Kitabı oxu: «Sommer Bibliothek 11 besondere Krimis»
Sommer Bibliothek 11 besondere Krimis
Alfred Bekker et al.
Published by Alfred Bekker präsentiert, 2021.
Inhaltsverzeichnis
Title Page
Sommer Bibliothek 11 besondere Krimis
Copyright
Der rollende Tod: Thriller (Alfred Bekker Thriller Edition, #5)
DER ROLLENDE TOD
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About the Author
About the Publisher
Kahlgeschoren: Thriller
Kahlgeschoren: Thriller
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Don't miss out!
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Killer ohne Reue: Thriller
Killer ohne Reue
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About the Author
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In die Enge getrieben
In die Enge getrieben
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Heißes Pflaster Los Angeles
THEODOR HORSCHELT | Heißes Pflaster Los Angeles | Krimi
Klappe
Roman
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Zwischen London und Tanger: Kriminalroman
Zwischen London und Tanger
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Präparat 69: Kriminalroman
Präparat 69
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Don't miss out!
About the Publisher
Vier Wintermorde - 4 Kriminalromane
Vier Wintermorde – 4 Kriminalromane
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Kubinke und der verschwundene Flüchtling
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Personen:
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Das ideale Mörderpaar
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Maßlose Gier: N.Y.D. - New York Detectives
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Die Hauptpersonen des Romans:
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Gangster, Killer und ein Mädchen
Copyright
1. Kapitel: Die einsame Straße
2. Kapitel: Nichts Neues
3. Kapitel: Sie hieß Jacky
4. Kapitel: Bei Johnny
5. Kapitel: Eine Straße voll Blei
6. Kapitel: Kugel für Jimmy
7. Kapitel: Morgenstund hat Blei im Mund
8. Kapitel: Der goldene Traum
9. Kapitel: Tod am Morgen
10. Kapitel: Der Schatten
11. Kapitel: Das große Sterben
12. Kapitel: Besuch zur frühen Stunde
13. Kapitel: Polizei im Haus
14. Kapitel: Die Dame in Schwarz
15. Kapitel: Auf ihrer Spur
16. Kapitel: Kleiner Pat, was nun?
17. Kapitel: Das Haus im Urwald
18. Kapitel: Der Gangsterkrieg
19. Kapitel: Whisky ohne
20. Kapitel: Die Spur des Teufels
21. Kapitel: Der tötende Hass
22. Kapitel: Zu Ende?
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About the Publisher
Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis
Also By Alfred Bekker
Also By Theodor Horschelt
Also By Walter G. Pfaus
Also By Hans-Jürgen Raben
Sommer Bibliothek 11 besondere Krimis
von Alfred Bekker, Theodor Horschelt, Walter G. Pfaus, Hans-Jürgen Raben
Über diesen Band:
Dieser Band enthält folgende Krimis:
Der rollende Tod (Alfred Bekker)
Kahlgeschoren (Alfred Bekker)
Killer ohne Reue (Alfred Bekker)
In die Enge getrieben (Theodor Horschelt)
Heißes Pflaster Los Angeles (Theodor Horschelt)
Zwischen London und Tanger (Theodor Horschelt)
Präparat 69 (Theodor Horschelt)
Alfred Bekker: Kubinke und der verschwundene Flüchtling
Walter G. Pfaus: Das ideale Mörderpaar
Hans-Jürgen Raben: Maßlose Gier
Theodor Horschelt: Gangster, Killer und ein Mädchen
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Das Leben von Abertausenden ist bedroht, als eine Sekte von Wahnsinnigen beschließt, Tod und Verderben über die Metropole New York zu bringen.
FBI-Agent Jesse Trevellian und seinem Team bleibt nicht viel Zeit, diesen Plan zu durchkreuzen - denn das Ende ist nah und angeblich auch gar nicht mehr aufzuhalten...
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Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von
Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)
© Roman by Author /
© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Alle Rechte vorbehalten.
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Der rollende Tod: Thriller (Alfred Bekker Thriller Edition, #5)


Der rollende Tod: Thriller
Alfred Bekker Thriller Edition, Volume 5
Alfred Bekker and Henry Rohmer
Published by BEKKERpublishing, 2019.
Table of Contents
UPDATE ME
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DER ROLLENDE TOD


Thriller von Alfred Bekker
––––––––


Die Mutprobe einer Jugendgang endet in einem Blutbad. Die Gang-Mitglieder geraten an einen Gangster-Boss, der sich sein Portemonnaie partout nicht abnehmen lassen will. Doch das ist nur der Auftakt für eine Serie von blutigen Ereignissen, die New York erschüttern. Ein brutaler Kampf mächtiger Syndikate entbrennt - und die Ermittler folgen der Spur des Todes.
Action Thriller von Alfred Bekker alias Henry Rohmer
Henry Rohmer ist das Pseudonym des bekannten Fantasy- und Jugendbuch-Autors ALFRED BEKKER.
Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.
––––––––


Cover: Steve Mayer
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Copyright


Ein CassiopeiaPress E-Book
© by Author
© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen
www.AlfredBekker.de
Der Umfang dieses Ebook entspricht 124 Taschenbuchseiten.
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1


17.00 Uhr. Rush Hour im Big Apple. Der Verkehr stand mal wieder auf der Brooklyn Bridge. Die Instandsetzungsarbeiten, die zurzeit an der Brückenkonstruktion durchgeführt wurden, sorgten immer wieder für Staus. Spezialfahrzeuge hielten am Fahrbahnrand. Engpässe waren bei hohem Verkehrsaufkommen vorprogrammiert. Jack Scarlatti klopfte nervös auf dem Lenkrad seines Cabriolets herum. Das dunkelhaarige Girl auf dem Beifahrersitz verdrehte genervt die Augen.
"Du hättest auf mich hören und über Queens fahren sollen", maulte sie. "Ich hab dir doch..." Sie sprach nicht weiter, riss verwundert die Augen auf. Scarlatti war genauso verwirrt. Sieben junge Männer schnellten auf Roller-Skates durch die engen Gassen zwischen den stehenden Fahrzeugen. Ihr Tempo war halsbrecherisch. Sie trugen lange Western-Mäntel, Helme und Sonnenbrillen mit Spiegelgläsern, die einen Großteil des Gesichts verbargen. Der erste von ihnen stoppte, riss eine Automatik hervor und feuerte wild um sich.
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2


Auch die anderen holten ihre Waffen hervor. Automatische Pistolen und eine abgesägte Shot Gun. Einer der Roller-Skates-Fahrer schwenkte eine Handgranate in der Linken.
"Macht die Fenster auf - oder es gibt einen großen Knall!", rief er.
Ein Kerl, auf dessen Helm "Wild Eagle" stand, feuerte mit seiner Automatik durch die Seitenscheibe eines BMW. Zwei Löcher waren im Glas. Die Kugeln steckten irgendwo in den Polstern. Der Fahrer saß schreckensbleich zusammengekauert hinter dem Steuer.
Der Kerl glitt auf seinen Roller-Skates heran und verpasste der durchschossenen Scheibe einen Ellbogencheck. Sie brach auseinander. Mit dem Waffenarm langte er ins Innere, hielt dem BMW-Fahrer die Mündung entgegen.
"Die Brieftasche, du Fettarsch!"
Der BMW-Fahrer griff in die Innentasche seines Tausend-Dollar-Maßanzugs und reichte die Brieftasche hinüber.
Jack Scarlatti beobachtete die Szene mit zusammengekniffenen Augen.
"Verdammte Schweinehunde!", zischte er zwischen den Zähnen hindurch.
Das Girl auf dem Beifahrersitz seines offenen Porsche begann zu wimmern.
"Jack! Unternimm doch was!"
"Halt die Klappe, Evita!"
Einer der Gangster schnellte mit der Waffe in der Hand auf den Sportwagen zu.
Scarlatti griff unter sein Jackett, riss eine Automatik hervor. Er feuerte sofort. Der Roller-Skates-Fahrer bekam einen Kopftreffer, taumelte zurück und schlug gegen das Heck eines Vans.
Evita riss Augen und Mund weit auf.
