Kitabı oxu: «Die Berge der Rache»

Şrift:


Band 4

Alexander Röder

Die Berge der
Rache

KARL-MAY-VERLAG

BAMBERG • RADEBEUL

Herausgegeben von

Thomas Le Blanc und Bernhard Schmid

In der Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ sind bisher erschienen:

Band 1 – Alexander Röder Im Banne des Mächtigen

Band 2 – Alexander Röder Der Fluch des Skipetaren

Band 3 – Alexander Röder Der Sturz des Verschwörers

Band 4 – Alexander Röder Die Berge der Rache

Thomas Le Blanc (Hrsg.) Auf phantastischen Pfaden Eine Anthologie mit den Figuren Karl Mays

Weitere Informationen zur Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ finden Sie im Internet auf

www.magischer-orient.karl-may.de

© 2017 Karl-May-Verlag, Bamberg

Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten

Illustration: Elif Siebenpfeiffer

Umschlaggestaltung: Petry & Schwamb, Freiburg

eISBN 978-3-7802-1404-1

www.karl-may.de

Inhalt

Erstes Kapitel Das schwarze Schiff

Zweites Kapitel Die Teuta

Drittes Kapitel Zwei Leibhaftige

Viertes Kapitel Jenseits von Trapezunt

Fünftes Kapitel Das Gallapfelhaus

Sechstes Kapitel Ein fremder Freund

Siebtes Kapitel Jagdgrauen

Achtes Kapitel Verrat und Verbannung

Neuntes Kapitel Ein Bote

Zehntes Kapitel Drei Gaben

Elftes Kapitel Die Beute des Jägers

Zwölftes Kapitel Im Zagros

Dreizehntes Kapitel Vom Himmel hoch

Vierzehntes Kapitel Ein Zwiegespräch

Fünfzehntes Kapitel Flucht und Flügel

Sechzehntes Kapitel Höhlenrast

Siebzehntes Kapitel Der rote Feind

Achtzehntes Kapitel Unheil und Hoffnung

Neunzehntes Kapitel Die Quellen von Mehabad

Zwanzigstes Kapitel Die Faghragha

Einundzwanzigstes Kapitel Marah Durimeh

Zweiundzwanzigstes Kapitel Geistergespräche

Dreiundzwanzigstes Kapitel Der Weg zum Sangesur

Vierundzwanzigstes Kapitel Trennung und Übergang

Fünfundzwanzigstes Kapitel Durch die Fremde

Sechsundzwanzigstes Kapitel Die Herrin der Schatten

Siebenundzwanzigstes Kapitel Die Berge des Simurgh

Achtundzwanzigstes Kapitel Streiter auf Schwingen

Neunundzwanzigstes Kapitel Der Ring der Drei

Dreißigstes Kapitel Das Ende der Hexe

Erstes Kapitel
Das schwarze Schiff

Über dem Schwarzen Meer tobte ein Sturm und peitschte die finsteren Fluten unter den düsteren Wolken einher. Es ging auf Mitternacht zu und die Blitze sandten ihren irrlichternden Schein auf das Deck des Dampfschiffs, welches durch die Dünung stampfte. Der Sturm war noch um einiges entfernt, doch die Regungen der Elemente wirkten bereits kraftvoll auf den eisernen Rumpf ein, ließen ihn wanken und schwanken, aber die mächtige Maschine hielt das Schiff auf Kurs, und Bug und Kiel schnitten schnell durch das dunkle Wasser.

Ich stand an der Reling und atmete die von Gischt durchsprühte Luft ein, während der Wind an meiner Öljacke zerrte. Es war ein herrliches Gefühl! Nach den staubigen Landstraßen des Balkan, den trockenen Schründen der Berge, den von Sommersonne durchglühten Tagen im Sattel genoss ich diese Überfahrt, die mich und meine Gefährten von Istanbul aus an die östliche Küste jenes Binnenmeers bringen sollte, welches auf Türkisch Karadeniz hieß, was eben Schwarzmeer bedeutet und somit mit jenem Namen korrespondiert, welchen ich auf meinen Reisen im Orient zu tragen pflege.

Mein Gefährte Halef, der sich neben mir an Stangen und Taue klammerte, hatte jedoch gar nichts Schwarzes an sich, zumindest oberhalb des dunkelnass glänzenden Ölzeugs: Sein Gesicht war fahl und bleich im dann und wann aufgrellenden Gewitterlicht, und seine Miene zeigte nichts von dem, was ich empfand, sondern nur Unwohlsein und Ungemach.

Ich selbst und meine Leser hätten nun erwartet, von Halef einen launigen, vielleicht etwas klagenden Satz zu hören, der mit „O Sihdi“ beginnen würde; allein, Halef schwieg, weil er sich nicht getraute, den Mund zu öffnen, und dies lag nicht daran, dass er etwa befürchtete, mit der Gischt einen aus dem Meer geschleuderten Schwarzmeerfisch zu verschlucken. Nein, der gute arme Halef war ein wenig seekrank und schlaflos noch dazu, weswegen er sich um diese späte Stunde zu mir an Deck gesellt hatte. Ich wusste, dass er Haschim beneidete, der in seiner Kabine selig schlief. Ob diese Ruhe im Sturm dem edlen und klugen Mann, der unser Freund war, nun gegeben sein mochte, weil er als Scheik mit seinem Körper und seiner Seele im Einklang war, oder ob es doch daran lag, dass er ein Zauberer, ein Magier war, das mochte ich kaum entscheiden. Es gab schließlich auch sehr irdische Mittel, um sich einen gesunden und tiefen Schlaf sogar bei widrigen Umständen zu ermöglichen. Selbst ich, der ich kein Arzt oder Apotheker war, wenngleich ich auf meinen Reisen oft für einen solchen gehalten worden war, wegen meines kleinen Vorrats an Heilmitteln und weil der Orientale einen Europäer, insbesondere einen Franken, einen Deutschen, gern für einen Arzt hält – aus welchen Gründen auch immer – selbst ich also kannte genug Pülverchen und Tinkturen und Kräuter, die einen erholsamen Schlummer befördern. Manche greifen natürlich zu einem tüchtigen Schluck eines jener starken Getränke, die man auch geistige nennt – doch ist dies dem frommen Moslem, wie mein Freund Halef einer ist, ja durch seinen Glauben verwehrt, was nichts weniger als klug ist. Jene Männer jedoch, die der Religion der Seefahrt anhängen, trinken allzu gerne ihren Rum, vielleicht mit etwas heißem Wasser als Grog, und so schlafen sie stets prächtig, wenn sie es denn dürfen, also auf Freiwache. Was nicht heißt, dass jene, die Dienst versehen müssen, nicht auch einen ordentlichen Trunk zu sich genommen hätten, zumal in einer kühlen Gewitternacht auf dem Schwarzen Meer.

Die Matrosen, die ich als schwarze Schemen zwischen den Schatten der beiden Masten und des Schlotes erkennen konnte, hatten sich allerdings nicht mit karibischem Rum von innen gewärmt, sondern mit russischem Wodka; denn jenes Schiff, die „Knjas Korowjew“, also Fürst Korowjew, war ein Parochod der Russischen Gesellschaft für Dampfschifffahrt und Handel, im russischen Faible für Abkürzungen auf Russisch auch ROPiT genannt. Diese Reederei aus Odessa ist erst vor knapp zwanzig Jahren auf Betreiben Zar Alexanders gegründet worden, stellt aber mit ihren über sechzig Schiffen bereits ein äußerst wichtiges Unternehmen im Seehandel zwischen den Reichen Russlands und der Osmanen dar. Die Frachter selbst entstammen englischen und französischen Werften, was davon zeugt, dass selbst ein solch schreckliches Ereignis wie der Krieg auf der Krim rasch vergessen ist, wenn es um internationale Geschäfte geht. Aber ich will nicht moralisieren. Auch wenn ich ein Mann des Sattels bin und einen geschwinden Ritt schätze, so war ich doch zufrieden, die Strecke zwischen Bosporus und Kaukasus nicht auf dem Landweg zurücklegen zu müssen, denn es eilte durchaus. Meine Gefährten und ich hatten zwar unseren alten Feind, den Schut besiegt und sein Reich des Unrechts und der Ausbeutung zerstört, doch nun waren wir auf der Jagd nach jener Frau, die dem Schurken gedient und uns alle getäuscht und betrogen hatte: der Hexe Qendressa. Diese war vor uns geflohen, oder nein, ich will ehrlich sein: Sie hatte uns geschmäht und war ihrem weiteren Plan gefolgt, den Lohn für ihre Dienste und ihren Verrat einzufordern, und zwar bei des Schuts Bruder, dem Schwarzkünstler Al-Kadir, welchen sie aufzusuchen gedachte. Dass dieser tot war und nun in jenen überirdischen Gefilden herrschte, die von Anhängern der Magie das Geisterreich genannt wurden, war eine andere Sache. Mir waren diese Dinge allzu suspekt, zu nahe am Aberglauben und gauklerhaftem Geraune. Dennoch hatte ich in den vergangenen Monaten bei meinen jüngsten Reisen und Abenteuern so manches erlebt und geschaut, das sich nicht mit dem nüchternen Verstand eines modernen, von Wissenschaft und Technik geprägten Menschen erklären ließ. Nun aber, nach den Erlebnissen mit Al-Kadir, vor allem aber dem Schut und seinen Helfershelfern, war ich mir nicht mehr sicher, ob ich damals nicht auf eine gewisse Weise blind gewesen war – und nicht hatte sehen wollen, an was ich nicht glauben mochte. Doch mein kluger kleiner Freund Halef hatte einmal weise gesagt:

„Man muss an das glauben, was man sehen will, Sihdi.“

Ich meinte damals, dass sich dies nur auf den religiösen Glauben beziehe, obwohl man auch sagen könnte, dass es sich mit der Wissenschaft ähnlich verhält. Doch dass es auch auf Magie und Zauberei zuträfe und auf die Wesen und Gestalten der Fabeln und Märchen, das hätte ich kaum für möglich gehalten. Aber haben frühere Generationen nicht auch Blitz und Donner für ein Spektakel der Überirdischen gehalten? Heute wissen wir, um was es sich wirklich handelt: um elektrische Entladungen in den Dunstkreisen des Himmels, also dem, was der Meteorologe eine Atmosphäre nennt. Vielleicht verbarg sich hinter der Magie und Zauberei ja auch etwas anderes, so wie das vormals göttliche Donnergrollen am Ende nur die Elektrizität des Himmels war.

Deshalb stand ich an Deck des Dampfers und spürte mit Genugtuung das Stampfen der Maschinen im Leib des Schiffs und das Bäumen und Gieren des Rumpfes im Kampf mit den Wogen, und den Wind und den Regen. Diese Dinge trogen nicht, sie waren wahr und wahrhaftig und ließen sich weder auslegen noch diskutieren oder hinterfragen. Mochte die von uns Gejagte eine Hexe sein, mochte der, den sie finden wollte, ein Magier in der Geisterwelt sein – am Ende verfolgten wir eine ganz menschliche Verräterin. Und ich will nicht selbstgerecht und grausam klingen. Ich wusste wohl, dass diese Frau mich und uns zwar betrogen hatte, aber von den Verbrechern ihrerseits betrogen worden war und für sich selbst wiederum Rache und Gerechtigkeit forderte – jedoch nicht gegenüber uns. Wir würden mit unseren eigenen Ansprüchen auf Gerechtigkeit und Rache sehr weise umgehen müssen. Und so war ich froh, dass uns Abdi auf dieser Reise nicht begleitete, sondern in Istanbul geblieben war. Er war von der Hexe entführt und verletzt worden – und hatte ihr blutige Rache geschworen. In den Wochen danach war sein Zorn auch durch unsere besänftigende Gegenwart verraucht, doch ich wollte nicht, dass er sich zu unbedachten Taten hinreißen ließ. Mit einem allzu wütenden Gefährten ist schlecht reisen und kämpfen. Deshalb hatte er mein ernstes Versprechen angenommen, dass wir für Sühne sorgen würden. Ich glaubte ohnehin, dass Abstand zu all jenen Geschehnissen für den jungen Koch heilsamer wäre, als wenn er sich die Hände mit Blut und die Seele mit Sünde befleckte.

Warum reisten wir also gen Osten, mit Ziel Kurdistan? Weil Haschim Kunde davon hatte, dass sich in dieser Weltgegend der vom Balkan aus gesehen nächstgelegene Ort befand, an dem ein Portal in die Welt der Geister führte, und dieser somit das Ziel der Hexe sein musste, die Al-Kadir aufsuchen wollte. Doch es hatte sich noch eine andere Sache herausgestellt, die mich, der ich auf meinen Reisen mit glückhaften Begegnungen und Wendungen des Schicksals so meine Erfahrungen gemacht habe, nun wahrlich wenig verwunderte. Haschim hatte von einer weisen, alten Frau gesprochen, die im Lande der Kurden lebte und die wohl wissen müsste, wo genau sich das Portal befinde. Bei dieser Beschreibung hatte ich aufgemerkt und mir war sogleich das Bild jener weisen Greisin vor Augen gestanden, die ich bei meinem ersten Besuch im wilden Kurdistan vor zwei Jahren kennengelernt hatte.

„Ihr meint doch nicht etwa Marah Durimeh?“, hatte ich zu Haschim gesagt.

„Ja, Kara Ben Nemsi …“, hatte dieser zögerlich zurückgeben. „Ihr kennt sie auch …?“

Über diese Verwunderung war ich amüsiert gewesen – angemessen und freundschaftlich.

„O ja“, hatte ich erwidert.

Und dann hatten wir beide gelacht, als Halef meinte:

„Da sagen manche, wie klein doch die Welt ist! Aber ich weiß das längst, weil ich mit meinem Sihdi so viel gereist bin.“

Und nun stand eine weitere Reise an!

Wir fuhren also über das Schwarze Meer, um uns nach Landung an seinen östlichen Gestaden in die Wüsten und Gebirge des Kurdenreichs zu begeben. Dort würden wir den Rais von Schohrd aufsuchen und dessen Tochter Ingdscha, die eine Vertraute Marah Durimehs war und wohl um deren Aufenthaltsort wissen würde. So zumindest hatte ich es damals erlebt, in jener wundersamen Episode um den Ruh-i-Kulyan, den Geist der Höhle. Wer diese noch nicht kennt, kann sie in meinen Gesammelten Werken nachlesen, welche sich wohlfeil und schön gebunden erwerben lassen, meinem Verleger im malerischen Bamberg zur Freude.

Vielleicht las auch mein Freund und Mitstreiter Sir David Lindsay in dieser Stunde eines jener Bücher, in seiner prächtigen Privatkabine an Bord seiner ebenso prächtigen Privatjacht, die ihn gerade über das Mittelmeer hinweg zurück zu den heimatlichen britischen Inseln trug. Denn der Lord wollte endlich seinen Schatz, das goldene und silberne Schachpiel Al-Kadirs, in die Sicherheit seiner eigenen hochherrschaftlichen Wände bringen. Wie gut also, dass Sir David nicht auf Rache gegen Al-Kadir sann, weil dieser ihn in der roten Festung eingekerkert hatte. Als gelassenem Mann englischen Adels war ihm die kunstvolle Trophäe Entschädigung genug.

Ich war somit froh, unter meinen jetzigen Gefährten niemanden zu zählen, der auf heißblütige Rache aus war, sondern nur Halef und Haschim, die mir im gemäßigten Wesen doch ähnelten. Nun ja, der gute Halef schwingt oft laut drohende Reden und rüttelt wütend am Griff seiner Kurbatsch, aber er ist dann doch stets bedacht und ruhig. Genau dies brauchten wir auf unserer Mission.

Leider war es mit der Bedächtigkeit und Ruhe auf dieser Etappe unserer Reise nicht weit her.

Ein Donnerschlag riss mich aus meinen Gedanken an die Vergangenheit zurück in die Gegenwart, die aus gischtiger Nachtluft und schwankendem Plankenboden bestand.

„O Sihdi“, rief Halef nun doch über das Heulen des Windes, umklammerte mit einer Hand die Reling und bewahrte mit der anderen seinen Turban davor, sich in ein flatterndes Band aufzulösen – ganz nach der seemännischen Devise: eine Hand für das Boot, die andere für sich selbst.

„Ja, Halef?“, rief ich zurück und hielt die Krempe meines geborgten Südwesters nach oben, damit sie mir nicht in die Augen schlug.

„Sihdi, warum stehen wir hier an der Seite, wo der Wind weht, und nicht an der anderen?“

„Weil nur hier das Spiel der Elemente so grandios zu spüren ist, wie es sich dem Auge darbietet!“ Ich wies mit dem Kinn auf die wabernden Gewitterwolken, die im grellen Gleißen der Blitze aufglommen. Auf der Leeseite des Schiffs, also der vom Wind abgewandten, hätte man dies nicht beschauen können.

„Aber der Sturm treibt uns sowohl den Regen als auch die Wellen ins Gesicht. Diese Vermischung von süßem und salzigem Wasser ist mir nicht geheuer.“

„Das kann ich dir nachsehen, mein Sohn der Wüste. Belecke also nicht deine Lippen, die vom brackigen Nass benetzt sind.“

„Sihdi, ich glaube, du musst rasch wieder einmal nach Hause, nach Dschermania. Wenn du deine Dichterworte nicht auf Papier schreiben kannst, kommen sie aus deinem Mund. Und ich finde, solche gewählten Ausdrücke passen nicht zu diesem Ort und dieser Gelegenheit. Ich schmecke nur eine Erinnerung daran, wie ich ins Hafenbecken von Stambul gefallen bin.“

„Ach, Halef, so schlimm ist es nun wirklich nicht. Denn dort stand die Luft und war nicht so rein und klar wie jetzt, ganz zu schweigen von dem, was alles so im Hafenwasser einherschwamm.“

„Das waren wir selbst, Sihdi! Und bevor ich auch hier in die Fluten stürze, gehe ich lieber wieder unter Deck, auch wenn da die Wände um mich her schwanken, es dafür aber trocken ist …“

Halef presste die Lippen zusammen.

„Wir können auch die Position wechseln“, schlug ich vor. „Vorn am Bug könntest du dich wahrhaft königlich fühlen …“

„Danke nein, Sihdi. Ich will der Gestalt da vorn nicht zu nahe kommen. Die ist mir unheimlich …“

Halef deutete fahrig zum Bugspriet, ohne hinzusehen. Ich erinnerte mich, dass sich darunter tatsächlich eine Galionsfigur befand, aber die war eine harmlose hölzerne Dame mit ein paar Schnörkeln darum, und ich hatte eher das Gefühl der Wehmut, da sie wohl zu den Letzten ihrer Art gehörte, denn mit dem fortschreitenden Einsatz der Dampfschiffe ohne zusätzliche Segel würden Bugspriet und Galionsfigur bald endgültig verschwinden. Ich wollte nun einen Scherz machen, dass eine Dame ohne Unterleib wirklich kein erbaulicher Anblick sei und besser auf den Jahrmarkt gehöre als zur christlichen Seefahrt – Tradition hin, Tradition her –, als ich am Bug eine Bewegung bemerkte, die nicht vom Stampfen des Schiffs herrührte und auch keine brechende Welle war. Ich sah tatsächlich eine Gestalt geduckt an der Wurzel des Bugspriets stehen – und dann war sie verschwunden!

Ich erschrak – war da jemand über Bord gegangen?

Jetzt aber zuckte Halef neben mir zusammen, denn hinter meinem Rücken war in einem Schwanken des Schiffs plötzlich ein Mann an die Reling getreten, in dem ich beim hastigen Umwenden den Ersten Offizier Bossoi erkannte, der das Schiff führte, während Kapitän Rimski schlief.

„Gaspadin Nemets“, sprach er mich aus seinem durchnässten Bart heraus an. „Sie hier, mitten in der Nacht?“ Im Gewitterleuchten sah ich seine hellen Augen unter dem Mützenschirm blitzen. Er machte sich seit unserem Auslaufen den Spaß, meinen arabischen Reisenamen zu russifizieren und mich somit als „Herr Deutscher“ anzureden. Da wir aber gemeinsam nach den Mahlzeiten in der winzigen Messe dann und wann jeder eine Zigarre geraucht hatten, nahm ich es ihm nicht übel.

„Die Nacht ist voller Wunder, Nikolai Bogdanowitsch“, antwortete ich ihm mit Nennung von Vor- und Vatersnamen, was im Russischen keine plumpe Vertraulichkeit ist, sondern höfliche Anrede. Zudem entsprach ich mit meinen Worten dem gefühligen Wesen jener Nation, welches bei ihren Seefahrern besonders ausgeprägt ist. Bossoi hatte mir bei unseren Rauchrunden so einiges an Seemannsgarn gesponnen, in welchem ich mich jedoch nicht verfangen hatte, da ich ja in beiderlei Sinn stets nüchtern bin – was in Gesellschaft eines russischen Seemanns nicht wenig Stärke und Moral erfordert.

„Wie wahr“, gab Bossoi zurück und spähte auf die wühlenden Wogen und den fahlgrün erscheinenden Schaum hinaus. „Die Meerhexen toben sich aus.“

Er nickte zu Halef hin und rollte mit den Augen. Dieser lächelte schief, da er das Märchenraunen des Offiziers nicht verstanden hatte: wegen des Russischen und des Windheulens gleichermaßen. Beide Männer hatten sich aber über einige Gläser Tee hinweg angefreundet, zumal Bossoi dem verschleckten Halef den speziellen Genuss gezeigt hatte, den Tee nicht direkt mit Zucker zu süßen, sondern nach oder vor jedem Schluck einen Löffel voll Konfitüre, also kleinen Früchten in Sirup, im Mund verschwinden zu lassen. Dieses Ritual hatte Halef begeistert, da es nicht allein seinem Naschdrang, sondern auch seinem Spieltrieb entgegenkam. Ich sah schon, wie sich in Zukunft Gläser mit Eingemachtem an den Zeltwänden der Haddedihn stapelten, oder zumindest jenen von Halefs Familie.

„Beschwören Sie es nicht“, meinte ich zu Bossoi und sprach damit das aus, was wohl Halef gesagt hätte. Ich wunderte mich ein wenig über mich selbst. Aber vielleicht lag es daran, dass das Wort Hexe für mich keinen märchenhaft-abergläubischen Klang mehr hatte, auch kein schlicht abwertendes Wort für eine resolute Dame oder ruppiges Frauenzimmer war, sondern dass dieser Begriff in meinem Leben tatsächlich mit einer konkreten Person und ihren Taten verbunden war und ich es als meine Aufgabe sah, die Hexe Qendressa zu verfolgen, von weiteren Verbrechen abzuhalten und die von ihr begangenen zu sühnen. Und hoffentlich auch diese so kluge und tapfere Skipetarin wieder auf den Pfad des Guten zu führen. Dies hoffte ich, wenn ich auch nicht wusste, ob es gelingen würde, bei einem Menschen, der sich der Zauberei verschrieben und mit finsteren Magiern verbündet hatte. Ich würde noch ergründen müssen, ob eine solche Seele sich überhaupt retten ließe. Vielleicht konnte Haschim mir Aufklärung verschaffen, oder eben Marah Durimeh, wenn wir sie erst gefunden hätten.

„Der Sturm zieht in unsere Richtung“, bemerkte Bossoi und schaute zurück zum Ruderhaus.

„Erwägen Sie, den Kurs zu ändern?“, fragte ich, als ich den ernsten Blick des Mannes bemerkte.

„Keineswegs“, brummte der Erste Offizier. „Wir nähern uns der Küste erst, wenn wir den Hafen in Sicht haben. Die ROPiT war, ist und bleibt pünktlich.“

„Sie sind der Nautiker“, nickte ich.

„Allerdings. Bei Reisen über Land haben Sie Ihre Erfahrungen, und ich die meinen über See.“

„Warten wir ab, ob es auch irgendwann Luftreisen gibt“, sinnierte ich. „Und ich meine nicht das gemächliche Gondeln von Luftschiffen.“

Bossoi lachte. „Diese Kinderballons Schiffe zu nennen ist nachgerade lächerlich. Aber was Wunder, es ist schließlich eine Erfindung der Franzosen …“

Da meinte er wohl die Brüder Montgolfier, Jacques Charles und Henri Giffard gleichermaßen, und es mochte ihm gleichgültig sein, dass die einen mit Heißluft, die anderen mit Leichtgas geflogen oder eben doch gefahren waren. Meinen Landsmann Paul Haenlein wollte ich nicht erwähnen, weil dieser jüngst an der Finanzierung seiner futuristischen Idee des motorisierten Luftschiffs gescheitert war. Noch weniger Franz Leppich, der vor sechs Jahrzehnten die Chuzpe besessen hatte, seine aerostatischen Luftgefährte in Kriegszeiten sowohl Kaiser Napoleon als auch Zar Alexander anzubieten. Das hätte der stolze Russe Bossoi mir wohl übelgenommen, und ich wollte auch nicht gezwungen werden, Partei zu ergreifen, in Dingen des reinen Renommées und des Chauvinismus, welche mir beide zuwider sind. So sagte ich also, Puschkin zitierend, um dem Russen eine Freude mit einem Wort seines Nationaldichters zu machen, und ich hoffte, dass ich den Petersburger Dialekt einigermaßen traf:

„Vom ruhigen Himmel verjagt dich der Wind. – Wie beruhigend, dass wir das vergleichsweise gut tragende Element des Wassers befahren. Und uns in einem stabilen Gefährt befinden. Ein gutes, russisches Schiff.“ Ich bemerkte, dass ich unbedacht die nichtrussischen Werften vergessen hatte. Bossoi ignorierte dies oder ließ sich vom eigenen Stolz und auch ein wenig Wehmut tragen. Er klopfte auf die Reling und deutete den Schiffsrumpf entlang.

„Die Fürst Korowjew trägt ihren Namen auch nicht von ungefähr! Sie müssen wissen, dass dieser edle …“

„Sihdi!“, unterbrach Halef ihn mit einem aufgeregten Ruf, und gleichzeitig spürte ich die Hand meines Gefährten auf meiner Schulter. Ich wandte mich um und sah, wie Halef mit dem freien Arm übers Meer zeigte, hin zum tobenden Gewölk des Gewitters. In der Brise der Sturmausläufer löste sich ein Stoffende des Turbans und peitschte wie eine weiße Schlange vor dem schwarzen Himmel. Dies war jedoch nicht der erstaunlichste Anblick, denn was ich sah, als ich Halefs Finger mit den Augen folgte, raubte mir den Atem, wie es der beißende Wind nicht vermochte: Vor der fernen Wolkenwand, die schwarz in schwarz zwischen finsterem Meer und sternlosem Firmament brodelte und die durch zittrige Blitzfinger mit weißen Fetzen durchsetzt wurde, blähten sich die Segel eines Mehrmasters altertümlicher Bauart. Die Leinwände unter den Rahen leuchteten in düsterem Rot, als die himmlischen Entladungen ihr bleiches Licht hindurchschienen. Das Schiff hielt auf uns zu, flog vom Sturm getrieben uns entgegen, die roten Segel wie der Kropf eines Fregattvogels geschwellt, und unter dem Bugspriet, am Vordersteven, sah ich ein goldenes Blitzen. Dort gab es wohl auch eine Galionsfigur, und vielleicht war es dieser Schimmer, der Halef aufmerksam gemacht hatte.

„Hast du das auch gesehen, Sihdi?“, rief Halef.

„Ein anderes Schiff“, nickte ich. „Welch mutige Mannschaft, sich ohne Dampfkraft dem Sturm zu stellen.“

„Kein Dampf?“, fragte Halef und schüttelte den Kopf, bemerkte seinen sich lösenden Turban und steckte das lose Ende rasch und vehement fest. „Dann habe ich mich wohl verhört, Sihdi. Denn ich meinte, ein Rufen zu hören, das der Sturm zu mir wehte. Es klang wie die scheußliche Pfeife an dem Eisenkamin, nur abgehackt, fast meckernd …“

Er wedelte mit der Hand nach hinten, zur Sirene am Schlot hin. Er hatte dieses ihm verhasste lärmende Etwas schon zuvor ein wenig despektierlich mit einer Kirchenglocke verglichen. ‚Sihdi, warum immer nur dieser Lärm? Ihr Ungläubigen trötet damit die Hafenankunft heraus und kreischt schrill, wenn die eiserne Bahn ihren Hof erreicht. Aber warum der Bimbam aus dem Turm des Gotteshauses? Wir Muslime rufen freundlich zum Gebet, nur Männer mit schönen Stimmen werden Muezzin. Ihr aber lasst rohe Glockengießergesellen bestimmen, wie die Gläubigen an den Gottesdienst erinnert werden …‘

Nun, diese eigensinnige Sicht auf westliche Klänge war es wohl, warum Halef nun auch bei einem Segler ein Dampfsignal zu hören glaubte. Immerhin munkelte er nicht vom Fauchen der Meerhexen. Wie gut also, dass er des Russen Seemannsgarn nicht vernommen hatte, weil ich so vorausschauend gewesen war, es eben nicht zu übersetzen.

