Kitabı oxu: «Reise durch Nordwestamerika»

Şrift:


Alexander MacKenzie

Alexander MacKenzie

REISE DURCH

NORDWESTAMERIKA

Von Montreal zum nördlichen Eismeer und zur Pazifikküste

Herausgegeben von Susanne Mayer

unter Mitwirkung von Ulrich Schlemmer


INHALT

MacKenzie: Der Abenteurer und die Company

Geschichte des Pelzhandels in Kanada

Alexander MacKenzie’s, Esq., Reisen durch Nordwestamerika

Vorrede des Verfassers

Tagebuch einer Reise ans Eismeer im Jahre 1789

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Tagebuch einer zweiten Reise zum Pazifik 1792–1793

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Literaturhinweis

Bildnachweis

MACKENZIE: DER ABENTEURER UND DIE COMPANY

Kanada – das ist für viele nicht nur ein geografischer Begriff, sondern auch ein Traum. In einer Welt der beengten Lebensräume, der bedrohten Tierarten, der verschmutzten Umwelt verbindet sich mit diesem Land die Vorstellung von unzähligen Seen mit glasklarem Wasser, von undurchdringlichen Wäldern, reißenden, sauberen Flüssen, hohen Bergen mit schneebedeckten Gipfeln und einer vielfältigen Tierwelt. Kanada – das ist auch ein Traum von Abenteuer und freiem Leben in unberührter Natur.

Nun sind solche romantischen Vorstellungen heute nur noch bedingt realistisch, denn die Probleme unseres Zeitalters der Energieverknappung haben auch vor Kanada nicht haltgemacht: Riesige Gebiete des Landes werden unter Wasser gesetzt, Staudämme gebaut und Kraftwerke errichtet, wobei Lebensraum für Mensch und Tier zerstört und traditionelle Lebensweise vernichtet wird. Und doch: Noch immer zählt Kanada für viele Europäer zu einem der beliebtesten Auswanderungsziele; noch immer kann Kanada dem einzelnen Menschen genügend Lebensraum bieten. Das zweitgrößte Land der Erde besteht auch heute noch, über 400 Jahre nach Beginn seiner Besiedelung durch Europäer, zu einem beträchtlichen Teil aus unerschlossener Wildnis. Es hat einer völligen Inbesitznahme durch den Menschen und die moderne Zivilisation erfolgreich widerstanden, auch wenn es natürlich kartografisch voll erfasst ist. Noch vor 200 Jahren war das anders. Die ersten Einwanderer konnten sich lediglich in den Küstenregionen festsetzen, denn es verlangte schon außergewöhnlichen Mut, sich in das Innere dieses unwegsamen Landes vorzuwagen. Noch niemand hatte dieses riesige Land von Osten bis zur Pazifikküste durchquert.

Einer der Männer, die diese Herausforderung annahmen, war der Schotte Alexander MacKenzie. Als er im Jahre 1789 zu seiner ersten Expedition aufbrach, konnte er sich über das, was ihn erwartete, nur ein äußerst undeutliches Bild machen. Weder hatte er Landkarten zur Hand noch besaß er genaue Vorstellungen über die Entfernungen, die zurückzulegen waren. Er konnte sich lediglich auf einige spärliche, dazu meist recht unsichere geografische Angaben von Trappern und Indianern stützen, die aus den Wäldern kamen, um in den am Rande der Wildnis errichteten Forts der Pelzgesellschaften ihre Felle zu verkaufen. Im Klaren war sich Alexander MacKenzie nur über Ziel und Zweck seiner Expedition: vom Osten Kanadas aus einen Weg zum Pazifik zu finden. Der erste Versuch schlug fehl; MacKenzie und seine Begleitmannschaft hatten zwar eine Küste erreicht, doch es war die des Nordpolarmeeres. Drei Jahre später startete er eine zweite Expedition, deren Ausgang erfolgreich war.

Heute trägt nicht nur der zweitlängste Fluss Nordamerikas seinen Namen, sondern auch der »District of Mackenzie« im Norden Kanadas, ein Gebiet, größer als England und Frankreich zusammen!

MacKenzie führte auf seinen beiden Forschungsreisen genauestens Buch über die Beschaffenheit des Landes und legte Karten an – damit hat er sich um die geografische und kartografische Erschließung Kanadas, seinerzeit noch größtenteils ein »weißer Fleck«, sehr verdient gemacht. Ganz besonders hat er dazu beigetragen, den Nordwesten des Landes zu erschließen, die »Northwest Territories«. Sie nehmen mit ihren ca. 3,4 Millionen Quadratkilometern unter den heutigen Verwaltungsbezirken Kanadas den größten Raum ein.

Die ersten Menschen, die dieses riesige Gebiet bevölkerten, kamen vor ungefähr 10 000 Jahren über die Landbrücke, die Asien damals mit dem amerikanischen Kontinent verband; in späteren Jahren wurde das Eis der »Beringstraße« zum Verbindungsweg zwischen Asien und Amerika. Diese ersten Einwanderer zogen quer durch Alaska und das Yukon Territory in die Gebiete der Northwest Territories um den Großen Bärensee und den Großen Sklavensee und zogen mit den Herden der Karibus weiter in Richtung Süden bis ins Gebiet der heutigen USA. Die Prärieindianer stammen vermutlich von ihnen ab.

Etwa 2000 Jahre waren die Gletscher in den Territories fast zusammengeschmolzen, die Gebiete entlang des »Mackenzie River«, um den Großen Sklaven- und Großen Bärensee und die westliche Arktisküste eisfrei. Allmählich verschob sich die Waldgrenze weiter nach Norden bis zu ihrem heutigen Verlauf. Das langsam wärmer werdende Klima lockte immer mehr Indianer aus der Prärie in den Norden, wo sie sich hauptsächlich in den wildreichen Waldgebieten aufhielten, feste Jagdgewohnheiten entwickelten und Ansiedlungen gründeten. Einige Stämme folgten den ebenfalls nordwärts ziehenden Karibuherden bis in das Tundragebiet entlang der Küste des Nordpolarmeeres, kehrten aber jeden Winter in die Wälder zurück, wo sie Nahrung und Brennholz finden konnten.

Zu dieser Zeit überquerten auch die Vorfahren der heutigen Eskimos vom Nordosten Asiens her das Eis der Beringstraße und zogen in Richtung Osten durch die kanadische Arktis. Dank ihrer vorzüglich ausgebildeten Jagdtechnik, insbesondere bei der Seehundjagd, konnten sie sich das ganze Jahr über mit Nahrung versorgen und in dieser menschenfeindlichen Region überleben.

Im Verlauf der nächsten Jahrtausende siedelten sich die Indianer immer mehr in den Wäldern an, die Eskimos hingegen im Tundragebiet, auf den nördlichen Inseln und an der Küste des Eismeeres. Um die Jahrtausendwende n. Chr. drangen noch einmal Eskimos über die Beringstraße und Alaska nach Kanada vor. Zu jener Zeit hatten weiter südlich die meisten Indianer ihre festen Gebiete und betrieben zum Teil sogar schon Ackerbau.

Als im 16. Jahrhundert, dem Zeitalter der europäischen Kolonialexpansion und überseeischen Entdeckungen, die ersten Europäer nach Kanada aufbrachten, lebten in den Territories etwa 50 000 Indianer der verschiedensten Stämme und einige Tausend Eskimos.

1535 hatte der Franzose Jacques Cartier das Gebiet um den Sankt-Lorenz-Strom erforscht; für viele seiner Landsleute waren seine Berichte Anreiz genug, ein neues Leben zu wagen und sich dort anzusiedeln. Die Reichtümer der kanadischen Wälder lockten auch bald die Engländer an, doch wurden sie alles andere als willkommen geheißen und mussten vor den ansässigen französischen Siedlern in den Norden ausweichen. Die beiden Kolonialmächte Frankreich und England hatten schnell erkannt, welche Bedeutung die Ausbeutung des riesigen Pelzreichtums für den wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Länder haben konnte. Die Geburtsstunde des internationalen Pelzhandels war gekommen. Überall im Osten des Landes errichteten Pelzhändler am Rande der Wildnis ihre Blockhütten, um von hier aus Handel zu treiben. Handelspartner waren die im Nordosten in den Wäldern lebenden sogenannten »Wilden«, die man mit europäischen Gebrauchsartikeln und »Feuerwasser« dazu brachte, im Austausch dafür der »zivilisierten« Welt ihre auf einsamen Jagdzügen erbeuteten Pelze zu liefern.

1670 wurde als Instrument und Repräsentant britischer Kolonialinteressen in Nordamerika die Hudson Bay Company gegründet, die im Laufe der Zeit zu einem der größten Handelsimperien der Erde werden sollte. Ihr erfolgreiches Vorgehen in Kanada beruhte zunächst einmal darauf, dass sie ihre Handelsniederlassungen weiter nach Norden vorschob und sich dabei immer größere Gebiete in der Wildnis der Northwest Territories erschloss. Als der damalige englische König, Karl II., die Bedeutung der Hudson Bay Company für die Wirtschaft Englands erkannte – die Männer der Company hatten den gesamten Pelzertrag des ersten Jahres ihrer Arbeit an den Königshof geschickt –, sagte er ihr seine volle Unterstützung zu. Am 2. Mai 1670 unterzeichnete er eine »Royal Charta«, einen Handelsbrief, in dem der Gesellschaft zu Handelszwecken ein Gebiet von 1,5 Millionen Quadratmeilen – ca. 40 % des heutigen Kanadas – überschrieben wurde. Dies beinhaltete das Handelsmonopol und die Gerichtsbarkeit in diesem Gebiet wie auch das Recht, eine eigene Flagge zu führen.

Natürlich waren diese Besitzansprüche der Engländer den Franzosen ein Dorn im Auge, hatten sie doch als Erste den Fuß in dieses Land gesetzt und damit auch das »Recht« auf dessen Ausbeutung! Immer weiter stießen sie über die Flüsse des Sankt-Lorenz-Strom-Gebietes ins Landesinnere vor, versuchten verzweifelt, den Handelsbestrebungen der Engländer Widerstand entgegenzusetzen und selbst mit den Indianern Geschäfte zu machen. Bis 1713 herrschte zwischen Engländern und Franzosen offener Krieg, wobei beide Teile sich bemühten, die Indianer auf ihre Seite zu ziehen – doch bei den Friedensverhandlungen in Utrecht erlitt Frankreich eine Niederlage: Es musste seine Ansprüche auf die Gebiete der Hudson Bay Company, auf Akadien und Neufundland an England abtreten. Obwohl die Company nun fest etabliert war, hinderte dies die Franco-Kanadier nicht, ihr weiterhin heftig Konkurrenz zu machen. Allerdings waren sie, da die schon erschlossenen östlichen Küstenregionen in englischem Besitz waren, gezwungen, ihre Niederlassungen mehr im Landesinneren anzulegen. Zwar waren auch die Engländer daran interessiert, den Pelzhandel mit im Nordwesten jagenden Indianern auszuweiten, doch ihre in diese Gebiete ausgeschickten Expeditionen waren ziemlich erfolglos. So ging der Kampf um die Vorherrschaft im Pelzgeschäft erbittert weiter, bis im Frieden zu Paris im Jahre 1763 Frankreich seine verbliebenen nordamerikanischen Besitzungen und damit auch Kanada an England abtreten musste.

Doch die Hudson Bay Company sollte sich über ihren Sieg nicht lange freuen können: Schottische Einwanderer hatten ohne staatliche Unterstützung zwei bedeutende private Handelsgesellschaften gegründet, die Montreal Company und die Northwest Company. Beide hatten ihren Sitz in Montreal und verschiedene Niederlassungen im ehemals französischen Kanada. Die Erfahrung französischer Pelzhändler nutzend, stießen sie immer weiter nach Nordwesten vor und schnitten die Hudson Bay Company allmählich von ihren Inlandquellen ab.

Diese neuen Gesellschaften arbeiteten nach einem strengen Leistungsprinzip, das von ihren Angestellten viel Privatinitiative erforderte. So konnten junge Männer nach einer mehrjährigen Lehrzeit in den Kontoren in Montreal zu sogenannten »Junior Clerks« aufsteigen. Die besonders Tüchtigen wurden in die Wildnis zu einer der Niederlassungen der Gesellschaften geschickt, wo sie dem »Postenchef« zur Hand gingen. Bewährten sie sich, avancierten sie zum »Clerk« und konnten nach einer gewissen Probezeit zum Leiter eines Außenpostens mit eigenem Distrikt ernannt werden. Ihr ganzer Erfolg hing nun von ihren Pelzlieferungen nach Montreal ab. Um erfolgreich zu sein, mussten sie neue Fanggebiete erschließen und mit den Indianern, die in ihrem Distrikt auf Jagd gingen, handelseinig werden. Konnten die jungen Postenchefs die Gewinne für ihre Gesellschaft so beträchtlich erhöhen, dass sie unentbehrlich wurden, erklärte man sie zu Partnern, d. h. zu Mitgesellschaftern der Company.

Für viele junge Männer, die diese Laufbahn einschlugen, gab es ein leuchtendes Vorbild: Alexander MacKenzie.

Wahrscheinlich 1755 in Inverness in Schottland geboren – leider gibt es über ihn nur wenige gesicherte biografische Daten –, kam er ungefähr im Alter von zehn Jahren als Halbwaise mit seinem Vater nach New York, wo Verwandte lebten. Als 1775 in Neu-England der Unabhängigkeitskrieg Nordamerikas ausbrach, kämpfte MacKenzies Vater aufseiten der königlichen Truppen Georgs III. und fiel. Der junge Alexander wurde von Verwandten nach Montreal geschickt, wo er 1779 in die Dienste der Montreal Company eintrat. Schon nach zwei Jahren war er persönlicher Sekretär des Direktors der Gesellschaft, Alexander MacLeod, nach vier Jahren bekam er Handlungsvollmacht, und kurz darauf wurde er als Postenchef nach Detroit, damals noch eine kleine Siedlung am Rande der Wildnis, beordert. Hier bewährte er sich so glänzend, dass er nach wenigen Monaten zum Partner der Montreal Company ernannt wurde, allerdings unter der Bedingung, den entlegensten Außenposten der Gesellschaft am Churchill River zu übernehmen. Diese Aufgabe war nicht ungefährlich, da er dabei in einen Distrikt vorstieß, auf den die Northwest Company Anspruch erhob. Denn schon 1773 hatte Joseph Frobisher den Churchill River entdeckt und Thomas Frobisher, der Gründer der Northwest Company, hier eine erste Niederlassung aufgebaut. Alexander MacKenzie jedoch war dieser Aufgabe gewachsen. Er überzeugte seinen Kontrahenten von der Northwest Company, Cuthbert Grant, dass es besser sei, gemeinsame Sache zu machen, und zwar gegen die Hudson Bay Company, in deren Gebiet sie ja beide eingedrungen waren. Diese Taktik leuchtete auch den Handelsherren in Montreal ein; 1784 schlossen sich die Montreal und die Northwest Company unter dem Namen der Letzteren zusammen, um gemeinsam den Kampf gegen das Handelsmonopol der Hudson Bay Company anzutreten.

