Kitabı oxu: «Reilly und Sunfrost: Chronik der Sternenkrieger 8 Romane»
Alfred Bekker
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Inhaltsverzeichnis
Reilly und Sunfrost: Chronik der Sternenkrieger 8 Romane
Copyright
Commander Reilly: Commander im Niemandsland
Commander Reilly: Das Niemandsland der Galaxis
Terrifors Geschichte
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Erstes Kommando
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Captain auf der Brücke
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Sieben Monde
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Prototyp
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Heiliges Imperium
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Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”
Reilly und Sunfrost: Chronik der Sternenkrieger 8 Romane
von Alfred Bekker
Im Jahr 2234 übernimmt Commander Willard J. Reilly das Kommando über die STERNENKRIEGER, ein Kampfschiff des Space Army Corps der Humanen Welten. Die Menschheit befindet sich im wenig später ausbrechenden ersten Krieg gegen die außerirdischen Qriid in einer Position hoffnungsloser Unterlegenheit. Dem ungehemmten Expansionsdrang des
aggressiven Alien-Imperiums haben die Verteidiger der Menschheit wenig mehr entgegenzusetzen, als ihren Mut und ihre Entschlossenheit. Später übernimmt Commander Rena Sunfrost die STERNENKRIEGER und bricht mit ihr zu einer kosmischen Odyssee auf, die das Geheimnis einer ehedem übermächtigen Zivilisation entschlüsseln soll, die einst die Galaxis beherrschte.
Alfred Bekker schrieb die fesselnden Space Operas der Serie CHRONIK DER STERNENKRIEGER. Seine Romane um DAS REICH DER ELBEN, die GORIAN-Trilogie und die DRACHENERDE-SAGA machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er schrieb für junge Leser die Fantasy-Zyklen ELBENKINDER, DIE WILDEN ORKS, ZWERGENKINDER und ELVANY sowie historische Abenteuer wie DER GEHEIMNISVOLLE MÖNCH, LEONARDOS DRACHEN, TUTENCHAMUN UND DIE FALSCHE MUMIE und andere. In seinem Kriminalroman DER TEUFEL VON MÜNSTER machte er mit dem Elbenkrieger Branagorn eine Hauptfigur seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einem höchst irdischen Mordfall. Zuletzt erschien DER BEFREIER DER HALBLINGE bei Blanvalet.
Dieses Ebook beinhaltet folgende Romane:
Commander im Niemandsland
Im Niemandsland der Galaxis
Terrifors Geschichte
Erstes Kommando
Captain auf der Brücke
Sieben Monde
Prototyp
Heiliges Imperium
Copyright
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von
Alfred Bekker
© Roman by Author / COVER STEVE MAYER
© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten.
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Alles rund um Belletristik!
Commander Reilly: Commander im Niemandsland
von Alfred Bekker
Chronik der Sternenkrieger
Science Fiction Roman
Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.
Im Jahr 2234 übernimmt Commander Willard J. Reilly das Kommando über die STERNENKRIEGER, ein Kampfschiff des Space Army Corps der Humanen Welten. Die Menschheit befindet sich im wenig später ausbrechenden ersten Krieg gegen die außerirdischen Qriid in einer Position hoffnungsloser Unterlegenheit. Dem ungehemmten Expansionsdrang des aggressiven Alien-Imperiums haben die Verteidiger der Menschheit wenig mehr entgegenzusetzen, als ihren Mut und ihre Entschlossenheit.
Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jack Raymond, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.
Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”
in chronologischer Reihenfolge
Einzelfolgen:
Commander Reilly 1: Ferne Mission (Handlungszeit 2234)
Commander Reilly 2: Raumschiff STERNENKRIEGER im Einsatz
Commander Reilly 3: Commander im Niemandsland
Commander Reilly 4: Das Niemandsland der Galaxis
Commander Reilly 5: Commander der drei Sonnen
Commander Reilly 6: Kampf um drei Sonnen
Commander Reilly 7: Commander im Sternenkrieg
Commander Reilly 8: Kosmischer Krisenherd
Commander Reilly 9: IN VORBEREITUNG
Terrifors Geschichte: Ein Space Army Corps Roman (Handlungszeit 2238)
Erstes Kommando: Extra-Roman (Handlungszeit 2242)
Erster Offizier: Extra-Roman (Handlungszeit 2246)
Chronik der Sternenkrieger 1 Captain auf der Brücke (Handlungszeit 2250)
Chronik der Sternenkrieger 2 Sieben Monde
Chronik der Sternenkrieger 3 Prototyp
Chronik der Sternenkrieger 4 Heiliges Imperium
Chronik der Sternenkrieger 5 Der Wega-Krieg
Chronik der Sternenkrieger 6 Zwischen allen Fronten
Chronik der Sternenkrieger 7 Höllenplanet
Chronik der Sternenkrieger 8 Wahre Marsianer
Chronik der Sternenkrieger 9 Überfall der Naarash
Chronik der Sternenkrieger 10 Der Palast
Chronik der Sternenkrieger 11 Angriff auf Alpha
Chronik der Sternenkrieger 12 Hinter dem Wurmloch
Chronik der Sternenkrieger 13 Letzte Chance
Chronik der Sternenkrieger 14 Dunkle Welten
Chronik der Sternenkrieger 15 In den Höhlen
Chronik der Sternenkrieger 16 Die Feuerwelt
Chronik der Sternenkrieger 17 Die Invasion
Chronik der Sternenkrieger 18 Planetarer Kampf
Chronik der Sternenkrieger 19 Notlandung
Chronik der Sternenkrieger 20 Vergeltung
Chronik der Sternenkrieger 21 Ins Herz des Feindes
Chronik der Sternenkrieger 22 Sklavenschiff
Chronik der Sternenkrieger 23 Alte Götter
Chronik der Sternenkrieger 24 Schlachtpläne
Chronik der Sternenkrieger 25 Aussichtslos
Chronik der Sternenkrieger 26 Schläfer
Chronik der Sternenkrieger 27 In Ruuneds Reich
Chronik der Sternenkrieger 28 Die verschwundenen Raumschiffe
Chronik der Sternenkrieger 29 Die Spur der Götter
Chronik der Sternenkrieger 30 Mission der Verlorenen
Chronik der Sternenkrieger 31 Planet der Wyyryy
Chronik der Sternenkrieger 32 Absturz des Phoenix
Chronik der Sternenkrieger 33 Goldenes Artefakt
Chronik der Sternenkrieger 34 Hundssterne
Chronik der Sternenkrieger 35 Ukasis Hölle
Chronik der Sternenkrieger 36 Die Exodus-Flotte (Handlungszeit 2256)
Chronik der Sternenkrieger 37 Zerstörer
Chronik der Sternenkrieger 38 Sunfrosts Weg (in Vorbereitung)
Sammelbände:
Sammelband 1: Captain und Commander
Sammelband 2: Raumgefechte
Sammelband 3: Ferne Galaxis
Sammelband 4: Kosmischer Feind
Sammelband 5: Der Etnord-Krieg
Sammelband 6: Götter und Gegner
Sammelband 7: Schlächter des Alls
Sammelband 8: Verlorene Götter
Sammelband 9: Galaktischer Ruf
Sonderausgaben:
Der Anfang der Saga (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando” und
Chronik der Sternenkrieger #1-4)
Im Dienst des Space Army Corps (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando”)
Druckausgabe (auch als E-Book):
Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #1 -12 (#1 enthält Terrifors Geschichte, Erstes Kommando und Captain auf der Brücke, die folgenden enthalten jeweils drei Bände und folgen der Nummerierung von Band 2 “Sieben Monde” an.)
Ferner erschienen Doppelbände, teilweise auch im Druck.
Copyright
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker
© by Author
© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.
Alle Rechte vorbehalten.
www.AlfredBekker.de
postmaster@alfredbekker.de
Prolog
Das Jahr 2236 war für die Menschheit im Allgemeinen und die Humanen Welten im Besonderen von schicksalhafter Bedeutung. Heute macht sich niemand mehr wirklich klar, in was für einer bedrohten Lage sich die Menschheitswelten damals befanden.
Aber das soll nicht bedeuten, dass wir uns heute auf einem sanfteren Ruhekissen betten könnten! Beileibe nicht!
In der Zone jenseits des Niemandslandes wuchs ein Feind heran, der daran dachte, all das zu zerstören, was die Menschheit in den drei Jahrhunderten zuvor erreicht hatte. Ich sah es als meine Mission an, so etwas nicht zuzulassen. Damals wie heute. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich seit damals nicht viel verändert
Aus den Erinnerungen von Admiral Gregor Raimondo, seit Februar 2252 im Datennetz abrufbar unter dem Titel „Wir beschützten die Sterne – Über die Geschichte des Space Army Corps“
Mein Eindruck, dass diese schnabellosen Säugetierabkömmlinge, die sich Menschen nennen, von erschreckender Schwäche sind, hat sich im Laufe der Zeit, die ich nun schon unter ihnen lebe, verfestigt. Und damit meine ich nicht eine Schwäche des Körpers, sondern des Geistes. Die meisten von ihnen sind bar jeder Überzeugung und jeden festen Glaubens. Ihr politisches System lässt verschiedene Ansichten gleichzeitig und gleichrangig gelten. Angesichts dieser Umstände erstaunt es mich, wie wenige unter ihnen letztlich Symptome von Geisteskrankheiten entwickeln, wie der gefürchteten Schizophrenie, von der ich in einem ihrer Datennetz-Bibliotheken jüngst las… Bedauernswerte Heiden sind sie! Je länger ich unter ihnen weile, desto größer ist die Dankbarkeit, die ich dafür empfinde, dem auserwählten Volk Gottes anzugehören.
Aus den persönlichen Aufzeichnungen von Nirat-Son, einem qriidischen Austauschoffizier an Bord des Sondereinsatzkreuzers STERNENKRIEGER II unter Captain Rena Sunfrost im Dienst des Space Army Corps of Space Defence der Humanen Welten – verfasst 2251.
Kapitel 1: Ein Qriid namens Nirat-Son
Jahr 2236…
Irgendwo im Niemandsland zwischen den Humanen Welten der Menschheit und dem Heiligen Imperium der Qriid…
Die falkenhaften Augen der Schnabel bewehrten, vogelartigen Gesichter wirkten aufmerksam. Grau wie das Gefieder unserer geflügelten Vorfahren, so hieß es in einem uralten Lied der Qriid, das noch aus der Zeit stammen musste, da dieses von einem tiefen Glauben an seine göttliche Mission erfüllte Volk seine Heimatwelt Qriidia noch nicht verlassen hatte. Eine Zeit, in der Gott das von ihm erwählte Volk noch prüfte, ob es auch wert sei, dass man es in den Kosmos hinausziehen und dort die Göttliche Ordnung errichten ließ.
Mythen und Legenden berichteten von dieser Zeit von der niemand genau sagen konnte, wie lange sie eigentlich her war.
Der Tanjaj-Rekrut Nirat-Son wusste nicht, weshalb ihm die Melodie dieses Liedes ausgerechnet jetzt einfiel, in einem Moment, in dem er eigentlich an nichts anderes hätte denken sollen, als an die Mission, die vor ihm lag. Die erste Außenmission, an der er teilnahm, seit er an Bord der KRALLE DER GLÄUBIGEN diente, einem Kriegsschiff im Dienst des Heiligen Imperiums der Qriid.
Die Melodie bildete eine Kette sehr schnell aneinander gereihter Halb- und Dreivierteltonschritte im Hochfrequenzbereich.
Angehörige vieler anderer Rassen hätten dies als unspezifisches Gezwitscher angesehen, aber für Nirat-Son stellte es eine unverwechselbare Melodie dar.
Eine Melodie, die ihm aus irgendeinem Grund einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte. Stattdessen wurde sie dort immer wieder aufs Neue abgespielt, wie ein Tonträger, der mit einer Fehlfunktion behaftet war.
Der Tanjaj-Rekrut überlegte, dass es vielleicht mit der attraktiven Eierlegerin zu tun hatte, die er in den Straßen von Qatlanor getroffen hatte, der auf Qriidia gelegenen unvergleichlich schönen Hauptstadt des Heiligen Imperiums. Qatlanor, die Göttliche, so nannte man diese Stadt auch, weil der Aarriid dort residierte.
Im Hintergrund hatte jemand dieses uralte Lied gespielt, als er der schönen Eierlegerin zum letzten Mal begegnet war.
Nur ein paar Mal hatten sie sich treffen können.
Nein, dachte Nirat-Son. Treffen ist nicht der richtige Ausdruck. Es waren Begegnungen. Begegnungen, die wie zufällig aussehen mussten.
Sie hatten ihre Namen ausgetauscht, was unter einander nicht versprochenen Qriid verschiedenen Geschlechts schon sehr viel mehr war, als den Tugendwächtern, die über die öffentliche Moral zu wachen hatten, recht war.
Anré-Sé
Ein Name, der in Nirat-Sons Bewusstsein wie eine Verheißung widerhallte. Eine Verheißung, die mit einem Schmerz verbunden war, denn sein Verstand sagte ihm, dass er Anré-Sé niemals wieder sehen würde. Zumindest standen die Chancen dafür denkbar schlecht. Sie war geringer als die Möglichkeit bei einer der gottgefälligen Lotterien, deren überschüssige Einnahmen an Bedürftige verteilt wurden, den Hauptgewinn zu erzielen.
Anré-Sé
Der Stachel der kalten Erkenntnis saß tief in seiner Seele. Eine Erkenntnis, die schlicht und ergreifend darin bestand, dass diese anmutige Eierlegerin von ihrer Familie und den Priestern für einen anderen Tanjaj vorgesehen war. Es gab nichts, was das noch ändern konnte. Bei den Qriid sollte jeder den Partner bekommen, den Gott für ihn bestimmt hatte. Und nach Ansicht des Priesters war es nun mal Gottes Wille, dass Anré-Sé die zweite Eierlegerin des hohen Tanjaj-Offiziers Rer-Gar wurde.
Du musst gegen diese Gefühlsregungen ankämpfen. Schließlich sind wir das zivilisierte, auserwählte Volk Gottes. Kein Qriid lässt sich von Emotionen wie der Zuneigung zu einer Eierlegerin davon abhalten, seine Pflicht gegenüber seinem Imperium und seinem Glauben zu erfüllen! So hatte man es Nirat-Son eingeimpft. Sowohl in der Schule, als auch während der Ausbildung zum Tanjaj, die er mit Bestnoten beendet hatte. Der Weg in höhere Offiziersränge stand jemandem wie ihm offen, wenn er sich bewährte. Und das war unvermeidlich, denn das Imperium befand sich fast unablässig im Krieg. Nur beim Tod eines Aarriid, wie das religiöse Oberhaupt der Qriid genannt wurde, kam es bis zur Bestimmung eines Nachfolgers durch die Priester zu einer Unterbrechung. Schließlich wurde der Heilige Krieg, mit dem das Reich der Qriid seine Expansion vorantrieb, im Namen des Aarriid geführt und so war es undenkbar, dass der Krieg fortgesetzt wurde, ohne dass der Stellvertreter Gottes auf seinem rechtmäßigen Thron saß, um die Gläubigen zu führen.
„Träumst du, Nirat-Son?“, fragte eine Stimme, die schneidend klang und deren Worte von einem schabenden Geräusch unterstrichen wurden, wie er bei der Reibung von zwei Schnabelhälften entstand. Kalte, graue Augen blickten Nirat-Son an. Sie wirkten prüfend, geradezu durchdringend.
Dieses scheinbar bis auf den Grund seiner Seele blickende Augenpaar gehörte Tan-Balo, dem Kommandanten des Kriegsschiffes KRALLE DER GLÄUBIGEN. Der Kommandant trat auf den Tanjaj-Rekruten zu und öffnete leicht den nach unten gebogenen Schnabel, an dessen Unterhälfte er mit einer seiner Klauen entlang rieb. Die kräftigen, nach hinten geknickten Beine machten einen letzten Schritt. Die Krallen bewehrten Pranken, die bei den Vorfahren aus uralter Zeit angeblich einmal Flügel gewesen waren, wurden verschränkt. „Wir befinden uns in einer unbekannten Region des Alls“, sagte der Kommandant. „Unsere Aufgabe ist es, zusammen mit dem Flottenverband, dem wir angehören, diesen Sektor zu kartographieren, Daten technisch und astronomisch zu erfassen und die informationellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass unsere Expansion auch hier erfolgreich sein wird.“ Tan-Balo sog die sehr sauerstoffhaltige Luft in sich hinein. Eine leichte Anhebung des Sauerstoffwertes über den Normwert hinaus, konnte die Leistungsfähigkeit einer Schiffsbesatzung erheblich verbessern, so lauteten jüngste Forschungsergebnisse, die an der Universität von Qatlanor anhand umfangreicher Untersuchungen gewonnen worden waren. Seitdem war man dazu übergegangen den Sauerstoffgehalt in der Atemluft von Einheiten, die sich in einem heiklen Einsatz befanden, um drei Prozent zu erhöhen.
Dadurch ließen sich auch die für jeden Qriid unerlässlichen Schlafintervalle verkürzen, was vor allem auch innerhalb der imperialen Industrie große Aufmerksamkeit erzeugt hatte. Schließlich wurde hier jede Möglichkeit einer Effektivierung der kriegswichtigen Produktion gerne aufgegriffen.
Die Qriid kämpften an einer sich ständig vorwärts schiebenden Front, die stets irgendwo durch das All verlief und im Grunde unsichtbar blieb.
Die zweite Front, mit der das Imperium zu tun hatte, befand sich im Bereich von Industrie und Wirtschaft. Das Imperium lief ständig Gefahr, die eigenen Möglichkeiten zu überdehnen.
Und dieser Gefahr musste mit aller Kraft entgegen gehalten werden.
Kommandant Tan-Balo steuerte über eine Fernbedienung die Funktionen eines Bildschirms in bestechender Qualität, der die gesamte Wand des ansonsten sehr karg eingerichteten Konferenzraums an Bord der KRALLE DER GLÄUBIGEN.
Die qriidische Videotechnologie wäre durchaus fortgeschritten genug gewesen, um dreidimensionale Darstellungen zu erzeugen. Aber da die Qriid auf Grund ihrer weit auseinander stehenden Augen ohnehin ein schlechtes räumliches Sehvermögen besaßen, hätte das wenig Sinn gemacht.
Tan-Balo aktivierte die Weltraumansicht eines Planeten, dessen gelbe Sonne im Hintergrund leuchtete. Der Planet war vollkommen weiß. Ein schneebedeckter Eisklumpen, so schien es. Ein paar schmutzig-braune Flecken waren zu erkennen, bei denen sich wahrscheinlich um Ablagerungen handelte. Material, das der Planet im Laufe der Jahrmillionen aus dem Weltraum eingefangen hatte und das sich schließlich auf der Oberfläche ablagerte.
„Das ist Korashan-5, eine Welt, die einem Eisklumpen gleicht. Die anderen Planeten des Korashan-System weisen zwar allesamt sehr ungemütliche Lebensbedingungen auf, besitzen aber bedeutende Vorkommen an Rohstoffen, die für unsere Industrie notwendig sind“, erläuterte Tan-Balo. „Eine planetare Angleichung an die Qriidia-Norm könnte sich in dem einen oder anderen Fall durchaus lohnen.“
„Dann plant das Oberkommando des Tanjaj-Mar einen Ausbau des Korashan-System als industrielle Basis?“, erkundigte sich der Erste Offizier. Sein Name war Dom-Tabun. Seine Uniform war voll von Orden- und Ehrenzeichen, die ihn als einen Tanjaj – Glaubenskrieger - auswiesen, der sich mit ganze Kraft dem Kampf gegen die Ungläubigen gewidmet hatte. Der Umstand, dass ein Auge und ein Bein durch Prothesen ersetzt worden waren, sprach in diesem Zusammenhang für sich. Dabei waren sowohl die Augen- als auch die Beinprothese so beschaffen, dass man ihren künstlichen Ursprung sofort erkennen konnte. Man hatte sich in keiner Weise bemüht, den natürlichen Zustand nachzubilden, sondern es war volle Absicht, für jeden Betrachter gleich erkennbar werden zu lassen, welch großes Opfer dieser Glaubenskrieger für den permanenten Krieg des Heiligen Imperiums und die Errichtung der Göttlichen Ordnung gebracht hatte. Zusammen mit den Orden an seiner Brust ergab dies für junge Tanjaj-Rekruten wie Nirat-Son ein fast schon einschüchterndes Bild.
Nirat-Son hatte immer ein leichtes Schaudern bei diesem Anblick erfasst und er hatte sich gefragt, ob er zu denselben Heldentaten und dem hohen Grad an Selbstaufopferung fähig wäre wie Tan-Balo. Der Schmerz öffnet den Weg zum Glauben - dieses Axiom aus der qriidischen Weisheit des beinahe schon mythischen Ersten Aarriid, der vor vielen Zeitaltern auf dem Thron in Qatlanor als Stellvertreter Gottes residiert hatte, fiel Nirat-Son jetzt ein. Als Tanjaj war er nicht nur intensiv in Kampftechniken und Raumtechnik unterwiesen worden, sondern auch in der Glaubenslehre der qriidischen Religion.
„Deine Vermutung ist vollkommen richtig“, bestätigte Tan-Balo. „Und darum spielt auch Korashan V eine so wichtige Rolle. Alle anderen Korashan-Welten sind extrem wasserarm. Aber Sie wissen selbst, dass die Anlage von Industriekomplexen ohne das Vorhandensein von ausreichend Wasser so gut wie unmöglich ist. Darum möchte ich, dass Tanjaj-Nom Bras-Kon sich mit einem Beiboot auf die Oberfläche begibt, zum dort die Lage zu erkunden.“
Ein Tanjaj-Nom war ein niederer Offiziersrang innerhalb der sich selbst als gleichermaßen elitäre wie verschworene Gemeinschaft betrachtende Kaste der Gotteskrieger.
„Es wird mir eine Ehre sein!“, meldete Bras-Kon und seine Haltung straffte sich dabei.
„Du weißt, dass eure Expedition nicht die erste ist, die Korashan V anfliegt, und dass das letzte dort abgesetzte Außenteam unter mysteriösen Umständen verschwand. Zumindest brach der Kontakt ab und es wird unter anderem eure Aufgabe sein, nach dem Verbleib dieses Teams zu suchen. Letzte Meldungen besagten, dass unsere Glaubensbrüder auf Vertreter jener heidnischen und schnabellosen Spezies von Säugetierabkömmlingen trafen, von denen unsere Kundschafter vermuten, dass sie jenseits der unbekannten Zone ein großes Sternenreich besitzen.“
Tan-Balo ballte seine beiden Krallen bewehrten Klauen zu den Qriid-Äquivalenten von Fäusten. „Irgendwann werden wir diesen schnabellosen Heiden begegnen und gezwungen sein, sie im Kampf niederzuringen, damit sie sich der Göttlichen Ordnung unterwerfen können. Und dazu brauchen wir hier im Korashan-System eine starke Basis…“ Tan-Balo ließ den Blick schweifen, was für einen Qriid nur eine minimale Kopfdrehung bedeutete. Schließlich besaßen die Vogelartigen Glaubenskrieger eine Rundumsicht von fast 270 Grad. Kommandant Tan-Balo fixierte schließlich Rekrut Nirat-Son auf eine Weise, die dieser als äußerst unangenehm empfand. „Zeige mehr Eifer, Nirat-Son! Ich habe in letzter Zeit den Eindruck, dass es Dinge in deinen Gedanken gibt, die dich von deiner wahren Bestimmung ablenken. Was auch immer das sein mag, verbanne es aus deinem Bewusstsein.“
„Ja, Kommandant!“, gab Nirat-Son zurück, der sehr wohl wusste, dass es keinen Sinn hatte, irgendeinen Widerspruch zu äußern. Das hatte er während seiner Ausbildung zum Tanjaj vollkommen verinnerlicht. Der Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten bildete die Grundlage der Kampfkraft, so hatte man es ihnen beigebracht. Kein Sieg für den Glauben ohne Disziplin. Mochte Nirat-Son als Tanjaj auch einem einfachen Industriearbeiter an gesellschaftlichem Ansehen haushoch überlegen sein, so hatte er sich und sein Leben doch vollkommen unterzuordnen. Aber Nirat-Son sah das als Selbstverständlichkeit an. Wie sonst hätte das Heilige Imperium seine permanente Expansion nun schon so lange fortsetzen können?
Die Gedanken, die dich von deiner Aufgabe ablenken – du kennst sie genau, dachte Nirat-Son. Und du weißt auch, dass sie sich nicht so einfach verbannen lassen. Weder durch Meditationstechniken, noch durch eine rituelle Reinigung, wie sie dir dein Vorgesetzter mit Sicherheit gleich vorschlagen wird!
„Du solltest unsere Bordpriester aufsuchen“, sagte Tan-Balo nun tatsächlich und in einem sehr viel versöhnlicheren Tonfall.
Er galt als ein Kommandant, der sehr um das spirituelle Wohl seiner Tanjaj besorgt war.
„Jawohl“, sagte Nirat-Son und senkte den Kopf nun so tief, dass der nach unten gebogene Schnabel beinahe die Uniformbrust berührte.
„Manchmal kann es in deinem Alter vorkommen, dass man glaubt, die Reinigungsrituale ungestraft gering schätzen zu können. Mir ist es nicht anders gegangen.“
„Ich danke dir für dein Verständnis, Kommandant. Aber ich habe mir in dieser Hinsicht nichts vorzuwerfen.“
Jeder Tanjaj hatte in einem Tempel Reinigungs- und Läuterungsrituale zu vollführen, bevor es ihm gestattet war, an Bord seines Schiffs zu kommen. Das war fester Bestandteil des Tanjaj-Lebens. Den Glaubenskriegern wurde von Anfang an eingeimpft, wie wichtig nicht nur die Pflege der Waffen, sondern auch wie unerlässlich die Pflege des Glaubens und die Reinheit der eigenen Seele waren.
Beides stand nach den Lehren der qriidischen Überlieferung, auf die sich die Tanjaj beriefen, gleichrangig nebeneinander. Das eine war ohne das andere nicht denkbar. Was nützte ein gut bewaffneter Glaubenskrieger, der seine Feinde mit Leichtigkeit besiegen könnte, wenn sein Geist und sein Glaube schwach waren und dafür sorgten, dass er den Mut verlor, den der Kampf für die Sache der göttlichen Ordnung nun einmal verlangte?
„Geh zum Bordpriester, bevor du das Beiboot betrittst, das dich nach Korashan V bringen wird!“, verlangte Tan-Balo noch einmal. „Sonst wirst du Unglück über die Mission bringen.“
„Ich werde tun, was du verlangst, mein Kommandant“, versprach Nirat-Son.
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Fünf Qriidia-Stunden später hatte die KRALLE DER GLÄUBIGEN soweit abgebremst, dass sie ihr Beiboot ausschleusen konnte. Dabei war es nicht Tan-Balos Absicht, in ein Orbit einzuschwenken. Stattdessen ließ er die KRALLE DER GLÄUBIGEN auf einem Tangential-Kurs an Korashan V vorbei schnellen. Das Qriid-Schiff hatte zwar seit seinem Austritt aus dem Zwischenraum mit vierzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit bereits auf die Hälfte dieses Wertes abgebremst, wäre aber noch immer viel zu schnell gewesen, um in eine stabile Umlaufbahn einschwenken zu können. Stattdessen sollte das Mutterschiff möglichst viele Daten über die anderen Planeten des Systems zusammentragen und auf zwei von ihnen weitere Beiboote absetzen.
Die KLEINE KRALLE, wie das Beiboot unter dem Kommando von Tanjaj-Nom Bras-Kon hieß, wurde bei 0,2 LG ausgesetzt und anschließend von der Gravitation des Eisplaneten eingefangen.
Nirat-Son hatte einen der letzten von einem Dutzend Plätzen innerhalb der Passagierkabine eingenommen. Er blickte durch das Sichtfenster an seiner rechten Seite. Das Licht der Sonne Korashan wurde durch die weiße, schneebedeckte Oberfläche des Planeten stark reflektiert, sodass man ständig das Gefühl hatte, dass von dieser Welt ein eigentümliches Leuchten ausging.
Denk nicht mehr an Anré-Sé!, ging es dem Tanjaj-Rekruten durch den Kopf. Das ist die einzige Möglichkeit, um den Weg des Schmerzes zu verlassen und den Zustand innerer Läuterung zurückzuerlangen, der für jeden Tanjaj die Voraussetzung ist, um seinen Dienst für den Aarriid zu tun…
Die Reinigungsrituale beim Bordpriester hatte Nirat-Son hinter sich gebracht. Allerdings hielt sich die spirituelle Wirkung auf die innere seelische Stabilität des Tanjaj-Rekruten diesmal in ziemlich eng umrissenen Grenzen.
Vielleicht um sich ablenken zu können, hatte Nirat-Son sich umso intensiver in die Vorbereitung zu dieser Mission gestürzt. Er hatte buchstäblich jedes Datenfile geöffnet, das es über diese Raumregion in den Speichern des Bordrechners der KRALLE DER GLÄUBIGEN gab.
Besonders interessierten ihn die barbarischen Säugetierabkömmlinge, die auf Korashan V hausten. In gewissen Grenzen hatte er sogar Respekt für die Tapferkeit dieser Heiden, nach allem, was man über den Verbleib der ersten Expedition auf den Schneeplaneten wusste.
Es fiel Nirat-Son schwer anzunehmen, dass die primitiven Säugetierabkömmlinge tatsächlich etwas damit zu tun hatten. Mit ihren schnabellosen „Verwandten“, die in die Kämpfe gegen die spinnenartigen Wsssarrr verwickelt gewesen waren, konnten die Barbaren dieser Eiswelt nicht viel zu tun haben. Natürlich hatte sich auch Nirat-Son das aufgezeichnete Bildmaterial angesehen und ihm war die Ähnlichkeit zwischen den Eiswelt-Bewohnern mit jenen Fremden, die in einer Distanz von schätzungsweise ein paar Dutzend Lichtjahren über ein gewaltiges Sternenreich geboten, genauso aufgefallen wie jedem anderen Betrachter.
Wenn beide Spezies etwas miteinander zu tun hatten, dann handelte es sich bei den Eisweltlern vielleicht um degenerierte Nachfahren derselben Spezies, die wahrscheinlich vor sehr langer Zeit hier gelandet waren.
Nach und nach waren sie dann auf eine Stufe zurückgefallen, die der Barbarei sehr nahe kam.
Auf jeden Fall besaßen sie nicht den rechten Glauben und dementsprechend waren sie auch kaum gewillt, sich aus freien Stücken der Göttlichen Ordnung des Aarriid zu unterwerfen.
Also muss man da etwas nachhelfen!, dachte Nirat-Son.
Ohne, dass er es hätte verhindern können, waren seine Gedanken trotz der priesterlichen Läuterung, die er hinter sich hatte, immer wieder einmal zu der schönen Eierlegerin zurückgekehrt, von der er träumte, dass sie ihm durch ein höchstpriesterliches Urteil als die für ihn bestimmte Gefährtin zugesprochen worden wäre. Aber das war reines Wunschdenken und in dieser Form für sich genommen schon eine Sünde. Schließlich war Gott die lenkende Macht des Universums und keine primitive Wunscherfüllungsmaschine, die sich durch Gebete oder – noch schlimmer! – durch magische Praktiken beeinflussen ließ.
„Was ist los mit dir?“, fragte ihn jetzt sein Sitznachbar Re-Lim. Er war ein Tanjaj-Rekrut im selben Ausbildungsjahr. Sie kannten sich seit der Zeit auf der Tanjaj-Akademie. Auch davor waren sie sich bereits im Rahmen verschiedener Förderprogramme zur Erkennung von Tanjaj-Talenten im Schlüpflingsalter immer wieder einmal begegnet.
„Teile deine Gedanken mit mir“, forderte Re-Lim seinen Nachbarn auf. „Du weißt doch, was die Schriften sagen…“
„Tut mir leid, im Moment habe ich keine Ahnung, worauf du anspielst!“, behauptete Nirat-Son, der gehofft hatte, dadurch die Unterhaltung möglichst schnell beenden zu können.
Aber das Gegenteil war der Fall.
„ Wer sich verschließt wird ein Ärgernis für die Sache der Gläubigen“, zitierte Re-Lim die Überlieferung.
Gerade dieser Satz hallte in Nirat-Sons Hinterkopf dutzendfach wieder. Nirat-Son hatte an sich selbst immer wieder die Tendenz festgestellt, sich von anderen abzugrenzen und über sein Inneres zu schweigen. Genau das aber war von Übel, wie die höchsten Repräsentanten des Glaubens von der Priesterschaft bis hinauf zum Aarriid immer wieder betonten.
Ein Außenstehender hätte darin vielleicht eine Kontrollabsicht der geistlichen Instanzen vermutet, die offenbar nicht nur das Territorium, sondern auch die Seelen aller Bewohner des Heiligen Imperiums genauestens kontrollieren wollte.
Nirat-Son hingegen empfand dies vielmehr als eine Aktion allumfassender Fürsorge der Gemeinschaft.
Aber nicht irgendeiner Gemeinschaft, sondern der Gemeinschaft jener, die dem Glauben an Gott folgten und ebenfalls von der göttlichen Mission des Qriid-Volkes überzeugt waren.
2
Das Beiboot hieß KLEINE KRALLE, was sich natürlich auf den Namen des Mutterschiffs bezog. Der Pilot ließ es in die Atmosphäre des Eisplaneten eintauchen, der im Übrigen von drei rötlich schimmernden Monden umkreist wurde. Mond Nummer zwei hatte dabei eine sehr eigenartige, irreguläre Form. Sie glich einem Ellipsoid, der in seiner Vergangenheit durch schnelle Rotation beinahe zylinderförmig geworden war. Die Distanz der Pole zueinander betrug fast 5000 Kilometer, während der Durchmesser am Äquator kaum 600 Kilometer betrug.
Irgendwann im Laufe seiner Geschichte musste Korashan V diesen Sonderling eingefangen haben.
Seine Eigenrotation war immer noch beachtlich, wie Nirat-Son sich auf dem Display anzeigen ließ, das zu seiner Konsole gehörte.
Immer tiefer sank die KLEINE KRALLE, überwand dabei die Stratosphäre und tauchte schließlich in die Troposphäre ein, die einen Sauerstoffgehalt von 20 Prozent aufwies. Dieser recht hohe Sauerstoffgehalt wies darauf hin, dass die Vereisung des Planeten noch nicht allzu lang zurückliegen konnte. Maximal ein paar Millionen Qriidia-Jahre. Jedenfalls gab es zurzeit an der Oberfläche so gut wie keine Vegetation auf dem Planeten. Aber das war gewiss in früheren, klimatisch günstigeren Epochen seiner Entwicklung anders gewesen.
„Ich frage mich wie diese schnabellosen Barbaren auf Korashan V überleben konnten – wenn ich mir die planetaren Daten so ansehe!“, äußerte sich der Tanjaj Ni-Vad, der vor Nirat-Son Platz genommen hatte. „Ich meine, die haben weder pflanzliche noch tierische Nahrung auf diesem Planeten.“
„Sie scheinen wahre Künstler darin zu sein“, war der Kommandant überzeugt. „Was auch immer ihre verborgenen Nahrungsquellen sein mögen – auf die Dauer werden sie sich mit ihren primitiven Waffen nicht gegen unsere Traser durchsetzen können. Und darauf kommt es einzig und allein an.“
„Besteht der Plan, die säugetierartigen Urbewohner zu vernichten?“, fragte Nirat-Son.
„Unsere Mission besteht glücklicherweise nur in der Erkundung“, erwiderte Ni-Vad. „Falls man diese Ureinwohner umsiedeln oder vernichten sollte, wird uns das Oberkommando schon Bescheid geben.“
Begeistert klingt das nicht!, überlegte Nirat-Son. Fehlte es dem Tanjaj Ni-Vad etwa an der richtigen Einstellung oder gar dem nötigen Glaubensfeuer? Oder waren auch seine Gedanken bei irgendeiner Eierlegerin?
Obwohl Ni-Vad und Nirat-Son sich auf der KRALLE DER GLÄUBIGEN sogar eine Kabine teilten, hatten sie sich nie über diesen Punkt ausgetauscht. Nirat-Son hätte schon gerne mit jemandem über die Dinge gesprochen, die ihn bewegten. Aber er wusste auch, dass die Gefahr groß war, an die Spitzel der Priesterschaft verraten zu werden. In gewissen Intervallen trieb die Angst der Priesterschaft und des Tanjaj-Mar, wie der Oberkommandierende der Gotteskrieger und höchste Militärrang des Heiligen Imperiums genannt wurde, vor dem Aufkommen einer Ketzerbewegung skurrile Blüten. Nichts fürchteten die im Namen des Aarriid regierenden Würdenträger so sehr wie eine abweichende Meinung in Glaubensfragen. Insbesondere dann, wenn die Notwendigkeit des Heiligen Krieges und der permanenten Expansion der göttlichen Ordnung in Frage gestellt wurde, wie es in der Vergangenheit immer wieder geschehen war.
Gerade die Zeiten eines Interregnums nach dem Tod eines Aarriid und vor der Bestimmung seines Nachfolgers schienen in dieser Hinsicht gefährlich zu sein. Umso hysterischer wurde die Verfolgungswut der Geheimpolizei und der allgegenwärtigen Tugendwächter, die inzwischen sogar an Bord von Kriegsschiffen zu finden waren.
Niemand konnte sicher sein, von ihnen nicht wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Glaubensabweichung angeklagt zu werden.
Ein Klima der Angst hatte sich in den letzten Qriidia-Jahren innerhalb der Tanjaj-Flotte ausgebreitet. Niemand konnte sich vor einer Denunziation sicher sein.
Es war besser, seine Gedanken für sich zu behalten. Das hatte Nirat-Son schon früh verinnerlicht.
Vielleicht hing die gegenwärtige Ketzer-Hysterie auch damit zusammen, dass der amtierende Aarriid schon sehr alt war und man die Zeit absehen konnte, dass ein weiteres Mal die Geschichte des Heiligen Imperiums von einem Interregnum gezeichnet sein würde.
Einer Zeit des Innehaltens und Atemholens.
Die Priester ließen manchmal Jahrzehnte vergehen, ehe sie unter Millionen von Schlüpflingen denjenigen bestimmt hatten, der die Merkmale des göttlichen Stellvertreters in sich trug.
Immer dann, wenn der Heilige Krieg eine Unterbrechung erfuhr, wurde er von ein paar Weichlingen in Frage gestellt. Aber Nirat-Son gehörte nicht zu diesen Sympathisanten. Im Gegenteil. Er verachtete sie und ordnete sie den Reihen des Feindes des Imperiums zu. Sie waren fast so verabscheuungswürdig wie die geheimnisvolle Rasse von Säugetierabkömmlingen, auf die man vor etwa zwei Qriidia-Jahren gestoßen war, als man die ebenso abscheulichen achtbeinigen Wsssarrr vernichtete.
3
Die KLEINE KRALLE landete in der Nähe jener Positionsdaten, die man zuletzt von den Mitgliedern des ersten, verschwundenen Bodenteams auf Korashan V erhalten hatte.
Nirat-Son ließ sich die Umweltdaten auf seiner Konsole anzeigen. Es herrschte eine Temperatur von Minus dreißig Grad – und das wohlgemerkt am Äquator. In der Nacht würde das Thermometer auf Minus sechzig Grad und tiefer sinken. Je nachdem, wie die Wetterverhältnisse waren.
Heftige Winde peitschten über die endlosen Ebenen.
Es wurden derzeit Windgeschwindigkeiten von hundert Stundenkilometern angezeigt, was in diesen Breiten nichts Ungewöhnliches war.
Das Wettersystem von Korashan V zeichnete sich durch sehr stabile Verhältnisse aus. Alternierende Tief- und Hochdruckgebiete sorgten für einen Druckausgleich in der Atmosphäre und schaufelten gigantische Luftmassen von Norden nach Süden oder umgekehrt vom Äquator zu den Polen.
„Ortung?“, fragte Bras-Kon, der Tanjaj-Nom und damit Kommandant der KLEINEN KRALLE.
An Bord von Beibooten dieser Größenordnung hatte der Pilot die Ortung mit zu bedienen und daher meldete sich Steuermann Ruu-Di zu Wort.
„Die Position entspricht ziemlich der den letzten gemeldeten Koordinaten unserer Vorgängermission. Im Augenblick habe ich hier sogar ein Signal auf dem Schirm, das starke Ähnlichkeiten zu den Signaturen eines Raumbootes vom Typ ANSTRENGUNG DES GLAUBENS der Tanjaj-Flotte besitzt.“
„Genau lokalisieren!“, befahl Bras-Kon.
Pilot Ruu-Di nahm einige Schaltungen vor und führte eine Feinkalibrierung der Systeme durch. Die Ungeduld seines Vorgesetzten war ihm sehr wohl bewusst. Seine Nervosität wurde schon dadurch deutlich, dass er immer wieder seine Schnabelhälften gegeneinander verschob, sodass ein schabender Laut entstand.
Ruu-Di aktivierte ein Display, auf dem eine Positionsübersicht des Landeplatzes der KLEINEN KRALLE und ihrer Umgebung angezeigt wurde.
„Die Signatur wurde etwa 200 Ptlaxan von hier entfernt gemessen.“
Ein Ptlaxan entsprach der durchschnittlichen Körperlänge eines männlichen Qriid – also etwa 1,80 m. Das Ptlaxan bezeichnete man auch als das Maß Gottes, denn schließlich hatte Gott die Qriid nach seinem Ebenbild erschaffen und daher hatten auch die dabei verwendeten Maße eine besondere Bedeutung. Zumindest war es nach dem Verständnis der qriidischen Religion nicht denkbar, dass diese Maße nur Produkte evolutionären Zufalls waren. Hinter allem was geschah, stand ein übergeordneter Plan Gottes. Und für den Gläubigen ging es darum, diesen Plan zu erkennen und zur Etablierung der Göttlichen Ordnung im Universum beizutragen.
Einer Ordnung unter Führung des auserwählten Volkes, der Qriid.
„Hinweise auf Lebenszeichen?“, fragte Bras-Kon.
Ruu-Di wog den Kopf zur Seite. „Negativ, Kommandant. Zumindest gibt es keinerlei Lebenszeichen qriidischer Herkunft.“
„Was soll das heißen?“, hakte Bras–Kon nach.
„Das bedeutet konkret, ich kann hier zwar mehrere Temperaturfelder orten, die sich bewegen und deren Niveau erheblich über dem der Umgebung liegt. Eigentlich ein deutlicher Hinweis auf Leben – aber es kann sich auf keinen Fall um Qriid handeln.“
„Sind es vielleicht diese primitiven Säugetierabkömmlinge?“
„Ebenfalls negativ. Es handelt sich um Organismen, deren Größe nur etwa ein Achtel Ptlaxan entspricht.“
„Wir werden uns den Ursprung dieser Signatur genauer ansehen“, erklärte Bras–Kon entschlossen. „Thermoanzüge, Antigrav-Pak und Hand-Traser anlegen! Pilot Ruu-Di, du bleibst an Bord. Eine Vierergruppe untersteht dem Tanjaj Re-Lim und sieht sich in der Umgebung um. Die anderen folgen mir zum Ursprung der Signatur. Ich hoffe, dass wir aufklären können, was mit unseren Tanjaj-Brüdern geschehen ist.“
Ein krächzender Bestätigungslaut ertönte unisono aus fast zwei Dutzend Schnäbeln.
„Außerdem geht der Befehl, das Proben aus dem Eis genommen werden. Beachtet dabei, dass diese Proben aus unterschiedlichen Höhen stammen müssen, um ein aussagekräftiges Bild zu geben.“
„Welche Befehle gelten für den Fall, dass wir auf die Säugetierabkömmlinge stoßen?“, fragte Nirat-Son.
„Wir werden prüfen müssen, ob sie sich möglicherweise als Arbeiter in Industriekomplexen für einfache Tätigkeiten anlernen lassen. Kontaktaufnahme – ja! Aber immer unter der Prämisse, dass die Heiden anerkennen müssen, wer die neuen Herren dieses Planeten sind. Andernfalls muss vom Traser Gebrauch gemacht und dem Wort Gottes der nötige Respekt verschafft werden.“
4
Nirat-Son wurde der Hauptgruppe um Bras-Kon zugeteilt, die das havarierte Raumboot untersuchen sollte.
Die Qriid trugen Thermoanzüge, die lediglich den kälteunempfindlichen Schnabel und die Augen freiließen. Mit Hilfe von Antigravpaks, die auf den Rücke geschnallt wurden, konnten sie sich schwebend bewegen.
Und mit den Hand-Trasern würden sie sich gegen eventuelle Überfälle der säugetierähnlichen Heiden zur Wehr zu setzen wissen.
Die zweite Gruppe unter dem Befehl von Re-Lim entfernte sich in nordwestliche Richtung. Bald war sie nur auf den Anzeigen der Ortungssysteme erkennbar und verlor sich in der grell weißen Ebene.
Die Qriid trugen Schutzbrillen, um sich vor Schneeblindheit zu schützen. Die helle Oberfläche von Korashan V sorgte für intensive Reflexion des Sonnenlichts, worauf die Augen der Qriid besonders empfindlich reagierten.
Die Schutzbrillen der Vogelartigen waren drahtlos mit ihren Ortungsgeräten verbunden. Die Tanjaj konnten entfernte Punkte anpeilen, bekamen Entfernungsangaben eingeblendet oder auf Wunsch auch eine Positionsanzeige im größeren Maßstab, die ihnen verdeutlichen konnte, wo sie sich befanden.
Vor dem eisigen Wind dieser endlosen arktischen Ebene, die nur durch vereinzelte Anhöhen unterbrochen wurden, merkte Nirat-Son nichts. Die Ausrüstung verhinderte dies.
Schwer vorstellbar, dass hier Leben existieren kann!, überlegte er. Aber es widersprach jeder Erfahrung, daran zu zweifeln. Das Leben war äußerst hartnäckig und konnte sich auch unter ungünstigsten Bedingungen festsetzen. Dies hatten die Tanjaj im Lauf ihres Heiligen Krieges, der sie immer in die Weiten des Kosmos hineingeführt hatte, erkennen müssen. Das Universum war ein Ort des Chaos – das Heilige Imperium bildete darin eine winzige, sich ausdehnende Blase. Und nur innerhalb dieser Blase konnte die Göttliche Ordnung etabliert werden. Eines Tages, so formulierte es die Überlieferung der Qriid, würde die Blase mit dem Kosmos identisch sein. Der Augenblick der absoluten Gottesherrschaft war dann gekommen und die Zeit der Prüfungen zu Ende.
