Kitabı oxu: «Der Trockene Tod»
D e r
Trockene Tod
E i n e E r z ä h l u n g
a u s d e n
C h r o n i k e n d e s W i d e r n a t ü r l i c h e n

v o n
A l e x a n d e r K o t h e
Die Welt war voller Wunder.
Die Sonne, der Mond, die Sterne,
der Tag und die Nacht.
Feuer und Regen,
reiche Ernten, Dürren und Hungersnöte.
Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen,
leuchtende Meere, sprudelnde Geysire und die Lichter des Nordens.
Neues Leben, Seuchen, Heilung und Tod.
Unerklärlich, übernatürlich, göttlich.
Deshalb glaubten die Menschen.
Geschichten drangen in Ohren,
veränderten sich,
wurden zu Legenden.
Und jede Legende enthält einen Funken Wahrheit.
P r o l o g
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1 3 t e r T a g i m 1 t e n M o n a t
d e r Z e i t d e r S t ü r m e
G e g e n A b e n d
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N e d d i e n

Die letzten Strahlen einer roten Sonne verschwanden gerade hinter dem Horizont, als Andrienna unter dem Eichenbaum auf einem kleinen grasbewachsenen Hügel saß und ihren Gedanken nachhing. Den Großteil des Tages hatte es geregnet, doch der Abend war wunderbar lau und friedlich. Sie kam oft hierher, wenn sie allein sein wollte, um über Vergangenes und Zukünftiges nachzudenken.
Wie herrlich, dass es diesen Platz gibt. Weiches Gras und dann auch noch ein Baum.
Ein kostbares Stück Natur, das seit dem Ende der ‘Alten Zeit’ nur noch selten zu finden war.
Ein seltenes Stück Glück.
Andrienna schloss die Augen und stellte sich vor, wie es früher einmal gewesen sein mochte, in der ‘Alten Zeit’ mit ihren riesigen Wäldern, weiten Grasebenen, duftenden Blumen und blühenden Sträuchern. Aber auch mit ihrem Fortschritt, der Technik und unvorstellbarem Wissen. Nun war vieles vergessen, aber mindestens genauso viel festgehalten in Büchern, die in riesigen Bibliotheken darauf warteten, wiederentdeckt zu werden.
Wie es wohl war, über eine weite grüne Wiese mit Hunderten bunten Blumen in allen erdenklichen Farben zu laufen? Oder einen Computer zu bedienen? Oder in einem Flugzeug über den Wolken zu schweben?
Das Klingeln kleiner Glöckchen durchbrach die Stille des Abends. Andrienna öffnete ihre Augen und sah Vacho, den Ziegenhirten, wie er gemächlich mit seiner kleinen Herde Richtung Heimat trabte.
Jede Ziege, ein Glöckchen. Wie er das nur den ganzen Tag aushält?, dachte Andrienna und verzog ihre Lippen unbewusst zu einem kleinen Lächeln. Sie winkte ihm zu und wünschte einen ruhigen Feierabend.
Das Hüten der Ziegen: wie es wohl damals in der ‘Alten Zeit’ gewesen sein muss?
In der Schule hatte sie gelernt, dass es in der ‘Alten Zeit’ riesige Wanderschafherden gab, die von Ort zu Ort zogen und weite saftige Wiesen abgrasten. Es gab genug Futter für alle möglichen Tiere. Doch als die Natur starb und es fast kein Gras und nur noch wenige Pflanzen zu fressen gab, mussten alle Lebewesen ums Überleben kämpfen. Und Ziegen waren eine der wenigen Säugetierarten, die diesen Kampf gewonnen hatten und nicht ausgestorben waren. Heute gehörten sie zu den wenigen Nutztieren, die die Menschen noch halten konnten. Sie lieferten frische Milch und bei Bedarf auch ihr eigenes Fleisch.
Ein letzter Blick auf die vorbeiziehende kleine Herde und Andrienna versank wieder in ihren Gedanken an eine alte verlorene Welt. Sie merkte nicht, wie die Glöckchen immer leiser wurden und die Stille des Abends wieder die Oberhand gewann.
Plötzlich springt sie erschrocken auf. Ihr Atem geht schnell, ihre Hand liegt unbewusst schützend auf ihrem Brustbein. Die Augen sind weit aufgerissen. Ihre Gedanken zerplatzen wie Detonationen. Sie ist hellwach, konzentriert. Ihr Blick ist fixiert auf den Weg, den Vacho eben noch gegangen ist.
Was für ein unmenschlicher Schrei.
Ohne nachzudenken fängt sie an zu laufen, schnell, voller Angst. Sie springt halb den kleinen Hügel hinunter und läuft, unten am Weg angekommen, noch schneller.
Vacho!
Ihr Geist lässt keinen klaren Gedanken zu. In ihrem Kopf überschlägt sich das Chaos, vermischt mit der Erwartung des Schreckens.
Auf einmal vernimmt sie das leise Klingeln der Glöckchen. Sie rennt. Das Klingeln wird lauter und lauter und erfüllt ihren ganzen Geist.
Noch ein paar Meter … Halt!
Sie stoppt inmitten der Ziegen. Nach Luft ringend steht sie vor dem heruntergekommenen Stall direkt neben dem kleinen Bauernhaus, wo Vacho zusammen mit seinen Ziegen …
… lebte.
Sie ist starr vor Angst. Das Grauen ist so erdrückend, dass es sie lähmt. Einige Sekunden der Leere in ihrem Geist fühlen sich wie Minuten an. Sie hört nur das unaufhörliche Klingeln der kleinen Glöckchen, in ihren Ohren laut wie Donnerschläge.
Eine heiße Woge durchfährt ihren Körper und plötzlich ist sie wieder ganz klar. Am ganzen Körper zitternd, macht sie einen Schritt auf den Leichnam zu. Sie ist angespannt wie ein kriänischer Langbogen. Sie möchte, aber kann den Blick nicht von Vachos Überresten abwenden. Er liegt auf dem schlammigen Boden inmitten der Ziegen. In seinen weit aufgerissenen Augen sieht sie noch die Angst und den Schrecken vor dem unvermeidbaren Schicksal. Sie scheinen noch lebendig, doch sind sie nicht mehr als das Spiegelbild des Todes. Doch was unterhalb des Kopfes folgt, ist noch weitaus schlimmer. Der gesamte Torso wurde vom Rumpf bis zum Halsansatz in zwei Hälften gerissen, in deren Mitte jetzt ein matschiger Haufen aus übel riechenden Eingeweiden und Gedärmen liegt. Die Beine liegen seltsam verkrümmt, als wenn jeder einzelne Knochen zertrümmert worden wäre. Die Arme sind weit abgespreizt vom Körper, wie kurz vor einer innigen Umarmung eines geliebten Menschen.
Ihr Kopf dreht sich hektisch in alle Richtungen. Nach rechts. Nach links. Mit einem blitzschnellen Ruck dreht sie sich um. Doch einen Angreifer, den Mörder, kann sie nirgends ausmachen.
Einige Herzschläge lang lauscht sie konzentriert in die Dunkelheit hinein, aber außer dem unaufhörlichen Klingeln der Glöckchen und den natürlichen Geräuschen der Nacht ist dort nichts.
Ganz vorsichtig schreitet Andrienna um Vacho herum. An seinem Kopf angekommen kniet sie sich hin, legt seinen Kopf vorsichtig in ihren Schoß und streichelt, wie in einem lethargischen Traum, sanft seine blutverschmierten Haare. Sie schließt die Augen und atmet ruhig und lange aus.
Wer hat dir das nur angetan?
Einige Augenblicke später öffnet sie ihre Augen und betrachtet die nahe Umgebung. Vachos Blut ist so weit gespritzt, dass die Ziegen um ihn herum voll sind mit dem roten, zähen Nass. Tränen befeuchten ihre Augen und sie kann nicht anders als lauthals ihren ganzen Schmerz in die Welt hinaus zu schreien.
Plötzlich zuckt der Kopf in ihren Händen. Mit einem Entsetzensschrei springt Andrienna auf, taumelt rückwärts, fort von dem Untoten. Voller Angst sieht sie, wie sich Vachos tote Augenlider öffnen und schließen. Der Mund bewegt sich krampfhaft und versucht Laute von sich zu geben. Die zerrissenen Körperhälften zittern und Vachos linker Arm scheint nach etwas greifen zu wollen. Panik, blanke Todesfurcht leiten sie. Andrienna versucht zu fliehen, doch ihre Beine stoßen hart gegen den Körper einer Ziege. Sie verliert das Gleichgewicht, stolpert, rutscht auf dem vom Regen durchtränkten Boden aus und fällt direkt auf den zappelnden Leichnam zu. Ihr Kopf landet nur wenig Zentimeter neben Vachos untotem Schädel.
Vollkommen bewegungslos liegt sie im Matsch. Stille umgibt sie. Nur das Klingeln der kleinen Ziegenglöckchen dringt an ihre Ohren. Doch auch das verschwimmt in weiter Ferne, als Vachos Mund sich öffnet. Sie schließt die Augen und hofft auf ein schnelles Ende.
Röchelnde, nicht verständliche unmenschliche Laute dringen an ihr Ohr. Sie zittert vor Angst. Die Sekunden verstreichen. Die Welt steht still.
Langsam und mühevoll dreht sich Vachos toter Kopf zu ihrem. Der Mund öffnet sich mit den kaum verständlichen Worten:
“Eeees … wa w war … e ei e eiine … Frfr a au … .”
Ein letztes Zucken durchfährt Vachos geschändeten Körper. Dann wird es still. Die Zeit vergeht …
Andrienna liegt im Matsch des vom Regen aufgeweichten Bodens. Starr. Immer noch traut sie sich nicht, sich zu bewegen. Die Ziegen laufen um sie herum, so, als wenn es ein ganz normaler Abend wäre, der die Nacht willkommen heißt. Sie weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, aber irgendwann ist sie bereit. Andrienna drückt ihre Handballen tief in den matschigen Boden, drückt mit aller Kraft ihren gelähmten Körper nach oben und richtet sich langsam auf. Sie atmet schwer. Nur mühsam schafft sie es, ein paar Schritte rückwärts zu taumeln, den Blick stets auf den am Boden liegenden Vacho gerichtet. Meter um Meter wächst der Abstand zwischen ihr und dem Grauen.
Dann, wie auf einen für menschliche Ohren nicht wahrnehmbaren Befehl hin, stürzen sich die Ziegen gleich einer Meute hungriger Bestien im Blutrausch auf Vachos Überreste und zerfetzen unter den kreischenden Schmerzensschreien des Untoten, was noch von ihm übrig ist. Ihre Zähne reißen Haut, Fleisch und Muskeln von den Knochen. Der Wahnsinn bricht aus.
Ein Krächzen durchstößt die albtraumhafte, irrationale Szenerie und reißt Andrienna kurz in die Wirklichkeit zurück. Sie richtet ihren Blick nach oben und sieht in dem pechschwarzen Himmel einen großen tiefschwarzen Raben kreisen, dessen Laute wie höhnisches Lachen in ihren Ohren klingen.
Andrienna blickt ein letztes Mal zurück zu Vacho. Eine Träne rollt ihre Wange hinab. Sie schließt die Augen. Dann ist nichts mehr.
Sieben Jahre später …
Tag 1

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d e r Z e i t d e r B l ü t e
F r ü h e r M i t t a g
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I s t e n d a h / M a r k t v i e r t e l

Es war ein warmer, aber regnerischer Tag. Nichts Ungewöhnliches für die beginnende ‘Zeit der Blüte’. Luhni Mahjos saß in einem der zahlreichen Gasthäuser des Marktviertels Istendahs, trank braunen Kertush mit Ziegenmilch und viel Zucker und blickte gebannt durch eines der trüben Fenster nach draußen. Er war erst vor wenigen Stunden in der ‘Stadt der Weisen’, wie Istendah stets von seinem Vater genannt wurde, angekommen. Gereist war er mit einem der modernen Schiffe, die weder Wind noch elektrische Energie benötigten, sondern rein mit Wasserdruck angetrieben wurden.
Eine faszinierende neue Technik, dachte er.
Lu liebte die Ferne, das Abenteuer, aber hasste das Reisen, zumindest die gewöhnliche Art zu Pferd. Genauer gesagt mochte vor allem sein Hintern das Reiten so gar nicht und machte dies durch starke, anhaltende Schmerzen sehr deutlich. Deshalb reiste Lu meist modern mit einem motorisierten Reisemobil oder dem Schiff, wobei Letzteres der schnellere Weg von Talberg nach Istendah gewesen war, weshalb er sich dafür entschieden hatte.
Noch etwas erschöpft von den Strapazen der Reise, versuchte Lu durch das schmutzige Fensterglas etwas von dem Leben dort draußen zu erhaschen. Aber der Regen ergoss sich so stark, dass er nichts als vage Umrisse erkennen konnte. Doch was er nicht sehen konnte, das fügte seine Fantasie hinzu.
Was ist das da hinten? Ein Gift-Erjon? … Nein, das kann nicht sein, denn diese Art widernatürlicher Wesen, die eindeutig zu den gefährlichen zählte, gab es nur im hohen Norden Danariens und nicht im Herzen Sdotriens.
Oder dort. Ein ‘Dämonischer Ozúhl’?
Kaum sichtbar. Nur den Bruchteil einer Sekunde wahrnehmbar.
Nein.
Es war alles nur seiner Fantasie entsprungen und sonst nichts. Das hoffte er zumindest.
Was für ein Blödsinn, dachte er. Oh ja, er wusste, dass es mehr gab auf dieser Welt als das, was die meisten Menschen sehen konnten - oder wollten. Aber das bedeutete nicht, dass er in jedem Schatten ein widernatürliches Wesen, in jedem eisigen Windhauch einen fliegenden Gorgundol sehen musste. Nein, das war nun wirklich übertrieben und nicht nur das: Es war gefährlich. Verlor er den klaren Blick für das Widernatürliche, das Wahre und Wesentliche und ließ es zu, dass seine Fantasie die Führung übernahm, so würde er nicht mehr lange unter den Lebenden weilen, versagte sein Geist in einer wirklich gefährlichen Situation.