Da die Hudson Bay Company bis auf die Expedition von Samuel Hearne, die er 1769 im Auftrag dieser Gesellschaft unternommen hatte1, in der Erforschung des Nordwestens von Kanada keine großen Erfolge zu verzeichnen hatte, setzte sich die neugegründete Northwest Company das Ziel, auch in diese Gebiete vorzudringen. Erstens sollten dadurch dem Pelzhandel neue Jagdgründe erschlossen werden, und zweitens wollte man, seit Langem schon ein britisches Anliegen, durch das Landesinnere die westliche Küste Nordamerikas erreichen, um auch dort koloniale Gebietsansprüche geltend machen zu können. Seit dem 15. Jahrhundert hatten sich englische Seefahrer auf die Suche nach einer Nordwestpassage durch den nordamerikanischen Kontinent begeben und versucht, an den Küsten einen schiffbaren Fluss landeinwärts zu finden: 1497/98 John Cabot, 1508/09 Sebastian Cabot, 1576 Martin Frobisher, 1610/11 Henry Hudson, 1612 Thomas Button, 1616 William Baffin, 1631 Luke Fox und 1633 Fox und Thomas James. Neben dem entdeckerischen Reiz würde eine solche Passage auch und vor allem einen kürzeren und direkteren Verbindungsweg in den Südwesten Amerikas bedeuten und damit eine billigere Absatzmöglichkeit für den Pelzhandel mit Asien, vor allem China. Denn der kostenaufwendige Handelsverkehr lief bisher über Quebec, London, Petersburg, Jakutsk und Ochotsk; die kanadischen Pelze machten somit eine Reise fast um die ganze Erde. Zur Zeit Alexander MacKenzies hatte vor allem die 1778/79 von Captain James Cook unternommene Reise Aufsehen erregt. Cook war die pazifische Küste hinaufgesegelt und in jede Bucht eingedrungen, um einen schiffbaren Fluss nach Osten zu finden – doch ohne Resultat. Er hatte im nach ihm benannten »Cooks Inlet« an der Südwestküste Alaskas wegen starken Packeises umkehren müssen. Allerdings berichtete er von großen Pelzvorkommen an dieser Küste.

Der bis dahin wagemutigste Mann der Northwest Company war ein gewisser Peter Pond, der für seine Gesellschaft einen Außenposten am Athabaska-See gegründet hatte und bis an den Peace River und den Großen Sklavensee gekommen war. Auch Cuthbert Grant und Laurent Le Roux, Angestellte der Montreal Company, hatten sich so weit ins Landesinnere vorgewagt. Nach einem längeren Erfahrungsaustausch mit diesen drei Männern fasste Alexander MacKenzie Anfang des Jahres 1789 den Plan, die Suche nach einer Nordwestpassage fortzusetzen. Er hoffte, in der Verlängerung des Peace River einen Fluss zu finden, der in nordwestlicher Richtung verliefe und in Cooks Inlet mündete, und hatte die Absicht, zu Ehren Captain Cooks diesen Fluss »Cook River« zu taufen. Da in diesem wasserreichen Land mit seinen zahllosen reißenden Strömen der Erfolg einer Expedition hauptsächlich davon abhing, ob man den Gefahren der Wildgewässer gewachsen war, bildete MacKenzie seine Mannschaft aus fünf erfahrenen und für ihre Geschicklichkeit berühmten Kanuführern: Charles Ducette, Joseph Landry, François Barrieau, Pierre de Lorme und Johann Steinbrück. Außer dem Preußen Steinbrück hatten alle französische und teilweise indianische Vorfahren. Laurent Le Roux, Clerk der Company, schloss sich ebenfalls der Expedition an. Er wollte bis zum Großen Sklavensee mitkommen und dort eine neue Niederlassung aufbauen. MacKenzie hatte außerdem drei Indianer vom Stamme der Chipewyan angeheuert, die zur Besatzung des Athabaska-Forts gehörten und seit Jahren als Pfadfinder und Dolmetscher in Diensten der Company standen. Der Bedeutendste unter ihnen war zweifellos »English Chief«. Weiße wie Indianer kannten ihn nur unter diesem Namen. Er war im Fort Princeton-of-Wales, einem Posten der Hudson Bay Company, aufgewachsen und sprach fließend Englisch. Ebenfalls zur Equipe gehörten seine beiden Frauen.

Am 3. Juni 1789 brach die Expedition MacKenzie vom Athabaska-See aus auf. Ihre Kanus waren aus Birkenrinde gefertigt, und in diesen leichten, zerbrechlichen Booten sollte sie während der nächsten 100 Tage mehr als 3000 Kilometer zurücklegen. Die Männer und Frauen mussten auf dieser Reise bitterste Kälte ertragen, reißende Stromschnellen und Wasserfälle bezwingen, steile Felsküsten emporklettern und konnten dem Tod oft nur knapp entrinnen. Mit allen Mitteln versuchte das Land, sich den Eindringlingen zu widersetzen. Dazu kamen die Angst vor den Eingeborenen, die noch nie einen Weißen zu Gesicht bekommen hatten und ihnen womöglich feindlich begegneten, und das Unglück, mehrere Male von eingeborenen Führern im Stich gelassen zu werden. Trotz aller Strapazen und Gefahren, die die Mannschaft auf sich genommen hatte, blieb diese Expedition ohne das Ergebnis, das man sich von ihr erhofft hatte. Alexander MacKenzie war aufgrund der ungenauen geografischen Angaben, die ihn die Richtung bestimmen ließen, statt nach Westen (auf dem später nach ihm benannten Fluss) über den nördlichen Polarkreis hinausgekommen. Die Expedition war am 13. Juli 1789 bei 69°14' nördl. Breite an der Küste des Arktischen Ozeans, in der heute so benannten Beaufort-See, gelandet und musste unverrichteter Dinge umkehren.

Nach seiner Rückkehr an den Athabaska-See reiste Alexander MacKenzie im Winter 1791/92 nach London, um dort seine Kenntnisse über astronomische Berechnungen und die Geografie des Westens Nordamerikas zu vertiefen. Er hatte vor, eine zweite Expedition zu wagen.

Am 10. Juli 1792 brach er erneut von Fort Chipewyan, der Niederlassung am Athabaska-See, auf; diesmal waren seine Begleiter Joseph Landry und Charles Ducette (beide zum zweiten Mal dabei), François Courtois, Jacques Beauchamp, François Beaulieux, Baptiste Bisson, zwei indianische Jäger und Dolmetscher, von denen der eine den Namen Cancre trug, und MacKenzies Hund. Zunächst einmal fuhren sie den Peace River hinauf und errichteten dort einen neuen Außenposten, Fort Fork, in dem sie überwinterten. Im Frühjahr 1793 stieß Alexander MacKay zu ihnen, ein Junior Clerk der Company, der sich auf dieser Expedition seine ersten Sporen verdienen wollte. Die eigentliche Entdeckungsreise begann am 3. Mai 1793 und führte den Peace River Cañon hinauf bis an dessen Quelle in den Rocky Mountains. Um über das riesige Felsengebirge zu kommen, mussten die Männer weite Strecken Gepäck und Kanu auf ihren Schultern tragen. Schließlich stießen sie auf den Fraser, über dessen Verlauf MacKenzie damals noch keinerlei Kenntnisse besaß. Er konnte nur hoffen, auf ihm bis an den Pazifischen Ozean zu gelangen. Doch die Berichte dort lebender Indianer überzeugten ihn davon, dass die Reise auf diesem Fluss zu lange und zu beschwerlich würde. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine der Expedition schon müden Männer dazu zu bringen, den Fraser wieder ein Stück zurückzufahren und an einer von den Indianern angegebenen Stelle auf dem Landweg nach Westen zu marschieren. Ihr Kanu und einen Großteil des Gepäcks ließen sie zurück und erreichten nach mehreren Tagen den kleinen Fluss Bella Coola. In einem indianischen Kanu, das ihnen dort ansässige Eingeborene zur Verfügung gestellt hatten, gelangten sie zur Mündung des Flüsschens im Queen-Charlotte-Sund. Am 22. Juli 1793 hatten sie, nördlich der Vancouver-Insel, die Küste des Pazifischen Ozeans erreicht. Die Freude über das Gelingen der Expedition war allerdings getrübt, da sie von Küstenbewohnern umringt wurden, die ihnen alles andere als freundlich gesinnt waren; außerdem hatten sie noch einen äußerst mühevollen Rückweg zu bewältigen. – Am 24. August kehrten die Männer unversehrt nach Fort Fork zurück; 107 Tage waren sie unterwegs gewesen und hatten 4500 Kilometer zurückgelegt. Sie hatten zwar die Westküste erreicht, doch die Hoffnung, eine schiffbare Passage von Osten nach Westen zu finden, vom Peace River aus in den Columbia River, dessen Mündung in den Pazifik einst Captain Cook schon entdeckt hatte, zu gelangen, hatte sich nicht erfüllt. Der von MacKenzie begangene Weg war für die Northwest Company nicht effektiv genug, er barg zu viele Schwierigkeiten.

Erst Jahre später entdeckten Simon Fraser (1806/1808), David Thompson (verschiedene Expeditionen zwischen 1792 und 1812) und James Finlay, alle drei in Diensten der Northwest Company, bessere Wege über die Rocky Mountains; es sollte noch über 20 Jahre dauern, bis der Handel in Richtung Pazifikküste organisiert war und jenseits der Felsengebirge neue Außenposten entstanden. Die Besiedelung der Westküste mit weißen Kolonisten begann erst Mitte des vorigen Jahrhunderts, besonders mit der Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahnlinie im Jahre 1886.

Jene Gebiete, die Alexander MacKenzie als erster Weißer betrat, sind auch heute noch zum größten Teil unerschlossen und hauptsächlich von Indianern bewohnt.

Nach seiner Rückkehr ins Fort Chipewyan im Winter 1792 verbrachte Alexander MacKenzie einige Monate mit Pelzgeschäften in der Gegend um den Athabaska-See. Im Jahr darauf fuhr er nach Montreal, um dem Generalgouverneur von Kanada Bericht zu erstatten. Er wurde mit großen Ehren empfangen und seine Expedition als großartige Leistung gewürdigt. Anschließend reiste er nach London, um die Veröffentlichung seiner Tagebücher über die »Voyages« in die Wege zu leiten. Dort empfing ihn Georg III., der ihn in Anerkennung seiner Verdienste um das britische Weltreich am 10. Februar 1802 zum Ritter schlug.

Sir Alexander – wie er sich nun nennen durfte – gewann in den folgenden Jahren immer größere Bedeutung im kanadischen Pelzgeschäft. Sein großes Ziel war die Vereinigung der Hudson Bay Company mit der Northwest Company. Im Jahre 1804 versuchte er zusammen mit einem Londoner Geschäftsmann, die Hudson Bay Company aufzukaufen, was allerdings misslang. 1805 bot er im Namen seiner Gesellschaft der Hudson Bay Company jährlich 2000 Pfund, wenn sie Anteile ihrer Privilegien abtreten würde – was abgelehnt wurde. Sir Alexander, der im Winter in London und im Sommer in Montreal lebte, ließ sich zum Abgeordneten des englischen Bezirks Huntingdon County wählen und bemühte sich 1808, Mehrheitsanteile der Hudson Bay Company zu erwerben, um sie auf diesem Weg mit der Northwest Company verschmelzen zu können. Doch sein Partner, Lord Selkirk, verriet die gemeinsame Sache, indem er durch MacKenzie die meisten Anteile aufkaufen ließ und sich heimlich daranmachte, die Hudson Bay Company zu reorganisieren.

Der Kampf der Northwest Company gegen die Hudson Bay Company, die ihren Herrschaftsbereich immer noch mehr zu vergrößern suchte, wurde immer erbitterter. Sir Alexander hatte inzwischen geheiratet und eine Familie gegründet, mit der er auf einem Landgut in Avoch, Ross-shire, lebte. 1820 verstarb sein größter Feind, Lord Selkirk, doch Sir Alexander konnte daraus für seine Gesellschaft keinen Nutzen mehr ziehen. Er überlebte ihn nur um ein paar Wochen. Am 11. März 1820 erlag er in Mulnair bei Dunkeld einer plötzlichen Krankheit.

Ein Jahr nach seinem Tod zeigte sich der Erfolg seiner Bemühungen: Hudson Bay und Northwest Company schlossen sich unter der Flagge der Hudson Bay Company zusammen. Im selben Jahr (1821) erhielten die vereinigten Gesellschaften vom Parlament in London das Handelsmonopol über folgende Gebiete: 1. das Nord-Department, zwischen der Nordgrenze der USA und der Arktis im Norden, der Hudson Bay im Osten und den Rocky Mountains im Westen; 2. das Süd-Department, zwischen der James Bay, den Provinzen von Ober- und Unterkanada und der östlichen Küste der Hudson Bay; 3. das Montreal-Department, Ober- und Unterkanada und die Königlichen Außenposten, das spätere Labrador, und 4. den Columbia-District.


Lord Selkirk

Im Jahre 1867 kam die kanadische Konföderation zustande. Das Land wurde zu einem selbstständigen Staat deklariert und unter eine eigene Verwaltung gestellt. Für die britische Kolonialmacht und ihren Repräsentanten, die Hudson Bay Company, bedeutete dies das Ende ihrer Regierungsgewalt und der unbegrenzten Ausbeutung in diesem Teil der Erde.

Alexander MacKenzies Reisebericht erschien 1802 in London unter dem Titel: Voyages from Montreal, on the River St. Laurence, through the Continent of North America, to the Frozen and Pacific Oceans; in the Years, 1789 and 1793. With a preliminary Account of the Rise, Progress, and present State of the Fur trade of that Country.

