Kitabı oxu: «Meine Reise in die Welt der Gewürze»


Kulturgeschichte:
Medizin und Heilkraft:
Ich würze, also bin ich Warum der Mensch ohne Gewürze nicht sein kann Die einzige Medizin, die schmeckt
Myrrhe besänftigt den Zorn der Götter
Mesopotamiens Liebe zu Koriander und Knoblauch
Pfefferkörner in der Nase des Pharaos
Der Herd ist ein heiliger Ort
Das griechische Volk im Parfümrausch
Schwertlilienzwiebeln – das Viagra der Antike
Hunderttausend Nachtigallenzungen
Die hohe Kunst der Dekadenz im Römischen Reich
Sie kommen mit Gold an und fahren mit Pfeffer ab
Der beste Koch ist der Kalif
Gewürzhändler werden zu Missionaren
Wisse, dass die Kenntnis der Gewürze die Grundlage aller Kochkunst ist
Das Mittelalter nascht vom Paradies
Kümmert Euch um die Kranken und studiert die
Wirkung der Gewürze
Pfeffer, Ingwer, Kümmel und Salbei schmecken dem Gaumen und entzünden die Begierde
Persönliche Begegnungen:
Frühe Hochkulturen
Vor 5000 Jahren schreibt ein Arzt Medizingeschichte
Die Entdeckung der segensreichen Wirkung des Knoblauchs
Antikes Griechenland
Der Mensch hat sein Schicksal selbst in der Hand
Hippokrates ist der Vater der Viersäftelehre
Römisches Reich
Plinius verfasst seine Enzyklopädie »Naturalis historia«
Der Geruch der Minze erfrischt den Geist; ihr Geschmack wirkt appetitanregend
Arabien
Avicenna, die überragende Persönlichkeit der arabischen Medizin, der die Universalheilkraft des Safrans entdeckte
Wie das Mittelalter von der Heilkunst der arabischen Ärzte profitierte
Mittelalter
Nur mit Gewürzen konnte man im Mittelalter dem Tod die Stirn bieten
Die Königin der Klosterheilkunde besteigt ihren Thron: die heilige Hildegard von Bingen
5 Reisereportagen:
Meine Reise nach Damaskus
Die älteste Stadt des Orients, die Wiege der Gewürze und das Geheimnis des besten Milchpuddings
Meine Reise nach Marrakesch
Die beste Gewürzapotheke meiner Reise: Schwarzkümmel vertreibt Kopfschmerzen, Safran alle Sorgen, Sesam öffnet sich
Meine Reise nach Beirut
Der Schlüssel zur Schatzkammer, eine Stadt voller Widersprüche, ein Revoluzzer am Herd und der Moment der Erkenntnis
Meine Reise nach Istanbul
Eine Stadt voller Kraft und Lebensfreude, zwei Kontinente, tausend Geschichten
Meine Reise nach Jerusalem
Ein Moment des Innehaltens: Der Garten Gethsemane berührt einen jeden zutiefst
Klassiker der Küche:
Harissa, Ras-el-Hanout, Berbere & Co.: Die Auswahl an traditionellen Gewürzmischungen, die Alfons Schuhbeck auf seiner Reise entdeckt hat, ist beeindruckend. In diesem Kapitel werden die sechs Mixturen, die seine Küche am meisten beeinflusst haben, in bebilderten Porträts vorgestellt. Inspiriert von diesen Gewürzklassikern, hat Alfons Schuhbeck auch acht neue eigene Gewürzmischungen kreiert, die in diesem Kapitel ebenfalls präsentiert werden. Neben der kulinarischen Bedeutung wird dabei besonders die gesundheitliche Wirkung hervorgehoben.
Großer Rezeptteil:
Von Hummus über Lamm-Tajine bis hin zu Milchpudding mit Rosenwasser: In diesem Kapitel werden 14 kulinarische Klassiker aus der Orientküche ausführlich und mit anschaulichen Step-by-Step-Bildern erklärt.
Großer Rezeptteil:
Was verleiht Reis das besondere Etwas? Wie gare ich Couscous, sodass er noch körnig bleibt? Wie bereite ich schnell einen raffinierten Gewürz-Dip zu? Antworten auf diese Fragen gibt diese kleine Aroma-Kochschule.
Großer Rezeptteil:
Vorspeisen & kleine Gerichte
Von Rote-Bete-Carpaccio mit Orangenblütencreme bis orientalisch gebeizter Rehrücken
Suppen & Eintöpfe
Von geeister Gurken-Minze-Suppe mit Riesengarnelen bis Kaninchen-Bohnen-Eintopf
Fisch & Meeresfrüchte
Von süßsauer mariniertem Saibling bis Garnelen in
orientalischer Gewürzbutter
Fleisch
Von Rinderlende mit Zatarkruste bis rosa gebratene Lammkeule mit Pistazienreis
Geflügel & Wild
Von marokkanischem Zitronenhendl bis
Kaninchenroulade mit Pistazien
Desserts
Von Feige mit Turban bis Reissoufflé mit eingelegtem Steinobst und Orangenblütenwasser
Gebäck & Konfekt
Von Baklava mit Mandelcreme bis Couscouskuchen mit Trauben
Glossar
Personen und Werke
Schlagwortregister
Rezeptregister

Nichts hat mich in meinem Leben als Koch so beeinflusst wie die Gewürze.
Je mehr ich mich mit ihnen beschäftige, je tiefer ich in diese wunderbare Welt eintauche, umso mehr bin ich davon überzeugt: Gewürze sind vielleicht das schönste Geschenk, das uns die Natur macht. Denn sie besitzen zwei großartige Talente, die für jeden Koch unwiderstehlich sind. Zum einen erfreuen sie unseren Gaumen, und zum anderen profitieren wir seit Menschengedenken von ihren heilenden Kräften. Und keines ist weniger wertvoll als das andere.
Mit dieser faszinierenden Reise in den Orient habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt.
In meinem neuen Buch blicke ich so umfassend und weit in die Vergangenheit der Gewürze zurück, wie ich es bisher noch nie getan habe. Ich wollte alles über sie erfahren, alles über sie lernen, all ihre verborgenen Geheimnisse lüften. Und staunend habe ich dabei festgestellt, wie faszinierend die Geschichte der Gewürze ist, wie sehr ihr weltweiter Handel das Zusammenleben der Menschen auch in Europa gelenkt hat, gerade wenn es um Essen, Trinken und Geselligkeit ging, warum Mediziner sie zur Heilung von Krankheiten einsetzten. Erst jetzt verstehe ich, wie zu allen Zeiten die größten Anstrengungen unternommen wurden, um an die hochbegehrten Würzmittel zu gelangen. Die Menschen riskierten ihr Leben und führten gar Kriege – und nur, um Getränke mit Kardamom zu verfeinern, das erlegte Wild mit Kubebenpfeffer zu marinieren, ein Mittel gegen die Pest zu haben. Und glauben Sie mir, liebe Leser: Diese Welt- und Kulturgeschichte der Gewürze besteht aus einer Vielzahl fantastischer Episoden, die Sie genauso verblüffen werden wie mich. Im wahrsten Sinne Tausendundeine-Nacht-Erzählungen aus den Kochtöpfen des Orients.
Besonders interessiert mich seit jeher die gesundheitsfördernde Wirkung der Gewürze. Jahrtausendelang waren Pfeffer, Ingwer oder Kurkuma die einzige Medizin, die den Menschen zur Verfügung stand, um gesund zu werden oder zu bleiben. Gewürze retteten also Leben: Sie wirken immer noch genauso positiv auf unseren Körper wie vor 5000 Jahren im alten Babylon oder bei den Ägyptern. Nur lassen wir es viel zu selten dazu kommen. Deswegen will ich mit diesem Buch auch von den segensreichen Wirkungen der Gewürze erzählen. Uns sollte wieder bewusst sein, dass zerriebener Schwarzkümmel bei Schnupfen die Nasenschleimhäute schnell abschwellen lässt und deswegen wie ein Aspirin der Natur wirkt. Oder dass Zimt krampflösend, Koriander ein Himmelsgeschenk für die Verdauung und Safran sogar eine Art Universalmedikament ist.
Wir sollten wieder lernen, richtig zu würzen, um dank der Heilkraft der Gewürze gesund zu bleiben.
Seit ich mich mit orientalischen Gewürzen beschäftige und je mehr ich über sie erfahre, umso klarer wurde mir: Ich muss dorthin reisen, wo sie seit Jahrhunderten zum täglichen Leben gehören, in Städte, die im Universum der Gewürze eine ganz besondere Rolle spielen: Marrakesch, Damaskus, Beirut, Istanbul und Jerusalem. Alle diese Orte sind schicksalhaft mit der Geschichte der Gewürze verbunden, sie waren wichtige Handelsplätze oder Sehnsuchtsziele der Europäer in ihrem unstillbaren Verlangen nach Pfeffer und Zimt. Sehnsuchtsorte sind sie bis heute geblieben, und so wurden es für mich fünf fantastische, unvergessliche Reisen.
Ich habe großartige Menschen kennengelernt, quirlige Suqs durchquert, an Garküchen auf der Straße und in herrlichen Restaurants gegessen, die mir atemberaubende Speisen angeboten haben, und natürlich bin ich über Basare mit ihren duftenden Gewürzstraßen gezogen, vorbei an bunt leuchtenden Kegeln und Pyramiden mit den Schätzen des Orients. Die Händler nahmen sich ausführlich Zeit, mir alles über die Wirkung ihrer Gewürze zu erzählen, und ich war beeindruckt, welche Wertschätzung und Aufmerksamkeit ihnen in den Ländern rund um das Mittelmeer entgegengebracht wird. Die Menschen dort wissen genau, was sie an Gewürzen wie Knoblauch und Ingwer, Muskatnuss und Kreuzkümmel haben.
Meine Reisen, die mich in die Welt der Gewürze führten, waren auch unglaublich inspirierende Abenteuer für meine Küche. Sie haben mich zu neuen Gewürzmischungen angeregt, die ich eigens für dieses Buch komponiert habe, und zu 150 neuen Rezepten. Ich habe versucht, orientalische Gewürze und Mischungen mit heimischen Produkten zu vermählen.
Ich möchte die Küchen des Orients und die Küchen Europas friedvoll vereinigen.
Dabei war ich selbst immer wieder von den kreativen Möglichkeiten überrascht, die wir bisher ungenutzt gelassen haben: Wenn wir die Gewürze klug mit unseren traditionellen Rezepten kombinieren, sind sie der Schlüssel zu einer grandiosen neuen Geschmackswelt. Es ist das Paradies auf Erden, da sie zugleich unserer Gesundheit helfen.
Dieses Buch ist der erste Band meiner Weltreise zu den Gewürzen. Er erzählt die Geschichte bis zum Ende des Mittelalters – bis zu jenem Moment, als die europäischen Seefahrer auf der Suche nach Pfeffer und Nelken den Weg über die Ozeane nach Indien fanden, Amerika entdeckten und die Welt dadurch radikal veränderten. Der zweite Band wird mich dann auf den Spuren der Abenteurer an noch fernere Orte führen, nach Sansibar und zur Seidenstraße, an die indische Pfefferküste und auf die Gewürzinseln in Indonesien.
Jetzt aber wünsche ich mir, dass ich Sie mit diesem Buch auf eine eigene Reise mitnehmen kann, die Sie ein wenig spüren lässt, was mich unterwegs berührte und bewegte. Und wenn Sie meine Rezepte nachkochen und zum Dessert das berauschende Gefühl bekommen, wie auf einem fliegenden Teppich selbst eine kleine Reise in die wunderbare Welt der orientalischen Gewürze unternommen zu haben, dann werde ich glücklich sein.




ICH WÜRZE, ALSO BIN ICH
Warum der Mensch ohne Gewürze nicht sein kann
Trinke einen Safrantee, und du fühlst dich fröhlich.« So lautet ein persisches Sprichwort, das uns ein fantastisches Versprechen gibt: Gewürze machen glücklich. Wer die Geheimnisse ihres Geschmacks und ihrer Wirkung kennt, führt ein besseres, zufriedeneres, fröhlicheres Leben. Das haben die Menschen schon immer gewusst und deswegen vom Anbeginn der Zeit Gewürze geschätzt, gesucht, gehandelt. Und deswegen ist es nicht tollkühn, sondern legitim, die Geschichte der Menschheit als Geschichte der Gewürze zu erzählen. Ohne sie hätte die Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Ohne sie wäre unsere Welt heute nicht dieselbe. Wie tief die Wurzeln unseres Würzens in die Anfänge aller Zivilisation zurückreichen, zeigt das Beispiel des Kreuzkümmels, eines der ältesten Gewürze der Welt, wenn nicht das älteste überhaupt: Auf Englisch heißt er cumin, auf Spanisch comino – und in der 5000 Jahre alten Sprache Mesopotamiens kamunu.
Vermutlich verwenden die Menschen schon so lange Gewürze, solange sie kochen. Keinen Zweifel gibt es daran, dass seit den frühesten Hochkulturen eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen Zivilisation und Barbarei die Beherrschung der Kochkunst war. Im alten China oder in der Antike war man stolz auf die eigene kulinarische Kultiviertheit, während man jene Völker als roh und unzivilisiert verachtete, die einfach aßen und ihr Essen nicht würzten.
Weihrauch für die Pharaonen, Zimt für die Mesopotamier
Gewürze sind das früheste Beispiel der Globalisierung. Schon in der Antike gab es einen weltumspannenden Gewürzhandel von China, Indonesien und Indien über Persien und Arabien bis nach Europa. Doch am erstaunlichsten ist, dass dieser Handel in der Menschheitsgeschichte niemals zum Erliegen kam. Keine Zeitenwende, keine hundertjährigen Kriege, keine Pestepidemien konnten ihn stoppen. Der Heißhunger der Menschen nach Gewürzen war einfach zu groß.
Betrachtet man die Geschichte der Menschen als Geschichte der Gewürze, erkennt man verblüffende Zusammenhänge: Die geistige und zivilisatorische Blüte des antiken Abendlands etwa von 500 vor bis 400 nach Christus ist identisch mit jener Zeit, als Griechen, Phönizier und Römer den Gewürzhandel rund um das Mittelmeer und weit darüber hinaus dominierten und Gewürze im Überfluss vorhanden waren. Der Niedergang des Abendlands nach dem Kollaps des Römischen Reichs bedeutete in Europa auch den Anbruch einer Epoche, in der exotische Gewürze kaum eine Rolle spielten. In jener Zeit gewann die arabischislamische Welt die Kontrolle über den Gewürzhandel – und genau jetzt, im 7. und 8. Jahrhundert, begannen Aufstieg und Blüte der arabischen Reiche, die so lange dauerten, solange die Araber die Herren der Gewürze waren. Und die Renaissance Europas im späten 15. und 16. Jahrhundert fällt exakt in die Zeit der überseeischen Expansion Spaniens und Portugals, deren wichtigstes Motiv die Suche nach Gewürzen war. Nach den triumphalen Fahrten von Vasco da Gama, Christoph Kolumbus und all den anderen Entdeckern dauerte es nicht lange, bis die Europäer wieder den weltweiten Gewürzhandel beherrschten – und bald die ganze Welt.
Die einzige Medizin, die schmeckt
Die Globalisierung der Gewürze hat derart gründlich funktioniert, dass ihre Ursprünge längst verwischt sind und sie sich auf dem gesamten Planeten ausgebreitet haben. Die Paprika ist für uns heute der Inbegriff von ungarischer Puszta, doch sie stammt aus Amerika. Die Kapuizinerkresse halten wir für ein typisches Kraut aus den Klostergärten, doch in Wahrheit ist sie ein Souvenir der spanischen Konquistadoren aus der Neuen Welt. So vieles wissen wir nicht mehr über die Geschichte und Herkunft der Gewürze und kolportieren stattdessen die immer gleichen Legenden, etwa die Mär, dass die Menschen früher ihr Fleisch übermäßig stark würzten, um den Verwesungsgeschmack zu überdecken – das ist Unfug, denn wer sich teure Gewürze kaufen konnte, konnte sich natürlich auch das frischeste Fleisch leisten.
Dass die Menschen ohne Gewürze nicht leben können, hat aber nicht nur kulinarische, sondern geradezu existenzielle Gründe. Denn jahrtausendelang waren sie die einzige wirksame Medizin. Seit gerade einmal 150 Jahren wissen wir, was Viren und Bakterien sind und wie die Pharmakologie sie bekämpfen kann. All die Zeit davor hatte man keine Ahnung davon, doch man war nicht dumm: Die Menschen wussten, wie Gewürze und Heilkräuter wirken. Sie wussten nur nicht, warum sie es taten. Deswegen wurden Gewürze prinzipiell mit göttlichen oder mystischen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Aus der Unkenntnis zog man genau die richtigen Schlüsse. Und so sind Küche und Medizin, Ernährung und Gesundheit immer Verbündete gewesen, keine Feinde und kein gegenseitiges Korrektiv.
Gewürze sind die einzige Medizin, die schmeckt. Dieses wunderbare Wissen ignorieren wir heute viel zu oft. Stattdessen ernähren wir uns unvernünftig und versuchen dann, uns mit einer Chemikalie in Pillenform gegen Sodbrennen zu behelfen, anstatt unser Essen mit verdauungsförderndem Kreuzkümmel oder Koriander zu würzen. Müssten ein Hippokrates oder eine Hildegard von Bingen das heute mit ansehen, würden sie nur ungläubig den Kopf schütteln. Unsere Ahnen waren in manchem klüger. Wir sollten von ihnen und ihrer Geschichte lernen. Wir sollten lernen, wieder richtig zu würzen.



MYRRHE BESÄNFTIGT DEN ZORN DER GÖTTER
Die Gewürze der ersten Hochkulturen
Kannte der Urmensch »Ötzi« Gewürze? Verwendeten seine Zeitgenossen in der Steinzeit Kräuter, um ihre Nahrung schmackhafter zu machen? Waren also unsere frühesten Vorfahren schon Feinschmecker? Beweise gibt es dafür keine, doch viele Anhaltspunkte sprechen dafür. »Ötzi«, die Gletschermumie aus den Ötztaler Alpen, lebte vor mehr als 5000 Jahren in der Jungsteinzeit. Schon 7000 Jahre zuvor hatten die Menschen begonnen, sich in bäuerlichen Siedlungen niederzulassen. Sie entwickelten eine primitive Gesellschaft, domestizierten Tiere, bauten Getreide an und sammelten Kräuter und Gewürze. Irgendwann müssen sie angefangen haben, sie zu kultivieren. Das weiß man unter anderem deswegen, weil man bestimmte Pflanzen dort gefunden hat, wo sie natürlich nicht vorkommen.
Zu »Ötzis« Zeit gab es in Mitteleuropa Pfahlbausiedlungen, in denen verschiedene Kümmelarten, aber auch Dill und Engelswurz nachgewiesen werden konnten. Kümmel ist damit vermutlich das älteste europäische Gewürz – »Ötzi« könnte es ohne Weiteres gekannt haben. Auch in Kleinasien fanden Archäologen viele Beweise für die Nutzung von Gewürzen in dieser Zeit. In Syrien grub man ein jungsteinzeitliches Keramikgefäß mit den verkohlten Knospen von Kapern aus. Im europäischen Teil der Türkei stieß man auf einen Klumpen verkohlter Gartenkressesamen – er wog ein Kilo, und da Kresse in solchen Mengen in der Natur nicht vorkommt, kann das nur eines bedeuten: Unsere Vorfahren haben Kresse gezielt gesammelt oder sogar schon angebaut. Und den Knoblauch schätzen die Menschen ebenfalls seit ihren ersten Tagen. Sie müssen sehr früh erkannt haben, welche Wunderwirkung diese Pflanze entfaltet – sie ist antiseptisch und antibakteriell und außerdem ein wahrer Jungbrunnen. Heute weiß man, dass Menschen, die regelmäßig sehr viel Knoblauch essen, bis zu fünfzehn Jahre länger leben als die Verächter der aromatischen Zehen. Gegen einen gewaltsamen Tod wie bei »Ötzi« war natürlich auch Knoblauch machtlos.
Mesopotamiens Liebe zu Koriander und Knoblauch
Der Mann aus den Ötztaler Alpen war kein Wilder. Wäre er aber sehr weit nach Südosten gewandert, bis in das Gebiet des heutigen Irak, hätte er sich bestimmt für einen Wilden gehalten. Denn vor 5000 Jahren entwickelte sich an den Strömen Euphrat und Tigris eine Zivilisation, die eine neue Epoche in der Menschheitsgeschichte einläutete: Mesopotamien, das zunächst von den Sumerern, später von den Assyrern und schließlich von den Babyloniern beherrscht wurde. Sie gaben sich eine Religion, organisierten sich als Staatswesen, lebten in Städten statt Höhlen, trieben Handel und schufen mit den Hängenden Gärten der Semiramis eines der sieben antiken Weltwunder – eine kunstvolle, mehrstöckige Gartenanlage, die der Euphrat bewässerte. So wurde Mesopotamien, das man wegen seiner beiden großen Flüsse auch Zweistromland nennt, zur ersten Hochkultur der Geschichte. Und da die Mesopotamier als erstes Kulturvolk überhaupt eine Schrift entwickelten, haben sie die ersten schriftlich fixierten Kochrezepte der Menschheit hinterlassen. Sie stehen auf Keilschrifttafeln aus dem Jahr 1750 vor Christus, umfassen dreißig Gerichte und sind der älteste unzweifelhafte Beweis für die Verwendung von Gewürzen beim Kochen.

Aber schon um 4000 vor Christus sollen an Euphrat und Tigris die ersten Arzneipflanzen kultiviert worden sein. Das berichtet der antike griechische Naturforscher Theophrast. Keilschrifttafeln aus der Zeit um 3000 vor Christus erwähnen Knoblauch als festen Bestandteil der Nahrung und der Volksmedizin. Koriander war ebenfalls weitverbreitet. Er wurde wahrscheinlich zur Veredelung des Geschmacks benutzt, aber auch wegen seiner verdauungsfördernden Wirkung geschätzt. Dafür, dass die Mesopotamier seine magenfreundliche Wirkung kannten, spricht eine simple Tatsache: Koriander wurde oft zusammen mit schwer verdaulichen Hülsenfrüchten und Zwiebeln angebaut. Sesam wiederum mischte man in den Brotteig, um dessen Geschmack zu veredeln. Auf den Keilschrifttafeln aus dem Zweistromland werden noch viele andere Gewürze und Kräuter erwähnt, etwa Kresse, Dill, Fenchel, Majoran, Minze, Senf, Rosmarin, Safran, Thymian, Wacholderbeeren und Weinraute. Außerdem nutzte man Salz, um Fische haltbar zu machen, und würzte das Bier mit Zimt und Kassia, einer Zimtvariante, die wohl aus China kam.

Der ungeheure Hunger Mesopotamiens auf Gewürze konnte nur mit einem gut funktionierenden Fernhandel gestillt werden. Er erstreckte sich über Tausende von Kilometern hinweg, wahrscheinlich bis nach Indien, Arabien und China. Besonders intensiv muss er zwischen dem 20. und 18. Jahrhundert vor Christus gewesen sein. Dafür sprechen die vielen Handelsvorschriften in den Gesetzestexten des großen Herrschers Hammurabi. In ganz Kleinasien gab es mesopotamische Kaufmannsniederlassungen, etwa in der anatolischen Stadt Kayseri, deren Warenlisten unter anderem gefärbte Stoffe, Kleidung und Tiere aufführten – und vor allem Gewürze.
Und es unterwirft sich dir jeder Feind
Es ist verblüffend, wie allgegenwärtig Gewürze in der Kultur und auch im Alltag Mesopotamiens waren. Ihre größten Liebhaber waren die Monarchen höchstpersönlich. So werden im riesigen Palastarchiv von König Zimri-Lim aus dem 18. vorchristlichen Jahrhundert regelmäßige Lieferungen von Koriander, Kreuzkümmel, Schwarzkümmel und anderen Pflanzen für die königliche Küche erwähnt. König Merodach-Baladan wiederum erließ detaillierte Vorschriften für den Anbau von vierundsechzig Kräutern. Und in dem berühmten »Gilgamesch-Epos« aus dem 12. Jahrhundert vor Christus, einem der ersten Werke der Weltliteratur überhaupt, wird immer wieder davon gesprochen, wie gerne und reichlich die Babylonier Gewürze und Düfte verwendeten. So dankt Utnapischti, der Vater der Menschheit, den Göttern für seine Rettung nach der Sintflut, indem er Zedernholz und Myrrhe verbrennt – und es gelingt ihm tatsächlich, den Zorn der Himmelshüter dadurch zu besänftigen.
Gewürze scheinen im Zweistromland auch sonst ein probates Zaubermittel gewesen zu sein. Aus der grandiosen Bibliothek des Assurbanipal in Ninive, der größten Mesopotamiens, ist das Rezept eines assyrischen Magiers überliefert, mit dem die Kraft eines übermächtigen Feindes gebrochen werden kann: Man muss Koriander, Kümmel, Schwarzkümmel und Emmer – eine Weizenart – gründlich zerreiben, in Bier geben und schließlich die Götter um Gnade anflehen. Danach soll man den Namen seines Feindes auf eine Tafel schreiben, eine Kugel aus Ton formen, die Tafel in die Kugel drücken und sie exakt um Mitternacht in einen Fluss werfen. Und dann, so verspricht es der assyrische Zauberer, »wird sich dein Feind dir unterwerfen«.
Das süße Leben im Ägypten der Pharaonen
Das erste richtige Feinschmeckervolk der Geschichte betrat ein paar Jahrhunderte nach den Mesopotamiern die Bühne der Zivilisation: die alten Ägypter. Sie aßen gern und gut und verstanden ungeheuer viel von Gewürzen und tranken Unmengen von Bier und Wein. Die höheren Stände ließen sich dreimal am Tag zum Essen nieder, doch auch die armen Leute mussten nicht darben. Zu ihren Grundnahrungsmitteln gehörten Zwiebeln und Knoblauch, zu den Delikatessen Gazellen und Antilopen. Der antike Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass die Ägypter auch rohe Wachteln und andere kleine Vögel liebten und alle Arten von Fischen, außer denen, die ihnen heilig waren. Ein typisches Rezept aus der Pharaonenzeit, das entschlüsselt werden konnte, empfiehlt für einen Nil-Fisch eine Marinade aus Öl, Zwiebeln, Pfeffer, Koriander und anderen Kräutern, danach soll man ihn braten – ein Rezept, nach dem man heute noch genauso einen Fisch zubereiten könnte. Tatsächlich gibt es in der modernen ägyptischen Küche einige 4000 Jahre alte Gerichte.
Das Ägypten der Pharaonen lebt nicht nur in der Küche weiter. Es ist die erste Hochkultur, die uns mit ihren Pyramiden und Tempeln prachtvolle Zeugnisse ihrer eigenen Größe hinterlassen hat – lauter Bauwerke, mit denen die göttergleichen Herrscher verherrlicht werden sollten und die großartiger waren als alles, was die Menschheit bis dahin errichtet hatte. Man konnte es sich leisten, denn das alte Ägypten war ein gesegnetes Land, in dem man den Hunger kaum kannte und den Überfluss genoss. Der Nil war ein Garant für Fruchtbarkeit, er schenkte den Menschen so viele Aale, Karpfen, Barsche und Tigerfische, wie sie sich wünschten, und an seinen Ufern wuchs im Marschland alles, was man zum Glücklichsein brauchte – es waren nicht zuletzt Gewürze.
Pfefferkörner in der Nase der Mumie
Über die altägyptische Küche wissen wir sehr viel, weil Essen immer auch eine Grabbeigabe war. Die Ägypter glaubten daran, dass man im Jenseits genauso wie im Diesseits weiterlebt, also gaben sie den Toten das mit, was auch die Lebenden gerne hatten. Daneben beschäftigen sich viele Reliefs und Papyri mit dem Thema Essen und Kochen. Die Ägypter, das ist sicher, verwendeten, kultivierten oder importierten Anis, Kassia, Dill, Bockshornklee, Fenchel, Kapern, Kardamom, Koriander, Knoblauch, Kümmel, Ajowakümmel, Kreuzkümmel, Schwarzkümmel, Pfeffer, Minze, Mohn, Safran, Senf, Sellerie, Sesam, Thymian und Wacholder. Und sie benutzten Kräuter und Gewürze nicht nur in der Küche, sondern ebenso für die Einbalsamierung. Zimt, Myrrhe, Anis, Kreuzkümmel und süßer Majoran wurden zum Aromatisieren in die Körper gefüllt, aus denen man zuvor sämtliche Weichteile entfernt hatte. Es ist erstaunlich: Wie schon in Mesopotamien entstand auch die zweite frühe Hochkultur genau dort, wo im großen Stil Gewürze angebaut, gehandelt und benutzt wurden, sei es in der Küche, in der Medizin oder in der Kosmetik – ganz so, als seien Gewürze der beste Humus für Zivilisation.
Ein Lieblingsgewürz der Ägypter war Koriander. Ganze Schiffsladungen sollen aus anderen Mittelmeerregionen importiert worden sein. Er wurde in Bier und Wein gemischt, um diese Getränke berauschender zu machen. Koriander wurde aber auch vernünftiger verwendet, zum Beispiel bei Magenschmerzen oder als Insektizid. Genauso allgegenwärtig im Leben der alten Ägypter war Kreuzkümmel. Es ist kein Zufall, dass man im Grab Tutanchamuns neben vielen Gewürzen eine Flasche Kreuzkümmelöl fand. Wie rege der Gewürzhandel in jenen Zeiten war, beweist ebenfalls die Mumie von Pharao Ramses II. : Sie hatte Pfefferkörner in der Nase, die eindeutig von der Malabarküste im Südwesten Indiens stammten. Der Pfeffer wurde vermutlich auf dem Landweg über Iran und Palästina importiert. Auf derselben Route gelangte auch der hochbegehrte, zum Färben von Speisen verwendete Lapislazuli aus Afghanistan nach Ägypten.
Keine andere Pflanze verehrten die Ägypter so sehr wie den Knoblauch. Er galt ihnen als heilig, weil er das Universum symbolisierte. Das war den Menschen deswegen so wichtig, weil Essen für sie immer eine rituelle Vereinigung mit dem Universum bedeutete. Wenn die Pharaonen den Göttern ihre Treue und Ergebenheit gelobten, schlossen sie selbstverständlich Knoblauch und Zwiebeln in ihren Schwur ein. Die antiseptische Wirkung der Zehen kannte man natürlich ebenfalls, deswegen wurden dünne Knoblauchscheiben bei Schlangenbissen oder Skorpionstichen auf die Wunde gelegt. Sogar vom blutverdünnenden Effekt des Knoblauchs wussten die Ägypter, weswegen sie ihn bei Herzleiden verabreichten – nicht anders als die moderne Naturmedizin auch. Und Weltgeschichte hat der Knoblauch im Reich der Pharaonen außerdem geschrieben: Beim Bau der Cheops-Pyramide gehörte Knoblauch zu den Hauptnahrungsmitteln der Arbeiter – und als er einmal knapp wurde, kam es zum ersten dokumentierten Streik in der Geschichte der Menschheit.