Doch bis dahin würden noch Tausende von Generationen Schlüpflinge zu mutigen Tanjaj heranwachsen müssen.
Bras-Kons Gruppe hatte den Ursprungsort der Signaturen rasch erreicht.
Die schwebenden Qriid setzten auf dem Boden auf.
Eigenartig – unsere Vorfahren sollen einst Flügel besessen haben, um sich in der Luft zu halten – wir hingegen brauchen diese Maschinen auf unserem Rücken…
Die Oberflächenstruktur wies eine leichte Wölbung auf.
Einer der Tanjaj hatte einen Hitzestrahler dabei, der auf ähnlichen physikalischen Prinzipien wie die Traser basierte, allerdings nicht als Waffe konzipiert war, sondern als eine Art Schneidbrenner oder auch als Wärmeaggregat in besonders kalter Umgebung.
Der Qriid, dessen Aufgabe es war, dieses Gerät mitzuführen und zu bedienen, hieß Gran-Teron. Nirat-Son mochte ihn nicht. Gran-Teron war ein Karrierist, der stets vor den Vorgesetzten buckelte wie eine Sharrak-Katze auf Qriidia. Wenn es jemanden gab, dem Nirat-Son eine Denunziation zutraute, dann ihm. Gran-Terons Weg hatte ihn nicht auf gerader Strecke an die Tanjaj-Akademie geführt. Er war zunächst einer von Millionen Tugendwächtern gewesen, die überall im Heiligen Imperium die Glaubens- und Sittentreue der einfachen Qriid überwachten. Offenbar hatte er diese Haltung verinnerlicht und fühlte sich auch an Bord seines Kriegsschiffs als eine Art heimlicher Tugendwächter, obwohl er in dieser Hinsicht nicht die geringsten Kompetenzen besaß.
Die Tatsache, dass man aber bereits Tugendwächter zu Tanjaj-Kämpfern umschulte, sprach nach Nirat-Sons Meinung Bände über die gegenwärtige Verfassung der Flotte. Die Gefahr der Überdehnung der militärischen Möglichkeiten bestand. Die Verluste konnten zwar ersetzt werden und es hatte während der langen Regentschaft des gegenwärtigen Aarriid auch keine größeren Niederlagen gegeben. Aber dennoch forderte schon die einfache Expansion ihren Tribut. Immer größere Flottenverbände mussten das sich erweiternde Territorium sichern. Das Transportwesen lag inzwischen schon fast vollständig in den Händen der Methan atmenden Naarash, deren Kult um den so genannten Verborgenen Gott dem Glauben der Qriid immerhin so ähnlich war, dass sie nicht als Heiden im eigentlichen Sinn bezeichnet und daher toleriert wurden.
So konnte sich die Flotte der Qriid auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren, nämlich neue Territorien zu unterwerfen und ihre industriellen Kapazitäten in den Dienst des Glaubenskrieges zu stellen.
Aber die Kapazitäten ließen sich nicht im gleichen Maß erhöhen, wie es erforderlich gewesen wäre. Allen Verantwortlichen war das im Grunde bewusst. Aber eine Unterbrechung des Krieges ohne den vorherigen Tod des in Qatlanor residierenden Stellvertreter Gottes, wäre einem Frevel gleichgekommen.
Schließlich war die permanente Expansion keine Frage der augenblicklichen Opportunität. Sie erwuchs vielmehr aus dem einzigartigen Auftrag, den das Volk der Qriid vom Schöpfer des Universums erhalten hatte. Ein Auftrag, der für die Qriid einer Prüfung gleichkam. Was geschehen mochte, wenn die Qriid den hohen Maßstäben, die dabei zu Grunde gelegt wurden, nicht gerecht wurden, das mochten sich selbst die Theologen der Priesterkaste nicht wirklich auszumalen.
5
Gran-Teron schaltete den Hitzestrahler auf eine breit gefächerte Wirkung. Das Eis und der verfestigte Schnee tauten recht schnell weg. Darunter kam das massive Metall zum Vorschein, das so typisch für die Außenhaut eines Qriid-Schiffes gleich welcher Größe war.
Die wenigen Qriidia-Wochen, in denen die Verbindung zur Besatzung des Raumbootes abgebrochen war, hatten vollkommen ausgereicht um es vollständig zu begraben. Irgendwann wäre das Raumboot dann Meter für Meter hinab gesunken und vielleicht gar nicht mehr zu orten gewesen.
Nirat-Son bemerkte einige kanalartige Löcher im Eis, die kaum größer als die Innenfläche einer Qriid-Kralle waren.
Er richtete sein Ortungsgerät auf eines dieser Löcher und ließ sich die Daten auf dem Brillendisplay anzeigen.
„Da ist irgend etwas!“, stellte er fest. „Das müssen diese sich bewegenden Objekte sein, von denen der Pilot sprach!“
Bras–Kon wandte sich herum. „Spezifizieren!“
Nirat-Son konnte lediglich verfolgen, wie sich ein bewegendes, quasi lebendiges Objekt etwa zwei Meter unter der Oberfläche seine Bahn durch das Eis bohrte – und das mit einer Geschwindigkeit, die frappierend war.
„Ich messe starke elektrische Entladungen“, stellte Nirat-Son fest. „Sie erzeugen mit Hilfe von Elektrizität Hitze und schmelzen das Eis in ihrer unmittelbaren Umgebung!“
„Objekt nähert sich der Oberfläche!“, stellte einer der anderen Tanjaj fest.
Das fiel auch Nirat-Son auf.
Das Ding hatte plötzlich die Bewegungsrichtung radikal geändert und strebte nun an die Oberfläche.
Bras–Kon zog seinen Handlaser.
„Achtung! Bereit machen zur Verteidigung!“
Mit einem knarzenden Geräusch entstand plötzlich ein Loch im Eis. Etwas zischte. Funken sprühten. Ein augenloses, aber dafür mit zahllosen Extremitäten ausgestattetes Wesen von der Größe einer Qriid-Kralle sprang empor. Der eigentliche Körper war wie ein Ellipsoid geformt. Es gab mehrere Öffnungen mit Beißwerkzeugen. Ein optisches Orientierungsorgan war nicht zu erkennen, für eine Spezies, deren Angehörige sich die meiste Zeit über jedoch unter der Eisoberfläche in lichtlosen Räumen aufhielten, war das sicher kein Mangel.
Das Wesen landete auf einem Teil seiner sowohl zum Laufen als auch zum Greifen geeigneten Extremitäten.
An der größeren der zwei Mundöffnungen waren Beißwerkzeuge zu finden. Außerdem Antennen artige Fortsätze, zwischen denen immer wieder Funken sprühten.
Das Wesen sprang auf Bras–Kon zu.
Dieser reagierte sofort und feuerte seinen Hand-Traser ab.
Der blassgrüne Strahl erfasste das Wesen sofort.
Es taumelte zu Boden. Seine Oberfläche wirkte verkohlt, noch regte sich leicht. Sein Überlebenswille schien noch nicht gebrochen zu sein, aber es konnte sich jetzt nur noch kriechend und außerdem sehr langsam fortschleppen.
Bras–Kon machte dem ein Ende.
Er schaltete seinen Traser auf eine höhere Intensitätsstufe und im nächsten Augenblick war das Wesen nur noch ein Haufen verkohlter Asche, die der stete Wind mit sich nahm.
Anschließend deutete Bras–Kon auf das inzwischen ja frei gelegte Außenschott des Beiboots.
„Nirat-Son?“
„Ja, Kommandant?“
„Du kennst dich doch mit Schlössern aus!“
„Ich bin mit der Programmierung der internen Rechner einigermaßen vertraut“, sagte er.
„Dann versuch das hier bitte zu öffnen. Ich will wissen, was aus unseren Tanjaj-Brüdern geworden ist.“
Nirat-Son ließ sich das nicht zweimal sagen.
Er setzte ein Modul, das zu seiner Ausrüstung gehörte, an das Außenschott des Raumboots an und versuchte anschließend einen Zugang zum internen Rechnersystem zu bekommen, das der Steuerung des Schotts diente. Dann nahm er ein paar Schaltungen vor. „Vollkommene Fehlfunktion des internen Rechners“, kommentierte Nirat-Son das, was ihm über das Brillendisplay angezeigt wurde.
„Sind elektrische Entladungen eine mögliche Ursache?“, fragte Bras–Kon.
„Durchaus.“
„Aber das würde bedeuten, dass diese Wesen auf irgendeine Weise nach innen gelangt sind, denn von außen ist das Schott gegen elektrische Impulse abgeschirmt“, gab Nirat-Son zu bedenken.
Wenig später gelang es ihm, das Schott zu öffnen.
Knarrend schob es sich zu zwei Dritteln zur Seite, ehe es sich aus irgendeinem Grund verkantete. Aber die Öffnung reichte, um die Schleuse zu betreten.
Nirat-Son ging voran.
Dann folgte Bras-Kon, der Tanjaj-Nom dieser Mission.
Das innere Schleusenschott wies ein Loch auf, das von der Form her auf frappierende Weise den Schächten im Eis glich, die von den ellipsoiden Vielbeinern gezogen worden waren.
„Offenbar besitzen sie auch die Fähigkeit, Metall zu durchdringen“, stellte Nirat-Son fest.
Gran-Teron ging mit seinem Ortungsgerät näher an die Stelle heran. „Eine Kombination aus Säure und Elektrizität, würde ich sagen.“
„Die Temperatur liegt hier drinnen nur unwesentlich über dem Niveau der Oberfläche“, stelle Nirat-Son fest. „Auf jeden Fall wäre es unmöglich für einen Angehörigen des Gottesvolkes, hier zu überleben.“
„Öffne das Schott der Innenschleuse!“, befahl Bras–Kon an den Tanjaj-Rekruten gerichtet.
„Jawohl, ehrenwerter Tanjaj-Nom“, erwiderte dieser.
Wenig später hatte es Nirat-Son geschafft, auch das Innenschott zu öffnen.
Sie betraten die Passagierkabine. Es war ziemlich dunkel hier. Abgesehen von dem Licht, was durch die geöffnete Schleuse fiel, gab es hier ansonsten keinerlei Lichtquellen. Die Innenbeleuchtung war deaktiviert. Sämtliche Systeme schienen tot zu sein.
Nirat-Son verschlug es die Sprache. Der grauenvolle Anblick, der sich ihm und den anderen Qriid bot, ließ ihn unwillkürlich die Schnabelhälften gegeneinander reiben.
Auf den der Qriid-Anatomie perfekt angepassten Schalensitzen saßen fünf Qriid-Skelette. Die leeren Augenhöhlen schienen die Ankömmlinge vorwurfsvoll anzublicken.
„Mein Gott, in welche Heidenhölle sind wir hier geraten?“, wisperte Nirat-Son leise vor sich.
In diesem Augenblick krabbelte einer der ellipsoiden Vielbeiner aus einem Loch in der Wand, nur eine Kralle breit neben der Steuerkonsole. Das Wesen huschte mit einer beängstigenden Geschwindigkeit über den Boden.
Ehe einer der Qriid seinen Strahler benutzen konnte, hatte der Vielbeiner Gran-Teron erreicht. Mit einem Teil seiner offenbar auch zum greifen fähigen Extremitäten klammerte sich das ellipsoide Wesen an Gran-Terons rechtes Bein. Der Qriid schrie auf, als elektrische Funken sprühten und sich der Stoff des Thermoanzugs, der das nach hinten geknickte Qriid-Bein bedeckte, unter Einwirkung einer stark ätzenden Substanz aufzulösen begann.
Bras-Kon feuerte mit seinem Hand-Traser auf das Bein des Tanjaj. Er hatte die Waffe auf die höchste Intensitätsstufe gestellt. Der Strahl verschmorte sowohl das Bein Gran-Terons als auch den ellipsoiden Vielbeiner vollkommen. Schwer fiel Gran-Teron zu Boden.
Nirat-Son beugte sich über ihn und aktivierte die medizinische Diagnosefunktion seines Ortungsgerätes.
„Gran-Teron ist tot“, stellte er krächzend fest.
„Der Traser-Schuss kann dafür nicht verantwortlich sein“, erwiderte Bras-Kon.
„Es spricht alles dafür, dass es ein elektrischer Schlag war, der den ehrenwerten Tanjaj-Bruder außer Gefecht setzte“, erklärte Nirat-Son.
Bras–Kon trat etwas näher. „Dann wissen wir jetzt immerhin, was unseren Tanjaj Brüdern zugestoßen ist“, erklärte er. Er aktivierte seinen Kommunikator. „Hier spricht Tanjaj-Nom Bras–Kon! Alle Abteilungen bitte umgehend melden! Höchste Alarmstufe! Ich wiederhole: Höchste Alarmstufe!“
„Hier Pilot Ruu-Di!“, kam es aus dem Kommunikator, auf dessen Minibildschirm das Gesicht des Piloten erschien, der die KLEINE KRALLE hier her gesteuert hatte. „Aktueller Statusbericht: Alles ruhig und keine besonderen Vorkommnisse.“
„Gruppe Re-Lim, bitte melden!“, forderte Bras-Kon. Er hatte seinen Kommunikator auf Konferenzmodus geschaltet, sodass Ruu-Di alles mithören konnte.
Bras-Kon wiederholte seinen Aufruf an die Vierergruppe um Re-Lim, die den Auftrag bekommen hatte, die Umgebung zu erkunden.
Aber es erfolgte keine Antwort. Die übliche Frequenz blieb tot.
„Pilot Ruu-Di, wann hattest du zuletzt Kontakt mit Re-Lim?“, fragte Bras–Kon anschließend mit wachsender Sorge.
„Die nächste Statusmeldung wäre in Kürze fällig. Abgesehen davon habe ich ein automatisches Peilsignal, das mir die gegenwärtige Position anzeigt.“
„Übersenden Sie die Daten!“
„Jawohl.“
Da stimmt irgend etwas nicht!, dachte Bras-Kon. Anschließend gab er dem Piloten gegenüber eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse an Bord des aufgefundenen Raumschiffwracks.
„Wir kehren umgehend zur KLEINEN KRALLE zurück. Mach alles bereit für den Start und versuche weiterhin Kontakt mit Re-Lim und seiner Gruppe aufzunehmen!“, wies der Tanjaj-Nom den Piloten noch an.
„Jawohl, ehrenwerter Tanjaj-Nom!“
Notfalls werden wir Re-Lims Gruppe zurücklassen müssen!, überlegte Bras-Kon.
6
Vier Qriid schwebten in gemäßigtem Tempo durch die kalte Atmosphäre von Korashan V.
In Re-Lims Brillendisplay blinkte eine farbige Markierung auf, die ihn auf eine Anzeige des Ortungsgeräts hinweisen sollte.
Frii-Drig, einer der anderen Tanjaj aus Re-Lims Gruppe, hatte sein Ortungsgerät bereits entsprechend ausgerichtet. „Mehrere nicht identifizierbare Objekte nähern sich aus Nordwesten!“, stellte er fest. „Wir werden in Kürze mit ihnen zusammentreffen…“
„Gibt die optische Ortung etwas her?“, fragte Re-Lim.
„Negativ. Lediglich im Infrarot-Bereich können wir eine Ortung vornehmen.“
Das war eines der Probleme auf diesen schmutzig weißen, endlosen Flächen aus Eis und verhärtetem Schnee: Man hatte auf Grund der ebenen Topographie des Geländes und des klaren Wetters zwar eine überragende Fernsicht, aber von der gleichförmigen Oberfläche hob sich kaum etwas wirklich ab. Ein Qriid-Fußgänger hätte schon beim Blick aus einem Gleiter, der in wenigen hundert Metern über ihn hinweg schwebte nur wie ein winziger Punkt gewirkt und wäre selbst von den optischen Sensoren kaum erfasst worden. Die Thermokleidung hätte darüber hinaus auch die Infrarot-Ortung erschwert.
Frii-Drig schwebte einige Meter empor, um einen besseren Ausgangspunkt zur ortungstechnischen Erfassung der Umgebung zu haben.
Als er wieder auf das Niveau der anderen hinunter sank, erklärte er: „Es muss sich um Eissegler der säugetierähnlichen Eingeborenen handeln! Sie kommen direkt auf uns zu!“
„Auf den Boden aufsetzen!“, befahl Re-Lim.
Die vier mit Antigravpaks ausgerüsteten Qriid schwebten zu Boden, setzten sanft auf der eisigen Oberfläche auf.
In der Ferne begannen sich jetzt winzige Konturen zu bilden.
Mit Hilfe der optischen Erfassung seines Ortungsgerätes zoomte Re-Lim eine dieser Strukturen heran und sah ein helles und vor dem Hintergrund der weißen Flächen von oben sicher so gut wie unsichtbares Dreieckssegel.
Es gab nur wenige Daten, die über die humanoiden Eingeborenen von Korashan V vorlagen. Sie stammten von den Datentransmissionen, die die erste Korashan-Expedition zu ihrem Mutterschiff gesandt hatte. Dass diese Angaben lückenhaft, unvollständig und möglicherweise sogar falsch waren, lag auf der Hand. Aber sie bildeten zumindest einen Grundstock, auf dem man aufbauen konnte.
Die Eissegler näherten sich und wurden schließlich sogar mit bloßem Auge deutlich sichtbar. Die gleichmäßigen starken Winde auf Korashan V machten sie zu einem zwar einfachen, aber sehr effektiven Verkehrsmittel für die eingeborenen Heiden. Es gab gewaltige, mit mehreren Großsegeln ausgestattete Segler, die auf gewaltigen Kufen dahin glitten.
„Gottlose Heiden sind sie!“, meinte Frii-Drig.
Immer näher kamen die gewaltigen Eissegler. Ein schabendes, knarrendes Geräusch entstand, wenn die Kufen über die Eisberge glitten. Re-Lim fragte sich, aus welchem Material diese Kufen wohl bestehen mochten. Es musste sehr hart sein und schon fast metallische Eigenschaften zu besitzen, während die Aufbauten der Eissegler aus einem holzähnlichen Stoff bestanden. Auch hier stellte er sich die Frage, woher die Materialien stammten. Schließlich war die Oberfläche von Korashan V absolut frei von jedweder Vegetation, die über ins Eis eingeschlossenen Algen hinausging.
Schon die erste Expedition hatte diesbezüglich vor einem Rätsel gestanden. In den ersten Datenfiles, die zum Mutterschiff gesandt worden waren, hatten Expeditionsteilnehmer die Vermutung geäußert, dass die Säugetierabkömmlinge in der Lage waren, den Eispanzer, der den Planeten umgab, zu durchbrechen und ihr Baumaterial vielleicht aus der Tiefe zu holen.
Dagegen sprach, dass der Eispanzer von Korashan V sehr dick war und es bei den Qriid eigentlich niemand den barbarischen Säugetierabkömmlingen zutraute, eine Technologie zu entwickeln, die es ihnen erlaubte, bis zu dem unter dem Eis gelegenen Planeten umspannenden Ozean vorzudringen.
Dieser Ozean war im Übrigen noch so gut wie überhaupt nicht erforscht. Auf Grund der Wärme, die vom Planetenkern ausging, war es durchaus denkbar, dass es auch unter dem Eispanzer Formen von wahrscheinlich primitivem Leben gab. Aber wie man selbst in den seichten Meeresregionen Materialien vom Grund empor bringen konnte, wenn einem nicht eine hoch entwickelte Technologie zur Verfügung stand, das hatten auch die Verfechter dieser Theorie nicht zu erklären vermocht.
„Hand-Traser schussbereit machen!", wies Re-Lim die anderen Tanjaj seiner Gruppe an.
Schließlich war es immer das Beste, auf Nummer sicher zu gehen. Heiden waren unberechenbar, wusste Re-Lim.
Fünf große Eissegler näherten sich jetzt den Qriid. Sie wurden von mindestens einem Dutzend kleinerer Gefährte begleitet.
Die Steuermänner rissen die Ruder herum. Der hintere Teil der Kufen ließ sich durch einen Mechanismus bewegen, wodurch der Eissegler sehr effektiv gesteuert werden konnte.
Die gewaltigen Vehikel wurden nun konsequent einer nach dem anderen in den Wind hineingelenkt. Die Segel erschlafften und wurden von einer emsigen Crew sehr schnell eingeholt. Die Takelage wirkte auf Re-Lim wie ein verworrenes Geflecht aus Seilen, deren Herkunft ihm ebenso schleierhaft war, wie das gesamte Material, aus dem die Eissegler gefertigt worden waren. Gefertigt auf einem Planeten, auf dem es eigentlich buchstäblich nichts gab und der darüber hinaus denkbar schlechte Überlebenschancen für das rätselhafte Volk der schnabellosen Säugetier-Heiden bot. Sie tragen keinen Schnabel und entsprechen damit in keiner Weise dem Ebenbild Gottes!, dachte Re-Lim mit wachsender Verwunderung. Sie leben ohne den Beistand des Allmächtigen auf einer Welt, auf der das eigentlich nicht möglich ist - und doch existieren sie!
Es kam Blasphemie gleich, in diesem Zusammenhang von einem Wunder zu sprechen, denn Wunder waren Gott und seinem auserwählten Volk vorbehalten. Aber eine gedankliche Assoziation in diese Richtung kam dem natürlich auch theologisch hoch gebildeten Tanjaj Re-Lim natürlich so fort.
Mochte das nächste Reinigungsritual dafür sorgen, dass seine Seele wieder makellos wurde und er bereit war, jederzeit vor seinen Schöpfer zu treten, um sich dessen Gericht zu überantworten. Ein Tanjaj hatte stets auf diesen Aspekt zu achten und Re-Lim war darin sehr gewissenhaft. Die Verheißung einer glückseligen Weiterexistenz im Jenseits gehörte schließlich zu den wichtigsten Versprechungen, die der Glaube der Qriid den Gläubigen machte. Im Fall der Tanjaj sollte sie dieses Versprechen natürlich zu noch größerem Mut und Risikobereitschaft anspornen und sie die Gefahr bei ihren Einsätzen vergessen lassen.
Re-Lim hätte es zwar nur ungern zugegeben, aber die Wirkung dieser Jenseitsverheißungen hielt sich in engen Grenzen. Die meisten Tanjaj hingen letztlich doch sehr viel mehr an ihrer materiellen Existenz, als es den Lehrsätzen der Priesterschaft oder der verherrlichenden Überlieferung der qriidischen Geschichte entsprach. Nach und nach kamen sämtliche Eissegler zum stehen.
Einige Crew-Mitglieder stiegen an Strickleitern von den Seglern hinunter. Sie trugen Kleidung, die Re-Lim an Tierhäute von Meeresbewohnern erinnert. Die chemische Zusammensetzung, die sich mit Hilfe des Ortungsgerätes zumindest im Hinblick auf die Hauptbestandteile ermitteln ließ, schien dies zu bestätigen.
Einige der Heiden kamen näher und blieben in einem Abstand von wenigen Qriid-Körperlängen stehen. Manche von ihnen trugen Gegenstände bei sich, die an Harpunen oder Speere erinnerten.
Einer von ihnen trat vor. Die Kapuze seines Anoraks war tief ins Gesicht gezogen, sodass man von seinem Gesicht nur wenig sehen konnte. Ihm wuchsen Haare im Gesicht, was Re-Lim bei diesen Säugetierabkömmlingen als besonders abstoßend empfand. Ein äußeres Zeichen der Barbarei und Gottlosigkeit, so sah es der Tanjaj. Ein optischer Beweis für die spirituelle Minderwertigkeit dieser Barbaren.
Re-Lim schaltete den Translator ein.
Der Humanoide begann zu reden.
Seine Worte klangen für das Gehör eines Qriid erschreckend tief. Einer der anderen Tanjaj glaubte sogar, mit einer Drohung konfrontiert zu sein und wollte schon den Hand-Traser einsetzen.
Re-Lim konnte ihn jedoch im letzten Moment davon abbringen.
„Wir sollten erst herauszufinden versuchen, was diese Gottlosen eigentlich von uns wollen", bestimmte er.
„Dann kann es bereits zu spät sein", lautete die Erwiderung. „Kein Heide ist es wert, dass man das Leben eines ehrenhaften Tanjaj für ihn riskiere!"
Mit diesem Satz zitierte er einen Satz aus der Weisheit des Ersten Aarriid, der auch Re-Lim nicht zu widersprechen wagte.
Die Augen und Ohren der Tugendwächter waren schließlich überall.
Der Säugetierabkömmling wiederholte indessen seine Worte, da er wohl merkte, dass ihn die Qriid nicht verstanden. Die Erfassung des Eingeborenenwortschatzes war sehr unvollständig. Lediglich einige wenige Begriffe waren dem Übersetzungssystem bekannt. Die erst Expedition hatte kaum Sprachdaten übermitteln können.
Der Schnabellose wiederholte seine Worte. Er sprach diesmal mit einem Tonfall, den selbst die anwesenden Qriid als ausgesprochen dringlich begriffen. Zwei weitere Männer traten neben ihn. Sie unterhielten sich kurz.
Die Tanjaj, die gegenwärtig unter Re-Lims Kommando standen, hatten eigentlich eingreifen wollen. Re-Lim hielt sie jedoch davon ab. Das Risiko erschien noch vertretbar.
Schließlich hatten die Qriid jederzeit die Möglichkeit, ihre überlegene Waffentechnik einzusetzen und damit die vermeintlichen Gegner sofort auszuschalten.
Inzwischen begann der Translator mit ersten Übersetzungsversuchen. Offenbar ist die Sprache der Heiden nicht allzu schwer zu erfassen!, dachte Re-Lim. Aber wen kann das wirklich wundern? Eine wirklich differenzierte und anspruchsvolle Lautsprache ist ohne das anatomische Merkmal eines gut ausgeprägten Schnabels wohl kaum möglich…
Noch wirkten die Worte – oder sollte man sagen das Gestammel? – des Heiden unbeholfen und wirr. Einige Begriffe wurden klar übersetzt. Manchmal auch kleine Bedeutungseinheiten, die einen Sinn ergaben. Das Ganze wirkte wie ein sprachliches Puzzle, bei dem einfach viele Teile noch nicht erkannt waren.
Aber für Re-Lim und die anderen drei Tanjaj wurde sehr schnell klar, dass der Schnabellose ihnen eine Warnung überbringen wollte.
Immer klarer wurde die Übersetzung.
Der Säugetierabkömmling deutete auf seine Brust. „Ich bin Magoon“, sagte er. „Magoon.“
Re-Lim deutete auf sich selbst und nannte ebenfalls seinen Namen, was Magoon durchaus zu verstehen schien.
„Gott, die Macht, die das Universum schuf, hat uns zur Herrschaft auserwählt!“, sagte Re-Lim an Magoon gerichtet. „Ihr habt euch zu unterwerfen. Andernfalls werdet ihr alle getötet. Wir wollen euch nichts tun, aber wir werden auch nicht mit uns handeln lassen. Unterwerft euch der Göttlichen Ordnung, und werdet ein glückliches Leben behalten. Widersetzt ihr euch unseren Plänen, wird euer Blut das Eis von Korashan V grün färben.“
Wieso gehst du davon aus, dass das Blut aller Schnabellosen grün sein muss?, meldete sich ein leicht spöttischer Kommentator in Re-Lims Hinterkopf. Nur deshalb, weil grün die Farbe der Gottlosigkeit und Sünde ist? Das ist doch wirklich zu simpel. Ein erfahrener Tanjaj sollte das besser wissen!
Magoon schien nicht im Mindesten irritiert zu sein.
„Ich bin der Überbringer der Gedanken“, sagte er rätselhaft.
Re-Lim spürte auf einem Mal einen stechenden Schmerz in seinem Kopf. Es fiel ihm schwer, sich noch auf irgendetwas anderes zu konzentrieren.
Magoon trat noch einen Schritt näher.
Er musterte die vogelartigen Bewohner seiner Welt.
„Es waren schon andere von eurer Art hier!“, stellte er fest.
Der Schmerz in Re-Lims Kopf ließ abrupt nach. Von einem Augenblick zum nächsten konnte er sich wieder einwandfrei konzentrieren und er fragte sich, was da geschehen war.
Er wollte den Kommunikator aktivieren. In Re-Lims Bewusstsein herrschte Chaos. Eine Stimme begann sich ganz leise aus diesem verwirrenden Durcheinander herauszuheben. Sie sagte Re-Lim, dass er jetzt umgehend den Kommunikator zu aktivieren und den Tanjaj-Nom zu verständigen hatte.
Aber Re-Lim war zu seiner eigenen Überraschung unfähig, das auch in die Tat umzusetzen. Wie beiläufig registrierte er, die Anzeige in seinem Brillendisplay, die ihm eigentlich hätte deutlich machen müssen, dass sein derzeitiger Vorgesetzter verzweifelt versuchte ihn zu erreichen.
Aber weder Re-Lim noch seine Begleiter achteten darauf.
Erneut erfüllte ein Schmerz Re-Lims Kopf.
Dieser Schmerz war ähnlich wie bei seinem ersten Auftauchen, vollkommen abrupt aufgetreten.
Nur war er diesmal noch wesentlich heftiger.
Re-Lim schrie auf. Seine Beine knickten nach hinten weg. Alles schien sich vor seinen weit auseinander stehenden Vogelaugen zu drehen. Ganz am Rande nahm er noch wahr, dass es seinen Begleitern offenbar ähnlich erging. Frii-Drig lag ebenfalls am Boden. Er hatte seinen Hand-Traser mit der linken Klaue gepackt und den Lauf auf Magoon gerichtet.
Warum schießt er nicht?, fragte sich Re-Lim in jenem Bruchteil eines Moments, in den er trotz der mörderischen Schmerzen zu einem klaren Gedanken fähig war.
Magoon sprach einige Worte, die an seine Artgenossen gerichtet waren, von denen Re-Lim nicht das Geringste verstand. Der Translator schien aus dem benutzten Sprachbereich noch keines der zum Verständnis nötigen Schlüsselwörter zu kennen, was Re-Lim sehr verwunderte.
Regungslos lagen Re-Lim und die drei anderen Mitglieder seiner Gruppe auf dem eisigen Untergrund.
Re-Lim versuchte, sich zu bewegen, etwas zu sagen, wenn nötig zu schreien oder auf irgendeine andere Art und Weise Kontakt mit den anderen Crew-Mitgliedern aufzunehmen.
Es war einfach nicht möglich.
Ein knarrendes, beinahe stöhnendes Geräusch erfüllte plötzlich die Luft. Es war an mehreren Stellen gleichzeitig zu hören.
Plötzlich entstanden Löcher im eigentlich doch für die Ewigkeit festgefrorenen Boden.
Aus jedem von ihnen kamen wenige Augenblicke später ein ellipsoides Wesen mit vielen Beinen.
Manche von ihnen sprangen regelrecht empor, ehe sie mit traumwandlerischer Geschicklichkeit genau wieder auf ihren Füßen landeten.
Re-Lims Augen entgingen auch die Mäuler mit den Beißwerkzeugen nicht.
Innerhalb weniger Augenblicke bildeten sich weitere Löcher im Eis, aus denen ebenfalls ellipsoide Kopffüßer an die Oberfläche drangen, die ihre Beißwerkzeuge gierig fletschten und dabei ein schmatzendes Geräusch erzeugten. Eine ätzende Flüssigkeit troff ihnen dabei aus den Mäulern heraus. Wo immer sie auf das Eis traf, verflüssigte sich das Eis sofort – nur um Augenblicke später wieder zu erstarren.
Das ist das Ende!, dachte Re-Lim.
Kapitel 2: Ein Commander namens Reilly
Du bist lange nicht hier gewesen, dachte Commander Willard J. Reilly, als er den großen, Licht durchfluteten Raum betrat. Von der Fensterfront aus hatte man einen beeindruckenden Panoramablick auf das Meer und die Bucht von Tanger, Erde. Die Sonne ließ die gekräuselte Wasseroberfläche wie Myriaden von Perlen glitzern. Eine sanfte Brandung erzeugte ein allgegenwärtiges und sehr charakteristisches Rauschen. Spezielle akustische Rezeptoren übertrugen dieses Rauschen eins zu eins ins Innere des Hauses, das den arabischen Namen Dar-el-Reilly trug.
„Es ist schön, dass du auch da bist!“, sagte eine wohl vertraute Stimme in Willard Reillys Rücken.
Er drehte sich herum.
„Dan!“, stieß er hervor. Willard grinste. „Oder muss ich dich neuerdings Bruder Daniel nennen?“
„Angemessen wäre es“, erwiderte der junge Mann mit den leicht gelockten, dunklen Haaren. Der Blick seiner meergrünen Augen wirkte ungewöhnlich intensiv und schien alles zu durchdringen.
Dan Reilly hatte sich vor kurzem dem Wissenschaftlerorden der Olvanorer angeschlossen, nachdem er bereits einige Jahre an der Brüderschule des Ordens auf Sirius III studiert hatte. Diese Brüderschule war die Universität im Bereich der Humanen Welten, die in Bezug auf die Erforschung extraterrestrischer Kulturen das mit Abstand größte Ansehen besaß. In erster Linie war sie für Mitglieder des Ordens bestimmt, die danach zu Expeditionen in die Weiten des Alls aufbrachen – getrieben von einem friedlichen Forscherdrang, der fremde Kulturen in erster Linie zu verstehen und nicht zu verändern versuchte. Oft harrten Gruppen von Olvanorern jahrelang in Forschungscamps auf abgelegenen Welten aus, um die Sitten und Gebräuche von Spezies zu studieren, die sowohl der kommerziellen als auch der militärischen Weltraumforschung als schlicht und ergreifend zu unbedeutend erschienen, um sich näher mit ihnen zu beschäftigen.
Aber inzwischen kam es immer häufiger dazu, dass das sowohl das Space Army Corps of Space Defence als auch die Raumhandelsabteilungen großer Konzerne auf das Wissen des Ordens zurückgriffen und sich von Olvanorer-Brüdern beraten ließen.
„Für mich wirst du immer Dan bleiben!“, meinte Willard. Die graubraune Kutte, die sein Bruder jetzt trug, war für ihn gewöhnungsbedürftig.
Zwar gab es auch an Bord der STERNENKRIEGER, dem Leichten Kreuzer, den Willard Reilly kommandierte, mit Bruder Padraig einen Olvanorer-Berater, mit dem Willard stets gut zusammengearbeitet hatte, aber seinen Bruder in dieser Kleidung zu sehen, war doch etwas anderes. Er folgt einer bestimmten Idee, einem Plan, den er sich für sein Leben gemacht hat. Genau wie ich, auch wenn sich unsere Pläne gewiss etwas unterscheiden, dachte Willard. Es ist nichts dagegen einzuwenden. Das Problem ist nur, dass unsere Eltern wohl ganz andere Pläne für uns hatten und es spätestens jetzt wohl klar sein dürfte, dass keiner von uns diese Pläne je erfüllen wird…
Vielleicht war dies der tiefere Grund dafür, dass Commander Willard J. Reilly stets ein gewisses Unbehagen empfand, wenn er die lichten Hallen des Dar-el-Reilly in Tanger, Erde, betrat – einem Ort, den er früher einmal als eine Heimat bezeichnet hätte.
Eric Reilly war als junger Mann nach Tanger gezogen, weil er dort günstig Grund und Boden für die Hangarhallen seiner Raumboote bekommen konnte, mit denen er eine Frachtlinie aufbauen wollte. Das Geschäft war gut angelaufen. Zunächst hatte Reilly Ltd. lediglich innerhalb des Sonnensystems operiert. Die Versorgung der Prospektorensiedlungen auf den planetengroßen Objekten des Kuiper-Gürtels wie Sedna oder Quor war ein einträgliches Geschäft gewesen und hatte Eric Reilly schließlich ermöglicht, eine Sirius-Linie einzurichten, die auch heute noch das wichtigste Standbein der Firma darstellte.
Zwischenzeitlich hatte Eric Reilly eine junge Frau kennen- und lieben gelernt: Jarmila Delarondou. Sie gehörte der traditionsbewussten arabischen Minderheit an, die hier lebte. Als Jarmila Reilly wurde sie die Mutter dreier Söhne: Willard, Dan und Eric Junior, der von allen in der Familie oft auch einfach nur „Nummer Zwei“ genannt wurde, da er offiziell als Eric Reilly II eingetragen worden war.
Altersmäßig lag Eric II genau zwischen dem zweiunddreißigjährigen Willard und dem fünfundzwanzigjährigen Dan.
Der Kontakt zu Eric II war allerdings seit Jahren abgebrochen. Er hatte Biochemie und Genetik auf Genet studiert und war anschließend in die Dienste des TR-Tec-Konzerns getreten, von dem seit langem bekannt war, dass er die strengen Gentechnik-Gesetze, die innerhalb des Machtbereichs der Humanen Welten galten, zu unterlaufen versuchte. TR-Tec unterhielt auf eigenen, auf Firmenkosten erschlossenen Welten, geheime Labors. Ganze Forscher-Städte waren dort errichtet worden. Und nur ein Bruchteil dessen, was dort geschah oder sich zumindest vorbereitete, drang nach außen.
Der Konzern wollte offensichtlich seine Ruhe haben und sein politischer Arm in Gestalt seiner unermüdlichen Lobbyisten schien stark genug zu sein, das Gesetz an entscheidenden Stellen zu schwächen, da es die Ausübung der freien Forschung behindere.
„Hast du etwas von Nummer Zwei gehört?“, fragte Willard an Dan gerichtet.
„Du solltest ihn nicht so nennen, Willard.“
„Tut mir leid.“
„Vielleicht ist das der Grund, weshalb er es bislang noch nicht geschafft hat, selber irgendetwas Vernünftiges aufzubauen!“, glaubte Dan Reilly.
„Ich bin überzeugt davon, dass es unserem Bruder durch seine Festanstellung bei TR-Tec möglich ist, sich sein Leben so einzurichten, wie er das für richtig hält, Willard.“
„Ja, vielleicht hast du Recht. Auch wenn ich die Dinge, die er tut, nicht wirklich billigen kann.“
„Hast du dich je genauer damit beschäftigt, was das Leben im Innersten wirklich zusammenhält und bestimmt? Unser Bruder, den wir oft so despektierlich Nummer Zwei genannt haben, ist zumindest auf seinem Gebiet inzwischen eine Nummer Eins geworden, wenn du verstehst, was ich meine!“
„Vollkommen“, erklärte Willard. „Es wundert mich nur, dass ausgerechnet du ihn verteidigst.“
„Tue ich das?“ Dan hob die Augenbrauen.
„Jedenfalls kann ich mich erinnern, dass du sehr vehement gegen die Positionen der Genetics gewettert, wie sie auf den Welten der Drei Systeme propagiert werden, die vom TR-Tec-Konzern besiedelt worden sind!“
Genetics – dieser Begriff bezog sich einerseits auf die Bewohner des Planeten Genet, dem wirtschaftlichen Zentrum der Drei Systeme, in denen die Bundesgesetze der Humanen Welten zur Gentechnik mehr oder minder offen boykottiert oder unterlaufen wurden. Er bezeichnete allerdings zunehmend auch jene Menschen, bei denen gentechnische Modifikationen vorgenommen worden waren. Irgendwann, so sagten Beobachter, würde die politische und wirtschaftliche Kluft zwischen den Drei Systemen und den Humanen Welten so groß werden, dass der Bruch unvermeidlich war.
Vielleicht war es das allgemeine Gefühl einer latenten Bedrohung, die dies bisher verhinderte. Schließlich war seit der ersten Mission der Raumschiffe STERNENKRIEGER und JUPITER im so genannten Niemandsland klar, dass jenseits dieser weitgehend unbekannten Raumzone ein gefährlicher Feind lauerte – das Heilige Imperium der vogelähnlichen Qriid, über die man im Moment kaum mehr wusste, als dass sie aus offenbar religiösen Gründen ständig expandierten. Sie trieben die Grenzen des Imperiums vor sich her und überzogen System für System mit einem bisher auf galaktischer Bühne beispiellosem Eroberungskrieg.
Es war nur eine Frage der Zeit, wann sich dieses Imperium zu einem direkten Kontrahenten der Humanen Welten mausern würde. Eine Kraft, die sich der Übermacht des Imperiums entgegenzustellen vermochte, war weit und breit nicht in Sicht. Das so genannte Niemandsland wurde von Völkern besiedelt, die sich zum überwiegenden Teil noch im Anfangsstadium des überlichtschnellen Raumflugs befanden, sofern sie ihn überhaupt entwickelt hatten. Erste Kolonisierungsversuche hatten inzwischen im Alistair-System, nur etwa zehn Lichtjahre von der bisherigen Grenze jener Raumkugel mit einem Radius von fünfzig Lichtjahren entfernt, die die Menschheit als ihr Einflussgebiet betrachtete, stattgefunden.
Die arachnoiden Wsssarrr, auf die Reilly und seine Crew vor zwei Jahren stießen, waren selbst Flüchtlinge vor den unbarmherzigen Eroberern.
Die letzten zwei Jahre hatten die Humanen Welten dazu genutzt, um sich zu wappnen. Nur wenige Vorstöße waren ins Niemandsland unternommen worden – und dann auch nie über die magische Marke von 15 Lichtjahren hinaus. Schließlich wollte man nicht über Gebühr auf sich aufmerksam machen. Vielleicht hoffte man auch darauf, dass der Expansionsdrang der Vogelartigen irgendwann von ganz allein zum erliegen kam.
Eine Hoffnung, die trügerisch und durch nichts zu begründen war.
Aber dieser permanente, außenpolitische Druck sorgte zweifellos dafür, dass einerseits die drei Systeme alles unterließen, um es zu einem Bruch kommen zu lasse, während andererseits der Hohe Rat der Humanen Welten nur halbherzig die Einhaltung der Bundesgesetze einforderte und stillschweigend so manches tolerierte, was eigentlich nicht hätte toleriert werden.
„Ich habe Eric II niemals verteidigt“, widersprach Dan, nachdem er einige Augenblicke lang auf das Meer hinaus geblickt hatte. „Schließlich widersprechen seine Ansichten meinen Wertvorstellungen und meinem Glauben beinahe diametral. Für mich ist der Mensch ein Geschöpf Gottes – und nicht eine verbesserungswürdige, biologische Maschine, die man mit ein paar Ersatzteilen so optimieren kann, wie es gerade den Gewinninteressen irgendwelcher Konzernoberen entspricht!“
„Harte Worte“, erwiderte Willard Reilly. „Und was ist mit dem medizinischen Fortschritt, der dadurch erreicht wird? Dem Leiden, dass die Ärzte von Genet, die heute zu den besten innerhalb der Humanen Welten gehören, zu lindern vermögen?“
„Wir wiederholen unsere Diskussionen von frühe!“, gab Dan zurück. „Aber ich glaube nicht, dass du deshalb hier her gekommen bist!“
Dan bedachte Willard mit einem Blick, der zu sagen schien: Ich weiß alles über dich. Jeder Gedanke, der dir nur flüchtig durch das Gehirn zu schnellen scheint, jede Regung, jedes Gefühl…
Manchmal war es Willard regelrecht unheimlich vorgekommen, dass Dan stets genau zu wissen schien, was in seinem Gehirn vor sich ging, wie er sich fühlte und was er als nächstes sagen würde. Die Erklärung dafür sah Willard in seiner sehr wachen Beobachtungsgabe, die seinen Bruder auszeichnete. Allerdings hatte sich diese Begabung, Menschen einzuschätzen und mitunter sogar ihre Verhaltensweisen vorherzusagen, noch deutlich verstärkt, seit Dan Reilly sich ein Herz gefasst und dem Orden der Olvanorer beigetreten war.
Nein, dachte Willard. Beigetreten ist nicht das Wort, das hier passend wäre. Aber wie sollte man es sonst ausdrücken? Zu sagen, er hätte seinem Beitritt schließlich zugestimmt wäre wohl passender – aber das klingt ziemlich seltsam!
Dan hatte Willard einmal anvertraut, dass es umgekehrt gewesen war. Der Orden war auf ihn aufmerksam geworden. Nachdem eine gewisse Zeit vergangen war und er sich diversen spirituellen Prüfungen unterworfen hatte, war aus Dan Reilly schließlich Bruder Daniel geworden.
Willard erinnerte sich noch an die Einsegnungsfeier auf Sirius III, an der auch Verwandte und Freunde hatten teilnehmen können. Eric Reilly senior und seine Frau Jarmila hatten sich entschuldigt. Angeblich waren sie beide unabkömmlich, da die Eric Reilly Ltd. in Verhandlung mit einem wichtigen Kunden stand, der eine firmeninterne Frachtlinie nach Alpha Centauri einrichten wollte.
Willard vermutete jedoch, dass der Grund für die Abwesenheit der beiden ein anderer gewesen war. Nachdem ihre beiden ältesten Söhne Willard und Eric II. relativ früh klargemacht hatten, dass sie sich ein Leben als Betreiber einer Raumfrachtfirma einfach nicht vorstellen konnten, waren mit Dans Einsegnung ihre Hoffnung, dass doch noch einer der Reilly-Söhne die Firma eines Tages übernehmen würde, vollends gestorben.
Für Dad muss das ein schwerer Schlag gewesen sein!, dachte Willard. Vielleicht schwerer, als wir alle ahnten.
Er hatte sich in der Folgezeit wenig anmerken lassen.
Immerhin, so hatte er bei der nächsten Familienzusammenkunft anlässlich von Jarmilas Geburtstag gewitzelt, seien die Olvanorer ja wenigstens kein Orden, der das Zölibat praktiziere, sodass noch Hoffnung auf Enkelkinder bestehe, die das Erbe eines gut gehenden Raumfrachtgeschäfts vielleicht besser zu würdigen wüssten.
„Wie lange wirst du bleiben?“, fragte Dan.
„Bis übermorgen“, antwortete Willard.