Dieses Werk enthält die Tagebuchaufzeichnungen MacKenzies über beide Reisen. Was dabei besonders auffällt, ist sein Stil: MacKenzie muss mit einer scharfen Beobachtungsgabe ausgestattet gewesen sein, denn es entging ihm nicht die geringste Kleinigkeit. Minutiöse Beschreibungen ermöglichen dem Leser, der Expedition auf auch noch so kleinen Streckenabschnitten zu folgen. MacKenzie notiert jede Windung des Flusses, jede Steigung der zu überwindenden Höhen, berechnet mehrmals täglich die zurückgelegten Etappen und die dafür benötigte Zeit. Er zählt alle Tiere auf, die er zu Gesicht bekommt, beschreibt aufs Genaueste die Vegetation der durchfahrenen Landstriche und schildert bis ins kleinste Detail seine Begegnungen mit den Eingeborenen, ihr Aussehen, ihre Sitten, Waffen und Geräte. Obwohl MacKenzie keinerlei wissenschaftliche Ausbildung genossen hatte und seine Expedition aus geografischen und wirtschaftlichen Gründen unternommen wurde, ist sein botanisches und vor allem ethnologisches Interesse bemerkenswert. Wenn man dazu bedenkt, unter welch schwierigen Bedingungen er seine Aufzeichnungen anfertigen musste, nach all den Strapazen, die sich Tag für Tag wiederholten, körperlich und geistig völlig erschöpft, so ist seine Präzision und sein Durchhaltevermögen geradezu bewunderungswürdig. Was der Leser in seinen Berichten vielleicht vermissen mag, sind Farbe und Stimmung: MacKenzie schildert selten irgendwelche Eindrücke oder persönliche Empfindungen. Kein persönliches Wort verliert er über sich selbst, über seine Gefährten, über das große Abenteuer und die Gefühle, die die Männer nach der täglichen Überwindung zahlloser Gefahren gehabt haben müssen. Auch kein Wort über den eigentlichen Zweck der Expedition, über ihre Probleme und die Zweifel an ihrem Gelingen. Doch geben die Aufzeichnungen dadurch ein wahrheitsgemäßes Bild des spröden Charakters ihres Verfassers wider. Der deutsche Übersetzer des Werkes schreibt 1802 in seinem Vorwort: »Ohne Zweifel würde mancher andere, der solche Entdeckungen gemacht und solche Gefahren und Schwierigkeiten besiegt hätte, es seinem Zwecke angemessener gefunden haben, durch eine mehr für das größere Lesepublikum berechnete Verarbeitung seiner Materialien, allenfalls mit Zuziehung einer geübten Feder, einen vorteilhafteren Eindruck zu machen. Der bescheidene und in der Kunst der Schriftstellerei nicht geübte Verfasser gab der ursprünglichen Tagebuchform den Vorzug und lieferte auf diese Art ein freilich wenig anziehendes, aber des Vertrauens der Leser desto würdigeres Werk, das die nach und nach entdeckten Flüsse und Gegenden nebst deren Bewohner und die täglichen Abenteuer bloß der Zeitfolge nach, jedoch mit aller ihm in seiner Lage möglichen Genauigkeit darstellt.«

Es scheint fast, als habe Alexander MacKenzie seinen Bericht zu einem Handbuch für die ihm auf dem Fuße folgenden Pelzhändler bestimmt, mit der Intention, sie über alle Vorkommnisse, denen sie in diesen Gebieten begegnen könnten, zu informieren.

Als Grundlage für die hier vorliegende Bearbeitung diente die erste deutsche Übersetzung, die schon 1802 in Hamburg erschien. Waren betreffs der Übersetzung Zweifel angebracht, wurde parallel dazu die englische Originalausgabe herangezogen. Etwa ein Viertel des Textes fiel Kürzungen zum Opfer – zum größten Teil Stellen mit akribischen Zeit- und Ortsangaben und etwas ermüdenden Beschreibungen vereinzelter Streckenabschnitte. Dabei sollte jedoch der Verlauf der Reise nicht unterbrochen werden, sodass der Leser, gemäß der Intention MacKenzies, die Expedition Schritt für Schritt verfolgen kann.

Die dem Text hinzugefügten Anmerkungen sollen dazu dienen, die geografischen Angaben MacKenzies mit den heute bekannten Bezeichnungen zu bestimmen, Begriffe aus dem Alltagsleben der sogenannten »Nordmänner« zu erklären und den Verlauf der Reise, soweit im Text nicht ohne Weiteres verständlich, zu kommentieren. Anmerkungen des Verfassers selbst oder des Übersetzers wurden entsprechend gekennzeichnet.

Um die Übersetzung ihres zeitspezifischen Kolorits nicht zu berauben, wurde sie bis auf stilistische, grammatikalische und orthografische Korrekturen unverändert übernommen, lediglich bei allzu antiquierter Diktion etwas modernisiert. Eigennamen und geografische Bezeichnungen wurden, wenn sie in ihrer englischen Schreibweise in deutschen Atlanten und Lexika zu finden sind, wieder rückübersetzt bzw. dem Original entnommen.

Sicher ist dem aufmerksamen Leser nicht entgangen, dass im Titel des Werks von Alexander MacKenzie nicht nur seine beiden Reisen aufgeführt sind, sondern auch eine Abhandlung über Entwicklung und Organisation des kanadischen Pelzhandels: … With a preliminary Account of the Rise, Progress and present State of the Fur trade of that Country. Diese »Abhandlung« dient sowohl zum Verständnis der Zustände im Pelzgeschäft Nordamerikas der damaligen Zeit als auch der Ansichten MacKenzies über neue Möglichkeiten. Außerdem werden hier Begriffe erläutert, die in den Reiseberichten ganz selbstverständlich verwendet werden und die dem Leser nicht unbedingt bekannt sind. Deshalb erschien es mir sinnvoll, den Reiseberichten eine bearbeitete Kurzfassung jener auch von MacKenzie als Einführung gedachten »Geschichte des Pelzhandels« voranzustellen. – Leider kam aus Platzgründen eine Aufnahme des gesamten Textes nicht in Frage. – Durch diese nachfolgende Kurzfassung wird dem Leser ein leichterer Zugang zu den Reiseaufzeichnungen ermöglicht, und zudem kann der Charakter von MacKenzies Gesamtwerk doch einigermaßen bewahrt werden. Textgrundlage ist die in einer Reihe verschiedener Reisebeschreibungen veröffentlichte Ausgabe: Alexander Mackenzie’s Reise nach dem nördlichen Eismeere … (Weimar 1802).

Susanne Mayer

1Samuel Hearne, Abenteuer im arktischen Kanada. Auf der Suche nach der Nordwest-Passage 1769–1772. Edition Erdmann.

GESCHICHTE DES PELZHANDELS IN KANADA

Als 1763 den Engländern Kanada abgetreten wurde, hatten die Clerks der Hudson Bay Company, die seit 1670 an der nördlichen und nordwestlichen Küste dieser Gegend ihre Niederlassungen hatten, nur die Ufer einiger Flüsse untersucht, die von Süden her in jenen Meerbusen münden; ebenso hatten sie dessen westliche und nördliche Buchten und Einfahrten erforschen lassen, jedoch ohne die seit Langem gesuchte Durchfahrt zu finden und ohne irgendeinen Gewinn für die Geografie zu erzielen. Die französischen Pelzhändler und Kundschafter waren dagegen von Montreal aus weit nach Westen vorgedrungen und hatten am großen Winnipeg-See und an dem ansehnlichen Fluss Saskatchewan Winterhütten oder mit Palisaden umgebene »Ostrogs« genannte Forts angelegt. Diese Entdeckungen blieben aber den europäischen Geografen verborgen: entweder, weil die kanadischen Abenteurer Gründe hatten, die Quellen ihres Handelsgewinns geheim zu halten, oder weil sie zu roh und ungebildet waren, die Lage der von ihnen bereisten Landstriche anzugeben. Weiter als oben angegeben waren die Kanadier unter französischer Herrschaft nicht gekommen. Doch sollen damals schon zwei Pelzhändler versucht haben, jenseits des Saskatchewan bis an die Südsee2 vorzudringen. Da man aber nicht weiß, welchen Weg sie wählten, wie weit ihnen ihr Vorhaben gelang und sich ihre Namen nicht erhalten haben, ist es wahrscheinlich, dass sie unter den Wilden ihr Grab fanden.

Am Ende des Siebenjährigen Kriegs waren die westlichen Grenzen Kanadas weiter ausgedehnt, als die neuen Herren des Landes mutmaßten3, und die äußersten Niederlassungen der Pelzhändler lagen auf 53° nördl. Breite und 102° westl. Länge; doch dauerte es Jahre, ehe die Engländer den durch den Krieg unterbrochenen Handel mit den Indianern wieder aufnahmen. Gründe dafür waren die Sprachschwierigkeiten mit den Eingeborenen, deren feindliche Gesinnung, da die meisten von den Franzosen gegen die neuen Herren aufgehetzt worden waren, und Kosten, Gefahren und Zeitaufwand bei der Instandsetzung der zerstörten kanadischen Handelsplätze. Um 1766 wagten es dann schließlich Kaufleute aus Montreal, den beinahe vergessenen Fußstapfen der Franzosen zu folgen und mit den Indianern bei der Grande Portage (großer Trageplatz) am Oberen See zu handeln. Einer von ihnen, ein gewisser Jakob Finley, drang bis zum Saskatchewan und sogar bis an die Felsengebirge4 vor, die eine Weiterfahrt auf dem Peace River verhinderten. Finley kam reich beladen mit Pelzwerk zurück, und diese Erfolge des westlichen Verkehrs ermunterten bald andere Kaufleute, ebenfalls jene Gegenden aufzusuchen, sodass sich die Pelzhändler von Jahr zu Jahr vermehrten, jedoch ohne miteinander in Verbindung zu stehen. Durch die allzugroße Konkurrenz und die Bemühungen der Händler, sich gegenseitig die Kunden abspenstig zu machen, verminderte sich der bisherige Gewinn, zumal 1774 die Hudson Bay Company als mutiger Nebenbuhler auftrat. Bisher hatte sie nur an der Hudson Bay Handel getrieben, wohin große Scharen von Eingeborenen mit den Erträgen ihrer Jagdzüge zu ziehen pflegten, nun ließ sie die in ihren Diensten stehenden Pelzjäger ebenfalls das westliche Kanada durchstreifen. Sie zerstreuten sich überall in den südwestlichen Gebieten und besetzten die alten Niederlassungen der ehemaligen kanadischen Händler.

Auch der amerikanische Krieg, der um diese Zeit ausbrach5, hatte nachteiligen Einfluss auf den Pelzhandel. Doch hauptsächlich schadeten ihm die Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Interessenten, an denen auch die Eingeborenen teilnahmen, die oftmals unter ihnen lebende Kaufleute ausplünderten oder totschlugen. Dazu kam, dass sich unter den westlichen Stämmen die Blattern ausbreiteten und verheerende Wirkungen zeigten; ganze Stämme starben hinweg, und viele Überlebende verließen ihre alten Jagdgründe. Da die Pelzhändler nun nicht mehr ihre mitgebrachten Waren absetzen und gegen Pelze eintauschen konnten, geriet der gesamte kanadische Pelzhandel ins Stocken.

Doch gab es einzelne Kaufleute, die aus dieser Misere ihre Vorteile zogen, so unter anderen ein gewisser Frobisher, der Gründer der Northwest Company. Er hatte das Glück gehabt, nahe den Quellen des Churchill auf eine Gruppe Indianer zu stoßen, die, reich mit Pelzen beladen, auf ihrem gewohnten Weg zu der Niederlassung der Hudson Bay Company an der Hudson Bay6 waren. Frobisher bot ihnen seine Waren an und überzeugte sie von dem Vorteil, mit ihm und seinen Gefährten zu handeln, da sie dadurch den weiten Weg zur Hudson Bay nicht mehr machen müssten, der nur unter den größten Strapazen zurückgelegt werden konnte. Die Eingeborenen wurden um so lieber mit ihm handelseinig, als sie nun ihre alten Schulden bei der Hudson Bay Company nicht mehr abtragen mussten. – Frobisher wagte sich auch weiter nach Nordwesten als andere. Er erreichte den See La Crosse (55°26' nördl. Breite, 108° westl. Länge) und beschiffte danach den Athabaska River, der sich in den Athabaska-See verliert. Hier ist gegenwärtig ein Hauptsitz des westlichen Pelzhandels.

Um den bislang so einträglichen Handel mit den Eingeborenen in festere Bahnen zu lenken, gründeten mehrere Kaufleute im Jahre 1784 die Handelsgesellschaft von Montreal. Anfangs bestand sie nur aus 16 Mitgliedern oder Aktieninhabern, deren Einlagen lediglich aus Waren bestanden, die man den Eingeborenen zum Tausch gegen Pelze anbieten wollte. Diese bestellten sie aus England und transportierten sie im Frühjahr zu den westlichen Niederlassungen; dort nahmen sie die bisher eingetauschten Pelzwaren in Empfang, brachten sie nach Montreal zurück und schickten sie nach London zum Verkauf. Die im Innern des Landes zwischen Oberem See und Athabaska-See in ihren Blockhäusern verstreut lebenden Pelzhändler wurden entweder Teilhaber dieser Gesellschaft oder traten als Clerks, Dolmetscher, Wegweiser oder Kanuführer in deren Dienste. Letztere erhielten eine ihrer anstrengenden Tätigkeit angemessene Bezahlung, und die angesehensten und vermögendsten unter ihnen wurden nach Verlauf einiger Jahre in die Gesellschaft aufgenommen oder am Gewinn beteiligt. Das eingetauschte Pelzwerk musste jährlich im Frühjahr über die vielen Flüsse und Seen des westlichen Kanadas an die Grande Portage gebracht werden, wo sich dann einige Agenten der Montreal Company mit den benötigten Tauschwaren einfanden, die Abrechnungen vornahmen und eventuell für neue Leute sorgten, um den Handel dauernd in Schwung zu halten.

Im Jahre 1788 bestand der Handelsfonds der Gesellschaft aus 40 000 Pfund Sterling; 1799 waren es 120 000 Pfund.

Wegen des weiten Weges, den die europäischen Handelsartikel und die kanadischen Retourwaren zurücklegen müssen, wegen des langen Winters, der die kanadischen Flüsse fast die Hälfte des Jahres unbeschiffbar macht, und wegen der hohen Transportkosten, die dem Wert der Handelsgüter etwa entsprechen, konnte die Gesellschaft erst nach Verlauf einiger Jahre mit einem Gewinn rechnen.


