Kitabı oxu: «Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann»
Zum Buch
Ein herzzerreißender und hoffnungsvoller Roman über die erste Liebe, das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen und die Kraft und Liebe, die alle jungen Mädchen brauchen.
Mo Baker ist fünfzehn und ziemlich wütend. Ständig streitet sie sich mit ihrer Mutter, die sich nur um ihre eigenen Probleme kümmert und jetzt auch noch diesen neuen Freund hat, den Mo einfach nur daneben findet. Lloyd ist für sie nur ein weiterer Kerl, der Frauen schlägt und ihr Geld verprasst. Der einzige Lichtblick in ihrem Leben ist Sam, ihr Kindheitsfreund, dem sie sich so nah fühlt wie keinem anderen Menschen auf der Welt und mit dem sie in den Sommerferien endlich was hatte. Doch Sam hat inzwischen eine Andere. Zum Glück halten ihre besten Freundinnen Elaine und Naomi zu ihr, egal was ist oder kommen mag. Selbst als die Situation mit Lloyd eskaliert und in Mo nur noch der Wunsch nach Rache brennt …
»Ein Buch voller Humor und Zärtlichkeit, obwohl es um harte Themen geht: häusliche Gewalt, Straßenkriminalität und die Probleme von Frauen, die unter schweren Bedingungen versuchen, ihre Familien zusammenzuhalten.«
The Guardian
Über den Autor
Alex Wheatle wurde 1963 in Brixton geboren und wuchs größtenteils in einem Kinderheim auf. Mit 16 gründete er ein Reggae Soundsystem und trat unter dem Namen Yardman Irie auf. Während der Brixton Riots wurde er verhaftet und verbrachte einige Zeit im Gefängnis, wo er seine Liebe zur Literatur entdeckte. Er hat mehrere von der Kritik gefeierte Romane veröffentlicht, bevor er sich der Jugendliteratur zuwandte. Er lebt mit seiner Familie in London.
ALEX WHEATLE
Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann
ROMAN
Aus dem Englischen
von Conny Lösch
Verlag Antje Kunstmann
© der deutschen Ausgabe: Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2019
© der Originalausgabe: Alex Wheatle 2017
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Straight Outta Crongton«
bei Atom, London 2017
Umschlaggestaltung: Heidi Sorg und Christof Leistl, München
eBook-Produktion: HGV Hanseatische Gesellschaft für Verlagsservice mbH
ISBN 978-3-95614-304-5
1
DREI MAHLZEITEN PRO TAG
»MUM! WIESO HAST DU ihm erlaubt, dass er sich mein Essensgeld nimmt?«
Sie saß auf dem Bett, band den Gürtel ihres Morgenmantels um die Taille – eigentlich musste er gewaschen werden, aber ich hatte am Vortag die letzten Waschmittel-Pods für meine Sportsachen verbraucht. Schlaf hing ihr in den Augen. Ihre Wimperntusche sah jetzt aus wie mit dem Wischmopp aufgetragen. Die blöde Kuh konnte sich vor dem Schlafengehen nicht mal die verfluchte Schminke aus dem Gesicht waschen.
»Mum!«, wiederholte ich.
Sie streckte sich und gähnte erst mal, bevor sie antwortete.
»In der Küche sind noch ein paar Brötchen und ich glaube, im Schrank steht auch noch ein Rest Erdnussbutter.«
Ihre Stimme klang heiser, als hätte sie Fußmatten gefuttert.
»Soll er doch die Brötchen essen«, fauchte ich.
Sie hielt sich die Ohren zu.
»Mum. Ich brauch Geld für die Schule!«
»Hör auf zu schreien, Mo. Dabei kann kein Mensch denken, verdammt; ich hab Wahnsinnskopfschmerzen. Zieh ab in die Schule. Bist du nicht schon spät dran?«
Ich nahm mein Handy aus der Hosentasche. Zwanzig nach acht. Verdammt! Holman zieht mir die Ohren lang.
»Ich geh wieder ins Bett«, sagte Mum. Sie kratzte sich den Schlaf aus den Augen, schmierte ihn an ihren Morgenmantel und warf sich auf die Matratze. »Mo, nimm die Brötchen und lass mich in Frieden, ja? Wir sind erst nach drei zu Hause gewesen.«
Die halbe Decke hing auf den Boden. In der Matratze war eine Kuhle, wo er geschlafen hatte. Der Aschenbecher war voll. Im Zimmer stank es nach Bier. Der Mülleimer war voller Dosen. Ich schwor mir, niemals Alkohol zu trinken. Mum zog sich die Decke über den Kopf, drehte mir den Rücken zu und kauerte sich zusammen wie ein ungeborenes Baby.
Frust knisterte in mir. »Du bist echt zu nichts zu gebrauchen.«
»Sagst du mir ja ständig. Darf ich jetzt schlafen?«
Ich stand mit verschränkten Armen da, starrte sie an, aber sie rührte sich nicht. Dann hörte ich ein Geräusch aus der Küche. Er war noch da. Ich ging aus Mums Zimmer, knallte die Tür hinter mir zu und bog in den Flur ab.
Er saß am Küchentisch, trank Tee aus einem Becher, warf mir einen Ach-du-Scheiße-Mo-ist-noch-nicht-in-der-Schule-Blick zu. Ich hoffte, er würde sich die Lippen verbrennen. Markensneaker zierten seine Füße. (Wo hatte er die her? Angeblich war er doch pleite.) Er trug ein zu enges Real-Madrid-Trikot mit der Nummer sieben hinten auf dem Rücken. Beim Anblick seiner Männertitten darunter wär’s mir fast hochgekommen. Auf seinen fetten rechten Oberarm hatte er Jack Sparrow tätowiert. Auf den linken ein Piratenschiff. Sein Ziegenbärtchen kratzte seinen Hals. Wie konnte Mum bloß so einem die Zunge in den Hals stecken?
Ich sah ihn direkt an. »Die fünf Pfund, die Mum dir gegeben hat – das ist mein Essensgeld.«
»Für dich sind die Brötchen in der Küche«, sagte er. Sein vernünftiger Tonfall pisste mich krass an.
»Ich will keine scheiß trockenen Brötchen zum Mittag; gib mir einfach die fünf Pfund, dann hast du mich von der Backe und ihr könnt eure Saufparty fortsetzen.«
»Für eine Fünfzehnjährige hast du ein ganz schön dreckiges Mundwerk«, sagte er. Er glotzte mich an, als würde er denken, ich sollte wegen seiner erbärmlichen Bemerkung lächeln, aber die Genugtuung würde ich dem Arschgesicht auf keinen Fall gönnen.
»Wenn du mir die fünf Pfund nicht gibst, wird’s noch viel dreckiger«, drohte ich.
»Und du willst Medien am College studieren? Mit der Klappe? Damit lassen die dich bestimmt nicht die Sechs-Uhr-Nachrichten lesen.«
»Fotografie und Medienwissenschaften. Und das ist kein Spaß, Lloyd. Gib mir die verdammten fünf Pfund!«
»Ich muss heute zum Arbeitsamt und morgen zu einem Bewerbungsgespräch in Ashburton – Lagerarbeit. Du solltest mir Glück wünschen.«
»Dann benutz den kostenlosen Nahverkehr – deine Füße. Bisschen Bewegung tut dir gut.«
Er bedachte mich mit einem bösen Blick, aber mir war’s scheißegal. Er war nicht mein Dad.
»Hättest vielleicht lieber nicht dein ganzes Geld versaufen sollen«, setzte ich hinzu. »Was hat dich das denn gekostet? Oder besser Mum?«
Lloyd stand auf. Scharrend fuhr sein Stuhl nach hinten. Sein durchdringender Blick wurde noch durchdringender. Er machte zwei Schritte auf mich zu, aber ich wich nicht zurück, sondern erwiderte seinen Blick, starrte ihn an wie ein Hai.
»Ich hatte Geburtstag am Sonntag… «
»Na und?«, fiel ich ihm ins Wort. »Heute ist Dienstag. Ich sehe neue Markenschuhe, hast du wohl geschenkt bekommen? Vor zwei Monaten hatte ich auch Geburtstag und hab nicht mal ein ›N‹ für ein Nichts gekriegt!«
»Hab deine Mum seit Freitag nicht gesehen. Müssen wir dich jetzt um Erlaubnis bitten, wenn wir mal feiern wollen?«
»Ist mir scheißegal, wie ihr feiert«, fuhr ich dazwischen. »Gib mir einfach nur meine fünf Pfund!«
»Am Freitag krieg ich Stütze«, sagte Lloyd. »Davon geb ich dir’s wieder. Ich lad dich sogar auf eine Pizza ein oder geh mit dir in die Cheesecake Lounge.«
Ich soll mich mit ihm in die Cheesecake Lounge setzen? Spinnt der? Der muss gestern Nacht noch mehr getrunken haben, als ich dachte. O Gott! Sollte ich jemals zechen wie die beiden, dann hoffe ich, dass mich jemand aus meinem Elend erlöst.
»Such’s dir aus«, bot er an. »Ich lad dich ein.«
Seine Ruhe raubte mir die Geduld. Ich trat auf ihn zu und wollte in seine Tasche greifen. Er packte mich am Handgelenk und stieß mich weg. Lloyd war zwar fett, aber auch stark. Er zog seine Trainingsjacke von der Stuhllehne und schlüpfte rein. Bevor er zur Haustür ging, erwischte er mich noch einmal mit seinem bösen Blick. »Mo, reg dich ab. Komm runter. Was soll das eigentlich? Hm? Hast du Probleme mit Sam?«
»Wie oft soll ich das noch sagen? Sam ist nicht mein Freund.«
»Wer’s glaubt. Hab einen schönen Tag in der Schule.«
Als er sich an mir vorbeischob, roch ich sein Resterampe-Deo.
Wie konnte Mum bloß mit so einem Knastarsch schlafen? Er tat immer ganz gelassen und freundlich, behandelte uns aber genau genommen wie Dreck und kam auch noch damit durch. Mum wollte es nicht wahrhaben, dass er sie bloß ausnutzte. Lernte sie denn nie aus den Fehlern, die sie gemacht hatte? Sobald ein Mann ihr Aufmerksamkeit schenkte, war sie total Ich tu alles für dich, mein Starker.
Blöde Kuh. O Gott! Bei mir zog sich alles zusammen, wenn sie ihn »mein Starker« nannte. Das musste aufhören. Ohne ihn kamen wir viel besser klar. Wenn sie nicht für uns einstand, dann musste ich das eben machen.
Ich rannte Lloyd hinterher und trat ihm so fest ich konnte gegen das linke Bein. Er hüpfte, drehte sich um. Erst lag Erschrecken, dann Zorn in seinem Blick. Ich wollte ihm gegen die Rippen boxen, aber meine Faust traf nur Schwabbelspeck. Dann zielte ich mit dem Fuß auf seine Eier. »Gib mir meine verdammten fünf Pfund, du Arsch!«
Er packte mich fest an den Armen und bohrte mir seine Finger ins Fleisch, zog mich ganz nah an sich ran. Ein Schwall abgestandenes Bier wehte mir aus seinem Mund entgegen. Wieder trat ich ihn. So richtig erwischte ich seine Kokosnüsse nicht, traf ihn aber irgendwo in der Leistengegend. Er schloss die Augen und verzog das Gesicht. Gut!
Seine Nägel bohrten sich immer tiefer in meine Haut, seine Augen verengten sich zu hasserfüllten Schlitzen. Dann löste er seinen Griff und stieß mich von sich. Ich verlor den Halt und krachte auf den Hintern.
»Es reicht, Mo!«
Seine fetten Wangen zuckten. Er ballte die Hände zu Fäusten. Kochte. Angst durchflutete meine Adern. Er würde es nicht wagen.
»Treib es nicht zu weit, Mo! Ich will dir nicht wehtun. Wieso kannst du nicht einfach akzeptieren, dass deine Mum und ich zusammen sind? Kapier’s doch endlich.«
»Machst du das mit Mum genauso, wenn du nicht kriegst, was du willst? Wenn sie dir nicht das Geld gibt, das du haben willst? Macht’s dir Spaß, Mädchen rumzustoßen? Warst du deshalb im Knast? Wieso verpisst du dich mit deiner verkorksten Schlägermentalität nicht einfach wieder in den geschlossenen Vollzug, wo breite Fettärsche wie du hingehören?«
Lloyd hielt inne. Ich wusste, dass ihn meine letzte Bemerkung gewaltig fuchste. Gut!
»Geh in die Schule, Mo.« Er machte die Tür auf. »Und beruhig dich.«
»Komm nicht wieder!«, brüllte ich ihm hinterher.
Er knallte die Tür zu. Ich riss sie noch mal auf und schrie ihm durchs Treppenhaus hinterher. »Lass Mum und mich in Ruhe!«
Lloyd antwortete nicht. Ich ging wieder rein.
Stampfte zurück zu Mum ins Zimmer. »Hast du das gesehen, Mum? Dein Freund war kurz davor, mir eine reinzuhauen. Dein arbeitssuchender Knastbruder-Fettarsch-Freund. Und nicht zum ersten Mal.«
Nichts.
»Mum?« Sie schlief tief und fest. Ich rüttelte sie wach. »Ich hab gesagt, er wollte mich gerade wieder schlagen, Mum!«
Sie rollte auf den Rücken, öffnete aber nicht die Augen. »Er hat versprochen, niemals wieder die Hand gegen dich zu erheben. Das Versprechen hab ich ihm abgenommen, da warst du dabei. Und hat er sich nicht entschuldigt? Seitdem hat er doch wirklich versucht, es wiedergutzumachen, Mo, aber du lässt ihn nicht. Jetzt sieh zu, dass du loskommst! Ich will nicht noch mehr Briefe bekommen.«
Und damit kauerte sie sich wieder zusammen. Ich stierte sie finster an. Ich hasste es, hier zu wohnen. Hasste es!
Ich ging in mein Zimmer, meine Sachen holen. Sah mich im Spiegel an – meine Haare sahen aus wie aus einem schlechten Achtzigerjahre-Popvideo, aber egal. Ich schnappte meinen Schulrucksack und zog los.
Ich würde mir eine andere Bleibe suchen müssen. Vielleicht konnte ich bei Elaine unterkommen.
2
SAM BRAMWELL
WIR WOHNTEN IN SLIPE HOUSE, Nummer dreizehn im zweiten Stock, in South Crongton, und zwar schon so lange ich zurückdenken konnte. Ich erinnerte mich aber auch, dass Mum mal gesagt hatte, wir hätten eine Weile in einem Heim für misshandelte Frauen verbracht, als ich noch ein Baby war. Aber viel hatte sie mir von damals nicht erzählt.
Meine Schulter pochte und ich fragte mich, ob es auch ein Heim für Teenager gab, die von den Freunden ihrer Mütter geschlagen wurden.
Ich trottete die Betontreppe runter. Sams Mum stand in ihrer Busfahreruniform vor der Tür und guckte argwöhnisch.
»Was ist das da oben für ein Geschrei und Türengeknalle? Alles klar bei dir und Clarrie-May?«
Lorna Bramwell war sieben Jahre älter als meine Mum, aber sie sah viel jünger aus.
»Alles gut«, erwiderte ich. »Ist halt immer dasselbe. Ich hatte eine kleine Auseinandersetzung mit Mums Freund.«
Sie kam näher und begutachtete mich, fuhr mir mit einem Finger über die Wange. Ihre bernsteinfarbenen Dreadlocks fielen auf meine Schultern. »Hat er dir was getan, Maureen?«
Ich wollte sagen »Ja«, aber irgendwas hielt mich davon ab.
Es war nicht das erste Mal, dass ich Probleme mit Lloyd hatte. Am vorangegangenen Samstagmorgen war Sam vorbeigekommen und hatte mir Eier, Klöße und Kochbanane zum Frühstück gebraten. Die Reste hatte ich mir für später aufheben wollen – wir waren den ganzen Tag mit Elaine unterwegs gewesen –, und als ich hungrig nach Hause kam und in den Kühlschrank schaute, war kein Krümel mehr da gewesen. Mum hatte Lloyd mein Essen gegeben. Ich hatte geschäumt vor Wut. Mum und ich waren echt heftig aneinandergeraten. Ich schwöre, sie hat mir eine runtergehauen und Lloyd hat es noch schlimmer gemacht, indem er sich eingemischt hat. »Du solltest gegenüber deiner Mutter nicht solche Ausdrücke benutzen«, hatte er fast grinsend gesagt, als würde es ihm Spaß machen, uns streiten zu sehen. Dabei war alles seine Schuld gewesen.