„Nicht länger?“
„Ich muss wieder an Bord meines Schiffes. Der Geburtstag meiner Mutter ist nicht unbedingt etwas, wofür man eine wichtige Mission aufschieben könnte. Ich habe mit Lieutenant Commander Soldo eine sehr guten Ersten Offizier – und nur deswegen konnte ich meinen Urlaub noch um einen Tag verlängern.“
„Natürlich.“
Er weiß, dass das nicht stimmt, dachte Willard Reilly. Ihm ist bewusst, dass der wahre Grund für meinen frühen Aufbruch darin zu suchen ist, dass ich mir nicht dauernd sagen lassen möchte, wie schön es wäre, wenn ich in die Geschäftsführung von Reilly Ltd. einstiege… Es ist wohl unvermeidlich, dass Dad auf diesen Punkt zu sprechen kommen wird…
Aber Willard J. Reilly hatte nun einmal einen anderen Weg gewählt. In dem Moment, als er die anthrazitfarbene Uniform des Space Army Corps zum ersten Mal angelegt hatte, war ihm klar gewesen, dass es kein Zurück gab. Es genügte ihm einfach nicht, immer wieder die Linie Sirius-Sol-System zu fliegen. Ihn drängte es nach mehr. Und er wollte außerdem etwas tun, das für die Menschheit wichtig war – und nicht nur für ihn selbst.
Finanziell war diese Entscheidung zugunsteten des Space Army Corps mit Sicherheit ein Fehler gewesen. Aber materieller Wohlstand war nicht alles, so fand er. Und immerhin in dieser Hinsicht schien sich die Einstellung aller drei Reilly-Söhne auf frappierende Weise zu ähneln.
„Wir werde es durchstehen“, sagte Dan. Sein Tonfall war zwar sanft und er sprach leise. Dennoch drückten seine Worte in diesem Augenblick eine Stärke aus, die Willard seinem jüngeren Bruder früher niemals zugetraut hätte. Dan lächelte. „Eine Kutte, eine Uniform… Ich glaube der Unterschied ist für Dad gar nicht so groß, fürchte ich.“
„Da dürftest du wohl Recht haben!“
Er hat ausgesprochen, was ich dachte!, ging es Willard durch den Kopf. Es ist frappierend. Manchmal fragte ich Willard, ob diese Fähigkeit tatsächlich durch eine genaue Beobachtungsgabe zu erklären war.
Willards Gedanken wirbelten flashbackartig zurück in die Vergangenheit.
Diese Fähigkeit, die emotionale Verfassung anderer Menschen unmittelbar zu erfassen, hatte sich bei Dan schon früh entwickelt. Als Kind hatte er immer genau gewusst, wann es keinen Sinn hatte, Mum oder Dad um irgendetwas zu fragen. Er hatte das dem älteren Willard auch gesagt, aber dieser hatte natürlich in der Regel nicht auf den Jüngeren gehört.
Die Ausbildung, die Dan später auf seinem Weg zur Einsegnung als Olvanorer-Bruder durchlaufen hatte, musste dafür verantwortlich sein, dass sich diese Fähigkeit noch verstärkte.
Für einen Moment erschienen Szenen von der Einsegnungsfeier in den erhabenen Mauern des Klosters Saint Arran auf Sirius III vor Willards innerem Auge. Er dachte immer mit gemischten Gefühlen an diese Feier. Ein Grund dafür war, dass er in den Reihen der Kuttenträger das Gesicht eines Mannes wieder erkannte, den er bereits viele Jahre zuvor einmal gesehen hatte. Der Mann hatte graue Haare. Sein Alter war schwer zu schätzen gewesen. Die Haut hatte Willard an gegerbtes Leder erinnert. Hoch stehende Wangenknochen und ein spitz zulaufendes Kinn waren außerdem heraus stechende Kennzeichen dieses wie in braunes Holz geschnitzt wirkende Gesicht gewesen.
Der Blick dieses Mannes hatte zuerst auf dem Novizen Dan Reilly geruht, der sich gerade anschickte, Bruder Daniel zu werden, hatte dann aber Willards Blick bemerkt und ihn für eine volle Sekunde auf eine Weise erwidert, die dem damals frisch gebackenen Kommandanten der STERNENKRIEGER eisige Schauder über den Rücken getrieben hatte.
Du brauchst nur an jenen Moment zu denken und das Gefühl ist wieder da!, durchfuhr es Willard Reilly. Ein unerklärliches Unbehagen, gemischt mit dem Wissen, dass da ein Geheimnis war…
Ein Geheimnis, dessen wahre Natur Willard nicht einmal zu erahnen vermochte.
„Du denkst an den Mann, von dem du annimmst, dass er uns beide als Kinder beobachtet hat, als wir draußen spielten.“ Es war eine Feststellung, die da gelassen über Dan Reillys Lippen ging und keine Frage.
Willard musste unwillkürlich schlucken.
„Ja“, gab er zu. „Du erinnerst dich wirklich nicht an ihn?“
„Nein, ich war zu klein.“
„Ich habe dir den Mann nach der Einsegnungsfeier beschrieben.“
„Ja, ich weiß. Eine markante Erscheinung.“
„Du hast inzwischen seinen Namen herausgefunden?“
„Was hat das für eine Bedeutung, Willard?“
„Man könnte ihn fragen, weshalb er uns damals beobachtete. Er trug keine Kutte, aber ich bin mir sicher, dass…“
„Das Bewusstsein spielt einem manchmal schon eigenartige Streiche“, unterbrach Dan seinen älteren Bruder.
Warum tut er das?, fragte sich Willard. Ist das seine Art, mir auf besonders diplomatische Weise klar zu machen, dass er darüber nicht sprechen will? Vermutlich… Aber wo steht geschrieben, dass ich so sensibel und feinfühlig sein muss wie er?
„Der Mann trug damals keine Kutte, sondern eine ganz gewöhnliche, zivile Kombination!“
„Unsere Kutte gehört ebenfalls zur Zivilkleidung“, sagte Dan. „Und wenn du genau hinschaust, dann wirst du sehen, dass sie sich keineswegs wie ein Ei dem anderen gleichen, so wie eure Uniformen.“
Er will mich von diesem Thema ablenken!, dachte Willard. Aber in dieser Hinsicht wollte er Dan diesmal nicht auf den Leim gehen. Nein, diesmal nicht!
„Ich habe dich das nie gefragt, aber kann es sein, dass der Orden seine Mitglieder aussucht und sie vielleicht schon in einem sehr frühen Stadium ihrer Entwicklung beobachtet?“
„Es wird viel über unseren Orden erzählt“ erwiderte Dan. „Manches davon ist wahr, anderes nichts als eine Legende.“
„Und wie ist es in diesem Fall?“
Die Erinnerung stieg erneut in Willard J. Reilly empor.
Dieser Blick, mit dem der grauhaarige Mann uns damals musterte!
„Ich verstehe dein Interesse“, sagte Dan schließlich. „Dieser Mann – wer immer er auch gewesen sein mag – hat uns beide angesehen. Aber ich wurde schließlich ein Ordensbruder und jetzt fragst du dich, was ich dir voraushaben könnte. Aber das ist eine destruktive Sichtweise, die nur innere Zweifel daran nährt, den richtigen Weg gegangen zu sein.“
Willard hatte den Mund bereits geöffnet, um etwas zu erwidern. Aber kein einziges Wort kam ihm über die Lippen. Er bemerkte die Schritte, sah aus den Augenwinkeln heraus, wie sich eine Tür geöffnet hatte und die Gestalten zweier Menschen eintraten.
Eric Reilly I. und seine Frau Jarmila Reilly hatten den Raum betreten und das Gespräch der Brüder erstarb.
Vielleicht hat unser Bruder Eric II. am klügsten gehandelt, in dem er einfach zu diesem Anlass keinen Flug von Genet zur Erde gebucht hat!, überlegte Willard.
1
Zwei Tage später befand sich Willard Reilly auf dem Orbitalflug nach Spacedock 1, wo die STERNENKRIEGER angedockt hatte. An Bord des Orbitalshuttles D-332 waren ansonsten vor allem Techniker, die sich auf dem Weg zu der Raumwerft des Space Army Corps befanden.
Diese Crews waren nicht Teil der Space Army Corps Hierarchie, sondern wurden aus der zivilen Raumfahrtindustrie abgeworben. Der Bedarf an Produktions- und Wartungstechnikern im Bereich der Raumfahrt war enorm groß, seit die Humanen Welten mit ihrem Flottenprogramm begonnen und vor allem Leichte Kreuzer in großer Stückzahl zu produzieren begonnen hatten. Die STERNENKRIEGER war einer der beiden Prototypen dieser neuen, im Gegensatz zu den großen Dreadnought-Schlachtschiffen oder den Zerstörern, sehr viel kleineren Schiffsklasse, die inzwischen die offizielle Bezeichnung „Scout“ trug.
Gedanken verloren blickte Commander Willard J. Reilly aus einem der Sichtfenster, die es in der geräumigen Passagierkabine des Shuttles gab.
Die Fähre hatte inzwischen die Stratosphäre erreicht. Die Sterne glitzerten und es gab alle möglichen Orbitalobjekte zu bewundern.
Nicht mehr viel Platz im erdnahen Weltraum, dachte Reilly, während er sich zurücklehnte und einen Syntho-Drink zum Mund führte. Er hatte eine Geschmacksrichtung in den Getränkespender an Bord des Shuttles eingegeben, die sich Cola nannte und sich auf ein antikes Gebräu bezog, das sich bis weit ins zweiundzwanzigste Jahrhundert großer Beliebtheit erfreut hatte.
Inzwischen waren Getränke mit einem vergleichbar hohen Zuckergehalt auf den meisten Planeten der Humanen Welten verboten, seit man das Suchtpotential hoher Zuckerkonzentrationen in Lebensmitteln erkannt hatte.
Willard J. Reilly verzog nach dem ersten Schluck den Mund.
„Für das Echte gibt es keinen Ersatz, was?“, meinte der breitschultrige Mann, der Willard Reilly gegenüber saß. Das Emblem an seiner schlichten, hellblauen Kombination wies ihn als einen Angehörigen des Technikerstabes aus, der dort rund im die Uhr im Mehrschichtverfahren seinen Dienst tat.
Commander Reilly lächelte matt, nachdem die Stimme des Technikers ihn aus seiner Gedankenwelt grob hinaus katapultiert hatte.
„Sie sehen nicht so alt aus, dass Sie die Zeit vor der Zucker-Prohibition noch erlebt hätten!“, stellte Reilly fest.
„Ich komme von der Wega“, sagte er, so als würde dies irgendetwas erklären.
Commander Reilly beugte sich etwas vor. Sein Blick wirkte ziemlich unschlüssig und es dauerte eine Weile, bis sein Gegenüber mitbekam, dass er noch auf eine Erklärung wartete.
„Auf den Wega-Planeten wurden die diesbezüglichen Bestimmungen der Humanen Welten niemals ratifiziert“, erklärte er schließlich. Er lachte dabei, schien sich irgendetwas vorzustellen, das diesen Ausbruch an Lebensfreude rechtfertigte und wandte sich schließlich an Reilly. „Wussten Sie das nicht? Auf den Wega-Welten herrscht noch die Freiheit, sich durch ungesunde Lebensweise vorzeitig in ein kühles Grab zu verabschieden!“
„Auch das ist Freiheit!“, erwiderte Reilly sarkastisch.
„Wohin führt Sie Ihr Marschbefehl?“, fragte der Techniker. Dann biss er sich auf die Lippe und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Oh, ich verstehe, das ist wahrscheinlich hoch geheim!“ Er kicherte. „Und dabei weiß doch jeder, dass unsere neueren Schiffe der Scout Klasse eigentlich immer zwei Ziele haben!“
Commander Reilly schmunzelte.
„Ich sehe, Sie sind gut informiert“, stellte er fest. „Offenbar nehmen Sie regelmäßig an Sitzungen des Obersten Stabes des Space Army Corps of Space Defence teil und gegebenenfalls konferieren Sie sogar mit dem Vorsitzenden des Humanen Rates, um mit ihm die aktuellen Probleme im Hinblick auf eine angemessene Verteidigung des 50 Lichtjahre Radius um die Erde diskutieren…“
Der Techniker ging auf den Witz ein und lachte. „Ehrlich gesagt, habe ich noch ein paar Karrierestufen vor mir, ehe es soweit ist“, meinte er. „Allerdings braucht auch niemand an irgendeiner Stabssitzung oder sonst irgendeiner Konferenz teilzunehmen, um zu wissen, wohin die ganzen Leichten Kreuzer der Scout-Klasse fliegen.“
„So?“
Er beugte sich etwas vor. Sein Tonfall klang nun deutlich ernsthafter, als er fort fuhr: „Geben Sie es zu, Sie fliegen entweder ins Grenzgebiet zum Reich der K'aradan oder in das so genannte Niemandsland, hinter dem man ein ominöses Imperium von Geierköpfen vermutet.“
„Sie haben Recht“, gab Willard Reilly zu. „Eines dieser Ziele wird es wohl sein, es sei denn irgendwo anders fängt es plötzlich an zu brennen, sodass das Space Army Corps eingreifen muss. Allerdings weiß ich ehrlich gesagt selbst noch nicht, wohin es gehen wird!“
Der Techniker zwinkerte Commander Reilly zu. „Das würde ich an Ihrer Stelle auch sagen, Sir!“
Kapitel 3: Ein Raumschiff namens STERNENKRIEGER
Nachdem das Shuttle an Spacedock 1 festgemacht hatte, fand sich Commander Reilly umgehend in Konferenzraum C 4 ein. Er war einer der Letzten, die die dort eintrafen. Gut zwei Dutzend Raumkommandanten des Space Army Corps hatten sich hier versammelt. Die meisten von ihnen waren Befehlshaber Leichter Kreuzer wie der STERNENKRIEGER. Reilly sah alte Bekannte wieder, etwa Commander Steven Van Doren, der einst die JUPITER, den zweiten Prototyp der Scout-Klasse, befehligt hatte.
Nachdem die JUPITER bei der Jungfernmission im Niemandsland während eines Raumgefechts mit den Qriid vernichtet worden war, hatte Van Doren sofort ein neues Kommando erhalten. Jetzt befehligte er den Leichten Kreuzer PLUTO. Relativ häufig nahmen Van Doren und Reilly an gemeinsamen Operationen teil.
Innerhalb des letzten halben Jahres hatten sie jedoch weniger miteinander zu tun gehabt, da Commander Van Doren und seine PLUTO vorwiegend zu Patrouillenflügen im Grenzgebiet zu dem gewaltigen Reich der äußerlich sehr menschenähnlichen K'aradan eingesetzt worden war. Dort tobte noch immer ein Krieg zwischen den sauroiden Fulirr und den K'aradan. Beide Seiten hofften nach wie vor, die Menschheit als Bundesgenossen gewinnen zu können, aber bislang war es den Humanen Welten gelungen, sich aus diesem Krieg herauszuhalten.
In wie fern dies auch in Zukunft gelingen würde, war durchaus nicht sicher, aber seit die jenseits des Niemandslandes heranwachsende Bedrohung durch die Qriid bekannt geworden war, setzte die Führung des Humanen Rates alles daran, einen Zwei-Fronten-Krieg zu verhindern.
Dafür war das Space Army Corps der Humanen Welten nun wirklich nicht gerüstet. Man konnte schon froh sein, wenn die fieberhaft begonnene Aufrüstung und die Umstellung der Taktik, auf die Verwendung kleinerer, flexibel einsetzbarer Einheiten noch rechtzeitig griff, bevor es zu den ersten ernsthaften Auseinandersetzungen mit dem Imperium der Qriid kam.
Wie ein Damoklesschwert hing diese Bedrohung seit zwei Jahren über der Menschheit und sorgte dafür, dass immer größere Anteile an den zur Verfügung stehenden militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen in die Abwehr dieser Gefahr gelenkt werden mussten.
Und der Zenit dieser Entwicklung war noch längst nicht erreicht.
Jedem, der mit der Materie zu tun hatte, war das nur allzu bewusst.
„Na, wie geht’s dir, altes Haus?“, fragte Willard Reilly. „Gibt’s an der K'aradan-Front endlich Entwarnung oder was machst du hier auf Spacedock 1?“
„Umgruppierung zur Verbesserung der Effizienz nennt sich so etwas“, erwiderte Steven Van Doren, der zusammen mit Willard Reilly die Space Army Corps Akademie auf Ganymed besucht hatte.
„Das heißt in Wahrheit doch, dass es irgendwo mal wieder ein Loch zu stopfen gilt, habe ich Recht, Steven?“
„Ins Schwarze getroffen“, nickte Van Doren. „Aber es pfeifen ja auch die Spatzen von den Dächern, dass die geplante Anzahl an Leichten Kreuzern nicht fristgerecht fertig gestellt werden konnten.“
„Die Pläne waren aber auch ziemlich ehrgeizig!“
„Wem sagst du das, Willard! Und vor allem ist man bei den Planungen stets von den günstigsten Prämissen ausgegangen. Jeder, der etwas davon verstand, konnte einem vorher sagen, dass das nicht klappen konnte!“
„Und warum hat man diese weisen Experten dann nicht zu Rate gezogen?“
Van Doren machte eine wegwerfende Handbewegung. „Es ist doch immer dasselbe, Willard! Wenn du eine unbequeme Wahrheit zu verkünden hast, dann giltst du im Handumdrehen bei den Entscheidungsträgern nicht mehr als Experte, dessen Meinung gefragt ist. Raimondo wollte die Aufrüstung auf Biegen und Brechen durchsetzen und – was soll man sagen? Er hat zumindest teilweise seine Ziele erreicht.“
„Andererseits müssen wir uns tatsächlich warm anziehen, Steven. Dieses Qriid-Imperium wird nicht viel Federlesen mit uns machen.“
Van Doren grinste.
„Wenigstens hast du deswegen noch nicht deinen Humor verloren.“
„Das kommt wahrscheinlich noch. Spätestens dann, wenn es wirklich knallt und sich herausstellt, dass wir nicht die Mittel besitzen, um uns gegen die drohende Invasion angemessen zu wehren!“
Reilly hatte noch etwas hinzufügen wollen. So manches, was die gegenwärtige Verfassung des Space Army Corps sowie die politische Lage betraf, lag ihm geradezu auf der Zunge. Er hatte das Gefühl, dass die Menschheit sehenden Auges auf ihr Verderben zusteuerte und letztlich nicht genug dafür tat, um die jenseits des Niemandslandes lauernde Bedrohung abzuwenden.
Zumindest in dieser Hinsicht war er mit Admiral Gregor Raimondo vollkommen einer Meinung.
Und doch verstummte er in diesem Augenblick, denn der Admiral hatte zusammen mit seiner Adjutantin Lieutenant Mara Caporale den Raum betreten.
Die anwesenden Raumschiffkommandanten nahmen Haltung an.
„Rühren und setzen“, sagte Raimondo.
Raimondo und Caporale nahmen die für sie vorgesehenen Plätze ein. Der Admiral kam ohne Umschweife gleich zur Sache. Lieutenant Mara Caporale aktivierte derweil einen Wandbildschirm.
Wenig später war dort eine schematische Darstellung der Raumkugel zu sehen, die die Humanen Welten als ihr Territorium beanspruchten – was keineswegs bedeutete, dass sämtliche innerhalb des 50-Lichtjahre-Radius um die Erde gelegenen Systeme auch tatsächlich vollständig erforscht und zur Besiedlung durch irdische Siedler erschlossen waren.
Auf jeweils entgegen gesetzten Seiten dieser Raumkugeln schlossen sich das Reich der K'aradan und das so genannte Niemandsland an das Territorium der Humanen Welten an. Wie groß das Reich der K'aradan tatsächlich war, wusste man bislang nicht. Klar war aber, dass seine Ausdehnung mindestens um den Faktor hundert die Ausdehnung der Humanen Welten überstieg. Weite Teile des heutigen Territoriums der Humanen Welten sowie der ebenfalls benachbarten Fulirr sowie der Ontiden waren früher einmal Teil des K'aradan-Reichs gewesen, dessen beste Tage längst Vergangenheit waren.
Lieutenant Caporale markierte den Bereich des Niemandslandes, von dem nicht einmal die exakte derzeitige Ausdehnung bekannt war.
„Wir haben uns lange Zeit als eher zurückhaltende Beobachter verhalten“, begann Raimondo. „Aber wir werden dies im Hinblick auf das so genannte Niemandsland nicht länger fortsetzen können. Zu lange sind wir schon im Ungewissen darüber, was sich auf dem ständig wachsenden Territorium unseres Feindes tut. Wie Sie wissen, hatte die Zurückhaltung einen taktischen Grund. Wir haben nicht einmal ausreichend Kriegsschiffe, um unsere Grenzten ständig zu bewachen. Das Space Army Corps ist dazu nicht ausgerüstet und wir befinden uns in einem schwierigen Prozess der Umstrukturierung. Die alte Strategie, die darin bestand, mit wenigen, aber gut bewaffneten und teilweise riesigen Kriegsschiffen so rasch wie möglich an den Punkt innerhalb des Territoriums der Humanen Welten zu gelangen, an dem es gewissermaßen brennt, hat endgültig ausgedient. Diese Erkenntnis führte insbesondere zur Entwicklung und Fertigstellung des ersten Prototyps des neuen Raumschifftyps, den wir als Scout-Klasse bezeichnen. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Wir werden die neue Militärdoktrin Schritt für Schritt umsetzen, um danach besser und flexibler reagieren und größere Grenzsektoren der Humanen Welten gleichzeitig sichern zu können.
In der Vergangenheit durften wir einerseits gegenüber den Qriid nicht unnötig auf uns aufmerksam machen. Andererseits hatten wir schlicht und ergreifend die Mittel nicht, um größere Expeditionen durchzuführen. Aber dies hat sich nun geändert." Admiral Raimondo blickte in die Runde. Er war jünger als so mancher der Kommandanten, die unter ihm dienten, was nicht wenige von ihnen murren ließ. Dass politische Protektion diesen Mann zum jüngsten Admiral aller Zeiten gemacht hatte, pfiffen die Spatzen von den Dächern. Dennoch mangelte es ihm erstaunlicherweise nicht an Autorität. „Wir haben jetzt die nötigen Ressourcen, um einen erneuten Erkundungsvorstoß in die Zone des Niemandslandes zu unternehmen. Es ist dringend notwendig, dass wir Informationen sammeln. Ihre Schiffe werden Teil dieser Mission sein, und auch ich werde an Bord des Zerstörers MERRRIT an der Operation teilnehmen. Ihr Auftrag lautet, die Lage zu sondieren und Hinweisen auf Aktivitäten der Qriid folgen. Es geht darum, so viel an Informationen zu sammeln, wie nur irgend möglich. Kampfhandlungen sind zu vermeiden. Da wir nicht wissen, wie weit die Abhör- und Entschlüsselungstechnik der Qriid entwickelt ist, wird der Funkverkehr während der vor Ihnen liegenden Operation auf ein Minimum reduziert. Sie bekommen vorher Ihre klaren Befehle und Richtlinien, sodass Sie unter normalen Umständen die ganze Zeit über Funkstille halten können – es sei denn, Sie stoßen auf etwas, das es notwendig erscheinen lässt, mich unverzüglich zu verständigen. Ich lasse Ihnen in dieser Hinsicht Ermessensspielraum. Auf die Berufung eines jeden von Ihnen in sein Kommando hatte ich persönlichen Einfluss, so dass es niemanden in diesem Raum gibt, dem ich die Kompetenz absprechen würde, in derartigen Situationen die richtigen Entscheidungen zu treffen.“
Danke für die Blumen, Admiral!, ging es Willard Reilly durch den Kopf. Der Gedanke, nach zwei Jahren erneut – und diesmal mit einem größeren Verband – in die überwiegend unerforschten Regionen des Niemandslandes vorzudringen, reizte ihn. Das Schlimmste an einer drohenden Gefahr ist die Ungewissheit, dachte er. Aber vielleicht kann unsere Mission dazu beitragen, sie wenigstens ein Stückweit zu mindern.
Raimondo fuhr unterdessen fort: „Jede Ihrer Einheiten wird einen bestimmten Sektor zugewiesen bekommen. Die Daten befinden sich zusammen mit weiteren Befehlen auf den Bordrechnern Ihrer Schiffe und können unter Angabe Ihrer persönlichen Autorisation abgerufen werden. Wann Sie Ihre Offiziere und Mannschaften in Kenntnis setzen, bleibt Ihnen überlassen. Die Datenbank der Olvanorer im Kloster Saint Arran auf Sirius III hat uns das, von ihren Glaubensbrüdern, gesammelte Datenmaterial über die Raumregion, in der wir uns umsehen wollen, zur Verfügung gestellt. Es ist spärlich genug, aber Sie werden auf den jeweiligen Bordrechnern Ihrer Schiffe eine entsprechende Datenbank vorfinden. Ich hoffe, dass Ihnen die darin enthaltenen Berichte in irgendeiner Form weiterhelfen können.“ Raimondo ließ noch einmal den Blick schweifen, während Lieutenant Mara Caporale den Kartenausschnitt vergrößerte, sodass die Region, in der die Erkundungsoperation stattfinden solle, näher heran gezoomt wurde.
„Die Code-Bezeichnung der Mission lautet Operation Scout“, erklärte Raimondo. „Und das bezieht sich keineswegs auf die Schiffsklasse, der die meisten der dabei eingesetzten Einheiten angehören.“ Ein verhaltenes Lächeln umspielte Raimondos Mundwinkel.
Witzige Bemerkungen und lockerer Plauderton sind nicht seine Sache!, erkannte Commander Reilly. Er sollte sich auf diesem Gebiet erst wieder versuchen, wenn er ausgiebig vor Publikum geübt hat, sonst macht er sich nur lächerlich!
In diesem Augenblick erschien in Admiral Raimondos Gesicht zum ersten Mal ein Zug, der sich als ein Zeichen leichter Verunsicherung interpretieren ließ. Aber schon im nächsten Moment hatte Raimondo sich wieder unter Kontrolle und sein Gesicht bot die gleichförmig-sachliche Oberfläche, die man von ihm gewohnt war.
Auf der Sternenkarte erschien jetzt eine Linie in rot. Eine Sekunde später leuchtete noch eine Zweite in blau auf. Lieutenant Caporale nickte Raimondo kurz zu und dieser erklärte: „Die rote Linie stellt die mutmaßliche Grenze des Qriid-Imperiums dar, wie sie vor zwei Jahren Bestand hatte. Natürlich waren wir auf teilweise sehr vage Angaben und Vermutungen angewiesen. Im Wesentlichen fußten die zu Grunde liegenden Daten auf dem, was die STERNENKRIEGER von ihrer Mission zurückbrachte. Der Unsicherheitsfaktor ist selbstverständlich recht hoch anzusehen. Die blaue Linie bezeichnet die Ausdehnung des Imperiums, so wie wir ihn heute vermuten und unter der Voraussetzung, dass die Expansion in etwa mit gleicher Intensität vorangetrieben wurde. In den Grenzsystemen Bannister und New Hope gab es immer wieder Kontakte zu Spezies, deren Angehörige sich vor den Qriid auf der Flucht befanden. Die Angaben, die wir von ihnen erhielten, lassen den Schluss zu, dass bereits ein Drittel des ehemaligen Niemandslandes inzwischen fester Bestandteil des Qriid-Imperiums ist. Ich brauche Ihnen nicht sagen, was dies für die Zukunft der Menschheit bedeutet… Ihre jeweiligen Operationsgebiete sind so ausgewählt, dass wir den Fortschritt dieser bedrohlichen Entwicklung auf breiter Front verifizieren können.“ Raimondo atmete tief durch. „Wir werden zunächst einen Rendezvouspunkt in der Nähe des New Hope-Systems anfliegen, dessen Koordinaten bereits Teil der Befehlsdatei sind. Dort werden wir die letzten Lageberichte aus dem Grenzgebiet einholen. Anschließend brechen Sie zu den Ihnen zugewiesenen Raumregionen auf. Das wäre alles für heute. Passen Sie auf sich und Ihre Besatzungen auf.“
Danke gleichfalls!, dachte Reilly. Wärme und Anteilnahme glaubhaft zu kommunizieren müssen Sie noch lernen, sollten Sie ernsthaft irgendwann eine politische Laufbahn anstreben – Admiral!
1
Eine Viertelstunde später betrat Commander Reilly die Brücke der STERNENKRIEGER.
Lieutenant Commander Thorbjörn Soldo, der Erste Offizier des Leichten Kreuzers, nahm Haltung an.
„Captain…“
„Rühren, I.O.“
„Willkommen an Bord, Sir“, meldete der blonde Soldo, dessen Erscheinung Reilly ein wenig an einen Wikinger denken ließ.
Der Captain der STERNENKRIEGER ließ den Blick schweifen. Ruderoffizier Lieutenant Clifford Ramirez und Kommunikationsoffizierin Lieutenant Jessica Wu blickten von ihren Konsolen auf, mit deren Hilfe sie gerade damit beschäftigt waren, die Systeme neu zu kalibrieren, was regelmäßig geschehen musste, um Systemfehler zu verhindern. Waffenoffizier Lieutenant Chip Barus ging gerade mit Fähnrich Robert Ukasi die Lieferungen an Gauss-Geschossen und Raketen durch, die jüngst auf der STERNENKRIEGER eingelagert worden waren. Beide hatten ihre Unterhaltung in dem Moment unterbrochen, als Commander Reilly den Raum betreten hatte.
„Wir haben den Befehl, sofort aufzubrechen. Zielpunkt sind Rendezvouskoordinaten in der Nähe von New Hope.“
Es war unnötig zu erwähnen, dass nicht die Stadt New Hope im Wega-System gemeint war. Schließlich war es derzeit ziemlich abwegig, dass die STERNENKRIEGER dort eine Mission zu erfüllen hatte.
„Dann geht es ins Niemandsland?“, schloss Soldo.
Reilly nickte.
„Ja.“
„Wenn Sie mir ein freies Wort gestatten: Das wurde auch Zeit, Sir!“
„Ich verstehe, weshalb man so lange still gehalten hat“, erwiderte Reilly. „Aber ich glaube auch, dass wir uns nun langsam der Gefahr stellen müssen, die da draußen auf die Menschheit lauert.“ Reilly wandte leicht den Kopf. Er war mit den Gedanken nicht hundertprozentig bei der Sache. Die Erinnerungen der letzten Tage stiegen in ihm auf. Seine Familie, Dar-el-Reilly, sein Bruder Dan, der zu Bruder Daniel geworden war und dies so verinnerlicht hatte, dass nun wohl auch Eric Reilly senior klar geworden sein musste, dass er niemals die Sirius-Linie von Reilly Ltd. übernehmen würde. Unter keinen Umständen. „Wir besprechen alle Einzelheiten in meinem Raum“, erklärte Reilly.
„Wann?“
„In zwanzig Minuten. Wenn alle Mannschaften an Bord sind, brechen wir sofort auf.“
„Unser L.I. befindet sich bei seinen Verwandten auf dem Mond. Er könnte in wenigen Stunden hier sein“, sagte Soldo. Die Rede war von Lieutenant Morton Gorescu, dem Leitenden Ingenieur der STERNENKRIEGER.
„Dann sorgen Sie dafür, dass er verständigt wird“, forderte Reilly.
„Schwieriger wird es mit unserem Schiffsarzt.“
Reilly runzelte die Stirn. „Was ist mit Dr. Rollins?“
„Er hält einen Gastvortrag an der Far Galaxy Akademie auf Sedna.“
„Wer hat das genehmigt? Wir hatten Bereitschaftsstatus!“
„Ich war das nicht, Sir. Anscheinend hat sich Dr. Rollins an die Personalverwaltung des Space Army Corps gewandt und die hat seinen Wunsch, nach Sedna zu fliegen als wichtigen Grund anerkannt.“
Reilly ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten.
Sedna war eines der zahlreichen planetengroßen Objekte, die den Kuiper-Gürtel kennzeichneten. Die Astronomie sah inzwischen auch den Pluto eher als eines dieser Kuiper-Objekte an, denn als eigenständigen neunten Planeten, aber Pluto hatte das Glück, zu einer Zeit entdeckt worden zu sein, als man die Definition des Begriffs Planet nicht so eng fasste.
Im Mittel war Sedna 290 Astronomische Einheiten von der Erde entfernt und brauchte mehr als zehntausend Jahre für einen Sonnenumlauf.
„Wir werden einen ganzen Tag durch den Flug nach Sedna verlieren“, stellte Reilly ärgerlich fest. Er wandte sich an Lieutenant Wu. „Kontaktieren Sie Admiral Raimondo und teilen Sie ihm mit, dass es entweder zu dieser Verzögerung kommen wird, oder wir für Dr. Rollins einen Ersatz brauchen. Ich nehme jedenfalls nicht an, dass Raimondo uns ohne medizinische Betreuung fliegen lässt.“
„In Ordnung, Sir!“, bestätigte Jessica Wu.
„Da ist noch etwas, Captain.“
Reilly sah Soldo erstaunt an, so als wollte er sagen: Reicht das denn nicht schon an unangenehmen Dingen, wenn man gerade aus dem Urlaub zurückkehrt?
„Worum geht es?“
„Shuttle-Pilot Bran Kolewsky hat sich von uns verabschiedet.“
„So kurzfristig?“, wunderte sich Commander Reilly.
„Er bekam ein sehr attraktives Angebot aus der freien Wirtschaft und fliegt jetzt die Sirius-Linie.“
Soldos letzte Worte versetzten Reilly einen Stich. „Doch nicht zufällig auf einem Schiff der Eric Reilly Ltd.?“, murmelte der Captain tonlos.
„Ich habe keine Ahnung, Sir. Allerdings muss das Angebot finanziell so attraktiv gewesen sein, dass er den Verlust sämtlicher Versorgungsleistungen des Space Army Corps auf sich genommen hat.“
Commander Reilly atmete tief durch.
Wüsste ich es nicht besser, dann könnte man ja durchaus auf den Gedanken kommen, das wäre Absicht gewesen, Dad!, ging es ihm durch den Kopf. Natürlich war das absurd.
„Ein möglicher Nachfolger wartet in Ihrem Raum auf Sie, Captain“, erklärte Soldo.
„Da war die Personalverwaltung des Space Army Corps ausnahmsweise mal richtig schnell!“
„Nein, Sir, Sie irren sich.“
„Wie bitte?“
„Sie wissen doch, wie knapp Piloten im Moment sind. Die Aufrüstung des Space Army Corps hat dazu natürlich erheblich beigetragen – aber das Frachtaufkommen privater Raumlinien steigt natürlich auch exponentiell mit jeder neuen Kolonie, die da draußen errichtet wird. Die Personaldecke des Space Army Corps ist in diesem Segment momentan so angespannt, dass wir nur die Wahl haben, von unserem ersten Shuttle-Piloten Jacques ein anderes Crew-Mitglied kurzfristig anlernen zu lassen…“
„Ty Jacques wird mir was husten!“, unterbrach Reilly seinen Ersten Offizier. „Und das mit Recht! Man kann auf diese Weise vielleicht jemanden rekrutieren, der regelmäßig die Linie Erde-Mond fliegt, aber keinen Fährenpiloten, der das Beiboot eines Kriegsschiffs unter Einsatzbedingungen steuern soll.“
„Da gebe ich Ihnen vollkommen Recht, Sir. So bleibt uns wohl keine andere Wahl, als Triffler zu engagieren.“
Reilly runzelte die Stirn.
„Triffler?“
„Der Mann, der da drinnen auf Sie wartet, heißt Moss Triffler. Er war Test-Pilot in den Diensten des Far Galaxy Konzerns, flog dort aber raus, nachdem ihm nachgewiesen wurde, dass er technische Daten eines Steuermoduls an die Konkurrenz verriet. An den finanziellen Folgen des Zivilprozesses wird er wohl sein ganzes Leben lang abzahlen.“
„Eine verkrachte Existenz also“, stellte Reilly fest.
Soldo nickte leicht.
„Wenn ich an Triffler Stelle wäre, würde ich mich innerhalb der Grenzen der Humanen Welten nicht mehr sehen lassen. Aber er denkt offenbar anders über diesen Punkt.“
„Gibt es da nicht irgendwelche formellen Schwierigkeiten, wenn er als zweiter Fährenpilot auf der STERNENKRIEGER anfängt?“
„Nein. Ich habe das Okay des Oberkommandos und der Personalverwaltung. Es gibt speziell zur Anstellung von Piloten seit jüngstem Sonderbestimmungen, die Seiteneinsteigern den Eintritt ins Space Army Corps erleichtern sollen. Und genau diesen Paragraphen möchte Moss Triffler jetzt für sich nutzen – vorausgesetzt, Sie sind damit einverstanden.“
Die Entscheidung ist doch längst gefallen – ohne mich!, dachte Reilly. Soldo hat alles vorbereitet und bereits die nötigen Schritte in die Wege geleitet. Und ein Testpilot dürfte ja wohl auch über jeden Zweifel an der nötigen fachlichen Qualifikation erhaben sein.
„Ich werde ihn mir mal ansehen!“, kündigte Commander Reilly an.
2
Wenig später betrat Reilly den Raum den Captains, der darüber hinaus auch noch als Konferenzraum für die Offiziere herhalten musste.
Ein noch recht junger Mann saß am Konferenztisch, der die Mitte des Raums ausfüllte. Er machte keinerlei Anstalten, Haltung anzunehmen, was Reilly im Übrigen auch nur mäßig wunderte. Schließlich war Triffler bisher nicht Teil einer militärischen Hierarchie gewesen.
Das wird er noch lernen!, dachte Reilly. Fragt sich nur, ob jemand, der Firmengeheimnisse verraten hat, charakterlich die Anforderungen erfüllt, um Crew-Mitglied eines Space Army Corps Schiffs zu werden.
„Ich bin Commander Reilly, der Captain der STERNENKRIEGER.“
„Moss Triffler, ich…“
„Mein Erster Offizier hat mich bereits umfassend ins Bild gesetzt. Sie möchten die Stelle des zweiten Shuttle Piloten besetzen.“
„Ja.“
„Ja, Sir, heißt das.“
„Ja, Sir! Wissen Sie, ich habe es nicht so mit diesem militärischen Kram, aber man sagte mir, dass ich ein paar Lehrgänge im Laufe der Zeit zu absolvieren hätte.“
„Allerdings!“
„Man sagte mir, dass ich dann eine ganz normale Space Army Corps Karriere machen könnte!“
„Dazu kann ich nichts sagen, Triffler. Ich bin schließlich keine wandelnde Dienstordnung, aber wenn Sie die Personalverwaltung dahingehend informiert hat, wird das wohl stimmen.“ Reilly atmete tief durch. Wie groß muss der Mangel an guten Piloten sein, wenn man schon Leute wie Triffler anwirbt!
„Na, wie stehen denn die Aktien für mich?“, fragte Triffler auf seine recht respektlose Art und Weise. „Ihr Stellvertreter – ich glaube I.O. nennen Sie das hier – hat mir gesagt, dass nur noch Ihre Zustimmung fehlen würde, dann wäre alles klar.“
Reilly überlegte einen Augenblick. Er ließ sich in einen der Schalensessel nieder. Es war wichtig, bei einer derart heiklen Mission wie der Operation Scout für alle drei an Bord befindliche Beiboote erstklassige Piloten zur Verfügung zu haben. Und wenn es im Moment nur die Möglichkeit gab, Triffler zu engagieren oder jemanden, der auch nur annähernd die nötige fachliche Qualifikation mitbrachte, dann lag die Entscheidung tatsächlich auf der Hand.
„Mein I.O. hat erwähnt, weswegen man Sie bei Far Galaxy rausgeschmissen hat.“
„Ich war unschuldig.“
„Schade.“
„Schade? Was soll das heißen?“
„Ich hatte gedacht, Sie hätten aus der Sache gelernt, denn dann hätte ich mir vorstellen können, Ihnen noch eine zweite Chance zu geben. Dass Piloten knapp sind dürfte sich ja wohl auch bis zu Ihnen herumgesprochen haben!“
Moss Triffler atmete tief durch. Er beugte sich vor und nahm eine etwas weniger lässige Haltung ein.
„So war das nicht gemeint, Mister Reilly!“
„Für Sie Commander Reilly oder einfach Captain.“
„Captain!“
Der besondere Nachdruck, mit dem er diese Funktionsbezeichnung aussprach, hatte schon fast etwas Trotziges.
„Ich will von Ihnen keine Story hören, mit der Sie sich zu rechtfertigen versuchen oder sich als das Opfer ungünstiger Umstände darstellen!“
„Aber das war ich!“
„Ich möchte einfach nur sicher sein, dass Sie nicht auf die Idee kommen, die Dateien mit unseren strategischen Daten an unsere Feinde zu versenden. Das ist alles. Ansonsten interessiert mich Ihre Vergangenheit nicht.“
Moos Triffler fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Die Geste wirkte fahrig. Er schien sich darauf eingestellt zu haben, dass er sich für seine Vergangenheit zu rechtfertigen hatte. Genau davon wollte Commander Reilly nun aber überhaupt nichts wissen. Sein Blick wirkte angestrengt. Er schien darüber nachzudenken, wie er sich auf diese neue Situation einstellen sollte.
„Okay, ich habe einen Fehler gemacht und für den werde ich bis zum Ende meiner Tage bezahlen – und zwar im ureigensten Sinn des Worts, denn Far Galaxy hat einen astronomisch hohen Schaden eingeklagt. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich keine Fehler mehr mache, aber Sie können sicher sein, dass mir nicht derselbe noch einmal unterlaufen wird.“
„Etwas in der Art wollte ich hören“, bekannte Reilly.
„Heißt das, ich kann hier anfangen?“
„Ja. Wir brechen in wenigen Stunden auf, sobald unser L.I. die Strecke Mond-Spacedock 13 hinter sich gebracht hat.“
„So schnell?“
„Packen Sie Ihre persönlichen Sachen und finden Sie sich in zwei Stunden spätestens an Bord ein. Wegtreten.“
Moss Triffler schluckte und verließ ohne ein weiteres Wort zu sagen den Raum.
Ich bin mal gespannt, ob er sich in zwei Stunden wirklich an Bord einfindet!, dachte Reilly. Aber darauf lasse ich es ankommen!
3
Moss Triffler meldete sich bereits nach einer Stunde an Bord der STERNENKRIEGER. Er bekam die Landefähre L-2 zugewiesen. Ty Jacques, der Pilot der L-1, bekam vom Ersten Offizier die Aufgabe übertragen, den Neuling in die Abläufe an Bord sowie in die technischen Besonderheiten der Beiboote an Bord der STERNENKRIEGER einzuweisen. Für ein Flugmanöver blieb keine Zeit mehr. Stattdessen musste der Simulator herhalten.
Nachdem auch Lieutenant Gorescu endlich vom Mond zurückgekehrt war, startete die STERNENKRIEGER. Ein Großteil der anderen Schiffe, die an der Operation Scout teilnehmen sollten, war längst auf dem Beschleunigungsflug zum Erreichen der Eintrittsgeschwindigkeit in den Sandströmraum.
Die STERNENKRIEGER nahm zunächst Kurs auf Sedna. Die Verzögerung, die dadurch entstand, war aber noch im Rahmen der Toleranz, die bei dieser Mission festgelegt worden war.
Willard Reilly fand inzwischen heraus, dass Admiral Raimondo persönlich die Genehmigung dafür erteilt hatte, dass Dr. Miles Rollins trotz des Bereitschaftsstatus nach Sedna hatte fliegen dürfen.
Es muss einen Grund dafür geben!, dachte der Captain der STERNENKRIEGER. Reilly nahm sich vor, Dr. Miles Rollins danach zu fragen, sobald er an Bord zurückkehrte.
Der Flug nach Sedna war ein Routinemanöver, das den Fähnrichen an Bord Gelegenheit bot, ihr Können unter Beweis zu stellen. Schließlich mussten sie eventuell auch im Ernstfall die eigentlichen Brückenoffiziere ersetzen, wenn Not am Mann war. Und das konnte in einer Einsatzsituation schnell geschehen.
So ließ Reilly das Ruder von Fähnrich Abdul Rajiv besetzen, während Fähnrich Sara Majevsky Ortung und Kommunikation übernahm.
Ähnlich wie Fähnrich Ukasi hatten beide gut zwei Jahre als Fähnriche an Bord der STERNENKRIEGER verbracht, was bedeutete, dass ihre Beförderungen zu Lieutenants unmittelbar bevorstanden. Persönlich gönnte Reilly allen Dreien den Aufstieg in der Space Army Corps Hierarchie. Allerdings bedeutete dies vermutlich, dass er sie als Crew-Mitglieder verlor.
Reilly berief umgehend eine Konferenz der Offiziere ein, um sie über die bevorstehende Operation Scout zu informieren.
Abgesehen von den Brückenoffizieren nahmen daran noch Lieutenant Gorescu und Bruder Padraig teil. Bei letzterem handelte es sich um einen Olvanorer-Mönch, der an Bord den Status eines Beraters hatte, der zwar formell außerhalb der Space Army Corps Hierarchie stand, aber die Privilegien eines Offiziers genoss.
Nachdem Reilly den Offizieren einen Überblick über die Ziele, der vor ihnen stehenden Mission gab, bekam Bruder Padraig das Wort. Commander Reilly hatte Padraig die notwendigen Daten bereits im Vorfeld zur Verfügung gestellt, sodass der Olvanorer sich eingehend damit hatte befassen können. „Das Operationsgebiet, das uns von Admiral Raimondo zugewiesen wurde, wird durch eine Reihe von Sternen des G-Typs gekennzeichnet, bei denen anzunehmen ist, dass sie Planetensysteme gebildet und vielleicht sogar Leben hervorgebracht haben. Allerdings wissen wir wenig Genaues. Wir Olvanorer unterhalten in diesem Gebiet leider derzeit keinerlei Forschungsstationen. Allerdings wissen wir durch Berichte, die unseren Brüdern auf Paranda IX zugänglich wurden, dass es in dieser Region eine raumfahrende Spezies gibt, die sich dort erst vor wenigen Jahrzehnten ansiedelte – vermutlich in einem System, dessen Katalogbezeichnung Triple Sun 2244 lautet. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um ein Dreifachsystem und diese doch sehr markante Angabe taucht auch in den Berichten auf…“
„Sie nehmen an, dass es sich um eine Spezies handelt, die vor den Qriid auf der Flucht ist – so wie die arachnoiden Wsssarrr?“, hakte Reilly nach.
„Der Schluss liegt nahe. Diese Wesen ähneln geflügelten Affen und werden Xabo genannt.“
„Woher wissen Sie das alles?“, wunderte sich Commander Reilly. „In den offiziellen Datenfiles ist darüber nichts zu finden – auch nicht in der Datenbank, die uns Ihr Orden zur Verfügung stellte!“
Bruder Padraig lächelte verhalten.