Mit gelassener Neugier zog Bossoi das Fernrohr aus dem Lederetui am Gürtel. Seine Geste war geübt, und auch wenn ich selbst über ein gutes Messingperspektiv verfüge und es oftmals zum Fernspähen eingesetzt habe, erinnerten mich die Bewegungen des Ersten Offiziers an einen Mann, der einen Revolver zieht – um ihn mit einem Handgriff zum schimmernden Säbel zu verwandeln. Dieser war natürlich stabrund und stumpf, die Schärfe lag in den geschliffenen Linsen, dennoch schien mir Bossoi nicht immer bei der Handelsmarine gedient zu haben. Es ist nun so, dass ein Kämpfer den anderen an solchen Kleinigkeiten erkennt. Ich fragte mich, ob er in unseren gemeinsamen Stunden wiederum erkannt hatte, dass ich nicht allein mit der Schreibfeder umzugehen weiß.

Jetzt blickte Bossoi durch das Teleskop. Er murmelte einige nautische Begriffe, mit denen er wohl die Art des Seglers bestimmen mochte, und suchte nach Anzeichen, eine Nationalität auszumachen. Dass er davon ausging, jene Entdeckungen in diesem unsteten Licht machen zu können, zeichnete ihn als Seemann mit geübtem, ja kühnem Auge aus. Dann ließ er das Fernrohr sinken, im Blitzeslicht bemerkte ich seine ernste Miene und glaubte, seine wettergebräunten Züge erbleichen zu sehen. So schaute kein Mann drein, der eine Handelsbrigg, einen Kauffahrerschoner oder eine Postbark erblickt hatte.

Bossoi hauchte einen wütenden Seufzer aus und knurrte dann:

„Piraten.“

Zweites Kapitel
Die Teuta

„Piraten im Schwarzen Meer?“, sagte ich ungläubig. Nicht, dass ich mich dem Glauben hingab, das Piratentum sei für alle Zeiten ausgemerzt, nur weil in den vergangenen Jahrzehnten die Freibeuterei der Karibik und das Korsarentum des Mittelmeers niedergegangen waren, bedingt durch die politischen Entwicklungen betreffend der Großmächte und ihrer Kolonialreiche, wie auch der technischen Neuerungen, etwa der windunabhängigen Dampfschiffe. Auch wusste ich, dass die südlichen Küsten am Persischen Golf von den Briten nicht von ungefähr Piratenküste genannt wurden, wegen der Überfälle auf Handelslinien, die Waren aus Indien nach Europa brachten, vom scheußlichen Sklavenhandel unmenschlicher Verbrecher ganz zu schweigen. Dass es nach einigen Verhandlungen zwischen dem Empire und den betreffenden Emiraten zu Vertragsunterzeichnungen gekommen war und offiziell Frieden und Einigkeit herrschen sollten, änderte nur wenig an den grausamen Tatsachen, denn Übeltäter scheren sich nicht um offizielle Dokumente. Ich wusste also sehr wohl, dass es türkische und arabische Piraten gab in den Gewässern des osmanischen Reichs. Und selbst hier, auf dem Schwarzen Meer, hatte es Kosaken zur See gegeben, welche von der Krim und der Mündung des Dnjepr aus Beutezüge unternahmen. Doch dies war vor zweieinhalb Jahrhunderten gewesen. Und so spukhaft die Szenerie auch sein mochte, mit dem finsteren Schiff und dem nächtlichen Sturm, so würde es sich wohl kaum um geisterhafte Piratengestalten handeln. So sehr ich den Dichter Wilhelm Hauff schätze, der in seiner Erzählung vom Gespensterschiff die Sage vom Fliegenden Holländer ins Morgenland verbracht hat – diese war nun einmal ein Märchen.

Hier aber hielten wahrhaftige Segel auf uns zu, und der Erste Offizier schien besorgt. Ich wollte ihn aber ernst nehmen: „Was haben Sie gesehen?“, fragte ich, wobei ich nicht davon ausging, dass er mir nun von einer Flagge mit Totenschädel und gekreuzten Knochen berichten würde. Damit wären wir bei den übertriebenen Abenteuergeschichten, welche vor allem im angelsächsischen Sprachraum in billigster Heftung an der Hintertreppe vertrieben werden, als sensationelle Lektüre für schlichtere Gemüter. Letztere sind gute Menschen, die eben ihren eigenen Geschmack haben; jene, die aber solcherlei Schund verfassen, empfinde ich als Schande innerhalb der schreibenden Zunft. Wie gut, dass ich selbst nur von meinen Reisen und Erlebnissen berichte und mich nicht dem Flunkern und Fabulieren ergeben muss.

„Es ist die Teuta“, sagte Bossoi und hob erneut das Fernrohr ans Auge, wie um sich zu vergewissern.

Das gab mir Zeit zum verwunderten Nachsinnen. Ich war mit meinen Gefährten ja vom Balkan hergekommen, wo wir den Schut besiegt und sein Reich zerstört hatten. In diesem Land der Skipetaren, weit im Westen an der Küste des Adriatischen Meeres, in Albanien und Dalmatien, hatte in der Antike der Volksstamm der Illyrer geherrscht, und deren Name ging auf jene Gebiete über, bis in die heutige Zeit. Ich will nicht über Ländergrenzen und Gebietsansprüche referieren, über Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich. Der Name Teuta wies auf viel frühere Zeiten hin, denn so hieß eine Königin der Illyrer, im dritten Jahrhundert vor der Zeitrechnung, zwischen den Punischen Kriegen, als Gnaeus Flavius Konsul war. Dieser bekämpfte Teuta in den sogenannten illyrischen Kriegen, die begonnen wurden, weil die kriegerische Dame einige nahe griechische Städte in Überfällen verheert hatte, die nichts anderes waren als – Piratenangriffe. Wenn sich also eine heutige Piratin Teuta nannte, so lag diese Namenswahl nicht allzu fern – obgleich das Schwarze Meer doch einiges von der illyrischen Adria entfernt war, so wie unsere heutige Zeit von der Ära der Römer. Dennoch wollte ich dies nicht so recht glauben. Man mag es mir nachsehen und mich nicht der männlichen Überheblichkeit zeihen, als ich Bossoi fragte:

„Meinen Sie den Namen des Schiffs?“

Der Erste Offizier blickte mich scharf an. „Sie mögen verzeihen, aber dies kann nur ein Mann sagen, der ausschließlich die Landwege dieser Breiten, aber nicht die Seewege kennt. Sonst würde auch Sie der Name Teuta mit Respekt erfüllen, wenn nicht gar Ehrfurcht.“

„Aber wenn sie doch eine Piratin ist, warum spielt die Ehre in die Furcht? Verbrecher sind ohne Ehre, und diese sollte ihnen nicht zugesprochen werden.“

„Teuta ist die letzte Piratin. Oder die erste …“

„Warum dies?“

„Weil sie von ihrem Gemahl das Schiff und die Mannschaft und die Profession ererbte. Sie ist Witwe. Und ihre Seele ist so schwarz wie ihr Schiff.“

„Es gab in China, in den fernöstlichen Gewässern einst eine Witwe Cheng, welche …“

„Teuta ist die letzte Piratin, weil sie sich nicht dem Schicksal ergeben hat, welches die Dampfkraft über die Segler gebracht hat. Ihr Schiff behauptet sich weiter in jedem Manöver. Weil Teuta mit dem Teufel im Bunde ist.“

Ich seufzte. In dieser Erzählung steckte doch wieder nur allzu viel Seemannsgarn, das zudem auf übliche Art gesponnen war. Irgendjemand hatte wohl von der chinesischen Piratenwitwe Cheng reden hören. Diese war mit ihrer ererbten Piratenflotte tatsächlich eine Bedrohung im Reich der Mitte gewesen, aber dies hatte sich zu Beginn des Jahrhunderts ereignet – und auch die Witwe hatte den Niedergang der Piraterie nicht aufhalten können, und seit fünfzig Jahren war auch im Gelben Meer dieser Spuk vorüber. Nun, und dieser Spuk des Schwarzen Meeres und der Adriatischen See? Ich konnte nicht umhin, kopfschüttelnd zu lächeln. Da hatte man dem Fliegenden Holländer wohl nur einen Rock um die Hüften gewunden, ansonsten aber Teufelsbund und Fluch und Zauberschiff beibehalten, alles was es für eine abergläubische Klabauterei nach Seemannsgeschmack benötigte.

Ich wollte Bossoi aber nicht verhöhnen und fragte interessiert: „Woran haben Sie das Schiff der Teuta erkannt?“

„Am goldenen Ziegenkopf unter dem Galion.“

Jetzt begriff ich: das Symbol der Illyrer. Dies war mir im Land der Skipetaren begegnet, es schmückte die Helme der Fürsten Skanderbeg und Dukagjini, zumindest deren sterblicher Überreste. Und die Hexe Qendressa hatte uns mit einem ziegenförmigen Schmuckstück eine Botschaft übersandt. Es lag also nahe, dass sich eine illyrische Piratin mit diesem Signet ausgestattet hatte, oder wer auch immer jenes Schiff führte und sich mit Schauermärchen schmückte oder mit dergleichen belegt wurde. Und nun erinnerte ich mich an die launige Bemerkung jenes österreichischen Beamten in Dalmatien, dass von einer Piratin gemunkelt werde, die vom leibhaftigen Bocksbeinigen begleitet werde. Ja, und selbst mein guter Freund Sir David hatte von einer Schiffsbegegnung erzählt, die er und seine Mannschaft auf der Fahrt von Malta zum Balkan, kurz vor der albanischen Küste gehabt hatten. Ein Schiff mit rötlichen Segeln und einer gehörnten Figur am Vordersteven. Und es hieß, man habe ein Meckern vernommen …

Ich schaute Halef an, der in meiner Unterhaltung mit Bossoi das Wort Pirat zweifellos hatte ausmachen können und der von uns zu dem nahenden Schiff und wieder zurück blickte.

„Halef“, sprach ich ihn an, „was hattest du über jenes Geräusch gesagt …“

In diesem Augenblick heulte der ferne Sturm auf und schien wie eine Windsbraut heranzufegen. Die Wolken quollen in gewaltig sich türmenden Wänden auf uns zu, ihre erzdunkle Schwärze durchgrellt von silberhellen Adern aus Himmelsfeuer. Und der Gewitterfront voran rauschte das Schiff mit den glühenden Segeln und dem goldenen Blitzen am Bug.

„Sie halten auf uns zu“, bemerkte Bossoi. Dies war augenscheinlich, wie ich befand. Seine weitere Einschätzung erstaunte mich jedoch: „Sie wollen entern.“

„Im Sturm?“, fragte ich und setzte nach: „In der Nacht?“

„Das ist die Teuta“, gab Bossoi zurück, als wäre dies hinreichende Antwort, als müsse mir dies alles sagen. Er presste die Lippen aufeinander und schob vehement das Fernrohr erst ineinander, dann in das Etui am Gürtel. Er blickte mich eindringlich an. „Verlassen Sie das Deck. Ich gebe Alarm.“

Letzteres war seine Entscheidung, Ersteres sah ich nur als Empfehlung, der ich nicht folgen musste. Bossoi stieß sich von der Reling ab und lief zum Ruderhaus, wobei er jedes Schwanken des Decks geschickt und erfahren mit seinen eigenen Bewegungen ausglich. Ich blieb neben Halef stehen und blickte dem Schiff entgegen, das vor dem Sturm heranflog.

„Es ist nicht möglich, ein Schiff bei Sturm aufzubringen“, sagte ich. „Dieses Manöver ist nur ein Schreckensakt, um die abergläubischen Seeleute zu verunsichern.“

„Aber Sihdi“, meinte Halef, „warum all das, wenn doch nur wir und die Nachtwache es sehen können?“

„Wie du bemerkt hast, eilt der eifrige Offizier zum Kapitän und scheucht die Besatzung aus den Kojen. Ein schöner Aufruhr und ausreichend Publikum für das Schauspiel.“ Ich musterte den Kurs des schwarzen Seglers. „Es wird kaum möglich sein, dass sie längsseits gehen, wie es für ein Entermanöver nötig ist. Bei diesem Wind können sie gar nicht mehr beidrehen.“ Ich erläuterte Halef mit den Händen, was ich meinte. „Sie werden wohl hinter unserem Heck vorbeifahren.“

„Und wenn sie das nicht schaffen und uns rammen? Oder rammen wollen?“

Halef umklammerte mit beiden Händen die Reling, als bereite er sich auf einen Aufprall vor.

„Das wäre auch für sie äußerst gefährlich. Schließlich ist es ein recht moderner Segler und kein antikes Kriegsschiff mit einem Rammsporn. Das ist ein …“

„Ein großes Ding aus Metall, das vorn am Schiff aus dem Wasser ragt?“

„Ja, richtig.“ Mein kluger Halef ist von rascher Auffassungsgabe.

„Dann hat das Schiff einen Rammsporn“, rief Halef und getraute sich, eine Hand von der Reling zu lösen und fahrig nach vorn zu deuten. Ich folgte seinem Wink und sah tatsächlich, dass sich einiges unter der schimmernden Galionsfigur ein weiteres glänzendes Etwas zeigte, als es sich aus den Fluten vor dem Bug erhob, wann immer das Schiff durch die Wellen stampfte. Es mochte ein solider Balken sein, der in den Kiel eingefügt und mit Kupferblech beschlagen war und so, ähnlich wie die Bocksfigur am Steven, das Licht zurückwarf.

„Das ist nur Blendwerk“, sagte ich grimmig. „Um ein Schiff gezielt zu rammen, braucht es Ruderer, die auch rückwärtig sozusagen für Vortrieb sorgen könnten, damit …“

„Was immer du da meinst, Sihdi“, rief Halef, „es scheint die da drüben nicht zu kümmern!“

Tatsächlich hielt das finstere Gefährt weiter auf uns zu, und wie ich verwundert bemerkte, auf einem Kurs, der exakt senkrecht zu dem unseren angelegt war, dwars oder querab, wie es in der Seefahrt heißt. Doch wir bewegten uns ja ebenfalls, und so hätte ich doch eine Schrägstellung des Rumpfes bei unserem Gegenüber bemerken sollen – denn dieser würde uns doch folgen müssen und hätte niemals andauernd auf unsere Mitte zielen können! Ich konnte jedoch stets von vorn auf den Bug blicken, und der Bockskopf schien mich ebenfalls anzustarren. Das war unmöglich! Ich spürte ein Ziehen in meinem Nacken, als mich diese Erkenntnis überfiel, und für einen Augenblick schien mir, als würde die abergläubische Saat des Seemannsgarns in mir aufgehen, in diesem Klima, das für Schauergeschichten so gedeihlich ist: Mitternacht und Sturmesbrausen.

Dann aber presste ich die Zähne aufeinander und ballte die Fäuste an der Reling. Ich spähte angestrengt zu den Aufbauten hinüber, ob ich nicht doch den Schlot einer verborgenen Dampfkesselbefeuerung erkennen könnte. Ich bin wahrlich kein Ingenieur der Marine, aber vermochte man ein solches Manöver, wie ich es hier beobachtete, vielleicht dadurch zu erreichen, dass es eine seitliche Schiffsschraube gab? Gewiss war dies zweifach absurd: Wer würde solch ein altes Segelschiff mit derartiger Technik ausstatten – und zudem, welchem Kopf entspränge eine solche Idee, wenn nicht einem Romanschriftsteller, der Fabeln über phantastische Fahrten erdachte, wie etwa der Franzose, der den deutschen Lesern als Julius Verne bekannt ist?

Bevor ich aber noch weiter darüber nachsinnen konnte, hörte ich hinter uns das Poltern schwerer Seestiefel. Die russischen Matrosen kamen heran, mit Gewehren und Beilen in den Händen, auch Stangen mit Haken an der Spitze. Das war wohl das Gegenkommando für den befürchteten Enterversuch, und Bossoi befehligte sie, diesmal nicht mit einem säbelähnlichen Teleskop in der Hand, sondern einem tatsächlichen Säbel, der möglicherweise schon bei Borodino gegen Napoleon geschwungen worden war, dann aber gewiss von Bossois Großvater. Der Marinerevolver, den er trug, war jedoch neu. Am Schwung des Hammers erkannte ich, dass es sich um die Kopie eines amerikanischen Modells aus der russischen Waffenfabrik in Tula handelte, eine Stadt, die auch für ihre vorzüglichen Samoware und köstlichen pryaniki, also Lebkuchen, bekannt ist. Den amerikanischen Waffenschmieden wäre es wohl lieber, wenn sich die Russen auf diese beiden Dinge beschränkten und nicht Revolver nach fremdem Vorbild bauten. Nun, sollte es wirklich zum Kampf kommen, war es mir einerlei, woher die Waffe des Offiziers stammte, wenn er nur geschickt damit umgehen könnte. Und jetzt fiel mir auf, dass ich selbst unbewaffnet war. Diesen Umstand mag man mir nachsehen, denn ich trage weder Revolver noch Henrystutzen, schon gar nicht den Bärentöter bei mir, wenn ich auf einer Schiffspassage übers Schwarze Meer kurz zum mitternächtlichen Luftschnappen das Deck betrete.

Bossoi schaute zu mir herüber und deutete mit dem Kolben seines Revolvers erst auf mich und dann auf seinen Gürtel. In dessen Halfter steckte eine zweite Waffe.

„Darf ich anbieten, Sie zu bewaffnen, Gaspadin Nemets? Ein vorzügliches Modell, russische Erfindung. Besser als ‚Kalt‘ oder ‚Smissenwessen‘.“

Ich fragte mich, ob er scherzte und sich absichtlich dieses schweren Akzents bediente.

„Danke, nein“, gab ich zurück. „Ich habe ausreichend Feuerwaffen in meiner Kajüte.“

„Aber nicht hier, wo Sie sie brauchen!“

„Warten wir ab.“ Ich wollte die Entscheidungen des Offiziers nicht in Frage stellen, aber ich glaubte noch immer nicht an einen Angriff.

„Wie Sie meinen“, rief Bossoi über ein Aufheulen des Windes, und als er sich abwandte, um angespannt über die Reling zu spähen, sah ich, wie er etwas gewiss Despektierliches murmelte. Das störte mich nun, obwohl ich es dem Mann nicht verdenken konnte. Ich seufzte und wandte mich an Halef.

„Bist du so gut und gehst ausnahmsweise alten Dienerspflichten nach? Oder eher noch denen eines Schildknappen oder Waffenmeisters …“

Halef legte den Kopf schief. „Ich soll unsere Gewehre holen, Sihdi?“

„Die Revolver sollten reichen“, meinte ich. Dies war keine fahrlässige Verkennung der möglichen Gefahrensituation, sondern hatte auch andere Gründe. Halef schaute an mir vorüber, zu den Aufbauten unseres Schiffes hin.

„Das kann ich nicht, Sihdi.“

„Aber …“

Halef deutete über meine Schulter und ich wandte mich um. Vor dem Deckshaus stand Scheik Haschim mit finsterer Miene, doch wachen Augen. Seine helle Kleidung schien unter dem dunklen Umhang hervor, als sich die Ölhaut im Wind blähte. Und so sah ich auch, dass über Haschims eigenem Waffengurt, an dem er Säbel, Dolch und Revolver trug, locker mein eigener Gürtel um seine Hüften lag, mit meinem eigenen Revolver und dem Bowiemesser. In den Händen trug Haschim meinen Henrystutzen und Halefs Büchse, samt gefülltem Patronengurt.

Stumm trat Haschim an uns heran, reichte uns die Gewehre, und als er meinen Gürtel ablegte und ihn mir übergab, sagte er:

„Ich habe eine Präsenz gespürt, Kara Ben Nemsi. Und sie verheißt Unheil.“

Ich legte mir den Gurt mit Messer und Revolver um, den Henrystutzen hatte ich mir am Riemen über die Schulter gehängt. An seinem Gewicht spürte ich, dass er vollständig geladen war. Es ist meine Gewohnheit, die Waffe nicht nur regelmäßig, vor allem nach Gebrauch, zu reinigen und zu prüfen, auf dass sie stets tadellos ihren Dienst verrichten kann. Sondern ich wechsle auch immer die Patronen, wenn sie längere Zeit im Röhrenmagazin verharrt haben, sowohl in ihrer Position, als auch gegen neue. Der Henrystutzen ist eine verlässliche und robuste Waffe, die aber ihre Eigenheiten hat. Diese kenne nur ich, und so ist dies neben der speziellen Funktionsweise jenes Gewehrs eine weitere Sicherungsmaßnahme gegen fremden Gebrauch. Ich hatte die Passage auf dem Schwarzmeerdampfer für eine grundlegende Wartung des Stutzens genutzt, und so wusste ich, dass er an diesem Abend zur Hälfte auseinandergenommen auf meiner Koje gelegen hatte. Und als ich an Deck gegangen war, hatte ich die Kabinentür verriegelt.

Ich wechselte einen Blick mit Haschim, in dem kein Vorwurf lag, sondern nur Verwunderung, vielleicht auch ein wenig Bewunderung, vor allem aber Respekt. Der Scheik ließ seine Mundwinkel nur kurz zucken, das weise Lächeln, welches sonst bei solchen Gelegenheiten um seine Lippen spielte, zeigte er nicht. Dies ließ mich begreifen, wie ernst die Lage sein mochte. Und dieser militärische Begriff, der mir in den Sinn kam, erinnerte mich daran, dass wir uns noch immer im Krieg mit dem finsteren Magier Al-Kadir befanden, selbst wenn er nicht mehr auf dieser Erde weilte, sondern im Geisterreich darauf harrte, Rache an uns zu nehmen und uns zu vernichten.

Und in eben dem Moment, in dem Haschim von einer Präsenz sprach, die er gespürt zu haben glaubte, empfand ich ebenfalls etwas. Es war jenes leichte Brennen in meinem Innern, das sich bemerkbar machte, seit ich Al-Kadir in dessen roter Festung im Duell mit dem magischen Schachspiel besiegt hatte, wodurch mir ein Preis der Macht zugestanden worden war, den ich jedoch abgelehnt hatte. Doch trotz meines Kampfs dagegen und meines Widerwillens war laut Haschim ein Teil dieser Kraft in mir verblieben. Und diese befähigte mich, Magie und Zauberei zu verspüren, wann immer ich ihr begegnete. Allerdings war es nun so, dass meine Zweifel an dergleichen Dingen und mein nüchterner Verstand sich oftmals dagegenstellten, ich es schlicht nicht wahrhaben wollte, selbst wenn ich es mit eigenen Augen sah. Aber wie ein weiser Mann einmal gesagt hatte, er mochte Wissenschaftler gewesen sein, doch kein Mystiker: Deine Augen können dich täuschen, traue ihnen nicht. – Solange es also keine Thermometer oder Barometer oder Kompassnadeln gab, die eindeutig auf unwiderlegbare Kräfte der Natur oder eben der Übernatur hinwiesen, blieb ich doch skeptisch. Auch und gerade, weil ich durchaus über ein Instrument verfügte, um damit die, wie es hieß, wahre Natur der Dinge zu schauen, namentlich den Musaddas. Dieser goldene Sechseckring aus dem Besitz Al-Kadirs, hatte bei meinem jüngsten Abenteuer zwar durch Halefs Hand seine Form verloren, besaß diese aber nun wieder, dank der Kunst von Schimin dem Schmied – und ein wenig Anleitung von Seiten Haschims. Aber nun, um den Ring zu nutzen, musste man hindurchblicken, mit den so leicht zu täuschenden Augen. Ich trug den Ring in meiner Westentasche, mittlerweile eher aus Gewohnheit als aus dem Grund, ihn rasch bei der Hand zu haben. Aber auch nach Haschims Worten beschloss ich, den Musaddas nicht zu nutzen, um etwa durch seinen goldenen Kreis hindurch auf das sich so seltsam annähernde Schiff zu blicken. Um – ja, was zu sehen? Ich vertraute Haschim, er war ein kluger und ehrlicher Mann, und so wollte ich ihn sich erklären lassen. Zudem hatte ich keine Hand frei für das goldene Spekulum, jetzt wo ich den Henrystutzen von der Schulter nahm. Sollten uns tatsächlich Piraten attackieren, wäre er wohl nützlicher als ein Ringlein, um dadurch – um es der Situation angemessen hanseatisch auszudrücken – Spöken zu kieken.

Ich lud den Stutzen durch. Neben mir repetierte Halef den Bolzen seiner Büchse. Die Revolver würden erst später nötig sein, wenn es zum näheren Kampf käme. Und schließlich müssten die Klingen herhalten.

„Ihr seid bereit zum Kampf“, sagte Haschim.

„Gewiss“, gab ich zurück. Es war offensichtlich.

„Nicht dieser Kampf, Kara Ben Nemsi.“

„Wie soll man Piraten anders begegnen? Oder einer Piratin, wenn man dem Ersten Offizier Glauben schenken mag.“

„Es ist die Teuta“, nickte Haschim.

Ich war kaum verwundert, dass der Scheik diesen Namen kannte. Als Kundiger der magischen Künste wusste er wohl auch um allerlei Sagen und Legenden und abergläubische Dinge, denn all das ging ja, zumindest nach meiner Vorstellung, nahtlos ineinander über und ließ die nötige Trennschärfe vermissen. Ich wusste nicht mehr, woher ich diesen Begriff kannte, vielleicht hatte ich in einem Buch über Optik davon gelesen, mir schien er recht passend. Aber ich war verwundert, dass Haschim jenes klabauterhafte Piratenweib so bezeichnete, als sei Teuta kein Name, sondern ein Titel, gerade wie Bossoi zuvor. Aber nun, Ähnliches war in der Geschichte oft genug vorgekommen: Der familiäre Beiname Caesar wurde zur römischen Würdenbezeichnung, und der Name des Kaisers Karl – man beachte wiederum den Titel – wurde im Slawischen zum Wort für König: kral. Mochte es also eine Namens-Teuta gegeben haben, so war es eben nun eine Titel-Teuta, die mit ihrem Schiff die Seeleute in Schrecken versetzte – oder beides, mir war es einerlei.

„Und wer ist diese nun? Piratin oder Popanz? Eine reale Bedrohung oder eine Spukgestalt?“

„Schaut selbst.“

Ich sandte meinen Blick wieder über die Reling hinaus, nachdem ich mich etliche Herzschläge lang nur Haschim zugewandt hatte. Und ich erschrak! In dieser kurzen Zeit war das schwarze Schiff so nahe gekommen, wie ich es selbst mit Sturmwind in den Segeln kaum für möglich gehalten hätte. Und noch immer ragte uns der Vordersteven mit dem Bockskopf entgegen, darunter der drohende Rammsporn. Was mich jedoch am meisten erstaunte, war der Anblick einer Gestalt, die auf der Wurzel des Bugspriets stand, sich mühelos gegen das Schwanken und Stampfen geradehielt, die Hand nur locker an das Tau des Vorstags gelegt.

Es war eine Frau – es war die Teuta!

Ich konnte die hageren Züge ihres Gesichts erkennen, die Haut von Gischt und Sonnenglut gestrafft und verhärtet. Falten zogen sich als tiefe Linien hindurch, kaum weniger zahlreich als Taue und Stage in der Takelage des Schiffs, doch die Augen blitzten so wach wie der Goldschädel am Galion. Die Teuta mochte das mittlere Alter überschritten haben, ich erkannte ihr langes, graues Haar, das unter einem straff um den Schädel gewundenen Tuch hervorkam und im Wind nach hinten schlug, in verfilzten Strähnen, die mich an die Haartracht von Sufis oder Derwischen erinnerten. Doch ein Vergleich mit jenen heiligen Männern verbot sich wohl. Auch die Kleider waren wie die eines Mannes; an Jacke, Weste, Hemd konnte ich nichts Weibliches entdecken, was immer dies auch heißen mochte, denn Stickerei und Zierrat sind Dinge, die den Männern aller Kulturen keineswegs fremd sind. Ich sah keine Waffen, weder in der freien Hand noch im breiten Gürtel, und auch aus dem Stiefel ragte weder Dolchgriff noch Revolverkolben. Ja – aus dem einen Stiefel! Denn die Teuta stand am Bug ihres Schiffes und schwankte nicht, obgleich aus der einen gekappten Hosenröhre kein menschliches Bein aus Fleisch und Blut ragte, sondern eines, das aus Holz oder Elfenbein geschnitzt sein mochte. Dies war nun kein verwunderlicher Anblick, denn auch ohne die legendenhafte Beschreibung von Freibeutern und Bukanieren zu bemühen, sind hölzerne Beine eine Gehhilfe für Versehrte aller Art, hätten sie ihre Glieder nun durch Krieg, Unfall, Krankheit oder Schicksal verloren.

Doch die Teuta trug ein künstliches Bein, das gestaltet war wie der Lauf eines Bocks, vom Schwung der Linien bis hin zur Ausformung von Hinterklaue und Huf. Wäre die Teuta ein Mann gewesen, hätte man glauben mögen, man würde den bocksbeinigen Leibhaftigen erblicken! Ich aber erkannte, dass sie hiermit wohl ihre illyrische Herkunft und das alte Herrschersymbol würdigen wollte, wenn auch auf seltsam erscheinende Weise.

Ich riss mich von dem eigentümlichen Anblick los, denn die Männer um mich herum begannen zu wanken und zu zaudern. Sie glaubten nicht mehr, ein Kapermanöver verhindern zu können, allein mit einigen Salven aus den Gewehren oder ihrer schlichten Anwesenheit, die Bereitschaft zeigte, ein jedes Prisenkommando zurückzuschlagen.