Wütend und hungrig war ich ins Bett gegangen. Später an dem Abend hatte ich Lloyds Real-Madrid-Trikot im Bad entdeckt, wo er’s zum Trocknen hingehängt hatte. Ich hab’s genommen und draufgepisst. Der Fleck war direkt auf der Nummer sieben. Danach hab ich’s zusammengeknüllt und vor Mums Zimmertür geschmissen. Anscheinend hatte Lloyd es gefunden, denn am nächsten Morgen ist er in mein Zimmer gekommen und hat mir eine reingehaun, als ich noch fest geschlafen hab. Er hat so fest zugeschlagen, dass ich aus dem Bett gefallen bin. Meine Nase hat ewig lange geblutet, ich bin den ganzen Vormittag mit Klopapier in den Nasenlöchern rumgelaufen, musste ununterbrochen an die Decke gucken.
Aber das war es wert gewesen. Ich hasse ihn!
»Nein«, beantwortete ich endlich Lornas Frage. »Nein, wenn er auch nur einen Fingernagel gegen mich erhebt, bekommst du’s mit. Ich schrei den ganzen Block zusammen. Das kannst du mir glauben.«
Lorna neigte den Kopf und verengte die Augen. »Sicher?«
»Super sicher.« Ich lächelte. »Alles halb so wild. Mir geht’s gut.«
»Hmmm.«
Ich wollte das Thema wechseln. »Ist Sam schon weg?«
»Vor einer Stunde ist er los. Musste noch Hausaufgaben fertig machen und ein Buch aus der Schulbibliothek besorgen.«
»Ich hole ihn ein«, sagte ich. »Wiedersehen, Lorna.«
»Schönen Tag, Mo.«
Ich flitzte in die Schule, kam aber trotzdem fünfzehn Minuten zu spät. Die Sekretärin schrieb gerade meinen Namen in das Buch der Zuspätkommer dot com, als ich Holman entdeckte. Er trug eine schwarze Krawatte und schwarze Schuhe, die so heftig glänzten, dass sich mein Gesicht drin spiegelte. Er hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt und kam auf mich zu. Anscheinend wollte er was sagen, verkniff es sich aber. Er musterte mein Gesicht wie ein Schönheitschirurg das eines alternden Promis.
»Alles klar, Maureen?«, fragte er.
»Ja – wieso nicht?«
»Dir ist klar, dass du erneut zu spät kommst?«
»Natürlich ist mir das klar! Was glauben Sie wohl, warum ich es so eilig habe?«
»Gibt’s … gibt’s was, worüber du mit mir reden möchtest?«
Wartet der jetzt jeden Morgen am Eingang auf mich in der Hoffnung, dass ich ihm meine Probleme anvertraue? Blödmann.
»Nein! Ich will über gar nichts reden. Schieben Sie Ihre Hochglanzschuhe beiseite und lassen Sie mich in meine Klasse gehen.«
Ich wartete Holmans Antwort nicht ab, hatte aber ein schlechtes Gewissen. Ich wusste, dass er’s gut meinte, aber manchmal ging er mir auf den Keks.
Ich setzte mich zu Elaine in den Geschichtsunterricht. Sie trug dicke falsche Wimpern. Als sie mich sah, klimperte sie damit. Ms Gorman fand’s nicht geil, dass ich zu spät kam – sie sagte zwar nichts, folgte mir aber mit strengen Blicken bis zu meinem Platz. Auf eine Leinwand hinter ihr war ein altes Foto in körnigem Schwarz-Weiß geworfen. Irgendwas über den Aufstieg der Nazis.
»Wieso kommst du zu spät?«, fragte Elaine.
»Ist eine lange Geschichte«, erwiderte ich.
»Und was ist mit deinen Haaren passiert? Oder besser gesagt, was ist nicht damit passiert?«
»Hör auf, ich könnte dich auch wegen deiner Wimpern blöd anmachen. Du siehst aus, als hätte dir einer die Tore von Mordor auf die Augen geklebt.«
»Du kannst mich mal!«
»Du mich auch, Bitch!«
»Elaine Jackson und Maureen Baker!«, unterbrach Ms Gorman unseren Flow. »Wenn ihr euch unbedingt beschimpfen müsst, hebt euch das bis nach Unterrichtsende auf.«
Sarkastische Kuh. Gorman hielt sich für so wahnsinnig witzig. Ich nahm mir fest vor, sie irgendwann mal auf ihre Achseln hinzuweisen und ihr zu erklären, dass sie auch trotz ihrer engen Hosen niemals bei Crongtons Top Model würde mitmachen dürfen.
»Und? Kommst du jetzt nach der Schule mit ins Kino?«, flüsterte Elaine.
»Ich kann nicht«, erwiderte ich.
»Wieso nicht?«
»Kein Budget. Ich hab nicht mal Geld für was zu essen.«
»Schon wieder nicht? Keine Sorge. Ich hol dir was vom Chicken Coop.«
Ich nickte. »Wings mit Fritten wären super, kosten auch bloß 1.99.«
»Und ins Kino kriegen wir dich auch.« Elaine grinste. »Wir machen’s wie beim letzten Mal. Also hör auf, über dein Budget zu jammern, und komm mit.«
»Elaine Jackson!«, rief Gorman erneut. »Mir ist bewusst, wie schwer dir das fällt, aber kannst du bitte die Besprechung eurer nachmittäglichen Vorhaben auf die Pause verschieben? Wäre das möglich?«
»Aber ich hab schon alle Hausaufgaben gemacht!«, protestierte Elaine. Sie stand auf, stemmte die Hände in die Hüften und machte diese Bewegung mit dem Kopf, wie türkische Bauchtänzerinnen sie draufhaben – ich hab’s in meinem Schlafzimmer geübt, aber nie richtig hinbekommen. »Der Anführer von den Nazis war so ein hinterhältiger Bruder mit Problembart namens Hitler. Er brauchte jemanden, den er für alles verantwortlich machen konnte, was nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland schiefgelaufen war. Also hatte er’s auf die Juden abgesehen. Und außerdem konnte er einfach nicht genug Land kriegen, weil er wollte, dass sich alle auf diese bescheuerte Art grüßen. Er hat das Nachbarland Polen überfallen, was England nicht so richtig getickt hat, und daraufhin haben wir ihm den Krieg erklärt …«
»Das reicht an Show, Elaine«, unterbrach Gorman sie. »Du kannst dich wieder setzen. Ich bitte dich nur, die anderen nicht in ihrer Konzentration zu stören.«
Elaine setzte sich, drehte sich zu mir um und stellte den Theaterton wieder ab. »Also kommst du mit?«
»Was wollt ihr euch denn ansehen?«
»Weißt nicht – keine Ahnung, was läuft.«
»Mir egal«, sagte ich, »Hauptsache, ich muss nicht nach Hause in die Wohnung.«
Elaine versuchte erneut, was aus mir rauszukriegen. »Was geht denn bei euch ab, Mo?«
»Nichts«, log ich.
Wir schafften es bis zur Pause, ohne dass Gorman uns erneut anmeckerte. Elaine ging zu Ms Crawford, der Theaterlehrerin, und ich suchte Sam – normalerweise spielte er in der ersten Pause immer Tischtennis auf dem Hof, aber da war er nicht. Ich versuchte es in der Bibliothek und da stand sie rum mit ihren Schwimmerinnenbeinen und ihrer Hollyoaks-Visage: Shevray Clarke, Sams neue Freundin. Sie stand mit zwei anderen aus ihrer Crew vor dem Eingang, blockierte den Weg und guckte mich so finster an, als hätte ich gerade eben ihre Katze gefressen und aufs Kissen gekotzt. Als ich durchs Fenster schaute, sah ich Sam auf einen Computerbildschirm starren. Ich beschloss, es auf die höfliche Tour bei Shevray zu versuchen.
»Würdest du mir bitte aus dem Weg gehen?«
Shevray sah erst ihre beiden Freundinnen an, dann bedachte sie mich erneut mit einem bösen Blick. »Kannst du ihn nicht endlich in Ruhe lassen?«, fauchte sie. »Wir wissen alle, dass du was von ihm willst. Aber die Stelle ist besetzt, also hör auf, ihm hinterherzulaufen.«
»Genau!« Eins der anderen Mädchen funkelte mich jetzt ebenfalls an. »Zieh Leine!«
»Shevray, glaub mir«, warnte ich sie. »Ich hab keine gute Woche gehabt, also lad deine Komplexe nicht vor meinen wunden Füßen ab. Ich hab keine Zeit für deinen Scheiß. Sam und ich sind nur Freunde – immer gewesen –, also schieb deinen dürren Arsch aus dem Weg, bevor ich dir die Fresse quadratisch schlage.«
Shevray war nicht dürr. Sie hatte Beine zum Anbeißen. Was mich endlos anpisste.
Sie verschränkte die Arme und versuchte mich niederzustarren. Blöde Bitch. Als ob mir so was Angst machen würde. Ich erwiderte ihren Blick, schob mein Gesicht ganz dicht vor ihres. Sie wich einen Schritt zurück.
»Die ist es nicht wert«, sagte sie zu ihren Schwestern. »Los, wir ziehen ab.«
Shevray und ihre Crew schoben davon. Eine schaute über die Schulter und schenkte mir noch einen Bitch-Blick. An einem anderen Tag hätte ich sie mitsamt ihrem blöden Getue direkt ins Bio-Labor geboxt, aber in diesem Moment konnte ich mich nicht dazu aufraffen. Ich wollte einfach nur zu Sam.
Ich fand ihn drinnen bei den Computern. Auf einer Hälfte seines Kopfes trug er einen Afro und auf der anderen Cornrows. Süß. Als er merkte, dass ich da war, stand er auf und umarmte mich herzlich. War ein gutes Gefühl, seine Arme zu spüren, seine Wange an meiner. Machte mich ganz kribbelig. Versetzte mich zurück in die Zeit, als wir was miteinander hatten. Ich schloss die Augen. Drei Wochen in den Sommerferien hatte es gedauert. Weder seine noch meine Freunde hatten was davon gewusst. Deshalb war’s auch so schön gewesen. Niemand hatte uns in unserem Flow gestört. Verstohlene Küsse in seinem Zimmer, wenn seine Mum arbeiten war. Ständig musste ich ihm sagen, dass er die Finger von meinem Hintern und meiner Brust lassen soll – ich war noch nicht so weit.
Dann musste er mit seiner Mum nach Jamaika, um seine Großmutter zu beerdigen. Vier Wochen lang war er weg. Als er wiederkam, war’s einfach … komisch. Er wollte, dass wir wieder nur Freunde waren. Ich fand die Entscheidung nicht toll. Fand sie sogar richtig scheiße, aber ich musste mitspielen – wir kannten uns, seit ich nullkommanull Jahre alt gewesen bin, und wenn ich mich entscheiden musste, zwischen befreundet sein und für immer verlieren, na ja, dann war das keine Frage. Trotzdem fuchste es mich, ihn mit Shevray zusammen zu sehen. Was zum Kuckuck wollte er von der? Dabei wusste ich sehr genau was. Lange Beine, ein ordentlich kurviges Hinterteil und ein Gesicht wie aus einer Vorabendserie. In der Hölle soll sie schmoren! Ich löste mich aus der Umarmung.
»Lass das bloß Shevray nicht sehen«, lachte ich. »Was machst du da?«
»Ach, ich such ein bisschen Material für den Black History Month«, erwiderte Sam. »Über Mary Seacole und ihre Arbeit als Krankenschwester während des Krimkriegs. Bin bald fertig.«
Sams Black-History-Month-Projekt war beeindruckend bis zum Gehtnichtmehr – Geschichte war sein Ding –, aber ich wollte das Shevray-Thema beackern. Es nervte mich bis zum Herztod. »Deine neue Flamme wollte mich gerade nicht in die Bibliothek lassen. Du wirst mit ihr reden müssen. Glaub mir, wenn die nicht aufhört, muss ich grob werden.«
»Sie ist bloß sauer, weil sie findet, dass wir uns zu oft sehen.«
»Ich kenne dich viel länger als sie«, protestierte ich. »Wir sind zusammen aufgewachsen, wir wohnen in demselben Block, sind in denselben Kindergarten und in dieselbe Grundschule gegangen. Haben uns gegenseitig die Geburtstagskerzen auf den Torten ausgeblasen. Unsere Mums sind mit uns in den Buggys einkaufen gefahren und …«
»Das war früher«, fiel Sam mir ins Wort. »Wir können jetzt nicht mehr so viel Zeit zusammen verbringen, weil …«
»Weil sie dich ranlässt. Gib’s zu. Deshalb warst du scharf auf sie. Und in der kurzen Zeit, die wir hatten … hab ich’s nicht getan.«
»Das ist es nicht.«
»Hör auf zu lügen. Du bist genauso wie die ganzen anderen Brüder in unserem Jahrgang – sobald ein neues Mädchen ein bisschen Haut zeigt, sich Make-up ins Gesicht schmiert und die Möpse hochschnallt, wandert euer ganzes Blut an eine einzige Stelle.«
»Sie hat mehr zu bieten als das«, widersprach Sam. »Sie ist die beste Schwimmerin der Schule. Und schlau.«
»Schlau genug, sich mehrmals am Tag auszuziehen!«
Sam schüttelte den Kopf. »Das ist jetzt echt daneben.«
Es war daneben, aber ich wollte mich über ihn aufregen. »Sie hat dir die Hölle heißgemacht, weil du neulich bei mir warst und Frühstück gemacht hast. Gib’s zu! Wieso hast du’s ihr überhaupt gesagt?«
»Weil’s die Wahrheit war.«
»Das hätte sie gar nicht wissen müssen. Das war unsere Zeit.«
»Sie ist meine Freundin, Mo. Soll ich sie anlügen über das, was ich mache?«
»Was geht sie’s denn an, was du mit mir machst? Wir machen seit Ewigkeiten Sachen zusammen. Als deine Mum keine Arbeit hatte, hab ich euch geholfen – für euch eingekauft – und hab’s auch nicht in der ganzen verdammten Welt rumerzählt.«
Sams Gesicht verzog sich zu einem Grinsen. »Hast du die Sachen nicht bei Dagthorn geklaut?« Er fing an zu lachen. O Gott!Ich wünschte, er würde das lassen. Sexier als sexy! Ich kann nicht glauben, dass er dieser arschgesichtigen Shevray die Zunge in den Hals steckt. »Ist dir eigentlich klar, was passiert wäre, wenn meine Mum das rausgekriegt hätte?«
»Na und? Der Gedanke zählt.«
»Hör mal, Mo, ich bin dir dankbar …«
»Nein, jetzt hörst du mir zu«, würgte ich ihn ab. »Wenn dein Mädchen Warzen kotzt, nur weil du hin und wieder bei mir vorbeischaust, dann mach dir nicht die Mühe, noch mal an meine Pforte zu klopfen. Ich mein’s ernst!«
Ich meinte es nicht ernst, aber ich sagte es trotzdem. Scheiße! Er war das einzig Gute in meinem Leben. Als wir klein waren, war er immer mit seinem Vier Gewinnt hochgekommen und wir hatten ewig lange damit gespielt. Aus den Sachen, die seine Mum von der Arbeit mitgebracht hatte, hatte Sam mir Geburtstagskarten gebastelt. Er hatte mich beruhigt, wenn meine Mum und ich Zoff hatten. Immer wenn seine Mum ihm neue Klamotten gekauft hatte, war er erst mal zu mir hochgekommen, um zu checken, ob sie auch cool waren. Sam war derjenige, der mich nach Hause gebracht und meine Wunden versorgt hatte, wenn ich mich in der Schule geprügelt hatte. Und jetzt war er mit ihr zusammen.
»Das muss doch nicht sein, Mo. Wir können doch gute …«
»Sag nicht das F-Wort. Ich hab genug Freunde. Das muss sein. Verschwinde von meinem Radar. Du gehörst jetzt zu ihr.«
Sam schaute mich eindringlich an, konnte nicht ganz glauben, was ich da von mir gab. Aber er musste es doch raushören. Ich halt den Scheiß einfach nicht mehr aus.
»Wenn du’s so haben willst, Mo, ich hab Respekt. Na ja und danke, dass du mir bei der Recherche über Marcus Garvey geholfen hast«, sagte er. Sein Tonfall veränderte sich. »Hat mir viel Zeit erspart.«
Verdammt! Wieso ist er so vernünftig?
»Ich muss Elaine finden«, sagte ich, konnte ihn kaum ansehen. »Schönen Tag noch.«
Bevor Sam irgendwas entgegnen konnte, war ich schon weg. Ich drehte mich nicht noch mal um, rannte aufs Mädchenklo, fand eine Kabine und parkte mich zwanzig Minuten lang auf den Deckel. Ich hielt mir die Hände vors Gesicht und heulte. Ich musste es rauslassen.
Ich schaffte es gerade noch, mich vor der nächsten Stunde wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen. Ms Riddlesworth wusste, dass Mathe mein Ding war, deshalb meckerte sie nie, wenn ich zu spät in den Unterricht kam – als ich mich setzte, lächelte sie mich an.