„Diese Datenbank enthält keine Angaben über laufende Forschungsmissionen, was den Grund hat, dass diese geschützt bleiben sollen. Sie wissen, dass der Orden sich unter anderem auch zu politischer Neutralität verpflichtet hat und nicht als verlängerter Arm eines Staates oder einer Regierung aufzutreten bereit ist.“
Steht allein die Tatsache, dass sich ein Berater wie Bruder Padraig an Bord eines Kriegsschiffs der Humanen Welten befindet nicht im Widerspruch zu dieser Verpflichtung?, fragte sich Commander Reilly. Er hatte allerdings keinerlei Neigung diese Dinge mit Bruder Padraig auszudiskutieren. Zumindest nicht jetzt.
„Die Mission auf Paranda IX ist also noch nicht abgeschlossen“, stellte Reilly fest.
„So ist es. Die Xabo besuchen ab und zu das Paranda-System, um mit dessen Einwohnern Handel zu treiben. Wenn Sie mir erlauben würden, einen Rechnerzugang zu öffnen, Sir…“
„Aber bitte, Bruder Padraig! Nur zu!“
Auf dem schlichten Konferenztisch, in den ein Touchscreen eingelassen war, erschien zunächst das Emblem des Space Army Corps und anschließend das Rechnermenue.
Bruder Padraigs Finger glitten in beeindruckendem Tempo über die Sensorfelder. Er aktivierte die Bildaufzeichnung, von der er gesprochen hatte und die offenbar aus den geheimen Datenspeichern des Klosters Saint Arran stammten, zu denen er scheinbar Zugang besaß.
Die halbe Wand in Reillys Rücken verwandelte sich in einen Bildschirm von bestechender Qualität.
Die Baracken eines Olvanorer-Forschungscamps waren zu sehen. Die Welt, auf der die Aufnahmen gemacht worden waren, wirkte erdähnlich.
Mehrere stark an Gorillas erinnernde Wesen, die allerdings aufrecht gingen und farbenfrohe Kleidung trugen, standen einem Olvanorer-Mönch in graubrauner Kutte gegenüber, der offenbar mit ihnen kommunizierte.
Auf dem Rücken ragten bei den Xabo lederhäutige Flügel aus besonderen Öffnungen heraus, die ihre Kleidung dafür ließ. An den Enden dieser Flügel waren kleine, vierfingrige Hände zu sehen, die sehr viel feiner waren als die gorillaähnlichen, sechsfingrigen Pranken, die an den Enden der überaus kräftigen und fast bis zum Boden reichenden Arme wuchsen. „Ob die Xabo tatsächlich flugfähig sind, darüber liegen keinerlei Erkenntnisse vor“, erklärte Bruder Padraig. „Allerdings spricht das Gewicht eines ausgewachsenen Xabo eher dagegen, denn um diese Massen in die Lüfte zu heben, müssten sie schon auf einer Welt mit sehr viel atmosphärischem Auftrieb leben.“
Die Videosequenz wurde laufen gelassen. Der Xabo unterhielt sich in einer Sprache mit dem Olvanorer, die von einer großen Zahl velarisierter Konsonanten durchsetzt war, die extrem akzentuierten Schnalzlauten ähnelten.
Der Olvanorer benutzte keinen Translator, sondern war offenbar in der Lage, sich mit den Xabo in deren Idiom zu verständigen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass wir in dem uns zugewiesenen Sektor auf Xabo treffen ist recht groß“, meinte Bruder Padraig.
„Das sollte kein Problem sein. Schließlich sind ihre Feinde auch die unseren.“
„Das mag sein. Allerdings ist uns nichts weiter über die kulturelle Prägung der Xabo bekannt. Nur ein Detail ihrer Berichte könnte für uns von Interesse sein. Die Xabo glauben, dass in dem Raumsektor, in dem sie sich niedergelassen haben, vor Äonen eine ungeheuer weit entwickelte Rasse gelebt hat, deren technische Errungenschaften ihnen vielleicht im Kampf gegen die Qriid weiterhelfen könnten. Offenbar sind sie bereits auf Artefakte dieser Unbekannten gestoßen. Jetzt suchen sie jeden Asteroiden nach weiteren Hinweisen ab.“
Thorbjörn Soldo meldete sich zu Wort. „Es bleibt also letztlich dabei, dass wir in einen nahezu unbekannten Raumsektor fliegen – von diesen wenigen Details, die Sie uns vortrugen einmal abgesehen, Bruder Padraig.“
„Das trifft zu. Aber falls es uns gelingen sollte, zu den Xabo einen positiven Kontakt aufzunehmen, dann können wir durch sie vielleicht an wertvolle Informationen über das Qriid-Imperium gelangen“, erklärte Bruder Padraig.
Commander Reilly musste schmunzeln. Der Dienst an Bord der STERNENKRIEGER hat Sie bereits nachhaltig verdorben, Padraig! Sie denken schon wie ein Militär!, dachte er bei sich.
4
Dr. Miles Rollins meldete sich auf der STERNENKRIEGER und kündigte an, dass ein Shuttle des Far Galaxy Konzerns ihn an Bord bringen würde.
Das Shuttle startete rechtzeitig von Sedna aus und nahm von dort aus Kurs in Richtung der Oortschen Wolke an der Peripherie des Sonnensystems.
Es flog damit der STERNENKRIEGER nicht entgegen, sondern entfernte sich paradoxerweise.
Dennoch bedeutete diese Maßnahme eine erhebliche Zeitersparnis für die Crew des Leichten Kreuzers. Die STERNENKRIEGER erreichte Sedna mit einer Geschwindigkeit von 0,3 LG. Das Shuttle hatte Stunden zuvor seinen Beschleunigungsvorgang begonnen. Beide Schiffe näherten sich auf einem Parallelkurs an und hatten zum Zeitpunkt des Rendezvous eine annähert gleiche Geschwindigkeit, sodass ein Andockmanöver möglich war. Die STERNENKRIEGER brauchte auf diese Weise nicht noch einmal abzubremsen, bevor sie ihren Schiffsarzt an Bord nahm.
„Dr. Rollins ist an Bord!“, meldete Jessica Wu auf der Brücke der STERNENKRIEGER.
Soldo führte während des Rendezvousmanövers das Kommando auf der Brücke und Fähnrich Rajiv durfte seine Fähigkeiten als zukünftiger Ruderoffizier unter Beweis stellen – auch wenn Lieutenant Ramirez seine Aktionen kritisch verfolgte und ihm die ganze Zeit über buchstäblich auf die Finger sah.
Doch es gab bis auf minimale Korrekturen nichts an Rajivs Steuerkünsten auszusetzen.
„Dr. Rollins soll sich sofort im Raum des Captains melden“, sagte Soldo an die Kommunikationsoffizierin gewandt.
„Aye, aye, Sir!“, bestätigte Jessica Wu.
„Fähnrich Rajiv?“
„Ja, Sir?“
„Schalten Sie auf maximale Beschleunigung. Wir wollen möglichst bald in den Sandströmraum eintauchen!“
„Aye, aye!“
Wenig später rumortete der Boden unter den Füßen der Brückenoffiziere. Sie konnten die Vibrationen der leistungsstarken Ionentriebwerke spüren, die sich in der Warmlaufphase immer besonders stark zeigten.
„Wir werden die letzten bei New Hope sein“, kündigte Waffenoffizier Chip Barus an.
Soldo zuckte die Schultern.
„Heißt es nicht, dass die Letzten die Ersten sein werden?“
5
Dr. Miles Rollins erschien im Raum des Captains. Ein verlegenes Lächeln stand im Gesicht des Arztes, der offenbar bereits erwartet hatte, nicht gerade freudig willkommen geheißen zu werden.
„Ich hoffe, Ihr Vortrag ist beim Publikum auf Interesse gestoßen, Dr. Rollins“, begann Commander Reilly das Gespräch. Der Schiffsarzt hob die Augenbrauen.
„Sir, es tut mir leid, wenn es durch den Umstand, dass ich auf Sedna weilte, irgendwelche Schwierigkeiten entstanden sein sollten.“
„Schwierigkeiten? Wir waren im Bereitschaftsstatus, Dr. Rollins. Das bedeutet, kein Besatzungsmitglied darf sich so weit entfernen, dass es nicht innerhalb von sechs Stunden an Bord sein kann!“
„Das ist mir bekannt, Captain. Aber wie Sie den Unterlagen entnehmen können, hat Raimondo die Sache abgesegnet.“
„Ja, das habe ich gesehen“, bestätigt Reilly. „Und jetzt verraten Sie mir bitte, wieso Raimondo Ihnen die Genehmigung gegeben hat? Schließlich wusste der Admiral besser als jeder andere, dass wir in Kürze aufbrechen würden!“
„Es gibt nicht viele, die sich mit extraterrestrischer Medizin beschäftigt haben“, erklärte Miles Rollins. „Ich bin einer der wenigen. Schon im Studium hat mich dieses Gebiet fasziniert, nur leider ist es bislang weder ein eigenständiger Bereich der Medizin, noch fließen massenhaft Forschungsgelder in die wenigen Projekte, die mit dem Bereich zu tun haben.“
„Das mag bedauerlich sein, ich begreife ehrlich gesagt den Zusammenhang noch nicht, Doktor.“
„Admiral Raimondo hat mich dazu ermutigt, weiterhin auf diesem Gebiet tätig zu sein. Als Schiffsarzt eines Raumschiffs besitze ich ja auch einiges an praktischer Erfahrung auf diesem Gebiet. Und an der Far Galaxy Akademie ist man inzwischen auf mich aufmerksam geworden. Um Ihre Frage klipp und klar zu beantworten: Admiral Raimondo glaubt wohl, dass es mittelfristig gesehen für das Space Army Corps sehr wichtig ist, Spezialisten in Exomedizin und Exobiologie auszubilden.“
„Und Sie denken, dass er deswegen ein Auge zugedrückt hat.“
„Ich kann es mir nicht anders denken.“
Reilly atmete tief durch und lehnte sich in seinem Schalensitz etwas zurück. „Es ist gut möglich, dass Sie Recht haben, Dr. Rollins.“
„Es freut mich, dass auch Sie Verständnis aufbringen für…“
Reilly unterbrach sein Gegenüber. „Sie werden sich früher oder später entscheiden müssen, Doktor. Für Ihren Dienst im Space Army Corps oder die Forschung.“
„Sie irren sich. Die wollten auf der Far Galaxy Akademie lediglich den Vortag eines Praktikers haben, der bereits Patienten aus zwei Dutzend verschiedenen Spezies verarztet hat. Das ist alles.“
„Wenn Sie das sagen, Doktor.“
„Hören Sie, ich werde den I.O. oder Sie beim nächsten Mal nicht umgehen. Das ist es doch, was Sie ärgert, oder?“
„Nun…“
„Und außerdem kann ich meine Krankenschwester ja nach und nach als Aushilfsärztin ausbilden!“ Dr. Rollins grinste. „Ich meine, wenn es noch mal sehr eilig sein sollte…“
Reillys Gesichtszüge entspannten sich etwas.
Simone Nikolaidev eine Ärztin?, überlegte er. Das Zeug dazu hätte sie sicherlich. Aber wahrscheinlich ist der Zug bald für sie abgefahren und sie wird dann den Mumm nicht mehr aufbringen, noch einmal von vorn anzufangen und zu studieren.
„Wegtreten, Doktor.“
„Aye, aye, Captain!“
6
„Sie sind gut geworden, Fähnrich White!“, stellte Lieutenant Morton Gorescu, der Erste Leitende Ingenieur der STERNENKRIEGER fest. Sämtliche Kalibrierungen und Systemüberprüfungen, die vor dem Start des Leichten Kreuzers von Spacedock 1 notwendig gewesen waren, hatte Catherine White durchgeführt.
Nur deshalb hatte Gorescu noch bis zum letzten Augenblick auf dem Mond bleiben können, was ihm aus gewissen Gründen sehr wichtig gewesen war.
Die etwas zur Fülligkeit neigende junge Frau diente von Beginn an auf der STERNENKRIEGER. Gut zwei Jahre waren das jetzt und der Zeitpunkt, da man sie zum Lieutenant befördern würde, war eigentlich absehbar.
Gorescu blickte noch einmal kurz über die Anzeigen und Displays in Kontrollraum A. Das Ionentriebwerk schaltete sich jetzt, nach Erreichen von 0,4 LG automatisch ab. Gleichzeitig begannen die Anzeigen und Kontrollen aufzublinken, die zur Überwachung des Sandströmaggregats dienten.
Der Ruderoffizier hatte die entsprechenden Schaltungen vorgenommen. Alles was dem Leitenden Ingenieur und seiner Techniker-Crew noch blieb, war die Funktionen des Sandströmantriebs auf Fehler zu überwachen.
„Man wird Sie bald befördern, Lieutenant White“, kündigte Gorescu an. „Wahrscheinlich werden Sie sich das Schiff aussuchen können. Ich werde Ihnen jedenfalls eine hervorragende dienstliche Beurteilung schreiben, bevor ich gehe…“
„Bevor Sie gehen?“, fragte Catherine White etwas verwirrt.
Offenbar hatte Gorescu etwas mehr über seine Lippen gelassen, als er eigentlich gewollt hatte. Er zuckte die Schultern, während nun der Sandströmantrieb in die Hauptphase sprang. Die angezeigte Geschwindigkeit betrug bereits 30 LG. Die STERNENKRIEGER befand sich im Sandströmraum.
„Eigentlich sollte außer dem Captain niemand wissen“, erklärte Gorescu nach einer längeren Pause, in der der Leitende Ingenieur gedankenverloren die Kontrollen angestarrt hatte, ohne dabei auch nur einen einzigen Messwert wahrzunehmen.
Als ob er durch die Konsolen einfach hindurch sieht!, war Whites Gedanke dabei gewesen.
Eine Falte erschien auf ihrer Stirn, während die junge Frau ihre Augenbrauen zusammenzog.
„Wovon sprechen Sie, Lieutenant?“
„Wie Ihnen sicher auch schon aufgefallen ist, habe ich immer dann, wenn die STERNENKRIEGER ins Sol-System zurückkehrte, dafür gesorgt, dass ich jede freie Zeit auf dem Mond verbrachte.“
„Das ist nicht verwunderlich. Schließlich lebt Ihre Familie dort.“
„Ja.“ Gorescus Stimme klang tonlos und ganz anders, als Catherine White es ansonsten von Morton Gorescu gewohnt war.
Der Blick war leer.
Er biss sich auf die Lippen.
„Sie sind mir keinerlei Erklärung schuldig, Lieutenant“, meldete sich schließlich Fähnrich White zu Wort, nachdem die Pause des Schweigens ihr zu lang und erdrückend geworden war.
Aber Gorescu schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, ich möchte es Ihnen gerne sagen. Sie waren taktvoll und haben nie eine Frage gestellt, wenn es darum ging, Aufgaben zu übernehmen, die eigentlich ich zu erledigen gehabt hätte. Wie auch immer. Meine Tochter ist schwer erkrankt. Die Ärzte haben eine sehr seltene Stoffwechselerkrankung diagnostiziert, deren lateinische Bezeichnung ich Ihnen ersparen möchte. Jedenfalls ist dieses Syndrom sehr selten, weswegen auch in der Vergangenheit kaum Medikamente oder Therapien dagegen entwickelt worden sind.“ Er seufzte hörbar, ehe er schließlich fort fuhr: „Die Krankheit gilt als unheilbar. Unsere letzte Hoffnung sind die Ärzte auf Genet…“
„Der medizinische Standard dort steht in dem Ruf, der beste innerhalb der gesamten Humanen Welten zu sein!“
„Ja. Weil sie dort Methoden anwenden, die die Bundesgesetze eigentlich verbieten. Nur deswegen ist man auf Genet so weit gekommen wie sonst nirgends innerhalb der Humanen Welten! Allerdings sind die Behandlungen dort sehr teuer!“
„Dann verstehe ich nicht, weshalb Sie beabsichtigen, den Dienst zu quittieren!“
Gorescu lächelte matt.
„Erstens ist es nicht sicher, dass die Therapie auf Genet auch wirklich anschlägt. Und da möchte ich nicht irgendwo im fernen Weltall sein, wenn meine Tochter stirbt. Das würde ich mir niemals verzeihen.“
„Und zweitens?“
„Zweitens habe ich ein sehr gutes Angebot von einem Triebwerkshersteller in Luna North. Liegt in der Nähe des lunaren Nordpols.“
„Klingt nicht nach einem sehr gemütlichen Ort!“
„Seit die Immobilienpreise auf dem Mars explodiert sind und der Hohe Rat die Leichten Kreuzer der Scout-Klasse im Dutzend bestellt, gilt Luna North als Boomtown der Raumfahrtindustrie. Jemand, der was von Triebwerken versteht, kommt da gut unter!“
Catherine White schluckte. Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte und hatte angesichts des Schicksalsschlages, von dem Morton Gorescu heimgesucht worden war, über ein paar passende Worte nachgedacht. Aber sie hatte das Gefühl, in diesem Moment nur in irgendein Fettnäpfen treten zu können und daher schwieg sie.
„Wie auch immer, Fähnrich! Demnächst wird auf der STERNENKRIEGER eine Position als Leitender Ingenieur im Rang eines Lieutenant frei!“
7
Commander Willard Reilly lag wach in seiner Kabine, obwohl er besser geschlafen hätte, wenn er nicht die nächste Wachperiode vollkommen übermüdet beginnen wollte.
Aber da war etwas, das ihm den Schlaf raubte und verhinderte, dass er zur Ruhe kam. Er betrachtete das Metallrelief, das auf seine Veranlassung hin angebracht worden war.
Es stellte ein Wikingerschiff dar.
Was hätte einer dieser Nordmänner seinerzeit gesagt, wenn sein Vater von ihm verlangt hätte, immer dieselbe Linie zu fahren – von einem Ende des Heimatfjords zum anderen? Wahrscheinlich hätte sich das keiner diese kühnen Seefahrer jemals gefallen lassen!
Commander Reilly erhob sich schließlich von seinem Bett und verließ die Einzelkabine, die ihm als Captain der STERNENKRIEGER zustand. Angesichts der räumlichen Enge, die an Bord des zylinderförmigen Raumschiffs bestand, war dieses Privileg nicht hoch genug zu schätzen, wie Reilly sehr gut wusste.
Der Captain der STERNENKRIEGER suchte einen der Aufenthaltsräume auf und zog sich einen Syntho-Drink.
Bruder Patrik saß an einem der Tische und aß einen Salat. Daneben lag ein Handheld-Computer auf dem Tisch, dessen Display aktiviert war.
Ihm gegenüber hatte Fähnrich White Platz genommen. Die junge Technikerin aus Morton Gorescus Maschinenraum-Crew hatte ein beinahe entrückt wirkendes Gesicht während sie den Wort reichen Ausführungen des Olvanorers lauschte. Padraig sprach ausführlich über einige Spekulationen, die ihm in Bezug auf das Volk der Xabo durch den Kopf gingen. Bruder Padraig bezog sich dabei allerdings vor allem auf die Veränderungen in Weltanschauung und Religion. Seiner Ansicht nach musste sich ein traumatisches Fluchterlebnis, wie es die Xabo in Bezug auf die Qriid zweifellos hinter sich hatten, auf die gesellschaftliche Ordnung ihrer neuen Heimat auswirken.
„Was Sie alles wissen, Bruder Padraig!“, hauchte Catherine White. „Beeindruckend!“
„Das meiste sind nur Vermutungen“, erwiderte Padraig. „Vermutungen, bei denen ich mir im Übrigen noch nicht einmal wirklich wünschen kann, dass ich damit Recht behalte!“
Catherine White blickte auf das Chronometer an ihrem Handgelenk, das Teil des persönlichen Armbandkommunikators war, den jedes Besatzungsmitglied der STERNENKRIEGER während seines Dienstes an Bord tragen musste. „Ich hatte ganz vergessen, dass ich eine Extra-Schicht übernommen hatte und jetzt augenblicklich in den Maschinenraum gehen muss.“
„Sie vertreten den L.I., nicht wahr?“, fragte Bruder Padraig.
Catherine White war völlig perplex. Sie sah den Olvanorer-Mönch erstaunt an. „Woher wissen Sie das?“
„Ich beobachte vieles. Unter anderem meine Gesprächspartner.“
„Und das können Sie dadurch sehen?“
„Ich bin kein Hellseher oder dergleichen, sondern ziehe nur meine Schlüsse aus dem, was mein Bewusstsein an Informationen intuitiv aufnimmt. Das ist alles. Bei Ihnen ist mir aufgefallen, dass Sie offenbar ein weiches Herz haben. Sie können Gorescu nichts abschlagen – und das hängt mit seiner familiären Situation zusammen.“
„Wie auch immer, Bruder Padraig. Wir können unsere Unterhaltung gerne in Kürze fortsetzen, aber ich habe mich nun mal in den Dienstplan eingetragen und das bedeutet für einen Raumsoldaten des Space Army Corps auch, dass er pünktlich ist und man sich auf ihn verlassen kann!“
„Sicher. Aber gestatten Sie mir dennoch eine Frage, Fähnrich!“
„Ganz bestimmt nicht jetzt, Bruder Padraig. Ich muss jetzt los!“
White bemerkte den Captain und nahm Haltung an.
„Wegtreten und rühren, Fähnrich“, sagte Willard Reilly.
Innerhalb weniger Augenblicke hatte sie den Raum verlassen.
Dann wandte sich Reilly an Bruder Padraig. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
„Natürlich.“
„Ich möchte Ihnen eine Frage stellen, die mich im Moment tief bewegt.“
„Nur zu! Ich bin Ihr Berater und damit Ihr erster Ansprechpartner.“
„Trotzdem ist es nicht ganz einfach für mich, diese Sache anzusprechen“, erklärte Commander Reilly.
„Dann handelt es sich um ein privates Problem?“
„Ja, Bruder Padraig.“
„Sofern ich helfen kann, tue ich das gern.“
Commander Reilly nippte an seinem Syntho-Drink und beugte sich dann etwas vor, um nicht so laut sprechen zu müssen. „Stimmt es, dass der Orden seine Mitglieder nach bestimmten Kriterien aussucht und sie bereits lange zuvor daraufhin beobachtet, in wie fern sie für den Orden geeignet sind?“
„Würden Sie nicht auch jeden Gast erst eingehend prüfen, bevor Sie ihn in Ihre Wohnung lassen?“
„Das ist keine Antwort auf meine Frage!“
„Entschuldigen Sie. Es war nicht meine Absicht, Ihnen auszuweichen, Captain!“
Was denn sonst?, fragte sich Reilly unwillkürlich. Diese Kunst habt ihr Olvanorer doch perfektioniert. Ihr nennt das dann Diplomatie.
Reilly erklärte: „Meine Frage ist nun, nach welchen Kriterien Ihre Ordensmitglieder den Nachwuchs auswählen?“
„Das ist nicht wirklich die Frage, die Sie mir stellen wollen. Sie dient nur dazu, eine andere Frage zu verdecken!“, erwiderte Bruder Padraig.
„Was meinen Sie damit?“
„Ihr Bruder ist Mitglied unseres Ordens, nicht wahr?“
„Ja“, nickte Reilly.
„Sie haben Schwierigkeiten damit, dass nicht Sie es waren, den unsere Scouts beobachtet und erwählt haben. Sie können nicht akzeptieren, dass an Ihrem Bruder etwas sein soll, das Ihnen zu fehlen scheint.“
„Nein. Sie missverstehen mich.“
Bruder Padraig lächelte nachsichtig.
„Sie wollen wissen, was es ist, das Ihren Bruder zu einem Olvanorer macht. Ich hingegen versuche Ihnen klar zu machen, dass es darauf nicht ankommt. Jeder Mensch hat seinen Wert aus sich selbst heraus und nur ein Narr sucht sein Maßstab bei einem anderen Individuum.“
„Sie wollen mir die Kriterien nicht nennen, nach denen Olvanorer erwählt werden!“, stellte Commander Reilly fest. „Es scheint sich also um eine Art Ordensgeheimnis zu handeln, habe ich recht?“
„Es spielt für Sie keine Rolle, Captain. Schließlich sind Sie ja kein Olvanorer und obgleich Sie viel Zeit damit vergeudet haben mögen, darüber zu rätseln, was Ihr Bruder Ihnen voraushaben mag, so hatten Sie doch im Inneren Ihrer Seele niemals vor einer zu werden.“
„Das mag sein“, gab Reilly zu.
„Sie haben Ihren Platz gefunden, Commander Reilly. Sie genau so wie Ihr Bruder. Und damit sollten Sie es bewenden lassen.“
Vielleicht hat er recht!, dachte Willard Reilly schließlich. Wahrscheinlich ist es sehr viel einfacher, einen Pudding an die Wand zu nageln als von einem Olvanorer eine Information zu entlocken, die dieser nicht preisgeben will!
Kapitel 4: Ein Eissegler namens STURMTROTZER
Magoon stand zusammen mit den anderen Männern am Ruder des gewaltigen Eisseglers. Die Aufbauten bestanden aus mehreren Gebäuden. Aus den Schloten quoll dunkler Rauch, den der unbarmherzige Wind zerstob, der eisig über die endlose Ebenen pfiff.
Nur mit vereinten Kräften konnten die Männer das Ruder herumreißen. Es knarrte. Die aus sehr harten Karbonfasern bestehenden, halmartigen und innen hohlen Stämme, die den Zusammenhalt des gesamten Gefährts sicherten, ächzten. Manchmal verzogen sie sich auch, aber man konnte eigentlich immer sicher sein, dass sie den Belastungen standhielten, die das Klima von Arakor – wie die einheimischen Humanoiden ihre Welt nannten – bereithielt.
Langsam begann der wie ein surrealer Koloss über das Eis dahin gleitende Segler mit der optimistischen Bezeichnung STURMTROTZER die Richtung zu ändern. Die Segel bewegten sich und schlugen schließlich unruhig hin und her, als Wind von vorn kam. Die, aus Algen, geflochtenen Taue verloren die Spannung und wurden hin und her geschlagen.
Die Ankerwerfer standen am Bug an den Seiten vor der Reling des Eisseglers, bereit ihre an dicken geflochtenen Algenseilen befestigten Metallhaken zu schleudern. Das Metall stammte aus Erzknollen, mit denen der Grund des Meeres übersäet war, das sich unter dem Eispanzer befand. Die Ankerhaken waren zuvor in der Feuerkabine rot glühend gemacht worden, sodass sie schneller in das Eis einsanken und sich dort verkanteten. Der Eissegler hatte trotz der Tatsache, dass er jetzt gegen den Wind gewendet hatte, eine erhebliche Geschwindigkeit drauf. Der Wind hatte an Kraft zugenommen und es war bei den derzeitigen Wetterverhältnissen einfach unmöglich, den Eissegler allein durch das Lenken in den Wind schnell genug zu stoppen.
Davon abgesehen beabsichtigte Magoon ein Lager zu errichten. Sturm kündigte sich an. Es gab gute Wetterpropheten unter dem Volk von Arakor, aber im Augenblick waren die Zeichen des Himmels so deutlich, dass jeder einfache Ankerwerfer ebenso gut eine zutreffende Vorhersage liefern könnte.
Magoon, der Kapitän des Eisseglers STRURMTROTZER, gab das Zeichen.
Er löste den Griff um das Ruder.
Ein halbes Dutzend andere starke Männer hatte ihre Arme um den Holm gelegt, mit dem die Ruderkufen bewegt wurden. Normalerweise war die Bedienung des Ruders nicht so schwer und lief über ein System von Flaschenzügen, die dafür sorgten, dass während der Fahrt die Steuerkufen mit einem minimalen Kraftaufwand über ein mit Greifholmen bestücktes Rad bedient werden konnten. Aber während der Fahrt war einer dieser aus karbonhaltigem Flechtwerk bestehenden Riemen gerissen, was zur Folge gehabt hatte, dass der STURMTROTZER beinahe mit einem anderen Eissegler gleicher Größe kollidiert wäre. Es hatte eine Weile gedauert, bis die Männer an Bord des STURMTROTZERS die Lage mit Hilfe purer Körperkraft letztlich doch wieder einigermaßen unter Kontrolle gebracht hatten.
Ein Dauerzustand war das natürlich nicht.
Daher stand die Reparatur des Steuers auch ganz oben auf Magoons Prioritätenliste.
Der Kapitän des STURMTROTZERS gab den Ankerwerfern den Befehl zum Auswurf, indem er eine sehr schrille Pfeife in den Mund nahm. Der Laut, der aus dem etwas daumengroßen Instrument hervorkam, war so schrill, dass er problemlos alle anderen Umgebungsgeräusche übertönte.
Gefertigt war diese Pfeife aus einer Muschelart, deren Heimatgefilde sich in lebendigem Zustand einige hundert Meter unter der Eisdecke befanden.
Ein Ruck ging durch den Eissegler.
Die Männer mussten sich so gut es ging festhalten. Die glühenden Ankerhaken pflügten zischend durch das Eis und der Koloss kam schließlich zum stehen.
Sofort machten sich die Segelmannschaften daran, die einzelnen Segel zu bergen, die jetzt schlaff von den Gaffeln der drei Masten hingen.
Je schneller diese Segel eingeholt wurden, desto weniger bestand die Gefahr, dass der Wind vielleicht plötzlich etwas drehte und doch noch eine unberechenbare Böe den Segler mit sich nahm.
Der STURMTROTZER kam nun endlich zum Stehen.
„Bei der SEELE ALLER! Der Sturm hat noch nicht einmal richtig begonnen, und wir können die Segler schon kaum noch bändigen!“, stieß einer der anderen Männer hervor. Er hieß Bendas und war Magoons Stellvertreter im Kapitänsamt des STURMTROTZERS.
„Ja, wir werden den STURMTROTZER gut befestigen müssen! Und vor allem werden die kleineren Segler sich an die größeren sicher anbinden oder davon geweht werden!“
Außer dem STURMTROTZER hatten auch die etwa zwei Dutzend weiteren Eissegler unterschiedlichster Größe, die zum Verbund gehörten, gestoppt. Die Aktion hatte synchron durchgeführt werden müssen, damit die einzelnen Segler des Verbundes sich nicht zu weit voneinander entfernten. Wenn der Sturm noch heftiger wurde und sie vielleicht Tage oder Wochen hier fest saßen, dann waren die Besatzungen gegenseitig aufeinander angewiesen.
Mit fieberhafter Eile wurden die Befestigungsarbeiten durchgeführt. Am Horizont türmte sich derweil eine dunkle Säule gen Himmel empor.
Das Schlimmste haben wir noch vor uns!, dachte Magoon. Wir können nur hoffen, dass die SEELE ALLER uns beschützt. Das einzige, was ihm im Moment ein Trost war, war der Umstand, dass auch die vogelartigen Außenweltler von dem Sturm betroffen sein würden.
Aber wahrscheinlich wird ihnen der Sturm nicht so viel ausmachen!, dachte er. Sie haben schließlich einen Segler, der nicht nur die Kälte des Eises, sondern selbst die Kälte des Weltraums zu überwinden vermochte!
Die J’arakor – wie sich alle diejenigen, die sich zum Volk von Arakor zählten selbst zu nennen pflegten – waren der Überlieferung nach ebenfalls vor unvorstellbar langer Zeit mit derartigen Sternenschiffen zu ihrer jetzigen Heimat gelangt. Ihre Vorfahren waren Raumfahrer, die einem gewaltigen Sternenreich gedient hatten, das plötzlich unerwartet zerfallen war.
Ein furchtbarer Feind war über die Welten jenes geheimnisvollen Sternenreiches hergefallen.
Aber Arakor hatte sich die Freiheit bewahrt – und das über mehr als zweieinhalb Sonnenumläufen!
Kein Außenweltler hatte es trotz unzweifelhafter technischer Überlegenheit geschafft, hier Fuß zu fassen, geschweige denn die freiheitsliebende J’arakor zu unterwerfen.
Die SEELE ALLER möge uns weiterhin die innere Kraft und Stärke geben, den Feinden zu widerstehen!, dachte Magoon voller Inbrunst.
Aber zunächst einmal galt es den Mächten der Natur zu trotzen, an die sich die J’arakor nahezu perfekt angepasst hatten. Ihre Heimat war eine Welt, auf der nichts wuchs und die unter ihrem massiven Eispanzer vor sich hin schlummerte. Und doch hatten die J’arakor es geschafft, hier zu überleben. Die Epen der Alten berichteten darüber, wie plötzlich jedwede Technik nicht mehr funktioniert hatte, wie Maschinen auf die die Bewohner dieser extrem klimatisierten Welt dringend angewiesen gewesen waren, plötzlich ihren Dienst verweigerten und viele Archive zerstört wurden, sodass man heute über diese Zeit nur noch wenig wusste.
Aber trotz dieser Unbilden hatten sich die J’arakor behauptet. Die SEELE ALLER war auf ihrer Seite gewesen und so hatte es keiner der Feinde überlebt, die es gewagt hatten, auf der eisigen Oberfläche Arakors zu landen. Tod und Gericht denen, die von der Gier und dem Machtdurst nach Arakor verschlagen werden!, erinnerte sich Magoon an eine sehr tröstliche Verszeile aus der Überlieferung der Verfahren. Ein Teil der Außenweltler hat bereits die Aussichtslosigkeit ihres Unternehmens erkennen müssen. Wahrscheinlich werden wir gar nichts weiter tun müssen, um auch die Schnabeltiere von hier zu verjagen!
Die Ankerhakenwerfer warfen nun inzwischen Strickleiter aus, um seitlich am STURMTROTZER hinab zu steigen. Ihre Aufgabe war es nun, am Boden weitere Befestigungsarbeiten durchzuführen. So gut es in der Kürze der Zeit ging, wurden zusätzliche Verankerungen gegen den Boden gerammt. Die dumpfen Hammerschläge waren wie ein fernes, verhaltenes Klopfen zu hören. Der Wind verschluckte die meisten Geräusche.
Immer heftiger wurde er.
Alle zur Verfügung stehenden Hände mussten jetzt mit anfassen.
Nur einer stand vollkommen untätig an Deck des Eisseglers und sah sich die gesamte Szenerie zwar interessiert, aber letztlich passiv an. Er gab noch nicht einmal irgendwelche Befehle.
Er war ungefähr ein Meter achtzig groß, trug einen dünnen, sorgfältig ausrasierten Oberlippenbart und wirkte in sich gekehrt. Die Kapuze seines aus Tierhäuten gefertigten Anoraks war auf Grund der Kälte tief ins Gesicht gezogen, sodass von der oberen Kopfhälfte ohnehin nichts zu sehen war.
„Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, wäre es in diesem Fall mit Sicherheit eine Alternative gewesen, wir hätten uns mit der Besatzung des gesamten Verbundes eingegraben.“
„Die Situation ist jetzt nun einmal so, wie sie ist, Gabaloon!“, erwiderte Magoon ziemlich direkt.
Arroganter J’ssour-Treiber!, ging es ihm ärgerlich durch den Kopf. Andererseits bedeutete die Fähigkeit, die auf Arakor sehr verbreiteten ellipsoiden Vielbeiner unter Kontrolle halten zu können etwas, das für den gesamten Verbund nämlich sehr wichtig war. Das war auch der tiefere Grund dafür, weswegen einem talentierten J’ssour-Treiber nach traditioneller Ansicht so etwas wie Narrenfreiheit zustand.
1
Nirat-Son fühlte sich wie ein welkes Blatt im Wind, auch wenn es so etwas nur in seiner Heimat auf Qriidia gab und ganz gewiss nicht hier in dieser eisigen Einöde. Die Koordinaten, an denen Re-Lim und seine Gruppe zuletzt geortet worden waren, hatte er längst erreicht. Während die mörderischen Winde dieses Eisplaneten ihn hin und her schaukelten, versuchte der Tanjaj-Rekrut die Umgebung mit Hilfe eines Ortungsgeräts zu erfassen.
Schneefall hatte eingesetzt. Der Himmel war vollkommen grau geworden. Das Antigrav-Pak auf Nirat-Sons Rücken war kaum noch dazu in der Lage, ihn zu stabilisieren. Der Qriid schwebte zu Boden.
Sein Tanjaj-Nom hatte ihm den Befehl gegeben, die letzte Position von Re-Lims Gruppe aufzusuchen, während er selbst mit dem Rest seiner Tanjaj den Rückweg zu Beiboot angetreten hatte. Nirat-Son war sehr wohl bewusst, dass die Aufgabe, die sein Vorgesetzter ihm übertragen hatte, alles andere als ungefährlich war. Aber es entsprach der Tradition der Qriid, notfalls den Jüngsten zu opfern, um die anderen zu retten. In so fern wäre ihm auch niemals eingefallen, sich etwa mit einem Hinweis auf seine geringe Erfahrung gegen diesen Befehl zu wenden oder deswegen auch nur einen ärgerlichen Gedanken zuzulassen.
Er war ein Tanjaj-Rekrut und das bedeutete letztlich, dass er viel leichter zu ersetzen war als ein Tanjaj-Nom oder ein noch höherer Offizier. Schließlich ging es niemals in erster Linie um die Interessen des Individuums, sondern um die Errichtung der Göttlichen Ordnung im Universum. Der Wille Gottes, verkündet durch dessen Stellvertreter auf dem Thron in Qatlanor auf Qriidia, zählte und sonst gar nichts. Milliarden qriidischer Eierlegerinnen waren schließlich unablässig mit der Reproduktion neuer Tanjaj beschäftigt, die den Blutzoll, den der Heilige Krieg und die permanente Expansion kosteten, ausgleichen konnten.
Die in Thermostiefeln steckenden Krallenfüße des Tanjaj sanken einen halben Zentimeter in den frisch gefallenen Schnee ein, der sich unter der Last seines eigenen Gewichts nach und nach zu Eis verdichten würde, das dem Panzer, der diese Welt umgab, eine weitere Schicht hinzufügte.
Der Temperaturanzeiger zeigte Nirat-Son, dass es innerhalb der letzten Qriidia-Stunde noch wesentlich kälter geworden war. In dem Display seiner Schutzbrille blinkte ein Warnsignal auf, das ihn darauf hinwies, dass es unerlässlich war, die Heizfunktion seines Thermoanzugs an die Gegebenheiten anzupassen. Außerdem wurde ein Überblick über den Energiestatus des Anzugs eingeblendet.
Nirat-Son regulierte die Heizfunktion und konzentrierte sich anschließend wieder auf die Anzeigen seines Ortungsgerätes. Er hatte nach Signaturen der technischen Geräte gesucht, aber nichts gefunden. Weder von den Hand-Trasern noch von den Funkgeräten oder den Ortungsgeräten. Gerade bei letzteren war die Abschirmung in Bezug auf elektromagnetische Emissionen noch stark verbesserungsfähig, was andererseits aber auch die Ortung und vor allem die eindeutige Identifikation erheblich erleichterte. Aber nichts dergleichen zeigte sich bei den Anzeigen.
Nirat-Son musste sich gegen eine besonders heftige Windböe stemmen, die ihn beinahe zu Boden gerissen hatte. Der Sturm würde in Kürze vielleicht eine Intensität erreichen, die einen Aufenthalt im Freien zu einer ziemlich gefährlichen Angelegenheit machten. Aber Nirat-Son dachte nicht daran, jetzt aufzugeben und zum Beiboot zurückzukehren. Er hatte einen Auftrag bekommen. Einen Befehl. Und für einen Tanjaj war der Befehl eines Vorgesetzten mittelbar der Wille
Gottes. Etwas, das unbedingt erfüllt werden musste, denn der Aarriid war der Stellvertreter des Höchsten und seine Tanjaj-Offiziere und Priester wiederum waren die Stellvertreter des Stellvertreters.
Es war für Nirat-Son nahezu undenkbar, ohne die Erfüllung seines Auftrags zu seinem Tanjaj-Nom zurückzukehren, mochte er dabei auch gezwungen sein, ein hohes persönliches Risiko einzugehen.
Wenigstens die Signatur der Anzüge müsste zu orten sein – und wenn deren Energiestatus auf Null steht, müsste das Material sofort auffallen!, dachte Nirat-Son. Es sei denn, sie sind gar nicht mehr hier und jemand hat sie – gefangen genommen!
Dieser Planet barg ohne Zweifel unbekannte Gefahren, die offenbar auch der ersten qriidischen Expedition zum Verhängnis geworden waren.
Ob die schnabellosen Eingeborenen etwas damit zu tun hatten, war in Nirat-Sons Augen sehr unwahrscheinlich, da ihr technischer Standard nach allem, was man darüber wusste, von einem primitiven Niveau geprägt war.
Vielleicht suche ich einfach nach der falschen Sache!, ging des Nirat-Son durch den Kopf, während er die Einstellungen seines Ortungsgerätes veränderte.
Und dann wurde er fündig.
Er fand kalkhaltiges, organisches Material.
Der Schrecken fuhr dem Tanjaj in die Krallenarme.
Knochen!
Er ging ein paar Schritte, bis er einen Hügel erreichte. Eine kleine Schneeverwehung hatte sich gebildet.
Mit den in widerstandsfähigen Thermohandschuhen steckenden Pranken, die die kälteunempfindlichen Krallen freiließen, wenn man sie ausfuhr, begann der Qriid zu graben und wurde schnell fündig.
Es dauerte nicht lange und er hatte den ersten Knochen freigelegt.
Und die Analyse ließ nicht den Hauch eines Zweifels daran, dass es sich um Qriid-Knochen handelte. Mit Hilfe des Ortungsgerätes erfasste Nirat-Son den genetischen Code und verglich ihn mit der Gen-Datenbank seiner Einheit. Es konnte danach kein Zweifel mehr daran bestehen, dass er Re-Lims Knochen vor sich hatte.
2
Nirat-Son machte sich auf den Rückflug. Er stellte sein Antigravaggregat so ein, dass er dicht über den Boden schwebte, um nicht vom Sturm einfach weggeschleudert zu werden. In seinem Kopf rasten die Gedanken nur so. Was war mit den Tanjaj aus Re-Lims Gruppe geschehen? Die wahrscheinlichste Variante war wohl, dass sie ebenfalls den ellipsoiden Vielbeinern zum Opfer gefallen waren.
Trotzdem blieben für Nirat-Son noch einige drängende Fragen vorerst unbeantwortet.
Warum hatten Re-Lim und seine Tanjaj-Brüder nicht ihre Antigravpaks benutzt, um in die Luft zu steigen? Nach allem, was Nirat-Son bisher erlebt hatte, verfügten die Vielbeiner zwar über eine Reihe erstaunlicher Fähigkeiten, aber fliegen schien nicht dazu zugehören. Re-Lims Männer hätten sich also auf diese Weise vielleicht retten können!, dachte er.
Dass sie es nicht getan hatten, musste einen Grund haben.
Vielleicht hatten sie vergeblich versucht, einem angegriffenen Tanjaj-Kameraden zu helfen und dabei ihre eigene Sicherheit vernachlässigt. Das hätte durchaus der Kampfdoktrin der Tanjaj-Mannschaften entsprochen. Das eigene Leben zählte nichts, die Erfüllung des Auftrags hatte in jedem Fall Vorrang.
Aber während des ersten Zusammentreffens mit Vielbeinern im Wrack des Qriid-Beiboots der ersten Expedition war offensichtlich geworden, dass man sie mit Traser-Feuer sehr effektiv bekämpfen konnte.
Einem Tanjaj hatte jener Angriff das Leben gekostet.
Aber keinesfalls der gesamten Gruppe!
Und das, obwohl man innerhalb eines Raumschiffwracks nicht einfach den Antigrav aktivieren und wer weiß wie weit in die Höhe schnellen konnte, um sich dem Zugriff dieser kleinen Monstren zu entziehen.
Der Angriff auf Re-Lims Gruppe hatte sehr wahrscheinlich bereits stattgefunden, als eines dieser Biester bei uns am Raumschiffwrack auftauchte!, wurde es Nirat-Son klar. Schließlich war es kurz nach diesem Vorfall bereits nicht mehr möglich gewesen, Kontakt aufzunehmen.
Aber wer ist für das Verschwinden der Traser, Funkgeräte und anderen Geräte verantwortlich?, fragte sich der Tanjaj-Rekrut.
Dass es von der Kleidung keinerlei Spuren mehr gab, erschien Nirat-Son schon eher plausibel. Wahrscheinlich hatten die Vielbeiner die Kleidung der skelettierten Tanjaj chemisch vollständig zersetzt. Schließlich verfügten sie über die Fähigkeit, eine starke Säure zu produzieren, mit deren Hilfe sie sogar die Außenhaut eines Beibootes hatten durchdringen können.
3
Während seines Antigravfluges nahm Nirat-Son bereits Kontakt mit seinem Tanjaj-Nom auf und gab diesem einen knappen Bericht für das, was er das Schicksal von Re-Lims Gruppe betreffend herausgefunden hatte. Die Daten seines Ortungsgerätes übersandte er an seine Tanjaj-Brüder, die es offenbar geschafft hatten, ohne weitere Verluste zum Beiboot zurückzukehren.
„Mögest du mit Gottes Hilfe zurückkehren“, sagte Bras-Kon über Funk. „Bis jetzt verzeichneten wir keinerlei weitere Aktivitäten von Vielbeinern.“
„Ich danke dir für die Auskunft, Tanjaj-Nom.“
„Ich habe bereits eine Meldung an das Mutterschiff gemacht. Man sagte mir Unterstützung zu. Offenbar hat man eine Etage über uns in der Befehlshierarchie eingesehen, dass dieser Planet vielleicht doch nicht ein so einfach und problemlos zu besetzendes Wasserreservoir ist, wie man zunächst geglaubt hat.“
„Wenn die Vielbeiner ausgerottet sind, sehe ich allerdings keine weiteren Probleme“, sagte Nirat-Son mit einem Optimismus, der aus einer offiziellen Glaubensdoktrin geboren war, nach der es auf die Dauer nur hinhaltenden Widerstand der Mächte des Heidentums gegen die Errichtung der universellen Göttlichen Ordnung geben konnte. Tief in seinem Inneren empfand Nirat-Son in diesem Fall jedoch Zweifel und so war seine Äußerung mehr eine Art suggestiver Selbstbeschwörung.
Unter Tanjaj war das durchaus üblich.
Und tatsächlich hatte die Geschichte den Glaubenskriegern Recht gegeben. Schließlich hatte Gott ihnen immer wieder letztlich doch den Sieg geschenkt und dafür gesorgt, dass sich das Imperium noch immer in einem steten Prozess der Expansion befand.
„Mut und Glaube seien mit dir!“, erwiderte Bras-Kon eine traditionelle Formel rezitierend.
Danach unterbrach er die Verbindung.
Nirat-Son war wieder allein in dem Sturm, dessen Intensität noch immer zunahm.