Luhni Mahjos trank einen Schluck seines schon halb erkalteten Kertushs - so mochte er ihn am liebsten -, setzte die Keramik-Tasse ab und starrte auf die sanften Wellen der dunkelbraunen Flüssigkeit. Die seicht wogenden Bewegungen wirkten beruhigend und erinnerten Lu an seine Reise über das Westmeer. Für einen kurzen Moment verlor er sich in Gedanken und träumte von einem tiefen, braun-leuchtenden Ozean, in dem die ganze Welt versank.
Er lächelte.
Wie war das doch gleich mit der Fantasie?
Sein Blick glitt zurück in die Wirklichkeit und damit auf das ihm gegenüberliegende stumpfe Fenster.
Nun ja, die Welt versinkt zwar, aber nicht in braunem Kertush, sondern im Regen.
Je länger er nach draußen in die unwirkliche Welt blickte, desto mehr ergriff ihn ein Gefühl der Unruhe. Das sich in den Millionen und Abermillionen Regentropfen brechende Licht gaukelte ihm unheimliche Bewegungen vor, die die Tropfen zu etwas Lebendigem machten. Seltsame Gestalten entstanden und zerflossen, nur um sich zu noch bizarreren Konturen neu zu formieren, die sich stets, kurz bevor Lu sie wirklich fassen konnte, erneut auflösten.
Dennoch: Etwas ist dort draußen. Etwas Grausames. Etwas Widernatürliches. Etwas Tödliches. SIE. ES.
“Mehr Kertush?”
Die Stimme drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr, so leise, dass er die Frage der Oberin beinahe gar nicht wahrgenommen hätte. Dennoch riss sie ihn aus seinem Bann. Sein Blick ließ vom Fenster ab.
“Mehr Kertush, der Herr?”
Lu blickte in ein junges, freundliches Gesicht, dass ihn fragend ansah. Die Oberin begegnete ihm mit einem Schmunzeln, was ihn im Unklaren darüber ließ, ob sie ihn an- oder für einen Trottel hielt und auslachte.
“Könnt ihr mich verstehen?”
Lu lächelte entschuldigend und fand endgültig zurück ins Hier und Jetzt.
“Tut mir leid. Ja, ich spreche die ‘Sprache der Ostlande’.”
Die ‘Sprache der Ostlande’, die nicht nur in Istendah, sondern auf dem gesamten Ost-Kontinent gesprochen wurde, bestand aus einer Wort-Mischung zahlreicher vergangener Landessprachen aus der ‘Alten Zeit’, die sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer allgemeingültigen Ausdrucksweise zusammengefügt hatte.
“Eure erste Frage muss ich allerdings verneinen. Keinen Kertush mehr für mich. Vielen Dank. Wie viel Münzen kriegt ihr?”
Bevor die Oberin antworten konnte, schrie eine ältere, tiefe Männerstimme von weiter hinten im Gasthaus.
“Hey Emmarita, scha … sch … schaff dein w … ww … wunderhübschen Arsch hierher. De … dr Wein is leer!”
Die Oberin verdrehte die Augen, blickte Lu entschuldigend an und wandte sich um, um dem Schreihals seinen Wunsch zu erfüllen. Scheinbar handelte es sich um einen Stammgast, der es gewohnt war, stets sofort bedient zu werden. Und wie Lu an seiner matschigen Aussprache erkannt hatte, war es auch nicht der erste leere Krug Wein, vor dem er an diesem Tag saß.
Als die Oberin zurückkam, verlangte sie zwei dreieckige Builas für den Kertush. Lu beglich die Rechnung und fragte mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen:
“Bekommt der Kerl immer sofort, was er will?”
“Ach, das ist nur Benem. Er kommt jeden Tag, betrinkt sich und geht wieder. Er ist vielleicht ein bisschen grob, aber im Grunde genommen ein guter Kerl. Hat viel durchgemacht, bevor Istendah zu der Stadt wurde, die sie heute ist.”
Lu nickte, um ihr zu bedeuten, dass er verstanden hatte. Es waren harte Zeiten gewesen, bevor der ‘Große Umbruch’ Istendah zu einem besonderen Ort des Wissens, der Technik, der Kultur und auch der Gesellschaft gemacht hatte.
Istendah war speziell, anders, faszinierend, inspirierend. Die Bewohner der Stadt und ihrer Außenbezirke arbeiteten nicht für sich, nicht für Geld, sondern für die Stadt selbst. Jeder übte seinen Beruf aus und bekam dafür einen Anteil an dem Geschaffenen, sei es Essen, Trinken, Kleidung, ein Pferd, Hausrat oder sonstige Güter. Der Besuch öffentlicher Bäder, Ärzte und auch die Bewirtung in Gasthäusern kostete die Einheimischen nicht einen Sen’se. Fremde hingegen mussten für alles bezahlen.
Der Überschuss an den durch die Bewohner Istendahs geschaffenen Gütern wurde exportiert. Es entstand ein florierender Handel, durch den Istendah eine wohlhabende Stadt wurde. Und eben dieser Wohlstand wurde auch in Form von Geld an die Bevölkerung weitergegeben. Jeder Bürger bekam seinen Anteil, von dem er sich bei fremdländischen Händlern Waren kaufen konnte, die es in Istendah selbst nicht gab. Oder man gönnte sich Luxuswaren bei innerstädtischen Kaufleuten wie Schmuck, Waffen oder Alkohol, die auch von Einheimischen bezahlt werden mussten.
Der allgemeine Wohlstand zog viele Menschen und andere intelligente Lebewesen höheren Standes, Gelehrte und Intellektuelle an. Bibliotheken und Universitäten wurden errichtet, ganze Bücherbestände anderer Orte des Wissens, ganze Sammlungen technischer Geräte, Maschinen und Waffen der ‘Alten Zeit’ aufgekauft. Die Stadt wuchs und gedieh und wurde zum Zentrum des Wissens und des Fortschritts der ‘Neuen Zeit’.
Als die Oberin gegangen war, stand Lu auf, nahm seine kurze, schwarze Jacke aus Riesenwildschweinhaut, streifte sie über und trat hinaus in den strömenden Regen Istendahs.
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Luhni Mahjos wurde klitschnass.
Den ganzen Nachmittag war er durch die Straßen Istendhas gestreift, um sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen, die er bislang nur von Geschichten her kannte, die irgendwelche fahrenden Händler oder Kuriere im nächstbesten Wirtshaus preisgaben, gab man ihnen nur genug Wein oder Schwarzbier zu trinken. Aber was seine Augen heute erblickt hatten, hatte ihn vor Staunen den Atem anhalten lassen.
Dass Istendah eine prächtige Stadt war, hatte er erwartet. Aber dieses Maß an Kultur, Kunst, Architektur und Glanz hatte ihn in Ehrfurcht verweilen lassen. Dabei hatte er noch längst nicht alle Wunderwerke dieser Stadt erblickt.
Das Zentrum Istendahs bildete das fast kreisförmige Marktviertel, um das sich fast alle anderen Stadtviertel fächerförmig ausbreiteten. Im Norden lag das Hafenviertel, die Heimat der Fischer, darüber das sogenannte Geisterviertel, was einsam und verlassen dem Verfall preisgegeben worden war. Östlich des Hafenviertels schloss das Amtsviertel mit den Regierungsgebäuden an. Daneben lagen das Bildungsviertel und nach Süden hin das Industrie- und Handwerkerviertel. Geschlossen wurde der Kreis um das Zentrum Istendahs im Westen durch das Wohnviertel, in dem vor allem die einfachen Arbeiterfamilien ihr Heim hatten.
Im Norden und Westen wurde die Stadt vom Westmeer begrenzt, sodass sie sich nur nach Süden und vor allem Osten hin ausbreiten konnte, wo es im Bauernviertel riesige Gemüsefelder und zahlreiche Gänse-, Ziegen- und Pferdefarmen gab.
Lu war vom Marktviertel ausgehend stundenlang gewandert, vorbei an der berühmten Universität ‘De Robosann’, hin zum ‘Haus des Wissens’ und zur ‘Technischen Fakultät’, die allesamt im Bildungsviertel Istendahs lagen. Er hatte das ‘Museum der Alten Zeit’ und die bronzene, bestimmt über 4 Ellen große Statue von Martin Gansberg, dem Begründer des ‘Großen Umbruchs’, bestaunt, bevor er die im Marktviertel gelegene schwarze Eglesia Pazis, die größte Kirche Istendahs, derzeit dem Gott Hendrax gewidmet, umrundet hatte. Stets war er zügig vorangeschritten, bis ihn sein Weg auf die von Brücken überkreuzte Insula Shvasen geführt hatte, die inmitten des Flusses Sanzea lag, der die Stadt durchfloss. Hier stand er nun und betrachtete voller Staunen diesen Ort des Friedens und der Entschleunigung.
Lu schlenderte gemächlich über sauber angelegte weiße Kieswege, eingebettet in große grüne Grasflächen, die man heutzutage fast nirgendwo mehr fand, und versuchte, all die Ruhe, die dieser Ort fühlbar ausstrahlte, in sich aufzunehmen. Sogar der Himmel klärte sich. Die Wolken brachen auf, der Regen versiegte und warme Sonnenstrahlen wärmten sein Gesicht.
Eine seltene Atempause.
In all der wunderbaren Natur stand ein von großen Gärten umgebener hoher Turm, der Carob Toran, das höchste Gebäude Istendahs, erbaut auf den Überresten eines der ältesten je gefundenen Gebäude der ‘Alten Zeit’. Dieser prachtvolle Turm, dieses Wunder von Menschenhand erschaffen, war das Wahrzeichen der Stadt und der Sitz der Mantrikulu, von manchen als Zauberer oder Magier bezeichnet, von anderen als Wissenschaftler spezieller, teils seltsamer Dinge. Keiner wusste genau um die Arbeit der in sich zurückgezogen lebenden Mantrikulu. Durch ihre Erhebungen und Mithilfe, vor allem in der Erforschung und Entwicklung moderner Medizin, erfuhren sie aber sowohl innerhalb der einheimischen Bevölkerung als auch weit über die Tore der Stadt hinaus große Anerkennung. Nebenher fungierten sie ab und an als Berater des Stadthalters von Istendah, denn sie waren bekannt für ihr reiches Wissen, ihre Umsicht, Voraussicht und ihre Neutralität.
Vor allem der riesige Garten faszinierte Lu. So eine Vielfalt an Pflanzen hatte er noch nie zuvor gesehen, denn Pflanzen waren seit dem Ende der ‘Alten Zeit’ ein rares Gut. Er erinnerte sich an einen Text, den er erst kürzlich gelesen hatte und in dem die Entwicklung hin zur ‘Neuen Zeit’ beschrieben wurde.

Die Menschen zerstörten die Welt,
langsam aber unaufhaltsam.
Die Ausbeutung und Verschmutzung der Erde, das Übermaß an Industrien und Abgasen, die Zerstörung der Natur, wie das Abholzen riesiger Waldflächen - all das brachte den Untergang.
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Die Erwärmung der Erde schritt drastisch voran. Das ewige Eis der Pole schmolz und der Meeresspiegel stieg. Landmassen wurden überflutet oder aufgrund der dramatisch gestiegenen Temperaturen für die meisten Lebewesen unbewohnbar.
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Länder zerfielen in kleine autonome Staaten, Regierungen zerbrachen.
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Die Menschen flohen in die nördlichen Regionen, wo das Klima kühler und das Land weniger dicht besiedelt war. Aber die verbliebene Fläche konnte die Masse an Fliehenden nicht aufnehmen.
Ein blutiger Kampf um die knappen Ressourcen begann und endete in jahrhundertelanger Gewalt und Krieg, der viele Opfer forderte.
Biologische und chemische Waffen wurden entwickelt und eingesetzt.
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Die Hoch-Zeit der Genetiker begann.
Tiere, Pflanzen, aber auch Menschen wurden angepasst, verändert, zu Experimenten der Wissenschaft, in der Hoffnung, den neuen Umweltbedingungen standhalten zu können.
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Vergebens.
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Neue Krankheiten entstanden, mutierten und reduzierten das Leben erneut.
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Die Vergehen der Menschheit forderten nach Hunderten von Jahren schließlich ihren Preis:
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Die Natur starb.
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Zuerst verschwand ein Großteil aller Insekten, dann die meisten Pflanzen und Tiere.
Nur wenige Arten waren so robust und standhaft, dass sie überleben konnten.
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Es begann die ‘Zeit der Leere’.
Die Welt veränderte sich.
Säugetiere hatten jahrtausendelang die Erde beherrscht und wurden nun von Echsen abgelöst, die nach und nach die vorherrschende Spezies bildeten.
Überlebende Tierarten der ‘Alten Zeit’ entwickelten sich weiter.
Das Erscheinungsbild der Erde war fortan geprägt durch Steppen, staubige karge Landschaften, raue Felsen und Ruinen - die verbliebenen Reste einer einst hoch entwickelten Zivilisation.
Aber auch neue Pflanzen, vorwiegend verschiedene Arten von Büschen, Farnen, Sträuchern, Kräutern und Gräsern, schossen hervor - meist vereinzelt, selten auch gebündelt in Busch- oder Strauchwäldern. Bäume fand man nur noch selten, genau wie größere Grasflächen. Blumen waren für immer verloren.
Die Evolution brachte neue intelligente Spezies hervor, die fortan neben den Menschen existierten.
Aus dieser Zeit stammen die ersten Berichte über widernatürliche Wesen.
Woher sie kamen, kann bis heute nur vermutet werden. Vielleicht entstanden sie im Rahmen des natürlichen Entwicklungsprozesses der Welt. Womöglich sind die Wesen aber auch Überbleibsel genetischer Experimente, die in Folge des Zusammenbruchs der Zivilisation in die Freiheit entfliehen konnten, wo sie sich vermehrten und Teil der ‘Neuen Zeit’ wurden.
Eine dritte Theorie besagt, dass es die seltsamen Kreaturen schon immer gab, im Verborgenen, im Schatten, und sie nach dem Untergang der ‘Alten Zeit’ ihre Chance gekommen sahen, endlich auch im Licht zu wandeln.

Während Lu noch in Gedanken an vergangene Zeiten versunken dahin schlenderte, erreichte er unbewusst das nördliche Ende der Insula Shvasen und stoppte. Als er den Fluss Sanzea vor sich sah, drehte er reflexartig den Kopf und blickte mit schwerem Herzen zurück zu dieser grünen, friedlichen Oase. Aber er musste weiter. Der Tag näherte sich bereits dem Abend und er hatte noch nicht alle Teile Istendahs erkundet, die für heute auf seiner Liste standen. Die kurze Zeit der Ruhe war vorbei.