Handel im Jahre 17987:
Bestellungen der Tauschartikel nach London 25. Okt. 1796
Waren aus London verschifft März 1797
Ankunft der Waren in Montreal Juni 1797
Dortige Sortierung und Verpackung in Ballen, Versand von Montreal aus Mai 1798
Ankunft im folgenden Winter bei den Pelzhändlern, gegen Pelzwerk der Indianer eingetauscht 1798–1799
Pelzwerk kommt in Montreal an, Sept. 1799
wird nach London verschifft, dort verkauft, März und April 1800
bezahlt Mai oder Juni 1800

Die zum Handel benötigten Waren bestanden aus verschiedenen groben Stoffen, wollenem Zeug, Decken, Waffen, Pulver und Blei, Rauch- und Schnupftabak, Manchesterstoffen, Leinwand, allen Gattungen von Eisenwaren, eisernen und kupfernen Kesseln, Eisenblech, seidenen und baumwollenen Schnupftüchern, Strümpfen, Schuhen, Hüten und aus Kattun. Branntwein und Lebensmittel wurden in Kanada eingekauft.

Der Ertrag der kanadischen Wildnis, der im Jahre 1799 nach England versandt wurde, setzte sich folgendermaßen zusammen:


Biber 160 000 Felle
Bären 2 000 Felle
Fuchs 15 000 Felle
Junge Fische (geräuchert) 4 000
Otter 4 600 Felle
Musquash (Biberkatze) 17 000 Felle
Marder 32 000 Felle
Mink (Sumpfotter) 1 800 Felle
Lachshäute 6 000 Felle
Wolferine (Wolfsbär; Katzenart) 600 Felle
Fischer (Wieselart) 150 Felle
Racoon (Waschbär) 100 Felle
Wolf 3 800 Felle
Elch 700 Felle
Reh 750 Felle
Gegerbte Rehfelle 100 Felle
Büffel 500 Felle

In den ersten Jahren, als der Pelzhandel wieder Aufschwung hatte, wurde in Montreal Pelzwerk für 225 000 Pfund Sterling gehandelt. Allerdings kam dies aus zwei verschiedenen Gebieten, teils von Detroit, teils von der Grande Portage. Davon gingen etwa ein Achtel aller Biberfelle, ein Drittel der Otterfelle und etwa die Hälfte der Felle junger Füchse in die amerikanischen Freistaaten, weil sie von dort leichter und schneller nach China abgesetzt werden konnten. Denn geht der Versand von London aus, ist es sehr schwer, dafür in China Retourware zu bekommen; sie kann nur auf die Schiffe der Ostindien-Company geladen werden, die mit den Chinesen Handelsbeziehungen hat. Außerdem müssen Privatkaufleute außer der Fracht an diese Gesellschaft noch einen gewissen Prozentsatz an Waren bezahlen. Auf amerikanischen Schiffen hingegen findet das Pelzwerk schnelleren Absatz, die Retourwaren werden ohne jede Einschränkung verladen und innerhalb Jahresfrist verkauft; vielleicht geht künftig das gesamte nordamerikanische Pelzwerk den Weg über New York und Philadelphia nach China!


Der Biber – meistgejagtes Pelztier

Die Anzahl der mit diesem Pelzhandel Beschäftigten beläuft sich auf 1300 Mann: 50 Clerks oder Handelsbedienstete der Gesellschaft, 71 Dolmetscher, 1120 Kanuführer und 35 Wegweiser. Da die Waren in Kanus aus Rinden transportiert werden, ist bei acht bis zehn Fahrzeugen immer ein Wegweiser oder Führer vonnöten. Ein Teil der angeführten Mannschaft bringt den Sommer über, von Mai bis Ende September, die Waren von Montreal an die Grande Portage, der andere Teil kommt aus dem Landesinneren, schafft die eingetauschten Pelze dorthin und nimmt die Waren des ersteren mit zurück. Ein Wegweiser erhält für diese Reise 800 bis 1000 Livres nebst Kleidung und Kost. Die Kanuführer sind, je nach Geschicklichkeit, in drei Klassen unterteilt und bekommen zwischen 200 und 600 Livres nebst Decken, einem Hemd, Paddel und Lebensmitteln. Sie dürfen auch ein wenig Handel treiben. Diejenigen, die von der Grande Portage aus weiterreisen und den Winter über im Landesinneren bleiben, erhalten doppelten Sold und auch mehr Kleidungsstücke. Die eigentlichen Pelzhändler oder Clerks, die unter den Eingeborenen leben, werden jahresweise angestellt. Manche bleiben bis zu drei Jahren in den Niederlassungen. Die Handelsdiener oder Lehrlinge8 müssen sich auf fünf oder sieben Jahre verpflichten, die Geschäfte der Gesellschaft in den nordwestlichen Niederlassungen zu regeln, und erhalten dafür 100 Pfund Sterling nebst Kleidung und Kost. Haben sie ausgelernt und ist keine Stelle frei, um weiterhin bei der Gesellschaft zu bleiben und für sie Handel zu treiben, so bekommen sie 300 Pfund Sterling Abfindung. Die Kanuführer, die in den verschiedenen Niederlassungen gebraucht und auch Nordmänner oder Winterer genannt werden, haben ein jährliches Gehalt von 400 bis 1200 Livres. Neben doppelter Kleidung haben sie Anspruch auf 14 Pfund Tabak und andere Kleinigkeiten. Normalerweise leben mit den Kanuführern der untersten Klasse etwa 700 indianische Frauen und Kinder. Auch diese müssen von der Gesellschaft ausgehalten werden.

Im Frühjahr werden in Montreal neue Kanus gekauft. Sie bestehen aus Birkenrinde und sind sehr leicht. Man kann sie mit einer aus acht bis zehn Personen bestehenden Mannschaft, mit 65 Ballen Waren, jeder etwa 90 Pfund schwer, mit 600 Pfund Zwieback, 200 Pfund Pemmikan, Erbsen usw. beladen. Dazu kommen das Gepäck der Mannschaft, ein Kessel, ein Segel, Beile, Rinde zum Ausbessern der Fahrzeuge, zerfaserte Wurzeln der Pechtanne, mit denen die Rinde zusammengenäht wird, mit Baumharz vermischtes Erdpech, ebenfalls zum Flicken des Bootes, und ein langes Tau, mit dem das erleichterte Fahrzeug über Stromschnellen und seichte Stellen gezogen wird. An steinigen, seichten Stellen verlässt die Mannschaft das Kanu, die Ladung wird ausgeladen und weitergetragen, und das Boot wird vom Ufer aus über die Stellen hinweggezogen; dies nennt man décharge. An Stellen mit Wasserfällen und Klippen wird das Kanu aus dem Wasser genommen und bergauf, bergab getragen; solche Stellen nennt man portage; zwischen Montreal und dem Huronen-See gibt es davon 36.

An einer westlichen Bucht des Oberen Sees liegt die Grande Portage. Dort haben die kanadischen Pelzhändler ein Fort errichtet. Wegen des vielen Nebels, der durch den See entsteht, konnte bisher Ackerbau kaum betrieben werden, erst seit Kurzem geraten dort Kartoffeln sehr gut. In diesem Fort erwarten die von Montreal kommenden Agenten mit ihren Begleitern die Ankunft der Pelzhändler oder Nordmänner, die gewöhnlich Anfang Juli dort eintreffen. Nach ihrer Ankunft werden sie auf Kosten der Gesellschaft mit Brot, Butter, Schweinefleisch, Branntwein und Tabak bewirtet, Dinge, die sie unter den Eingeborenen lange Zeit entbehren mussten. Diejenigen, deren Zeit abgelaufen ist, werden von anderen abgelöst oder von Neuem unter Vertrag genommen. Die Agenten prüfen ihre Rechnungen, und wenn einer etwas gespart hat, kann er den Männern der Gesellschaft sein Geld mitgeben, um es in Montreal an Freunde oder Verwandte überweisen zu lassen. Nach 14 Tagen treten sie ihre Rückreise an. Auch die Gruppe aus Montreal macht sich zur Abreise fertig, verpackt die Pelze zu Ballen pro 100 Pfund und ist im September wieder zu Hause.

Die Lebensart an der Grande Portage ist, solange dort die Geschäfte dauern, folgendermaßen: Alle Kaufleute, sowohl die Nordmänner als auch die Montrealer, speisen mit den Handelsdienern, Dolmetschern und Wegweisern im großen Saal des Forts, etwa 100 Personen, zusammen. Ihre Tafel besteht gewöhnlich aus Brot, Butter, Rindfleisch, Schinken, Wildbret, Erbsen, Kartoffeln und Mais. Dazu gibt es Wein, Branntwein, Tee und Milch. Für Letztere werden extra Kühe gehalten. Die Kanuführer aber, oft bis an die 600, müssen sich wie auf der ganzen Fahrt mit weniger behelfen. Sie erhalten lediglich Mehl aus Türkischem Weizen und Schmalz. Sie kochen sich aus abgehülstem Getreide, Schmalz und Salz eine Art Pudding, was eine gesunde Speise ergibt, die einem Mann über den ganzen Tag hilft. Doch denjenigen, die hart arbeiten müssen, reicht dies bei Weitem nicht.

Die Fahrt der Nordmänner zu den westlich gelegenen Niederlassungen verläuft ganz anders als die nach Montreal. Da sie viele kleine und seichte Flüsse passieren müssen, sind ihre Kanus nur halb so groß, gehen weniger tief und können deshalb auch nur 35 Ballen aufnehmen. Auch die Bootsmannschaften sind kleiner, vier bis sechs Mann sind genug, um sie vorwärts zu bringen. Jenseits der Grande Portage befahren sie zunächst einen kleinen Fluss mit vielen Wasserfällen und Klippen, sodass die Kanus oft getragen werden müssen. Dieser Fluss bildet einige Seen, darunter auch den Regensee. Nach großen Anstrengungen erreicht man den Holzsee (Lake of the Woods). Obwohl die Franzosen schon vor dem Siebenjährigen Krieg sich jenseits dieses Sees ausgebreitet hatten, war jene Gegend am Ende des Nordamerikanischen Krieges noch so unbekannt, dass man im Frieden von 17839 den Holzsee zur westlichen Grenze des nordamerikanischen Gebietes machte, die sich bis zum Mississippi hinzog. Nur der Unkenntnis über diese Gegend ist es zu verdanken, dass die Grenze zwischen dem Oberen See und dem Holzsee nicht feststeht. Das Westende dieses Sees liegt auf 49°37' nördl. Breite und 94°15' westl. Länge. Von hier geht es weiter zum Winnipeg-See, dann Richtung Nordwesten durch mehrere Seen und Flüsse, die alle miteinander verbunden sind, über große und kleine Portagen bei 56°42' nördl. Breite in den Athabaska hinein. Dieser ergießt sich bei 58°36' in den Athabaska-See, an dessen südöstlichem Ufer auf einer Landspitze das Fort Chipewyan erbaut ist. Die Fahrt bis hierhin dauert ungefähr dreieinhalb Monate.

Sobald die Mannschaft dort angekommen ist, wird sie verteilt: Einige werden an den Peace River geschickt, um dort mit den Biber- und Felsengebirgs-Indianern zu handeln; andere machen sich auf an den Sklavensee und über ihn hinaus; einige bleiben am Athabaska River, die übrigen in Chipewyan. Außer mit dem Handel beschäftigt man sich hier auch mit Fischfang; Weißfisch dient den Pelzhändlern als Hauptnahrungsmittel. Die Fische werden durch den Frost erhalten, sollte aber im Herbst laue Witterung eintreten, hängt man sie am Schwanz zum Trocknen auf, und in diesem Zustand behalten sie ihren Geschmack bis zum April. Die Kanadier dieser und weiter entfernterer Gebiete leben fast ausschließlich von Fischen, ohne Salz dazu zu haben oder mit Mehlspeisen und Gemüse abwechseln zu können. Salz wird jenseits des großen Slave River gewonnen, und manchmal bringen die Eingeborenen von dort gutes weißes Salz ins Fort.

Im Herbst und Frühling gibt es etwas Geflügel, wovon die an den pelzreichen Flüssen verteilten Pelzhändler fast das ganze Jahr über leben; doch sehen Letztere bei Weitem nicht so gesund aus wie die, die sich meist nur von Fisch ernähren.

Die Gegenden von Nordamerika, die für den Pelzhandel so wichtig sind, werden von zwei Hauptstämmen der Indianer bewohnt, den Knisteneaux und den Chipewyan, deren Sprachen voneinander verschieden sind; Erstere kann man die östlichen, Letztere die westlichen Wilden nennen, weil sie sich bis in die Nachbarschaft des Pazifiks zerstreut haben. So werden der Churchill, der Athabaska-See, der Winnipeg-See, die Ströme, die beide miteinander verbinden, und die Gebirge nördlich des Oberen Sees etwa als die Grenzen ihres Gebietes angesehen, obwohl sie diese oft überschreiten. In ihren Sitten und Gebräuchen stimmen sie mit bekannten nordamerikanischen Stämmen überein.

2Pazifischer Ozean.

3Am Ende des Siebenjährigen Krieges (1763) wurde im Frieden von Paris bestimmt, dass Frankreich ganz Kanada an England abtreten musste.

4Rocky Mountains.

51775–83 amerikanischer Unabhängigkeitskrieg.

6Fort Churchill.

7Diese Tabelle wurde dem Original-MacKenzietext entnommen.

8Junior-Clerks.

9Friede von Versailles; Unabhängigkeit der USA von Großbritannien.

ALEXANDER MACKENZIE’S, ESQ.,

REISEN DURCH NORDWESTAMERIKA

VORREDE DES VERFASSERS

Bei der Herausgabe dieses Werkes scheint es mir unnötig zu sein, noch einmal besonders auf die beiden Reisen (…) einzugehen, da sie hoffentlich für sich selber sprechen werden. Doch ist es mir eine Pflicht, die Gründe anzugeben, die auf die Verspätung des Drucks denselben Einfluss gehabt haben.

Ein Gerücht besagt, die Ursache sei in einem Missverständnis zwischen einem hohen Staatsbeamten und mir gelegen; einem anderen Gerücht zufolge soll es eine gewisse Vorsicht, die zuweilen in der Handelspolitik praktiziert wird, gewesen sein; beides ist gleichermaßen unwahr.

