Kitabı oxu: «Vom gehorsamen Kirchenschaf zum selbstbestimmten Katholiken»
Alfons Wiebe
Vom gehorsamen Kirchenschaf zum selbstbestimmten Katholiken
Wie sich mein Bild von katholischer Religion gewandelt hat
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1Vorwort
2Zur Intention meines Textes
3Meine Herkunft
4Das Waisenkind
5Das Kommunionkind
6Der Missionsschüler
7Der Student
8Der Junglehrer
9Der Religionslehrer
10Mein altes religiöses Weltbild
11Der Wandel
12Die Erarbeitung eines neuen religiösen Weltbildes
13Meine Einstellung zur Kirche
14Neuformulierung meines Glaubens
15 Mein Glaubens- und Weltverständnis
16Mein heutiges Verständnis von Gott
17Mein Verständnis von Dreifaltigkeit
18Wie ich Gebet verstehe
19Wie ich Jesus sehe
20Wie ich die Bibel verstehe
21Mein Verständnis von Hl. Geist
22Anderes Verständnis von Gebet
23Mein Verständnis von Himmel und Hölle
24Wie ich Erlösung verstehe
25Mein Verständnis von Kirche
26Meine Sakramentenverständnis
27Mein Verständnis von kirchlichen Feiertagen
28Meine Welt‑ und Glaubensvorstellungen, dargestellt an Hand von Bildern und Modellen
29Andere Modelle und Zeichnungen zu Glaubensinhalten
30Meine Begegnung mit verschiedene Religionen
31Bahai-Religion
32Wie ich mir die verschiedenen Formen von Religionen erkläre
33Was ich von den Heiligen Schriften halte
34 Theistischer Glaube
35Der Ernstfall von Religion und Glaube für mich
36Das Vater unser
37Resümee
38Anhang: Wie sollten Prediger heute von Gott reden?
Impressum neobooks
1Vorwort
Im Frühjahr 2019 entdeckte ich auf der Web-Seite der Gesellschaft für eine Glaubensreform die Rezension des Buches „Der Traum des Königs Nebukadnezar“ von Roger Lenaers. Der Autor sprach so begeistert von diesem Buch, dass ich beschloss, es mir zu kaufen. Bei der Lektüre merkte ich, dass Herr Lenaers sich mit dem gleichen Anliegen beschäftigte, das mich dazu geführt hatte, diesen Text zu verfassen. Roger Lenaers, ein belgischer Jesuit, untersuchte in dem Buch Glaubensaussagen und Praktiken der Kirche daraufhin, was an ihnen zeitbedingt ist, also dem antiken Weltbild geschuldet und daher aufgegeben werden kann und was von überzeitlicher Bedeutung ist, weil es der Intention Jesu entspricht und deshalb zu bewahren ist. Für ausgewählte Glaubenswahrheiten erarbeitet er, wie sie heute verstanden und gelebt werden können. Mich hat gefreut, dass seine Ergebnisse, die er mit theologischem Wissen und systematischer Akribie gewonnen hat, in sehr Vielem den meinen gleichen, die ich mir durch Intuition, Lebenserfahrung und Folgerungen aus meiner Lektüre erarbeitet habe. Ich fühlte mich durch ihn bestätigt.
2Zur Intention meines Textes
Das wichtigste Thema meines Lebens war die Religion. Sie hat dazu geführt, dass ich Religionslehrer geworden bin und mich aus beruflichen Gründen, aber auch aus existenziellem Interesse immer mit ihr beschäftigt habe. Was verstehe ich unter Religion? Ich möchte, bevor ich mein Verständnis von ihr beschreibe, das Gedicht „Reklame“ von Ingeborg Bachmann zitieren. In ihm wird ein wesentliches Element von Religion deutlich.
Wohin aber gehen wir
ohne Sorge sei ohne sorgewenn es dunkel und wenn es kalt wird sei ohne sorgeaber mit Musikwas sollen wir tun heiter und mit Musikund denken heiterAngesichts eines Endes mit Musikund wohin tragen wir am bestenunsere Fragen und den Schauer aller Jahre in die Traumwäscherei sei ohne sorge sei ohne sorgewas aber geschieht am bestenwenn Todesstille eintritt
Als ich in der 12. Klasse des Gymnasiums dieses Gedicht in einem Referat vor der Klasse interpretierte, da ahnte ich noch nicht, dass es mir einmal dazu dienen würde, meine Vorstellung von Religion zu verdeutlichen.