Eine Böe erfasste ihn und schleuderte ihn empor. Einen Augenblick später geriet er in ein Windloch und fiel wie ein Stein zu Boden. Nur der Antigrav rettete ihn davor, dort mit aller Härte aufzuprallen.
Nirat-Son landete einigermaßen weich.
Der Sturm war einfach zu heftig, um sich weiter fliegend fortbewegen zu können.
Stattdessen nahm der Qriid an den Steuerfunktionen des Aggregats ein paar Modifikationen vor. Auf diese Weise sorgte er dafür, dass er an den Boden gedrückt und nicht einfach fortgeschleudert wurde. Die physikalischen Daten des Sturms überstiegen mittlerweile alles, was er von Qriidia kannte.
Eine Weile harrte Nirat-Son aus.
Schnell bildete sich um ihn herum eine Schneewehe. Der Niederschlag verstärkte sich noch. Es fielen jetzt dicke, nasse Flocken, die offenbar in höheren, von einem Warmlufteinbruch gekennzeichneten Luftschichten erzeugt worden sein mussten.
Die Anzeigen, die Nirat-Sons Ortungsgerät lieferten, stützten diese These – wobei der Begriff Warmluft natürlich sehr relativ war. Die Temperatur lag auch dort deutlich unter dem Gefrierpunkt.
Wenn du diese Öde nicht mehr lebend verlassen solltest, so kannst du immerhin sagen, dass du deinen Auftrag erfüllt hattest, bevor du gestorben bist, wenn du vor deinen Richter trittst!, ging es Nirat-Son durch den Kopf. Zwar war die Gefahr, vom Sturm einfach davon gefegt zu werden so lange gebannt, wie der Energiestatus seines Antigravpaks es erlaubte, ihn sicher am Boden zu halten, aber schließlich war dies ja nicht die einzige Gefahr, die hier draußen lauerte, wie das Schicksal der Gruppe von Re-Lim ihm eindrucksvoll vor Augen gehalten hatte.
Er überprüfte sicherheitshalber den Ladestatus seines Hand-Trasers und schaltete ihn auf die höchste Intensitätsstufe, um sich dadurch gegen einen eventuellen Angriff der ellipsoiden Vielbeiner vorzubereiten. Nirat-Son wusste zwar nicht, nach welchen Kriterien sie ihre Opfer auswählten und ob sie sich bei diesen Wetterverhältnissen nicht vielleicht eher in die Tiefe des Eispanzers zurückzogen. Schließlich schien da ihr eigentlicher Lebensraum zu sein.
Da er nichts über ihr Verhalten wusste, musste er jederzeit darauf gefasst sein, dass sie an die Oberfläche schnellten und versuchten ihn zu töten. Qriid-Fleisch scheint ihnen geschmeckt zu haben!, dachte Nirat-Son grimmig. Gott muss diese Kreaturen geschaffen haben, um den gläubigen Tanjaj zu prüfen…
4
Bevor Nirat-Son vollkommen eingeschneit worden war, erhob er sich und setzte seinen Weg fort. Der Antigrav hielt ihn dabei am Boden und bewahrte ihn davor, einfach weggefegt zu werden. Dafür musste er in Kauf nehmen, dass er nur schleppend vorankam. Er hatte das Gefühl, eine Zentnerlast tragen zu müssen. Die Krallenfüße fühlten sich an, als hätte man die hohlen Vogelknochen mit Blei ausgegossen.
Die Zeit, die sein Ortungsgerät dafür errechnete, wenn er in diesem Tempo die KLEINE KRALLE zu erreichen versuchte, war deprimierend. Auf jeden Fall reichte der Energiestatus seines Antigravpaks nicht lange genug. Immerhin brauchte er im Hinblick auf seinen Thermoanzug keinerlei Bedenken zu haben. Die Heizfunktion konnte noch fast einen Qriidia-Monat lang aufrechterhalten werden, sofern die Temperaturen ein gewisses Maß nicht unterschritten.
Mühsam schleppte sich Nirat-Son vorwärts, während der Wind an ihm zerrte.
Es war so dunkel geworden, dass man fast glauben konnte, dass es bereits Nacht war.
Der gerade gefallene Schnee wurde aufgewirbelt und verhinderte jede Sicht über ein Maß von wenigen Körperlängen hinaus.
Ein innerer Instinkt brachte den Qriid dazu, stehen zu bleiben und den Kopf zu wenden. Hatte es da nicht eine winzige, in all dem Chaos nur minimal sichtbare Bewegung gegeben? War da nicht etwas?
Der 270 Grad Rundumblick, den ihm seine Qriid-Augen erlaubten, hatte den Vorteil eines sehr großen Gesichtsfeldes. Allerdings war die räumliche Sicht im Vergleich zu anderen Spezies ziemlich schlecht. So konnte er kam einschätzen, in welcher Entfernung er diese Bewegung gesehen hatte.
Er schnellte herum und hatte den Hand-Traser in der Hand.
Prophylaktisch schoss er einen breiten Streustrahl ab, dessen Intensität wahrscheinlich nicht genug war, um einen der zähen Vielbeiner töten zu können, aber wenigstens einen hinhaltenden Effekt haben würde.
Zischend streifte der Traserstrahl den Schnee und verdampfte ihn.
Eine Furche wurde zurückgelassen, als Nirat-Son die Körperhaltung veränderte und den Lauf des Trasers nach rechts schwenkte.
Er sog die kalte Luft ein, deren Temperatur durch einen Atemfilter seiner Thermokleidung auf Werte gebracht wurde, die eine sofortige und schwere Entzündung des Schnabel- und Halsbereichs verhinderten.
Da war nichts!, erkannte er schließlich. D u bist auf dem Weg ein Opfer deiner Furcht zu werden. Und Furcht ist immer ein Zeichen mangelnden Gottvertrauens. Du solltest dringend beten und ein spirituelles Reinigungsritual durchführen, wenn du in dieser Ödnis nicht den Verstand verlieren willst!
Vielleicht, so wurde es dem Tanjaj nach und nach klar, lauerten die größten Gefahren hier draußen gar nicht unter dem Eis, sondern hinter dem eigenen Schädelknochen.
5
Das Feuer brannte inmitten der Kapitänshütte, in der Magoon zusammen mit seiner Gefährtin, seinen Kindern und einigen anderen Verwandten vor dem Sturm Zuflucht gesucht hatte. In der Mitte der Hütte brannte ein Feuer. Die dunklen Karbonknollen, die es in Brandt hielten, glühten auf. Brennstoff war glücklicherweise eines der wenigen Dinge, die unter den J’arakor wohl niemals knapp wurden, zumindest so lange es Treiber gab, die geschickt genug waren, um Vielbeiner dazu abzurichten, sich in die Tiefe bis zu dem Ozean durchzubeißen, auf dessen Eispanzer sie lebten. Die Vielbeiner stiegen dann in die Tiefe hinab und holten die Karbonknollen vom Meeresgrund empor. Man musste nur wissen, wo sich diese Karbonfelder befanden und wo der Eispanzer dünn genug war, dass sich die Vielbeiner innerhalb einer vertretbaren Zeitspanne auf den Weg in die Tiefe machen konnten und sich nicht so weit entfernten, dass die Treiber die Kontrolle über sie verloren.
Schwieriger war es schon, die langen karbonhaltigen Pflanzenfasern an die Oberfläche zu bringen, aus denen die Eissegler gefertigt wurden. Dazu bedurfte es schon des ganzen Talents der Treiber, denn auf sich gestellt wären die Vielbeiner, auch wenn sie es gewollt hätten, nicht intelligent genug gewesen, um einen festen Karbonstamm durch den Eispanzer zu bringen.
Neben dem Feuer waren die Stücke aufgehäuft, die man von den Fremden erbeutet hatte, nachdem die Vielbeiner sie skelettiert und sich an ihrem Fleisch gütlich getan hatten. Einige vorwiegend rohrförmige, leicht gebogene Stücke waren darunter. Sie bestanden aus Metall und vermochten tödliche Strahlen auszustoßen, wie man aus dem ersten Zusammentreffen mit den vogelartigen Fremden sehr wohl wusste. Allerdings wusste man nicht, wie diese Strahlen ausgelöst oder gebändigt werden konnten.
Bei den anderen Geräten handelte es sich um Schutzbrillen für die Augen, auf denen Bilder und Zeichen erschienen sowie kleine quaderförmige Geräte mit glatter Oberfläche. Außerdem gab es noch Reste ihrer Kleidung, die sich vielleicht noch verwenden ließen und Geräte, die wie ein Rucksack getragen wurden und von denen Magoon glaubte, dass sie die Vogelköpfigen dazu befähigten, sich in die Lüfte zu erheben.
Alles Dinge, die uns nützen könnten!, dachte er. Warum sollte es nicht auch uns gelingen, die Funktionsweise dieser Maschinen zu verstehen? Sind wir dümmer als die Schnabelträger? Ich glaube kaum…
„Es ist Frevel gegen die SEELE ALLER, diese Dinge aufzubewahren!“, drang eine weibliche Stimme an Magoons Ohr. Sie gehörte seiner Gefährtin Katreen, die es von Anfang an verurteilt hatte, dass Magoon diese Gegenstände sichergestellt hatte, nachdem es mit den Fremden erneut zu einem Konflikt gekommen war. Ein Konflikt, an dem sie alle die Schuld trugen. Denn sie hatten die Warnung missachtet, die Magoon ihnen im Auftrag der SEELE ALLER hatte zukommen lassen.
Sie hatten bitter für ihre Arroganz bezahlen müssen.
Mit ihrem Fleisch, dass von den Vielbeinern verdaut worden war und später als Ausscheidung den Boden des verborgenen Meeres düngen würde. So war in allem was schlecht war letztlich auch etwas Gutes – genau so, wie es die Überlieferung der Ahnen und die Lehre der SEELE ALLER propagierte.
„Es ist kein Frevel“, sagte Magoon ruhig. „Außerdem bin ich der Kapitän – und wie du weißt bin ich nicht nur Kapitän der STURMTROTZER, sondern auch Großkapitän des Verbundes.“
Diese Ehre war Magoon erst vor kurzem zuteil geworden. Von den Kapitänen der anderen Eissegler seines Verbundes, zu dem etwa fünfundzwanzig Segler unterschiedlichster Größe gehörten, war er zum Großkapitän gewählt worden, nach dem die SEELE ALLER seinen Vorgänger in diesem Amt in der ersten Nacht des Sturmes zu sich gerufen hatte.
Die Wahl hatte keinen Aufschub geduldet und war sofort durchgeführt worden.
Dass ein Verbund ohne Großkapitän dastand war undenkbar, denn im Augenblick der Gefahr war es stets notwendig, dass schnell und koordiniert gehandelt wurde. Die Natur von Arakor verlangte einem Volk das hier schon solange überlebt und sich auf nahezu perfekte Weise der unwirtlichen Gegebenheiten angepasst hatte, in dieser Hinsicht viel ab.
Magoon war stolz auf das Vertrauen, dass ihm die anderen Kapitäne entgegengebracht hatten. Ihm, der doch einer der jüngsten unter ihnen war. Aber nur durch die Wahl eines Jungen bestand die Aussicht, dass der neue Großkapitän im Laufe der arakorischen Sonnenumläufe genug Erfahrung sammelte, um sich die Folge der beinahe schon mythischen Großkapitäne einreihen zu können, die die Geschichte seines Verbundes über Generationen hinweg geprägt hatten.
„Als du diese Gegenstände an dich nahmst, warst du nur Kapitän des STURMTROTZERS!“, gab seine Gefährtin Katreen zu bedenken, die ihm eine Reihe von Kindern geboren hatte, von denen zwei Söhne bereits das Erwachsenenalter erreicht hatten. „Erst danach hat man dich in dieses Amt berufen!“
„Ich habe diese Gegenstände als Kapitän des STURMTROTZERS für mich beansprucht und niemand hat meinem Anspruch widersprochen!“
„Weil es dem alten Großkapitän zu dieser Zeit bereits sehr schlecht ging!“, rief ihm Katreen unnachgiebig in Erinnerung. Ihren Widerstand gegen die pure Existenz dieser technischen Gegenstände innerhalb der Hütten des STURMTROTZERS hatte Magoon von Anfang an gespürt.
Aber er hatte sich dieses Mal entschlossen darüber hinweg gesetzt.
Die Neugier war einfach stärker.
Und im Übrigen war einfach nicht wahr, dass die Überlieferung den Besitz von Maschinen als Frevel ansah. Sie wies lediglich auf die Gefahren hin – genauso wie sie auch nicht grundsätzlich den Gebrauch von Zeichen untersagte, aber sehr eindringlich darauf verwies, wie sicher die Archivierung von Wissen in einem Zeichensystem sein konnte. Das hatte die Geschichte der J’arakor schließlich eindrucksvoll gezeigt.
Schließlich war die alte Zeit von der manche der Überlieferungen noch berichteten, damit zu Ende gegangen, das plötzlich keinerlei technische Gerätschaften mehr funktioniert und die so genannten Datenspeicher nicht mehr verfügbar gewesen waren. Das einzige Speichermedium für die Ewigkeit ist die Erinnerung der SEELE ALLER, so hieß ein Axiom aus der Überlieferung. Jedes Individuum der Gemeinschaft musste die Überlieferung verinnerlichen, sie förmlich in sich tragen und ihr mit seinem Bewusstsein eine zumindest zeitweilige Herberge geben, ehe er sie an die nächste Generation weitergegeben hatte. So lange es das Volk von Arakor gab, gab es auch die Überlieferung, so viel war sicher.
„Vielleicht können uns diese Gegenstände helfen“, sagte Magoon. Er berührte eines der gebogenen Strahlenrohre, hob es an und legte schließlich die Hand um den Griff, der erkennbar nicht für die Hand eines J’arakor geschaffen war.
„Es macht mir Angst, was du sagst“, erklärte Katreen. „Du solltest in dich gehen und zur SEELE ALLER beten, damit sie deinen Geist erleuchte!“
Magoon schwang den rohrförmigen Gegenstand in der Hand, nahm ihn dann in die andere und wog ihn. Der Gegenstand war überraschend leicht. Das Material, aus dem er bestand, interessierte ihn. Es war kalt wie das Metall, das die J’arakor mühsam in ihren Siedehütten, die es an Bord ausgewählter Segler gab, erzeugten.
Aber es musste sich um ein Metall handeln, das die J’arakor bislang noch nicht kannten. Zumindest war die Verarbeitung eine völlig andere, als Magoon sie je bei einem Schmiedemeister der J’arakor gesehen hatte.
„Tue es weg, Magoon! Ich bitte dich! Um die SEELE ALLER willen!“
Die Stimme seiner Gefährtin drang wie aus weiter Ferne in sein Bewusstsein.
Warum eigentlich?, dachte er. Haben nicht unsere Vorfahren auch Maschinen beherrscht, bevor der Tag des Unglücks kam, über den so viele Geschichten unserer Überlieferung ausführlich berichteten? Warum sollten wir es nicht erneut lernen können! Und was die SEELE ALLER angeht, so hat sie sich niemals so eindeutig dazu geäußert, wie es Katreen und viele andere behaupteten…
„Was treibt dich diesen Dämonen in die Arme, Magoon?“, fragte Katreen. „Ist es der Ruf nach Macht? Willst du Blitze erschaffen können, wie es die vogelartigen Fremden vermögen?“
„Katreen!“
„Bedenke, dass sie Ausgeburten des Bösen sind!“
„Da mag sein.“
„Die SEELE ALLER hat sie jedenfalls verdammt.“
„Sie haben die Ordnung missachtet, das ist wahr!“
„Ist das nicht dasselbe!“
„Katreen, so einfach sind die Dinge nicht!“
„Ich glaube schon. Du willst es nur nicht wahrhaben. Und du willst auch nicht wahrhaben, was dich in Wirklichkeit antreibt!“
Er sah sie an und runzelte die Stirn. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, sodass zwischen ihnen eine Furche entstand. „Was sollte das denn deiner Ansicht nach sein, Katreen?“, fragte er.
Die Augen aller waren nun auf sie gerichtet. Magoon war nicht nur Katreens Gefährte, sondern auch ihr Kapitän und Großkapitän und es war unüblich, diesen Autoritären so vehement zu widersprechen. Selbst und gerade für deren enge Familienangehörige und Gefährtinnen.
Pandoon und Tragoon, die beiden gerade zu jungen Männern herangereiften ältesten Söhne Magoons verfolgten das Wortgefecht mit großem Interesse. Es war still in der Kapitänshütte. Von draußen war das Heulen des Sturms und das Schlagen eines nicht ordnungsgemäß vertäuten Segels zu hören, das nun unaufhörlich gegen die Außenwandung des STURMTROTZERS schlug.
Katreen sah ihn an. Sie hatte rötlich braune Augen. Das Haar fiel ihr lang über die Schultern. Die Kapuze ihres Anoraks war zurückgeschlagen und bildete nun einen hohen Kragen. Die Jahre, in denen Katreen gebärfähig war, neigten sich dem Ende entgegen, aber ihre Schönheit hatte sich nach Magoons Empfinden über all die Zeit hinweg erhalten. Magoon hatte sie zu seiner Gefährtin gemacht, als sie gerade zur Frau erblüht war. Aber jetzt, so viele Planetenumläufe später, empfand er immer noch dasselbe Begehren für sie wie damals.
Von Anfang an hatte sich ihr Widerspruchsgeist in steter Regelmäßigkeit geregt – und zwar vor allem dann, wenn sie glaubte, dass ihr Gefährte vom vorgezeichneten Weg der SEELE ALLER abwich.
Ihr Temperament schätzte Magoon noch heute. Ihre Interpretation der Überlieferung hingegen hielt er für engstirnig.
Katreen atmete tief durch.
„Ich werde dir sagen, was dich wirklich antreibt. Du konntest es nicht abwarten, Kapitän zu werden. Und bevor du Großkapitän wurdest hat dich auch diese unheilvolle Ungeduld erfasst! Es reicht dir offensichtlich nicht, in einem Alter von knapp vierzig Planetenumläufen bereits Großkapitän geworden zu sein, was kaum jemand schafft! Du willst auch noch zum Wegbestimmer der J’arakor gewählt werden! Dich dürstet es nach Macht! Dein Wille soll überall geschehen, anstatt dass du auf den Willen der SEELE ALLER hörst! Und dafür brauchst du diese Maschinen des Bösen! Mit ihrer Hilfe willst du deine Konkurrenten einschüchtern und dich als einen machtvollen Wegbestimmer empfehlen können!“
„Ich habe nicht die Absicht, Wegbestimmer aller J’arakor zu werden“, sagte Magoon gelassen. „Und wenn man mir diese Wahl jetzt antragen würde, müsste ich sie ablehnen.“
„So?“
„Niemand kann das Amt des Wegbestimmers ausüben, der sich nicht wenigstens ein paar Planetenumläufe lang Respekt als Großkapitän erworben hat!“
„Einige Planetenumläufe – das ist also die Frist, die du dir gesetzt hast!“, stellte Katreen fest, die Magoons Antwort als Bestätigung ihrer Ansichten ansah.
„Katreen! Es ist die Neugier, die mich treibt, diese Gegenstände an mich zu nehmen und sie zu untersuchen. Ich will wissen, was in ihnen steckt und möchte lernen, wie sie funktionieren!“
„Denkst du auch mal an die SEELE ALLER dabei, Magoon?“
„Wenn unsere Vorfahren dazu in der Lage waren, solche Maschinen zu erschaffen, da sollten wir wenigstens lernen können, sie zu benutzen!“
„Du weißt was damals mit unseren Vorfahren geschah…“
„Das ist mir wohl bewusst, Katreen.“
Sie schüttelte den Kopf. „Am Ende wirst du sogar auf den Gedanken kommen, den Fremden eines ihrer Sternenschiffe wegzunehmen, um damit hinaus in das kalte Nichts zu fliegen.“
„Nicht hinaus in das kalte Nichts. Es gibt unzählige Welten dort. Auch das berichtet die Überlieferung, auch wenn diese Welten seit der großen Katastrophe für uns nicht mehr erreichbar waren.“
„Der Raumflug wurde unmöglich“, stellte Katreen fest.
„Aber die Fremden fliegen auch!“, gab Magoon zu bedenken.
„Ihre Natur ist anders.“
„Aber vielleicht haben sich die Bedingungen dort oben, jenseits unserer Welt in den Zeitaltern, die seit dem Tag der großen Katastrophe vergangen sind auch geändert“, widersprach Magoon.
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Du bist ein Narr, Magoon! Warum genügt es dir nicht, den Willen der SEELE ALLER zu tun, und dich um deinen Eissegler und deine Familie zu kümmern?“
„Es ist nun einmal so. Und im Übrigen glaube ich auch nicht, dass die SEELE ALLER wirklich etwas gegen meine Pläne einzuwenden hätte.“
„Kümmert sie sich vielleicht darum, welche Werkzeuge wir aus den Erzknollen erschaffen und wie wir sie im Einzelnen anwenden?“ Er hob den rohrförmigen Gegenstand in seiner Hand etwas an. „Dies hier, Katreen, ist auch nichts anderes als ein Werkzeug.“
6
Die Sturm durchtoste Nacht war so kalt, das Nirat-Son die Heizfunktion seines Thermoanzugs auf die höchste Stufe stellen musste, um nicht zu erfrieren.
Er hatte sich ein Stück seines Weges geschleppt, bis ihn schließlich die Kräfte zu verlassen drohten. Ein Funkspruch des Beibootes erreichte ihn.
Bras-Kon wollte wissen, was los sei. Die geortete Positionsanzeige hätte sich in der Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit kaum verändert.
Nirat-Son gab einen kurzen Lagebericht.
„Wir haben im Moment nicht die Möglichkeit, dich zu retten“, erklärte Bras-Kon ohne Umschweife. „Bei diesen Windgeschwindigkeiten hätten unsere Antigravpaks dieselben Schwierigkeiten wie es nun bei dir der Fall ist.“
„Das ist mir durchaus bewusst, Tanjaj-Nom“, erwiderte Nirat-Son. „Sobald der Sturm nachlässt, werde ich wieder schneller vorankommen und dann zu euch stoßen.“
„Harre an einer sicheren Stelle aus und achte auf die Vielbeiner!
„Ja, Tanjaj-Nom!“
„Der Allmächtige sei mit dir und bewahre dich, Tanjaj!“
„Euch auch.“
„Die Statusdaten deines Anzugs und deiner sonstigen technischen Ausrüstung lassen mich daran zweifeln, dass wir uns in Kürze wieder sehen werden!“
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Nirat-Son schleppte sich weiter.
Er konnte kaum noch ein paar Körperlängen weit sehen. Die Dunkelheit und das Schneegestöber sorgten dafür, dass die Sicht immer schlechter wurde. Die Sterne wurden von den Wolkengebirgen verdeckt, sodass auch von dort kaum Licht kam.
Nirat-Sons Schutzbrille hatte auch eine Lichtfunktion für den Gebrauch bei Nacht. Außerdem konnte man sie auf Infrarot-Modus umschalten, sodass man sich auch bei völliger Dunkelheit einigermaßen orientieren konnte.
Das durch den Gebrauch dieser Technik Vielbeiner angelockt wurden, glaubte Nirat-Son nicht. Bei dieser Spezies war es fraglich, ob sie überhaupt so etwas wie Augen besaß. Die Entwicklung ausgeprägter Sinneszellen zur Verarbeitung optischer Informationen schien dem Tanjaj bei einer Spezies, die den Großteil ihres Lebens in und unter einem Eispanzer verbrachte, für wenig sinnvoll und so war es eigentlich nicht anzunehmen, dass die Evolution diese kleinen Monstren damit ausgestattet hatte. Auf welche Weise sie trotzdem in der Lage waren, ihre Opfer so genau zu lokalisieren, war dem Qriid jedoch schleierhaft.
Nirat-Son blieb stehen und wich im nächsten Moment unter Aufbietung all seiner Kraft einen Schritt zurück, als plötzlich unter ihm etwas aus dem Eis hervorbrach.
Einer der ellipsoiden Vielbeiner schnellte empor und sprang auf den Tanjaj zu. Säure troff aus der maulartigen Öffnung heraus und sorgte dafür, dass sich der Schnee zischend aufzulösen begann, wo ein Tropfen dieser Substanz den Boden erreichte. Elektrische Funken sprühten zwischen den Beißwerkzeugen.
Nirat-Son befand ich noch immer in der Rückwärtsbewegung. Seine nach hinten geknickten Beine waren schwer wie Blei. Er riss den Hand-Traser hervor und feuerte damit auf das kugelförmige Monstrum, das auf ihn zusprang.
Der Strahl erfasste das Monstrum und verbrannte es zu Asche.
Nirat-Son wandte sich herum und betrachtete misstrauisch den Boden in seiner näheren Umgebung.
Augenblicke lang schien sich nirgends etwas zu regen.
Dann spürte er plötzlich, wie sich das Eis unter seinem linken Krallenfuß hob. Nirat-Son schnellte zurück und feuerte auf den gerade dem Eis hervorbrechenden Vielbeiner.
Sie scheinen stets genau zu wissen, wo ich mich befinde!, ging es Nirat-Son durch den Kopf. Aber wie ist das möglich? Dass sie mich SEHEN können ist ja wohl ausgeschlossen. Verfügen sie vielleicht über ein verfeinertes Gehör, dass sie meine Schritte auch dann noch genauestens verfolgen lässt, wenn sie mehrere Meter tief unter dem Eis lauern?
Ausgeschlossen war das nicht.
Über Eisflächen konnten sich Vibrationen sehr gut weiterverbreiten.
Andererseits wollte es Nirat-Son einfach nicht in den Kopf, dass dadurch eine derart präzise Ortung möglich war.
Aber was immer auch das Prinzip sein mochte, das hinter den außergewöhnlichen Orientierungsfähigkeiten der Vielbeiner stecken mochte, so war Nirat-Son gezwungen, sich auf die Gegner einzustellen.
Am besten wäre es, mit dem Antigrav emporzuschweben und in einem gebührenden Abstand zu diesem Ort wieder zu landen!, überlegte er. Aber angesichts des unvermindert heftigen Sturms war daran allenfalls im äußersten Notfall zu denken, denn das Risiko war unverhältnismäßig groß, dabei den Tod zu finden.
Die Doktrin der Tanjaj forderte den Glaubenskrieger zwar dazu auf, mutig und tapfer zu sein, aber nicht, sein eigenes Leben wegzuwerfen – denn das wäre ebenso ein Frevel gegen die Göttliche Ordnung gewesen wie die Weigerung, sich in den Dienst des Heiligen Imperiums und seiner permanenten Expansion zu stellen.
Das Bedürfnis nach Schlaf meldete sich inzwischen immer öfter bei Nirat-Son. Die Konditionierung, der er als Tanjaj unterworfen war, erlaubte es ihm zwar, dieses Bedürfnis länger als jeder andere Qriid zu unterdrücken, wenn es sein musste. Aber auch das hatte seine Grenzen. Irgendwann würde er sich zur Ruhe legen müssen.
Den Gedanken daran verdrängte er zunächst, was ihm Angesichts der akuten Gefährdung durch die Vielbeiner auch nicht allzu schwer fiel.
Diese Biester brauchen nur zu warten, bis ich müde bin, um dann ungehindert und fast ohne Risiko an mein Fleisch zu kommen!, dachte er.
Eine ganze Weile blieb er sehr wachsam und konzentriert. Aber nirgends regte sich noch etwas oder platzte ein Vielbeiner plötzlich aus der Eisdecke hervor, um ihn mit Hilfe irgendwelcher ätzenden Substanzen an Ort und Stelle und bei lebendigem Leib zu verdauen.
Was für eine Höllenwelt, die derart vom Bösen geprägte Leben hervorbrachte!
Für diese Monstren konnte es unmöglich einen Platz in der Göttliche Ordnung des Heiligen Imperiums geben. Man tat sicher gut daran, sie vom Antlitz dieser Welt zu tilgen.
Nirat-Son schleppte sich vorwärts. Er spürte, wie der Wind an ihm zog.
Dann bemerkte er erneut, wie unter ihm das Eis aufbrach. Ein knackender Laut entstand dabei, der laut genug war, das Tosen des Sturms zu übertönen. Diesmal waren es gleich mehrere Vielbeiner, die aus dem Inneren des Eises hervorbrachen. Den Ersten von ihnen erwischte Nirat-Son mit dem Strahler, aber schon der Zweite kam gefährlich nahe. Die ätzende Substanz, die aus einer seiner Öffnungen troff, kleckerte dicht vor die Krallenfüße des Qriid, bevor auch dieser Angreifer zu Asche verbrannt wurde. Der dritte Vielbeiner setzte zu einem Angriffsprung an, wurde aber durch eine Windböe davon gerissen, die ihn hoch empor schleuderte. Nirat-Son sah nie wieder etwas von ihm.
Aber dafür kamen aus dem entstandenen, einen Qriid-Schritt großen Loch im Eis jetzt weitere Vielbeiner hervor.
Zusätzlich platzte jetzt auch an anderen Stellen das Eis auf und innerhalb kürzester Zeit wurde Nirat-Son von einem Dutzend der gefräßigen Eisbestien angegriffen.
Er schaltete den Traser auf Dauerfeuer und ließ ihn einfach hin- und herschwenken.
Gleichzeitig spürte er einen stechenden Kopfschmerz, der ihm die Konzentration erschwerte. Schon während des Aufenthalts im Wrack jenes Beiboots, mit dem die erste Qriid-Expedition auf diesem Planeten gelandet war, hatte er diesen, sehr charakteristischen Schmerz gespürt.
Was ist das?
Im nächsten Moment spürte Nirat-Son, wie etwas sich auf seinem Rücken niederließ. Zweifellos ein weiterer Vielbeiner, der es geschafft hatte, sich ihm unbemerkt zu nähern und dann zum entscheidenden Sprung anzusetzen.
Der Vielbeiner traf ihn mit überraschender Wucht.
Vielleicht hatte auch der Wind ihn einfach nur erfasst und durch die Gegend geschleudert. Jedenfalls troff die ätzende Substanz aus seinem Maul heraus. Zischend berührten die ersten Tropfen die äußere Gewebeschicht des Thermoanzug, der sich nun zu zersetzen begann. Jede Sekunde erwartete Nirat-Son, von einem elektrischen Schlag niedergestreckt zu werden. Aber der ellipsoide Vielbeiner schien nicht zu wissen, dass dies seine effektivste Waffe gegen ihn gewesen wäre.
Oder waren sie dazu im Moment nicht in der Lage? Enthielten ihre Körper eine Art biochemischen Akku, der erst aufgeladen werden musste?
Ein weiterer Vielbeiner umfasste mit einem halben Dutzend seiner Extremitäten Nirat-Sons rechten Fuß.
Den Strahler konnte er gegen diesen Quälgeist nicht einsetzen, schließlich hatte er nicht die Absicht, sich den eigenen Fuß zu Asche zu verbrennen. Er bekam zunächst einen leichten elektrischen Schlag ab, der vergleichbar mit der Entladung war, die man abbekam, wenn man ein Gatter von Qriidia-Büffeln berührte. Die Büffel sollten dadurch nur erschreckt, aber nicht verletzt werden. Einen winzigen Moment lang war Nirat-Son wie gelähmt, dann schleuderte er den Vielbeiner mit einer heftigen Bewegung von sich, taumelte zu Boden und rollte sich durch den Schnee. Sein Bein gehorchte ihm nicht mehr richtig. Es zuckte. Der Vielbeiner an seinem Rücken malträtierte ihn ebenfalls mit einem Elektroschlag, der weitaus heftiger ausfiel. Offenbar war der biochemische Akku dieses ellipsoiden Vielbeiners in einem wesentlich besseren Zustand. Nirat-Son spürte, wie der Strom seine Körper durchzuckte. Das hatte erst ein Ende, als der den Vielbeiner unter sich begrub. Ein knackendes Geräusch entstand als er ihn unter seine, durch die gegenwärtige Einstellung des Antigravaggregats noch verstärkte Last begrub.
Ein Schwall der ätzenden Flüssigkeit kam aus dem Maul des zerquetschten Vielbeiners und fraß sich in das Gewebe des Thermoanzugs und die Außenverkleidung des Antigravs.
Der Schnee zischte, wann immer das lädierte Rückenteil seiner Thermokleidung mit ihm in Berührung kam.
Nirat-Son wusste, dass er nun um sein Leben kämpfte, denn ohne funktionsfähige Thermokleidung war er in dieser Umgebung verloren.
Seine Arme und Beine zitterten unkontrolliert. Einen Augenblick lang war er unfähig sich zu bewegen, was zweifellos eine Folge der elektrischen Schläge war, die er erlitten hatte.
Von allen Seiten näherten sich die Vielbeiner dem nahezu hilflosen Qriid.
Der Augenblick des Triumphs schien für diese gefräßigen Jäger gekommen zu ein. Sie rieben die Beißwerkzeuge aneinander, ließen dabei die Funken sprühen und spuckten kleinere Mengen der ätzenden Substanz, die sich in ihren Maulhöhlen ständig von neuem bildete.
Nirat-Son spürte ein unangenehmes Kribbeln seinen Körper durchlaufen. Sein Kopf drohte zu zerspringen. Ein stechender Schmerz raubte ihm beinahe die Sinne. Er nahm alle Kraft und alle Konzentration, zu der er fähig war, zusammen und rollte sich auf dem Boden um die eigene Achse. Das waren Bewegungen, die man ihm während des Nahkampftrainings der Tanjaj beigebracht hatte. Er war konditioniert darauf, sie anzuwenden. Ein automatischer Ablauf, der blitzschnell von statten ging und keiner weiteren, bewussten Kontrolle bedurfte, zu der er im Augenblick auch nur bedingt in der Lage war.
Er sah den Ellipsoiden.
Der Tanjaj riss mühsam den Hand-Traser empor, den seine Klaue die ganze Zeit krampfhaft festgehalten hatte. Langsam kehrte die Kontrolle über seine Gliedmaßen zurück. Er konzentrierte sich auf die Betätigung des Trasers und feuerte die Vielbeiner in seiner unmittelbaren Umgebung der Reihe nach nieder.
Sein Rundumblick verriet im sofort, dass er von den kleinen Ellipsoid-Monstern eingekreist war. Sie krallten sich mit ihren Armen in das Eis hinein, was ihnen Stabilität gegen die Windböen gab.
Aber sie näherten sich auch und es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann diese vielen Jäger den Tanjaj zur Strecke gebracht haben würden.
Nein, ich denke gar nicht daran, euch Bestien als Nahrungsergänzung zu dienen! Meine Knochen nagt ihr nicht ab, sodass am Ende nur ein Kalkrückstand von der weltlichen Existenz eines gläubigen Individuums bleibt, während die Höllegeschöpfe triumphieren!
Noch auf dem Boden liegend, feuerte Nirat-Son erneut mit seinem Traser. Mehrere Vielbeiner äscherte er dadurch ein, aber es gab Dutzende von weiteren Stellen, an denen das Eis aufplatzte und weitere von ihnen an die Oberfläche kamen.
Was ist es, das sie anlockt? Können Sie meine Wärme spüren? Haben sie einen Infrarotsinn?
Die kleinen Bestien krochen von allen Seiten auf ihn zu. Es gab keinen Fluchtweg. Einige von ihnen setzten jetzt erneut zu Sprüngen an und sofern dies mit der Windrichtung geschah, waren sie sehr gefährlich dabei. Einem wich Nirat-Son gerade noch aus, bevor er auf seinem Körper landen konnte.
In einem Akt purer Verzweiflung nahm der Qriid schließlich den letzten Fluchtweg, der ihm noch blieb.
In vertikaler Richtung!
Er veränderte die Einstellung des Antigravpaks und wurde im nächsten Moment förmlich vom Boden weggerissen, während die vier Vielbeiner genau dort landeten, wo Nirat-Son sich gerade noch befunden hatte.
Der Tanjaj stieg schwerelos in die Höhe. Der Sturm erfasste ihn und schleuderte ihn noch weiter empor. Alles drehte sich vor Nirat-Sons Augen. Für sein empfindliches Gleichgewichtsorgan war das, was er nun erlebte, an der Grenze dessen, was er aushalten konnte, ohne das Bewusstsein zu verlieren.
Nur das nicht!, durchzuckte es ihn. Sonst bin ich verloren!
7
Die Landung war hart. Nirat-Son hatte versucht, so gut es ging, den Fall mit dem Antigrav-Pak abzubremsen, aber das Gerät funktionierte nicht mehr einwandfrei. Vielleicht lag es daran, dass etwas von der ätzenden Flüssigkeit, die aus dem Maul des Vielbeiners herausgetropft war, der ihn von hinten angegriffen und sich für einige Augenblicke auf seinem Rücken festgekrallt hatte, in das Antigrav-Pak eingedrungen war. Außerdem erschwerten die unberechenbaren Böen die Regulierung des Antigravs.
Die Landung war entsprechend unangenehm.
Nirat-Son spürte einen Schmerz im linken Bein, kurz nachdem er unsanft aufgesetzt hatte. Die oberste, weiche Schneeschicht hatte nur sehr bedingt eine abbremsende Wirkung. Das Darunter war hart wie Stein.
Nirat-Son rutschte ein Stück. Er spürte, wie das Ortungsgerät aus der Magnethalterung gerissen wurde, als er über den Boden rutschte.
Benommen blieb Nirat-Son liegen. Der Kopfschmerz, der ihn während des Angriffs der Vielbeiner geplagt hatte, war wie weggeblasen. Nirat-Son blieb nicht viel Zeit um darüber nachzudenken, was diesen Schmerz nun eigentlich ausgelöst hatte, seinem Gefühl nach hatte es irgendetwas mit den Vielbeinern zutun, aber wie hätten sie einen solchen Schmerz auslösen können? Durch das Erzeugen elektrischer Felder?
Die Medizin der Qriid verwendete solche Felder zur Peilung verschiedener Krankheiten. Ihr Einfluss auf biochemische Prozesse war durchaus bekannt.
Er versuchte sich zu bewegen.
Schließlich rappelte er sich auf und wurde beinahe durch den Sturm umgerissen. Das Antigravgerät auf seinem Rücken befand sich in einem deaktivierten Zustand. Die Schaltung reagierte nicht.
Allmächtiger! Nur das nicht!, ging es ihm durch den Kopf.
Immerhin war ihm der Hand-Traser geblieben. Er befestigte ihn an der Magnethalterung an seinem Gürtel.
Dann bewegte er sich kriechend vorwärts um dem Wind einen geringeren Widerstand zu bieten. Irgendwo, ganz in der Nähe musste sich sein Ortungsgerät befinden. Darauf war er dringend angewiesen.
Es dauerte eine ganze Weile, ehe er das Gerät endlich entdeckt hatte. Das Bein schmerzte. Er musste es sich beim Aufprall verstaucht haben und konnte nur hoffen, dass nichts gebrochen war.
Nirat-Son schaltete das Ortungsgerät ein. Es funktionierte zum Glück noch. Er bestimmte seine gegenwärtige Position. Eigentlich hatte der Tanjaj gehofft, durch seinen Flug wenigstens etwas an Geländegewinn gemacht zu haben und seinem Ziel ein Stück näher gekommen zu sein.
Aber das Gegenteil war der Fall.
Er war weiter vom Beiboot entfernt als je zuvor.
Allmächtiger, warum musst du mich dieser Prüfung unterziehen? Habe ich nicht die Tiefe meines Glaubens oft genug bewiesen? Brauchst du mich nicht noch zur Errichtung der Göttlichen Ordnung und als treuen Diener deines Stellvertreters?
Die Luft drang eiskalt in die Lungen des Qriid ein. So kalt, dass es schmerzte und ihm wurde auf einmal bewusst, dass dieser Schleuderflug in die falsche Richtung, den er hinter sich hatte, beileibe nicht sein einziges Problem war.
Die Thermokleidung! Sie ist defekt!, wurde es ihm klar. Die Heizfunktion war offenbar deaktiviert. Mochte es nun an den elektrischen Schlägen oder der ätzenden Flüssigkeit liegen, die das Innenleben des Gewebes zerstört hatte – für Nirat-Sons Überlebensfähigkeit hatte das keine Bedeutung.
Ohne Thermokleidung und ohne ein funktionierendes Antigravaggregat standen seine Überlebenschancen bei Null.
Bis der Sturm abgeflaut war und seine Tanjaj-Brüder ihn anpeilen und retten konnten, war von im wahrscheinlich nichts weiter als ein Eisklotz geblieben. Wenn nicht zwischendurch die Vielbeiner meiner Spur folgen und mich in einen unscheinbaren Kalkrückstand verwandeln!
Nirat-Son sandte eine der üblichen Gebetsformeln an jenes höchste Wesen, in dessen Auftrag er zu handeln glaubte. Er wiederholte es immer wieder, einem Mantra gleich. Tanjaj lernten dies während ihrer Konditionierung. Der Erhaltung der psychischen Stabilität in Krisensituationen wurde in der Tanjaj-Ausbildung allerhöchste Priorität zugewiesen.
Die Kälte drang nun zunehmend in seine Thermokleidung hinein. Ich werde mich bewegen müssen!, dachte er. Sonst bin ich in Kürze tot.
Er überlegte, seinen Tanjaj-Nom zu verständigen, entschied sich dann aber dagegen. Was hätte es gebracht, Bras-Kon gegenüber einen Bericht abzugeben, der nichts anderes als die eigene verzweifelte Lage zum Inhalt gehabt hätte?
Seine Tanjaj-Brüder hatten keine Möglichkeit ihn zu retten, solange der Sturm mit gleicher Stärke fortdauerte. Warum hätte er sie mit seiner Verzweiflung belasten sollen? Der einzige Grund, den es in seiner jetzigen Lage hätte geben können, hätte darin bestanden, wenn er seinen Tanjaj-Brüdern irgendeine wichtige, neue Erkenntnis über diesen Eisplaneten hätte vermitteln oder sie vor einer Gefahr warnen können.
Aber das war nicht der Fall.
Die Gefahr durch die Vielbeiner war Bras-Kon und seinen Tanjaj bekannt und Nirat-Son hoffte nur, dass sie sich darauf eingestellt hatten.
Die Gedanken rasten jetzt nur so durch Nirat-Sons Hirn. Alles Mögliche mischte sich in einem bunten Kaleidoskop aus teils wirren Gedanken.
Selbst der Gedanke an den sanft geschwungenen Schnabel der hübschen Eierlegerin Anré-Sé war darunter, in die er sich so unglücklich verliebt hatte.
Ich bin tot!, dachte er. Tot, ohne mit einer Eierlegerin eine Brut geteilt zu haben, tot, ohne jemals mehr unter den Tanjaj gewesen zu sein als Rekrut…
Nirat-Son versuchte, diese deprimierenden Gedanken so gut es ging zu verscheuchen.
In geduckter Haltung kämpfte Nirat-Son gegen den Wind an, wurde manchmal von ihm getrieben, taumelte vorwärts, fiel zu Boden und rappelte sich wieder auf. Den Schmerz in seinem Bein versuchte er zu ignorieren, was ihm mit zunehmender Kälte immer leichter fiel.
Das Antigrav-Pak ließ er zurück.
Es war jetzt nur noch eine unnütze Belastung.
Nirat-Son spürte, wie langsam die Kraft aus ihm wich. Seinen rechten Krallenfuß spürte er schon gar nicht mehr. Die Kälte durchdrang nach und nach alles und ließ ihn bis ins Mark frieren. Er zitterte.
Ich bin bereit, dachte er irgendwann, als er schon glaubte, langsam denk klaren Verstand zu verlieren und in den Tod hinüberzudämmern. Ich bin bereit, mich dem Gericht zu stellen.
Er sank zu Boden.
Die nach hinten geknickten Knie berührten den Schnee.
Welchen Sinn hatte es noch, sich wieder aufzurappeln? Waren die verbleibenden Kräfte nicht sehr viel sinnvoller in ein Gebet investiert? Aber die Religion der Qriid verbot den Selbstmord. Und war ein vorzeitiges Aufgeben nicht auch eine Art von Selbstmord?
Also kroch er vorwärts. Die Kraft, sich auf die Beine zu stellen und gegen den Wind zu behaupten, hatte er nicht mehr.
Das Gefühl für Zeit ging vollkommen verloren. Die Kälte tötete nach und nach jede Empfindung.
Der Schneefall ließ nach, die vom Ortungsgerät aufgezeichnete Windgeschwindigkeit hingegen nicht. Sie nahm sogar noch zu.
Die Bewegungen, mit denen er seinen Körper auf allen Vieren voranschleppte, wurden immer schwächer und er ertappte sich bei einem Gedanken, den er niemals einem Priester hätte offenbaren dürfen. Wenn ich bei den Vielbeinern geblieben wäre, dann hätte ich jetzt bereits alles hinter mir!
Dann stoppte er in der Bewegung. Er starrte durch seine auf Infrarot-Modus geschaltete Schutzbrille in die Nacht hinein und sah…
…einen Hügel.
Der Schnee türmte sich dort auf und da die Oberfläche dieses nur wenige Anhöhen natürlichen Ursprungs aufwies, kam Nirat-Son sofort der Gedanke, dass dort etwas sein musste, was die Wölbung verursachte. Ein durch Spannungen aus dem Eis heraus gebrochenes Stück vielleicht? Oder die Spitze eines Gebirges? Aus den allgemeinen Daten, die Nirat-Son über diese Welt studiert hatte, wusste er, dass der Planeten umspannende Ozean von ein paar Inseln unterbrochen wurde. Keine von ihnen war größer als fünfzig Quadratkilometer, aber wenn man sich in einer Simulation die Oberflächentemperatur im Durchschnitt um dreißig oder vierzig Grad wärmer vorstellte, dann hätte sich das Bild einer wasserblauen Kugel ergeben, auf der sich ein paar dunkle, pockenartige Punkte befanden.
Die Landmassen!, dachte Nirat-Son sarkastisch. Vielleicht habe ich einen dieser aus dem Eispanzer herausragenden Gipfel erreicht. Den Schlot eines Vulkankraters vielleicht…
Es konnte ihm gleichgültig sein, worum es sich letztlich handelte. Deshalb verzichtete er auch darauf, sich mit Hilfe seines Ortungsgerätes darüber Klarheit zu verschaffen. Es lohnte den Kraftaufwand einfach nicht. Auf jeden Fall konnte er hier etwas Deckung finden. Du wirst dein Leiden dadurch verlängern!, meldete sich eine Stimme in seinem Hinterkopf, während er die letzten Kräfte mobilisierte und voran kroch.
