelangt, wartete er einen Augenblick lang, bis daß jeder seinen Platz wieder eingenommen hätte. Als hierauf die Ordnung wieder hergestellt, raffte er seinen Bogen auf, schien auf den Zufall hin einen der Pfeile zu nehmen, obgleich ein geübtes Auge bemerkt hätte, daß er unter den andern den gewählt, den er genommen, schüttelte den Kopf, um seine langen blonden Haare zu beseitigen, welche die von ihm gemachte Bewegung vor seine Augen gelegt hatte; dann ruhig und lächelnd, wie der pythische Apollo, legte er seinen Pfeil auf seinen Bogen, erhob ihn langsam bis zu der Höhe des Zieles und seines Auges, zog seine rechte Hand zurück, bis daß die Sehne des Bogens fast seine Schulter berührte, blieb einen Augenblick lang regungslos wie ein Schütz von Stein, und dann sah man plötzlich den Pfeil wie einen Blitz davon fliegen und zu gleicher Zeit das Gänseblümchen verschwinden. Otto hatte gehalten, was er versprochen, und sein Pfeil hatte im Centrum das Ziel von Mildars Pfeile ersetzt. Ein Ausruf des Erstaunens erschallte von allen Seiten, die Sache gränzte an das Wunderbare. Otto wandte sich nach dem Fürsten um, und verneigte sich. Helene erröthete vor Vergnügen, und Ravenstein vor Aerger.
Nun stand der Fürst Adolph von Cleve auf und erklärte, daß er von diesem Augenblicke an zwei Sieger zähle, und daß es dem zu Folge zwei Preise gäbe, der eine wäre das von seiner Tochter gestickte Barett, der andere die goldene Kette, welche er selbst am Halse trüge. Da indessen dieser Kampf der Geschicklichkeit ihn, wie die ganze Versammlung interessiere, so wünschte er, daß jeder der Gegner eine letzte Probe nach seiner Wahl vorschlüge, welche der andere anzunehmen genöthigt sei. Otto und Mildar nahmen sie wie Männer an, die sie verlangt haben würden, wenn man sie ihnen nicht angeboten hätte, und die Menge, vergnügt ein für sie so interessantes Schauspiel sich verlängern zu sehen, klatschte mit einer einstimmigen Regung in die Hände, indem sie dem Fürsten für seine Großmuth dankte.
Die alphabetische Ordnung gab Mildar die Wahl der ersten Probe. Er ging an das Ufer des Flusses, schnitt zwei Weidenzweige ab, kehrte zurück, um einen davon in halber Entfernung von dem ursprünglichen Ziele in den Boden zu pflanzen; als er sich hierauf bis an die Schranke begeben, spaltete er ihn mit seinem Pfeile.
Otto steckte den andern auf, und machte es eben so.
Jetzt war an ihm die Reihe; er nahm zwei Pfeile, steckte den einen davon in seinen Gürtel, legte den andern auf seinen Bogen, schoß ihn so ob, daß er einen Bogen beschrieb, und während dieser erste fast senkrecht herabfiel, durchschoß er ihn mit dem zweiten.
Die Sache schien Mildar so wunderbar, daß er erklärte, er hielt, da er sich einer solchen Uebung niemals gewidmet, das Gelingen für unmöglich. Er erklärte sich dem zu Folge für besiegt und ließ seinem Gegner die Wahl zwischen dem von der Prinzessin Helene gestickten Barett und der goldenen Kette des Fürsten Adolph von Cleve.
Otto wählte das Barett, und knieete unter einem dreifachen Jauchzen des Volkes vor der Prinzessin nieder.
VI
Als Otto, die Stirn mit dem Barett geschmückt, das er gewonnen hatte, wieder aufstand, strahlte sein Gesicht vor Wonne und Glück. Die Haare Helenens hatten die seinigen fast berührt, ihr Athem hatte sich vermischt, das war das erste Mal, daß er den Hauch einer Frau einathmete.
Sein grünes Wams stand seinem geschmeidigen und schlanken Wüchse so gut, seine Augen waren so glänzend von diesem ersten Stolze, den ein Mann über seinen ersten Triumph empfindet, kurz er war so schön und so stolz in seinem Glücke, daß der Fürst Adolph von Cleve augenblicklich daran dachte, wie vortheilhaft es für ihn wäre, einen solchen Diener an sich zu fesseln. Indem er sich dem zu Folge an den jungen Mann wandte, der im Begriffe stand, die Stufen der Tribune wieder hinab zugehen, sagte er zu ihm:
–– Einen Augenblick, mein junger Meister, ich hoffe, daß wir nicht so von einander scheiden.
–– Ich stehe zu den Befehlen Eurer Gnaden, antwortete der junge Mann.
–– Wie heißt Ihr?
–– Ich nenne mich Otto, gnädiger Herr.
–– Wohlan! Otto, fuhr der Fürst fort, Ihr kennt mich, da Ihr zu dem Feste gekommen seid, das ich gebe. Ihr wißt, daß meine Diener und meine Leute mich für einen guten Herrn halten. Seid Ihr ohne Stelle?
–– Ich bin frei, gnädiger Herr, Antwortete Otto.
–– Wohlan! Wollt Ihr dann in meine Dienste treten?
–—In welcher Eigenschaft? antwortete der junge Mann.
–– Ei in der, welche mir für Eure Stellung und für Eure Geschicklichkeit passend scheint. Als Schütz.
Otto lächelte mit einem für diejenigen unerklärlichen Ausdrucke, welche in ihm nur einen gewandten Bogenschützen sehen konnten, und stand ohne Zweifel im Begriffe seinem Range, und nicht seinem Aussehen gemäß zu antworten, als er die Augen Helenens sich mit einem solchen Ausdrucke von Bangigkeit auf ihn heften sah, daß die Worte auf seinen Lippen stockten. Zu gleicher Zeit faltete das junge Mädchen wie bittend die Hände; Otto fühlte bei diesem ersten Strahle von Liebe seinen Stolz schmelzen, und indem er sich an den Fürsten wandte, sagte er zu ihm:
–—Ich nehme es an.
Ein Strahl von Freude verbreitete sich über das Gesicht Helenens.
–– Wohlan! Das ist abgemacht, fuhr der Fürst fort; von heute an steht Ihr in meinem Dienste. Nehmt diese Börse, es ist das Handgeld.
–– Ich danke, gnädiger Herr, antwortete Otto lächelnd, ich habe noch etwas Geld von meiner Mutter. Wenn ich keines mehr habe, werte ich von Eurer Gnaden den Sold verlangen, der mir für meinen Dienst gebührt. Nur, da Eure Gnaden so gut für mich gestimmt ist, so mögte ich von ihr eine andere Gunst in Anspruch nehmen.
–– Welche? sagte der Fürst.
–– Die, erwiderte Otto, zu gleicher Zeit mit mir diesen wackern Menschen anzunehmen, den Eure Gnaden dort auf seinen Bogen gestützt sieht, und der sich Hermann nennt; er ist ein guter Kamerad, den ich nicht verlassen mogte.
–– Wohlan! sagte der Fürst, mach ihm in meinen Namen dasselbe Anerbieten, das ich Dir gemacht habe, und wenn er es annimmt, so gib ihm diese Börse, die Du nicht gewollt hast, er wird vielleicht nicht so stolz sein, als Du.
Otto verneigte sich vor dem Fürsten, ging die Tribüne hinab, und bot Hermann den Antrag und die Börse an; er empfing den einen voll Freude, und die andere voll Dankbarkeit; hierauf kehrten die beiden jungen Leute auf der Stelle zurück, um ihren Platz in dem Gefolge des Fürsten einzunehmen.
Dieses Mal gab er seiner Tochter nicht mehr die Hand; der Graf von Ravenstein hatte um diese Ehre nachgesucht und sie erlangt. Der edle Zug that einige Schritte zu Fuß, um den Platz zu erreichen, wo sich die Pferde befanden; das der Prinzessin Helene war unter der Obhut eines einfachen Dieners, da der Page, welcher der Prinzessin den Steigbügel halten sollte, länger, als er es hätte thun dürfen, unter der Menge der Zuschauer geblieben war, wohin ihn die Neugierde gelockt.
Otto sah seine Abwesenheit, und indem er vergaß, daß ihn das verrieth, da ein junger Mann von Adel allein das Amt eines Pagen oder Knappen verrichten durfte, so eilte er herbei, um ihn zu ersetzen.
–– Es scheint, mein junger Meister, sagte der Graf von Ravenstein zu ihm, indem er ihm mit dem Arme zurückschob, daß der Sieg Dich Deinen Stand vergessen läßt. Zu Gunsten Deines guten Willens verzeihen wir Dir für dieses Mal Deinen Hochmuth.
Das Blut stieg Otto so rasch zu Kopfe, daß es ihm wie eine Flamme vor die Augen trat; aber er sah ein, daß ein Wort zu sagen oder eine Gebärde zu machen, ihn in das Verderben stürzen würde. Helene dankte ihm mit einem Blicke. Es fand bereits zwischen diesen beiden jungen Herzen, die sich kaum begegnet waren, ein eben so inniges und eben so sympathetisches Einverständniß statt, als ob sie immer Geschwister gewesen wären.
Das Pferd des Pagen war frei geblieben, und der Diener führte es am Zügel. Der Fürst erblickte es und hinter ihm Otto, der mit Hermann kam.
–– Otto, sagte der Fürst, kannst Du reiten?
–—Ja. gnädiger Herr, antwortete dieser lächelnd.
–– Nun denn! Nimm das Pferd des Pagen, es ist nicht gerecht, daß ein Triumphator zu Fuß geht.
Otto verneigte den Kopf zum Zeichen des Gehorsams und des Dankes. Indem er sich hierauf dem Renner näherte, setzte er sich ohne Hilfe des Steigbügels mit so vieler Sicherheit und Anstand in den Sattel, daß es augenscheinlich war, daß diese neue Uebung ihm eben so vertraut wäre als die, von welcher er vor einem Augenblicke einen so großen Beweis der Geschicklichkeit abgelegt hatte.
Der Reiterzug setzte seinen Weg nach dem Schlosse fort; an dem Eingangsthore angelangt, bemerkte Otto das über ihm befindliche Wappenschild, auf welchem die Wappen des Hauses Cleve ausgebauen und gemalt waren, und das aus einem silbernen Schwan im himmelblauen Felde auf einem grünen Meere bestand; er erinnerte sich nun, daß dieser Schwan sich an eine alte Sage des Hauses Cleve knüpfte, die er in seiner Kindheit oft hatte erzählen hören; über diesem Thore befand sich ein schwerfälliger und massiver Balcon, den man den Balcon der Fürstin Beatrix nannte, und zwischen dem Thore und dem Balcon eine Bildhauerarbeit aus dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts, welche einen, in einem Nachen entschlafenen Ritter vorstellte, den ein Schwan fortzog; endlich befand sich dieses heraldische Bild auf allen Seiten wieder vorgestellt, indem es sich anmuthig mit der weit moderneren Verzierung gewisser neuerdings erbauten Theile des Schlosses vereinigte.
Der übrige Theil des Tages verging in Festen. In seiner Eigenschaft als Sieger war Otto während dieses ganzen Tages der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit, und während der Fürst seinerseits ein reiches Bankett gegeben, boten die Gefährten Ottos ihm ein Mittagsessen, von welchem Otto der König war. Mildar allein weigerte sich, daran Theil zu nehmen.
Am folgenden Morgen überbrachte man Otto einen vollständigen Anzug als Schütz mit den Wappen des Fürsten. Otto betrachtete diese Livre einige Zeit lang, welche, so militärisch sie auch sein mogte, nichts desto weniger eine Livre war; aber bei dem Gedanken an Helene faßte er Muth, legte die Kleider ab, die er in Köln hatte machen lassen, und zog die an, welche ihm für die Zukunft bestimmt waren.
Am selben Tage begann der Dienst; er bestand in der Wache auf den Thürmen und den Galerien. Die Reihe kam an Otto, und der junge Schütz wurde als Schildwache auf eine, den Fenstern des Schlosses gegenüber gelegene Terrasse gestellt. Er dankte dem Himmel für diesen Zufall, er hoffte durch die Fenster, die geöffnet waren, um einen Strahl der Sonne einzuathmen, welche durch die Wolken gedrungen war, Helene zu erblicken. Seine Erwartung wurde nicht getäuscht; Helene erschien bald darauf mit ihrem Vater und dem Grafen von Ravenstein; sie blieben stehen, um den jungen Schützen zu betrachten; es schien Otto sogar, daß die edlen Herren sich mit ihm zu beschäftigen geruhten. Er war in der That der Gegenstand ihrer Unterhaltung, der Fürst Adolph von Cleve machte den Grafen von Ravenstein auf das ante Aussehen seines neuen Dieners aufmerksam, und der Graf von Ravenstein ließ den Fürsten Adolph von Cleve bemerken, daß sein neuer Diener gegen alle göttlichen und menschlichen Gesetze lange Haare wie ein Adliger trüge, während er kurze Haare haben müßte, wie es sich für einen Mann von niedriger Stellung gezieme. Helene wagte ein Wort, um das blonde und gelockte Haar ihres Schützlings vor der Scheere zu retten; aber von der Richtigkeit der Bemerkung seines zukünftigen Schwiegersohnes überrascht, und eifersüchtig auf die dem Adel vorbehaltenen Vorrechte, antwortete der Fürst Adolph von Cleve, daß die andern Schützen ein Recht hätten, sich zu beschweren, wenn man zu Gunsten Ottos von einer Regel abwiche, der sie unterworfen wären.
Otto war weit davon entfernt, das zu ahnen, was in diesem Augenblicke gegen diesen aristokratischen Putz angezettelt wurde, den seine Mutter so sehr liebte; er ging vor den Fenstern auf und ab, indem er einen begierigen Blick in das Innere der Gemächer warf, welche die bewohnte, die er bereits von ganzer Seele liebte; nun waren es Träume von Glück und Rachepläne, welche mit einander in seinem Geiste aufstiegen, und die wie eine tödtliche Schlange mit einem mit köstlichen Früchten beladenen Baume verschlungen waren. Dann verdunkelte endlich von Zeit zu Zeit eine Erinnerung an den väterlichen Zorn seine Stirn, und zog gleich einer Wolke zwischen der Zukunft und der aufgehenden Sonne seiner Liebe vorüber.
Als er von der Wache kam, fand Otto den Barbier des Schlosses, welcher ihn erwartete; er war von dem Grafen geschickt und kam, um ihm die Haare abzuschneiden.
Otto ließ sich diesen Befehl zwei Male wiederholen, denn da er die so lebhaften Erinnerungen seines kürzlichen Glanzes nicht zu verscheuchen vermogte, so wollte er nicht glauben, daß dieser Befehl an ihn gerichtet wäre. Indem er aber darüber nachdachte, sah er ein, daß das, was der Fürst verlangte, ganz natürlich wäre; für den Fürsten war Otto nur ein Schütz, freilich weit geschickter, als die Andern, aber die Geschicklichkeit verleihet den Adel nicht, und die Adligen hatten allein das Recht, lange Haare zu tragen. Otto mußte daher das Schloß verlassen, oder gehorchen.
Die Wichtigkeit, welche die jungen Adeligen damals auf diesen Theil ihres Schmuckes legten, war so groß, daß Otto unschlüssig blieb; es schien ihm, als ob er für seine Ehre und für die seiner Familie eine solche Herabwürdigung nicht dulden dürfte. Außerdem wurde er von dem Augenblicke an, wo er sie erduldet hätte, in den Augen Helenes wahrhaft ein einfacher Schütz, und es war besser, daran zu denken, sich von ihr zu entfernen, als so vor ihr erniedrigt zu werden. Er war mit diesen Betrachtungen beschäftigt, als der Fürst mit seiner Tochter am Arme vorüber kam.
Otto machte eine Bewegung auf den Fürsten zu, und der Fürst, welcher sah, daß der junge Mann ihn spreche n wollte, blieb stehen.
–– Gnädiger Herr, sagte der junge Schütz, verzeiht mir, wenn ich eine solche Frage an Euch zu richten wage; aber ist es wirklich auf Euren Befehl, daß dieser Mann gekommen ist, um mir die Haare abzuschneiden?
–– Ohne Zweifel, antwortete der Fürst erstaunt. Warum das?
–– Weil Eure Gnaden mir Nichts von dieser Bedingung gesagt hat, als sie mir angeboten, Dienste unter ihren Schützen zu nehmen.
–– Ich habe Dir nicht von dieser Bedingung gesprochen, sagte der Fürst, weil ich nicht gedacht habe, daß Du die Hoffnung hättest, einen Schmuck zu behalten, der Deinem Stande nicht zukommt. Bist Du von adliger Abkunft, um wie ein Baron oder wie ein Ritter lange Haare zu tragen?
–– Indessen, sagte der junge Mann, indem er der Frage auswich, wenn ich gewußt hatte, daß Eure Gnaden ein solches Opfer von mir verlangte, so hätte ich vielleicht ihre Anerbietungen ausgeschlagen, wie sehr ich auch gewünscht hätte, sie anzunehmen.
–– Es ist noch Zeit, wieder umzukehren, mein junger Meister, antwortete der Fürst, welcher eine solche Beharrlichkeit von einem Manne aus dem Volke sonderbar zu finden begann. Aber bedenke, daß Dir das nicht zu Vielem dient, und nimm Dich in Acht, daß der erste Lehnsherr, über dessen Gebiet Du kommst, nicht dasselbe von Dir verlangt, ohne Dir dieselbe Entschädigung zu bieten.
–– Für jeden Andern, als Euch, gnädiger Herr, antwortete Otto, indem er mit einem Ausdrucke von Geringschätzung lächelte, der den Fürsten erstaunte und Helene zittern ließ, wäre das ein leichtes, aber schwierig auszuführendes Unternehmen. Ich bin Schütz, und, fuhr er fort, indem er die Hände auf seine Pfeile legte, wie Eure Gnaden sehen kann, trage ich das Leben von zwölf Menschen an meinem Gürtel.
– Die Thore des Schlosses stehen offen, antwortete der Fürst, bleibe oder gehe nach Deinem Willen. Ich habe Nichts an dem Befehle zu ändern, den ich gegeben, entschließe Dich freiwillig. Du kennst jetzt die Bedingungen, und Du wirst nicht sagen können, daß ich Deine Zusage durch List erhalten habe.
–– Ich bin entschlossen, gnädiger Herr, antwortete Otto, indem er sich mit einer mit Würde gemischten Achtung verneigte und diese Worte mit einem Ausdrucke aussprach, welcher bewies, daß sein Entschluß in der That gefaßt wäre.
–– Du gehst? sagte der Fürst.
Otto öffnete den Mund, um zu antworten, bevor aber die Worte aussprach, die ihn für immer von Helenen trennen sollten, wollte er einen letzten Blick auf sie werfen; eine Thräne zitterte in den Augen des jungen Mädchens.
Otto sah diese Thräne.
–– Du gehst? – begann der Fürst ein zweites Mal, erstaunt, so lange auf die Antwort eines seiner Diener zu warten.
–– Nein, gnädiger Herr, ich bleibe, sagte Otto.
–– Es ist gut, sagte der Fürst, ich freue mich, Dich vernünftiger zu sehen.
Und er setzte seinen Weg fort.
Helene antwortete Nichts, aber sie blickte Otto mit einem solchen Ausdrucke von Dankbarkeit an, daß, als der Vater und die Tochter außer seinem Gesichte waren, der junge Mann sich vergnügt nach dem Barbier umwandte, der seine Antwort erwartete.
–– Nun denn, mein Meister, sagte er zu ihm, an's Werk, und indem er ihn in das erste Zimmer schob, das er auf der Gallerie offen fand, setzte er sich und überlieferte seinen Kopf dem armen Barbier, welcher das Werk begann, wegen dessen er beschieden worden war, ohne Etwas von Alle dem zu begreifen, was sich so eben in seiner Gegenwart zugetragen hatte. Er verrichtete es nichts destoweniger mit einer solchen Thätigkeit, daß nach Verlauf eines Augenblickes der Fußboden mit den schönen Haaren bedeckt war, deren blonde und lockige Wellen fünf Minuten zuvor das Gesicht des jungen Mannes mit so vieler Anmuth umgaben.
Otto war allein geblieben, und so groß seine Ergebenheit in die geringsten Befehle Helenens auch war, so vermogte er doch nicht ohne Bedauern die seidigen Locken zu betrachten, mit denen seine Mutter so gern gespielt hatte, als er an dem Ende des Corridors ein leises Geräusch zu hören glaubte; er horchte und erkannte den Schritt des jungen Mädchens. Obgleich das Opfer für sie gebracht worden war, so schämte er sich nun doch, ihr diese seiner Haare beraubte Stirn zu zeigen, und er verbarg sich eiligst in eine Vertiefung, vor welcher ein Vorhang hing. Kaum befand er sich dort, als er Helenen erscheinen sah; sie ging langsam, und wie, als ob sie irgend Etwas gesucht hätte. Als sie vor der Thüre vorüber kam, richteten sich ihre Augen auf den Fußboden. Indem sie nun um sich blickte und sah, daß sie allein wäre, blieb sie einen Augenblick lang stehen, horchte, und durch das Schweigen beruhigt, trat sie dann leise ein, bückte sich immer horchend und um sich blickend, und als sie hierauf eine Locke der Haare des jungen Schützen aufgerafft, verbarg sie dieselbe in ihrem Busen und entfloh.
Was Otto anbetrifft, so war er mit offenem Munde und gefalteten Händen hinter dem Tapetenvorhang auf die Knie gesunken.
Zwei Stunden nachher, und in dem Augenblicke, wo man es am wenigsten erwartete, befahl der Graf von Ravenstein seinem Gefolge, sich bereit zu halten, um am folgenden Morgen mit ihm das Schloß Cleve zu verlassen. Jedermann verwunderte sich über diesen plötzlichen Entschluß, aber noch am selben Abende verbreitete sich unter den Dienern des Fürsten das Gerücht, daß, von ihrem Vater gedrängt, auf die Werbung zu antworten, die an sie gerichtet worden war, die junge Prinzessin erklärt hätte, laß sie es vorziehen würde, eher in ein Kloster zu gehen, als jemals die Gattin des Grafen von Ravenstein zu werden.
VII
Acht Tage nach den Ereignissen, welche wir in unserm letzten Kapitel erzählt haben, und in dem Augenblicke, wo der Fürst Adolph von Cleve sich zu Tisch setzen wollte, meldete man, daß ein Herold des Grafen von Ravenstein als Uberbringer eines Fehdebriefes seines Herrn in den Schloßhof gekommen wäre. Der Fürst wandte sich mit einem Ausdrucke an seine Tochter, in welchem sich auf ernste Weise Zärtlichkeit und Vorwurf vereinigten. Helene erröthete und schlug die Augen nieder; dann, nach einem Augenblicke des Schweigens, befahl der Fürst, daß der Bote eingeführt würde.
Der Herold trat ein; es war ein in die Farben des Grafen gekleideter adliger junger Mann, welcher seine Wappen auf der Brust trug; er verneigte sich tief vor dem Fürsten, und vollzog mit zugleich fester und artiger Stimme seinen Fehdeauftrag. Ohne die Beweggründe seiner Erklärung anzugeben, erklärte der Graf von Ravenstein dem Fürsten Adolph überall die Fehde, wo er ihm begegnen würde, sei er allein, sei es zwanzig gegen zwanzig, sei es Heer gegen Heer, bei Tag oder bei Nacht, auf dem Gebirge oder in der Ebene.