Das Gedicht spricht von einem Menschen, der auf der Suche nach Halt und Geborgenheit ist. Er stellt Fragen, die davon zeugen, in welcher existenziellen Not er ist. Aber er erhält nur nichtssagende Antworten, die ihn einlullen und ablenken wollen. Vor der letzten Frage, der Frage nach dem, was nach dem Tod mit dem Menschen passieren wird, verstummt die Reklame, das Sinnbild aller innerweltlichen Sinn- und Antwortgeber. Dass er so fragen kann, ja muss, ist Ausdruck seiner religiösen Natur. Er fragt, weil er Antworten sucht. In den einzelnen Kulturen fanden Menschen bei ihrem Nachdenken über die Fragen unterschiedliche Antworten. Die Antworten, die den Menschen plausibel erscheinen, fassten die Menschen in ihren Hl. Schriften zusammen. Und sie gaben diesen Antworten den Status absoluter Wahrheiten. Im Christenrum heißen sie Offenbarungen. Wer sie für sich als wahr annimmt, glaubt an sie. Er kann sie auch nur glauben. Denn mit wissenschaftlichen Methoden können sie nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Diese Antworten sind in den verfassten Religionen vor langer Zeit gegeben und mündlich und schriftlich überliefert worden. Sie sind unterschiedlich, je nach Kultur, in der sie auf die existenziellen Fragen gestellt wurden. Jede Kultur hat ihre eigenen Antwortsysteme hervorgebracht. Sie bilden heute die unterschiedlichen Religionen. Demnach ist eine Religion ein System, das auf existenzielle Fragen, wie sie z.B. das obige Gedicht stellt, erschöpfende Antworten gibt. Das ist ihr Sinn. Eine Religion will jedem Menschen den Raum eröffnen, in dem er solche existenziellen Fragen stellen kann, damit er in ihren Antworten Sicherheit in seiner Bedrängnis finden kann. In diesem Sinne ist die christliche Religion eine unter vielen anderen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie die Erinnerung an die Transzendenz wach halten , ihren Mitgliedern Richtlinien geben, wie sie verantwortlich ihr Leben gestalten können und worin der Sinn ihres Lebens besteht. Sie sammeln die religiösen Zeugnisse ihrer Protagonisten in hl. Schriften und tradieren sie an die nachfolgenden Generationen.
Einer der wichtigsten Begriffe der Religion ist das Wort Gott. Es drückt aus, dass es über dem Menschen etwas gibt, was höher ist als er , was dem Gläubigen als das Höchste erscheint, vor dem er sich verneigt und dem gegenüber er sich verantwortlich fühlt. Es beruht auf der Ahnung von einem Mehr an Wirklichkeit, das über das sinnlich Erfassbare hinausgeht. Wie es zur Entstehung dieses Wortes kam, möchte ich weiter unten ausführen. Hier soll nur der Zusammenhang zwischen Gott und Religion aufgezeigt werden. Religion hat die Aufgabe, ihre Gläubigen zu der Anerkennung Gottes und seiner Verehrung zu führen. Das tut sie durch Gebete und Riten und Liturgie.
Aus dem gesagten wird deutlich, dass ich unter Religion eigentlich zwei Dinge verstehe.
Einmal das psychologische Grundgefühl des Menschen, das dazu führt, dass er sich auf die Suche nach Antworten auf seine existenziellen Fragen begibt, die ihm sein wissenschaftliches Denken nicht geben kann. Sie ist also eine spezielle Art, wie der Mensch sein Leben auffasst. Man kann das auch Religiosität nennen.
Und zweitens verstehe ich darunter die Systeme, die sich aus diesem Frage- und Antwortspiel ergeben. Das sind die Lehren der Religionen, ihre Gebete und Rituale und ihre organisatorischen Gegebenheiten.