In der Bibel hat der berühmte ägyptische Knoblauch gleichfalls seine Spuren hinterlassen: Im 4. Buch Mose steht geschrieben, dass sich die Israeliten auf ihrem Marsch durch die Wüste nach so vielen Dingen sehnten, die sie am Nil gegessen hatten. Das Wertvollste aber, das sie dort zurücklassen mussten, waren nicht der frische Fisch, nicht die Gurken oder Melonen und nicht der Lauch, sondern die herrlichen Knoblauchzehen. Diese Sehnsucht schlug sich auch im Talmud nieder: Dort heißt es, dass Knoblauch »den Körper beruhigt und beglückt, das Gesicht strahlen lässt, den Samen kräftigt und gegen Magenwürmer wirkt«.
Ein komplettes Menü als Grabbeigabe
Die armen Israeliten in der Wüste hatten allen Grund, sich in das Land ihrer Unterjochung zurückzusehnen. Denn dort wurde geschlemmt, dass es eine Freude war. In einem Grab in Saqqara, nicht weit von Kairo entfernt, hat man das komplette Menü für einen Edelmann in Ton- und Alabastergefäßen gefunden. Dem feinen Herrn, der im 3. Jahrtausend vor Christus lebte, wurden unter anderem gegrillte Wachteln, gekochte Lammlebern, eine geschmorte Taube in der Kasserolle, eine Rippe vom Rind, ein Fischeintopf, ein Brot in dekorativer Dreiecksform, dazu Feigen, Beeren, Käse und reichlich Wein und Bier ins Jenseits mitgegeben. Und dank detaillierter Malereien in anderen Gräbern ist bekannt, dass in besseren Kreisen Bankette überaus beliebt waren. Dabei kamen lauter einzelne Schüsseln und Töpfe auf den Tisch, man sprach Toasts auf Gott Hathor aus, delektierte sich am Spiel von Laute, Harfe und Trommel, applaudierte Akrobaten, ließ sich von Geschichtenerzählern unterhalten und von Tänzerinnen in Stimmung bringen, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet waren. Ob der Spaß dann in einer Orgie endete, wie es später bei den Griechen üblich war, wird diskret verschwiegen. Weniger zurückhaltend sind die Malereien, wenn es um die Maßlosigkeit beim Trinken geht: Man sieht immer wieder Gäste, die sich übergeben und denen ein Diener dezent ein Gefäß unters Kinn hält.

Nicht nur nach solchen Missgeschicken behalfen sich die Ägypter gerne mit Parfüm. Ihr Land war bis weit in die Römerzeit im gesamten Mittelmeerraum berühmt für die Qualität seiner Duftstoffe, die natürlich als Grabbeigaben nicht fehlen durften. So entdeckte man in Tutanchamuns Totenkammer ein unversehrtes Alabastergefäß mit Geruchsölen. Glaubt man dem römischen Naturforscher Plinius, war das ägyptische Parfüm von so erlesener Qualität, dass es nach acht Jahren noch duftete wie am ersten Tag. Fast die gesamte zivilisierte Welt war damals verrückt nach dem Pharaonenparfüm, und das berühmteste war Kyphi, das auch in den Tempeln als Weihrauchmischung, bei der Einbalsamierung der Toten und beim Exorzismus von kranken Menschen verwendet wurde. Ein Papyrus, den man bei der Cheops-Pyramide gefunden hat, gibt Aufschluss über die Zusammensetzung von Kyphi: Es enthielt Myrrhe, Koriander und Wacholder neben vielen anderen Zutaten wie Zimt, Minze und Pistazien.
Kamele voller Gewürze, Häuser voller Gold
Unermesslich war der Bedarf am Harz des Weihrauchbaums, weil er eine zentrale Rolle im Leben und sogar im Tod der Ägypter spielte. Die Hieroglyphen geben Aufschluss darüber, dass schon vor 5500 Jahren süße Kräuter und Weihrauch in den Tempeln verbrannt wurden, um die Götter gnädig zu stimmen und eine gute Ernte zu erbitten. Während der großen Feste entzündete man Weihrauchfeuer in den Straßen, damit auch die einfachen Leute in den Genuss des Wohlgeruchs kamen. Und immer wieder wurden Schiffsexpeditionen in das sagenhafte Land Punt gesandt, die Wiege des Weihrauchs, die möglicherweise im heutigen Somalia stand. Die Fahrt war extrem gefährlich, allein schon wegen der vielen Korallenriffe. Doch Weihrauch und Myrrhe waren so begehrt, dass die Ägypter das Abenteuer ein ums andere Mal wagten. Die erste Expedition soll König Sahure 2450 vor Christus nach Süden geschickt haben. Legendär aber wurde die Flotte, die im Auftrag der Pharaonin Hatschepsut um 1470 vor Christus nach Punt segelte. Ein Relief im Palast von Deir el-Bahari dokumentiert die Reise bis ins Detail: Die Schiffe kehrten mit Weihrauch- und Myrrhebäumen zurück, wahrscheinlich um eine eigene Produktion in Ägypten zu beginnen, dazu mit Zimt, Kosmetika und vielen anderen Pretiosen. Niemals, so sagt es eine Tempelinschrift, niemals sei eine solche Menge an Schätzen für einen König oder eine Königin seit Anbeginn aller Zeit an den Nil gebracht worden.
Der beste Weihrauch soll aber nicht aus Punt, sondern dem »Weihrauchland« gekommen sein, das im heutigen Jemen und Oman lag. Schon vor 4000 Jahren wurde das Räucherwerk nicht nur nach Mesopotamien und Altägypten, sondern auch nach China und Indien exportiert und dort gegen Pfeffer oder Zimt eingetauscht. Bis zu 4000 Kamele sollen die Weihrauchkarawanen gebildet haben. Der griechische Historiker Strabo schrieb im 1. Jahrhundert vor Christus, Weihrauch, Zimt und Myrrhe hätten das Königreich von Saba im Jemen so sagenhaft reich gemacht, dass die Menschen die Türen, Wände und Dächer ihrer Häuser mit Elfenbein und Edelsteinen, Gold und Silber schmückten. Und als König Salomon in Jerusalem Besuch von der Königin von Saba erhielt, wurde die schöne Herrscherin von »Kamelen voller Gewürze und sehr viel Gold und Edelsteinen« begleitet, so steht es im biblischen »Buch der Könige«.
Schauergeschichten von Monstervögeln
Die Gewürzhändler aus dem Morgenland erzählten ihren Kunden mit Vorliebe Schauergeschichten über die Herkunft der begehrten Ware, damit ja niemand womöglich auf den Gedanken kam, sich selbst auf den Weg zu machen. Das funktionierte viele Jahrhunderte lang. Noch der griechische Historiker Herodot ging den Schwindlern allzu gern auf den Leim und berichtete seltsame Geschichten über Monstervögel, die in ihren Nestern Zimtrinde sammeln. Herodot nennt die Rinde Kinamomon: »Die äußersten Länder der Erde besitzen die kostbarsten Dinge; dafür hat Griechenland das bei Weitem gleichmäßigste Klima . . . Noch wunderlicher ist die Art, wie Kinamomon geerntet wird . . . Große Vögel, heißt es, tragen die getrockneten Rindenstücke herbei, die bei uns mit phönizischem Namen Kinamomon heißen. Sie tragen sie in ihre Nester, die aus Lehm gebaut sind und an schroffen Felsen kleben, an denen kein Mensch emporklettern kann. Da haben die Araber sich nun das Folgende ausgedacht. Tote Ochsen, Esel und andere Zugtiere hacken sie in möglichst große Stücke und schleppen sie herbei. In der Nähe der Nester lassen sie sie liegen und gehen dann ziemlich weit fort. Die Vögel tragen die Fleischstücke ins Nest – das aber die Last nicht tragen kann und auf die Erde herabstürzt. Dann kommen die Leute zurück und sammeln das Kinamomon ein.«
Als Herodot im 5. Jahrhundert vor Christus diese Gruselgewürzgeschichten schrieb, hatte das alte Ägypten seinen Zenit längst überschritten. Neue Völker und fortschrittlichere Zivilisationen waren an seine Stelle getreten. Eines aber blieb, wie es immer gewesen war: die Sehnsucht der Menschen nach Gewürzen.


Vor 5000 Jahren schreibt ein unbekannt gebliebener Arzt aus Mesopotamien Medizingeschichte: Er ritzt Gewürzrezepturen in eine Tontafel – und verfasst damit den ältesten erhaltenen Text der menschlichen Heilkunst, der gleichzeitig der älteste eindeutige Beweis für die gezielte Verwendung von Pflanzen bei der Krankheitsbekämpfung ist. Doch das ist nicht der Anfang der Geschichte. Vermutlich benutzt der Mensch, seit er denken kann, Gewürze und andere Heilpflanzen, um gesund zu werden oder gesund zu bleiben. Als er noch in Höhlen hauste und keine Ahnung von Zivilisation hatte, wusste er schon, wie man Kräuter nicht nur in der Küche, sondern auch in der Heilkunde einsetzt. Dafür haben Archäologen 7000 Jahre alte Hinweise gefunden.
In Mesopotamien, der ersten Hochkultur, war gute Gesundheit extrem wichtig. Denn die Menschen glaubten nicht an ein Paradies im Jenseits und legten entsprechend großen Wert auf ein langes Leben im Diesseits. Dank vieler Tontafeln wissen wir, dass die Mesopotamier Pflanzen als Arzneien benutzten, die heute ausschließlich als Lebensmittel betrachtet werden: Trauben, Feigen, Granatäpfel, Knoblauch, Zwiebeln, Bohnen, Gurken, ebenso Gerste, Weizen und Hirse. Bei den Kräutern sind Fenchel, Thymian, Safran und Senf belegt. Selbst die Rose galt als bedeutende Heilpflanze.
Das medizinische Wissen der Mesopotamier war verblüffend. Sie hatten begriffen, dass Lungenentzündungen am besten mit heißen Fenchelumschlägen zu behandeln sind – eine Therapie, die in Europa bis zur Entdeckung der Antibiotika üblich war. Sie kannten die segensreichen Wirkungen des Knoblauchs, der vor Bakterien und Pilzen schützt und außerdem Alterserscheinungen wie Arterienverkalkung und Bluthochdruck bekämpft. Und sie hatten erkannt, dass die verschiedenen Minzen die Verdauung erleichtern und den Gallenfluss fördern.
Im Ägypten der Pharaonen wurde ein paar Jahrhunderte später wohl zum ersten Mal versucht, die Funktionen des Organismus, die Ursachen der Krankheiten und die Wirkungsweise der Heilmittel systematisch zu erklären. Das gesamte Denken Ägyptens war vom Nil geprägt, der Lebensader des Reichs. Deshalb bildete der Strom auch das Vorbild für die Vorstellungen des menschlichen Organismus. Gesundheit wurde als ungestörter Fluss des körpereigenen Stroms verstanden. Wenn die Versorgung durch Nahrung und die Entsorgung des Ballasts ohne Behinderung geschieht, ist der Mensch gesund. Falls nicht, muss man die Hindernisse im Körper beseitigen.

Diese medizinische Theorie ist uns in mehreren Papyri überliefert, allen voran im berühmten »Papyrus Ebers«, der wichtigsten Quelle für die altägyptische Heilkunde überhaupt. Seine Geschichte ist eine richtige Räuberpistole, eine wahre Indiana-Jones-Geschichte: Der Ägyptologe Georg Ebers, ein Altertumsforscher von unbändigem Ehrgeiz, ist 1872 auf der Jagd nach einem sagenhaften Papyrus, hinter dem auch die Engländer und Amerikaner her sind wie der Teufel. Doch der deutsche Professor ist schneller: Wie durch ein Wunder entdeckt er ihn eines Tages in einem Antiquitätengeschäft in Theben. Ebers zieht den Verkäufer über den Tisch und zahlt 350 Pfund für diesen Schatz – immer noch eine ungeheure Summe, die fünf Jahresgehältern des Professors entspricht. Doch andere hätten bestimmt das Zehnfache gezahlt. Heute wird der Papyrus wie ein Kronjuwel in der Leipziger Universitätsbibliothek verwahrt.
Der 3500 Jahre alte »Papyrus Ebers« enthält aberhunderte Rezepte gegen alle erdenklichen Krankheiten von Magen- und Darmerkrankungen über Augenleiden, Schlangenbisse und Asthma bis zu Brandwunden, Geschwüren und Leberschäden. Dass den Ägyptern nichts Menschliches fremd war, zeigen viele Mixturen, die sich mit eher lässlichen Dingen wie der Vermeidung von Haarausfall oder der Straffung der Gesichtshaut beschäftigen. Die Rezepturen wirkten nach der Vorstellung der Ägypter allerdings nur mit dem Wohlwollen der Götter – Medizin und Magie waren in den frühen Hochkulturen untrennbar, weil die Menschen zwar die Heilwirkung der Gewürze kannten, aber nicht den Grund dafür. Also konnten nur die Götter dahinterstecken, die auch für die Krankheiten verantwortlich gemacht wurden. »Wirksam ist der Zauber zusammen mit dem Heilmittel, wirksam ist das Heilmittel zusammen mit dem Zauber«, lautet das Mantra des »Papyrus Ebers«. Gegen einen einfachen Schnupfen zum Beispiel muss man beim Einnehmen der Medizin diese schaurige Beschwörungsformel aufsagen: »Du mögest ausfließen, Schnupfen, Sohn des Schnupfens, der die Knochen zerbricht, der den Schädel zerstört, der im Knochenmark hackt . . . komme heraus, zu Boden, verfaule, verfaule, viermal.«

Mit Aberglaube hatte das alles aber nur zum Teil zu tun. Denn die Ägypter wussten über die medizinische Wirkung der Pflanzen bestens Bescheid. Sie schätzten die Früchte des Johannisbrotbaums, weil sie die Blutfettwerte senken und die Fettverdauung beschleunigen. Wacholder war eines der beliebtesten Heilmittel überhaupt. Man setzte die Beeren unter anderem als harntreibendes Medikament und zur Senkung des Blutzuckerspiegels ein. Kreuzkümmel wiederum wurde verabreicht, um den Speichelfluss, die Gallensaftausscheidung und die Aktivität der Bauchspeicheldrüse zu fördern – lauter Erkenntnisse, die bis heute aktuell sind. So wird gegenwärtig diskutiert, ob man Kreuzkümmel wegen seiner positiven Wirkung auf die Bauchspeicheldrüse und Wacholder wegen seines erstaunlichen Effekts auf den Blutzucker als Präventionsmittel gegen Diabetes einsetzen kann. Doch wir sollten uns noch eine ganz andere Frage stellen: Vielleicht hat die erschreckende Karriere des Altersdiabetes als Volkskrankheit auch damit zu tun, dass wir Gewürzen wie Kreuzkümmel und Wacholder viel zu wenig Aufmerksamkeit in unserer Ernährung schenken.

Ist es wirklich hier geschehen? Bin ich tatsächlich an jenem Ort, an jener Stelle, die mir aus dem Religionsunterricht noch so vertraut ist und mir immer einen kalten Schauer über den Rücken jagte? Ich kann es gar nicht glauben und schaue meine Begleiter fragend an. Doch sie nicken nur und sagen: »Genau hier ist es gewesen.« Hier floh der Apostel Paulus, nachdem er nicht mehr Saulus sein wollte, in einem großen Weidenkorb über die Stadtmauer von Damaskus, um seinen Häschern zu entkommen. Und ganz in der Nähe soll auch der Ort sein, an dem Kain seinen Bruder Abel erschlug.
Ich bin in der ältesten durchgängig besiedelten Stadt der Welt. Das lerne ich mit ehrfürchtigem Staunen von meinen Begleitern. Seit 5000 Jahren leben ununterbrochen Menschen in der syrischen Hauptstadt, und bei der Aufzählung all der Völker, denen das Gebiet des heutigen Syrien Heimat war, wird mir ganz schwindelig: Sumerer, Akkader, Amoriter, Hethiter, Babylonier, Assyrer, Aramäer, Perser, Griechen, Römer, Byzantiner, Omayyaden, Abbasiden, Fatimiden, Ayyubiden, Mamelukken, Osmanen – sie alle haben hier ihre Spuren hinterlassen und Damaskus im Laufe der Jahrtausende zu einer weltoffenen, toleranten Stadt werden lassen. Heute ist sie der Inbegriff des Morgenlands und ein Ort, an dem Christen und Muslime ganz selbstverständlich friedlich zusammenleben.
Die Altstadt kommt mir vor wie die Kulisse für »Tausendundeine Nacht«. Hier schlägt nicht nur, hier pocht das Herz des Orients – Berge von Gewürzen lagern in Karawansereien, Händler feilschen mit Hausfrauen, und Laufburschen rumpeln mit voll beladenen Handkarren über das holprige Pflaster enger Gassen.

Hier stehen Moscheen und Kirchen seit Jahrhunderten Seite an Seite, und hier liegt der große Sultan Saladin begraben, Sinnbild des edlen orientalischen Herrschers, der strahlendste Held des Morgenlands – keinen Steinwurf entfernt von jenem Sarkophag, der den Kopf von Johannes dem Täufer enthalten soll. Und in Damaskus spürt man bis zum heutigen Tag, dass sich in der Stadt zwei uralte Handelsrouten kreuzten: die Seidenstraße von Ost nach West und die Weihrauchstraße von Süd nach Nord. Während auf der Seidenstraße neben Stoffen vor allem Gewürze, Pelze, Keramik, Jade, Bronze und Eisen aus China und Südostasien den Nahen Osten erreichten, kam auf der Weihrauchstraße das begehrte Harz aus dem heutigen Oman über die Arabische Halbinsel und Jordanien nach Gaza und Damaskus.

Auf Seide, Weihrauch und Gewürze stoße ich bei meinem Streifzug durch die Altstadt, die bis heute in verschiedene Suqs aufgeteilt ist, schattige Gassen, in denen jeweils ähnliche Produkte verkauft werden. Auf den Ehrenplätzen direkt an der prächtigen Omayyaden-Moschee, der ältesten Moschee der Stadt, drängen sich die Suqs mit Stoffen, Gold und Gewürzen, weil diese Waren schon immer als besonders wertvoll galten. Hier finde ich die älteste Naturheilmittelapotheke von Damaskus, in der ich von den Gewürzapothekern über die luststeigernde Wirkung von Nelken, Zimt und Ingwer aufgeklärt werde. Und einige Ecken weiter wartet schon der Stoffhändler Hassahn Zahabi auf mich, der mir die wunderbaren floralen Muster der als Damast bekannt gewordenen Damaszener Seidenstoffe erklärt.
Hassahn ist es auch, der mir die Omayyaden-Moschee zeigt. Das ist eine Ehre, denn der kleine Mann mit der großen Brille hat schon Fidel Castro, Tony Blair, François Mitterrand und viele andere Staatsgäste durch das Gotteshaus geführt. Auf Strümpfen stehen wir im riesigen, mit Teppichen ausgelegten Gebetssaal vor dem Schrein mit dem Kopf Johannes' des Täufers, doch statt sakraler Andacht herrscht eine angenehm gedämpfte Ruhe. Ich kann kaum glauben, wie entspannt die Atmosphäre hier ist. Männer und Frauen spazieren durch den Saal, manche beten, einige lehnen sich gegen die Säulen und ruhen sich aus. Wieder andere lesen im Koran oder unterhalten sich leise, zwischendrin springen sogar Kinder herum. Im Vergleich zu den katholischen Kirchen meiner bayerischen Heimat geht es hier beneidenswert locker zu – ein Jammer ist das für uns, denke ich still, während mir Hassahn erzählt, wie er im Jahr 2000 Papst Johannes Paul II. zum Schrein des Johannes' geführt hat. Damals betrat zum ersten Mal in der Geschichte ein Papst eine Moschee. Darauf ist ganz Damaskus bis heute stolz.
Wir verlassen den kühlen Gebetsraum und gehen nach draußen auf den Hof. Der weiße Marmorboden glitzert in der Sonne, Frauen und Männer sitzen zusammen, kleine Jungen scheuchen Tauben auf, und Hassahn fasst die Geschichte dieses Orts für mich zusammen. Sie ist so beeindruckend wie typisch für die Toleranz von Damaskus: Im 2. Jahrtausend vor Christus stand hier ein Tempel zu Ehren des Wettergotts Hadad. Die Römer machten daraus einen Jupitertempel, die Byzantiner eine Basilika.

Als die Muslime im Jahr 636 nach Damaskus kamen, nutzten auch sie den Ort zum Beten. Christen und Muslime sollen damals durch ein und denselben Eingang gegangen sein, die Muslime nach rechts zu ihrer Moschee, die Christen nach links zu ihrer Basilika.
Ein paar Gassen weiter beginnt hinter einem römischen Torbogen das Christenviertel. Es heißt wie das nördliche Altstadttor »Bab Tuma«, »Thomastor«. Statt an Moscheen laufen wir jetzt alle hundert Meter an einer Kirche, einem Marienaltar, einem Kloster vorbei. Die Vielfalt der christlichen Gemeinden ist imponierend: römisch-katholisch, syrisch-katholisch, griechisch-katholisch-melkitisch, armenisch, maronitisch, syrisch-orthodox, griechisch-orthodox, protestantisch – alles ist hier vertreten, aus einem einfachen Grund: In den Jahrhunderten islamischer Herrschaft, so erklärt mir Hassahn, konnten die verschiedenen Konfessionen überdauern, denn die Muslime respektierten sie als religiöse Minderheiten.
Gegenseitiger Respekt scheint bis heute ein Lebensmotto der Menschen in Damaskus zu sein – aller Politik und aller staatlichen Grausamkeiten zum Trotz. Niemand versucht mich übers Ohr zu hauen, niemand will mir Touristennepp aufzwingen. Nirgendwo gibt es aufdringliche Teppichhändler oder lästige Ledertaschenverkäufer. Auch untereinander heißt die Devise der Syrer: »Leben und leben lassen.« Manche Männer tragen Anzug und Hemd, manche bodenlange Gewänder und um den Kopf gewickelte Tücher. Ich sehe Frauen in weiten Mänteln, engen Jeans, schicken Kostümen oder ganz in Schwarz gehüllt. Mir begegnen Händchen haltende Paare und Gruppen lärmender Teenager, die Jungs mit gegelten Haaren, die Mädchen mit oder ohne Kopftuch. Andere junge Männer sitzen in ihren winzigen Geschäften, verkaufen traditionelles Handwerk, duftenden Kaffee oder die neuesten Handymodelle und surfen nebenbei mit ihren Laptops im Internet – für Tradition und Moderne gilt hier ebenfalls das Gebot der friedlichen Koexistenz.

Was mich aber fast noch mehr beeindruckt, ist die Gastfreundschaft der Menschen. Sie kommt immer von Herzen. Überall werden meine vielen Fragen bereitwillig beantwortet. In den Küchen der besten Restaurants lassen mich die Chefköche ohne zu zögern in ihre Töpfe schauen, und in den Gassen der Altstadt ist es nicht anders – zum Beispiel in einem kleinen offenen Eckladen, in dem eine Art Crêpe zubereitet wird. Der Koch wirft einen Fladen mithilfe eines dicken runden Kissens auf eine heiße Eisenplatte und bestreicht ihn dort mit Zatar, einer auf Thymian basierenden Gewürzpaste. Dann lächelt er mich an und drückt mir den zusammengefalteten Fladen in die Hand.

Ein paar Schritte weiter bleibe ich vor einem Berg leuchtend gelber Kichererbsen auf dem Verkaufstresen eines winzigen Imbisses stehen. Man winkt mich herein, und ich schaue zu, wie der Meister dieses kleinen Orts aus weich gekochten Kichererbsen, Brotfetzen, Joghurt und Sesampaste das traditionelle Frühstück Fatteh zaubert, das in Syrien gerne am Freitagvormittag gegessen wird, dem islamischen Feiertag und Beginn des syrischen Wochenendes.