Das dunkelhaarige Girl schrie hysterisch.
Der Kerl mit der Handgranate zog mit den Zähnen den Auslöser ab. Scarlattis Gesicht verzog sich zur grimmigen Maske. Er schwenkte die Waffe herum und feuerte erneut. Sein Schuss erwischte den Kerl mit der Handgranate in der Brust. Sekundenbruchteile bevor der Roller-Skates-Fahrer die Handgranate in Scarlattis Richtung schleudern konnte, ließ ihn die Wucht des Geschosses zurücktaumeln. Er landete auf dem Kotflügel eines Coupés, rutschte blutüberströmt zu Boden.
Einer seiner Komplizen feuerte fast im selben Moment auf Scarlatti. Ein Ruck ging durch den Körper des Italoamerikaners. Die Kugel erwischte ihn in der Brust, knapp oberhalb des Herzens.
Das Girl auf dem Beifahrersitz schrie.
Im nächsten Moment detonierte die Handgranate.
Scheiben barsten.
Das Coupé wurde buchstäblich auseinander gerissen. Metallteile flogen durch Luft. Der Tank explodierte. Einer der Mantel-Gangster, der zu nahe am Explosionsherd gestanden hatte, wurde von den Flammen erfasst. Die Druckwelle schleuderte ihn wie eine brennende Puppe durch die Luft. Der Körper prallte gegen die Seitenfront eines Container-Trucks. Sein Schrei verstummte.
Der Roller-Skates-Fahrer mit der Shotgun stoppte den Lauf seiner Rollen, wirbelte herum. Für seinen Komplizen konnte er nichts mehr tun. Er starrte auf die lodernden Flammen, dann wandte er sich dem vollkommen unter Schock stehenden Girl auf dem Porsche-Beifahrersitz zu.
Evita saß zitternd da.
Neben ihr die blutüberströmte Leiche von Jack Scarlatti.
Der Maskierte hob die Shot Gun in Höhe ihres Kopfes.
"Gib mir die Brieftasche von deinem Typ!"
Das Girl saß vollkommen konsterniert da. Sie starrte auf einen bestimmten Punkt in Höhe der Schulter, der ihren Blick gefangen nahm. Dort befand sich ein Aufnäher auf dem groben Stoff des Westernmantels. "Fuck U!!" stand darauf.
Evita schluckte.
"Los, verschwinden wir!", rief einer der anderen Maskierten.
Aber der Kerl mit der Shotgun ließ sich davon nicht beeinflussen. Er drückte die Waffe ab, riss sie im letzten Moment in die Luft, sodass das die Schrotladung ins Nichts ging. Die Blondine zuckte zusammen.
"Wird's bald?"
Zitternd griff das Girl dem toten Scarlatti in die Jackettinnentasche und holte die Brieftasche hervor. Der Shotgun-Schütze riss es ihr aus der Hand. Dann setzte er sich in Bewegung, glitt auf seinen Rollen zwischen den Wagen her.
Ein paar Leute, die aus ihren Wagen gestiegen waren, sprangen ihm in letzter Sekunde aus der Bahn.
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3


Mister McKee machte ein ernstes Gesicht. Milo und ich saßen zusammen mit einer Reihe weiterer G-men im Besprechungszimmer unseres Chefs. "Wenn wir Pech haben, dann ist der Tod von Jack Scarlatti nur der Auftakt eines ausgewachsenen Gangsterkrieges", erklärte Mister McKee. Scarlatti und sein Syndikat versuchten zurzeit mit allen Mitteln, die Vorherrschaft der Russen und Ukrainer aus Brooklyn im Bereich der illegalen Müllentsorgung zu brechen. Die Gewinnspannen in diesem Zweig des organisierten Verbrechens überschritten seit Jahren schon die des Drogenhandels bei weitem. Ein unerwünschter Nebeneffekt immer höherer Umweltstandards und knapper werdender Lagerkapazitäten auf den legalen Sondermülldeponien.
Mister McKee wandte sich an Agent Max Carter aus dem Innendienst. "Ich hatte Sie gebeten, für die anwesenden Special Agents ein Dossier über Scarlattis bisherigen Werdegang zusammenzustellen, Max."
"Habe ich auch gemacht. Es wird gerade noch ausgedruckt. Im Wesentlichen lassen sich unsere bisherigen Erkenntnisse folgendermaßen zusammenfassen: Jack Scarlatti übernahm vor drei Jahren die Geschäfte seines Vaters Tony, der außer Landes ging, bevor die Justiz gegen ihn vorgehen konnte. Jetzt sitzt Tony Scarlatti in Marokko und kann davon ausgehen, dass wahrscheinlich auch in den nächsten zwanzig Jahren kein Auslieferungsabkommen zwischen Marokko und den USA abgeschlossen werden wird."
"Und selbst wenn", ergänzte Mister McKee. "Scarlatti senior hat frühzeitig dafür gesorgt, die Gewinne aus seinen illegalen Geschäften ins Ausland zu transferieren. Er wäre reich genug, um in Marokko die Justiz in seinem Sinn zu bestechen."
"Aus diesem sicheren Hafen wird ihn wohl so schnell auch niemand hervorlocken können", war ich überzeugt.
Mister McKee hob die Augenbrauen. "Wer weiß? Sein Sohn Jack Scarlatti wurde jedenfalls gestern am frühen Abend auf der Brooklyn Bridge unter sehr eigenartigen Umständen erschossen, was auch für das alte Familienoberhaupt die Lage ändern könnte. Jeder von Ihnen, der die Lokalnachrichten oder das Frühstücksfernsehen eingeschaltet hatte, wird die Bilder von der Rauchwolke gesehen haben, die Richtung Battery Park zog."
Max Carter projizierte ein Dia an die Wand, das den Tatort nur wenige Minuten nach dem Anschlag zeigte. Ein Hubschrauber der City Police hatte das Foto gemacht. Die Rauchfahne war deutlich zu sehen.
"Die Kollegen der City Police und der Highway Patrol haben gestern Abend noch Dutzende von Zeugen befragt. Einige unserer Agenten waren auch dabei. Danach ergibt sich folgendes Bild: Eine Gruppe von sieben bewaffneten Roller-Skates-Fahrern schnellte zwischen den im Stau stehenden Fahrzeugen her und begann damit, die wehrlosen Insassen auszurauben. Einer von ihnen drohte mit einer Handgranate für ein Inferno zu sorgen..."
"Was ihm ja wohl auch gelungen ist", sagte Clive Caravaggio. Der stellvertretende Special Agent in Charge nippte an seinem Kaffeebecher.
Max Carter kratzte sich am Kinn. "Den Zeugenaussagen nach lief das Ganze nicht so, wie diese Roller-Skates-Gang es wohl geplant hatte. Ein Porschefahrer zog eine Waffe und wehrte sich. Das war Jack Scarlatti. Er lieferte sich mit den Mobstern ein Feuergefecht. Insgesamt drei von ihnen kamen ums Leben. Dabei wurde die Handgranate ausgelöst. Die sterblichen Überreste der drei Roller-Skates-Fahrer sind beim Coroner und ich hoffe, dass wir möglichst bald wissen, um wen es sich handelt. Durch die Explosion, sowie durch die Luft geschleuderte Metallteile kamen außerdem die nach unseren bisherigen Erkenntnissen völlig unbeteiligten Insassen eines Sportcoupés ums Leben. Einige Dutzend Personen erlitten Verletzungen."
"Hatten die Täter es denn wirklich auf Scarlatti abgesehen oder handelte es sich vielleicht doch um einen Raubüberfall?", hakte mein Freund und Kollege Milo Tucker nach.
Max Carter zuckte die Achseln. "Wir wissen es nicht. Nur eins steht fest: Es gibt einige Leute bei der Müllmafia in Brooklyn, denen Scarlattis Tod gut in den Kram passt. Und der alte Scarlatti wird jetzt Blutrache schwören."
"Also können wir uns so oder so in nächster Zeit auf einiges gefasst machen", schloss Mister McKee. "Jack Scarlattis zweiter Mann hier in New York ist ein gewisser Ray Neverio. Gehört zur Familie, ein Großcousin glaube ich. Wir gehen davon aus, dass er die Geschäfte weiter führt."