Ein Mensch, der sich als reifer Mensch einer Religion anschließt, wählt sie aus den vielen anderen heraus, weil sie ihm plausibel erscheint. Er gibt ihr durch seinen Glauben an sie absolute Bedeutung. Von ihr erhofft er sich dann die Antworten, die seinem Leben den absoluten Sinn geben, so dass er sich im Leben und Sterben geborgen fühlen kann. Diesen Weg jedoch bin ich nicht gegangen. Wie die meisten Menschen, so habe auch ich meine Religion nicht selber gewählt, sondern bin in sie durch meine Eltern hineingeboren.
3Meine Herkunft
Seit meiner Geburt gehöre ich der christlichen Religion an in Form des katholischen Bekenntnisses. In ihr haben mich meine Eltern erzogen, in ihr bin ich groß geworden, mit ihr habe ich mich, seitdem ich über Religion nachdenke, auseinander gesetzt. Sie hat mein Leben geformt. Durch sie habe ich mein Gewissen vor Gott auszurichten gelernt.
Meine Eltern haben am 14.5.1938 in Danzig geheiratet. 10 Tage vor Kriegsbeginn, am 20.8.39 bin ich geboren. Meinen Eltern verdanke ich meine körperliche und geistige Entwicklung.
Sie ist also ein eminent wichtiger und bestimmender Teil meines Lebens. Deshalb drängt es mich jetzt, da ich nach der Pensionierung Zeit dazu habe, mir über den Werdegang meines religiösen Lebens, Rechenschaft abzulegen.
Ganz allgemein kann ich im Rückblick sagen: Das Wesentliche der Religion der katholischen Kirche hat sich trotz vieler Änderungen im Äußeren nicht verändert. Ich glaube, dass jemand, der die Religion meiner Kindheit erlebte, sie auch heute noch als solche identifizieren kann. Was sich verändert hat ist meine Einstellung zu ihr, die Art, wie ich mit den Äußerungen der Religion umgegangen bin und wie ich sie in meinem Leben zur Wirkung kommen ließ. Über die Wandlungen, die ich dabei auf meinem Weg durchgemacht habe, möchte ich mir hier Klarheit verschaffen. Ich will hier also aus meinem Leben berichten. Dabei will ich aber keine Autobiografie schreiben, in der möglichst alle Lebensstationen erzählt werden, sondern ich wähle die Stationen aus, die für meinen religiösen Werdegang von Bedeutung sind. Neben dieser für mich bedeutsamen Intention habe ich aber noch eine andere. Ich möchte meinen Kindern wenn sie eines Tages vielleicht etwas mehr über mich erfahren möchten, die Möglichkeit geben, es aus diesem Text zu entnehmen. Aus ihm können sie ersehen, was mir in meinem Leben am wichtigsten erschien. Und vielleicht könnten meine Aufzeichnungen auch von allgemeinem Interesse sein. Wir leben in einer Zeit, in der es nicht selbstverständlich ist, ob man an Gott glaubt und sich einer Religion zugehörig fühlt. Als ich Kind war, war das anders. Da gab es noch geschlossene religiöse Milieus. Dahinein war man geboren und blieb in ihm sein Leben lang, wenn man seinen Aufenthaltsort nicht wechselte. Aber auch die geistige Welt, in die man hineingeboren war, blieb ziemlich gleich. Die Wert- und Glaubensvorstellungen und die Autoritäten, die diese Vorstellungen repräsentierten und garantierten, veränderten sich kaum. Und so blieben die meisten Menschen in den ererbten Geisteshaltungen. Das alles hat sich heute verändert. Die heutige Zeit ist von Mobilität geprägt. In der Regel verändert jeder seine Örtlichkeiten. Er kommt aus sozialen Milieus mit ihren Werthaltungen heraus und muss sich entscheiden, wie er künftig leben will. Das tun viele Menschen sehr unbewusst und unreflektiert. Ich denke, dass man an meinem Fall schön sehen kann, wie das auch anders passieren kann.