Zügig überquerte er die nächstgelegene der vier weißen Metall-Brücken, die die Insel mit dem Festland verbanden und betrat eine breite steinerne Straße, die parallel zum Fluss verlief.
Lu wandte sich nach Norden und ging raschen Schrittes los.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er das Hafenviertel der Stadt erreicht hatte. Kurz verschnaufend, lehnte er sich auf das Geländer der hohen steinernen Kaimauer und blickte hinab auf die Sanzea.
Zwar hatte es schon vor einiger Zeit aufgehört, doch lange genug geregnet, dass das Wasser des großen Flusses jetzt wild und unbeherrscht war. Es bewegte sich schnell, viel schneller als normalerweise. Das tiefe Blau wurde an vielen Stellen von weißen schäumenden Kronen unterbrochen, die einen bizarren Tanz auf den Wellen vollführten, der Lu in seinen Bann zog. Dicht unter der Wasseroberfläche meinte er, seltsame Bewegungen auszumachen, nur den Bruchteil eines Augenblicks, bis die reißende Strömung das Bild wieder verschwimmen ließ.
Doch bevor seine Fantasie wieder mit ihm durchgehen konnte, durchbrach ein lautes Krächzen den Bann und ließ ihn Aufschrecken. Er schaute nach oben und sah einen großen tiefschwarzen Raben, wie er von Dach zu Dach flog und wohl nach Beute Ausschau hielt. Und Beute gab es in einer Stadt wie Istendah zuhauf. Allein die Abfälle des großen Marktes am Gansberger Platz mussten ausreichen, um ganze Vogelschwärme sattzukriegen.
Lu blickte dem Raben nach, wie er auf dem Dach eines kleinen hölzernen Schuppens direkt am Uferkai landete, keine fünfzig Schritte von ihm entfernt.
Der Schuppen bestand, soweit es Lu von seiner Position aus sehen konnte, fast nur aus lose hängenden hölzernen Brettern, die von zu wenigen Nägeln mehr schlecht als recht zusammengehalten wurden. Vielleicht war es ein Lager der hier im Hafenviertel ansässigen Fischer, vielleicht auch etwas anderes. Lu war es egal.
Sein Blick wanderte zurück zum Dach und damit zu dem Raben, der in diesem Moment seine ungewöhnlich großen Schwingen ausbreitete und steil gen Himmel flog.
Lu beobachtete ihn noch einen kurzen Moment. In der Ferne vernahm er das Läuten der Glocken der Eglesia Pazis. Es war schon spät. Höchste Zeit, sich eine Unterkunft für die Nacht zu suchen.
Ein letzter Blick auf die Sanzea und Lu dreht sich herum. Er will gerade in Richtung der nahe gelegenen Hafenmeisterei gehen, wo er am Morgen sein Gepäck deponiert hat, da vernimmt er aufgeregte Schreie, die von Richtung des schäbigen hölzernen Schuppens an sein Ohr dringen - verzweifelte Schreie des Schreckens.
Lu reagiert blitzschnell. Er rennt entlang des Flusses auf den Ursprung der Schreie zu. Direkt hinter dem hölzernen Schuppen stoppt er abrupt und sieht einige Schnapper, segelfähige Echsen mit einer Flughaut zwischen Vorder- und Hinterbeinen, wütend aufsteigen, vertrieben von ihrer Beute durch einen Mann und eine Frau, die mit wild fuchtelnden Armen über einem leblosen Körper stehen.
Lu nähert sich langsam. Der Mann bemerkt ihn. Er stoppt und hebt beruhigend die Arme, um zu Signalisieren, das von ihm keine Gefahr ausgeht. Sein Blick schwankt zwischen den beiden aufgebrachten Menschen und der Leiche.
Ein toter Mann, der zwischen einem Stapel Metallkisten und der hölzernen Baracke fast versteckt liegt.
Die Frau wimmert, zittert vor Angst. Der Mann versucht sie zu beruhigen, fasst sie an der Schulter. Sie aber reißt sich los und rennt einige Schritte weit weg von dem Grauen, der Mann hinterher. Er packt sie sanft, aber bestimmt, bevor sie die Panik endgültig überwältigt und sie in seinen Armen zusammenbricht.
Jetzt!
Lu läuft zu der Leiche und geht in die Knie. Der Tote liegt inmitten seiner Gedärme auf dem Bauch, sodass Lu sein Gesicht nicht sehen kann. Er ist stämmig, nicht sehr groß, schon älter und eher ungepflegt. Obwohl kein Herzmuskel mehr schlägt, ist der Körper noch warm, wenn auch ungewöhnlich bleich, fast wie Elfenbein.
Noch nicht lange tot …
Lu blickt zu dem Mann hinüber, der die Frau noch immer in seinen Armen hält. Sie ist verstummt. Selbst aus der Entfernung kann er in ihre Augen sehen. Sie sind offen, aber leer. Noch immer ist in ihnen eine vage Ahnung des Schreckens zu erkennen, doch sie blicken längst nicht mehr in diese Welt, sondern versinken in dem endlosen schwarzen Abgrund, aus dem die traumatisierte Seele nur schwer zurückfinden wird.
Lu empfindet Mitleid. Er weiß, dass der Mörder heute nicht nur ein Leben für immer zerstört hat.
Auch Lus Körper zittert leicht.
Nein, das hier ist nicht seine erste Begegnung mit einer Leiche, nicht die erste Begegnung mit dem Tod, einem Opfer, einem Mörder, einem Monster. Und dennoch versucht die aufsteigende Panik in seinem Inneren die erzwungene Ruhe und Besonnenheit zu vertreiben, wie einen räudigen Hund, der einem das letzte Stück Fleisch vom Teller stehlen will.
Leichter Ekel überkommt ihn, doch er packt mit beiden Händen zu und dreht den Toten auf den Rücken - und kann einen Schrei nur mit Mühe unterdrücken.
Er kennt den Mann, lebendig, laut, betrunken.
Er blickt auf das ungewöhnlich bleiche Gesicht, in die leblosen Augen von Benem, dem ungehobelten Trinker aus dem Gasthaus von vorhin. Seine gesamte Bauchdecke wurde brutal und grausam aufgerissen.
Das war keine Klinge!
Der Leichnam gleicht der Beute eines Rudels von Borsten-Hyänen, die sich im Blutrausch auf ihr Opfer gestürzt und den ungeschützten weichen Bauch förmlich zerrissen haben.
Lu durchfährt ein eisiger Schauer, doch nach wenigen Augenblicken und einem leise, aber betont ausgesprochenen “Stop” kann er sich wieder fangen und fokussiert seinen Geist auf den toten Körper vor sich.
Irgendetwas stimmt nicht.
So schrecklich diese Wunde auch ist, nirgends ist ein einziger Tropfen Blut zu finden, weder auf dem Boden, noch an den Metallkisten oder dem Schuppen.
Entweder die Wunde wurde dem Toten an einem anderen Ort zugefügt und der Kadaver hier weggeworfen - eine Tatsache, die mehr als unwahrscheinlich ist - oder …
Lu hält einige Sekunden lang den Atem an.
… es gibt kein Blut mehr in dem leblosen Körper. Es wurde geraubt.
Der ‘Trockene Tod’.
Hektisch untersucht Lu die Leiche, tastet den langsam hart werdenden Körper ab. Er öffnet die Überreste des Hemdes über der Brust, schiebt Hosenbeine und Ärmel hoch, um möglichst viel nackte Haut sehen zu können.
Und dann findet er, wonach er gesucht hat: eine etwa handbreite Wunde am linken Unterarm. Die Haut ist aufgerissen, als hätte ein Raubtier seine Fänge in das zarte Fleisch geschlagen. Die Verletzung ist tief, bis zum Knochen und das rohe Fleisch ausgefranst.
Das typische Muster. Der Mörder, die Bestie, hat den Lebenssaft seines Opfers ausgesaugt und die leblose Hülle danach fallen lassen. Der Rest, das Ausweiden, ist nichts anderes als Ablenkung und die Freude am Abschlachten.
Ja, er wusste, dass Wesen wie Vampire nur eine Fantasie der ‘Alten Welt’ waren, vielleicht inspiriert von den damals lebenden Fledermäusen, die wirklich das Blut von Kühen oder Ziegen tranken. Aber Monster, die des Nachts Jagd auf Menschen machten und deren Blut tranken, um danach wieder in ihrer Gruft in einem Sarg zu verschwinden, um dem tödlichen Sonnenlicht zu entfliehen, das waren nur Schauergeschichten aus einer vergangenen Zeit.
Und doch kannte er den ‘Trockenen Tod’. Seit nunmehr zwölf Jahren - seit seiner Begegnung mit IHR - stieß er immer wieder auf ihn, in der realen Welt, aber auch in seinen Träumen.
Schnelle Schritte auf hartem Stein reißen Lu aus seinen Gedanken. Er blickt auf und sieht den Mann auf sich zukommen. Bevor dieser etwas von sich geben kann, sagt Lu mit fester, sicherer Stimme:
“Jemand muss die Stadtwache verständigen.”
Der Unbekannte stoppt abrupt, ohne zu antworten. Gebannt blickt er auf den Toten.
Lu legt seine Hand auf die Schulter des Mannes und spricht in ruhigem Ton.
“Hallo? Ihr? Die Stadtwache. Jemand muss die Stadtwache rufen.”
Der Mann wendet seinen Blick zu Lu. Er wirkt verstört, verzweifelt und doch wieder gefasster.
“Entschuldigt, mein Herr. Das ist nun schon der fünfte Tote innerhalb von zwei Wochen. Wann wird das endlich aufhören?”
“Der fünfte Tote?”
“Ja, mein Herr. Fünf Tote. Und alle wurden hier im Hafenviertel gefunden.”
Der Arm des Mannes streckt sich, weist auf den verstümmelten Körper. Er schluckt.
“Diesen hier hat meine Frau Irin entdeckt.”
Die gerade zurückgekehrte Fassung des Mannes wankt. Ihm steht die Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben. Tränen fließen seine Wangen hinab.
“Wie heißt du?”
Der Mann schaut Lu verblüfft an.
“Ich? Ich heiße Pierens, mein Herr. Ich fische gelegentlich an der Sanzea, aber …”
“Wie geht es deiner Frau?”
“Ich … ich weiß es nicht, sie ist … Es ist einfach alles so schrecklich.”
“Am besten ihr geht jetzt nach Hause.”
“Ja, mein Herr, das wird das Beste sein.”
“Aber verständigt bitte unterwegs die Stadtwache. Sie soll sich um den Toten kümmern.”
Der Mann, Pierens, dreht sich ohne Abschied herum. Schnellen Schrittes geht er zu seiner Frau, nicht ohne noch einmal zu Lu und dem Toten zurückzublicken.
“Ich werde so lange hier wachen, bis die Stadtwache kommt”, ruft Lu den beiden hinterher.
Pierens antwortet nur mit einem knappen Kopfnicken. Als er bei Irin ankommt, legt er seinen Arm um sie. Gemeinsam verschwinden sie in einer kleinen dunklen Gasse.
Lu steht noch einige Minuten neben dem Toten.
Bist du es wirklich? Das abscheuliche Monster. Die grausame, todbringende, widernatürliche Kreatur. Bist du für die Morde verantwortlich?
Lijerah!
Diesen Namen - IHREN Namen - würde Lu niemals vergessen.
Ich war dir immer auf den Fersen. Seit ich dir als Junge begegnet bin, träume ich von dir. Seit zwei Jahren bin ich nun so dicht hinter dir und doch war ich immer zu spät. Egal in welche Stadt ich kam, du hattest dein schreckliches Werk bereits getan und warst weitergezogen in unbekannte Ferne.
Aber jetzt bist du hier. Und Hendrax verzeihe mir meine Gedanken, aber bitte bleibe noch und verbreite Unheil, Schrecken und den Tod - auf das ich meine Chance kriege, dich endlich zu vernichten.
Ich hoffe, du bist es wirklich und erinnerst dich an mich.
Laute, hochfrequente, schrille Laute rissen Lu aus seinen Gedanken in die Wirklichkeit zurück. Die kleinen blauen Schnapper, die zu Tausenden in den meisten größeren Städten hausten und alles fraßen, was ihren kleinen roten Schnäbeln mit den winzigen spitzen Zähnen zu nahe kam, waren zurück und trauten sich beachtlich nahe an ihn und die Leiche heran. Ihre flachen, länglichen Schuppen-Körper endeten in ebenso langen Schwänzen, die vor Ungeduld hin und her wippten. Die gelben Echsenaugen mit den schwarzen ovalen Pupillen ruhten in dreieckigen, mit drei kleinen Hörnern besetzen Köpfen und blickten gierig. Sie warteten nur darauf, sich auf ihre Beute, das frische, duftende Fleisch stürzen zu können.
Lu schaute in die Richtung, in der Pierens und seine Frau gerade verschwunden waren.
Eine leere, dunkle Gasse - noch.
In wenigen Minuten würde ein Dutzend bewaffneter Männer durch diese Gasse stürmen. Männer, die für die Sicherheit dieser Stadt verantwortlich waren und nun die fünfte Leiche binnen weniger Tage finden würden.
Vielleicht wäre es besser, nicht direkt an meinem ersten Tag in dieser Stadt Bekanntschaft mit der Stadtwache zu machen, dachte Lu.
Fünf Todesfälle und er, Luhni Mahjos, als Fremder direkt neben einer Leiche. Das passte einfach zu gut für mögliche Spekulationen der Stadtwache, die mittlerweile - das kannte Lu schon aus ähnlichen Fällen in anderen Städten - einfach jemanden brauchte, den sie als Täter an den Pranger stellen konnte - egal ob schuldig oder nicht.
Lu entfernte sich einige Schritte von der Leiche. Sofort sprangen die kleinen Schnapper mit ihren kurzen krallenbewehrten Beinchen herbei, ergriffen ihre Chance und füllten die leeren Mägen.
So entsetzlich die Szene auch war, Lu konnte nicht bleiben, um Benems Überreste vor der Schändung zu bewahren.