Denn das geisterhafte schwarze Schiff mit den blutig leuchtenden Segeln und seiner teuflischen Kapitänin zeigte keine Kursänderung. Die Piraten wollten nicht längsseits gehen, für jedes Beidrehen war es wohl zu spät, es blieb allein der Rammstoß aus voller Fahrt!

Der Bocksschädel blitzte auf, ebenso der Metallsporn, welcher sich aus der schimmernden Gischt der Bugwelle erhob, und wir alle sahen den stummen, harten Blick der Teuta. Diese drei Anblicke bannten uns, und wir mussten uns von der Reling, von unseren Positionen regelrecht losreißen, um zu den Seiten zu fliehen, damit wir nicht an jener Stelle verharrten, die in wenigen Herzschlägen vom Aufprall des Sporns und des diesen tragenden Schiffs zerfetzt und zerschmettert würde. Ich warf einen hastigen Blick zurück zum Deckshaus und zum Schlot der Maschine. Würde der Rammsporn lang genug sein, der Aufschlag heftig genug, dass der Kessel zerrissen, gar zersprengt würde? Es wäre unser aller Ende!

Drittes Kapitel
Zwei Leibhaftige

Das schwarze Schiff kam noch immer heran und jedes Detail stach mir in die Augen, grell hervorgehoben während der kurzen Herzschläge des flackernden Lichts. Ich dachte nicht an Flucht, niemand dachte daran, denn an keiner Stelle auf Deck oder innerhalb des Schiffs, noch weniger in den Fluten der See, wäre die Gefahr geringer gewesen. Und so musterte ich ergeben das nahende Unheil. Der Bockskopf am Bug starrte mir aus den leeren Augenhöhlen entgegen, der Blick der Teuta hingegen schien zu brennen – doch nicht in meine Richtung! Ich glaubte zu bemerken, wie sie stattdessen Haschim mit einer Art nüchternem Erkennen bedachte. Und als ich zu Haschim sah, erstaunte mich der gelassene Ausdruck auf seinen Zügen, der mir jedoch nicht davon zeugte, dass er sich seinem Schicksal gefügt hätte – zumindest nicht dem Schicksal des Todes auf See! Wenn Haschim also die Teuta kannte, was wusste er noch?

In diesem Augenblick geschah das Unfassbare! Ich sah mit ungläubigem Staunen, wie das schwarze Schiff von seinem vermeintlichen Rammkurs abschwenkte, beidrehte und dabei auf schier unbegreifliche Art seine Geschwindigkeit minderte! Dies war nach allen Gesetzen der See und der Erde unmöglich! Und ich hörte über den Wind einen meckernden Laut, der alle Naturwissenschaftler von Archimedes bis Newton in Spott und Hohn zu verlachen schien. Das Schiff der Teuta ging längsseits, einen Steinwurf entfernt. Der Wellenberg, den der Rumpf bei diesem Manöver aufgeworfen hatte, schlug mit Macht gegen unsere Bordwand und ließ die Aufbauten erzittern, sandte einen Schlag durch unsere Leiber. Dies warf mich noch vorn, gegen die Reling, und als ich mich abfederte, fiel mein Blick nach unten auf das wühlende Wasser, und der Schaum schien mir auf widernatürliche Art zu schimmern, ähnlich jenem Phänomen, welches man in der südlichen See das Meeresleuchten nennt. Ich bezweifelte aber, nicht nur wegen unserer nördlichen Position, dass hier gütige Geschöpfe der maritimen Kleintierwelt ihr Lichterspiel trieben. Nicht allein wegen des erstaunlichen seefahrerischen und physikalischen Kunststücks, dessen Zeuge ich geworden war; auch nicht allein wegen des Raunens über die Teuta und der Worte Haschims – nein, auch ich hatte in meinen jüngsten Abenteuern mittlerweile zu viel Unglaubliches gesehen, als dass ich nicht sogleich an etwas Übernatürliches gedacht hätte. Oder doch immerhin an etwas, dessen Natur mir noch unbekannt war. Ich riss den Blick hinauf, wobei ich ohnehin gar nicht anders konnte, denn der Widerruck des Wellenschlags ließ mir Kopf und Körper zurückkippen, und als ich die Takelung des schwarzen Schiffs nun von der Seite sah, bemerkte ich etwas Ungewöhnliches: Wenn ich auch kein Seemann war und auch nie einer werden würde oder wollte, so erkannte ich doch, dass die Masten dieses Schiffs durchaus besonders waren. Ich hatte nun als Reisender zwischen den Kontinenten genug Schiffsmasten gesehen, um dies beurteilen zu können, auch ohne Schiffsbaumeister zu sein. Diese Masten erschienen mir nicht nur um einiges mächtiger im Umfang, als es üblich war, nein, um die Rundungen der Hölzer – wenn es denn Holz sein mochte – wand sich jeweils von Fuß bis Topp ein sicher armdickes Etwas, wie eine Schlingpflanze um den Stamm eines Urwaldriesen oder eben doch die sprichwörtliche Schlange um den Baum der Erkenntnis. Mir allerdings blieb die Erkenntnis, um was es sich dabei handeln mochte, verborgen – denn in diesem Moment wurde ich abgelenkt von einem entsetzten Aufstöhnen der Männer, die zu beiden Seiten neben mir an der Reling standen. Ich schaute von den eigentümlichen Masten des schwarzen Schiffs hinab zum Deck. Dort, hinter dem Schanzkleid, erkannte ich, wie eine finstere Spiegelung unser selbst, die Mannschaft der Teuta. Doch trotz des unsteten Lichts, in dem ich alles andere erkennen konnte, blieben diese Männer in Schatten verborgen, als seien sie keine Menschen, sondern Schemen, die mit der Dunkelheit verschmolzen. Mir war das alles unerklärlich, zumal ich noch über die nautischen Wunderkünste des Schiffes selbst rätselte. Wer nun bei solcherlei optischem Gaukelwerk verwundert ausgerufen hätte, dass es hier mit dem Teufel zugehen musste – ich glaubte, dergleichen von den Seeleuten zu vernehmen, wenngleich verhalten und murmelnd –, dem habe ich einzugestehen, dass ich in diesem Zustand der Verwirrung aufs Heftigste erschrak, denn unter den Schattengestalten auf dem gegenüberliegenden Deck erkannte ich eine düster beleuchtete Figur, die mir, als hätte ich sie selbst beschworen, wie der Leibhaftige erschien!

Ich sah die Hörner, die aus seiner Stirn sprossen! Spitze Ohren, die von seinen Schläfen ragten! Einen spitzen Bart, der das spitze Kinn verlängerte! Stechende Augen mit einer geschlitzten Pupille über einer gebogenen und doch zugleich flachen Nase und einem dünnen, grausamen Mund! Der Leib war muskulös, sehnig, halbnackt und haarig und wurde getragen von zwei kräftigen, aber schmalen Beinen, die in – Hufen endeten!

Ich bin nun weder abergläubisch noch von einem Glauben, der von Schreckensgestalten bevölkert ist. Ein anderer Mann wäre vielleicht von diesem Glauben abgefallen und hätte sich einer mittelalterlichen Furcht hingegeben, angesichts dieser Teufelsgestalt! Doch ich hatte ja noch meinen Intellekt und mein Gedächtnis – und so erinnerte ich mich nicht allein an das hölzerne Bein der Teuta in Form eines Bocksschenkels sowie an die Munkeleien und das Fabulieren über deren Gefährten, samt eines verstörenden Meckerlauts. Sondern ich erkannte in dieser gehörnten Gestalt eine veritable Ausformung eines klassischen Satyrs, wenn nicht gar des Gottes Pan selbst. Und wenn diese Erkenntnis nun einen Altvorderen, einen Römer oder Griechen der Antike, in panischen Schrecken versetzt hätte, wenngleich es entgegen des damaligen Glaubens keine Mittagsstunde, sondern eben Mitternacht war, so fiel von mir doch jeglicher Schrecken ab und ich erkannte dies alles als Scharade, als Maskerade und Schabernack der Piraten, um die Mannschaften der angegriffenen Schiffe in lähmendes Entsetzen zu stürzen. Da stand also ein Mann auf Bocksstelzen und im Ziegenfell zwischen den verhüllten Gesellen des Enterkommandos, um das Spektakel nur recht schauerlich zu gestalten, denn eine Flagge mit Schädel und Knochen am Mast war in diesen Zeiten des Niedergangs des Freibeutertums nicht mehr hinreichend schreckerregend!

Ich überlegte rasch: War es für die Moral der russischen Seemänner förderlicher, wenn ich ihnen meine Erkenntnis in markigen Worten zurief – oder sollte ich doch besser Taten sprechen lassen? Ich entschied mich, indem ich meiner Eingebung folgte, die mich in Wüste und Prärie nie getrogen hatte. Ich hob den Henrystutzen an die Schulter, gleichzeitig fand ich sicheren Stand auf dem schwankenden Deck, indem ich mich mit den Stiefeln zwischen die Relingstangen stemmte. Rasch nahm ich mein Ziel ins Visier, federte die Dünung in den Knien ab – es war kaum anders, als aus dem Sattel meines galoppierenden Rih zu schießen. Ich atmete bedächtig aus. Mein Plan war es, dem Kostümierten zunächst die Hörner von der Maske zu schießen und hernach die Hufstelzen. Bei Letzteren war ich mir noch nicht ganz sicher, denn es schien mir, dass ich den Mann damit zu sehr demütigen, gar verletzen könnte, denn mir war die vergleichsweise geringe Größe der Gestalt aufgefallen, was bedeuten musste, dass der Stelzenträger ein Zwerg oder ein Versehrter ohne Beine war. Nun, ich würde mich nach den beiden Kugeln gegen die Hörner entscheiden, je nachdem, was nach meinen Schüssen geschehen würde.

Ich legte den Finger fest um den Abzug und zielte auf das Bockshorn.

„Kara Ben Nemsi!“

Mein Finger sprang vom Abzug fort! Es war nicht der Ruf allein, der mich vom Schuss abhielt – es war ein zweifacher Ruf! Wie ein seltsames Echo, das jedoch gleichzeitig erscholl, über das Rauschen der Wellen und des Windes. Zum einem hatte Haschim meinen Namen gerufen, direkt neben mir. Ich wandte kurz den Blick zu Seite und sah noch, wie der Scheik seine ausgestreckte Hand zurückzog. Hatte er mich greifen wollen, bei der Schulter, gar am Lauf des Gewehrs? Was konnte ihn dazu bewogen haben? Doch er musste mir nicht mehr mit einem Blick oder einem Wink bedeuten, dass ich meine Aufmerksamkeit sogleich von ihm wenden musste, wieder hinüber zum schwarzen Schiff. Ich spähte wieder über den Lauf meiner Waffe, in die Richtung, aus welcher der zweite Ruf erklungen war. Nein, es konnte nicht der Gehörnte, der Vermummte in seinem Bockskostüm gewesen sein, der da gerufen hatte – wie hätte er mich kennen können? Als ich noch mutmaßte, wer sich hinter der Maske verbergen mochte, trat jemand in mein Sichtfeld, aus der Masse der dunklen Gestalten und ebenfalls in Schwarz gekleidet, dennoch besser erkennbar als jene, aus welchem Grund auch immer. Die Gestalt hob eine schlanke, blasse Hand und vollführte eine knappe Geste. Kein Winken, kein Gruß, ich wusste nicht recht, was sie zu bedeuten hatte.

Wer die Gestalt war, erkannte ich jedoch, und es hätte nicht des grellen Himmelsleuchtens bedurft, um mir in Augen und Gemüt gleichermaßen ein Schlaglicht zu setzen:

Es war die Hexe Qendressa!

Sie sah kaum anders aus als damals, vor einigen Wochen im Land der Skipetaren, als ich ihr in der Berghütte des Schut unter dem Gipfel des Lowtschen begegnet war. Ihr Gesicht war fahl, die Augen schwarz in tiefschwarzer Umrandung aus Antimon, umweht von den Rabenschwingen ihres Haares, in dem sich einige helle Strähnen befanden. Kopf und Körper waren von einem Cape aus glänzender Ölhaut verhüllt, kaum anders als der Wetterschutz, den ich selbst trug. Sonst konnten wir unterschiedlicher nicht sein. Ich will nicht auf Gestalt und Geschlecht anspielen, das sei einerlei, da sie doch wie ich ein Mensch war und mir alle Menschen gleich sind. Aber Qendressa war eine Hexe, eine Schwarzkünstlerin. Ohne in inquisitorischen Eifer geraten zu wollen, in den Wahn der Jagd auf Zauberinnen, so verachtete ich sie doch ob ihrer Grausamkeiten gegen die Meinen, den Verrat an mir und den Gefährten, die Entführung, die Verletzung und Weiteres mehr. Und selbst ihre kurzen Anwandlungen von Gnade und Gerechtigkeit konnte ich nur wenig schätzen, denn sie waren stets Teil eines Handels zu ihrem Vorteil gewesen oder aus der Not ihrer Lage geboren.

Nun wollte sie Al-Kadir aufsuchen, vorgeblich, um den Lohn für ihre Dienste einzufordern, um den sie sich geprellt sah. Dies verwunderte mich kaum, denn Schurken haben untereinander eben doch keine Ehre, gleich, was der Volksmund darüber sagen mag. Ich bezweifelte aber, dass diese beiden nur ihre Schuldgeschäfte abschließen würden, wenn sie denn aufeinanderträfen. Sie würden wohl neue schauerliche Pläne schmieden. Ob Al-Kadir die Hexe dazu drängen oder überreden oder locken würde, konnte ich nicht wissen, aber ich ahnte es wohl und befürchtete einiges. Und das, obgleich ich nichts von den Umständen wusste, die das Geisterreich betrafen. Ich glaubte aber der Kenntnis und Weisheit Haschims, und dieser ging von üblen Dingen aus. Diese mussten wir vereiteln, Al-Kadir finden, mit Hilfe Marah Durimehs. Und jetzt zeigte sich an diesem unerwarteten Ort die Hexe, welche eine willige Helferin der Verbrecher war und deren Spur wir gesucht hatten. Das Schicksal hatte uns diese Begegnung geschenkt – wer hätte erwartet, dass wir zur gleichen Zeit die Passage über das Schwarze Meer unternahmen? Ich war nun nicht so töricht anzunehmen, dass die Hexe über die Wasser geflogen wäre, auf ihrem Weg nach Osten. Zwar war mir der Unglaube an das zauberische Fliegen längst abhandengekommen, ich hatte die Hexe ja mit eigenen Augen durch die Lüfte schweben sehen. Doch hing ich andererseits auch nicht dem Aberglauben an, etwa zu denken, Hexen vermöchten kein Gewässer zu queren. Es schien mir schlicht ein zu großer Aufwand der Kräfte – einerlei, ob sich jemand körperlich oder zauberisch verausgabte. Zumal Qendressa unter dem Fluch des Alters litt und ihre jugendliche Gestalt nur mühevoll aufrechterhielt. Sie erschien mittlerweile zwanzig Jahre älter als bei unserem ersten Treffen in Stambul, doch war sie noch nicht die greisenhafte Erscheinung, als die ich sie in der Höhle des Skipetarenfürsten durch den Musaddas erblickt hatte. Ich musterte ihr Gesicht genauer: Waren die Linien in ihren Zügen noch tiefer geworden? Im unsteten Licht konnte ich dies kaum erkennen. Drängte die Zeit auch für die Hexe? Nutzte sie deshalb ein Schiff, um ihre Kraft für sich selbst aufzusparen? Und das Schiff selbst und dessen Herrin …

Jetzt regte sich meine Hand am Henrystutzen, meine Finger krampften – als wollte mir mein Körper raten, nicht nachzusinnen, sondern zur Tat zu schreiten. Ich erschrak. Nie hatte ich geglaubt, dass mein Innerstes mir solch tückischen Rat geben würde, die Gelegenheit zu nutzen, einen Gegner, noch mehr: eine Gegnerin zu stellen. Ich wollte nicht die anderen Begriffe nutzen: zur Strecke bringen, ausschalten. Dies waren unmenschliche Denkweisen! Und doch: War eine Hexe, eine Zauberin, denn ein Mensch wie …

Ich presste die Augenlider zusammen und senkte das Gewehr. Dann erst schaute ich wieder zu Qendressa hinüber. Mein Nacken spannte und ich fühlte jenes Brennen in der Magengrube, welches mich verfolgte, seit ich Al-Kadir im magischen Schachspiel besiegt hatte und einen Teil jener seltsamen Macht in mir trug, die mich Dinge erkennen ließ, die jenseits der normalen Weltvorstellung lagen. Doch nie hatte ich solch eine geistige Einflüsterung erlebt, gar eine körperliche Regung verspürt, die mich in ihrer schieren Unmenschlichkeit abstieß. Ich wollte dies aber nicht nur mit jener Gabe erklären, die mir noch immer unvertraut war, und glauben, dass nun nach dem bisherigen Nutzen ein Preis zu zahlen sei. Es mochte auch an den unerhörten Umständen liegen, dass ich so ungewohnt reagierte. Man mache sich gewärtig: Ich befand mich auf dem Schwarzen Meer, am Rande eines nächtlichen Gewittersturms; das Schiff, auf dessen Deck ich stand, aufgebracht von einer finsteren Piratenbande, die mit Entern drohte; deren eigenes Schiff wundersam manövrierte und geführt wurde von einer furchtsam bemunkelten Kapitänin. Und dazu, mir gegenüber, die Frau, welche meine Feindin war – zumindest aber jene, die ich und meine Gefährten jagten. Da mochten selbst meine Moral und mein Urteilsvermögen für einen Herzschlag wanken!

Ich blickte kurz zu Haschim hinüber und erinnerte mich an seine ausgestreckte Hand – hatte er geahnt, was in mir vorging, und wollte mich nicht vom Schuss auf den Gehörnten abhalten, sondern bereits davon, auf Qendressa zu schießen?

Jetzt bemerkte ich die Stille und Reglosigkeit, nicht der Elemente und der Schiffe, sondern der Menschen neben mir und mir gegenüber. Die Matrosen des russischen Dampfers verharrten in Anspannung, auch in Furcht. Die Piraten rührten sich nicht, als warteten sie auf einen Befehl. Der Bocksbeinige stand fest auf seinen Hufen. Qendressa schaute mich an.

Dann ein einzelnes Pochen, über den Wind. Ich blickte zum Bug des schwarzen Schiffs, schemenhaft sah ich die Teuta. In ihrer Hand stecke ein langer Stab, ein Stock, nein, eher eine Krücke. Hatte sie deren Ende auf die Decksplanken gestoßen oder doch das hölzerne Bein? Einerlei, es war ein Signal – ich erkannte ein plötzliches Schimmern in den Reihen der finsteren Gestalten, wie der Widerschein der Blitze auf dunklem Metall: Enterhaken? Entermesser? Gleich würde der Angriff beginnen!

Ich schaute zu Halef, traf seinen Blick. Wir hoben die Gewehre. Um mich spürte ich, wie die Matrosen ihre Waffen fester packten. Bossoi zog den geschwungenen Hahn seines russischen Tula zurück. Haschim legte die Hand auf den Kolben seines Revolvers. Seine Ruhe gab mir Zuversicht. Dann aber zog der Scheik seine Faust zurück, die geheimnisvollen Gravuren des silbrigen Laufs glitzerten, als die Waffe ihre lederne Hülle verließ. Da wusste ich, dass es ernst war!

Ich atmete tief. Welches Ziel sollte ich anvisieren? Ich schwenkte den Lauf über die Reihe der Piraten und bemerkte erstaunt, dass mein Blick weiterhin auf Qendressa ruhte.

Sie lächelte! Nein, es war ein spöttisches Verziehen des Mundes!

Ein weiteres Pochen! Am Bug hob die Teuta den Stab. An dessen Spitze prangte ein geschnitzter Ziegenschädel, die Hörner bildeten die Gabel der Krücke.

Die zuvor regungslose Reihe der Piraten bewegte sich nun. Die Männer – waren es Männer? – traten einen einzelnen Schritt vor, wie eine Kompanie Soldaten. Welche Art von Piraten beugte sich einer solchen Disziplin? Oder standen sie unter einem Zwang, dem Bann der Teuta? Warum konnte ich keines der Gesichter erkennen? Nur Schwärze und Schatten in der nächtlichen Finsternis, durch welche die Blitze zuckten.

Der Stab der Teuta stach in die elektrisierte Luft. Hätte sich nun ein Elmsfeuer mit seinem grünen Glühen gezeigt, ich glaube, die Männer um mich herum hätten den Verstand verloren. So bebten sie in unerträglicher Anspannung vor dem Angriff.

Jetzt!

Doch die Teuta ließ den Bocksstab sinken, setzte ihn geräuschlos auf die Planken. Die Piraten verharrten. Die Männer neben mir hielten den Atem an.

Die Teuta sandte einen Blick zu uns, den ich nicht deuten konnte, denn er war nur flüchtig, gar beiläufig. Die Frau mit dem hölzernen Bocksbein wandte sich von uns ab, blickte über den Bug ihres Schiffs hinaus, als kümmerte sie nur mehr der weitere Weg durch die Wellen.

Die Schattenpiraten zogen sich lautlos zurück, bis sie mit den Schatten der Decksaufbauten verschmolzen. Sichtbar blieben allein der Bocksbeinige und neben ihm Qendressa.

Wieder lächelte sie, und es war ein Lächeln der Überlegenheit, des Triumphs.

Mich durchfuhr ein Gedanke: War die Hexe nicht allein eine Passagierin auf dem schwarzen Schiff der Teuta, sondern eine Gefährtin, gar Gebieterin? Wer wusste um die Bündnisse unter zauberkundigen Gestalten?

Doch warum war es nicht zum Angriff gekommen? Hatte die Hexe die Kapitänin davon abgebracht? Oder war es nur eine Finte gewesen, ein scheußliches Spiel mit den Ängsten der russischen Matrosen und eine Marter meiner eigenen Nerven, wenn nicht gar meiner Moral?

Und dies kannte ich wohl! Denn Qendressa hatte ja nicht nur stets mit den Loyalitäten gespielt und Zwist und Zweifel gesät, sie hatte auch mit scharfzüngiger Ironie kokettiert und mich als Mann aufgezogen, sich als übermäßig moderne Frau gegeben, obwohl ich doch nun wahrlich kein altmodischer Mann war: weitgereist und weltoffen, wie es einem Reiseschriftsteller und Kämpfer für Gutes und Gerechtigkeit geziemt. Wer wüsste dies besser als meine Leser und vor allem meine Leserinnen, die mir so treu sind, wie ich es ihnen bin und mich deshalb stets um das Beste in Taten und Worten bemühe.

Diese Frau jedoch verhöhnte mich selbst in Sturm und Piratenbedrohung.

Jetzt streckte sie die Hand zur Seite aus und fuhr dem Bocksbeinigen durch den struppigen Schopf zwischen den Hörnern. Die Gestalt meckerte in einem Ton, der mir Wohlgefallen auszudrücken schien, schüttelte kurz das Ziegenhaupt, als Qendressa die Hand zurückzog, und stakste dann auf den Hufen zum Bug hin. Ich musste den Blick von diesem grotesken Schauspiel abwenden, auch weil ich Qendressa weiterhin betrachtete.

Sie schaute mich an. Das Hohnlächeln erstarb und ein bitterer Zug legte sich um ihre Mundwinkel. Es konnte nur am zitternden Licht und dem Schwanken der Schiffe liegen, dass ich meinte, ihre Lippen beben zu sehen. Gerade als ich dachte, in ihren Augen einen Schimmer zu erkennen, wandte sie den Kopf und schritt aus meinem Blickfeld. Ich verspürte einen seltsamen Anflug von Trauer und wollte nicht recht an die Möglichkeit glauben, dass diese Frau, die wir wegen ihrer Schandtaten verfolgten, vielleicht mein Leben und das meiner Gefährten wie auch all der anderen Seelen auf dem russischen Dampfschiff vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt hatte. Doch wie könnte ich all dies ergründen?

Ich schaute zu Haschim, der seinen Revolver in das Halfter zurückschob, während alle anderen, mich einbegriffen, sich an ihre Waffen klammerten. Mein fragender Blick konnte jedoch keine Antwort abwarten, denn ein Rauschen lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen jenseits der Reling. Das schwarze Schiff nahm Fahrt auf. Die rötlichen Segel blähten sich gen Bug, entgegen der Richtung des Windes, als presste eine weitere unsichtbare Kraft den knatternden Stoff gegen die Rahen und die Takelage, und schoben so den Rumpf voran. An Deck war keine Bewegung zu erkennen, nichts regte sich, keine Gestalt waren mehr zu sehen. Einzig die Teuta stand am Bug und blickte voraus. Durch Schaum und Gischt glitt der Kiel des schwarzen Schiffs machtvoll und geschwind voran, schon passierte uns das Heck mit den prächtigen Schnitzereien und den dunklen Fenstern. Einzelheiten sah ich nicht, denn das Gewitter in der Ferne hatte sich aufgelöst und der Schein der Blitze war erloschen, der Wind war verstummt. Lautlos entschwand das Schiff der Teuta in die Nacht und mit ihm Qendressa, der östlichen Küste des Schwarzen Meers entgegen.

Still standen die Männer da, als vermochten sie nicht zu fassen, dass die Gefahr so rasch entschwunden war, wie sie sich genähert hatte. Da zudem der Sturm sich gelegt hatte, war es eine zweifache Anspannung, die sich nun lösen konnte, aber diese fiel nicht so leicht von den Schultern und Seelen der Matrosen – vielleicht, weil sie es nicht erwartet und mit ihren Leben schon abgeschlossen hatten. Dann aber brach die Erleichterung in einem einzigen Aufatmen hervor, als löse sich in den Lungen ein atmosphärischer Druck, so wie dies bei Sturm und Gewitter über Land und See geschieht. – Aber ich will nicht gescheit daherreden: Auch ich war überaus froh, dass uns ein Kampf erspart geblieben war. Meine Gefährten und ich hätten uns wohl zu wehren gewusst, doch für die Matrosen wäre der Blutzoll zweifellos hoch ausgefallen. Ich glaubte wohl, dass sie tapfer und stark und wehrhaft waren, doch ich ahnte auch, dass es aus anderen Gründen einen ungleichen Kampf gegeben hätte. Sollte es tatsächlich der Wahrheit entsprechen und die Teuta und ihre Besatzung – wie die Abergläubischen meinten – mit dem Leibhaftigen im Bunde sein, was für mich schlicht bedeutete, dass sie über Magie verfügten oder Zauber anwandten, so glaubte ich doch, dass ich und die Meinen, allen voran Haschim, uns allein aus Erfahrung mit dergleichen Dingen besser geschlagen hätten, und sei es nur, weil wir angesichts etwaiger seltsamer Ereignisse nicht vor Entsetzen gelähmt gewesen wären. Obwohl es bereits eigentümlich genug erschien, schattenhafte Piraten, einen Bocksbeinigen und unerklärliche Schiffsmanöver erlebt zu haben. Oder eben doch nur anscheinend erlebt zu haben – konnte ich mir sicher sein? Fast bedauerte ich nun doch, nicht durch den Musaddas gespäht zu haben, um mir in mehrfacher Hinsicht Klarheit zu verschaffen. Doch danach hatte mir kaum der Sinn gestanden, als wir uns den Gegnern gegenübersahen. Ich besaß jedoch einen sehr belastbaren Anhaltspunkt, und das war die Anwesenheit der Hexe Qendressa. Mit wem anderen hätte diese sich wohl eingelassen als mit Gleichgesinnten, mit gleichermaßen magisch Begabten. Da mochten auch eine holzbeinige Piratin mit ihrem Geisterschiff und deren bocksfüßiger Geselle zu den Wahlverwandtschaften zählen. Die Sache hatte also in übertragener Weise einen Pferdefuß, den ich in Abwandlung einer originellen Berliner Redensart wohl trapsen hörte. Warum ich in diesem Augenblick solch launige Worte im Kopf hatte? Weil ich diesen zu meinem guten Halef wandte, um ihm mit frohem Mut die zweifellos tiefsitzende Furcht zu nehmen. Ich kenne meinen kleinen Gefährten ja allzu gut und weiß, wie er sich graust, wenn es spukt. Und es war wohl kaum zu leugnen, dass diese Begegnung auf See durchaus schauderlich und geisterhaft war. Zudem war Halef ein Mann der Wüste und nicht der wüsten See.

„Nun, Halef“, begann ich, „das haben wir ja glücklich überstanden …“

Ich war nicht wenig erstaunt, als ich einen tapferen Hadschi neben mir sah, der sich rücklings an die Reling gelehnt hatte, das Gewehr bei Fuß, und die freie Hand unter der Nase, um sich die dünnen Schnurrbarthaare von der Gischt trockenzureiben.

„Ach, Sihdi“, gab Halef zurück. „Von Glück ist da doch kaum zu reden.“

„Wie meinst du das? Gewiss, ich glaube nicht an Glück, vielmehr an die Fügungen des vorbestimmten Schicksals. Aber du weißt doch, wie man so gemeinhin sagt, wenn eine heikle Situation sich auflöst, ohne dass es zum Kampf kam.“

„Ich hätte nicht ungern gekämpft, Sihdi. Und gerade der Hexe einen tüchtigen Schuss mit meiner Flinte verpasst.“

Halef bemerkte nicht, welchen Scherz er damit gemacht hatte, und so glaubte er wohl, ich verzöge deshalb so verblüfft das Gesicht, weil er die gute deutsche Büchse, die ich ihm geschenkt hatte, immer noch als Flinte bezeichnete, als sei sie das alte Ungetüm, das er früher stets benutzt hatte. Aber seine Erwähnung der Hexe ernüchterte mich ohnehin.