4Das Waisenkind
Die mächtigen weißen Hauben der Vinzentinerinnen mit ihrer Spitze über der Stirn und ihren wippenden Flügeln über den Schultern sind die ersten Zeichen von Religion, die ich in Erinnerung habe. Ich erlebte sie im Waisenhaus in Karthaus, in das ich mit etwa 5 Jahren eingewiesen wurde. Es war das letzte Kriegsjahr. Mein Vater war im Krieg und meine Mutter arbeitete in Karthaus im Krankenhaus, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Dorthin waren wir evakuiert worden, als Danzig bombardiert wurde und der Einmarsch der Russen bevorstand. Da meine Mutter uns drei Kinder nicht betreuen konnte, gab sie uns in die Obhut der Schwestern, die in Karthaus ein Waisenhaus betreuten. Hier lebten wir mit polnischen und russischen Kindern zusammen, die der Krieg von ihren Eltern getrennt hatte oder sie zu Waisen gemacht hatte. Die Schwestern behandelten uns streng, aber gütig. Die Schwester, die meine Gruppe betreute, hatte ich gern. An eine nähere Bindung oder gar Zärtlichkeiten von den Schwestern kann ich mich jedoch nicht erinnern.
Eigenartig, dass ich keine Erinnerung an etwas Religiöses aus der Zeit vor dem Waisenhaus habe, das sich im Elternhaus ereignet hätte. Denn meine Eltern waren praktizierende Katholiken, hatten mit uns gebetet und waren mit uns in die Kirche gegangen. Beide Eltern kamen aus katholischen Elternhäusern, waren aktiv in der Gemeindejugend, wo sie sich auch kennen gelernt hatten. Mein Vater war lange Zeit bis in die Jungmannszeit Ministrant, pflegte Umgang mit den Geistlichen der Pfarrei, von denen einer auch mein Pate wurde und mir den Vornamen vererbte. Er hatte vor der Ehe mit meiner Mutter daran gedacht, Priester zu werden. Dass die religiöse Einstellung meiner Eltern aber doch einen bestimmenden Einfluss auf mich hatte, zeigen folgende zwei Begebenheiten: Als 3- oder 4-jähriger lag ich mit Diphtherie im Krankenhaus. In meinem Gitterbettchen spielte ich manchmal mit meinem Glied. Ich erinnere mich noch daran, wie ich das Gefühl hatte, dabei etwas Falsches zu tun. Auch die zweite Begebenheit hat etwas mit Sexualität zu tun. Bevor ich ins Waisenhaus kam, wohnten wir eine Zeitlang bei einem Bauern in der Nähe von Karthaus. Hier musste ich mit einem Mädchen, das etwas älter war als ich, öfter die Gänse hüten. Dabei trieben wir sie auf eine Wiese, die abseits lag und wo uns niemand sah. Wir vertrieben uns die Zeit, indem wir uns gegenseitig unsere Genitalien untersuchten und sie mit Grashalmen kitzelten. Der Anblick der Scheide des Mädchens ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Ich empfand die Spiele als sehr angenehm und die sexuellen Empfindungen dabei haben mich das ganze Leben begleitet. Gleichzeitig hatte ich aber auch hier das Gefühl, etwas Unerlaubtes zu tun. Denn am Sonntag, dem heiligen Tag, unterließen wir diese Spielchen. Offensichtlich hatten mir meine Eltern, die ihr Lebtag sehr prüde waren, schon sehr früh sexuelle Einschränkungen auferlegt, ohne dass ich mich daran erinnere. -
In Karthaus besuchte ich die ersten beiden Schuljahre der polnischen Schule. Hier ist mir in Erinnerung geblieben, dass die Lehrerin uns die Passionsgeschichte Jesu erzählte, von der ich sehr beeindruckt war. Ich konnte es jedoch nicht verstehen, dass Jesus vor seinem Kreuzestod geweint haben soll. Für mich war das kein männliches Verhalten und ich fragte mich, ob Jesus wohl eine Frau gewesen war. Wie sehr mich die Erzählung von seinem Kreuzestod beeindruckt hat, zeigt folgende Begebenheit. Als ich einmal erkrankte und Fieberträume hatte, erkannte ich in dem Fensterkreuz, das sich gegen den dämmrigen Himmel abzeichnete, das Kreuz Jesu. Zu seinen Füßen ringelten sich lauter Schlangen und krochen auf mich zu. Ich hatte furchtbare Angst, dass die Schlangen mich erreichen könnten.