Er sah gen Himmel, der sich langsam rot färbte. Die Sonne ging bereits unter und die Schatten der Nacht traten herauf.
Er fasste einen Entschluss und lief los.
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A r s t o r n

“Du betrügst! Du rübennasiger Kobold! Ich …”
“Ebergrütze! Nenn mich noch einmal ‘rübennasiger Kobold’ und das Messer, welches ich grade unterm Tisch zwischen deine Schenkel halte, beraubt dich deiner ohnehin nur winzig klein vorhandenen Männlichkeit. Dann kannst du im Knabenchor von Pater Ollbrich in An Haseln anheuern.”
Gwenninger schmeißt die Karten auf den hölzernen Tisch, steht langsam mit erhobenen Armen auf und macht besänftigende Gesten.
“Schon gut, der Herr, schon gut.”
Mit seinen dicken Waden schiebt er den einfachen Metallstuhl nach hinten, nicht ohne sein Gegenüber, einen Dschembaláng, im Blick zu behalten.
Der wiederum fixiert Gwenninger mit zusammengekniffenen violetten Augen, bis dieser sich umdreht und den Bereich um den Spieltisch herum verlässt.
Der Dschembaláng mit Namen Niekas sammelt die gewonnenen runden Sen’ses, dreieckigen Builas und ganze drei quadratische Aumag ein, verstaut die Münzen in seinem beigen Säckchen aus Ziegenleder und bindet es an seinen grünen Kirik-Gürtel, der der Haut einer Schlange gleicht.
Niekas öffnet den Mund mit den vielen Reihen kleiner scharfer Zähne und bestellt beim Ober noch einen Humpen Schwarzbier mit viel Schaum. Dieser nickt nur griesgrämig und würdigt ihn keines Wortes.
Während er auf seinen Humpen wartet, denkt Niekas:
Die in Nebelheim hatten recht. Hier in Arstorn gibts vorwiegend hinterwäldrige Arschlöcher mit weniger Grips im Oberstübchen als en vertrockneter Feldweg.
Früher war Arstorn eine für die damalige Zeit große Stadt gewesen, benannt nach dem Gott Arstor. Aber genau wie der Glaube an jenen Gott war auch ihr Glanz mehr und mehr verblasst, sodass Arstorn heute nicht mehr als ein bedeutungsloser Vorort Istendahs war.
Der Ober klatschte Niekas das Lorok, wie man Schwarzbier in Arstorn nannte, missmutig auf den Tisch. Niekas ergriff den Humpen mit seiner großen, grünen, schwarz behaarten Hand und trank ihn in einem Zug leer. Er tat gelassen, spitzte aber insgeheim seine grünen, rundlichen und übermenschlich guten Ohren und lauschte, ob Gwenninger und seine Kumpane auf Rache aus waren. Scheinbar gleichmütig strich er über seine kurzen, schwarzen, borstigen Kopfhaare, holte ein Beutelchen Schnupfkräuter aus einer Seitentasche seiner grad bis über die Knie reichenden schwarzen, robusten Hose aus Keweler-Stoff und nahm einen kräftigen Zug mit der dicken, knorrigen Nase.
Da hört Niekas, wie sie tuscheln. Kurz darauf Schritte. Vier Mann, davon einer sehr schwer. Sie teilen sich auf. Einer kommt gerade auf ihn zu. Die anderen weichen aus, kreisen ihn ein.
Niekas tut so, als kriege er nichts davon mit, verstaut in aller Ruhe sein Beutelchen mit den Schnupfkräutern.
Zwei geballte Fäuste donnern vor ihm auf den hölzernen Tisch. Niekas blickt auf. Gwenninger steht direkt vor dem Spieltisch und blickt ihn herausfordernd an. Und doch spürt Niekas seine Angst. Er kann sie riechen. Er kann sie sehen. Die feinen Schweißperlen auf Gwenningers Stirn. Die feinen Härchen auf der Haut, die leicht zittern.
Niekas achtet auf die Bewegungen der anderen drei Männer. Der Schwere steht knappe vier Ellen hinter ihm. Er muss nicht nach hinten schauen, um das zu wissen. Die anderen beiden haben sich in etwas größerer Entfernung seitlich von ihm positioniert.
“Hey Gnom!”, schreit Gwenninger.
“Ich würde gerne noch mal über unser Spielchen von eben reden.”
“Ach, so ohne Messerchen zwischen den Schenkeln hast du Mut bekommen? Willst nochmal verhandeln?”
Gwenninger beugt sich tief zu Niekas hinab und sieht ihm direkt in die violetten Augen.
“Nein. Ich will nicht verhandeln. Ich will dir die Fresse polieren, du Abschaum. Stinkender Dschembaláng. Kein Wunder, dass wir eure Art fast ausgerottet haben, so hässlich wir ihr seid!”
Gwenninger richtet sich auf, lacht lauthals und dreckig. Lachen ertönt ebenso hinter und seitlich von Niekas. Die unbeteiligten Leute in der Schenke sind seltsam ruhig, angespannt. Noch ergreifen sie keine Partei, bleiben neutral.
Seltsam.
Niekas wurde schon oft beleidigt und gedemütigt. Mehrfach haben Menschen versucht, ihn zu schlagen oder gar zu töten. Neutrale Menschen sind selten, welche, die zu ihm halten, rar.
Niekas erhebt sich. Er ist klein, gnomartig, seine Haut grün und schrundig. Von den meisten Gegnern wird er unterschätzt. Er ist stark. Und er ist blitzschnell.
Gwenninger kippt den Tisch und versucht, Niekas darunter zu begraben. Aber es dauert keinen Wimpernschlag, da springt der Dschembaláng auf, ist plötzlich direkt neben Gwenninger und tritt ihm so stark gegen das Schienbein, dass dieser wegrutscht, fällt und mit den Zähnen des Oberkiefers genau auf der Seitenkante des Spieltisches landet.
Blut spritzt und Zähne zersplittern. Gwenninger schreit.
Da hört Niekas hinter sich den Schweren kommen. Auch die seitlichen Angreifer laufen los.
Der Schwere zieht sein Schwert und stürzt sich auf den Dschembaláng. Doch Niekas spürt den Luftzug der herab schießenden Waffe. Im letzten Moment wirbelt er herum und landet neben dem Schweren. Das Schwert saust ins Leere. Sein Träger landet mit einem gewaltigen Rums auf dem Boden, gefällt durch Niekas Bein.
Keine Pause.
Von den Seiten preschen gleichzeitig zwei weitere Angreifer heran. Der eine trägt einen Dolch mit einer dreißig Zentimeter langen Klinge, der andere einen eisenbeschlagenen Totschläger.
Auch der Schwere rappelt sich wieder auf.
Der Totschläger saust Richtung Niekas Kopf. Er duckt sich seitlich weg, nutzt den Schwung des Angreifers und wirft diesen auf den Dolchträger, dessen Klinge bis zum Heft in seinen Kameraden eindringt.
Einer weniger.
Schon ist der Schwere wieder da und sticht wie wild mit dem Schwert nach Niekas. Er weicht geschickt aus, wird von dem Schweren aber rückwärts getrieben, genau in die Arme des Dolchträgers.
Dieser überwindet seinen Schrecken, sticht zu. Doch Niekas Drehbewegung verhindert das Schlimmste. Der Dolch wird von seinem ledernen und Eisen-besetzten Brust-Rücken-Panzer abgelenkt.
Und genau das war sein Plan. Der dadurch zwangsweise zur rechten Seite taumelnde Gegner hat durch seinen Schwung kurzzeitig keine Kontrolle über seinen Körper. Das nutzt Niekas.
Er dreht sich links herum, packt mit einer Hand den Dolch-Arm des Angreifers am Ellenbogen und mit der anderen sein Handgelenk. Mit einem lauten, brutalen Knacken bricht der Arm des Angreifers über Niekas Oberschenkel gebogen wie ein Stück trockenes Holz. Der Dolch fällt klirrend zu Boden.
Gleichzeitig benutzt Niekas seinen Gegner als lebenden Schutzschild. Der Schwere, immer noch im Versuch nach Niekas zu stechen, schafft es nicht mehr, sein Schwert zurückzuziehen und sticht dem Dolchträger mitten in die Brust.
Die Hälfte ist erledigt.
Der Schwere ist geschockt, gelähmt. Sein Blick schwankt zwischen seiner blutigen Klinge und den ungläubig dreinblickenden, zitternden Augen seines Kameraden.
Niekas verliert keine Zeit. Blitzschnell platziert er sein rechtes Bein direkt hinter selbigem des Schweren, hakt es ein und zieht es mit einem gewaltigen Ruck zu sich. Gleichzeitig schlägt Niekas mit der flachen Hand gegen die Brust seines Gegners. Der Schwere stürzt, landet krachend mit dem Rücken auf den hölzernen Planken und keucht.
Niekas zieht sein breites Kurzschwert aus bläulich schimmerndem Eronit und hält es dem Schweren an die Kehle. Als dieser, einige Sekunden lang benommen, wieder zu sich kommt und das Schwert am Hals spürt, realisiert er die Niederlage. Er blickt sein Gegenüber an, wimmert und bittet, die Arme seitlich ausgestreckt und erhoben, um Gnade.
Niekas blickt in die flehenden Augen des Besiegten. Er riecht den Schweiß, die Todesangst.
Noch wenige Herzschläge lang verharrt er, sein breites Kurzschwert fest umklammert. Er ist wütend.
Die hätten mich wie ein Stück Vieh einfach umgebracht, wenn sie gekonnt hätten.
Gnade? Nicht gegenüber einem Dschembaláng.
Aber ich bin nicht so wie die …
Niekas zieht sein Schwert zurück und steckt es in die Scheide an seinem Kirik-Gürtel. An den Schweren gerichtet, sagt er:
“Bleib einfach liegen.”
Niekas geht langsam Richtung Ausgang. Sein Blick verweilt zunächst auf dem Schweren, doch der hält Wort und bleibt, wo er ist.
Dann schaut er auf die unbeteiligten Gäste des Wirtshauses. Die Leute stehen, keiner sitzt mehr auf seinem Stuhl. Alle schauen gebannt auf ihn, auf die Leichen, den Schweren, auf Gwenninger, nicht recht wissend, ob sie eingreifen, fliehen oder einfach dort bleiben sollen, wo sie sind. Niekas sieht Entsetzen, Furcht und Fassungslosigkeit.
Als er beim umgekippten Spieltisch vorbeikommt, hält er kurz inne. Gwenninger liegt noch immer am Boden. Er ist wach, doch leicht benommen. Als er Niekas erblickt, versucht er sich mit den Ellenbogen hochzustemmen.
“Du verdammter Dreckskerl!”, lispelt er. Um richtig zu sprechen, fehlen ihm die Schneidezähne.
“Das werd ich dir heimzahlen! Ich …”
“Ach, lass gut sein. Du wolltest einen Kampf. Du hattest einen Kampf. Du hast verloren. Bleib liegen. Vergiss die Sache.”
Gwenningers Versuch, sich hochzustemmen, scheitert.
Niekas setzt seinen Weg gen Ausgang fort. Er blickt sich um. Die Situation ist noch angespannt, gefährlich. Jeder hier Anwesende könnte eine Waffe ziehen. Er geht selbstbewusst, erhöht aber seine Geschwindigkeit leicht.
Einfach schnell raus hier!
An der Tür angekommen, dreht sich Niekas noch einmal um. Alle Augen sind auf ihn gerichtet, aber keiner bewegt sich, keiner spricht.
Niekas umfasst die eiserne Klinke, öffnet die Tür, tritt hindurch und hinaus in die Nacht. Wenige Sekunden später hört er hinter sich die schwere hölzerne Tür der Schenke zufallen.
Geschafft.
Niekas ist erleichtert. Er spürt den kühlen Wind in seinem Gesicht, erfrischend, belebend. Sein Herzschlag beruhigt ist.
Langsam geht er auf den nahen Platz zu, wo die Motor-Reisemobile parken und sich die Metallstangen zum Anbinden der Pferde befinden.
Nur weg aus diesem Dreckskaff!
Plötzlich wird die Tür hinter ihm mit lautem Krach aufgerissen. Im Türrahmen steht Gwenninger, eine kleine Hand-Armbrust in der Rechten.
Er zielt, drückt ab.
Der Pfeil saust aufs Niekas Brust zu. Schnell. Doch Niekas ist schneller. Eine kurze Ausweichbewegung und der Pfeil zischt einen halben Finger breit an ihm vorbei, fliegt weiter in die Nacht hinein und trifft. Eines der Pferde schreit vor Schmerz.
Niekas reagiert blitzschnell. Er zieht seine Handgan - eine Feuerwaffe aus der ‘Alten Zeit’ mit Griff, Schlitten und Magazin - und schießt.
Die Kugel aus gehärtetem Stahl trifft Gwenningers Knie. Er fällt, schreit vor Schmerz.
Die Sekunden verstreichen …
Langsam geht Niekas auf den am Boden Liegenden zu, steckt seine Handgan ins lederne Halfter und sagt:
“War das alles wirklich nötig? Wegen ein paar Münzen?”
Gwenninger antwortet nicht. Er windet sich im Dreck und weint.
Niekas wartet, atmet einmal tief ein und wieder aus. Dann sagt er in ruhigem, aber bestimmtem Ton:
“Leg dich nie wieder mit einem Dschembaláng an. Begegne jedem Lebewesen mit Respekt. Jedem!”
Schon halb zum Gehen gewandt, fängt Gwenninger plötzlich an zu schreien.
“Du Aas hast zwei meiner Kumpels getötet. Dir hetz ich die Kopfjäger auf den Leib. Der Richter wird dich hängen lassen.”
Niekas geht ganz dicht an Gwenninger ran und hockt sich vor ihn.
“Gwenninger, Gwenninger. Du redest und redest, aber es kommt nicht mehr als Ebergrütze aus deiner Fressluke.
Ich habe mich nur verteidigt. Der mit dem Dolch hat den Kerl mit dem Totschläger abgestochen, worauf er selbst von dem Schweren aufgespießt wurde. Das können mindestens dreißig Mann im Wirtshaus bezeugen.
Das Einzige, was ich mir anlasten lasse, ist, dass ich dir nen Streifschuss verpasst habe, aber das war reine Notwehr nach Paragraf 10 ‘Delikte’, Absatz 1 ‘Kampf und Tod’ des ‘Gemeinschaftlichen Gesetzbuches der Freien Länder der Neuen Zeit’.