3
MISSION IMPOSSIBLE
UNTERRICHTSSCHLUSS. Ich ging raus. Elaine stand mit Naomi Brisset draußen vor dem Schultor. Naomi wohnte in einem Heim für verhaltensauffällige Kinder in South East Crongton und hatte schon alles mögliche Abgefahrene versucht, um von dort abzuhauen. Elaine und ich waren ja nicht so schnell beeindruckt, aber die Geschichte von Naomis jüngstem Ausbruchsversuch trieb uns Tränen in die Augen vor Lachen. Sie hatte Haschkekse für ihre Betreuer gebacken, und als die ihren Kicherflash hatten, hatte sie klammheimlich ihre Tasche gepackt. Zwei Tage später hatten sie Naomi bei einem Rasta in einer Wohnung über einem koreanischen Restaurant in Ashburton gefunden. Obwohl Naomi in aller Welt rumposaunt hatte, sie seien verlobt, fiel das Jugendamt mit seinen ganzen Sturmtruppen ein und hatte sie wieder nach South Crong abgeführt.
»Mo!«, rief Naomi. Ihre krause Mähne bewegte sich im Wind. »Der neue Mission Impossible ist angelaufen! Bitte sag, dass du lieber den sehen willst als irgend so einen traurigen Zeichentrickfilm …«
»Fantastic Four läuft auch«, fiel Elaine ein. »Und der Bruder, der den Feuertypen spielt – wie heißt er noch? –, der ist die wandelnde Sexiness. Außerdem gucken wir immer Tom-Cruise-Filme, und der ist steinalt.«
»Tom Cruise ist über fünfzig, aber ich würde nicht Nein sagen«, lachte ich. »Der macht immer noch alle Stunts selbst.«
Elaine verzog das Gesicht. »Mo, das ist widerlich! Würdest du’s im Ernst mit einem Grauhaarigen machen?«
»Seine Haare sind braun«, widersprach ich.
»In was für einer Welt lebst du eigentlich, Mo? Wahrscheinlich hat er einen privaten Haarfärber bei sich zu Hause wohnen. Abgesehen davon, habt ihr gar nichts zu bestimmen! Ich bin die Einzige, die über Finanzmittel verfügt, also darf ich entscheiden.«
»Du bist aber auch die Einzige, die immer ins Kino will«, sagte ich. »Du könntest dein Geld sparen und wir chillen einfach irgendwo.«
»Wo denn?«, fragte Elaine.
»Im Shenk-I-Sheck«, schlug Naomi vor.
»Naomi«, sagte Elaine angewidert. »Bist du krank? Da sitzen lauter alte Säcke drin. Mein Vater geht da mit seiner Freundin hin, wenn er einen Babysitter findet.«
»Mein Onkel auch«, meinte Naomi. »Aber der ist okay – der hat mich sonntags immer im Heim besucht und mir Lutscher geschenkt.«
»Klingt pervers«, sagte ich.
»Ich rede von echten Lollis und Brausepulver!«, meinte Naomi. »Zigaretten hat er mir auch mitgebracht.«
»Ach«, sagte ich.
»Ist das der Onkel mit dem schwarzen Hut, der Smileyjacke und den schwarzen Sportschuhen?«, schmunzelte Elaine.
»Ja«, erwiderte Naomi. »Der ist Slam Poet – oder jedenfalls hält er sich dafür. Freitags ist er immer im Shenk-I-Sheck.«
»Und reißt Mädchen auf«, ergänzte ich. »Das ist der wandelnde Perverso. Immer wenn er mich anschaut, hab ich das Gefühl, ein Knopf geht auf und ein Reißverschluss runter.«
»Noch ein Grund mehr, wieso ich nicht ins Shenk-I-Sheck« gehe«, sagte Elaine.
»Kann sein, dass er ein bisschen guckt, aber mein Onkel Dan ist harmlos«, behauptete Naomi.
»Erklär das mal dem Richter«, sagte ich. »Die wollen alle nur das eine – was umsonst.«
»Kommen aber nicht alle mit leeren Händen«, behauptete Naomi. »Manchmal laden sie einen tatsächlich auf einen Drink ein. Als ich das letzte Mal da war, hat mir so ein Bruder eine Whisky-Cola und einen Erdbeer-Cupcake spendiert. Der hieß Stranger Kroll und hatte so eine coole Mütze auf, die ich ihm gerne geklaut hätte. Als er pissen war, hab ich schnell ausgetrunken und bin weg. Wir müssen gar kein Geld ausgeben, wir hören uns ein paar Oldschool-Beats an, früher oder später kommt ein Bruder und lädt uns ein. Was soll da dran so falsch sein?«
Elaine atmete heftig durch die Nase ein und schüttelte den Kopf. »Naomi, ich hab dich lieb bis zum Gehtnichtmehr, aber lies mir das vom Lippenstift ab«, sagte sie. »Ich gehe nicht ins Shenk-I-Sheck. Außerdem haben wir noch unsere Schulklamotten an und würden nicht mal an der Grenzkontrolle vorbeikommen. Und das ist mein letztes Wort. Wenn euch nichts Besseres einfällt, gehen wir zu Movieworld.«
Movieworld war an der Crongton High Street. Naomi und ich warteten draußen vor dem Notausgang in einer Seitenstraße, während Elaine sich ein Ticket kaufte. Nachdem Naomi zwei Zigaretten fertig geraucht hatte, hörte ich, wie die Tür aufgeschoben wurde. Elaines Kopf tauchte auf. Ihre Wimpern flatterten, als würden zwei Raben synchron Rumpfbeugen machen. »Beeilt euch!«, sagte sie.
»Wo sind meine Gummibärchen?«, fragte Naomi. »Du weißt doch, dass ich Gummibärchen im Kino liebe.«
»Willst du mich verarschen? Komm endlich rein!«
Wir zogen die Tür wieder zu und stiegen die spärlich beleuchtete Treppe hinauf. Elaine ging voran. Wenn wir diese Nummer durchzogen, rechnete ich eigentlich ständig damit, dass der Alarm ansprang, aber es passierte nie. Ich würde das auch machen, wenn ich das Geld für ein Ticket hätte – war ein echter Adrenalinrausch. Wir befanden uns im Gang, der zu den Kinos eins, zwei und drei führte. Werbeplakate für demnächst anlaufende Filme säumten die Wände.
»Ich muss pissen«, sagte Naomi.
Wir gingen aufs Klo. Während Naomi tat, was sie tun musste, trank ich aus der Leitung. Von nervenaufreibenden Aktionen bekam ich immer Durst. Anschließend zogen wir ganz entspannt ins Kino, als wäre Tom Cruise ein Blutsverwandter von uns, und besetzten drei Plätze in der hintersten Reihe. Ich hätte einen Eimer Popcorn oder eine Tüte Maltesers verdrücken können, aber wer nicht bezahlte, durfte nicht wählerisch sein.
Auf der Leinwand wurden Trailer gezeigt, aber obwohl ich Trailer liebte, musste ich noch mal über den Tag nachdenken – über meinen Streit mit Lloyd wegen der fünf Pfund und dass ich Sam gesagt hatte, er bräuchte gar nicht mehr bei mir anklopfen. Warum hatte ich das gesagt? O Gott! Ich werde ihn und seinen Half-Fro vermissen, wenn er ab jetzt nicht mehr in seiner ganzen Stattlichkeit spätabends noch auf einen Plausch vorbeikommen würde.
Der Film lenkte mich ab, sonst wäre ich nur nach Hause gegangen, hätte mich in mein Zimmer eingeschlossen und geheult wie ein Neunjähriger One-Direction-Fan. Ich hätte meine Kopfhörer aufsetzen müssen, um Mum und Lloyd nicht gegen das Kopfteil rammeln zu hören.
Nach dem Film standen wir alle noch draußen vor dem Kino.
»Ist noch nicht mal sieben«, sagte Naomi. »Wir können immer noch nach Hause, uns umziehen und ins Shenk-I-Sheck zum Chillen. Was meint ihr?«
»Ich muss noch Englisch machen«, erwiderte Elaine. »Und ich hab Hunger, ich muss nach Hause.«
»Und du, Mo?«
Ich wollte nicht nach Hause, jedenfalls nicht bevor Mum und er schliefen. Aber ins Shenk-I-Sheck?
»Nein«, erwiderte ich schließlich. »Bin zu müde. Und Hausaufgaben hab ich auch noch auf.«
»Ihr beiden seid vielleicht langweilig, Mann«, protestierte Naomi. »Sagt wenigstens, dass ihr am Samstag mit mir shoppen geht.«
»Äh … wir sagen dir noch Bescheid«, meinte Elaine.
»Ihr seid echt grau«, sagte Naomi. »Ich will noch nicht zurück ins Heim – ihr könnt euch nicht vorstellen, wie langweilig meine Betreuerin ist. ›Wie fühlst du dich heute? Ich weiß, du vermisst Crumbs. Kommst du jetzt besser mit deinen Lehrern klar? Hast du eine positivere Einstellung zu den Dingen gefunden?‹ O Gott! Die labert endlos.«
»Dann frag doch, ob du eine andere bekommst«, schlug ich vor.
»Nee – die sind alle gleich. Ich kenne einen Bruder, der hat Dragon Hip Pills. Wir könnten …«
Elaine zog Naomi abrupt am Arm, sah ihr direkt in die Augen und hätte ihr fast mit dem Finger eins ausgestochen. »Hör auf, mit Typen in deren Wohnungen zu gehen und Pillen zu schlucken! Weißt du noch, was das letzte Mal passiert ist?«
»Du musst zugeben, Elaine«, sagte ich, »das letzte Mal war’s echt lustig.«
»Lustig?«, tobte Elaine. »Der Bruder hat sich neben mich gesetzt und wollte fummeln! Ich hab ihn gewarnt und er hat’s trotzdem wieder versucht! Die Message ist erst bei ihm angekommen, als ich ihm in den Daumen gebissen und ihm das Gesicht zerkratzt hab.«
»Das war ja das Lustige«, schmunzelte ich. »Sein Daumen hat geblutet und er ist aufs Klo, aber da war kein Papier. Und auf dem Weg nach daußen hat Naomi ihm noch seinen Grey Goose Wodka geklaut.«
»Hast du ihn mit nach Hause genommen?«, fragte Elaine.
»Hab ich zehn Finger? Na klar«, erwiderte Naomi. »Hab die Flasche in meinem Schrank versteckt und die nächsten drei Abende immer einen Schlummertrunk genommen. Als sie noch ungefähr halb voll war, hab ich sie einem aus der Achten für fünf Pfund verkauft.«
»Wieso hast du sie verkauft?«, fragte ich.
»Weil ich mir so einen neuen orangen Lippenstift passend zu der orangen Hose kaufen wollte, die ich in Ashburton geklaut hab. Verfluchte Geldverschwendung war das – nach zwei Stunden war der schon wieder ab.«
Wir krümmten uns vor Lachen.
4
AUF DER WACHE
»ALSO, WENN WIR NICHT IM SHENK-I-SHECK chillen gehen, was machen wir dann? Hausaufgaben?«, fragte Naomi. »Ihr beiden seid so traurig wie ein Regentag.«
»Hab ich dich nicht gerade ins Kino geschleust, damit du Tom Cruise sehen kannst?«, fragte Elaine.
Naomi dachte drüber nach. »Trotzdem bist du grau.«
Elaine sprang Naomi an und wir prügelten uns nur so aus Scheiß mitten auf der Straße. Als wir fertig waren, hatte ich blaue Flecken am Handgelenk (Naomi machte immer Brennnesseln bei anderen), Kratzer am Hals und einen tauben Arm. Wir klopften uns den Dreck von den Klamotten, zupften die Haare zurecht und brachten Naomi zurück ins Heim.
Sie wohnte in der Waterhouse Street, in der Nähe vom Wareika Way in einem dreistöckigen Haus mit einem schönen Vorgarten. Wenn ich den ganzen Scheiß mit Mum und ihren Freunden erzählt hätte, würde ich jetzt auch in so einem Heim wohnen. Daran dachte ich oft.
Wir warteten draußen, während Naomi reinging und uns was zu trinken rausholte. Sie kam mit drei Gläsern Orangenlimo wieder raus. »Tut mir leid, dass es nichts Stärkeres ist. Wenn ich in die Küche gehe, beobachten die mich immer wie Drohnen.«
Wir tranken hastig, während Naomi sich, deutlich sichtbar im Blickfeld des Mannes, der uns vom Fenster aus beobachtete, eine Zigarette anzündete. Wir kannten Naomi seit ein paar Monaten, aber sie lud uns nie ein, reinzukommen. Und wir fragten nicht, warum.
»Kneift nicht beim Shoppen am Samstag«, sagte Naomi, bevor sie reinging. »Ich brauch ein paar Tops. Ihr sollt mir auch nur Rückendeckung geben.«
»Ich glaube, Mum hat schon was mit mir vor«, entschuldigte sich Elaine.
»Und ich geh mit dem Staubsauger in der Wohnung spazieren«, sagte ich.
Naomi schüttelte den Kopf und zog abfällig die Oberlippe hoch.
Wir verabschiedeten uns und ich ging mit Elaine zu ihrem Wohnblock. Ich sagte nicht viel, aber sie laberte wie ein Wasserfall darüber, dass sie auf die Schauspielschule wollte, und vorher einer Theatergruppe beitreten würde, um Bühnenerfahrung zu sammeln. Wir machten halt bei Dagthorn’s um Schokolade zu kaufen, und teilten uns eine Tafel. Als wir fast bei ihr waren, blieb sie stehen und starrte mich durchdringend an. »Was ist los, Mo?«
»Was meinst du?«, erwiderte ich.
»Du hast kaum was gesagt, seit wir aus dem Kino raus sind«, sagte sie. »Ich merke doch, wenn du Stress hast. Was ist heute Morgen wirklich passiert?«
»Hab verschlafen.«
»Und auf dem Mond hat ein Schwein eine Ente gepimpert.«
»Ich lüge nicht, Elaine.«
»Tom Cruise wartet oben und will mich zum Essen ausführen. Komm schon, Mo.«
Ich starrte zu Boden.
»Mo!«
Betretene Stille. Ich spürte, wie mich ihr brennender Blick durchbohrte. Schließlich schaute ich auf.
»Ist wegen Mums Freund«, gestand ich.
»Was hat er gemacht?« Wut blitzte in ihren Augen auf. Sie schien genauso sauer auf mich zu sein, weil ich nichts gesagt hatte, wie auf ihn. »Ich will die ganze Geschichte hören«, verlangte Elaine.
Ich zögerte. Elaine war nicht die Sorte Freundin, die sich Kummer anhörte, mir auf die Schulter klopfte und »ei ei« machte.
»Mo! Spuck’s aus.«
Ich setzte mich an die Mauer. Sie schaute mich stinksauer an. Ich schloss die Augen und spürte, wie mein Herzschlag meinen Hals hochwanderte.
»Wir gehen keinen Zentimeter weiter, wenn du nicht auspackst.«
Ich öffnete die Augen. Und erzählte ihr, dass Mum Lloyd am Wochenende mein Essen gegeben hatte, von seinem Real-Madrid-Trikot und dass er mich aus dem Bett geprügelt und mir mit der Faust gedroht hatte, weil ich ihm ans Bein getreten hatte. Dann von heute Morgen und den fünf Pfund und dass ich gedacht hatte, er würde wieder zuschlagen. Sie hörte aufmerksam zu, legte mir hin und wieder eine Hand auf die Schulter und strich mir die Haare aus dem Gesicht. Als ich fertig war, umarmte sie mich ganz fest. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten.
»Ich hab ihn schon ein bisschen geärgert«, sagte ich. »Ich meine, immerhin hab ich auf sein Lieblingstrikot gepisst. Und du weißt ja, was ich für eine Klappe habe, wenn ich sauer bin.«
»Der ist aber ein ausgewachsener Mann!«, sagte Elaine. »Er hat kein verdammtes Recht, dich zu schlagen und aus dem Bett zu katapultieren. Hast du gehört, Mo? Absolut kein Recht. Mein Dad wohnt nicht mehr bei uns, und wenn wir uns sehen, streiten wir uns manchmal wie die Bekloppten, aber meinst du, ich würde mich von ihm schlagen lassen? Auf keinen verfluchten Fall.«
»Aber er ist ja auch dein richtiger Dad«, sagte ich.
»Spielt keine Rolle«, erwiderte Elaine. »Wenn du seiner Fettfresse am Frühstückstisch begegnest, hat er sich zu benehmen wie ein richtiger Dad.«
»Was soll ich machen?«, fragte ich. »Er ist praktisch schon bei uns eingezogen.«
»Du gehst zu den Bullen«, sagte Elaine.