In der Weihnachtszeit übten die Schwestern einmal mit uns ein Krippenspiel ein. Ich hatte dabei einen Soldaten am Hofe König Herodes zu spielen. Wenn die Hl. 3 Könige an unserem Spalier vorbeizogen, sollten wir vor ihnen eine tiefe Verbeugung machen und dabei unser Holzschwert parallel zum Oberkörper senken. Das wollte mir aber nicht gelingen, denn das Schwert war viel zu schwere für mich und plumpste zur Erde, sobald ich es etwas schräg hielt. Die Folge war, dass ich die Rolle nicht spielen konnte, worüber ich sehr traurig war. Das Krippenspiel muss mich dennoch sehr angeregt haben. Denn ich weiß noch, dass ich neben Panzern sehr gerne Krippenszenen gemalt und den Stall von Bethlehem gebastelt habe, sein Dach mit Watte belegt und die Krippenfiguren aus Pappe ausgeschnitten hatte. Daran hatte ich sehr viel Freude.- Ich erinnere mich auch an ein Theaterstück im Heim, bei dem Petrus mit Rauschbart aus dem Himmel hervortrat und in dem der Nikolaus uns aus einem großen Sack Päckchen an uns verteilte, die uns die amerikanische Organisation Care geschenkt hatte: In meinem Päckchen hatte ich - nebenbei bemerkt - bunte Glaskugeln, eine Dose Chesterkäse und Zahnpastapulver.
Ich erinnere mich, dass das Haus eine Kapelle hatte. Ich habe noch ein Bild in mir, wie wir sonntags in diese Kapelle geführt wurden. Nachdem wir uns sonntäglich gekleidet im Schlafsaal versammelt hatten. stellten wir uns in Zweierreihen vor der Treppe auf, die zur Tür in die Kapelle führte. Eine Schwester begleitete uns dann nach oben. An den Gottesdienst selber habe ich keine Erinnerung.
5Das Kommunionkind
1948 war mein Vater aus englischer Gefangenschaft nach Braunschweig entlassen. Dort hatte er auf Veranlassung des Wohnungsamtes ein Zimmer bei dem Fabrikantenehepaar Salge erhalten, das in einer repräsentativen Wohnung aus der Gründerzeit lebte.
Das Photo entstand kurz vor unserer Abreise von Karthaus nach Danzig,also etwa im Frühjahr 1948.
Die Wohnung bestand aus 6 Zimmern mit Küche und Bad. Das Wohnungsamt hatte meinen Vater und eine andere Familie mit einer Tochter dort eingewiesen.
Das uns überlassene Zimmer wurde nun unser beengtes Zuhause, nachdem mein Vater uns, die Mutter mit uns drei Kindern, zu sich hatte kommen lassen. Hier lebten wir und spielten, hier wurde gekocht, gewaschen, geschlafen und geliebt, hier machten wir unsere Schularbeiten und empfingen Besuch. Wir Kinder nahmen den Zustand als gegeben hin. Für unsere Eltern aber muss das eine Quälerei gewesen sein. Erst als mein kleiner Bruder geboren wurde (1950), überließen uns unsere Vermieter ein weiteres kleines Zimmer, in dem wir Kinder schlafen konnten.
Die beengten Wohnungsverhältnisse und die zeitweilige Arbeitslosigkeit meines Vaters waren die Ursache für häufigen Streit meiner Eltern. Oft entzündete er sich an der unterschiedlichen Vorstellung über Erziehungsmaßnahmen. Meine Mutter konnte es nicht mit ansehen, wenn mein Vater zu streng mit uns umging. Er verlangte von uns unbedingten Gehorsam. Widerworte und Maulen ließ er uns nicht durchgehen. Und wenn wir nicht gleich parierten, gab es schon mal Dresche. Auch unsere Mutter sollte sich ihm unterordnen. Er verwaltete das Geld, gab ihr das Wirtschaftsgeld und kontrollierte ihre Ausgaben. Als sie bei einem Besuch in der Ostzone von dem günstig umgetauschten Geld Geschirr für die Familie gekauft hatte, ohne ihn zu fragen, gab es mächtigen Ärger.