Das erste Gerücht ist ein pures Märchen, und was das zweite betrifft, so weiß ich keinen vernünftigen Grund, die Nachricht einer Entdeckung zurückzuhalten, deren Idee und Ausführung für meine Handelspartner und mich selbst, die wir ja die Kosten getragen haben, nicht ehrenvoller hätten sein können.

Die wahren Gründe, warum der Bericht über diese Reisen so spät erscheint, sind zum einen meine Geschäfte, die mich nach der Beendigung der Expedition sehr beanspruchten, zum anderen ist es der Umstand, dass ich, als ich endlich Zeit dazu hatte, Angst bekam, als Schriftsteller aufzutreten und meine Papiere in den Druck zu geben; denn ich glaube, dass ich mehr dazu tauge, Reisen, so schwierig sie auch sein mögen, zu unternehmen, als ihre Beschreibung abzufassen. – Indessen übergebe ich sie der Leserschaft mit allem gebührenden Respekt. –

Schon in früheren Jahren führten mich Handelsgeschäfte in den Nordwesten des Oberen Sees; und da ich von der Natur mit Forscherdrang und Unternehmungsgeist wie auch mit einer Konstitution und einem Körperbau, die den schwierigsten Unternehmungen gewachsen sind, ausgestattet und überdies durch meine Handelsgeschäfte an größte Anstrengungen gewohnt bin, so betrachtete ich eine Reise quer durch Amerika, deren Nützlichkeit allgemein anerkannt war, nicht nur als möglich, sondern traute mir auch die dazu nötigen Eigenschaften zu.

Die Wünsche und Ermunterungen meiner Freunde und Partner bestärkten mich, dieses Vorhaben auch wirklich in die Tat umzusetzen. Und jetzt, wo der glückliche Ausgang dieser Expedition die Grenzen unserer geografischen Kenntnisse erweitert und das Gebiet des britischen Handels vergrößert hat, fühle ich mich für die überstandenen Gefahren und erduldeten Beschwernisse reich belohnt; die vielen langweiligen und mühseligen Tage und die dunklen, unfreundlichen Nächte dieser Reisen sind nicht umsonst gewesen.

Die erste Reise hat der langen Diskussion um eine nordwestliche Durchfahrt, so hoffe, ich, einen Schlusspunkt gesetzt. (…)

Auf dieser Reise besaß ich weder die notwendigen Bücher noch die erforderlichen Instrumente, außerdem wurden mir meine Schwächen in der Kenntnis von Astronomie und Schifffahrtskunde deutlich bewusst.

Deshalb fuhr ich im Winter nach unserer Rückkehr nach England, um mir anzueignen, was mir fehlte. Dann kehrte ich mit dem Entschluss zurück, die Möglichkeit einer Handelsverbindung zwischen dem Atlantischen Meer und dem Pazifik auf dem Landweg aufs Neue zu erforschen. Ich habe mit meiner zweiten Reise bewiesen, dass die Ausdehnung unseres Handels von einer zur anderen Küste sehr wichtige und wesentliche Vorteile mit sich bringt. (…)

Wahrscheinlich bieten die Beschreibungen dieser Reisen dem Leser nicht so viel Abwechslungsreiches, wie er erwarten wird. Das, was sich dem Auge darbot, lässt sich nicht sehr effektvoll aufs Papier übertragen. Berge und Täler, öde Wüsteneien und weit ausgedehnte Wälder, Seen und Flüsse können nur einzeln, nacheinander beschrieben werden; und ich kann dem Leser nur einzelne Gruppen wandernder Indianer vorstellen, ausgenommen die Bewohner der Pazifikküste, wo es feste Dörfer gibt und die Menschen zum größten Teil bleibende Wohnsitze haben.

Biber und Büffel, Rentier und Elch sind die hauptsächlichsten Tiergattungen dieser Gegenden; doch sind sie den Naturforschern Europas bereits bekannt und in deren Werken schon so oft und richtig beschrieben worden, dass ich sie lediglich erwähne, wenn sie die Landschaft belebten und zwecks Nahrungsbeschaffung von uns gejagt wurden. Genauso beiläufig fallen meine Bemerkungen über die Bodenbeschaffenheit, die Schiffbarkeit der Seen und Flüsse und ihre verschiedenen Produkte aus.

Ich besitze nicht die Kenntnisse eines Naturforschers, und hätte ich sie mir auch erworben, so wäre mein Forscherdrang auf diesen Reisen sicher nicht befriedigt worden. Ich konnte mich nicht damit aufhalten, in der Erde zu graben, sondern musste mit schnellen Schritten weitereilen; ich konnte auch nicht unsere Route verlassen, um seltene und unbekannte Pflanzen zu sammeln; denn ich musste ängstlich darum bemüht sein, für den täglichen Proviant zu sorgen und die verschiedenen Gefahren zu Wasser und zu Lande zu bewältigen; ich musste auf unsere Eingeborenenführer ein wachsames Auge haben und vor uns feindseligen Stämmen auf der Hut sein. Dazu kam, dass ich mich um meine Gefährten kümmern und mit ihren Gefühlen und Ängsten fertig werden musste. Heute waren sie verärgert, und ich hatte die Aufgabe, sie zu besänftigen; morgen waren sie mutlos, und ich musste sie aufheitern. Die Anstrengungen zu Wasser waren ohne Ende und oft außerordentlich, und auf den Landmärschen konnten wir uns gegen die Strenge der Elemente nur mit dem behelfen, was wir auf unseren Schultern trugen – abgesehen davon, dass uns die Lasten, die wir zu schleppen hatten, das Fortkommen nur noch erschwerten.

Wenn nun in meinen Tagebüchern wenig steht, was die Phantasie derer reizt, die sich gern in Erstaunen versetzen lassen, und was die Neugier jener befriedigt, die romantische Abenteuer suchen, so werden, wie ich mir schmeichle, diese Berichte doch das Interesse der Leser erregen und mir ihre Achtung erwerben – wenn sie bedenken, dass ich Gewässer erforschte, die vorher nur von den Kanus der Eingeborenen befahren wurden, dass ich Einöden durchstreifte, in die noch nie ein Europäer den Fuß setzte, dass ich Menschen traf, die kein Weißer zuvor zu Gesicht bekam, und dass ich den Zweck dieser Reisen allen denkbaren Gefahren und Schwierigkeiten zum Trotz erreicht habe.

Ehe ich nun schließe, möchte ich dem Leser noch sagen, dass er hier nicht eine beschönigende Erzählung oder lebhafte Beschreibung erwarten darf: Ich wage nur den Anspruch auf den der Einfachheit und der Wahrheit gebührenden Beifall, und diesen Anspruch wird man mir hoffentlich erlauben. Ich beschrieb, was ich sah, nach den Eindrücken des Augenblicks, ohne Übertreibung und Prahlerei. Selten habe ich Mutmaßungen angestellt, und wo dies doch der Fall sein sollte, wird man sicher feststellen, dass ich ein gemäßigter Mann bin, der nicht zu hoch von sich denkt. Und wenn ich zuversichtlich war, geschah es nur in Situationen, die mich aufgrund meiner Lebenseinstellung und Erfahrungen dazu berechtigten.

Wenn ich auch keinerlei literarischen Ruhm suche, so hoffe ich doch, dass man dieses Werk, mit all seinen Unvollkommenheiten, nicht für unwert findet, die Aufmerksamkeit des Geografen zu erwecken, und dass man es wegen der darin beschriebenen, bisher unerforschten Landesteile, die man jetzt als zum britischen Gebiet zugehörig betrachten kann, als einen zum Wohle meines Vaterlandes dargebrachten Tribut aufnehmen wird. (…)

London, den 30. November 1801Alexander MacKenzie

TAGEBUCH EINER REISE ANS EISMEER IM JAHRE 1789
ERSTES KAPITEL

Am 3. Juni 1789 brachen wir früh um 9 Uhr von Fort Chipewyan an der Südseite des Athabaska-Sees mit einem aus Birkenrinde gefertigten Kanu auf. Meine Mannschaft bestand aus vier Kanadiern, von denen zwei ihre Frauen dabei hatten, und einem Deutschen. Dazu begleiteten uns noch in zwei kleineren Kanus ein Indianer, der »English Chief« genannt wurde, mit seinen beiden Frauen und zwei junge Indianer, die wir als Dolmetscher und Jäger in unsere Dienste genommen hatten. Der English Chief war schon bei der Expedition dabei gewesen, die Samuel Hearne zum Coppermine River geführt hatte10, und galt seitdem als einer der wichtigsten Männer unter den Eingeborenen, die ihre Pelze nach Fort Churchill, einer Niederlassung an der Hudson Bay, brachten.

In einem weiteren Kanu saß Laurent Le Roux, ein Clerk der Company. Er führte einen Teil der Lebensmittel für uns und die Jäger mit sich, ebenfalls unsere Kleidung, ein großes Sortiment an Geschenkartikeln für die Eingeborenen, auf die wir treffen würden, sowie Waffen und Munition zu unserer Verteidigung.

Zunächst fuhren wir etwa 30 Meilen11 in nordwestlicher Richtung über den See, bis wir in einen Flussarm gelangten, den wir sieben Meilen nordwärts hinaufsteuerten. Gegen sieben Uhr am Abend gingen wir an Land und schlugen unsere Zelte auf. Die Kanus wurden aus dem Wasser genommen und sorgfältig abgedichtet12; in der Zwischenzeit erlegte einer unserer Jäger eine Gans und ein paar Enten.

Am nächsten Tag paddelten wir schon um vier Uhr früh den Flussarm weiter hinauf, bis dieser sich im Peace River verlor. – Die Ufer dieses Flussarms sind ziemlich flach, und das dahinterliegende Land ist mit Birken, Fichten der verschiedensten Arten, Pappeln und Weiden bewachsen.

Der Peace River ist ungefähr eine Meile breit und seine Strömung viel stärker als die des mit dem See in Verbindung stehenden Kanals, den wir vordem befahren hatten. Einige Meilen flussabwärts heißt er dann Slave River13. Nun ging unsere Fahrt zwischen vielen kleinen Inseln hindurch und über ungefährliche Stromschnellen hinweg, bis wir die Mündung des Dog River passierten. Abends landeten wir am östlichen Ufer des Slave River in der Nähe einiger großer Stromschnellen und entluden unsere Kanus. – An dieser Stelle ist der Fluss fast zwei Leagues14 breit.

Am 5. legten wir morgens um drei Uhr ab, nachdem wir wegen der Stromschnellen unsere Kanus um einige Gepäckstücke erleichtert hatten. Wir konnten dieses Hindernis ohne weitere Schwierigkeiten hinter uns bringen, steuerten nun in einen kleinen Kanal hinein und kamen nach etwa einer halben Stunde zu einer Portage15. Bis auf das letzte Stück war dieser Weg sehr bequem, allerdings hatten wir wegen des noch nicht aufgetauten Eises am Ufer erhebliche Probleme, die Boote wieder auf den Fluss zu setzen und sie zu beladen. Schon nach sechs Meilen mussten wir bei der »Portage d’Embarras« (Portage der Schwierigkeiten) wieder an Land, da Treibholz den kleinen Kanal hier völlig anfüllte.

Noch drei weitere Portagen, und wir gelangten wieder in den großen Fluss. Nach kurzer Fahrt mussten wir wegen einer Meile voller gefährlicher Stromschnellen über die Portage, die »Pelican« genannt wird16; der Landungsplatz ist hier sehr steil und liegt nah an einem Wasserfall. Die ganze Gesellschaft musste jetzt das Gepäck samt den Kanus über einen Berg tragen. Doch bevor wir die mühsame Besteigung begannen, wäre fast noch ein Unglück geschehen, denn eins der indianischen Kanus ging den Wasserfall hinunter und wurde vollständig in Stücke zerschlagen. Die Indianerin, die darin saß, konnte es zwar gerade noch rechtzeitig verlassen und dadurch ihr Leben retten, doch verlor sie so ihre gesamte geringe Habe.

Nach diesem Zwischenfall ging es weiter Richtung Nordwesten. Schon bald erreichten wir die »Portage des Noyés« (Portage der Ertrunkenen) und waren gezwungen, wegen riesiger Stromschnellen den Fluss zu verlassen und diese schlecht begehbare, etwa 535 Schritt lange Wegstrecke zu benutzen. Sie hat diesen Namen erhalten, weil an dieser Stelle im Herbst 1786 fünf Männer im Fluss ertrunken sind; sie waren unter der Führung von Cuthbert Grant auf dem Weg zum Sklavensee. – Am Nachmittag lagerten wir auf einer felsigen Landspitze, und obwohl die Mannschaft sehr ermattet war, schafften die Jäger sieben Gänse, vier Enten und einen Biber herbei.

Am nächsten Tag bauten wir schon früh am Abend unser Lager auf und warfen in einem kleinen Kanal unsere Netze aus. – Den größten Teil des Tages hatten wir starken Gegenwind gehabt, und es war so kalt geworden, dass selbst die Indianer ihre Pelzhandschuhe anzogen. –

In den folgenden zwei Tagen kamen wir nur circa 13 Meilen vorwärts, denn heftiger Regen zwang uns immer wieder, an Land zu gehen und auszuladen, damit unsere Waren nicht nass würden.