Keine fünf Minuten später sitzen der Imbissmeister und ich zusammen an einem wackligen Tisch und löffeln aus einer Schüssel. Ein Handschlag, ein Schulterklopfen, schon stehe ich wieder auf der schmalen Gasse und schüttle den Kopf angesichts so viel unkomplizierter Herzlichkeit.



Und dann kommt der Höhepunkt der Altstadt, jedenfalls für mich: der Kerne- und Gewürzmarkt Suq al-Busurije. Ich verbringe einen ganzen Nachmittag zwischen Körben voller Pistazien, Mandeln, Kürbiskernen und getrockneten Kichererbsen, zwischen blank polierten Blechdosen voller Gewürzmischungen, die in Rot, Gelb, Orange leuchten. Mitten im Suq hat die Familie Taba'a ihren Laden: acht Quadratmeter voller Gewürze, die in der Obhut des dreiundzwanzigjährigen Mohammed Taba'a liegen. Er hat von seinem Vater und seiner Großmutter alles über Gewürze gelernt, studiert nebenbei Wirtschaft und beantwortet im Lager des Familienbetriebs, einem zugigen Raum in einer Karawanserei um die Ecke, geduldig meine Fragen. Die Kunst des Gewürzhandels besteht in Damaskus darin, gute Mischungen zu kreieren, lerne ich. Die syrische Hausfrau will nicht viele einzelne Gewürze, sondern eine Mischung für Huhn, eine für Fleisch und eine für Fisch kaufen. Jetzt verstehe ich, warum vor Mohammeds Laden so viele Kunden stehen – er hat die besten Gewürzmischungen der Stadt.

Zwei Stunden lang erklärt er mir deren genaue Zusammensetzung, dann packt er mir lauter Kostproben in einzelne Tütchen, beschriftet sie und weigert sich standhaft, Geld dafür zu nehmen. Mir fehlen die Worte.
Die Damaszener Händler sind ein Phänomen. Nicht nur ihre unaufdringliche Art, Geschäfte zu machen, erstaunt mich, sondern noch weit mehr die Tatsache, dass sie mit wenigen Quadratmeter Fläche Großfamilien ernähren. Manche Läden sind nicht mehr als Ausbuchtungen in der Wand mit einem Stuhl und einem Rollladen davor. Andere Händler sind mit dem Verkauf von gerade einmal zwei Produkten reich und berühmt geworden – so wie die Besitzer des legendären und immer proppenvollen Eissalons »Bakdash« im größten Altstadt-Suq, dem Suq al-Hamidiye. Bei »Bakdash« gibt es nichts anderes als Milcheis und Milchpudding, beides mit Rosenwasser abgeschmeckt und mit Pistazien garniert.

Alles, was das Café dafür braucht, sind kleine Löffel und Glasschälchen. Zu trinken gibt es Wasser, das in großen Glaskrügen auf den langen Tischreihen steht. 115 Jahre ist das Familienunternehmen inzwischen alt, und noch immer kommt jeder hierher, vom Präsidenten bis zum einfachen Arbeiter, von der syrischen Großfamilie bis zur deutschen Reisegruppe. Als ich das Milcheis und den Milchpudding probiere, verstehe ich sofort, warum. Und unbedingt will ich das von Generation zu Generation vererbte Geheimrezept der Familie Bakdash entschlüsseln. Von wegen geheim! Der freundliche alte Herr an der Kasse stellt sich als der derzeitige Besitzer vor und lädt mich zu einer Extraportion Pudding ein, um mir das Rezept zu verraten.

Nachdem die Altstadt jahrzehntelang einen Dornröschenschlaf schlief – vergessen von der Welt, vernachlässigt von der Regierung, verschmäht von ihren eigenen Bewohnern –, erlebt sie seit einigen Jahren eine Renaissance. Die Syrer, sagen mir meine Begleiter, finden es wieder schick, abends durch die engen Gassen zu flanieren und in traditionellem Ambiente essen zu gehen. Viele der für Damaskus typischen arabischen Hofhäuser sind inzwischen in Restaurants, Cafés und kleine Hotels umgewandelt worden, in deren Innenhöfen man fantastisch entspannen kann. Die Gäste sitzen unter Orangenbäumen um einen plätschernden Brunnen herum, lassen sich die Spezialitäten der syrischen Küche schmecken und den Blick über kunstvolle Steinmosaiken, blauweiße Kachelornamente und kostbare Intarsienarbeiten aus Holz und Perlmutt gleiten. Im Innenhof des stadtbekannten Restaurants »Al Khawali« trinke ich den besten alkoholfreien Aperitif von Damaskus: Zitronensaft mit Minze, so fein gemixt, dass er kiwigrün schimmert.

Das beste Lokal der Stadt ist das »Naranj«. Es liegt im Herzen der Altstadt, in der Nähe des römischen Torbogens, und bietet Gerichte aus ganz Syrien an, die man sonst nur bei privaten Einladungen kennenlernt. Denn in den meisten Restaurants von Damaskus werden üblicherweise vor allem Vorspeisen, Salate und gebratenes Fleisch in allen Variationen serviert. In dem sonnendurchfluteten, luftigen Saal des »Naranj« hingegen esse ich Bulgur mit Tomatensauce und Joghurt, im Tongefäß geschmorte Lammhaxe, Mansaf, einen cremigen Reis mit gebratenem Fleisch, Kibbe Labaniye, kleine, mit Hackfleisch und Pinienkernen gefüllte Bulgurbällchen in Joghurtsauce, Sayadiye, Fisch mit Zimtreis, sowie Kibbe Nayeh, ein mit Bulgur verfeinertes Tatar. Es ist großartig – nur viel zu viel. Vom Gastraum aus blickt man in die verglaste, bestens ausgestattete Küche, durch die mich Chefkoch Tarraf Tarraf führt. Während er mir erklärt, warum sein Reis beim Warmhalten nicht zusammenfällt und dass in seine Tomatensauce nur Tomaten, Olivenöl und Zwiebeln kommen, stecke ich meine Finger zum Probieren hier und da in eine Schüssel oder einen Topf. Panisch reichen mir seine offensichtlich zu strengster Hygiene erzogenen Mitarbeiter ständig saubere Löffel.

Am Abend zeigt mir dann Siwar Al Bitar, der Chefkoch des edlen, aus zwei umgebauten Altstadthäusern entstandenen Hotels »Beit Zafran«, wie er kocht. Siwar war zuvor Chef-Patissier in einem Luxushotel in Damaskus und ist in der ganzen Stadt für seine Süßspeisen berühmt – doch längst nicht nur das. Auf der Dachterrasse des Hotels präsentiert er die Klassiker der arabischen Küche in westlichem Gewand, mit Hummus gefüllte kleine Tomaten oder Artischockenböden mit einer Gemüsevariation. Den krönenden Abschluss bilden hauchdünne, knusprige gelbbraune Zuckerfäden, die in der arabischen Küche für verschiedene Nachspeisen verwendet werden. Es gibt sie in Form von kleinen, mit Nüssen gefüllten Nestern, als Rollen mit karamellisierten Pistazien oder ganz schlicht auf einem Tablett mit einer schmelzenden Käsefüllung.
Nach dem üppigen Mahl lasse ich mich im Innenhof des »Beit Zafran« in die dunkelroten Samtpolster der Sessel sinken. Der Brunnen plätschert, die Blätter der Bäume rascheln, und die Kupferlaternen mit den vielen kleinen Buntglasscheiben werfen ein melancholisches Licht in den Hof. Auch ich werde bei dem Gedanken, Damaskus bald verlassen zu müssen, ein wenig wehmütig. Ich muss an eine Geschichte denken, die ich über die älteste Stadt der Menschheit gelesen habe: Für die Gewürzhändler mit ihren Karawanen war der Anblick dieses Orts nach vielen Wochen in der Ödnis der Wüste eine Offenbarung. Diese grüne, fruchtbare, hochkultivierte Oasenstadt kam ihnen wie ein Garten Eden vor; deswegen erhielt Damaskus den Beinamen »Jannat al-Ard«, Paradies auf Erden. Und genau deswegen soll sich der Prophet Mohammed im 7. Jahrhundert geweigert haben, Damaskus zu betreten – weil er nur einmal, und zwar im Jenseits, ins Paradies eingehen könne. Ich hingegen habe es vielleicht schon getan. Und ich bereue nichts.
Aufgezeichnet von Kristin Helberg



DER HERD IST EIN HEILIGER ORT
Die Kunst des Kochens und Würzens im antiken Griechenland
Die Götter Griechenlands liebten Gewürze genauso glühend wie die Menschen. Kaum einen Gott gab es, der nicht irgendein Lieblingsgewürz hatte, und kaum ein Gewürz, das nicht einen göttlichen Paten besaß. Lorbeer zum Beispiel war viel mehr als nur ein Gewürz von dieser Welt. Für den Göttervater Zeus waren seine Blätter heilig. Die Siegerkränze bei den Olympischen Spielen wurden aus Lorbeer geflochten. Die Priesterinnen des Orakels von Delphi kauten Lorbeerblätter, um mit den Göttern in Kontakt zu treten. Und die Nymphe Daphne verwandelte sich in einen Lorbeerbaum, um vor dem aufdringlichen Dichtergott Apollon sicher zu sein – deswegen war der Lorbeer für die Griechen auch das Sinnbild der Dichtkunst.
Genauso göttlich war der Granatapfel. Paris übergibt Aphrodite diese Frucht als Zeichen ihres Sieges beim Wettbewerb mit Hera und Athene um den Rang der schönsten aller Frauen. Der schreckliche Totengott Hades wiederum raubt Persephone, die Tochter der Erdgöttin Demeter, die aber mit einer nicht minder schrecklichen Drohung die Rückgabe ihres Kindes erzwingt: mit der Drohung des ewigen Winters. Da Persephone in der Unterwelt aber schon von einem Granatapfel genascht hat, muss sie Jahr für Jahr für eine gewisse Zeit als Gemahlin des Hades in die Unterwelt zurückkehren – so sind nach der griechischen Mythologie die Jahreszeiten entstanden. Eine besonders schaurige Geschichte steckt hinter den Harztropfen der Myrrhe: Sie sollen nichts anderes als die Tränen der Nymphe Myrrha sein, die von den zürnenden Göttern wegen ihres Ungehorsams in einen Baum verwandelt wurde. So hatte jedes Gewürz in Griechenland einen mythologischen Duft.
Die einflussreichste Epoche der Weltgeschichte
Die Wiege des Abendlands stand in Griechenland – und wir alle lagen in dieser Wiege, die mehr als 3000 Jahre alt und immer noch intakt ist. Denn keine andere Epoche der Weltgeschichte war einflussreicher und folgenschwerer als die Antike. All die philosophischen, moralischen, politischen Ideen, die das alte Griechenland entwickelte, bestimmen bis heute unser gesellschaftliches Zusammenleben, unser Verständnis von Recht und Gesetz, unser Streben nach Glück – und auch unseren Umgang mit Gewürzen.
Die Antike begann etwa 1200 vor Christus, als sich die griechischen Stadtstaaten allmählich herausbildeten und den Mittelmeerraum kolonisierten, ohne allerdings ein starkes, homogenes Reich wie später das römische Imperium zu errichten. Ihren geistigen Höhepunkt erreichte sie mit der Blüte Athens im 5. und 4. Jahrhundert vor Christus und dem Wirken der drei berühmtesten Philosophen der Geschichte: Sokrates, Platon und Aristoteles. Niemals zuvor hatte die europäische Zivilisation solche Höhen erreicht wie damals, niemals zuvor hatten die Menschen – sofern sie freie Bürger und keine Sklaven waren – so kultiviert gelebt. Und niemals zuvor hatten sie so gut gekocht, gegessen, gewürzt, wobei Gewürze gleichermaßen in der Mythologie und der Medizin, in der Küche und selbst im Krieg eine zentrale Rolle spielten. Thymian zum Beispiel galt als Symbol des Mutes. Deswegen badeten die Soldaten vor einer Schlacht in Wasser, das mit Thymian aromatisiert war. Nach dem Kampf rieben sie sich dann mit Lorbeerzweigen ab, um sich symbolisch vom vergossenen Blut zu reinigen.
Die Kühnheit der phönizischen Seefahrer
Um den ungeheuren Appetit auf Gewürze stillen zu können, war ein intensiver Handel notwendig. Er lag im 1. Jahrtausend vor Christus zu großen Teilen in den Händen der Phönizier, der begabtesten und kühnsten Seeleute ihrer Zeit. Sie machten Tyros im heutigen Libanon und später Karthago im heutigen Tunesien zu den wichtigsten Umschlagplätzen für Würzmittel, übernahmen in Kleinasien von arabischen Zwischenhändlern Weihrauch, Pfeffer oder Ingwer aus dem Jemen, dem Horn von Afrika, Indien und China, versorgten damit den gesamten Mittelmeerraum und wagten es sogar, die Säulen des Herkules zu passieren – so nannte man in der Antike die Straße von Gibraltar. An der Iberischen Halbinsel entlang segelten sie nach Norden, um Gewürze gegen Zinn aus Britannien oder Bernstein aus der Ostsee einzutauschen.

Die Kaufleute aus den griechischen Stadtstaaten eröffneten sich später ihre eigenen Handelswege über Land, um nicht nur von den Phöniziern abhängig zu sein: Sie kamen den Gewürzkarawanen bis an die Ufer des Roten und Schwarzen Meeres entgegen, weil sie selbst die Gewinnspannen abschöpfen wollten. So entstanden neue Gewürzrouten von der Mündung des Don bis zur Mündung des Nil. Die Knotenpunkte in diesem dichten Netz aus Handelswegen waren Athen, Korinth und Syrakus. Alexander der Große stieß dann im 4. vorchristlichen Jahrhundert in ganz neue Dimensionen vor: Seine triumphalen Feldzüge dehnten das hellenistische Reich bis zum Indus aus – fast bis zu den Anbaugebieten so begehrter Gewürze wie Pfeffer. Alexandria, die prachtvollste Stadt des hellenistischen Griechenlands mit der größten Bibliothek der Antike, wurde jetzt zur Herzkammer eines wahrhaft weltweiten Gewürzhandels. Hier liefen alle Stränge zusammen. Zimt aus China gelangte über die Seidenstraße, über Pamir, Turkmenistan, Persien und Antiochia in die Stadt des größten Feldherrn der Altertums. Pfeffer und Weihrauch, selbst Nelken und Muskatnüsse kamen auf Schiffen von den Molukken im heutigen Indonesien über Malaysia, Indien und Ceylon an die Küste des Roten Meeres, an der sie auf Karawanen umgeladen und nach Alexandria transportiert wurden.
Wann genau die Griechen anfingen, systematisch Gewürze in ihrer Küche zu verwenden, lässt sich nicht bestimmen. Man weiß aber, dass schon sehr früh, in der minoischen Kultur auf Kreta und der mykenischen Kultur auf dem griechischen Festland zwischen 3000 und 1000 vor Christus, Gewürze für die Parfümherstellung verwendet wurden. Auch zum Färben wurden Kräuter und Gewürze seit frühesten Zeiten benutzt. Bei Ausgrabungen in einer Parfümmanufaktur auf Zypern, die wohl um 1850 vor Christus errichtet wurde, fand man Reste von Koriander, Lorbeer, Myrte, Lavendel und Rosmarin. Und ein Fresko auf der Insel Santorin aus dem frühen 2. Jahrtausend vor Christus zeigt Safranpflückerinnen bei der Arbeit. Safran war beliebt als Färbemittel, als Ingredienz von Parfüm und auch als Medizin, etwa bei Augenleiden und Entzündungen der Gebärmutter.

Ein ganzes Volk im Parfümrausch
Heute ist Alkohol die Basis der Parfüms. In der Antike waren es Öle, dadurch waren sie dickflüssiger als unsere Duftstoffe. Der griechische Naturforscher Theophrast beschreibt ausführlich die Herstellung von Parfüm, bei der unter anderem Oliven- und Sesamöl zur Fixierung von Rosenduft benutzt wurde. Rosenparfüm war wahrscheinlich der beliebteste Duft der Antike. Zimt wurde nach dem Vorbild des pharaonischen Ägyptens zu einer weiteren, überaus beliebten Ingredienz für Parfüm, die erst Jahrhunderte später in die Küche Eingang fand. In der klassischen Zeit vom 6. Jahrhundert an wurden Düfte zu einer Art Volksdroge. Die Athener benutzten sie so exzessiv, dass sich der athenische Staatsmann Solon gezwungen sah, seine Mitbürger zur Mäßigung aufzurufen. Viel hat es nicht genutzt. In der Agora von Athen, dem Herz der Stadt, wimmelte es von Parfümläden, in denen Männer so selbstverständlich einkauften wie Frauen. Die Männer liebten es, sich beim Sport mit Olivenöl einzureiben, das zuvor mit Majoran aromatisiert worden war.

Wein, Weib, Gesang – das wilde Treiben auf den Symposien
Eine ganz besondere Rolle spielten Gewürze bei den Symposien, den geselligen Trinkrunden, bei denen Musikstücke gespielt, lyrische Gesänge vorgetragen und sehr viele Becher Wein getrunken wurden. Doch damit war es mit den leiblichen Genüssen noch lange nicht vorbei. In ganz Athen berüchtigt war ein Mann namens Stratokles, genannt »der Ausschweifungsmeister«, der im Ruf stand, jede gewünschte Prostituierte für ein Gelage herbeischaffen zu können. Da ist es kein Wunder, dass sich Philosophen wie Klearchos von Soloi über die Sittenlosigkeit ihrer Landsleute empörten. Diese Saufbrüder unterhielten sich bei Trinkgelagen, so meinte Klearchos entsetzt, nicht nur darüber, welcher Fisch wie am besten zu kochen sei, sondern befragten sich auch gegenseitig ganz offen, »welche Stellung beim Geschlechtsverkehr am angenehmsten ist«. Und da die Klugheit der alten Griechen auch überaus praktische Züge hatte, wussten sie ganz genau, wie man ein Symposion möglichst angenehm gestaltet. Ein gewisser Hikesios von Smyrna empfahl seinen Zechkumpanen, sich den Kopf vor dem Symposion mit einer Salbe aus Bockshornklee und anderen Gewürzen einzureiben, damit man nicht so schnell betrunken wird. Er kannte aber noch mehr Tricks: »Rosenduft passt zu einem Trinkgelage, ebenso Myrrhe und Quitte, Letztere wirkt auf den Magen und ist für Lethargiker angemessen. Mädesüß, das ebenfalls auf den Magen wirkt, hält den Verstand klar. Majoran- und Thymiandüfte passen ebenfalls zu einem Trinkgelage, ebenso Safran.«
Die Liebe der Griechen zu gutem Essen und gutem Wein war spätestens mit dem Beginn der klassischen Zeit um 500 vor Christus voll entbrannt. Das Kochen war ein allgegenwärtiges Thema, leidenschaftlich wurde über alle Fragen der Kulinarik debattiert, pausenlos traf man sich zu Festmahlen, die sehr gerne in Trinkgelagen mündeten. Und die besten Köche der griechischen Stadtstaaten waren hoch angesehene Persönlichkeiten, wobei die Küchenchefs aus dem griechisch besiedelten Sizilien als die Besten der Besten galten. In einem Werk des Komödiendichters Kratinos des Jüngeren gibt es diese hübsche Stelle, die alles sagt: »Spürst du, welch süßen Geruch dieses Land hat und wie ein gar würziger Rauch aufsteigt? In dieser Schlucht muss anscheinend ein Weihrauchverkäufer wohnen – oder ein sizilianischer Koch.«
Schwertlilienzwiebeln – das Viagra der Antike
Die wichtigste Quelle für die Küche und die Esssitten, die Bedeutung des Genusses und die Lust am Exzess, die Wertschätzung von Kräutern und den Gebrauch von Gewürzen in der Antike ist »Das Gastmahl der Gelehrten« des griechischen Grammatikers Athenaios. Es besteht aus fünfzehn voluminösen Büchern mit erfundenen Tischgesprächen kluger Gäste über alle Aspekte des Essens und ist gespickt mit Zitaten aus literarischen und philosophischen Werken. Auch Dutzende von Rezepten und Gerichten werden beschrieben, etwa geräucherte Fischstückchen mit Kapern, Salat mit scharfer Senfsauce oder dünne Fleischscheiben mit Hyazinthen-, Asphodelos- und Schwertlilienzwiebeln – sie galten als das Viagra der Antike.
Gewürze gab es im klassischen Griechenland in Hülle und Fülle, wobei sie – wie schon in Mesopotamien und dem Ägypten der Pharaonen – gleichermaßen in der Küche und der Medizin Verwendung fanden. Zimt wurde aus China importiert und als Königin der Gewürze angesehen. Fenchel war nicht nur eine Art Volksgewürz, sondern auch ein Symbol des Sieges. Knoblauch galt als das Allheilmittel der Armen und wurde als Abführmittel empfohlen. Petersilie war so begehrt, dass man die besten Qualitäten aus Mazedonien herbeischaffte. Denn sie schmeckte nicht nur gut, sondern soll überdies ein ausgezeichneter Kraftspender gewesen sein, der Inbegriff von Stärke: Herkules bekränzte sich gern mit Petersilie statt mit Lorbeer. Mohn, Sesam und Leinsamen wurden schon um 400 vor Christus als Würzmittel dem Brotteig beigemischt. Auch Dill, Kapern, Zwiebeln, Lauch, Koriander, Kreuzkümmel, Ysop, Safran, Salbei und Rauke gehörten selbstverständlich in jede gute Küche, genauso wie die fermentierte Fischsauce Garos, die später bei den Römern als Garum überaus beliebt werden sollte. Weder ihr Geschmack noch ihr Geruch können sehr fein gewesen sein. Denn für sie wurden Sardellen und Makrelen zu einem Teig verknetet, der mit reichlich Salz angesetzt und dann in einem irdenen Krug zwei, drei Monate lang in der sengenden Sonne stehen gelassen wurde – nichts für delikate Nasen.

Grollende Philosophen, schlemmende Bürger
Einige sehr einflussreiche Griechen rümpften indes nicht nur über die Fischsauce Garos die Nase. Platon und Aristoteles, den größten Philosophen des Abendlands, waren die ständige Schlemmerei und Genusssucht ihrer Landsleute ein Dorn im Auge. Die beiden Großdenker mögen Geistesgenies gewesen sein, Gourmets waren sie ganz gewiss nicht. Sie verachteten das gute Essen, weil es ihrer Meinung nach die Menschen am vernünftigen Denken hinderte. Für sie war Völlerei prinzipiell der Feind des Verstands – eine Geisteshaltung, die sich im deutschen Sprichwort vom vollen Bauch, der nicht gerne studiert, niedergeschlagen hat.
Platon befand kategorisch, dass Kochen »keine Kunst« sei, also keine Wissenschaft, sondern bestenfalls eine »Geschicklichkeit«. Er schimpfte über die Maßlosigkeit seiner Mitbürger beim Essen und ihre Sucht nach Delikatessen, über all die »ausländischen Leckereien« und die schädliche »Mannigfaltigkeit von Speisen«. Und ganz besonders grimmig verdammte er die »Gewürze« und »Süßigkeiten«, von denen die Griechen den Hals nicht voll bekommen konnten. Stattdessen pries er die trostlose, lustfeindliche Kost der Spartaner – ausgerechnet der Spartaner, die so streng waren, dass Dicke in ihrem Staat Geldstrafen zahlen mussten; ausgerechnet der Spartaner, über deren Küche dieses berühmte Bonmot eines Griechen aus Süditalien kursierte: »Natürlich sind die Spartaner die tapfersten Männer der Welt. Aber jeder, der nur irgendwie bei Trost ist, würde lieber zehntausend Tode sterben, als sich ein so schlechtes Essen vorsetzen zu lassen.« Noch radikaler war Aristoteles: »Kochen ist ein knechtisches Gewerbe«, befand er, eines freien Mannes nicht würdig, höchstens etwas für Sklaven, die im klassischen Griechenland alle körperlichen Tätigkeiten verrichten mussten – und tatsächlich waren die Köche in der Antike ausnahmslos Sklaven.
Unser Denken wird bis heute von Platon und Aristoteles geprägt, unsere Küche zum Glück nicht. Und zum Glück waren die beiden Philosophen mit ihrer Lobpreisung der spartanischen Schmalkost in der Minderheit. Andere berühmte Denker wie Heraklit vertraten eine ganz andere, nämlich Volkes Meinung: »Der Herd«, sagte der lebenskluge Philosoph, »ist ein heiliger Ort.« Und genau diese Maxime sollten die Römer, die das Erbe der Griechen antraten, mit größter Lust beherzigen.

Die Befreiung des Menschen aus den Klauen der Götter und Dämonen begann vor 2500 Jahren. Damals fingen die Philosophen der griechischen Antike an, die alles entscheidenden Fragen zu stellen: nach dem Ursprung der Welt, nach den Ursachen für das Werden und Vergehen der Dinge und Menschen. Vor allem aber suchten revolutionäre Denker wie Thales von Milet oder Heraklit ihre Antworten nicht mehr in der Magie und Mystik, sondern in der Naturwissenschaft. Das hatte fundamentale Konsequenzen für die Heilkunde: Sie wurde zur wissenschaftlich begründeten Medizin. Die griechischen Ärzte waren die Ersten, die nach den natürlichen Ursachen für Gesundheit und Krankheit forschten. Götterbeschwörungen und Reinigungszeremonien wurden jetzt überflüssig. Denn man hatte begriffen, dass Krankheiten nicht von zürnenden Gottheiten oder Dämonen als Strafe verhängt wurden, sondern auf organischen Ursachen beruhten, die vom Menschen allein beseitigt werden konnten. Der Mensch hatte sein Schicksal also selbst in der Hand. Er war endlich frei.
Ohne Gewürze ist die antike Medizin undenkbar. Denn sie sorgen dafür, dass im Körper Harmonie herrscht. Und genau das, die körperliche Harmonie, ist der Schlüssel zu allem, das Grundkonzept der Heillehre im Altertum. Als Erster formulierte es der Grieche Alkmaion von Kroton. Er lebte etwa von 500 bis 420 vor Christus, ist einer der ersten Ärzte der Weltgeschichte, deren Namen wir kennen, und definierte Gesundheit als Zustand physischer Ausgeglichenheit. Krankheit ist im Umkehrschluss also nichts anderes als eine Unausgeglichenheit. Die entscheidenden Faktoren für Harmonie und Disharmonie sind nach Alkmaion die sogenannten Primärqualitäten, die beiden Gegensatzpaare warm–kalt und feucht–trocken. Sie sollen sich möglichst immer im Gleichgewicht befinden.