Eben jene Dreißig können bezeugen, dass du wie wild mit einer Armbrust durch die Tür gestürmt bist, um mich zu erledigen. Und wenn die die große Flatter kriegen und nicht Aussagen wollen, hol ich persönlich das Pferd in den Zeugenstand, in dem grad WESSEN Pfeil drin steckt?
Tja, Gwenninger, sieht nicht gut für dich aus.”
“Du mieses Etwas, du …”
“Ja, is gut. Kümmer dich um dein Knie. Ich wünsch dir noch nen schmerzlichen Abend.”
Niekas steht auf, dreht sich endgültig um und läuft zu dem nahen Platz, wo die Pferde angebunden sind. Im Hintergrund hört er Gwenninger abwechselnd fluchen und vor Schmerz jammern.
Dort angekommen, zieht er einem großen weißen Pferd mit einem kräftigen Ruck den Pfeil aus dem Hintern. Das Pferd wiehert laut vor Schmerz, bäumt sich auf, versucht sich loszureißen, aber Niekas sanfte Hände beruhigen es prompt.
Niekas geht zu seinem eigenen Pferd, einem kleinen, braunen, stämmigen Steppenläufer mit weißen Flecken an Brust und Flanken und holt eine weiße Tube aus seiner schwarzen Satteltasche. Er öffnet sie und streicht dem verletzten Pferd eine orange-rote Salbe auf die Wunde.
Gwenninger liegt immer noch im Dreck und schreit. Niemand hilft ihm.
Niekas verstaut die Heilsalbe in seiner Satteltasche, steigt auf sein Pferd und nimmt die Zügel in die grünen, schwarz-behaarten Hände. Er wendet das Pferd, wirft einen letzten Blick zurück und reitet fort, den Steinweg entlang Richtung Istendah.
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Niekas verbrachte noch zwei Stunden im Sattel seines kleinen braunen Pferdes mit dem Namen Brauer. Er ritt in mäßigem Tempo den Steinweg nach Istendah entlang, ohne einer Seele zu begegnen.
Die mit elektrischen Eisen-Laternen beleuchtete Straße führte ihn zunächst durch mit verschiedenen Gräsern bewachsene Hügel, auf denen auch vereinzelte Sträucher und Büsche standen. Ab und an vernahm er die entfernten Geräusche nachtaktiver Echsen. Doch schon wenige Meilen später verwandelte sich die spärlich-grüne Landschaft in eine leere, karge Wüste aus Steinen und brauner toter Erde.
Im letzten schwachen Licht der Dämmerung konnte Niekas in der Ferne die mächtigen schwarzen Schatten aus Stein und Stahl erkennen, städtische Überreste aus der ‘Alten Zeit’, seit Jahrhunderten dem Verfall überlassen. Ehemals riesige menschliche Bauten waren nunmehr nichts als Schutt und Trümmer.
Irgendwann verschwanden die riesigen Kolosse in der hereinbrechenden Nacht und einsame Pflanzen tauchten neben dem Steinweg auf. Der kühle Nachtwind wehte Niekas um die dicke, knorrige Nase und erweckte zwei braune Büsche am Wegesrand zu unheimlichem Leben.
Einige weitere Meilen später, als ihm der Abstand zu Arstorn groß genug erschien, suchte Niekas die an ihm vorbei rauschende Umgebung nach einem geeigneten Schlafplatz ab und fand eine kleine, von hohen Sträuchern umgebene Grasfläche am Rand der Straße. Er stoppte. Ein kleiner Schatten mit langem schuppigem Schwanz fuhr aufgeschreckt hoch und sprang hastig ins Gestrüpp.
Während Brauer sofort damit begann, die nur spärlich vorhandenen Grashalme abzuzupfen, stieg Niekas ab, schnallte eine mit Gänsefedern gefüllte Leinendecke von seinem Sattel und holte einen kleinen, mit Jaru-Beeren gefüllten Lederbeutel hervor. Brauers Kopf schnellte blitzartig zu ihm herum. Das kluge Tier merkte sofort, wenn es was zu Schlecken gab. Er schüttete die roten Beeren in seine Handfläche. Während Brauer diese daraufhin genüsslich ab schlabberte, tätschelte Niekas ihm den kräftigen Hals und Strich über seine lange hellbraune Mähne.
“So, Brauer. Für heute ists gut. Jetzt wird geschlafen!”
Niekas nahm seinem Steppenläufer den Sattel ab und band sich die Zügel ums linke Handgelenk.
Nur zur Sicherheit.
Dann füllte er das zwölf Schuss fassende Magazin seiner Handgan auf - ebenfalls nur zur Sicherheit - und betrachtete seine Lieblingswaffe im Licht des aufgegangenen Mondes. Sie bestand aus reinem Boritium, einem Metall, das auf der Erde gar nicht vorkam, sondern von einem abgestürzten Meteoriten stammte, den man in der Hadjan-Wüste gefunden hatte - extrem kostbar, ultraleicht und quasi unzerstörbar. Um den typischen grünlich-bronzefarbenen Glanz des Boritiums und damit den Wert der Waffe zu verbergen, hatte Niekas sie matt-schwarz gefärbt. Der gleichfarbige gummierte Griff war extra für ihn angefertigt worden und besaß Fingerrillen und eine Daumenstütze, die sich perfekt an seine große rechte Hand anschmiegten.
Eine wahrlich prachtvolle Waffe.
Niekas grinste und steckte seine Handgan zurück in das lederne Halfter an seinem grünen Kirik-Gürtel. Dann legte er sich eingekuschelt in seine Leinendecke ins Gras und schloss die violetten Augen.
…
Eine ganze Weile später.
Etwas zieht an seinem Arm, zunächst sanft, dann immer stärker. Niekas erwacht, öffnet die Augen und lauscht mit seinen übermenschlich guten Ohren in die Nacht hinein.
Brauer ist unruhig und schnauft leise. Sein Kopf geht ruckartig auf und ab. Die Zügel an seinem Handgelenk folgen der Bewegung.
Büsche rasseln.
Nicht weit entfernt: Dumpfe schwere Schritte, selbst für Niekas enorm feines Gehör kaum wahrnehmbar, treffen auf spärlich bewachsenen, sandigen Boden. Er spürt sie durch die ganz seichten Vibrationen in der Erde, wie die Ausläufer eines weit entfernten Erdbebens.
Etwas Großes ist da draußen.
Schnell und geräuschlos springt Niekas auf. Mit seinem rechten Zeigefinger löst er den ledernen Sicherheitsbügel seines Waffenhalfters und zieht die Handgan heraus.
Vorsichtig macht er einen Schritt auf Brauer zu und tätschelt dem Pferd besänftigend den Hals.
Während er die Zügel von seinem Handgelenk löst, spürt er eine erneute Erschütterung der Erde.
Noch ein schwerer Schritt. Diesmal näher!
Niekas schließt die Augen, konzentriert sich auf die Dunkelheit um ihn herum und versucht seine geschärften Sinne wie unsichtbare Späher nach allen Seiten hin auszuweiten.
Die Sekunden verstreichen.
Niekas hält den Atem an, um jedes noch so leise Geräusch wahrzunehmen. Doch er hört nichts außer dem seichten, unruhigen Schnaufen seines Pferdes.
Zu spät erkennt er, dass es keine verräterischen Laute mehr geben wird. Der Jäger ist bereits in Position, näher als gedacht, bereit zum Angriff.
Die Sträucher hinter Niekas explodieren in einer Wolke aus Staub und zerfetzten Blättern. Mit brachialer Kraft schießt der Prädator aus seinem Versteck und schnappt mit seinen mächtigen Kiefern zu.
Die mehr als fünfzehn Zentimeter langen Reißzähne verfehlen Niekas Kopf nur, weil er sich instinktiv zur Seite fallen lässt. In der gleichen blitzschnellen Bewegung rollt er sich weg von der riesigen Echse, wirbelt herum und landet breitbeinig in Hockstellung, bereit, mit einem seitwärts gerichteten Sprung einem erneuten Angriff sofort auszuweichen.
Brauer flieht.
Auch die Echse wendet augenblicklich. Doch statt direkt wieder anzugreifen oder dem Pferd nachzustellen, verharrt sie in Lauerstellung und blickt Niekas mit ihren gelb leuchtenden Augen abschätzend an.
Mit knurrenden Geräuschen öffnet sie ihr riesiges Maul voller langer scharfer Zähne, die im Mondlicht elfenbeinfarben leuchten.
Eine Schreckens-Echse.
Der Prädator ähnelt stark einem prähistorischen Fleischfresser aus den frühen Anfängen der ‘Alten Zeit’. Er misst vom Kopf bis zum Ende seines dicken, langen Schwanzes, dessen Spitze vier schräg nach oben gerichtete mächtige Dornen trägt, über acht Ellen und ist doppelt so groß wie ein Mensch. Seine langen kräftigen Arme enden in riesigen Klauen mit zwanzig Zentimeter langen, sensengleichen Krallen, die wie Dolche in Niekas Richtung weisen. Die beige schuppige Haut ist übersät von braunen Streifen und zahlreichen Sprinklern in verschiedenen dunklen Grüntönen. Die perfekte Tarnung für die hiesige karge Landschaft. Seinen Rücken entlang laufen zahlreiche spitz zulaufende Erhebungen, ein natürlicher Panzer aus außen liegenden Knochenplatten, die ihn wie eine Rüstung schützen.
Während die Augen der Schreckens-Echse auf ihre Beute fixiert bleiben, läuft sie auf ihren mächtigen, muskulösen Hinterbeinen einige schwere Schritte seitwärts. Der intelligente Jäger wartet ab, genau wie Niekas, der sich jetzt langsam aufrichtet. Seine rechte Hand ist leer, die Handgan während der ersten Attacke irgendwo in der Dunkelheit verloren.
Ebergrütze!
Durch eine kurze Muskelbewegung seines linken Unterarmes schnellt im selben Augenblick eine Assassinen-Klinge über seiner Hand hervor. Der silbern glänzende Stahl findet seinen Anfang in einer komplizierten Armschiene - verborgen in den langen, weiten Ärmeln seines Stoffhemdes - und ragt ganze dreißig Zentimeter über Niekas Hand hinaus. Die Klinge ist ungewöhnlich dick. Sie besteht nicht aus einem Ganzen, sondern aus zehn übereinandergelegten hauchdünnen Dolchen, die zusammen als Stichwaffe verwendet oder einzeln abgeschossen werden können.
Klingen gegen Krallen.
Niekas ergreift die Initiative. Langsam aber bestimmt geht er auf die Schreckens-Echse zu. Er will das Tier nicht töten, aber er wird sich verteidigen und das Ganze jetzt beenden.
Wütend ruft er seinem Gegner entgegen:
“So, du halb krumme Gurke! Ich bin echt am Arsch! Die lange Reise, dann dieser Gwenninger und jetzt auch noch du! Und anstatt mich gleich aufs Ohr hauen zu können, nachdem ich dich wieder geradegebogen hab, darf ich noch mein Pferd suchen gehen! Ich könnt so was von abkotzen! Das glaubst du gar nicht!”
Die letzten Worte schreit er förmlich.
Er ist dem Prädator jetzt ganz nah. Dieser scheint durch Niekas Verhalten verunsichert, weicht einen Schritt zurück.
Doch dann geschieht das Unausweichliche. Die Schreckens-Echse reißt ihr Maul weit auf, brüllt in schier unerträglicher Lautstärke ihre vom Hunger getriebene Mordlust in die Nacht hinaus und greift an.
Ihre langen, krallenbesetzten Arme packen Niekas, können den starken, ledernen und Eisen-besetzten Brust-Rücken-Panzer aber nicht durchdringen.
Niekas versucht sich mit aller Kraft zu befreien.
Dann: ein schrecklicher, stechender Schmerz. Eine dolchartige Echsenklaue findet eine ungeschützte Stelle in Niekas Flanke und bohrt sich durch seine ledrige grüne Haut tief in sein Fleisch.
Er schreit vor Schmerz, doch die Wunde treibt ihn nur noch mehr an.
Niekas hebt seinen linken Arm und lässt die Assassinen-Klinge mit brutaler Gewalt auf die in ihm steckende Kralle niederschießen.
Er trifft.
Blut spritzt. Knochen bersten, zersplittern.
Eine Hälfte der linken Echsenpranke fällt abgetrennt zu Boden. Die andere lässt von Niekas ab.
Der Prädator flieht, rennt davon … und bleibt abrupt stehen.
Zu groß ist der Hunger.
Die Schreckens-Echse wendet. Ihre schweren Beine donnern über den kargen Boden. In vollem Lauf treffen Jäger und Gejagter aufeinander.
Im letzten Moment lässt sich Niekas zu Boden fallen und rutscht unter der Echse hindurch. Seine Dolchhand weit von sich gestreckt, erwischt er den Gegner an der empfindlichen rechten Verse und durchtrennt Haut und Muskeln.
Die Echse schafft keinen weiteren Schritt. Das verletzte Bein knickt unter ihrem Gewicht weg und sie stürzt schwer verletzt zu Boden.
Blitzschnell springt Niekas auf, bereit zum letzten tödlichen Stoß.
Der Kampf ist vorüber. Die Schreckens-Echse liegt besiegt im Staub.
Mit einem heftigen Ruck und zusammengebissenen Zähnen zieht Niekas die noch in ihm steckende Kralle aus seiner Flanke und schmeißt sie weit von sich.
Langsam geht er auf das Tier zu.
Die gelb leuchtenden Augen der Echse blicken ihn feindselig an. Sie windet sich, will aufstehen, fliehen.
Doch mit jedem Schritt, den sich Niekas nähert, wird sie ruhiger. Die Feindseligkeit verschwindet aus ihren Augen, die jetzt angsterfüllt, hilflos wirken, fast, als wenn sie um Gnade bitten würde.
Als Niekas die Echse erreicht, ist seine Wut erloschen. Anstatt das hilflose Tier zu töten, lässt er seine Armklingen wieder verschwinden und sagt in festem Ton:
“Du rührst dich nicht von der Stelle! Verstanden?”
Tag 2

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N a c h t s

L u erwachte schweißgebadet mit einem Schrei auf den Lippen. Ruckartig setzte er sich kerzengerade auf, die Augen weit geöffnet.