Sitzend und mit bedecktem Haupte hörte der Fürst die Fehdeerklärung des Grafen an, dann, als sie gemacht worden war, stand er auf, nahm von einem Sessel, auf dem er lag, seinen eigenen mit Hermelin ausgeschlagenen Sammetmantel, befestigte ihn auf den Schultern des Herolds, nahm eine goldene Kette von seinem Halse, hing sie um den des Herolds und befahl, daß man ihn Prachtvoll bewirthen sollte, damit, wenn er das Schloß verließ, er sagen könnte, daß bei dem Fürsten Adolph von Cleve ein Fehdebrief wie eine Einladung zum Feste aufgenommen würde.
Unter dieser scheinbaren Ruhe verbarg der Fürst indessen eine unendliche Besorgniß. Er war zu dem Alter gelangt, wo die Rüstung die Schultern des Kriegers zu drücken beginnt. Er hatte weder Sohn, noch Neffen, dem er die Ausstattung seines Streites anvertrauen konnte, nur Freunde, unter denen zu diesen Zeiten der Unruhen jeder entweder für seine eigene Rechnung oder für die Sacke des Kaisers zu thun hatte und verhehlte sich nicht, daß er schwerlich Theilnahme, aber Beistand erlangen würde. Er sandte nichts desto weniger nach allen Seiten Briefe aus, welche sich auf Bündnisse oder auf Freundschaft beriefen. Hierauf beschäftigte er sich thätig damit, seine Veste auszubessern, die schwachen Stellen derselben zu befestigen, und so viel Lebensmittel als möglich in dieselbe zu bringen.
Der Graf von Ravenstein hatte seiner Seits die acht Tasse benutzt, welche er vor seinem Gegner voraus gehabt. Einige Tage nach der empfangenen Botschaft, und bevor die Verbündeten des Fürsten von Cleve Zeit gehabt hatten, zu seinem Beistande herbeizukommen, hörte man daher auch plötzlich eine Stimme, welche zu den Waffen rief. Diese Stimme war die Ottos, der sich als Wache auf den Mauern befand, und der am Horizonte nach der Seite von Niemwegen hin eine Staubwolke erblickt hatte, in welcher Waffen wie Funken in dem Rauche blitzten.
Ohne daß er dachte, daß der Angriff so rasch geschehen würde, hielt sich der Fürst indessen zu jeder Stunde bereit. Er ließ die Thore schließen, die Fallgitter herablassen, und befahl der Besatzung, auf die Wälle zu gehen. Was Helene anbetrifft, so ging sie in die Kapelle der Gräfin Beatrix hinab und begann zu beten.
Als die Schaaren des Grafen von Ravenstein nur noch eine halbe Stunde weit von dem Schlosse entfernt waren, trennte inzwischen sich derselbe Herold, der bereits im Namen seines Herrn gekommen war, von dem Heere, und näherte sich mit einem Trompeter voraus bis an den Fuß der Mauern. Dort angelangt, blies der Trompeter drei Male, und der Herold forderte im Namen des Grafen den Fürsten von Neuem in Person, oder jeden Kämpfer heraus, der an seiner Stelle kämpfen wollte, indem er drei Tage bewilligte, während welcher er jeden Morgen auf die Wiese kommen sollte, welche die Wälle von dem Flusse trennte, um zum Zweikampfe aufzufordern, nach welcher Zeit, wenn seine Herausforderung nicht angenommen wäre, er einen allgemeinen Kampf anbieten würde; hierauf, als diese neue Herausforderung geschehen, näherte er sich bis an das Thor, und nagelte mit seinem Dolche den Handschuh des Grafen an das Eichenbolz.
Statt aller Antwort warf der Fürst den seinigen von der Höhe der Mauer. Hierauf, da die Nacht hereinbrach, trafen Belagerte und Belagerer ihre Anstalten, die einen für den Angriff, die andern zur Vertheitigung.
Von seinem Posten abgelöst, war Otto während dessen, da er sah, daß die Gefahr nicht drohend war, von den Wällen in das Schloß hinabgegangen; denn indem er durch den für die Bogenschützen und die Diener des Fürsten vorbehaltenen Theil des Schlosses ging, ereignete es sich zuweilen, daß er Helene in irgend einem Corridor erblickte. Dann, obgleich sie nicht wußte, daß sie von dem jungen Schützen an dem Tage gesehen worden sei, an welchem sie die Haarlocke aufgerafft, lächelte das junge Mädchen ihm zuweilen zu und erröthete immer. Dann redete sie unter irgend einem Vorwande, aber selten, Otto an; das waren Festtage für das Herz des Schützen, und sobald sie ihn verlassen, verbarg er sich in irgend einem abgelegenen einsamen Winkel des Schlosses, wo er in der Erinnerung die Worte des jungen Burgfräuleins behorchte, und, indem er die Augen schloß, das Lächeln Oder das Erröthen, das sie begleitet hatte, wieder sah.
Dieses Mal war es vergebens, er mogte seine Blicke noch so sehr »n alle Fenster werfen, alle Corridors durchwandern, er sah sie weder, noch begegnete er ihr. Indem er nun ahnete, daß sie in der Schloßkirche betete, ging er in dieselbe hinab; die Kirche war verlassen. Es blieb nur noch die Kapelle der Gräfin Beatrix übrig; aber diese Kapelle war die vorbehaltene Kapelle, und die Diener betraten sie niemals, als wenn sie dorthin berufen wurden.
Otto zögerte einen Augenblick lang, ihr dorthin zu folgen, aber indem er dachte, daß die Wichtigkeit der Umstände ihm zur Entschuldigung dienen könnte, ging er endlich dorthin, wo er sie zu finden hoffte, und als er den Vorhang erhob, welcher vor der Thür herabhing, erblickte er Helene an dem Fuße des Altars knieend.
Otto betrat dieses Betzimmer zum ersten Male; es war eine dunkle und fromme Zufluchtsstätte, in welche das Tageslicht nur durch gemalte Fensterscheiben drang, und in der Alles die Seele zum Gebete stimmte. Eine einzige über dem Altare hängende Lampe brannte vor einem Gemälde, welches wieder dieselbe Sage eines, von einem Schwane gezogenen Ritters Vorstellte; nur war hier das Haupt des Ritters mit einem leuchtenden Heiligenscheine umgeben. und an den beiden Säulen, welche das Gemälde einfaßten, waren auf der einen Seite das Schwert eines Kreuzfahrers aufgehängt, dessen Griff und Scheide von Gold waren, und auf der andern ein mit Perlen und Rubinen eingelegtes Horn von Elfenbein, dann war zwischen den Säulen und über dem Gemälde, wie es noch heut zu Tage Sitte in Deutschland ist, ein, Schild mit einem Helme darüber aufgehängt; das waren derselbe Schild und derselbe Helm, den man auf dem Gemälde sah, und sie waren leicht zu erkennen, denn auf der Leinwand wie auf dem Stahle sah man dasselbe Wappen glänzen; das von Gold war mit einem rothen, mit Dornen gekrönten Kreuze auf einem grünen Berge. Dieses Schwert, dieses Horn, dieser Helm und dieser Schild waren also sehr wahrscheinlicher Weise die des Schwanenritters, und dieser Ritter war ohne allen Zweifel einer jener alten Tapfern, welche an den Kreuzzügen Theil genommen hatten.
Otto näherte sich dem jungen Mädchen vorsichtig; sie betete leise vor dem Ritter, wie sie es vor dem Christusbilde oder vor einem Märtyrer hätte thun können, und hielt in der Hand einen Rosenkranz von mit Perlmutter eingelegten Korallen von Ebenholz, an dessen Ende ein kleines Glöckchen hing, welches keinen Ton von sich gab, da der Klöpfel ohne Zweifel vor Alter herausgefallen, und nicht wieder ersetzt worden war.
Bei dem Geräusche, welches Otto machte, indem er an einen Stuhl stieß, wandte sich das junge Mädchen um, und weit davon entfernt, daß ihr Gesicht irgend einen Groll darüber zeigte, daß man ihr so gefolgt war, blickte sie ihn mit einem traurigen aber freundlichen Lächeln an.
–– Wie Ihr sehet, sagte sie zu ihm, thut jeder von uns, wie es ihm von Gott eingegeben ist. Mein Vater bereitet sich zum Kampfe, und ich bete. Ihr hofft durch Blut zu triumphieren, und ich hoffe durch Thränen zu siegen.
– Und zu welchem Heiligen betet Ihr, antwortete Otto, indem er der Neugierde nachgab, welche ihm der Anblick dieses bald in Stein und bald auf der Leinwand hervorgebrachten Bildes einflößte. Ist es Sankt Michael oder Sankt Georg, sagt mir seinen Namen, damit ich denselben Heiligen anflehen kann, als Ihr.
–– Es ist weder der eine noch der andere, antwortete das junge Mädchen, es ist Rudolph von Alost, und der Maler hat sich geirrt, als er ihn mit dem Heiligenscheine geschmückt, es war die Palme, welche ihm gebührte, denn er war Märtyrer und nicht ein Heiliger.
–– Und dennoch, begann Otto wieder, betet Ihr ihn an, als ob er zur Rechten Gottes säße; was könnt Ihr von ihm hoffen?
–– Ein Wunder gleich dem, welches er für unsere Ahnfrau bei ähnlicher Veranlassung gethan hat. Aber leider ist der Rosenkranz der Gräfin Beatrix jetzt verstummt, und der Klang des geweihten Glöckchens wird nicht zum zweiten Male Rudolph in dem heiligen Lande erwecken.
–– Ich kann weder Furcht noch Hoffnung geben, antwortete Otto, denn ich weiß nicht, was Ihr sagen wollt.
–– Kennt Ihr diese Sage unserer Familie nicht? antwortete Helene.
–– Ich kenne nur das, was ich von ihr sehe; dieser Ritter, welcher in einem, von einem Schwane geführten Nachen über den Rhein fährt, hat ohne Zweifel die Gräfin Beatrix von irgend einer Gefahr befreit.
–– Von einer Gefahr gleich der, welche uns in diesem Augenblicke bedroht, und deshalb bete ich zu ihm. Ich werde Euch diese Geschichte zu einer andern Zeit erzählen, fuhr Helene fort, indem sie aufstand, um sich zu entfernen.
–– Und warum nicht jetzt? antwortete Otto, indem er eine ehrerbietige Bewegung machte, um das junge Mädchen zurückzuhalten. Die Zeit und der Ort sind für eine kriegerische Legende und für eine Heilige Sache gut gewählt.
–– So setzt Euch denn dorthin und hört, antwortete das junge Mädchen, die nichts lieber wünschte, als einen Vorwand zu finden, um mit Otto zusammen zu bleiben.
Otto machte ein Zeichen mit dem Kopfe, welches andeutete, daß er sich des Standesunterschiedes erinnerte, den Helene so gütig sein wollte, zu vergessen, und blieb bei ihr stehen.
–– Ihr wißt, sagte das junge Mädchen, daß Gottfried von Bouillon der Oheim der Prinzessin Beatrix von Cleve, unserer Ahnfrau, war.
–– Ich weiß das, antwortete der junge Mann, indem er sich verneigte.
–– Was Ihr aber nicht wißt, fuhr Helene fort, ist, daß der Fürst Robert von Cleve, welcher die Schwester des Brabanter Helden geheirathet hatte, seinem Schwager auf dem Kreuzzuge zu folgen beschloß, und trotz der Bitten seiner Tochter Beatrix Alles vorbereitete, um diesen frommen Entschluß auszuführen. So fromm er auch sein mogte, so hatte Gottfried dennoch ihn Anfangs von diesem Vorhaben abwendig machen wollen, denn indem er nach Palästina aufbrach, ließ Robert seine einzige, kaum vierzehnjährige Tochter allein und ohne Stütze. Aber Nichts vermogte den alten Krieger zurückzuhalten, und, auf Alles, was man ihm sagen konnte, antwortete er durch den Wahlspruch, den er bereits auf sein Banner gesetzt: – Gott will es!
Gottfried von Bouillon sollte seinen Schwager im Vorbeikommen abholen; der Weg des Kreuzzuges war durch Deutschland und Ungarn vorgeschrieben; außerdem wollte er von seiner jungen Nichte Beatrix Abschied nehmen. Er ließ daher sein Heer, das aus zehn Tausend Reitern und sechzig Tausend Mann Fußvolk bestand, unter den Befehlen seiner Brüder Eustachius und Balduin, indem er ihnen für dieses vorläufige Kommando seinen Freund Rudolph von Alost zugesellte, und fuhr den Rhein von Köln nach Cleve hinab.
Er hatte die junge Beatrix seit sechs Jahren nicht gesehen. Während dieser Zeit war sie vom Kinde zur Jungfrau geworden; man führte überall ihre entstehende Schönheit an, welche in der Folge so wundervoll wurde, daß man noch heut zu Tage, wenn man von einer, in dieser Beziehung vollendeten Frau sprechen will, in der Gegend sagt: – Schön wie die Prinzessin Beatrix.
Gottfried machte neue Versuche bei seinem Schwager, um zu erlangen, daß er bei seinem Kinde bliebe. Aber es war vergebens, der Fürst hatte bereits alle Maßregeln getroffen, um den zukünftigen König von Jerusalem zu begleiten. Ein Knappe Namens Gerhard, berühmt durch seine Stärke und durch seinen Muth, und der das ganze Vertrauen seines Gebieters besaß, wurde von ihm erwählt, die junge Prinzessin zu beschützen, und erhielt zu diesem Zwecke alle Rechte eines Vormundes und alle Gewalt eines Bevollmächtigten.
Was Gottfried anbelangt, der ohne Zweifel in einem Augenblicke der Ahnung alle diese Anordnungen voll Kummer sah, so gab er seiner Nichte als ganzes Geschenk diesen Rosenkranz, welchen ich in der Hand hielt, als Ihr so eben eingetreten seid; er war von Peter dem Eremiten selbst aus Palästina zurückgebracht worden; er hatte das heilige Grab unseres Heilandes berührt, und war von dem ehrwürdigen Vater Guardian des heiligen Grabes geweiht worden. Peter der Eremit hatte ihn Gottfried von Bouillon als einen heiligen Talisman geschenkt, der Wunder verrichtende Eigenschaften besäße, und Gottfried versicherte dem jungen Mädchen, daß, wenn irgend eine Gefahr sie bedrohte, sie nur diesen Rosenkranz zu nehmen und mit ihm ihr Gebet mit frommem und inbrünstigem Herzen zu verrichten hätte, und daß er dann, wo er auch sein mögte, den Klang des daran befestigten Glöckchens hören würde, wäre er von ihr auch durch Berge und Meere getrennt. Beatrix empfing voll Dankbarkeit den kostbaren Rosenkranz, dessen Kräfte ihr Vater, ihr Oheim und sie allein kannten, und bat den Fürsten um die Erlaubniß, eine Kapelle zu stiften, welche in ihrem Kästchen von Marmor ein so reiches Kleinod auf eine würdige Weise einschließen würde. Ich habe nicht nöthig, Euch zu sagen, daß ihr diese Bitte bewilligt wurde.
Die Kreuzfahrer brachen auf. Eine Inschrift, welche Ihr an dem Thore des Schlosses sehen werdet, und von der man sagt, daß sie von der Hand Gottfrieds selbst eingegraben sei, deutet an, daß es der 3. September des Jahres l096 war. Sie zogen friedlich und ohne Widerstand durch Deutschland und durch Ungarn, erreichten die Gränzen des griechischen Kaiserreiches, und nachdem sie sich einige Zeit lang in Constantinopel aufgehalten, zogen sie in Bithynien ein. Sie begaben sich nach Nicäa und man konnte sich über den Weg nicht mehr irren, denn der Weg war durch die Gebeine zweier Heere angedeutet, die ihnen vorausgegangen waren, das eine unter der Anführung Peter des Eremiten und das andere unter der Walters des Habenichts.
Sie langten vor Nicäa an. Ihr kennt die Umstände dieser Belagerung. Bei dem dritten Sturme wurde der Fürst Robert von Cleve getödtet. Diese Nachricht brauchte sechs Monate, hierher zu gelangen, und die junge Prinzessin Beatrix in Trauer zu hüllen.
Das Heer setzte seinen Weg fort, indem es unter solchen Beschwerden und solchen Leiden nach Süden zog, daß die Kreuzfahrer bei jeder Stadt, welche sie erblickten, fragten, ob das nicht endlich die Stadt Jerusalem wäre, wohin sie gingen. Endlich wurde die Hitze so glühend, daß die Hunde der Heerführer an der Leine und die Falken auf der Faust starben. Bei einem einzigen Halte starben, wie man sagt, fünf Hundert Personen durch den großen Durst, den sie empfanden, und den sie nicht zu stillen vermogten. Gott sei ihren Seelen gnädig.
Während dieses ganzen langen und schmerzlichen Zuges stiegen in den unglücklichen Kreuzfahrern die Erinnerungen des Abendlandes weit frischer und weit theurer als jemals wieder auf. Sie waren bei Gottfried durch den Tod seines Schwagers, Roberts von Cleve, wieder belebt worden. Es verflossen daher auch wenige Tage, ohne daß der christliche Feldherr seinem jungen Freunde, Robert von Alost, von seiner liebenswürdigen Nichte Beatrix erzählte. Gewiß, daß sie ohne seine Erlaubniß nicht über ihre Hand verfügen würde, hatte er die Hoffnung, wenn das fromme Unternehmen ihn nicht für eine zu lange Zeit an Palästina fesseln würde, Rudolph mit Beatrix zu verbinden, und er hatte so oft und so warm mit dem jungen Krieger von ihr gesprochen, daß dieser nach dem Bilde, welches er ihm von ihr entworfen, verliebt in sie geworden war, und daß, wenn Gottfried zufällig einen Tag lang nicht mit Rudolph von Beatrix sprach, Rudolph davon mit Gottfried zu sprechen begann.
Endlich gelangte man vor Antiochien an. Nach einer Belagerung von sechs Monaten wurde die Stadt genommen; aber auf die Märsche unter einer glühenden Sonne, auf den Durst in der Wüste, folgte bald eine Nicht minder schreckliche Geißel, der Hunger. Es war keine Möglichkeit, länger in dieser Stadt zu bleiben, nach der man sich wie nach einen Hafen gesehnt hatte. Jerusalem war nicht allein ein Ziel, sondern auch noch eine Nothwendigkeit geworden. Die Kreuzfahrer verließen Antiochien, indem sie den Psalm sangen: Der Herr wolle sich erheben und seine Feinde mögen zerstreut sein, und zogen gegen Jerusalem, das sie endlich erblickten, als sie auf der Höhe von Emmaus anlangten. Sie waren nur vierzig Tausend von den neun Mal Hundert Tausend, die aufgebrochen waren.
Am folgenden Tage begann die Belagerung; drei Stürme folgten auf einander ohne Resultat; der letzte dauerte seit drei Tagen, als endlich am Freitage, dem l5. Juli 1099, an dem Tage und der Stunde selbst, an welchen Jesus Christus gekreuzigt wurde, zwei Männer die Höhe der Wälle erreichten. Aber der Eine von ihnen fiel, und der Andere blieb stehen, der, welcher stehen blieb, war Gottfried von Bouillon, und der, welcher fiel-, Rudolph von Alost, Beatrix Verlobter. Und der goldige Traum des Siegers war verschwunden.
Gottfried von Bouillon wurde zum Könige erwählt, ohne daß er indessen aufhörte, Krieger zu sein. Bei der Rückkehr von dem Feldzuge gegen den Sultan von Damascus kam der Emir von Caesarea zu ihm, und überreichte ihm Früchte von Palästina. Gottfried nahm einen Cedernapfel und aß ihn. Vier Tage nachher, am 18. Juli des Jahres 1100 verschied er nach elf Monate der Regierung und vier Jahren der Abwesenheit.
Er verlangte, daß sein Grabmal neben dem seines jungen Freundes Rudolph von Alost errichtet würde, und sein letzter Wille wurde ausgeführt.
VIII
Diese Nachrichten verbreiteten sich eine nach der andern in dem Abendlande, und von alle den Echos, welche sie erweckten, war das schmerzlichste das, welches in Beatrix Herzen weinte; sie hatte nach der Reihe den Tod des Fürsten von Cleve, ihres Vaters, den Rudolphs von Most, ihres Verlobten, und den Gottfrieds von Bouillon, ihres Oheims erfahren. Die am Mindesten schmerzliche von diesen drei Nachrichten war die von dem Tode Rudolphs, den sie nicht gekannt hatte; aber die beiden andern Todesfälle machten sie zwei Male zur Waise, indem sie Gottfried von Bouillon verlor, glaubte sie einen zweiten Vater zu verlieren.
Ein neuer Schmerz vereinigte sich mit diesem; während der fünf Jahre, welche seit dem Aufbruche zum Kreuzzuge bis zu dem Tode Gottfrieds verflossen waren, hatte Beatrix an Schönheit zugenommen; sie war jetzt eine anmutige Jungfrau von neunzehn Jahren, und sie hatte bemerkt, daß dieser Knappe, dem sie anvertraut worden war, nicht gleichgültig gegen das Gefühl war, das sie Allen denen einflößte, welche ihr nahten. So lange ihr indessen ein Vertheidiger geblieben, hatte Gerhard seine Liebe in seiner Seele verschlossen; sobald er aber sah, daß Beatrix Waise und ohne Stütze war, wurde er in dem Grade kühn, ihr seine Liebe zu erklären. Beatrix nahm dieses Geständniß auf, wie die Tochter eines Fürsten es aufnehmen mußte; aber Gerhard hatte, bevor er die Maske ablegte, seinen Entschluß gefaßt; er antwortete dem jungen Mädchen, daß er ihr ein Jahr und einen Tag für ihre Trauer bewillige, daß sie aber, wenn diese Zeit verflossen, sich vorzubereiten hätte, ihn als Gatten anzunehmen. Es war eine gänzliche Umgestaltung eingetreten; der Diener sprach als Herr. Beatrix war schwach, allein stehend und ohne Vertheidigung; es konnte ihr keine Hilfe von den Menschen kommen, sie flüchtete sich zu Gott, und Gott sandte ihr, wo nicht Hoffnung, doch zum Mindesten Ergebung. Was Gerhard anbelangt, so ließ er noch am selben Tage die Thore des Schlosses verschließen, und stellte an jedes eine doppelte Wache, aus Furcht, daß Beatrix zu entfliehen versuchen mögte.
Ihr erinnert Euch, daß Beatrix diese Kapelle hatte bauen lassen, um in ihr den wunderthätigen Rosenkranz einzuschließen, den ihr ihr Oheim geschenkt hatte. Wenn Gottfried noch gelebt hätte, so wäre sie ohne Furcht gewesen, denn ihr Herz war voll Glauben, und er hatte ihr gesagt, daß, an welchem Orte, durch Berge oder durch Meere von ihr getrennt, er auch sein mögte, er den Klang des heiligen Glöckchens hören und ihr zu Hilfe kommen würde; aber Gottfried war todt, und das Glöckchen mogte bei jedem Vater Unser noch so sehr läuten, es war keine Hoffnung mehr vorhanden, daß dieser Klang ihr einen Vertheidiger zuführe.
Die Tage verflossen, dann die Monate, endlich das Jahr; Gerhard hatte in seiner Aufsicht keinen Augenblick lang nachgelassen, so daß Niemand die äußerste Gefahr kannte, in welche Beatrix versunken war. Außerdem befand sich zu jener Zeit die Blüthe des Adels im Morgenlande, und kaum blieben an den Ufern des Rheines zwei bis drei Ritter, welche, so sehr waren die Stärke und der Muth Gerhards bekannt, es gewagt hätten, die Vertheidigung der schönen Gefangenen zu übernehmen.