"Wenn die Hypothese stimmt, dass die Brooklyn-Leute dahinterstecken, dann wird Neverio mit Sicherheit die Nummer Zwei auf der Todesliste sein", stellte Clive Caravaggio fest.
Mister McKee nickte. "Oder die Scarlatti-Familie schlägt zurück und es erwischt einen der Bosse in Brooklyn. Aber wir werden nicht zulassen, dass das passiert. Unter keinen Umständen."
"Für mich sieht das ganze eher aus wie eine dieser Mutproben, wie man sie von den Gangs aus dem Barrio oder der South Bronx kennt", meinte ich. Bei derartigen Mutproben mussten neu aufgenommene Mitglieder Straftaten begehen, die sie an die Gang banden. Es kam auf die Coolness des Auftritts an. Die Neuen mussten sich Respekt innerhalb der Gruppe verschaffen und zeigen, was für tolle Typen sie waren. Die Effektivität stand nicht an erster Stelle. Ihr Geld machten diese Gangs normalerweise im Drogenhandel oder anderen Zweigen des organisierten Verbrechens. Auf jeden Fall gab es einträglichere Möglichkeiten für sie, Geld einzunehmen, als das Auto-Mugging im Stau der Brooklyn Bridge.
Mister McKee nickte. "Normalerweise würde Ihnen jeder hier im Raum sofort zustimmen, Jesse. Aber in diesem Fall heißt das Opfer Jack Scarlatti. Und an so eine Nummer würden sich die üblichen Gangs nicht im Traum herantrauen."
"Sie meinen, dieses Theater mit den Roller-Skates, den langen Mänteln und dem Brieftaschenraub war nur vorgetäuscht?", hakte ich nach.
"Diese Möglichkeit sollten wir nicht ausschließen", fand Mister McKee.
"Immerhin sind Roller-Skates doch auch total out", mischte sich Orry ein. "Heute fährt doch jeder Inliner."
"Die haben allerdings eine viel geringere Stabilität und lassen sich nicht so sicher stoppen", erläuterte Max Carter. "Bei Roller-Skates sind die Rollen jeweils paarweise unter dem Schuh angebracht, bei Inlinern dagegen in einer Reihe."
Clive Caravaggio meldete sich zu Wort. "Wie sind die Kerle eigentlich geflohen?", hakte er nach. "Ich meine, vorausgesetzt, unter diesen Mänteln haben sich keine Girls versteckt!"
Max Carter zoomte die Brooklyn Bridge etwas näher heran. Dann markierte er mit seinem Laserpointer eine ganz bestimmte Stelle. "Sehen Sie hier! Genau dort wartete nach Angaben mehrerer Zeugen ein Mercedes Transporter in entgegengesetzter Fahrtrichtung. Da herrschte nämlich kein Stau! Die Roller-Skates-Gangster kletterten über die Leitplanken und verschwand im Transporter. Glücklicherweise hat sich ein Zeuge bei der City Police gemeldet, der sich die Nummer aufgeschrieben hatte."
"Wenigstens gibt es ab und zu noch so etwas wie Zivilcourage!", raunte Milo mir zu. Manche Leute glauben, Zivilcourage müsse immer bedeuten, dass man den Helden spielt. Oft genug besteht sie aber zum Beispiel nur darin, dass man sich eine Nummer aufschreibt oder sich als Zeuge meldet, anstatt so zu tun, als würde einen das alles nichts angehen.
"Der Transporter wurde einen Tag zuvor genau um 12.38 Uhr als gestohlen gemeldet", fuhr Max Carter fort. "Halter ist ein gewisser Larry Morton. Ihm gehört ein Drugstore in der South Bronx." Carter zeigte ein Bild von Morton, das offensichtlich aus den über das Datenverbundsystem NYSIS stammenden Fahndungsdateien stammte. "Morton ist wegen Versicherungsbetrugs vorbestraft, deswegen haben wir ihn in den Archiven."
Orry Medina meldete sich zu Wort. "Was hat er genau gemacht, Max?"
"Es ging um fingierte Unfälle. Das hat mit der Sache von gestern Abend nichts zu tun."
"Aber wir wissen, dass Morton sich schon auf krumme Touren eingelassen hat", ergänzte ich.
Max nickte. "Diesmal ist auch etwas faul. Er wurde wegen überhöhter Geschwindigkeit auf dem Bruckner Expressway geblitzt - eine halbe Stunde nachdem angeblich sein Wagen gestohlen worden war! Das Foto, das dabei entstand, zeigt eindeutig Morton, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel!"
Mister McKee wandte sich an Milo und mich. "Ich möchte, dass Sie sich diesen Morton mal vornehmen. Möglicherweise hat er was mit der Sache zu tun oder kann uns zumindest wertvolle Hinweise geben."
"In Ordnung, Sir", sagte ich.
Unser Chef wandte sich an Clive Caravaggio. "Nehmen Sie alle unter die Lupe, die irgendwie mit den Scarlattis zusammenhängen, Clive. Aktivieren Sie jeden Informanten in Little Italy, der etwas dazu zu sagen hat!"
"Ich schätze, das Scarlatti-Syndikat gleicht im Moment einem aufgescheuchten Hühnerhaufen", meinte der stellvertretende SAC.
Mister McKee hob die Augenbrauen. "Aber dieser Zustand wird nicht lange anhalten, fürchte ich!"
Eines der Telefone auf dem Schreibtisch unseres Chefs klingelte.
Mister McKee ging an den Apparat, nahm den Hörer ans Ohr.
Eine tiefe Furche zeigte sich auf seinem Gesicht.
Kurze Zeit später legte er wieder auf. "In Brooklyn hat es eine Explosion gegeben. Die Villa von Alex Shkoliov steht in Flammen!"
Shkoliov - der Name war uns allen bekannt. Er galt als starker Mann bei den Ukrainern. Das alte grausame Mafia-Spiel ging also wieder los: Ihr tötet einen von uns, dann töten wir einen von euch...
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4


Milo und ich saßen in einem unscheinbaren silbergrauen Chevy aus dem Fuhrpark der Fahrbereitschaft. Den Sportwagen, den uns das FBI Field Office New York sonst zur Verfügung stellte, war für den Job, der vor uns lag, einfach zu auffällig.
Während unsere Kollegen mit großem Aufgebot zur Villa von Alex Shkoliov auf den Brooklyn Heights fuhren, waren Milo und ich in die entgegensetzte Richtung unterwegs.
Unser Ziel war das Haus Nr. 432 in der 143. Straße.
Das war die Adresse von Larry Morton, dem Besitzer des Van, mit dem die Roller-Skates-Gang geflüchtet war. Auf der First Avenue fuhren wir nach Norden. Der Harlem River ist die Grenze zwischen Manhattan und der Bronx, deren südlicher Teil einen geradezu berüchtigten Ruf genießt.
Einige Gebiete wurden von Gangs und Crackdealern beherrscht. Ganze Straßenzüge verfielen langsam. Die Polizei traute sich in manche Gegenden nur in Stärke einer 10er-Einsatzmannschaft und mit kugelsicherer Weste. Im Norden hingegen hatte die Bronx ein eher bürgerliches Gesicht. Schmucke Alleen mit Einfamilienhäusern prägten Viertel wie Riverdale. Auch die Labors der Scientific Research Division, dem zentralen Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten, befanden sich in der Bronx. Ein Stadtteil mit zwei Gesichtern, einem schönen und einem sehr hässlichen. Leider hatte letzteres den Ruf der Bronx in aller Welt nachhaltig geprägt. Eine Brücke führte über den Harlem River. Ab hier hieß die First Avenue plötzlich Melrose Avenue. Wie ein gerader Strich durchzog sie die Bronx und trennte unter anderem auch Einflussgebiete verschiedener Drogengangs voneinander. "Weißt du, was ich glaube, Milo?", fragte ich, als wir gerade das Bronx-Ufer des Harlem Rivers erreicht hatten. "Mir ging das die ganze Zeit über nicht aus dem Kopf, als wir in Mister McKees Büro saßen..."
"Wovon sprichst du, Jesse?"