„Ja, du hast wohl Recht“, meinte ich. „Mir widerstrebt der Gedanke, jemanden, sei er auch noch so schurkenhaft, schlicht zu …“ Ja, mir widerstrebte der Gedanke so sehr, dass ich es nicht aussprach. Also redete ich weiter: „Doch ohne die Hexe hätten wir vielleicht eine Sorge, eine Gegnerin weniger, die unsere Pläne durchkreuzt und uns in den Rücken fallen mag. Denn es ist ja nicht so, dass wir sie bräuchten, um Al-Kadir auf die Spur zu kommen. Den Weg in die Geisterwelt finden wir auf unsere Weise, mit unseren Verbündeten.“

„Das mag sein, Sihdi. Wir brauchen die Hexe nicht dafür. Aber warum, meinst du, hat das Schicksal uns dann diese Begegnung gesandt?“

Ich nickte bedächtig. Kluger Halef, philosophischer Halef!

„Nun“, begann ich, „wohl damit wir die Hexe nicht vergessen. Schließlich haben wir sie seit der Begegnung im Norden Albaniens nicht mehr gesehen.“

„Aber warum sollte das Schicksal glauben, wir hätten diese böse Frau vergessen?“

Ich bemerkte verwundert, welche seltsame Betonung Halef in das gewisse Wort legte.

„Manche Menschen leben nach der Devise: Aus den Augen, aus dem Sinn.“

„Diesen Satz kenne ich, Sihdi. Er ist wohl wahr. Aber was, wenn dem Schicksal der Sinn danach steht, unseren Sinn zu ändern?“

„Ich kann dir kaum folgen, mein wortgewandter Freund.“

„Das habe ich von dir gelernt, Sihdi!“

‚Und zweifellos von Lehrer Lohse‘, dachte ich.

„Aber was genau willst du damit ausdrücken, Halef?“

„Du hast doch selbst bemerkt, dass wir einer schrecklichen Seeschlacht entgangen sind …“

„Nun, eine Seeschlacht ist doch etwas anderes!“

„… weil die finstere Dame …“

„Ich möchte sie nicht als Dame bezeichnen.“

„Sihdi! Ich glaube, sie hat sich für uns eingesetzt, und nur wegen ihr wurden wir verschont!“

Ich seufzte. „Halef, wie kann das sein? Jene Qendressa diente dem Schut und Al-Kadir und nicht umgekehrt. Warum sollte ausgerechnet eine berüchtigte und gefürchtete Piratin sich ihrem Willen beugen? Eine solche mächtige Hexe ist sie nun auch nicht.“

„Ach, Sihdi! Du scheinst mir die Frauen nicht zu kennen.“

„Ich bezweifle, dass dies hier eine Frauensache ist, und ich möchte weiterhin nicht, dass du hier dem Irrglauben eines Kriegs der Geschlechter entgegenkommst. Derlei Verschwörungen sind doch Unsinn!“ Darüber mochte man in den Salons der Großstädte raunen.

Halef schüttelte den Kopf. „Ich will gerade das Gegenteil behaupten und eben nicht über das Große reden, sondern über das Persönliche. Ich weiß wohl, was die Hexe getan hat, und dafür muss sie bestraft werden. Aber es ist auch wichtig, was sie nicht getan hat, und warum und weswegen. Sihdi, ich glaube, diese Frau ist dir gewogen. Sie mag di …“

Ich hob mahnend den Finger. „Sprich es nicht aus, Halef. Es ist nicht die Zeit noch der Ort für halbseidene Scherze.“

Halef zuckte mit den Schultern. „Du hast Recht, insofern, dass es spät ist, Sihdi. Wir sollten wohl zurückkehren in Kajüte und Koje.“

Wie mein guter Halef diese beiden ihm fremden Worte aussprach, erheiterte mich sehr, ohne dass ich mich auf seine Kosten amüsieren wollte. Denn im Grunde war ich es, der sich lachhaft verhalten hatte, indem ich nicht mehr darauf achtete, was nach Entschwinden der Bedrohung um mich herum geschehen war, etwas, das meiner Gewohnheit völlig entgegenging. Als ich mich nämlich umschaute, bemerkte ich, dass alle Matrosen bereits das Deck verlassen hatten, um andernorts Wache zu schieben, Dienst zu versehen oder schlafen zu gehen. Ich hatte versäumt, ein abschließendes Wort mit Bossoi zu wechseln; der Erste Offizier hatte sich ebenfalls zurückgezogen, zweifellos, um dem Kapitän Meldung zu machen. Einzig Haschim stand etwas abseits und schaute in die Finsternis, in welcher das Schiff der Teuta entschwunden war.

Ich klopfte Halef auf die Schulter. „Bist du so gut und gehst voran? Ich folge dir gleich nach.“

Halef feixte mit seinen salzverkrusteten Bartsträhnen, die keck abstanden und ihm ein zerzaustes Aussehen gaben, wie eine zufriedene Katze. Ich wusste zwar, dass manche Leute sich mit Zuckerwasser frisierten, doch dies hier war eine Beobachtung, die mir neu war und wohl von meinem seltsam aufgewühlten Empfindungszustand zeugte.

„Dann lasse ich die Herren noch kurz reden“, meinte er und ging fort, wobei er die Bewegungen des Schiffsdecks recht geschickt ausglich. Mein Halef würde wohl irgendwann noch tüchtige Seebeine bekommen, wie man so sagt.

Ich gesellte mich zu Haschim, der zunächst ernst schaute, mir aber dann einen freundlichen Blick schenkte.

„Nun, Kara Ben Nemsi“, begann er, „das haben wir ja glücklich überstanden …“

„O Haschim“, gab ich zurück. „Von Glück ist da doch kaum zu reden.“

„Richtig, Ihr glaubt ja nicht an Glück …“ Er bemerkte meinen Gesichtsausdruck, als ich stutzte und mich eines ähnlichen Gesprächs erinnerte.

Haschim lächelte. „Alles bewegt sich in Bahnen und Kreisen und alles wiederholt sich. Manchmal aber ist man dennoch verwundert.“

„Das sind ziemliche Gemeinplätze, Haschim. Recht ungewöhnlich für Euch.“

„Nicht ungewöhnlicher als die jüngsten Ereignisse.“

Ich seufzte. „Wie wahr.“

Wir beide lehnten an der Reling und schauten nebeneinander in die Nacht. Es ist erstaunlich, wie die Anspannung vor einem Kampf, selbst wenn sie sich dann ohne diesen löst, den Geist in einem seltsamen Missverhältnis erschöpft, auch ohne dass die Anstrengungen des Gefechts den Körper beanspruchen.

„Aber“, begann Haschim, „wir sollten nicht weiter darüber nachsinnen, warum welche Begegnungen sich ereignet und warum welche Personen wie gehandelt haben. Schauen wir nach vorn. Die Hexe ist eine Nebenfigur. Es geht hier um Al-Kadir.“

Dies traf für Haschim zweifellos zu. Die beiden Männer waren seit Jahren verfeindet. Wie lang genau und aus welchem Grund, hatte ich bislang nicht erfahren, es war auch nicht von Belang, weil Al-Kadir mir und meinen Gefährten ebenfalls genug Leid zugefügt hatte, sodass ich ihn gleichsam als Feind sah. Die Hexe Qendressa hingegen war wohl nur meine persönliche Widersacherin. Haschim hatte sich ihr nur einmal entgegengestellt, als sie die magische Rüstung des Div-e-Sepid stehlen wollte, und ich wusste nicht, ob es Haschim eher um jenes Artefakt gegangen war oder darum, dass die Hexe mit Al-Kadir verbündet war. Ob es sich zudem um etwaige Feindschaften zwischen Zauberern, Magiern und Hexen handelte, die über die Zwiste zwischen Männern und Frauen hinausgingen, vermochte ich nicht zu beurteilen. Darüber wusste ich, ohne Halef bei dem einen zustimmen zu müssen, über das andere tatsächlich zu wenig.

„Gut“, sagte ich, „richten wir unsere Aufmerksamkeit von der schwarzen Hexe auf die weise Frau, auf Marah Durimeh. Wir gehen in Trabzon an Land und reisen hinab ins Gebiet der Kurden. Dort sollten wir sie finden können. Oder habt Ihr genauere Kenntnisse über ihren Aufenthalt?“

„Gewiss“, murmelte Haschim, „doch dies ist nicht von Nutzen.“

„Aber wir werden sie treffen können?“ Ich war durchaus zuversichtlich gewesen, doch Haschims Worte ließen mich zweifeln. Ich kannte Marah Durimeh und erhoffte mir zudem durch die Hilfe von deren Vertrauten, Ingdscha und Madana, zweier nestorianischer Kurdinnen, ein rasches Auffinden und eine erhellende Begegnung.

„Sicherlich“, nickte Haschim. „Vielleicht wird es etwas mühsam werden. Denn ich glaube, dass Marah Durimeh schon längst von dem Umstand weiß, dass Al-Kadir sich in der Geisterwelt befindet. Und dies verheißt nichts Gutes …“

Haschim sprach nicht weiter. Wir schauten weiter schweigend aufs dunkle Meer. Ich hätte zu gern gewusst, was genau er damit meinte: den schlichten Fakt oder die Auswirkungen. Aber schließlich wusste ich nichts über die Geisterwelt und nur wenig von Marah Durimeh. Es war kaum möglich oder angemessen, dass Haschim mir an der Reling eines russischen Dampfschiffs, in schwarzer Nacht auf dem Schwarzen Meer, all diese Dinge erläuterte. Auch war es spät. Ich unterdrückte ein Gähnen. Haschim schwieg weiterhin. Und dann bemerkte ich, warum:

Der Scheik kaute etwas. Sein Gesicht zeigte einen stoischen Ausdruck. In seinem Blick schimmerte es ein wenig, und ich war sicher, dass es nicht der Seewind war, der ihm die Feuchte in die Augen trieb.

„Was esst Ihr da, Haschim?“, fragte ich. „Es scheint Euch nicht recht zu munden.“

„Ein Seemannsgeschenk von Bossoi“, erklärte Haschim mit verzogenem Mund. „Als Entschädigung für den entgangenen Kampf.“ Er blickte mich leidend an. „Mir scheint es eher als Strafe. Ich weiß, dass Seeleute ein besonderer Schlag unter den Menschen sind und die Russen ein besonderer unter den Männern Europas und des Westens.“

„Ob sie zu Letzteren zählen, ist wohl Ansichtssache, wie mancher meinen würde.“ Mir waren diese Zuordnungen ohnehin einerlei. Als Weltreisenden kümmerten mich weder die Grenzen von Ländern noch Kulturen, am allerwenigsten jene der Sprachen.

Haschim nickte langsam und schluckte bedächtig.

„Aber zweifellos ist es sehr eigentümlich, den Tabak nicht zu rauchen, sondern zu kauen. Und von zweifelhaftem Genuss.“

Ich atmete tief ein und wusste nicht, was mich mehr verwunderte: der sorglose Seemann mit seiner Gabe oder der gutgläubige Scheich, gerade weil dieser doch so gelehrt und weitgereist war.

„Haschim“, sagte ich langsam. „Zunächst ist es so, dass man Kautabak nicht wirklich kaut …“

Viertes Kapitel
Jenseits von Trapezunt

Die „Knjas Korowjew“ lief bei morgendlichem Sonnenschein in den Hafen von Trabzon, wie das antike Trapezunt in osmanischer Zunge genannt wird. Vor den Höhen des Hausberges und der Hügel, welche die Mauern verschiedener Festungen tragen, ragten die Kuppeln und Minarette der einstigen Kirchen und neuen Moscheen auf. Doch diese Bauten sind nur steinerne Kinder im Vergleich zur Geschichte der Stadt, die zwei und ein halbes Jahrtausend zählt. Der Bildungsbürger kennt den Hafen aus der Anabasis des Xenophon, dem Bericht vom Zug der Zehntausend in den Perserkriegen. Aber ich will nicht weiter die Kriegsgeschichte referieren, die auch Skythen und Goten, Seldschuken und Mongolen als Gegner und Belagerer kennt, die ihre Spuren in Grund und Gedächtnis hinterließen. Auch die Herren der Stadt, ob Griechen, Römer, Byzantiner oder Osmanen, prägten das Bild Trapezunts ebenso wie jene Völker, die als Gäste oder Händler hier an der Küste des Schwarzen Meers eintrafen. Und alle Pracht ferner Länder kam über die Seidenstraße heran. Mit der Neuzeit erschienen dann Russen und Briten mit Botschaften und Dampfschiffen und Handelskontoren. Trabzon erblühte zu einem kleinen Istanbul, und nicht allein, weil es auch hier eine Hagia Sophia gibt – was nun wenig verwundert, denn auch Athen ist nicht die einzige griechische Stadt mit einer Akropolis. Doch was steigt, kann auch fallen und niedergehen, und nach den Kriegen zwischen Briten, Russen und Osmanen sank der Stern der Stadt, auch durch die Eröffnung der neuen See- und Landwege, durch Kanäle und Eisenbahnlinien, von welchen andere Städte profitierten. Einzig eine abscheuliche Profession florierte noch in Trabzon, und das war der Sklavenhandel. Obgleich seit zwanzig Jahren verboten, trieben sich jene, die mit den Ärmsten und Verschleppten ihre niederträchtigen Geschäfte machten, noch immer in den Gassen und Hafenanlagen herum. Deren Handelsgut waren bedauernswerte Menschen aus dem Kaukasus, Georgier und Tscherkessen, die von hier aus bis nach Ägypten verkauft wurden, an die levantinische Küste und gewiss auch nach Stambul. Alles Drohen der Staaten Europas konnte dies nicht unterbinden, weder am Schwarzen, noch am Mittelländischen, noch am Meer zwischen Arabien und Persien. Hätte ich in diesem Teil der Welt nicht eine persönliche Aufgabe zu verfolgen gehabt, ich hätte mich nur allzu gern in Kampf und Abenteuer begeben, um zumindest einigen dieser widerlichen Menschenschacherer das Handwerk zu legen – wobei es einen jeden ehrbaren Handwerker zu Recht empört, wenn man den Sklavenhandel als solches bezeichnet. Doch ich wollte nicht verzagen: Ich habe stets das, was ich an guten Taten geplant hatte, vielleicht aufgeschoben, doch niemals aufgehoben. Das Schicksal würde mich noch zu einer Gelegenheit führen, meinen Wunsch nach gerechtem Handeln erfüllen zu können. Zu diesen Zeitpunkt wusste ich es noch nicht, aber ich sollte in einigen Wochen Recht behalten und tatsächlich ein neues Abenteuer erleben, eines, das noch weit über meine schlichte Hoffnung, ein wenig Gutes zu tun, hinausführte.

Jetzt aber landeten wir in Trabzon.

Am Vorabend hatte ich mit Kapitän Rimski zu Abend gespeist, auch Bossoi, Haschim und Halef waren bei Tisch gewesen. Aus einem mir nicht ganz erfindlichen Grund glaubte der Kapitän, dass ich und meine Gefährten den Piratenangriff vereitelt und so Ungemach von Schiff, Besatzung, Passagieren und Fracht abgewendet hätten, und so wollte er sich mit einem kleinen Mahl in trauter Runde bedanken. Die Vorräte des Schiffs waren begrenzt, und doch richteten der Smutje und der Steward ein rechtschaffenes Vorspeisenbrett nach russischer Art an. Allerlei sauer und salzig Eingelegtes ordnete sich in schlichte gläserne Schalen: Gurken und Pilze und Zwiebeln und Tomaten, dazu Strömlinge und Stör, auch Würste und Käse, außerdem dunkles, ebenfalls etwas saures Brot, doch auch feines weißes, wenngleich etwas hart, und zuletzt ziemlich gesalzene Butter. Die Russen schienen zu glauben, was die Speisen über den russischen Winter haltbar machte, diente auch im orientalischen Klima – wobei ich natürlich auch um die heißen kontinentalen Sommer der Lande vor und jenseits des Urals wusste. Der Russe löscht seinen durch das SalzigSaure verschafften Durst gemeinhin mit Wasser und Weizenbrand (böse Stimmen sprechen auch von Kartoffelsprit, was jedoch nur in Notzeiten wahr ist, und von solchen sollte man keine Kulinaritäten erwarten) – doch da der Kapitän ein erfahrener und verständiger Orientfahrer war, ließ er die Wodkaflaschen verschlossen und öffnete stattdessen solche mit karbonisiertem Wasser aus dem Ort Narsan, welches die Russen „Reckenwasser“ nennen und was, ich muss es nüchtern bemerken, dann doch kaum anders mundet als Sauerbrunnen aus Selters.

Halef zog zunächst die Nase kraus, amüsierte sich dann aber über den Kitzel. Auch sprach er später seiner Schüssel Borschtsch zu, nachdem ihm alle versichert hatten, dass die rote Farbe der Suppe von roten Rüben herrührte. Ich wollte gar zu gern von der schwarzen Blutsuppe der Spartaner berichten, aber man unterband dies und bezichtigte mich halb scherzhaft einer gewissen Unsicherheit des Geschmacks bei Tischgesprächen. Immerhin konnte ich erfreuliche und gern angenommene Verbindungen zu den Krautküchen der Deutschen und Russen ziehen und die orientalischen Tischgäste durch solchen zweifachen Zuspruch auch zum Verkosten der mit Kohlstreifen gefüllten Teigtaschen bewegen. Denn so viel anders als die beliebten türkischen Strudelgebäcke sind jene Pirogen nun auch nicht.

Später raunte Halef mir fragend zu, was die Russen denn nur mit der Sauerkeit ihrer Speisen bezwecken wollten, und ob es etwas mit dem Magen oder der Mimik zu tun hätte. Ich konnte indes nur mutmaßen, dass dies ein Gegengewicht zu den Konfekten und Näschereien sei, die bei Zaren und Kulaken doch eher in orientalischer Übersüße verzehrt würden.

Auch mangels gebrannter Geister war der Abend heiter, eben der überstandenen Gefahren wegen, und nachdem der Erste Offizier Bossoi auch seinen Kautabak-Fauxpas gegenüber Haschim mit tiefem Bedauern und großzügiger Gabe aus seinem Rauchtabakvorrat feinster Herkunft wiedergutgemacht hatte, schieden wir voneinander und begaben uns zur Nacht.

Haschim hatte Bossoi ebenfalls etwas von seinem eigenen Tabak überlassen, mit der Empfehlung, ihn später bei Gelegenheit in einer europäischen oder eben doch russischen Pfeife zu rauchen, nicht in Papier gerollt oder mittels einer Nargileh. Da Bossoi wusste, dass Haschim ein Scheik und Gelehrter war, hatte er ergeben und geehrt all dies nach gehörigem Dank versprochen. Ich hatte ein amüsiertes Blinken in Haschims Auge bemerkt. Und da ich im Gegensatz zu Bossoi wusste, dass Haschim nicht nur ein Gelehrter in irdischen Dingen war, sondern eben auch in überirdischen, so fragte ich mich tatsächlich, ob dieser so edle und ehrbare Mann nicht vielleicht etwas im Sinn hatte, das ich und andere meiner Herkunft vielleicht unter dem Begriff Pennälerscherz kannten. Beim Einschlafen schwebten mir eigentümlicherweise Szenen aus den lustigen Bilderbögen des heiteren Zeichners Busch vor. Aber ich mochte auch im allmählichen Entschlummern nicht daran glauben, dass irgendwann irgendwo eine Pfeifenladung verpuffen und ein Offiziersgesicht schwärzen würde. Manchmal führt meine Kenntnis von solch vielfältigen Dingen meinen Geist an absurde Orte und zu nachgerade lächerlichen Ideen. Es mochte auch daran liegen, dass die beiden Russen, sozusagen zwischen Tür und Angel der Kapitänskajütentür, mir doch noch einen Ehrentrunk abverlangt hatten. So einen späten Schnaps bin ich nicht gewöhnt, da nutzt auch die reichliche Unterlage eines russischen Kapitänsdinners nicht. Ich fand es daher auch nicht ungewöhnlich, dass mir Halefs Schnarchen in der Koje nebenan tatsächlich so klang wie der wiederholte Name der köstlichen Rote-Rüben-Suppe.

Wir gingen von Bord, das Gepäck über den Schultern und unter den Armen. Über das stabile Fallreep nahe dem Laderaum klapperten die Hufe unserer Pferde: Rih, Risha und Halefs Ross hatten die Überfahrt ohne Blessuren überstanden und freuten sich nicht minder als wir über den festen Grund unter den Beinen, weil sie den Kopf frohgemut in den Nacken warfen und schnaubten. Mich selbst mag man für seltsam halten, aber nach der klaren salzigen Seebrise glaubte ich tatsächlich, ein wenig staubige Landluft vertragen zu können und statt eines schwankenden Decks einen wiegenden Sattel. Zudem waren mir der Trubel des Hafens, die Stimmen und der Lärm durchaus willkommen, nach dem eintönigen Rauschen des Wassers und dem Stampfen der Maschinen. Nichtsdestoweniger sah ich der Stille eines Ritts entgegen, bei dem nur das Hufschlagen und leiser Luftzug an die Ohren dringen.

Deshalb hatten wir auch beschlossen, nicht lange in Trabzon zu verweilen, sondern unseren Weg über Land rasch fortzusetzen, sobald wir uns mit Reisevorräten eingedeckt hätten.

Der russische Dampfer wurde entladen, Schauerleute schleppten polternd die Fracht über die Planken, die Ladekräne kreischten, warnende Rufe erschollen barsch. Die Passagiere hatten sich eilig, mit schwankenden Schritten, zu Karren und Kutschen begeben und schienen den Hafen, das Wasser, das Schiff fliehen zu wollen. Welche Gründe und Geschäfte sie auch nach Trabzon getrieben hatten, wer wusste dies schon; wir selbst wussten nur zu gut, was wir zu tun hatten. Ich schaute noch einmal aufs Schwarze Meer hinaus und fragte mich kurz, welchen Kurs das Schiff der Teuta wohl genommen hatte und wo ihr Gast, die Hexe Qendressa, an Land gehen würde. Ein normaler Hafen würde es kaum sein, denn sowohl in Trabzon als anderswo konnte kaum ein alter Piratensegler mit roten Segeln einlaufen, ohne Aufsehen oder gar Gegenwehr zu erregen.

Doch dies musste zunächst einerlei sein. Wir würden uns landeinwärts nach Südosten wenden, ins Gebiet der Kurden.

Als wir unsere Pferde gesattelt und bepackt hatten, sahen wir zum Ruderhaus des Schiffs empor. Dort standen Kapitän Rimski und sein Erster Offizier Bossoi, überwachten das Löschen der Ladung und beschauten den Hafen und die Stadt, welche sich zu beiden Seiten am flachen Küstenstreifen und über die Hügel dahinter erstreckte.

Unsere Blicke trafen sich, wir tauschten einen letzten, knappen Gruß aus. Bossoi nahm die Pfeife aus dem Mund, deutete darauf und tat Haschim mit gleicher Geste Bescheid, wie er mir am Abend zuvor mit dem Glas zugeprostet hatte. Haschim sandte ihm ein Lebewohl und wandte sich kaum merklich lächelnd ab. Ich wollte es zunächst ergründen, doch Halef beanspruchte meine Aufmerksamkeit, weil er in kurzer, heiterer Scharade die Arme verschränkte und die bestiefelten Füße zweimal in knappem Tritt nach vorne warf. Richtig, die russischen Matrosen hatten auf Freiwache gesungen und getanzt, kurz nach dem überstandenen oder vielmehr abgewendeten Angriff. Halef hatte dies durchaus lustig gefunden. Sein jetziges Verhalten sah ich ihm nach, auch weil das Schauspiel kurz genug währte, um nicht allzu auffällig zu sein. Aber mein lieber kleiner Freund muss eben noch an der Anwendung von Ironie arbeiten, die, wie es in ihrer Natur liegt, doch eher leise daherkommen muss. Keck schaute Halef mich an. Er wusste nach all den Jahren genau, was und wie viel er sich erlauben konnte, bis ich ihn ein wenig mahnte. Ich nickte milde. Als ich mich abwandte, glaubte ich zu bemerken, wie Haschim und Halef einen Blick wechselten, der mir seltsam vertraulich schien. Noch bevor ich weiter nachsinnen konnte, schnaufte Rih und drückte mir die Nüstern in den Nacken. Er hatte Recht: Was brauchte ich über meine Gefährten nachdenken – sie waren meine Gefährten, das war Ausgang und Ergebnis genug.

Wir stiegen in die Sättel und bahnten uns den Weg aus dem Hafen, hinein in die Gassen Trabzons. Zwischen den Festungshügeln, der dreifach unterteilten Zitadelle und den hadrianischen und byzantinischen Mauern hindurch ritten wir langsam voran. Wie überall im osmanischen Reich entstammten die Menschen hier vielen Völkern, und so wurde das Auge von vielerlei Tracht, das Ohr von vielerlei Sprache betört. Ich vernahm zum ersten Mal den Dialekt der Lazi, das Kartvelische, welches eine Kaukasussprache ist, die vornehmlich in Georgien, aber eben auch in dieser Gegend der Schwarzmeerküste gesprochen wird. Ich bin ja nun kein begeisterter Sprachwissenschaftler, sondern Reiseschriftsteller, also ein Mann, der gewissermaßen eine nüchterne Kunst betreibt. Und so mag man es für verwunderlich halten, dass ich bei den fremden Klängen tatsächlich vor meinem inneren Blick die schön gewundene Schrift des Georgischen sah, die sich wie Ranken über den Schreibgrund windet. Dieses Bild soll meinen Lesern genügen, denn obgleich das Kartvelische auch in lateinischer Schrift wie der unseren niedergeschrieben werden kann, so verlöre es doch recht viel dabei, weswegen ich hier von einer transkribierten Probe lazischer Rede absehe.

Dass ich auch Adyghisch und Kabardisch vernahm, die vorrangigen Dialekte der Zirkassier, sei nur am Rande und mit ein wenig Bitterkeit erwähnt, denn dieses Volk hat ein schlimmes Schicksal erlitten, weil es vor einigen Jahren einen erzwungenen Krieg mit dem russischen Zarenreich führte, unterlag, und aus seinen Landen des nordwestlichen Kaukasus vertrieben wurde.

All dies ließ mich recht verdrossen an die Überfahrt auf der „Knjas Korowjew“ zurückdenken. Doch was mochte der Kapitän mit der Kaukasuspolitik des Zaren zu schaffen haben? Wohl ebenso viel oder so wenig wie ich mit der Politik von Kaiser und Kanzler. Ich versuchte immerhin, in jenem kleinen Wirkungskreis, der mir beschieden war, gerecht und ehrbar zu handeln.

Meine düsteren Gedanken wurden unterbrochen von Halefs hellem Ruf, dass wir uns doch vor dem langen Ritt stärken sollten, und so hielten wir an einer Garküche, aus der appetitreizende Dünste stiegen. Ich nahm es dankbar an. Denn auch wenn der Kopf es wohl bemerkt, wenn die Füße neuen Grund betreten, so ist man doch erst so richtig an einem Ort angekommen, wenn der Magen es begriffen hat.

Wir schmausten mit Genuss, aber nicht allzu überschwänglich und zeitraubend an einer Schüssel gebratener Sardellen aus den trabzonischen Gewässern, dazu Pfannenbrot aus Mais, welches mich sehr an jenes erinnerte, das auf dem nordamerikanischen Kontinent gebacken wurde, sowie drei Näpfe mit Eintopf aus Bohnen und Kohl, ähnlich, aber doch anders als die rote Krautsuppe von nördlich des Schwarzmeeres. Ich konnte meine Gefährten amüsieren, indem ich anmerkte, dass der Name jener Fischlein, hapsi, im pontischen, also Schwarzmeerdialekt des Türkischen, tatsächlich „Mundvoll“ bedeutet, somit gleichbedeutend ist mit dem deutschen „Happen“. Auch wenn Halef durch die nebensächlichen Deutschstunden bei mir und dem Lehrer Lohse noch näher am Verständnis dieses Sprachspaßes war, vermochte Haschim diesem doch zu folgen, weil er sich des pontischen Griechisch erinnerte, in welchem die Sardelle „hapsia“ heißt. Und auch alle weniger polyglotten, vielsprachigen Zeitgenossen erkennen das treffende Schallwort. Wie schön, wenn Sprache und Schmackhaftigkeit so trefflich einhergehen.

Wir waren gesättigt und heiter, als wir mit frischem Reiseproviant und allerlei Ausrüstung auf den Packpferden Trabzon nach Südosten verließen. Wir passierten den mächtigen Hügel des Boztepe, der einst Minthrios hieß und an seinen Flanken antike Kultstätten des Mithras, byzantinische Höhlenkirchen, armenische Mönchs- und griechische Nonnenklöster beherbergt. Diesen wahrhaftig heiligen Berg ließen wir also hinter uns und begannen damit, das östliche Anatolien zu queren.