Der letzte Tag war angebrochen. Beatrix hatte ihrer Gewohnheit nach ihr Gebet beendigt; die Sonne war glänzend und rein, wie, als ob ihr himmlisches Licht nur Glück beleuchtete. Das junge Mädchen setzte sich auf ihren Balkon, und dort richteten sich ihre Augen nach dem Orte des Ufers, wo sie ihren Vater und ihren Oheim aus dem Gesicht verloren hatte. An demselben, gewöhnlich einsamen Orte, schien es ihr, als ob sie einen beweglichen Punkt bemerkte, dessen Gestalt sie wegen der Entfernung nicht zu erkennen vermogte; aber, wie seltsam, von dem Augenblicke an, wo sie ihn erblickt hatte, schien es ihr, als ob dieser Punkt sich für sie bewege, und mit jenem Aberglauben, den die Betrübten allein haben, setzte sie alle ihn Hoffnung, ohne zu wissen, welche Hoffnung ihr noch übrig bleiben konnte, auf diesen unbekannten Punkt, der in dem Maaße, als er den Rhein hinabkam, eine Gestalt anzunehmen begann. Beatrix Augen waren mit so vieler Beharrlichkeit auf ihn geheftet, daß mehr noch die Ermüdung, als der Schmerz, sie Thränen vergießen ließ. Einige Augenblicke nachher sah sie, daß dieser Nachen von einem Schwane geführt und von einem Ritter besetzt war, der das Gesicht nach ihr gewandt, wie sie selbst ihr Gesicht nach ihm gewandt hatte, auf dem Vordertheile stand, während an dem Hintertheile ein für den Krieg geharnischtes Pferd wieherte. In dem Maaße, als der Nachen näher kam, wurden die einzelnen Umstände sichtbar; der Schwan war mit goldenen Ketten an den Nachen gespannt, der Ritter war vollständig gerüstet, mit Ausnahme seines Helmes und seines Schildes, welche neben ihm lagen, so daß es bald leicht zu sehen war, daß es ein schöner junger Mann von fünf und zwanzig bis acht und zwanzig Jahren mit von der Sonne des Morgenlandes verbrannter Haut war, dessen blonde und wallende Haare aber den nordischen Ursprung verriethen. Beatrix war so sehr in die Beschauung versunken, daß sie nicht gesehen hatte, wie sich die Wälle mit Kriegern füllten, die, wie sie, durch dieses seltsame Schauspiel herbeigezogen waren. Und diese Aufmerksamkeit war um so größer, als man sich jetzt nicht mehr darüber täuschen konnte, daß das Schiff wirklich gerade auf das Schloß zu kam; denn sobald es ihm gegenüber war, ging der Schwan auf das Land, der Ritter bedeckte sich das Haupt mit seinem Helme, steckte das Schild an den linken Arm, zog sein Pferd nach sich, schwang sich auf den Sattel, und indem er dem gehorsamen Vogel einen Wink mit der Hand gab, ritt er auf das Schloß zu, während das Schiff stromaufwärts den Weg wieder einschlug, den es im Hinabfahren eingeschlagen hatte.
Fünfzig Schritte weit von dem Hauptthore angelangt, ergriff der Ritter ein Horn von Elfenbein, das er über die Achseln trug, und indem er es an seine Lippe setzte, that er in dasselbe drei lange und anhaltende Stöße, wie um Schweigen zu gebieten, dann rief er mit starker Stimme aus:
–– Ich, Streiter des Himmels und Edler der Erde, gebieten Dir, Gerhard, Burgvogt des Schlosses, im Namen der göttlichen und menschlichen Gesetze, auf Deine Ansprüche auf die Hand der Prinzessin Beatrix zu verzichten, welche Du trotz ihrer Geburt und ihres Ranges als Gefangene hältst, und augenblicklich dieses Schloß zu verlassen, in das Du als Diener eingetreten bist, und in welchem Du als Herr zu gebieten wagst; widrigenfalls wir Dich auf Leben und Tod, auf Lanze und auf Schwert, auf Axt und auf Dolch, wie einen Verräther und Treulosen herausfordere, der Du bist, was wir Dir mit Hilfe Gottes und unserer Frau vom Berge Carmel beweisen werden, zum Zeichen dessen hier unser Handschuh ist.
Nun zog der Ritter seinen Handschuh aus, den er auf den Boden warf, und man sah an dem einen seiner Finger den Diamant glänzen, den Ihr an der Hand meines Vaters habt bemerken müssen, und der so schön ist, daß er für sich allein so viel als die Hälfte einer Grafschaft werth ist.
Gerhard war tapfer; statt aller Antwort ging daher auch das Hauptthor auf. Ein Page trat heraus, der den Handschuh aufraffte, und hinter dem Pagen kam der Burgvogt in seiner Kriegsrüstung und auf einem Schlachtpferde reitend.
Nicht ein Wort wurde zwischen den beiden Gegnern gewechselt. Der unbekannte Ritter schlug das Visir seines Helmes herab, Gerhard machte es eben so. Die beiden Kämpen nahmen jeder ihrer Seits den Raum, den sie für nothwendig hielten, legten ihre Lanzen auf, und sprengten dann im Galopp gegen einander an.
Gerhard galt, wie ich Euch gesagt, für einen der stärksten und tapfersten Männer Deutschlands. Er trug einen von dem besten Waffenschmiede Kölns angefertigten Panzer. Das Eisen seiner Lanze war in dem Blute eines durch Hunde zerrissenen Stieres in dem Augenblicke gestählt worden, wo dieses Blut noch von den letzten Todeskämpfen des Thieres kochte, und dennoch zersplitterte seine Lanze wie Glas an dem Schilde des Ritters, während die Lanze des Ritters mit demselben Stoße den Schild, den Panzer und das Herz seines Gegners durchbohrte. Gerhard fiel ohne ein einziges Wort auszusprechen, ohne Zeit zur Reue zu haben, und wie, als ob er vom Blitze zerschmettert worden wäre; der Ritter wandte sich nach Beatrix um; sie lag auf den Knieen und dankte Gott.
Der Kampf war so kurz gewesen, und die ihm folgende Bestürzung war so groß, daß die Krieger Gerhards, als sie ihren Herrn fallen sahen, nicht einmal daran gedacht hatten, das Thor des Schlosses zu verschließen. Der Ritter ritt daher ohne Widerstand in den ersten Hof, stieg ab, hing den Zügel seines Pferdes an einen eisernen Hacken, und schritt auf die Freitreppe zu; in dem Augenblicke, wo er den Fuß auf die erste Stufe setzte, erschien Beatrix auf der letzten; sie kam ihrem Befreier entgegen.
–– Dieses Schloß ist das Eure Ritter, sagte sie zu ihm, denn Ihr habt es erobert. Betrachtet es daher als das Eure. Je länger Ihr es bewohnen werdet, desto größer wird meine Dankbarkeit sein.
–– Fräulein, antwortete der Ritter, nicht mir müßt Ihr danken, sondern Gott, der mich zu Eurem Beistande sendet. Was dieses Schloß anbelangt, so ist es die Wohnung Eurer Väter seit zehn Jahrhunderten, und ich wünsche, daß es noch zehn Jahrhunderte lang die Eurer Nachkommen sein möge.
Beatrix erröthete, denn sie war die Letzte ihrer Familie.
Der Ritter hatte indessen die angebotene Gastfreundschaft angenommen; er war jung, er war schön. Beatrix war allein und Herrin ihres Herzens. Nach Verlauf von drei Monaten wurden die beiden jungen Leute gewahr, daß zwischen ihnen auf der einen Seite mehr als Freundschaft, und auf der andern mehr als Dankbarkeit obwalte. Der Ritter sprach von Liebe, und da er von hoher Geburt schien, obgleich man weder Güter noch eine Grafschaft kannte, welche ihm gehörten, so bot ihm dennoch Beatrix, welche für beide genug reich und glücklich war. Etwas für denjenigen zu thun, der so viel für sie gethan hatte, mit ihrer Hand dieses Fürstenthum an, das er ihr auf eine so muthige und besonders so unerwartete Weise erhalten hatte. Der Ritter sank Beatrix zu Füßen; das junge Mädchen wollte ihn wieder aufheben.
–– Verzeiht, Fräulein, sagte der Ritter, denn da ich Eurer Nachsicht bedarf, so werde ich so bleiben, bis daß ich sie erlange.
–– Sprecht, antwortete Beatrix. Ich höre Euch, im Voraus bereit zu gehorchen, als ob Ihr schon mein Herr und Gebieter wäret.
–– Ach! sagte der Ritter, es wird Euch ohne Zweifel sonderbar erscheinen, daß, ein so großes Glück von Euch empfangend, ich es nur unter einer Bedingung annehmen kann.
–– Sie ist bewilligt, antwortete Beatrix. Jetzt, worin besteht sie?
–– Daß Ihr mich niemals weder um meinen Namen, noch woher ich komme, noch woher ich die Gefahr erfahren hatte, von der Ihr bedroht waret, befragt, denn, wenn Ihr mich darnach früget, so liebe ich Euch zu sehr, als daß ich den Muth haben würde, Euch die Antwort zu verweigern, und sobald ich sie Euch gegeben, würde ich nicht mehr bei Euch bleiben können und wir würden für immer getrennt sein. Das ist das Gesetz, welches mir von der Macht auferlegt ist, die mich über Berge, Ebenen und Meere während der langen Reise geleitet hat, die ich gemacht habe, um Euch zu befreien.
–– Was liegt an Eurem Namen? Was liegt daran, woher Ihr kommt? Was liegt daran, wer Euch gesagt hat, daß ich in Gefahr war? Ich gebe die Vergangenheit für die Zukunft auf. Euer Name ist der Schwanenritter. Ihr kamt aus einem gesegneten Lande, und Gott ist es, der Euch sandte. Was brauche ich mehr zu wissen? Hier ist meine Hand.
Der Ritter küßte sie voll Entzücken, und einen Monat nachher vereinigte sie der Kaplan in derselben Kapelle, in welcher Beatrix in der Furcht einer anderen Ehe ein Jahr und einen Tag lang so viel gebetet und so viel geweint hatte.
Der Himmel segnete diese Verbindung; in drei Jahren machte Beatrix den Ritter zum Vater dreier Söhne, welche Robert, Gottfried und Rudolph genannt wurden. Dann verflossen noch drei Jahre in der vollkommensten Einigkeit und in einem Glücke, das einer andern Welt, als dieser, anzugehören schien.
–– Meine Mutter, sagte eines Tages der junge Robert, als er in das Schloß zurückkehrte, sag' mir doch den Namen meines Vaters.
–– Und warum das? antwortete die Mutter erbebend.
–– Weil der Sohn des Barons von Aspern mich darum fragt.
–– Dein Vater nennt sich der Schwanenritter, sagte Beatrix, und hat keinen andern Namen.
Das Kind begnügte sich mit dieser Antwort und kehrte zurück, um mit seinen jungen Freunden zu spielen. Es verfloß noch ein Jahr, nicht mehr in dem Entzücken des Glückes, welches die ersten begleitet hatte, aber in jener süßen Ruhe, welche die Einigkeit der Seelen verkündet.
–– Meine Mutter, sagte eines Tages der junge Gottfried, woher kam mein Vater, als er in einem, von einem Schwane gezogenen Schiffe in dieses Land gekommen ist?
–– Und warum das? antwortete die Mutter seufzend.
–– Weil der Sohn des Grafen von Megen mich darum gefragt hat.
–– Er kam aus einem fernen und unbekannten Lande, das ist Alles, was ich weiß.
Diese Antwort genügte dem Knaben, der sie seinem jungen Gefährten überbrachte, und fortfuhr, mit der sorglosen Gleichgültigkeit seines Alters an den Ufern des Flusses zu spielen.
Es verfloß wieder ein Jahr, während dessen der Ritter Beatrix mehr als einmal tiefsinnig und besorgt überraschte; er schien es indessen nicht zu bemerken und verdoppelte seine Aufmerksamkeiten und seine Liebkosungen für sie.
–– Meine Mutter, sagte eines Tages der junge Rudolph, wer hatte meinem Vater, als er Dich von diesem bösen Gerhard befreite, gesagt, daß Du Hilfe bedürftest?
–– Und warum das? antwortete die Mutter weinend.
–– Weil der Sohn des Markgrafen von Gorkum mich darum gefragt hat.
–– Gott, antwortete die Mutter, der die sieht, welche leiden, und der ihnen seine Engel sendet, um ihnen beizustehen.
Der Knabe verlangte nicht mehr, man hatte ihn daran gewöhnt, Gott als einen Vater anzusehen, und er verwunderte sich nicht, daß ein Vater für sein Kind das thäte, was Gott für seine Mutter gethan hatte.
Aber die Fürstin Beatrix betrachtete die Sachen anders; sie hatte überlegt, daß der erste Schatz der Söhne der Name ihres Vaters wäre. Nun aber waren ihre drei Söhne ohne Namen. Oft würde die Frage, welche jeder von ihnen an sie gerichtet, ihnen von Männern wiederholt werden, und sie konnten Männern nicht das antworten, was sie Kindern geantwortet hatten. Sie versank daher in eine unendliche und dauernde Traurigkeit, denn, was auch geschehen mögte, sie war entschlossen, von dem Gatten ins Geheimniß zu verlangen, das sie versprochen hatte, niemals zu verlangen.
Der Ritter sah diese zunehmende Schwermuth und errieth deren Ursache. Bei dem Anblicke der so unglücklichen Beatrix stand er mehr als ein Mal auf dem Punkte, ihr Alles zu sagen, aber jedes Mal wurde er von dem schrecklichen Gedanken zurückgehalten, daß dieser Mittheilung eine ewige Trennung folge.
Eidlich vermogte Beatrix nicht länger zu widerstehen, sie suchte den Ritter auf, und indem sie vor ihm auf die Kniee sank, bat sie ihn im Namen ihrer Kinder, ihr zu sagen, wer er wäre, woher er käme und wer ihn gesandt hätte.
Der Ritter erbleichte, wie, als ob er dem Sterben nahe wäre, indem er hierauf seine Lippen auf Beatrix Stirn drückte und ihr einen Kuß gab, flüsterte er seufzend:
–– Ach! Es mußte so kommen, heute Abend werde ich Dir Alles sagen.
IX
»Es war ungefähr sechs Uhr Abends, als der Ritter und seine Gattin sich auf den Balkon setzten. Beatrix schien beklommen und verlegen, der Ritter war traurig. Beide blieben einige Augenblicke lang schweigend, und ihre Blicke richteten sich instinctmäßig nach dem Orte, wo der Ritter an dem Tage seines Kampfes mit Gerhard erschienen war. Derselbe Punkt ließ sich auf derselben Stelle erblicken. Beatrix erbebte, der Ritter seufzte. Derselbe Eindruck, der zu gleicher Zeit ihre beiden Seelen traf, führte sie zu einander zurück; ihre Augen begegneten sich. Die des Ritters waren feucht und drückten ein Gefühl so unendlicher Traurigkeit aus, daß Beatrix es nicht zu ertragen vermogte und auf die Knie sank.
–– O! nein! nein! mein Freund, sagte sie zu ihm, kein Wort von diesem Geheimnisse, das uns so theuer zu stehen kommen soll. Vergiß die Frage, welche ich an Dich gestellt, und wenn Du unsern Söhnen keinen Namen hinterläßt, so werden sie tapfer sein, wie ihr Vater, und sich einen machen.
–– Höre, Beatrix, antwortete der Ritter, Alles ist von dem Herrn vorausgesehen, und da er zugelassen hat, daß Du die Frage an mich stelltest, welche Du an mich gerichtet hast, so ist das ein Beweis, daß meine Stunde gekommen ist. Ich habe neun Jahre bei Dir zugebracht, neun Jahre eines Glückes, das nicht für diese Welt gemacht war; das ist mehr, als je ein Mensch erlangt bat. Danke Gott, wie ich es thue, und höre, was ich Dir sagen werde.
–– Nicht ein Wort, nicht ein Wort! rief Beatrix aus, nicht ein Wort, ich bitte Dich inständigst.
Der Ritter streckte die Hand nach dem Punkte aus, welcher seit einigen Minuten weit deutlicher zu werden begann, und Beatrix erkannte das von dem Schwane gezogene Schiff.
–– Du siehst wohl, daß es Zeit ist, sagte er; so höre denn, was zu erfahren Du so lange Zeit den geheimen Wunsch gehabt hast, und was ich Dir von dem Augenblicke an mittheilen muß, wo Du mich darum gefragt hast.
Beatrix ließ schluchzend ihr Haupt auf den Schooß des Ritters sinken. Dieser blickte sie mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke von Traurigkeit und von Liebe an, und indem er die Hände auf ihre Schultern sinken ließ, sagte er zu ihr:
–– Ich bin der Waffengefährte Deines Vaters, Robert von Cleve, der Freund Deines Oheims, Gottfried von Bouillon. Ich bin der bei der Belagerung von Jerusalem getödtete Graf Rudolph von Alost.
Beatrix stieß einen Schrei aus, erhob ihr erbleichtes Haupt wieder, und heftete auf den Ritter erschreckte und scheue Augen; sie wollte sprechen, aber ihre Stimme vermogte nur undeutliche Töne gleich denen hervorzubringen, welche man während eines Traumes entschlüpfen läßt.
–– Ja, fuhr der Ritter fort, ich weiß, daß das, was ich Dir sage, unerhört ist. Aber erinnere Dich», Beatrix, daß ich auf der Erde der Wunder gefallen war. Der Herr that für mich, was er für die Tochter des Jairus und den Bruder der Magdalena that. Das ist Alles!
–– Ach! mein Gott! mein Gott! rief Beatrix aus, indem sie sich wieder auf ihre Knie erhob, was Ihr da sagt, ist nicht möglich!
–– Ich hielt Dich für gläubiger, Beatrix, antwortete der Ritter.
–– Ihr seid Rudolph von Alost? murmelte die Fürstin.
–– Er selbst. Wie Du weißt, hatte Gottfried mir, wie seinen beiden Brüdern die Anführung des Heeres über, lassen, um Deinen Vater abzuholen. Als er zu uns zurückkehrte, war er der Maaßen entzückt über Deine junge Schönheit, daß er während des ganzen Weges nur von Dir sprach. Wenn Gottfried Dich wie eine Tochter liebte, so kann ich sagen, daß er mich wie einen Sohn liebte; von dem Augenblicke an, wo er Dich wieder gesehen, hatte sich daher auch nur ein einziger Gedanke seiner bemächtigt, nämlich der uns mit einander zu verbinden. Ich war damals zwanzig Jahre, meine Seele war rein wie die einer Jungfrau. Das Bild, welches er mir von Dir entwarf, entflammte mein Herz, und bald liebte ich Dich eben so glühend, als ob ich Dich seit meiner Kindheit gekannt hatte. Alles war so fest unter uns abgemacht, daß er mich nur noch seinen Neffen nannte.
Dein Vater wurde getödtet; ich beweinte ihn, wie als ob er mein Vater gewesen wäre. Sterbend gab er mir seinen Segen und erneuerte mir seine Einwilligung. Von nun an betrachtete ich Dick als die Meinige; Dein unbekanntes, aber immer gegenwärtiges Andenken erglühte in Mitte aller meiner Gedanken; Dein Name mischte sich in alle meine Gebete.
Wir langten vor Jerusalem an; während dreier Stürme wurden wir zurückgeschlagen; der letzte dauerte sechzig Stunden. Man mußte für immer auf die heilige Stadt verzichten, oder sie dieses Mal erobern. Gottfried befahl einen letzten Angriff. Wir übernahmen mit einander die Führung eines Haufens, wir zogen voraus; wir stellten zwei Leitern auf, und erstiegen sie neben einander; endlich berührten wir die Höhe des Walles; ich erhob den Arm, um eine Zinne zu ergreifen, als ich das Eisen einer Lanze glänzen sah, ein stechender Schmerz folgte dieser Art von Blitz, ein eisiger Schauder überlief meinen ganzen Körper. Ich sprach Deinen Namen aus, dann fiel ich, ohne mehr Etwas zu fühlen noch zu sehen, rücklings zu Boden, ich war getödtet.
Ich habe keinen Begriff von der Zeit, in welcher ich in diesem Schlaf ohne Traum versenkt blieb, den man den Tod nennt. Endlich schien es mir eines Tages, als ob ich eine Hand fühle, welche sich auf meine Schulter legte; ich glaubte dunkel, daß der Tag von Josaphaot angebrochen wäre. Ein Finger berührte meine Augenlider, ich schlug die Augen auf, ich lag in einem Grabe, dessen Teckel sich von selbst erhoben hielt, und vor mir stand ein Mann, den ich für Gottfried erkannte, obgleich er einen Purpurmantel auf den Schultern, eine Krone auf dem Haupte und einen Heiligenschein um die Stirn trug; er neigte sich zu mir, hauchte mir auf den Mund, und ich fühlte Leben und Gefühl in meine Brust zurückkehren. Dennoch schien es mir, als ob ich noch mit eisernen Klammern an das Grab gefesselt wäre. Ich wollte sprechen, aber meine Lippen bewegten sich, ohne irgend einen Ton hervorzubringen.
–– Erwache, Rudolph, der Herr erlaubt es, sagte Gottfried, und höre, was ich Dir sagen will.
Ich machte nun eine übermenschliche Anstrengung, in welcher sich alle entstehenden Kräfte meines neuen Lebens vereinigten, und ich sprach Deinen Namen aus.
–– Sie ist es, von der ich Dir zu sprechen komme, sagte Gottfried zu mir.
–– Aber, unterbrach ihn Beatrix, Gottfried war gleichfalls todt!
–– Ja, antwortete Rudolph höre was geschehen war.
Gottfried war vergiftet gestorben und hatte vor seinem Tode verlangt, daß sein Leib neben dem meinigen ruhe; sein Wille war befolgt, und er war in seinem königlichen Kostüm begraben worden; nur hatte Gott dem Purpurmantel und dem Diademe eine Glorie hinzugefügt. Gottfried erzählte mir das, was sich seit meinem eigenen Tode zugetragen hatte, und was ich dem zu Folge nicht wissen konnte.
– Und Beatrix? sagte ich zu ihm.
–– Da sind wir jetzt auf das gekommen, was sie angeht, antwortete er mir. Ich schlief also wie Du in meinem Grabe in der Erwartung der Stunde des Gerichts, als es mir allmählig schien, daß ich wieder zur Besinnung und zum Leben zurückkehrte, wie als ob ich aus einem tiefen Schlafe erwachte. Der erste Sinn, der in mir erwachte, war der des Gehöres. Ich glaubte, den Klang eines kleinen Glöckchens zu hören, und in dem Maaße, als das Leben in mir zurückkehrte, wurde der Schall weit deutlicher. Bald erkannte ich ihn als den des Glöckchens, welches ich Beatrix geschenkt hatte. Zu gleicher Zeit kehrte mir das Gedächtniß zurück, und ich erinnerte mich der wunderthätigen Eigenschaft, welche der von Peter dem Eremiten zurückgebrachte Rosenkranz besaß. Beatrix war in Gefahr, und der Herr hatte zugelassen, daß der Klang des geweihten Glöckchens bis in mein Grab drang, und mich selbst in dem Arme des Todes erwecke.
Ich schlug die Augen auf und ich befand mich in der Finsterniß. Eine schreckliche Furcht bemächtigte sich nun meiner; da ich kein Bewußtsein von der verflossenen Zeit hatte, so glaubte ich, lebendig begraben worden zu sein; aber im selben Augenblicke erfüllte ein Geruch von Weihrauch das Gewölbe. Ich hörte himmlische Gesinge, zwei Engel hoben den Stein meines Grabes auf, und ich erblickte Christus, der neben seiner heiligen Mutter auf einem Wolkenthrone saß.
Ich wollte niederknien, aber ich vermogte keine Bewegung zu machen.
Indessen fühlte ich die Bande sich entfesseln, welche meine Zunge zurückhielten, und ich rief aus: – Herr! Herr! Dein heiliger Name sei gepriesen!