"Davon, dass das meiner Ansicht nach auf keinen Fall ein geplantes Attentat auf Jack Scarlatti war."
"Wie willst du das so sicher ausschließen?"
"Diese Roller-Skates-Gang hat angefangen, den Leuten die Brieftaschen wegzunehmen. Wahrscheinlich sind sie aus purem Zufall auf Scarlatti getroffen."
"Und der hat geglaubt, ein Killerkommando hätte es auf ihn abgesehen. Scarlatti griff zur Waffe und das Drama nahm seinen Lauf."
"Genau. Wenn diese Gangster geahnt hätten, dass ihnen zufällig ein Scarlatti gegenübersitzt, hätten sie um dessen Porsche einen weiten Bogen gemacht, Milo."
"Zufällig?", echote Milo. "Wenn das Opfer Jack Scarlatti heißt, denkt man an alles Mögliche. Nur nicht an Zufall. Dir brauche ich ja nicht zu sagen, wie viele Feinde Scarlatti hatte. Wie Mister McKee schon sagte: Das Ausrauben der Leute kann durchaus Tarnung gewesen sein..."
"Aber dann beantworte mir mal eine Frage, Milo: Wie sollen die Mörder gewusst haben, dass Scarlatti junior sich mit seinem Porsche an einer ganz bestimmten Stelle auf der Brooklyn Bridge befand?"
"Keine Ahnung!"
"Siehst du! Wenn es ein Attentat war, dann müssen diese Roller-Skates-Killer das aber gewusst haben!"
Milo kratzte sich nachdenklich am Kinn. "Jemand hat einen Peilsender an Scarlattis Porsche angebracht!", fiel ihm eine Lösung ein, an die ich auch schon gedacht hatte.
"Die Kollegen der Scientific Research Division haben nichts dergleichen gefunden, ich habe mir Max' Dossier daraufhin noch einmal durchgelesen."
"Wir haben den abschließenden Untersuchungsbericht der SRD noch nicht", gab Milo zu bedenken.
Ich grinste. "Eins zu null für dich!"
"Was - so schnell gibst du dich geschlagen?"
"Nein, ich habe mich in dieser Frage nur noch nicht endgültig festgelegt, Milo."
Ich bog von der Melrose Avenue ab. Wir fuhren durch trostlose Straßenzüge. Ganze Blocks waren unbewohnt. Nur hin und wieder fanden sich Geschäfte. Immer wieder konnte man vernagelte Fenster sehen. Larry Mortons Drugstore befand sich im Erdgeschoss eines dreistöckigen Brownstone-Hauses. Ich stellte den Chevy am Straßenrand ab. Wir stiegen aus, blickten uns um. Auf der anderen Straßenseite standen ein paar junge Männer in übergroßen Cargo-Hosen und dunklen Wollmützen. Ein Ghetto-Blaster sorgte dafür, dass die Gegend mit Rap-Musik beschallt wurde. Die Kerle blickten misstrauisch zu uns herüber. Wir betraten den Drugstore. Larry Morton stand hinter dem Tresen und nippte an einer übergroßen Kaffeetasse mit der Aufschrift "I love You". Ich erkannte ihn sofort von den Fotos, die wir von ihm hatten. Er war Mitte dreißig, hatte dunkel gelocktes Haar und blaue Augen. Morton blickte auf. Ich hielt ihm meine ID-Card entgegen.
"Ich bin Special Agent Jesse Trevellian vom FBI Field Office New York und dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir möchten Ihnen ein paar Fragen stellen!"
"Fragen?" Ein Muskel zuckte unruhig unterhalb seines linken Auges. "Was für Fragen?"
"Es geht um Ihren Wagen."
"Den Van?"
"Ja", nickte ich.
"Ich wusste gar nicht, dass sich neuerdings G-men um gestohlene Autos kümmern!"
"Wenn dieser Wagen wenig später bei der Ermordung einer Mafia-Größe als Fluchtfahrzeug der Täter dient - dann ja!"
Morton verschränkte die Arme vor der Brust. "Keine Ahnung, wovon Sie reden!"
"Jack Scarlatti - der Name sagt Ihnen gar nichts? In den Lokalnachrichten gab es kaum ein anderes Thema!"
"Mein Fernseher ist defekt, G-man!"
Milo holte eine Kopie jenes Fotos aus seiner Innentasche, das bei Mortons Geschwindigkeitsübertretung auf dem Bruckner Expressway geschossen worden war. "Dieses Bild wurde zu einem Zeitpunkt geknipst, als Sie Ihren Wagen schon als gestohlen gemeldet hatten."
"Das ist doch Unsinn!"
"Das sind Tatsachen!"
"Tatsache ist auch, dass mein Wagen immer noch verschwunden ist. Wissen Sie eigentlich, was das für mich als Geschäftsmann bedeutet?"
Milo mischte sich ein und sagte: "Ich nehme an, dass man Sie für Ihren Verlust fürstlich entschädigt hat!"
"Was?" Er stierte uns scheinbar verständnislos an. Wir waren uns sicher, dass er ganz genau wusste, worauf wir hinaus wollten.
Ich deutete auf das Foto. "Sie wussten offensichtlich schon im Voraus, dass Ihr Wagen gestohlen wird, Mister Morton. Es gibt zwei Möglichkeiten. Sie können mit uns zur Federal Plaza fahren und sich möglichst schnell um einen Anwalt bemühen..."
"...oder Sie packen aus!", ergänzte Milo.
"Hey, was wollt ihr mir da anhängen, ihr Schweinehunde!", rief Morton.
"Vorsicht!", riet ich ihm. "Ich nehme an, dass jemand Sie mehr oder weniger freundlich gebeten hat, ihm den Van am nächsten Tag zu überlassen. Vielleicht wurden Sie sogar gezwungen. Sie ahnten, dass das mit irgendeiner illegalen Sache zu tun haben würde und meldeten den Van vorsichtshalber als gestohlen. Nur dummerweise brauchten Sie den Wagen noch einmal, bevor die Typen ihn am nächsten Tag abholten..."
"Sie haben eine blühende Fantasie", knurrte Morton zwischen den Zähnen hindurch. Sein Gesicht war dunkelrot angelaufen. Er ballte die Hände zu Fäusten. Die Muskeln seines breitschultrigen Oberkörpers spannten sich.
"Wem haben Sie den Wagen überlassen?", hakte ich noch einmal nach.
"Ich lasse mich von Ihnen nicht einschüchtern!"
"Na schön, dann reden wir besser an einem anderen Ort weiter."
Morton atmete schwer. "Nein!", schrie er. Er deutete zur Tür. "Wenn Sie mit mir dort hinausgehen und mich abführen..." Er stockte.
"Was ist dann?" hakte ich nach. "Wem haben Sie den Wagen zur Verfügung gestellt?"
"Ich kann es nicht sagen!"
"Sie müssen!"
"Die bringen mich um!"
Morton wirkte weiß wie die Wand.
"Wer?", hakte ich nach. "Na los, raus damit! Dass Sie nicht mit Roller-Skates auf der Brooklyn Bridge unterwegs waren, um Brieftaschen einzusammeln oder einen Angehörigen der Scarlatti-Familie umzubringen, ist mir schon klar..."
Milo beugte sich zu ihm über den Tresen. "Geben Sie uns einen Tipp, wir marschieren dann hier raus und unternehmen erst einmal gar nichts."
Der Mann schluckte.
Wenn wir ihn in Gewahrsam nahmen, dann würden alle in der Gegend denken, dass er ausgesagt hatte. Auch diejenigen, denen seine Angst galt. Das war es, was Morton im Moment fürchtete. Er schloss einen Augenblick lang die Augen. "Okay", brachte er schließlich heraus. "Sie suchen ein paar Leute, die gerne auf Roller-Skates über den Asphalt rasen..."
"Ich sehe, wir verstehen uns!"
"Es gibt hier einen Typ namens Kid Dalbán. Ein Puertoricaner. Keine Ahnung, ob das sein richtiger Name ist. Er dürfte kaum über zwanzig sein, aber die ganze Gegend hier bezahlt an ihn Schutzgeld. Ich auch. Dies ist sein Gebiet... Hier passiert nichts, was nicht seinen Segen hätte!" Morton atmete tief durch.