Hippokrates, der berühmteste Arzt der Antike, entwickelte die Ideen des Alkmaion weiter. Er lehrte im späten 5. und frühen 4. Jahrhundert auf der Insel Kos, ist der Verfasser des berühmten hippokratischen Ärzteeids und wurde zum Vater der sogenannten Viersäftelehre. Der Mensch hat nach der Definition von Hippokrates und seinen Schülern vier Körpersäfte – Blut, Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle –, die mit vier Elementen und vier Organen korrespondieren. Wenn die vier Säfte im Gleichgewicht sind, ist man gesund. Sind die Körpersäfte nicht mehr ausgewogen, versucht man, sie mithilfe von Medizin, also Gewürzen und Kräutern, wieder zu harmonisieren. Dabei trennten die Griechen – ganz im Gegensatz zu unseren modernen Gesellschaften – Medizin und Ernährung nicht. Das wäre für sie ein absurder Gedanken gewesen. Stattdessen verknüpften sie selbstverständlich beides. Hippokrates sagte es so einfach wie einleuchtend: »Dein Arzneimittel sei dein Lebensmittel, und dein Lebensmittel dein Arzneimittel.«
So weit die Theorie. Ein wichtiger Schritt für die praktische Anwendung fehlte aber noch – und kein Geringerer als Aristoteles vollzog ihn: Er erhob im 4. Jahrhundert vor Christus die Botanik in den Rang einer Wissenschaft und bereitete damit der systematischen Beschäftigung mit der Heilwirkung von Kräutern und Gewürzen den Weg. Sein Schüler Theophrast von Eresos übernahm von ihm die Leitung der legendären Athener Philosophenschule, beschrieb in seinem Hauptwerk »Die Geschichte der Pflanzen« deren heilende Wirkung und wurde damit zum Begründer der Botanik. Das dadurch gewonnene Wissen war unverzichtbar für die gesamte antike Ärzteschaft.
Die Lehre der vier Säfte sollte 2000 Jahre lang die Medizin und das wissenschaftliche Denken in Europa bestimmen. Einen wesentlichen Anteil daran hatte Dioskurides, einer der einflussreichsten Ärzte der Antike. Er verfasste im 1. Jahrhundert nach Christus mit seiner »De materia medica« ein epochales Werk, das für die nächsten anderthalb Jahrtausende das wichtigste Gewürz- und Kräuterbuch des ganzen Abendlands und Vorderen Orients sein sollte. 800 pflanzliche, 100 mineralische und 100 tierische Heilmittel beschrieb der griechische Arzt – und legte mit ihnen den Grundstein für eine systematische Therapie mit Kräutern und Gewürzen.

Dioskurides wusste wahrscheinlich mehr über die heilende Wirkung von Gewürzen und Kräutern als je ein Mensch vor ihm. Dass Bockshornklee bei Diabetes hilft, war ihm bekannt – und neuere Forschungen haben ihn zwei Jahrtausende später bestätigt. Dem Basilikum schreibt er völlig zu Recht reinigende sowie eine blähungs- und harntreibende Kraft zu. Und auch die Geheimnisse des Pfeffers, der in der »Materia medica« ausführlich behandelt wird, blieben ihm nicht verborgen, wobei er genau zwischen langem, weißem und schwarzem Pfeffer unterscheidet. Am besten zum Würzen der Speisen geeignet ist für ihn der schwarze Pfeffer, weil er süßer und schärfer, dem Magen bekömmlicher und viel würziger als der weiße Pfeffer ist. Alle Pfeffersorten haben eine erwärmende, harntreibende Wirkung, regen die Verdauung an und lösen schädliche Säfte auf. Sie fördern den Speichelfluss, die Produktion von Magensaft und die Ausscheidung der Gallenflüssigkeit. Pfeffer wird überdies als probates Mittel gegen Husten und andere Brustleiden gelobt. Tatsächlich ist heute wissenschaftlich belegt, dass er vor Erkrankungen der Atemwege schützt. Schwarzer Pfeffer beeinflusst dank seiner ätherischen Öle außerdem die Entgiftungskapazität der Leber positiv.
Genauso wichtig wie der Pfeffer war für die antiken Ärzte die aus Indien importierte Ingwerwurzel. Dioskurides befindet, dass sie als Ingredienz für fast alle Speisen ganz besonders geeignet sei. Sie habe eine erwärmende Wirkung, fördere die Verdauung und sei insgesamt gut für den Magen. Das alles ist inzwischen ebenfalls bewiesen: Ingwer steigert die Aktivität verschiedener Verdauungsenzyme. Der Scharfstoff Gingerol bekämpft zudem nicht nur Entzündungen und Ödeme, sondern ist auch stark choleretisch, das heißt, er regt besonders die Galle an. Außerdem beeinflusst Ingwer die Blutfettwerte positiv und verhindert den übermäßigen Anstieg unter anderen von Cholesterol und Triacylglycerolen selbst bei ungünstiger Ernährung. In hohen Dosen beugt er Arteriosklerose vor. In Tierversuchen hat sich sogar gezeigt, dass Ingwer vor Krebs schützen kann. Und in klinischen Studien konnte eine Besserung bei rheumatischen Beschwerden nachgewiesen werden.
Dioskurides war aber nicht nur ein großer Arzt, sondern muss ein ebenso großer Feinschmecker gewesen sein. Denn er beschreibt mit großem Enthusiasmus viele Gewürze, die sowohl in der Heilkunde also auch in der Küche verwendet werden können. Die wichtigsten sind für ihn Anis, Bertramwurzel, Koriander, Zimt, Ingwer, Safran, Myrrhe, Pfeffer, Süßholz, Sesam, Kardamom und Schwarzkümmel.
Das Fundament legte Dioskurides, doch das Haus sollte ein anderer bauen: Galen von Pergamon, der bedeutendste Mediziner der Antike neben Hippokrates. Galen lebte im 2. Jahrhundert nach Christus, war Gladiatorenarzt, medizinischer Berater verschiedener Kaiser und Begründer eines völlig neuen Verständnisses von Gesundheit, das die Lehre der vier Körpersäfte weiterentwickelte. Kein Mensch, so seine Kernthese, ist vollkommen gesund, sondern nur mehr oder weniger krank. Der Normalzustand ist also, dass wir immer auf unsere Gesundheit achten und uns um sie kümmern müssen. Es gilt, durch eine Harmonisierung der Körpersäfte im Sinne des Hippokrates einen möglichst guten gesundheitlichen Zustand zu erreichen – »einen Zustand, in dem wir weder Schmerzen leiden noch im Gebrauch der Lebenskräfte behindert sind«. Es geht also um nichts anderes als präventive Medizin. Der Arzt soll nicht erst dann kommen, wenn es zu spät ist, sondern eben dafür sorgen, dass er gar nicht kommen muss.

Und dann macht Galen von Pergamon den alles entscheidenden, alles verändernden Schritt: Er verknüpft in seiner Schrift »Die Kräfte der Nahrungsmittel« die Viersäftelehre des Hippokrates mit den Primärqualitäten des Alkmaion. Galen bildet aus diesen und den Körpersäften, den vier Elementen und den vier wichtigsten Organen Korrespondenzen: warm–feucht/Luft/Blut/Herz; warm–trocken/Feuer/gelbe Galle/Leber; kalt–trocken/Erde/schwarze Galle/Milz; kalt–feucht/Wasser/Schleim/Gehirn. Dadurch erkennt er, welche Krankheiten welche Ursachen haben. Und er kann sie entsprechend mit Gewürzen und Kräutern bekämpfen, denen er ihrerseits Qualitäten wie warm oder feucht zuordnet. Krankheiten mit kalten und feuchten Ursachen können also mit warmen und trockenen Mitteln geheilt werden. Bei Schnupfen zum Beispiel sammelt sich zu viel Schleim im Gehirn, was zu einer Dominanz von kalt–feucht führt. Abhilfe schaffen hier warme und trockene Würzmittel wie Fenchel, Salbei, Thymian, Sellerie und Wermut. Bei Verdauungsstörungen wird die Harmonie des Körpers durch zu viel Kälte im Magen aus dem Gleichgewicht gebracht, also muss man warmen Dill oder Liebstöckel nehmen. Stellenweise lesen sich Galens Anweisungen wie Koch- und nicht wie Arztrezepte: »Trockene« Speisen soll man mit Anis und Fenchel anreichern, damit sie harmonischer und bekömmlicher werden. Und zu Geflügel, Ziege und Ferkel empfiehlt er aus Gründen der medizinischen Prävention Pfeffer, Senf, Ölrauke und die Fischsauce Garum.
Unfassbar aufwendig sind seine Gewürzmischungen. Sie beweisen, dass den Griechen und Römern so gut wie alle zur damaligen Zeit bekannten Gewürze zur Verfügung standen. Galen empfiehlt zum Beispiel ein Gewürzsalz als appetitanregendes Verdauungsmittel – und behauptet ein wenig kühn, es erzeuge einen derart großen Hunger, dass man danach einen ganzen Ochsen verschlingen könne. Das Salz soll bei schlechter Verdauung wegen der Kälte des Unterleibs hilfreich sein und enthält einen ganzen Gewürzbasar: ein Pfund Pfeffer, drei Unzen Petersilie, drei Unzen Katzenminze, drei Unzen getrocknetes Flohkraut, drei Unzen Liebstöckel, eine Unze Baldrian, eine Unze Selleriefrüchte, zwei Unzen Bergkümmel, ein Pfund Salz und zwei Unzen geröstetes zerkleinertes Brot, alles fein zerstoßen und als Streugewürz zu verwenden.

Wissenschaftlich ist diese Salzmischung vollkommen plausibel. Allein die ätherischen Öle von Pfeffer, Petersilie, Minze, Liebstöckel, Baldrian, Selleriefrüchten und Bergkümmel sowie die scharf schmeckenden Säureamide des Pfeffers, die Cumarine der Petersilie sowie der Selleriefrüchte und die Labiatengerbstoffe der Minzen stellen eine stark appetitanregende und verdauungsfördernde Wirkung sicher. Die Sekretion von Speichel, Magensaft und Galle wird nahezu von allen Ingredienzen begünstigt, zudem wird die Kontraktion des Darms stimuliert. Und außerdem sorgen Pfeffer und Salz für einen guten konservierenden Effekt und damit für einen Schutz vor verdorbenen Speisen.
Ein anderes Gewürzheilmittel von Galen enthält sehr viel Safran – insgesamt sechzig Gramm, die heute mehrere Hundert Euro kosten würden. Dazu kommen Röhrenkassie, Balsamholz, Zimt, Indische Narde – ein Baldriangewächs – und Mastix, ein wohlschmeckendes Harz. Als Abführmittel werden zum Schluss noch anderthalb Pfund Aloepulver untergemischt. Hier handelt es sich um ein sehr fein dosiertes, überaus sinnvoll zusammengestelltes Mittel. Die Röhrenkassie hat eine sanft abführende Wirkung, die Rinde des Balsambaums einen konservierenden Effekt, ebenso wie die Indische Narde, die zudem leicht beruhigende Eigenschaften besitzt. Zimt fördert nicht nur die Verdauung, sondern ist auch entzündungshemmend und schmerzlindernd, senkt den Blutzucker- und Blutfettspiegel und wird bei Erkältungskrankheiten eingesetzt. Von entscheidender Bedeutung ist hier jedoch der Safran, der aufgrund seines ätherischen Öls und der Bitterstoffe den Appetit anregt und die Verdauung stimuliert. Doch nicht nur das: In Tierversuchen hat sich gezeigt, dass Safran in sehr hoher Dosierung gegen Tumore wirksam ist. Außerdem können Safranextrakte bei starkem Alkoholgenuss für einen klaren Kopf sorgen.
Galen von Pergamon hat die Medizin revolutioniert. Sein Wort sollte anderthalb Jahrtausende lang Gesetz sein. Die Medizin hat seit seiner Zeit gewaltige Fortschritte gemacht. Der menschliche Körper aber ist gleich geblieben. Und Galen von Pergamon hat noch immer recht.

Wenn es eine Traumstadt des Orients gibt, einen Ort, an dem unsere geheimsten Wünsche vom Morgenland wahr werden, ohne dass wir uns vor Albträumen fürchten müssen, dann kann es nur einer sein: Marrakesch. Nirgendwo sonst kann man sich leichter vom Zauber Arabiens betören lassen, ohne auf europäischen Komfort verzichten zu müssen, als in der alten marokkanischen Königsstadt am Fuß des Hohen Atlas. Ihr Name hat seit tausend Jahren einen magischen Klang, eine sehnsüchtige Schwingung, etwas Verführerisches, Verlockendes, dem auch ich mich nicht entziehen kann. Seit ich weiß, dass ich auf meiner Reise in die Welt der Gewürze nach Marrakesch fahren werde, spukt die Stadt in meinem Kopf herum. Und ich bin bei Weitem nicht der Erste, der ihrem Sirenenruf erliegt. Sie hat schon immer Maler und Schriftsteller, Millionäre und Lebenskünstler in ihren Bann gezogen. Alfred Hitchcock hat hier gedreht, Josephine Baker getanzt, Truman Capote geflirtet. Die Beatles und die Rolling Stones haben in Marrakesch ihr Bewusstsein erweitert, Angelina Jolie und Penélope Cruz die Suqs leer gekauft und hochsensible Mimosenwesen wie der Modeschöpfer Yves Saint-Laurent alte Paläste in luxuriöse Anwesen umgewandelt, um sich im schweren Duft von Marrakesch ihrer Melancholie hinzugeben. Ich aber suche hier ein viel einfacheres, doch genauso berauschendes Glück: Ich suche Gewürze für meine Küche und meine Fantasie.
Mein erster Weg führt mich indes weder in ein Restaurant noch zu einem Gewürzhändler, sondern in eine der vielen Apotheken, für die Marrakesch berühmt ist. Denn die Apotheker sind wahre Meister der Kräuter und Gewürze, die im gesamten arabischen Raum so selbstverständlich in der Küche wie in der Medizin und der Kosmetik eingesetzt werden. Alle kaufen hier ein: Hausfrauen und Köche, Rheumageplagte und Fußlahme, Melancholiker und Menschen beiderlei Geschlechts, die sich weigern, alt zu werden. Mit unseren nüchternen Arzneimittelverabreichungsstätten hat die Apotheke, in der ich jetzt stehe, allerdings nichts zu tun. Der bestimmt vier Meter hohe Hauptraum mit seiner kunstvoll gearbeiteten Holzdecke erinnert fast an eine Kirche, so erhaben wirkt er. Der Boden ist übersät mit Körben voller Wurzeln, getrockneter Blüten und Harzbrocken. Hinter Rundbögen verbergen sich Nebenräume, in denen sich Gläser mit Kräutern, Farbpigmenten und Gewürzen stapeln. Und in Verkaufsständern werden Flakons mit Rosenwasser wie geheimnisvolle Wundermittel dargeboten.

Verständigungsschwierigkeiten gibt es keine. Ahmed Beharat, der die Apotheke in der vierten Generation führt, hat in Aachen studiert. Wenn ich schon einen Gewürzapotheker vor mir habe, will ich auch gleich sein Können testen. Ich sage ihm, dass ich leichte Kopfschmerzen habe, der Wetterwechsel von München nach Marrakesch, die Müdigkeit, man kennt das ja. Sofort füllt Ahmed ein paar schwarze Körner in ein Tuch, dreht es zusammen, reibt damit ein paarmal energisch über seinen Handrücken und hält mir das Ganze unter die Nase. Ich rieche daran, erkenne sofort, dass es Schwarzkümmel ist – und spüre genauso schnell, wie mein Kopf immer klarer wird. Ahmed hat noch eine Menge anderer heilsamer Tricks auf Lager: eine Prise geriebene Granatapfelschale gegen Völlegefühl, eine Mischung aus Arganöl, Arnika und Lavendel zum Einreiben bei Rückenschmerzen – lauter Rezepte, die bis ins 19. Jahrhundert bei uns gang und gäbe waren. Doch dann verschwand das Wissen um die Heilkräfte von Gewürzen. Oder besser gesagt: Wir haben es mutwillig weggeworfen. Zu Ahmed Beharat kommen die Menschen nicht nur, wenn es ihnen schlecht geht, sondern auch, wenn sie es sich gut gehen lassen wollen. Und so gehört es zu den vornehmsten Aufgaben des Apothekers, für Hausfrauen und Hobbyköche Gewürze zu mischen, allen voran das berühmte Ras-el-Hanout, Marokkos Leib-und-Magen-Mischung. Bis zu fünfunddreißig verschiedene Zutaten kann sie enthalten.

Bei Ahmed gehören unter anderem schwarzer Pfeffer, Zimt, Kreuzkümmel, Kurkuma Sternanis, Lavendel, die Blüte des Muskatbaums, Safran, Oregano und Piment dazu. Alle Ingredienzen werden sorgfältig auf einem Teller angeordnet und danach abgefüllt – aber meistens nicht gemahlen. Das machen die Hausfrauen erst zu Hause in einem Messingmörser, damit das Ras-el-Hanout immer frisch ist.
In einer Ecke der Apotheke sehe ich zwei seltsame Mühlen. Das könnten Arganmühlen sein, mit denen dieses kostbare Öl gewonnen wird, das auch ich so gerne benutze. Ich frage Ahmed, und er bestätigt meine Vermutung lächelnd. »Ganz richtig«, sagt er, »die Mühlen sind keine Dekoration, sondern sollen meinen Kunden signalisieren, dass ich Arganöl verkaufe. Wir nennen es ›das marokkanische Gold‹, weil es für uns beste Öl der Welt ist.« Er erklärt mir, dass es ausschließlich in Südmarokko zwischen Essaouira, Agadir und Taroudant gewonnen wird, weil nur dort der Arganbaum wächst. Aus seinen Früchten wird das Öl gepresst. Wie genau das geschieht, ist sehr interessant und nicht ganz so appetitlich: Ziegen sind als einzige Tiere in der Lage, auf die stacheligen Bäume zu klettern. Sie fressen die Früchte und scheiden später deren Kerne aus. Dadurch werden diese mandelartigen Kerne, die zwölfmal härter sind als Haselnüsse, so weich, dass sie von Hand gemahlen werden können – eine mühevolle Arbeit, die den stolzen Preis dieses einzigartigen Öls rechtfertigt. Selbstverständlich nehme ich eine Kostprobe mit und auch noch etwas von dem wundersamen Schwarzkümmel.
Draußen verschlingt mich sofort der Suq. Es ist ein Sog, dem sich nichts und niemand widersetzen kann. Die Altstadt von Marrakesch, die mit ihren 600 Hektar Fläche als die größte Nordafrikas gilt, bombardiert ihre Besucher mit so vielen Eindrücken, dass sich die Sinne erst allmählich darauf einstellen können. Alles schwirrt hier in den engen Gassen durcheinander: feilschende Händler, knatternde Mofas, blökende Schafe; Lastenträger, die sich laut rufend den Weg für ihre Eselskarren bahnen; Zigarettenverkäufer, die pausenlos mit Geldmünzen in der Hand klimpern; Silberschmiede, die ihren jahrhundertealten Rhythmus dengeln; Drechsler, die minutiös Holzstangen verzieren. Und immer wieder öffnet sich die Altstadt zu Marktplätzen wie dem Rahba Lakdima mit seinen Ständen voller duftender Kräuter oder zu Riesenplätzen wie den Djemaa el Fna, dem berühmtesten Platz von Marrakesch mit seinen Couscous-Küchen, Schlangenbeschwörern, Affendompteuren, Geschichtenerzählern, Schalmeienspielern, Bauchtänzerinnen – es ist ein einziger Rausch für Augen, Ohren, Nase.

Ich komme bei einem Metzger vorbei, der mir lauthals ein halbes Lammböcklein anpreist. »Schau her, das Gemächt hängt noch an dem guten Tier, das ist der beste Beweis für seine Qualität.« Ich sehe mit ungläubigem Staunen den Gerbern zu, die in ihrem Viertel wie seit Jahrhunderten mit Händen und bloßen Füßen das Leder in übel riechenden Trögen walken und färben, ein Bild aus einer Zeit, die eigentlich gar nicht mehr existiert. Ich bleibe am Karren eines fahrenden Händlers stehen und probiere eine seiner Teigtafeln mit Sesamhonig – es ist ein »Sesam-öffne-dich« für mich, denn exakt so hat der Orient in meiner Fantasie immer geschmeckt. Und ich wünsche den Hühnern alles Gute, die verängstigt aus ihren Käfigen hervorlugen und erst geschlachtet werden, wenn sich ein Käufer gefunden hat.
Immer wieder stoße ich auf Gewürzgeschäfte, die schon von Weitem an ihren leuchtend gelben und roten Pulverkegeln zu erkennen sind. In einem besonders prachtvollen Laden stehen dicht gedrängt hüfthohe Säcke voller Kreuzkümmel, Rosenknospen, Kardamom, Bockshornklee, schwarzem Pfeffer, weißem Pfeffer, Langpfeffer, Kubebenpfeffer, Malaguettapfeffer. Viele Kunden scheinen mir professionelle Köche zu sein, die mit geübter Hand die Zutaten für ihr ganz persönliches Ras-el-Hanout zusammensuchen. Sie werfen Dutzende verschiedener Gewürze in einen Mörser, kosten, zögern, variieren, experimentieren, sind nach langem Hin und Her schließlich zufrieden und geben den Angestellten das Zeichen, genau diese Mischung en gros für sie zusammenzustellen und in einer museumsreifen Mühle unter viel Getöse zu mahlen.

So inspirierend das Gewimmel der Altstadt auch ist, so dringend braucht man nach einiger Zeit eine Atempause. Und die schönsten Oasen der Stille sind die Riads, die typischen alten arabischen Häuser mit ihren schattigen Innenhöfen. Dutzende, wenn nicht Hunderte dieser Riads sind in den vergangenen Jahren oft von wohlhabenden Ausländern restauriert und in Privathäuser, Hotels oder Restaurants umgewandelt worden. Meine Rettungsinsel ist in diesem Moment das »Riad Kniza«, das in einem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert residiert und den allerschönsten Klischees des Orients entspricht: Säulen und Spitzbögen umrahmen den schönen Innenhof, an jeder Seite versteckt sich ein kleiner Salon mit Diwanen und niedrigen Intarsientischen. Ein Springbrunnen plätschert leise seine immer gleiche Melodie, auf der Wasseroberfläche schwimmen duftende Rosenblätter, und der Lärm von Marrakesch hat sich zu einem fernen Murmeln verflüchtigt. Leise beginnt eine Laute zu spielen, kurz danach ist Händeklatschen zu hören, schließlich Gesang. Und dann kommen die Vorspeisen.
Es gibt pürierte Auberginen, marinierte Zucchini und Okraschoten in Tomatensauce, danach Briouats, kleine, mit Käse oder sonnengetrocknetem Fleisch gefüllte Teigtaschen, B'stilla, eine Pastete mit Tauben, Mandeln und reichlich Zimt. Die Hauptspeise ist die Spezialität der Stadt schlechthin: geschmortes Lamm mit getrockneten Pflaumen, Aprikosen und Mandeln. Zum Abschluss des opulenten Mahls werden Gebäck und Pfefferminztee serviert, der in weitem Schwung eingegossen wird, damit er sich etwas abkühlt und trotzdem frisch bleibt.

Während des Essens hat sich Mohammed Bouskri zu mir gesetzt. Er hat das »Riad Kniza« mit ebenso viel Liebe wie Aufwand in ein Hotel mit Restaurant umgebaut und sich als studierter Historiker außerdem eingehend mit der Entwicklung der marokkanischen Küche befasst. »Am Anfang«, sagt er, »gab es hier nur die Küche der Berber.« Sie kochten mit dem, was die Wüste hergab: Fleisch, Milch, Datteln, etwas Getreide. Mit den Arabern kamen im 8. Jahrhundert die Gewürze ins Land. Und einen wichtigen Einfluss übten die Juden aus, die Ende des 15. Jahrhunderts von der Inquisition aus Spanien vertrieben wurden und nach Marokko flohen. Sie brachten viel Raffinesse in die Küche, vor allem im Umgang mit Teig. Die Pastete B′stilla zum Beispiel hat jüdische Ursprünge.
Ich weiß, dass der Küche Marokkos ein gewaltiger Ruf vorauseilt. »Gelbe Küche« wird sie oft genannt, weil sie viel mit gelb färbenden Gewürzen wie Kreuzkümmel, Kurkuma und Safran arbeitet. Im Gegensatz dazu kocht man in Tunesien eine »rote Küche« – dort mag man es am liebsten scharf –, und im östlichen Mittelmeer eine «weiße«, zu deren Hauptzutaten Joghurt zählt. In kaum einem anderen arabischen Land werden Gewürze so variantenreich eingesetzt wie in Marokko. Und nirgendwo sind die Tajines, die in kegelförmigen Tongefäßen geschmorten Ragouts mit Fleisch, Obst und Nüssen, so raffiniert wie in Marrakesch. Wer hinter das Geheimnis der echten Tajines kommen will, muss allerdings nach Marokko reisen. Denn in dem Land gibt es keine Kochbuchtradition. Die Rezepte werden seit jeher von den Müttern an die Töchter weitergegeben und nicht aufgeschrieben.
Deswegen bin ich am nächsten Morgen auch mit Aziza verabredet, einer Köchin aus Marrakesch, die in ihrer schmalen Küche mit beeindruckender Sorgfalt und Gelassenheit hantiert. Sie zeigt mir, wie man Couscous so zubereitet, dass er locker wie Pulverschnee bleibt: In einer großen Tonschale verteilt sie die Grießkörner, benetzt sie mit Wasser und verreibt sie zwischen den Händen, bis sich alle Körner voneinander lösen. Anschließend fügt sie noch einmal Wasser hinzu, damit der Couscous quellen kann. Erst danach gibt Aziza ihn in den Siebeinsatz der Couscousière, in deren unteren Teil schon Gemüse in einer Brühe köchelt. Zwanzig Minuten lang zieht er im Gemüsedampf, anschließend beginnt die Prozedur von vorne: heißen Grieß in die Schale schütten, mit eingeölten Händen durcharbeiten, zurück in den Siebeinsatz füllen, wieder über den Dampf setzen. Das wird im Abstand von je zwanzig Minuten zweimal wiederholt, bis der Couscous fertig ist.




Zu guter Letzt weiht mich Aziza in das Geheimnis ihres Blätterteigpfannkuchens ein. Wieder kommt die große Tonschale zum Einsatz. Zunächst knetet sie darin die Zutaten für den Hefeteig zusammen, lässt ihn gehen und teilt ihn in fünfzehn Bällchen, die alle einzeln verarbeitet werden. Dann platziert sie einen Wasserkrug in der Schale, um die Teigportionen immer wieder mit Wasser zu benetzen. Erst nach viermaligem Flachdrücken und Falten landet das nun rechteckige Teigstück in der Pfanne. Nur so erhält der Pfannkuchen seine feine, blättrige Konsistenz. Ein Geheimnis der marokkanischen Küche, so viel ist mir jetzt klar, besteht in der aufwendigen und sorgfältigen Zubereitung selbst der schlichtesten Dinge.
In einer ganz anderen Liga, aber nach denselben Grundgedanken wie Aziza kocht Zakia Ait Boulahcen, Chefköchin des Restaurants im eleganten Hotel »Dar Rhizlane« in der Villengegend L'Hivernage. Sie kennt die französisch inspirierte Variante der marokkanischen Küche, wie sie in den besten Restaurants der Stadt serviert wird, buchstäblich von Kindesbeinen an: Ihre Mutter und auch ihre Großmutter waren Köchinnen in Marrakeschs legendärem Hotel »La Mamounia«, das der König von Marokko 1923 seinen Söhnen als Spielplatz für alle erdenklichen Freuden schenkte. Erst jetzt fällt mir auf, dass in Marokko erstaunlich viele Frauen als Profis am Herd stehen. Zakia bestätigt das: »Kochen ist eine traditionell weibliche Aufgabe«, sagt sie, »während Männer nur für die Zubereitungen unter freiem Himmel wie das Grillen und für den Tee zuständig sind.«

Sie ist in ihrer Küche ein Derwisch, vor dem man sich besser in Acht nimmt. Unter ihrem temperamentvollen Kommando werden Hähnchen mit eingelegten Zitronen geschmort, Auberginen mit Mandeln gefüllt, Mairübchen mit Kardamom vermählt und Karotten mit Vanille geadelt. Aus dem Zusammenklang der vielen Gewürze in ihrer heimatlichen Küche löst Zakia also einzelne heraus und kombiniert sie gezielt mit bestimmten Produkten, um europäische Gaumen langsam an die ganze Geschmacksvielfalt Marokkos zu gewöhnen. Und wieder lerne ich etwas: Mir ist klar geworden, welches riesige Potenzial in der Verschmelzung westlicher und maghrebinischer Traditionen liegt – nicht nur für Zakia, sondern auch für mich.