Christus öffnete nun auch den Mund, und seine Wort gelangten lieblich wie Gesang zu mir.
–– Gottfried, mein edler und frommer Diener, hörst Du Nichts? sagte er zu mir.
–– Ach! Herr Jesus, antwortete ich, ich höre den Ton des heiligen Glöckchens, welches mir meldet, daß die, deren Vater für Dich gestorben, deren Verlobter für Dich gestorben und deren Oheim für Dich gestorben, in diesem Augenblicke in Gefahr ist, und nur noch Dich zu ihrem Beistande hat.
–– Wohlan! was kann ich für Dich thun? sagte Christus. Ich, bin der vergeltende Gott, fordere, und was Du von mir fordern wirst, soll Dir bewilligt werden.
–– O! Herr Jesus! antwortete ich, ich habe Nichts für mich selbst zu fordern, denn Du hast mehr für mich gethan, als für irgend einen andern Menschen. Du hast mich erkoren, um den Kreuzzug zu führen und die heilige Stadt zu befreien. Du hast mir dort die goldene Krone gegeben, wo Du die Dornenkrone trügest, und Du hast gestattet, daß ich in Deiner Gnade stürbe. Ich habe also Nichts von Dir zu fordern, gnädiger Herr Jesus! besonders jetzt, wo ich mit meinen sterblichen Augen Deine Göttlichkeit geschaut habe.
–– Habe ich Dir nicht gesagt, daß das, was Du fordern würdest, Dir bewilligt sein sollte? Solltest Du, nach dem Du während Deines Lebens an mein Wort geglaubt, nach Deinem Tode an meinem Werte zweifeln?
–– Wohlan! gnädiger Herr Jesus! antwortete ich ihm, Du, der Du auf dem Grunde des Herzens der Menschen liest, Du weißt, mit welchem Bedauern ich gestorben bin; vier Jahre lang hatte ich eine sehr süße Hoffnung genährt; nämlich den, welchen ich wie einen Bruder liebte, mit der zu verbinden, die ich wie eine Tochter liebe; der Tod hat sie getrennt. Rudolph von Alost ist für Deine heilige Sache gestorben. Nun denn! gnädiger Herr Jesus, gib ihm die Tage zurück, die er leben sollte, und gestatte, daß er seiner Verlobten zu Hilfe eilt, welche in diesem Augenblicke eine große Gefahr drängt, wenn ich dem Klange des Glöckchens glaube, das nicht zu läuten aufhört, ein Beweis, daß sie nicht zu beten aufhört.
–– Es geschehe wie Du es wünschest, sagte Christus; Rudolph von Alost möge aufstehen und seiner Verlobten zu Hilfe eilen. Ich entlasse ihn aus dem Grabe bis zu dem Tage, wo seine Gattin ihn fragen wird, wer er ist, woher er kommt, und wer ihn gesandt hat. Diese drei Fragen werden das Zeichen sein, woran er erkennen wird, daß ich ihn wieder zu mir rufe.
–– Herr! Herr! rief ich ein zweites Mal aus, Dein heiliger Name sei gepriesen. Kaum hatte ich diese Worte ausgesprochen, als Etwas wie eine Wolke zwischen mir und dem Himmel vorüberzog, und Alles verschwand.
Nun stand ich aus meinem Grabe auf. und komme an das Deinige. Ich legte die Hand auf Deine Schulter, um Dich von dem Tode zu erwecken. Ich berührte Deine Augenlider mit dem Finger, um Dir die Augen zu öffnen; ich hauchte meinen Hauch auf Deine Lippen, um Dir das Leben und die Sprache wieder zu geben. Und jetzt, Rudolph von Alost, stehe auf, denn es ist Christus Wille, daß Du Beatrix zu Hilfe eilst, und daß Du bis zu dem Tage bei ihr bleibst, wo sie Dich fragen wird, wer Du bist, woher Du kommst und wer der ist, der Dich gesandt hat.
Gottfried hatte kaum aufgehört zu sprechen, als ich die Bande sich brechen fühlte, welche mich an das Grab fesselten. Ich richtete mich in meinem Grabe eben so voll Lebenskraft auf, als bevor ich den tödtlichen Stoß erhalten hatte, und da man mich in meinem Panzer begraben, so befand ich mich wieder ganz gerüstet, mit Ausnahme meines Schwertes, das ich im Fallen hatte fahren lassen, und das man wahrscheinlich nicht wiedergefunden.
Nun umgürtete Mich Gottfried mit seinem eigenem Schwerte, das von Gold war, hing das Horn über meine Schulter, dessen er sich gewöhnlich in der Schlacht bediente, und steckte den Ring an meinen Finger, den ihm der Kaiser Alexis geschenkt hatte. Als er mich hier auf umarmt, sagte er zu mir:
–– Bruder, Gott ruft mich wieder zu sich, ich fühle es. Lege den Stein meines Grabes wieder auf mich, und wenn Du das vollzogen, so eile, ohne einen Augenblick zu verlieren, Beatrix zu Hilfe.
Bei diesen Worten legte er sich wieder in sein Grab, schloß die Augen und murmelte ein drittes Mal: – Herr! Herr! Dein heiliger Name sei gepriesen. – Ich neigte mich über ihn, um ihn nochmals zu umarmen, aber er war ohne Athem und bereits in dem Herrn entschlafen.
Ich ließ den Stein wieder auf ihn zurückfallen, den ein göttlicher Finger gelüftet hatte; ich ging, um vor dem Altare niederzuknieen, verrichtete mein Gebet, und beschloß, ohne einen Augenblick zu verlieren, Dir zu Hilfe zu eilen.
Unter der Halle der Kirche fand ich ein vollständig geschirrtes Pferd; eine Lanze war gegen die Mauer gestellt; ich zweifelte keinen Augenblick lang, daß das Eine, wie die andere, für mich bestimmt wären. Ich nahm die Lanze, bestieg das Pferd, und indem ich dachte, daß der Herr seinem Instincte die Sorge anvertraut hätte, mich zu führen, warf ich ihm den Zügel über den Hals und ließ es den Weg einschlagen, der ihm behagte.
Ich zog durch Syrien, Cappadocien, die Türkei, Thracien, Dalmatien, Italien und Deutschland; endlich, nach einem Jahre und einem Tage der Reise, gelangte ich an die Ufer des Rheines. Dort fand ich ein Schiff, an das ein Schwan mit goldenen Ketten gespannt war. Ich bestieg das Schiff, und es führte mich vor das Schloß. Du weißt das Uebrige, Beatrix.
–– Ach! rief Beatrix aus, da ist der Schwan und das Schiff, welche an demselben Orte landen, wo sie damals gelandet sind; aber, Unglückliche die ich bin, dieses Mal kommen sie um Dich wieder abzuholen. Rudolph, Rudolph, verzeihe mir.
–– Ich habe Dir Nichts zu verzeihen. Beatrix, sagte Rudolph, indem er sie umarmte. Die Zeit ist verflossen, Gott ruft mich zurück, das ist Alles. Danken wir ihm für die neun Jahre des Glückes, die er uns bewilligt hat, und bitten wir ihn um ähnliche Jahre für unsere Zukunft im Paradies.
Nun rief er seine drei Söhne, welche auf der Wiese spielten; sie eilten sogleich herbei. Er umarmte zuvörderst Robert, welcher der Aelteste war, gab ihm sein Schild und sein Schwert, und ernannte ihn zu seinem Nachfolger. Dann umarmte er Gottfried, welcher der zweite war, gab ihm sein Horn und überließ ihm die Grafschaft Löwen. Endlich umarmte er auch Rudolph, welcher der dritte war, und schenkte ihm den Ring und die Grafschaft Messe. Als er hierauf Beatrix ein letztes Mal in seine Arme geschlossen, gebot er ihr, da zu bleiben, wo sie wäre, empfahl seinen drei Söhnen an, ihre Mutter zu trösten, die sie weinen sahen, ohne Etwas von ihren Thränen zu verstehen; dann ging er in den Hof hinab, wo er sein Pferd ganz gesattelt wiederfand, ritt über die Wiese, indem er sich bei, jedem Schritte umwandte, stieg in das Schiff, das sogleich wieder den Weg einschlug, auf dem es gekommen war, und bald in dem nächtlichen Schatten verschwand, der sich von dem Himmel herabzulassen begann.
Seit dieser Stunde bis zu der ihres Todes, kehrte die Fürstin Beatrix täglich auf den Balkon zurück, aber sie sah niemals weder das Schiff, noch den Schwan, noch den Ritter wieder erscheinen.«
Und ich habe so eben Rudolph von Alost gebeten, fuhr Helene fort, Gott zu bitten, daß er in seiner Barmherzigkeit für mich ein Wunder gleich dem geschehen lassen mogte, welches er für die Fürstin Beatrix hat zulassen wollen.
–– Amen, antwortete Otto lächelnd.
X
Der Graf von Ravenstein hatte sein Versprechen gehalten. Mit Sonnenaufgange sah man auf der Wiese, welche den Fluß von dem Schlosse trennte, sein Banner auf seinem aufgeschlagenen Zelte wallen. An der Thüre seines Zeltes war sein Schild aufgehängt, in dessen Mitte sein Wappen glänzte, welches aus einem goldenen Löwen in rothem Felde bestand, der sich an einem Silberfelsen aufrichtete; von Stunde zu Stunde ließ ein Trompeter, der aus dem Zelte trat, und sich allmählig nach den vier Himmelsgegenden richtete, einen herausfordernden Tusch hören.
Der Tag verfloß, ohne daß Jemand auf die Aufforderung des Grafen von Ravenstein antwortete; denn, wie wir bemerkt, die Freunde, die Verbündeten oder die Verwandten des Fürsten Adolph von Cleve waren zu spät benachrichtigt worden, oder für ihre eigene Rechnung oder für die des Kaisers beschäftigt, so daß nicht Einer gekommen war. Der alte Krieger ging mit sorgenvoller Miene auf den Wällen herum, Helene betete in der Kapelle der Fürstin Beatrix, und Otto bot Wetten an, daß er drei Pfeile nach einander in den stehenden Löwen des Grafen von Ravenstein schießen würde. Was Hermann anbelangt, so war er verschwunden, ohne daß man wußte, aus welcher Ursache, und bei dem Verlesen am Morgen hatte er weder geantwortet, noch irgend Jemand für ihn.
Die Nacht brach an, ohne irgend eine Veränderung in der gegenseitigen Stellung der Belagerten und der Belagerer hervorzubringen. Helene wagte nicht die Augen zu ihrem Vater zu erheben. Erst jetzt erschienen ihr alle die Folgen ihrer abschlägigen Antwort, und diese abschlägige Antwort war so plötzlich und so unerwartet gewesen, daß sie mit jedem Augenblicke fürchtete, der alte Fürst mögte sie um die Ursachen derselben fragen.
Der Tag brach eben so traurig und eben so drohend als der vorige an, und mit dem Tage erneuerte sich das herausfordernde Trompetengeschmetter des Grafen von Ravenstein wieder. Der alte Fürst ging von Stunde zu Stunde auf die Wälle, indem er sich wie der Trompeter nach den vier Himmelsgegenden wandte und schwor, daß zu den Zeiten seiner Jugend sich so etwas nicht zugetragen hätte, ohne daß sich bereits zehn Kämpen gezeigt, um eine so geheiligte Sache, als die seinige, zu vertheidigen. Helene verließ die Kapelle der Fürstin Beatrix nicht. Otto schien in Mitte der allgemeinen Besorgniß immer ruhig und sorgenlos. Hermann war nicht wieder erschienen. Die Nacht verfloß voller Besorgniß und Unruhe. Der Tag, welcher anbrach, war der letzte. Am folgenden sollten der Sturm und das Ersteigen beginnen, und das Leben mehrer Hunderte von Menschen sollte die Laune eines jungen Mädchens bezahlen. Als die ersten Strahlen des Tages im Osten erschienen, war Helene, welche die ganze Nacht mit Weinen und mit Beten in der Kapelle zugebracht hatte, daher auch entschlossen, sich zu opfern, um diesen Streit zu beendigen. Sie ging demnach über den Hof, um ihren Vater aufzusuchen, welcher, wie man ihr gesagt, sich in dem Rüstsaale befände; als sie erfuhr, daß bei dem Morgenverlesen Otto gleichfalls gefehlt hätte und daß man glaube, daß er, wie Hermann, das Schloß verlassen hätte. Diese Nachricht versetzte dem Widerstreben Helenens den letzten Stoß. Daß Otto ihren Vater verließ, daß Otto floh, wo die Hilfe jedes Mannes, und besonders eines so geschickten Mannes, als er, für die Vertheidigung des Schlosses so nothwendig war, das war Etwas, das ihr nicht einmal eingefallen war, und das auf ihren Entschluß einen raschen und entscheidenden Elnfiuß haben mußte.
Sie fand ihren Vater, der sich rüstete. Der alte Krieger hatte seine Jugenderinnerungen gesammelt, und auf Gott vertrauend, hoffte er, daß Gott ihm die Kraft seiner schönen Jahre wiedergeben würde; er war daher entschlossen, den Grafen von Ravenstein selbst zu bekämpfen.
Helene sah auf den ersten Blick alles das Unglück ein, was ein solcher Entschluß heibeiführen könnte. Sie sank vor ihrem Vater auf die Kniee, indem sie zu ihm sagte, daß sie bereit wäre, den Grafen zu heirathen. Aber indem sie das sagte, lag so viel Schmerz in ihrer Stimme und ihre Augen waren so voll Thränen, daß der alte Fürst wohl sah, daß es besser für ihn wäre, zu sterben, als zu leben und seine einzige Tochter ewige Leiden gleich denen erdulden zu sehen, welche sie in diesem Augenblicke empfand.
In dem Augenblicke, wo der Fürst Helene aufhob und sie an sein Herz drückte, hörte man die Herausforderung, welche der Graf von Ravenstein von Stunde zu Stunde erschallen ließ. Der Vater und die Tochter erbebten zu gleicher Zeit und wie von demselben Schlage getroffen. Eine Todesstille folgte diesem kriegerischen Lärme. Aber dieses Mal dauerte die Stille nicht lange; der Klang eines Hornes antwortete auf die Herausforderung, welche gemacht worden war. Der Fürst und Helene erbebten von Neuem, aber vor Freude. Es kam ihnen ein Vertheidiger.
Beide gingen auf den Balkon der Fürstin Beatrix, um zu sehen, von welcher Seite ihnen diese unverhoffte Hilfe zukäme, und das war ihnen etwas Leichtes, denn alle Augen und alle Arme waren nach derselben Richtung ausgestreckt. Ein vollständig gerüsteter Ritter mit herabgeschlagenem Helmsturze fuhr in einem Schiffe den Rhein herab, indem er seinen, wie er gerüsteten Knappen zur Seite hatte. Sein, wie sein Herr ganz mit Stahl bedecktes Schlachtroß befand sich auf dem Vordertheile, und antworte durch Wiehern auf den doppelt kriegerischen Ruf, den es gehört hatte. In dem Maße, als er näher kam, konnte man sein Wappen erkennen, das aus einem Silberschwane im rothen Felde bestand. Helene vermogte sich von ihrem Erstaunen nicht zu erholen. Hatte Rudolph von Alost ihre Gebete gehört? und erneuerte, ein übernatürlicher Vertheidiger, für sie das Wunder, das Gott bereits für die Fürstin Beatrix zugelassen hatte?
Wie dem auch sein mogte, das Schiff kam unter dem allgemeinen Erstaunen fortwährend näher. Endlich landete es an demselben Orte, wo zwei und ein halbes Jahrhundert zuvor das des Grafen von Alost gelandet war. Der unbekannte Ritter sprang an das Ufer, zog sein Roß nach sich, schwang sich auf den Sattel, und während sein Knappe auf dem Schiffe blieb, begrüßte er den Fürsten Adolph und die Prinzessin Helene; indem er hierauf gerade auf das Zelt des Grafen von Ravenstein zuritt, berührte er mit dem Eisen seiner Lanze dessen Schild, was ein Zeichen war, daß er ihn mit scharfen Waffen und auf Leben und Tod herausfordere. Der Knappe des Grafen von Ravenstein trat sogleich aus dem Zelte und sah nach, welches die Waffen des unbekannten Ritters wären. Er trug eine Lanze in der Hand, ein Schwert an der Seite, und eine Streitaxt an dem Sattelknopfe; außerdem trug er an dem Halse den kleinen Dolch, welchen man den Gnadendolch nannte. Als er diese Musterung beendigt, kehrte der Knappe in das Zelt zurück; was den Ritter anbelangt, so nahm er, nachdem er die ein zweites Mal begrüßt, denen er zu Hilfe kam, so viel Raum, als er bedurfte, und indem er ungefähr Hundert Schritte weit von dem Zelte hielt, erwartete er seinen Gegner.
Das Warten dauerte nicht lange; der Graf war ganz gerüstet, so daß er nur seinen Helm auf seinen Kopf zu setzen hatte, um bereit zu sein, den Kampfplatz zu betreten. Er trat daher bald aus seinem Zelte. Man führte ihm sein Roß vor, und er schwang sich mit einem Eifer darauf, welcher sein Verlangen bewies, den Kampf, welchen ihm der Ritter mit dem silbernen Schwane so unerwarteter Weise anzubieten kam, keinen Augenblick lang zu verzögern. Indessen, so große Eile er auch hatte, so warf er dennoch einen Blick auf seinen Feind, um, wenn es möglich wäre, durch irgend ein heraldisches Zeichen zu erkennen, mit welchem Manne er es zu thun hätte. Der Ritter trug auf seinem Helme als ganzes Unterscheidungszeichen eine kleine goldene Krone, deren Zacken wie Rebenblätter ausgeschnitten waren, was andeutete, daß er Fürst oder der Sohn eines Fürsten wäre.
Es entstand nun ein Augenblick des Schweigens, während dessen jeder der beiden Kämpen seine Waffen zurecht machte, und der von den Zuschauern zu einer flüchtigen Musterung jedes von ihnen benutzt wurde.
Der Graf von Ravenstein, dreißig bis fünf und dreißig Jahre alt, zu aller Kraft des Alters gelangt, kühn auf seinem Schlachtrosse sitzend, war das Urbild materieller Stärke. Man fühlte, daß man eben so viel Mühe haben würde, ihn aus seinem Sattel zu heben, als um eine Eiche zu entwurzeln und daß es eines gewaltigen Kämpen bedürfe, um ein solches Werk glücklich auszuführen.
Der unbekannte Ritter dagegen trat, so viel man nach der Anmuth seiner Bewegungen urtheilen konnte, kaum aus dem Jünglingsalter hervor; seine Rüstung, so gut geschlossen sie auch sein mogte, hatte die Geschmeidigkeit einer Schlangenhaut; man fühlte so zu sagen unter diesem elastischen Eisen ein jugendliches Blut kreisen, und, Sieger oder besiegt, sah man ein, daß er mit ganz von denen verschiedenen Mitteln angreifen oder sich vertheidigen müßte, als die, welche die Natur zur Verfügung des Grafen von Ravenstein gestellt hatte.
Der Trompeter des Grafen blies, das Horn der unbekannten Ritters antwortete darauf, und der Fürst Adolph von Cleve, der von seinem Balkon aus den Kampf wie ein Kampfrichter übersah, rief von den Erinnerungen fortgerissen, mit starker Stimme aus: Voran!
Im selben Augenblicke sprengten die beiden Gegner gegen einander los und erreichten sich ungefähr in der Mitte der Entfernung, welche sie gewählt hatten. Die Lanze des Grafen glitt an dem Rande von dem Schilds des Ritters ab, und zerbrach sich gegen das runde Schild, das er am Halse hängend trug, während die Lanze des Ritters den Helm seines Gegners traf, die Riemen zerrissen, welche ihn unter dem Kinne befestigten, und ihm von der Stirn des Grafen fortriß, der im bloßen Kopfe und entwaffnet blieb; im selben Augenblicke deuteten einige Bluttropfen, welche über sein Gesicht rollten, an, daß das Eisen der Lanze in derselben Zeit, wo er ihm den Helm abgerissen, auch den Schädel verletzt habe.
Der Ritter mit dem silbernen Schwane hielt an, um dem Grafen die Zeit zu lassen, einen andern Helm und eine andere Lanze zu nehmen, indem er dadurch andeutete, daß er einen ersten Vortheil nicht benutzen wollte, und daß er bereit wäre, den Kampf mit gleichen Gefahren wieder zu beginnen.
Der Graf verstand diese Artigkeit und zögerte einen Augenblick lang, bevor er sich entschloß, sie zu benutzen. Da sein Gegner ihm indessen durch dieses erste Zusammenstoßen den Beweis gegeben hatte, daß er kein zu verachtender Gegner wäre, so warf er den nutzlosen Stumpf weg, nahm aus den Händen seines Knappen einen neuen Helm, und indem er mit dem Arme die Lanze zurückwies. Welche dieser ihm anbot, zog er sein Schwert, indem er andeutete, daß er es vorzöge, den Kampf mit dieser Waffe fortzusetzen. Der Ritter ahmte seinem Feinde sogleich in allen Punkten nach, und indem er gleichfalls seine Lanze von sich warf und sein Schwert zog, grüßte er zum Zeichen, daß er seinen Angriff erwarte. Die Trompeten schmetterten ein zweites Mal und die beiden Gegner stürzten auf einander los. Von den ersten Stößen an sahen die Zuschauer, daß sie sich in ihrer Voraussicht nicht getäuscht hätten; der eine der beiden Kämpfenden rechnete auf seine Kraft, und der andere auf seine Geschicklichkeit. Jeder handelte daher dem zu Folge, indem der erste auf den Hieb, der andere auf den Stich focht, der Graf von Ravenstein, indem er die Rüstung seines Gegners zu durchhauen suchte, der unbekannte Ritter, indem er die seines Feindes durch alle Mittel zu durchbohren suchte.
Es war ein schrecklicher Kampf; der Graf von Ravenstein, welcher wie ein Holzhacker mit beiden Händen zuschlug, nahm mit jedem Hiebe irgend einen Splitter von Eisen weg, der silberne Schwan war gänzlich verschwunden, das Schild fiel Stück vor Stück, die goldene Krone war zerbrochen; der unbekannte Ritter hatte seinerseits alle Wege gesucht, durch welche der Tod bis in das Herz seines Gegners dringen könnte, und aus dem Ringkragen seines Helmes, aus den Achselstücken seines Panzers auf die Rüstung des Grafen rollende Blutstropfen deuteten an, daß die Spitze des Schwertes durch jede Oeffnung gedrungen war, welche sich ihm geboten hatte. Wenn man auf diese Weise fortfuhr, so wurde der Ausgang des Kampfes eine Frage der Zeit. Würde die Rüstung des Ritters mit dem silbernen Schwan bis zu dem Augenblicke widerstehen, wo der Graf von Ravenstein seine Kräfte durch die zwei bis drei Wunden verlieren würde, welche er bereits erhalten zu haben schien? Das ist es, was sich jeder frug, als er die von jedem der Kämpfenden angenommene Tactik sah. Endlich zerschmetterte ein letzter Hieb von dem Schwerte des Grafen von Ravenstein den oberen Theil von dem Helme seines Gegners gänzlich, und ließ ihm die Höhe des Kopfes fast gänzlich ungeschützt. Von nun an schienen alle Aussichten für den Grafen sein zu müssen, und es entstand ein Augenblick schrecklicher Bangigkeit für den Fürsten und für Helene.