Erst am 9. wurde das Wetter wieder ruhiger, allerdings lag dicker Nebel über dem Wasser. Bei unserer Weiterfahrt in nordwestlicher Richtung bemerkten wir am rechten Ufer eine Öffnung; da wir sie für den Eingang in einen Flussarm hielten, steuerten wir hinein, doch lag dahinter ein kleiner See, sodass wir wenden mussten. Nach drei Meilen in Richtung Südwesten kamen wir am östlichen Ufer des Flusses an einen winzigen Arm, der sich in nördlicher Richtung dahinschlängelte. Wir folgten seinem Lauf und erreichten gegen neun Uhr am Morgen den Sklavensee17. Das Klima hatte sich sehr verändert; es war bitterkalt geworden. Der See war ganz mit Eis bedeckt, nur längs des Ufers schien eine Fahrrinne offen zu sein. Selbst die Mücken und Moskitos, die uns bisher arg geplagt hatten, wagten es nicht, uns in diese eisige Region zu folgen. –

An den Ufern des kleinen Flüsschens waren die landesüblichen Hölzer voller Blätter gewesen, obwohl dort das Erdreich noch nicht über 14 Zoll18 aufgetaut war – doch entlang der Seeufer war so gut wie kein Grün zu entdecken. –

Nach Aussage der Indianer sollen in geringer Entfernung vom Flussufer ausgedehnte Ebenen liegen, die von großen Büffelherden aufgesucht werden. In den vielen kleinen umliegenden Flüsschen und Seen bauen zahlreiche Biber ihre Burgen, da in den größeren Gewässern im Frühling alles vom auftauenden Eis fortgerissen würde. Die morastigen Ufer sind von großen Scharen Federwilds bevölkert – an diesem Morgen erbeuteten wir in nur einer Stunde zwei Schwäne, zehn Gänse und einen Biber; wir hätten leicht soviel erlegen können, um alle unsere Kanus damit anzufüllen. –

In östlicher Richtung steuerten wir nun aus unserem kleinen Fluss hinaus in den See und entlang einer mit Treibholz und Weiden bedeckten Sandbank. Da das Wasser nur drei Fuß19 tief war, liefen wir oft auf Grund. Schließlich landeten wir auf dieser Sandbank, schlugen unsere Zelte auf und entluden die Kanus, denn es sah so aus, als müssten wir hier eine Weile bleiben. – Die Sandbank erstreckt sich übrigens längs des Festlandes bis zu der Stelle, an der Le Roux und Grant im Jahre 1785 einige Blockhütten errichteten.20 – Ich befahl meinen Leuten, die Netze auszuwerfen, da es besser war, die für die weitere Reise bestimmten Vorräte unberührt zu lassen. Unsere reiche Beute bestand aus Karpfen, Weißfischen, Forellen und dem sogenannten »Poisson inconnu« (Unbekannter Fisch).

Am 12. wurde das Wetter schöner, und die Moskitos besuchten uns wieder in größeren Mengen. Ein starker Westwind brachte das Eis ein wenig in Bewegung, und ich bestieg einen Hügel, um vielleicht sehen zu können, ob es in der Mitte des Sees gebrochen wäre, konnte jedoch nichts erkennen.

Am 13. war es bedeckt, und am Abend blies der Wind aus Norden. Er trieb das Eis wieder zurück, das jetzt längs des Ufers stark gebrochen war und unsere Netze bedeckte. Einer unserer Jäger, der tags zuvor zurück an den Slave River gegangen war, kam mit reicher Jagdbeute zurück. In seiner Begleitung war eine indianische Familie, die am selben Tag wie wir Fort Chipewyan verlassen hatte. Diese Leute führten keinerlei Proviant mit sich, was sie damit entschuldigten, dass sie so eilig aufgebrochen seien, dass sie sich nicht mehr hätten versorgen können. Sie wollten mit uns kommen. –

Obwohl es in der Nacht auf den 15. stark geregnet hatte, war am Morgen das Ufer noch so voller Eis, dass wir nicht einmal unsere Netze losmachen konnten. Gegen Mittag aber drehte sich der Wind und befreite nicht nur die Netze, sondern trieb auch das Eis so vor sich her, dass es einen Weg zur gegenüberliegenden Insel freigab. Bei Sonnenuntergang konnten wir unsere Zelte abbrechen und hinüberfahren. Nach etwa acht Meilen landeten wir dort kurz vor Mitternacht. Der Mond ging gerade auf, und es war noch so hell, dass man ohne den Schein einer Kerze oder Petroleum lesen und schreiben konnte.

Die nächsten zwei Tage versuchten wir, in nordwestlicher Richtung zwischen den vielen Inselchen entlang des Seeufers hindurchzukommen, aber heftiger Nordwind und große Mengen Treibeis schlugen unsere Kanus so mit Wasser voll, dass wir immer wieder gezwungen waren zu landen.


Jagd auf Rentiere und Wildgänse

Auch am 18. wurden wir nach kurzer Fahrt vom Eis aufgehalten. Ein Südostwind hatte es zwischen die Inseln getrieben, sodass uns auch dieser Weg versperrt war. Wir gingen an Land und warfen die Netze aus. Die Jäger konnten eine Rentierkuh und ihr Kalb erlegen. Auf der Jagd waren sie zwei indianischen Familien begegnet, von denen uns am Abend ein Mann besuchte; er brachte mir die Nachricht, dass das Eis auch an der gegenüberliegenden Seite des Sees noch nicht gebrochen sei. – Diese Menschen leben gänzlich vom Fischen und warteten nun darauf, dass der See wieder befahrbar würde. – Während der folgenden Tage fanden wir in unseren Netzen entweder gar keine oder nur schlechte Fische, und unsere Versorgungslage wurde zum ersten Mal kritisch. Doch am Nachmittag des 20. hatte anhaltender Regen das Eis etwas aufgetaut, sodass wir sechs Meilen westlich zu einer größeren Insel steuern konnten, an deren Spitze wir reiche Fischbeute machten.

In der Nacht trieb ein Südwind das Eis fast völlig ab; wir beluden die Kanus und paddelten 15 Meilen zwischen Eisbrocken in Richtung Westen. Schließlich lagerten wir auf einer der kleinen Inseln drei Meilen vor dem Festland, das wir wegen des Eises nicht erreichen konnten. – Auf einer dieser Inseln entdeckten wir viele Rentiere, die unsere Jäger leicht erlegen konnten, da den Tieren durch das Wasser der Fluchtweg abgeschnitten war. Wahrscheinlich waren sie auf dem Eis hierher gekommen und wurden nun durch das Tauwetter festgehalten. Wir nannten die Insel daher »Isle de CarrebŒuf« (Rentier-Insel). – Ich blieb die ganze Nacht wach, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Die Sonne war nur vier Stunden und 22 Minuten hinter dem Horizont verschwunden, doch fror es in dieser kurzen Zeit so stark, dass das Wasser ein viertel Zoll mit Eis bedeckt war. –

Am 22. brachen wir um halb vier Uhr auf und fuhren um die Außenseite der Inseln herum längs des Eises in Richtung Festland. Jedoch blies der Wind so heftig, dass wir schon bald wieder auf einer Insel landen mussten. – Eine Beobachtung, die ich gegen Mittag anstellte, ergab 61°53' nördl. Breite. – Da wir hier zwei Säcke mit Pemmikan21 zurückließen, um für unsere Rückreise ein Notproviantlager zu haben, nannten wir die Insel »Isle à la Cache« (Versteck-Insel). – Am Nachmittag konnten wir 18 Meilen zurücklegen.

10… und von dort bis zum Nordpolarmeer.

111 Meile = 1,609 km.

12Zum Abdichten der Kanus wurde Kiefernharz verwendet.

13Der Slave River fließt weiter in nördlicher Richtung, während der Peace River einige Meilen nördlich des Athabaska-Sees nach Westen führt.

(Sein Name rührt daher, dass die Slave-Indianer von ihren Feinden, den Knisteneaux, aus ihrem ursprünglichen Land an die Ufer dieses Flusses vertrieben worden sind. Übrigens schließt dieser Name »Slaves« nicht den Begriff der Knechtschaft ein, sondern wurde ihnen als Schimpfname gegeben. Anm. d. Verfassers)

141 League = ca. 4,8 km.

15Eine Wegstrecke entlang des Ufers, auf der man die Boote um Hindernisse wie Wasserfälle, Stromschnellen oder Felsklippen herumträgt.

16Inmitten der Stromschnellen liegt eine Felseninsel, auf der Pelikane nisten. Sie steht heute unter Naturschutz.

17Der Große Sklavensee umfasst ein Gebiet von 11 000 Quadratmeilen. Er wurde im Jahre 1771 von Samuel Hearne entdeckt.

181 Zoll = 2,54 cm.

191 Fuß = 30,48 cm.

20Cuthbert Grant und Laurent Le Roux bauten hier einen Außenposten für die Company: Fort Resolution.

21In Streifen geschnittenes, getrocknetes Fleisch, das sich sehr lange hält und daher als Proviant für längere Reisen geeignet ist. Es kann ohne weitere Zubereitung und ohne Zugabe von Gewürzen gegessen werden.

ZWEITES KAPITEL

Am 23. Juni durchquerten wir bei nördlichem Wind eine tiefe Bucht, vor deren nordwestlicher Seite viele kleine, mit Eis umgebene Inseln lagen; da der Wind das Eis etwas vom Land abtrieb, hatten wir an der inneren Seite der Inselchen freie Fahrt und konnten mit aufgespanntem Segel hindurchsteuern. Nach 16 Meilen landeten wir nachmittags bei drei Hütten von Rotmesser-Indianern, die ihren Namen von ihren kupfernen Messern haben. Sie berichteten uns, dass in geringer Entfernung noch mehr Leute ihres Stammes lebten, und einer machte sich sogleich auf, sie zu holen. Wie sie sagten, würden wir in dieser Gegend hier keine anderen Indianer mehr treffen, denn Sklaven- und Biber-Indianer und auch andere ihres Stammes kämen erst wieder hierher, wenn die Schwäne ihre Federn abwürfen.

Le Roux kaufte ihnen ungefähr acht Ballen guter Biber- und Marderfelle ab, und unser English Chief erhielt 100 Felle, die ihm die Company noch schuldig war. 40 davon gab er auf Abrechnung von Schulden, die er seit den Wintern 1786 und 1787 hier am Sklavensee gemacht hatte, die übrigen tauschte er gegen Rum und anderes. Ich gab ihm und seinen beiden Begleitern dazu noch eine kleine Ration Rum als aufmunterndes Geschenk. – Mehrmals versuchte ich nun, die Rotmesser-Indianer über den weiteren Verlauf unserer Reise um Rat zu fragen, konnte aber keine wesentliche Aufklärung erhalten; von dem Fluss, den ich untersuchen wollte, kannten sie nur die Mündung. Um aber beim Befahren der vielen Buchten des Sees so wenig Zeit wie möglich zu verlieren, bewog ich einen von ihnen, uns zu begleiten, versah ihn dazu mit den nötigen Gerätschaften und erhandelte für ihn und meine jungen Chipewyans ein großes neues Boot. – Wir befanden uns jetzt auf 62°24' nördl. Breite. –

In den Gesprächen mit den Eingeborenen kam heraus, dass diese sehr darauf hoffen, dass die Franzosen wieder zu ihnen kommen und in ihrer Nähe ein Fort (so nennen sie jede Niederlassung) bauen, allerdings versicherten sie mir, dass auch wir willkommen seien, wenn wir bei ihnen eine Niederlassung anlegen würden. Für diesen Fall versprachen sie, sich mit aller Kraft dem Biberfang zuzuwenden, denn wie sie sagten, seien sie dann sicher, für ihre Felle einen angemessenen Preis zu erhalten. Bisher seien sie immer von den Chipewyans ausgeplündert worden, die ihnen entweder gar nichts oder nur wenig dafür gegeben hätten. Aus diesem Grund gehen sie zum jetzigen Zeitpunkt nur noch auf die Jagd, um Nahrung und Kleidung lediglich für ihren eigenen Bedarf zu beschaffen.

Am 25. verließen wir früh um drei Uhr ihr Lager. Le Roux blieb zurück. Er wollte bei den vor drei Jahren angelegten alten Blockhütten unsere Rückkehr abwarten und in der Zwischenzeit versuchen, für die Company den Pelzhandel mit den hiesigen Indianern neu zu beleben. – Bei unserer Abreise wurden wir mit einigen Salven aus einem kleinen Gewehr beehrt, die wir erwiderten. Dann steuerten wir in südwestlicher Richtung quer durch die Bucht, die hier nicht über zweieinhalb Meilen breit, aber den Erzählungen der Eingeborenen nach 15 Leagues tief ist. – Diese Gegend hat ein ganz anderes Aussehen als das Land, das wir seit der Einfahrt in den See bisher gesehen haben: dort hohe Berge und felsige Inseln, deren Oberfläche zuweilen durch Moos, Sträucher und einige vereinzelte Bäume von niedrigem Wuchs belebt ist, und trotz des unfruchtbaren Eindrucks überall Beeren der verschiedensten Art, wie z. B. Krähenbeeren, Wacholderbeeren, Himbeeren, Heckenkirsch- und Stachelbeeren wie auch Pathagomenon, die einigermaßen den Himbeeren ähneln; hier jedoch ist der Boden locker und sandig, mit hohen Bäumen bewachsen, und das Land wird vom Ufer an nur allmählich höher und bildet erst in einiger Entfernung ein dicht bewaldetes, längs der Küste fortlaufendes Hochland mit darüber emporragenden felsigen Gipfeln. –

Nach ungefähr neun Meilen Fahrt wurden wir durch Treibeis aufgehalten und konnten nur unter großen Schwierigkeiten eine Insel erreichen. Nach der Landung ging ich sogleich an ihr südwestliches Ende, um zu sehen, ob wir heute noch weiter könnten, und staunte nicht wenig, als ich entdeckte, dass hier vor vielleicht 12 bis 15 Jahren einmal eine Menge Bäume gestanden haben musste, denn ringsum sah ich verfaulte Wurzelstöcke. Als ich den English Chief danach fragte, erzählte er mir, dass vor mehreren Wintern die Sklaven-Indianer diese verstreuten Inseln, deren Gewässer das ganze Jahr hindurch Überfluss an Fischen gewähren, bewohnt hätten, von den Knisteneaux aber vertrieben worden seien. – Wollte man in dieser Gegend eine Niederlassung aufbauen, so müsste es wegen des Holzes und des Fischreichtums in der Nähe dieser Inseln sein.

Gegen elf Uhr wagten wir die Weiterfahrt, obwohl wir dauernd befürchteten, unsere Kanus könnten von Brocken treibenden Eises beschädigt werden. Nach einer Fahrt an fünf Buchten vorüber wurde die Gegend landeinwärts flacher und viel holzreicher als vorher. Waren wir dem Festland näher, so konnten wir öfter verlassene Indianerhütten entdecken. Wir fuhren bis zum Abend.

Am 26. setzten wir unsere Reise durch mehrere Buchten hindurch fort und kamen an einer weit in den See hineinragenden Landspitze vorbei, die wir »Détour« (Krümmung) tauften. Hier und da schwamm noch Eis. – Diese Gegend scheint reich an Elchen und Rentieren zu sein: Überall, wo wir an Land gingen, sahen wir ihre Spuren. Auch gab es eine Menge Schneehühner, die um diese Jahreszeit grau gefärbt sind, und Rotwild.