In der Ferne dämmerte bereits der Morgen, als er die Anhöhe endlich erreichte.
Erschöpft sank Nirat-Son in eine Mulde. Ein schöner Ort zum Sterben. Erinnert er nicht an eine qriidische Brutmulde? Ein Vers aus der Weisheit des Ersten Aarriid fiel ihm ein. Aus Kalk war das Ei, dem du entschlüpft bist – und aus Kalk sind die Gebeine, die von dir bleiben. So lass den Kalk beim Kalk und halte die Seele nicht fest, wenn sie entschweben will, da ihre Zeit gekommen ist.
ENDE
wird fortgesetzt...
Commander Reilly: Das Niemandsland der Galaxis
von Alfred Bekker
Chronik der Sternenkrieger
Science Fiction Roman
Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.
Im Jahr 2234 übernimmt Commander Willard J. Reilly das Kommando über die STERNENKRIEGER, ein Kampfschiff des Space Army Corps der Humanen Welten. Die Menschheit befindet sich im wenig später ausbrechenden ersten Krieg gegen die außerirdischen Qriid in einer Position hoffnungsloser Unterlegenheit. Dem ungehemmten Expansionsdrang des aggressiven Alien-Imperiums haben die Verteidiger der Menschheit wenig mehr entgegenzusetzen, als ihren Mut und ihre Entschlossenheit.
Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jack Raymond, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.
Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”
in chronologischer Reihenfolge
Einzelfolgen:
Commander Reilly 1: Ferne Mission (Handlungszeit 2234)
Commander Reilly 2: Raumschiff STERNENKRIEGER im Einsatz
Commander Reilly 3: Commander im Niemandsland
Commander Reilly 4: Das Niemandsland der Galaxis
Commander Reilly 5: Commander der drei Sonnen
Commander Reilly 6: Kampf um drei Sonnen
Commander Reilly 7: Commander im Sternenkrieg
Commander Reilly 8: Kosmischer Krisenherd
Commander Reilly 9: IN VORBEREITUNG
Terrifors Geschichte: Ein Space Army Corps Roman (Handlungszeit 2238)
Erstes Kommando: Extra-Roman (Handlungszeit 2242)
Erster Offizier: Extra-Roman (Handlungszeit 2246)
Chronik der Sternenkrieger 1 Captain auf der Brücke (Handlungszeit 2250)
Chronik der Sternenkrieger 2 Sieben Monde
Chronik der Sternenkrieger 3 Prototyp
Chronik der Sternenkrieger 4 Heiliges Imperium
Chronik der Sternenkrieger 5 Der Wega-Krieg
Chronik der Sternenkrieger 6 Zwischen allen Fronten
Chronik der Sternenkrieger 7 Höllenplanet
Chronik der Sternenkrieger 8 Wahre Marsianer
Chronik der Sternenkrieger 9 Überfall der Naarash
Chronik der Sternenkrieger 10 Der Palast
Chronik der Sternenkrieger 11 Angriff auf Alpha
Chronik der Sternenkrieger 12 Hinter dem Wurmloch
Chronik der Sternenkrieger 13 Letzte Chance
Chronik der Sternenkrieger 14 Dunkle Welten
Chronik der Sternenkrieger 15 In den Höhlen
Chronik der Sternenkrieger 16 Die Feuerwelt
Chronik der Sternenkrieger 17 Die Invasion
Chronik der Sternenkrieger 18 Planetarer Kampf
Chronik der Sternenkrieger 19 Notlandung
Chronik der Sternenkrieger 20 Vergeltung
Chronik der Sternenkrieger 21 Ins Herz des Feindes
Chronik der Sternenkrieger 22 Sklavenschiff
Chronik der Sternenkrieger 23 Alte Götter
Chronik der Sternenkrieger 24 Schlachtpläne
Chronik der Sternenkrieger 25 Aussichtslos
Chronik der Sternenkrieger 26 Schläfer
Chronik der Sternenkrieger 27 In Ruuneds Reich
Chronik der Sternenkrieger 28 Die verschwundenen Raumschiffe
Chronik der Sternenkrieger 29 Die Spur der Götter
Chronik der Sternenkrieger 30 Mission der Verlorenen
Chronik der Sternenkrieger 31 Planet der Wyyryy
Chronik der Sternenkrieger 32 Absturz des Phoenix
Chronik der Sternenkrieger 33 Goldenes Artefakt
Chronik der Sternenkrieger 34 Hundssterne
Chronik der Sternenkrieger 35 Ukasis Hölle
Chronik der Sternenkrieger 36 Die Exodus-Flotte (Handlungszeit 2256)
Chronik der Sternenkrieger 37 Zerstörer
Chronik der Sternenkrieger 38 Sunfrosts Weg (in Vorbereitung)
Sammelbände:
Sammelband 1: Captain und Commander
Sammelband 2: Raumgefechte
Sammelband 3: Ferne Galaxis
Sammelband 4: Kosmischer Feind
Sammelband 5: Der Etnord-Krieg
Sammelband 6: Götter und Gegner
Sammelband 7: Schlächter des Alls
Sammelband 8: Verlorene Götter
Sammelband 9: Galaktischer Ruf
Sonderausgaben:
Der Anfang der Saga (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando” und
Chronik der Sternenkrieger #1-4)
Im Dienst des Space Army Corps (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando”)
Druckausgabe (auch als E-Book):
Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #1 -12 (#1 enthält Terrifors Geschichte, Erstes Kommando und Captain auf der Brücke, die folgenden enthalten jeweils drei Bände und folgen der Nummerierung von Band 2 “Sieben Monde” an.)
Ferner erschienen Doppelbände, teilweise auch im Druck.
Copyright
Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker
© by Author
© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.
Alle Rechte vorbehalten.
www.AlfredBekker.de
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Kapitel 1: Ein Treffpunkt namens New Hope
„Austritt aus dem Sandströmraum“, meldete Lieutenant John Taranos.
Der Ruderoffizier der STERNENKRIEGER nahm an paar Schaltungen an seiner Konsole vor. Auf dem Panoramaschirm war das Zentralgestirn des New Hope-Systems zu sehen. Etwa 100 Millionen Menschen lebten bislang in diesem System, das genau 50,2 Lichtjahre von der Erde entfernt lag und in den letzten Jahren einen großen Aufschwung erlebt hatte. Man rechnete damit, dass sich diese Zahl innerhalb der nächsten 15 Jahre verdoppelte, denn Siedler fanden hier außergewöhnlich günstige Bedingungen vor. Der Großteil der New Hope-Siedler – etwa 90 Prozent - bewohnte den erdähnlichen Planeten New Hope III, der Rest verteilte sich auf die sehr rohstoffhaltigen, aber teilweise recht unwirtlichen Nachbarplaneten, die lediglich dünn besiedelt waren.
New Hope war die größte menschliche Kolonie in diesem Teil des Grenzgebietes zum Niemandsland.
Der Treffpunkt lag an der Peripherie des Systems, etwa zweihundertdreißig astronomische Einheiten vom Zentralgestirn entfernt. Es gab dort einen Gürtel aus Tausenden von Gesteins- und Eisbrocken, der dem Kuiper-Gürtel des Sonnensystems ähnelte. Manche dieser Gesteinsbrocken hatte die Größe kleinerer Planeten, wurden aber dennoch nicht in die Planetenzählung aufgenommen – insbesondere deshalb weil ihre Bahnen häufig irregulär waren.
Als markanter Treffpunkt war das New Hope Cordon Objekt NHCO-4422 ausgewählt worden. Es handelte sich dabei um ein Objekt von der Größe des Erdmondes, das allerdings die Form eines Kegels besaß und eine sehr schnelle, mathematisch gesehen, völlig chaotische Eigenrotation aufwies.
„Leiten Sie das Bremsmanöver ein“, befahl Commander Reilly.
„Jawohl“, bestätigte Taranos. „Wir werden den Rendezvous-Punkt bei NHCO-4422 in genau acht Stunden und 14 Minuten erreichen.“
„Ortung?“, fragte Reilly.
„Ja, Captain?“, meldete sich Lieutenant Wu.
„Ich nehme an, wir gehören zu den Letzten, Lieutenant.“
„Wir sind die Letzten“, bestätigte Jessica Wu. „Wir empfangen gerade eine Transmission vom Zerstörer MERRITT.“
„Auf den Schirm damit!“, befahl Commander Reilly. „Das wird Raimondo sein.“
Auf dm Schirm erschien tatsächlich das Gesicht Admiral Raimondos. Eine Einblendung am oberen Rand machte deutlich, dass es sich um eine Konferenzschaltung handelte. Eine weitere Einblendung am unteren Rand zeigte an, an welche Schiffe diese Transmission zeitgleich ging.
„Nachdem ich mich sehr freue, jetzt auch die Crew der STERNENKRIEGER und ihren Captain hier bei NHCO-4422 begrüßen zu dürfen, möchte ich an Sie alle eine Neuigkeit weitergeben. Es gibt mehrere Schiffe, die im New Hope-System Zuflucht gesucht beziehungsweise Kontakt aufgenommen haben. Die Besatzungen gehören verschiedenartigen Spezies an, von denen jedoch keine mächtig genug ist, selbst zu einer imperialen Kolonialmacht aufzusteigen.“ Raimondo verzog das Gesicht zu einem dünnen, etwas verlegen wirkenden Lächeln. „Zumindest gilt das für den Augenblick“, schränkte er dann ein. „Was in der Zukunft geschieht, kann schließlich niemand vorhersagen, wie jeder von uns schon auf die eine oder andere Art und Weise leidvoll erfahren haben dürfte!“
Er sollte vor Publikum im Zirkus auftreten, dieser Clown!, ging es Commander Reilly ziemlich ärgerlich durch den Kopf.
„Spezialisten der galaktischen Abwehr haben Besatzungsmitglieder dieser Schiffe eingehend befragt, darunter auch den Kommandanten eines Xabo-Frachters, der bei uns Ladung aufgenommen hat. Die Xabo gehen offenbar davon aus, dass es sehr bald zu einer entscheidenden Auseinandersetzung kommt. Inzwischen hat sich per Sandströmfunk ein Xabo-Kriegsschiff angesagt, auf dem sich eine offizielle Delegation dieses Volks befindet. Ihr Ziel ist es offenbar, ein Bündnis mit jedem zu schmieden, der als potentieller Feind der Qriid in Frage kommt. Leider hat dies für unsere Mission die Folge, dass das Oberkommando sie erst einmal gestoppt hat. Wir sollen warten, bis in dieser Sache eine politische Entscheidung gefallen ist.“
Commander Reilly runzelte die Stirn. „Heißt das, der Hohe Rat erwägt ernsthaft, sich in diesen Krieg hineinziehen zu lassen?“, fragte Commander Reilly, der im ersten Moment schon geglaubt hatte, sich verhört zu haben.
Admiral Raimondo atmete tief durch.
„Unsere politische Führung will zumindest keinerlei Optionen verspielen. Ich sehe das ähnlich wie Sie, Commander Reilly. Sich zu diesem frühen Zeitpunkt bereits auf einen offenen Konflikt einzulassen, könnte für die Humanen Welten das Ende ihrer Existenz bedeuten. Wir sind einfach noch nicht so weit. Auf der anderen Seite haben Xabo und einige andere kleinere Völker, deren gegenwärtige Siedlungsräume sich im Grenzgebiet zu den Qriid befinden, nur die Möglichkeit eines weiteren Exodus oder den Aggressoren Widerstand entgegen zu setzen.“
„Wann wird das Schiff der Xabo eintreffen?“, meldete sich nun Commander Steven Van Doren, der Captain der PLUTO zu Wort.
„Wir rechnen mit ihrem Austritt aus dem Sandström-Raum in drei bis vier Stunden.“
„Mit anderen Worten, wir werden mindestens einen Erdtag verlieren, bevor wir aufbrechen können“, sagte Van Doren.
„Das ist sehr optimistisch geschätzt“, erwiderte Raimondo. „Ich rechne mit zwei bis drei Erdtagen. Tut mir leid, aber das ist nicht zu ändern. Sehen Sie es doch einfach von der positiven Seite.“
Na, da bin ich aber mal gespannt!, dachte Reilly.
Raimondo fuhr fort: „Wenn es tatsächlich zu einem Bündnis zwischen den Humanen Welten und den Xabo kommen sollte, dann verändert das natürlich für unsere Erkundungsexpedition die Prämissen. Allerdings wäre es auf Grund der angestrebten Funkstille nahezu unmöglich, Sie während der Operation darüber zu informieren.“
„Darf ich offen sprechen?“, fragte Commander Van Doren, dessen Gesicht inzwischen in einem Teilfenster des Hauptschirms eingeblendet worden war.
„Natürlich, Commander. Ich habe im Übrigen von Ihnen nie etwas anderes erwartet, als dass Sie offen sprechen.“
„Ich fände es unverantwortlich, sich auf ein Bündnis mit den Xabo einzulassen, bevor wir die Lage im Niemandsland tatsächlich aufgeklärt haben.“
„Dem stimme ich ausdrücklich zu“, erklärte Admiral Raimondo. „Aber das ist meine private Meinung, wenn Sie verstehen was ich meine.“
„Ich denke schon.“
„Die Entscheidung liegt bei anderen. Übrigens befindet sich bereits ein Botschafter auf dem Flug hier her.“
„Wer übernimmt die Verhandlungen?“, fragte jetzt Commander Reilly.
Ein leicht spöttischer Zug trat in Admiral Raimondos Gesicht. „Es ist Botschafterin Peellaan“, gab Raimondo zur Auskunft.
„Nicht gerade eine diplomatische Kraft ersten Ranges“, stellte Van Doren in der ihm eigenen Offenheit fest.
„Richtig. Aber sie war gerade in der Nähe, da sie den Auftrag hatte, zum wiederholten Mal die Siedler im Bannister-System davon abzuhalten, ihre Siedlungen zu erweitern. Vergebens, wie Sie sich denken können.“
Die Problematik des Bannister-Systems war allgemein bekannt. Es lag einige Lichtjahre jenseits der eigentlichen Territorialgrenzen der Humanen Welten im Niemandsland und wurde inzwischen von knapp unter tausend Siedlern bewohnt. Allerdings planten diese einer massive Erweiterung ihrer Ansiedlung und eine Anwerbung interessierter Auswanderer.
Das Problem war allerdings, dass sich die Humanen Welten derzeit einfach außer Stande sahen, für die Sicherheit der Bannister-Siedler zu garantieren. Schon die Sicherung der innerhalb des 50 Lichtjahre-Radius’ um die Erde gelegenen Welten war derzeit noch nicht ausreichend gewährleistet. Weit außerhalb gelegene Kolonien wie das New Hope-System stellten das Space Army Corps in seiner derzeitigen Umbruch-Phase vor enorme logistische und strategische Probleme. Aber New Hope war als äußerster Vorposten der Humanen Welten akzeptiert und es dachte auch niemand daran, hundert Millionen Siedler wieder zurück auf die Erde, zur Wega, auf die Sirius-Planeten oder andere Alt-Kolonien zu bringen. Angesichts der aufdämmernden Qriid-Gefahr war der Hohe Rat natürlich alles andere als glücklich darüber, dass die Bannister-Siedler nicht im Traum daran dachten, ihr neues Zuhause wieder aufzugeben, sondern fleißig damit beschäftigt waren die Kolonie zu erweitern und auszubauen.
Botschafterin Peellaans Mission war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen.
Ob ich ihr bei diesem Auftrag mehr Erfolg wünschen soll, hängt davon ab, mit welcher Direktive sie hier her geschickt wurde, dachte Reilly bei sich.
„Ich mache mir dieselben Sorgen wie sie alle“, erklärte Raimondo. „Aber es sollte sie beruhigen, dass ich persönlich ebenfalls an den Verhandlungen teilnehmen werde.“
1
Wenig später wurde die Verbindung unterbrochen.
„Ich bin gespannt, was bei diesen Verhandlungen herauskommt!“, meinte Soldo.
„Und ich fände es sehr viel beruhigender, wenn wir vor dem Abschluss dieser Gespräche ein Bild der Lage im Grenzsektor des Heiligen Imperiums hätten“, verdeutlichte Commander Reilly noch einmal seine Ansicht. „Davon abgesehen ist Botschafterin Peellaan nun wirklich nicht gerade unser diplomatisches Spitzenpersonal.“
„Wie sagt man so schön - zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, meldete sich Lieutenant Chip Barus zu Wort. Der Waffenoffizier schüttelte leicht den Kopf. Den Rest seiner Gedanken behielt er wohl lieber für sich.
„Vielleicht soll ich Botschafterin Peellaan vorschlagen, sich der Hilfe eines Olvanorers zu bedienen, damit ihre nächste Mission etwas erfolgreicher abgeschlossen werden kann, als dies bei ihrem Auftrag im Bannister-System der Fall war“, meinte Commander Reilly nicht ohne Süffisanz. Er wandte sich an Soldo. „I.O., Sie haben bis auf Weiteres das Kommando.“
„Ja, Sir.“
„Verständigen Sie mich sofort, falls sich etwas tun sollte – spätestens dann, wenn die Botschafterin oder das Kriegsschiff der Xabo eintrifft!“
2
Das Schiff der Xabo materialisierte nach dreieinhalb Stunden aus de Zwischenraum. Die STERNENKRIEGER hatte bis dahin ihr Bremsmanöver bereits zu einem Teil abgeschlossen und bereits auf 0,2 LG abgebremst. Etwa viereinhalb Stunden würde es noch dauern, bis der Leichte Kreuzer den Treffpunkt bei NHCO-4422 erreichte, vorausgesetzt der Kurs und der Bremsschub durch die Ionentriebwerke wurden beibehalten.
Das Raumschiff der Xabo materialisierte in einer Entfernung von 12 Astronomischen Einheiten von New Hope III, dem Hauptplaneten des Systems. Sofort sandten die Xabo ein Identifikationssignal und eine Standardbotschaft, die besagte, dass man in friedlicher Absicht kam.
Von der STERNENKRIEGER aus war das Schiff nur anhand seiner Signaturen und Strahlungsemissionen zu orten. Aber die Kontrollstationen sowie einige Raumboote der lokalen Verteidigungskräfte, die sich in der Nähe befanden, konnten auch einen optischen Eindruck aufzeichnen. Die Daten gingen sofort weiter an die sich versammelnde Space Army Corps Flotte bei NHCO-4422, sodass man mit geringer zeitlicher Verzögerung auch auf der STERNENKRIEGER und den anderen zum Verband gehörenden Schiffen einen Eindruck von dem fremden Raumschiff bekommen konnte.
Es hatte Hantelform und war etwa 800 Meter lang – was in etwa den Ausmaßen eines irdischen Dreadnought-Schlachtschiffs entsprach.
Auf beiden Seiten gab es je eine Breitseite mit zwanzig Geschützen. Es handelte sich um Gauss-Geschütze aus irdischer Produktion. Immer wieder waren Xabo-Frachter in den Systemen der äußeren Kolonien aufgetaucht und hatten vor allem Waffentechnik eingekauft.
Ihre selbst entwickelten Wuchtkanonen hinkten den irdischen Gauss-Geschützen zwar nicht in der Durchschlagskraft, wohl aber in der Schussfrequenz um ein Viertel hinterher, was bei dieser Art von Bewaffnung durchaus über Sieg der Niederlage entscheiden konnte. Schließlich war die Trefferwahrscheinlichkeit ohnehin schon eher gering. Nur jedes hundertste Projektil eines Gauss-Geschützes fand auch tatsächlich sein Ziel. Wenn dies jedoch geschah, war die Wirkung verheerend, denn der entstehende, etwa zehn Zentimeter durchmessende Schusskanal, der sich dann quer durch die getroffene Schiffseinheit zog, konnte schwerste Zerstörungen nach sich ziehen und sogar für eine Explosion des Schiffs sorgen, falls sensible Bereiche wie die Energieversorgung oder die Triebwerkssektionen betroffen waren.
Die Xabo hatten sich also für den Krieg gerüstet – und da ihre Wuchtgeschütze genauso starr montiert waren wie die Geschütze bei den Space Army Corps Schiffen, war die Schussfrequenz der entscheidende Faktor. Nur wenn man den Gegner mit einem wahren Hagel aus würfelförmigen Gauss-Projektilen bombardierte, hatte man die Chance, auch mal einen Treffer zu landen.
Im Verhältnis zu einem Leichten Kreuzer der Scout-Klasse war das Xabo-Schiff jedoch an Feuerkraft weit unterlegen, schließlich verfügte beispielsweise die STERNENKRIEGER über insgesamt vier Breitseiten mit je vierzig Geschützen und hatte darüber hinaus den Vorteil, mit ihren gut hundert Metern Länge wesentlich kleiner zu sein und damit auch für den Gegner ein schwerer zu treffendes Ziel abzugeben.
„So gut die Geschütze auch sein mögen, die sie unseren Waffenfabrikanten abgekauft haben – ich glaube nicht, dass die Xabo mit ihren Schiffen auch nur den Hauch einer Chance haben, den Qriid länger als ein paar Wochen zu widerstehen!“, lautete daher die kühle Analyse von Lieutenant Barus, die er während einer Besprechung der Offiziere im Raum des Captains äußerte.
Es gab niemanden, der ihm ernsthaft widersprochen hätte.
3
Etwa zwei Stunden nach dem Eintreffen des Xabo-Schiffs richtete dessen Kommandant eine Transmission an die Humanen Welten und insbesondere auch an deren Flottenkommandanten. Es wurde eine Sandströmfrequenz benutzt, die für jeden empfangbar war.
Der Captain wurde auf die Brücke gerufen.
Als er dort erschien, sah Willard Reilly bereits einen hoch aufgerichteten, geflügelten Gorilla, der in einer hellblauen, mit Orden behängten Uniform steckte. Auf dem Rücken gab es offenbar Öffnungen für die Flügel, mit denen er etwas nervös herumflatterte, um sich schließlich mit einer der Flügelhände links am Ohr zu kratzen.
Der Xabo öffnete den Mund und entblößte dabei zwei Reihen seiner Zähne, die nahe legten, dass seine Spezies durchaus auch Fleisch als Nahrung schätzte.
Im Hintergrund waren weitere Xabo zu sehen. Die Weibchen hatten nur die Hälfte an Körpergröße, unterschieden sich aber nicht in ihrer Kleidung und schienen auch an Bord des Xabo-Schiffs ähnliche Funktionen auszufüllen.
„Mein öffentlicher Name ist Padangklong, aber als Beweis dafür, dass ich den Menschen Vertrauen entgegenbringe, offenbare ich euch auch jene zwölf Namen, die normalerweise kein Xabo der Öffentlichkeit preisgibt: So heiße ich für die Besatzung des Schiffes, das ich kommandiere, Huongtron, für meine Eltern bin ich Guonteung; für meine Frauen heiße ich Jherengon, für die Kinder meiner ersten Frau bin ich Trongkong, für die Kinder meiner zweiten…“
Kein Wunder, dass der Kerl auf so viele Namen kommt!, dachte Reilly und stellte sich vor, dass das Sozialleben der Xabo ganz schön kompliziert sein musste, wenn der Einzelne jeweils überlegen musste, wen er wie anzusprechen hatte. Immerhin ist es eine Herausforderung an das Namensgedächtnis, sich zu jedem Individuum zwölf oder noch mehr Namen zu merken – und vielleicht war das der Motor der Intelligenzentwicklung dieser Spezies, überlegte Commander Reilly mit leichtem Sarkasmus. Wer keine Eiszeiten hatte, um in der Evolution voranzukommen, muss sich eben viele Namen ausdenken!
Die Sprache der Xabo war durch die bisherigen Handelskontakte relativ gut bekannt, sodass das Translatorsystem damit kein Problem hatte.
Schließlich war Padangklong mit seinen Vertrauensbeweisen fertig und kam zur Sache.
Der Kommandant des Xabo-Schiffs, das sich im übrigen SCHRECKEN DER SCHNABELARTIGEN nannte, berichtete von der Rücksichtslosigkeit, mit der das Qriid-Imperium seine Ausdehnung betrieb. Zweimal schon hatten die Xabo ihre eigentliche Heimat verlassen müssen, wenn sie sich nicht der so genannten Göttlichen Ordnung des Imperiums unterordnen wollten.
„Es gibt einige, die es vorzogen in der alten Heimat zu bleiben“, berichtete der Xabo-Kommandant. „Ihnen ist es schlecht ergangen. Sie dienen heute den schnabelartigen Herren als Industriesklaven. Es muss endlich ein Bündnis geschmiedet werden, das sich dieser Bedrohung entgegenstellt. Ihr Menschen mögt glauben, dass dieses Problem euch nichts angeht. Aber da seid ihr im Irrtum. Sie werden euer Sternenreich ebenso zerstören, wie sie es mit dem unseren getan haben. Oder mit der Heimat der achtbeinigen Wsssarrr! In der Raumregion, die von euch das Niemandsland genannt wird, gibt es keine Macht, die stark genug wäre, um diese Bestien in Vogelgestalt noch aufzuhalten. Vielleicht wird es eine Zeitspanne dauern, die einem Planetenumlauf eurer Zentralwelt entspricht. Möglich, dass sie sich auch zwei oder drei dieser Spannen Zeit lassen, aber spätestens dann werden sie an den Grundfesten eures Sternenreichs rütteln. Ich bin mir sicher, dass ihr dem Ansturm dieser Barbaren länger standzuhalten vermögt als wir, schließlich habt ihr die fortgeschritteneren Waffen. Aber letztlich werdet ihr auch nicht mehr als einen vorübergehenden, hinhaltenden Widerstand leisten. Die einzige Chance besteht darin, dass wir uns zusammentun. Viele – gerade kleinere Zivilisationen im Niemandsland sind da anderer Ansicht. Sie glauben, dass sie sich nur mit den Qriid gut stellen müssen, um dann verschont zu werden. Aber diese Hoffnung ist trügerisch. Die Qriid verschonen niemanden. Und sie nehmen keinerlei Rücksicht. Dass Milliarden von Individuen ihrem Krieg zum Opfer gefallen sind, halten sie für den Willen Gottes!“
Der Xabo-Kommandant namens Padangklong ballte sowohl die gewaltigen Pranken als auch die kleinen, zierlichen und sehr filigran wirkenden Hände an den lederig wirkenden Flügeln zu Fäusten.
Eine universelle Geste, wie es scheint!, dachte Reilly. Zumindest, so fern man auch Hände hat, die man zusammenpressen kann und nicht irgendeine andere Art von Greifwerkzeug.
„Wir rufen euch zu einem Bündnis auf!“, rief der Xabo. „Helft uns in unserer Not!“
Damit war die Transmission beendet.
Inzwischen war Bruder Padraig auf die Brücke getreten.
Der Olvanorer hatte den Anfang der Rede des Xabo-Kommandanten nicht mitbekommen, sich aber den Rest interessiert angehört. Dann trat er neben Lieutenant Wus Konsole, streckte die Hand aus und berührte ein paar Sensorfelder, mit deren Hilfe er sich die Verbindungsdaten ansah.
„Die Nachricht kam über Sandströmfunk und war vollkommen unverschlüsselt“, gab Lieutenant Wu Auskunft. Die Kommunikationsoffizierin strich sich ein verirrtes Haar aus ihrem Gesicht.
Bruder Padraig faltete die Hände und nickte nachdenklich.
„Das bedeutet, diese Transmission war Lichtjahre weit zu empfangen“, stellte er fest.
„Das ist korrekt“, stimmte Wu zu.
„Ich nehme an, dass genau das auch die Absicht des Xabo-Kommandanten war“, erklärte Bruder Padraig. Er wandte sich an Commander Reilly und fuhr fort: „Das, was sich wie eine ergebene Bitte um Beistand anhört ist in Wahrheit eine Erpressung. Diese Transmission wird man Lichtjahre weit abhören können. Die Qriid – da bin ich mir sicher – werden sie mit Interesse zur Kenntnis nehmen und daraus den Schluss ziehen, dass wir und die Xabo entweder bereits lockere Verbündete sind oder es bald werden. In jedem Fall geschieht etwas, das der Hohe Rat eigentlich vermeiden wollte: Nämlich, dass wir in den Fokus ihres Interesses geraten.“
„Aus Sicht der Xabo ist das eine logische Strategie“, gab Reilly zu.
„Ja, aber uns kann sie teuer zu stehen kommen“, gab Lieutenant Chip Barus zu bedenken. „Ich stimme der Analyse unseres Olvanorer-Berater zu und kann nur hoffen, dass unsere Superdiplomatin Peellaan sich nicht blenden lässt!“
„Haben wir noch eine andere Wahl, als zumindest ein lockeres Bündnis einzugehen?“, stellte Bruder Padraig die entscheidende Frage in den Raum. „Ich glaube, Botschafterin Peellaan wird – sofern sie die Situation mit kühlem Kopf zu betrachten in der Lage ist – alles tun, um zu verhindern, dass der Xabo-Kommandant einen unverschlüsselten Sandström-Funkspruch an sein eigenes Oberkommando sendet, in der er erklärt, dass die Verhandlungen erfolgreich waren.“
„Es reicht schon ein verschlüsselter Spruch!“, glaubte Thorbjörn Soldo. Der Erste Offizier der STERNENKRIEGER hatte die Arme vor der Brust verschränkt und war neben den Sitz des Captains getreten. Sein Blick war auf den Panoramaschirm gerichtet, wo jetzt ein Nah-Zoom des Handelsraumers der Xabo zu sehen war. „Es reicht doch völlig, wenn er eine verschlüsselte Nachricht ohne Inhalt zurücksendet“, stellte er fest. „Die Qriid werden das für eine gut verschlüsselte Botschaft halten, in der das Bündnis bestätigt wird!“
„Captain!“, meldete sich jetzt Jessica Wu zu Wort. Die Kommunikations- und Ortungsoffizierin blickte mit ungläubig gerunzelter Stirn auf die Anzeigen ihrer Konsole. Durch die Berührung eines Sensorfeldes aktivierte sie ein weiteres Menue, um sich noch ein paar Daten zur Vergewisserung anzeigen zu lassen. Aber es konnte keinen Zweifel geben. Die Anzeigen waren in jeder Hinsicht vollkommen eindeutig…
„Was gibt es, Lieutenant?“, fragte Reilly etwas ungeduldiger, als er eigentlich beabsichtigt hatte.
Wu drehte sich herum.
„Eine Transmission wie jene, von der Lieutenant Commander Soldo gerade gesprochen hat, ist soeben von dem Xabo-Schiff mit der Bezeichnung SCHRECKEN DER SCHNABELARTIGEN abgesetzt worden!“
Reilly atmete tief durch.
Eine reizende Ausgangssituation für Verhandlungen!, ging es ihm durch den Kopf.
4
Commander Reilly befand sich in seinem Raum und aktualisierte die Logbucheintragungen, als ihn die Nachricht erreiche, dass Botschafterin Peellaan inzwischen mit ihrem Schiff, dem Leichten Kreuzer CATALINA unter dem Kommando von Commander Ned Nainovel aus dem Sandströmraum materialisiert war.
Wenig später meldete sich Lieutenant Wu bei Reilly.
„Captain, die Botschafterin wendet sich in einer Konferenzschaltung an unseren Flottenverband.“
„Dann werde ich die Transmission hier, in meinem Raum entgegennehmen“, erklärte Reilly.
Augenblicke später erschien auf dem in die Wand eingelassenen Bildschirm das Emblem des Space Army Corps mit dem Vermerk, dass es sich um eine verschlüsselte Botschaft handelte.
Der nächste Bildausschnitt zeigte einen Teil der Brücke eines Space Army Corps Schiffs. Die Einrichtung der Brücke war auf allen Leichten Kreuzern gleich, so auch auf der CATALINA.
Botschafterin Peellaan war eine Frau mit dunklen, leicht grau durchwirkten Locken. Sie war klein, gerade 1,60 m, so schätzte Reilly. Aber durch ihre aufrechte, sehr kontrolliert wirkende Körperhaltung signalisierte sie jedem, dass sie es zu sagen hatte. Neben ihr stand Commander Ned Nainovel, einer der jungen, begabten Space Army Corps Offiziere, die in letzter Zeit mit einem eigenen Kommando bedacht worden waren. Man suchte überall händeringend nach fähigen Offizieren. Das Aufrüstungsprogramm der Scout-Schiffe war dafür in erster Linie verantwortlich und Reilly beneidete diese Kommandanten manchmal um die relative Leichtigkeit, mit der sie ihre Positionen erreicht hatten.
Was Ned Nainovel betraf, so hätte der sich vermutlich auch unter anderen Umständen durchgesetzt. Willard Reilly kannte ihn ganz gut. Nainovel, Van Doren und Reilly waren ein Abschlussjahrgang in der Ganymed-Akademie gewesen und hatten seitdem den Kontakt nie ganz abreißen lassen.
In dem Bildausschnitt war noch eine dritte Person zu sehen.
Commander Reilly glaubte seinen Augen nicht zu trauen, aber jeder Irrtum war ausgeschlossen.
Ein schmächtiger Mann in zivil stand neben der Botschafterin und hantierte etwas unbeholfen mit einem Handheldcomputer herum.
John Aljanov!, durchzuckte es Reilly.
Auch Aljanov war Reilly noch gut in Erinnerung. Er hatte insgesamt dreimal an den Eingangstests der Ganymed-Akademie teilgenommen und war jedes Mal gescheitert. Es war Aljanovs größter Wunsch gewesen, Offizier im Space Army Corps zu werden, aber nach der dritten Test-Pleite wurde nicht noch ein weiteres Mal zum Auswahlverfahren zugelassen. Reilly hatte Aljanov während der zwei Wochen seines eigenen Test-Verfahrens flüchtig kennen gelernt. Immerhin hatte Reilly mitbekommen, wie stark der Wunsch bei Aljanov gewesen war, vom Space Army Corps angenommen zu werden.
Ein Traum, der sich zwei Jahre später endgültig zerschlagen hatte. In der Geschichte der Ganymed-Akademie hatte es nie zuvor einen vergleichbaren Fall gegeben. Aljanov hatte anschließend noch den obersten Gerichtshof der Humanen Welten bemüht, um sich das Recht zu erstreiten, ein Space Army Corps Offizier werden zu können.
Natürlich war er auch dort mit Pauken und Trompeten untergegangen.
Die Testergebnisse hatten schließlich eine eindeutige Sprache gesprochen.
Den speziellen Anforderungen, die an den Kommandanten eines Raumschiffs gestellt wurden, wäre Aljanov danach niemals gerecht geworden, auch wenn er selbst das alles natürlich ganz anders sah und hinter allem nur eine böse Intrige sah.
Wahrscheinlich glaubt er allen ernstes noch heute, dass er nur wegen den Geschäften seines Vaters nicht angenommen wurde!, überlegte Reilly.
Ernst Aljanov besaß eine der größten Import/Export-Firmen im Grenzgebiet zu den K'aradan. Von dem Kolonialplaneten Tierra Bonita aus steuerte die Aljanov Cargo Holding beinahe den gesamten Handel, der sich derzeit zwischen den Humanen Welten und dem Reich von Aradan abspielte.
Angesichts der Tatsache, dass für die Zukunft auch eine außenpolitische Konfrontation mit den K'aradan keineswegs ausgeschlossen war, hatte John Aljanov geglaubt, dass man in ihm deswegen möglicherweise ein Sicherheitsrisiko sehen würde.
Aber das war nach allem, was Reilly über diesen Fall wusste, purer Unfug. John Aljanov war schlicht und ergreifend ungeeignet für die von ihm angestrebte Laufbahn gewesen.
Immerhin scheint ihm inzwischen der Einstieg in eine andere Karriere gelungen zu sein!, dachte Reilly. Schließlich begleitete er zweifellos die Botschafterin in irgendeiner offiziellen Funktion. Wenn Aljanov noch ein bisschen höher in der Hierarchie des diplomatischem Dienstes steigt, dann hat sich die Dreifach-Blamage auf Ganymed für ihn jedenfalls wenigstens finanziell gelohnt!
„Hier spricht Botschafterin Peellaan. Mein Assistent John Aljanov und ich werde in Kürze die Verhandlungen mit den Xabo aufnehmen. Es tut mir leid, dass sich deswegen der Beginn Ihrer Operation im Niemandsland noch etwas verzögert, aber ich bin zuversichtlich, dass bei diesen Verhandlungen zumindest ein umfassender Informationsaustausch herauskommen wird. Und der wird Ihrer Mission zweifellos zugute kommen und das persönliche Risiko, dass jeder von Ihnen dabei eingeht, auf ein Minimum reduzieren. Ich werde Sie umfassend über das Ergebnis der Gespräche in Kenntnis setzen, sobald etwas vorliegt und hoffe bis dahin auf Ihr Verständnis. Peellaan Ende.“
Der Bildschirm zeigte wieder das Emblem der Flotte. Wenig später meldete sich Commander Steven Van Doren von der PLUTO über einen geschützten Kom-Kanal.
„Hast du gesehen, was ich gesehen habe?“, fragte er.
„Du meinst Aljanov!“
„Ich habe es erst nicht glauben können, Willard!“
Reilly zuckte die Schultern. „Könnte sein, dass einer von uns ihn irgendwann mal eskortieren muss, wenn er erst selbst Botschafter ist!“
„Bloß nicht!“, meinte Van Doren.
„Wieso? Dass er die Tests auf Ganymed versemmelt hat, heißt doch nicht, dass er sonst nichts kann!“
„Das meine ich auch nicht.“
„Was dann?“
Steven Van Doren kratzte sich am Kinn und meinte schließlich: „Der Kerl wird doch jedem Space Army Corps Offizier, der mit ihm fliegt, die Hölle heiß machen – schon weil er es bis heute nicht verwunden hat, dass man ihn auf Ganymed nicht wollte!“
„Du siehst schwarz“, entgegnete Willard Reilly. „Auch ein John Aljanov wird sich mit der Zeit weiterentwickelt haben!“
Van Doren hob die Schultern. „Glaubst du?“
„Wetten werde ich nicht darum, Steven!“
Kapitel 2: Ein Planet namens Snowball
Hänge nicht am Leben, wenn es nicht zu halten ist, denn der Herr wird dich wohl empfangen. Dieser Satz aus der Weisheit des Ersten Aarriid hallte immer wieder in Nirat-Sons Kopf wider. Bin ich schon tot oder ist das ein Zustand zwischen dem Diesseits und dem Jenseits?
Er spürte die Kälte schon nicht mehr, nur ein überwältigendes Bedürfnis nach Schlaf. Aber er wusste, dass, wenn er diesmal die Augen schloss, dass es das letzte Mal sein würde.
Doch lange konnte er, würde er diesem Drang nicht mehr widerstehen können. Die Beine und Arme konnte er kaum noch bewegen. Er hatte dennoch damit begonnen, sich in den Schnee einzugraben. Ein paar Grad war die Temperatur dort höher. Schließlich war er dann nicht mehr dem unbarmherzigen Wind ausgesetzt.
Nirat-Son zitterte. Er musste die Schnabelhälften aufeinander pressen, damit es nicht unaufhörlich klapperte.
Zwischendurch machte er Pausen, um Kraft zu sammeln. Dann grub er weiter.
Seine Krallen stießen auf etwas Festes. Sie kratzten über ein Material, das glatt und hart war wie…
… Metall!
Plötzlich regten sich wieder Lebensgeister in dem Tanjaj. Was mochte da unter dem Schnee sein? Er grub weiter, legte ein größeres Stück frei und dann gab es keinen Zweifel mehr. Metall! Vielleicht das Außenschott eines Raumschiffs! Dass es sich dabei nicht um ein Qriid-Schiff handeln konnte, war schnell klar, denn deren Außenhaut bestand aus einem anderen Material.
Ist es denn so unwahrscheinlich, dass schon andere vor uns hier waren und von den ellipsoiden Vielbeinern zur Strecke gebracht wurden, weil sie glaubten, sich in einer leblosen Einöde zu befinden?
Ein tödlicher Irrtum, dem ja schließlich auch Re-Lim und seine Gruppe bis auf die Zähne bewaffneter Tanjaj zum Opfer gefallen waren.
Der Qriid blickte auf das Ortungsgerät. Da war tatsächlich etwas. Ein Hohlraum und eine ganz schwache elektromagnetische Signatur, deren Energiestatus so gering war, dass man sie selbst auf unmittelbarer Entfernung kaum anmessen konnte.
Lebenszeichen fanden sich nicht. Aber das wäre vielleicht auch zuviel erwartet gewesen.
Nirat-Son nahm den Hand-Traser und schaltete ihn auf breites Streufeuer in niedrigster Konzentration. Schließlich wollte er das, was er gefunden hatte, nicht zusammenschmelzen, sondern nur vom Schnee befreien.
Er kroch ein paar Schritte zurück und richtete sich dann etwas auf. Er kam schließlich auf die nach hinten geknickten Knie, konnte sich nur mit Mühe halten, denn der Wind drohte ihn einfach niederzureißen, sobald er sich auch nur ein wenig über die Deckung erhob.
Nirat-Son feuerte. Der Schnee schmolz weg und floss in einem steten, mäandernden Strom Hügel abwärts. Er gefror dabei wieder, wurde durch Traserfeuer erneut auf geschmolzen, um sich dann seinen Weg zu bahnen. Wenig später hatte der Qriid tatsächlich etwas freigelegt, das nur das Außenschott eines Raumschiffs sein konnte.
Der Qriid machte sich daran, das Schott zu öffnen. Er versuchte, mit Hilfe des Ortungsgerätes in das System des Türschlosses einzudringen, was allerdings misslang. Nicht die geringste Stromspannung war noch nachweisbar. Aber das war nicht schlimm. Zunächst hatte Nirat-Son angenommen, dass es einen geringfügigen Druckunterschied zwischen innen und außen gab. Das war aber nicht der Fall, was ihn Schlimmes in Bezug auf die Beatzung dieses Raumschiffs annehmen ließ. Es sprach dafür, dass sich irgendwo ein Loch in der Außenhaut befand. Ein Loch, für das eigentlich nur die gefräßigen Vielbeiner verantwortlich sein konnten, für die auch Metall kein Hindernis war.
Das Schott ließ sich ein Stück zur Seite schieben und klemmte dann aus einem unerfindlichen Grund.
Mit Hilfe des Infrarotimpuls’ seiner Schutzbrille konnte der Tanjaj auch innen ohne Probleme sehen. Er stieg in das Schott und schloss es hinter sich. Sein Thermometer zeigte, dass die Temperatur hier drinnen um einiges über dem Niveau lag, dass da draußen in der stürmischen Nacht herrschte. Vielleicht war dies zumindest ein Ort, an dem er überleben konnte. Ausharren, bis der Sturm vorbei war.
Das Raumschiff musste etwas größer sein, als die Beiboote der Qriid-Schiffe.
Er passierte das zweite Schleusenschott und gelangte in einen Korridor, der ziemlich breit war, was vielleicht ein Hinweis auf die Anatomie jener Wesen war, die mit diesem Schiff hier auf Korashan V gelandet waren.
Dann erreichte er die Passagierkabine, die von der Steuerzentrale getrennt war und über eine Tür erreicht werden konnte.
Nirat-Son bot sich ein Anblick des Schreckens. Knochen lagen auf den Sitzen.
Geisterhaft blickten Totenschädel den frommen Glaubenskrieger an.
Oh Herr, in welchen Höllenvorhof hast du mich nun geschickt?
Es waren schnabellose Totenschädel. Das konnte er auf den ersten Blick trotz der Infrarotoptik erkennen.
Es konnte sich also auf keinen Fall um Qriid handeln. Von der Anatomie her ähnelten sie den Eingeborenen, so glaubte Nirat-Son, auch wenn er nach wie vor kam etwas über diese Barbaren wusste, die es offenbar schafften, auf einer Welt zu überleben, auf der man nicht nur den Naturgewalten, sondern auch den ellipsoiden Vielbeinern trotzen musste. Wie das schnabellose Volk, das die Eissegler steuerte, dies schaffte, war Nirat-Son nach wie vor schleierhaft. Vielleicht würde man diesem Rätsel irgendwann mal auf die Spur kommen und von den Schnabellosen sogar lernen können.
Aber die anatomischen Merkmale, die sich anhand der Skelette erkennen ließen, schlossen ein Verwandtschaft zu den eingeborenen Barbaren von Korashan V oder ihren so gut wie identischen Verwandten, die ein entferntes Sternenreich regierten, so gut wie aus.
Sie besaßen nämlich auf dem Rücken ein weiteres Paar Extremitäten. Sehr feingliederig und an drei Gelenken einknickbar… Bei manchen der Toten fanden sich noch Reste einer lederigen Haut, die von den Beißwerkzeugen der Vielbeiner nur unvollständig zerfetzt worden waren. Vielleicht hatten sie damit nichts anfangen können – genau wie auffiel, dass überall auch noch Kleiderreste zu finden waren.
Die Fasern scheinen den Biestern wohl einfach nicht geschmeckt zu haben!, überlegte Nirat-Son, dem inzwischen klar war, um was für Skelette es sich handelte.
Xabo!
Angehörige eines Volkes also, dass kurz vor der endgültigen Niederlage gegen die ordnenden Mächte des Heiligen Imperiums seine Welten verlassen und in eine Region des Alls geflogen waren, die von den Qriid Das Land der Gottlosen genannt wurde.
Dass sie in dieser Region des Alls erneut Fuß gefasst hatten, war für die Qriid-Flotte inzwischen kein Geheimnis mehr. Aber was hatten sie hier gesucht? Wasser? Dagegen sprach, dass es sonst in einem Umkreis von mehreren Lichtjahren keine von Xabo in Besitz genommenen Welten gab. Der Wassertransport war auf eine gewisse Distanz einfach nicht rentabel. Innerhalb eines Systems konnte man das mit kostengünstigen Antigravschwebern bewerkstelligen, aber wenn es um Distanzen ging, die hundert astronomische Einheiten überschritten, dann kam das Wasser erst an, wenn die Kolonie vielleicht schon wieder aufgegeben war.
Es muss einen anderen Grund dafür geben, dass diese schnabellosen Barbaren den Weg hierher fanden. Dachten sie sich vielleicht auf Korashan V vor dem gerechten Zorn des Imperiums verstecken zu können? Was für naive Narren müssen sie sein…
Nirat-Son aktivierte seinen Kommunikator.