Aber ihre Furcht war von kurzer Dauer, ihr junger Kämpe sah ein, daß es Zeit wäre, die Tactik zu verändern, und er hörte auf der Stelle auf, Stöße zu führen, um sich nur noch mit dem Parieren zu beschäftigen. Nun sah man ein wundervolles Ringen; der Ritter mit dem silbernen Schwan hielt sich regungslos wie eine Statue; sein Arm und sein Schwert allein schienen lebendig, und von nun an begegnete das Schwert seines Gegners überall dem seinigen, und traf nicht ein einziges Mal seine Rüstung. Der Graf war gewandt in den Waffen, aber alle Hilfsmittel der Waffen schienen seinem Feinde bekannt zu sein. Die beiden Klingen folgten sich, wie als ob ein Magnet sie zu einander gezogen hätte; es war der den Blitz kreuzende Blitz, zwei Schlangenzungen, welche spielten.
Ein solcher Kampf konnte indessen nicht lange dauern; die Wunden des Grafen, so leicht sie auch sein mogten, ließen Blut entschlüpfen, welches bis auf die Decken seines Pferdes floß; das Blut sammelte sich in dem Helme, und der Graf war von Zeit zu Zeit genöthigt, durch die Oeffnungen seines Visirs zu schnaufen. Er fühlte, daß seine Kräfte abzunehmen begannen, und daß sein Blick sich trübte; die Geschicklichkeit seines Gegners war ihm jetzt zu augenscheinlich bewiesen, als daß er noch irgend etwas von seinem Schwerte hoffte; indem er daher auch einen verzweifelnden Entschluß faßte, warf er mit der einen Hand die nutzlose Waffe von sich, und entriß mit der andern rasch die an seinem Sattelbogen hängende Streitaxt. Der Ritter machte es eben so mit einer Pünktlichkeit und mit einer Schnelligkeit, welche an Zauber gränzte, und die beiden Gegner fanden sich bereit, wieder einen neuen Kampf zu beginnen, der dieses Mal nicht ermangeln konnte, entscheidend zu sein.
Aber bei den ersten Hieben, welche sie gegen sich führten, wurden die beiden Kämpen voll Erstaunen gewahr, daß der Kampf ein anderes Ansehen angenommen hatte. Der Graf von Ravenstein vertheidigte sich, und der Ritter mit dem silbernen Schwan griff nun an, und das mit einer solchen Kraft und einer solchen Schnelligkeit, daß es unmöglich war, mit den Augen der kurzen und massiven Waffe zu folgen, die in seiner Hand flammte. Der Graf zeigte sich einen Augenblick lang seines Namens und seines Rufes würdig; aber endlich, als er zu spät zur Parade gekommen war, fiel ein Hieb der Waffe seines Gegners senkrecht auf seinen Helm, zerschmetterte den Helmschmuck und die Grafenkrone, und obgleich die Axt nicht bis auf den Kopf drang, so brachte sie doch die Wirkung einer Keule hervor. Betäubt senkte der Graf den Kopf bis auf den Hals seines Pferdes, den er mit seinen beiden Händen umschlang, indem er instinctmäßig eine Stütze suchte; hierauf ließ er seine Axt fallen, und indem er einen Augenblick lang selbst schwankte, fiel er nun auch, ohne daß sein Gegner nöthig gehabt hätte, seine Hiebe zu verdoppeln.
Seine Knappen eilten herbei und öffneten seinen Helm, der Graf gab aus Nase und Mund Blut von sich, und war gänzlich ohnmächtig. Sie trugen ihn in sein Zelt, und indem sie seine Rüstung abschnallten, fanden sie an ihm außer den Wunden des Kopfes fünf andere Wunden an verschiedenen Stellen des Körpers.
Was den Ritter mit dem silbernen Schwane anbelangt, so befestigte er seine Streitaxt wieder an den Bogen seines Sattels, steckte sein Schwert wieder in die Scheide, nahm seine Lanze wieder, und indem er von Neuem auf den Balkon der Fürstin Beatrix zuritt, verneigte er sich vor dem Fürsten und seiner Tochter; dann, in dem Augenblicke, wo sie glaubten, daß ihr Befreier in das Schloß kommen würde, ritt er nach dem Ufer, stieg vom Pferde und kehrte in sein Schiff zurück, das sogleich wieder den Fluß hinauf fuhr, indem es den geheimnißvollen Sieger fortführte.
Zwei Stunden nachher befahl der wieder zur Besinnung gekommene Graf augenblicklich das Lager aufzubrechen, und wieder den Weg nach Ravenstein einzuschlagen.
Am Abend kam der Graf Karl von Homburg mit einundzwanzig Knappen an. Er kam dem Fürsten Adolph von Cleve zu Hilfe, welcher, wie wir bemerkt haben, Boten an alle Freunde und Verbündete der Umgegend abgeschickt hatte.
Die Hilfe war jetzt nutzlos; aber der alte Krieger wurde nichts desto weniger mit großer Freude aufgenommen und auf eine würdige Weise gefeiert.
XI
Während die von uns erzählten Ereignisse sich in Cleve zutrugen, war der Landgraf Ludwig, der nur noch seinen alten Freund, den Grafen Karl von Homburg bei sich hatte, auf dem Schlosse Godesberg geblieben, indem er Emma beweinte, die nicht wieder zu ihm zurückkehren wollte, und Otto, den er für todt hielt. Vergebens versuchte der Graf ihm eine doppelte Hoffnung Wiederzugeben, indem er zu ihm sagte, daß seine Gattin ihm verzeihen würde, und daß sein Sohn ohne Zweifel durch Schwimmen entkommen wäre; der arme Landgraf wollte an diese Worte der Hoffnung nicht glauben, und sagte, daß er, da er ohne Barmherzigkeit verdammt hätte, nun auch ohne Gnade verdammt wäre. Dieser heftige Zustand konnte nicht von Dauer sein, aber eine unendliche Schwermuth folgte ihm, und der Landgraf schloß sich in die abgelegensten Zimmer des Schlosses Godesberg ein.
Homburg war allein bei ihm zugelassen, und dabei vergingen zuweilen noch ganze Tage, ohne daß er bis zu seinem Freunde gelangen konnte. Der gute Ritter wußte nicht mehr, was er anfangen sollte; bald wollte er Emma in dem Kloster Nonnenwerth aufsuchen, aber er fürchtete, daß eine neue abschlägige Antwort den Kummer des Grafen verdoppeln mogte; bald wollte er sich zur Aufsuchung Ottos aufmachen, aber er fürchtete, daß eine vergebliche Aufsuchung die Angst des Vaters auf das Höchste steigern würde.
Während dessen langten die Boten des Fürsten Adolph von Cleve auf dem Schlosse Godesberg an. Unter allen andern Umständen hätte sich der Landgraf Ludwig beeilt, sich persönlich zu dieser Fehdeeinladung zu begeben, aber er war dermaßen in seinen Schmerz versunken, daß er Homburg seine Vollmachten übertrug, und daß der gute Ritter, nachdem er seiner Gewohnheit gemäß seinem Freunde Hans selbst seinen Schlachtharnisch angelegt, sich an die Spitze von zwanzig Knappen stellte und sich nach dem Fürstenthume Cleve begab, wo er an dem Abende desselben Tages ankam, an welchem zwischen dem Ritter mit dem silbernen Schwane und dem Grafen von Ravenstein der von uns beschriebene Kampf stattgefunden hatte.
Der Graf Karl war wie ein alter Waffengefährte empfangen worden und hatte das Schloß voller Festlichkeiten gefunden. Ein einziger Umstand, über den sich Niemand Rechenschaft abzulegen vermogte, trübte die Freude des Fürsten; das war das Verschwinden des unbekannten Ritters, der sich auf eine so unerwartete und schnelle Weise entfernt hatte, daß der Fürst ihn hatte verschwinden sehen, bevor er Mittel gefunden, ihn zurückzuhalten. Während des ganzen Abends war nur von diesem seltsamen Abenteuer die Rede, und Jedermann zog sich zurück, ohne daß Etwas davon hatte begreifen können.
Die Gedanken des Fürsten waren seit dem Ausgange des Kampfes dermaßen auf einen einzigen Punkt gerichtet gewesen, daß er sich erst, nachdem er sich wieder allein befand, an das Verschwinden seiner beiden Schützen Hermann und Otto erinnerte. Ein solches Betragen in dem Augenblicke der Gefahr schien ihm so seltsam von Seiten dieser beiden Männer, daß er, wenn sie wieder auf dem Schlosse erschienen, ohne eine gültige Entschuldigung angeben zu können, sie schimpflicher Weise vor den Augen Aller fortzujagen beschloß. Es wurde dem zu Folge den Wachen der Nacht der Befehl ertheilt, den Fürsten gleich am Morgen davon zu benachrichtigen, wenn Otto und Hermann etwa während der Nacht zurückgekehrt wären.
Am folgenden Morgen trat mit Tagesanbruche ein Diener in das Zimmer des Fürsten. Die beiden Ausreißer waren gegen zwei Uhr Morgens wieder in das Quartier der Garden zurückgekehrt.
Der Fürst kleidete sich sogleich an, und befahl, daß man Otto kommen ließe.
Zehn Minuten nachher erschien der junge Schütz vor seinem Herrn. Er hatte eine eben so ruhige Mime, als ob er die Veranlassung nicht geahnet hätte, wegen welcher er beschieden worden war. Der Fürst blickte ihn streng an, aber der Beweggrund, welcher Otto die Augen vor diesem schrecklichen Blicke niederschlagen ließ, war sichtlich ein Gefühl der Ehrerbietung und nicht der Scham. Der Fürst begriff eine solche Zuversicht nicht.
Nun verhörte er Otto, und der junge Mann antwortete 'auf alle Fragen des Fürsten mit Ehrerbietung aber voll Festigkeit, er wäre während dieses ganzen Tages mit einer wichtigen Angelegenheit beschäftigt gewesen, bei welcher Hermann ihn unterstützt hätte; das sei Alles, was er sagen könnte. Was den Fehler Hermanns anbetrifft, so nahm er denselben auf seine Rechnung, weil er seinen Einfluß auf diesen jungen Mann, der ihm das Leben verdankte, ausgeübt hätte, um ihn gegen seine Pflichten fehlen zu lassen.
Der Fürst begriff Nichts von dieser Hartnäckigkeit, da sie aber zu einem Vergehen gegen die Vorschriften der militärischen Disciplin einen Ungehorsam gegen die herrschaftliche Gewalt hinzufügte, so sagte er zu Otto, daß er es bedaure, sich von einem so geschickten Schützen zu trennen, daß es aber gegen die auf dem Schlosse bestehenden Regeln sei, daß ein Diener sich so entferne, ohne um die Erlaubniß zu bitten, und zurückkehrte, ohne sagen zu wollen, woher er käme; der junge Schütz könnte sich daher als frei betrachten und Dienste nehmen, wo es ihm beliebe. Zwei Thränen erschienen an den Wimpern Ottos, wurden aber bald durch die Flamme getrocknet, welche ihm in das Gesicht stieg, und ohne Etwas zu antworten verneigte sich der junge Schütz und verließ das Zimmer.
Der Fürst hatte nicht ohne Mühe einen solchen Entschluß gefaßt, und es hatte des ganzen Zornes bedurft, den die Hartnäckigkeit des Schuldigen in ihm erweckt hatte, um ihn so hart zu bestrafen. Indem er daher auch dachte, daß der junge Mann es bereuen würde, so trat der Fürst an das Fenster, welches auf den Hof ging, über den Otto kommen mußte, um sich nach dem Quartier der Schützen zu begeben, und verbarg sich, gewiß, ihn wieder zurückkehren zu sehen, hinter einem Vorhange, um nicht bemerkt zu werden. Aber Otto entfernte sich langsam und ohne den Kopf umzuwenden, und der Fürst folgte ihm mit den Augen, indem er mit jedem Schritte, den er that, eine Hoffnung verlor, als er von der entgegengesetzten Seite des Hofes den Grafen Karl von Homburg zurückkehren sah, der selbst dafür gesorgt hatte, daß Hans zu seiner gewöhnlichen Stunde sein Frühstück erhalten hätte. Der alte Graf und der junge Schütz gingen daher einander entgegen, als, indem sie die Augen auf einander erhoben, sie beide wie vom Blitze getroffen stehen blieben. Otto hatte Karl, Karl hatte Otto erkannt.
Die erste Regung des jungen Mannes war, sich zu entfernen, aber Homburg schlang ihm die Arme um den Hals und drückte ihn mit aller der Kraft der alten Freundschaft an sein Herz, welche ihn seit dreißig Jahren mit seinem Vater vereinigte.
Der Fürst meinte, daß der gute Ritter närrisch geworden wäre; ein Graf, der einen Schützen umarmte, schien ihm ein so seltsames Schauspiel, daß er nicht daran zu glauben vermogte; er machte daher auch sein Fenster auf, indem er Karl aus allen seinen Kräften rief. Bei dieser Erscheinung hatte der junge Mann nur die Zeit, sich von dem alten Ritter Verschwiegenheit über das Geheimniß versprechen zu lassen, und er eilte in das Quartier der Garden, während Homburg der Einladung des Fürsten folgte.
Der Fürst befrug Homburg, aber jetzt wollte auch Homburg Nichts sagen. Er begnügte sich zu antworten, daß er Otto, welcher lange in dem Dienste des Landgrafen von Godesberg gestanden, dort als Kind gekannt, und Freundschaft für ihn gefaßt hätte, so daß er, als er ihm begegnet, eine erste Regung der Freude nicht zu unterdrücken vermogt hätte; er gab übrigens mit der ihm eigenthümlichen Gutmüthigkeit zu, daß diese erste Regung ihn über die Gränzen des Anstandes fortgerissen hätte. Der Fürst, welcher seine Strenge gegen Otto bedauerte, weil er irgend ein Geheimniß unter dieser unerklärlichen Abwesenheit vermuthete, ergriff diese Veranlassung, um seinen Entschluß zurückzunehmen; dem zu Folge rief er einen Diener und befahl ihm, seinem Schützen zu sagen, daß er auf dem Schlosse bleiben könnte, da der Fürst ihm auf die Verwendung des Grafen Karl von Homburg verziehe; aber der Diener kehrte zurück, indem er sagte, daß der junge Mann mit Hermann verschwunden wäre, und daß Niemand ihm hätte sagen können, was aus ihnen geworden sei.
Der Fürst war einige Zeit lang dermaßen mit diesem Verschwinden beschäftigt, daß er darüber den Kampf des vorigen Tages vergaß, aber bald kehrte die Erinnerung daran in ihm zurück, und mit ihr das Bedauern, die Aufopferung des unbekannten Ritters ohne Belohnung zu lassen. Er berieth den Grafen Karl über das, was er in dieser Beziehung zu thun hätte, und der alte Ritter gab ihm den Rath, bekannt zu machen, daß, da die Hand Helenens von Rechtswegen ihrem Vertheidiger gehöre, der Ritter mit dem silbernen Schwane sich nur vorzustellen habe, um eine Belohnung zu erhalten, welche die Schönheit und der Reichthum Helenens selbst für einen Königssohn kostbar machte.
Noch am selben Abende verließ der Graf Karl, trotz den Bitten des Fürsten, das Schloß; Angelegenheiten von der höchsten Wichtigkeit riefen ihn, wie er sagte, zu seinem alten Freunde, dem Landgrafen von Godesberg zurück.
Otto erwartete den Ritter in Kervenheim; dort erfuhr er die Verzweiflung des Landgrafen. Alles war vor dem Gedanken an seinen leidenden und unglücklichen Vater verschwunden, alles bis auf seine Liebe zu Helenen. Er verlangte daher auch von dem Grafen, daß sie sich auf der Stelle wieder auf den Weg begäben. Aber der Graf hatte eine andere Hoffnung; nämlich dem Landgrafen zu gleicher Zeit seine Gattin und seinen Sohn zurückzuführen, denn er hoffte, daß ein Wort des Sohnes von der Mutter das erlangen würde, was die Bitten des Gatten nicht hatten erlangen können.
Homburg irrte sich nicht; drei Tage nachher sah er durch Thränen der Freude seinen alten Freund seine Gattin und sein Kind, die er für immer verloren geglaubt hatte, in seine Arme schließen.
Inzwischen schien das Schloß Cleve leer; Otto hatte alles Leben aus ihm mit sich fort genommen. Helene betete beständig in der Kapelle der Fürstin Beatrix, und der Fürst Adolph von Cleve hörte nicht auf, von dem Balkon aus zu schauen, ob er nicht den Ritter mit dem silbernen Schwane zurückkommen sähe; der Vater und die Tochter kamen nur noch zu den Stunden der Mahlzeiten zusammen. Jedes beunruhigte sich über die Traurigkeit des andern; endlich beschloß der Fürst Adolph den Rath in Ausführung zu bringen, welchen ihm der Graf von Homburg gegeben hatte, und eines Abends, als Helene, welche den ganzen Tag über gebetet, sich zurückzog, um nochmals zu beten, hielt sie ihr Vater in dem Augenblicke zurück, als sie die Schwelle der Thür überschreiten wollte.
–– Helene, sagte er zu ihr, hast Du nicht seit dem Tage des Kampfes, der Dich so glücklicher Weise von dem Grafen von Ravenstein befreit, mehr als ein Mal an den unbekannten Ritter gedacht?
–– Doch, gnädiger Herr, antwortete das junge Mädchen, denn ich glaube seit diesem Tage nicht ein Gebet an Gott gerichtet zu haben, ohne daß ich ihn gebeten, den Ritter zu belohnen, da Ihr es nicht zu thun vermöget.
–– Die einzige Belohnung, welche einem so edlen jungen Manne gebührt, als dieser zu sein schien, ist die Hand der, welche er gerettet hat, antwortete der Fürst.
–– Was sagt Ihr, mein Vater! rief Helene erröthend aus.
–– Ich sage, antwortete der Fürst, indem er in dem Ausdrucke des Gesichtes seiner Tochter mehr Ueberraschung, als Besorgniß erkannte, daß ich bedaure, nicht früher den Rath in Ausführung gebracht zu haben, den mir Homburg ertheilt hat.
–– Und worin besteht dieser Rath? fragte Helene.
–– Du wirst es morgen erfahren, antwortete der Fürst.
Am folgenden Morgen brachen Herolde nach Dortrecht und nach Köln auf, indem sie überall verkündeten, daß der Fürst Adolph, da er keine edlere Belohnung demjenigen anzubieten gefunden hätte, welcher für seine Tochter gekämpft, als die Hand seiner Tochter selbst, dem Ritter mit dem silbernen Schwane zu wissen thun lasse, daß ihm diese Belohnung auf dem Schlosse Cleve erwarte.
Gegen das Ende des siebenten Tages, als der Fürst und seine Tochter auf dem Balkon der Fürstin Beatrix saßen, legte Helene rasch eine ihrer Hände auf den Arm ihres Vaters, während sie mit der andern einen schwarzen Punkt zeigte, welcher auf dem Flusse an der Spitze von Tornick, das heißt, an demselben Orte erschien, wo Rudolph von Alost verschwunden war.
Bald wurde dieser Punkt sichtbar. Helene erkannte zuerst, daß es ein Schiff mit drei Herren und sechs Ruderern wäre. Bald darauf konnte sie erkennen, daß diese Männer mit herabgeschlagenem Visir gewappnet waren, und daß der welcher in der Mitte der beiden andern stand, an dem linken Arme ein Schild mit einem Wappen trug. Von nun an verließen ihre Augen das Schild nicht mehr; nach Verlauf eines Augenblickes waltete kein Zweifel mehr ob, dieser Schild trug als Wappen ein himmelblaues Feld mit einem silbernen Schwane; trotz seines geschwächten Gesichtes begann selbst der Fürst es zu erkennen. Der Fürst vermogte seine Freude nicht zu unterdrücken; Helene zitterte an allen ihren Gliedern.
Das Schiff landete; die drei Ritter stiegen auf das Ufer und schritten auf das Schloß zu. Der Fürst ergriff Helene bei der Hand und indem er sie hinab zu gehen zwang, führte er sie fast mit Gewalt ihrem Befreier entgegen. Auf der Höhe der Freitreppe versagten ihr die Kräfte, und der Fürst war genöthigt stehen zu bleiben; in diesem Augenblicke traten die drei Ritter in den Hof.
–– Seid willkommen, wer Ihr auch sein möget, rief der Fürst aus, und wenn einer von Euch wirklich der tapfere Ritter ist, der uns so muthig zu Hilfe gekommen, so möge er näher treten, und das Visir seines Helmes aufschlagen, damit ich ihn mit offenem Gesichte umarmen kann.
Nun blieb der, welcher das Wappenschild trug, selbst einen Augenblick lang stehen, indem er sich auf die Schulter der beiden Ritter stützte, welche ihn begleiteten, denn er schien eben so zitternd, als das junge Mädchen; aber bald schien er sich wieder zu erholen, und indem er, immer von seinen beiden Begleitern gefolgt, die Stufen der Freitreppe eine nach der andern hinaufschritt, blieb er auf der vorletzten stehen, beugte das Knie vor Helenen, und schlug nach einem letzten Momente des Zögerns das Visir seines Helmes auf.
–– Otto der Schütz! rief der Fürst auf das Höchste erstaunt aus.
–– Ich war dessen gewiß, flüsterte das junge Mädchen, indem sie ihr Gesicht an der Brust ihres Vaters verbarg.
–– Aber wer hatte Dir das Recht gegeben, einen gekrönten Helm zu tragen? rief der Fürst aus.
–– Meine Geburt, antwortete der junge Mann mit der sanften und festen Stimme, welche der Vater Helenens an ihm kannte.
–– Wer wird es mir bestätigen? fuhr Adolph von Cleve fort, indem er noch an den Worten seines Schützen zweifelte.
–– Ich sein Pathe, sagte der Graf Karl von Homburg.
–– Ich, sein Vater, sagte der Landgraf Ludwig von Godesberg.
Und indem sie diese, Worte sagten, schlugen beide gleichfalls das Visir ihres Helmes auf.
Acht Tage nachher wurden die beiden jungen Leute in der Kapelle der Fürstin Beatrix mit einander verbunden.
Das ist die Geschichte Ottos des Schützen, wie ich sie an den Ufern des Rheines habe erzählen hören.
Chronik.
von K ö n i g P i p i n
I.
Wie König Pipin sich mit der Tochter des Königs von Krain zu vermählen glaubte, und die Tochter seines Haushofmeisters heirathete
Im Jahr 740 nach der Geburt unseres Herrn Jesu Christi, während Constantin in Byzanz regierte, war der Papst Gregor III. gestorben, und Zacharias I. folgte ihm als der zweiundneunzigste römische Papst.
Nun war dieser neue Papst ein großer Eiferer für den christlichen Glauben, und als er fand, daß Klotar, König von Frankreich, ein Ketzer sei, welcher die Heiden in ihrer Arglist beschützte, excommunicirte er ihn mit dreifachem Bann, nahm ihm seine Königswürde, und setzte den Prinzen Pipin auf seinen Thron.
Pipin unterwarf mit Hilfe seines Bruders Karlmann das ganze fränkische Reich, jagte die Ketzer aus einander, nahm sie gefangen und verbrannte sie, wie sie es verdienten; da er zu gleicher Zeit den katholischen Glauben beschützte und aufmunterte, so kamen alle christlichen Fürsten an seinen Hof und verbündeten sich mit ihm.
So an der Spitze eines mächtigen Bundes, verjagten König Pipin und sein Bruder Karlmann die Heiden aus Deutschland, denn sie waren zwei starke und tapfere Krieger, und theilten hierauf die eroberten Länder unter sich. Karlmann übernahm die Regierung Frankreichs; Pipin mit den Seinen blieb im Schloß Weihenstephan auf dem Berge bei Regensburg in Baiern, allwo jetzt das Benedictinerkloster steht, und zwar aus Besorgniß, die Heiden mögten in Deutschland wieder festen Fuß fassen, und sich vermehren, wenn er in Frankreich bei seinem Bruder bliebe.