»Den Bullen? Ist das nicht ein bisschen drastisch?«
»Am Sonntag hat er zugeschlagen und heute Morgen fast wieder? Wer weiß, wozu der fähig ist, wenn das letzte bisschen Vernunft seinen Knastbruderarsch verlässt?«
Unterschiedliche Szenarien schossen mir in den Kopf. Lloyd war erst vor ein paar Monaten aus dem Gefängnis entlassen worden. Mum hatte mir nicht erzählt, weswegen er gesessen hatte. Wenn er noch mal in einer Zelle schmachten und Porridge zum Frühstück fressen musste, würde Mum mir das niemals verzeihen.
»Ich … ich weiß nicht, ob ich damit zu den Bullen gehen kann«, sagte ich. »Kann man denen denn vertrauen? Vielleicht glauben die mir gar nicht.«
»Müssen sie aber, Mo«, behaupete Elaine und legte mir einen Arm um die Schulter.
»Mum wird zum T-Rex. Lloyd ist gerade erst aus dem Knast raus.«
»Mo, hör mir zu. Du stehst auf ihrer Prioritätenliste ganz oben, hast du gehört? Jedenfalls solltest du da stehen. Ist mir scheißegal, wie sauer sie wird – du musst Lloyd anzeigen. Der ist doppelt so groß wie du! Irgendwann richtet er noch größeren Schaden an, als dich nur aus dem Bett zu schmeißen. Eigentlich dürfte er gar nicht ungebeten in dein Zimmer platzen!«
»Aber …«
»Kein aber. Ich sag dir, was wir machen. Wir gehen hoch, essen was – hoffentlich hat Gran heute gekocht –, und danach gehen wir zu den Bullen.«
Ich musste fünf Minuten sitzen bleiben, um das alles runterzuladen. Vielleicht konnte mir ja eine von diesen Dragon Hip Pillen durch die ganze Kacke helfen.
Ich ging mit Elaine nach Hause. Bevor wir in die Wohnung gingen, schälte Elaine sich die falschen Wimpern ab und steckte sie in ein kleines Portemonnaie. Ihre Mum war nicht zu Hause, aber ihre Gran saß auf einem Hocker in der Küche, ein Geschirrtuch über der Schulter. Ein Kopftuch in den jamaikanischen Farben zierte ihren Kopf. Sie nippte an einer Cola-Rum – der Geruch kitzelte meine Nüstern. Irgendeine jamaikanische Oldschool-Musik nudelte aus dem kleinen Gettoblaster. »Maureen!«, grüßte sie. »Lange nicht gesehen! Hast du vergessen, wo ich wohne? Hast du gedacht, ich bin schon tot?«
»Nein, nein, Ms Jackson!«, erwiderte ich. »Hatte nur echt viel zu tun. Sie wissen doch, wie das ist. Hab gelernt, Hausaufgaben gemacht, und was weiß ich was.«
»Hör auf mit diesem Ms-Jackson-Unsinn, Maureen! Sag einfach Gran … wie geht’s Clarrie-May?«
»Der geht’s gut«, sagte ich. »Arbeitet immer noch Teilzeit im Waschsalon.«
»Gut, dass sie endlich was gefunden hat.« Sie widmete Elaine ihre Aufmerksamkeit. »Und wieso kommst du so spät?«
»Gran, ich hab’s dir doch gesagt. Wir waren nach der Schule noch im Kino.«
»Du sagst mir nie irgendwas.«
»Heute Morgen hab ich’s dir und Mum gesagt.«
Gran versuchte sich zu erinnern. Ich fand’s echt lieb von ihr. Mum scherte sich nie drum, wann ich nach der Schule nach Hause kam.
»Hast du nicht was vergessen?«, fragte Gran.
Elaine grinste. Sie umarmte Gran herzlich und drückte ihr ein Küsschen auf die Wange. Ich wünschte, bei Mum und mir wäre das auch so. »Pass auf, dass du mein Glas nicht umkippst! Weißt du, wie teuer der Rum ist? Sag’s deiner Mutter nicht.«
»Mach ich nicht.«
»Wollt ihr essen? Fleischbällchen in meiner hausgemachten Sauce mit Reis. Willst du probieren, was ich gekocht hab, Maureen? Egal, was meine Enkelkinder sagen, du wirst nicht dran sterben.«
»Ja, bitte.«
»Gib mir fünf Minuten, dann mach ich’s euch warm.«
Elaine führte mich in ihr Zimmer. Denzel Washington wachte an der Wand über ihrem Bett. Terrence Howard in seiner ganzen muskulösen Pracht zierte die Tür. Stapel von DVDs in durchsichtigen Plastikhüllen kämpften um einen Platz auf der Kommode. Ich setzte mich auf ihr Bett. Elaine machte die Tür zu. »Ich hoffe, du hast Hunger, Mo. Gran macht immer Riesenportionen und kann’s gar nicht leiden, wenn was auf dem Teller bleibt.«
»Glaub mir, ich hab voll den Riesenhunger«, sagte ich. »Die Wings und Fritten heute Mittag, hätten keinen klapprigen Grashüpfer satt gemacht.«
»Alles klar?«, fragte Elaine, wahrscheinlich weil sie meine Angst spürte.
»Ich könnte was zu trinken vertragen.«
»Ich hol dir Johannisbeersaft.«
Kaum machte Elaine die Tür auf, platzte ihr kleiner Bruder Lemar ins Zimmer. Er sprang aufs Bett und setzte sich neben mich.
»Raus!«, bellte Elaine. »Mo hat heute keine Zeit für dich.«
Lemar schlang mir die Arme um den Hals und schenkte mir das breiteste Grinsen der Welt. So was von süß. Ich wünschte, ich hätte auch einen kleinen Bruder.
»Schon okay, Elaine.«
»Benimm dich!«, ermahnte Elaine Lemar. »Und in meinem Zimmer wird nichts angefasst.« Sie ging mir was zu trinken holen.
»Und wie läuft’s so in deinem ersten Jahr an der South Crong High?«, fragte ich. »Viel zu viel Rumgerenne«, beschwerte Lemar sich. »Wieso können nicht alle Stunden in unserem Klassenraum stattfinden? Sollen die Lehrer doch zu uns kommen! Wäre viel einfacher.«
Er sprang vom Bett und ging Elaines DVD-Sammlung durch. »Kunst ist mein Lieblingsfach, aber ich zeichne lieber Menschen als Äpfel und Orangen«, fuhr Lemar fort.
Lemar war eine schöne Ablenkung. Ich lachte, als er mir erzählte, welche Lehrer er mochte und welche er nicht ausstehen konnte, und versuchte, möglichst verständnisvoll zu gucken, als er mir erklärte, wieso er sich vor dem Sport nicht umziehen wollte.
»Irgend so eine gemeine Kuh hat mich Liccle Bit genannt«, sagte er.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte ich. »Bald schießt du in die Höhe. Glaub mir.«
»Ehrlich?«
»Na klar. Bevor du weißt, wie dir geschieht, spielst du Basketball bei den Crongton Crewnecks.«
»Meinst du echt?«
»Absolut!«
Elaine kam fünf Minuten später mit einem Tablett voller Essen zurück. Sie sah Lemar böse an. »Raus!«
»Hab mich nur mit Mo unterhalten.«
»Schieb dein Hinterteil hier raus, bevor ich dir einen Tritt verpasse.«
Lemar zog beleidigt ab. Ich hätte nichts dagegen gehabt, dass er bleibt. Jetzt muss ich dran denken, dass ich zu den Bullen gehen und auspacken soll.
»Danach bist du voll satt«, sagte Elaine. »Ist aber ganz schön scharf – Gran macht Jamaican Jerk an alles dran.«
Bis ich mit dem Essen fertig war, lief mir die Nase, und in meiner Brust fühlte es sich an wie in einem Hochofen. Elaine musste mir noch ein Glas zu trinken holen. Ich kippte es in einem Zug runter.
»Bist du bereit?«, fragte Elaine.
Ich war nicht bereit.
Ich nickte.
Gran schaute im Wohnzimmer fern. »Geht ihr noch mal weg?«
»Ja, Gran«, erwiderte Elaine.
»Wohin? Ihr seid doch eben erst gekommen. Könnt ihr nicht mal zwei Minuten lang die Füße still halten?«
»Ich muss Mo bei was helfen.«
»Und wobei?«
Elaines geöffneter Mund stand auf Pause. Ich musste schnell nachdenken.
»Wir gehen ins Internetcafé, recherchieren ein bisschen – für Geschichte.«
Gran nickte. »Seid vorsichtig da draußen, Mädchen. Und kommt gleich wieder nach Hause, wenn ihr fertig seid.«
»Machen wir«, riefen wir einstimmig.
Gran wusste das nicht, aber tatsächlich wären wir lieber gestorben, als uns im Well Charged Internetcafé in der Bushmaster Lane blicken zu lassen. Es befand sich im Keller eines Getränkeladens und es stank nach Gras, Alkohol und Schweiß. Gangsta verkauften dort Dragon Hip und andere abgefahrene Chemikalien. Dem langbärtigen Besitzer Johnny Osbourne, der auf einem wackligen Hocker hinter dem hohen Tresen saß, war das alles egal, Hauptsache man bezahlte die Gebühr fürs Einloggen.
Wir brauchten fünfundzwanzig Minuten bis zur Polizeiwache von Crong.
In Wirklichkeit schleppte ich mich dorthin. Ich freute mich nicht gerade darauf, meine persönlichen Angelegenheiten vor den Bullen auszubreiten.
Wir gingen rein und setzten uns in den Wartebereich, während sich eine Mutter laut darüber beschwerte, dass irgendeine Gettoratte ihrem achtjährigen Sohn das Handy geklaut hatte. Blöde Kuh!, dachte ich. Wieso kauft sie auch einem so kleinen Kind ein Handy?
Je länger wir warteten, umso nervöser wurde ich. Endlich war die Frau mit ihrer Schimpftirade fertig. Elaine stand auf. Ich blieb sitzen.
»Mo, steh auf.«
Wir gingen zur Anmeldung. Ein Polizist in einem kurzärmeligen weißen Hemd und mit Krawatte stand hinter dem Tresen. Sein Kinn war so glatt, dass mir wieder der Action Man einfiel, den Elaine Lemar vor ein paar Jahren zum Geburtstag gekauft hatte. Er füllte ein Formular aus.
»Ich will aber mit keinem Mann reden«, flüsterte ich.
»Wir fragen, ob sie eine Frau haben«, sagte Elaine.
Der Beamte schaute auf und lächelte. »Wie kann ich euch helfen?«
Ich kann nicht glauben, dass ich das mache. Mum wird hochgehen. Meine Beine fühlten sich komisch an. Mein Herz bummerte wie Nelsons Kanonen. Ich musste meine Hände auf den Tresen legen, um mich abzustützen.
»Meine Freundin möchte eine Meldung machen, aber sie möchte mit keinem Mann drüber sprechen«, sagte Elaine. »Verstehen Sie das?«
Der Polizist nickte. Anscheinend war er nicht beleidigt. »Ja, verstehe ich«, sagte er. »Bitte wartet hier, ich hole jemanden, der geeignet ist, sich die Beschwerde anzuhören.«
Ich war echt froh, dass Elaine bei mir war.
Fünfzehn Minuten später kam eine Polizistin mit einer Frau in einem grauen Hosenanzug, die uns erklärte, sie sei von der Abteilung für Opferschutz. Sie führten uns durch die Wache in einen ruhigen Raum, in dem ein Sofa, ein paar einfache Stühle und ein Tisch standen, darauf eine schlichte Vase mit Plastikblumen. Was zum Teufel soll denn das? Vor den Fenstern weiße Jalousien. Elaine und ich entschieden uns für das Sofa. Ich fragte mich, wie viele Leute, die Opfer von Gewalt geworden waren oder anderen Kummer zu berichten hatten, schon auf diesem Polster Platz genommen hatten.
»Können wir euch was bringen?«, fragte die Beamtin.
»Wasser«, erwiderte ich.
»Danke, nichts«, sagte Elaine.
Ich spürte, wie sich die Schweißperlen auf meiner Stirn schlagartig vermehrten. Die Ader an meiner linken Schläfe fing an zu pochen. O Gott! Ich mache das wirklich. Elaine hielt meine Hand. Ich drückte ihre andere. Draußen hörte ich einen Drucker Papier ausspucken. Irgendwo über uns summte eine Klimaanlage. Die Lady, die das Wasser für mich holen gegangen war, brauchte ewig. Endlich kam sie wieder. Ich nahm einen Schluck. Und noch einen. Ich fragte mich, ob ich mir das Wasser vielleicht am besten über den Kopf schütten sollte.
»Fühlt ihr euch jetzt wohl?«, fragte die Beamtin.
Ich fühlte mich nicht wohl, aber ich nickte.
»Wie können wir euch behilflich sein?«, fragte die Polizistin.
Die vom Opferschutz blätterte die erste Seite ihres Blocks um und hielt den Stift bereit. »Mein Name ist Ms Sharon Hunt«, sagte sie. »Ich bin hier, um euch zu unterstützen, soweit ich kann.«
O Gott, die klingt wie Naomis Betreuerin – sind die etwa miteinander verwandt?
Alle sahen jetzt mich an.
»Sag’s ihnen, Mo!«, drängte Elaine. »Mach schon! Schau sie an.« Irgendwas lähmte meine Zunge.
Betretene Stille.
»Vielleicht können wir mit deinem Namen und deiner Anschrift anfangen?«, schlug die Polizistin vor. »Kannst du uns sagen, auf welche Schule du gehst?«
Ich holte megatief Luft und presste leise eine Antwort heraus. »Auf die South Crong High. Ich heiße Maureen Baker, bin fünfzehn Jahre alt und wohne mit meiner Mum zusammen.«
Die Polizistin und Ms Hunt gaben sich die größte Mühe, ihre schönsten »O Gott, wir nehmen das wahnsinnig ernst«-Mienen aufzusetzen. Elaine nickte mir zu, trieb mich an.
»Es geht um den Freund von meiner Mum«, fuhr ich fort.
»Er ist in ihr Zimmer geplatzt und hat sie geschlagen, sodass sie aus dem Bett geflogen ist!«, explodierte es aus Elaine heraus, sie zeigte dabei auf mich.
Ich holte erneut tief Luft und erzählte das ganze Drama mit Lloyd. Ms Hunt konnte echt schnell schreiben – ihre Finger verschwammen vor meinen Augen. Elaine strich mir über den Rücken – am liebsten hätte ich ihr gesagt, dass sie’s nicht so fest machen soll, ich war nämlich kurz davor zu kotzen.
Die Bullen wollten eine offizielle Aussage von mir. Deshalb musste ich die ganze Geschichte noch mal erzählen.
Sie fragten, ob ich einen Arzt sehen wollte. Nein.
Dann fingen sie mit was an, das mir einen Wahnsinnsschrecken einjagte.
»Du bist erst fünfzehn«, sagte Ms Hunt. »Wir müssen das Jugendamt informieren. Du bist gefährdet, und möglicherweise müssen wir geeignete Schritte einleiten, ist dir das bewusst? Oder zumindest die anderen Behörden auf deinen Fall aufmerksam machen, damit sie …«
»Das Jugendamt bringt mich nirgendwohin!«, fauchte ich. »Ich will einfach nur, dass Lloyd aus der Wohnung verschwindet. Das ist alles. Ich will bei meiner Mum wohnen bleiben!«
Ich dachte an Naomi im Heim und dass sie uns nie einlud, reinzukommen. Was zum Teufel ging innerhalb dieser Mauern vor?