„Ehrenhafter Tanjaj-Nom, her meldet sich Rekrut Nirat-Son!“
„Hier Bras-Kon! Es freut mich, deine Stimme zu hören, den das bedeutet, dass dem Herrn ein Streiter mehr geblieben ist!“
„Ich weiß nicht, ob es mir möglich sein wird, noch lange zu überleben“, sagte Nirat-Son. Die Nüchternheit, mit der er das feststellte, überraschte ihn selbst. War das vielleicht das Ergebnis der Konditionierung. Wenn ja, dann hat sie ihren Zweck erfüllt!, dachte er. Besonnene und überlegte Reaktionen in unübersichtlicher und emotional aufgeladener Lage!
„Dein Bericht, Nirat-Son!“
„Ich schalte die Kamerafunktion ein, dann könnt ihr sehen, was ich sehe. Zwar nur im Infrarotmodus, aber es sollte ausreichen…“ Nirat-Son nahm an seinem Kommunikator ein paar Schaltungen vor und schwenkte das Gerät dann herum.
„Es sind Xabo!“, erklärte er. „Was immer sie hier gesucht haben mögen, sie sind genau wie die Gruppe um Re-Lim den Vielbeinern zum Opfer gefallen.“
„Ich werde in meinem Bericht erwähnen, dass man den Planeten von diesen Plagegeistern säubern sollte.“
„Ja, das wird notwendig sein, bevor es möglich ist, diese Welt in den Dienst des Imperiums zu stellen.“
„Darüber müssen sich andere Sorgen machen“, meinte Bras-Kon. „Unsere Aufgabe ist es nur, diesen Schneeball in Besitz zu nehmen. Mehr verlangt niemand von uns…“
Und genau das ist vielleicht gar nicht so einfach…
„Nehmt euch vor diesen Biestern in Acht, ehrenwerter Tanjaj-Nom.“
„Das werden wir“, versprach Bras-Kon.
„Ich kann dich nur beschwören, die anderen Tanjaj die letzten Rituale durchführen zu lassen, damit sie nicht ungeläutert vor ihren Richter treten.“
„Diese Entscheidungen wirst du mir überlassen müssen“, erwiderte Bras-Kon kühl. „Was allerdings dich betrifft so wäre es durchaus sinnvoll, die Rituale durchzuführen…“
1
Angehörige anderer Spezies hätten in diesen Worten vielleicht eine Verachtung des Individuums erkannt, die die Prinzipien des Glaubens über alles stellte und der das Schicksal und das Leid des Einzelnen vollkommen gleichgültig war.
Aber Nirat-Son sah das nicht so.
In seiner Wahrnehmung waren die letzten Worte des Tanjaj-Nom nur eine freundliche Erinnerung daran gewesen, dass er sich nach wie vor in akuter Lebensgefahr befand und er daher daran denken musste, Vorkehrungen zu treffen. Spirituelle Vorkehrungen. Es gab den Tod des Fleisches, aber dem Glauben der Qriid nach war das physische Ende durch die Macht Gottes zu überwinden. Viel Schlimmer war der Tod des Geistes. Manchmal starb der Geist längst vor dem Fleisch und war der Kalk längs im Hirn, bevor der Körper zu einem Kalkskelett wurde…
Nachdem die Verbindung zu seinem Tanjaj-Nom unterbrochen war, überlegte Nirat-Son, wie er überleben konnte. Er betastete das Bein, das er sich bei dem Absturz verletzt hatte. Die Schmerzen hatten nachgelassen. Er spürte jetzt fast nichts mehr. Vielleicht hatte er Erfrierungen im Krallenfuß und im unteren Beinsegment.
Aber das ängstigte ihn nicht.
Die Qriid verfügten über eine hervorragende Prothesentechnik und das Tragen eines künstlichen Beins war das Ehrenzeichen eines Tanjaj. Nichts konnte den Opfermut und die Todesverachtung, ja, auch die Tiefe und Inbrunst des Glaubens besser demonstrieren, als wenn man einen Teil seines Körpers der Sache des Imperiums geopfert hatte.
Er konnte sich nicht länger mit dem Bein befassen. Fieberhaft dachte er nach und erwog verschiedene Möglichkeiten. Sollte er die Kleiderreste der Xabo einsammeln und damit ein Feuer entzünden? Mit Hilfe des Trasers war das problemlos möglich. Er analysierte mit dem Ortungsgerät die Fasern. Der Rechner des Geräts stellte Kunstfasern fest, die von den Xabo speziell dafür geschaffen worden waren, starke Schweißabsonderungen aufzunehmen. Sie wurden als schlecht brennbar eingestuft. Die Energieabgabe war minimal, außerdem bestand die Gefahr der Abgabe von Gasen, die zumindest für Qriid giftig waren.
Das ist also nicht der richtige Weg!, dachte Nirat-Son. Er wandte sich der technischen Einrichtung zu. Keine einzige Signatur, nicht die geringste elektrische Spannung. Die Energieversorgung war zusammengebrochen. Woran das lag, darüber konnte man nur spekulieren.
Der Scan mit dem Ortungsgerät zeigte Nirat-Son auch sehr bald den Grund dafür. Mehrere Kabelverbindungen waren durchtrennt. Die Vielbeiner schienen tatsächlich nicht wählerisch in dem zu sein, was sie sich einverleibten. Ein paar verschmorte organische Reste legten allerdings auch den Schluss nahe, dass einige der kleinen Bestien ihre Unersättlichkeit mit dem Leben bezahlt hatten.
Die Technologie der Xabo war auf einem Niveau, das die Qriid vor etwa einer Generation hinter sich gelassen hatten. Die Funktionen der meisten Aggregate erfasste Nirat-Son. Jeder Tanjaj durchlief eine Ausbildung, einen Kurs, der ihm grundlegende Kenntnisse der Raumtechnik vermittelte und ihn in die Lage versetzte, notfalls mit primitiven Mitteln ein Beiboot zu reparieren. Glücklicherweise hatte der Qriid diesen Kurs bereits absolviert.
Vielleicht rettet mir das jetzt das Leben. Gelobt sei der Herr! Belohnt werden die, die nicht zweifeln an deinem Wort!
Auf einmal waren neue Kraftreserven da, von deren Existenz er bislang nichts geahnt hatte. Mit fieberhafter Eile machte er sich daran, die Innenverkleidung von den Wänden zu nehmen, um an die Aggregate heranzukommen. Was brauche ich denn schon? Ein bisschen Energie! Ist das vielleicht zu viel verlangt?
2
Es dauerte Stunde, bis Nirat-Son gelang, die ersten Leitungen zu flicken. Er fand Werkzeug, darunter auch ein Metallteil, dessen Funktion er nicht kannte, von dem aber die Analysefunktion seines Ortungsgerätes meinte, dass es leicht zum Glühen zu bringen war.
Mit Hilfe seines Trasers sorgte Nirat-Son dafür, dass das Metallteil zu glühen begann. Der Boden war in dieser Hinsicht viel unempfindlicher. Jedenfalls sorgte das erhitzte Metall für etwas Wärme. Eine Dauerlösung war das natürlich nicht. Schließlich brauchte er die Energie des Trasers wahrscheinlich noch, um sich selbst zu verteidigen. Er fand mehrere Löcher, durch die sich die Vielbeiner den Weg in das Raumschiff der Xabo gebahnt hatten. Er musste also vorsichtig bleiben. Es gab keinen Grund, warum die ellipsoiden Bestien nicht zurückkehren sollten.
Ein weiteres Mal heizte Nirat-Son das inzwischen völlig verformte Metallstück auf und wärmte sich darüber die Krallenpranken. Er zog sogar die Handschuhe aus, um nachzusehen, ob an den Pranken irgendwelche Erfrierungen festzustellen waren. Das schien noch nicht der Fall zu sein. Aber das taube Gefühl in beiden Pranken war eine Warnung. Dem Qriid-Handbuch des Tanjaj zu Folge war dies eines der ersten ernstzunehmenden Symptome. Zumindest bei Angehörigen des Volkes Gottes. Über andere Spezies machte das Handbuch der Tanjaj natürlich keine Aussagen.
Als die Hände wieder einigermaßen einsatzbereit waren, machte sich Nirat-Son erneut ans Werk. Mit Hilfe des gefundenen Werkzeugs flickte er eine Leitung nach der anderen. Zum Schluss legte er sein Ortungsgerät an den Hauptrechner an und gab einen Energieimpuls ab, mit dessen Hilfe er die Steuerfunktionen zu starten hoffte. Zunächst misslang es. Ein paar Kontrolllampen und Displays leuchteten zwar auf und überall erschienen Kolonnen von fremdartigen Zeichen, die der Qriid-Rekrut noch nie zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Er nahm an, dass es sich um die Schriftzeichen der Xabo handelte.
Da die Xabo bereits Gegner der Qriid gewesen waren, hatte man ihr Sprachmaterial in die Standardversionen der Translatorprogramme eingegeben, sodass die Übersetzung keinerlei Problem bereitete. Aber schon nach wenigen Augenblicken war alles vorbei. Die Schirme waren wieder dunkel. Nur eine Notbeleuchtung, die aus fluoreszierenden Leuchtstoffröhren bestand, war noch aktiv. Nirat-Son versuchte es ein zweites Mal.
Vergebens.
Vor dem dritten Versuch wusste der Tanjaj, dass es sein letzter sein würde, denn die Energie seines Ortungsgerätes reichte nur noch für einen weiteren Versuch aus, das Hauptsystem zu starten. Danach wäre das Gerät nicht mehr benutzbar gewesen. Für jemanden, der auf sich gestellt in einer derart unwirtlichen Umgebung zu überleben versuchte, war die Vorstellung, ohne funktionierendes Ortungsgerät dazustehen, so etwas wie der größte denkbare Schrecken.
Es war selbst mit der technischen Unterstützung schon schwierig, in dieser eintönigen Öde einen Weg zu finden.
Aber Nirat-Son wusste auch, dass er nur noch diese eine Chance hatte. Er fühlte seine Kräfte nun endgültig schwinden. Lange konnte er nicht mehr durchhalten, es sei denn er schaffte es, dafür zu sorgen, dass im Wrack dieses Xabo-Schiffs einigermaßen erträgliche Bedingungen herrschten.
Also überprüfte er noch einmal sämtliche Verbindungen, die er wiederhergestellt hatte.
Dann sammelte er sich zu einem Gebet.
Nirat-Son erwog sogar, die so genannten letzten Rituale bereits durchzuführen.
Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt dazu. Schließlich gibt dir die vage Hoffnung, dass es doch noch klappen könnte, Kraft und neues Selbstvertrauen.
Aber Nirat-Son entschied sich nach kurzem Überlegen doch dagegen. Er musste mit seinen Kräften haushalten. So unglaublich matt und müde fühlte er sich, dass er glaubte tot zu sein, wenn er sich nur einmal für einen kurzen Moment hinlegte.
Nachdem der Qriid schließlich sämtliche Funktionen seines Ortungsgerätes ein weiteres Mal überprüft hatte und außerdem feldähnliche Phänomene weitgehend ausgeschlossen werden konnten, unternahm der Tanjaj einen weiteren Versuch.
Und diesmal war zumindest ein Teilerfolg sofort sichtbar.
Einige Bildschirme blieben in einem aktiven Status. Hier und da flackerten unruhig ein paar Lämpchen.
Das ist ein Anfang!, dachte Nirat-Son.
Über das System seines Ortungsgeräts erreichte er daraufhin, den fremden Bordrechner anzusteuern und auch das gelang. Immer mehr Schiffsfunktionen aktivierten sich schließlich wieder. Die Energiereserven des Unterlichttriebwerks hatten sich vollständig entladen, was wahrscheinlich etwas mit der extremen Kälte zu tun hatte.
Ein Brummen durchdrang plötzlich den Raum. Nirat-Son wusste nicht, welche Funktion er aus Versehen betätigt hatte. Es gelang ihm jedoch, das dumpfe Brummen zu seinen Füßen zu stoppen.
Dann nahm er noch einmal Kontakt mit Bras-Kon auf und berichtete ihm, was er entdeckt hatte.
„Es ist mir gelungen, zumindest Teilsysteme wieder in Funktion zu setzen“, erklärte er.
„Ich gratuliere!“, erwiderte der Tanjaj-Nom. „Du hast vorschiftsmäßig gehandelt – genau so, wie es unseren Doktrinen entspricht.“
„Danke“, sagte Nirat-Son.
„Kannst du herausfinden, was die Xabo auf dieser abgelegenen Welt zu suchen hatten?“
„Vielleicht finde ich etwas in deren Datenspeichern“, vermutete Nirat-Son. „Ich kann allerdings nicht versprechen, dass ich mit dieser Sache sehr schnell vorankomme!“
„Angesichts der Witterung hat jeder dafür Verständnis“, antwortete Bras-Kon.
„Der Sturm hat leider bislang nicht nachgelassen!“, gab der Tanjaj-Rekrut zu bedenken.
„Das wird er auch im Verlauf der nächsten drei Planetenumläufe nicht“, erwiderte Bras-Kon. „Zumindest lautet so die Prognose meines Ortungsmoduls.
3
„Ich will Ihnen kurz die derzeitige Lage erläutern“, sagte Admiral Raimondo, der sich in einer Konferenzschaltung an alle Kommandanten seines Verbandes wandte. Commander Reilly nahm das Gespräch auf der Brücke entgegen.
48 Stunden waren vergangen, seit die STERNENKRIEGER den Treffpunkt NHCO-4422 erreicht hatte. In der Zwischenzeit hatte Botschafterin Peellaan die Verhandlungen mit dem Xabo-Kommandanten Padanklong aufgenommen. Bislang war über die Ergebnisse nichts bekannt geworden und Reilly befürchtete schon, dass die gesamte Erkundungsoperation im Niemandsland nun auf unbestimmte Zeit auf Eis lag.
Dabei wäre es dringend notwendig gewesen, sich endlich ein deutlicheres Bild der zurzeit in der Peripherie des Qriid-Imperiums herrschenden Lage zu verschaffen.
„Es scheint so zu sein, dass unsere politische Führung sehr vorsichtig ist, was ein Bündnis mit den Xabo angeht“, fuhr der Admiral fort. „Botschafterin Peellaan strebt eine sehr lockere Kooperation an, bei der keine konkreten Beistandspflichten bestünden, sondern von Seiten der Humanen Welten im wesentlichen technische und logistische Unterstützung geliefert wird. Die Xabo würden unser Space Army Corps natürlich liebend gern dazu verwenden, mit ihnen gemeinsam gegen die Qriid zu kämpfen. Aber dazu sind wir derzeit militärisch einfach nicht in der Lage. Das zuzugeben wiederum wäre nicht unbedingt klug, wie Sie verstehen werden. Kurz und gut, die Verhandlungen werden sich zweifellos hinziehen und ich könnte mir denken, dass sogar der Vorsitzende des Humanen Rats persönlich darin eingreift. Auf mein Drängen hin wird jetzt die Erkundungsmission trotz der unklaren diplomatischen Lage durchgeführt. Es ist anzunehmen, dass die meisten Schiffe vor Ende der Verhandlungen zurückkehren werden. Begeben Sie sich also mit Ihren Schiffen in die Ihnen zugewiesenen Raumareale. Wenn Sie auf Xabo-Schiffe treffen, werden die Sie als Verbündete ansehen und dies vielleicht ebenso deutlich funktechnisch demonstrieren wie es Kommandant Padangklong getan hat, um das Space Army Corps in den Konflikt hineinzuziehen. Ich kann Ihnen also nur empfehlen, den Xabo ebenso sehr aus dem Weg zu gehen wie den Qriid!“ Raimondo machte eine Pause. Auf seiner Stirn war eine sorgenvolle Falte zu sehen. Die Situation war riskant und niemand konnte das besser beurteilen als Raimondo, der wahrscheinlich einer der bestinformierten Männer der Humanen Welten war. „Ich wünsche jedem von Ihnen viel Glück!“, setzte der Admiral noch hinzu.
Dann wurde die Verbindung unterbrochen.
„Lieutenant Ramirez, Sie haben gehört, was der Admiral gesagt hat!“, äußerte sich Commander Reilly, nachdem die Verbindung unterbrochen war und wieder das ferne Licht der Sonne New Hope den Panorama-Schirm beherrschte.
Der Kegel von NHCO-4422 hob sich dunkel gegen das gelbliche Licht ab und ließ ein einzigartiges Spiel von Licht und Schatten entstehen.
„Ja, Sir“, bestätigte Ramirez.
„Dann gehen Sie auf maximale Beschleunigung.“
„Aye, aye!“
„Bringen Sie uns so schnell wie möglich in den Sandströmraum und nehmen Sie dann den einprogrammierten Kurs!“
Die Ionentriebwerke ließen den Boden erzittern. Ein dumpfes Rumoren war zu hören. Die Triebwerke liefen warm. Innerhalb von etwa acht Stunden konnten sie ein Schiff der Scout Klasse auf 0,4 LG bringen, was die Mindesteintrittsgeschwindigkeit für den Sandströmraum war.
Die Beschleunigungsphase hatte in den letzten zwei Jahren seit dem Stapellauf der beiden ersten Prototypen um fast zwei Stunden verringert werden können, wofür in erster Linie den Technikern der STERNENKRIEGER unter Lieutenant Morton Gorescu die Lorbeeren gebührten. Ständig waren kleinere Verbesserungen eingeführt und die Steuersysteme noch optimiert worden. Die Fortschritte, die sich jetzt noch erzielen ließen, waren minimal, wenn man nicht grundsätzliche Neuerungen einführen wollte.
Jedenfalls hatte Morton Gorescu während einer Besprechung mal geäußert, dass man in den nächsten zehn Jahren kaum mit einer wesentlichen Unterschreitung der acht Stunden-Grenze zum Erreichen der Eintrittsgeschwindigkeit rechnen konnte.
Einzig und allein der sehr ehrgeizige Fähnrich Catherine White hielt das für möglich. Sie bombardierte ihren leitenden Ingenieur förmlich mit Vorschlägen, wie man beim Antriebssystem eine noch perfektere Optimierung gelangen konnte.
Wenn die mal Lieutenant wird, ist das wahrscheinlich nur eine Durchgangsstation für sie – so offensiv sie an ihre Karriere herangeht!, dachte Commander Reilly.
Acht Stunden später trat die STERNENKRIEGER in den Sandströmraum ein. Commander Reilly ordnete von nun an vollkommene Funkstille an.
Eine gute Woche dauerte der Flug bis in die Region an der Peripherie des Imperiums, die der STERNENKRIEGER zugewiesen worden war.
Ungefähr 50 Lichtjahre wurden in dieser Zeit überbrückt – ein Gebiet, über das man nur wusste, dass von dort keine Signale im qriidischen Zwischenraumfunk geortet worden waren.
Als die STERNENKRIEGER schließlich den Sandströmraum verließ, bediente Fähnrich Rajiv die Kontrollen der Steuerkonsole. Dass der Ruderoffizier eines Leichten Kreuzers durch einen Fähnrich vertreten wurde, war an sich keineswegs ungewöhnlich. Aber normalerweise setzte man die Fähnriche nicht bei schwierigen Manövern oder in heiklen Situationen ein. Und die Materialisierung im Normalraum war – zumindest fünfzig Lichtjahre weit im Niemandsland – sehr heikel. Schließlich wusste man nicht, was einen im Normalkontinuum erwartete. Abgesehen davon konnte der Austritt aus dem Sandströmraum durch den Feind angemessen werden. Danach sei es viel leichter unentdeckt zu bleiben, wenn man einfach im Schleichflug weiterflog. Dabei verzichtete man auf jeglichen Antrieb und kam einfach mit dem Austrittsschwung von 0,4 LG vorwärts. Um die Tarnung zu perfektionieren konnte man außerdem noch sämtliche Systeme abschalten, deren Funktion nicht überlebenswichtig war. Das reduzierte die elektromagnetischen Emissionen erheblich und erschwerte es dem Gegner außerdem, die für Space Army Corps-Schiffe typischen Signaturen zu erkennen.
Dass Rajiv die STERNENKRIEGER in diesem sensiblen Moment steuern durfte, hatte damit zu tun, dass er inzwischen bereits zwei Jahre auf der STERNENKRIEGER diente und mit dem Ruder inzwischen ebenso vertraut war wie Lieutenant Gorescu. Was Rajiv vor seiner anstehenden Beförderung noch brauchen konnte, war Praxis. Und Commander Reilly war entschlossen, dafür zu sorgen, dass Rajiv genau das auch bekam.
Dem Captain war das Eintauchen in den Normalraum vom Ersten Offizier gemeldet worden und so erschien Reilly wenig später auf der Brücke.
„Captain, ich habe Bruder Padraig rufen lassen, um Lieutenant Wu bei der Auswertung der Orter-Daten zu unterstützen“, meldete Lieutenant Commander Soldo.
Reilly nickte.
„Das ist gut“, meinte er und wandte sich anschließend an Lieutenant Wu. „Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, einen Teil Ihrer Konsole an Bruder Padraig abgeben zu müssen.“
„Keineswegs, Sir. Wir werden die Umgebung sehr genau im Auge behalten müssen!“
Einen Augenblick später betrat Bruder Padraig die Brücke.
Wie selbstverständlich nahm er seinen Platz neben Lieutenant Wu ein.
Der Erste Offizier, der sich die Orter-Daten ebenfalls auf seine Konsole anzeigen ließ, gab einen ersten, vorläufigen Bericht.
„Wir haben es hier mit einer gelben Sonne vom Sol-Typ zu tun, die von den Astronomen des Observatoriums von Petersburg, New Hope IV, den Namen Sinclair-Davis bekommen hat. Die Entfernung von der Erde beträgt 103,6 Lichtjahre. Triple Sun 2244 – das Heimatsystem der Xabo – ist ganze sechs Lichtjahre entfernt“, sagte Soldo.
„Planeten?“, fragte Reilly.
„Insgesamt zehn. Nummer fünf hat eine Sauerstoffatmosphäre, gleicht aber einem großen Schneeball mit einer Vereisung der gesamten Oberfläche. Die anderen Planeten sind recht ungemütlich. Aber sie sind sehr ergiebige Rohstofflager.“
„Das kann ich nur bestätigen“, meldete Bruder Padraig. „Schon die Spektralanalyse ließe das Herz jeden Prospektors höher schlagen.“
„Qriid-Schiffe?“, hakte Reilly nach.
„Bislang negativ“, meldete Lieutenant Wu. „Aber im weiteren Umkreis dieses Systems müssen Qriid-Einheiten sein, denn ich konnte ein schwaches Sandströmfunksignal orten, dessen Ausgangspunkt etwa zwei Lichtjahre entfernt ist.“
„Reicht die Qualität zur Entschlüsselung?“, fragte Soldo.
„Ich gebe es gerade durch den Rechner, fürchte aber, dass wir zu wenig über den verwendeten Code wissen. Möglicherweise ergibt die Rechnerprüfung auf immanente Logik zumindest ein paar Bruchstücke des Textes, aber darauf würde ich mich nicht verlassen.“
Soldo wandte sich Reilly.
„Ich schlage vor, auf Schleichflug zu bleiben und alle überflüssigen Systeme zeitweilig zu deaktivieren.“
„Solange es nur die Heizung in der Kabine des Captains ist – einverstanden“, gab Reilly zurück.
„Ehrlich gesagt, wundert es mich, dass wir bis jetzt noch keine Qriid-Schiffe innerhalb des Systems geortet haben", bekannte Bruder Padraig.
Reilly hob die Augenbrauen. „Wie kommen Sie darauf?"
„Abgesehen davon, dass es nur einen einzigen und dazu sehr kalten Planeten mit Sauerstoffatmosphäre gibt, handelt es sich um einen idealen Standort für die Raumfahrtindustrie. Es sind sämtliche Rohstoffe in ausreichender Menge vorhanden."
„Und dass man zur Montage von Raumschiffen nicht unbedingt einen Planeten braucht, beweisen ja unsere eigenen Spacedocks!", ergänzte Thorbjörn Soldo.
4
Es dauerte nicht lange und die Ortung meldete das erste Qriid-Schiff. Es befand sich auf der Bahn von Sinclair-Davis III, einem Planeten von Erdgröße, der allerdings eine Atmosphäre hatte, die nur wenige Prozent Sauerstoff enthielt und ansonsten vor allem von Schwefelwasserstoff geprägt war.
„Schleichflug fortsetzen“, befahl Reilly.
„Sir, ich schlage eine Kurskorrektur um dreißig Grad vor“, sagte Soldo. „Dann würden wir – bezogen auf das Qriid Schiff - auf einem Ausweichkurs fliegen.“
„Aber wir müssten für eine derartige Korrektur die Ionentriebwerke aktivieren, was das Risiko birgt, dass wir entdeckt werden“, widersprach Reilly. Er schüttelte den Kopf. „Nein, I.O., wir gehen auf Nummer sicher.“
„Wir könnten die Kurskorrektur im Ortungsschatten eines Asteroiden vornehmen“, schlug Soldo vor, den die Idee einer Kurskorrektur einfach nicht loszulassen schien.
Reilly überlegte einen Augenblick. Dann wandte er sich an Rajiv. „Ruder! Markieren Sie mögliche Punkte, an denen wir vermutlich für das Qriid-Schiff nicht zu orten sind!“, befahl er.
„Schon geschehen, Sir.“
In einem Teilfenster des Panoramaschirms erschien eine schematische Übersicht, die sowohl das Sinclair-Davis-System, als auch die gegenwärtige Position der STERNENKRIEGER sowie die Lage jener Punkte zeigte, an denen der Leichte Kreuzer vermutlich ohne entdeckt zu werden, eine Kurskorrektur vornehmen könnte.
Reilly wandte sich an Soldo. „Wir halten uns Ihren Vorschlag als zusätzliche Option offen“, bestimmte er.
„Captain, ich orte hier eine sehr schwer zu isolierende Strahlungsemission, die ganz sicher künstlichen Ursprungs ist“, meldete Bruder Padraig.
„Ist es eine Qriid-Signatur?“, fragte Reilly.
„Ich habe keine Ahnung. Dazu wissen wir einfach zu wenig über die Qriid-Technik.“
„Bleiben Sie der Sache auf der Spur, Bruder Padraig.“
„Ja, Captain. Ich…“ Bruder Padraig zögerte und drehte sich herum.
Commander Reilly sah ihn etwas verwundert an.
„Gibt es noch etwas, Bruder Padraig?“
„Ich hätte für Planet Nummer 5 einen Namensvorschlag zu machen.“
Reilly zuckte die Schultern. „Bitte – wenn Ihnen Sinclair-Davis V nicht gut genug klingt, können Sie gerne einen Trivialnamen für diesen Eisplaneten auswählen, der dann später auch in die offiziellen Sternenkataloge eingetragen wird!“
„Wie wäre es mit Snowball?“, fragte Bruder Padraig lächelnd.
„Da dieser Name jetzt ohnehin nicht mehr aus unseren Köpfen zu verbannen sein wird – warum nicht?“, erwiderte Reilly.
5
Nirat-Son lauschte dem leisen Brummen. Er hatte diesen Wohlklang inzwischen gewöhnt. Das Brummen wurde durch eins der kleineren Energie-Aggregate erzeugt, das Teil des Energieversorgungssystems war. Dem Qriid war es gelungen, die Energieversorgung zumindest soweit wiederherzustellen, dass innerhalb der Pilotenkabine des Xabo-Raumers eine Temperatur herrschte, die jetzt deutlich über dem Gefrierpunkt lag. Sein Überleben war also gesichert, auch wenn der Sturm noch länger anhielt. Außerdem hatte Nirat-Son Nahrungsmittelkonzentrate gefunden, die bei der Xabo-Besatzung offenbar als Notrationen vorgesehen waren. Die regulären Nahrungsmittelvorräte waren von den Vielbeinern geplündert worden. Zumindest nahm Nirat-Son das an, denn er war auf ein paar Staukammern gestoßen, deren Außenwände die typischen Löcher aufwiesen, bei denen man davon ausgehen konnte, dass sich hier ein Vielbeiner mit seinen Beißwerkzeugen und den ätzenden Substanzen in seinem Maul durchgefressen hatte.
Von den Nahrungsmittelkonzentraten waren nicht alle für einen Qriid gefahrlos genießbar. Aber ein Teil schon und das bedeutete, dass er bei guter Einteilung eine längere Zeit in dem Wrack ausharren konnte.
Seinen Berechnungen zu Folge reichten die Energievorräte bei sparsamem Verbrauch zwei Wochen, die Nahrungsmittelkonzentrate sogar noch länger.
Und Wasser hatte er genug. Schließlich gab es Unmengen an Schnee, der auf das Wrack niederfiel und nur geschmolzen werden musste.
Regelmäßig erstattete Nirat-Son seinem Tanjaj-Nom einen kurzen Status-Bericht.
Immerhin erfuhr er auf diese Weise, dass die Besatzung der KLEINEN KRALLE bislang nicht von den Vielbeinern heimgesucht worden war. Allein der Herr weiß warum!, dachte Nirat-Son. Mal tauchten diese teuflischen Vielfraße in großer Zahl aus dem Eis auf und mal sah man lange Zeit nichts von ihnen, obwohl doch eigentlich die Gelegenheit zu einem Angriff ausgesprochen günstig war. Es war nicht nachzuvollziehen und je länger Nirat-Son darüber nachdachte, desto weniger Logik konnte er im Verhalten dieser gefräßigen Biester entdecken.
Die Zeit schien in dem kleinen Unterschlupf, den er gefunden hatte, stehen zu bleiben. Draußen toste der Sturm und es schien fast so, als würde er einfach nicht abflauen wollen. Die Wetterdaten, die ihm sein Ortungsgerät lieferte, ließen Nirat-Son hin und wieder hoffen. Die Windgeschwindigkeit und der Niederschlag gingen zeitweilig zurück, nur um dann einer besonders heftigen Phase dieses Unwetters als Ouvertüre zu dienen.
In der Flotte der Tanjaj hatte man über diesen Eisplaneten so gut wie nichts gewusst – und schon gar nichts über sein Klima, das einige gefährliche Besonderheiten aufzuweisen schien.
Mehrere Qriidia-Tage vergingen und Nirat-Son sah schließlich ein, dass er die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr auf die KLEINE KRALLE abschminken konnte. Der Tiefdruckwirbel, der den gegenwärtigen Sturm verursachte, schien sehr stabil ausgerechnet in der Region zu wüten, die sich die Besatzung der KLEINEN KRALLE für ihre Landung ausgesucht hatte.
Nirat-Son vertrieb sich die Zeit damit, weitere Systeme der Xabo-Technik zu reaktivieren. Was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Die Grundausbildung in Raumfahrttechnik, die der Tanjaj mitgemacht hatte, stieß dabei schnell an Grenzen.
Bei den wenigen und kurzen Gesprächen, die er mit Bras-Kon auf der KLEINEN KRALLE führte, versuchte der Tanjaj-Nom seinen Untergebenen immer wieder dazu zu drängen, etwas über den Zweck der offenbar geheimen Xabo-Mission herauszufinden.
Dazu war es wahrscheinlich nötig, den Hauptrechner zu reinitialisieren, was Nirat-Son auch versucht hatte. Allerdings war er aber bislang erfolglos gewesen. Und eigentlich wollte er auch seine stabile Energieversorgung durch Experimente gleich welcher Art nicht gefährden.
Andererseits war es natürlich auch in dieser Situation seine Pflicht gegenüber dem Aarriid und dem Imperium, das er in erster Linie der heiligen Sache diente, der er sich wie alle Tanjaj verschrieben hatte. Eine Sache, hinter der die Existenz des Einzelnen unweigerlich zurücktreten musste.
Innerhalb der ersten Qriidia-Woche, die er in seinem Unterschlupf verbrachte, versuchte er noch zweimal eine Reinitialisierung des Hauptrechners, ohne das es ihm dabei gelang, in das Hauptsystem vorzudringen. Der Bordrechner des Xabo-Raumers stürzte jeweils schon nach wenigen Augenblicken wieder ab.
Erst beim dritten Versuch, den Nirat-Son einige Qriid-Tage später unternahm, klappte es schließlich.
Danach musste er unzählige Sicherheitssperren überwinden. Anderseits lenkte Nirat-Son diese Tätigkeit von der Eintönigkeit ab. Außerdem musste er dann nicht dauernd über seine immer noch bedrohliche Lage nachdenken.
Es lenkte ihn ab, behutsam weitere Schritte in das Hauptsystem des Bordrechners zu machen. Die Übertragung des Zeichensatzes der Xabo sowie die Übersetzung der Menueangaben war kein Problem. Den Qriid war das Idiom der Xabo bestens bekannt. Schließlich hatten sie zahlreiche Abhörstationen betrieben, bevor sie das Volk der Lederflügler angegriffen hatten.
Der Translator des Qriid hatte also keinerlei Probleme mit de Menue-Anweisungen.
Die Nachforschungen Nirat-Sons ergaben schließlich erste Ergebnisse. So fand er heraus, dass der Name des Kleinraumers, mit dem die Xabo diese Eiswelt angeflogen hatten, FORSCHERGEIST war. Es handelte sich also um eine wissenschaftliche Mission, so glaubte Nirat-Son erkennen zu können. Andererseits fragte er sich, wie die Xabo angesichts ihrer eigentlich dich recht verzweifelten Lage es verantworten konnte, irgendwelchen Grundlagenforschungen nachzugehen, die keinerlei militärischen Hintergrund hatten.
Bei dem havarierten Xabo-Raumer war das nach Nirat-Sons Ansicht auch nicht der Fall.
Der Qriid schleuste das Programm in den Bordrechner des Xabo-Schiffs ein. Tatsächlich wurde er nach ein paar weiteren, ziemlich eintönigen Qriidia-Tagen endlich fündig.
Er fand Daten über Hinterlassenschaften einer Rasse, die von den Xabo die Erhabenen oder auch die Vergessenen genannt wurden. Diese Namen hatten durchaus ihren Sinn. Dieses Volk war nämlich vor langer Zeit ausgestorben, musste aber unendlich hoch entwickelt gewesen sein und hatte überall in diesem Seitenarm der Galaxis, das eine oder andere Artefakte hinterlassen.
Auf einer jener Welten, die die Xabo nach ihrer Flucht vor den Qriid in Besitz genommen hatten, war eine Station dieses offenbar vor Äonen verschwundenen Volkes gefunden worden. Der Inhalt der Datenspeicher war nicht mehr zu entschlüsseln gewesen. Jetzt suchten die Xabo fieberhaft nach weiteren Hinweisen auf diese uralte Spezies.
Die Absicht dahinter liegt doch auf der Kralle!, dachte Nirat-Son. Sie wollen an das technologische Erbe der verschollenen Zivilisation heran und hoffen, so ihre militärische Unterlegenheit wettmachen zu können!
Dieser Plan war nach Nirat-Sons Ansicht jedoch von vorn herein zum Scheitern verurteilt. Schließlich gehörte zur militärischen Überlegenheit keineswegs nur eine Überlegenheit der Waffentechnik. Viel entscheidender war der Faktor des Glaubens. Zu allem entschlossene Krieger im Dienst des Glaubens waren dazu im Stande, Dinge zu vollbringen, die die Ungläubigen niemals bewerkstelligen konnten.
Nirat-Son gab darüber einen Bericht an Bras-Kon weiter. Er verschickte außerdem ein paar charakteristische Daten aus dem Hauptspeicher des Bordrechners, sodass der Tanjaj-Nom nun die anderen Angehörigen der Beiboot-Crew sich ebenfalls Gedanken darüber machen konnten.
Bras-Kon hörte sich Nirat-Sons Bericht nachdenklich an.
„Du meinst also, dass die Xabo hier auf Korashan V gelandet sind, weil sie nach Hinweisen auf diese ‚Erhabenen’ gesucht haben“, schloss der Tanjaj-Nom.
„Das ist korrekt, ehrenhafter Tanjaj-Nom“, bestätigte Nirat-Son.
„Bei dem Oberflächen-Scan, der noch an Bord der KRALLE DER GLÄUBIGEN durchgeführt wurde, ist seinerzeit nichts besonders aufgefallen.“
„Die Ortungsdaten unseres Mutterschiffs müssten sich auf dem Bordrechner der KLEINEN KRALLE befinden“, sagte Nirat-Son. „Ich schlage vor, dass man sich dies noch einmal genauer ansieht…“
Es herrschte einige Augenblicke lang Schweigen und Nirat-Son wusste auch sofort, weshalb. Offenbar gefiel es Bras-Kon nicht, dass ein Rekrut ihm einen Vorschlag machte. Ich hätte mich vorsichtiger ausdrücken sollen, dachte Nirat-Son.
„Auch unsere Raumschiffe sind immer wieder auf Hinterlassenschaften einer offenbar vor sehr langer Zeit untergegangenen Zivilisation gestoßen“, sagte Bras-Kon schließlich und Nirat-Son war erleichtert darüber, dass dem Tonfall des Tanjaj-Nom keinerlei Verstimmung anzumerken war.
„Du sprichst von den Verstoßenen“, stellte Nirat-Son dann fest und dachte: Jetzt, da du dieses Thema angesprochen hast, kann ich es auch!
Tatsächlich waren auch die Qriid immer wieder auf Artefakte einer uralten Zivilisation gestoßen, die vor vielen Zeitaltern untergegangen sein musste. Die Überlieferungen der Qriid berichteten davon, es habe sich um Gottes erstes auserwähltes Volk gehandelt. Aber die Auserwählten wurden auf Grund der Tatsache, dass sie von Gott den Auftrag zur Errichtung der Göttlichen Ordnung bekommen hatten, überheblich. Ein äußeres Zeichen dafür war, dass sie ihre Schiffe mit einer Schicht aus leuchtendem Kristall überzogen, sodass sie prächtiger waren als die Schiffe aller anderen Völker.
Da sie Gott immer mehr missachteten und schließlich zu der Ansicht neigten, sie selbst seien Götter, wurden aus den Auserwählten schließlich die Verstoßenen. Der Überlieferung nach war Gottes Zorn dermaßen groß gewesen, dass er nicht nur ihre Zivilisation dem Untergang geweiht, sondern auch die Erinnerung an die körperliche Gestalt der Auserwählten getilgt hatte, sodass man sie schließlich auch die Vergessenen nannte.
Ein warnendes Beispiel seien jedem Qriid die Vergessenen, deren Schicksal den Gläubigen immer vor Augen halten sollte, wie schmal der Pfad tugendhafter Gottestreue sein kann, hieß es beschwörend in den Sprüchen des Ersten Aarriid. Eine Zeile, die auch Nirat-Son sehr gut in Erinnerung geblieben war.
„Gott wird es nicht zulassen, dass die Xabo uns mit Hilfe des Erbes der Vergessenen schädigen“, sagte Bras-Kon unterdessen in einem Tonfall, der eine tief empfundene Überzeugung ausdrückte. „Der Herr wird es nicht zulassen, dass das Heilige Imperium durch den Fluch unserer eitlen Vorgänger um die Früchte seiner Anstrengung gebracht wird!“
Und wenn Gott die Qriid damit prüfen will?, fragte sich Nirat-Son, der in dieser Frage die Glaubenszuversicht seines Tanjaj-Nom in keiner Weise teilte. Schließlich war es Teil der offiziellen Lehre, das Gott das Böse zuließ, um die Gläubigen zu prüfen und vor die Wahl zu stellen.
Die Aussage seines Tanjaj-Nom erschien Nirat-Son dagegen eher wie Zweckoptimismus.
Es gab viele, geradezu phantastische Geschichten über die Vergessenen und ihre Kriege. Wenn es den Xabo tatsächlich gelang, auch nur einen Bruchteil ihrer Waffe zu benutzen, so würde das die militärischen Kräfteverhältnisse zweifellos stark verändern.
„Mir scheint, dass die Forschungsmission der Xabo auf diesem Planeten ein Akt der Verzweiflung ist", war Bras-Kon überzeugt. „Unsere eigenen Wissenschaftler haben sich auf Dutzenden von Planeten bemüht, aus den Hinterlassenschaften der Vergessenen irgendeinen Nutzen zu ziehen. Schließlich heißt es ja ausdrücklich in der Weisheit des ersten Aarriid, dass man das Erbe der Vergessenen studieren möge, um aus ihren Sünden und Fehlern zu lernen. Und wenn in diesem Fall keine konkreteren Hinweise vorliegen..."
„Ich konnte die Logbücher des Xabo-Raumers bisher noch nicht vollständig sichten, aber es ist wohl so, dass ein schwacher fünfdimensionaler Impuls sie hier her gelockt hat."
„Dann sind die Xabo davon ausgegangen, hier tatsächlich eine Anlage der Vergessenen vorzufinden, die sich noch in einem aktiven Status befindet."
„Es sieht ganz danach aus. Leider kann ich von hier aus bislang keine Messungen im Fünf-D-Spektrum durchführen, da ich mit den Instrumenten des Xabo-Schiffs zu schlecht vertraut bin."
„Wir werden von der KLEINEN KRALLE aus Messungen durchführen", versprach Bras-Kon.
Der Tanjaj-Nom urbrach zunächst die Kom-Verbindung.
Die Qriid-Wissenschaft wusste, dass es ein fünfdimensionales Kontinuum gab. Aber da bislang aus dieser Erkenntnis keinerlei kriegswichtige, praktische Anwendung erfolgt war, hatte man dessen Erforschung nicht sehr intensiv betrieben. Dementsprechend gehörte ein Scan fünfdimensionaler Strahlungskomponenten auch nicht zu den Standard-Ortungsverfahren.
Nirat-Son war überrascht, als sein Tanjaj-Nom sich schon kurze Zeit später über Funk wieder bei ihm meldete.
„Es gibt tatsächlich eine 5-D-Strahlungsquelle auf diesem Planeten“, stellte er fest. „Und sie befindet sich ganz in deiner Nähe, Nirat-Son.“
„Sobald sich der Sturm gelegt hat, sollte man die Umgebung absuchen“, schlug Nirat-Son vor.
„Das würde kaum etwas bringen“, widersprach Bras-Kon. „Die 5-D-Strahkungsquelle ist sehr schwach und inzwischen wissen wir auch die Ursache dafür. Sie liegt nämlich auf dem Grund des Ozeans!“
6
Magoon stand auf den Karbon-Planken seines Eisseglers. Ein Gurt hielt ihn an Deck, denn ansonsten wäre er an einer derart exponierten Position ohne viel Deckung vom Wind einfach mitgerissen worden.
Der Kapitän des STURMTROTZERs bückte sich, befestigte einen speziell für diesen Zweck gefertigten Metallhaken in einer Schlaufe und sicherte sich auf diese Weise an einem zweiten Seil. Das erste konnte er jetzt lösen. Schwankend stand er da, ging unsicher ein paar Schritte, bis sich das Sicherungsseil spannte. Jetzt erst gewann er an Stabilität.
In der rechten Hand hielt er eine der rohrartigen, gebogenen Gegenstände, die die Schnabel bewehrten Fremden bei sich gehabt hatten, bevor die Vielbeiner sie vertilgt hatten.
Magoon klammerte seine Hand um den Griff der Waffe, der für seine Anatomie viel zu groß war. Der Kapitän des STURMTROTZERS trug nur die eng anliegenden, dünnen Unterhandschuhe. Die Kälte fühlte sich auf die Dauer schneidend an, aber mit den dicken Überhandschuhen war Magoon nicht in der Lage, den Mechanismus an dem rohrähnlichen Gegenstand auszulösen.
Einen Gegenstand, der nichts anders als eine Waffe war.
Magoon hob das Rohr noch ein paar Handbreit, sodass es schräg nach oben in den Nachhimmel zeigte.
Dieser Sturm war besonders lang und heftig. Seit mehreren Sonnenumläufen hatte es nicht mehr ein Unwetter dieser Intensität gegeben. Allenfalls die alten J’arakor erzählten von vergleichbaren Ereignissen.
Verzweifelt kämpften Dutzende von Männern auf den Eisseglern gegen den Wind an, sicherten sich ebenso wie ihr Großkapitän mit Seilen und überprüften die Ankertaue. Wenn ein Eissegler bei diesem Sturm in Bewegung geriet, war er mitsamt seiner Besatzung verloren. Schlimmer noch! Weitere Segler konnte schwer in Mitleidenschaft gezogen und deren Verankerungen im Eis zerstört werden.
Also mussten trotz der widrigen Witterungsbedingungen jemand raus in den Sturm, um dafür zu sorgen, dass sich nichts lockerte und keines der Taue langsam durchscheuerte. Das Material war unter diesen Bedingungen von extremer Kälte und mörderischen Windgeschwindigkeiten einer ausgesprochen starken Belastung ausgesetzt, der es nicht ohne weiteres standhielt. Selbst die harten Karbonfasern konnten durchaus manchmal brechen. Berstende Masten hatten schon so manche Hütte unter sich begraben.
Magoon betätigte nun den Mechanismus der Waffe.
Ein grünlicher Strahl schoss durch die eiskalte, Schnee getränkte Luft und verlor sich schließlich im Grau der dunklen Nachtwolken.
Für einen Augenblick war es hell.
Diese Lichterscheinung ähnelte von der Helligkeit her einem grotesk verfärbten Blitz, nur dass es Magoon gelungen war, seinen Blitz gewissermaßen anzuhalten. Ihn wie in einem Kontinuum gefrorener Zeit erstarren zu lassen.
Er drückte noch immer auf den Auslösemechanismus.
Selbst jenseits der grauen Wolkenschicht war der Strich aus grünem Licht, der in die Unendlichkeit hinaufstrahlte, noch überraschend deutlich zu sehen.
Dann verebbte der Strahl.
Die J’arakor blickten von ihrer Arbeit auf. Kein Sicherungshaken und kein Knoten in den geschmeidigen Algenseilen waren angesichts dessen, was gerade geschehen war, wichtig genug. Sie starrten einfach nur zu ihrem Großkapitän, dessen hoch aufragende Gestalt sich wie ein dunkler Schatten abhob.
„In den Werkzeugen der Schnabelträger steckt viel Macht!“, rief er den J’arakor zu. Seine Worte wurden vom Wind verschluckt. Aber Magoon sprach mit der Stimme. Das war anstrengender, aber unter den Bedingungen dieses Sturms war auch für die Ankerwerfer untereinander gar keine andere Art der Kommunikation möglich.
Magoon war zumindest sicher, dass jeder ihn verstanden hatte. Er konzentrierte sich noch einmal auf das Bild des grünen Stahls, der zum Himmel gezischt war, die Luft und die Wolken wie die Schneide eines Messers geteilt hatte, um sich schließlich irgendwo in der Unendlichkeit zu verlieren.
Auch dieses Bild würde – zusammen mit den Worten, die in der Stimme sprach, direkt die Köpfe der anderen J’arakor erreichen.