Die weiten Ebenen, Hügel, Berge und Hochplateaus wechselten im Takt der Tage. Ich muss gestehen, dass diese Reise, wenngleich zügig, doch eine entspannende Wohltat war, verglichen mit den scharfen Ritten, die wir jüngst auf dem Balkan hatten unternehmen müssen, als es galt, den Schut und seine Schergen an der Verübung ihrer Übeltaten zu hindern und an vielen Orten die gefangenen Unschuldigen zu befreien, die vom Schut zur Zwangsarbeit in seinen Fabriken versklavt worden waren.

Jetzt aber, wo die Zeit wohl ein wenig drängte, uns aber keine konkreten Schicksale die Schultern beschwerten, war es mir möglich, mich meiner Passion des Reisens hinzugeben.

Wir mieden die größeren Siedlungen und Städte, kehrten stattdessen in kleinen Orten und Gehöften ein, um zu speisen und die Nacht zu verbringen, auch kampierten wir dann und wann auf freiem Feld, in Wäldchen oder Taleinschnitten, um uns nach den Bequemlichkeiten wieder an das rohere, wildere Leben zu gewöhnen, das uns sicher bevorstand, wenn wir erst in den Kampf gegen Al-Kadir zogen.

Dennoch will ich meinen Lesern die Route ein wenig schildern, denn so sind sie es von mir gewohnt, und ich will niemanden enttäuschen, der von einem Reiseschriftsteller zurecht eine beschriebene Reise erwartet.

Nach Trabzon passierten wir Erzurum, von den Kurden Erzirom genannt, ein wenig eingezwängt zwischen der Hügelreihe, die den treffenden Namen „Kamelhals“ trägt, und den hohen Bergen des Palandöken, in welchen eine der Quellen des Euphrat entspringt.

Von all den Kriegen und Herrscherdynastien aus den Jahrhunderten Erzurums will ich nicht berichten, stattdessen aber anmerken, dass der Nationaldichter der Russen, Puschkin, diesen Ort nach einer Reise dorthin als Arzrum verewigt hat. Aber ach, eben doch in einem Bericht über den russisch-osmanischen Krieg vor einem halben Jahrhundert. Es dauert mich, aber Geschichte, selbst die der Kultur, kommt ohne Kampf und Konflikt nicht aus. Vielleicht sei etwas gefälliger vermerkt, dass Erzurum eine Kapitale der Schmuckherstellung ist, namentlich von solchem aus sogenanntem Schwarzen Bernstein.

„Oh“, sagte Halef, „das klingt aber interessant. Ist Bernstein nicht eigentlich ein Edelstein aus deiner Heimat, Sihdi? Hübsch golden gelb und glänzend? Der Schmuck der Germani, so wie es der himmelblaue Lazaward für die Afghani ist?“

„Nun, Halef“, meinte ich, „da liegst du in vielerlei Hinsicht gar nicht so falsch. Tatsächlich nennt man den Bernstein das Gold der Ostsee, und das ist ja ein Meer, welches die nordöstlichen Küsten meines Herkunftslands umspült – und den Bernstein an den Strand heran. Schön und schmückend ist dieser allemal. Für Damenhälse und für …“

„Ich habe gehört, dass er auch zum Hausbau verwendet wird, was mich sehr verwundert hat. Sind die Menschen an jenem östlichen Meer so reich, dass sie sich aus diesem Edelstein Paläste bauen, so wie es Könige und Sultane mit Gold und Marmor tun?“

„Nein, da hast du etwas missverstanden. Nicht Häuser werden aus Bernstein gebaut, sondern Zimmer. Und auch nur ein einziges. Das aber tatsächlich von einem König. Und er hat es gleich weiter verschenkt an einen anderen.“

„Wie kann man denn Zimmer verschenken, Sihdi?“, fragte Halef verblüfft.

„Das, mein Lieber, ist eines der Wunder des Abendlandes, welches ich dir später einmal berichten will. Es könnte eine längere Geschichte werden, und eine spannende noch dazu.“ Ich wackelte mit der Hand. „Aber etwas anderes ist nun wichtig: Der Bernstein ist gar kein Stein wie andere Edelsteine, sondern vielmehr das Harz von Bäumen, das aus der Urzeit herstammt und sich im Laufe der vielen Jahrtausende so verhärtet hat, dass man es als Stein bezeichnet.“

„Harz, Sihdi? Klebriger Baumsaft? Wie Mastix und Gummi? Damit schmücken sich die Damen deiner Heimat?“ Er überlegte kurz. „Und ich dachte schon daran, dass ich vielleicht doch nach Erzurum reite, um ein wenig hübschen Schmuck für Hanneh zu kaufen, wo wir schon in dieser Gegend sind, wo es eben Schmuck gibt.“

„Guter Halef, ich möchte dich als Neugierigen warnen. Nicht etwa davor, osmanischen Schmuck zu kaufen oder zum Schmuckkauf in Städte des Osmanischen Reichs zu reiten, sondern vor dem betreffendem Material. Denn wenn du es schon nicht schön findest, wenn Hanneh altes Harz um den schönen Hals trägt, dann wirst du noch mehr gegen schlichtes Holz haben.“

„Du willst mich necken, Sihdi! Erst sagst du, goldener Bernstein kommt aus Bäumen, und nun behauptest du, schwarzer Bernstein sind die Bäume selbst?“

„In der Tat. Die langen, geradezu ewigen Zeiten, die aus Harz Bernstein gemacht haben, haben aus Holz ebenso Bernstein gemacht. Oder eben doch nicht. Den schwarzen Bernstein nennt man nur fälschlich so. Unter den Gelehrten heißt er Gagat oder in anderen Sprachen Jett oder Jais. Und im Grunde ist es Kohle, die noch nicht lange genug im Boden lag.“

„Kohle“, hauchte Half entsetzt. „Ich hätte es mir denken können, bei der Farbe. Möglicherweise färbt dieser falsche Schmuck auch noch die Hälse schwarz!“

„Nun, das nicht. Man könnte versöhnlich sagen, dass diese Kohle eben leider nicht lange genug im Boden lag, sonst wäre sie zu Diamanten geworden. Auch wenn dies nicht ganz den geologischen Tatsachen entspricht. Aber einerlei: Ein BeinaheDiamant ist ebenfalls kein schönes Geschenk für eine Dame. Zudem, wozu braucht eine tapfere Kriegerin der Beduinen wie Hanneh irgendwelchen Tand?“

„Auch eine Kriegerin ist eine Frau, Sihdi. Und diese ist zudem noch die meine.“

„Da hast du wohl Recht. Und abschließend darf ich dir noch etwas erzählen, dass dich vollends von der Seltsamkeit des sogenannten schwarzen Bernsteins überzeugen wird. Die Merkwürdigkeiten gehen anscheinend auch auf Menschen über.“

„Ich bin gespannt, Sihdi!“

„Du sollst nun nicht glauben, ich sei zu einem Experten für Schmuck oder hübsche Steine geworden, ich gebe hier nur eine Posse wieder, von welcher der französische Kaufmann Galingré während unseres jüngsten Zusammentreffens in Skutari erzählt hat. Also …“

Und ich erzählte, in etwas anderen Worten für meinen Halef; meinen Leser gebe ich es wie folgt wieder: Es ging um einen wiederum französischen Preziosenhändler namens Jean Jais, der, nomen est omen, sich auf Trauerschmuck aus Gagat spezialisiert hatte. Wann immer also eine trauernde Witwe zu ihm kam, um etwas dezentes Geschmeide für das schwarze Kleid zu erwerben, verabschiedete er sie nach getätigtem Geschäft mit den Worten: „J’ aime le Rocambole.“ Ich wusste nun, dass es sich bei diesem Rocambole um einen zweifelhaften Charakter aus einer Serie von Sensationsromanen des französischen Schreibers Pierre Ponson du Terrail handelte, welcher sich, obgleich von Adel, auf das Verfassen von Schauernovellen und erdachten Abenteuern verlegt hatte. Was aber die Murmeleien des Schmuckhändlers damit zu tun hatten, erschloss sich mir nicht. Selbst Galingré musste zugeben: „Ils sont fou les français.“ Dieser Seitenhieb auf die geistige Gesundheit seiner ehemaligen Landsleute fiel ihm, dem erfolgreichen Auswanderer nach Albanien, natürlich leicht.

Halef hatte aufmerksam gelauscht, mehr und mehr die Stirn gerunzelt, und als ich geendet hatte, atmete er tief durch.

„Ich verstehe diese Geschichte nicht“, vermeldete er knapp.

„Ich auch nicht, Halef. Das ist ja das Kuriose daran.“

„O Sihdi. Was du so alles erzählst. Nun, vielleicht können sich deine Leser später einen Reim darauf machen, wie man bei euereins so schön sagt. Ich reite jetzt zu Scheik Haschim hinüber. Vielleicht kennt der eine richtig lustige Geschichte.“

Das tat Halef dann. Ich glaube aber nicht, dass Haschim eine solche Geschichte, wie Halef sie sich wünschte, parat hatte, oder wenn, sie überhaupt erzählen wollte.

Ich selbst hatte nun Zeit darüber nachzudenken, was Leute so alles von sich geben, wenn man lange am Schreibtisch oder eben im Sattel sitzt.

Wir kamen zu den südöstlichen Ausläufern des Taurusgebirges, den Ketten des Bingöl und des Bilican. Die Flüsse Murat und Karasu haben hier ihre Täler in den Grund geschnitten, und die hohen Berge und Plateaus wirken durch diese noch steiler und schroffer. Der mächtige Gipfel des Süphan ist dem See von Van nicht fern, und ein jeder, der dieses Land beschaut, ist nicht wenig ergriffen von diesen Extremen der Natur.

In der Provinz Muş lag die gleichnamige Stadt Mûs, oder auch umgekehrt, denn der türkische und der kurdische Namen unterscheiden sich nur durch jene Buchstabenornamente, die den Sprachforscher so entzücken. Den Völkerkundler hingegen bewegt, dass sich hier neben Türken und Kurden auch viele Armenier finden und dass jede Volksgruppe ihre Kirchen und Moscheen besitzt. Deren Türme und Minarette sahen wir, wie es unserer eingeschlagenen Reiseroute entsprach, jedoch nur von Ferne. Der bereits erwähnte Xenophon war einst in dieser Gegend, der ebenso erwähnte Puschkin nicht.

Schließlich trafen wir auf den Fluss Bitlis und folgten seinem Lauf, denn sein schmales Tal ist die einzige Passage durch den Taurus, zwischen den Niederungen des Sees von Van und der Ebene von Diyarbakir. Von Ferne drohte der erloschene Vulkan Nemrut, der an seinem Gipfel einen Kratersee trägt, gewissermaßen ein Gebirgszwilling des Van. Dieser Kegelberg trägt seinen Namen wegen einer Legende um den vorbiblischen Jäger Nimrod, doch so wie dieser in der Ferne der Zeit verschwunden ist, hat sich der Vulkan zum letzten Mal vor drei Jahrhunderten leise gerührt. Es möge so bleiben. Denn Gutes genug haben die früheren Eruptionen getan: Die Ebene vor dem einst feurigen Berg ist fruchtbar, und so ziehen sich weite Felder vor dem ragenden Gipfel dahin.

Die Stadt Bitlis umgingen wir, mochte auch deren Historie locken, die bis in die Zeit der Assyrer zurückreicht. Noch interessanter ist aber die jüngere Geschichte, welche der reisende Dichter Evliya Çelebi vor zweihundert Jahren in seinem Seyahatnâme, dem also schlicht ‚Reisebuch‘ genannten Bericht, beschrieben hat. Diesen Text kannte ich sowohl im originalen Wortlaut wie auch in der Übersetzung des geschätzten Orientalisten von Hammer-Purgstall, und besonders die Passagen über den kurdischen Fürsten Abdal Han, der sowohl dem osmanischen Sultan wie auch dem persischen Schah die Stirn geboten hatte, waren mir als sehr beeindruckend in Erinnerung geblieben. Vor allem, weil jener Abdal eben, um im Bilde zu bleiben, kein breit- oder engstirniger Herrscher war, der sich den fremden Potentaten der großen, mächtigen Reiche ringsum aus schlichtem Trotz nicht beugen wollte. Nein, diesem Fürsten lag schlicht sein Volk am Herzen, und er war darüber hinaus ein kluger und gelehrter Mann.

Tatsächlich griff Haschim diesen Punkt auf.

„Kara Ben Nemsi, Ihr kennt den Beinamen Abdals, zumindest jenen, den Çelebi ihm nicht von ungefähr gab?“

„Gewiss. Çelebi nannte Abdal Han den Hazarfann, den Mann der Tausend Künste.“

„Da Ihr von vielen Künsten wisst, vor allem den sieben freien Künsten des Abendlandes …“

Ich zählte an den Fingern ab: „Grammatik, Rhetorik, Logik – das Trivium. Arithmetik Geometrie, Musik, Astronomie – das Quadrivium.“

„Sehr gut“, nickte Haschim in einem angenehm wohlwollenden Tonfall, sodass ich gar nicht verstand, warum Halef gut hörbar in sich hineinkicherte.

„Aber“, begann Haschim, „auch wenn wir all die Künste hinzuziehen, die seitdem hinzukamen …“

„Nun, auch neben den septem artes gab es ja bereits die Theologie, Jura, Medizin und vieles mehr, wenn auch nicht im heutigen Verständnis.“

„Und wer sie denn alle zählen wollte, würden dem nicht immer noch einige fehlen, bis zu den besagten tausend Künsten des Abdal Han …?“

„Worauf wollt Ihr hinaus …?“, wollte ich fragen, doch dann hatte ich begriffen und begegnete Haschims leisem, weisem Lächeln mit einem kleinen Seufzer und einem Heben und Senken der Schultern, das mir zu einem Strecken und Recken im Sattel wurde. Dann wurde ich ein wenig spitzfindig, zwar wohl auf freundliche Art, doch ich musste dieser meiner Empfindung, meiner immer noch vorhandenen Skepsis gegenüber allem, was vorgeblich magisch und zaubersam daherkam, Luft machen.

„Aber Haschim“, meinte ich also, „Ihr wollt doch nicht einem Reiseschriftsteller glauben, der vielleicht nur aus Gründen des Interessantmachens in seine Worte gewisse Doppelbedeutungen legt, um seine Leser zum Sinnieren, gar Phantasieren zu bringen …“

Haschim zwinkerte mir zu, eine kokette Mimik, die ich von ihm noch nicht kannte.

„Abgesehen davon, dass ich es schätze, wie Ihr mit Worten über einen anderen gleichsam Euch selbst erkennen mögt, ganz gemäß dem Hellenenwort, so möchte ich doch anmerken: Warum sollte allein Çelebi den Abdal Han als so kunstreichen Mann bezeichnet haben?“

„Nun man kann ihn nicht mehr befragen. Beide nicht.“

„Befragen kann man wohl.“

„Ja, andere Schriften.“

„Nicht allein: auch Menschen, die Abdal Han kannten.“

„Diese dürften nach zweihundert Jahren allerdings recht alt sein.“

„Sehr alt. Älter als mancher meint.“

Ich musterte Haschim und dann begriff ich erneut.

„Marah Durimeh.“

„Wer weiß …“, sagte Haschim und lächelte. Ach, wie sehr ich doch meinen lieben Halef schätze, der sein Herz auf der Zunge trägt und aus nichts ein Geheimnis macht, selbst wenn es ein offenes sein mag.

Man spürte, dass unser Weg uns nun immer weiter vom eigentlichen Land der Türken hinab ins Zweistromland führte, und damit in biblische Gefilde. Der Euphrat und der Tigris hatten bereits schiffbare Ausmaße erreicht, lagen aber hier, in der Nähe der Stadt Cizre, so weit auseinander wie sonst nie in ihrem Doppellauf. Die Kurden nennen den Ort Cizir, die Araber Dschasirat, was jedoch nicht mit der Ebene im Zweistromland verwechselt werden sollte, welche man Al-Dschasira nennt oder eben Dschesireh. Wir waren dennoch recht nahe an den Weidegründen der Haddedihn, und Halef packte ein wenig die Sehnsucht. Aber da die Beduinen eben in diesem Gebiet umherziehen und selbiges wiederum sehr weit in den Westen reicht, wäre es wohl ein allzu großer Zufall gewesen, wenn wir Halefs Familie tatsächlich hätten einen kurzen Besuch abstatten können, ohne allzu lange zu suchen und Zeit zu verlieren. Dies alles würde warten müssen.

Am Rande des Landes um Cizir erhebt sich der Berg Cudi, von dem es heißt, hier sei die Arche des Noah gelandet, nachdem die Wasser der großen Flut sich zurückgezogen hatten. Allerdings gilt dies nur nach islamischer Tradition, die christliche verortet die Landungsstelle auf dem Berg Ararat, welcher viel weiter westlich, am anderen Ende Kleinasiens, sich erhebt. Es mag ohnehin nicht von Belang sein, wie es einst wirklich war, einzig die Stimmung, welche diese Lande hervorrufen, ist tatsächlich wahr und wahrhaftig, nahezu mit Händen zu greifen.

Doch es ist eben nicht nur die biblische Geschichte, die hier Erinnerungen hervorruft. Es ist auch meine eigene. Als wir östlich unserer Reiseroute den Stadthügel von Amadijah ausmachten, entsann ich mich meiner zwei Jahre zurückliegenden Erlebnisse. Halef, Sir David und ich hatten dort mit Mohammed Emin, dem Scheik der Haddedihn, dessen entführten Sohn Amad el Ghandur befreit. Auch traf ich dort zum ersten Mal auf Marah Durimeh. Nun würden wir sie gewiss nicht dort finden, weshalb wir Amadijah ebenso ohne Besuch passierten wie die Festung Kalah Gumri, die in einiger Entfernung über dem gleichnamigen Dorf thronte. Dort waren wir einst allesamt gefangen gesetzt worden, auf Befehl des Bey von Gumri, dem Anführer der Kurden von Berwari, und des Sohns von Abd el Summit Bey. Meine Leser kennen diese Ereignisse und erinnern sich so gewiss daran wie ich, obgleich sie jene nur aus meinen Berichten kennen, während ich sie eben selbst erlebt und teils erlitten habe und meine Freunde und Gefährten mit mir.

Doch nun war nicht die Zeit für kämpferische Nostalgie oder alte Geschichten, wir mussten voran. Und so passierten wir Mossul, ohne dass Halef und ich untereinander auch nur die Namen des damaligen Makredsch und des damaligen Paschas erwähnten, mit denen wir Händel hatten. Wir wollten auch Haschim nicht mit dergleichen belästigen, denn was war unser Streit mit jenen Provinzherrschern und Festungskommandanten schon gegen den bevorstehenden Kampf gegen den finsteren Magier Al-Kadir im Geisterreich! Tatsächlich waren dies bei all meiner Skepsis meine Gedanken. Ich konnte mich nicht erwehren, diese mir fremde Herausforderung als bedrohlich und unheilvoll zu verspüren. Ich konnte nicht wissen, was mich, was uns erwarten würde, und es war mir auch nicht gegeben, es mit früheren Erlebnissen zu vergleichen. Ich musste mir eingestehen, dass ich in die ersten Duelle mit Al-Kadir ungläubig, fast unbedarft hineingegangen war. Und dass meine alten Feinde, der Schut, der Mübarek und Hamd el-Amasat, wiederauferstanden waren, verändert und mit Zauber und Magie versehen, damit wirkten und ihr Unwesen trieben – dies hatte mich auch nur zum Teil auf jene fremde, befremdliche Welt vorbereitet. Jetzt aber wusste ich einiges und ahnte noch mehr, obgleich auf sehr unvertrautem Gedankengrund. Ich war froh, Haschim an meiner Seite zu haben, aus dessen Wesen und Kenntnis ich Vertrauen schöpfen konnte, vielleicht gar Hoffnung. Und die Aussicht, zudem die weise Marah Durimeh zu treffen und um Beistand und Rat bitten zu können, ließ mich ebenfalls zuversichtlich sein.

Und diesem Ziel näherten wir uns nun, zumindest was den Ort betraf.

Zwischen Mossul und Erbil, auf Kurdisch Hewler, welches die vielleicht älteste Stadt der Menschheit sein mag, weil dort laut Forschermeinung seit acht Jahrtausenden stets gesiedelt wurde, fließt der Strom des Großen Zab, der sich durch sein breites Tal wälzt, umgeben von den Höhen voller Eichen und Walnusswälder. Dessen Wasserlauf querten wir, um uns weiter nach Süden zum Bruderstrom des Kleinen Zab zu wenden, und damit in die Gegend von Lizan und Schohrd, zwei kleinen Orten, eher Dörfern nur, die jedoch die Stammsitze von einigen Menschen waren, die uns vor zwei Jahresläufen sehr nahe gestanden hatten. In Lizan, welches wir zunächst erreichen würden, waren dies vor allem der Melek von Lizan, also das Oberhaupt der Siedlung und seiner Bewohner, die nestorianische Kurden waren, wie auch Schakara, die Tochter des Gallapfelhändlers. Die Geschichten, welche uns mit diesen beiden verbanden, waren so unterschiedlich wie die Personen selbst und wiederum von solch Gegensätzen wie Liebreiz und Schauder als auch Feindschaft und Respekt geprägt. Diese Vielfalt von Gefühlen ergriff mich auch jetzt, als die erneute Begegnung nach langer Zeit bevorstand.

Wir kamen also von den bewaldeten Höhen hinab ins Tal des kleinen Zab und erwarteten, an besagter Stelle das vertraute Dorf Lizan zu erblicken – doch es war nicht mehr!

Fünftes Kapitel
Das Gallapfelhaus

Ich hatte schon auf dem Weg nach Lizan die Veränderungen bemerkt. Zwei Jahre zuvor war das fruchtbare Land im Tal des Zab brach gelegen, denn niemand hatte damals in größerem Umfang Felder anlegen und bestellen wollen, als noch die Kämpfe zwischen Kurden und Nestorianern gewütet hatten. Welcher Bauer wollte schon seine Ernte geplündert, seine Frucht auf dem Acker verheert sehen, Zeuge werden, wie die Mühe seines Tagwerks in den Mägen der Feinde verschwand oder in Rauch aufging?

Auf diesem neuerlichen Ritt entlang des Flusses nun, am Ufer oder den Höhen darüber, waren mir doch schon die weitgreifenden Felder aufgefallen, die im Herbst wohlgefüllte Scheunen und Speicher versprachen. So war es nun einmal: Der Krieg gebiert Hunger, der Frieden speist das Volk. Wie gut also, dass die Kämpfe zwischen dem Bey von Gumri und den verschiedenen Meleks der umliegenden Orte beigelegt waren und nun Land und Leute gleichermaßen gedeihen konnten.

Doch was ist der Anblick von Feldern – auf denen zwar körnerpralle Halme wogten, wo zuvor nur Gras und Unkraut wucherten, doch das ist ja schlussendlich nur Werk der Natur – gegen die Veränderung, die der Mensch zu bewirken imstande ist!

Lizan, das alte Dorf, war dahin. Die elenden Häuser und Hütten, die sich zu beiden Seiten des Zab in den Erdendreck geduckt hatten, waren gründlich ausgebessert, gar neu erbaut worden, und etliche waren hinzugekommen, nachdem das Verheeren und Brandschatzen endlich ein Ende hatte. Irgendwann verliert ein jeder die Kraft, das Haus, die Hütte immer wieder zu reparieren, wenn es doch nur wieder zerstört wird. Und wer entkräftet und hungrig ist, schreinert und mauert auch nicht gut, zumal es am Geld fehlt, wenn kein Überschuss aus der Ernte verkauft werden kann.

Jetzt aber gedieh Lizan ebenso wie das Korn auf den Äckern, und die Gemüse und Kräuter, die in den Gärten prangten, verhießen in all ihrer Buntheit nahrhaften Wohlgeschmack.

Doch nicht nur im persönlichen Besitz hatten die Bewohner Lizans sich verbessert, auch die Brücke über den an dieser Stelle reißenden Zab war nicht mehr das erbärmliche Gebilde aus einigen Holzpfeilern und Flechtwerk, über das jeder Passant, ob Mann oder Pferd, nur ängstlich und schwankend geschritten war. Jetzt saßen die gemauerten Pfeiler fest im felsigen Flussbett und ein robustes Konstrukt aus Balken und Bohlen spannte sich über das rauschende Gewässer. Dort im Strom lagen zwar noch immer die vielen Felsen, welche keine Floßfahrt zuließen und das Schwimmen nachgerade lebensgefährlich machten, aber wer will mäkeln, wenn alles andere aufs Beste gerichtet ist. Lizan war schließlich kein Badeort für Kurgäste, sondern ein rechtschaffenes Dörfchen mit guten, schlichten Leuten.

Diese schauten nun einigermaßen neugierig auf und um die Ecken herum, wer denn da herankäme. Dass wir keine Türken oder Kurden waren, sah man ja sogleich, doch auch wenn wir von der Kleidung anders wirkten, war dies für die Menschen hier kaum verwunderlich, denn Mesopotamien war nicht weit, auch Persien nicht. Jedenfalls kamen wir nicht kriegerisch daher, selbst wenn unsere Waffen gut sichtbar waren, jedoch friedlich an den Sätteln befestigt oder bequem am Gürtel zurechtgeschoben.

Ich grüßte den Nächstbesten und fragte nach dem Melek, also dem Anführer, dem Bürgermeister sozusagen, obgleich Melek eigentlich König heißt, wobei sich ja auch anderswo so mancher Dorfschulze wie ein Monarch fühlen mag. Ich erfuhr, dass der Melek in seiner Residenz weilte und gewiss zu sprechen sei, was mich vermuten ließ, dass man uns für Händler hielt. Das war gar nicht das Schlechteste, und so dankte ich und schlug den Weg zum Haus des Melek ein, den ich ja kannte, und zudem hatte der Mann wie erwartet am Ufer des Zab entlanggedeutet.

Dort lag das Haus noch immer, halb in das Wasser des Flusses hineingebaut, wo der kühlende, stärkere Luftzug die Mücken verscheuchte. Das obere Stockwerk des Gebäudes hatte keine Mauern; es bestand einfach aus dem Dach, welches an den vier Ecken von je einem Backsteinpfeiler getragen wurde und so einen luftigen Raum schuf, der früher das Staatsgemach des Melek gewesen war. Allerdings war von dem Backstein der Pfeiler kaum mehr etwas zu sehen, denn an ihnen wanden sich blühende Ranken empor, bis zum Dachrand und quer durch die Balustraden, welche die Pfeiler verbanden. Auch am Fundament des Hauses waren Blumen gepflanzt, selbst unter den Fensteröffnungen hingen hölzerne Kästen mit bunten Blüten, wenig anders als bei einem deutschen Bürgershaus im Biedermeier.

Wir waren kaum aus den Sätteln gestiegen, als sich oben über dem Blütengerank ein rundes Gesicht zeigte, mit dichtem Schnauzbart und schiefem Turban. Man hatte uns wohl angekündigt. Der Melek hob beide Arme in einer Geste, die halb Willkommens-, halb Segensgruß war und rief „Guten Morgen“, obgleich schon beinahe Mittag war. Dann wurden wir mit einem Ruf hinaufgebeten, der freundlich-überschwänglich war, jedoch keinen Widerspruch duldete. Nun, warum auch. Halef und ich wandten uns dem Eingang zu, während Haschim zögerte.

„Ich bewache die Pferde und die Waffen“, verkündete er und warf mir einen eigentümlichen Blick zu. Ich hatte ihm auf dem Weg nach Lizan von unseren früheren Erlebnissen berichtet, von der einstigen Feindschaft mit dem Melek, aber dass sich schließlich, auch durch den Einfluss von Marah Durimeh, alles zum Besten und zum Frieden gewendet hatte.

„Hier droht keine Gefahr, kein Verrat“, sagte ich voller Überzeugung.

„Nicht wie in früheren Zeiten, gewiss“, gab Haschim zurück. Dann schaute er milde. „Lasst mir meine Eigenheiten, mein Freund. Und wenn Euch dort droben etwas Köstliches kredenzt wird, lasst mir doch etwas herunterbringen …“

Ich nickte ergeben. Haschim begann mit Interesse die Umgebung zu betrachten, vor allem einen der Berghänge zur Rechten, an dem eine Mauer zu erkennen war.

Halef und ich betraten das Haus und gingen die Stiege hinauf. Ich bemerkte, dass die unteren Räume recht karg eingerichtet waren, jedoch war es nicht die Kargheit des Ärmlichen, sondern die Strenge, mit der sich manche, aber eben doch nur sehr wenige Wohlhabende umgeben. Oben empfing uns der Melek von Lizan. Er war schon immer ein kräftiger Mann gewesen, nun aber war er feist, nahezu fett. Seine lange Jacke stand offen, ich erkannte, dass die Doppelreihe der Knöpfe und Ösen gezerrt und ausgeleiert war und der Tuchgürtel nur locker um den mächtigen Wanst gewunden. Auch der Turban war nachlässig gebunden. Es schien, als habe das süße, friedliche Leben den einstigen Krieger faul werden lassen.