Mit diesem wunderbar inspirierenden Gedanken verlasse ich Marrakesch, doch für einen Abstecher will ich mir unbedingt noch Zeit nehmen: Ich besuche eine Safranplantage, um die Ernte jenes Gewürzes mitzuerleben, das bekanntermaßen alle Sorgen vertreibt. Sie muss in aller Herrgottsfrühe stattfinden, denn nur solange die Blüten des Safrankrokus geschlossen sind, darf er gepflückt werden. Sobald sie sich öffnen, verlieren die wertvollen Staubfäden ihre geschmackliche Intensität. Es ist ein Knochenjob. Frauen kauern mit krummen Buckeln im kalten Morgentau zwischen den Pflanzen, knipsen blitzschnell mit den Fingern die Blüten ab und legen sie in weite Körbe. Sobald eine der zwei mal drei Meter großen Parzellen abgeerntet ist, gehen sie in ein nahe gelegenes Haus, leeren ihre Körbe auf große, niedrige Tische, setzen sich rundherum und lesen aus jeder Blüte die drei rötlichen Safranfäden heraus, einen nach dem anderen, mit unendlicher Geduld wie lauter marokkanische Aschenputtel, denen keine fleißigen Tauben helfen. Das Häufchen, das von dem Blütenberg schließlich übrig bleibt, wiegt keine fünfzig Gramm. Wenn es getrocknet ist, werden es gerade noch fünfzehn Gramm sein – so wahnsinnig viel Mühe für fünfzehn Gramm Safran! Wer das je gesehen hat, weiß, welchen Respekt Gewürze verdienen. Ich bin sehr froh, es zu wissen.
Aufgezeichnet von Claudia Teibler.


HUNDERTTAUSEND NACHTIGALLENZUNGEN
Das Römische Reich und die Lust an der Dekadenz
Das römische Imperium war ein Glücksfall der Geschichte. Fast ein halbes Jahrtausend lang, etwa von Christi Geburt bis zum Untergang Roms im 5. Jahrhundert, herrschten von Galiläa bis Britannien, von der Iberischen Halbinsel bis zum Schwarzen Meer, von der Libyschen Wüste bis zum Limes in Germanien Frieden und Wohlstand, und das Dasein war – zumindest für die freien Bürger – so angenehm wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Die Barbaren wurden zivilisiert, der römische Lebensstandard wurde zum Maß aller Dinge, und die halbe Welt sprach nun Latein. Rom war der Mittelpunkt des Abendlands, eine Millionenstadt, die sogar eine Berufsfeuerwehr besaß und einen Circus Maximus, in dem 250 000 Menschen die Wagenrennen verfolgen konnten. Die Römer bauten überall luxuriöse Badeanstalten, legten ein Abertausende Kilometer langes Straßennetz an, machten ganze Landstriche urbar und verbreiteten den Weinbau in halb Europa. Vor allem aber in der Kunst des Kochens und der Meisterschaft des Würzens erreichte man ein fabelhaftes Raffinement – wieder gingen Zivilisation, Kultiviertheit und Gewürze quasi Hand in Hand durch die Geschichte.
Allerdings waren die Römer am Anfang ihres Aufstiegs eher anspruchslose Esser. Erst die Kriege gegen das hellenistische Griechenland öffneten ihnen im 2. Jahrhundert vor Christus die Augen. Sie kamen in Kontakt mit der griechischen Kochkunst, staunten nicht schlecht und beschlossen, in ihrem Reich eine kulinarische Revolution anzuzetteln: Künftig sollten alle Belange des Kochens höchste Wertschätzung genießen. Die Revolution glückte, die Römer verwandelten sich in leidenschaftliche Gourmets, jeder bessere Haushalt leistete sich einen guten Koch, und die Meister ihres Fachs genossen ungeheures Ansehen. Für talentierte Köche, die immer Sklaven waren, wurden höhere Preise gezahlt als selbst für die besten Verwalter. Und bei den Spitzenkräften gab es kein Halten mehr. Der römische Historiker Sallust bot für den Koch des Cassius Nomentamus unfassbare 100 000 Sesterzen – ein Landarbeiter hätte fast siebzig Jahre lang für diese Summe arbeiten müssen, denn er verdiente nur vier Sesterzen pro Tag.
Der Germane ist wirklich kein Gourmet
Rom nutzte weiterhin die Handelsrouten der Griechen und Phönizier, spannte aber gleichzeitig ein dichtes Netz an Verkehrswegen kreuz und quer durch das Imperium. Dadurch gelangten Gewürze und Kräuter selbst in die entlegensten Winkel des Reichs, die dort bis dahin völlig unbekannt waren. So wurden mediterrane und exotische Gewürze nördlich der Alpen populär. Die Römer lebten in Gallien, Germanien und Britannien in großen Landhäusern, die »Villa rustica« hießen und immer auch einen Kräuter- und Gewürzgarten hatten. Dort wuchsen Wunderpflanzen wie Melisse, Dill, Bohnenkraut oder Borretsch, von denen die Gallier oder Germanen noch nie etwas gehört hatten – und die sie begeistert in ihre Küche aufnahmen. Das zeigt sich daran, dass viele deutsche Bezeichnungen für Kräuter und Gewürze aus dem Lateinischem abgeleitet sind, etwa Pfeffer, Zimt, Fenchel und Minze.
Wie bitter nötig die kulinarische Zivilisierung der germanischen Barbaren durch die Römer war, kann man beim Historiker Tacitus nachlesen. Er schrieb im 1. Jahrhundert mit einer gewissen Verachtung in seiner »Germania«, einer Schrift über Sitten und Gebräuche unserer Vorfahren: »Ihre Nahrung ist schlicht. Ohne Aufwand, ohne Raffinesse vertreiben sie den Hunger.«

Sie kommen mit Gold an und fahren mit Pfeffer ab
Der Handel mit Gewürzen erreichte in der Blütezeit Roms unfassbare Ausmaße und war ein Garant für den Wohlstand des Imperiums. Hundert Millionen Sesterzen sollen die Römer jedes Jahr für Würzmittel ausgegeben haben, nach heutigem Verständnis mehrere Milliarden Euro. Das schreibt kein Fantast, sondern der sehr ehrenwerte Plinius der Ältere, ein weit gereister römischer Offizier und Flottenadmiral, der 79 nach Christus beim Ausbruch des Vesuv in Pompeji starb, weil er dort die Rettung der Menschen organisieren sollte. In seiner »Naturgeschichte« nehmen Gewürze wie Kardamom, Zimt oder Ingwer einen breiten Raum ein, oder auch Kreuzkümmel, den er das »beste aller Gewürze« nennt. Und er berichtet von einem weltumspannenden Handel mit Gewürznelken, die aus Hinterindien über Griechenland nach Rom gelangten. Bei so viel Heißhunger auf Gewürze ist es kein Wunder, dass sie im alten Rom mit großem Eifer gefälscht und gestreckt wurden. Plinius erwähnt den Trick, langen Pfeffer, die teuerste Pfeffersorte von allen, mit ägyptischem Senf oder Wacholderbeeren wundersam zu vermehren. Und echte chinesische Zimtrinde fand sich schnell in Gesellschaft schnöden Lorbeers wieder.
Das mit Abstand beliebteste Gewürz der römischen Küche war der Pfeffer in allen Farben. Man pfefferte sogar seinen Wein und seinen Essig, selbst über Desserts streute man ihn mit Vorliebe und reichlich. So gewaltig waren die Mengen an Pfeffer, die im indischen Hafen Muziris an der Malabarküste für Rom an Bord gingen, dass ein tamilischer Dichter nur über die Heerscharen an Gewürzhändlern staunen konnte: »Sie kommen mit Gold an und fahren mit Pfeffer ab«, schrieb er. Der Pfeffer, der bis zu den Römern in der Menschheitsgeschichte eine Kostbarkeit fast so teuer wie Gold gewesen war, wurde nun zu einem Alltagsgewürz. Vierzig Gramm – das entspricht dem Inhalt eines gängigen Pfefferstreuers – kosteten zwei Sesterzen, also etwa so viel wie der Tagessold eines römischen Soldaten. Im Jahr 92 nach Christus errichtete man in Rom sogar einen Pfefferspeicher, um der Unmengen des Gewürzes Herr zu werden. Aber auch die Provinzen mussten nicht darben. In Trier stieß man auf Pfefferetiketten aus Blei, in der englischen Stadt Hoxne auf einen Pfefferstreuer in Menschenform. Und der Gotenkönig Alarich, der im Jahr 410 Rom plünderte, war vielleicht ein grober Klotz, aber genauso ein lernfähiger Feinschmecker: Er nahm als Beute unter anderem 5000 Pfund Pfeffer mit nach Hause.
Anisgebäck für die Gladiatorenkämpfe
Das Lieblingsgewürz der Barbaren war offenbar der Kreuzkümmel. Der in Rom hoch geachtete griechische Historiker Poseidonios berichtet im 1. Jahrhundert vor Christus, dass die Kelten gebratenen Fisch mit Kreuzkümmel würzen und ihn außerdem »in ihr Getränk werfen«, also ihr Bier damit aromatisieren. Weitaus beliebter als heute muss Anis gewesen sein. Plinius schreibt, dass Anis »für die Köche und die Ärzte« wachse. Der Dichter Vergil lobte überschwenglich die römischen Aniskekse. Und bei Ausgrabungen im Kolosseum hat man unter den Sitzreihen Anisgebäck gefunden. Es wurde vermutlich vom Publikum während der Gladiatorenkämpfe genascht. Heute unverzichtbare Kräuter der italienischen Küche wie Rosmarin und Salbei wurden hingegen vergleichsweise selten verwendet. Basilikum benutzte man in der Antike gelegentlich, er galt aber auch als Unglückskraut. Aus seinen Blättern, so glaubte man, wachsen Skorpione und Würmer. Erst im Mittelalter wurde er zu einem hoch geschätzten Würzmittel, und zu den vornehmsten Aufgaben der Hausfrau gehörte die Pflege des empfindlichen Basilikumstocks. In Giovanni Boccaccios berühmter Dichtung »Das Dekameron« gräbt Lisabetta als Zeichen der Wertschätzung den abgeschlagenen Kopf ihres Liebhabers unter einer Basilikumpflanze ein.
Statt Rosmarin und Salbei war das längst ausgestorbene Gewürz Silphium fester Bestandteil jeder römischen Küche. Es wuchs an einem einzigen Ort im gesamten Imperium: in Kyrene in Libyen. Man verwendete die Blätter und Wurzeln, vor allem aber das Harz, das durch Anritzen der Rinde gewonnen und als Aphrodisiakum geschätzt wurde. Glaubt man Plinius, wogen die Römer den Milchsaft des Silphiums in Silber auf. Und als Cäsar 49 vor Christus den römischen Staatsschatz plünderte, fand er zu seiner großen Freude fast eine halbe Tonne Silphium vor. Doch die Begierde der Menschen wurde der Pflanze zum Verhängnis. Durch Raubbau verschwand sie im 1. nachchristlichen Jahrhundert. Das allerletzte Silphium soll laut Plinius als Geschenk auf dem Tisch von Kaiser Nero gelandet sein.

Der wahre Feinschmecker verfeinert mit Ferkelhoden
Die Frage, wie Silphium schmeckte, wird für immer unbeantwortet bleiben. Die Frage, wie Garum schmeckt, wollen wir gar nicht beantwortet wissen. Denn die fermentierte Fischsauce, eine Weiterentwicklung des griechischen Garos, ließe uns heute wahrscheinlich Reißaus nehmen. In Rom aber wurde sie eines der beliebtesten Würzmittel, das auch als Medizin bei Brandwunden, Tierbissen, Geschwüren, Ohrenschmerzen oder Krätze zum Einsatz kam. Garum wurde im Prinzip nicht anders hergestellt als Garos: Man gewann die Brühe aus möglichst fetten Fischen und Meeresfrüchten, die man zerkleinerte, vermengte und drei Monate lang in der prallen Sonne stehen ließ. Das Ganze stank natürlich fürchterlich, deswegen befanden sich die Garum-Fabriken stets außerhalb der Ortschaften. Ab und zu wurde umgerührt, dann die Flüssigkeit abgeseiht, gesalzen, gefiltert und in Amphoren gefüllt. Ähnlich wie beim Olivenöl war die erste Marge, die man gewann, die reinste und teuerste; sie hieß »Jungferngarum«. Die begehrteste Fischsauce des Imperiums stammte aus Cartagena in Spanien und wurde aus Makrelen gewonnen. Plinius schreibt, dass nur Parfüm teurer war als das spanische Garum. 6,5 Liter kosteten die ungeheure Summe von 1000 Sesterzen. Und als Gipfel des Raffinements verfeinerten die Gourmets ihr Garum mit Honig, Gurken, Trüffeln, Dill, Koriander, Fenchel, Sellerie, Oregano, Raute, Minze, Liebstöckel, Thymian, Salbei, Pfeffer, Zimt, Gewürznelken und Bockshornklee. Den wahren Exzentrikern unter den Feinschmeckern war das freilich zu profan. Sie nahmen lieber Gebärmütter von Jungsäuen und Hoden von Ferkeln.
Essen war im alten Rom nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern immer auch lustvolle Unterhaltung. Als besonders vornehm galt es, seine Gäste mit kunstvoll verfremdeten Speisen zu verblüffen, sodass man im ersten Augenblick gar nicht wusste, was man aß. Wie bizarr es dabei zuweilen zuging, wird in einer Episode des »Satyricon« geschildert, eines satirischen Romans aus der Zeit von Kaiser Nero, dessen Autor gewiss übertreibt, aber auch viel Wahres schreibt: »Das Gastmahl des Trimalchio« handelt vom Festessen eines ehemaligen Sklaven, der zu sehr viel Geld gekommen ist und jetzt seine Gäste beeindrucken will. Deswegen lässt er seinen Koch kulinarische Zaubertricks vollführen und aus einem Schwein alles Erdenkliche zubereiten – »aus der Gebärmutter einen Fisch, aus Speck eine Ringeltaube, aus Schinken eine Turteltaube und aus einem Schulterstück ein Hühnchen«. Danach gibt es dann Siebenschläfer mit Honig glasiert und Mohnsamen bestreut, dann Pfaueneier mit Feigendrossel in gepfeffertem Eidotter, anschließend Saueuter in Pfeffersauce.
Eine ganze Stadt badet in Safran
Die Römer waren veritable kulinarische Künstler und dazu maßlose Schlemmer. Im Laufe der Jahrhunderte trieben sie es immer toller, bis sie schließlich den Gipfel der Dekadenz erklommen und allerlei kulinarischen Schabernack trieben – etwa das Waschen der Füße mit gewürztem Wein, von dem der Dichter Plutarch berichtet. Gewürze spielten bei den Verschwendungsorgien eine zentrale Rolle. Und mit Feuereifer gingen die Kaiser beim lustigen Sittenverfall voran. Kaiser Elagabalus ließ im 3. Jahrhundert nach Christus sein Schwimmbad mit exotischen Gewürzen parfümieren und mit Safran färben, dem teuersten Gewürz der Welt. Hadrian ordnete hundert Jahre zuvor sogar an, Safranwasser über die Stufen eines Theaters rinnen zu lassen, damit sie wie Gold glänzten. Und Nero befahl, für einen Triumphzug ganze Straßenzüge in Rom mit Safran zu bestreuen.
Was der Kaiser kann, kann ich schon lange, sagte sich der Aristokrat Metellus Scipio und veranstaltete ein Gelage, bei dem Drosseln für 60 000 Sesterzen auf den Tisch kamen – ein einfacher Römer hätte für diese Summe sein ganzes Leben lang arbeiten müssen. Das war aber noch nichts gegen das Mahl, das sich der offensichtlich höchst erfolgreiche Schauspieler Aesop zubereiten ließ. Es gab Nachtigallen und andere Singvögel für 100 000 Sesterzen. Unsterblichen Ruhm und ewige Hochachtung im Kreis seinesgleichen erlangte auch ein Prasser namens Octavius, der 5000 Sesterzen für eine einzige, anscheinend besonders prachtvolle Seebarbe zahlte. Und von einer besonders hübschen Blüte der römischen Dekadenz berichtet Athenaios in seinem Gastmahl der Gelehrten: Bei Gelagen tunkte man Tauben in parfümiertes Wasser und ließ sie dann durch den Raum flattern, damit sie die Gäste mit einem feinen Parfümregen benetzten.
Apicius – der verrückteste Gourmet der Antike
Wenn es das Idealbild des dekadenten, antiken Erzschlemmers gibt, dann kann es nur einer sein: Marcus Gaius Apicius, der berühmteste, verwegenste, verrückteste Gourmet des römischen Imperiums. Seine Unsterblichkeit verdankt er dem Kochbuch »De re coquinaria«, das ihm zugeschrieben wird, der Nachwelt allerdings nur in einer Version aus dem 4. Jahrhundert nach Christus erhalten ist. Es ist die älteste erhaltene Rezeptsammlung der Antike, war viele Jahrhunderte lang das wichtigste Kochbuch des Abendlands und gilt als bedeutendste Quelle für die römische Kochkunst überhaupt. Apicius war ein Gewürzfanatiker, der größten Wert auf die Vielschichtigkeit der Aromen legte. Je komplizierter ihre Struktur war, umso besser. Er verwendete alles, was der Kräutergarten und die Gewürzmärkte hergaben – Silphium aus Libyen, die fermentierte Fischsauce Garum, Schalotten, Lauch, Kresse, Majoran, Oregano, Thymian, Asantwurzel, Rucola, Kümmel, Koriander, Pfeffer, Flohkraut, Salbei, Kerbel, Schnittlauch, Zimt, Majoran, Dill, Binsenwurzel, Alant, Kardamom, Bohnengras, Wacholderbeeren, Liebstöckel, Meerrettich, Mohnsamen und vieles mehr.
Wenn Apicius die Grundzutaten für ein einfaches Rezept beschreibt, klingt das so: »Kalte Sauce für gekochtes Wildschwein: Pfeffer, Wiesenkümmel, Liebstöckel, gemahlener Koriander, Dill- und Selleriesamen, Thymian, Oregano, Zwiebel, Honig, Essig, Senf, Fischbrühe und Öl.« Apicius genoss einen Ruf wie ein Donnerhall als Gewürzjongleur und Schöpfer extravaganter Speisen. Er erfand das Mästen von Schweinen mit Feigen und bereitete Flamingo- und Nachtigallenzungen so kunstvoll wie kein Zweiter zu. Allein vier Rezepte seines Buchs beschäftigen sich mit Kuheutern und der Gebärmutter von Säuen. Selbst mit den Fußsohlen von Kamelen wusste er etwas anzufangen. Vom strengen Moralisten Seneca wurde Apicius deswegen als Verderber der Sitten verdammt. Legendär ist der Bericht des römischen Philosophen über den Tod dieses grandiosen Gourmets: Eines Tages soll er festgestellt haben, dass sein Vermögen nur noch lächerliche zehn Millionen Sesterzen beträgt – für normale Menschen ein unvorstellbarer Reichtum, für ihn aber eine Summe, die ihm nicht angemessen erscheint, um stilvoll weiterprassen zu können. Also nimmt er Gift und entsagt der Welt. Seneca meinte nur fassungslos: »Gipfel des Wohllebens: sich mit zehn Millionen Sesterzen für bettelarm zu halten! Nun glaube noch einer, dass es auf die Größe des Vermögens, nicht des Geistes ankomme.«
Tausend Leckerbissen, um die Gier zu erregen
Im antiken Griechenland hatten noch die großen Philosophen Platon und Aristoteles ihre Landsleute für deren glühende Liebe zum Essen und für das maßlose Würzen getadelt. In Rom hingegen schwiegen die meisten Denker und ließen es sich stattdessen selbst gut gehen. Einer der ganz wenigen Kritiker war ebenjener Seneca, der die ungesunde Völlerei und die »prahlerische Küche« mit ihrem exzessiven Gebrauch von Gewürzen anprangerte. Besonders das Garum erregte seinen Zorn, diese »kostspielige Jauche aus verdorbenem Fisch, die durch faulige Salzlake brennende Schmerzen in den Eingeweiden verursacht«. Dekadente Köche, so Seneca, hätten »tausend Leckerbissen erfunden, um die Gier zu erregen«. Und in einem Brief an seinen Freund Lucilius schrieb er resigniert: »Über die Unzahl der Krankheiten brauchst du dich nicht zu wundern: Zähle die Köche.«
Die exzessive Verwendung von Gewürzen war zwar immer wieder Gegenstand von Hohn und Spott in der Literatur, doch Maß hielten die Römer deswegen noch lange nicht. Eine herrliche Passage aus dem »Pseudolus« des Satirikers Plautus schildert, wie unbekümmert Roms Köche in die Gewürzkiste griffen: »Ich würze nicht so, wie die anderen Köche es tun. Die servieren mit ihren Gerichten ganze Wiesen – sie füttern die Gäste wie Weidevieh und stopfen sie mit grünen Kräutern voll, die sie mit noch mehr Kräutern würzen. Dann kommt frischer Koriander rein, Fenchel, Knoblauch, Pastinaken, daneben häufen sie Sauerampfer, Kohl, Mangold, dazu ein Pfund Silphium und dann noch eine geballte Ladung Senfkörner. Das ist dann so scharf, dass ihnen selbst die Augen triefen, noch bevor sie es klein geschnitten haben.«

Kulinarische Raffinesse ist Teufelswerk
Einen ganz anderen Ton bekam die Kritik an den Gewürzorgien der Römer, als die christliche Kirche dominanter wurde. Der Kirchenlehrer Clemens Alexandrinus geißelte im 3. nachchristlichen Jahrhundert die römische Völlerei, weil sie zu einer Abstumpfung der Seele und zu Vergesslichkeit führe. Ganz und gar nicht geheuer waren ihm vor allem die Gewürze und »Wohlgerüche« wegen ihrer luststeigernden Wirkung. Wollust und Ausschweifungen seien die unvermeidliche Folge, wenn man so koche wie Apicius. Stattdessen sang Clemens Alexandrinus das Loblied der einfachen christlichen Küche, die jede kulinarische Raffinesse für Teufelswerk hielt. Doch trotz der küchenfeindlichen Haltung der Kirche ließen sich die Menschen nicht von den Gewürzen abbringen. Die Kirche musste schließlich kapitulieren und wurde im Laufe der Jahrhunderte selbst zu einer ungestümen Gewürzliebhaberin, wie später noch erzählt werden soll.
Die Haltung der Kirche war nicht frei von Heuchelei, schließlich wimmelt es in der Bibel von Geschichten, in denen Gewürze eine Rolle spielen. Der Evangelist Matthäus schreibt zum Beispiel: »Weh euch Gesetzeslehrern und Pharisäern! Ihr Scheinheiligen! Ihr gebt Gott den zehnten Teil von allem, sogar von Gewürzen wie Anis und Kümmel, aber um die entscheidenden Forderungen seines Gesetzes – Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue – kümmert ihr euch nicht!« Und jeder kennt das Gleichnis vom Senfkorn, das zwar winzig ist, aber trotzdem mächtig wächst.
Der Untergang des römischen Imperiums
Kein Reich währt ewig auf Erden, selbst Rom nicht. Im Jahr 395 wurde das Imperium geteilt. Keine hundert Jahre später ging der westliche Teil in den Stürmen der Völkerwanderung unter, während der östliche Teil in gestutzter Form überlebte. Dadurch verschob sich der Schwerpunkt des Gewürzhandels in Richtung Oströmisches Reich, das auch Byzanz genannt wird. Dessen Hauptstadt Konstantinopel, das heutige Istanbul, stieg zur ebenbürtigen Konkurrentin von Alexandria als Umschlagplatz für Gewürze auf und entwickelte einen weltumspannenden Handel mit allen Arten von Würzmitteln, sogar mit Muskatnuss und Gewürznelken aus Indonesien. In der neuen Kaiserstadt wurde es üblich, an Fastentagen den Erbsenbrei mit Muskat zu würzen und das Wasser mit Pfeffer, Anis und Kreuzkümmel zu aromatisieren. Gewürze blieben im Oströmischen Reich ein Allgemeingut. Selbst arme Leute hatten genug davon. So beschreibt ein byzantinischer Gedichtzyklus die Vorratskammer einer einfachen Familie und erwähnt neben verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, Käse, Oliven und Honig auch Pfeffer, Kreuzkümmel und Kümmel.
Der kulinarische Einfluss Anatoliens und des Nahen Ostens auf die römische Küche wurde nun stärker. Jetzt aß man das Fleisch von Gazellen, Wildeseln und Sperlingen und wickelte die Speisen nicht mehr in Feigenblätter ein, sondern in Weinblätter – eine Tradition, die bis heute in Griechenland und der Türkei lebendig ist. Aufwendige Süßspeisen, die häufig mit Gewürzen und Früchten verfeinert wurden, fanden nun ebenso Eingang in die Küche von Byzanz. Der erste Beleg für die Verwendung von Zucker in Europa stammt aus byzantinischer Zeit. Bis ins Mittelalter war Konstantinopel berühmt für seine Süßigkeiten – ein beliebtes Souvenir bei den durchreisenden Kreuzrittern des 12. Jahrhunderts waren Kekse und kandierte Früchte –, und Istanbul ist es noch immer.