»Niemand wird dich von deiner Mum trennen«, sagte Ms Hunt. »Aber vielleicht braucht sie Hilfe oder eine Beratung, um dich besser schützen zu können …«
Plötzlich war mir viel zu heiß. Der Druck in meinem Schädel war zu stark. Schweiß strömte aus meinen Achseln. Auch am Bauchnabel konnte ich ihn spüren. Ich trank den Rest meines Wassers und stand auf. »Elaine – ich kann das nicht.«
»Aber du hast das toll gemacht, Mo«, sagte Elaine. »Du bist fast fertig«. Sie schaute die Polizistin an und fragte: »Sie ist doch fast fertig, oder?«
Die Polizistin nickte. »Wenn du willst, Maureen, machen wir eine Pause – vielleicht gehst du zwischendurch Luft schnappen oder kommst morgen noch mal, um die Aussage fertigzustellen und zu unterschreiben?«
»Das hat keine Eile«, sagte Ms Hunt. »Ist uns recht, so wie’s für dich am besten ist. Wenn du möchtest, rufen wir beim Jugendschutz an und sorgen dafür, dass du heute Abend eine sichere Unterkunft bekommst.«
»Nein! Ich übernachte nicht bei Leuten, die ich nicht kenne!«
Ich spürte, wie sie mir mit ihren starren Blicken den Schädel durchbohrten. Mein Gehirn fühlte sich an, als wollte es gleich explodieren. »ICH WILL RAUS HIER!«
Elaine stand auf und nahm mich in den Arm. »Machen Sie die Tür auf«, sagte sie. »Ich geh mit ihr nach draußen.«
Bevor ich rausgeführt wurde, schenkte mir Ms Hunt noch ein Glas Wasser ein. Die Polizistin machte die Tür auf. Andere Beamte schauten von ihren Schreibtischen und Computerbildschirmen auf. Ich konnte es nicht ertragen, angeglotzt zu werden, deshalb vergrub ich mein Gesicht an Elaines Schulter und ließ mich von ihr führen. Als ich die Augen wieder aufmachte, befand ich mich mit Elaine, der Polizistin und Ms Hunt auf dem Parkplatz. Wir setzten uns alle zusammen auf eine Bank. Meine Hände zitterten. Ich suchte in meinem Schulrucksack nach einem Taschentuch, konnte aber keins finden. Ms Hunt erriet, was ich suchte, und bot mir eins an. »Kann ich dir noch was holen?«, fragte sie. »Tee? Kekse?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Würden Sie uns kurz alleine lassen?«, fragte Elaine.
Die Polizistin und Ms Hunt sahen einander an, dann nickten sie. »Natürlich. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht.«
Sie verzogen sich wieder nach drinnen. Die Abendluft kühlte meine Stirn. Hinter einer hohen Backsteinmauer rauschte der Verkehr. Ich hielt mir den Becher an die Lippen und trank.
»Das ist echt sehr mutig, was du da machst, Mo«, sagte Elaine. »Vielleicht sollten wir morgen wiederkommen und die Aussage fertig aufnehmen lassen.«
Ich war froh, dass Elaine das sagte. Ich atmete wieder leichter und wischte mir den Schweiß vom Gesicht.
»Wir bitten die Bullen, uns nach Hause zu fahren«, sagte Elaine. »Das ist das Mindeste, was die machen können.«
»Nicht ganz bis nach Hause«, sagte ich. »Ich will nicht, dass Mum oder Lloyd uns bei denen aus dem Wagen steigen sehen.«
»Einverstanden«, sagte Elaine und umarmte mich noch mal.
5
MUTTERLIEBE
BEVOR WIR DIE POLIZEIWACHE VERLIESSEN, fragte mich die Polizistin: »Maureen, bist du sicher, dass du das Aussageprotokoll nicht doch schon unterschreiben möchtest?«
Das Wort »Aussageprotokoll« schockte mich. Ich stellte mir Leute mit Professor-Snape-Umhängen und weißen Perücken vor und schüttelte den Kopf. »Ich … ich komm morgen wieder. Oder vielleicht Ende der Woche.«
»Bitte mach das«, sagte die Polizistin. Sie rang sich ein mitfühlendes Lächeln ab, aber ich konnte die Enttäuschung in ihren Augen sehen.
Im Streifenwagen bat ich darum, zwei Ecken von meinem Wohnblock entfernt rausgelassen zu werden. Elaine stieg mit mir aus. Heiliger Bimbam! Sam würde niemals glauben, dass ich in einem Polizeiwagen mitgefahren war.
»Soll ich mit dir rauf?«, bot Elaine an.
Ich schaute auf meinem Handy nach der Uhrzeit. »Schon nach neun«, sagte ich. »Steht deine Mum nicht auf dem Balkon und schimpft?«
»Bestimmt, aber ich würde gerne wissen, ob bei dir alles in Ordnung ist.«
»Schon gut, Elaine. Wenn er was versucht, bist du die Erste, die ich anrufe.«
Elaine umarmte mich lange. »Pass auf dich auf, Mo, und wenn das fette Arschloch dich auch nur schief anguckt, kommst du ganz schnell zu mir. Versprochen?«
»Versprochen.«
Ich verzog mich zum Haus. Elaine blieb stehen und sah mir nach, bis ich drin war. Müdigkeit überfiel mich, als ich die Treppe hochstieg. Mit jedem Schritt fühlte ich mich schwerer. Einen Augenblick blieb ich bei Sam vor der Tür stehen. Ich hätte ihm gerne von meinem Tag erzählt. Wollte sein Gesicht sehen, seinen Half-Fro und die Cornrows auf der anderen Seite. Sein Lächeln. Aber jetzt war er mit ihr zusammen. Vielleicht verknoteten sie schon ihre Zungen auf dem Sofa. Ich glaube kaum, dass Shevray Nein sagen würde, wenn Sam ihre Brust betatschen und die Finger gen Süden wandern ließ.
Ich versuchte das Bild der beiden zusammen aus meinen Gedanken zu löschen, rannte die Treppe rauf und betrat die Wohnung. Sofort schlug mir der Geruch von Putzmittel und Lavendel entgegen. In der Küche plärrte das Radio »Chiquitita« von Abba. Ich ging hin und fand Mum mit Kopftuch und gelben Gummihandschuhen auf den Knien vor dem Backofen. Eine Schüssel Seifenwasser daneben. Ich stellte das Radio leiser.
»Mum!«
Sie drehte sich um und lächelte, hatte Schmutz am Kinn.
»Ahhh! Meine Kleine ist zu Hause. Wo warst du?«
»Im Kino.«
»Mit Elaine?«, fragte sie.
»Ja.«
»So ein nettes Mädchen – gute Familie. Hab neulich ihre Mum im Supermarkt getroffen – die hat’s immer eilig – ich hab Hi gesagt, aber sie ist ab wie eine Rakete – war wohl auf dem Weg zur Arbeit.«
Ich schaute auf die Pfütze an ihren Füßen.
»Mum es ist fast zehn Uhr – wieso putzt du um die Uhrzeit noch den Backofen?«
Sie stand auf und zog ihre Gummihandschuhe ab. Trocknete sich die Unterarme mit einem Geschirrtuch und zündete sich eine Zigarette an. »Hier sah’s aus wie im Schweinestall«, sagte sie. »Also hab ich sauber gemacht – hast du mir das nicht immer wieder gesagt? Dass ich mal putzen soll?«
»Rauch nicht so nah am Ofen«, sagte ich. »Wo ist Lloyd?«
Sie ignorierte meine Warnung, zog fest an ihrem Krebslolli.
»Er fand es am besten, wenn … er meinte, am besten sollten du und ich mal was Schönes zusammen machen, weißt du? Einen Mutter-Tochter-Abend, nur wir beide. Es tut ihm echt leid, weißt du, wegen heute Morgen und auch am Wochenende. Er gibt sich wirklich große Mühe mit dir.«
»Er hat gemeint, das wär das Beste, Mum?«, wiederholte ich. »Er hat das vorgeschlagen?«
»Wieso, was meinst du denn, Schatz?«
»Was hältst du denn für das Beste, Mum?«
Sie sah mich böse an und wedelte den Rauch ihrer Zigarette weg. Dann drehte sie mir den Rücken zu und wusch ein paar Sachen in der Spüle ab. »Ich geb mir auch Mühe, Mo. Ich hab mich heute krankgemeldet und auf dich gewartet. Ich wollte dir die Haare waschen und flechten, weißt du, so wie Elaine sie hat. Ich hab dir deine Lieblingsschokomousse gekauft – steht im Kühlschrank.«
Sie ging zum Kühlschrank, machte ihn auf und griff rein. Hielt mir den Pudding hin. Ich nahm ihn nicht. Sie stellte ihn wieder rein.
»Mum … wir müssen reden.«
»Worüber denn, Schatz?«
»Lloyd.«
»Ich hab dir doch gesagt, was am Sonntag passiert ist, tut ihm leid. Um sechs hat er angerufen und gefragt, wie’s dir geht.«
»Wieso sagt er mir nicht selbst, dass es ihm leidtut?«
»Das wird er, Mo. Wenn ihr euch das nächste Mal seht. Er will nur, dass wir ein bisschen Zeit zusammen haben. So fürsorglich ist er.«
»Fürsorglich? Wieso wolltest du denn nicht mal ein bisschen Zeit mit mir verbringen, Mum? Heute Morgen konntest du’s nicht abwarten, bis ich endlich aus der Wohnung verschwinde.«
Mum drehte mir wieder den Rücken zu und wusch sich die Hände in der Spüle. Ich setzte mich an den Küchentisch und konnte nicht anders, als Mums Putzresultate zu bewundern – sogar die Spinnwebe an der Decke in der Ecke war weg.
»Wenn du willst«, sagte sie, »kann ich dir immer noch die Haare waschen. Ich hab Conditioner gekauft.«
»Ich kann mir selbst die Haare waschen, Mum – ich bin kein Kind mehr.«
»Wir wollten am Freitag mit dir essen gehen. Wie findest du die Cheesecake Lounge?«
Sie klang immer verzweifelter – wie ein Händler vom Markt in Crongton, der angeschlagene Äpfel verkaufen will.
»Wir?«, wiederholte ich. »Mit dem gehe ich nirgendwohin. Nicht mal hier im Haus durchs Treppenhaus oder in denselben Park zum Chillen.«
Sie drehte das Wasser ab und blieb eine Zeitlang still stehen, starrte aus dem Fenster – abgesehen von dem Nachbarblock gab’s nicht viel zu sehen. Dann schnappte sie sich das Geschirrhandtuch und trocknete sich die Hände ab. Schließlich drehte sie sich zu mir um. »Den Job hat er nicht bekommen, um den er sich heute beworben hat. Er gibt sich so viel Mühe, aber immer kreiden sie ihm seine Vorstrafen an.«
»Bu-hu, ich heul gleich. Wenn du Geige spielst, pack ich meine Harfe aus.«
»Pass auf, was du sagst, Mo. Ich kann dir auch eine knallen, dann vergeht dir dein Sarkasmus. Ich bin trotz allem deine Mutter!«
»Mutter? Wie kommst du denn da drauf?«
Eine kurze Sekunde lang fixierte sie mich mit einem brutalen Blick. Dann zwang sie sich zu lächeln, zog wieder die Gummihandschuhe über und zündete sich mit Fingern so gelb wie die Simpsons noch eine Zigarette an. Irgendwann würde ich was wegen ihrer Raucherei unternehmen müssen, aber nicht jetzt.
»Wie gesagt, was passiert ist, tut ihm sehr leid«, sagte sie. »Er will, dass ihr miteinander klarkommt. Willst du das nicht auch, Mo? Wäre doch besser für alle.«
»Ist schwer, mit jemandem klarzukommen, der einen schlägt«, fauchte ich. Ich konnte mir meinen Sarkasmus nicht verkneifen, aber wenn es ihr ernsthaft leidtat, würde sie ihm verbieten, seinen fetten Arsch jemals wieder über unsere Schwelle zu schieben. Wieso merkte sie nicht, dass der Typ mit jedem Atemzug Großalarm auslöste? Er konnte von Glück sagen, dass ich meine Aussage bei den Bullen noch nicht unterschrieben hatte. Und das hatte ich nur deshalb nicht getan, weil ich ihr die Peinlichkeit ersparen wollte. Wenn er auch nur einen Fingernagel an mich legte, schwor ich, würde ich zu den Bullen gehen und die Klappe aufreißen wie Beyoncé beim Super Bowl.
Jetzt sah ich das schlechte Gewissen in ihrem Blick. Sie warf die Zigarette in die Spüle, ging wieder auf die Knie und putzte weiter den Ofen.
»Lloyd ist das einzige bisschen Glück, das ich seit sehr sehr langer Zeit mal wieder habe«, sagte sie nach einer Weile. »Mir hat niemand mehr so was wie Liebe entgegengebracht seit … na ja. Ich war mit ein paar echten Arschlöchern zusammen.«
Da hatte sie nicht unrecht.
»Du kannst was Besseres finden als Lloyd, Mum.«
»Ich möchte, dass wir eine Familie werden«, sagte sie. »Lloyd hat einen kleinen Jungen – er ist vier. Jason heißt er. Wenn du willst, kannst du ihn kennenlernen.«
Ich antwortete nicht.
»Babes, was meinst du? Willst du Jason kennenlernen? Der hat richtig viel Energie, ist wahnsinnig süß und echt clever – kann schon seinen Namen schreiben. Willst du sehen, was der für hohe Bauklotztürme bauen kann!«
Ist das nicht schön für den süßen kleinen Jason? Verdammt noch mal Hurra! Wahrscheinlich ein total verwöhntes Balg. Und ich soll dann demnächst babysitten, wenn die beiden vögeln und die Matratze dauertesten.
»Er würde dich sehr gerne kennenlernen – du könntest seine große Schwester sein! Lloyd ist ganz vernarrt in ihn und ich auch, wenn ich ihn mal sehe.«
»Haut Lloyd ihm auch eine runter, sodass er aus dem Bett fliegt?«, blaffte ich.
Sie nuschelte leise was vor sich hin, das ich nicht ganz verstand, und putzte immer energischer, als wollte sie die schlechte Stimmung wegschrubben. Ich wusste, dass sie darunter litt, aber sie zog Lloyd immer wieder vor. Ich stand auf und ging in mein Zimmer, ließ sie weiter den schwarzen Ofen putzen und mich verfluchen.
Ich warf mich auf mein Bett. Mum drehte die Lautstärke des Radios wieder hoch. Lionel Richie sang »Hello«. Erneut hatte ich ganz gewaltig das Bedürfnis, mit Sam zu sprechen, unterdrückte es aber. Stattdessen stand ich auf, trat meine Tür zu und holte mein Lieblingsfotoalbum aus dem Kleiderschrank. O Gott! Wann hatte ich mir das letzte Mal was Neues gekauft? Ich schlug die erste Seite auf. Mum und ich am Strand in Bournemouth. Da musste ich fünf oder sechs gewesen sein. Ich trug ein rosa Trägerhemd, weiße Shorts, die mir zu lang waren, und Flipflops. Und baute Sandburgen. Sie stand im Hintergrund, versank im feuchten Sand, hinter ihr brauste das Meer, sie hatte einen Strohhut auf dem Kopf und eine Zigarette im Mund. Sie lachte. Keine Ahnung, wer das Bild aufgenommen hatte.
6
NAOMIS (UN–) HEIMLICHER VEREHRER
AM NÄCHSTEN MORGEN REDETE MUM nicht mit mir. Sie versuchte es nicht mal. Als ich aufgestanden war und mich angezogen hatte, ging ich in ihr Zimmer. Tabakgestank stieg mir in die Nase.
»Mum.« Ich stieß sie an. »Mum!« Keine Regung. Ich wusste, dass sie nur so tat, als würde sie schlafen. Egal. Dann würde ich sie eben die beleidigte Leberwurst spielen lassen.
Ich ging in die Küche. Die Schüssel mit dem Wasser und der Kratzschwamm vom Vorabend lagen noch auf dem Boden. Die Cornflakes-Packung war leer und der Brotkasten genauso. In der Keksdose fand ich nur noch Krümel. Keine Eier im Kühlschrank. Ich beschloss, die Schokomousse zu frühstücken. Verdammt, war die gut. Hinterher trank ich Wasser. Im Bad musste ich meine ganze Kraft aufbieten, um noch was aus der Zahnpasta rauszukriegen, damit ich mir meine Backenzähne schrubben konnte. Ich starrte mich im Spiegel an. Shevray war hübscher als ich – und verfügte ganz eindeutig über die dickeren Titten und die geschmeidigeren Oberschenkel.
Ich ging in die Schule. Wieder machte ich kurz vor Sams Tür halt, überlegte es mir aber auch dieses Mal anders.
Ausnahmsweise kam ich nicht zu spät, aber Mr Holman entdeckte mich trotzdem, als ich an der Anmeldung vorbeiflitzte. Er lächelte mich an, weshalb ich es unhöflich gefunden hätte, einfach davonzuflutschen, und kam auf mich zu.
»Maureen«, sagte er. »Freut mich, dass du heute pünktlich bist.«
»Soll das witzig sein? Lassen Sie’s lieber, steht Ihnen nicht.«
»Ich wollte dich nur informieren.«
»Worüber? Beeilen Sie sich, ich hab IT.«
»Die Schule hat entschieden, einen Therapeuten einzustellen.«
»Und?«
»Wir Lehrer sind nicht dafür ausgebildet, uns der Probleme anzunehmen, mit denen die Schüler teilweise zu kämpfen haben. Ende der Woche geht ein Rundschreiben raus.«
»Denken Sie, ich bräuchte einen Therapeuten?«
»Das… das hab ich nicht gesagt.«
Holman wirkte nervös, sah aus wie irre. Ich ließ ihn weiter Läuse fangen und verzog mich in die erste Stunde.
In Anbetracht meines Dramas, musste ich mich echt für meine Leistungen in der Schule loben. Mein Französisch wurde immer besser – Mon Français est tres bon! – und Elaine und ich halfen uns gegenseitig bei den IT-Aufgaben.