„Kara Ben Nemsi Effendi“, kollerte der Melek, und seine Wangen und die Kinne bebten. Dann tat er einen raschen Sprung auf mich zu, der noch von der alten Kämpferkraft zeugte, doch er kam schwer vor mir auf, trat mir beinahe mit den Pantoffeln auf die Stiefelspitzen. Was eine herzliche Umarmung werden sollte, war dann doch eher ein klammerndes Haltsuchen. Die noch immer muskulösen Arme hielten und pressten mich tüchtig, und die weichen Backen drückten sich erst rechts, dann links in meinen Bart. Dann hielt der Melek mich auf Armeslänge von sich.

„Weißt du noch“, begann er, „was ich dir damals sagte, kurz bevor wir voneinander schieden?“

Wie hatte ich dies vergessen können; ich hatte es schließlich später aufgeschrieben, im Bericht über meine Abenteuer im wilden Kurdistan!

„Du sagtest: ‚Ich zürne dir, denn du hast mich besiegt. Ich fürchte mich vor dir, aber ich habe dich dennoch lieb.‘“

Die Augen des Melek, die früher so hart wie Säbelstahl geblitzt hatten, füllten sich mit Tränen. „Und jetzt, jetzt habe ich dich nur noch lieb, Effendi! Kein Zorn mehr, keine Furcht! Ich liebe dich und ich liebe alle Menschen.“

„Das ist sehr schön, Melek. Wenn nur alle so dächten, hätten wir Friede auf Erden.“

Der Melek schniefte. „Wie wahr, wie wahr.“ Dann starrte er über meine Schulter, bis ich mich ebenfalls umwandte, aber dort war nichts außer den Blumen, die überall aus den Ranken und Blättern leuchteten. Ich blickte zurück zum Melek und der beendete seine Blütenschau und nickte. Er deutete zum Boden, der nicht wie früher allein mit zierlichen Matten bedeckt war, sondern zudem mit wulstigen Kissen, die nicht prächtig waren, aber sehr bequem ausschauten.

„Nehmt Platz, du, Effendi und dein Diener.“

„Das ist Halef, mein Gefährte und Freund.“

„Ja“, strahlte der Melek, „Gefährten und Freunde braucht es. Die dienen besonders gern und gut. Ich bin ja auch nicht der Melek der Menschen von Lizan, sondern ihr Freund, Gefährte, Diener.“

Er ließ sich schwer in die Kissenwülste fallen und war darin kaum noch zu erkennen, da sowohl seine Kleider als auch die Polster von schlichten braunen Farben waren, und die Blumen und Blätter mit ihrem glänzenden Grün und der rot-weiß-gelben Buntheit alles überstrahlten. Doch noch etwas Besonderes zeigte sich zwischen den Kissen. Der Melek nannte zwei Katzen sein eigen, die der seltenen Rasse entstammten, welche rund um den See des Van lebte, und die deshalb Katzen von Van, kurdisch Pisîka Wanê, genannt wurden. Ihr Fell ist rein weiß, die Augen hellblau oder grün-bernsteinfarben und die wertvollsten haben jeweils ein Auge in diesen Tönen. Die Vankatzen des Melek gehörten dazu, und ihr doppelt zweifarbiger Blick verfolgte mich während der gesamten Zeit unseres Besuchs.

Halef und ich setzten uns sachte nieder. Der Melek klatschte in die Hände, und schon kamen zwei Mädchen und eine Frau heran und boten uns Früchte und kleine Speisen auf Holztellern und in Bastkörbchen, dazu Wasser. Ich fragte, ob unser Freund vor dem Haus auch etwas von den Erfrischungen erhalten könnte.

„Noch ein Freund und Gefährte?“, rief der Melek. „Mag er sich nicht zu uns gesellen?“

„Wir sind ein wenig in Eile. Dies soll nur ein höflicher Besuch sein, um der alten Zeiten willen.“

„Der neuen Zeiten willen, denn diese sind gut, ganz anders als die alten, schlechten.“

„Wie man eben so sagt, Melek …“

„Nenn mich Dost, nenn mich Hewal!“

Ich nickte, sprach dann aber weiter, ohne ihn als Freund oder Gefährten zu bezeichnen.

„Wir möchten Marah Durimeh aufsuchen. Und ich erinnere mich, dass deine ehrenwerte, alte Mutter mir damals hat sagen können, wo sich diese ihre weise Freundin aufhielt …“

Der Melek atmete tief ein und unterdrückte ein Schluchzen.

„Es dauert mich sehr, Effendi. Sie ist tot.“

Ich spürte mein Herz einen Schlag aussetzen. Neben mir ächzte Halef und ließ eine Maulbeere zurück in das Bastkörbchen fallen.

„Aber sie war, wie du sagtest, schon sehr alt, wenngleich nicht so alt wie Marah Durimeh.“

„Ach so …“, atmete ich auf.

„Doch da mein Bruder ja Priester ist, konnte er ihr das schönste Begräbnis geben, das Lizan je gesehen hat!“

„Mein Beileid“, hauchte ich tief empfunden, auch wenn mich der vorige Schrecken noch umfangen hielt. „Eure Mutter wird im Himmelsparadies ihren verdienten Platz erhalten.“ Mir war etwas unwohl, als ich den Melek sich vor meinen Augen in den Kissenpolstern rekeln und mit seinen Kinnen nicken sah.

„Das wird sie. Mein Bruder hat sie sogleich begleitet, denn er war ebenfalls ältlich. Nach der Zeremonie hat ihn der Schlag gerührt. Sein Begräbnis war schlichter, sein Nachfolger hat es zelebriert, aber da mein Bruder ein wahrer Heiliger war, bin ich guter Dinge, dass auch er seinen Himmelsplatz erhält, wie es ihm zusteht.“

Er rührte mit einem wulstigen Finger in einer Schale mit Walnusskernen, bis er schließlich eine auswählte und verspeiste. Traurig kaute er.

Ich überlegte. Gewiss hatte ich nicht erwartet, Marah Durimeh in der alten Felsenstätte des Ruh-i-Kulyan anzutreffen, wie damals, als mir des Meleks Mutter mit ihren Worten den Weg gewiesen hatte. Denn den Höhlengeist hatte Marah Durimeh ja nur für die Leichtgläubigen gespielt. Vielleicht aber hätte ich einen Hinweis erhalten, wo sich die weise Frau mittlerweile aufhalten mochte. Dann entsann ich mich einer anderen Quelle für diese Kunde, die ich ohnehin hatte aufsuchen wollen; aber Vernunft und Höflichkeit hatten eben verlangt, zuerst das Oberhaupt des Dorfes zu begrüßen, selbst wenn dieses gar kein Oberhaupt mehr sein wollte. Es gab in Lizan noch den Mann, den ich in Ahmadija kennengelernt hatte – just zur selben Zeit, als ich zum ersten Mal auf Marah Durimeh traf. Ich war als vermeintlicher Arzt zu einer jungen Frau gerufen worden, die sich versehentlich mit einer Tollkirsche vergiftet hatte und der der örtliche Hekim, der eben kein Doktor, sondern ein Quacksalber war, nicht hatte helfen können. Die junge Frau, ein Mädchen noch, hatte Schakara geheißen und war die Tochter von …

„Wo wohnt der Händler …“, begann ich und bemerkte mit Erstaunen, dass ich den Namen des Mannes vergessen hatte. Wie konnte dies sein? Hatte er ihn mir damals gar nicht genannt? Hatte ich ihn inmitten der Sorgen um Schakara und dem Zorn über den stümperhaften Hekim und seine nutzlosen Amulette nicht erfragt, er ihn nicht genannt? Wie peinlich! Ich sprach also anders weiter: „… der Händler noch hier in Lizan, der Galläpfel vertreibt?“ Ich war mir nicht sicher, ob es nicht noch einen anderen geben mochte, denn Galläpfel waren ein Hauptprodukt dieser Gegend, ebenso wie Walnüsse, und so fügte ich hinzu: „Der mit der langen Stirnlocke. Der, obgleich Kurde, sich der Geschäfte wegen wie ein Türke kleidet?“

Der Melek schaute nicht mehr trauernd, doch auch nicht so heiter wie zuvor, sondern ein wenig feindselig. Es konnte aber auch sein, dass nur das feiste Gesicht seine Augen schmal machte.

„Nicht der Geschäfte wegen, sondern weil er Mohammedaner ist und nicht Christ wie unsereiner.“

„Und doch ist er dir gewiss ein Freund und Gefährte, weil er hier in Lizan unter deiner Führung lebt“, sagte ich rasch. „Denn das tut er doch?“

„Ja, das tut er.“ Der Melek griff in die Schale und schaufelte eine Handvoll Nüsse in seinen Mund. Während er kaute, deutete er über die Blumenranken ans entfernte Ende des Dorfes.

„Er wohnt im Gallapfelhaus. In Prunk und Pracht. Aber das wird er nicht mitnehmen können, denn …“

„… das letzte Hemd hat keine Taschen, wie man in meiner Heimat sagt“, bemerkte ich, um den Melek zu besänftigen. Ich übersetzte es natürlich in orientalische Begriffe und tat noch ein wenig fromme Schnörkel daran, um den Eifer des Mannes zu dämpfen. Das und die köstlichen Nüsse, die übrigens in aufgeschnittene Feigen gestopft noch vortrefflicher munden, ließ den Melek wieder milde werden. Wir plauderten noch ein wenig, und es blitzte etwas von dem einstigen Krieger durch, als er an die Episode erinnerte, wie ich mich in diesem Haus mit Nedschir-Bey geprügelt hatte. So nannte der Melek es, ich erinnerte mich an einen fairen Faustkampf aus ehrenhaften Gründen. Aber dazu würde ich später noch kommen, denn den Bey würde ich auch noch aufsuchen müssen, auf unserer Suche nach Marah Durimeh.

Dann verabschiedeten wir uns rasch genug, ohne unhöflich zu wirken, und stiegen unter vielen Grüßen und Wünschen des Melek und mit je einer Blüte bedacht die Stiege hinab. Die Vankatzen schlichen bis zur Schwelle und blickten uns nach.

Halef betrachtete seinen rötlichen Blumenkelch, drehte den Stiel in den Fingern und schüttelte den Kopf. „Ich glaube, Sihdi“, meinte er, „dass du mir auch nicht recht erklären kannst, warum der Melek – der Freund aller Freunde – sich so verändert hat?“

„Das kann ich nicht, Halef“, gab ich zu. „Mag es die Trauer sein oder der Friede, der einem alten Kämpfer zusetzt – aber es ist nun einmal der Lauf des Lebens, und …“

„O Sihdi!“, maulte Halef. „Ich weiß, du bist ein guter Mensch! Ein Gutmensch, müsste man sagen, damit die beiden Worte so recht dicht beisammen sind, aber du musst nicht gar so viel Allgemeines daherreden, wenn du die eigentliche Antwort nicht weißt!“

Ich zwirbelte meine weiße Blüte und schnupperte daran, damit Halef mein Feixen nicht so genau sehen konnte. Wie gut er mich doch kannte. Und wie froh ich war, dass mein guter Halef wohl auf immer seine manchmal so unerwartet scharfe Zunge behalten würde. So viele Walnüsse und Feigen konnte es gar nicht geben, dass dieses Instrument sich stumpfschleifen würde. Oder gar Ermahnungen seines Sihdi, um die er sich ohnehin selten scherte.

Vor dem Haus fanden wir Haschim bei unseren Pferden. Neben ihm, auf dem Sattel seiner Stute Risha, balancierten ein Becher und ein Körbchen mit Walnüssen; die leeren Schalen sammelten sich neben den Stiefeln Haschims.

„Dieser Melek ist kein guter Gastgeber“, sagte er trocken. „An euren Kleidern sehe ich, dass ihr die Nüsse bereits geschält erhalten habt. Aber das macht nichts.“

Halef und ich sahen erstaunt, oder eben doch nicht erstaunt, wie Haschim eine Nuss leicht zwischen Daumen und Zeigefinger nahm und die Schalen mit einem Mal zu beiden Seiten hinabfielen, ohne dass man gesehen hätte, dass Haschim Druck ausübte. Zudem hätten seine Finger dann aus Eisen bestehen müssen, was sie meiner Kenntnis nach nicht taten. Aber wer wusste das schon. Haschim warf den Nusskern in seinen Mund.

„Wohin nun?“, fragte er.

„Zum Gallapfelhaus“, sagte ich.

„Ein kurioser Name. Ich bin gespannt.“

Haschim setzte Becher und Körbchen auf einer Bank vor der beblümten Fassade nieder und griff dann die Zügel, um sein Pferd zu führen. Wir taten es ihm gleich und gingen durch Lizan, zum uns gewiesenen Dorfrand hin. Vor den Hütten und Häuschen stapelten sich große Körbe, und lange Stangen lehnten an den Wänden. Das war das Handwerkszeug, mit dem sowohl Galläpfel als auch Walnüsse geerntet wurden, indem man sie von den jeweiligen Eichen- oder Nussbaumzweigen herunterschlug und aufklaubte. Es schien aber noch nicht die rechte Zeit für die Ernte zu sein, denn die Walnuss- und Gallapfelsammler, das wusste ich, zogen gemeinhin in die bewaldeten Berge hinauf und blieben dann für einige Zeit dort und wohnten in rasch errichteten Laubhütten, schlichten Unterkünften, die aus frischen Zweigen zurechtgebogen und -gesteckt wurden. Dies ist ohnehin Brauch bei den Kurden, die auf diese Weise in den heißen Monaten sozusagen Sommerfrische machen. Ob dies allerdings auch bei den Einwohnern von Lizan so gehalten wurde, deren Ort vom rasch fließenden Fluss stets eine gewisse Kühle empfing, wusste ich nicht.

Dann erreichten wir das Gallapfelhaus. Und wenn Haschim bereits bemerkt hatte, dass der Name eigentümlich war, so galt das für das Aussehen des Gebäudes noch viel mehr. Ich mag nur mutmaßen, wie es auf meine Gefährten oder die Menschen Lizans oder durchreisende Fremde wirken mochte. Ich hingegen hatte das Gefühl, ich blickte auf das Gehäuse einer riesenhaften Schwarzwälder Kuckucksuhr! Anders als die gemauerten Häuser des restlichen Dorfs war dieses ganz aus Holz gebaut. Die Balken und Bretter glänzten in dunklem Braun, als sei das Holz nach dem Glätten mit Lasur bestrichen oder aber geölt worden. Was aber alles noch sonderbarer erscheinen ließ, war die Tatsache, dass die Balken, Balustraden, Tür- und Fensterrahmen beider Stockwerke über und über mit Schnitzereien verziert waren, die nur ein einziges Motiv zeigten, namentlich Eichenblätter mit Galläpfeln daran. Der Anblick all dieser Wellenlinien und Kugeln war verwirrend, und je mehr man alles beschaute, desto mehr Blätter und Blättchen und Gallen und Äpfelchen entdeckte man.

Halef staunte, bis sein Gesichtsausdruck der Begeisterung wich, Haschim hatte zunächst skeptisch, gar misstrauisch geblickt, dann aber wohl festgestellt, dass es nur ein hölzernes Haus war, an dem außer dem Zierrat nichts Besonderes war. Unerwarteterweise beruhigte mich dies. Dann aber sagte ich mir, dass ja nicht jedes seltsame Gebäude ein Hort der Finsternis sein musste, wie etwa die stählerne Festung des Schut, die über dem Wasserfall des Halbsterntals geschwebt hatte, im Land der Skipetaren, auf dem fernen Balkan.

Dies hier war nur die Behausung eines wohlhabenden Kaufmanns, der sich und seiner Handelsware ein Denkmal setzen wollte. Und man musste zugeben, dass dies gut gelungen war: Das prächtige, geradezu kunstvolle Haus, wie es sattbraun schimmernd vor dem Hintergrund der grün bewaldeten Berghänge stand, darüber die grauen Gipfel vor dem blauen Himmel, und der Zab rauschte wie ein Gebirgsbach dahinter. Ich war nachgerade froh, dass sich unter dem Giebel des Dachs kein Fenster oder auch nur eine Luke zeigte, denn sonst hätte ich wohl erwartet, dass sich dort ein riesenhafter Holzvogel gezeigt und uns die Stunde gepfiffen hätte. Nun, dies war meine seltsame Eingebung. All meiner üblichen Nüchternheit des Weltreisenden und Schriftstellers zum Trotz erfassen mich manchmal diese phantastischen Anwandlungen, die, so muss ich entschuldigend anfügen, doch meist nur von den Schrulligkeiten und kauzigen Ideen anderer hervorgerufen werden. Und dass gerade Menschen, die zu Wohlstand gekommen sind, diesem auf sehr merkwürdige Weise Ausdruck geben und dies nicht immer mit gutem oder zumindest schlichtem Geschmack einhergeht, ist nur allzu bekannt. Aber ich will nicht als Kritiker daherkommen. Wer weiß, was ich mir für ein hübsches Heim erbauen werde, wenn ich mich dereinst zur Ruhe setze und statt zu reisen und zu schreiben, vielleicht nur noch schreibe, an eben jenem Ort. Doch das dürfte wohl noch einige Zeit in der Ferne liegen.

Nun aber standen wir vor dem Gallapfelhaus und wollten uns weiter nähern, als die Tür sich erst langsam bewegte, dann nach innen schlug und ein hellbraunes Geschöpf aus dem dunkelbraunen Eingang hetzte. Unsere Pferde schnaubten kurz und traten einen Schritt zurück, auch wir Menschen reagierten für einen Lidschlag so, als würden wir angegriffen, doch dann erkannten wir, dass es nur ein Hund war, und ein freundlicher noch dazu, denn er verbellte uns nicht, sondern trat schwanzwedelnd von einer Pfote auf die andere. Und dabei schaute er mich an.

Als ich ihn wiederum musterte, fiel mir auf, dass es sich um einen recht jungen Windhund handelte, welcher der Rasse der Slogi entstammen mochte, jenen seltenen und kostbaren Tieren, die von den Kurden Tazi genannt werden. Dieser hier mochte aber nicht ganz reinrassig sein, denn die Tazi besitzen ein gelbgraues Fell, während dieser junge Rüde, wie schon erwähnt, von hellbraunem Haar bedeckt war. Zudem wirkte seine Schnauze nicht ganz so edel geschnitten, sondern war etwas kurz, doch nicht stumpf, und die Ohren standen lustig spielend vom Scheitel empor. Ich hätte ihn bei flüchtigem Blick auch für einen deutschen Schäferhund halten können. Aber dies war wohl nur eine Nachwirkung meiner vorigen Vision, die ebenfalls meine Heimat betraf. Vielleicht war es an der Zeit, dass ich wieder einmal für länger dorthin zurückkehrte. Aber ebenso wie ich nicht zurückblicken wollte, wollte ich auch noch nicht in die fernere Zukunft schauen. Zunächst hatten wir eine Aufgabe für die kommenden Tage.

„Das ist wohl der Hund des Hauses“, meinte ich also. „Er hat uns somit angekündigt, der Hausherr dürfte sogleich folgen.“ Ich schaute zum Eingang, während der Hund auf den Hinterbeinen saß und mich anhechelte.

„Sihdi“, rief Halef, „ist dir aufgefallen, was das für ein Hund ist?“

„Ein Tazi“, meinte ich beiläufig, „wenngleich wohl nur zum Teil.“

„Und an wen erinnert er dich?“

„An einen Schä … an einen Slogi, wie diese Tiere auch genannt werden.“

„Du hattest einmal einen solchen Hund, Sihdi!“, sagte Halef mit Nachdruck, fast ein wenig empört. Und dann dämmerte es mir.

Gewiss! Der treue Dojan, den mir damals bei unseren ersten Abenteuern in Kurdistan der Älteste des Dorfes Spandareh geschenkt hatte. Der Hund hatte seinem Namen gemäß, der ‚Falke‘ bedeutete, mir und den Meinen als tapferer tierischer Gefährte gedient, bis er von ruchlosen Räubern erschossen wurde. Es mochte sein, dass ich dieses schmerzliche Ereignis ein wenig verdrängt hatte und mich deshalb nicht sogleich erinnern konnte, nur allein durch den Anblick eines Tazi in Lizan.

„Gewiss“, nickte ich zu Halef hin. „Aber der gute Dojan war nicht so ein drolliger Streuner wie jener hier, sondern ein edler Windhund.“

„Ihn selbst scheint es nicht zu kümmern, dass du nicht sein richtiger Herr bist, sondern ein fremder Effendi“, bemerkte Halef.

„Wahrscheinlich riecht er die Walnüsse …“

„Keine Ausreden! Ich glaube, dass dich da jemand erkennt!“

„O bitte, Halef! Du bist doch kein Hindu, der an Wiedergeburt glaubt. Noch dazu bei einem Hund!“

„Ich weiß nicht, wie diese Wiedergeburt abläuft und was sie genau bedeutet, aber vielleicht liegt es nicht nur an dem, der wiedererkennt, sondern auch an dem, der wiedererkannt wird!“

„Halef, jetzt klingst du nicht hinduistisch, sondern sophistisch. Wende die Tatsachen nicht um und um, und lass den Hund einen Hund sein. Und so ein wiedererkennbarer Mensch bin ich nun auch wieder nicht!“

„Kara Ben Nemsi Effendi!“, rief es da aus der Tür des Gallapfelhauses und heraus trat, nein eilte, ein wahrhafter Gallapfelmann!

Da er mich erkannt und beim Namen gerufen hatte, musste es wohl der Gallapfelhändler sein, auch wenn er völlig anders aussah als zu jener Zeit in Ahmadija, als ich seine Tochter Schakara vor dem Gifttod gerettet hatte. Damals hatte er türkische Tracht getragen, Ähnliches trug er auch noch heute, aber das Aussehen war fern jeglicher Tradition. Am Kopf schon fing es an: Der Turban war so akkurat gewunden, dass er eine äußerst kugelige Form besaß und auch farblich an einen gelbgrünen Gallapfel erinnerte. Eine Schmucknadel prangte über der Stirn, und auch diese Nadel hatte erwartungsgemäß eine passende Form. Es war das emaillierte Abbild dreier Eichenblätter, auf denen je eine Kugelgalle saß. All diese Motivik setzte sich auf der restlichen Kleidung fort: Eichenblätter und Galläpfel, allüberall in gelbgrünem und braunem Garn gestickt, auf den braunen und gelbgrünen Stoffen, aus denen Hemd und Hose und Weste und Tuchgürtel bestanden. Auf den Pantoffelspitzen saßen ebenfalls kleine Gallapfelbommeln, die Knöpfe am Gewand waren Gallapfelkugeln.

Immerhin war das Gesicht des Mannes weder gelbgrün, noch waren es seine Augen; und seine Nase war erfreulicherweise auch kein Gallapfel. Die Wangen waren stattdessen von gesundem Rot, die Augen von wachem Braun.

All dies konnte ich mit Mühe in dem Heranstürmen des Mannes erkennen, bis er überschwänglich meine Finger ergriff, sie abwechselnd küsste und an seine Stirn drückte, dass mir die lange Stirnlocke unter dem Turbanrand den Handrücken kitzelte.

„Effendi! Hekim! Emir!“, tönte der Mann, als er einen Schritt zurücktrat und mich anstrahlte. „Wie schön, dass du wieder hier bist, bei deinem ewig dankbaren Diener, dessen Tochter du gerettet hast.“

Es war damals so gewesen, dass er mich zunächst für einen Hekim, also Arzt, gehalten hatte, dann aber meinte, mir den Titel eines Emirs verleihen zu müssen, da ich so weise und uneigennützig, das heißt, nutzbringend und ohne Bezahlung mein bescheidenes medizinisches Wissen angewendet hatte, welches doch nur darin bestand, dem Töchterchen mit der Tollkirschenvergiftung ein Brechmittel aus Kaffee und Zitronensaft zu verabreichen und sie mit Salmiakgeist vor einer gefährlichen Ohnmacht zu bewahren.

„Oh, das war doch selbstverständlich und ist kaum des Dankes wert, noch dazu nach so langer Zeit, mein ehrenwerter …“

Ich stutzte, da ich mich noch immer nicht des Namens des Mannes entsann.

„Hosta Mazu!“, rief er und warf sich in die Brust.

Das war nicht sein Name gewesen, dessen war ich mir sicher, denn ich hätte es mir gewiss gemerkt, wenn er sich damals als ‚Meister Gallapfel‘ vorgestellt hätte. Aber schon sprach er stolz weiter: „Im ganzen Zweistromland berühmt und von Istanbul bis Teheran geschätzt bin ich wegen Mazi Dschallii!“

Ich wusste nun nicht, ob er damit nur große, dicke, prachtvolle Galläpfel meinte, oder ob dies der Name seines Geschäfts war, so wie er sich selbst zum Meister aller Gallen ernannt hatte.

„Und wohl zu recht, wenn ich von den Früchten Eures Profits schließen darf.“ Ich wies auf seine Kleidung und sein Haus.

„Wundervoll, nicht wahr? Alles dank der Eichen und der Wespen.“

Es war interessant, dass er so generös war, seinen Reichtum jenen kleinen Insekten zuzuschreiben, die durch ihre Stiche, Eier und Larven überhaupt erst die knolligen Auswüchse auf den Blättern der Eichen hervorriefen, aus welchen man jene Gallussäure gewann, die für die Herstellung von, wie der Name schon sagte, Eisengallustinte und anderen Farbstoffen wichtig war, für Teppichgarne, Papiere und dergleichen.

„Dann ist dieses Haus wohl nicht allein mit Gallengeld gebaut, sondern auch aus Eichenholz?“

Meister Gallapfel verlor für einen Herzschlag seine rosigen Wangen, doch dann kehrte die Farbe umso kräftiger zurück.

„Aber Emir! Wie könnte ich für mein bescheidenes Heim die wertvollen Eichen fällen?“

„Walnuss dann?“, mutmaßte ich, weil die Wälder ringsum auch von dieser Art Baum reiche Bestände besaßen.

Hosta Mazu wackelte mit dem Kopf. „Nun ja. Ich wollte die Konkurrenz nicht schädigen. Die sollen mit den Nüsslein doch ihr Leben bestreiten. Aber wer will schon alle Tage Huhn auf Tscherkessenart oder Fisch mit syrischer Soße essen? Meine Mazi werden zu Tinte und Farbe und dienen dann zur Erstellung edler Koranseiten, schöner Teppiche, feiner Malereien – und die ein oder andere Arznei wird auch daraus bereitet. Was sind also ein paar Nüsse gegen meine Mazu?“

„Zweifellos, zweifellos.“ Was sollte ich anderes entgegnen?

„Und du, Emir? Was führt dich hierher? Bist du etwa unter die Händler gegangen, oder darf ich mich geschmeichelt fühlen, dass du den ewig dankbaren Vater seiner Tochter besuchen magst?“

„Das Letztere ist genau mein Anliegen, guter Mann!“

„Dann kommt herein und lasst mich ein geehrter Gastgeber sein! Meine Knechte kümmern sich nur allzu gern um eure Pferde.“ Er brüllte ein paar Befehle zur der Seite des Hauses hin, hinter der sich die Ställe und Lagerräume befanden. Eilfertig kamen zwei junge Burschen und ein älterer Mann herbei. Ich hatte schon befürchtet, dass Haschim auch dieses Mal das gastfreie Haus nicht betreten wolle, aber er begann bereits, seine wertvolleren Habseligkeiten an sich zu nehmen, um den Rest den Knechten zur Aufbewahrung und Bewachung zu überlassen. Auch ich schulterte meine beiden Gewehre, nachdem ich den Hosta Mazu um Erlaubnis gefragt hatte, sein Haus mit Waffen zu betreten.

„Aber gewiss, gewiss“, sagte er. „Gewehre sind gut, damit sichere ich meine Warentransporte und mein Heim! Ich habe mir eine schöne Sammlung zugelegt und übe mich in der Kunst des Schießens.“

Ich erinnerte mich daran, dass ich vor zwei Jahren meine eigenen Schießkünste vor einigen Männern Nedschir-Beys hatte beweisen müssen, indem ich Galläpfel von Eichenblättern herunterschoss. Das erwähnte ich gegenüber dem Hosta Mazu wohl besser nicht, wer wusste, ob er mir dies nicht als Frevel an seinem Handelsgut auslegte. So herzlich und wohlwollend er auch auftrat, erschien mir dieser Mann doch ein wenig zweifelhaft. Ich wusste nicht, warum, doch mein Gefühl gegenüber Menschen hatte mich bislang selten getrogen – außer es war Zauberei im Spiel gewesen. Wie gut also, dass Haschim nun neben mir sitzen würde. Denn ich glaubte, auf Halef nicht recht zählen zu können, wenn wir uns erst im Gallapfelhaus befänden.