Wo bin ich?
Ein schwacher Lichtschein fiel von oben auf ihn herab, sodass er seine nahe Umgebung wahrnehmen konnte, wenn auch nur seltsam verschwommen, wie durch Nebelschwaden. Alles, was weiter als zwei Ellen von ihm entfernt war, verschwand in tiefer, schwarzer, vollkommener Dunkelheit.
Aufs Äußerste angespannt wartete er ab. An Dunkelheit konnten sich Augen schließlich gewöhnen.
Die Schweißtropfen rannen seine Stirn hinunter. Mit dem Ärmel wischte er sie weg und atmete mehrere Male tief durch, um sich zu beruhigen.
Erst jetzt bemerkte er, dass sein Rücken höllisch schmerzte. Das Bett, auf dem er gestern Abend fast sofort eingeschlafen war, war verschwunden. Stattdessen spürte er unter sich harten Stein.
Als hätte die Erkenntnis sein Blickfeld erweitert, konnte er auf einmal überall um sich herum nackte, graue Felswände erahnen.
Eine Höhle? Aber wie bin ich hierher gekommen?
Lu versuchte aufzustehen. Doch sofort überkam ihn ein starkes Schwindelgefühl, dass ihn sofort wieder in die Knie zwang.
Er schloss die Augen und atmete erneut mehrere Male tief ein und aus.
Ganz ruhig …
Langsam verschwand der unangenehme Schwindel.
Als Lu sich stark genug fühlte, stand er auf, öffnete seine Augen und musste sie gleich darauf wieder zusammenpressen, so sehr blendete ihn das grelle Licht der Mittagssonne. Schützend hielt er die Hände vor sein Gesicht und wartete einige Augenblicke, bis sich seine Augen an den krassen Unterschied zur eben noch herrschenden Dunkelheit gewöhnt hatten.
Was geht hier vor?
In Lus Kopf herrschte ein unendliches, bizarres Durcheinander. Zwanghaft versuchte er sich zu Fokussieren, ohne dass es ihm gelang. Nicht einen klaren Gedanken vermochte er zu greifen, sodass er seine Umwelt, das Hier und Jetzt, zwar erfassen, aber nicht verstehen konnte.
Lu blickte auf eine sonnendurchflutete Lichtung inmitten eines dichten Waldes. Ein paar kleine Schnapper sprangen über eine weite Grasebene. Die Sonne verbrannte die Echsen und sie zerflossen zu Rauch, der sich schnell im Wind verflüchtigte.
Lu machte einige Schritte, trat hinaus auf die Lichtung und spürte das weiche Gras unter seinen nackten Füßen. Es war saftig grün und erfüllte die Luft mit einem angenehmen Geruch.
Die Sonne schien hell an diesem Tag und der Himmel war ein einziges wolkenloses, wunderschönes Blau. Eine sanfte Brise wehte durch sein Haar. Lu bewegte sich wie auf Wolken, Schritt für Schritt auf das Zentrum der Lichtung zu, während ihn die wohltuenden Strahlen der Sonne angenehm wärmten.
Hinter Lu erklingt plötzlich ein lautes Krächzen. Er dreht sich - von der einen auf die andere Sekunde aus seiner wohligen Lethargie gerissen - ruckartig rum, stolpert und fällt der Länge nach in den Staub des ausgetrockneten Bodens.
Auf dem Rücken liegend, blickt er in einen düsteren, wolkenverhangenen Himmel. Nur ein ungewöhnlich großer Rabe, der über ihm seine Kreise zieht, hebt sich vom Firmament ab.
Plötzlich spürt er eine beißende Kälte und den reißenden Wind an seinen Gliedern zerren.
Aufs Äußerste verstört, richtet Lu seinen Oberkörper auf, blickt sich um. Und was er sieht, lässt das letzte bisschen Wärme aus seinem Inneren entweichen.
Halb zur Seite gedreht, sitzt er starr, gelähmt, ohne zu atmen, und blickt auf die vermoderte Leiche von Benem.
Die Wunde an seinem linken Arm ist deutlich sichtbar. Gelb-brauner Eiter fließt aus ihr heraus.
Der rechte Arm ist am Ellenbogen abgetrennt. Der Stumpf endet in blutigen Fleischfetzen.
Seine Augäpfel fehlen und Lu kann sich bildlich vorstellen, wer sich über die Leiche hergemacht, ihren kräftigen Schnabel in ihr Gesicht gehackt und ihm die Augen entrissen hat.
Wie zur Bestätigung erklingt über ihm das laute Krächzen eines großen, tiefschwarzen Raben.
In Lu steigt Übelkeit auf. Seine Eingeweide verkrampfen sich.
Plötzlich packt eine halb verweste Hand sein linkes Bein. Verrottetes Fleisch und blanke Knochen umklammern es mit unmenschlicher Kraft. Der Untote versucht, sich zu ihm zu ziehen.
Lu schreit. Angst und Panik machen sich in ihm breit.
Der Untote kommt näher.
Lu blickt in die leeren Augenhöhlen von Benems Kopf, der sich leicht erhoben zu ihm wendet. Der grässliche Mund der widernatürlichen Kreatur bewegt sich. Lu kann unter dem verwesten Fleisch Muskelstränge und Teile des Kiefers erkennen.
Verzweifelt versucht er, sein Bein aus der untoten Klaue zu lösen.
Vergeblich.
Benem ist ihm jetzt ganz nah.
Mit einem gewaltigen Ruck löst sich Lu aus seiner Schreckensstarre. Er packt den Arm des Untoten mit beiden Händen und reißt ihn mit infernalischer Kraft nach oben - weg von seinem Bein.
Ein lautes Peitschen ertönt. Sehnen reißen, Knochen bersten und das morsche Fleisch löst sich.
Er ist frei.
Blitzschnell springt er auf, aber taumelt, fällt und landet wieder auf dem harten, kalten Boden, nur wenige Schritte entfernt von der jetzt Arm-losen Leiche.
Der Untote wimmert vor Schmerz.
Plötzlich durchbricht ein greller Lichtstrahl den dunklen Himmel. Es ist totenstill. Nur die grässlichen Geräusche Benems, der Kraft seiner toten Beine sein verwestes Fleisch über den trockenen braunen Boden - hin zu Lu - schleift, zerstören die unendliche Stille.
Lu wird geblendet. Das Licht sticht durch den dunklen Himmel wie die rettende Hand eines Gottes, der seinen Segen gen Erde schickt, um das Böse zu vertreiben.
In Lu keimt eine Spur der Hoffnung.
Plötzlich ein greller Blitz. Ein Feuerwerk aus reinem Licht zerplatzt.
Daraus hervor tritt eine Gestalt, ganz in weiße Tücher gehüllt. Sie ist weiblich und wunderschön. Ihr langes goldenes Haar hängt in sinnlichen Schwüngen ihren Rücken hinab. Ihre Augen haben die Farbe eines klaren, wolkenlosen Himmels und die Tiefe des südlichen Meeres. Ihr Mund, ihre vollen Lippen verkörpern alles, was Lu je als begehrenswert empfunden hat. Sie ist die personifizierte Schönheit.
Langsam kommt die Frau auf Lu zu. Sie schreitet nicht, sondern schwebt, umgeben vom Glanz ihrer bläulichen Aura.
Lu kann den Blick nicht von ihr wenden. Auch die nahen schleifenden Geräusche scheinen in weiter Ferne, interessieren ihn nicht.
Die Göttin ist ihm jetzt ganz nah. Sie streckt ihre zierliche weiche Hand nach ihm aus und berührt sanft sein Kinn.
Ihr Kopf ist nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt. Er spürt ihren sanften Atem auf seinem Gesicht und wünscht sich nichts sehnlicher als ihre Lippen mit seinen zu vereinen.
Langsam bewegt Lu seinen Mund auf ihren zu. Aber die Frau stößt seinen Kopf sanft zur Seite und legt ihren Mund ganz nahe an sein Ohr.
“Ich erkenne dich.
Mein kleiner lieber Junge.
Du bist gekommen, um mich zu töten?”
Ein grauenhaftes, dissonantes, dämonisches Lachen, das nicht der Kehle eines Menschen entspringt, zerreißt die Nacht.
Lu erschrickt, erwacht wie aus einem Bann.
Die Erkenntnis trifft ihn hart wie ein Donnerschlag. Er stößt sich weg von der Kreatur, von IHR - Lijerah - und blickt in pupillenlose, gänzlich tiefschwarze Augen.
Ein fauliger Atem geht von ihr aus.
Sie öffnet den Mund, ein Maul voller spitzer Reißzähne.
Lu will fliehen, doch ein unbeschreiblicher Schmerz in seinem linken Unterschenkel zwingt ihn zu Boden.
Die schrecklichen Kiefer des Untoten haben sich tief in sein Fleisch gegraben.
Benem hat ihn erreicht, ist bei ihm, über ihm. Der Verwesungsgestank raubt ihm den Atem.
Lu schreit, versucht, Benem von sich zu zerren.
Ohne Erfolg.
Der Untote ist dort, wo er sein wollte, sein Maul nur wenige Zentimeter von Lus Hals entfernt.
Er öffnet es und fletscht die verfaulten Zähne.
Ein letzter schrecklicher Schrei …
Aber der Schmerz bleibt aus.
Benem liegt auf ihm. Sein verwestes Fleisch klebt an Lus Kleidung. Die leeren Augenhöhlen starren ihn an.
Die Kiefer des Untoten bewegen sich. Trotz der unmenschlichen Laute kann Lu klare, verzweifelte Worte verstehen.
“Sie ist das Böse. Sie hat mir das angetan. Bitte, hilf mir!”
Benems letzte Worte ersterben in einem schaurigen, erstickten Krächzen. Der Untote löst sich auf, wird zu Staub, den der Wind fortträgt.
Lu ist frei.
Er springt auf. Seine Augen suchen SIE. Aber es ist niemand mehr da.
Lu ist alleine. Um ihn herum nichts als tote Erde.
Dann ein lautes Krächzen.
Er blickt gen Himmel und sieht einen großen tiefschwarzen Raben, der nach Osten fliegt.
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S t r a ß e n a c h I s t e n d a h

Niekas hatte auch die wenigen Stunden, die ihm in dieser Nacht noch geblieben waren, nicht wirklich geschlafen. Zwar waren ihm vor Erschöpfung ständig die Augen zu gefallen, ein ruhiger, erholsamer Schlaf hatte sich aber nicht einstellen wollen. Zu viel war am gestrigen Tag geschehen, sein Inneres zu aufgewühlt gewesen.
Jetzt, als die elektrischen Eisen-Laternen am Wegesrand erloschen und die ersten Strahlen der Morgensonne den Himmel vorsichtig aufhellten, war es Zeit für ihn, seinen Weg fortzusetzen.
Die Stichwunde an seiner Flanke schmerzte, als er versuchte, sich langsam von seinem provisorischen Nachtlager auf dem - dank Brauer ehemals grasbewachsenen - Boden zu erheben. Um dem Schmerz entgegenzuwirken, drückte er mit der flachen Hand auf den Verband aus Stoff, Kräutern und orange-roter Heilsalbe.
Gestern Nacht hatte er nicht nur sich selbst, sondern auch die Schreckens-Echse behandelt. Niekas hoffte aus tiefstem Herzen, dass die Wunde an ihrer Ferse gut verheilen und das Tier überleben würde. An eine Klaue weniger würde sie sich gewöhnen müssen.
Zwar hatte der Prädator versucht, ihn umzubringen, aber so war nun mal der Lauf der Natur. Die Schreckens-Echse hatte nicht aus abgrundtiefer Bosheit oder in einem grausamen, vom Wahnsinn getriebenen Blutrausch gehandelt. Sie war kein widernatürliches Monster, dass andere Lebewesen einfach aus Spaß abschlachtete. Nein! Sie hatte einfach vom Hunger getrieben gejagt, um zu überleben.
Nachdem sich die Echse gestern Nacht langsam und humpelnd davon geschlichen hatte, war Niekas auf die Suche nach seiner während des Kampfes verlorenen Handgan gegangen. Als er sie gefunden hatte, war er losgezogen, sich um sein ausgebrochenes Pferd zu kümmern. Glücklicherweise hatte er nicht allzu weit den Steinweg zurück Richtung Arstorn laufen müssen. Brauer war gut trainiert und blieb normalerweise bei Niekas, egal wie gefährlich die Situation war. Dies hatte letzte Nacht zwar nicht funktioniert, das Pferd war dennoch nicht voller Panik blindlings bis zur Erschöpfung weiter galoppiert, sondern hatte in sicherem Abstand auf seinen Herrn gewartet.
Mit einem ausgedehnten Gähnen streckte Niekas seine müden und geschundenen Glieder der Morgensonne entgegen. Das gute Gefühl, wenn sich seine Muskeln an- und wieder entspannten, wurde nur durch das Stechen in seiner Flanke getrübt. Aber auch das würde wieder vergehen.
Er bückte sich, hob den am Boden liegenden Lederbeutel mit den Jaru-Beeren auf, von denen nur noch wenige übrig waren und gab sie Brauer zum Frühstück. Während sein Pferd genüsslich schmatzte, holte Niekas seinen letzten Proviant aus der Satteltasche, ein kleines Stück Brot, bestrichen mit Ziegenleberwurst und ein gutes Stück ‘Ahle Wurscht’. Dazu gab es einen ordentlichen Schluck Schwarzbier, der in einem fulminanten Rülpser endete, der eine kleine, schwarz-gelb gestreifte Kriechechse verängstigt aufschrecken ließ, die gerade dabei war, mitten auf dem Steinweg genüsslich ihr erstes Sonnenbad an diesem Tag zu nehmen.
Niekas grinste breit und wischte sich mit seinem Ärmel den Bierschaum vom Mund. Seine Laune hatte sich schlagartig verbessert.
Voller Elan schwang er sich in den Sattel und blickte aufbruchsfreudig in die Weite der Landschaft. Es war ein klarer Tag, sodass Niekas in der Ferne hinter einer breiten Wüsten-Schneise drei riesige graue Industrie-Schornsteine erkennen konnte, die vor langer, langer Zeit einmal schädlichen Rauch in die Luft gespuckt und damit die Natur zerstört hatten. Aber auch dieser Anblick, der ihn normalerweise betrübte, konnte seine Stimmung heute nicht gefährden.