Schluss mit Orgien und Unzucht
Mit einer ganz besonderen Spezialität der antiken Ess- und Tischsitten war allerdings Schluss, dafür sorgte gnadenlos das Christentum: mit dem sündhaften kulinarischen Lotterleben der Griechen und Römer. Mahlzeiten und Trinkgelage endeten jetzt nicht mehr in Orgien, sondern blieben gesittete Veranstaltungen. Wer ins Gasthaus ging, wusste, dass die leiblichen Genüsse auf den Gaumen beschränkt bleiben würden, wie diese Passage aus der Lebensbeschreibung des heiligen Theodor von Sykon zeigt: »An der Straße stand ein Gasthof, der von einem wunderschönen Mädchen, Maria, und der Mutter und Schwester Marias betrieben wurde . . . In dem Haus wohnte ein gottesfürchtiger Mann namens Stephanos, der sich darauf verstand, kunstfertig zubereitete Gerichte herzustellen. Die Frauen waren unterdessen recht anständig geworden, denn sie hatten ihren Beruf als Prostituierte aufgegeben und waren dem Pfad der Nüchternheit und Frömmigkeit gefolgt.«

Die Römer waren ein Volk mit tausend Talenten. Niemand übertraf sie als Baumeister, Ingenieure, Militärstrategen, Kaufleute, Köche. Nur für eine Profession hatten sie offenbar nicht die geringste Begabung: für den Beruf des Arztes. Und so waren sie klug genug, sich erst gar nicht auf dem Feld der Medizin zu versuchen, sondern überließen es den Griechen, die seit Hippokrates die besten Ärzte der Antike hervorgebracht hatten. Die Griechen, allen voran Dioskurides und Galen von Pergamon, bedankten sich auf ihre Art für so viel Vertrauen: Sie sorgten dafür, dass die antike Heilkunst im Römischen Reich ihren absoluten Höhepunkt erreichte.
Danach sah es zunächst nicht aus. Als die Römer noch nicht die halbe Welt beherrschten, sondern als brave Bauern am Tiber lebten, praktizierten sie eine einfältige Volksmedizin, deren beliebteste Heilpflanze der Kohl war. Der große Feldherr und Staatsmann Marcus Cato, der auch einen kleinen medizinischen Ratgeber verfasste, pries den Kohl als Haus- und Allheilmittel bei chronischen Wunden, Fisteln, Verrenkungen und Gicht. Kohl besitzt tatsächlich Wirkstoffe, die keine andere Pflanze in sich trägt: die Glucosinolate, die eine schützende Wirkung auf Magen, Leber und Lunge haben. Die Legionäre hatten immer Unmengen von Kohl auf ihren Feldzügen dabei, weil sie ihn nicht nur als Notration, sondern auch als Verbandsmaterial nutzten. Marcus Cato behauptete deshalb, das römische Imperium sei mit der Kraft des Kohls errichtet worden. Knoblauch war den Truppen allerdings genauso wichtig. Er sollte die Kampfeswut der Soldaten stärken, böse Geister vertreiben und Feinde in die Flucht schlagen. Dass er außerdem eine antiseptische Wirkung hatte und vor Magen-Darm-Erkrankungen schützte, war natürlich ein willkommener Nebeneffekt.
Die Römer überließen den Griechen so vollständig die medizinische Theorie und Praxis, dass es fast keine römischen Schriften auf diesem Gebiet gibt. Zum Glück haben wir Plinius den Älteren, einen Naturforscher und weit gereisten Soldaten, der im 1. Jahrhundert nach Christus seine siebenunddreißig Bände umfassende Enzyklopädie »Naturalis historia«, seine berühmte Naturgeschichte verfasste. In ihr beschreibt er nicht nur die römisch-griechische Heilkunst, sondern auch die medizinischen Traditionen der einzelnen Völker, selbst in den entlegensten Provinzen des riesigen Imperiums. Ohne ihn müsste zum Beispiel Asterix ohne die Misteln in seinem Zaubertrank auskommen – Plinius ist die einzige Quelle, die den Mistelkult der Gallier belegt.

In seiner »Naturalis historia« offenbart sich Plinius als großer Gewürzkenner. Der verdauungsfördernde, krampflösende Koriander, der zudem das Wachstum von Bakterien hemmt und so Lebensmittel haltbarer und bekömmlicher macht, ist für ihn das ideale Gewürz schlechthin. Für den Magen empfiehlt er ganz richtig Kümmel, der bis heute als eines der wirkungsvollsten Magenmittel überhaupt gilt. Und von der Minze schwärmt er: »Ihr Geruch erfrischt den Geist; ihr Geschmack wirkt appetitanregend.« Außerdem soll man bei Erkrankungen der Atemwege auf sie zurückgreifen. Und bei Kopfschmerzen ist es hilfreich, die Schläfen mit Minzöl einzureiben – nichts anderes machen wir heute auch. Schwarzkümmel garantiert laut Plinius ebenfalls Linderung bei Kopfschmerzen: Man muss den Kümmel in ein Tuch füllen, zerreiben und unter die Nase halten. Durch das Einatmen der ätherischen Öle schwellen die Nasenschleimhäute ab, der Kopf wird binnen kürzester Zeit klar. In arabischen Ländern kennt jeder Mensch diese so einfache wie effektvolle Sofortmaßnahme. Nur wir wollen von diesem Schwarzkümmel-Aspirin der Natur nichts mehr wissen.
Basilikum ist Plinius ein wahres Loblied wert: Er sei gut für den Magen, helfe bei Ödemen und wirke sogar als Aphrodisiakum. Vieles davon lässt sich wissenschaftlich belegen: Basilikum ist verdauungsfördernd und krampflösend. Extrakte von den Blättern können sogar Magengeschwüren vorbeugen. In den Mittelmeerländern wird die Pflanze bis heute als entwässerndes Mittel benutzt, was den Einsatz bei Ödemen sinnvoll erscheinen lässt. Die luststeigernde Wirkung wiederum könnte mit dem positiven Effekt auf die Verdauung zusammenhängen: Bei guter Verdauung funktionieren alle Organe besser.
In der Küche des alten Rom wurde Basilikum allerdings selten benutzt, ebenso wenig wie Petersilie, Rosmarin und Salbei. Sie alle galten als Heilpflanzen. Petersilie wurde gegen Erkrankungen der Harnwege eingesetzt, Rosmarin als allgemeines Stärkungsmittel, aber genauso als Arznei gegen Rheuma. Salbei war ein sehr wichtiges Medikament bei Atemwegserkrankungen, Verdauungsbeschwerden sowie zur Wundheilung. All das ist auch nach modernen Erkenntnissen sinnvoll.

Die Römer liebten ihre Gewürze über alle Maßen. Sie schätzten Bohnenkraut, weil es vor Durchfällen schützt und die Haltbarkeit von Fleisch erheblich verlängert. Sie wussten, dass sie sich mit Oregano gegen Bakterien behelfen konnten und dass sie der Fenchel dank seiner krampflösenden Eigenschaften vor Darmkoliken bewahrt. Auch seine schleimlösende Wirkung bei Atemwegserkrankungen und seinen blutdrucksenkenden Effekt kannten die Römer. Und Lorbeer setzten sie nicht nur Triumphatoren aufs Haupt, sondern regulierten damit genauso ihren Blutzuckerspiegel. Es gibt sogar Hinweise, dass hoch dosierter Lorbeer vor Magengeschwüren schützen kann. So sinnvoll, gezielt und massiv wie im antiken Rom sind Gewürze nie zuvor in der Menschheitsgeschichte eingesetzt worden. Als man aber in Zeiten spätrömischer Dekadenz damit anfing, Paläste und halbe Städte mit den kostbaren Gewürzen zu parfümieren, statt damit sein Essen vernünftig zu würzen, war der Untergang des Imperiums besiegelt.

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich einmal meinen Geburtstag in Beirut feiern würde. Doch das Leben ist einfallsreicher als die Fantasie. Und so stehe ich jetzt auf der Gartenterrasse eines herrschaftlichen Anwesens hoch über der Küste des Libanon, schaue hinunter auf den Hochhauswald seiner Hauptstadt Beirut und fühle mich eher wie in New York als im Nahen Osten. Verwandte von Freunden von Bekannten haben für mich spontan eine Feier organisiert, als sei ich ein uralter Freund der Familie und nicht irgendein Koch auf der Durchreise. Es sind Menschen von überwältigender Gastfreundschaft, alter libanesischer Geldadel, viel zu vornehm, um zu protzen, viel zu herzlich, um arrogant zu sein, viel zu rührend, um es nicht ehrlich zu meinen. Und sie haben mir zu Ehren einige der besten Köche des Landes eingeladen, in das mich meine Reise in die Welt der Gewürze aus einem einzigen Grund geführt hat: Wen auch immer man fragt – alle sagen, dass die libanesische Küche die beste der arabischen Welt sei.

Die Stadt aber, auf die ich blicke, verdient einen ganz anderen Superlativ. Nicht die Beste, Schönste, Magischste des Morgenlands ist sie, sondern die Eigenartigste. Eine kluge Frau hat mir gerade auf der Feier gesagt, dass Beirut ein Ort voller Widersprüche an der Grenze zum Wahnsinn sei. Genauso habe ich ihn heute erlebt. Wie verrückt wachsen die Wolkenkratzer aus dem Boden – und dazwischen rotten Kriegsruinen vor sich hin, übersät mit Einschusslöchern wie Pockennarben. Die Straßen sind voller Jaguars, Range Rovers oder Porsches – und zwischen ihnen ächzen rostige Mercedes-Taxen aus den Siebzigerjahren wie altersschwache Mulis die Hügel hinauf.
Die Stadt schwimmt in Geld, weil die Libanesen seit 3000 Jahren, seit den Zeiten der Phönizier, vielleicht die begabtesten Kaufleute der Welt sind – und trotzdem sieht Beirut an manchen Stellen aus wie Dritte Welt. Der alles beherrschende Bau ist die Hariri-Moschee mit ihren leuchtend blauen Kuppeln und himmelsstürmenden Minaretten – und großmütig lässt sie direkt neben sich Platz für eine Kirche der maronitischen Christen, in der die Messe noch immer auf Aramäisch gelesen wird, der Muttersprache von Jesus Christus.

»Unsere Heimat ist wie eine große Familie«, sagen die Libanesen. »Meistens vertragen wir uns, aber manchmal gibt es eben Streit.« Und manchmal auch Mord und Totschlag. 1975 eskalierte der Familienzwist zu einem mehr als fünfzehn Jahre dauernden Bürgerkrieg. Jeder kämpfte gegen jeden, Schiiten gegen Sunniten, gegen Drusen, gegen Christen, und am schlimmsten soll es gewesen sein, als sich die Christen sogar untereinander zerfleischten. Das schöne, alte Beirut, das vor dem Krieg als »Paris des Ostens« gerühmt wurde, haben die Panzer und Haubitzen fast vollständig ausgelöscht. Wenigstens die Altstadt hat man in einem eigenwilligen Mischmasch aus französischer Klassik und arabischem Traditionalismus wiederaufgebaut und mit lauter Luxusgeschäften von Dior bis Tiffany vollgestopft. Doch ihre Künstlichkeit klebt an ihr wie ein böser Fluch.
Ich rufe mir jetzt all das ins Gedächtnis, was ich heute in Beirut gesehen habe – etwa den Bioerzeugermarkt hinter der neuen Altstadt, auf dem zwischen Jachthafen und Kriegsruinen ausschließlich kleine, lokale Produzenten ihre Waren verkaufen dürfen: Obst und Gemüse, Honig und Öl, Brot und Snacks, Kräuter und Gewürze wie die berühmte »Sieben-Pfeffer-Mischung«, die auch Zimt, Nelken, Muskatnuss und Koriander enthält.

Ich gehe von Stand zu Stand, nasche hier und da, frage die Marktfrauen nach ihren Gewürzen und Küchengeheimnissen, lasse mir jedes Wort haargenau übersetzen, weil ich alles wissen muss. Denn erst das Verstehen der fremden Küche gibt jemandem wie mir das Recht, sie verändern zu dürfen. Verständnis, Respekt und Demut sind die Grundlagen jeder Weiterentwicklung. Das habe ich in vielen Jahren als Küchenchef gelernt.
Dann werde ich Kamal vorgestellt, dem Initiator des Markts, der mir erklärt, welche große Idee hinter dieser kleinen Sache steckt: Der Markt ist der einzige Ort im Libanon, an dem die Angehörigen der verschiedenen Religionen und Volksgruppen gemeinsam essen und einkaufen, anstatt sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Christen, Drusen, Schiiten, Sunniten kommen mit Einkaufstaschen hierher, nicht mit Gewehren. »Das hier«, sagt Kamal vorsichtig lächelnd, »das ist nicht nur ein Markt. Das ist Versöhnung, wenigstens einmal pro Woche.«



Auch das also erlebe ich auf meiner Reise in die Welt der Gewürze: nicht nur Städte wie Damaskus, die auf einem Fundament aus Tausenden Jahren Geschichte ruhen, sondern ebenso Orte wie Beirut, die ihre Vergangenheit mutwillig vernichtet haben.
Gedankenverloren stehe ich an der Promenade, an der alles neu und nichts alt ist, zwischen angelnden Großvätern und Fußball spielenden Kindern, zwischen Teeverkäufern und Obstsaftpressern. Ich blicke auf das Meer und versuche mir vorzustellen, dass einst phönizische, dann griechische, später römische, schließlich venezianische Gewürzhändler über dieses Meer an die Küste des Libanon segelten, an der sie Zimt, Ingwer, Pfeffer, Nelken und Muskat gegen Gold tauschten. Hier landeten die Kreuzritter, um das Grab Christi in Jerusalem zu befreien und gleichzeitig an die Quelle der Gewürze zu gelangen. Und ganz nebenbei lernten sie im Heiligen Land die Küche der Kalifen mit ihrer grandiosen Kunst des Würzens kennen und brachten sie begeistert mit nach Hause. Es ist schwer, sich das alles vorzustellen.

»Wir leben in einer Stadt«, haben mir die Menschen in Beirut immer wieder gesagt, »die im Angesicht ihrer tragischen Geschichte gar nicht weiß, ob sie eine Zukunft hat, und deswegen die Gegenwart wie einen Tanz auf dem Vulkan in vollen Zügen genießt.« Nach mir die Sintflut, scheint das Lebensmotto von ganz Beirut und vor allem von jenen blendend schönen Frauen zu sein, die so aufreizend hochhackig die Uferpromenade entlangstöckeln, dass es jedem genierlichen Menschen die Schamesröte ins Gesicht treibt. Minirock statt Tschador, High Heels statt Burka – in Beirut ist es offenbar eine Sünde, seine Schönheit zu verbergen.
Die Menschen hier lieben jede Art von Fleischeslust. Ich habe einen Metzger gesehen, der sich auf einem Schild vor seinem Geschäft stolz »Kunsthandwerker des Fleisches« nennt. Ich bin in einem Feinkostgeschäft gewesen, das sich vornehm als »Boutique des guten Geschmacks« bezeichnet. Ich habe in einem winzigen armenischen Familienrestaurant, kaum größer als ein Esszimmer, die wunderlichsten Dinge gegessen: Bauchspeicheldrüsen, Knochenmark, Kalbshirn, allesamt geheimnisvoll gewürzt, und – als sei man im Schlaraffenland – gebratene Vögelchen in Granatapfelmelasse, nicht größer als eine Pflaume. Wo, wenn nicht hier, sollte ich die beste Küche des Morgenlands finden? Wann, wenn nicht jetzt auf meiner Geburtstagsfeier hoch über den Dächern von Beirut?

Es ist ein wunderbares Fest. Der Hausherr, ein Grandseigneur mit silbernem Haar, safrangelbem Seidentuch und tadellosen Manieren, ist glänzend in Form und unterhält mit großer Geste seine Gäste. Wir stehen dicht gedrängt und laut plappernd in seiner Küche, und im Rausch der Begeisterung erklärt er mir, dass die libanesischen Olivenöle direkt vom göttlichen Olymp kommen und die libanesischen Chilipasten die besten des Erdenrunds sind.



Jede Köstlichkeit, jede Kostbarkeit hält er mir zum Probieren unter die Nase, während um uns herum ein halbes Dutzend Köche ein Buffet mit allen Klassikern der libanesischen Küche zaubert: Es gibt das Kichererbsenmus Hummus, den Petersiliensalat Tabouleh, pürierte Auberginen, gebratene Wüstentrüffel, scharfe Bratwürste, Huhn am Spieß, gefüllte Weinblätter, Tatar von der Ziege, gewürzt mit Kreuzkümmel und Zimt, süßem Pfeffer und Zatar, einer Mischung aus Thymian, Sesam, Sumach, Salz und Olivenöl.

Und zur Krönung serviert man uns das Lamm, am Stück mit Kopf, perfekt gegart, das Fleisch zart wie eine Mousse. Nur eines fehlt ihm seltsamerweise: Gewürze.
Wieder gehe ich auf die Terrasse, schaue hinab auf die Lichter des Libanon, der jahrhundertelang eine Drehscheibe des Weltgewürzhandels war, und frage mich, warum in der libanesischen Küche so sparsam, manchmal sogar einfallslos gewürzt wird – und warum es vor allem immer dieselben Gerichte gibt. Man hätte das Lamm auf ein Bett aus Orangen- und Zitronenschalen, Thymian und Rosmarin, Ingwer und Knoblauch legen können, damit die Aromen beim Garen ins Fleisch einziehen. Man hätte in den letzten fünfzehn Minuten die Haut einritzen und mit einer Gewürzpaste einreiben können, das wäre wunderbar geworden. Warum hat das niemand gemacht? Wer erklärt mir das? Ich blicke mich um – und finde niemanden.
Doch dann naht die Rettung in letzter Sekunde. Sie taucht in Gestalt eines weißen Ritters auf – nur mit Hut statt Helm. Plötzlich steht er vor mir, redet wie ein Wahnsinniger auf mich ein, und nach zwei Minuten ist mir klar: Das ist er! Joe Barza ist mein Mann, mein schönstes Geburtstagsgeschenk an diesem Abend!
Joe Barza ist ein wilder Bursche mit Spitzbart, Hammerwerferkreuz, Ohrring in Besteckform und Glatze, die er als leidenschaftlicher Hutsammler permanent unter einer Kopfbedeckung versteckt. Er war Fallschirmjäger und Bodyguard eines libanesischen Präsidenten, der ermordet wurde. Anscheinend hat Joe kein Talent zum Menschenlebenretten und verlegte sich deswegen aufs Kochen. Heute hat er eine gut gehende Beratungsfirma für schlecht gehende Restaurants, die er nicht immer mit Geduld und Sanftmut auf Trab bringt. Und in seiner Kochfernsehshow, erzählt mir Joe, sei er sowieso der böse Bube.
Vor allem aber ist Joe Barza ein Revoluzzer, ein Bilderstürmer, ein Gotteslästerer, der den Heiligen Gral der libanesischen Küchenklassiker mit dem Vorschlaghammer zertrümmert. Zuerst wurde er dafür als Vaterlandsverräter verdammt, doch inzwischen begreifen immer mehr Menschen, dass er eine Mission hat: die Befreiung der Küche aus dem Gefängnis der Einfallslosigkeit und Traditionshörigkeit – genauso, wie ich vor vielen Jahren eine Mission hatte, als ich der bayerischen Küche einen Weg aus ihrer fetttriefenden Selbstgefälligkeit zeigte. Joe und ich, wir sind also Brüder im Geiste, umarmen uns stürmisch und verabreden uns für morgen früh an seinem Herd.

Joe Barza ist am nächsten Tag nicht zu bremsen, improvisiert wie der Teufel, lässt keinen Stein seiner Heimatküche auf dem anderen. Er legt mit seiner ganz eigenen Pesto-Variante los, mischt Thymian, Rucola, Minze, Koriander, Knoblauch, Pinienkerne, Olivenöl, pulverisierten Joghurt, schwarzen Pfeffer und Zitronensalz mit Hummus. Ich koste, lerne, lobe, grüble – sehr gut, Joe, ich würde nur etwas mehr Knoblauch nehmen und das Pesto mit flüssigem Joghurt cremig abschmecken. Joe ist aber schon, bevor ich es ihm sagen kann, bei der nächsten Kreation, einem roten Hummus, der seine Farbe Tomatenmark und einer Chilipaste verdankt und mit Walnüssen veredelt wird. Das schmeckt noch besser, vielleicht fehlen nur ein paar Korianderblätter, um die Geschmacksextreme auszubalancieren. Doch allein die Tatsache, dass sich jemand traut, dem immer gleichen, kleistergrauen Kichererbsenmus eine andere Farbe und einen anderen Geschmack zu geben, verdient einen Orden.
Wie ein Derwisch saust Joe in seiner Küche herum, vom Mixer zum Herd, von der Fritteuse zum Schneidebrett, und lässt sich von seiner Kreativität forttragen wie von einem fliegenden Teppich. Er bestreicht haarfeine Vermicelli-Nudeln mit geklärter Butter, wickelt in dieses Engelshaar den kräftigen Halloumi-Käse, frittiert das Ganze und vollendet es mit einem Tupfer Pesto. Er formt aus Linsen, Bulgur und gerösteten Zwiebeln ein Püreenest und füllt es mit einer Mischung frisch wie der Tau aus Tomaten, Petersilie, Zitrone, Minze, Granatapfelkernen, süßsaurer Granatapfelmelasse. Dann würzt er es mit Ingwer, Zimt, Nelken, Muskatnuss und Pfeffer. Die Auberginen röstet er ganz traditionell, um Raucharomen zu gewinnen, hackt sie aber zu einem Concassé klein, anstatt sie zu pürieren, um diese schleimige Konsistenz zu vermeiden. Danach verfeinert Joe sie mit Balsamico, Sesampaste und rohem weißem Bulgur, der die überschüssige Flüssigkeit bindet und den Auberginen eine körnige Konsistenz gibt – kleine Tricks, große Wirkung. Und ein spontaner Geniestreich ist sein Rote-Beten-Püree, das nur ein bisschen Sesampaste, Zitronensaft und Balsamico braucht, um in den kulinarischen Adelsstand erhoben zu werden. Jetzt noch ein Chutney aus Mispeln dazu, und wir wären im Himmelreich, sage ich Joe, der heftig nickt.
Ab und zu geht mit ihm der Gaul durch, dann schießt er Löcher in die Wand. Bei seinem Milchreis, der Variante eines traditionellen libanesischen Desserts, ist es sogar ein richtiger Krater. Er kann – wie jeder anständige Revolutionär – einfach nicht aufhören und wirft alles, was ihm in die Hände fällt, in den armen Milchreis: Semmelbrösel, Mozzarella, Halloumi, Orangenwasser, Rosenwasser und als Krönung der Maßlosigkeit das weihrauchartige Harz des Aprikosenbaums. Ich schlage eine andere Variante vor, eine Gewürzmilch aus Safran, Kardamom, Zimt, Ingwer und einer Prise Chili, der den Geschmack so gut am Gaumen hält. »Fabelhafte Idee«, sagt Joe, und schon machen wir uns ans Werk.

Am letzten Abend sitze ich in einem Restaurant am Hafen von Beirut, blicke auf die lichterfunkelnden Hügel, fühle mich eher wie in Nizza als im Nahen Osten, denke über meine Erlebnisse nach – und bekomme plötzlich ein Kribbeln, das Kribbeln der Erkenntnis. Ich glaube, ich weiß jetzt, worum es geht. Jetzt habe ich es endlich begriffen: Die Küche des Libanon und vieler anderer arabischer Länder ist voller Stolz, aber ohne Ehrgeiz. Zuzeiten der Kalifen war sie unglaublich fantasievoll. Doch jetzt gibt sie sich mit einem kleinen Kanon an Klassikern zufrieden, den niemand zu verändern oder zu hinterfragen wagt. Kaum jemand denkt darüber nach, welche Möglichkeiten in dieser Küche und ihren Gewürzen stecken. Das ist ein ungehobener Schatz. Mir kommt es vor, als hätten die Leute vor vielen Jahrhunderten den Schlüssel zum kulinarischen Serail einfach weggeworfen und bis heute nicht wiedergefunden.
Nun bin ich mir meiner Sache ganz sicher: Das eigentliche Ziel meiner Reise in die Welt der Gewürze ist nicht das Morgenland. Dort finde ich vielleicht den Schlüssel, aber nicht die Schatztruhe. Die muss ich mir selbst füllen. Bei allem Respekt vor der traditionellen libanesischen Küche ist es die Aufgabe von Köchen wie Joe Barza und mir, ihre Gerichte weiterzuentwickeln. Bei aller Würde, die diese großartigen Klassiker haben und die auch ich ihnen niemals nehmen wollte, könnten sie eine kleine Revolution ganz gut vertragen. Jetzt werde ich pathetisch und sage: Die grandiose Küche der Kalifen hat im Mittelalter die europäische Schmalkost aus dem finsteren Loch der Einfallslosigkeit geführt und sie das Raffinement gelehrt. Nun ist es an der Zeit, sich dankend mit aller Bescheidenheit dafür zu revanchieren.



DER BESTE KOCH IST DER KALIF
Das Hohelied der Kulinarik in der arabischen Welt
Die Geschichte der Gewürze endet nie. Sie wechselt nur ihren Schauplatz. Im 5. Jahrhundert ging das Römische Reich in den Wirren der Völkerwanderung unter, und die Finsternis brach über Europa herein. Niemand kochte mehr Nachtigallenzungen, kein Kaiser badete mehr ganze Städte in Safran, stattdessen brieten Hunnen und Vandalen Fleischbrocken ungewürzt über dem offenen Feuer. Die Straßen verfielen, der Handel kollabierte, alle staatlichen Strukturen lösten sich auf, und das einzig gültige Gesetz war das Recht des Stärkeren. Die Reste Roms überlebten zwar als Oströmisches Reich mit seiner Hauptstadt Konstantinopel, die später Istanbul heißen sollte. Doch die ehrenwerte Aufgabe, die Menschheit vor dem vollkommenen Rückfall in die Barbarei zu bewahren und die Fahne der Kultiviertheit hochzuhalten, fiel jetzt einem anderen Kulturkreis zu: dem arabisch-islamischen.
Nicht nur Architektur und Philosophie, Medizin und Literatur, sondern auch die Kunst des Kochens und des Würzens erreichte unter den Kalifen von Bagdad und Córdoba ein fantastisches Niveau. Die islamischen Herrscher schrieben die Geschichte der Gewürze fort und stellten sicher, dass das antike Wissen über ihre aromatischen und medizinischen Wirkungen nicht verloren ging. Denn sie waren es, die die Schriften der griechischen und römischen Denker und Ärzte vor dem Vergessen bewahrten. Und davon sollte schließlich niemand mehr profitieren als das Abendland selbst.
Gewürzhändler werden zu Missionaren
Der Islam ist alles andere als eine lustfeindliche Religion, jedenfalls was das Essen betrifft. Ganz im Gegenteil: Er ist ein Glaube für Gourmets, der das Loblied des feinen Geschmacks singt und viel weniger kulinarische Verbote kennt als etwa das Judentum. Im Koran heißt es: »Esset von den guten Dingen, die Wir euch bereitet haben, und seid Allah dankbar.« Die Paradiesschilderungen des Korans sind voller Hinweise auf reich gedeckte Tische und Flüsse voller Wein. Die »Ingwerquelle« ist sogar eine der himmlischen Freuden. Und ein asketischer Kostverächter war der Prophet Mohammed ganz gewiss nicht, auch wenn er und seine Gefährten in der Wüste notgedrungen einfach aßen. Doch er befand: »Die göttlichste Speise dieser Welt und des Paradieses ist Fleisch.« Er liebte auch Datteln und Honig und kannte sich bestens mit Gewürzen aus, weil Mekka seit babylonischen Zeiten ein Knotenpunkt des Karawanenhandels vom Jemen nach Syrien, Ägypten und Mesopotamien war.
Nach dem Tod des Propheten Mohammed 632 breitete sich der Islam wie eine Springflut im gesamten Nahen und Mittleren Osten und in Nordafrika aus. Keine achtzig Jahre später, im Jahr 711, begann die Eroberung der Iberischen Halbinsel, die für fünf Jahrhunderte zu großen Teilen unter islamischer Herrschaft stand. Bagdad im Osten und Córdoba im Westen wurden zu den Zentren der islamischen Welt, und die Pracht, die sich dort entfaltete, sprengte jedes Maß der Vorstellung – eine Ahnung davon bekamen die Europäer, als Kalif Harun al-Rashid um das Jahr 800 Kaiser Karl dem Großen einen goldgeschmückten weißen Elefanten schenkte; und noch heute kann man es ahnen, wenn man im Pfeilerwald der Mezquita von Córdoba steht, der wahrscheinlich schönsten Moschee, die jemals gebaut worden ist.
Der rasend schnelle Erfolg des Islam verdankte sich nicht zuletzt dem Gewürzhandel. Denn die Missionare des neuen Glaubens nutzten ihre alten Kontakte als arabische Gewürzhändler, um die Botschaft des Propheten in alle Welt zu tragen. Die Infrastruktur und die Kommunikationswege waren vorhanden. Jetzt wurde auf ihnen nicht mehr nur Muskat aus Indonesien transportiert, sondern auch das Heilsversprechen des Islam. Und es ist bezeichnend, dass Mohammed selbst die Witwe eines reichen Gewürzhändlers heiratete.
Die Tinte der Weisen ist wertvoller als das Blut der Märtyrer
Die Söhne der Wüste ließen ihre karge Heimat hinter sich, kamen in Kontakt mit Hochkulturen wie Byzanz, Persien und Ägypten – und konnten gar nicht glauben, wie schön die Welt ist. Besonders beeindruckte sie Damaskus. Die Stadt war eine Offenbarung, ein kosmopolitisches byzantinisches Kolonialzentrum inmitten einer fruchtbaren Landschaft, umringt von Weinstöcken, Weizenäckern, Rosengärten und Feldern voller Apfel-, Aprikosen-, Pflaumenbäume – und die Anhänger Mohammeds machten das einzig Richtige: In der Mitte des 7. Jahrhunderts verlegten sie ihre Hauptstadt aus der saudischen Wüste hierher. Dieser Ort der Wunder sollte unter islamischer Herrschaft weiterhin eine der vibrierendsten Städte des Orients bleiben. Selbst Kosmopoliten wie den marokkanischen Weltreisenden Ibn Battuta setzte er in Erstaunen. Damaskus, schrieb er, »steht dort, wo Kain seinen Bruder Abel getötet hat, und ist eine außergewöhnlich noble, glorreiche und schöne Stadt, reich gefüllt mit allen Arten von Handelswaren, mit Gewürzen, Edelsteinen, Silber, golddurchwirkten Kleidern, Parfüm aus Indien, dem Land der Tartaren, Ägypten, Syrien und unserer Seite des Mittelmeers.«
Damaskus war eine Metropole, die vor Gewürzen duftete, und die Muslime integrierten sie nach den Vorgaben des Korans in ihre Küche. Mohammeds Lieblingsspeise Tharid zum Beispiel, ein Fleischeintopf mit Brot, wurde jetzt mit Zimt und Kardamom verfeinert. Auch in seiner kulinarischen Kultur bewies der Islam also, dass eine seiner größten Stärken das Aufnehmen und Verschmelzen fremder Einflüsse ist. So wie ihm in der Architektur eine Synthese byzantinisch-persisch-arabischer Elemente gelang, etwa in der großen Omayyaden-Moschee von Damaskus, so sog er fremde kulinarische Einflüsse auf und schuf daraus völlig Neues. Heute vergessen wir oft, dass der Islam eine Religion der Wissbegier ist, der Offenheit und Neugier, nicht der Intoleranz. Ein islamisches Sprichwort sagt alles: »Die Tinte der Weisen ist wertvoller als das Blut der Märtyrer.«
Sehnsucht nach Pfefferland und Zimtgärtlein
Der Siegeszug des Islam war nicht aufzuhalten. Im Jahr 641 eroberten die Araber Alexandria, das Welthandelszentrum für Gewürze, und erlangten damit die Kontrolle über den Gewürzhandel mit Europa. Allerdings gab es damals kaum Nachfrage aus dem im Chaos versinkenden Abendland. Und die Menschen im Frühmittelalter waren so sehr mit ihrem blanken Überleben beschäftigt, dass sie weder Zeit noch Kraft für eine kultivierte Küche hatten. Außerdem hatten sich die Araber wie ein Riegel zwischen Abendland und Fernen Osten geschoben und konsumierten die Gewürze aus Ostasien und Südostasien jetzt lieber selbst, als sie zu exportieren. Manche Historiker sprechen deswegen vom »Eisernen Vorhang des Islam« in dieser Zeit. Er war allerdings immer durchlässig für Gewürze. Aus dem Strom wurde eben nur ein Rinnsal.