Dennoch habe ich nie daran gezweifelt, dass die Ehe meiner Eltern glücklich war und wir in einer harmonischen Familie lebten. Meine Eltern haben sich sehr um uns Kinder bemüht, so dass ich mich in ihrer Gegenwart immer geborgen fühlte. Besonders gern erinnere ich mich an die Gesellschaftsspiele mit ihnen, an die Zeltlager, die mein Vater mit uns durchführte, und an die lustigen Silvester- und Faschingsfeiern im Familienkreis.
Ein großes Anliegen meiner Eltern war die religiöse Erziehung. Sie beteten mit uns und hielten uns zum Gebet an. Wir beteten das Morgen-, Tisch- und Abendgebet, besuchten jeden Sonntag die Hl. Messe und gingen jeden Monat zur Beichte. Unsere Eltern lebten uns vor, wozu sie uns anhielten. Natürlich gingen auch sie mit uns jeden Sonntag und Feiertag zum Gottesdienst, wie es das Kirchengebot verlangte. In den ersten Jahren war das Nüchternheitsgebot vor dem Kommunionempfang noch sehr streng. Nur Flüssigkeiten durften bis 1 Std. vor der Kommunion zu sich genommen werden. Meine Mutter hatte Sorge, dass wir Kinder den Vormittag nicht durchstehen könnten. Daher brockte sie uns Kindern Brötchen in heiße Milch und löste sie so auf, dass wir sie trinken konnten, und dabei das Gebot nicht verletzten. Auch die übrigen Kirchengebote wurden genau beachtet. So gab es am Freitag Fisch zu Mittag, Aschermittwoch und Karsamstag waren Fast- und Abstinenztage. Während der Adventszeit und der Fastenzeit wurden wir angehalten auf Süßigkeiten zu verzichten.
Die kirchlichen Feste spielten eine große Rolle im Jahreskreis. Ihr religiöser Gehalt wurde immer mitbedacht. Das schönste Fest war natürlich das Weihnachtsfest. Es wurde vorbereitet durch die Bräuche in der Adventszeit. Selbstverständlich hatten wir einen Adventskalender, der uns mit seinen Türchen, die wir jeden Morgen gespannt öffneten, die Zahl der Tage bis zum Fest anzeigte. Auch ein Adventskranz, der an dem mit einem goldenen Stern bekrönten Ständer hing, verkürzte uns die Wartezeit. Die Zeit der Vorbereitung war auch eine Zeit des Verzichtens, wie es die Tradition der Kirche nahe legte. Wir Kinder verzichteten auf das Essen von Süßigkeiten und gaben uns Mühe, dem Christkind zu gefallen. Jede gute Tat galt als ein Strohhalm für die Krippe, damit das Christkind weich liegen konnte. Während der Adventszeit saßen wir oft nachmittags gemütlich zusammen und feierten Advent. Dabei sangen wir die Adventslieder aus unserem Canta Bona, so hieß das kirchliche Gesangbuch der damaligen Zeit. Die Eltern lasen uns dabei vorweihnachtliche Geschichten vor, wie Ludwig Thomas „Als ich einmal Christtagsfreude holen ging“ oder Waggerls innige Geschichten von den Erlebnissen des kleinen Jesus im Stall von Bethlehem.
Oft besuchten wir auch die Roratemessen früh am Morgen und genossen den Gang durch den frisch gefallenen Schnee und die trauten Gesänge in der großen Kirche, die mit den mitgebrachten Kerzen nur spärlich erhellt war und deshalb sehr heimelig wirkte.
Zu Nikolaus luden meine Eltern einmal den Nikolaus, den ein Mitglied des Freundeskreises spielte, persönlich ein. Er kam mit Mantel, Stab und Mitra und bescherte uns. Meine kleine Schwester aber hatte Angst vor ihm und versteckte sich unter dem Tisch. In der Regel jedoch stellten wir zu Nikolaus unseren geputzten Schuh vor die Tür und warteten gespannt auf den Morgen, ob denn der Schuh auch mit Süßigkeiten gefüllt war. Falls der Schuh jedoch nach der Begutachtung meines Vaters nicht ordentlich geputzt war, dann steckten in ihm statt Süßigkeiten Kohlenstücke mit der Mahnung auf einem Zettel, ihn gefälligst ordentlich zu säubern und noch mal hinauszustellen.