Und ich behielt Recht. Wobei ich zugeben muss, dass auch ich mich durchaus dem Staunen hätte hingeben können. Aber ich bin Reiseschriftsteller und kein Händler, der Maulaffen feil hält. Ich beschaute die kuriose Behausung, in die uns der Hosta Mazu hineinkomplimentiert hatte. Drinnen war es dämmrig wie in einem Eichenwald, denn vor den Fenstern hingen dicht an dicht Schnurvorhänge, wie man sie aus heißen Ländern kennt und die dazu dienen, die Fliegen draußen zu halten, während die frische Luft einströmt. Hier trugen die Schnüre natürlich keine Perlen, sondern Galläpfel, zierlich aus Holz geschnitzt und bemalt. Rechts und links der Fenster wiederum gab es Vorhänge von aufgefädelten Eichenblättern, die wohl aus grünem Filz geschnitten waren und gleichermaßen das einfallende Licht streuten und ihre Schatten warfen. Diese Schatten verwirrten den Blick noch weiter, da sie auf Wände und Balken fielen, die mit den bereits von der Fassade bekannten Mustern verziert waren. Die Schränke und Truhen und Kommoden, oder eben ihre orientalischen Varianten, waren nicht weniger von Schnitzwerk überladen, und auf allen Teppichen und Kissen und Polstern zeigten sich gestickte und gewirkte Galläpfel und Eichenblätter. Und von einem der Deckenbalken hing an zierlichen Kettchen ein breiter Leuchter mit ausladenden Armen, der aussah, als habe man aus der Krone eines recht kleinen, aber ungewöhnlich akkurat gewachsenen Eichenbaums ein Quersegment getrennt. Allerdings war es wohl ein sonderbarer Baum gewesen, denn die Blätter schimmerten wie Metall und die Galläpfel wie Glas.

„Und wenn die Lichter entzündet sind, sieht es noch viel prächtiger aus“, sagte der Hosta Mazu, als er unsere staunenden Blicke bemerkte, die er zweifellos erwartet hatte. Dann komplimentierte er uns auf die Kissen und klatschte zwei Bedienstete herbei, die uns Tee brachten und einige Schalen mit Gebäck: Letzteres in Blatt- und Kugelformen. Der Tee immerhin schmeckte weder nach Galle noch Eichenblatt, was selbstverständlicher erscheint, als es meiner Ansicht nach war, denn es geht ja die Sage, dass etwa die alten Hellenen ein Gebräu aus gerösteten Eicheln oder Erbsen tranken, da sie den Kaffee noch nicht kannten. Es mochte dies aber auch der Scherz eines Historikers gewesen sein. Dennoch wechselte ich über mein Teeglas hinweg Blicke mit Haschim und Halef. Es war doch gut, dass wir aus einem ernsten Anliegen heraus in diesem Haus waren, sonst hätten wir uns in unangemessener Heiterkeit ergangen. Der Hund schlich um uns herum und wollte allzu gern einen Happen erbetteln, doch der Gastgeber war streng. Halef gelang es dennoch, dem Tier etwas zuzustecken, indem er es unauffällig fallen ließ. Nach einigen höflichen Schlucken Tees und dem Verkosten des Gebäcks, welches nach Mandeln und allerlei Nüssen schmeckte, nur eben nicht nach Walnuss, begann ich zu sprechen.

„Werter Hosta Mazu, ist denn auch dein Töchterlein zugegen, von dem ich natürlich hoffe, dass es ihr in den vergangenen Jahren ebenso wohlergangen ist wie ihrem Vater?“

„Gewiss, gewiss ist Schakara wohlauf. Und in den Monaten, nachdem du sie gerettet hast, Emir, hat sie oft von dir gesprochen und fand es sehr bedauerlich, dass sie dich wegen ihres damaligen Krankseins ja gar nicht recht gesehen oder gehört hatte. Deshalb warst du für sie stets der edle Emir, der ein noch besserer Hekim war als alle ringsum. Allerdings hat sie seitdem weder Kaffee noch Zitronen leiden mögen, und Maulbeeren rührt sie schon gar nicht mehr an. Aber sie liebt ebenso wie ich die Galläpfel, wenngleich aus etwas anderen Gründen.“

Ich erinnerte mich, dass die gefährliche Tollkirsche zusammen mit anderen durch eine unachtsame Person in die Schale mit den Maulbeeren geraten war, damals in Amadijah. Wie gut, dass ich dies bemerkt hatte, denn so war es mir möglich gewesen, weiteres Unheil zu verhindern und zugleich den Weg der Heilung zu erkennen, nämlich die magenleerende Mixtur aus Zitronensaft und Kaffeesud und einem Aufguss von Galläpfeln zu verabreichen.

„Nun“, meinte ich, „wie man so sagt, das gebrannte Kind scheut das Feuer. Und in diesem Fall mag es nicht das Schlechteste sein. Denn dieser Tee mundet wohl. Aber sagt, ist denn Schakara hier? Ich würde sie gern etwas fragen, das ihre Urgroßmutter betrifft.“

Der Hosta Mazu wackelte mit dem Kopf. „Ach ja, die Großmutter meiner seligen Frau. Hat dem lieben Mädchen so einige Grillen in den Kopf gesetzt.“ Er schaute mich streng an. „Marah Durimeh mag eine ehrenwerte Frau sein, und ich sage über Anverwandte nichts Schlechtes, zumal wenn sie das würdige Alter einer Greisin erreicht haben …“

Und noch darüber hinaus, dachte ich bei mir.

„… doch ich schätze es nicht, dass meine Schakara sich nicht bemüht, nach einem klugen und tüchtigen Ehemann zu suchen, der meine Geschäfte fortführen könnte, wenn ich einmal nicht mehr bin …“ Er deutete in der Luft herum, als wolle er auf jeden einzelnen Gallapfel zeigen. „… sondern stattdessen nach Wissen und Weisheit strebt. Wobei ich nicht weiß, ob sie ihrer Ahne nacheifern will oder dir, Emir, mit deinem weit gestreuten Wissen. Ich erlaube mir, deine Worte aufzugreifen: Wenn das gebrannte Kind ein anderes Feuer sucht, kann es auch dort drinnen verbrennen.“ Er stockte. „Oder wenn sie das Wasser sucht, welches das sie gefährdende Feuer gelöscht hat, dann kann sie darin ertrinken …“ Er wedelte mit den Händen, zeigte wieder auf die Galläpfel. „Was habe ich mit Worten zu schaffen, ich verstehe mich auf handfeste Dinge.“

„Dennoch wohl gesprochen!“, lobte ich. „Aber wo ist denn nun Schakara?“

„Das weiß ich nicht. Marah Durimeh hat sie mitgenommen.“

Sechstes Kapitel
Ein fremder Freund

Ich war verblüfft, gar verwirrt!

„Du weißt nicht, wo deine Tochter ist?“, rief ich. „Es ist dir nicht vorzuwerfen, dass du sie hast mit Marah Durimeh gehen lassen, denn diese ist eine gute und weise Seele. Doch warum weißt du nicht, wohin?“

Der Hosta Mazu verzog das Gesicht.

„Weil meine Schwiegerahne um vieles, wenn nicht alles, ein rechtes Geheimnis macht. Nicht umsonst ist sie mit dem Ruh-i-Kulyan im Bunde.“

Der Mann wusste also nicht, dass es sich bei jenem Geist der Höhle um niemand anderen handelte als Marah Durimeh selbst. Ich würde ihm dieses Geheimnis gewiss nicht enthüllen.

„Hat Marah Durimeh denn nicht gesagt, wann sie wiederkehren würde, und Schakara mit ihr?“

„Nein. Seit einem Jahr bekomme ich dann und wann einen Brief, dass meine Tochter wohlauf ist.“

„Seit einem Jahr!“

„Nun, was soll ich tun? Ich muss Marah Durimeh glauben und tue es auch. Obzwar es scheint, dass du, Emir, meine Schakara nur dem Tode entrissen hast, damit Marah Durimeh sie mir wieder nehmen konnte.“

„Sag so etwas nicht“, entgegnete ich mit leiser Empörung. „Schließlich ist Schakara aus freien Stücken gegangen.“

„Das mag man so oder so sehen …“

Ich hob die Hand. „Bitte, ich verstehe deinen Schmerz, aber äußere doch keine Mutmaßungen, gar Beleidigungen. Stattdessen sag mir lieber, warum du nicht nachgeforscht hast, wenn dich die Sache so leiden lässt? Warum hast du den Boten nicht gefragt, woher die Briefe stammen?“

„Weil der Bote den Brief von einem Boten erhielt, der wiederum …“ Der Hosta Mazu schüttelte bitter den Kopf. „Meine Tochter ist in einem Geheimnis verschwunden, da könnte sie auch tot sein.“

Ich wollte dem Mann helfen und sagte bestimmt:

„Wir finden deine Tochter und geben dir Kunde, wo sie ist und wann sie zurückkehrt.“

Das war vielleicht etwas viel versprochen und nicht unsere Aufgabe. Aber wenn wir Marah Durimeh fanden, würden wir auch Schakara treffen, und nach einem Gespräch mit beiden würden wir wohl deren Beweggründe verstehen, den armen Vater im Ungewissen zu lassen. Vielleicht könnten wir die beiden Frauen zu etwas Barmherzigkeit bringen …

Doch was dachte ich da? Wie konnte ich glauben, dass Marah Durimeh grausam war? Schließlich gab sie dem Vater regelmäßig Nachricht, wenn auch nicht zu dessen Zufriedenheit. Nun, es würde sich wohl alles klären. Aber dazu mussten wir weiterreisen. Ich erhob mich.

„Guter Gastgeber, hab Dank. Wir wollen dir deine Freundlichkeit vergelten, indem wir sogleich aufbrechen und dich nicht weiter belasten.“

„Aber wollt ihr nicht zum Essen bleiben? Ein Geschäftsmann ist oft einsam, zumal wenn er verwitwet und verwaist ist …“

Dies hätte mich sonst gedauert, aber ich wollte keine weitere Zeit vertändeln. Wir hatten einiges erfahren, aber nichts Brauchbares. Ich beharrte auf Abschied. Der Hosta Mazu schaute so betreten wie sein Hund, obwohl der junge Halb-Tazi noch ein wenig trauriger dreinblickte, als wir zur Tür gingen. Es mochte aber nur sein, weil sein Wohltäter Halef jetzt entschwand und sein eigentlicher Herr ihn doch recht knapp hielt, denn unter dem Fell erkannte man Muskeln und Rippen etwas deutlicher, als es wohl nötig war.

„Wie heißt dein Hund?“, fragte ich.

„Mazu, wie sonst?“, kam es zurück. „Denn ich bin der Hosta Mazu.“

Halef hob das Kinn. „Und wie alt mag er sein?“

„Wohl etwas über ein Jahr“, meinte der Hosta Mazu, dessen Name nun eine weitere Bedeutung erfahren hatte. „Er lief mir zu, weil die Katzen des Melek ihm übel zugesetzt hatten. Ich bin kein Hundefreund, doch seine Gesellschaft ist besser als keine.“

Halef rechnete anscheinend etwas und blickte mich dann wissend an, sagte aber nichts.

„Auf bald“, sagte ich zum Hosta Mazu und dann verließen wir das Gallapfelhaus. Unsere Pferde warteten bereits auf uns, gefüttert und getränkt.

Als wir in die Sättel stiegen, räusperte sich Halef.

„Bitte“, sagte ich, „keine sentimentalen Tiergeschichten.“

Ich gebe zu, das ist nicht mein Metier. Auch wenn ich dem treuen Dojan in meinen Erinnerungen und Berichten ein gerechtes Denkmal gesetzt habe. Meine wahre Tierliebe gilt dem Pferd, besonders meinem Rih, und deshalb klopfte ich ihm auf den Hals, denn es mochte sein, dass er den Hund witterte, der um uns herumgestreift war.

„Ach, Sihdi, das wollte ich doch gar nicht. Ich wollte vielmehr fragen, warum wir das Essen ausgeschlagen haben. Zweimal gab es süße Sachen, die wohl schmackhaft waren, aber nun habe ich Hunger nach etwas Rechtschaffenem, für einen anständigen Männerappetit.“

„Du sprichst wahrlich wie ein Kerl, Halef. Und erinnerst mich an die Worte von Sir David, als wir damals in dieser Gegend waren. Der brummte stets über sein Gelüst nach Bärentatzen und Bärenschinken, geräuchert und geselcht.“

„Ich dachte, dergleichen isst man nur im Indianerland jenseits des Ozeans?“

„Nein, überall, wo es Bären gibt.“

„Dann sollten wir in die Wälder hinein, und du erlegst uns einen mit deiner Doppelflinte. Ich würde tatsächlich die eine oder andere Bärentatze verspeisen.“

Bis wir das Dorf verlassen hatten, konnte ich Halef noch auf den deutschen Begriff des Bärenhungers hinweisen, sowie auf das Kuriosum, dass es ein Schokoladengebäck namens Bärentatzen gibt, und gleichzeitig darauf, dass wir die jüngst genossenen Gebäcke zunächst verdauen sollten, was durch tüchtigen Ritt befördert würde. Ein kräftiges Mahl würden wir uns damit wiederum auch verdienen. Halef fügte sich und war still, und ich glaube, sein Magenknurren war ohnehin nur eingebildet.

Dass aber auch Haschim schwieg, machte mich neugierig.

Als wir das letzte Haus von Lizan passiert hatten und wieder am Zab entlangritten, um später die Route in Richtung des Dorfes Schohrd einzuschlagen, fragte ich ihn:

„Sagt, Haschim: Ihr kennt Marah Durimeh nach Euren Worten doch länger und genauer als ich. Was habe ich davon zu halten, dass sie ihre Urenkelin so lange Zeit vom Vater forthält?“

„Nun, Kara Ben Nemsi, zum einen ist forthalten wohl nicht der rechte Begriff. Schakara wird wohl aus freien Stücken mit ihrer Ahne gegangen sein. Über Marah Durimeh will ich mich nicht weiter auslassen, doch ist es Euch sicher bekannt, dass weise Frauen sich dann und wann Schülerinnen suchen, um ihr Wissen an diese weiterzugeben, damit sie irgendwann deren Nachfolge antreten können.“

„Aber warum wird der Vater dann im Ungewissen gelassen?“

„Wer sagt, dass es so ist? Nur weil er sich darüber nicht geäußert hat?“

„Ihr meint, er weiß es wohl, aber ist seiner Schwiegerurgroßmutter gram?“

„Dies wäre nichts Ungewöhnliches unter der Sonne, nicht wahr? Zumal er auch Kaufmann ist und mehr auf das Materielle bedacht, also auf die Früchte der Galleneiche denn auf die Früchte des weisen Geistes.“

„Welche wiederum Marah Durimeh das Wichtigste sind, und eben auch Euch, Haschim. Doch was sagt Ihr dazu: Ich versprach dem Hosta Mazu, seine Tochter zu finden, und dies wird uns wohl gelingen, auch aus dem Grunde, dass wir Marah Durimeh aufsuchen. Ich sehe die Möglichkeit, dass uns Ingdscha, die Schwiegertochter des Rais von Schohrd, Nedschir-Bey, vielleicht zu ihrer greisen, weisen Vertrauten führen kann, wie sie es schon einmal für mich getan hat. Doch solches erhoffte ich mir ja bereits von Schakara in Lizan und wurde enttäuscht. Ich muss Euch also fragen, Haschim: Habt ihr vielleicht Kenntnis über Marah Durimehs Aufenthalt?“

„Ich weiß nicht, wo sie sich jetzt befindet, Kara Ben Nemsi. Ihr wisst doch, dass ich nicht über die Gabe der Hellsicht verfüge …“

„Das meinte ich nicht …“

„… an welche Ihr ja ohnehin nicht glauben werdet. Aber meine Verbindung zu Marah Durimeh ist auch nicht so stark, dass ich spüren würde, wo sie sich aufhält. Ihr müsst bedenken, dass es lange Jahre zurückliegt, seit ich mit ihr sprach.“

„Wie kam es zu Eurer Bekanntschaft mit Marah Durimeh?“

„Nun, man könnte sagen, dass es ähnlich war wie bei Euch. Es musste jemand gerettet werden, und Marah Durimeh sorgte dafür.“

„Sie rief Euch zu Hilfe?“

„Sie rief mich.“

„Ich bemerke, wie Ihr nicht allzu auskunftsfreudig seid …“

„Vielleicht habe auch ich Hunger und meine Zunge möchte nicht sprechen, sondern schmecken?“

Ich lächelte Haschim an, indem ich versuchte, jenes milde, wissende Lächeln nachzuahmen, welches er mir stets schenkte. Wie gut mir dies gelang, konnte ich nicht beurteilen. Doch ich war mir bewusst, dass ich nicht allzu klug gesprochen und gefragt hatte, sondern neugierig gewirkt haben mochte, wie ein … nein, ich möchte die Damen des Wäschergewerbes nicht schmähen, zumal nicht die gesetzteren Alters. Es würde sich die Zeit finden, wo mir Haschim meine Fragen beantwortete, und überhaupt waren diese Antworten wohl weniger wichtig als andere. Ich würde in der nächsten Zeit gut damit leben können, dass Haschim für mich noch immer ein Mensch voller Geheimnisse war, kaum weniger als Marah Durimeh. Und es ist ja auch so, dass ich selbst ein Mann bin, von dem nicht alle alles wissen, vor allem, wenn es um die Vergangenheit geht. Aber ich will mich nicht unnötig offenbaren und gestehe mir zu, ebenso wie Haschim ein wenig geheimnisvoll zu sein und meinen Lesern besser weiterhin von fremden Ländern und Leuten zu berichten als von mir selbst, der ich doch nur bescheidener Reiseschriftsteller bin.

Aber ich versuche stets, ein einfühlsamer Gefährte zu sein, und so ließ ich mich von den Bedürfnissen Halefs und Haschims leiten, wie ernst Letzterer seine Worte auch gemeint haben mochte. Wir machten also Rast, auf einer Hügelhöhe über dem Zab, der wild über die Steine seines Bettes rauschte. Durch das Buschwerk und die Bäume rings um die kleine Lichtung drang das Geräusch jedoch nur noch als sanftes Murmeln, und das Licht war ebenfalls mild, da sich die Sonne langsam zu senken begonnen hatte und nur noch knapp über die Berge schien. Die Eichen, welche sich aus dem Unterholz erhoben, waren stattlich, aber ich bemerkte, dass sich an den Blättern keine Galläpfel befanden, was ich durchaus begrüßte. Ich hatte genug von diesen Kugeln und allem, was mit ihnen zusammenhing. Man kann sich an einem Anblick sattsehen, wie es so schön heißt, selbst wenn es nicht das Ding an sich ist, sondern Nachbildungen als Schmuck der Wohnstatt. Dennoch will ich dem Hosta Mazu einen gewissen guten Geschmack nicht absprechen, noch weniger gute Gastfreundschaft, denn es war so, dass er uns wegen unseres frühen Aufbruchs aus seinem Haus, kurz bevor wir davonritten, durch seine Dienerschaft, vor allem die Köchin, mit jenem Mahl bedacht hatte, das er mit uns nicht hatte einnehmen können. Und so waren wir in der bequemen Lage, uns an jenem lauschigen Rastplatz unter Eichen nicht mit den Mühen des Abkochens zu belasten, sondern nur die Tuchbündel auseinanderschlagen mussten, die man uns überreicht hatte. Und schon lagen dort ein tüchtiger Braten und frisches Brot vom Morgen als auch etliche Zukost, die wohl aus dem Garten des Kaufmanns stammte, wie Tomaten, Lauchzwiebeln und anderes, welches uns sehr willkommen war, denn diese Dinge eignen sich nicht dazu, als robuster Dauervorrat auf Überlandreisen zu dienen. Und nicht immer ist ein Markt oder Dorf in der Nähe, um dieses zu kaufen, so es denn Saison hat, wie Landwirte und Küchenmeister sagen. Und ich habe es mir zum Gesetz gemacht, nicht irgendwelchen armen Landbewohnern ihr mühevoll der Scholle abgerungenes Nahrungsmittel abzuschwatzen, gar mit übertriebener Münze abzukaufen. Denn Geld kann man nicht essen, wenn es nichts zu kaufen gibt. Solcherlei Gedanken und Prinzipien schmälern im Übrigen nicht den Appetit, sondern befördern ihn sogar durch gutes Gewissen, und wenn man sich an dem gütlich halten kann, was ein Brite wie Sir David ein lönsch päcket genannt hätte, so schmeckt es noch einmal so gut. Der Braten war kalt, aber scharf und fettig, das Brot und die Gemüsefrüchte milderten aufs Angenehmste, und als wir anschließend dann bei Kaffee und Tabak saßen, war es dunkel geworden und wir drei recht guter Dinge. Wir sprachen kaum und hingen unseren Gedanken nach – wir hatten mit zwei Herren lange Gespräche geführt, dies war für einen Tag wohl genug. Ich blies den letzten Tabaksrauch gegen den Feuerschein und lehnte mich bequem gegen meinen Sattel. Ich hatte die Kleidung gelockert und wollte gemütlich die Arme verschränken, als mein Finger unabsichtlich in die Westentasche glitt und den Goldreif des Musaddas berührte. Ich zog die Hand zurück – nicht schreckhaft, nicht heftig, sondern gelassen. Ich wollte jetzt nicht über Zauberringe, Al-Kadir und dergleichen Dinge nachsinnen, so gesättigt und ein wenig müde. Es war noch nicht die Zeit, um sich ein Lager für die Nacht zu bereiten, aber durchaus die Gelegenheit, für einen Moment die Augen zu schließen und dem Mahl, dem Kaffee und dem Tabak nachzuschmecken. Von ferne rauschte der Zab, über mir raschelte das Blattwerk der Bäume, im Feuer knackten die Scheite, auch hörte ich die Pferde leise grasen und schnauben. Im Unterholz knisterte es.

Ich fuhr auf. Die Pferde blieben ruhig. Ich erkannte, dass der leise Windhauch aus der dem Laut entgegengesetzten Richtung kam. Halef und Haschim folgten meinem Blick.

Am Rande der Lichtung funkelte etwas im Flammenschein, wie zwei kleine Lichter, dicht über dem Grund, halb verdeckt vom niedrigen Gesträuch.

Mir fuhr es als schneidende Erinnerung durch den Sinn: damals, in der Wüste der Al-Badiya, als Al-Kadir viele Spione in Gestalt tierischer Späher besaß, in Form von Füchsen …

„Es ist ein Hund“, erkannte Halef. Und schon kam vorsichtig der Vierbeiner heran, mit gespitzen Ohren und wedelndem Schweif, dennoch ein wenig geduckt.

„Es ist Mazu“, sagte Haschim. „Nun hat es hier immerhin einen Gallapfel …“

Ich schaute von dem Tier zu den beiden Männern und fragte mich, warum sie all dies rascher erkannt hatten als ich selbst. Auch umgekehrt hatte Mazu mich selbst genau erkannt, blieb vor mir stehen und musterte mich eindringlich.

„Siehst du, Sihdi“, meinte Halef, „ich habe Recht behalten. Das ist nicht einfach irgendein Hund, sondern …“

„Lass gut sein“, gab ich zurück und streckte die Hand aus, um dem Tier über den Scheitel zu fahren, danach aber ein strenges Wort an es zu richten. „Du musst zurück zu deinem Herrn!“ Als ich die Hand fortnahm, um in die Richtung Lizans zu weisen, hob Mazu den Kopf und beleckte meine Finger.

Halef lachte. „Das ist mein kluger Sihdi! Er lässt den Hund den Braten kosten, der ihn an die heimatliche Küche erinnert! Aber er wird ihm nichts von den Resten geben, sondern mit so geschärftem Appetit nach Hause eilen lassen.“

Ich betrachtete die Schnauze des Hundes. „Ich glaube, Mazu hat schon gespeist. An seinen Lefzen klebt Blut.“

„Dann war seine Beute aber nicht allzu schmackhaft, sonst hätte er wohl alles fortgeschleckt.“

„Halef, ich glaube, dich hungert noch etwas, da du stets vom Speisen sprichst.“

„Ich meine ja nur, Sihdi!“

Ich wandte mich dem Hund zu. „Geh!“, sagte ich nachdrücklich und zeigte in das Gebüsch, aus dem er gekommen war. Und tatsächlich wandte Mazu sich um und lief eilig davon, um im Unterholz zu verschwinden.

„Das war ein kurzer, netter Besuch“, befand ich. „Wie gut, dass der junge Gallapfel weiß, wo sein Herr ist. Der soll nicht klagen, dass ihn nach der Tochter auch noch der Hund verlassen hat.“ Ich stand auf. „Und jetzt mag es Zeit zum Schlafen sein.“

Haschim schaute zum Waldrand. Es knackte wie zuvor, jedoch heftiger.

„Das bezweifle ich, Kara Ben Nemsi. Hier ist etwas, das uns wach halten könnte.“

Ich folgte seinem Blick und sah Mazu, wie er erneut über die Lichtung auf uns zukam, doch dieses Mal schleppte er etwas in seinen Kiefern mit sich. Ich sah einen haarigen Balg und einen buschigen Schwanz, und als Mazu seine Beute nahe des Feuers ablegte, erkannte ich, dass es ein toter Fuchs war, mit zerrissener Kehle.

Halef grunzte. „Ein zweifelhaftes Geschenk. Aber was soll man von einem Jagdhund auch anderes erwarten.“

Mir missfiel weniger der blutige Kadaver als die Tatsache, dass er meine Erinnerung von zuvor Gestalt werden ließ. Aber es handelte sich um keinen sandfarbenen Wüstenfuchs, was mich in diesen bewaldeten Bergen doch etwas beunruhigt oder zumindest in zoologischer Hinsicht verwundert hätte. Was dort mit verkrümmten Läufen im Gras lag, war ein Kurdenfuchs, wie er in dieser Gegend heimisch war und sich zwar vom üblichen Rotfuchs in einigen kleinen Details unterschied, aber eben nichts Ungewöhnliches an sich hatte.

Haschim hingegen atmete tief.

„Ich hatte es befürchtet, glaubte aber, es sei nicht möglich.“

„Was meint Ihr?“, fragte ich.

„Dass Al-Kadir auch aus der Geisterwelt heraus in die unsere hineinwirken kann.“

Ich verspürte ein leises Brennen in meinem Magen, und es lag wohl nicht am reichlichen Abendmahl. Ich schloss kurz die Augen, auch um Haschims wissendem und besorgtem Blick nicht zu begegnen. Dann griff ich in die Westentasche und zog den Musaddas hervor. Ich hob ihn nicht an mein Auge, dazu schien mir mein Arm zu schwach. Ich hielt ihn über den Kadaver des Fuchses und sah, wie sich in dem Goldkreis die Farbe des Fells von schmutzigem Rot in ein finsteres Schwarz verwandelte, das wie Erdpech schimmerte. Es war nicht nötig, den Musaddas noch über den Schädel zu schwenken, um als letzte Gewissheit zu erleben, wie sich die toten Augen mit dem gebrochenen Blick von ihrer dunklen Farbe in geisterhaftes Weiß wandeln würden. Dies war ein Schattenfuchs, ein Tha’lab al-Azrak, ein scheußliches Wesen, das Al-Kadir zu Diensten war. Was es gesehen hatte, bevor der treue Mazu es erlegen konnte, würde auch Al-Kadir vor Augen gestanden haben. Wo auch immer er sich gerade aufhalten mochte, er wusste nun, wo wir waren. Und es würde nicht mehr lange dauern, bis sich uns nicht nur ein Späher des Magiers, sondern auch seine Schergen in den Weg stellen würden. Da Al-Kadir nun unseren Lagerplatz kannte und wohl an seine Henkersknechte in der Menschenwelt weitergeben würde, waren wir an diesem Ort in Gefahr und würden ihn besser verlassen. Nun ist es zwar so, dass eine Gefahr, wenn sie denn erst erkannt ist, auch leicht zu bannen sein mag, wie der Volksmund sagt. Doch wie so oft gibt es auch ein gegenteiliges Sagwort, nach dem die Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit ist.

Wir packten also zusammen und brachen auf. Mazu lief währenddessen eifrig zwischen uns herum, sodass Rih sich gezwungen sah, herrisch mit dem Huf zu stampfen. Der Hund hielt sich daraufhin von meinem Rappen fern, jedoch nicht von mir. Als ich schließlich im Sattel saß, brachte dies den jungen Halb-Tazi in Entscheidungsnöte. Ebenso wie mich.

Halef beschaute sich das Bild vom Hund und seinem Wahlherren, der jedoch zauderte.

„Ja, Sihdi, was nun?“, fragte Halef. „Diesen treuen Begleiter wirst du wohl nur los, wenn du ihn mit Steinwürfen forttreibst.“

„Ich würde nie mit Steinen nach einem Hund werfen“, gab ich zurück.

„Dann mit Galläpfeln. Aber hier gibt es ja keine.“

Ich seufzte. „Es wird wohl kaum möglich sein, ihn zu vertreiben. Er würde uns sicher weiter folgen. Also nehmen wir es hin, ebenso wie der Hosta Mazu nun hinnehmen muss, dass sein Hund fortgelaufen ist.“

„Umso mehr wird er sich freuen, wenn wir ihm Hund und Tochter gemeinsam zurückbringen“, befand Halef.

„Nun, das ist nicht …“, begann ich, doch dann sprach Haschim, dessen Blick über Mazu und den toten Schattenfuchs gestreift war.

„Dieser Hund hat uns geholfen“, befand Haschim. „Er kann uns auch weiterhin helfen. Und wenn er Euch ohnehin folgt, können wir ihn bei uns aufnehmen.“

„Da muss ich wohl zustimmen“, sagte ich, wenngleich ich meinte, dass Haschim diese Sache doch allzu nüchtern betrachtete.