Mum hatte mir fünf SMS geschickt, um mir zu sagen, dass ich nach der Schule direkt nach Hause kommen sollte, aber ich ignorierte sie – wenn sie auf beleidigt machen und mich anschweigen konnte, dann konnte ich den Spieß auch umdrehen.
Elaine musste online was für Englisch nachgucken, also gingen Naomi und ich mit ihr in die South Crong Bibliothek. Im Foyer hingen lauter Plakate mit RETTET UNSERE BIBLIOTHEK. Flyer lagen auf dem ganzen Tresen verstreut. Wir ließen uns als Online-Nutzer registrieren und begegneten Linval Thompson auf dem Weg in den Computerraum. Ich hatte ihn schon öfter mit seinem Angebergang voll eingebildet durch die Gegend schleichen, Wodka trinken und Joints rauchen sehen. Früher war er auf unserer Schule gewesen. Echt komisch, ihn jetzt hier mit einem Buch zu sehen. Einem für Unternehmensgründer.
»Naomi!«, rief er. »Wieso hast du mich nicht angerufen? Hörst du deine Mailbox nicht ab? Hab auf deinen Anruf gewartet!«
Linval trug eine teure Marken-Trainingshose, Marken-Sneaker und eine riesige Daunenjacke, die sämtlichen Titanic-Passagieren als Rettungsboot hätte dienen können. Ein blaues Tuch bedeckte die Hälfte seines kahlen Schädels.
Naomi wurde rot, während Elaine die Arme verschränkte und abfällig die Oberlippe hochzog. »Sie hat kein Interesse«, erklärte Elaine. »Du kannst dich also verziehen und deinen Körpergeruch in einem anderen Postleitzahlenbezirk verbreiten – wir müssen lernen.«
»Elaine, was hab ich dir eigentlich getan, dass du mir ständig die Tour vermasseln musst?«, fragte er.
»Die Frage ist eher, mit wem du sonst abhängst«, entgegnete Elaine.
Ich konnte nicht anders als kichern, und Naomi fiel ein. Linval machte jetzt eine ernste Miene.
»Wieso muss du ständig die Brüder dissen, mit denen ich rumziehe?«, wollte er wissen. »Das ist meine Familie. Die halten zu mir. Weißt du, dass neulich einer von meinen Kumpels abgestochen wurde?«
»Hab’s gehört«, sagte Elaine. »Ist tragisch, aber ich disse die Brüder, mit denen du rumziehst, weil sie garantiert dealen, andere einschüchtern und alle möglichen krummen Touren durchziehen. Wenn du bei dem Spiel mitmachst, wird’s böse enden.«
Ich merkte, wie Linval allmählich die Hutschnur platzte. »Irgendwann schlag ich dir noch mal deine dreiste Klappe aus der Fresse!«, drohte er.
»Dann schlagt ihr also außerdem auch noch Mädchen, du und deine Crew?«, erwiderte Elaine. »Wollt ihr einen Orden dafür?«
»Elaine! Elaine!«, schaltete sich Naomi ein. »Schon okay.«
Elaine unterstrich ein letztes Mal ihre Abneigung gegenüber Linval, indem sie noch einmal abfällig die Oberlippe hochzog.
»Wie du siehst, bin ich noch auf der Schule«, sagte Naomi und zeigte auf ihren Blazer. »Glaubst du’s mir jetzt? Wie alt bist du? Zwanzig? Zweiundzwanzig? Du bist zu alt für …«
»Neunzehn«, fiel Linval ihr ins Wort. »Johnny Depp ist mit einer zusammen, die fünfundzwanzig Jahre jünger ist, also alles wunderbar in Ordnung mit uns – wir könnten lässig Arm in Arm auf der Straße …«
»Aber du wirst niemals die Tore der Schokoladenfabrik für uns öffnen«, lachte ich. »Oder mit Geistern durch die Karibik segeln.«
Ich konnte mir die paar Scherze nicht verkneifen, um die Anspannung ein bisschen zu lösen, aber Elaine und Linval standen nicht auf die Einmischung.
»Naomi!«, flehte Linval. »Vergiss deine spielverderberischen Schwestern. Wir können noch mal von vorne anfangen, ins Kino gehen, zum Bowling, dann ein Strawberry Delight in der Cheesecake Lounge und auf die Rollschuhbahn in Ashburton – kannst du fahren? Was meinst du, Naomi? Egal, was du willst, ich tauche korrekt und ordentlich auf und bin ein perfekter Gentleman. Anständig bis zum Anschlag!«
Elaine entfuhr ein Lachen.
Linval ignorierte uns. »Hast du am Samstag schon was vor?«, fragte er.
»Sie geht shoppen«, sagte ich.
»Und braucht keinen Begleiter«, setzte Elaine hinzu.
Linval griff in die Tasche seiner Daunenjacke und zog ein Bündel Geldscheine heraus, die von einer goldenen Klammer zusammengehalten wurden. Naomi bekam ganz große Augen. Elaine schüttelte den Kopf, während ich versuchte, das Geld zu zählen. Er musste ungefähr dreihundert Pfund in der Hand halten.
Linval grinste. »Komm mit mir shoppen. Wir gehen in die ganzen Designerläden in Ashburton. Ich kauf dir ein paar Klamotten, und danach gehen wir in den Steak Palace und ziehen uns ein paar durchgebratene Buffalo Ribs mit Fritten rein. Was sagst du, Naomi? Wir fahren mit dem Taxi hin und zurück – willst ja nicht mit deinen teuren Tüten in einen dreckigen Bus steigen!«
Naomi stierte immer noch die Scheine an. »Viel … vielleicht ein anderes Mal«, sagte sie. »Aber ich geh lieber alleine oder mit meinen Schwestern shoppen.«
Elaine wollte weiter. »Komm, Naomi, wir müssen lernen – und die Uhr tickt.«
Linval steckte sein Geld wieder ein. »Ruf mich an«, sagte er zu Naomi. »Wir wären ein gutes Team. Deine Schwestern sind bloß so spröde, weil niemand was von ihnen will. Die sind neidisch.«
»WORAUF?«, explodierte Elaine. Sie drehte sich um, raste zu Linval zurück und hätte ihm beinahe mit dem Zeigefinger ein Auge ausgestochen. »Glaubst du, ich brauche einen Kerl, der mir mein Leben ruiniert und mir vorschreibt, was ich machen soll? Schieb deinen ungehobelten Bauernarsch aus meinem Blickfeld und deine Achseln aus meinem Riechbereich!«
»Du hast sie nicht mehr alle, wenn du denkst, dass ich von einem der Gangster hier aus der Gegend angegraben werden will«, warf ich ein.
Linval lachte spöttisch. Bevor er ging, nahm er einen Zeigefinger und den kleinen ans Ohr. »Ruf mich an, Naomi. Oder schick mir eine SMS, wenn dein Guthaben durchhängt. Ich weiß, du verstehst mich. Lass es uns machen wie Marvin Gaye … Let’s get it on!«
»Wer ist Marvin Gaye?«, fragte ich.
Linval schlang die Arme um seinen Oberkörper und groovte mit geschlossenen Augen. »Let’s get it on. Guck dir das auf YouTube an.«
Naomi und ich lachten laut, aber Elaine bedachte Linval mit einem Blick, der wohl noch seine Vorfahren erschreckt haben musste.
Als wir zum Computerraum gingen, schüttelte Elaine immer noch den Kopf. »Naomi, lass dich von dem bloß nicht überreden, nur weil er mit seiner Kohle angibt.«
»Aber hast du das gesehen?«, meinte Naomi. »Das waren mindestens dreihundert Pfund!«
»Aber wo kriegt er seine Scheine her?«, fragte ich. »Die einzigen Brüder hier in der Gegend mit so einem Budget sind Gangster.«
»Genau!«, nickte Elaine.
Wir setzten uns an die Computer, aber lernen und Hausaufgaben standen jetzt nicht mehr auf unserer Tagesordnung.
»Mir gefällt seine große Klappe«, sagte Naomi. »Ich hab die Nase voll von den Brüdern an der Schule, die immer bloß die Auslegware anglotzen, aber nicht mal den Mund aufkriegen. Zum Beispiel Kingsley Golding aus der Sechsten. Der starrt mich immer bloß an. Super, solider Muskeltyp, aber stiller als ein Mönchsfurz!«
»Du bist keine Auslegware, Naomi«, sagte ich. »Ich will einen Bruder, der mehr in mir sieht als nur das.«
»Und Linval macht bloß Ärger – glaub mir«, sagte Elaine. »Der ist auf dem Gangstertrip.«
»Du übertreibst«, sagte Naomi. »Der kifft bloß, mehr nicht. Und wer raucht hier nicht ab und zu mal einen Joint? Alle. Erst neulich hab ich meine Betreuerin im Auto kiffen sehen, bevor sie zu mir rein ist.«
»Wenn ich deine Betreuerin wäre, bräuchte ich was Stärkeres als einen Joint«, lachte Elaine.
»Das ist nicht witzig!«, meinte Naomi. »Die hat sich in meinen ganzen Privatkram eingemischt. Ob ich meinen Vater sehen will, hat sie gefragt. Scheiße, nein! Der hat mir nichts zu bieten, außer seiner vollgesoffenen, abgebrannten Persönlichkeit.«
»Wenn das mein Vater wäre, würde ich mich nicht länger mit ihm abgeben, als man für einmal warm pissen braucht«, meinte Elaine.
Ich dachte an Lloyd. Ich wollte das Thema wechseln.
»Kann mich mal jemand über diesen Linval aufklären?«, fragte ich. »Mit wem hängt er denn ab? Und was zieht er für Touren ab?«
Elaine und Naomi sahen einander an.
»Elaine!« Ich hob meine Stimme. »Naomi! Hört auf, mich auszuschließen.«
»Schrei nicht so«, sagte Naomi. Sie zog ihren Stuhl näher an meinen und schaute sich über die Schulter. »Der zieht mit Folly Ranking und seiner Crew durch die Gegend – neulich wurde einer von denen draußen vor dem Four Aces in Central Crong abgestochen – ein Bruder namens Marshall Lee.«
»Marshall Lee?«, wiederholte ich. »Nie gehört. Folly Ranking? Bei dem Namen klingelt was – ist das nicht der OG bei uns hier?«
Naomi nickte. Freudig strahlte sie. »Den hab ich mal im Shenk-I-Sheck gesehen«, erklärte sie. »Der hat so riesige weiße Sneaker an und einen Gürtel mit einer Schnalle aus reinem Gold. Und …«
»Sam hat mal was über den gesagt«, fiel ich ein.
»Folly Ranking verteidigt hier die Gegend«, fiel Naomi ein. »Der raubt Brüder aus, die er nicht kennt, und verkauft den Scheiß über die Internetcafés, Schnapsläden und am Ruskin Green, wo die Bezirksverwaltung diese ganzen blauen Trainingsräder aufgestellt hat. Außerdem kassiert er Schutzgeld bei zwei Herrenfriseuren.«
»Wenn der dich anspricht«, sagte Elaine, »guckst du eiskalt weg. Mit einem gefährlichen Bruder wie dem oder Linval willst du nichts trinken gehen.«
Kalte Spucke lief mir die Kehle runter.
Naomi lächelte. »Linval würde mich nicht wie Scheiße behandeln.« Ich war nicht so sicher, ob sie auch an den Bruder dachte, der neulich erst erstochen worden war. Ich hatte das Gefühl, dass Naomi sowieso bereit war, was mit Linval anzufangen, ganz egal, was Elaine noch über ihn auspacken würde.
»Diese Gs sind alle gleich«, sagte Elaine. Glaubst du wirklich, du bist die Einzige, an der er gerade schraubt?«
Naomi dachte drüber nach. »Kann sein… aber er hat Kohle.«
»Nimm die Titten aus seiner Brieftasche«, sagte ich. »Es geht nicht nur um Geld.«
»Doch!«, widersprach Naomi. »Von einem traurigen Collegebruder, der mit Knappheit kämpft und mich gerade mal auf einen extragroßen Milkshake einlädt, will ich nichts. Was sollen wir denn mit unserer Zeit anfangen? Spazieren gehen im Park und trockenes Brot an die Enten verfüttern?«
»Lern ihn kennen«, schlug ich vor. »Find raus, wie er drauf ist. Hilf ihm, seine Träume zu verwirklichen. Halt zu ihm, wenn’s ihm dreckig geht. Seid füreinander da.«
Während Sams Gesicht vor meinem geistigen Auge erschien, starrten Elaine und Naomi mich an, als hätte ich mongolische Lyrik zitiert.
»Ich denke nicht, dass sie seine Priesterin werden möchte«, sagte Elaine.
»Mo«, lachte Naomi. »Wenn mich nicht alles täuscht, bin ich gerade mal fünfzehn – weißt du, das ist das Alter, in dem man angeblich so viel Spaß hat. Ich lass mir doch von keinem langweiligen Bürotypen an die Wäsche gehen, mich vor den Altar zerren und dann dazu verdonnern, seinen schreienden Kindern den Hintern abzuwischen. Auf keinen Fall, Mann!«
»Aber sei vorsichtig«, warf Elaine ein. »Wenn er mit Folly Ranking rumzieht, verfolgt ihn die Gefahr. Denk dran, was Marshall Lee passiert ist.«
»So schlimm sind die nicht«, sagte Naomi. »Was ist schon dabei, wenn die hier und da ein bisschen Ware verticken. Würden sie’s nicht machen, würden’s andere tun. Das wisst ihr doch. Und hier in der Gegend ist es egal, ob du mit einer Crew rumziehst oder ohne, aufs Maul kriegst du sowieso. Vergiss nicht. Ich hab Crumbs verloren. Der war ein echter Bruder für mich. Und überhaupt kein Gangster – nur neugierig.«
Ich entdeckte die Trauer in Naomis Blick. Sie hatte nicht unrecht. Solange ich denken konnte, hatte hier in der Gegend immer jemand gedealt. Einer von Mums Ex-Freunden, Nicodemus, hatte Gras und alles Mögliche bei uns in der Wohnung verkauft. Jeden Abend hockten alle möglichen Leute auf dem wackligen Hocker bei uns in der Küche. Sie gaben Nico ein paar Scheine und kosteten die Ware. Wenn ich mir vor dem Schlafengehen noch einen Kakao machte, war ich high wie Thunderbird Five. Mum hat er Klamotten gekauft, goldene Ringe, Ketten und so ein Dampfreinigerteil. Als ich neun war, ist er mit mir auf den Jahrmarkt in Ashburton Park – sogar da hat er Shit verkauft. Eines Tages ist er verschwunden. Mum haben die Markenklamotten nicht mehr gepasst, und den Goldschmuck hatte sie sowieso längst zum Pfandleiher gebracht. So machte man das in South Crong.
»Lass dich bloß nicht auf den ein«, warnte Elaine und legte Naomi eine Hand auf die Schulter. »Du bist nach Crumbs’ Tod immer noch verletzlich.«
»Elaine hat nicht unrecht«, ergänzte ich.
Wir umarmten uns alle.
»Wollen wir jetzt Hausaufgaben machen?«, fragte ich. »Deshalb sind wir doch hier.«
»Und wenn wir fertig sind, gehen wir ins Shenk-I-Sheck?«, fragte Naomi.
»NEEIIIN!«
Während wir Elaine bei ihren Hausaufgaben halfen, bekam ich zwei weitere SMS von Mum.
MAUREEN, WO BIST DU???
MAUREEN, KOMM NACH HAUSE!!!
O Gott! Die musste stinksauer sein, sonst würde sie mich nicht Maureen nennen. Aber wenn sie denkt, ich ändere meine Meinung noch, was das Weggehen mit Lloyd betrifft, dann hat sie sich getäuscht.
Elaine und ich brachten Naomi nach Hause, und erneut versuchte sie uns den ganzen Weg lang zu überreden, mit ihr auf diese Mission oder jenes Abenteuer zu gehen. Bevor sie im Haus verschwand, sagte sie: »Ich verabrede mich mit Linval. Mal sehen, was der sagt. Ich glaube, der ist trotz der ganzen Angeberei eigentlich voll okay. An seinem Körper sitzt alles genau an der richtigen Stelle. Und witzig ist er auch.«
Elaine wollte was sagen, überlegte es sich aber anders. Stattdessen schüttelte sie den Kopf.
»Lass ihn bloß nicht ran, nur weil er mit Geldscheinen wedelt«, sagte ich.