Am Hl. Abend wurden wir Kinder zu unserer Oma Prill geschickt, wo wir ihr Bäumchen schmückten und den Eltern aus dem Weg waren. Mein Vater schmückte den Weihnachtsbaum zu Hause. Unsere Weihnachtsfeier am Nachmittag hatten wir über die Adventszeit gut vorbereitet. Jeder lernte ein Weihnachtsgedicht auswendig und trug es unter dem Weihnachtsbaum vor. Oder wir führten ein Krippenspiel auf, das mein Vater mit uns eingeübt hatte.
Die religiöse Erziehung im Elternhaus sollte durch die Schule unterstützt werden. Deshalb schickten uns die Eltern auf die katholische Grundschule. Dort hatten wir drei Stunden Religionsunterricht pro Woche, von denen eine für den Besuch eines Schülergottesdienstes verwandt wurde. Die übrigen Stunden entfielen auf Bibelunterricht, den der Klassenlehrer übernahm, und auf Kathechismusunterricht, der von der Seelsorgshelferin oder einem Geistlichen erteilt wurde. In beiden Unterrichten spielte das Auswendiglernen eine sehr große Rolle. Meine Grundkenntnisse über Bibel, Kirche und katholischer Lehre verdanke ich diesem Unterricht.
Aus ihnen stammt auch das Welt-und Gottesbild meiner Kindheit. Ich stellte mir Gott als einen alten Mann mit Bart über den Wolken schwebend vor. Er saß auf einem Thron, umgeben von seinem Hofstaat aus Engeln, und wachte über die ganze Welt. Er hatte auch mich stets im Blick, um zu kontrollieren, ob ich mich auch gut verhielt. Gehorsam den Eltern gegenüber liebte er am meisten. Jede böse Tat war eine Sünde und konnte ihn beleidigen. Dabei unterschied ich zwischen lässlichen und schweren Sünden. Wenn ich mich auch nicht erinnere, dass ich mir einer schweren Sünde bewusst war, so hatte ich doch eine unbestimmte Angst, sie einmal begehen zu können. Denn in diesem Falle müsste ich, wenn ich stürbe, in die Hölle kommen, eine schreckliche Vorstellung! Ich war eigentlich immer im Ungewissen, wie ich einmal vor Gott dastehen werde und lebte in einer unbestimmte Angst vor dem, was ich nach dem Tode von Gott zu erwarten hatte.
Was lernte ich noch im Religionsunterricht? Kritische Reflektion über den Glauben oder Hinführung zu und Vorbereitung auf religiöser Entscheidungen, wie sie der heutige Religionsunterricht anzubahnen versucht, waren damals nicht üblich. Es kam darauf an, das Wissen zu vermitteln, das ein katholischer Christ zum Leben als aktiver Christ in Gesellschaft und Kirche brauchte. Der Katechismus war in Fragen und Antworten zu bestimmten Glaubenslehren aufgeteilt. Sie wurden uns erklärt und mussten dann memoriert werden.
Im Bibelunterricht lernten wir die biblischen Geschichten kennen und mussten sie wörtlich nacherzählen.
Beide Unterrichte waren die Grundlage der Sakramentenhinführung, die in der 2. und 3. Klasse erfolgte. Zuerst gab es den Beichtunterricht. Hier wurden uns anhand der 10 Gebote gesagt, wie ein Christ sich zu verhalten habe und was er dabei falsch machen konnte. Das hieß dann Sünde und war eine Beleidigung Gottes, die mit der Beichte wiedergutgemacht werden konnte. Zur Unterstützung des Unterrichts erhielten wir einzelne Din-a-5 große mit farbigen Bildern versehene Blätter, die in einem Hefter gesammelt wurden. Sie enthielten kleine Geschichten, anhand derer uns die kirchliche Lehre erläutert wurde, oder uns nahe gelegt wurde, wie wir uns als Christen zu verhalten hätten. Ich habe die Geschichten gerne gelesen und die Bilder gerne angeschaut. Die Geschichte von Tarcisius hat sich mir eingeprägt. Er hat den in den Katakomben in Rom versteckten Christen mutig die Kommunion gebracht.