„Aber“, fügte Haschim an und lächelte, „ein tapferer Hund sollte einen besseren Namen tragen als Gallapfel.“

„Oh, ich weiß einen Namen“, rief Halef. „Er soll Fuchstod heißen! Auf Kurdisch würde das also …“ Er schaute zu mir herüber und hob den Finger. „Nein, Sihdi, bitte lass mich selbst nach Worten suchen. Fuchs heißt Rovi. Und Tod – ich glaube, Tewaf – oder war es Zewal?“

„Oder Mirin oder Kirbun oder Merg, je nach Bedeutung oder Dialekt“, zählte ich auf. „Aber abgesehen davon, dass wir solche Feinheiten nicht für den Namen eines Hundes abwägen sollten, so dürfte ein solcher Name doch derart lang geraten …“

„… dass der Hund schon weit fort ist, bevor man ihn zurückrufen kann.“ Halef nickte. „Kluger Sihdi. Und überhaupt gebührt ja dir die Aufgabe, den Hund neu zu benennen, denn er läuft ja dir hinterher.“ Halef wackelte mit dem Kopf und schaute den Hund prüfend an. „Vielleicht sollte er Hewar heißen, was Helfer bedeutet …“

„Sangar“, sprach ich knapp, und Sangar schaute zu mir auf und hechelte. „Du warst uns ein Schutz und deshalb sollst du auch diesen Namen tragen.“

„Ein guter Name“, stimmte Haschim zu.

„Ähnlich wie Hewar“, meinte Halef. „Kurz und gut zu rufen. Obwohl …“

„Reiten wir!“, rief ich und wir verließen die Lichtung. Sangar folgte. Der Schattenfuchs lag tot neben dem gelöschten Feuer, aus dem ein letzter Rauchfaden aufstieg.

Der Weg nach Schohrd war nicht mehr weit gewesen. Ich hatte dennoch die Rast auf der Eichenwaldlichtung gewählt, auch wenn wir nach etwas mehr Zeit im Sattel das Dorf erreicht hätten. Ich hatte aber nicht am Abend dort ankommen und uns dem Rais von Schohrd, Nedschir-Bey, als Gäste aufdrängen wollen. Dies hatte weniger mit den Ereignissen in der Vergangenheit zu tun. Mit wem ich einmal Frieden geschlossen habe, der ist mir als Mitmensch so gut wie ein alter Freund, und ich würde unter seinem Dach wohnen, auch wenn ich einst sein Gefangener war. Damals hatte eben Krieg zwischen den Nestorianern und den Berwari-Kurden geherrscht, der Dank Marah Durimehs beendet worden war.

Nein, ich will ehrlich sein: Nach den beiden Besuchen bei den Herren von Lizan stand mir das Bedürfnis nicht mehr nach reicher Bewirtung und schon gar nicht nach bequemer und von Dienern umsorgter Unterkunft. Ich wollte nicht faul und weich werden. Der Krieg zwischen den Bewohnern dieser Berge mochte beigelegt sein, der Kampf zwischen uns und Al-Kadir stand noch bevor. Ich schalt mich selbst, so gemütlich im Eichenwald geschmaust zu haben, und für den Plan zu anschließendem satten Schlummer. Wenn Mazu, nein, Sangar nicht gewesen wäre … ja, was dann? Was wusste ich von der Macht Al-Kadirs aus der Geisterwelt heraus? Auch Haschim schien keine rechte Kenntnis zu haben. Wir mussten also hoffen, Marah Durimeh bald zu finden. Deshalb also Schohrd. Die Schwiegertochter des Rais, die junge Ingdscha, würde uns helfen können.

Wir suchten uns einen anderen Rastplatz, teilten die Wachen ein und nahmen uns abwechselnd den nötigen Schlaf. Die innere Unruhe, die uns der Schattenfuchs und die Erinnerung an die Bedrohung durch Al-Kadir beschert hatten, wurde nur ein wenig vom Wissen über unseren neuen Wachhund und der eigenen, neu geschärften Aufmerksamkeit besänftigt. Noch vor Sonnenaufgang brachen wir das neue Lager ab. Wir ritten den Flusslauf abwärts, bis sich zur Linken ein wildes Bergwasser zeigte, das sich in den Zab ergoss. Diese Stelle kannte ich nur zu gut und werde sie kaum je vergessen. Hier hatte man mich damals als Gefangenen emporgeführt, ohne Rücksicht, dass ich auf dem steilen Weg strauchelte und stürzte. Hernach war es durch wildes Geröll gegangen, durch wirres Dorngestrüpp, bis an eine Schlucht, welche in das Tal von Raola hinabzuführen schien. Unweit davon hatte man mich in eine rohe Steinbehausung geführt und an einen Pfahl gebunden. Meine Wärterin war die alte Madana gewesen, die Vertraute Ingdschas, die mich beide später befreit hatten. Wie gut wäre es, wenn sie mir diesmal wiederum helfen könnten, mich aus jener misslichen Lage zu befreien, die aus der Unwissenheit über Al-Kadir und die Geisterwelt bestand.

Das Dorf Schohrd selbst bot den gleichen erfreulichen Anblick wie zuvor Lizan, was nun schon keine Überraschung mehr war. Die ärmlichen Hütten und Häusertrümmer von früher hatten sich zu ansehnlichen Wohnstätten gewandelt, eben-so wie die Felder ringsum, die nun nicht mehr brache Ödnis, sondern reiche Äcker waren. Auch hier hatte der Friede für Wohlstand gesorgt, obgleich ich bemerkte, dass Schohrd dem zuvor besuchten Lizan doch ein wenig nachstand. Warum, würden wir wohl noch erfahren können.

Die Frage war, von wem. Denn Schohrd war trotz der frühen Stunde, in der sich ein wackeres Dörfchen gemeinhin regt und seine Bewohner den nötigen Arbeiten nachgehen, recht ruhig und wenig bevölkert. Niemand steckte neugierig den Kopf aus einer Fensteröffnung oder lugte um die Mauerecke, als wir die noch immer etwas holprige Dorfstraße entlangritten. Es wäre wohl ein einsamer Ritt geblieben, wenn Sangar nicht eine Katze entdeckt und verbellt hätte, worauf ein hutzeliges Weibchen um die Ecke kam und bös dreinschaute.

„Gute Frau, guten Morgen“, rief ich. „Wo finden wir das Haus des Rais?“

Die Alte blickte mürrisch und deutete dann mit einem gichtigen Finger die ungefähre Richtung.

„Habt Dank“, sagte ich und wir ritten weiter. Sangar folgte uns, mit stolz erhobenen Ohren.

Die Residenz des Rais war einem Stammesoberhaupt in dieser Gegend angemessen. Ich hatte ihn als robusten, schlichten Mann kennengelernt und auch das Gebäude war trutzig, grob gemauert und mit rohen Balken und Brettern versehen. Es war durchaus repräsentativ und wir hätten es auch ohne Wegweisung gefunden und erkannt. Ich musste mir vergegenwärtigen, dass nicht alle wichtigen oder sich als wichtig empfindenden Männer in diesem Bergland solch schillernde Domizile bewohnten wie der Gallapfelhändler von Lizan.

Wir saßen ab und schritten auf den Eingang dieses Ensembles aus steinernen Quadern zu. Niemand kam uns begrüßend entgegen, obwohl man uns doch leicht hatte herannahen sehen können. Sangar witterte nach beiden Seiten, schüttelte dann den Kopf und starrte auf die Tür. Nun roch ich es auch. Ein Odor aus Verbranntem und Verrottetem, fauligem Fisch und Knoblauch und Spülwasser drang aus dem Haus.

Die Erinnerung ist eine seltsame Sache: Bekannte Gesichter und Namen entfallen, während man an manchem Ort glaubt, man sei schon einmal dort gewesen, obgleich dies nachweislich nie der Fall war. Manche glauben wahrhaftig, Dinge erlebt zu haben, die ihnen nie widerfahren sind, und verdrängen andererseits erfolgreich Ereignisse aus Kindheit und Jugend – teils zum Guten, teils zum Schlechten. Andere schwelgen in bildlichster Nostalgie und rufen sich Empfindungen aller Art mit Leichtigkeit ins Gedächtnis zurück. Dies vermag ich ebenso, sonst könnte ich meine Abenteuer und Erlebnisse auf Reisen nicht so getreulich niederschreiben. Aber mir ergeht es kaum anders als allen anderen Menschenkindern: Die Erinnerung an Anblicke, Laute und Geschmäcker mag im Laufe der Zeit zu trügen beginnen, doch Gerüche prägen sich meist so tief und nachhaltig ein, dass ein Wiedererschnuppern sogleich zweifelsfrei die Stunde des ersten Gewahrwerdens heraufbeschwört.

Und so erging es mir jetzt. Noch bevor sich also die Tür auf mein Pochen hin öffnete, wusste ich schon, wer mir da auftun würde: Madana, die alte Nestorianerin, deren Name Petersilie bedeutet, die aber niemals das Aroma jenes erfrischenden Würzkrautes umgeben hatte, sondern eben jenes Miasma, jener Pestdunst, den ich oben schilderte. So war es vor zwei Jahren gewesen und so war es auch heute noch.

Die Tür knarrte schwungvoll nach innen, der Sog schlürfte die reine Luft um mich herum ins Haus hinein, und gemäß der Lehre vom Vakuum und Atmosphärendruck strömte es vom Haus heraus in jene Hohlstelle zurück, denn die Natur verabscheut ja bekanntlich die Leere. Ich wurde also unsichtbar umwölkt von brandig-fauligem Gestank, während mein Auge allzu deutlich vom Morgenlicht erhellt die holde Madana sah. Ich hatte mich bei ihrem Anblick schon vor zwei Jahren ins Sarkastische geflüchtet, und auch jetzt blieb mir nichts anderes übrig. Es war nur allzu gerecht, denn Madana trug ähnliche, wenn nicht sogar genau die gleichen Kleider wie damals, wenn man sie denn Kleider nennen wollte: ein kurzer Rock wie ein Scheuerlappen, unter dem die schmutzigen Knie herausragten, eine Schärpe wie ein Küchenhandtuch, ein verfärbtes Leinenhemd und Fußlappen, die einstmals wohl rot gefärbt waren. Auf dem Kopf trug sie einen Hut mit breiter Krempe, welcher obenauf jedoch offen klaffte und den Scheitel sehen ließ.

Die gleiche Madana wie damals! Wie konnten der Wohlstand und das Ansehnliche des Dorfes so an ihr vorübergegangen sein?

„Was ist?“, grunzte sie heiser und blinzelte ungehalten ins Licht.

„Madana!“, sagte ich. „Ich bin es, Kara Ben Nemsi! Und ich …“

In den kleinen Äuglein der Petersilie leuchtete es wie ein Irrlicht und ihr Mund klappte auf, klappte zu und dann fuhren ihre Hände, die je ein Putztuch umklammerten, zur Hutkrempe hinauf.

„Ach du je!“, rief sie. „Der Herr Kara!“ Sie zupfte am Saum ihres Rockes. „Und ich in dem Aufzug!“

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung, schoss es mir unwillkürlich durch den Kopf, aber gleichzeitig stutzte ich. Bevor ich fragen konnte, sprach Madana weiter.

„Ich habe die alten Kleider angelegt, weil Putztag ist.“ Jetzt hob sie das Kinn und begann mit beiden Putztüchern zu wedeln. „Oder doch eher Putzwoche! Ich muss alles endlich sauber bekommen, jetzt wo Nedschir-Bey mal aus dem Haus ist. Ihr müsst wissen, er ist auf Jagd gezogen, mit seinem Hofstaat, und mir ist es nur recht, da habe ich eine Gelegenheit, alles in Ordnung zu bringen. Er lässt mich sonst ja nicht und haust hier wie ein Junggeselle mit seinen Jagdgenossen! Immer nur jagen, jagen, jagen! Und ich muss putzen, putzen, putzen!“

„Das musst du?“, fragte ich, etwas verblüfft ob ihres Wortschwalls.

„Das will ich! Es ist doch eine Schande, wenn das Dorf so schön geworden ist, nur das Haus des Rais ist ein … Nein, das spreche ich nicht laut aus!“

„Gute Madana, es ist also nie zu spät, sich zu ändern, das ehrt dich!“

Sie schaute mich unverständig an. „Wieso ändern?“

„Nichts, nichts“, sagte ich, denn ich hörte Halef hinter mir unterdrückt lachen. „Aber sag, Madana, ich bin eigentlich nicht wegen Nedschir-Bey hierher gereist, sondern wegen Ingdscha.“

„Ach?“, meinte Madana mit schiefem Blick.

„Ich muss ihr Fragen zu Marah Durimeh stellen.“

„Ach so“, brummte Madana. „Die ist nicht hier.“

„Das weiß ich, deshalb will ich Ingdscha nach ihrem Aufenthalt fragen, denn beide sind doch sehr vertraut, und Ingdscha führte mich schon einmal mit Marah Durimeh zusammen.“

„Natürlich ist Marah Durimeh nicht hier“, raunzte Madana. „Ich meinte Ingdscha, die ist auch nicht hier.“ Sie schüttelte unwirsch den Kopf. „Ihr könntet ja hier warten, aber …“

Ich hob beschwörend die Hände. Nichts würde ich mehr meiden, als dieses Haus zu betreten.

„… aber ich muss putzen, und da stören die Herren nur.“

„Wo ist denn Ingdscha?“

„Auf Jagd mit Nedschir-Bey.“

„Sie hat an der Jagd Geschmack gefunden?“ Das erstaunte mich.

„Eher an den Gepflogenheiten eines Herrschers. Aber Nedschir-Bey hofft, dass sie unter den jungen Prinzen endlich einen Ehemann findet.“

Die Frage war also, wer oder was bei dieser Pirsch nun wirklich gejagt werden sollte.

„Kannst du uns denn sagen, wo Nedschir-Bey dem edlen Weidwerk nachgeht?“

„Was meint ihr damit? Er jagt doch nur …“

„Und wo tut er dies?“

Madana zeigte die Berge hinauf und gab mir ausführlich weitere Hinweise, bezüglich diverser Landmarken, wie Felsen, Bäume, Bäche, Hänge und dergleichen, welche nur dem eingeborenen Ortskundigen etwas sagen würden – oder eben mir. Ich dankte recht schön und wünschte einen guten Putztag.

„Einen?“, krächzte Madana heiser. „Ich habe doch gesagt, dass ich wohl die ganze Woche zu tun habe! Ich werde erst am Sonntag ruhen, so wie der Herrgott selbst!“ Sie bekreuzigte sich, die gute Christenseele. Mir fiel bei ihren Worten ein, dass wohl Montag sein musste. Nun, auf Reisen achte ich nicht so sehr auf den Kalender, ich bin schließlich kein Kaufmann mit Termingeschäften. Doch unsere Taten waren nicht weniger drängend, deshalb verabschiedeten wir uns von der Petersilie und von Schohrd und ritten in die Berge, um die Jagdgesellschaft von Nedschir-Bey zu finden.

Wir passierten die Geröllhalde und das Dornendickicht oberhalb von Schohrd und drangen tiefer ins Gewirr der schroffen Felsen, die grau mit grünen Sprenkeln von allerlei Gräsern und Sträuchern aufragten, und der steilen Hänge, die grün mit grauen Sprenkeln von Steinen und Felsen abfielen. Ab und an gähnten dunkle Höhlenschlünde in den Bergflanken, und die versteckten Wäldchen aus Eichen und Walnuss wirkten finster, selbst die ersten roten Beeren von Hagedorn und Eberesche, die sich im Blätterwerk zeigten, wirkten nicht heiter, sondern schienen mir wie Tropfen von Blut, wie Vorbedeutung.

Als wir an einen mächtigen Felsbuckel kamen, welcher aus der Schulter eines Berghangs wuchs und von wirrem Gestrüpp bekrönt war, erkannten wir, dass sich auch hier eine tiefe Höhlung ins Gestein grub. Und aus dieser drang ein grauenerregender Schrei.

Siebtes Kapitel
Jagdgrauen

Wir waren sogleich alarmiert: Der Schrei war der eines Menschen gewesen, eines Menschen in Todesangst! Und gleich hernach drang aus der Höhle ein gewaltiges Brüllen, das selbst meinen tapferen Rih für einen Herzschlag scheuen ließ. Dann war es still.

Ich wusste wohl, dass die Berge Kurdistans die Heimat von Bären waren, nicht so mächtig, wie der Grizzly in Amerika, doch kaum weniger gefährlich, zumal wenn bei der Jagd in die Enge getrieben und verwundet, oder eben wenn ein solches Tier sein Lager und seine Jungen beschützen wollte.

Auch wusste ich, dass Nedschir-Bey in dieser Gegend seine Jagd abhielt. Zweifellos hatten hier einige eifrige Krieger ihre Beute verfolgt, jedoch nicht die Gefahr bedacht.

Auf dem Grund um die Höhle herum sah ich die Spuren von Bärentatzen und Stiefeln, auch von den Hufen dreier Pferde. Die Pferde waren wohl geflohen, würden sich irgendwo in der Nähe aufhalten, die Menschen jedoch waren in der Höhle, und mit ihnen der wütende Bär. Wir mussten zur Rettung eilen!

Ich schwankte kurz in der Wahl der Waffen. Gewiss besaß ich meinen Bärentöter, doch würde ich diese schwere Doppelflinte erst laden müssen, denn ihr großes Kaliber verlangt nicht nach Patronen, sondern altmodischem Pulver und Blei. Zudem, wie ich schon bemerkte, ist der Schwarzbär kein Grizzly und kann so auch mit den schlichten Kugeln des Henrystutzens erlegt werden, notfalls auch mit mehr als einer, und davon birgt der Stutzen wohl genug. Ich zog also das Gewehr aus dem Sattelfutteral und ließ mich von Rihs Rücken gleiten. Halef hatte ebenfalls seine Büchse zur Hand, als er die Stiefel auf den Grund setzte und sogleich Ausschau hielt, ob das Gebrüll nicht noch einen Bären angelockt hätte – vielleicht ein weiteres Mitglied der Familie, welche in der Höhle hausen mochte.

Sangar witterte ins Dunkel des Felsenlochs und schüttelte den Kopf, ging einige Schritte zurück, mit halb eingekniffenem Schwanz. Nun, er war auch kein Hund, der für die Bärenhatz ausgebildet war, vor allem aber nicht dafür, in Höhlen und Baue einzudringen.

Ich wollte also allein, mit dem nötigen Bedacht in den Felsenschlund dringen, als ich einen Schatten spürte. Eine Wolke zog über die Sonne. Ich wandte mich um und sah Haschim noch immer im Sattel sitzen.

„Geht allein“, sagte der Scheik, der meinen fragenden Blick bemerkt hatte. „Ich muss etwas bereiten.“ Er griff hinter sich in eine seiner Satteltaschen.

Ich zögerte, als mich eine Kühle umfing, die nicht davon herrührte, dass die Sonne verdeckt war. Und ich war verwundert, mich selbst sagen zu hören: „Ist etwas in dieser Höhle?“

„Nur ein Bär und seine erfolglosen Jäger. Und dann Ihr, Kara Ben Nemsi. Aber geht nun!“

Ich wandte mich um und packte den Henrystutzen fester, an meiner Hüfte hing schwer das Bowiemesser. Das Gewicht beider Waffen beruhigte mich, und ich fragte mich, warum ich denn überhaupt besorgt gewesen war. Als ich in den Schatten des Höhleneingangs trat, dessen Felskanten mit Moos bewachsen und von Ranken umwuchert waren, fuhr mir durch den Sinn, dass ich wohl noch allzu beeindruckt war von der Entdeckung des Schattenfuchses. Warum, war mir ein Rätsel. Ich hatte doch allzu gut gewusst, dass Al-Kadir noch Macht besaß. Dass auch andere Macht besaßen. Dass es gefährlichere Gegner gab als menschliche Schurken und wilde Tiere. Doch dass mich dieses Wissen nahezu scheu werden ließ, verursachte mir Unbehagen. Ich durfte doch nicht stets die Geschehnisse und Situationen um mich herum, noch weniger meine eigenen Handlungen, danach abwägen, ob ich irgendetwas Überirdischem begegnen könnte!

Die Kühle des Felseninnern ließ mich noch mehr die Hitze eines unerwarteten Gefühls verspüren. Ich dachte wahrhaftig, dass es Haschim war, der mich so verunsicherte. Seine Gegenwart, seine Präsenz, die stets mit jener von Magie oder doch zumindest dem Wissen darum einherging, schien meine irdischen Instinkte, ja meinen Mut zu mindern. Der Gedanke beschämte mich und ich schob ihn von mir, verbannte ihn weit nach hinten in mein Bewusstsein. Ich atmete tief die modrige Luft ein – und mit diesem Atemzug stachen mir der Gestank des Bären und der Geruch von Blut in die Nase. Früher hätte ich dies bereits beim ersten Schritt in die Höhle bemerkt, nein, gar einige Schritte vor dem Eingang! Dann aber entzog ich mich den Gedanken an das Früher, sondern ließ mich ganz von meinem Jagdtrieb treiben.

Vorsichtig pirschte ich mich den schroffen, hohen Gang entlang. Auf dem Grund lagen alte Blätter, die Erde war teils festgetrampelt, teils aufgewühlt. Im schwachen Licht, das vom Eingang hereinfiel, konnte ich das Schimmern der feuchten Wände erkennen, auch die glattgescheuerten Stellen, an denen hier und da Bärenhaar klebte. Und Blut, glänzend schwarzrot im Halbdunkel.

Ich wollte schon nach meinem Phosphorlämpchen greifen, dachte halb an Halefs Leuchtkugel und dass keine Zeit geblieben war, eine Fackel zu entzünden, als ich bemerkte, dass durch einen schmalen, natürlichen Kamin Tageslicht in den Gang fiel, was es mir ermöglichte, sicher weiterzugehen. Ich sah einen zerbrochenen Schilfspeer auf dem Boden. Die Kurden mochten tapfere Krieger sein, doch ihre Traditionen in der Bärenjagd hatten mich schon vor Jahren verwundert, wenngleich nicht so sehr wie Sir David, der mich damals begleitete. Statt mit Gewehren jagen die Kurden den Bär mit einer Gruppe von Lanzenreitern, die nacheinander angreifen, um dem Tier einen Speer in die Seite zu rammen, und einen weiteren, und einen weiteren, bis das geschwächte Geschöpf an Blutverlust stirbt. Eine Kugel ist da wesentlich rascher und wohl auch besser für Beute und Jäger. Sir David hätte angemerkt, auch für den Pelz des Bären, welcher dann nur von einem einzelnen statt von vielen Löchern verunziert wäre. Ein Kurdenkrieger stellt jedoch den mutigen Kampf über alles. Ein gleichfalls stolzer Spanier würde hier vielleicht den Vergleich mit einer Corrida, einem Stierkampf, ziehen. Mir hingegen ist solcherlei Schauspiel ein rotes Tuch und ich bin auch kein alter, weißbärtiger Mann, der von solchen Mannbarkeitsritualen schwärmen könnte.

Doch was auch immer von Kultur und Tradition herrühren mag – ich fragte mich, wie die Jäger so töricht hatten sein können, den Bären bis in seine Höhle zu verfolgen – dorthin wo Speere schlecht zu handhaben sind und zudem die sichere Höhe des Pferdesattels fehlt, vom zusätzlichen Schwung ganz abgesehen. All dies nur für ein Bärenfell und ein wenig Jagdruhm?

Ich vernahm ein Grunzen und Brummen, auch ein leises Wehklagen, einige Schritte vor mir im Zwielicht. Es musste sich hinter einer Windung des Gangs die eigentliche Höhle befinden. Der Gestank wurde schärfer, auch der Geruch nach Blut, und unter beidem nahm ich eine Bitternis war, die mir widerlich und vertraut zugleich schien. Unwillkürlich – nein, ich muss es gestehen: willkürlich spürte ich dem Gefühl nach, welches der Musaddas in meiner Westentasche mir bereitete, wann immer ich etwas Übernatürlichem begegnete. Auch bedachte ich die ungeliebte Erkenntnis, dass ich selbst es war, der dergleichen erfühlen konnte, seit dem Duell mit Al-Kadir. Doch ich empfand nichts, das Brennen in der Magengegend blieb aus, sah man von der üblichen Anspannung ab, die mit der Kenntnis von Gefahr einhergeht. Haschim hatte wohl Recht: Hier waren nur der Bär, seine Opfer und ich selbst. Doch warum …

Ich kam vorsichtig, geduckt um die Biegung des Felsengangs. Das Gestein weitete sich zu einer breiten Höhle, begrenzt von wulstigen Auswüchsen, die sich wie Geschwüre aus dem Erdreich ballten. Aus der gespaltenen Decke sickerte bleiches Licht an den kantigen Steinplatten entlang und beleuchtete die grausige Szene. Unweit von mir lag ein junger Kurdenkrieger in seinem Blut, das sich im matten Schein unnatürlich grellrot gegen die dunklen Felsen, die braunen Kleider und die totenblasse Haut abhob. Der Schaft des zerbrochenen Speers ragte noch aus der kraftlosen Hand, lag quer über der zerschmetterten Schulter. Eine Blutspur führte zur Mitte der Höhle, wo ein weiterer Jäger mit zerborstener Hirnschale lag, das Gesicht zerfetzt, ebenso die Brust. Vor meinem geistigen Auge flackerte der Anblick des Mübarek, der auf dem Balkan einen ähnlichen Tod gefunden hatte – und auf widernatürliche Weise wiederauferstanden war, bis zu seinem endgültigen Aufgehen in Asche und Staub – wortwörtlich. Doch dies alles würde hier kaum geschehen, denn hier herrschten nicht Zauber oder Magie, sondern nur die gnadenlose Natur.

Und diese stand triumphierend auf ihren vier Pranken, in Gestalt eines mächtigen, schwarzen Bären, dem die Schnauze vor Blut troff. Ich musste bemerken, dass dieses Tier nicht die vergleichsweise geringe Größe eines kurdischen Bergbären besaß, sondern nahezu an jene eines Grizzly, gar eines Kodiak-bären heranreichte. Wie konnte ein solches Tier sich nur durch die vergleichsweise engen Gänge zwängen? Die Wohnstatt selbst war recht geräumig; aber der Weg dorthin? Und erneut: Was hatte die Kurden dazu bewogen, eine solch gewaltige Bestie nur zu dritt anzugehen und in deren Quartier zu verfolgen? Gewiss war das Tier dort in die Enge getrieben, aber eben auch umso gefährlicher – und die Speere eine unzureichende Waffe!

Ich wollte mit dem Henrystutzen anlegen, um den Bären zu töten, als ich zögerte. War da nicht ein Wimmern zu vernehmen gewesen? Und wo war der dritte Jäger, den ich doch vermuten musste? Ich spähte durch die Höhle. Der Bär musste mich gewittert haben, doch er griff nicht an, und so konnte ich mit meinem Schuss noch warten. Ich war weit genug entfernt, dass ich nicht Gefahr lief, plötzlich angesprungen zu werden.

Über das schwere Atmen des Bären hörte ich wieder die Klagelaute, die vom entfernten Teil der Höhle herrührten.

Tatsächlich! Im Halbdunkel einer Nische, auf zweifacher Mannshöhe über dem Grund der Höhle, hing ein junger Kurde, verzweifelt ins Gestein gekrallt. Seine Kleider waren zerfetzt und blutig, er selbst aber schien nur leicht verletzt, sonst hätte er kaum die Kraft besessen, sich am Fels zu halten. Dennoch zitterte er vor Angst und würde wohl jeden Augenblick seinen sicheren Halt verlieren und der Bestie zur Beute werden. Ich konnte ihn nur retten, wenn ich den Bären erschoss. Doch da ich nicht wusste, ob der Kurde mich bemerkt hatte, also die Hoffnung auf Rettung verspürte, musste ich ihn vorwarnen. Nicht, dass er durch meine Schüsse erschrak und sich beim Sturz schwer verletzte.

„Junger Jäger“, rief ich also. „Halte aus! Ich töte den Bären mit meinem Gewehr!“

Ein Laut der Erleichterung brach sich aus der Kehle des Kurden Bahn und wurde sogleich übertönt vom Gebrüll der Bestie. Der Bär schwenkte seinen groben Schädel in meine Richtung und riss die Kiefer auf, entblößte seine gewaltigen Zähne, die in einem Lichtstrahl aufschimmerten, ebenso wie die glitzernden Geiferfäden. Das Tier schüttelte sein Haupt, als sei es unschlüssig, ob es mich angreifen sollte. Ich spannte meinen Körper an, nahm mit dem Henrystutzen mein Ziel auf. Ich würde schießen, sobald der Bär vorstürmte – dann würde er den Kopf auf mich ausgerichtet haben und mir einen Treffer zwischen die Augen oder durch den Rachen direkt in sein Gehirn ermöglichen und ihn somit in einem Wimpernschlag zu Tode bringen.

Doch die Bestie griff nicht an! Sie verharrte an ihrem Standort – und hob sich von allen vieren auf die Hinterbeine. Langsam tat sie dies, in einer schrecklich menschlichen Bewegung. Denn gemeinhin erhebt sich ein Bär ruckartig, mit breit gespreizten Hinterläufen, während die Vorderpranken rudern, um die Balance zu wahren, denn der aufrechte Gang ist nun einmal nicht seine natürliche Fortbewegung.

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