"Wo finden wir Dalbán?", fragte ich.
Morton lachte heiser. "Er wird Sie finden, wenn Sie sich länger als eine halbe Stunde in dieser Gegend aufhalten."
"Darauf möchte ich nicht unbedingt warten."
"Ich habe Ihnen schon viel zuviel gesagt, G-man! Was glauben Sie, was die mit Leuten machen, die sie für Verräter halten?" Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Morton schien wirklich große Angst zu haben. In gedämpftem Tonfall fuhr er fort: "Es gibt zwei Straßen weiter ein Parkhaus, das nicht mehr in Betrieb ist. Da treffen sich des Öfteren junge Leute. Sie benutzen die Rampen, um halsbrecherische Rennen abzuhalten."
"Auf Roller-Skates!", schloss ich.
"Ja. Es wird natürlich gewettet. Man kann viel Geld dabei gewinnen."
"Und Dálban veranstaltet das Ganze."
Er nickte zögernd. "Genau. Ein Teil dieser verrückten Typen, die da ihren Hals riskieren, sind Dalbáns Leute. Und der Rest träumt wahrscheinlich davon, in seine Gang aufgenommen zu werden. 'Los Santos' nennen die sich - die Heiligen. Wer dazugehört, hat nichts zu befürchten und genug Geld. Die tragen häufig so ein protziges Goldkreuz um den Hals. Im Gegensatz zur katholischen Version hängt allerdings nicht Jesus Christus, sondern ein gehörntes Gerippe daran."
"War Dalbán persönlich hier, um sich Ihren Wagen auszuborgen?", fragte ich.
Er schüttelte den Kopf und lachte rau. "Nein, das wäre unter seiner Würde. Es waren ein paar junge Typen. Ich kenne sie nicht namentlich. "
"Das glaube ich Ihnen nicht. Die Typen stammen doch hier aus der Gegend."
"Verdammt, ich sage Ihnen die Wahrheit!"
"Haben Sie die Jungs nicht gefragt, wer sie schickt?"
"Sollte ich dafür meine Zahnkronen riskieren? Die hätten sich doch sowieso genommen, was sie wollten! Sie sagten einfach: Morgen brauchen wir deinen Wagen, sieh zu, dass er vollgetankt ist oder du ernährst dich die nächsten Monate aus der Schnabeltasse!"
"Verstehe."
Morton schüttelte den Kopf. "Nein, das glaube ich kaum. Und wenn Sie glauben, dass ich irgendetwas von dem, was ich Ihnen erzählt habe, vor Gericht wiederhole, dann sind Sie schief gewickelt. Da lasse ich mich lieber wegen Beihilfe an diesem Anschlag auf der Brooklyn Bridge verknacken."
Ich wechselte mit Milo einen kurzen Blick. Er nickte knapp und sagte: "Wir kommen vielleicht noch einmal wieder, Mister Morton."
"Wenn Sie mich ruinieren wollen: Nur zu!"
"Ein Kollege von uns wird dann mit Ihnen zusammen ein Phantombild dieser Männer erstellen."
"Sie trugen Spiegelbrillen und Mützen. Ich glaube nicht, dass das viel bringt!"
"Abwarten."
Er wollte offenbar ganz einfach nicht mehr sagen. Und das Phantombild würde vermutlich so konkret wie ein abstraktes Kunstwerk ausfallen. Die Mühe konnte man sich wohl sparen.
Wir verließen den Drugstore. Ich war mir noch nicht ganz schlüssig darüber, ob Morton uns mit seiner Aussage wirklich einen guten Tipp gegeben oder uns nur schnell abgespeist hatte. Auf jeden Fall wollten wir uns das Parkhaus mal vornehmen...
"Hey, ich glaube, ich spinne", murmelte Milo.
An unserem Chevy machte sich ein Typ mit Spiegelbrille und Helm zu schaffen. Als er uns sah, glitt er auf seinen Roller-Skates davon. Nach wenigen kraftvollen Bewegungen bekam er ein halsbrecherisches Tempo drauf.
Wir rissen die SIGS heraus.
"Stehen bleiben!", rief Milo.
Aber da war der Kerl schon um die nächste Ecke gebogen.
"Na los, den kaufen wir uns!", meinte Milo. Per Fernbedienung deaktivierte ich die Zentralverriegelung des Chevy. Milo riss die Beifahrertür auf. Ich umrundete die Motorhaube, die Hand glitt zum Türgriff. Milo saß schon im Wagen. Ich zögerte.
"Jesse, bist du festgewachsen oder was ist los?", hörte ich Milos Stimme.
Aber da war noch etwas anderes.
Ein ganz leises Ticken.
Es kam von unten.
"Verdammt raus, Milo! Sofort raus!"
Milo starrte mich an.
Im nächsten Moment zerriss eine Detonation den Wagen. Blechteile wirbelten wie Geschosse durch die Luft. Die Druckwelle ließ die Scheiben von Mortons Drugstore zerbersten.
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5


Die Villa von Alex Shkoliov gab ein Bild ab, wie man es sonst von Fernsehbildern aus Kriegsgebieten gewohnt war.
Als Clive und Orry dort mit einem Aufgebot von zwei Dutzend G-men auftauchten, waren bereits zahlreiche Einsatzfahrzeuge des Fire Service und der City Police vor Ort. Die Explosion hatte einen Brand ausgelöst, der allerdings mittlerweile unter Kontrolle war. Ein Übergreifen der Flammen auf benachbarte Häuser war inzwischen so gut wie ausgeschlossen. Aber in der Villa selbst loderten noch immer die Flammen.
Drei Tote waren inzwischen geborgen worden.
Allerdings waren sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Es würde den Gerichtsmedizinern vorbehalten bleiben, sie zu identifizieren.
Clive Caravaggio sprach zuerst mit George Rowtenburg, dem Einsatzleiter des Fire Service.
"Sorry, aber es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Ihre Leute sich im Inneren der Villa umsehen können!", meinte er. "Momentan herrscht dort noch akute Lebensgefahr."
"Ist noch jemand im Haus?", fragte Clive.
"Soweit wir wissen nicht", erklärte Rowtenberg. "Unsere Leute konnten trotz ihrer Ausrüstung bislang nur einen kleinen Teil des Gebäudes betreten."
Clive blickte zu dem brennenden Gebäude hinüber. Beißende Qualmwolken zogen über das für New Yorker Verhältnisse sehr weitläufige Grundstück.
Orry meldete sich zu Wort. "Ich glaube, wir kriegen Besuch!", stellte er fest. Er deutete auf einen kleinen, breitschultrigen Mann mit Halbglatze und energischen Gesichtszügen. Mit einem Gefolge von mehreren kräftig gebauten Kerlen betrat er das Grundstück.
Einer der uniformierten Kollegen der City Police versuchte die Gruppe aufzuhalten.
"Gehen Sie aus dem Weg, Mann! Ich bin Alex Shkoliov! Mir gehört dieses Haus - oder was von ihm übrig geblieben ist." Der untersetzte Mann verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
Clive, Orry und einige weitere G-men gingen auf Shkoliov zu. Clive zog seine ID-Card, hielt sie dem Ukrainer entgegen.
"Ich bin Agent Caravaggio, stellvertretender SAC des FBI Districts New York. Es freut mich, dass Sie wohlauf sind, Mister Shkoliov."
"Ach wirklich? Sie brauchen mir nichts vorzuheucheln, G-man! In Wahrheit haben Sie gehofft, dass ich von den Männern des Fire Service als verkohlte Leiche geborgen werde! Ihr seid doch alle gleich! Ehrliche Geschäftsleute werden von Ihnen mit Ermittlungen überzogen und nach Strich und Faden schikaniert! Aber auf der anderen Seite ist Ihre Behörde nicht in der Lage, für Sicherheit zu sorgen!" Shkoliov streckte den Arm aus und deutete auf die Villa. "Da haben Sie den Beweis! Ich hoffe, Sie verfolgen die Schuldigen genauso hartnäckig, wie Sie es mit unbescholtenen Bürgern tun!"