Jetzt ereignete sich's, daß der König von Krain, der von seiner großen Macht und von seinem unbesieglichen Muthe gehört hatte, große Lust bekam, sein Verbündeter zu werden. Er schickte deshalb eine Gesandtschaft an ihn und ließ ihm sagen, daß er eine junge, schöne und gottesfürchtige Tochter, Namens Bertha, habe, die er ihm zur Gemahlin anbiete; so sehr war er für ihn eingenommen, da er in der ganzen Christenheit großes Lob über seine Tapferkeit gehört hatte.
Da König Pipin nicht verheirathet war, und wiederum viel von der Schönheit der Prinzessin Bertha hatte sprechen hören, nahm er die Gesandtschaft sehr freudig auf. Er versammelte den Rath seiner Barone, und berieth sich mit ihnen über die ihm angetragene Verbindung, und da sie ihm bemerkten, daß der Ruf vielleicht die Schönheit der Prinzessin Bertha übertriebe, so gab er der Gesandtschaft sein Portrait, und ließ dem König von Krain sagen. er möge auch ihm das Bild seiner Tochter senden, da er entschlossen sei, nur eine Frau.zu heirathen, von deren Schönheit er vollkommen überzeugt sei.
Die Gesandten kehrten zum König von Krain zurück, und überbrachten nach zwei Monaten das Bildniß der Prinzessin, welche in der That so hübsch war, als der Ruf von ihr sagte. König Pipin machte ihnen sehr ansenhliche Geschenke, und lud sie ein, an seinem Hofe zu bleiben, wo sie gut bewirthet werden sollten, während sie auf seine Antwort warteten.
Pipin hatte einen Haushofmeister, der durch sein heuchlerisches Wesen sich bei ihm in großen Credit gesetzt hatte. Niemand, mit Ausnahme des Königs, liebte diesen Haushofmeister, doch war Pipin so von ihm eingenommen, daß er ihm viele Ländereien und Schlösser schenkte, aber anstatt ihn nach einem seiner Landgüter oder Schlösser zu benennen, nannte Jedermann ihn nur den rothen Ritter, denn er hatte fast ganz rothes Haar.
Da nun Pipin Nichts unternahm, ohne seinen Haushofmeister um Rath gefragt zu haben, so ließ er ihn kommen, nachdem er das Bildnis die ganze Nacht betrachtet hatte, und zeigte ihm dasselbe. Der Haushofmeister schien so außerordentlich überrascht, indem er das Bild betrachtete, daß Pipin ihn fragte, was er hätte.
–– Sire, antwortete der Haushofmeister, die große Schönheit dieses Bildes hat mich so in Staunen gesetzt.
–– Schon gut, erwiderte der König, es freut mich, daß Ihr meiner Meinung seid, und wenn die Prinzessin so hübsch ist, als ihr Bild, werde ich sie ohne Zweifel zur Frau nehmen.
–– Sire, sagte der Haushofmeister, es gibt ein Mittel, Euch dessen zu versichern.
–– Welches? fragte Pipin.
–– Schickt mich mit den Gesandten des Königs von Krain, und wenn die Prinzessin vollkommen dem Bilde gleicht, so werde ich in Eurem Namen von dem Könige, ihrem Vater, sie zu Eurer Gemahlin begehren; sollte sie dagegen weniger schön sein, so werde ich irgend einen Vorwand zu finden wissen, um Euch auf ehrenvolle Weise von der Verbindung frei zu machen.
–– Der Rath ist gut, sagte Pipin, Du wirst mit den Gesandten reisen und handeln, wie nur es besprochen haben.
Der Haushofmeister hatte dem Könige diesen anscheinend so vortrefflichen Rath nur gegeben, um für sich selbst Nutzen daraus zu ziehen. Er war, wie wir schon erwähnt, ein mächtiger Ritter, und besaß vier oder fünf Schlösser. Eins dieser Schlösser lag in Schwaben, und dieses Schloß bewohnte seine Frau nebst seinen beiden Söhnen und seiner Tochter Adalgire. Durch seltsamen Zufall hatte das Bildniß, welches König Pipin ihm gezeigt hatte, große Aehnlichkeit mit seiner Tochter Adalgire, und der Haushofmeister hatte auf diesen Umstand augenblicklich einen Plan gebauet, nämlich die Prinzessin von Krain nach Baiern zu führen, seine Tochter derselben unterzuschieben, und diese dem König als Gemahlin zu geben. Auf diese Weise mußte sein Credit sich sicher verdoppeln, da die Freundschaft, welche die Königin ihrem Gemahl, dem König, für den Haushofmeister an den Tag legen würde, als das Resultat seiner Verdienste erscheinen mußte. Das war demnach der Grund des Rathes, welchen er seinem Herrn gegeben, ihn zu dem König von Krain zu entsenden, und seine bösen Wünsche waren mehr als erfüllt, als Pipin, der keine Ursache zum Mißtrauen hatte, diesen Rath gut hieß.
Der Haushofmeister machte daher seine Vorbereitungen zur Reise, und verließ mit einem glänzenden Gefolge den Hof; aber ehe er fort ging schrieb er seiner Frau, sie solle, ohne ihren Söhnen das Mindeste zu sagen, ihn mit ihrer Tochter in einem kleinen Dorfe, dessen Namen er ihr angab, erwarten; außerdem empfahl er ihr, sich von zweien seiner Diener begleiten zu lassen, deren Treue er kannte, da er sie schon bei schwierigen Veranlassungen erprobt hatte.
Der Haushofmeister ritt fort mit den Gesandten des Königs und seinem eigenen Gefolge, so daß sie endlich im Krainer Lande ankamen, wo sie aufs Prachtvollste vom Könige, der Königin und den Baronen des Königreichs empfangen wurden. Da die Prinzessin Bertha noch schöner war, als ihr Bildniß, so hatte der Haushofmeister nichts Eiligeres zu thun, als förmlich die Brautwerbung zu bewerkstelligen; in Folge dessen, da König und Königin von Herzen diese Verbindung wünschten, die Bedingungen derselben noch an dem nämlichen Tage festgesetzt wurden, und schon am folgenden Tage verkündete man dieselbe im ganzen Lande. Zu gleicher Zeit begannen die Festlichkeiten; sie dauerten acht Tage, und wechselten mit Festmahlen, Bällen und einem sehr schönen Turnier.
Am neunten Tage sollte die Prinzessin abreisen, und der König wollte ihr eine große Zahl von Fürsten und Herren zur Begleitung mitgeben; aber der Haushofmeister sagte zu ihm: – Gnädiger Herr und König, der Wunsch meines Gebieters ist, daß Ihr, Eure Fürsten und Herren, so viel Ihr deren bestimmen wollt, die Prinzessin, Eure Tochter nur bis zur Hälfte des Weges begleiten, und er hat mir verboten, irgend Jemand, Euer Gnaden selbst nicht ausgenommen, auf der andern Hälfte des Weges mit mir kommen zu lassen; denn der Herr und König Pipin hat selbst Fürsten, Herren und Ritter, welche die Prinzessin während der übrigen Hälfte der Reise begleiten und bedienen werden.
Und der König antwortete dem Haushofmeister: – Wohlan! Alles geschehe nach dem Wunsche des Königs. Eures Herrn.
Der Haushofmeister fügte hinzu: – Gnädigster Herr! Noch ein Umstand würde dem König Pipin eher angenehm sein, da er sehr eifersüchtig ist, nämlich, daß Prinzessin Bertha während der ganzen Reise verschleiert bleibt, damit Niemand ihr Gesicht sieht, und daß sie nur mit mir redet, damit Niemand ihre Stimme hört.
Und der König antwortete: – Das ist nicht mehr als billig; von diesem Augenblick an gehören ihr Gesicht, ihre Stimme, wie ihre ganze Person, ihrem Gemahl, dem König Pipin, und der Gebieter kann über das, was ihm gehört, verfügen, wie es ihm gefällt.
Der Haushofmeister that das, damit, wenn keiner der Ritter seines Gefolges die Prinzessin in der Nähe gesehen, oder sie hatte sprechen hören, es ihm leicht werde, seine Tochter an deren Stelle unterzuschieben.
Demnach reisete die Prinzessin ab, gefolgt von den fränkischen Rittern, und von den Herren aus Krain. Während der ersten Hälfte des Wegs, mogte die Reise zu Wasser stattfinden oder sie dieselbe zu Pferde machen, blieb die Prinzessin verschleiert zwischen ihrem Vater und dem Haushofmeister, und redete nur mit diesen beiden. Auf der Mitte des Weges angelangt, sagte der Haushofmeister zum König von Krain und seinen Begleitern, daß hier das Ziel ihrer Reise sei, und diese, getreu der Uebereinkunft, kehrten wieder um, nachdem der König und Prinzessin Bertha manche Thräne vergossen, und nachdem der gute Fürst seine Tochter dem boshaften Haushofmeister bestens anempfohlen hatte, welcher, wie man leicht denken kann, es weder an Versprechungen noch Schwüren fehlen ließ.
Noch an demselben Abend, an welchem der König und seine Ritter ihn verlassen hatten, schickte der Haushofmeister eine Gesandtschaft an König Pipin ab, und ließ ihn benachrichtigen, daß er den Hof von Krain verlassen habe, und seinen Weg mit der Prinzessin Bertha fortsetze, die er ihm zuführen werde, jedoch ohne zu bestimmen, auf welchem Wege er ankommen würde, damit der König ihm Niemand entgegen senden könne.
Man setzte demnach die Reise weiter fort, und die Prinzessin hatte Nichts bei sich, was sie an ihr Vaterland erinnern konnte, außer einem kleinen Hunde, den sie nach ihren Eltern am meisten liebte, so daß sie ihn den ganzen Tag vor sich auf dem Pferde hatte. Abends, wenn man im Nachtquartier angekommen war, nahm sie, um sich zu zerstreuen, ihr Arbeitskörbchen zur Hand, und arbeitete an einer schönen Stickerei. So verging die Zeit, und am Ende des vorletzten Tagemarsches hielt der Haushofmeister in dem Dorfe an, wo seine Frau und Tochter nebst den zwei Dienern ihn erwarteten; und als er seine Tochter erblickte, die er seit drei Jahren nicht gesehen, fand er sie der Prinzessin so ähnlich, daß er dadurch noch mehr in seinem bösen Plan bestärkt wurde.
Uebrigens war der Ort sehr gut gewählt, denn unmittelbar hinter dem Dorfe erhob sich ein ungeheuer großer und dichter Wald, welcher sich bis gen Augsburg erstreckte, und nur von einem tiefen und beinahe unbewohnten Thal durchschnitten wurde, welches das Mühlenthal genannt wurde. In diesem Walde wollte sich der Haushofmeister der Prinzessin entledigen.
Er ließ demnach seine beiden Diener kommen, und da diese seine Vasallen und dem zu Folge ganz von ihm abhingen. so gab er ihnen die Kleider seiner Tochter, und befahl ihnen, am andern Morgen vor Tagesanbruch in das Zimmer der Prinzessin zu dringen, und ihr anzudeuten, daß sie statt ihrer gewöhnlichen Kleider, das ihr überbrachte Kleid anziehen, und ihnen folgen müsse; hierauf sollten sie dieselbe tief in den dicksten Wald führen, sie tödten, ihr die Junge abschneiden und diese nebst dein blutigen Hemde als Beweis der Vollführung ihres schrecklichen Auftrags ihm zurückbringen.
Wie der Haushofmeister es vorausgesehen, machten die beiden Diener keine Einwendung, sondern bereiteten sich zur Ausführung der Befehle ihres Herrn. Sie traten demnach eine Stunde vor Tagesanbruch in das Zimmer der Prinzessin, die, geweckt durch das Gebell ihres Hündchens, munter wurde, und zu ihrer großen Verwunderung zwei ihr unbekannte Männer am Kopfende ihres Bettes stehen sah. Sie befahl ihnen, hinauszugehen, aber diese, anstatt ihr zu gehorchen, erklärten, daß sie ihren Willen thun müsse, und daß ihr Wille sei, sie solle sich stillschweigend ankleiden und ihnen folgen. Die Prinzessin, die Niemand aus ihrem Vaterlande um sich hatte, der ihr hätte zu Hilfe kommen können, sah wohl ein, daß sie das Opfer irgend einer Verrätherei sei, und hoffte wenigstens durch ihre Sanftmuth diejenigen zu entwaffnen, welche so zu ihr redeten, sie streckte deshalb die Hand nach ihren Kleidern aus, aber die beiden Diener untersagten ihr, dieselben zu berühren, und warfen das Kleid von der Tochter des Haushofmeisters auf ihr Bette. Hierauf bat die Prinzessin sie um die einzige Gnade, sie mögten einen Augenblick aus dem Zimmer geben, damit sie aufstehen und sich ankleiden könne, welches sie ihr auch zugestanden, nachdem sie sich zuvor genau überzeugt hatten, daß keine zweite Thür vorhanden, und daß das Fenster zu hoch über der Erde sei, als daß sie auf diesem Wege werde entfliehen können.
Nachdem die Prinzessin allein geblieben, kleidete sie sich unter Thränen an, knieete nieder und betete; sie hatte ihr Gebet noch nicht beendet, als die beiden Männer wieder eintraten und ihr sagten, sie möge sich beeilen. Da sie entschlossen war, denselben durchaus kein Hinderniß in den Weg zu legen, so erhob sie sich augenblicklich, nahm ihren kleinen Hund unter den Arm, ihr Stickereikörbchen in die Hand und sagte, daß sie bereit sei, ihnen zu folgen.
Die beiden Diener machten, daß sie ohne Geräusch die Treppe hinab stieg, gingen mit ihr quer über dm Hof, öffneten eine Hinterthür und befanden sich bald im Walde. Dort angekommen, fürchtete die arme Prinzessin sich so sehr, daß sie glaubte ohnmächtig zu werden, und als sie sah, daß die beiden Männer einander auf seltsame Weise ansahen, sagte sie zu ihnen, indem sie ihren kleinen Hund auf die Erde setzte:
–– Es ist Nichts, es ist Nichts, gebt mir euren Arm, daß ich mich darauf stütze, dann werde ich gehen können, so weit ihr wollt.
Einer der Männer, derjenige welcher ihr zur Linken ging, reichte ihr seinen Arm, sie stützte sich darauf, und setzte ihren Weg weiter fort. Wie sehr sie sich aber auch anstrengen mogte, so fühlte sie doch, nachdem sie noch eine Viertelstunde vorwärts geschritten, daß ihr die Kräfte fehlten, sie sank zusammen, fiel auf die Kniee und sagte:
–– Um Gott, meine Herren, was wollt Ihr denn mit mir beginnen, indem Ihr mich zu dieser Stunde an einen so öden Ort des Waldes führet?
–– Mein liebes Fräulein, sagte derjenige, welcher zu ihrer Rechten ging, unser Herr hat uns einen grausamen Auftrag gegeben, welchen Gott uns verzeihen wird, und Ihr auch; denn wir haben Euch hierher geführt, um Euch zu tödten.
Bertha stieß einen Schrei aus, und ohne weiter zu reden, breitete sie die Arme ans, erhob die Augen gen Himmel, gleich einer Märtyrin. Dicke Thränen allein flossen ihre Wange herab auf die Erde, wo sie an den Grashalmen glänzten gleich Thautropfen.
Nun näherte sich der Diener, welcher zu ihrer Linken ging, seinem Kameraden, und indem er ihn bei Seite zog, sagte er zu ihm:
–– Meiner Treu, tödte dieses arme Kind, wer da wolle; ich, der ich sie gestützt habe, und der ihr armes Herz auf dem ganzen Wege an meinem Arme schlagen fühlte, habe nicht den Muth dazu.
–– Aber was wird der Herr sagen? erwiderte der Andere.
–– Mag er sagen, was er will; ich will lieber, meinen Leib preisgeben, als meine Seele verderben, außerdem, siehe sie nur an, Gott wolle mir verzeihen, wenn sie nicht wie eine Heilige aussieht!
–– Ich verlange nichts Besseres, als sie zu retten, sagte der Andere; aber Du weißt, daß wir dem Herrn den Beweis liefern müssen, daß sein Befehl vollzogen ist. – Finde ein Mittel, ihn glauben zu machen, daß wir ihm gehorchten, und bei meiner Seele, ich werde eben so froh sein als Du.
–– Warte, ich finde eins, sagte der Andere.
Nach Verlauf eines Augenblicks näherte er sich der armen Bertha, die noch immer betete, und die, als sie ihn nach der mit seinen Gefährten gepflogenen Unterredung sich ihr wieder nähern sah, glaubte, daß ihre letzte Stunde gekommen sei, und nachdem sie das Zeichen des Kreuzes gemacht, ihm ihren Hals darbot, indem sie mit sanfter Stimme sagte: Mein Freund, ich verzeihe Euch, wie Ihr es so eben verlangtet. Laßt mich so wenig leiden als möglich ist.
–– Mein liebes Fräulein, ich komme nicht, um Euch zu tödten, sondern nur, um Euer Hemde von Euch zu verlangen.
Bertha empfand jetzt noch größere Furcht, denn sie glaubte, daß diese Männer einen schändlichen Plan in Bezug auf sie geschmiedet hätten; sie streckte die Hand aus, um seine weitere Annäherung zu verhindern, und sagte:
–– Aber ich will lieber sterben, als meine Ehre verlieren.
–– Der Himmel wolle verhüten, mein edles Fräulein, antwortete der Diener, daß, indem er Euch das Leben schenkt, wir Eure Ehre kränken oder beeinträchtigen sollten. Ich verlange blos Euer Hemd, um es zu durchlöchern und mit Blut zu besudeln, damit unser Herr glaube, daß Ihr todt seid, und da er uns geboten hat. ihm auch Eure Zunge, als Beweis, daß Ihr nicht mehr lebt, mitzubringen, so werden wir ihm die von Eurem kleinen Hunde bringen.
Die Prinzessin schluchzte laut, denn sie liebte ihren kleinen Hund sehr, aber, als ob dieser begriffen hätte, daß er seiner Herrin das Leben retten sollte, entschlüpfte er ihren Armen, und kroch winselnd zu den Füßen des andern Dieners.
Bertha sah nun wohl ein, daß es Gottes Wille sei, daß dies so geschehe. Voll Schamhaftigkeit entfernte sie sich ein wenig von den Dienern, und nachdem sie ihr Hemde ausgezogen, gab sie es den Dienern; diese nahmen es, durchbohrten es mit mehrern Pikenstichen, und tränkten es mit dem Blute des getödteten kleinen Hundes; hierauf schnitten sie dessen Zunge ab, um ihrem Herrn glauben zu machen, daß es die der Prinzessin sei; diese ließen sie dann schwören, daß sie nicht versuchen wolle, zu ihrem Vater zurückzukehren, und als die Prinzessin diesen Schwur geleistet, ließen sie dieselbe im Walde zurück, indem sie das blutbefleckte Hemde und die Zunge des kleinen Hundes mit hinwegnahmen.
Als der Haushofmeister dieses doppelte Beweismittel sah, zweifelte er nicht, daß sein Befehl vollzogen sei. Er nahm Abschied von seiner Frau, welche mit den beiden Dienern, denen er eine ansehnliche Belohnung gegeben, damit sie das Geheimniß wohl bewahren mögten, nach Haus zurückkehrte, weckte dann seine Tochter, die er in das Zimmer der Prinzessin hinauf steigen ließ, und dort, wie sie schon im Voraus war angewiesen worden, Bertha's Kleider anlegen mußte; sie schmückte sich auch mit deren Geschmeide, und bedeckte ihren Kopf mit dem Schleier derselben. Zu der Stunde, wo man gewöhnlich aufzubrechen pflegte, kam sie die Treppe herab, wie es die Prinzessin gewöhnlich zu thun pflegte, stieg zu Pferde, und ritt den ganzen Tag neben dem Haushofmeister, so auch am folgenden Tage, und am Abend dieses zweiten Tages kamen sie im Schlosse zu Weihenstephan an.
Pipin hatte von der Zeit an, wo er einen Brief des Haushofmeisters erhielt, der ihm die Ankunft seiner Braut meldete, ohne anzugeben, auf welchem Wege sie kommen würde, befohlen, daß eine Schildwache Tag und Nacht von der Zinne des höchsten Thurms aus Acht habe, und ins Horn stoßen solle, sobald sie den Zug erblicke.
Pipin hatte demnach Zeit, diejenige, welche er für die Tochter des Königs von Krain hielt, an der Pforte des Schlosses zu empfangen. Daselbst angelangt, stieg die untergeschobene Prinzessin vom Pferde und knieete vor dem König nieder. Dieser, der gern sehen wollte, ob sie wirklich so schön sei als ihr Bildniß, nahm ihr selbst den Schleier ab, und da er gefunden, daß sie in der That recht hübsch sei, hob er sie auf küßte sie auf den Mund, und stellte sie dem ganzen Hofe als die Königin der Franken vor.
Keiner von den Herren des Gefolges bemerkte den Betrug, und wenn ja einer von ihnen fand, daß die Prinzessin bei ihrer Ankunft nicht ganz so hübsch aussehe, als bei der Abreise, so dachte er, die Strapaze der Reise, und die Langeweile, so lange haben schweigen zu müssen, seien Schuld an dieser Veränderung.
Die Arglist des rothen Ritters glückte so gut, daß Pipin, welcher die echte Bertha nicht kannte, sich in diese ihm Vorgestellte verliebte, sie heirathete, und von ihr einen Sohn bekam, den er Leo nannte.
Dieser wurde so gelehrt, daß er im Jahr 795 nach Christus, nach dem Tode Adrian I. unter dem Namen Leo III. zum römischen Papste erwählt wurde. In der Folge zeugte Pipin mit der unechten Bertha noch zwei Söhne, wovon der eine Wemermann, der andere Rapath genannt wurde, und zwei Töchter mit den Taufnamen Agnes und Bertha.
II.
Von dem, was sich mit der Prinzessin von Krain im Walde ereignete, und wie sie als Magd bei einem Müller in Dienst trat
Nachdem die Diener fortgegangen waren, und die arme Prinzessin sich in dem Walde allein befand, warf sie noch einen Blick auf den Körper des einzigen Freundes, der ihr treu geblieben, und diese Treue mit dem Leben bezahlt hatte, und vertiefte sich dann in den Wald, indem sie vorwärts schritt, ohne zu wissen wohin, denn, wie wir schon gesagt haben, war der Wald so dicht, daß sich keine Spur eines Weges darin fand, und daß, wiewohl der Tag nun anbrach, man kaum eine Richtung verfolgen konnte.
So wanderte sie den ganzen Tag, ohne Jemand zu begegnen, und am Abend, todtmüde und beinahe sterbend vor Hunger, sank sie unter einem Baume nieder, so hinfällig, daß sie bald einschlief.
Sie schlief noch nicht lange, als ihr träumte, daß ein hell strahlender Engel vom Himmel herabsteige, sie wie den jungen Tobias bei der Hand nehme, und sie zu einem prächtigen Palaste führe, der ganz von Lichtern glänzte, und ganz von prachtvoll gekleideten Herren angefüllt war. In diesem Augenblick erwachte sie, und befand sich noch immer am Fuße des Baumes mitten im Walde.