Niekas langte in die Satteltasche, holte seinen Audio-Abspieler heraus und setzte sich die beiden dazugehörigen schwarzen Schallmuscheln auf seine grünen, runden Ohren. Er liebte laute, jahrhundertealte Gitarrenmusik, eines der wenigen Kulturgüter aus der ‘Alten Zeit’, die er für absolut erhaltenswert hielt.
Als die Musik seine Trommelfelle fast zum Platzen brachte, grinste er breit übers ganze Gesicht.
“Auf gehts, Brauer! In ein paar Stunden sind wir in Istendah.”
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Es war erst wenige Minuten her, da die ersten sanften Lichtstrahlen begonnen hatten, die Dunkelheit zu vertreiben. Doch noch hatte das Licht nicht gewonnen. Es gewann zwar an Kraft, aber die Schatten wehrten sich vehement und noch erfolgreich.
Dies geschah jeden Tag und stets hatte das Licht den Kampf gegen die Dunkelheit gewonnen. Wann würde der Zeitpunkt kommen, da das Licht unterlag?
…
Luhni Mahjos erwachte ruckartig mit einem Schrei auf den Lippen und setzte sich kerzengerade auf. Er hatte geträumt - von IHR. Wieder.
Mit vor Aufregung unruhig klopfendem Herzen musterte er seine Umgebung. Er lag auf einer zu harten Matratze in einem hölzernen Bett, das in einem kleinen Zimmer stand, dass er gestern am Abend im ‘För Fremdigar’ gemietet hatte.
Lu gab einen erleichterten Seufzer von sich.
Keine Höhle.
Die Herberge, ein weitläufiges zweistöckiges Gebäude aus weißen Backsteinen mit großen, schwarz gestrichenen Kunststoff-Sprossenfenstern, lag am Rande des Hafenviertels, nahe des Flusses Sanzea, am Übergang zum Marktviertel und damit in aussichtsreicher Position, viele fremdländischen Gäste aufzunehmen, die Istendah besuchten.
Als Lu eingetroffen war, hatte der schwarze Schornstein, der einsam auf dem mit roten Tonziegeln gedeckten Satteldach stand, weiß-gräulichen Rauch ausgestoßen. Ein seltener Anblick.
Durch das Dachfenster seines Zimmers traten die ersten Sonnenstrahlen und blendeten ihn. Es musste noch sehr früh am Morgen sein.
Lu sah einige Schnapper, die auf dem Dach der Herberge herum sprangen und nach einem leckeren Frühstück Ausschau hielten. Sofort erinnerte er sich an den gestrigen Abend, an Schnapper, die sich über einen grausam entstellten Körper hergemacht und große Fleischstücke aus der geschundenen Leiche gerissen hatten, ohne dass er es hatte verhindern können.
Die Erinnerungen trübten sein Gemüt, aber er wusste, dass er richtig gehandelt hatte, um sich selbst zu schützen.
Gestern Abend, nachdem er den Tatort verlassen hatte, war Lu zur Hafenmeisterei Istendahs gelaufen, wo er sein Reisegepäck seit seiner Ankunft am Morgen deponiert hatte. Der Hafenmeister selbst war nicht mehr da gewesen, aber sein Vorarbeiter hatte ihm die Sachen ausgehändigt und angeboten, sie von seinem Laufburschen zur Herberge bringen zu lassen, was Lu dankend angenommen hatte.
Beim ‘För Fremdigar’ hatte er dem Burschen, Jako, ein ordentliches Trinkgeld gegeben, nicht nur wegen des Transports seiner Sachen, sondern weil Jako ihm auch darüber hinaus seine Hilfe angeboten hatte, zum Beispiel als Fremdenführer oder für Besorgungen. Und jemanden wie Jako, einen kräftigen Burschen, der sich zudem auch noch ausgezeichnet in Istendah auskannte, konnte Lu womöglich früher oder später tatsächlich gebrauchen.
Nach einem schnellen Nachtmahl, bestehend aus Eintopf mit Möhren, Knollengemüse und ein paar Stücken undefinierbaren Fleisches, war Lu sofort auf sein Zimmer gegangen, hatte die einmal komplett durchnässten und wieder getrockneten Kleider über einen Stuhl gehängt, sich aufs Bett geschmissen und war nach den wahrhaft anstrengenden Geschehnissen des Tages fast sofort eingeschlafen.
Langsam schwang Lu seine Beine vom Bett, gähnte noch einmal ausgiebig und ließ seinen Blick durch sein kleines Reich schweifen, was mindestens für die nächsten paar Tage sein zu Hause sein würde.
Das Zimmer im ersten Stock der Herberge war nur spärlich eingerichtet. Neben zwei einzelnen Betten ergänzte ein kleiner hölzerner Tisch mit zwei braunen Plastikstühlen und ein Metall-Schrank, dem eine Tür fehlte, das Mobiliar. Zudem gab es ein kleines Beistelltischchen, auf dem eine billige Vase mit einigen halb vertrockneten Kräutern stand.
Im Nebenraum befand sich ein kleines Bad mit Toilette, Waschbecken und einer kupfernen, beheizbaren Wanne.
Lu grinste.
Standard für das moderne Istendah.
Er ging zum Waschbecken und drehte an einem kleinen eisernen Rad. Lauwarmes Wasser sprudelte daraufhin aus einem dünnen Rohr, das aus der Wand heraus ragte. Lu tauchte seine zur Schale geformten Hände hinein und wusch sein Gesicht. Gleichzeitig versuchte er, seine Gedanken an den Albtraum von letzter Nacht, seine Gedanken an SIE, wegzuwischen.
Ohne Erfolg.
Lu benetzte ein letztes Mal sein müdes Gesicht und strich dabei über eine kleine Narbe an seinem Hals.
Ein Wunder, dass ich in all den Kämpfen gegen die Kreaturen des Widernatürliche nur diese eine Narbe davongetragen habe.
Verletzt wurde Lu schon oft, meist leicht, selten wirklich schwer, aber die Wunden waren alle gut verheilt, zumindest die Körperlichen. Die Seelischen würden wohl nie gänzlich vergehen.
Immer noch gedanklich an seinen Albtraum gefesselt, zog Lu seine dunkelbraune Hose aus Spireos-Echsenleder, verstärkt mit Keweler-Stoff, der quasi undurchdringbar für fast alle Arten von Waffen war, seine schwarzen Stiefel und ein gleichfarbiges Baumwollhemd an. Dann schnallte er seinen breiten, braunen Ledergürtel um, griff seine schwarze Jacke aus Riesenwildschweinhaut, öffnete die Tür und betrat einen mit blauem Teppich ausgelegten Gang. Dieser endete bei einer schmalen hölzernen Treppe, die ihn hinunter zum Schankraum führte, wo er sich ein ordentliches Frühstück genehmigen wollte.
Als Lu seinen Fuß auf die letzte Treppenstufe setzte, knickte sein Bein plötzlich unter ihm weg. Schlagartig durchfuhr ein grässlicher Schmerz seinen linken Unterschenkel, gleich einer glühenden Eisenzange, die mit unmenschlicher Gewalt sein Bein erbarmungslos umschloss.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppte sich Lu humpelnd in den Speiseraum und setzte sich an den ersten freien Tisch auf einen grünen Plastikstuhl. Sofort umfasste er sein Bein mit beiden Händen, zog die Hose hoch und erschauderte.
Sein linker Unterschenkel war ringförmig von blauen Flecken umschlossen, wie wenn er über Nacht eine zu enge Beinfessel getragen hätte oder …
Lu erschrak, als ihm die Details seines Albtraums ins Bewusstsein flossen.
… wie wenn sich jemand - oder etwas - krampfhaft an sein Bein geklammert und es mit der Kraft eiserner Schraubzwingen festgehalten hätte.
Benem!
Er betrachtete die Verletzung etwas genauer und strich mit der rechten Hand darüber. Es tat weh. Nicht sehr, aber doch merklich.
Das, was ihm letzte Nacht passiert war, musste mehr gewesen sein als ein normaler Traum.
Aber was?
Seine Gedanken wurden durch die fröhlichen Worte der Oberin unterbrochen, die ihm einen guten Morgen wünschte. Lu bestellte Frühstück, woraufhin die Oberin mit einem Lächeln verschwand, um ihm kurz darauf ein reichliches Morgenmahl, bestehend aus Echsen-Eiern mit Gator-Speck, Brot, einem guten Stück kaltem Ziegenbraten und Ziegenmilch zu servieren.
Mit großen Augen blickte er auf den reichlich gedeckten Tisch vor sich.
“Wow, danke!”, sagte Lu begeistert mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er hatte mächtigen Hunger.
Die Oberin lächelte zurück und ließ ihn in Ruhe sein Frühstück genießen. Im Gegensatz zu dem traurigen Eintopf von gestern schmeckte das Essen wirklich hervorragend. Besonders der kalte Braten und der Gator-Speck waren so gut, dass Lu gar nicht bemerkte, dass sich die Fesseln an seinen Albtraum gelöst hatten.
Während er genüsslich und ausgiebig aß und trank, blickte er sich im Schankraum des ‘För Fremdigar’ um. Lu befand sich in einem ausladenden Raum, in dem zahlreiche kleine und größere hölzerne Tische standen, an denen braune, grüne und weiße Plastikstühle ordentlich angerichtet waren. Im vorderen Teil, nahe der hölzernen weißen Eingangstür, befand sich eine lang gezogene leicht gebogene Theke aus breiten Stücken blank poliertem Metalls, die mit schwarzen Nieten miteinander verbunden waren.
Neben der Theke stand ein hoher und breiter mechanischer Automat aus grauem Metall, aus dem sich ein Einheimischer gerade frisch gemahlenen braunen Kertush zapfte, indem er seinen Stadtausweis vor einen kleinen Sensor hielt. Außerdem spendete der Automat auf Wunsch Wasser, Tee und süßen Dornbeerensaft. Ein sehr modernes technisches Gerät, das wahrscheinlich nur wenige Gasthäuser in Istendah besaßen.
Der gesamte Boden des Speiseraums war mit hellen hölzernen Bohlen ausgelegt. Von der weiß gestrichenen Decke hingen große schwarze elektrische Lampen.
Ungefähr in der Mitte des Raumes befand sich ein echter alter Kohlekamin, der jetzt am Morgen jedoch aus war. Lu vermutete, dass er abends, wenn die Gäste ihren Feierabend genossen, angezündet wurde, um eine gemütliche, heimelige Atmosphäre zu schaffen. Zum Heizen diente der Kamin jedenfalls nicht, denn das erledigten deutlich sichtbare Radiatorrohre aus reinem Silber, die an den bis zur halben Deckenhöhe weiß vertäfelten Wänden entlang liefen.
Früher einmal war Silber wertvoll gewesen, zwar nur mäßig, aber immerhin wertvoll. Aber seit man in den ‘Rodesischen Bergen’, nahe der Stadt Rodesia, riesige Vorkommen gefunden hatte, war das Metall nicht mehr wert als dieselbe Menge herkömmliches Eisen.
Lu trank den Rest seiner Ziegenmilch und stellte den leeren Becher auf den hölzernen Tisch. Satt und glücklich erhob er sich von seinem Stuhl.
Sofort schoss ein leichter, stechender Schmerz durch sein linkes Bein, der die wohlige Blase platzen und ihn zurück in die harte Realität fallen ließ.
Verdammter Mist!
Nur vorsichtig auftretend, wollte Lu gerade zurück auf sein Zimmer gehen, wo eine wunderbare beheizbare Kupferwanne auf ihn wartete, als drei Männer lautstark den Schankraum betraten. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, gehörten sie zur hiesigen Stadtwache. Sie trugen dunkelblaue Uniformröcke mit goldenen Knöpfen und Streifen an Hüfte und Ärmelenden und königsrotem Innenfutter, was durch den Rockaufschlag unterhalb des Bauches deutlich zu sehen war. Auf ihren Schultern prangten goldfarbene Rangabzeichen. Dazu trugen sie dunkelblaue Hosen und schwarze, hohe, feste lederne Stiefel. Ihre Köpfe wurden von dunkelblauen Schirmmützen mit goldenem Band und dem Wappen Istendahs bedeckt, das den Carob Toran als Zeichen für Fortschritt und Wissen und den roten Krebs als Symbol für das Meer zeigte, welches die Bürger der Stadt schon seit Angedenken ernährte.
Im Gegensatz zu den blitzsauberen Uniformen wirkten deren Träger eher mau. Der vordere, ein mittelalter bärtiger Mann mit der Statur eines Bären und dem Aussehen eines ungewaschenen Wildschweins, schien der Hauptmann zu sein, was man unter anderem an seiner Uniform erkennen konnte, die von einer dicken goldenen Kordel an der rechten Schulter geziert wurde. An seinem breiten, schwarzen Ledergürtel trug er eine große, eiserne Stichwaffe, einen Säbel.
Die beiden einfachen Soldaten hinter ihm, beides noch junge und dürre Burschen, schulterten je eine silberne Zweihandgan, sehr seltene längliche Feuerwaffen aus der ‘Alten Zeit’, die Lu zum ersten Mal in behördlichem Dienst sah. Absolut tödlich.
Die Soldaten setzten sich an einen Tisch, der direkt vor einem der großen, schwarz gestrichenen Sprossenfenster stand, durch die die Sonne hell in den Schankraum schien. Normalerweise hätte Lu die Männer einfach ignoriert und wäre in froher Erwartung eines heißen Bades auf sein Zimmer gegangen. Aber die Worte des Hauptmanns ließen ihn innehalten.
Während dieser lauthals von einem Mord am Ufer der Sanzea berichtete und seinen beiden Frischlingen ausgiebig seine Theorien zu den Geschehnissen darlegte, setzte sich Lu scheinbar willkürlich an einen Nebentisch und lauschte gespannt dem intensiven Wortschwall.
Der bärtige Hauptmann wischte sich mit einem Stofftaschentuch einige Schweißtropfen von der Stirn, winkte die Oberin heran und bestellte einen großen Krug Schwarzbier samt drei Tonbechern. Die Oberin nickte nur und verschwand schnell hinter dem Schanktisch, nur um wenige Augenblicke später mit einem vollen Tablett in der Hand wieder hervorzukommen.