Naomi grinste. »Meinst du, bei mir gibt’s Fummeln im Sonderangebot?«
»Sei vorsichtig«, sagte Elaine. »Wenn einer von seinen Kumpels abgestochen wurde, kann ihm auch so was blühen… oder sonst wem, der mit ihm durch die Straßen zieht.«
Naomi schenkte uns ein müdes Lächeln. Ich vermutete, dass sie einfach auf Gefahr stand. Wir umarmten uns erneut, dann ging sie rein. Als sie die Tür zugemacht hatte, sagte Elaine: »Bei der werden wir Schutzengel spielen müssen.«
»Glaub ich auch«, stimmte ich ihr zu. »Und auf keinen Fall gehen wir zusammen shoppen.«
»Vielleicht sollten wir aber am Samstag was anderes mit ihr machen – aufpassen, dass sie nichts Krummes versucht?«, schlug Elaine vor.
Ich dachte drüber nach. »Sie muss lernen, dass sie keinen Mist baut, nur weil sie mal alleine ist.«
»Auch ein Argument.« Elaine nickte. »Bist du jetzt bereit?«
»Wozu?«, erwiderte ich.
»Deine Aussage fertig aufnehmen zu lassen und zu unterschreiben, Mo.«
Ich ging los. Elaine holte mich ein. »Genauso wie gestern Abend, ich komm mit.«
Ich antwortete nicht.
»Mo?«
Ich starrte zu Boden.
»Mo!«, drängte Elaine erneut. »Ziehen wir das durch?«
Ich blieb abrupt stehen und schüttelte langsam den Kopf.
»Mo! Bitte sag nicht, dass du das fette Arschloch ungeschoren davonkommen lässt. Der hätte dich ernsthaft verletzen können.«
»Meinst du, mir gefällt das?« Ich hob die Stimme. »Er wird’s nicht wieder tun. Mum hat ihn schwören lassen. Ich will nicht mehr dran denken.«
»Nein! So darf das nicht enden«, widersprach Elaine. »Und wenn ich dich eigenhändig auf die Wache zerren muss, dann mach ich das. Hör mir zu! Du darfst nicht zulassen, dass irgendein Mann mit so einer Scheiße davonkommt…«
»Elaine! Halt die Klappe! Verdammte Scheiße! Wenn du so rumschreist, kann ich nicht denken.«
»Dann kommst du nicht mit?«
»NEEEEINN!«
Stille.
Wir sahen einander böse an.
Nach einer Weile gingen wir weiter.
»Wieso?«, wollte Elaine wissen.
»Ich glaube … ich glaube, Lloyd weiß, dass er einen Riesenfehler gemacht hat«, sagte ich. »Gestern Abend war er nicht da. Mum hat gesagt, es täte ihm leid – sie will, dass ich seinen vierjährigen Sohn kennenlerne. Ich glaube, Mum will eine richtige Familie. Ich hab mir heute noch mal alles durch den Kopf gehen lassen, und vielleicht wäre es das Beste, wenn ich … «
»Mo? Was erzählst du denn da, Sis? Glaub mir, so einem kannst du nicht trauen. Der hat gesessen und du weißt nullkommgarnichts darüber, was er verbrochen hat. Vielleicht hat er seine Ex verprügelt oder einem Rentner im Park sein Ding gezeigt. Ich weine um seinen Sohn, weil er von einem schrägen Hooligan wie dem großgezogen wird.«
»Ich glaube, so was war’s nicht«, sagte ich. »Und wenigstens hat der Junge einen Dad. Ich will nicht diejenige sein, die ihn ihm nimmt.«
»Was ist los mit meinen beiden Schwestern heute? Die eine ist scharf auf einen G aus Folly Rankings Crew, und du willst mit einem Kerl auf glückliche Familie machen, der dich aus deinem eigenen Bett geprügelt hat. Das kannst du nicht bringen!«
»Ich will nicht zu den Bullen gehen«, sagte ich. »Bei denen da drin ist mir schlecht geworden. Ist was ganz anderes, ob ich dir erzähle, was los gewesen ist, oder den Bullen. Hast du mir nicht erzählt, dass sie die Hälfte von den Leuten, die sie festnehmen, erst mal verprügeln? Nicht mal Naomi hab ich’s erzählt.«
Elaine zog mich am Arm und baute sich vor mir auf. Ein paar Sekunden sagte sie nichts, aber als sie dann doch den Mund aufmachte, sprach sie ganz langsam. »Mo, gib ihm nicht noch mal eine Chance. Wenn meine Mum einen Freund hätte, der die Hand gegen mich hebt, würde mein Dad was richtig Schweres und Scharfes aus seiner Werkzeugkiste raussuchen, das kannst du mir glauben.«
Ich schüttelte Elaines Hand ab. »Schön, dass du einen Daddy hast, der dir hilft«, sagte ich. »Meiner ist nicht da. Und kein Mensch weiß, wo der Versager steckt!«
Ich ging weiter. Jetzt schneller. Ich musste die Tränen zurückkämpfen, die mir in den Augen brannten.
Mein Dad dies und mein Dad das! Halt die Fresse mit deinem Dad. Sei froh, dass du überhaupt einen hast!
Ich schaute über meine Schulter. Ich wollte, dass sie zu mir gerannt kam. Dass sie mich einholte und mich noch mal ganz lange in den Arm nahm. Aber sie tat es nicht. Elaine stand immer noch genau da, wo ich sie stehen gelassen hatte. Das fühlte sich schrecklich an. War ja nicht ihre Schuld, dass mein Dad sich verpisst hatte.
»Kommst du zum Essen mit zu mir?«, rief sie. »Gran macht Fisch.«
»Fisch?«, schrie ich zurück. »Elaine, du weißt, dass ich Fisch nicht ausstehen kann. Schon bei dem Geruch dreht sich mir der Magen um.« Ich erinnerte mich an das letzte Mal, als ich mit Naomi in einem Fish-and-Chips-Laden war – anschließend hatte ich alle Abstufungen von Beige über das Schaufenster des Zeitungsladens nebenan gekotzt. »Außerdem hat Mum mir Nachrichten geschickt, die will wissen, wo ich bin.«
»Warte.«
Als Elaine zu mir kam, spürte ich eine Träne im linken Auge. Ich wollte sie nicht wegwischen, das hätte sie gleich gesehen. Dann umarmte sie mich endlich und ich schlang meine Arme um ihren Hals und ließ sie da liegen. Ich roch das Kokosöl in ihren Haaren, und das war in diesem Moment das Tröstlichste auf der ganzen Welt. »Dasselbe wie gestern«, flüsterte sie. »Wenn er dich auch nur schief ansieht, kommst du ganz schnell zu mir. Versprochen?«
»Versprochen.«
»Komm wenigstens noch bis zur Tür mit zu mir«, beharrte Elaine.
7
DRUCKABFALL
ICH GING MIT ELAINE BIS ZU IHREM BLOCK, und wieder drängte sie mich, doch wenigstens noch auf ein Sandwich mit hochzukommen. Ich lehnte ab. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Ich ging in den Park. Drei Brüder hingen auf dem Klettergerüst rum und teilten sich einen Joint. Junge Familien genossen die frühe Abendsonne. Mütter schubsten Kinder auf den Schaukeln an. Väter spielten Ball mit ihren Söhnen. Ich beneidete sie. Vielleicht konnte ich mich ja bereit erklären, Lloyds Sohn Jason zu treffen – war ja nicht seine Schuld, dass sein Vater im Knast gewesen war. Es mochte nicht die stinknormale Familie sein, von der ich immer geträumt hatte, aber eine bessere würde ich nicht bekommen. Immerhin lebten wir in South Crong. Mum stand schwer auf Lloyd und ich konnte einen Scheiß dran ändern. Ich musste ihn ja nicht mögen – einfach nur seiner XXL-Gestalt aus dem Weg gehen. Guten Morgen, guten Tag, wie lief dein letztes Vorstellungsgespräch, dann ab in mein Zimmer. Aber wenn er noch mal die Hand gegen mich erhob, würde ich noch was viel Übleres machen, als ihn bei den Bullen anzuzeigen. Das schwor ich mir.
Als ich mich auf den Weg zu meinem Block machte, war ich bereit, Lloyd eine letzte Chance zu geben.
Ich schob den Schlüssel ins Schloss. Schaute noch mal aufs Handy – kurz nach sechs. Ich ging durch den Flur. Der Boden war vollkommen staubfrei. Mum musste ihren Arsch gehoben und Putzfee gespielt haben. Das Radio war aus, also vermutete ich, dass sie arbeiten war. Aber dann roch ich Tabak aus der Küche und ging hin. Lloyd und Mum saßen am Tisch, hielten sich die Hände. Lippenspuren an zwei Kaffeebechern. Kekskrümel auf einer Untertasse. Die Ringe um Mums Augen waren zwei Töne dunkler als der Rest ihres Gesichts. Der Aschenbecher war voll. Vier ungeöffnete Bierdosen direkt daneben. Beide sahen mich an, als hätte ich ihnen auf ihre Valentinskarten gekackt.
»Hat sich Cristiano Ronaldo den großen Zeh gebrochen?«, fragte ich.
Lloyd schüttelte den Kopf. Mum strich ihm über den Unterarm, als wollte sie ein totes Eichhörnchen wiederbeleben. Sie brauchte eine Weile, bis sie mich ansah. Ihr Blick verhärtete sich wie der eines verunglückten Hypnotiseurs.
»Warum?«, fragte sie.
»Warum was?«, erwiderte ich.
Sie stand auf. Ein-aus, ein-aus atmete sie, ihre Adern pochten, ihre Lippen bebten, sie wartete auf den richtigen Moment, um ihre Schimpfattacke zu starten. Dann ging es mir auf, mit Wucht, als wäre mir das höchste Hochhaus von Crong auf den Kopf gefallen – die Bullen hatten sich gemeldet. Vor dem großen Ausbruch knetete sie Lloyds Schulter mit der Hand. Ein-aus, ein-aus. Ihre Adern tanzten wie in ihrem Hals gefangene Würmer. Lloyd starrte unter sich, strengte sich an, den Mund zu halten – Mum musste ihm das Versprechen abgenommen haben, zu schweigen. Gute Entscheidung.
»Darf ich nicht auch mal ein bisschen glücklich sein?«, schrie Mum. »Hab ich das nach all den Jahren nicht verdient? Ich hab mich weiß Gott mit genug Abschaum abgegeben und mich wie Scheiße behandeln lassen. Als du auf die Welt gekommen bist, hätte ich dich ins Heim stecken können, weißt du das? Mein Leben wäre so viel einfacher gewesen! Aber ich hab’s nicht gemacht. Ich hab dich behalten! Und das ist der Dank, verdammt noch mal?«
»Dein Freund hat mich aus dem Bett geprügelt, Mum! Was glaubst du wohl, was ich mache?«
Wütend starrte ich Lloyd an, forderte ihn mit Blicken heraus. Lieber bekriegte ich mich mit ihm als mit Mum. Er schaute weg und kaute auf seiner Lippe.
»Ich hab dir gesagt, dass es ihm leidtut!«, fauchte Mum. »Gestern hast du ihn provoziert. Du hast ihn getreten!«
»DAS IST KEINE AUSREDE!«, tobte ich. »Als er mich aus dem Bett katapultiert hat, hab ich ihn nicht getreten! Wie kannst du so was in deiner eigenen Wohnung zulassen? Du müsstest mich eigentlich beschützen.«
»Mo, es tut mir wirklich leid«, unterbrach Lloyd. »Aber als du mich gestern getreten hast, hab ich nicht zurückgeschlagen, oder?«
Ich hatte Elaines Stimme im Kopf. Sie wollte so was nicht tolerieren.
»Wenn’s dir so leidtut, dann schieb deinen Schwabbelarsch raus aus unserer Wohnung!«, tobte ich. »Ich lebe mit niemandem zusammen, der mich schlägt.«
»Hat dir Elaine das eingeredet?«, fragte Mum. »War sie das? Sag ihr, sie soll sich um ihren eigenen verdammten Scheiß kümmern. Ich hab immer schon gesagt, das Mädchen hat eine viel zu große Klappe – genau wie ihre Mum! Muss zu allem ihren Senf dazugeben, auch wenn’s keiner hören will. Sag ihr, sie soll ihre Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten stecken – und sich um ihren eigenen Typen kümmern, der was mit dieser Nutte in Crongton Green angefangen hat.«
»Elaine hat damit nichts zu tun. Und zieh bloß nicht ihre Familie da mit rein!«
»Warum bist du dann zur Polizei gegangen? Du weißt doch, wie die sind – die legen Leute rein, verprügeln sie – besonders solche, mit denen du dich gerne rumtreibst. Heute waren sie hier und haben Lloyd gesucht. Das hat ihm gerade noch gefehlt, verdammt! Jeden Tag ist er unterwegs und sucht Arbeit. Er will neu anfangen. Aber die Bullen haben ihm alle möglichen Fragen gestellt. Ich hab mir solche Sorgen gemacht, dass ich nicht zur Arbeit bin.«
»Das möchte ich wetten, dass du dir Sorgen gemacht hast. Wegen mir hast du dir nie solche Sorgen gemacht.«
»Hast du eine Ahnung, was ihm blühen kann? Hast du? Du weißt, dass er auf Bewährung draußen ist.«
»Nein, das weiß ich nicht, und mir ist scheißegal, was ihm blüht.«
»Das ist unnötig, Mo«, protestierte Lloyd und stand auf. »Ich bin der Mann deiner Mum und ich bleib’s auch. Wir können das alle zusammen hinkriegen, aber du machst es uns sehr schwer.«
»Du glaubst, das ist schwer? Du hast keine Ahnung. Und du wirst nicht noch mal deine fette Hand gegen mich erheben. Ich schwöre, wenn doch, dann blüht dir was viel Schlimmeres, als dass ich’s den Bullen stecke.«
»Wenn er wieder in den Knast muss, dann hast du das auf dem Gewissen«, wetterte Mum. »Denk nur an Jason. Der braucht seinen Dad. Hast du dir das mal überlegt, bevor du zur Polizei gerannt bist? Hast du? Du nimmst dem armen Jungen seinen Dad!«
»Mum, du kapierst es nicht, oder? Er hat mich geschlagen! Hast du daran mal gedacht? Läuten da keine Alarmglocken bei dir?«
»Und er hat sich dafür entschuldigt! Er hat mir geschworen, dass er’s nie wieder macht. Der Fall ist erledigt. Was willst du noch? Dass er um eine Audienz beim verfluchten Papst bittet und es dem auch noch verspricht?«
»Den Papst lügt er wahrscheinlich genauso an und klaut ihm seinen Wein«, feuerte ich zurück.
»Wenn Lloyd wieder ins Gefängnis muss, dann schwöre ich, das werde ich dir nie verzeihen. Niemals! Ich hab ein Recht, glücklich zu sein. Hast du nicht letztes Jahr noch zu mir gesagt, dass ich jemanden in meinem Leben brauche? ›Geh öfter mal aus, Mum.‹ Lern jemanden kennen, Mum. Genieß das Leben, Mum.‹ Hast du das gesagt?«
»Hab ich. Aber doch nicht mit dem!«
»Können wir das Ganze nicht einfach ein kleines bisschen runterfahren und …«, sagte Lloyd.
»Ich komm erst wieder runter, wenn du aus meiner Welt verschwunden und Geschichte geworden bist«, brüllte ich.
Mum kam auf mich zumarschiert, ihre Arme hingen an ihr herunter und ihr Gesicht war tränenüberströmt. Ich wich nicht aus. Sie packte mich an den Schultern und schüttelte mich. »Ich lass mir das nicht bieten, Mo. Du redest mit mir, als wär ich ein Stück Scheiße. ICH BIN VERDAMMT NOCH MAL DEINE MUTTER! ICH HAB DICH BEHALTEN, OBWOHL ICH DICH INS HEIM HÄTTE STECKEN KÖNNEN! Du kannst mir nicht vorschreiben, mit wem ich zusammen sein darf und mit wem nicht. Ich hab ein Recht, selbst zu entscheiden, wen ich in meinem Leben haben will!«
»Nimm die Finger weg von mir!«, schrie ich. »Finger weg!«
Mum liefen die Tränen immer weiter über die Wangen. Meine Ansage hatte tiefe Wunden gerissen. Gut! Sie schüttelte wild den Kopf, schloss die Augen. Holte blind aus und krallte mir ins Gesicht, kratzte mich bis hinter den Ohren. Das brannte wie ein Wespenstich. Ich versuchte, ihren Arm festzuhalten, aber sie machte auf Leopard, also ballte ich meine Finger zur Faust, holte aus und schlug zu.
Mum hatte sie nicht kommen sehen. Sie sackte zu Boden wie der Müllsack eines Bauarbeiters. Baduff! Ich starrte sie an, wie sie da ausgestreckt lag. Der Schmerz in meiner Hand schoss mir durch den Arm in die Schulter. Bevor ich was tun konnte, um den Schmerz zu lindern, war Lloyd schon mit geballten Fäusten hinter mir her. Er knurrte wie ein Kampfhund. Seine Augen waren zu Schlitzen verengt. Seine Wangen rot. O Gott, dieses Mal bin ich zu weit gegangen. Ich schluckte reine unverwässerte Angst. Scheiße! Der bringt mich um. Ich erstarrte.