"Nun mal halblang!", unterbrach Clive Caravaggio den Redefluss des Ukrainers. "Sie können froh sein, dass Sie in einem Staat leben, in dem Verdächtige relativ große Rechte genießen, sonst säßen Sie längst hinter Gittern!"
"Ach! Jetzt wollen Sie mich auch noch beschuldigen! Dabei bin ich um ein Haar das Opfer eines Mordanschlags geworden!" Shkoliov schnappte nach Luft. Er sagte ein paar Worte auf Ukrainisch zu seinen Bodyguards. Einer der breitschultrigen Mobster reichte seinem Boss daraufhin ein daumengroßes Sprühfläschchen.
Shkoliov sprühte sich damit in den Rachen.
Nitro-Spray!, dachte Clive. Er wusste, dass Shkoliov herzkrank war und mehrere Bypass-Operationen hinter sich hatte.
"Was ist Ihrer Meinung nach hier passiert?", fragte Clive in sachlichem Tonfall.
"Ich war in der City unterwegs, als mich einer meiner Leute anrief. Victor Kosteliov. Er sagte, ein Päckchen sei für mich abgegeben worden. Von einem Kurier. Ich habe Vic gesagt, dass er es sofort öffnen soll. Dann habe ich die Explosion durch das Telefon gehört." Shkoliov schluckte. "Ich nehme an, dass Vic nicht mehr am Leben ist. Der arme Kerl. Er war mein Neffe und ich hatte eigentlich gedacht, dass er eines Tages einen Teil meiner Geschäfte weiter führt..."
"Warum war Ihnen dieses Päckchen so wichtig, dass Sie die sofortige Öffnung anordneten?", hakte Clive nach.
"Vic hatte mir durchgegeben, dass es von dem Juwelier Zorovsky abgeschickt worden war. Ich weiß nicht, ob jemand wie Sie das Diamond Dreamland in der Fifths Avenue kennt."
"Ein sehr teurer Laden für handgearbeiteten Schmuck", sagte Clive gelassen.
Shkoliov hob die Augenbrauen. "Sie überraschen mich, G-man! Wie auch immer, Zorovsky gehört das Diamond Dreamland. Ich hatte mir von ihm ein paar Schmuckstücke anfertigen lassen, die ich heute Abend einer Dame zu schenken gedachte. Ich wollte wissen, wie die Stücke geworden sind..."
"Und das konnte dieser Victor Kosteliov für Sie beurteilen?", wunderte sich Clive. "Als was war er bei Ihnen angestellt?"
"Als Majordomus."
Clive wechselte mit Orry einen kurzen Blick. Dann fuhr der stellvertretende SAC fort: "Wir werden von Ihrer Aussage ein Protokoll machen müssen. Möglicherweise werden Sie Ihre Version der Ereignisse eines Tages vor Gericht wiederholen und beeiden müssen. Das ist Ihnen doch klar, oder?"
Shkoliov verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.
"Ihre Kollegen haben in der Vergangenheit nie versäumt, mich auf meine Rechte hinzuweisen."
"Ich nehme an, Sie möchten mit Ihrem eigenen Wagen zur Federal Plaza fahren..."
"Bin ich verhaftet?"
Clive schüttelte den Kopf. "Nein, wir vernehmen Sie als Zeugen, Mister Shkoliov."
Der Ukrainer machte eine wegwerfende Geste. "Sie können sich Ihr ganzes Theater meinetwegen sparen."
"Möchten Sie nicht, dass die Schuldigen an diesem Anschlag auf Ihr Leben gefasst werden?", fragte Clive verwundert.
"Doch, das möchte ich schon. Ich traue Ihnen und dem FBI nur nicht besonders viel zu!"
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6


Das Ticken des Zeitzünders war kaum zu hören.
Milo stieß auf meinen Ruf hin die Tür auf.
Er taumelte hinaus, stürzte auf einen Hauseingang zu. In letzter Sekunde rettete er sich in die Nische.
Ich rannte ebenfalls.
Als die Explosion losbrach, hechtete ich mich zu Boden und rollte mich seitwärts über den Asphalt. Im nächsten Moment befand ich mich unter einem der am Straßenrand parkenden Fahrzeuge. Eine Welle aus Druck und Hitze fegte über mich hinweg. Die Sprengladung, die der Roller-Skates-Gangster unter dem Chevy angebracht hatte, ließ eine gewaltige Flamme aufscheinen. Die Bombe wirkte wie eine Art Zünder, denn im nächsten Moment gab es eine zweite Explosion. Der Tank flog in die Luft. Ich betete dafür, dass nicht weitere Wagen Feuer fingen und explodierten. Aber dazu schien die Sprengladung nicht groß genug gewesen zu sein. Ich rollte mich unter dem parkenden Wagen hervor. Es handelte sich um eine Ford-Limousine, deren Unterboden ziemlich rostzerfressen war.
Auf der anderen Seite des Fords tauchte ich wieder auf. Ich rappelte mich hoch. Während die Flammen loderten, rief ich nach Milo.
"Alles klar, Jesse!", antwortete Milo.
Ich war nahe davor aufzuatmen. Doch da sah ich den roten Punkt an der Brownstone-Mauer auf der Seite von Mortons Drugstore tanzen.
Der Laserpointer eines elektronischen Zielerfassungsgerätes, wie man sie inzwischen als Zubehör zu zahlreichen Gewehren und Pistolen geliefert bekam.
Ich duckte mich.
Der Schuss zischte dicht über mich hinweg, fraß sich ins Mauerwerk und sprengte einen handgroßen Steinbrocken heraus. Ein zweiter Schuss folgte nur Sekundenbruchteile später. Ich zog die SIG, ließ den Blick schweifen.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand sich ein dreistöckiges Gebäude, das die Form eines Quaders hatte. Im Erdgeschoss hatte sich früher mal ein Supermarkt befunden. Jetzt waren die Fensterfronten mit Spanplatten vernagelt. In einer dieser Platten war ein Loch. Der Lauf eines Gewehrs ragte etwa zwanzig Zentimeter ins Freie. Das Mündungsfeuer blitzte erneut auf.
Ich nahm hinter der Motorhaube des Fords Deckung.
Milo feuerte in Richtung des Unbekannten. Ich schoss gleichzeitig mit meiner SIG. Ein Schrei gellte. Offenbar hatten wir jemanden getroffen. Spanplatten bildeten keinen Schutz gegen Projektile. Die Kugeln meiner SIG vermochten sie mühelos zu durchdringen.
"Gib mir Feuerschutz!", rief ich an Milo gerichtet.
Wir hatten ja keine Ahnung, ob unser Gegner allein operierte.
Milo schoss, was das Zeug hielt.
Ich lief in geduckter Haltung den Bürgersteig entlang. Die parkenden Fahrzeuge boten dabei etwas Deckung. Dann schlug ich einen Bogen, lief über die Straße.
Ich pirschte mich an den ehemaligen Supermarkt heran, presste mich schließlich gegen die Mauer. Es wurde nicht mehr geschossen. Zwischen dem Supermarkt und dem Gebäude zur Linken befand sich die Zufahrt zu einem an der Rückfront gelegenen Parkplatz. Ich spurtete los. An der Ecke stoppte ich, pirschte mich heran und tauchte mit der SIG im Beidhandanschlag aus der Deckung hervor.
Ein einzelner Van befand sich auf dem Parkplatz.
Typ, Baujahr und die ersten Ziffern des Nummernschildes stimmten mit dem überein, was ich mir von Mortons Fahrzeug gemerkt hatte. Es war niemand im Wagen.
Auf der Rückfront des Supermarktes befand sich eine Laderampe für Zulieferer. Daneben eine Tür für den Personalzugang. Sie stand einen Fußbreit offen, flog im nächsten Moment zur Seite.
Ich riss die SIG empor.
Mein Gegenüber trug eine Wollmütze, ziemlich weite Hosen und in der Rechten ein Sturmgewehr, wie es von Scharfschützen der Army benutzt wurde.
"Waffe weg, FBI!", rief ich.
Er erstarrte für eine Sekunde.