Gleichwohl hatte der Traum ihr Trost eingeflößt und sie einigermaßen gestärkt. Sie erhob sich demnach und schritt wieder vorwärts. Kaum hatte sie etliche Schritte gethan, als sie durch die Bäume ein Licht schimmern sah; ihre erste Empfindung war Freude, die zweite Furcht. Würde sie einem Freunde oder einem Feinde begegnen? Endlich faßte sie wieder Muth, und indem sie überlegte, daß, wenn sie einmal sterben müsse, es vorzuziehen sei, ermordet zu werden, als vielleicht acht Tage lang die Todesqual des Hungers und des Elends zu ertragen, setzte sie ihren Weg nach dem Lichte zu fort, welches sie erblickt hatte, und welches immer zunahm, je mehr sie sich ihm näherte. Als sie nur noch etwa hundert Schritte davon entfernt war, ging sie nicht mehr gerade darauf los, wie sie bisher gethan, sondern vorsichtig von Baum zu Baum, um sehen zu können, ohne gesehen zu werden, und sie bemerkte einen großen schwarzen Mann, der ein ungeheures Feuer schürte.
Die Prinzessin glaubte anfänglich, daß es der Satan sei, welcher seinen Sabbath vorbereite, und sie hatte große Lust zu fliehen; aber nachdem sie aufmerksamer hingesehen, erkannte sie, daß der Waldbewohner weder den Schwanz und Pferdefuß, noch die rothe Zunge habe, mit welcher der Satan gemeiniglich abgebildet wird; im Gegentheil flößte sein breites gutmüthiges Gesicht Zutrauen ein. Von Zeit zu Zeit sang er ein Lied mit solcher Fröhlichkeit, daß man voraussetzen konnte, derjenige, welcher so sänge, müsse ein reines Gewissen haben. Alle diese Anzeichen beruhigten Bertha einwenig, und sie näherte sich dem schwarzen Mann.
Aber als er sie gewahr wurde, erschrak er und bekreuzte sich. Die Prinzessin nahm hieraus ab, daß sie es mit einem Christen zu thun habe; es schwand alle Furcht, und indem sie die Hand gegen ihn ausstreckte, sagte sie:
–– Braver Mann, ich bin weder eine teuflische noch eine himmlische Erscheinung, sondern weiter Nichts als ein armes Mädchen, welches sich in diesem Walde verirrt hat, beinahe vor Hunger stirbt, und Euch um ein Stückchen Brod bittet.
–– Ah! wenn es weiter Nichts ist, mein schönes Fräulein, antwortete der Köhler, erstaunt, ein so junges Mädchen zu dieser Nachtstunde, allein, mitten in einem Walde zu sehen, – ich habe zwar nur ein Stück Brod, aber mit Hilfe eines Messers werden wir es theilen, und zwei daraus machen; indem wir dann zu Abend essen, weidet Ihr mir erzählen, wie es zugeht, daß ein so hübsches Mädchen, wie Ihr seid, nicht weiß, wo sie zu Abend essen, oder schlafen soll, und die Gastfreundschaft eines armen Schelmes wie ich in Anspruch nimmt.
–– Die eigentliche Ursache, guter Köhler, antwortete dir Prinzessin, darf ich Euch nicht nennen, denn ich habe geschworen, es nicht zu thun; nur so viel kann ich Euch sagen, daß ich in diesem Walde verborgen bleiben muß, und ich würde sehr zufrieden sein, wenn Ihr mir einen kleinen Raum in Eurer Hütte, Brod und Wasser geben wolltet, und ich würde arbeiten, um meine Nahrung zu bezahlen, denn ich habe mein Arbeitskörbchen bei mir, und verstehe Stickereien zu fertigen, die Ihr zu gutem Preise in der Stadt verkaufen könntet.
–– Davon wollen wir später reden, mein schönes Kind; aber das Nöthigste für jetzt wird sein, daß ich Euch zu essen und zu trinken gebe, nicht wahr? Tretet in meine Hütte, ich habe Nichts als Brod und Wasser, aber sie stehen Euch gern zu Diensten.
Und der Köhler führte Bertha in seine Hütte, wo er ihr Weißbrod und recht frisches und klares Wasser gab. Bertha begann damit, ihrem guten Engel zu danken. Zwischen der Hütte des Köhlers und dem Palaste, welchen sie im Traume gesehen, war zwar ein großer Abstand, aber in ihrer Lage waren ein, wenn auch schlechtes Dach und ein gutes Herz Alles, was sie wünschen konnte. Nach beendetem Gebet aß und trank sie mit so gutem Appetit, wie es ihr fast noch nie begegnet war.
–– Mein schönes Fräulein, sagte der Köhler, als Bertha ihre Mahlzeit geendet hatte, es könnte mir Nichts erwünschter sein, als eine so hübsche Haushälterin zu haben, wie Ihr seid; aber Ihr könnt nicht bei einem armen, ganz schwarzen Manne bleiben, den Ihr für den Teufel angesehen habt. Ich habe einen Bruder, der ein reicher Müller ist; die Mühle von Reismühl drei Meilen von hier, gehört ihm. Morgen werde ich Euch zu ihm führen; er hat zwei Töchter, die Euch gut aufnehmen, und wenigstens eine passende Gesellschaft für Euch bilden werden.
–– Aber, fragte Bertha, werde ich bei Eurem Bruder, dem Müller, mich auch verborgen halten können?
–– So sehr Ihr es nur wollt, antwortete der gute Mann.
–– Dann bin ich bereit, Euch zu folgen, und möge Gott Euch für das belohnen, was Ihr für mich thut.
Am andern Morgen mit Tagesanbruch kam denn der Köhler, welcher außerhalb der Hütte geschlafen hatte, um Bertha mehr Freiheit zu lassen, sie abzuholen. Er fand sie schon bereit, denn die Aufregung des vorangegangenen Tages hatte sie wenig schlafen lassen.
Sie machten sich auf den Weg, der Köhler schritt voran, die Prinzessin folgte ihm, denn wiewohl sie ihn nicht verrathen hatte, wer sie sei, so hatte er doch geahnet, daß er es mit einem zu edlen Fräulein zu thun habe, um ihr den Arm zu bieten, und so kam sie bei dem Müller an.
Wie der Mann des Waldes es vorausgesagt, nahm der Müller sie überaus freundlich auf, und als Bertha ihn gebeten, dort bleiben zu dürfen, unter der Bedingung, daß sie arbeiten wolle, um ihr Brot» zu verdienen, willigte der Müller darein.
Am andern Tage, als es sich darum handelte, zu bestimmen, bei welcher Art von Arbeit Bertha würde zu verwenden sein, sagte diese zum Müller, wenn er ihr Glauben schenken wolle, so möge er, anstatt sie mit häuslicher Arbeit zu beschäftigen, an die sie nicht gewöhnt sei, sie Stickereien fertigen lassen; und wenn diese Stickereien fertig, würde er sie in der Stadt verkaufen, die Hälfte des Geldes für sich behalten, und für die andere Hälfte neun Docken Seide von verschiedenen Farben, so wie Gold- und Silberfäden einkaufen. Der Müller schütteln den Kopf, denn er zweifelte sehr, daß mit alle den kleinen Knäueln, die er im Körbchen der Prinzessin sah, man irgend etwas wirklich Gutes anfertigen könne; aber da er ein braver Mann war, und ihr nicht wehe thun wollte, so entschloß er sich, sie den Versuch machen zu lassen, wiewohl er keine große Hoffnung des Erfolgs für Bertha hegte.
Nach Verlauf eines Monats hatte Bertha ein großes Stück Stoff. Blumen und Vögel darstellend, gefertigt und mit einer Vollkommenheit, daß man die Blumen für natürliche halten und glauben konnte, die Vögel würden singen.
Der ganz erstaunte Müller nahm das Stück Stoff, legte es sorgfältig zusammen, und reisete damit nach Augsburg ab. Auf dem Marktplatze der Stadt angekommen, trat er in den schönsten Stickereiladen, zeigte seine Stickerei, und fragte die Händlerin, ob sie ihm dieselbe abkaufen wolle. Die Handelsfrau nahm die Stickerei und betrachtete sie sehr lange, ohne Etwas zu sagen, und wendete dieselbe von einer Seite zur andern, denn die Arbeit war so kunstvoll, daß die Stickerei fast eben so schön auf der unrechten, wie auf der rechten Seite war. dann endlich fragte sie den Müller, wie viel er dafür fordere.
–– Hört, antwortete der Müller, ich bin ein schlichter Mann, und kenne den Preis einer solchen Sache nicht, schätzt selbst den Werth dieser Stickerei ab, und gebt mir dafür was Ihr wollt; ich verlasse mich in dieser Hinsicht auf Eure Redlichkeit.
Braver Mann. erwiderte die Händlerin. Ihr habt wohl gethan dies zu sagen. Sie gab ihm hierauf eine starke Summe Geldes und sagte:
–– Solltet Ihr noch weitere Stickereien von der nämlichen Person haben, bringet sie mir und ich werde sie bezahlen im Verhältniß wie diese.
Der Müller, ganz erstaunt, daß eine einfache Stickerei so theuer bezahlt werden könne, versprach es ihr von ganzem Herzen. Er steckte die Hälfte der Summe in die Tasche, und kaufte für die andere Hälfte einen ganzen Packkorb für seinen Esel, voll von Docken Seide von allen Farben, und von Rollen mit Gold- und Silberfäden. Hierauf kehrte er zu der Mühle von Reismühl zurück, wo Bertha ihn voll Ungeduld erwartete, um zu erfahren, ob er die Waare habe verkaufen können.
–– Gott und Herr! mein liebes Fräulein, rief der Müller schon aus großer Ferne, als er Bertha erblickte, was für einen glücklichen Einfall habt Ihr gehabt; keine andere Arbeit als Stickerei vornehmen zu wollen, denn ich bringe Stoff mit, aus welchen Ihr zwanzig Stücke wie das erste anfertigen könnt, und obendrein eine so starke Summe Geldes, die hinreichen würde, um davon die Ausstattung der Tochter eines Ritters zu bestreiten.
Und bei diesen Worten wollte er ihr das Geld geben; aber Bertha sagte zu ihm:
–– Behaltet dieses Geld, braver Mann, es ist der Preis für die Nahrung und Wohnung. die Ihr mir gebet; nur, wenn ihr Euren Töchtern Kleider kauft, werdet Ihr davon auch eins für mich mit kaufen.
Der Müller bestand lange auf der Annahme, Bertha dagegen wollte von Nichts wissen, und der Müller mußte das Geld in seinen Schrank legen. Aber da er ein rechtlicher Mann war, und voraussetzte, daß Bertha ihn doch einst verlassen werde, so trennte er ihr Geld von dem seinigen, um ihr im Augenblick der Abreise darüber leicht Rechnung ablegen zu können.
Die Prinzessin machte sich dann wieder an die Arbeit, welche sie emsig einen ganzen Monat fortsetzte. Am Ende des Monats übergab sie dem Müller eine noch weit schönere Stickerei, als die erste gewesen war. Dieses Mal ließ der Müller sich nicht erst lange bitten, er nahm die Stickerei und trug sie zu der nämlichen Händlerin, die ihm eine noch größere Summe dafür zahlte, so vortheilhaft hatte sie die erste verkauft; auch nahm sie ihm das Versprechen ab, ihr im nächsten Monat ein drittes Stück zu bringen und zu verkaufen.
Im folgenden Monat suchte die Händlerin vom Müller zu erfahren, wie er zu diesen reichen Stickereien käme, und wer die geschickte Arbeiterin sei, die so schöne Sachen anfertige; da aber der Müller der Prinzessin versprochen hatte, das geheim zu halten, so erwiderte er der Händlerin, daß, wenn sie ähnliche Fragen an ihn stellte, er die Stickereien künftig zu einer andern tragen würde. Hierauf versprach die Händlerin, welche diesen Verdienst zu verlieren fürchtete, ihn nie wieder darnach zu fragen, und bezahlte ihm dieses Stück noch theurer als die früheren.
Dieser Handel währte drei Jahre, und wenn man die Händlerin fragte, von wo sie diese Stickereien beziehe, antwortete sie: »von jenseits des Meers.«
III.
Wie König Pipin, der sich auf der Jagd verirrt hatte, an die Thür des Müllers klopft, und welche Folgen dies hatte
Als nun Prinzessin Bertha so drei Jahre lang gestickt hatte, und von Niemand, selbst vom Müller nicht erkannt worden war, ereignete es sich gegen das Ende dieser Zeit, daß der König in dem Walde von Weihenstephan jagte. Der verfolgte Hirsch hatte das Weite gesucht und den König und sein Gefolge in den großen Wald fortgerissen, welchen der Köhler, der Müller und Bertha bewohnten. In diesem Walde angekommen, verfolgte der König den Hirsch so eifrig, daß er gegen Abend gänzlich von seinem Gefolge getrennt war, und nur noch einen einzigen Jäger, einen Diener und seinen Astrologen bei sich hatte. Nachdem sie sich so verirrt hatten, und da der Wald immer wilder wurde, machte sich der Jäger auf, um einen Weg zu suchen, er suchte so eifrig, daß er sich bis über den Bereich des Jagdhorns entfernte, so gut, daß er seinerseits sich verirrte, und nicht wieder mit dem König vereinigen konnte, so daß der König mit seinem Diener und den Astrologen allein blieb.
In der Zwischenzeit war die Nacht völlig eingetreten. Der Astrolog beobachtete die Sterne, um zu erfahren, ob sie weit vom Schlosse Weihenstephan entfernt seien; aber er fand, daß, wenn sie auch die ganze Nacht hindurch ritten, sie kaum bei Anbruch des Tages im Schlosse ankommen würden. Nun sah der König wohl ein, daß nicht die Rede davon sein könne, das Schloß zu erreichen, sondern daß es sich darum handele, irgend ein Obdach zu finden, und er befahl dem Diener, auf einen Baum zu steigen, um zu sehen, ob nicht irgend ein Haus oder ein Dorf m der Nähe sich befinde. Der Diener gehorchte, und auf dein Gipfel der höchsten Tanne, die er hatte finden können, angelangt, rief er: Gnädigster Herr und König, ich sehe nicht fern von hier Rauch aufsteigen.
–– Wohlan! rief Pipin ihm zu, merke Dir genau die Richtung, steige herab und laßt uns dorthin gehen.
Der Diener stieg vom Baume herab, und bestieg wieder sein Pferd, dann wandten sich alle drei der von ihm bezeichneten Richtung zu, und gelangten bald an den brennenden Meiler des Köhlers. Der gute Mann war wie gewöhnlich beschäftigt, sein Feuer zu schüren. Der Diener näherte sich ihm und fragte, an welchem Orte des Waldes sie sich befänden. Aber der Köhler, welcher sah, daß hinter demselben sich noch zwei Männer im Schatten hielten, fragte, bevor er antwortete, wer sie wären. – Wir sind, antwortete der Diener, Jäger, die sich verirrt baden, und ein Obdach suchen, wo sie die Nacht hinbringen können. In diesem Augenblick hatten sich Pipin und sein Astrolog genähert und waren in dm Lichtkreis des Meilers getreten, und der Köhler sah an ihrer Kleidung, daß der Diener ihm die Wahrheit gesagt habe. Er bedachte, daß seine Hütte zu klein sei, um solchen anscheinend reichen Herren zum Obdach dienen zu können, und erbot sich, sie zu seinem Bruder, dem Müller, zu führen, welcher nur eine Stunde Wegs von dort wohne. Unsere Wanderer nahmen dies an, und schlugen, vom Köhler begleitet, den Weg nach Reismühl ein.
Als der Müller drei bewaffnete Männer ankommen sah, that er dieselbe Frage, wie früher sein Bruder, worauf der Köhler sagte, daß es drei Jäger wären, die sich im Walde verirrt hätten, und welche um ein Abendessen und Nachtlager bäten. – Wenn sie sich mit dem Wenigen begnügen wollen, was ich ihnen bieten kann, antwortete der Müller, so werde ich sie wohl gern aufnehmen. Worauf Pipin sich näherte, und zu diesem braven Manne sagte, daß, so wenig es auch sein möge, er in seiner gegenwärtigen Lage es dankbar annehme. Der Müller öffnete nun seine Thür, und der Köhler, welcher für seine Bemühung ein Goldstück empfangen hatte, kehrte wieder zu seinem Meiler zurück.
Wiewohl nun der Müller deutlich bemerkte, daß er es mit Männern von Bedeutung zu thun hatte, konnte er ihnen gleichwohl nur das vorsetzen, was er hatte, und dieses war, wie er gesagt, nur wenig; aber so mager die Mahlzeit auch war. so that Pipin ihr doch nicht weniger Ehre an, vorzüglich, da sie ihm von den beiden Töchtern des Müllers aufgetragen wurde, denen der König viele Artigkeit erwies, da sie ihm sehr gefielen. Seinerseits richtete der Müller tausend Fragen an ihn, wie man es mit Reisenden zu thun pflegt, und Pipin beantwortete sie huldvoll; doch wie sehr auch der König sich bemühete, sich zu seinem Wirthe herabzulassen, so bemerkte der Müller doch, daß er es mit einem Manne von hohem Range zu thun habe.
Nach dem Abendessen, und während Pipin von diesem und jenem mit dem Müller und dessen Töchtern plauderte, ging der Astrolog hinaus, um die Sterne zu berathen, und er las am Himmel, daß der König diese Nacht mit seiner wahren Gemahlin zubringen würde, und diese ihm einen Sohn gebären würde, der so mächtig unter den Königen und Kaisern werden würde, daß alle Fürsten der Christenheit ihm unterthänig sein würden. Kaum hatte er dies Horoscop gestellt, als er rasch wieder eintrat, den König bei Seite zog und ihm mittheilte, was er so eben in den Sternen gelesen. Aber der König wollte es nicht glauben, und erwiderte kopfschüttelnd:
–– Wie ist dies möglich, denn es ist nur zu gewiß, daß wir diese Nacht nicht nach Weihenstephan kommen werden.
Aber der Astrolog beharrte auf seiner Aussage, und da es ein sehr gelehrter Mann war, so wich Pipin seiner Meinung. Er wendete sich wieder zu dem Müller und sagte:
–– Braver Mann, beherbergt Ihr nicht irgend eine fremde Frau in Eurem Hause?
Der Müller, welcher das Geheimniß Berthas nicht preisgeben wollte, antwortete mit: Nein.
–– In diesem Falle, mein lieber Freund, sagte Pipin, gebt mir eine Eurer Töchter für diese Nacht, denn nach dem, was mein Astrolog sagt, und er ist ein Mann, der sich nie irrt, ist es möglich, daß eine Eurer Töchter meine Gemahlin wird.
Der Müller, der sich dies als eine große Ehre anrechnete, hatte Nichts dagegen, und nachdem dem Könige im besten Zimmer der Müller ein Bett hergerichtet war, führte er ihm seine älteste Tochter zu. Der Astrolog ging wieder ins Freie, um die Sterne von Neuem zu befragen, und da das junge Mädchen schon halb entkleidet war, so kehrte er rasch zurück, und sagte, der König möge sich hüten, weiter vorzuschreiten, denn diese sei nicht die ihm bestimmte Frau. Hierauf rief Pipin den Müller, und hieß ihm, ihm seine jüngste Tochter herzubringen, die wenigstens eben so hübsch als die älteste war, so daß der König sich tröstete, und selbst glaubte, daß er bei dem Tausch eher gewonnen als verloren hätte; aber in diesem Augenblick trat der Astrolog noch bestürzter als das erste Mal wieder ein, und sagte zu seinem Herrn, daß er die Sterne von Neuem befragt habe, und daß das junge Mädchen, welches sich in seinem Zimmer befinde, nie seine rechtmäßige Gemahlin werden würde, und daß es dem zu Folge gut sei, sie wieder fortzuschicken. Sogleich ließ Pipin den Müller zum dritten Mal kommen, und fragte ihn, ob sich bei ihm keine andere Frau befinde, als die beiden jungen Mädchen, welche er ihm nach einander zugeführt habe. Der Müller fürchtete, es möge ihm irgend ein Unglück begegnen, wenn er länger die Wahrheit verhehlte, und gestand Pipin, daß seit etwa drei Jahren ein schönes Fräulein bei ihm wohne, deren Heimath und Familie ihm unbekannt seien, und die bei ihm lebe und sich mit Stickerei beschäftige. Als der Astrolog diese Worte hörte, sagte er, er möge sie herbeiführen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach sei sie es, welche die Sterne bezeichneten. Aber Pipin war so neugierig, das unbekannte Fräulein zu sehen, daß er die Rückkehr seines Astrologen nicht abwartete, sondern dem Müller auftrug, das junge Mädchen zu holen. Der Müller gehorchte, und holte Bertha, welche mit niedergeschlagenen Augen und ganz schamroth ankam; dann verschloß er die Thür hinter ihr und entfernte sich. Pipin ging nun auf das junge Mädchen zu, die, als sie ihn sich nähern hörte, die Augen aufschlug und die Hand ausstreckte, um ihn zurückzustoßen; aber kaum hatte sie ihn angesehen, als sie ihn sogleich nach dem Portrait erkannte, welches man ihr gesendet hatte, und auf ihre Kniee fiel und sprach:
–– Ihr könnt mit Eurer Magd machen, was Euch beliebt, denn Ihr seid mein Herr und mein König.
Pipin hob sie wieder auf, denn seinerseits war er betroffen von ihrer Schönheit, um so mehr, da diese Schönheit seinen Augen nicht fremd war, ohne daß er sich hätte Rechenschaft ablegen können, wo und wie sie ihm schon vorgekommen; außerdem setzte ihn noch der Umstand in Erstaunen und verstärkte seine Mußmaßung, nämlich, daß das junge Mädchen ihn sogleich erkannt hatte; aber er verschob die Nachforschung darüber für eine spätere Zeit.
In diesem Augenblick klopfte der Astrolog an die Thür, die bereits verschlossen war, und der König fragte, wer da sei.
–– Ich bin es, antwortete der Astrolog.
–– Nun, fragte Pipin ungeduldig, was willst Du noch von mir?
– Sire! erwiderte der Astrolog, ich komme, Euch zu sagen, daß Ihr jetzt Prinzessin Bertha, die Tochter des Königs von Krain, Eure rechtmäßige Gemahlin bei Euch habt, und daß diejenige, mit der Ihr seit drei Jahren lebt, nur Eure Concubine ist.
–– Ihr seid ein alter alberner Schwätzer, sagte Pipin; aber das soll Nichts ausmachen, die Sache steht jetzt gut, und ich bin zufrieden.; geht daher zu Bette und laßt mich in Ruhe.
Der Astrolog entfernte sich brummend; aber nun sagte das junge Mädchen zum König:
–– Sire, dieser Mann hat Euch die Wahrheit gesagt; ich bin Prinzessin Bertha, die Tochter des Königs von Krain, und hier ist der Ring, den Ihr mir gesendet habt.
Bei diesen Worten zog sie den Ring vom Finger, den sie von Pipin erhalten, und welchen der schurkische Haushofmeister ihr an dem Tage wieder abnehmen zu lassen vergessen hatte, wo er sie wollte ermorden lassen.
Sie erzählte hierauf Pipin, wie die beiden Männer Mitleid mit ihr gehabt, wie sie zu dem Müller geführt worden, und wie sie schon drei Jahre lang sich daselbst aufhalte, und alles verschwiegen habe.
Auf diese Weise plauderten sie die ganze Nacht, und als es Tag geworden war, wollte der König sie mit sich fortnehmen; aber sie warf sich auf die Kniee, und mit reizender Schamhaftigkeit bat sie den König, ihr nicht den Schmerz zuzufügen, daß sie ihre Freude durch den Tod eines Menschen vergiftet sehen müsse. Pipin wollte zwar davon Nichts hören; aber sie bat so eifrig, und unter so süßen und zärtlichen Liebkosungen, daß der König ihr endlich versprach, seine Rache noch zu vertagen. Hierauf führte sie den König in ihr Zimmerchen, zeigte ihm ihre Stickerei und ihr kleines jungfräuliches Bette, und zwar mit einer Reinheit und Keuschheit, daß der König, trunken von Glück, die Arme um sie schlang, und ausrief:
–– Ihr seid eine von Gott gesegnete Frau, gesegnet sei auch die Frucht, die Ihr heute von mir unter Eurem Herzen traget.