Nach einer wegen der Moskitos sehr unruhig verbrachten Nacht saßen wir am 27. schon um drei Uhr früh wieder in den Kanus. Das Wetter war zunächst schön und ruhig, später kam Nebel auf. Nachdem wir wieder durch verschiedene kleine Buchten gefahren waren, kamen wir schließlich an den Eingang einer sehr tiefen Bucht, deren Ende nicht auszumachen war. Jetzt gestand uns unser Führer, dass er seit acht Wintern nicht mehr in dieser Gegend gewesen sei und deshalb nicht genau wüsste, welchen Weg wir nehmen sollten. Andererseits glaubte er aber auch sich zu erinnern, dass am Ende dieser Bucht die Mündung des von uns gesuchten Flusses liege. Demzufolge steuerten wir hinein, gerieten aber bald in ein Treibeisfeld. Noch immer konnten wir das Ende der Bucht nicht erkennen, und da der Nebel immer dichter wurde, hatten wir Mühe, vor Einbruch der Dunkelheit noch eine kleine Insel zu erreichen, um zu übernachten.

Früh am nächsten Morgen sahen wir dann, dass in der Bucht keinerlei Strömung ging, also kehrten wir um und setzten unsere Fahrt in südwestlicher Richtung fort. Nach 27 Meilen steuerten wir westwärts wiederum in eine tiefere Bucht hinein, in der Hoffnung, endlich den Eingang des Flusses gefunden zu haben.

Da wir starken Rückenwind hatten, verloren wir unsere Indianer, die hinter uns herkamen, aus dem Blickfeld; wir konnten aber ohne Gefahr für unser Kanu nicht landen, um auf sie zu warten, bis wir schließlich ans Ende der Bucht gelangten und dort in die Binsen getrieben wurden. Auch hier gab es keinen Weg aus dem See hinaus. Nach ungefähr drei Stunden stießen die Indianer dann zu uns und lagerten in einiger Entfernung. Der English Chief war sehr über den Rotmesser-Indianer aufgebracht und drohte ihm sogar mit dem Tod, weil dieser es unternommen hatte, Führer auf einer ihm selbst unbekannten Fahrt zu sein. Doch munterte jener uns auf, indem er überzeugend zu erzählen wusste, dass er von unserem gesuchten Fluss aus durch die Wälder schon einmal zu der Stelle gekommen sei, an der wir gerade lagerten. – Bei dem stürmischen Wetter dieses Tages waren wir genötigt, zum Schöpfen unseren großen Kessel zu gebrauchen, damit unser Kanu nicht ganz voll Wasser lief. –


Das Rentier bedeutete Kleidung und Nahrung für die Bewohner Nordamerikas

Am nächsten Morgen fuhren wir längs der Südwestseite der Bucht zurück und umschifften das Ende ihrer Landspitze. Kurz darauf entdeckten wir endlich den Ausgang aus dem See, einen kleinen Flussarm, der durch eine lange Insel vom Hauptkanal eines größeren Flusses getrennt ist.

Die Strömung führte uns 14 Meilen in südwestlicher Richtung, bis wir um die Spitze der langen Insel herum waren und in den Hauptkanal einfuhren. An dieser Stelle ist er zehn Meilen breit, da er hier noch die Wasser des Sklaven-Sees mit sich führt. Er geht dann westwärts und wird auf einer Strecke von 24 Meilen allmählich schmäler, bis er nicht mehr als eine halbe Meile breit ist. Dabei wird seine Strömung immer stärker. Die Ufer bestehen auf beiden Seiten aus gelbem, mit kleinen Steinen vermischtem Ton und sind bedeckt von einer großen Menge verbrannten Holzes, zwischen dem junge Pappeln hervorwachsen. Ein interessanter Umstand ist, dass dieser Landstrich, der früher mit Pechtannen und Birken bewachsen war, nach deren Einäscherung nichts als Pappeln hervorbringt, obwohl es Bäume dieser Art vorher gar nicht gab.22 –

Ein starker Ostwind trieb uns unter Segel in nordwestlicher Richtung zwischen mehreren kleinen Inseln hindurch. Dann wurde der Strom breiter, und der Wind ließ wieder nach, sodass wir zu den Paddeln greifen mussten. Wir hielten uns an der Nordseite des Flusses, um hier eine Öffnung zu finden, konnten aber in keiner Richtung eine entdecken, sodass wir nicht mehr wussten, wie wir weiter sollten. Auch unser Rotmesser-Indianer war über dieses Gebiet nie hinausgelangt, doch meinte er, dass vom Norden her ein Fluss komme, der in dem genau vor uns liegenden Horn-Gebirge, dem Land der Biber-Indianer, entspringe. An seinen Ufern lägen weite Ebenen, reich an Büffeln und Elchen.

Da wir auf Untiefen stießen, mussten wir links steuern, bis sich der Flussarm zu einem breiten Strom öffnete.23 Wir gingen nun an Land und lagerten bald nach Sonnenuntergang. – Das Horn-Gebirge immer nordöstlich vor uns, waren wir mit unseren Paddeln heute etwa 15 Meilen weit gekommen.

Bei schönem Wetter ging es am 30. in der Frühe weiter, und wir konnten 36 Meilen in südwestlicher Richtung zurücklegen. Unsere Indianer fanden eine weiße Gans, die erst kürzlich mit einem Pfeil erschossen worden sein musste. Schließlich erreichten wir eine Bucht voller kleiner Inseln, die an ihrem Ende den Eingang eines aus Süden kommenden Flusses zu bilden schien. Am Nachmittag drohte schlimmes Wetter, daher landeten wir für die Nacht.

22Die Erklärung ist folgende: Vom Winde verweht, erreichen zuerst die federleichten Pappelsamen das abgebrannte Gebiet. Dort einmal Fuß gefasst, lassen die Pappeln nur langsam andere Arten Wurzeln fassen.

23Die Expedition war jetzt im MacKenzie River angelangt.

DRITTES KAPITEL

Auf unserer Weiterfahrt am 1. Juli, wo wir in westlicher Richtung der starken Strömung des Flusses folgten, verlor ich beim Messen der Wassertiefe mein Senkblei. Es hatte sich fest am Grund angehängt. Südlich von uns lag ein hohes Gebirge. Um ein Uhr mittags kam ein Gewitter auf, und da wir nicht landen konnten, weil an den Ufern noch zu viel Eis lag, wurden wir völlig durchnässt.

Schließlich gingen wir auf einer kleinen Insel an Land, wo wir die Stangen von vier Hütten fanden, die möglicherweise die Knisteneaux vor sechs oder sieben Jahren bei ihren kriegerischen Streifzügen aufgebaut hatten. Wir fuhren weiter bis zu der Stelle, an der von Süden ein Fluss aus den Bergen mündet. Es scheint ein größerer Fluss zu sein.24 Nach circa 24 Meilen landeten wir wieder auf einer Insel und hatten nun das südlich liegende Gebirge direkt vor Augen. Da unser Kanu sehr tief geladen hatte und wir täglich erwarteten, an Stromschnellen oder Wasserfälle, die uns das Fürchten schon gelehrt hatten, zu kommen, ließen wir in einem Versteck zwei Säcke mit Pemmikan zurück für etwaigen späteren Gebrauch. Die Indianer jedoch dachten anders darüber: Sie befürchteten, dass wir nicht so bald zurückkehren würden und der Vorrat bis dahin gestohlen sei. Nahe unserem Lagerplatz fanden wir zwei indianische Lager aus den letzten Jahren; an der Art, wie das Holz geschnitten war, sah man, dass es diesen Leuten an eisernem Werkzeug gefehlt haben musste.

Trotz Nebels brachen wir am nächsten Morgen früh auf und entdeckten, als es wenig später aufhellte, dass das vorher ganz klare und helle Wasser dunkel und schmutzig geworden war. Dies rührte wohl von einem Fluss her, der von Süden in den unseren einströmt, den wir aber wegen des Nebels nicht bemerkt hatten. Gegen neun Uhr wurden wir riesiger Berge ansichtig, die sich weit nach Süden erstrecken und deren Gipfel in den Wolken verschwanden.25 Sie schienen dürr und felsig, ihre Abhänge dagegen mit Wald bedeckt; auch sah es aus, als wären sie mit weißen Steinen bestreut, die in der Sonne schimmerten und von den Indianern Manetoe Aseniah oder Geistersteine genannt wurden. Ich hielt sie für Kalkstellen, aber bei unserer Rückfahrt waren sie verschwunden: Die glänzenden Punkte waren nichts weiter als Schneefelder gewesen. –

Wir fuhren nun mit größter Vorsicht, da wir beständig fürchteten, uns Stromschnellen oder einem Wasserfall zu nähern. Dieser Gedanke beherrschte uns so, dass wir uns alle von Zeit zu Zeit einbildeten, das Tosen schäumenden Wassers zu hören. Am Abend suchten wir am nördlichen Ufer ein Nachtlager. Auch hier fanden sich verschiedene Lager der Eingeborenen, von denen einige jetzt im Frühling, andere schon früher errichtet worden sein mussten. Die Jäger konnten nur einen Schwan und einen Biber erlegen und beklagten sich bitter über die Beharrlichkeit, mit der wir die Reise fortsetzten; sie wären, so sagten sie, an so große Anstrengungen nicht gewöhnt.

Am 3. regnete es so heftig und hatten wir so starken Wind gegen uns, dass wir schon um zehn Uhr morgens wieder ans Ufer gingen. Der Fluss war jetzt auf beiden Seiten von hohen Felsen umschlossen. Nach meiner Rechnung hatten wir seit meiner letzten Berechnung 217 Meilen westlich und 44 Meilen nördlich zurückgelegt. – Als wir am Nachmittag unsere Reise fortsetzten, fiel nach kurzer Fahrt von Norden her ein Fluss ein, und unser Strom wurde reißend und lief sehr schnell zwischen felsigen Inseln hin. Sie kündigten nahe Stromschnellen an.

Am Abend lagerten wir am Fuße eines Hügels, der sich bis ans Ufer erstreckte und den ich sogleich mit zwei meiner Leute und den beiden jungen Chipewyans bestieg. Nach einem anstrengenden Marsch von anderthalb Stunden erreichten wir den Gipfel, und ich staunte nicht schlecht, hier ein leeres Lager vorzufinden. Die Indianer erklärten mir, dass solch hohe Plätze meist von unkriegerischen Stämmen als Wohnsitz gewählt würden, den sie für ihre Feinde – besonders die Knisteneaux, vor denen sich viele Stämme fürchteten – unzugänglich machen würden. Die Sicht von dieser Höhe war nicht so frei, wie wir erwartet hatten, sondern durch eine kreisförmig gelegene Bergkette behindert. Wegen der vielen Moskitos, die uns hier von allen Seiten angriffen und die einzigen Bewohner dieser Gegend zu sein schienen, kehrten wir bald um.

Am 4. war es so kalt und windig wie am Vortag. Die Strömung wurde nun so stark, dass der Fluss fast zu sieden schien und zischende Laute von sich gab, wie Wasser, das in einem Kessel kocht. Abends schossen unsere Jäger auf einen Biber und eine Gans; der Erstere sank jedoch unter, ehe sie ihn erreichen konnten. – Biber, Fischotter und Bären bleiben, wenn sie einmal totgeschossen sind, wie Blasen auf dem Wasser liegen; haben sie aber noch etwas Leben in sich, um sich wehren zu können, füllen sie sich so mit Wasser, dass sie auf den Grund sinken. –

Am nächsten Morgen starteten wir in nordwestlicher Richtung. Der Fluss wurde immer breiter und die Strömung etwas schwächer. Kurz nach unserem Aufbruch sahen wir vor uns eine Reihe hoher, schneebedeckter Berge etwa zehn Meilen in westsüdwestlicher Richtung26, und gegen acht Uhr bemerkten wir am nördlichen Ufer mehrere Rauchsäulen. Wir hielten darauf zu und sahen, als wir nahe genug heran waren, Eingeborene äußerst verwirrt am Ufer herumrennen. Anscheinend waren sie über unseren Anblick sehr beunruhigt. Einige versuchten, sich in den Wäldern zu verstecken, andere sprangen in ihre Kanus. Unsere Jäger und Dolmetscher gingen vor uns an Land und redeten die wenigen, die noch nicht geflohen waren, in der Sprache der Chipewyans an, die jene aber nicht zu verstehen schienen – so groß waren ihre Bestürzung und ihr Schrecken. Als auch wir an Land gegangen waren und sie merkten, dass sie uns nicht entweichen konnten, gaben sie uns Zeichen, wir möchten uns entfernt halten. So entluden wir zunächst unsere Kanus und schlugen die Zelte auf, bevor wir versuchten, uns ihnen zu nähern. In der Zwischenzeit sollten der English Chief und seine zwei Begleiter sie uns freundlich stimmen; und als sie sich etwas von ihrer Furcht erholt hatten, zeigte es sich, dass sie die Sprache unserer Indianer vollkommen verstanden. Auch ließen sie sich überreden, wenn auch nicht ohne Anzeichen von Abneigung und Angst, zu uns zu kommen. Wir konnten sie dann schnell über unsere Absichten beruhigen, und sie eilten, ihre Gefährten aus den Verstecken zu holen.

Es waren fünf Familien, etwa 25 bis 30 Personen, und ihrer Stammeszugehörigkeit nach Hundsrippen-Indianer27. Wir ließen sie rauchen, obwohl sie Tabak gar nicht kannten, und gaben ihnen Grog zu trinken – Alkohol war ihnen ebenfalls unbekannt; wahrscheinlich nahmen sie unsere Höflichkeiten mehr aus Furcht als aus Neigung an. Größeren Eindruck machte dann jedoch die Verteilung von Messern, Pfriemen, Glasperlen, Ringen, Gürteln, Feuerstählen, Flinten und Äxten, sodass sie zutraulicher wurden, als uns lieb war: Wir hatten Mühe, sie aus unseren Zelten zu bringen, obgleich ich nicht bemerkte, dass sie etwas zu entwenden suchten.

Die Auskünfte, die sie uns über den weiteren Verlauf des Flusses gaben, hatten soviel Fabelhaftes zum Inhalt, dass ich es unnötig finde, sie ausführlich wiederzugeben; ich begnüge mich mit der einen, worin sie uns einzureden versuchten, wir würden, um ans Meer zu kommen, mehrere Winter brauchen und alt werden, bevor wir zurückkehrten; auch sollten wir auf Ungeheuer von scheußlicher Gestalt und verheerender Stärke treffen – ihre ungezügelte Phantasie kannte keine Grenzen; außerdem versicherten sie uns, der Fluss habe zwei unüberwindliche Wasserfälle.