Lu erfasste die Situation blitzschnell und reagierte sofort. Bevor die Oberin den drei durstigen Männern ihr Schwarzbier bringen konnte, sprang er auf, fing die Oberin kurzerhand ab und nahm ihr das Tablett aus der Hand. Verschwörerisch zwinkerte er der verdutzten Frau zu.
Dann ließ er sich einen vierten Becher geben und lief, das Tablett mit beiden Händen fest umklammert, zu dem Tisch, an dem die drei Soldaten der Stadtwache schon sehnlichst auf die kühle Erfrischung warteten.
“Die Runde geht auf mich, meine Herren. Darf ich mich setzen?”
Alkohol galt in Istendah als Luxusgut und musste im Gegensatz zu den meisten anderen Getränken auch von den Einheimischen bezahlt werden. Den Soldaten ein Schwarzbier auszugeben würde ihm somit Tür und Tor öffnen und auch die Zungen der Anwesenden lösen. Das hoffte Lu zumindest.
Der Hauptmann der Stadtwache unterbrach seinen lautstarken Monolog abrupt und verstummte. Alle drei Soldaten richteten ihre erstaunten Blicke auf den Fremden, der an ihren Tisch getreten war.
Der bärtige Riese fixierte Lus Augen und schien nicht ganz zu wissen, was er von ihm und seinem Angebot halten sollte. Lu hatte das Gefühl, von einem Stilett durchbohrt zu werden. Der Hauptmann blickte nicht einfach in seine Augen, sondern durch sie hindurch, direkt in seine Seele.
Plötzlich lag eine gefährliche Spannung in der Luft. Lu meinte zu ahnen, dass der Bärtige gleich wutentbrannt hochfahren und auf ihn losgehen könnte.
Doch der Moment verstrich so schnell, wie er gekommen war. Der kantige Blick des Hauptmanns löste sich in einem Lachen auf.
“Jeder, der eine Runde gibt, ist bei mir willkommen. Also setzt euch, stellt die Becher auf den Tisch und schenkt ein.”
Genau das tat Lu. Als er fertig war, nahm er seinen Tonbecher, prostete den Männern zu und trank einen winzigen Schluck Schwarzbier, wobei er das Glas länger an seinem Mund ließ, als dafür notwendig war. Schließlich wollte er den Schein wahren, richtig mitzutrinken.
In Wahrheit hasste er Alkohol. Lu verstand zwar, dass sich Menschen und auch andere intelligente Lebewesen gerne die Sinne benebelten, zum Beispiel, um ihre Gedanken von dem eigenen Elend abzulenken. Er selbst weigerte sich aber normalerweise, jegliche Form von Getränken zu sich zu nehmen, die seinen Geist beeinflussten. Wahrscheinlich war er einfach schon in zu viele Situationen geraten, in denen er ohne die volle Funktionsfähigkeit seines Körpers, vor allem seines Kopfes, nicht überlebt hätte. Und eine solche Situation konnte jederzeit und überall auftreten.
Aber was tut man nicht alles, um ein paar Informationen zu bekommen.
Der Hauptmann der Stadtwache leerte seinen Becher in einem einzigen Zug, wobei ein guter Teil des Bieres den Mund verfehlte und seinen Bart besudelte, was ihm nichts auszumachen schien. Einen tiefen Rülpser später verlangte er Nachschub, wobei er Lu erwartungsvoll anstarrte.
Lu nahm den schon fast leeren Krug Schwarzbier und schenkte dem Bärtigen nach. Dieser nickte ihm dankend zu und wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als Lu ihm das Wort abschnitt.
“Werte Herren, ich habe eben zufällig mitbekommen, wie ihr über eine Leiche gesprochen habt.”
Die drei Männer hielten in ihren Bewegungen inne und schauten Lu verdutzt und gleichzeitig voller Misstrauen an.
Lu mochte weder ausladende Floskeln noch langes Drumherumreden. Er stellte lieber auf direkte Art Fragen und bekam unerwartet oft eine passende Antwort. Vielleicht waren die überrumpelten Befragten - seiner aggressiven Offenheit wegen - einfach zu überrascht, um falsch oder gar nicht zu antworten. Auf jeden Fall hatte Lu durch seinen Stil schon die ein oder andere brisante oder gar geheime Information erhalten.
Da ihn der Hauptmann und seine beiden Grünschnäbel immer noch erstarrt anstierten, beschloss er, die Spannung nicht ausarten zu lassen, sondern seine Frage in eine kleine, beruhigende Lüge einzubetten.
“Es tut mir leid. Das Ganze geht mich natürlich nichts an, aber ihr müsst verstehen: Ich bin erst seit ein paar Tagen in Istendah und die Leute reden, wo auch immer ich hinkomme, nur von diesem einen Thema, den Morden. Ich möchte nur wissen, ob ich mich nachts überhaupt noch auf die Straße trauen kann.”
Der Bärtige war der Erste, der seine Worte wiederfand. Er prustete laut los, wohl, um seine Unsicherheit zu überspielen.
“Auf die Straße trauen könnt ihr euch schon. Ihr braucht lediglich ein reiches Waffenarsenal und Mumm für drei!”
Die beiden dürren Lappen lachten pflichtbewusst, genau wie Lu - anstandshalber.
Nur nicht die Stimmung kippen lassen.
Als das Lachen langsam abebbte, fragte Lu interessiert, aber bewusst beiläufig:
“Und jetzt mal im Ernst, die Herren? Wie siehts aus? Habt ihr schon eine Spur oder eine Ahnung, wer sich da draußen rumtreibt und Leute abmurkst?”
Das Grinsen des Bärtigen stoppte abrupt. Er kniff seine stechenden Augen fest zusammen und fixierte Lu erneut voller Misstrauen.
Es dauerte einige Herzschläge, bis der Hauptmann das angespannte Schweigen brach.
“Wer seid ihr, dass ihr so seltsame Fragen stellt? Man könnte meinen, ihr habt mehr Interesse an den Morden, als ein normaler Bürger haben sollte.”
In Lus Kopf arbeitete es. Seine Gedanken rasten. Blitzschnell versuchte er, die verschiedenen Vorgehensweisen abzuwägen.
Plan A: Sich für die Neugier entschuldigen, noch einen Krug Schwarzbier ausgeben und sich möglichst schnell verdrücken.
Plan B: Offensiv vorgehen.
Er entschied sich für Plan B und sagte mit fester, ernster Stimme:
“Mein Name ist Luhni Mahjos, Sohn des ‘Ersten Beraters’ des Stadthalters von Sahrip in Danarien.”
Den Titel seines Vaters erwähnte Lu nur, wenn er sich schnell Respekt verschaffen musste.
“Mein Job ist es, ungewöhnliche Geschehnisse aufzuklären, egal welcher Art. Ich habe im offiziellen Auftrag des Stadthalters von Grauheim in Mordfällen ermittelt, ebenso in Truhnheim, Takajan, Barkstadt und zahlreichen weiteren Orten, wenn die Kopfjäger versagten und die Stadtsoldaten und Inspektoren nicht weiterkamen.”
Lu machte eine kurze Pause, damit die Soldaten das Gehörte verarbeiten konnten.
“Nun bin ich hier in Istendah. Und wie es aussieht, könnte diese Stadt ebenso meine Hilfe gebrauchen.”
Lu griff in die Brusttasche seiner schwarzen Jacke und holte zwei zusammengefaltete Blätter gelblichen Papiers heraus. Im selben Moment erhob sich der bärtige Riese und breitete seine ganze Größe vor ihm aus. Er schien wenig beeindruckt von Lus Worten, schaute verärgert auf ihn hinab und überlegte womöglich, ob er den zu neugierigen Fremden nicht einfach ins Gefängnis werfen sollte.
Die Sekunden verstrichen in angespannter Stille. Nur ein kleiner Muskel unter dem rechten Auge des Hauptmanns zuckte ganz leicht. Dann öffnete sich plötzlich sein Mund und Lu hörte ihn zu seiner Überraschung fragen:
“Geht der nächste Krug auch auf euch?”
Vollkommen perplex brauchte Lu einige Sekunden, um das Gehörte zu verarbeiten. Als er wieder ins Hier und Jetzt fand, sagte er:
“Äh, klar!
Hey, Oberin? Noch einen Krug Schwarzbier für die stattlichen Herren hier!”
Der Hauptmann grinste breit und setzte sich wieder auf seinen grünen Plastikstuhl, der unter seinem Gewicht bedenklich knarzte. Die Spannung löste sich.
Lu faltete die beiden Schriftstücke auseinander und überreichte sie dem Hauptmann. Es handelte sich um beglaubigte Dokumente aus dem merkanischen Grauheim und dem shinsundischen Takajan, die ihn als offiziellen Ermittler der Städte auswiesen, unterzeichnet von den jeweiligen Stadthaltern höchstpersönlich, die ihm für seine Verdienste dankten.
Während der Hauptmann las, murmelte er die geschriebenen Worte leise vor sich hin. Als er fertig war, gab er die Dokumente mit einem anerkennenden Nicken an Lu zurück. Jetzt schien er doch beeindruckt oder zumindest zufrieden gestellt, einen Gleichgesinnten, möglicherweise sogar einen Verbündeten an seinem Tisch zu wissen, einen behördlich anerkannten Ermittler. Er begann zu erzählen.
Sein Name war Marti Riderick, Hauptmann der Stadtwache, zuständig für das Hafenviertel Istendahs. Lu erfuhr, dass es sich bei allen fünf Mordopfern um Männer handelte. Stets wurden die leblosen Körper in seinem Revier - dem Hafenviertel - gefunden, dort, wo auch Benem ermordet worden war. Alle Leichen waren grausam verstümmelt und ihres Blutes beraubt entdeckt worden.
“Aber das ist noch nicht alles”, fuhr der Hauptmann der Stadtwache fort, nachdem auf Lus Geheiß der dritte Krug Schwarzbier serviert worden war.
“Wir haben fünf Tote. Dazu kommen noch acht vermisste Kinder!”
Lu erschrak. Gleichzeitig breitete sich in seinem Innern eine unendliche Erleichterung aus. So schrecklich die Situation auch war, so sicher konnte er sich jetzt sein, dass er der richtigen Spur nachgegangen war, dass richtige Monster verfolgt hatte. SIE!
Ermordete Männer, blutleer, verstümmelt.
Dazu entführte Kinder.
Das ist das Muster.
Das ist IHRE Handschrift.
…
Bist du es wirklich?
Riderick riss Lu aus seinen Gedanken.
“Alle Kinder sind innerhalb der letzten vierzehn Tage aus verschiedenen Stadtteilen verschwunden und bislang nicht wieder aufgetaucht. Das hat sogar die Aufmerksamkeit des Ministeriums erregt.”
Das ‘Sdotrische Ministerium’ in Istendah war das politische Zentrum, die höchste Instanz des ganzen Landes und kümmerte sich um die übergeordneten Themen Sdotriens. Es gab innenpolitische Abteilungen, die sich zum Beispiel um Gesetzes-, Bildungs- oder Gesundheitsangelegenheiten kümmerten.
Außenpolitisch erarbeitete es unter anderem Handelsabkommen, schloss Wirtschaftsverträge oder Koalitionen mit anderen Ländern. Auch militärische Belange gehörten zu den ministeriellen Aufgaben.
In Istendah selbst kümmerte sich das Ministerium vor allem um das Ansehen der Stadt, den Glanz, den sie ausstrahlte, ihre kulturelle Vielfalt und die zahlreichen Orte des Wissens.
Ein banaler Mord hingegen fiel in den Aufgabenbereich des Stadthalters und hatte für die höchste Instanz eine ähnlich große Bedeutung wie ein Rattenschiss in der Gosse. Wenn also schon das Ministerium den grauenhaften Untaten seine Aufmerksamkeit schenkte, musste die Situation von ganz oben als gravierend eingestuft worden sein.
“Das Ministerium hat sogar eine Belohnung ausgesetzt”, fuhr der Hauptmann fort.
“Wer den Mörder stellt, bekommt einen satten Beutel voller Münzen.”
“Und was ist mit den verschwundenen Kindern?”, erwiderte Lu gespannt.
“Nun, das ist ein anderer Fall. Müssen wir natürlich auch bearbeiten, aber die Morde haben Vorrang. Befehl von ganz oben.”
Marti Riderick schenkte sich auch noch den letzten Rest des Schwarzbieres ein, trank auf ex und gab einen satten Rülpser von sich. Mit erhobener Zornesstimme sagte er in zunehmend schwammiger Weise:
“Warum sucht sich dieses Pack auch immer den falschen Zeitpunkt aus!? Monatelang haben wir Ruhe vor dem Gesindel und dann meinen direkt zwei Irre gleichzeitig ihr Unwesen in Istendah treiben zu müssen!”
Lu wollte gerade zu einer weiteren Frage bezüglich der vermissten Kinder ansetzen, als sich Riderick erhob.
“Es ist Zeit. Wie ihr euch vorstellen könnt, haben wir eine Menge zu tun. Für das Bier sei gedankt.”
Der Hauptmann wandt sich zum Gehen, worauf seine beiden Anhängsel nachzogen. Zusammen verließen sie das ‘För Fremdigar’ und traten hinaus auf die Straßen Istendahs, die dieser Tage nicht nur unsicher waren, sondern Angst und Schrecken verbreiteten.
Lu saß alleine an dem hölzernen Tisch und blickte in seinen Tonbecher. Er hatte kaum etwas getrunken.
Ich war gut!
Er lächelte. So viele Informationen bereits am zweiten Tag zu erhalten, war in der Tat ungewöhnlich.
Fakt war: Diese Stadt brauchte Hilfe. Das Morden in Istendah würde zwar irgendwann von alleine aufhören, dafür aber an einem anderen Ort weitergehen.
Das kann und werde ich nicht zulassen! Diesmal nicht.
Wenn die Stadtwache wüsste, dass sie es höchstwahrscheinlich nicht mit fünf, sondern bereits mit dreizehn Toten zu tun hat.
Die entführten Kinder!
In den anderen Städten hatte die Bestie auch sie nicht am Leben gelassen.
Von wegen zwei Irre!
Es gibt nur einen Täter! SIE!
Lu stand auf. Seine Hand glitt unbewusst an seinem linken Bein hinab, tastete und fühlte. Es tat nicht mehr weh.
Pulsuz fraqment bitdi.