Der Gewürzhandel zwischen Morgenland und Abendland wurde erst wieder im 9. und 10. Jahrhundert und vor allem nach dem ersten Kreuzzug (1096 –1099) stärker. Denn inzwischen hatte sich die Lage in Europa nach dem Durcheinander der Völkerwanderung beruhigt. Immer mehr exotische Gewürze tauchten auf den europäischen Märkten auf, immer mehr arabische Händler zogen in den Fernen Osten, um den wachsenden Bedarf zu decken. Und immer größer wurde die Sehnsucht der Europäer nach der Quelle der Gewürze: Der Orient mit seinen »Spezereien«, das unerreichbar ferne »Pfefferland«, dieses herbeigesehnte »Zimtgärtlein« im tiefsten Herzen Asiens, wurde zum Sinnbild für den Garten Eden. Lange Zeit ahnten die Europäer nicht, dass es das Paradies auf Erden nicht nur sinnbildlich, sondern auch tatsächlich gab, jedenfalls in kulinarischer Hinsicht. Denn im frühen Mittelalter wurde im Orient unendlich viel besser gekocht und gegessen als im Abendland.
Der beste Eintopf im Leben des Kalifen
In ihrer Liebe zum guten Essen standen die Araber den Römern in nichts nach, im Gegenteil. Man hat fast den Eindruck, dass die Kalifen die Kaiser in ihrem kulinarischen Fanatismus noch übertreffen wollten. Unter Kalif Harun al-Raschid wurde im 9. Jahrhundert das Essen zum alles beherrschenden Thema am Hof von Bagdad – und sollte es jahrhundertelang bleiben. Dutzende, wenn nicht Hunderte von Kochbüchern wurden mit dem Wohlwollen der Kalifen geschrieben und tausendfach kopiert. Nirgendwo sonst auf der Welt gab es bis zum 15. Jahrhundert eine solch reiche Kochbuchliteratur wie in den islamischen Ländern. In Europa herrschte im Vergleich dazu kulinarisches Analphabetentum.
Viele Kalifen verbrachten die meiste Zeit des Tages in der Küche und delegierten die Regierungsgeschäfte an die Wesire. Manche Historiker sind sogar der Ansicht, dass die erstaunliche Machtfülle der Wesire in der Geschichte des klassischen Arabiens keinen anderen Grund als die Kochleidenschaft der Kalifen hatte. Von jedem Edelmann wurde ein profundes Wissen über die Kunst der Küche erwartet, kulinarische Ignoranz war geradezu eine Todsünde. Kochwettbewerbe, an denen oft die Söhne des Herrschers teilnahmen, waren ein beliebter Zeitvertreib. Und manchmal machte sich der Kalif einen Spaß daraus, höchstpersönlich im Tigris einen Fisch zu fangen und ihn für zwei Liebende inkognito zuzubereiten. So schildert es eine Szene aus der arabisch-persischen Geschichtensammlung »Tausendundeine Nacht«. Dass die gute Küche kein Privileg der feinen Leute war, zeigt diese Anekdote über den 861 gestorbenen Kalifen al-Mutawakkil: Eines Tages saß er am Ufer und war betört vom Duft eines Eintopfs, den ein Seemann auf seinem Schiff zubereitete. Er ließ sich eine Schüssel kommen, war wie von Sinnen und schickte sie mit Geld gefüllt zurück. Denn es sei, so versicherte er, der beste Eintopf seines Lebens gewesen.

Die wunderschöne Königin der Vorspeisen
Am Hofe erlaubten sich die Kalifen ganz andere Extravaganzen. So wurden kunstvolle Gesänge auf raffinierte Speisen zu einer wichtigen literarischen Gattung: Jeder Gast trug ein Gedicht zu Ehren eines von ihm erwünschten Gerichts vor, das dann sofort genauso von den Köchen zubereitet und serviert wurde. Als einmal ein Feinschmeckerpoet die Zartheit des Spargels besang, dieser aber in der Kalifenküche fehlte, schickte man umgehend einen Reiter los, um das edle Gemüse aus Damaskus herbeizuschaffen. Kochkünste konnten sogar Leben retten: In der Mitte des 9. Jahrhunderts kam Kalif al-Muhtadi nach einem Umsturz an die Macht und wütete fürchterlich unter seinen Feinden. Doch den Wesir Abu Nuly al-Khatib verschonte er – weil ihm dessen Mutter immer eingelegte Gewürze so zart wie Nougat und Oliven so groß wie Eier geschenkt hatte.
Der wohl berühmteste kochende Hocharistokrat war Prinz Ibrahim bin al-Mahdi, Verfasser einer weitverbreiteten Rezeptsammlung, Erfinder von Küchenklassikern wie dem nach ihm benannten Fleischeintopf Ibrahimiya, Halbbruder des Kalifen Harun al-Rahid und Bruder im Geiste des großen römischen Schlemmers Marcus Gaius Apicius. Als der Prinz eines Tages Harun al-Rashid eine Freude machen wollte und ihm ein Gericht aus 150 Fischzungen in Aspik zubereitete, bekam er Ärger wegen der irrwitzigen Kosten. Die Speise wurde dann als »Gericht für 1000 Dirham« berühmt. Legendär war auch die unglaubliche Badi'a, die Konkubine von Ibrahim bin al-Mahdi, weithin gerühmt als beste Köchin des Erdkreises, als blonde Schönheit und Königin der kalten Vorspeisen und Desserts. Selbst der Kalif konnte ihren Künsten nicht widerstehen und bat sie, für ihn Gerichte zuzubereiten. Bida zauberte kunstvolle Arrangements, richtete die Speisen wie blühende Gärten, geschmückte Schwerter oder Bräute vor der Hochzeit an und wurde als Dank vom Kalifen mit einer Kette für 1000 Dirham nebst einem persönlichen Lobgedicht beschenkt.
Prügelstrafe für schlechte Köche
Dass gutes Essen etwas vorbehaltlos Gutes ist, muss in der arabisch-islamischen Welt breitester Konsens gewesen sein. Kritische Stimmen, die das Prassen verdammten und zur Mäßigung aufriefen, gab es kaum. Einer der wenigen Nörgler war der Philosoph und Moralist Abd al-Quddus. Er lebe, so klagte er bitter, unter »wilden Tieren«, die sich für nichts anderes als ihren Gaumen und ihren Magen interessierten. »Wenn man über Fisch und Gemüse schreibt, sammelt man in ihren Augen große Verdienste. Legt man indes wahrhaft wissenschaftliche Dinge dar, finden sie das ermüdend und langweilig.« Genau dieser Meinung war auch der genusssüchtige Kalif al-Mahdi, der die moralischen Werke von Abd al-Quddus derart öde fand, dass er ihn kurzerhand hinrichten ließ. Am Hof der Kalifen war ebenjene Haltung kulinarische Staatsräson, die ein Gourmet namens Thawb Ibn Shama kurz und bündig formulierte: Er wolle lieber Hungers sterben, als mittelmäßige Speisen zu essen.
Die Liebe zum guten Essen war unermesslich in der islamischen Welt. Das hat sich nicht nur auf dem Teller, sondern – zu unserem Glück – ebenfalls in der Literatur niedergeschlagen. In den Erzählungen von »Tausendundeiner Nacht« wimmelt es von Episoden, die das Hohelied des guten Geschmacks anstimmen, doch nicht nur das. Hier kann man auch nachlesen, dass es für schlechte Köche kein Erbarmen gab. Der arme Hasan musste das in der »Geschichte Nuruddins und seines Sohnes und Schemsuddins und seiner Tochter« erleben. Er, der Koch, bereitet Granatäpfel zu, die ihm offensichtlich nicht so recht gelingen, wird deswegen von den Schergen des Sultans fürchterlich verprügelt, in eine Kiste gesperrt und soll sogar hingerichtet werden. Schon ist der Galgen errichtet, und Hasan fleht: »Doch sagt mir endlich, was ich dabei für ein Verbrechen begangen habe?« Endlich wird es ihm verraten: »Weil du so schlechte Granatäpfel gekocht und zu wenig Pfeffer dazu genommen hast.« Hasan ist fassungslos: »Wie? Weil an den Granatäpfeln zu wenig Pfeffer war, habt ihr meinen Laden verwüstet und mein Geschirr zerbrochen? O ihr Muselmänner, um ein bisschen Pfeffers willen habt ihr mich also gebunden und in diese Kiste gesperrt: darum habt ihr mich gefesselt und wollt mich nun hängen lassen? O ihr Muselmänner, und dies alles, weil die Granatäpfel nicht genug gepfeffert waren; verdient denn ein solches Vergehen eine so grausame Strafe?« Am Ende lässt man allerdings Gnade vor Recht walten – und den guten Koch Hasan am Leben.

Brot so dünn wie feinster Stoff
Die Philosophie der Kalifen-Küche war so modern, dass sie bis heute plausibel klingt: Nicht teure Zutaten und hochkomplexe Aromen waren – wie noch bei den Römern – das Wichtigste, sondern die sorgfältige Zubereitung und saubere Verarbeitung der Ingredienzen. Man bevorzugte das langsame, schonende Kochen und Schmoren in Tontöpfen und entwickelte raffinierte Techniken wie das Pochieren – das Garen im Wasserbad – oder das Dampfgaren. Und man experimentierte leidenschaftlich gern, zum Beispiel mit Brot, das man hauchdünn backen wollte. Nach vielen Versuchen gelang es, und so kam das berühmte Ruqaq zustande. Es soll so dünn gewesen sein, dass es die derben Beduinen bei ihren Besuchen in der Stadt für feinen Stoff hielten. Das Alpha und Omega der arabischen Kochkunst aber waren die Gewürze. In einem anonymen Kochbuch aus der Zeit der Almohaden, die im 12. und frühen 13. Jahrhundert Andalusien beherrschten, steht es klipp und klar: »Wisse, dass die Kenntnis der Gewürze die Grundlage aller Kochkunst ist, der Fels, auf dem alles errichtet wird, weil die Gewürze das haben, was den Speisen am besten bekommt.«
Die beliebteste Gewürzmischung Arabiens war die Kombination aus Pfeffer, Kreuzkümmel und Koriander, der man von Andalusien bis zum Zweistromland überall begegnete. Auch der sprichwörtliche Sesam und das Ingwergewächs Galgant zählten zu den Standardgewürzen. So begehrt wie schon in der Antike war der Safran, denn er war nicht nur gut für den Gaumen, sondern genauso fürs Gemüt – wie es jenes persische Sprichwort besagt, das Safrantee fürs Fröhlichsein empfiehlt. Das Auge der Araber aß selbstverständlich immer mit, deswegen gehörte eine raffinierte Präsentation für jeden Koch zum Pflichtprogramm. Die Teller wurden mit Thymian, Estragon, Basilikum, Minze, Weinraute und Lauch verziert. Am wichtigsten aber waren Petersilie und Koriander als Dekoration. Und Desserts verschönerte man am liebsten mit gefärbtem Zucker und Konfetti aus kolorierten Nüssen. So wurde jedes Gericht zur essbaren Arabeske, während man im Europa dieser Zeit seinen Brei mit der Schöpfkelle in den Napf warf.

Ein Kochbuch für Herrscher und Würdenträger
Die beiden berühmtesten Kochbücher des arabischen Mittelalters haben kurioserweise denselben Namen: »Kitab al-Tabikh«, das »Buch der Gerichte«. Das erste wird im 10. Jahrhundert von Ibn Sayyar al-Warraq geschrieben und nennt sich im Untertitel selbstbewusst »Ein Kochbuch für Könige, Kalifen, Herrscher und Würdenträger«. Es enthält eine lange Liste von Würzmitteln, die für jeden guten Koch unverzichtbar sind, und führt dabei beinahe jedes Gewürz auf, das damals bekannt war. Selbst Zutaten zum Färben von Speisen wie Lapislazuli, ein blau glänzendes Mineralgemisch, oder Indigo werden genannt. Das Buch berücksichtigt in seinen Rezepten auch die Viersäftelehre des Hippokrates und des Galen von Pergamon. »Ich habe die Schriften der alten Philosophen und Ärzte gelesen«, bekennt der Autor nicht ohne Stolz. Er beschreibt in eigenen Kapiteln ausführlich die Wirkung der einzelnen Gerichte und Gewürze auf den Körper, gibt Tipps für die richtige Verdauung und sogar die angemessene Körperertüchtigung vor dem Essen. Das »Buch der Gerichte« ist also gleichermaßen ein Koch- und Gesundheitswerk im Geiste des antiken Medizinverständnisses, nach dem sich der Mensch ganz leicht gesund essen kann, wenn er ein paar simple Grundregeln beachtet. Auch Mohammed al-Khatib al-Bagdadi, der Verfasser des zweiten »Kitab al-Tabikh«, ist von diesem Gedanken beseelt. Er gibt im 12. Jahrhundert seinen Lesern eine Einführung in die heilsamen Freuden guter Ernährung. 164 Gerichte enthält sein berühmtes Werk, die vor Gewürzen nur so strotzen. Ein Fleischeintopf wird mit Koriander, Zimt und Safran gewürzt, mit Weinessig gesäuert, mit Dattelsaft und Honig gesüßt, mit Feigen, Mandeln und Rosinen dekoriert und vor dem Servieren mit Rosenwasser beträufelt. Die Kebabs kochen in einer Brühe, die mit Pfeffer, Mastix – dem Harz des Pistazienbaums –, Zimt, Ingwer, Karotten und Zwiebeln gewürzt ist. Und verschiedene Fische werden mit Walnüssen, Knoblauch, Sumach – den gemahlenen Früchten des Färberbaums –, Thymian, Koriander, Zimt, Kreuzkümmel und Mastix gefüllt, mit einer Paste aus Sesamöl, Safran und Rosenwasser bestrichen und im Lehmofen am Spieß gegart.
Das Morgenland ist weder fremd noch fern
So kunstvoll und elaboriert wie im Mittelalter kocht man heute in den arabischen Ländern nicht mehr. Es ist erstaunlich, dass sich die kulinarische Kultur des Islam nach einer ersten Blüte unter den Kalifen nicht weiterentwickelte, sondern in einem vergleichsweise kleinen Kanon aus Küchenklassikern erstarrte. Allerdings werden in den Küchen Arabiens bis heute nahezu alle Gewürze von damals verwendet, von Pfeffer, Kardamom und Koriander über Dill, Fenchel, Safran und Kreuzkümmel bis zu Anis, Zimt, Gewürznelken und Muskatnuss. Zum Aromatisieren nimmt man wie seit jeher Rosenwasser, wilde Minze oder Orangenblüten, und völlig verschwunden ist nur ein einziges Würzmittel des Mittelalters: Murri, die fermentierte Fischsauce, die dem römischen Garum und dem griechischen Garos entspricht. Die Anekdoten von kochverrückten Kalifen mögen wie Geschichten aus »Tausendundeiner Nacht« klingen, aus einem exotischen Morgenland, das uns unendlich fremd und fern ist. Das ist es aber nicht. Diese Welt ist mitten in uns. Denn der arabische Einfluss auf die abendländische Kulinarik – und nicht nur auf sie – kann gar nicht überschätzt werden. Die Schlüsselrolle spielte dabei die arabische Eroberung der Iberischen Halbinsel vom Jahr 711. Sie war gleichzeitig der Brückenschlag zwischen dem christlichen und islamischen Kulturkreis. Doch auch die Kämpfe zwischen Christen und Muslimen um Süditalien und später die Kreuzzüge brachten die Religionen in engen Kontakt miteinander. Wie solide diese Brücke gebaut war, zeigt allein die Sprache. Mehr als 4000 spanische Wörter sind aus dem Arabischen entlehnt, darunter die Bezeichnungen für Zucker, Aprikose und Reis. Das deutsche Wort »Ziffer« leitet sich vom arabischen sifr für null ab, und in unserer Vokabel »Risiko« steckt nichts anderes als das rizk der Araber.

Der Kühlschrank des Kalifen
Die Seide und das Schießpulver, der Kompass und die Windmühlen sind chinesische Erfindungen, die dank des Islam nach Europa kamen. Auch die Technik der Kühlung haben wir von den Arabern gelernt, die sie sich ihrerseits von den Ägyptern abgeschaut hatten: Schon im 2. Jahrtausend vor Christus transportierten spezielle Karawanen im Winter gestampften Schnee von den Gipfeln des Libanon über Hunderte von Kilometern in nur sechzehn Tagen an den Nil. Dort wurde der Schnee in tiefen Schächten aufbewahrt. Maßen sie zehn Meter, hielt das Eis bis Juli, waren es zwanzig Meter, hielt es sich das ganze Jahr über. Im arabischen Spanien holten sich die Kalifen von Córdoba den Schnee aus der Sierra Nevada und konnten sich so auch im brüllend heißen andalusischen Sommer ihr sherbet schmecken lassen – im Abendland wurde daraus später das Sorbet.
Die arabische Welt veränderte die Küche Europas grundlegend. Sie bereicherte sie um neue Früchte und Gemüsesorten wie Spinat aus Nepal, Auberginen aus Indien, Granatäpfel aus Syrien, Melonen aus Ägypten und Feigen aus Anatolien. Sie lehrte die abendländischen Köche die Methode des Einlegens und damit Haltbarmachens von Essen in einer sauren Marinade. Und sie schenkte Europa den Zucker. Am bedeutendsten aber war die Renaissance der Gewürze dank der arabischen Küche. Koriander, der schon im Buch Mose erwähnt wird und in der Antike ganz selbstverständlich in jeden guten Haushalt gehörte, war ein Standardgewürz im islamischen Spanien und wurde es bald wieder jenseits der Pyrenäen in der mittelalterlichen europäischen Küche. Davor war er bestenfalls als Heilpflanze gegen Tollwut und Husten benutzt worden. Und ganz geheuer fanden manche Abendländer das Kraut auch nach Jahrhunderten noch nicht. Der in Tübingen lehrende Botaniker Leonart Fuchs schrieb 1543: »Kein Wanz kann nit so übel stincken als der grün Coriander.« Nicht die geringsten Diskussionen gab es hingegen beim Safran, der in der spanischen Küche bis heute zu den Säulenheiligen gehört und ohne den keine Paella eine richtige Paella ist. Die Safranfelder in der Mancha in Zentralspanien liefern bis heute den größten Teil der europäischen Ernte und – wie viele Feinschmecker meinen – die beste Qualität überhaupt.
Lauter Verbündete im Kampf um den guten Geschmack
Christentum und Islam haben sich viele blutige Schlachten geliefert und stehen sich heute fast so unversöhnlich gegenüber wie in ihren düstersten Epochen, als die Fanatiker auf beiden Seiten das Wort führten. Die Iberische Halbinsel wurde mit dem Schwert erobert und mit dem Schwert zurückgewonnen, bis 1492 Granada fiel, die letzte islamische Bastion auf spanischem Boden.

Die Kreuzritter befreiten 1099 mit roher Gewalt das Grab Christi in Jerusalem und wurden keine hundert Jahre später von Sultan Saladin vernichtend geschlagen. Das Osmanische Reich stand mit seinen Armeen 1529 und 1683 vor den Toren Wiens und konnte nur von einer heiligen christlichen Allianz zurückgeworfen werfen. Doch die Osmanen haben bei dieser Gelegenheit den Europäern kulinarische Schätze wie den Kaffee dagelassen – und genau das ist symptomatisch: So kriegerisch die Konflikte zwischen Christen und Muslimen gewesen sein mögen, so inspirierend waren die Begegnungen immer, für die Kultur wie für die Kulinarik, für den Geist wie für die Gewürze. Erbfeindschaften gibt es hier nicht, nur lauter Verbündtete im Kampf für den guten Geschmack. Das hat uns die Geschichte gelehrt. Und das sollten wir niemals vergessen.

Warum sollte ein Mensch sterben, in dessen Garten Salbei wächst?« So lautet ein altes arabisches Sprichwort, das für die Menschen in der islamischen Welt des Mittelalters eine klare Botschaft hatte: Die Natur gibt uns alle Heilmittel in die Hand, die wir für unsere Gesundheit brauchen. Wir müssen sie nur in der Küche richtig verwenden. Essen ist also nicht nur höchstes Vergnügen, sondern auch das beste Instrument für Heilung und Prävention. Dieser Grundsatz prägte jahrhundertlang das Denken der Araber, vom einn Mann bis hinauf zum Kalifen. Die Herrscher aßen am liebsten unter den wachsamen Augen ihrer Leibärzte, die ihnen je nach Tagesform und Gesundheitszustand bestimmte Gerichte mit ganz speziellen Gewürzen ans Herz legten. Diese Sitte wurde – wie wir später noch sehen werden – im Mittelalter von den europäischen Fürsten übernommen. Die Fürsten übernahmen aber noch viel mehr von der arabischen Gesundheitsphilosophie – genau genommen, so gut wie alles, und das völlig zu Recht. Denn die islamische Medizin war im Mittelalter der Gipfel der Heilkunst. Und so fand das arabische Sprichwort vom lebensrettenden Salbei Eingang in den Sprachschatz der Europäer, die wussten: »Wer Salbey baut, den Tod kaum schaut.«
Der Prophet Mohammed starb im Jahr 632 und hinterließ einen Glauben mit einem unfassbaren Expansionsdrang. Schon wenige Jahrzehnte später war er von den Pyrenäen bis zum Hindukusch zur vorherrschenden Religion geworden. Man darf sich die arabische Welt aber nicht als geschlossenes kulturelles System vorstellen. Juden, Perser, Christen und Berber spielten in der islamischen Welt ebenfalls eine bedeutende Rolle. Bis weit ins hohe Mittelalter hinein waren Christen sogar die Leibärzte von Kalifen.
Die arabische Medizin war der europäischen deswegen so überlegen, weil sie das Wissen der Antike bewahrte und fortschrieb. Die islamisch dominierte Welt deckte sich in vielen Teilen mit dem früheren Reich Alexanders des Großen. Dort waren die medizinischen Traditionen des antiken Griechenland noch immer lebendig. Die Araber kannten deswegen Ärzte wie Hippokrates oder Galen genau und schätzten sie in höchstem Maß. Aber auch mit persischen und indischen Schriften kamen die Araber früh in Kontakt und nutzten sie für sich. Dieser ganze Wissensschatz wurde im 11. und 12. Jahrhundert in der Übersetzerschule von Toledo des kastilischen Königs Alfons des Weisen und der Medizinerschule von Salerno in Süditalien ins Lateinische übertragen. So profitierte über viele Umwege und nach vielen Jahrhunderten das Abendland, in dem bis zu diesem Zeitpunkt nur Bruchstücke des antiken Wissens existiert hatten, wieder von den Erkenntnissen seiner Vorväter.
Die zentrale Rolle in der arabischen Medizin spielten wie in allen Epochen zuvor die Gewürze. Schon der Prophet Mohammed empfahl Knoblauch zur Stärkung des Körpers. Seine Nachfahren wussten, dass Kampfer dem Herz guttut, Tamarinde, Kassia und Aloe die Verdauung fördern und kein Mittel wirkungsvoller bei der Schmerzbehandlung ist als Mohn. Diese Erkenntnisse verdankten die Araber zu großen Teilen Hippokrates, Galen und Dioskurides. Doch die Araber gingen einen entscheidenden Schritt weiter. Ihre Hauptleistung bestand im Systematisieren, Differenzieren und Erweitern der griechischen Medizin. So war eine ihrer neuen Leitlinien, eine Diagnose nicht nur nach der körperlichen, sondern auch der geistigen Verfassung des Patienten zu erstellen. Das Individuum stand also im Mittelpunkt, und da der Geist so wichtig war, wurde zur Genesung zum Beispiel auch Musik eingesetzt.
Die alles überragende Gestalt der arabischen und der mittelalterlichen Medizin überhaupt ist Ali Ibn Sina, der im Lateinischen Avicenna genannt wird.