Sein graues Fleece-Shirt wies einen ziemlich großen, dunkelroten Fleck auf. Der Kerl hatte offensichtlich eine Kugel abbekommen.
"Hey, Mann, immer cool bleiben!", brachte der junge Mann heraus. Er atmete schwer. Die Wunde machte ihm offenbar zu schaffen.
Ich näherte mich.
"Bist du allein?"
"Scheiße, wenn ich 'ne Antwort gebe, legst du mich um!"
"Ich bin G-man, kein Killer! Leg jetzt verdammt noch einmal die Waffe auf den Boden! Und zwar ganz langsam!"
Er schluckte.
Dann riss er plötzlich sein Sturmgewehr hoch, feuerte einhändig in meine Richtung. Ein ziemlich ungezielter Schuss. Ich warf mich seitwärts, feuerte beinahe im selben Moment. Die Kugel meines Gegners pfiff dicht an mir vorbei.
Ich hatte auf seine Beine gezielt, ihn aber offenbar ebenfalls verfehlt.
Er befand sich nicht mehr in der Tür. Ich rappelte mich auf, pirschte mich an die Tür heran. "Geben Sie auf! Sie kommen da nicht heraus!"
Ich hörte Geräusche aus dem Inneren.
Milo bog inzwischen um die Ecke.
"Alles klar, Jesse?", fragte er.
Ich nickte. "Der Schütze ist da drinnen. Er hat eine Schussverletzung am Oberkörper."
"Ich habe Verstärkung gerufen."
"Die haben wir auch dringend nötig. Ich glaube nämlich nicht, dass wir lange mit dem Kerl allein bleiben werden."
"Holen wir ihn uns!"
Milo nahm die SIG mit beiden Händen. Er stürmte ins Innere des Supermarktes. Die Beleuchtung war ohne Stromversorgung. Da die Fensterfront zur Straße ja mit Spanplatten vernagelt war, herrschte Halbdunkel. Licht fiel nur durch ins Mauerwerk eingelassene Glasbausteine und eine Reihe kleiner Fenster knapp unterhalb der Decke. Leere Regale bildeten ein Labyrinth. Wenn der Kerl es darauf anlegte, konnte er uns hier eine ganze Weile zum Narren halten. Milo deutete auf dunkelrote, frische Flecken auf dem Boden. Blutflecken.
Die Spur führte hinter eine Regalwand.
Milo und ich verständigten uns mit ein paar Zeichen. Wir hatten so viele gemeinsame Einsätze hinter uns, dass wir uns beinahe blind verstanden.
Milo folgte der Spur. Ich schlug einen Bogen.
Wir wollten den Kerl in die Zange nehmen.
Mit seiner Verwundung konnte er ohnehin nicht weit kommen.
Wir bewegten uns lautlos.
Ich bemerkte den Strahl eines Laserpointers, der an der Decke entlang tanzte. Nur Sekunden dauerte das. Unser Gegner hatte einen Fehler gemacht, indem er den Lauf der Waffe in einem zu steilen Winkel angehoben hatte. Das verriet mir jetzt ungefähr seine Position. Milo hatte es bestimmt auch gesehen.
Ich lief in geduckter Haltung, die SIG in der Rechten.
In einer der engen Gassen zwischen Regalwänden stellte ich ihn. Er kauerte am Boden, atmete schwer. Zunächst bemerkte er mich gar nicht. Sein Blick war in die entgegengesetzte Richtung gewandt. Milo tauchte auf, richtete die SIG auf ihn.
Er wollte das Sturmgewehr empor reißen. Aber mit einer Hand war das ziemlich schwierig. Die andere Hand presste der Verletzte auf seine Wunde. Das Blut rann ihm dabei zwischen den Fingern hindurch.
Ich stürzte von hinten auf ihn zu.
Als er mich bemerkte, war es zu spät für ihn.
Ich bog mit der Linken seinen Waffenarm zur Seite.
Ein Schuss löste sich, riss ein faustgroßes Loch in eine der Spanplatten hinein, aus denen die Regalwände bestanden.
Meine SIG setzte ich ihm an die Schläfe.
Er erstarrte.
"Das Spiel ist endgültig aus", stellte ich klar. "Ich bin Special Agent Jesse Trevellian vom FBI Field Office New York. Du bist hiermit verhaftet. Und sobald ich die Hände frei habe, zeige ich dir sogar meine ID-Card."
Er ließ das Sturmgewehr los.
Ich ließ es in Milos Richtung über den Boden rutschen. Mein Kollege nahm es an sich, während ich den Killer mit meinen Handschellen fesselte. Trotz der Verletzung, die der Kerl davongetragen hatte, war das offenbar nötig. Milo hatte das Handy am Ohr und sorgte dafür, dass sich auch eine Rettungseinheit des Emergency Service auf den Weg hier her machte. Die Wunde sah ich mir kurz an. Ein glatter Durchschuss durch den Schulterbereich. Keine unmittelbare Lebensgefahr.
Ich durchsuchte ihn so gut es ging.
In der Knietasche seiner überweiten Cargo-Hosen befand sich ein Führerschein, der längst abgelaufen war. Aber das Foto passte zu dem Mann. Er hieß Allan Tucoma, war gerade einundzwanzig Jahre alt. Außerdem trug er noch ein Prepaid-Handy bei sich. Ich hoffte nur, dass er noch nicht dazu gekommen war, seine Leute zu rufen.
"Du bist ziemlich jung für einen Killer", stellte ich fest.
"Du kannst mich mal!"
"Bevor du noch irgendetwas sagst, solltest du wissen, dass alles, was du von nun an äußerst, vor Gericht gegen dich verwendet werden kann. Außerdem hast du das Recht auf einen Anwalt. Sofern..."
"Scheiß drauf! Das Theater kannst du dir sparen!"
"Um so besser."
Er sah erst Milo und dann mich einige Augenblicke lang an. "Ihr seid wirklich G-men?"
Milo hielt ihm die ID-Card unter die Nase.
"Sieht die vielleicht gefälscht aus?"
Allan Tucoma runzelte die Stirn. "Ich dachte..."
"Was dachtest du?", hakte ich sofort nach.
"Ich dachte, diese Scheiß-Itaker hätten euch geschickt!"
"Wegen der Sache mit Scarlatti?"
Er biss sich auf die Lippe. "Ich sage keinen Ton mehr, bis ich nicht einen Anwalt gesprochen habe!"
"Könnte sein, dass deine Aussage dann viel weniger wert ist!", stellte Milo klar. "Du hast versucht, zwei FBI-Agenten zu ermorden. Das ist ein schweres Verbrechen. Bei dem Prozess, der dir bevorsteht, wirst du das Wohlwollen des Staatsanwaltes dringend brauchen!"
Allan Tucoma lachte heiser. "Ach, ja?" Er verzog schmerzverzerrt das Gesicht.
"Was weißt du über den Mord an Scarlatti?", fragte Milo.
"Einen Dreck weiß ich! Ihr Arschlöcher wollt mir doch nur was anhängen! Das kenne ich schon!"
Milo ließ nicht locker.
"Willst du die Schuld allein auf dich nehmen? Du hast doch nicht aus eigenem Antrieb auf uns geschossen. Wer hat dir gesagt, dass du uns umlegen sollst?"
Ich erhob mich, steckte die SIG ein.
Draußen fuhr ein Wagen vor.
Ich fragte mich, ob das die Kollegen waren. Allerdings hatte ich keine Sirenen gehört. Das machte mich stutzig.
Milo sah mich an.
Er hatte denselben Gedanken.
"Unterhalte dich ruhig noch ein bisschen mit ihm", meinte ich an meinen Kollegen gewandt. "Ich sehe mal nach, was da los ist!"
"Ihr seid schon so gut wie tot, ihr Wichser!", ächzte der Gefangene.
Ich rannte zum Hintereingang.
Ein offener Geländewagen war vorgefahren. Vier mit Sturmgewehren und MPis Bewaffnete saßen darin. Sie trugen Sturmhauben, die nur die Augen freiließen. Ansonsten ähnelten sie in ihrer Kleidung dem jungen Mann, den wir festgenommen hatten.