Dann hörte ich jemanden an unsere Tür hämmern. Die Rettung! Ich konnte meine Beine wieder spüren und rannte in den Flur.
»Du verdammte Schlampe!«, wetterte Lloyd. »Ich geb mir Mühe, nett zu dir zu sein, aber du motzt bloß rum! Ich hab dir sogar angeboten, mal mit dir wegzugehen, aber du denkst nicht dran, beschimpfst mich auch noch. Dir werde ich dein Maul schon stopfen!«
Ich schrie so laut ich konnte, was Lloyd zu verunsichern schien. Jemand versuchte, unsere Wohnungstür einzutreten. Lloyd wich zurück, unsicher, was er tun sollte. Mum ging in den Flur. Blänngg, blänngg, blänngg! Lloyd und sie tauschten verzweifelte Blicke. Während sie noch zögerten, machte ich auf.
Sams Mum Lorna stand da und fuchtelte mit einem Brotmesser herum. Erleichterung! Was für ein abgefahrener Anblick. Sie trug ihre Busfahreruniform. Gebügelte graue Hose. Weiße Bluse. Grün-schwarz gestreifte Krawatte. Dienstmarke mit der Nummer 23182. Sie ging langsam, aber zielstrebig auf Lloyd zu. Ich hörte Mum nach Luft schnappen, sie blieb wie angewurzelt stehen. Lloyd wich zurück. Er hob die Hände, Handflächen nach vorne. Lorna trieb Lloyd bis vor Mums Schlafzimmertür. Gnadenlose Entschlossenheit im Blick. Ich hatte nie gesehen, dass jemand so lange nicht blinzelte. Ein Schweißfilm bedeckte mein Gesicht.
»Ich schwöre bei meinem letzten Atemzug, wenn du Mo je wieder was tust, ganz egal wann«, warnte Lorna mit einer Stimme aus reinem Granit, »dann sitze ich gerne die Strafe ab, die ich dafür kriege, dass ich dir die Organe aus deinem miesen Dreckskörper geschnitten hab!«
Mum hielt sich eine Hand vor den Mund. Die Klinge bebte in Lornas festem Griff. Funkelte im Licht der nackten Glühbirne. Lloyd erstarrte, er wirkte wie durch den gezackten Stahl hypnotisiert. Ich spürte, dass es von der geöffneten Tür her zog. Etwas Winziges kroch über den Boden.
»Das … das war bloß eine Meinungsverschiedenheit«, brachte Lloyd heraus.
»Hältst du mich für eine verfluchte Idiotin?«, erwiderte Lorna. »Soweit ich das mitbekommen hab, hast du versucht, sie umzubringen.«
»So war das nicht.«
»Mo!«, rief Lorna plötzlich. »Pack ein paar Sachen, du bleibst erst mal bei mir.«
Ich rannte in mein Zimmer, suchte meine Sporttasche und stopfte Klamotten rein. Auch mein Deo, meine Haarbürste und ein paar Kämme. Panisch suchte ich meinen Schulrucksack, bis ich merkte, dass ich ihn noch auf dem Rücken hatte. Ich ging zurück in den Flur. Lorna hielt Lloyd weiter mit dem Messer in Schach. Mum befand sich im Schockzustand, Tränen liefen ihr über die Wangen.
Ich raste ins Bad, nahm meine Seife und mein Shampoo. Dann kam ich wieder in den Flur. »Fertig«, sagte ich.
Lorna trat den Rückzug an.
Ich hatte was vergessen. Eilig flitzte ich noch mal in mein Zimmer, machte den Kleiderschrank auf und nahm mein Fotoalbum mit. Ich kann nicht glauben, dass ich das mache. Scheiße! Konnte ich Mum wirklich mit ihm alleine lassen? Vielleicht lässt er es an ihr aus. Ach was. Mach schnell. Hat sie sich selbst eingebrockt. Jetzt muss sie die Suppe auslöffeln.
Bevor ich ging, suchte ich noch Mums Blick, aber sie starrte leer an mir vorbei. Hielt die Arme verschränkt. Und rutschte mit dem Rücken an der Wand runter. Ich musste weg.
Ich nahm drei Stufen auf einmal. Fast wäre ich gestolpert. Sam stand vor der Tür. »Ich hab Geschrei gehört«, sagte er. »Mum wollte nicht, dass ich mit nach oben komme. Alles in Ordnung bei dir, Mo?«
»Nicht so richtig«, erwiderte ich.
Gar nichts war in Ordnung. Mein Kopf loderte. Halb fiel ich Sam in die Arme. Und ließ mein Fotoalbum dabei los. Sam hob es auf. Ich hörte, wie oben eine Tür zuknallte. Schritte auf dem Beton.
»Kannst sie behalten – die war uns sowieso bloß im Weg! Bleib bei deinem Freund, Mo. Sieh zu, wie du mit seiner irren Mutter klarkommst! Lass dich von denen durchfüttern! Sollen die doch deine Rechnungen bezahlen! Dir ein Dach über dem Kopf geben!«
Lorna und Sam halfen mir in die Wohnung. Meine rechte Hand schmerzte von dem Schlag, den ich damit abgeliefert hatte. Lorna atmete schwer. Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Die beiden stützten mich, führten mich in ihr Wohnzimmer. Auf Sky News lief ein Bericht über Flüchtlinge. Ein kleiner grüner Buddha saß auf dem Beistelltischchen. Ein Plakat von Nina Simone hing über dem Dreisitzersofa, auf das sie mich behutsam niederließen. Zärtlich packte Sam mir ein Kissen unter den Kopf. In einer Ecke stand ein Gummibaum, so groß, dass er beinahe die Decke geknutscht hätte. Ich musste an Jack and the Beanstalk denken. Als ich klein war, hatte Mum mir das Märchen immer vor dem Schlafengehen vorgelesen. Fee Fi Fo Fum! Traurigkeit durchflutete mich. Ich roch Räucherstäbchen.
»Alles in Ordnung mit Mum?«, brachte ich raus.
»Sie ist ein bisschen theatralisch drauf, aber sie wird’s überleben«, sagte Lorna. Jetzt entdeckte ich das brennende Räucherstäbchen auf dem Beistelltischchen.
Sam setzte sich neben mich und tippte mir auf die Schulter. »Du bist in Sicherheit hier«, sagte er.
»Leg den Riegel auch noch vor«, befahl Lorna.
Sam stand auf und zog seinen Schlüssel aus der Tasche. Lorna ließ sich in einen Sessel fallen. Sie stieß einen Monsterseufzer aus und starrte an die Decke. »Ganz schön dumm, so was zu machen. Der ist drei Mal so groß wie ich. Aber wir haben Schreie und Gebrüll gehört.«
»Eigentlich wollten wir die Bullen rufen«, sagte Sam.
»Die Polizei«, korrigierte Lorna ihn. »Aber dafür war gar nicht mehr genug Zeit. Es klang, als hätten die dich da oben umbringen wollen! Also hab ich mir einfach ein Messer geschnappt.«
Ich rieb meine rechte Hand und schloss die Augen. O Gott! Elaine wird stinksauer auf mich sein. Mit den Bullen wollte ich immer noch nicht reden, aber ich hätte mit ihr nach Hause gehen sollen.
»Das muss aufhören!«, beharrte Lorna. »Ich ruf jetzt die Polizei an.«
»NEEEIIIN!«, protestierte ich und wunderte mich selbst über meine Lautstärke. »Bitte nicht… ich geh da nicht wieder hin… nie mehr. Die haben sich gegenseitig verdient. Soll sie doch glücklich werden mit dem, wenn sie’s so haben will. Von mir aus soll sie verrotten.«
Sam und Lorna tauschten besorgte Blicke. Ich schloss erneut die Augen. In Gedanken konnte ich Mum sehen, wie sie nach mir ausholte. Sie sollte doch eigentlich auf meiner Seite sein! Wieso ist sie nicht auf meiner Seite?
»Warum hasst sie mich?«, platzte es aus mir heraus. »Wieso zieht sie ihn mir vor? Wenn sie mich nicht haben wollte, hätte sie abtreiben sollen. Wäre für alle besser gewesen. Sie wollte mich zusammenschlagen. Was hätte ich machen sollen? Die ist verdammt noch mal böse. BÖSE! Was hab ich verbrochen, um so eine Mum zu verdienen?«
Ich ballte meine Fäuste so fest ich konnte. Hörte meine Knöchel knacken. Meine rechte Hand fühlte sich heiß und wund an, alle möglichen Gefühle rauschten durch meine Brust. Mein ganzes Elend, lebenslanger Schmerz, das alles wirbelte mir durch den Kopf. Bis zum Anschlag war ich voll davon. Ich heulte nicht – ich schrie. Schrie, bis mir die Kehle wehtat. Bis meine Mundwinkel rissen. Und mir Rotz aus der Nase lief. Bis ich nur noch krächzen konnte. Ich wollte, dass sie mich hörten. Dass sie was von meinem Schmerz spürten. Bestimmt konnte man mich bis Crongton Heath hören.
Sam und Lorna taten ihr Bestes, aber ich wollte nicht angefasst werden. Ich schaukelte vor und zurück, die Arme an den Bauch gepresst. Als meine Stimmbänder um Gnade flehten, hörte ich auf. Wischte mir über die Augen. Versuchte mich zu konzentrieren. O Gott! Ich war erschöpft. Was habe ich bloß getan?
8
DER ZERBROCHENE SPIEGEL
LORNA SETZTE SICH NEBEN MICH. Sie tupfte mir die Tränen von den Wangen. Sie nahm ein Taschentuch und putzte mir die Nase. Untersuchte meine rechte Hand. Versuchte zu lächeln. »Oje, Mo«, sagte sie. »Die Hand lässt du besser mal untersuchen. Die ist sehr geschwollen. Sam bringt dich ins Krankenhaus.«
Sam nickte. Sie umarmte mich und gab mir ein Küsschen auf die Stirn.
»Ich bin auch nicht perfekt«, sagte ich. »Aber eine Mum wie die hab ich nicht verdient.«
Ich fixierte Sam. »Du hast echt Glück«, sagte ich. »Du hast eine Mum, die alles für dich tut… ich bin meiner Mum längst scheißegal.«
»Das ist nicht wahr«, behauptete Lorna.
»Doch!«, beharrte ich.
Ich hörte Lorna tief einatmen. Sie legte mir die Hände an die Wangen und fixierte meinen Blick, bis es mir unangenehm wurde. »Hör mir mal gut zu, Mo«, fing sie an. »Deine Mum ist nicht böse… sie ist zerbrochen.«
»Zerbrochen?«, wiederholte ich.
»Wenn man so ein traumatisches Leben hatte wie sie, kann man daran zerbrechen. Dann bricht die gläserne Fassade deiner Seele.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was du meinst, Lorna.«
»Hör mir gut zu, Mo. Wenn du zerbrochen und kaputt bist, bist du nicht mehr in der Lage, das Böse um dich herum abzuwenden – kannst es nicht mehr von dir stoßen, also hält es Einzug in dein Leben und du verlierst den Verstand. Dann dauert es nicht lange, bis man das Schlechte für was Gutes hält. Und Leid für Liebe.«
Bevor sie aufstand, strich sie mir über die Stirn und die Haare. Von ihr hatte Sam seine liebevolle Seite. Sie lächelte. »Ich muss zur Arbeit«, sagte sie. »Lass dich von dem Bösen nicht kaputt machen. Pass auf den Spiegel deiner Seele auf.«
»Woran ist Mum denn zerbrochen und was hat sie kaputt gemacht?«, wollte ich wissen.
Lorna hielt inne. Sie schaute Sam an und dann wieder mich. »Eines Tages, Maureen, wird sie’s dir erzählen, das hoffe ich.«
»Kannst du’s mir nicht erzählen?«
»Nein. Das muss sie selbst machen«, erwiderte Lorna.
»Aber …«
Noch bevor ich den Satz beenden konnte, war Lorna schon weg. Was sollte Mum mir sagen? Ein stechender Schmerz hielt mich davon ab, mir eine Antwort zu überlegen. Ich driftete in den Raum zwischen Schmerz, Halbschlaf und Schlaf.
»Ich ruf ein Taxi«, sagte Sam, stubste mich sachte an. »Mum ist arbeiten gegangen.«
»Danke«, sagte ich.
Er schaute mich an und berührte mich sanft mit dem Finger an der Wange, fuhr mir damit bis zum Mundwinkel. Das hatte er immer gemacht, bevor er mich geküsst hatte. »Wird schon wieder, Mo«, sagte er. »Du berappelst dich wieder – egal was passiert.«
Ich wollte nicht ins Krankenhaus. Ich wollte nur, dass Sam sich um mich kümmerte. Dass er meine Hand versorgte. In seinen Armen würde ich mich erholen.
»Fühlt sich schon richtig gut an«, log ich. »Vielleicht kann ich einfach kaltes Wasser drüberlaufen lassen?«
»Versuch’s gar nicht erst«, sagte er. »Als du eine Faust machen wolltest, hast du das Gesicht verzogen, wie ein Opfer aus Game of Thrones.«
Er hatte nicht unrecht. Ich widersprach nicht mehr.
»Heute hab ich das Poster für den Black History Month fertig gemacht«, sagte er. »Vielen Dank für deine Hilfe – dass du mir das ganze Material über Jackie Robinson und Muhammad Ali rausgesucht hast.«
»Wir … wir haben immer super als Team zusammengearbeitet«, sagte ich. »Du hast mir mit dem ganzen Kram über den Ersten Weltkrieg geholfen.«
Er schaute weg. »Ja«, stimmte er mir zu. »Das hab ich vermisst.«
»Ich auch«, setzte ich hastig dazu.
»Ich ruf jetzt das Taxi«, sagte er. »Jemand muss sich deine Hand ansehen.«
Er stand auf und telefonierte. Als wir auf den Wagen warteten, fiel mir auf, dass er die Hände aneinanderpresste und sich am Hinterkopf kratzte. Ich kicherte, weil er so verlegen und nervös war.
»Hör auf dich zu stressen«, sagte ich. »Ich werd nicht verlangen, dass du mich zum Taxi trägst.«
»Nein, das ist es nicht.« Er grinste. »Aber das nächste Mal bist du mit Frühstückmachen dran, und mit deiner kaputten Hand wirst du keine Klöße kneten oder Spiegeleier wenden können. Du weißt, dass ich ein gutes Frühstück liebe.«
Ich nahm ein Kissen mit meiner unverletzten Hand und schlug damit auf ihn ein. »Du dreister Arsch!«
»Weißt du eigentlich, wie oft du mich schon mit Kissen und anderen Sachen gehauen hast? Eigentlich müsste ich dich bei den Bullen anzeigen.«
Ich schlug ihn erneut und jagte ihn ums Sofa. Schließlich versteckte er sich hinter einem Sessel. Meine Hand wummerte wie eine verdammte Boom Box.
»Mundwerk wie ein Bierkutscher, Temperament wie eine Todesfee«, zog mich Sam auf. »Mo will mir eine reinhauen wie der Sohn von Apollo Creed in Rocky Dreiundzwanzig!«
»Wenn du das noch mal sagst, fängst du einen Kung-Fu-Tritt in die Eier!«
»Wieso wollen Frauen Männern eigentlich immer in die Eier treten?« Sam schüttelte den Kopf.
Ich musste lachen, konnte nicht anders.
Ein paar Minuten bevor das Taxi eintraf, war es wieder wie im Sommer. Wir machten Witze, lachten, zogen uns gegenseitig auf. Die SMS des Taxiunternehmens setzte meiner Glücksüberlastung ein Ende. Sam half mir in das Taxi. Ich fluchte wegen der Geschwindigkeitsschwellen in unserer Siedlung, weil meine Hand durch das Geholper noch mehr wehtat.
In der Notaufnahme wurden wir von zwei Betrunkenen begrüßt. Einer hatte eine blutende Hand. Der andere hatte sich den Kopf angeschlagen. Ein Bruder ungefähr in meinem Alter saß in einer Ecke und presste sich eine halbe Klorolle an seine Schulterverletzung. Seine Finger waren voller Blut.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir auf den Arzt würden warten müssen. Ich schmiegte mich an Sam. Er strich mir über die Haare, so wie Lorna es gemacht hatte, und es fühlte sich gut an. Als mein Name aufgerufen wurde, war ich echt enttäuscht – ich wollte bei Sam bleiben. Wollte ihn atmen hören, spüren, wie sich seine Brust hob und senkte. Verdammtes Fotoalbum! Ich war voll verknallt.
Pulsuz fraqment bitdi.