An die erste hl. Beichte kann ich mich nicht erinnern, wohl aber an die vielen Beichten, zu denen wir jeden ersten Samstag im Monat geschickt wurden. Ich empfand sie als lästig, da sie mich nötigten, immer die gleichen Verfehlungen im Beichtstuhl vorzutragen. Die Beichte begann mit der Formel: Meine letzte hl. Beichte war vor vier Wochen. In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden. Dann folgte das Bekenntnis der „Sünden“: Ich habe unandächtig gebetet, in der Hl. Messe geschwätzt, manchmal die Tagesgebete vergessen, mich mit meinen Klassenkameraden und Geschwistern gezankt und geschlagen. Ich habe meine Mutter geärgert, ich war ungehorsam, habe gelogen, und manchmal Unkeusches angeschaut oder berührt. Letzteres bezog sich auf Spielereien mit meinem Glied. Das Bekenntnis endete mit der Formel: Dies sind alle meine Sünden. Der Priester hinter dem Sprechgitter flüsterte einige Sätze der Mahnung und Aufmunterung, wobei mir noch in Erinnerung ist, dass er vor den Mund ein Tuch hielt. Und dann sprach er das „Ego te absolvo“. Zum Schluss erhielt ich noch aufgetragen, zur Buße z.B. dreimal das Vater unser oder ein anderes bekanntes Gebet aufzusagen und war dann entlassen. In der Regel stellte sich nach Erledigen der Buße auf dem Nachhauseweg eine große Erleichterung ein, wobei mir heute nicht klar ist, ob sie aus der Sündenvergebung kam oder aus der Tatsache, dass ich wieder einmal eine unangenehme Leistung hinter mich gebracht hatte. Ich hatte damals schon die Frage in mir: Welchen Sinn soll das haben, immer wieder die gleichen Sprüchlein herunter zusagen, wenn sich doch nichts änderte. Aber ich hielt mich brav an die Vorgabe, einmal im Monat zur Beichte zu gehen.
Das Kommunionkind
Meine 1.Kommunion fand am 16.April 1950 in St.Ägidien statt.
Durch den Beichtunterricht wurde die 1. Hl. Kommunion vorbereitet, auf die wir ebenfalls in einen eigenen Unterricht eingestimmt wurden. Als der große Tag herangenaht war, wurde ich als Kommunionkind neu eingekleidet.
Ich trug einen blauen Anzug mit kurzen Hosen, ein weißes Hemd, weiße Kniestrümpfe mit Zopfmuster aus Wolle; die meine Oma gestrickt hatte, und braune Schuhe. Die Kommunionkerze, die mit einer Myrthengirlande geschmückt war beeindruckte mich mit ihrer kunstvoll geknickten Papierschale. Am Morgen des Tages nahm mich mein Vater beiseite und ermahnte mich: Deine Geschenke machst du aber erst nach der Kirche auf, wenn du die hl. Kommunion schon empfangen hast. Ich weiß noch, dass ich stolz auf mich war, diese Ermahnung auch eingehalten zu haben. Der Kommunionempfang ist mir nicht in Erinnerung geblieben, wohl aber das Gefühl:“ Jetzt kommt Jesus in dein Herz und du kannst mit ihm reden.“ Für das Reden mit ihm hatte man uns ein Muster zurechtgelegt: Begrüßung, Anbetung, Dank und Bitte. Nach dem richtete ich mich in der Folgezeit. Nach dem Kommunionempfang kniete ich mich in der Bank hin, bettete mein Gesicht in die Hände und sprach im Stillen mit Jesus. Ich bemühte mich, stets eine persönliche Beziehung zu Jesus zu pflegen. Aber wenn ich zu ihm redete, vermisste ich seine Antwort.
An die Feier zu Hause kann ich mich nicht erinnern. Nur an einzelne Geschenke z.B. eine Uhr von meinen Eltern, einen Füller von Tante Elfriede und an die lederne Federtasche von Frau Salge, die ich heute noch habe.