Er hatte schließlich einige Erfahrung darin, die Stimme mit Bildern zu kombinieren. Das, was die Augen seinem Gehirn dafür lieferten, waren nicht viel mehr als Rohstoffe. Farben für ein Gemälde, das er anschließend in die Köpfe der anderen J’arakor projizierte.
„Eine große Macht wohnt in den Werkzeugen der Schnabellosen“, verkündete er noch einmal und wog das gebogene Rohr in seiner Hand. „Eine Macht, die uns helfen könnte, Feinde zu vertreiben.“
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Sie stammte von Digoon, einem J’arakor, der so alt war, dass niemand genau zu sagen wusste, wann und wo er geboren wurde. Trotz seine Alters beteiligte er sich aber beispielsweise immer noch an den Befestigungsarbeiten an den Eisseglern, auch wenn er inzwischen nicht mehr als Treiber der Vielbeiner unterwegs war, da er für die dabei zu erduldenden Strapazen nun inzwischen wohl definitiv zu alt war.
„Was wird die SEELE ALLER dazu sagen?“
Eine Frage, die offenbar viele im Verbund beschäftigte.
„Vielleicht sollen wir uns nicht nur auf die SEELE ALLER verlassen!“, sagte der Großkapitän. Er senkte die Waffe trat näher an den die Reling heran. Das Seil, das ihn sicherte, erlaubte es ihm, sich der Reling bis auf etwa einen halben Schritt zu nähern, wenn er hoch aufgerichtet war. Er hielt das Rohr auf eine freie, von Schnee inzwischen bedeckte Eisfläche, in der ausnahmsweise kein einziger Anker zu finden war.
Dann feuerte er die Waffe erneut ab.
Zischend fuhr der Strahl in das Eis hinein und ließ es weg schmelzen.
„Ich gebiete über die Kraft der Schnabelträger!“, rief Magoon.
„Das ist Frevel an der SEELE ALLER!“, rief der Alte indessen. Und seine Stimme hatte noch erstaunlich viel Kraft, wie Magoon zu seinem Missfallen feststellen musste.
Doch er vernahm auch Signale der Zustimmung.
Und der Furcht.
7
„Ich habe deine Worte gehört“, sagte Katreen, als Magoon mit halb erfrorenen Händen in seine Hütte zurückkehrte. „Und ich habe die Bilder gesehen, die du uns allen gesandt hast.“
In ihrem Tonfall war ein deutlicher Vorwurf zu hören.
Sie brauchte nicht einmal mit der Stimme zu sprechen, damit er wusste, was in ihren Gedanken vor sich ging.
Magoon wog die Waffe in seiner Hand. Dann schob er sie hinter den Gürtel. Er schlug die Kapuze zurück und legte die Gesichtsmaske ab, die nur die Augen freiließ und die er draußen getragen hatte. Dann setzte er sich wieder ans Feuer. Seine Söhne starrten ihn ebenso fassungslos an wie seine Gefährtin. Es herrschte Schweigen. Sowohl akustisch, als auch in den Gedanken.
„Es ist gegen die Gesetze der SEELE ALLER, was du tust!“, sagt Katreen.
„Nein, ich habe dir erklärt, dass das nicht der Fall ist, Katreen!“
„Dann scheint sich unsere Erinnerung des Überlieferten zu unterscheiden!“
„Du weißt, dass das unmöglich ist, Katreen!“
„So?“
„Seit die SEELE ALLER uns erfüllt, unterscheiden sich unsere Erinnerungen an das Überlieferte nicht mehr von einander. Das weißt du.“
„Willst du mich jetzt am ende noch als die Frevlerin hinstellen? Willst du behaupten, dass ich an der SEELE ALLER zweifle?“ Sie schüttelt energisch den Kopf. „Ich sage nur, was ich denke und empfinde. Und ich höre viele Stimmen, die dasselbe sagen. Aber sie haben Angst, es offen zu äußern. Furcht erfüllt sie, weil sie gesehen haben, was du mit der Waffe des Schnabelträgers getan hast!“
Magoon nickte.
Ein zufriedenes Lächeln stand auf seinem Gesicht. „Ich werde dasselbe auch mit den anderen Gegenständen tun, die die Schnabelträger hier zurückgelassen haben. Nach und nach werde ich ihnen ihre Geheimnisse entreißen und lerne, sie zu benutzen!“
Die Tür der Hütte ging auf.
Eine düstere Schattengestalt stand dort. Das flackernde Licht erhellte nicht, was sich unter der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze befand.
Der Mann machte einen Schritt nach vorn, in das Licht des Feuers hinein. Er streckte seine Hände aus, während Magoons ältester Sohn zur Tür eilte und sie so rasch wie möglich schloss. Der Schwall Kaltluft, der jedoch in den Augenblicken zuvor ins Innere der Hütte gelangt war, ließ dennoch alle Anwesenden frösteln.
„Digoon!“, stieß Katreen hervor. Sie benutzte dabei unwillkürlich und ohne darüber nachzudenken die Stimme. Magoon erkannte sofort, was seine Gefährtin bewegte. Sie war erleichtert, dass der hoch respektierte Alte ihre Hütte betreten hatte. Vielleicht würde Digoons Weisheit und Alterserfahrung ihren Gefährten Magoon wieder auf den richtigen Pfad zurückbringen. Nämlich auf den Weg des einfachen, an die Umgebung angepassten Lebenswandels, der ohne irgendwelche technischen Systeme ausgekommen war.
Nicht einmal Zeichen besaßen die J’arakor, um das Überlieferte aufzuzeichnen. Was nicht mehr in den Erinnerungen der Lebenden existiert, existiert gar nicht mehr! hieß es in den Überlieferungen, die die SEELE ALLER für die J’arakor bewahrte.
„Ich muss mit dir sprechen“, sagte Digoon und dabei vermied er es sichtlich, die Stimme zu benutzen. Er blieb auf einer rein akustischen Kommunikationsebene und schwieg.
Auch eine Art sein Missfallen zu äußern!, ging es Magoon durch den Kopf. Aber ich kann nicht nachgeben! Um unseres Verbunds willen nicht – aber auch nicht, wenn ich versuchen will, den J’arakor eine Zukunft zu sichern, die diesem Volk würdig ist!
„Und es ist deiner Meinung nach nicht der Würde der J’arakor entsprechend, wenn sie so leben, wie sie es seit vielen Zeitaltern tun?“, fragte Digoon schließlich.
Der Schrecken stand Magoon ins Gesicht geschrieben. Dazu eine gedankliche Frage. Wie weit gehen seine Fähigkeiten? Offenbar viel weiter, als ich ahnte…
Er würde auf der Hut sein müssen. Großkapitäne – und selbst Kapitäne einfacher Eissegler – waren schon aus viel nichtigeren Anlässen getötet worden.
„Darf ich mich in deiner Hütte setzen, Magoon?“, fragte Digoon.
„Natürlich!“
„Immerhin hast du mich nicht dazu aufgefordert, wie es sich gegenüber einem Schiffsältesten geziemt hätte!“
„Dann tue ich es jetzt und bitte um Entschuldigung.“
Mit einem unartikulierten Knurren auf den Lippen setzte sich der alte Mann schließlich und es dauerte eine Weile, bis Digoon endlich eine passende Position eingenommen hatte.
„Du weißt, dass die Überlieferung die J’arakor davor warnt, sich auf die Macht von Maschinen zu verlassen!“, sagte er. „Unser Volk konnte nur überleben, weil wir uns mit der SEELE ALLER verbanden. Nur so bekamen wir die Macht, die man braucht, um die Vielbeiner zu treiben.“
„Das ist mir alles bekannt“, erwiderte Magoon. „Aber ich glaube sei längerem, dass wir uns weiter entwickeln sollten.“
„Du glaubst wohl eher, dass du der jüngste Wegbestimmer der J’arakor werden kannst, der jemals dieses Amt innehatte! Du denkst, dass du die anderen Großkapitäne mit ein paar bunten Strahlen beeindrucken kannst.“ Der alte Mann seufzte. „Die Leichtfertigkeit hat in unser Leben Einzug gehalten und die geistige Tiefe verdrängt. Die Disziplin der Stimme ist immer schlechter geworden und viele von uns vernachlässigen die Verbindung zur SEELE ALLER. Ich beklage das seit langem, aber meine warnenden Rufe verhallen weitgehend ungehört, wie du sehr wohl weißt.“
„Vielleicht, weil sich die Zeit verändert hat!“
„Was hat sich denn verändert? Nichts.“
„Das ist deine Meinung, Digoon. Nimm es nicht als mangelnden Respekt vor dem Alter oder unserer Tradition.“
„Hast du dich deswegen bisher geweigert, die Fremden vollends vom Antlitz dieses Planeten zu tilgen?“
„Ich habe mich nicht geweigert.“
„Du hast sie der SEELE ALLER verschlossen.“
„Das ist nicht wahr. Als ich den Befehl erhielt, habe ich ihn ausgeführt und die Gruppe der fliegenden Schnabelträger von den Vielbeinern zerfleischen lassen. Auf diese Weise konnte ich meine Sammlung von Artefakten vergrößern…“
„Aber es sind weitere von ihnen noch am Leben! Sie harren in ihrem Sternenschiff aus, dessen Außenhülle bis jetzt noch von keinem Vielbeiner durchdrungen wurde!“
„Und es wäre auch gut, wenn das so bliebe!“, erwiderte Magoon. „Denn die Sternenschiffe sind nur in einem äußerlich unbeschädigten Zustand flugfähig.“
„Wer sagt das?“
„Die Überlieferung ebenso wie die Erfahrung“, erklärte Magoon im Brustton der Überzeugung.
Ich werde noch viele Widerstände überwinden müssen!, dachte er. Aber in diesem Augenblick war er mehr denn je überzeugt davon, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Einen Weg, der ihn persönlich in die Position des Wegbestimmers bringen würde. Aber wenn ich diese Position ausfülle, wird sie ihren Namen auch wieder verdienen und nicht nur ein Sklave der SEELE ALLER sein. Ich werde tatsächlich den Weg bestimmen. Allein.
Dieser Gedanke berauschte ihn.
Er war besessen davon, seit er festgestellt hatte, dass es Mittel und Wege ab, sich von der SEELE ALLER zumindest zeitweilig abzuschirmen. Er hatte das inzwischen bis zur Perfektion trainiert. Die Fremden, die versuchten, den Sturm zu überleben, wollte er möglichst lange am Leben lassen, auch wenn im klar war, dass er sich letztlich nicht gegen den Willen der SEELE ALLER wehren konnte.
Magoon wollte etwas wagen, das er sich bisher kaum zu denken getraut hatte. Er beabsichtigte Kontakt zu den Fremden aufzunehmen… Und das, obwohl sie nun wahrlich nicht der Gestalt J’arakor entsprachen. Nur wenn Fremde kommen, die aussehen wir ihr selbst und von denen ihr glaubt, sie seien eure Spiegelbilder aus jener Zeit, in der eure Vorfahren in Sternenschiffen von einem großen Licht zum anderen flogen, dürft ihr sie als Gäste empfangen, so berichtete die Überlieferung, die in der SEELE ALLER gespeichert war und zu der jedes J’arakor-Bewusstsein jederzeit Zugang hatte. Doch ein mahnender Nachsatz fand sich noch in der Überlieferung. Tut dies jedoch nur, wenn die Fremden die SEELE ALLER respektieren!
Bilder gehörten zu dieser Überlieferung.
Sie stellten sich automatisch ein, wenn man an bestimmte Sätze der Überlieferung dachte, die von der SEELE ALLER als besonders bedeutsam angesehen wurde. Es waren Bilder von fremden Sternenschiffen, die eines Tages Arakor erreichen würden. Irgendwann, in ferner Zukunft. Schiffe, die dann auf der Oberfläche von Arakor landeten und denen dann Wesen entstiegen, die den J’arakor glichen.
Einer Wunschvorstellung, die offenbar von den Ahnen in einer unvorstellbar fernen Zeit gehegt wurden, als die Erinnerung an die Sternenschiffe und die Maschinen noch frisch war. Eine Zeit, in der es angeblich die Möglichkeit gegeben hatte, über weite Entfernungen mit einander zu sprechen, ohne die Stimme zu benutzen, deren Gebrauch den J’arakor erst die SEELE ALLER ermöglicht hatte.
„Ich möchte, dass du von deinen blasphemischen Ideen Abstand nimmst!“, sagte Digoon entschlossen. „Und ich weiß im übrigen, dass viele so denken! Die Reaktion der Ankerwerfer mag dich vielleicht etwas getäuscht haben – aber die meisten unter uns sehen nach wie vor die SEELE ALLER als die entscheidende Instanz an. Sie wissen sehr wohl, dass auf diejenigen, die sich von ihr innerlich entfernen, nur Tod und Verderben warten. Heißt es nicht: Selig sind diejenigen, die den Traum von den Sternschiffen vergessen konnten?“
„Du weißt, dass man in der Überlieferung jede nur erdenkliche Meinung vorfinden kann – aber auch das jeweilige Gegenteil!“, gab Magoon zu bedenken.
„Du entehrst die SEELE ALLER!“
„Oh nein, ich sage nur, was doch als Tatsache feststeht!“
Digoon erhob sich wieder.
Der Alte war empört.
Er trat einen Schritt zurück, drehte sich noch einmal kurz um und verzog das Gesicht.
Er ahnt, dass er nicht die Kraft hat, mich zu stoppen!, dachte Magoon. Ein kaltes Lächeln erschien auf seinen Lippen. Wenn du noch etwas gegen mich unternehmen willst, solltest du dich beeilen! Schon bald wirst du nichts mehr tun können, als dich bedingungslos zu unterwerfen!
Kapitel 3: Ein Mönch namens Padraig
Zusammen mit Morton Gorescu, dem leitenden Ingenieur der STERNENKRIEGER und Catherine White, dem ziemlich ehrgeizigen Fähnrich im Techniker-Team der STERNENKRIEGER befand sich Bruder Padraig in Kontrollraum C. Eigentlich war dieser Raum dazu gedacht, die Raketensilos zu kontrollieren. Im Moment wurden hier jedoch Messungen ausgetestet, die von den Sensoren der STERNENKRIEGER gemacht worden waren.
Es ging um die rätselhaften Strahlungsimpulse, die aufgezeichnet worden waren.
Zeitweilig stieß auch die Ortungsoffizierin zu dem Team in Kontrollraum C. Lieutenant Jessica Wu wurde während dieser Zeit von Fähnrich Sara Majevsky vertreten. Diese Strahlung wiese vollkommen irreguläre Eigenschaften auf.
Unter der Federführung von Bruder Padraig wurde hier daran gearbeitet, herauszufinden, was diese Impulse zu bedeuten hatten.
Bislang tappte man allerdings ziemlich im Dunkeln.
„Der Fehler könnte in den Rohdaten liegen“, war Lieutenant Gorescu überzeugt.
„Die Erfassung lief vollkommen regulär ab, Lieutenant!“, widersprach die Ortungsoffizierin dem Leitenden Ingenieur. Jessica Wu hob die Augenbrauen, während sie ihre vorherige Aussage anhand einiger Anzeigen auf verschiedenen Touch Screens noch einmal überprüfte.
Bruder Padraig hingegen schwieg verdächtig lange. Er ging ab und zu hinaus, lief im Maschinentrakt herum und kehrte später zurück, ohne sein Verschwinden in irgendeine Art und Weise zu begründen. Sein Blick war in sich gekehrt.
Catherine White wartete gespannt darauf, was dieser Mann ausbrüten würde. Sie hatte interessiert und vollkommen in den Bann geschlagen an den Lippen des Olvanorer-Mönchs gehangen.
Schließlich kehrte Bruder Padraig zurück. Er fand Gorescu und White in eine erregte Diskussion verwickelt vor, bei der es um Einzelheiten des Messverfahrens ging. Schließlich musste jegliche Fehlerquelle ausgeschlossen werden.
Bruder Padraig setzte sich sofort an das Terminal, über den man Zugang zu den Archiven des Bordrechners bekommen konnte. Seine Finger glitten mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit und Sicherheit über die Sensorfelder. Er öffnete mehrere Menues und hatte schließlich gefunden, wonach er suchte.
Die Unterhaltung zwischen White und Gorescu war in der Zwischenzeit verstummt.
„Ich wusste es!“, meinte Bruder Padraig und schnipste mit den Fingern.
„Entschuldigen Sie, aber ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen, Bruder Padraig!“, stellte Lieutenant Gorescu klar.
Und Catherine White erging es nicht anders. Sie verschränkte die Arme unter der Brust und sah den Olvanorer erwartungsvoll an.
„Sagt Ihnen der Begriff X-Raum etwas?“, fragte er.
„Ein Kontinuum, auf dessen Existenz ein ziemlich unvollkommener Überlichtantrieb beruhte“, erklärte Catherine White.
Bruder Padraig nickte. „Richtig… Allerdings ist das schon lange her.“
„Ich habe im Rahmen einer Vorlesung auf der Ganymed-Akademie davon gehört“, berichtete White. „Es ging um die Geschichte der Überlichttechnik. Und so wie ich mich erinnere, hatte der X-Raum-Antrieb den entscheidenden Nachteil, dass nach und nach Schiffe im Nirwana eines höher dimensionalen Kontinuums verschwanden.“
Bruder Padraig nickte. „Stimmt genau. Ich habe jetzt die aufgezeichneten Werte mit den Archivdaten verglichen. Es könnte sich bei den Anomalien dieser Strahlung um eine fünfdimensionale Komponente handeln.“
„Strahlung aus dem X-Raum?“, fragte Gorescu skeptisch. „Das klingt mir jetzt doch ein bisschen zu phantastisch.“
„Aber fällt Ihnen denn eine andere Erklärung ein?“, fragte Bruder Padraig zurück. „Der X-Raum ist eine der wenigen bekannten Quellen für Fünf-D-Strahlung!“
„Die wir im Übrigen nur sehr unzureichend messen können, wie unsere Probleme mit den Rohwerten aus der Sensoren-Erfassung deutlich zeigen“, merkte Catherine White an.
„Das mag sein. Aber ich denke, wir können festhalten, dass es sich nicht um ein Naturphänomen handelt, sondern um künstlich erzeugte Impulse, die ihren Ursprung auf Snowball haben.“
„Könnte es sich um ein Kommunikationssignal handeln?“, fragte Lieutenant Wu. „Ich meine, wenn Informationsübertragung durch den Sandströmraum möglich ist, wie unser Überlichtfunk beweist, dann ist etwas vergleichbares doch vielleicht auch auf Basis des X-Raums denkbar!“
„In diesem Fall wären die Impulse, die wir aufzeichnen, nichts anderes als eine Art Normalraum-Resonanz des eigentlichen Signals“, meinte Catherine White.
„Leider können wir letzteres mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln wohl kaum empfangen, geschweige denn entschlüsseln“, glaubte Lieutenant Morton Gorescu.
Bruder Padraig zuckte die Schultern. „Immerhin sind wir uns schon mal darüber einig, dass sich auf Snowball ein Sender befindet. Es müsste sich ortungstechnisch noch etwas genauer bestimmen lassen, wo der Ursprung des Signals auf der Planetenoberfläche ist!“
„Das hängt davon ab, wie Sie Oberfläche definieren“, erklärte Jessica Wu, nachdem sie mit ihren schlanken, langen Fingern einige Sensorfelder berührt hatte. „Der Sender liegt wahrscheinlich auf dem Grund des Ozeans, der sich unter dem Eispanzer von Snowball befindet.“
Eine Alarmmeldung erreichte in diesem Augenblick Kontrollraum C.
Die STERNENKRIEGER bereitete sich auf ein Gefecht vor.
1
Commander Reilly blickte zum Panorama-Bildschirm. In einem Bildfenster war eine Positionsübersicht zu sehen, die die letzte Kursänderung des Qriid-Schiffs veranschaulichte und außerdem dessen Weg extrapolierte.
Die Lage war klar.
Aus irgendeinem Grund schien die Ortung des Qriid-Schiffs auf die STERNENKRIEGER aufmerksam geworden zu sein. Anders war die Kursänderung nicht zu interpretieren. Woran es letztlich gelegen hatte, dass die Tarnung des Schleichflugs nicht mehr funktionierte, konnte von der Brücke des Leichten Kreuzers aus nicht beurteilt werden. Dazu wusste man einfach zu wenig über die ortungstechnischen Möglichkeiten der vogelköpfigen Aggressoren. Allerdings reichte irgendeine unscheinbare elektromagnetische Emission, um ein Schiff im Schleichflug zu enttarnen. Die Signatur der Lebenserhaltungssysteme konnte dafür ebenso gut verantwortlich sein wie jedes andere System, das nicht abgeschaltet werden konnte. Und eine völlige Abschirmung war nicht möglich. Irgendetwas drang immer hinaus ins All. Gerade in der Nähe von Fixsternen waren Raumschiffe letztlich auch sehr darauf angewiesen, die Energie wieder abzugeben, die sie durch das Sonnenlicht empfingen. Andernfalls hätte sich das Innere des Schiffs nach und nach aufgeheizt. Trotz der Kälte des Weltalls war eines der Hauptprobleme in der Raumfahrt von jeher die Ableitung der durch Sonnenstrahlung entstandenen Wärme gewesen, was etwa durch Infrarot-Abstrahlung in den freien Raum geschehen konnte.
Doch auch die ließ sich orten…
„Der Kurs des Qriid-Schiffs lässt keinerlei Zweifel daran, dass wir erkannt wurden“, erklärte Lieutenant Barus, der Waffenoffizier der STERNENKRIEGER an Commander Reilly gewandt.
„Sie fliegen einen Abfangkurs“, bestätigte Fähnrich Rajiv. „Und da ihre Geschwindigkeit sehr viel höher ist als unsere, werde sie uns unweigerlich einholen.“
Die STERNENKRIEGER flog gegenwärtig mit einer Geschwindigkeit von unter 0,1 LG auf Snowball zu und hatte in den vergangenen Stunden stetig abgebremst, während das Qriid-Schiff beschleunigte. Zunächst war auf der Brücke der STERNENKRIEGER vermutet worden, dass die Qriid eigentlich einen Sandströmflug anstrebten und das System zu verlassen gedachten, ehe schließlich der deutliche Kurswechsel zu erkennen gewesen war.
„Was ist, wenn wir auf Maximalgeschwindigkeit gehen und auf einen Tangentialkurs am Orbit von Snowball vorbei schrammen?“, fragte Commander Reilly den Fähnrich.
Rajiv war sehr eifrig bei der Sache, denn ihm war durchaus bewusst, dass dies der bisher erste Einsatz seiner Laufbahn war, in dem es wirklich ernst werden konnte.
Fähnrich Rajiv ließ eine Simulation ablaufen, in der die Kursänderungen unter geänderten Prämissen simuliert wurden.
Das Ergebnis war deprimierend.
„Die STERNENKRIEGER hat keinerlei Möglichkeit, einer Gefechtssituation zu entkommen, da die Qriid auf eine kriegerische Begegnung Wert legen und es ihnen nicht ausreicht, uns zu verscheuchen“, erklärte Fähnrich Abdul Rajiv. „Sie werden uns abfangen, auf Parallelkurs gehen und beschießen. Auf der Positionsübersicht habe ich den Punkt markiert, der dafür in Frage kommt.“
„Sollen wir trotzdem beschleunigen oder den Gegner erwarten?“, fragte Lieutenant Commander Soldo an Commander Reilly gewandt.
Bevor der Captain der STERNENKRIEGER antworten konnte, meldete sich Fähnrich Majevsky zu Wort.
„Captain! Wir fangen einen Notruf von der Oberfläche des Planeten Snowball auf. Dem verwendeten Code nach handelt es sich vermutlich um ein Beiboot der Qriid.“
„Können Sie die Botschaft entschlüsseln?“, fragte Commander Reilly.
„Der Bordrechner ist noch damit beschäftigt“, erklärte Fähnrich Majevsky. „Aber es läuft darauf hinaus, dass sich die Besatzung des Beibootes in höchster Gefahr befindet und Hilfe braucht. Außerdem gibt es eine Warnung vor einem Angreifer. Dann bricht die Nachricht ab.“
„Das bedeutet, jede Hilfe kommt wohl zu spät für das Qriid-Außenteam“, stellte Thorbjörn Soldo nüchtern fest.
Commander Reilly nickte. „Wir erwarten den Feind im Orbit von Snowball!“, bestimmte er. „Ruder!“
„Ja, Sir?“
„Nehmen Sie entsprechende Kurskorrekturen vor!“
„Aye, aye, Captain.“
„Bis zum Zusammentreffen mit den Qriid bleiben uns ja noch ein paar Stunden Zeit. Sobald Sie in den Orbit von Snowball eingeschwenkt sind, rufen Sie bitte Lieutenant Ramirez auf die Brücke.“
„Ja, Sir.“
Rajivs Gesicht bekam eine finstere Note. Es war ihm anzusehen, dass es ihm nicht gefiel, seinen Platz für Lieutenant Ramirez räumen zu müssen. Aber in der bevorstehenden Gefechtssituation wollte sich Commander Reilly lieber auf das erfahrenere Crew-Mitglied verlassen.
„Captain, uns erreicht ein Funkspruch des Qriid-Schiffes!“, meldete Fähnrich Majevsky. „Da diese Transmission unverschlüsselt ist, dürfte unser Translatorsystem keinerlei Schwierigkeiten mit der Übersetzung haben.“
„Auf den Schirm damit!“, befahl Commander Reilly. „Und holen Sie Bruder Padraig her!“
„Der befindet sich im Maschinentrakt.“
„Dann sorgen Sie dafür, dass er im Konferenzmodus zugeschaltet wird, Fähnrich Majevsky!“
„Ja, Sir!“
Auf den Rat des Olvanorers wollte Commander Reilly nicht verzichten.
Auf dem Panoramabildschirm wurde die schimmernde, weiße Kugel namens Snowball von einem Bildausschnitt abgelöst, der vielleicht einen Teil der Brücke des Qriid-Schiffs zeigte.
„Vermutlich haben sie auch noch auf anderen Planeten dieses Systems Landeteams abgesetzt“, raunte Thorbjörn Soldo seinem Captain zu.
Ein Qriid-Kopf füllte jetzt den Großteil des Bildausschnitts aus. Der gebogene Schnabel öffnete sich leicht. Die falkengrauen, recht weit auseinander stehenden Augen machten auf Willard Reilly beinahe den Eindruck, als würden sie in verschiedene Richtungen blicken.
„Hier spricht Tan-Balo, ehrenhafter Tanjaj-Kommandant des Kriegsschiffs KRALLE DER GLÄUBIGEN im Dienst des Heiligen Imperiums.“ Der Qriid nahm Haltung an. An der Brust seines Tunika artigen Gewandes hing ein halbes Dutzend Metallplaketten, bei denen es sich wohl nur um Orden- und Ehrenzeichen handeln konnte. Manche Dinge scheinen sich bei allen militärischen Hierarchien der Galaxis zu ähneln!, dachte Reilly.
Tan-Balo machte eine rhetorische Pause. Er stieß einen grollenden Laut aus, der tief aus der Kehle kam und entfernt an das Gurren einer Taube erinnerte. Willard Reilly fragte sich, welche Bedeutung diese Verhaltensweise hatte. Handelte es sich vielleicht um einen nonverbalen Ausdruck der Geringschätzung? Das Translatorsystem verfügte zwar über genug gespeichertes Qriid-Sprachmaterial, aber was den Bedeutungsgehalt nonverbaler Äußerungen anging, so herrschte da bislang völlige Unkenntnis. Dasselbe galt für den kulturellen Hintergrund der Qriid, über den nur wenige markante Fakten bekannt waren.
Bruder Padraigs Gesicht erschien jetzt auf einem der Nebenbildschirme.
Tan-Balo fuhr unterdessen fort: „Es ergeht die Aufforderung, sich zu ergeben und das Schiff den tapferen Glaubenskriegern des Imperiums ohne Widerstand zu übergeben. Andernfalls ist euch die Vernichtung gewiss!“
„Schalten Sie den Kanal frei, Fähnrich Majevsky!“, wies Reilly die Funkerin an. „Ich möchte Kommandant Tan-Balo gerne meine Antwort geben.“
„Kanal ist frei, Captain!“, bestätigte Fähnrich Majevsky.
„Hier spricht Commander Willard Reilly, Captain des Leichten Kreuzers STERNENKRIEGER im Dienst des Space Army Corps der Humanen Welten. Wir sind nicht in kriegerischer Absicht hier, sondern in einer reinen Forschungsmission!“
„Ihr betreibt Aufklärung“, erwiderte Tan-Balo. „Und das in einem Gebiet, das vom durch Gott inspirierten Aarriid für sich und das Heilige Imperium beansprucht wird! Das ist eine aggressive militärische Aktion und hat mit einer Forschungsmission nicht das Geringste zu tun.“
Er ist der Wahrheit gefährlich nahe!, dachte Willard Reilly.
„Wie gesagt, ich würde ein Gefecht gerne vermeiden!“
„Weil du weißt, dass du dich auf Grund der Geschwindigkeitsunterschiede in einem taktischen Nachteil befindest, Captain Reilly!“, erwiderte Tan-Balo. Diesmal musste man nicht viel in die krächzenden Laute hinein interpretieren, die der Qriid-Kommandant über den Schnabel brachte, um zu begreifen, welchen Triumph er empfand.
Leider hat er weitgehend Recht!, dachte Reilly. Aber wenn er glaubt, dass ihm die STERNENKRIEGER als leichte Beute in den Schlund fällt, dann hat er sich getäuscht!
Den Beweggrund des Qriid-Kommandanten, auf ein Gefecht möglichst zu verzichten und den Menschen die Aufgabe anzubieten, konnte Reilly durchaus nachvollziehen. Wahrscheinlich war es jedoch weniger der Wunsch, ein Gefecht vermeiden zu wollen, als vielmehr die Erkenntnis, wie wertvoll es sein konnte, ein Schiff des – zukünftigen – Gegners in die Hände zu bekommen. Umgekehrt würde auch das Oberkommando des Space Army Corps viel darum geben, die Waffensysteme eines Qriid-Schiffs endlich mal aus der Nähe und bis ins kleinste Detail untersuchen zu können!, dachte Reilly.
„Ihr habt keine Chance zu entkommen“, erklärte Tan-Balo. „Mein Schiff, die KRALLE DER GLÄUBIGEN wird ihrem Namen alle Ehre machen und euer Schiff zumindest manövrierunfähig schießen. Darüber hinaus wurde die Tanjaj-Flotte alarmiert. Es sind Dutzende von Einheiten hier her unterwegs. Die meisten davon setzen sich von einem der umliegenden Systeme aus in Bewegung, die wir derzeit allesamt besuchen, um ihre Integration in das Imperium sicherzustellen, bevor…“
„Bevor der Heilige Krieg in eine weitere Etappe geht!“, schloss Commander Reilly. „Das ist es doch, nicht wahr?“
Tan-Balo zögerte. „Ich höre in dieser Äußerung so etwas wie moralische Geringschätzung für das Handwerk des Kriegerischen, was mich persönlich sehr erstaunt, denn wie du selbst gesagt hast, gehört dein Schiff einem Verbund an, der für die militärische Verteidigung zusammengestellt wurde! Wie kann ein Angehöriger einer militärischen Organisation jedoch den Krieg, für den er geboren wurde, moralisch in Frage stellen? Ich bitte um Verzeihung, aber dieses Paradox ist in meinen Augen nicht aufzulösen.“
„Wie auch immer, ich werde das Schiff nicht aufgeben!“
„Wir würden das Leben deiner Besatzung schonen und euch auf einem Planeten eurer Wahl im Umkreis von zehn Lichtjahren absetzen“, schlug Tan-Balo fort. „Wir wissen, dass dein Volk feige ist und im Gegensatz zu den ehrenhaften Tanjaj den Tod fürchtet wie das Schlupf-Ei den plötzlichen Frost!“
Commander Reilly atmete tief durch. Welch profunde Kenntnis unserer menschlichen Mentalität schimmert doch in diesen Worten auf!, überlegte er voller Sarkasmus. Andererseits konnte man auf Seiten des Space Army Corps wohl kaum behaupten, im Hinblick auf das Wissen über die Qriid besser dazustehen. Abgesehen, dass man wusste, wie gefährlich sie waren und wie kompromisslos sie gegen ihre Feinde vorgingen, war nicht vieles bekannt. Bruchstücke nur.
Der Qriid ballte die großen Krallenpranken zum qriidischen Äquivalent zweier Fäuste. Er musste sich sichtlich beherrschen, um nicht irgendwelche wüsten Drohungen oder Flüche von sich zu geben.
„Wir würden deiner Mannschaft sogar einen kleinen Überlichtsender zur Verfügung stellen, sodass eine Rettung möglich wäre!“, gab er zu bedenken. Sein Gemütszustand schien angegriffen zu sein.
„Wir brauchen Bedenkzeit!“, mischte sich jetzt Bruder Padraig ungefragt ein.
„Darf dieser Mensch für die STERNENKRIEGER sprechen, Captain?“, fragte Tan-Balo.
„Das darf er“, sagte Reilly nach kurzer Pause. Der Olvanorer hatte die Verhandlung kurzerhand an sich gerissen, als er feststellte, dass etwas seiner Meinung nach in eine falsche Richtung ging.
Warum nicht?, kommentierte eine Stimme in Reillys Hinterkopf die Lage. Vielleicht kann Bruder Padraig ja sein diplomatisches Geschick in die Waagschale werfen, um den Kampf zu vermeiden…
„Versetzen Sie sich in unsere Lage“, verlangte Bruder Padraig. „Angenommen Sie würden aufgefordert, sich zu ergeben und sähen vielleicht sogar die militärische Notwendigkeit ein – so würden auch Sie…“
„Ein Qriid würde nicht aufgeben!“
„Für uns hat die Rettung des menschlichen Lebens die höchste Priorität“, erklärte Bruder Padraig.
„Unsere Priorität sieht etwas anders aus“, entgegnete Tan-Balo. „Für uns kommt zuerst die Verbreitung des Glaubens. Wir kämpfen nicht, um des Kämpfens Willen, sondern weil es Gottes Wille ist.“
„Wie können Sie sich über den Willen Gottes derart sicher sein? Ich bin auch ein tiefgläubiges Individuum, würde mir aber niemals anmaßen, in dieser Frage genau zu wissen, was Gott will.“
Der Qriid stutzte. Zumindest musste ein irdischer Beobachter dieses Wesens die Reaktion des Schiffskommandanten so auffassen. Er vollführte eine ruckartige Bewegung. Die Schnabelhälften schabten aneinander und erzeugten dabei ein unangenehm scharf klingendes Geräusch.
„Du bist zu bedauern, dass du den Willen Gottes nicht kennst! Aber du bist ein Schnabelloser. Was soll man da schon von deiner Rasse halten.“ Er machte eine kurze Pause und fügte anschließend noch hinzu: „Es ist alles gesagt. Wenn ihr nicht aufgegeben habt, bis wir auf Schussweite heran sind, ist es zu spät. Dann werden wir euer Schiff zerstören und ihr werdet ein kaltes, unbedecktes Grab im Weltraum finden!“
2
Die Verbindung zur KRALLE DER GLÄUBIGEN wurde von Seiten der Qriid unterbrochen.
Der Schirm zeigte wieder den Planeten Snowball und dahinter das Zentralgestirn des Systems.
„Sie haben es offenbar auf unsere Technik abgesehen“, stellte Lieutenant Commander Soldo fest.
Reilly nickte.
„Das klingt einleuchtend.“
Der Besitz eines Space Army Corps Schiffes wäre für die Qriid von unschätzbarem Wert gewesen, um sich auf den irgendwann unweigerlich bevorstehenden Konflikt mit den Humanen Welten besser vorbereiten zu können.
Umgekehrt hätte die STERNENKRIEGER auch jede Gelegenheit wahrgenommen, um in den Besitz von qriidischer Technik zu gelangen. Aber Commander Reilly hatte nicht die Absicht, es dazu kommen zu lassen.
3
„Der Weg, den du befohlen hast ist riskant, ehrenhafter Kommandant“, sagte Dom-Tabun. Der Erste Offizier der KRALLE DER GLÄUBIGEN hatte es erst gewagt, seine Meinung zu äußern, nachdem ihn Kommandant Tan-Balo ausdrücklich dazu aufgefordert und um eine offene Stellungnahme gebeten hatte. Jetzt, da es in gewisser Weise schon zu spät ist, denn die Befehle sind gegeben und welcher Kommandant, der etwas auf seine Tanjaj-Ehre gibt, würde sie jetzt noch zurücknehmen!, dachte Dom-Tabun voller Bitterkeit.
„Vielleicht uns dieser Weg aber endlich in die Lage, ein Schiff dieser Schnabellosen untersuchen zu können!“
„Sie werden nicht darauf eingehen!“, prophezeite Dom-Tabun.
„Gott allein kennt die Zukunft – oder du etwa auch, Dom-Tabun?“ Die Bemerkung des Kommandanten grenzte an eine Beleidigung, schließlich unterstellte sie dem Ersten Offizier so etwas wie eine blasphemische Anmaßung.
Aber Dom-Tabun hatte in all den Jahren, die er schon als treuer Tanjaj des Aarriid diente, gelernt, dass es stets das wichtigste war, die Ruhe zu behalten. So verfahren die Situation auch sein mochte. Tan-Balo drängt es, sich besonders hervorzutun und es seinen Vorgesetzten zu erleichtern, ihn zu befördern!, dachte der Erste Offizier. Dieser Ehrgeiz frisst ihn förmlich auf. Allerdings riskiert er dabei unser aller Leben. Schließlich weiß niemand von uns, wie kampfstark die Schiffe der Schnabellosen tatsächlich sind! Schließlich hat es ja erst eine einzige Begegnung mit ihnen gegeben…
„Ruhm und Ehre können wir erringen“, sagte Tan-Balo. „Und wir können dem Imperium einen großen Dienst erweisen. Diesem Schiffstyp begegneten unsere Tanjaj-Brüder im Zuge unserer Auseinandersetzung mit den Wsssarrr – und wir täten gut daran, ihn genau untersuchen und auf seine Schwachstellen hin überprüfen zu können.“
„Andererseits scheinen unsere Tanjaj-Brüder auf der Oberfläche unsere Hilfe zu brauchen“, wandte Dom-Tabun ein.
In diesem Augenblick meldete der Funker, dass sämtliche Versuche, noch einmal mit der Mannschaft der KLEINEN KRALLE Kontakt aufzunehmen, gescheitert seien.
„Es scheint da unten tatsächlich ein Problem zu geben“, gestand nun auch Tan-Balo ein. Er schabte etwas mit seinem Schnabel und stieß ein tiefes, gurrendes Geräusch aus. „Wahrscheinlich gibt es mal wieder Probleme durch unzureichende Wartung der Technik. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass die eingeborenen, primitiven Schnabellosen, die bei der Fortbewegung noch auf die Windkraft angewiesen sind, für unsere Tanjaj-Brüder tatsächlich eine ernstzunehmende Gefahr darstellen könnten.“
„Vielleicht existieren dort unten Gefahren von denen wir nicht einmal etwas ahnen!“, gab Dom-Tabun zu bedenken.
Ein Glucksen entrang sich Tan-Balos halb geöffnetem Schnabel.
„Das kann unmöglich dein Ernst sein, Dom-Tabun!“, glaubte der Kommandant der KRALLE DER GLÄUBIGEN. „Diese Eingeborenen sind unseren Erkenntnissen nach nicht dazu in der Lage, einen Qriid zu gefährden, der über die Standardausrüstung der Tanjaj verfügt.“
„Dennoch muss dort unten etwas geschehen sein!“, beharrte Dom-Tabun.
In diesem Augenblick meldete sich der Funker.
„Ehrenhafter Kommandant, ich habe einen qualitativ nicht sehr zufrieden stellenden Funkkontakt über den Kommunikator eines Mitgliedes des Bodenteams!“
„Wer ist es?“, fragte Tan-Balo.
„Rekrut Nirat-Son!“
„Lass hören!“
Das Gesicht des Tanjaj-Rekruten erschien auf einem Schirm. Die Umgebung, in der er sich befand, vermochte Kommandant Tan-Balo nicht so recht einzuordnen. Tatsache war, dass es offenbar warm genug war, um die Gesichtsmaske und die Kapuze des Thermoanzugs abzunehmen. Aber genauso sicher konnte er davon ausgehen, dass der Rekrut nicht aus der Passagierkabine der KLEINEN KRALLE sprach.
„Rekrut Nirat-Son meldet sich aus dem Wrack eines Xabo-Schiffs und bittet um die Erlaubnis, berichten zu dürfen.“
„Erlaubnis erteilt, Rekrut!“, sagte Tan-Balo gleichermaßen ungeduldig und irritiert.
Dann begann Nirat-Son mit seinem Bericht. Er fasste die Ereignisse seit der Landung des Beibootes auf Korashan V zusammen, erwähnte die furchtbaren, aus dem Eis hervor kommenden Vielbeiner ebenso wie das Schicksal der ersten auf dem Eisplaneten gelandeten Mannschaft. Er schilderte, wie er Re-Lims Gruppe fand, in den Sturm geriet und schließlich Rettung in dem Wrack der Xabo fand.
„Ich hatte Zeit genug, in den Daten der Xabo herum zu forschen und weiß, wonach sie in dieser Eiswüste suchten.“
„Und das wäre?“, fragte Tan-Balo nur mäßig interessiert, denn eigentlich rührte es ihn nicht besonders, dass ein paar Tanjaj gefräßigen Vielbeinern zum Opfer gefallen waren, anstatt sich erfolgreich zu wehren. Nach Tan-Balos Ansicht waren diese Wesen ein Fall für eine Art planetaren Kammerjäger – und er sah es als Schande an, dass Tanjaj, die auf seinem Schiff ihren Dienst taten, offenbar mit diesem Ungeziefer nicht fertig geworden waren. Möge das ewige Eis von Korashan V ihre Körper bedecken und nie jemand erfahren, dass sie durch eine Art Ungeziefer ihr Leben aushauchten…
Das, was Nirat-Son jedoch über die Anwesenheit von Xabo auf diesem Planeten zu sagen hatte, interessierte ihn schon sehr viel mehr. Ohne Grund waren sie nicht hier, so viel stand fest. Unterhielten sie vielleicht eine geheime Basis auf dem Eisplaneten?
Es wurde höchste Zeit, dass man mit den Xabo aufräumte.
Zumindest war das Tan-Balos Meinung. Der Tanjaj-Mar rüstete derzeit gerade zum entscheidenden Schlag gegen den Xabo. Zumindest besagten das die offiziellen Informationen dies, mit denen die Tanjaj-Offiziere während ihrer Kommandanten-Konferenzen versorgt wurden.
Aber insgeheim hegte Tan-Balo den Verdacht, dass diese Informationen propagandistisch gefärbt waren und in diesem Fall nur dazu dienten, die Ungeduld einiger ehrgeiziger Kommandanten zu bremsen, die am liebsten sofort gegen die Xabo zu Felde gezogen waren.
Aber das Oberkommando unter dem Tanjaj-Mar wollte derzeit offenbar unbedingt die Verluste gering halten, da ansonsten die Gefahr einer Überdehnung des Imperiums und seiner Kräfte kommen konnte. Die Expansion ging mit atemberaubender Geschwindigkeit in alle Richtungen voran und so waren gelegentlich Verschnaufpausen selbst für die gut geölte Militärmaschinerie der Tanjaj-Flotte unerlässlich, um vor allem den Nachschub nicht abbrechen zu lassen.
Die Mission der KRALLE DER GLÄUBIGEN diente dieser Konsolidierung. Innerhalb weniger Monate konnten im Korashan-System die ersten Industriekomplexe errichtet werden, wobei die unerschöpflichen Wasservorkommen von Planet Nummer 5 ein nicht zu unterschätzender Faktor waren. Die Qriid-Industrie war darauf ausgerichtet, mit derartigen, schnell errichteten Werkskomplexen den Nachschub der Flotte zu sichern, so dass spätestens nach Aufnahme der Produktion damit zu rechnen war, dass die Tanjaj-Flotte zum entscheidenden Schlag gegen die neue Heimat der Xabo-Flüchtlinge ausholte.
Das Drei-Sonnen-System, das sie sich zum neuen Zentrum erkoren hatten, war von qriidischen Kundschafter-Einheiten bereits beobachtet worden. Nach und nach wurden nun Tanjaj-Flottenverbände aus weit entfernten Regionen des Imperiums zusammengezogen, um die Xabo ein weiteres Mal zu schlagen. Es waren bereits Tanjaj-Schiffe aus der fernen Noirmad-Exklave unterwegs, um die hiesigen Qriid-Einheiten zu unterstützen.
Ihr Eintreffen im so genannten Expansionsstreifen, der das eigentliche Territorium des Imperiums umgab, wurde bereits erwartet.
„Die Xabo glaubten, dass sich auf Korashan V die Basis einer längst untergegangenen Zivilisation befindet, die sie die ‚Erhabenen’ nennen und die ein schier unglaubliches technisches Niveau erreicht hatten. Die fünfdimensionalen Impulse, deren Ursprung auf dem Meeresgrund des vereisten Ozeans liegt, haben sie zumindest so interpretiert. Ich habe alle Daten an meinen Tanjaj-Nom gesandt, bekomme aber keinen Funkkontakt mehr zu ihm…“
Gedankenverloren und nur mühsam seine Abwesenheit verbergend hatte Tan-Balo dem Bericht des Rekruten Nirat-Son zugehört. Die technologische Hinterlassenschaft einer hoch entwickelten Superrasse? Das klang interessant. Zumal natürlich um jeden Preis verhindert werden musste, dass Xabo oder gar die schnabellosen Menschen in Kontakt mit dem Wissen dieser Hochkultur kamen.
„Ich danke dir für deine Auskunft. Sende uns bitte sämtliche Daten, die du an die KLEINE KRALLE übermittelt hast, auch an uns!“, verlangte der Kommandant der KRALLE DER GLÄUBIGEN.
„Ja, ehrenwerter Kommandant“, erwiderte Nirat-Son. „Anschließend werde ich mich zur KLEINEN KRALLE begeben, was etwas mühselig sein wird, da mein Antigravaggregat inzwischen defekt ist.“
„Nein“, bestimmte Tan-Balo. „Harre bei dem Wrack der Xabo aus. Vielleicht werden wir ein weiteres Bodenteam zur Oberfläche des fünften Planeten schicken…“
Pulsuz fraqment bitdi.