Er war vermutlich persischer Herkunft, wurde um 978 in Usbekistan geboren und hatte keine Schwierigkeiten mit seinem Selbstbewusstsein. So bekannte er einmal: »Die Medizin gehört nicht zu den schweren Wissenschaften. Deshalb tat ich mich in kürzester Zeit darin so hervor, dass tüchtige Ärzte anfingen, bei mir Medizin zu studieren.« Schon mit achtzehn Jahren hatte er seine Ausbildung abgeschlossen, führte danach ein unstetes Leben und wirkte schließlich in der persischen Stadt Isfahan als politischer Berater, Minister und Leibarzt. Das alles ließ ihm noch genügend Zeit, im Laufe seines Lebens eine ganze Bibliothek zusammenzuschreiben. Unsterblich aber wurde er mit einem einzigen Werk: seinem »Canon medicinae«.
Diese riesige Richtschnur der Medizin ist die umfassendste systematische Darstellung der Medizin im Mittelalter. Ihre Grundlage sind die Schriften des griechischen Arztes Galen von Pergamon, dem selbst nie eine solche ordnende Analyse seiner Einsichten gelungen war. Der »Canon medicinae« entwirft eine Theorie der Anatomie und Physiologie, behandelt alle Arten von Krankheiten und beschreibt vor allem die Wirkungsweisen der Heilmittel. Das monumentale Werk basiert eindeutig auf der »Materia medica« des römisch-griechischen Arztes Dioskurides, des einflussreichsten Heilpflanzenbuchs vielleicht der gesamten Medizingeschichte. Doch Avicenna geht in seinen Rezepten oft deutlich darüber hinaus und ist von einer bestechenden Systematik. Jedes Kapitel ist identisch aufgebaut, beginnt mit dem Namen der Pflanze, beschreibt ihre Haupteigenschaften und schließlich ihre Wirkungen auf die einzelnen Organe. Über Ingwer heißt es zum Beispiel, dass er stark wärmend ist, also die Kälte in Magen und Leber vertreibt, und dadurch das Verdauungssystem ins Gleichgewicht bringt. Fast unbegrenzt sind laut Avicenna die Anwendungen des Safrans. Als Getränk eingenommen, sorgt er für eine gute und gesunde Hautfarbe. Er kann überdies eitrige Geschwüre auflösen, die Sehkraft verbessern, die Atemwege stärken und harntreibend wirken. Ein Segen für Gebärmutter, Magen und Milz ist er auch noch. Und zu guter Letzt steigert er die Lust bei Mann und Frau.
Avicenna behandelt eine Fülle komplexer Heilmittel, bei denen eine unglaubliche Vielfalt von Pflanzen und Gewürzen zum Einsatz kommt. Für ein vergleichweise einfaches Rezept, das gegen Magenschmerzen, Blähungen und Leberleiden wirken soll, mussten die Bestandteile aus der halben Welt zusammengetragen werden, darunter Indischer Goldregen, Indische Narde, Früchte von Fenchel, Sellerie, Kümmel, Dill, Anis, Lorbeerseidelbast und Bibergeil, das Sekret aus den Drüsensäcken des Bibers. Kaum weniger aufwendig ist die Zutatenliste für ein verdauungsförderndes Mittel namens »Electuarium«, das gegen einen sehr kalten, also sehr trägen Magen helfen soll. Man stellt es so her: Kreuzkümmel wird mit Essig aufgegossen und dann wieder getrocknet. Pfeffer, Ingwer, getrocknete Weinraute und Salpeter werden anschließend mit gereinigtem Honig vermischt – fertig ist der Wundertrank.

Bei diesem Rezept dachte Avicenna aber nicht nur an die Gesundheit, sondern auch an den Gaumen seiner Patienten. Dass Kreuzkümmel in Essig eingelegt, wieder getrocknet und geröstet werden soll, hatte keine zwingenden medizinischen Gründe. Die Kümmelfrüchte werden durch die Hitze aufgeschlossen, so entsteht ein erstaunlich angenehmes Aroma. Die therapeutische Wirkung des Kreuzkümmels wird dadurch nicht beeinflusst. Er regt den Speichelfluss sowie die Sekretion des Magenund Gallensafts an. Der Pfeffer wirkt genau in dieselbe Richtung. Ingwer steigert die Aktivität verschiedener Verdauungsenzyme und fördert ebenfalls den Gallenfluss. Die früher so beliebte Weinraute und Salpeter gelten heute als bedenklich, weil sie unter anderem Allergien auslösen können. Das Rezept wirkt aber sicher auch ohne diese Zutaten – und es wirkt heute genauso zuverlässig wie vor tausend Jahren.
Der »Canon medicinae« wurde um 1170 in der spanischen Stadt Toledo von Gerhard von Cremona und seinen Mitstreitern ins Lateinische übersetzt. Von der Mitte des 13. Jahrhunderts an war er das maßgebliche Grundlagenwerk des Medizinstudiums an sämtlichen europäischen Universitäten. Bis ins 16. Jahrhundert hinein musste sich jeder Medizinstudent über vier Semester mit Avicenna befassen. Eine solche Strahlkraft, die ein halbes Jahrtausend lang nicht verblasste, hat kein anderes Werk der mittelalterlichen Medizin erreicht.

Eine einzige andere Schrift konnte sich mit Avicennas epochalem Kanon messen: das Gesundheitshandbuch des christlichen Arztes Ibn Butlan, der 1066 starb. Mit seinem Werk »Tacuinum sanitatis« schuf er einen neuen Typ von medizinischer Literatur. Ibn Butlan diagnostiziert nicht, sondern tritt einen grundlegenden Schritt zurück und beschreibt erstmals in der Medizingeschichte eine umfassende Lehre der Diätetik, also der Gesundheitsvorsorge. Nach ihm kann der Mensch auf sechs Gebieten seine Gesundheit durch sein eigenes Verhalten positiv beeinflussen. Der vernünftige Umgang mit Essen und Trinken und die richtige Dosierung der Gewürze spielen dabei die zentrale Rolle. Dieses Wissen erklärt Ibn Butlan in tabellarischer Form – seine Tabellen wurden wegen ihres Aussehens als »Schachtafeln der Gesundheit« berühmt.
Die Aktualität von Ibn Butlan ist selbst nach tausend Jahren noch verblüffend. Er misst zum Beispiel den Meeresfischen einen größeren gesundheitlichen Wert als den Süßwasserfischen zu – genau das hat die moderne Forschung bestätigt. Er empfiehlt, alten Käse zu meiden und möglichst frischen zu essen – heute wissen wir, dass alter Käse den entzündungsfördernden Stoff Histamin enthält. Oliven, Spargel, Zwiebeln und Knoblauch werden sehr gelobt, Knoblauch vor allem deswegen, weil er die Säfte verdünnt – tatsächlich haben die Zehen, wie längst wissenschaftlich nachgewiesen ist, eine blutverdünnende Wirkung. Ibn Butlan gibt sogar Empfehlungen für bestimmte Menschentypen und Lebensalter. So legt er Koriander vor allem Menschen mit einem empfindlichen Magen als Mittel zur Förderung der Verdauung ans Herz – was sehr vernünftig ist, weil Koriander wesentlich milder wirkt als andere verdauungsstimulierende Gewürze wie Pfeffer und Ingwer.

Eine arabische Handschrift des »Tacuinum sanitatis« gelangte im 13. Jahrhundert an den Hof des letzten Stauferkönigs Manfred in Sizilien, wurde dort ins Lateinische übersetzt und illustriert. Seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert war eine gekürzte Fassung, die sich auf Ernährungsfragen konzentrierte, vor allem beim italienischen Adel sehr beliebt. Die besseren Stände des europäischen Mittelalters ernährten sich also nach den Prinzipien eines christlich-arabischen Arztes und bewiesen damit ein weiteres Mal, wie wenig Barrieren es zwischen den Weltreligionen in der Geschichte der Medizin und der Gewürze immer gegeben hat.
Es klingt verwegen, doch es ist wahr: Ohne die Heilkunst der arabischen Ärzte wäre es um die Gesundheit der Menschen im europäischen Mittelalter viel schlechter bestellt gewesen. Denn ohne Avicenna und Ibn Butlan hätten sie kaum etwas von der segensreichen Wirkung der Gewürze gewusst. Doch so klug und scharfsinnig die islamischen Gelehrten die Heilkraft der Pflanzen durchschauten und dokumentierten, so viel Platz blieb noch, um den Gewürzen fantasievolle literarische Denkmäler jenseits der Naturwissenschaft zu setzen – wie diese schöne Episode aus »Tausendundeiner Nacht« zeigt. In der »Geschichte Ala Eddin Abu Schamats« wird geschildert, wie ein verzweifelter Kaufmann ein Rezept gegen seine Kinderlosigkeit sucht. Scheich Muhamed weiß, was zu tun ist: Gib nur zwei Goldstücke her und eine chinesische Schüssel. Als der Kaufmann ihm gab, was er verlangte, kaufte er einen chinesischen Braten, nahm Zimt, Nelken, Ingwer, Pfeffer und andere Gewürze, stieß es zusammen, ließ es in feinem Öle kochen. Dann tat er einige Nieren hinzu und einen Becher voll Sesamöl, knetete es mit Honig und griechischem Essig, hielt alles dem Kaufmann hin und sagte: Lasse dir zum Nachtessen stark gewürztes Schaffleisch und eine Taube braten, dann nimm diese Arznei und trinke Zuckerwasser darauf. Der Kaufmann befolgte die Vorschrift des Maklers, und nach einigen Monaten erklärte ihm seine Frau, die Arznei habe gewirkt. Nach neun Monaten gebar sie einen sehr hübschen Knaben.

Das Schöne am Reisen ist, dass man schlauer zurückkommt, als man losfährt. Und so schlau wie aus Istanbul bin ich wahrscheinlich noch von keiner Reise zurückgekehrt. Denn am Bosporus habe ich eine ganz andere Türkei kennengelernt, als ich zu kennen glaubte. Ich bin in einer Stadt gewesen, die einfach unglaublich ist: unglaublich kultiviert und kosmopolitisch, geschichtsträchtig und zukunftsgläubig, schön und reich – und das längst nicht nur an Geld.
Schon beim ersten Anblick stockt einem der Atem. Ich weiß nicht, ob ich je eine Stadt gesehen habe, die fantastischer liegt. Über sieben und noch viel mehr Hügel ergießt sich das wogende Häusermeer und wird dabei überall von echten Wellen mit mythischen Namen umspült – von Bosporus, Marmarameer, Goldenem Horn. Istanbul ist eine Stadt aus Wasser und Stein, voller Menschen und Möwen, voller Fähren und Brücken, die Europa und Asien miteinander verbinden – zwei Kontinente, ein Brückenschlag. Greifbarer wird Geografie nirgendwo sonst auf dem Globus. Es ist eine Stadt mit einem majestätischen Auftritt, in der siebzehn Millionen Einwohner leben und die viel zu würdevoll ist, um deswegen gleich im Chaos zu versinken. Das ist die zweite Überraschung beim zweiten Blick: Istanbul ist kein morgenländisches Tohuwabohu, sondern eine hochzivilisierte, gut funktionierende, sehr europäische Metropole – viel weniger eine Stadt des Orients als des Mittelmeers.
Ich bin nach Istanbul gekommen, weil es ein Schicksalsort in der Geschichte der Gewürze ist. So viel habe ich über ihn gelesen: Tausend Jahre lang saß die Stadt wie die Spinne im Netz eines weltweiten Gewürzhandels, wurde darüber reich, prunkvoll und begehrenswert. Seit jeher haben sich alle von diesem Ort und seiner Lage verführen lassen, die antiken Griechen, die die Stadt um 660 vor Christus als Byzantion gründeten, die Perser, die sie 513 vor Christus eroberten, später die Römer, die sie Konstantinopel tauften und zur Hauptstadt des Oströmischen Reichs machten. Schließlich die Osmanen, die sie 1453 in Besitz nahmen und damit ein neues Kapitel in der Weltgeschichte aufschlugen. Denn der Fall Konstantinopels und die damit verloren gegangene Kontrolle über den Gewürzhandel war der Antrieb für die Europäer, den Seeweg nach Indien zu suchen – mit allen bekannten Folgen.

Und diese ganze Geschichte sieht man, spürt man, atmet man. Wie hypnotisiert fühle ich mich von der grandiosen Silhouette Istanbuls, dieser allgegenwärtigen Panoramakulisse, in der sich die Schichten der Geschichte wie bei einem Baumkuchen übereinandergetürmt haben: Die Minarette Dutzender Moscheen, eine prachtvoller als die andere, stechen wie göttliche Lanzen in den Himmel, während der riesige Topkapi-Palast der osmanischen Sultane auf seiner Landzunge melancholisch vergangenem Ruhm nachtrauert und auf dem wuchtigen Galata-Turm immer noch die genuesischen Gewürzhändler sehnsüchtig auf die Ankunft ihrer Schiffe zu warten scheinen. Die Königin dieser Kulisse aber ist die Hagia Sophia. Ihr nicht seine Aufwartung zu machen ist ein Verbrechen.

Ich mache mich nicht schuldig, stehe in der Hagia Sophia, lege den Kopf tief in den Nacken und bekomme eine Gänsehaut. Mein Führer flüstert fast, um die Andacht nicht zu stören, der kein Touristenrummel etwas anhaben kann. Tausend Jahre lang, sagt er, war die Hagia Sophia die wichtigste, großartigste, prunkvollste Kirche der Christenheit, im 6. Jahrhundert als letztes großes Bauwerk der Antike errichtet und für Jahrhunderte als unübertroffene architektonische Sensation gefeiert. Denn sie wurde als Kuppelkirche errichtet, in der kein einziger Stützpfeiler die Erhabenheit des monumentalen Innenraums entweiht. Winzig klein fühle ich mich unter der 56 Meter hohen, goldglänzenden, die ganze Herrlichkeit des Himmelreichs ankündigenden Kuppel, so klein, wie sich ein Mensch im Angesicht Gottes fühlen soll.
»Doch wie in Gottes Namen konnte man damals nur eine solche Kuppel bauen?«, frage ich meinen Führer. Es war ein simpler Sandkastentrick: Nachdem alle Grundmauern errichtet worden waren, füllte man das gesamte Gebäude mit Erde und setzte die Kuppel gefahrlos obenauf. Damit die Kirche möglichst schnell fertig wurde, ließ Kaiser Justinian Goldstücke unter die Erde mischen – und jeder Arbeiter, der eines fand, durfte es behalten. So war die Kirche in Windeseile wieder leer geräumt. Als dann die osmanischen Eroberer 1453 die Hagia Sophia sahen, waren sie so fassungslos im Angesicht des riesigen, freien Raums wie jetzt ich. Und sie beschlossen: Diese Kirche soll künftig das Vorbild aller Moscheen sein. Denn bis dahin waren die islamischen Gotteshäuser immer als Pfeilermoscheen gebaut worden, was den Nachteil hatte, dass die Gläubigen den Vorbeter schlecht sahen. Eines aber gelang den Sultanen nie: Jeder Versuch, die wahnwitzige Kuppelhöhe der Hagia Sophia mit einer Moschee zu übertreffen, scheiterte um eine Handvoll Meter. Und so wirkt es fast wie Trotz, dass die Osmanen die Kirche in eine Moschee umwidmeten, die Kuppel mit Suren und die Stirnseite mit dem Namen Allahs und des Propheten in gigantischen Schriftzügen schmückten. Erst 1935 wurde die Hagia Sophia auf Geheiß von Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei, in ein Museum umgewandelt, in ein gemeinsames Erbstück der beiden Weltreligionen.

Draußen blendet mich nicht mehr das Gold der Deckenmosaiken, sondern die Sonne Istanbuls – und der Glanz einer Geschichte, die hier so verdichtet ist wie kaum irgendwo sonst. Im Viertel rund um die Hagia Sophia geht man nicht nur durch, sondern buchstäblich auch über die Vergangenheit. In diesem Augenblick befindet sich genau unter mir die berühmte römische Zisterne, die achtzig Millionen Liter Wasser fasste, der Stadt bei Belagerungen das Leben rettete und im James-Bond-Film »Liebesgrüße aus Moskau« einen großen Auftritt hatte: Sean Connery steigt zusammen mit seinem türkischen Freund in die Zisterne hinab, um die sowjetische Botschaft mit einem Periskop auszuspionieren.
So viele Gegensätze drängen sich hier so friedlich auf so engem Raum. Ich komme an Sultansmoscheen vorbei und an verwitterten Holzhäuschen, an Stadtpalästen und Karawansereien, aus deren winzigen Fenstern das Hämmern einer Silberschmiede dringt. Dann schreite ich durch ein 500 Jahre altes Tor und bin im Großen Basar, einem ganz eigenen, labyrinthischen, komplett überdachten, wie ein Bienenkorb summenden Universum, in dem 30000 Menschen arbeiten, Armeen von Teeverkäufern mit ihren Tabletts hin- und hereilen und fünfmal am Tag der Muezzin in einer Art Vogelhäuschen hoch über den Gängen zum Gebet ruft.

Überall glänzt das Gold, bis heute das wichtigste Handelsgut des Großen Basars, das meist in Form von Armreifen verkauft wird. Mein Führer erklärt mir, warum: Früher konnte ein Ehemann in der Türkei seine Frau nach islamischem Recht mit einem dreifachen Fluch einfach so aus dem Haus werfen. Die Ehefrau durfte nur mitnehmen, was sie am Leib trug – und deswegen hatte sie ihr Geld in Form von goldenen Armreifen stets bei sich. Dieses Gesetz gibt es längst nicht mehr, doch bis heute ist es Tradition in der Türkei, vor der Hochzeit im Großen Basar Gold zu kaufen.
Wo aber sind die Gewürze, das wahre Gold des Lebens? Ich frage die Goldhändler, und sie deuten nach unten, in Richtung Galata-Brücke: »Geh zum Wasser, und du wirst sie finden, in einem eigenen Basar.«
Nach ein paar Minuten stehe ich vor einem rechteckigen Gebäude mit Dutzenden von Kuppeln, und wieder bekomme ich eine Gänsehaut: »1597 – 1664« steht auf einer Tafel am Eingangstor. Das sind die Geburtsdaten des Istanbuler Gewürzbasars, der auch nach 400 Jahren quicklebendig ist – das hier ist nun wirklich Geschichte zum Anfassen, zum Riechen, zum Kosten. Ich tauche ein in diese uralte, niemals geplünderte, noch immer prall gefüllte Ali-Baba-Höhle der Wohlgerüche und fühle mich wie ein Zeitreisender, wie ein venezianischer Kaufmann, der dem Abendland die Kostbarkeiten des Morgenlands bringt.

An den Marktständen stapeln sich Barren und Blöcke von türkischem Honig zu tollkühnen Türmen. Nüsse und kandierte Früchte liegen kunterbunt in ihren Holztrögen wie in einem essbaren Farbmalkasten.

Von der Decke hängen Schlangen mit getrockneten Auberginen und Paprikaschoten und lange Lutscher, die »Süße Wurst« heißen: Es sind Spieße mit Walnüssen, die immer wieder in Aprikosen- und Maulbeersirup getunkt wurden. Und in einer Gewürzapotheke entdecke ich einen anderen Sirup, der nichts für Kinder ist: »Das Aphrodisiakum des Sultans« steht auf der Dose, und die Inhaltsangabe liest sich wie ein Gesamtwarenverzeichnis des Gewürzmarkts: »Zimt, Pfeffer, Nelken, Kreuzkümmel, Senfsamen, Anis, Koriander, Ingwer, Zimtblüten Kokosnuss, Fenchel, Vanille, Kardamom, Safran, Myrrhe, Zitrone, Thymian, Henna« – na, da kann ja nichts mehr schief gehen.
Ich gehe trotzdem lieber weiter und denke leise lächelnd über die Leichtgläubigkeit des Menschen nach.
Plötzlich werde ich von einem Gewürzhändler aus meinen Gedanken gerissen und in sein Geschäft hereingerufen. Der Mann spricht fließend Bayerisch und heißt Cengiz. »Wie spricht man das aus?« – »Nenn mich einfach Dschingis, so wie Dschingis Khan«, sagt Cengiz und zeigt mir all seine Schätze: Schafskäse, der für ein Jahr zum Nachreifen in ein Ziegelfell eingenäht wird, gepressten Fischrogen und irrwitzig teuren Beluga-Kaviar, den er ganz schlicht in einer Plastikdose aufbewahrt wie eine Wurstsemmel. Schließlich holt Dschingis verschwörerisch den Safran hervor. »Vergiss den iranischen Safran, den alle kaufen. Der hier ist der Beste, den es auf der Welt gibt, der kommt von der türkischen Schwarzmeerküste. Hier, probier!« Und ich muss ihm recht geben, dieser Safran ist wirklich fabelhaft. Ich kaufe gleich zwanzig Gramm, um damit zu Hause in meiner Küche zu experimentieren. Cengiz starrt mich mit offenem Mund an, doch ich beruhige ihn: »Keine Angst, ich kenne mich mit Safran aus und weiß, dass er nicht nur schmerzstillend und bewusstseinserweiternd wirkt – deswegen nahmen die Nonnen im Mittelalter bei ihren stundenlangen Gebeten in eisig kalten Kirchen so gern Safran –, sondern auch sehr gefährlich sein kann. Weißt du, Cengiz, dass ein ausgewachsener Mann sterben kann, wenn er zwölf Gramm Safran auf einmal zu sich nimmt?« Das wusste selbst der Dschingis Khan des Istanbuler Gewürzmarkts nicht.
Ich muss weiter, das Essen wartet – und zwar überall.



Ganz Istanbul ist ein einziger Speisesaal. An jeder Straßenecke stehen fliegende Händler, die Maiskolben kochen, Maronen rösten, Lutscher schöpfen, Sesamringe verkaufen oder Eis mit geriebenen Orchideenwurzeln verdicken, damit es in der Hitze nicht so schnell schmilzt. Und das Schönste ist: Die Lust der Istanbuler an der guten Küche setzt sich von der Straße bis in die Spitzenrestaurants fort. Ich habe in fabelhaften Häusern gegessen, im durchgestylten »Mikla« oben auf der Terrasse auf dem höchsten Hügel mit einem Sensationspanorama auf die Stadt. Und im hocheleganten »Müzedechanga«, in einem ehemaligen Sommerpalais einer reichen Industriellenfamilie, inmitten eines Parks mit Königslogenblick auf den Bosporus. Beide Male war es eine kompromisslos modernisierte, mit der europäischen Haute Cuisine verschmolzene türkische Küche, die ihre Wurzeln nie verleugnet, sich aber auch nicht von ihnen strangulieren lässt.


Doch ich suche nicht die moderne Küche. Ich will zu Musa, dem Schatzsucher der Gewürze, dem Kopfjäger kostbarer Kräuter. Musa Dagdeviren kocht auf der asiatischen Seite im Viertel Kadiköy, das berühmt ist für seine Marktstände und Straßenrestaurants.

Die Fähre bringt mich hin, wieder vorbei an dieser sterbensschönen Silhouette Istanbuls, vorbei an all den Minaretten und Palästen zur Verherrlichung von Gottes Ruhm und Sultans Pracht. Nach einer kurzen, berauschenden Fahrt sind wir von Europa nach Asien gelangt, und ich könnte alle paar Meter stehen bleiben, um mich satt und glücklich zu essen: an dem Fischstand, den ein riesiger Thunfischkopf wie die Trophäe eines Meeresungeheuers schmückt; an den Grillimbissen, die Lamminnereien in Därmen als würzige Würste und reisgefüllte Miesmuscheln mit Zimt und Zitrone braten. Oder an der Confiserie, in deren Auslage sich Marzipan in Form von Auberginen, Karotten, Zitronen oder Erbsenschoten wie bei einem trügerischen, zuckersüßen Miniaturgemüsestand stapeln. Aber das wäre gar nicht klug, denn Musa wartet.


Musa sitzt in seinem schlichten Restaurant, das viel Wert auf erschwingliche Preise und überhaupt keinen Wert auf Pomp legt – so wie Musa selbst. Er ist ein zierlicher Mann mit einem monumentalen Schnauzbart, stolz und selbstbewusst und dabei fast scheu, niemand, der große Worte macht und stattdessen lieber seine Gerichte sprechen lässt. Musa ist halber Türke und halber Kurde, stammt aus dem Osten der Türkei und hat schon als Bub seiner Mutter in der Bäckerei geholfen. Und er ist ein Extremist mit radikalen Überzeugungen: Er weigert sich standhaft, die türkische Küche zu modernisieren, sondern will sie im Gegenteil zu ihren osmanischen Wurzeln zurückführen. Denn er ist davon überzeugt, dass zuzeiten der Sultane noch besser und raffinierter gekocht wurde als heute. Musa schaut also konsequent zurück, doch er ist kein Revanchist, sondern ein Revolutionär auf seine Art. Denn er will alles anders machen als die anderen. Er will etwas wiederherstellen, einen Schatz finden, der verloren gegangen ist. Und nichts anderes will ich im Grunde auch. Unermüdlich ist er in der ganzen Türkei unterwegs, geht in die Dörfer, fragt die Menschen nach ihren Rezepten, nach den wilden Kräutern und Gewürzen, die sie sammeln – »darunter aber keinen Menschen unter siebzig«, wie er lachend sagt. Gleichzeitig forscht er in alten Koch- und Tagebüchern und findet so pausenlos kulinarische Juwelen.

Jetzt lässt er eine nach der anderen bringen, bis sich der Tisch unter ihnen biegt. Als Erstes werden zwei Tabletts mit seinen wichtigsten Gewürzen herbeigeschafft: Sumach, Kreuzkümmel, Kurkuma, dazu allerhand Kräuter, für die ich keinen Namen habe, auch roter Basilikum und wilder Thymian, den er nach alter Tradition mit Bohnenkraut oder geriebenen Melonenkernen und gerösteten Kichererbsen mischt. Dann kommen eine Suppe aus getrocknetem Joghurt mit Wildkräutern und Koriandergrün, ein Linsensalat mit Bulgur, Paprika und Zitrone, Minipizzen mit Lamm- und Schaffleisch, garniert mit Petersilie und Knoblauch, Kebabs mit Sauerkirschen, Walnüssen, Granatäpfeln und Chili. Und schließlich der »Vornehme Ali«, eine Kreation aus gegrillten Auberginen mit Joghurt und Nüssen. Es sind lauter Gerichte aus einfachen Zutaten, die nur dank ihrer Harmonie und ihrer klugen Würzung grandios sind – hier kann ich wirklich eine Menge lernen. Und genau das ist die Philosophie von Musa: Die Küche der Reichen, sagt er, interessiert mich nicht, denn sie können sich alles leisten. Die wahre Kunst ist die Küche der Armen. Denn die Armen haben nichts anderes als ihre Fantasie, um gut zu kochen. Genau so ist es, Musa, genau so.
»Zum Schluss will ich dir noch etwas zeigen«, sagt Musa und legt seinen Arm um meine Schulter. Schräg gegenüber hat er einen Dönerladen, nichts Besonderes, einen Imbiss eben, wie wir ihn tausendfach auch aus Deutschland kennen – von wegen nichts Besonderes: Musa säbelt mir höchstpersönlich das Fleisch ab. Es schmeckt so zart, so saftig und würzig, wie ich es noch niemals bei einem Döner gegessen habe. Nur eines will er mir nicht geben: Sauce.

»Denn das«, sagt er laut lachend, »ist eure Erfindung: deutscher Döner. In der Türkei essen wir ihn nie mit Sauce.« Und schon wieder bin ich schlauer geworden. Gibt es etwas Schöneres als Reisen?
Pulsuz fraqment bitdi.