Dann schied er, empfahl aber vorher Bertha aufs Zärtlichste dem Müller, dem er für die Zukunft alle auf der Mühle lastenden Steuern erließ und befahl, daß, wenn das zu erwartende Kind ein Knabe sei, man ihm einen Pfeil sende, wäre es ein Mädchen, sollte man ihm eine Stickereinadel senden.
Bertha begleitete ihn beinahe eine halbe Stunde Wegs von der Mühle weg, und ließ sich das Versprechen geben, daß er nicht eher zurückkehren wolle, als bis ihr Wochenbett überstanden sei, und Pipin leistete dieses Versprechen.
So wie sie allein waren, verbot er seinem Astrologen und seinem Kammerdiener, mit der ganzen königlichen Gewalt, die er über sie ausübte, irgend ein Wort von dem Vorgefallenen zu erwähnen, und sie versprachen es ihm bei Leibes Leben. Sie setzten dann ihre Pferde in Galopp bis zu einem Schloß, welches sich auf der Hälfte des Weges befand; und nachdem ihre Pferde dort sich ausgeruhet und erfrischt hatten, sehten sie den Weg weiter fort, und erreichten am Abend Weihenstephan.
Was Prinzessin Bertha betrifft, so war sie nicht eitler oder stolzer als zuvor, wiewohl sie nun Königin eines großen Reichs geworden, und sie fuhr fort, eben so schöne Stickereien als früher anzufertigen, welche der Müller auf gewohnte Weise in der Stadt verkaufte. So veränderte sich also Nichts in ihrer Lebensweise, nur mußte die älteste Tochter des Müllers jetzt mit in ihrer kleinen Kammer schlafen, und jeden Abend betete die gute Königin zu Gott, daß er sie recht lange in der Mühle lassen möge.
Nach neun Monaten genas sie eines Sohnes, den der Müller als sein Kind taufen ließ, und welches den Namen Carl erhielt, wie Pipin es vorgeschrieben hatte. Als die Taufe vorüber war, nahm der Müller einen Pfeil, und trug ihn zu dem König Pipin, der darüber so erfreut war, daß er eine volle Goldbörse von seinem Gürtel ablösete, und sie dem Müller als Preis der ihm überbrachten guten Nachricht schenkte.
IV.
Wie König Pipin sieben Jahre lang gegen die Ungläubigen kämpfte, und wie er nach Ablauf dieser Zeit den Haushofmeister bestrafte, und seine wahre Gemahlin heirathete
Als Pipin den Pfeil erhielt, hätte er wohl gern sogleich seine Frau und seinen Sohn aufgesucht, aber er hatte so eben Briefe aus Frankreich erhalten, welche ihm meldeten, daß ein König, Namens Marsilias, ein sehr zahlreiches Heer zusammen zöge, und damit gegen die Christen marschierte. Da dieser ein mächtiger König war, und vier Königreiche besaß, so berief Pipin, der vom Papste Stephan II. zum König über alle Könige ernannt war, sämmtliche christliche Könige und Fürsten, die ihm untergeben waren, und marschierte mit ihnen gegen die Ungläubigen und schlug sie. Nachdem er dieselben geschlagen, fiel er mit seinem mächtigen Heer in Spanien ein, und als er dort sein Lager aufgeschlagen, verbrannte er Alles, was zu verbrennen war, und belagerte die festen Schlösser, wovon einige sich aus Hungersnoth ergaben, andere mit Sturm genommen wurden. Er ließ alle Besatzungen über die Klinge springen, mit Ausnahme derer, welche einwilligten, Christen zu werden. Aber wie schnell und glücklich er auch operirte, so brauchte er doch drei Jahre, bevor er ganz Spanien erobert hatte. Als nun Marsilias sah, daß seine vier Königreiche im Besitz der Christen waren, sendete er eine zahlreiche Gesandtschaft an den König Pipin, und bat ihn, wieder heimzukehren, indem er sich verpflichtete, die Kriegskosten zu bezahlen, und in seinem Leben nie wieder gegen die Christen zu Felde zu ziehen, welches er mit seinem Siegel bekräftigen wollte. Pipin nahm diese schönen Vorschläge um so freudiger an, da ein Courier ihn benachrichtiget hatte, daß die Sachsen und Ungarn sich gegen ihn verbündet hätten, mit den Völkern jenseits des Meeres, und in Deutschland eingefallen wären. Der Friede zwischen ihm und dem König Marsilias wurde demnach abgeschlossen und beschworen, und er kehrte nach Schloß Weibenstepban zurück.
Aber dort erfuhr er so schreckliche Nachrichten über die Heiden, daß ihm wieder keine Zeit blieb, seine Gemahlin und seinen Sohn zu besuchen, und daß er sich beeilte, von Neuem alle christlichen Fürsten, welche der Papst Stephan II. unter seinen Befehl gestellt hatte, zu versammeln, indem er ihnen dringend empfahl, binnen zwölf Tagen sich, ganz bewaffnet und ganz gerüstet, mit ihm zu vereinigen.
Während er selbst sich damit beschäftigte, seine Armee zu organisieren, wünschte er neue Kunde von seiner Frau und seinem Sohne zu haben; dem zu Folge befahl er seinem Astrologen und seinem Diener, sich nach Reismühl zu begeben, und sich in der Mühle zu erkundigen, wie beide sich befänden.
Der Astrolog und der Diener machten sich auf den Weg und kamen am nächsten Tage Morgens bei der Mühle an. Der Müller erkannte sie schon von Weitem, eilte zu Bertha und sagte ihr, daß er die beiden Männer kommen sähe, welche den König Pipin an jenem Abend begleitet hätten, wo derselbe in der Mühle geschlafen. Bertha fragte hierauf, ob ihr Herr bei ihnen sei, und da sie gehört, daß dies nicht der Fall war, so verriegelte sie ihre Thür. Nachdem aber die Gesandten sich als Freunde kund gegeben, führte der Müller sie zu dem Fenster, und Bertha bewillkommnete sie durch das Gitter desselben, denn sie hatte geschworen, daß kein anderer Mann als ihr Gemahl in ihr Zimmer eintreten solle. Vor dem Fenstergitter also bestellten sie die Grüße des Königs, und erzählten ihr, wie er die Ungläubigen besiegt habe, und im Begriff sei, neue Völkerschaften zu besiegen, was die Ursache sei, daß er nicht selbst käme. Bertha erwiderte, daß der König der Herr und sie die Magd sei, daß derselbe demnach in Bezug auf sie handeln könne, wie es ihm gut dünke, und daß sie schon glücklich und zufrieden sei, wenn ihr Meister und Herr sie nicht vergäße. Hierauf sagten die Boten, daß sie Befehl hätten, auch den kleinen Karl zu sehen, und man ließ ihn von einer Wiese, auf der er mit seinen kleinen Gefährten spielte, herbeiholen. Er kam sehr übel gelaunt darüber an, daß man ihn bei seinem Spielen gestört hatte, und der Astrolog, nachdem er die Linien seiner Stirn und seiner Hand geprüft hatte, prophezeite, daß er ein großer Kaiser werden würde.
Nach dieser Wahrsagung kehrte der kleine Karl zu seinem Spiel auf der Wiese zurück, und die Gesandten schlugen den Weg nach Weihenstephan wieder ein, wo sie den König Pipin roch immer sehr beschäftigt mit den Vorbereitungen zum Kriege fanden, und sie berichteten ihm wörtlich Berthas Antwort, welche so lautete: Daß sie in der Mühle zu bleiben wünsche, so lange dies ihrem Gemahl angenehm wäre, und daß sie, während er Krieg führe, inbrünstig zum Allerhöchsten beten werde, damit er ihm den Sieg verleihe, und die Heiden ihm unterwürfig mache.
Der König ward durch diese guten Nachrichten von seiner geliebten Bertha so erfreut, daß seine Höflinge sich über seine gute Laune sehr wunderten, und da sie die ihrige gern der seinigen unterordneten, so hörte man drei Tage lang nur heiteres Lachen auf dem Schlosse zu Weihenstephan. In der Zwischenzeit erfuhr man, daß die Ungläubigen mit einer großen Armee heranrückten. König Pipin sammelte daher alle seine Truppen, und rückte ihnen entgegen; aber vierzehn Tage lang wichen die Heiden einer Schlacht aus, denn sie waren noch nicht alle beisammen. Seinerseits war der König nicht böse über diese Verzögerung, denn er erwartete noch etliche christliche Fürsten, welche in starken Tagemärschen heranrückten. Als diese Fürsten angekommen waren, und die Ungläubigen sahen, welche schöne Armee König Pipin hatte, hätten sie nicht nur gern den Tag der Schlacht noch weiter hinausgeschoben, sondern sie wünschten, dieselbe wo möglich ganz zu vermeiden, da ihre Zahl zu den der Christen sich nur wie drei zu eins verhielt, welches sie sehr beunruhigte. Aber König Pipin ließ ihnen nicht Zeit, an den Rückzug zu denken, und griff sie so lebhaft an, daß nach kaum einstündigem Kampfe sie in die Flucht geschlagen waren, dann verfolgte er sie mit verhängtem Zügel, metzelte eine große Menge der Flüchtlinge nieder, und machte die Hauptsächlichsten Anführer zu Gefangenen. Hierauf, um nicht die Frucht eines so schönen Sieges zu verlieren, setzte er sich mit großen Streitkräften im Lande der Sachsen und im Königreich Böhmen fest, und verlebte all da zwei Jahre unter beständigem und stets siegreichem Kampfe, so daß diese zuletzt große Anstrengungen machten, und eine beträchtlichere Armee, als sie je gehabt, auf die Beine brachten, womit sie auf Pipin anrückten.
Als Pipin diese Kunde zu Ohren kam, und er die große Zahl des Heeres erfuhr, wurde er dadurch sehr beunruhigt, denn er war der einzige Schutzwall der Christenheit, und wurde er überwältigt, so war die Religion unseres Herrn Jesu Christi in noch größerer Gefahr, als welcher sie zur Zeit seines Vaters Karl Martel, ruhmreichen Andenkens, ausgesetzt gewesen war.
Er war daher in seinem Zelte sehr traurig, und so sehr mit seinen trüben Gedanken beschäftigt, daß die Lampe welche dasselbe erleuchtete, verloschen war, ohne daß er es bemerkt hatte, doch plötzlich erhellte sich die Finsterniß durch ein seltsames Licht; er erhob die Augen, und sah einen Engel vor sich stehen. Der Engel hielt eine goldene Kette in der Hand, an deren Ende ein großer ausgehöhlter Smaragd hing, und mitten in diesem Smaragd bei fand sich ein Stückchen von dem echten Kreuze. Dann streckte der Engel die Hand aus und sagte zu ihm: Pipin, nimm dieses Stück des echten Kreuzes, vertraue Gott, marschiere gegen den Feind, Du wirst Sieger sein. Und Pipin warf sich auf die Knie, um das Geschenk in Empfang zu nehmen; der Engel hing ihm die Kette um den Hals, und stieg wieder zum Himmel empor.
So der Hilfe des Himmels gewiß, fürchtete Pipin Nichts mehr, er marschierte gegen den Feind, und lieferte ihm eine blutige Schlacht, in welcher derselbe so total geschlagen wurde, daß es ihm von diesem Augenblicke an unmöglich war, sich wieder zu sammeln; aber da während der Schlacht König Pipin stets dort war, wo der Kampf am hitzigsten geführt wurde, so erhielt er von einem Ungläubigen einen Säbelhieb, welcher seine Kette durchschnitt, so daß der Smaragd, welcher das Stück vom wahren Kreuze enthielt, zur Erde fiel, und verloren ging.
Vier Jahre später pflügte ein Landmann auf dem früheren Schlachtfelde. Seine Ochsen aber blieben plötzlich stehen und knieeten nieder, auch waren sie, aller Schläge ohngeachtet, die er ihnen beibrachte, nicht zu bewegen, wieder aufzustehen; da dachte der Bauer, daß dort irgend ein Wunder stattfinden müsse, ließ seine Ochsen und seinen Pflug wo sie waren, und benachrichtigte König Stephan von Ungarn, der ein sehr gottesfürchtiger Mann war, von dem Vorgefallenen. König Stephan berief hier auf seine Clerisey und zog mit großer Feierlichkeit in die Ebene, wo er den Pflug unbeweglich und die Ochsen noch auf den Knieen fand. Der Erzbischof grub dann mit den Händen in die Erde, und fand darin die himmlische Reliquie, welche der Engel an Pipin überbracht hatte. Alsbald wurde auf der nämlichen Stelle eine prächtige Kapelle erbauet, die wegen der wunderthätigen Dinge, welche dort sich ereigneten, bald eine große Menge Wallfahrer anzog.
Während dieser Zeit wuchs der kleine Karl heran, und war mit neun Jahren ein so großer Knabe geworden, daß man ihn für zwölfjährig hielt. Wie wir schon er, wähnten, pflegte er auf der Wiese hinter der Mühle, mit andern Kindern seines Alters, welche die Pferde, die Kühe und Ziegen im Waide hüteten, zu spielen, denn es war ihm gänzlich unbekannt, wer sein Vater sei. Eines Tags beim Spielen ereignete sich's, daß einer der Knaben einem Spielgefährten einen Zügel stahl, und ihn in seinem Aermel verbarg. Als derjenige, dem der Zügel gestohlen war, den Diebstahl bemerkte, beklagte er sich darüber sehr, denn er fürchtete, von seinem Herrn Schläge zu bekommen. Karl versammelte hierauf alle Kinder und fragte sie mit Nachdruck:
–– Wer von Euch hat den Zügel? Er gebe ihn auf der Stelle zurück, oder er wird als Dieb behandelt werden.
Der Knabe, welcher den Zügel hatte, antwortete:
–– Wenn Jemand gestohlen hat, so bist Du es wohl eher, als irgend ein Anderer.
Der kleine Karl wurde ganz roth vor Zorn und sagte:
–– Du Sagst mich an, den Zügel genommen zu haben, aber ich werde bald wissen, wer ihn hat, und derjenige bei dem er sich findet, wird sehr bestraft werden. Wir wollen daher einander durchsuchen, bis er sich findet. Alle stimmten bei, so daß der Dieb wohl auch beistimmen mußte, und um den Unschuldigen zu spielen, durchsuchte er zuerst Karl, und fand Nichts bei ihm. Hierauf sagte Karl: – Jetzt ist es an mir, Dich zu durchsuchen, und indem er ihn bei dem Aermel faßte, zog er den Zügel daraus hervor. Als die kleinen Knaben dieses sahen, sagten sie, Karl solle der Richter sein, da er ihn gesunden, und Karl antwortete:
–– Da ich das Unheil sprechen soll, so kann ich nichts Besseres thun, als dieselben Worte zu gebrauchen, die der große König Pipin bei seiner letzten Berurtheilung aussprach:
»Derjenige, welcher ein Gut nimmt, welches ihm nicht gehört, verdient am Halse aufgehängt zu werden.«
Der Spruch gefiel den Kindern, welche als eine Art Spiel, denn sie wollten nicht, daß der Dieb davon stürbe, sich zu dessen Vollziehung anschickten.
Sie legten ihm also einen Strick um den Hals, während andere einen jungen Baum umbogen, und das Ende des Strickes an dessen Gipfel befestigten. Nachdem diese nachgeahmte Exemtion vollzogen, wollten sie den Dieb wieder losknüpfen, aber unglücklicher Weise für ihn lief ein Berghase vorbei; die Kinder liefen hinter ihm her, diejenigen, welche den Baum gebogen hielten, ließen ihn los, er richtete sich wieder auf, und der Dieb war wirklich gehangen.
Als die Kinder von der Verfolgung des Hasen zurückkehrten, fanden sie ihren Kameraden todt. Sie erschraken darüber sehr, und eilten in verschiedenen Richtungen davon, nur Karl ging ganz ruhig nach Haus, und erzählte seiner Mutter das Vorgefallene, als sei es die natürlichste Sache.
Bertha rief sogleich den Müller herbei, denn da ihr der Vater des kleinen Diebes als ein böser Mann bekannt war, so schöpfte sie große Furcht. In der That hatte der Vater geschworen, alle kleinen Knaben, die dem Urtheil beigestimmt, zu hängen, wenn sie ihm denjenigen nicht nannten, der ihn gehängt hätte. Alle schoben die Ausführung auf Karl, so daß der Vater schwor, daß er nur von seiner Hand sterben werde. Als der Müller dies erfuhr, und nicht wußte, was er machen sollte, führte er Karl zu dem Herrn von Pihl, wo er das Kind mindestens sicher wußte. Der Vater des kleinen Diebes erhob darob einen so großen Lärm, daß das Gerücht dieses Abenteuers bis zum König Pipin gelangte, welcher gerade aus Ungarn zurückgekommen war.
König Pipin befahl hierauf, daß der Kläger vor ihn gebracht werde und seine Klage anbringe. Er ließ zugleich alle anderen Kinder als Zeugen mit bescheiden, und da die Sache großes Aufsehen machte, versammelte er seinen ganzen Hof, um bei dem Gericht zugegen zu sein.
Am festgesetzten Tage erschien der Vater vor dem König Pipin; der Beklagte wurde von einer schwarz gekleideten und verschleierten Frau herbeigeführt, die andern Kinder erschienen an der Hand ihrer Eltern; der ganz» Hof war versammelt; die untergeschobene Königin saß auf ihrem Thron an der Seite ihres Gemahls; auch der verrätherische Haushofmeister fehlte nicht und stand hinter dem König, an seiner Seite standen seine beiden Söhne, die, nachdem sie herangewachsen, zwei tapfere Ritter geworden waren, und wacker mit gegen die Ungläubigen gekämpft hatten. Ihre Mutter, die Frau des Haushofmeisters, war schon vor mehren Jahren gestorben.
Pipin hörte die Klage des Vaters an; dann ließ er den kleinen Karl vortreten und fragte, was er zu antworten habe. Karl antwortete, daß, wenn man ihn strafen wolle, man auch den König Pipin strafen müsse, weil er bei dem Diebe die eigenen Worte und die nämliche Strafe angewendet habe, die der König bei ähnlicher Veranlassung zu einem Diebe gesprochen, und die er ihn habe erleiden lassen.
Pipin, erstaunt über diese feste Antwort, befragte die Kinder, welche alle darin übereinstimmten, daß der Gehängte wirklich gestohlen habe, und daß der Urtheilsspruch in aller Form ausgesprochen sei.
Der König wendete sich hierauf wieder zu dem Bauer und sagte:
–– Guter Mann, es giebt nicht zweierlei Gerechtigkeit, Dein Sohn verdiente gehängt zu werden, und er ist gehängt worden; das ist ein Unglück, aber ich kann Nichts gegen den Richter haben, der ein so gutes Urtheil fällte.
Dann ließ er Karl näher treten, und sagte zu ihm:
–– Mein kleiner Freund! wer ist Dein Vater?
–– Sire, erwiderte der Knabe, ich kenne ihn nicht.
–– Ist er denn todt? fragte Pipin.
–– Nein, Sire! antwortete der Knabe, denn jeden Morgen und jeden Abend betet meine Mutter für ihn.
–– Und wer ist Deine Mutter? fuhr der König fort.
–– Sire! sagte das Kind, indem es vor dem König niederknieete, meine Mutter hat mir gesagt, wenn Sie diese Frage an mich richten, Ihnen diesen Ring zu übergeben.
Bei diesen Worten zog das Kind einen Ring von seinem Finger, und überreichte ihn dem König. Pipin erkannte den Ring, welchen er der Tochter des Königs von Krain gesendet hatte. Von diesem Augenblicke an zweifelte er nicht mehr, daß Karl sein Sohn sei, und er wendete sich zu ihm mit den Worten:
–– Geh und hole Deine Mutter.
Das Kind ging gerade auf die verschleierte Frau zu, und führte sie an die Stufen des Königsthrones. Pipin stand nun auf, streckte die Arm aus und sagte:
–– Da heute ein Tag der Gerechtigkeit ist, so möge Jedermann Gerechtigkeit widerfahren. Höret demnach, was ich Euch zu sagen habe.
Und alle waren still, um die Worte des Königs zu hören.
– Einst verlobte sich ein mächtiger Fürst mit einem jungen Mädchen aus fernem Lande. Der Fürst beauftragte jemand, den er für seinen besten Diener hielt, dieselbe vom Hofe ihres Vaters abzuholen und sie ihm zuzuführen; aber anstatt derjenigen, die dem König verlobt war, gab der verrätherische Diener die Kleider und Edelsteine der Verlobten, welche zu todten er zweien Dienern auftrug, seiner Tochter, und legte diese in das Bette des Fürsten, anstatt der Jungfrau, die dieser erwartete. Saget mir jetzt, war das ein treuer Diener oder nicht?
Alle antworteten wie mit einer Stimme, daß dies ein ehrloser Schurke sei.
Nachdem der König das gegen den Verräther ausgesprochene Urtheil vernommen, und gehört hatte, daß es einstimmig war, wendete er sich an den ältesten Sohn des Haushofmeisters, und sagte zu ihm:
–– Welche Strafe hat, nach Eurer Meinung, der Mann verdienet, welcher seinen König verrathen hat?
–– Gnädigster Herr und König, antwortet bescheiden der junge Mann, wollet gefälligst darüber das Urtheil eines weiseren und besser unterrichteten Mannes hören, als ich bin.
–– Da ich mich an Euch gewendet habe, antwortete der König, so ist es Euer Urtheil, welches ich zu hören wünsche; Andere werden nach Euch sprechen.
–– Wohlan, Sire, antwortete der junge Ritter, ein solcher Mann verdient an den Schweif eines Pferdes gebunden, so aus dort Stadt geschleift und dort verbrannt zu werden.
Der König verlangte hierauf die Meinung des zweiten Sohnes vom Haushofmeister, welcher antwortete:
–– Sire, ich trete dem Urtheil meines ältesten Bruders bei.
Hierauf befragte er alle Uebrigen, und alle gaben denselben Bescheid, wie die Söhne des Haushofmeisters.
Zuletzt wendete er sich an den Haushofmeister selbst, und fragte nach seinem Urtheil.
–– Gnädigster Herr und König, es ist nicht an mir, gegen mich selbst ein Urtheil zu fällen; denn ich habe in der That das Verbrechen begangen, dessen Ihr mich anklaget.
– Wohlan! antwortete der König, Euch werde die Strafe zu Theil, die Euer eigenes Blut über Euch verhängt hat.
Nachdem er ihn sogleich, ungeachtet der Bitten Berthas, von den Wachen hatte ergreifen lassen, befahl er, daß er an den Schwanz eines Pferdes befestigt, durch die Straßen der Stadt geschleift und außerhalb des Thores verbrannt werde.
Er verbannte auch die untergeschobene Königin, behielt aber, wie dies Rechtes, die mit ihr erzeugten Kinder.
Noch an demselben Tage feierte König Pipin seine Hochzeit mit seiner wahren Gemahlin, und jetzt erst erfuhr Karl, daß der König sein Vater sei; bis dahin hätte er darauf geschworen, daß er ein Sohn des Müllers wäre; über er wurde nicht stolzer, daß er ein Königssohn war und behandelte seine Brüder und Schwestern sehr freundschaftlich, vor allen Leo und Bertha, für die er große Freundschaft fühlte.
Und König Pipin regierte glücklich und ruhmvoll bis zum Jahre 768 unseres Herrn, in welchem er starb, und dies fränkische Reich seinem Sohne Karl dem Großen hinterließ.
In diesem nämlichen Jahr wurde der Sicilianer Stephan III. zum römischen Papst erwählt.