Sowenig ich auch diesen sonderbaren Erzählungen Glauben schenkte, so machten sie doch starken Eindruck auf unsere Indianer, die der Reise sowieso schon überdrüssig waren. Da die Eingeborenen außerdem noch angedeutet hatten, dass es in der vor uns liegenden Gegend fast kein Wild gebe und wir unvermeidlich Hungers sterben müssten, kostete es mich große Mühe, sie von der Torheit dieser Gedanken zu überzeugen, und schließlich bewogen sie auf mein Verlangen mit Geschenken einen der Dogribs, uns zu begleiten.

Obwohl es schon drei Uhr am Nachmittag war, ließ ich unsere Kanus wieder beladen und forderte unseren neuen Begleiter auf, sich zur Abfahrt bereitzuhalten. Er wäre sehr gern von seiner Zusage wieder abgesprungen, da aber keiner seiner Freunde an seine Stelle treten wollte, stieg er schließlich nach einer Stunde Überredung halb freiwillig, halb gezwungen in unser Kanu. Vor seiner Abreise fand eine Zeremonie statt, deren Bedeutung ich mir nicht erklären kann: Er schnitt sich eine Haarsträhne ab, dreiteilte sie und befestigte einen Teil auf dem Kopf seines Weibes, die anderen zwei auf den Köpfen seiner beiden Kinder. Dabei blies er auf die Strähne und sprach bestimmte Worte. –

Während unseres kurzen Aufenthalts bei diesem Volk unterhielten sie uns mit Tänzen, die von Gesängen begleitet wurden. Männer und Frauen traten zu einem Kreis zusammen, und die Ersteren hielten einen knöchernen Dolch oder einen kleinen Stecken zwischen den Fingern der rechten Hand, die sie in beständiger Bewegung über den Kopf streckten; ihre Linke warfen sie in horizontaler Richtung vor- und rückwärts, liefen herum und nahmen nach dem Takt der Musik seltsame Stellungen ein. Von Zeit zu Zeit heulten sie auf wie dieses oder jenes Tier, und wer dies am längsten aushielt, wurde als der beste Schauspieler gefeiert. –

Es ist ein mageres, hässliches und unschön gewachsenes Volk, besonders um die Füße herum, die sehr plump und voller Grind sind –wahrscheinlich, weil sie oft so nahe am Feuer stehen. Einige scheinen in sehr schlechtem Gesundheitszustand zu sein, woran ihre Unreinheit schuld sein mag. Sie sind von mäßigem Wuchs, und soviel ich durch die Schicht von Schmutz und Fett, womit sie bedeckt sind, sehen konnte, von weit schönerer Hautfarbe als die Indianer wärmerer Gegenden.

Manche tragen ihre Haare sehr lang, andere haben sie zu Zöpfen geflochten, schneiden sie aber so, dass ihre Ohren frei sind. Die Bärte einiger Alten haben eine beachtliche Länge28, andere haben sich die Barthaare bis auf die Wurzeln ausgerupft. Die Gesichter der Männer sind mit einer Tätowierung geschmückt, zwei doppelte schwarze und blaue Streifen auf den Backen, und der Nasenknorpel ist so durchbohrt, dass ein Gänsekiel oder ein Stückchen Holz hindurchgesteckt werden kann.

Die Kleidung besteht aus Rentier- und Elchhäuten. Es werden daraus Röcke gefertigt, die bis zur Mitte der Schenkel fallen und zum Teil wunderschön mit Stachelschwein- oder Elchhaaren besetzt sind, die rot, schwarz, gelb oder weiß gefärbt werden. Außerdem hüllen sie sich in einen weiten, den ganzen Körper bedeckenden Oberrock, der unten mit einer Borte verziert ist. Schuhe und Strümpfe sind zu einem Stück zusammengenäht und reichen bis zur Hälfte der Schenkel hinauf. Auch sie sind reich bestickt. Frauen und Männer tragen die gleiche Kleidung. Mit einem ledernen Quast, der an einer kleinen Schnur hängt, bedecken die Männer ihre Schamteile – wahrscheinlich, um die Fliegen fernzuhalten. Ob bei ihnen Beschneidung üblich ist, kann ich nicht sagen.

Sie schmücken sich mit Kragen, Arm- und Handgelenkbändern aus Holz, Horn oder Knochen, Gürteln, Strumpf- und Kopfbändern, die aus Lederstreifen gefertigt, mit Stacheln vom Stachelschwein eingefasst und ringsum mit Bärenkrallen und Füßen von Wildgeflügel besetzt sind und an denen kurze Fellstreifen eines dem Hermelin ähnlichen Tieres als Trotteln hängen. Gürtel und Strumpfbänder werden mit ineinander verwebten Stacheln und Sehnen hübsch und geschickt verziert. An beiden befestigen sie eine lange Borte aus ledernen Riemen, die ringsherum mit verschieden gefärbten Haaren besetzt sind.

Ihre Hütten sind einfach gebaut. Die ganze Baukunst besteht aus einem Halbkreis von in den Boden gesteckten Astgabeln, auf die Stangen gelegt werden, und ein paar Zweigen oder einem großen Stück Rinde als Dach. Zwei dieser Hütten stehen sich immer gegenüber, und gewöhnlich brennt zwischen ihnen ein Feuer.

Sie besitzen einige flache Schüsseln aus Holz, Rinde oder Horn; die Gefäße, in denen das Essen gekocht wird, haben die Form von Kürbissen, sind oben eng und unten breit und aus Watape29 so gefertigt, dass sie Wasser halten, das durch Hineinwerfen zu Rotglut erhitzter Steine zum Kochen gebracht wird. Auch haben sie eine Menge kleiner lederner Säckchen zur Aufbewahrung ihrer gestickten Arbeiten, ihrer Stricke und Netze. Die weniger tiefen Netze werfen sie in die wirbelnden Ströme der Flüsse, die großen in die Seen. Die Angelruten sind aus Rentiersehnen, die Haken aus Holz, Horn oder Knochen. Als Waffen und Jagdwerkzeuge verwenden sie Pfeil und Bogen, Dolche, Keulen und Pogamagans. Letzteres wird aus dem Geweih des Rentieres gemacht, von dem alle Zacken, die äußeren ausgenommen, abgebrochen werden. Dieses Instrument ist ungefähr zwei Fuß lang und wird dazu benutzt, Feinde in der Schlacht oder in Schlingen gefangene Tiere zu töten. Ihre Äxte sind aus einem Stück Stein gefertigt, das in der Mitte mit einem Strick aus frischer Haut an einem zwei Fuß langen Griff befestigt wird. Mit diesem Werkzeug spalten sie Holz. Feuer machen sie, indem sie ein Stück Schwefelkies und einen Feuerstahl über Zunder schlagen. Gewöhnlich tragen sie einen Beutel mit sich, der alle diese Materialien enthält, sodass sie überall Feuer entzünden können. Von ihren Nachbarn, den Rotmesser-Indianern und den Chipewyans, beschaffen sie sich im Austausch gegen Marder- und Biberfelle kleine Stücke Eisen, aus denen sie Messer hersteilen. Mit diesen und mit Biberzähnen vollenden sie alle ihre Arbeiten. Sie tragen diese Werkzeuge wie auch ihre hölzernen und eisernen Pfrieme in einer Scheide um den Hals. Ihre Kanus sind sehr klein, meist nur für einen Mann, an beiden Enden spitzig, haben einen flachen Boden und sind vorn geschlossen. Aus Birkenrinde oder Fichtenholz gebaut, sind sie so leicht, dass man sie ohne Schwierigkeiten tragen kann. –

Übrigens erfuhren wir von diesen Indianern, dass wir an großen Lagern vorbeigekommen sein mussten, die in den Gebirgen am östlichen Ufer des Flusses liegen. –

Nachmittags brachen wir also auf, und unsere neuen Freunde versprachen, bis zum Herbst hier am Ufer zu bleiben und unsere Rückkehr zu erwarten. Unsere Fahrt ging weiter nach Westsüdwest, und bald passierten wir die Mündung eines Flusses, der sich zur rechten Seite in unseren ergoss und der zum Großen Bärensee fließt.30 Sein Wasser hatte die grünliche Farbe des Meeres. Schon nach sechs Meilen wurden wir durch heftigen Sturmregen gezwungen, für die Nacht zu landen. Wir lagerten am Fuße eines felsigen Hügels, auf dessen Gipfel es nach den Behauptungen unseres Führers das ganze Jahr hindurch stürmt. Dieser neue Begleiter fühlte sich sehr unwohl bei uns, und um die Erlaubnis zur Umkehr zu erhalten, versuchte er mich davon zu überzeugen, dass er krank sei. Wir konnten ihn aber nicht entbehren und bewachten ihn deshalb sorgfältig, damit er nicht floh.

Am 6. ging es bei rauer, trüber Witterung sehr früh weiter; wir kamen an vielen Inseln vorbei, vor uns immer die Schneeberge. Der Hundsrippen-Indianer erzählte uns, dass diese Berge bewohnt seien, von kleinen weißen Büffeln aufgesucht würden und dass dort viele Bären ihre Höhlen hätten. – Am Abend versuchte ich zusammen mit einem Jäger einen kleineren Berg zu ersteigen, doch mussten wir bald umkehren, weil wir sonst von den Schwärmen der Moskitos fast erstickt worden wären. Ich konnte jedoch sehen, dass die Berge bald aufhörten, außerdem entdeckte ich eine kurze Strecke von unserem Lagerplatz entfernt im Fluss eine große Stromschnelle.


Kanu aus Birkenrinde für maximal zwei Mann. Es war so leicht, daß es weit über Land getragen werden konnte.

Wegen dieser Gefahr steuerten wir am nächsten Morgen auf die andere Flussseite. Wir hätten uns den Weg sparen können, denn die Stromschnelle war bei Weitem nicht so gefährlich, wie sie ausgesehen hatte. Dies überzeugte uns vollends davon, wie irrig die Berichte der Eingeborenen über die großen und nahen Gefahren unserer Flussfahrt gewesen waren, denn diese relativ harmlose Stromschnelle sollte eine davon sein.

Nach 19 Meilen gingen wir bei einem Lager mit vier Feuern an Land. Seine Bewohner liefen eiligst davon, mit Ausnahme eines alten Mannes und einer alten Frau. Unser Führer rief vergeblich den Flüchtenden nach, sie sollten stehen bleiben, doch nur der alte Mann trug keine Bedenken, sich uns zu nähern. Er sei zu bejahrt und zu gleichgültig gegenüber der ihm noch verbleibenden kurzen Lebenszeit, als dass er vor einer drohenden Gefahr fliehen wollte, so sagte er uns, riss sich aber zugleich büschelweise seine grauen Haare aus, verteilte sie unter uns und flehte um Gnade für seine Anverwandten und sich. Unser Führer beruhigte ihn und konnte ihn dazu bringen, dass er seine versteckten Stammesbrüder – 18 Personen – zurückrief. Als diese nach langem Zureden endlich erschienen, schenkte ich ihnen Glasperlen, Messer, Pfrieme und anderes, worüber sie sehr erfreut waren. Sie unterschieden sich von den Eingeborenen, die wir schon gesehen hatten, keineswegs; und sie waren ebenso voller abschreckender Geschichten über die uns bevorstehenden Gefahren. Doch ließen sie es an gastfreundlicher Aufmerksamkeit nicht fehlen: So versorgten sie uns mit schmackhaft zubereiteten Fischen, die wir mit Freuden annahmen. Dann machten sie uns darauf aufmerksam, dass wir uns dicht vor Stromschnellen befänden und dass in deren Nähe mehrere ihrer Stammesbrüder leben würden. Als wir uns wieder aufmachten, wozu wir allerdings unseren heimwehkranken Führer zwingen mussten, begleiteten uns vier von ihnen in ihren Kanus, um uns Kanäle zu zeigen, auf denen wir den Stromschnellen ausweichen könnten.

Bald fanden wir den Fluss von hohen, senkrechten weißen Felsen gesäumt. Wir gingen ans Ufer, um nach den schrecklichen Stromschnellen Ausschau zu halten, fanden aber keinerlei Anzeichen dafür; und so sehr unsere Begleiter auch fortfuhren, diese Gefahr in den schillerndsten Farben zu beschreiben, so schwand doch unsere Furcht immer mehr – sahen wir doch, wie sie sich in ihren winzigen Kanus immer weiter wagten. Wir folgten ihnen in einiger Entfernung, ohne dass wir eine Geschwindigkeitszunahme der Strömung bemerkten. Endlich benachrichtigten uns die vier Eingeborenen, dass wir jetzt die Gefahrenzone hinter uns hätten. Wir hatten nichts davon gemerkt! – Bei einem Lager mit sechs Familien machten wir Rast und ließen uns reichlich mit Fisch bewirten. Als Dank verteilten wir ein paar unserer Geschenkartikel, dann setzten wir unsere Reise fort, inzwischen in Begleitung von 15 indianischen Kanus.

In einem engen Kanal hielten wir kurz bei einem Lager von drei Familien, unter denen sich ein Gefangener befand – ein junger Mann, der unsere Indianer besser verstand als die Eingeborenen. Wir boten ihm an, ihn mitzunehmen, doch bei der ersten Gelegenheit versteckte er sich vor uns, und wir fuhren ohne ihn weiter.

Nach fünf Meilen landeten wir an einem Ort, an dem wir auf sieben Personen trafen. Andere mehr hatten sich im Gehölz verborgen. Sie schenkten uns zwei Dutzend frisch erlegter Hasen und dazu zwei, die sie eben gekocht hatten – eine Artigkeit, gegen die wir nicht undankbar waren. Wenig später fanden wir einen Lagerplatz, in dessen Nähe einer unserer Leute einen Kranich erlegen konnte. Unser Hundsrippen-Indianer stimmte wieder sein Gejammer an, doch nicht aus Furcht vor übler Behandlung durch uns, wie er versicherte, sondern aus Angst vor den Eskimos, die er als verdorbenes, boshaftes Volk schilderte, das uns allesamt töten würde.31 Er setzte hinzu, dass erst vor einigen Sommern ein großer Haufen dieser Sippe den Fluss heraufgekommen sei und viele seines Stammes erschlagen habe.

Pulsuz fraqment bitdi.

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