Einer von ihnen riss sofort seine MPi hoch, feuerte in meine Richtung. Ich zuckte zurück in sichere Deckung. Rings um die Tür wurde die Außenwand derweil mit Einschusslöchern übersät.
Der Geschosshagel verebbte. Ich konnte hören, wie die Maskierten vom Wagen sprangen. Offenbar gingen sie in Stellung.
Ich hoffte, dass in Kürze unsere Kollegen auftauchten, um diesen Alptraum zu beenden.
Einige Augenblicke lang herrschte Stille.
"Hier spricht das FBI!", rief ich. "Wir haben euren Kumpel Allan Tucoma hier bei uns! Er ist verhaftet! Wenn ihr uns angreift, könnte er auch etwas abbekommen. Außerdem befinden sich unsere Leute auf dem Weg hier her! Sie müssten jeden Augenblick eintreffen..."
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Sie kam in Form einer Gasgranate.
Der eiförmige Gegenstand flog durch die offenstehende Tür, prallte gegen eines der Regale und rollte dann über den Boden. Ein gelbes Gas quoll heraus.
Ich stürzte aus meiner Deckung hervor, um die Gasgranate zurück ins Freie zu kicken.
Aber ein wahrer Geschosshagel ließ mich sofort zurückzucken.
Die Projektile zerfetzten das Regal regelrecht.
Der gelbe Rauch biss in den Augen.
Ich rannte zu Milo und dem Gefangenen.
"Die wollen uns wohl ausräuchern!", meinte mein Freund und Kollege grimmig. Er überprüfte die Ladung des Sturmgewehrs, das wir Allan Tucoma abgenommen hatten. Eigentlich war das gegen jede Vorschrift, denn dieses Gewehr stellte ein wichtiges Beweisstück dar. Aber jetzt ging es für uns erst einmal darum, unsere Haut zu retten.
"Wir müssen hier weg!", stellte ich fest.
Das gelbe Reizgas breitete sich immer weiter aus.
Wir halfen dem Gefangenen auf die Beine. "Deine Freunde scheinen nicht viel Rücksicht auf dich zu nehmen, Allan", sagte Milo.
"Die werden euch Bastarde zur Stecke bringen!", fauchte er.
Wir nahmen Allan in die Mitte, stützten ihn und machten uns auf den Weg.
"Hey wo wollt ihr denn hin?", ächzte Allan. "Vielleicht gibst du uns ja einen kleinen Tipp", erwiderte ich. "Schließlich kennst du dich ja hier besser aus!"
"Leckt mich doch!"
Die Schwaden aus gelbem Reizgas wurden immer dichter, erfüllten bereits einen Großteil des Raums. Und obwohl das Gas uns noch gar nicht richtig erreicht hatte, tränten uns bereits die Augen.
Wir erreichten eine Tür. Sie war verschlossen. Ich nahm die SIG und feuerte. Mein gezielter Schuss ließ das Schloss aufspringen. Milo riss die Tür auf. Ein breiter Korridor lag vor uns. Rechts und links befanden sich Räume, die vermutlich mal als Büros gedient hatten. Die Türen waren ausgehängt. Eine graue Ratte huschte über den Flur.
Wir schlossen die Tür hinter uns so gut es ging und hetzten weiter.
"Ich kann nicht mehr!", keuchte plötzlich der verletzte Gefangene.
Im gleichen Moment wurde die von uns notdürftig geschlossene Tür zu den Verkaufsräumen aufgestoßen.
Ein wuchtiger Tritt ließ sie zur Seite fliegen.
Einer der Kerle stand mit einer MPi im Anschlag da. Seine Sturmhaube hatte er inzwischen offenbar gegen eine Gasmaske ausgetauscht, um nicht von dem eigenen Reizgas kampfunfähig gemacht zu werden. Unsere Gegner verfügten über eine Ausrüstung, bei der so mancher County Sheriff neidisch werden konnte.
Der Kerl feuerte sofort.
Ohne zu zögern.
Und ohne Rücksicht auf Allan Tucoma, den Milo und ich in unserer Mitte hatten.
Ich riss die SIG empor. Annähernd im selben Moment wie Kerl mit der Gasmaske schickte ich meine erste Kugel auf den Weg. Sie traf den Kerl mitten der Brust, ließ ihn zurücktaumeln und der Länge nach zu Boden schlagen. Die Schüsse, die sich noch aus seiner MPi lösten, gingen ins Nichts.
Sein Komplize tauchte für Augenblicke aus dem gelben Nebel auf, der jetzt durch die Tür zu quellen begann.
Ich feuerte mehrmals.
Der Kerl zog sich zurück, nahm Deckung.
Wir hetzten zum Ende des Korridors. Milo und ich schossen dabei in Richtung der Tür, um zu verhindern, dass uns jemand folgte.
Am Ende des Korridors befand sich die stillgelegte Liftanlage. Nach rechts war der Flur zugemauert.
Nach links hatte es den noch immer vorhandenen Hinweisschildern nach einen Ausgang zur Straße gegeben. Ebenfalls zugemauert.
"Verdammt, wir sitzen in der Falle", knurrte Milo. Er postierte sich an der Korridor-Ecke und legte Allan Tucomas Sturmgewehr an.
An der Tür zum Verkaufsraum blitzte Mündungsfeuer auf. Eine MPi knatterte los.
Milo feuerte zurück, bis das Magazin des Sturmgewehrs leergeschossen war. Er zog sich zurück.
Ich hatte inzwischen meine SIG nachgeladen und trat an seine Stelle.
Vorsichtig tauchte ich aus der Deckung hervor, zielte und schoss mehrfach hintereinander.
Die Antwort kam Sekundenbruchteile später in Form eines Bleigewitters. Ich zog mich schleunigst zurück. Die Schüsse unserer Gegner zischten an uns vor, perforierten die Aluminiumtüren der stillgelegten Aufzugsanlage. Aber in die bellenden Schussgeräusche mischte sich noch etwas anderes.
Sirenen!
Offenbar waren die Einsatzfahrzeuge unserer Kollegen im Anmarsch. Milo nahm sein Handy ans Ohr und versuchte Kontakt zu ihnen zu bekommen, was mit einem Umweg über unsere Zentrale an der Federal Plaza auch gelang. In knappen Sätzen berichtete Milo die Lage. Unsere Kollegen sollten den Gasmaskenträgern schließlich nicht ins offene Messer rennen.
Der Geschosshagel verebbte.
Offenbar hatten auch unsere Gegner mitgekriegt, was die Stunde geschlagen hatte.
Sie zogen sich zurück.
Unsere Probleme waren damit noch nicht hundertprozentig gelöst.
Das gelbe Reizgas breitete sich weiter aus. Der Weg durch den Verkaufsraum des Supermarktes war uns abgeschnitten. Und hier bleiben konnten wir nicht, auch wenn die Gaskonzentration noch keine bedenkliche Größenordnung hatte. Aber das konnte schneller eintreten, als uns lieb war.
Der verletzte Allan Tucoma rang jetzt schon nach Luft.
"Verdammt... Ich brauche einen Arzt!", keuchte er.
"Du hättest längst einen, wenn deine Freunde hier nicht aufgetaucht wären", erwiderte ich.
"Scheiße..."
Draußen wurde geschossen. Offenbar waren die Maskierten nicht bereit, sich kampflos zu ergeben.
Ein anderes Geräusch übertönte jedoch alles.
Aus einem der ehemaligen Büroräume drang ein gewaltiger Knall.
Stimmen wurden laut.
"Jesse! Milo! Seid ihr da irgendwo?"
Ich schnellte vor, hielt mir die Nase dabei zu und erreichte den Raum, in dem die Detonation stattgefunden hatte. Mit einer Sprengladung hatten unsere Kollegen einen Teil der Spanplatten beseitigt, die die Fensterfront zum Großteil verdeckt hatte. Die Scheiben waren geborsten.
Ich blickte in die Augen unseres Kollegen Jay Kronburg, der mit seinem 4.57er Magnum-Revolver dastand und mich ebenso überrascht musterte wie ich ihn. Sein Partner Leslie Morell befand sich nur wenige Schritte von ihm entfernt. Zwei uniformierte Officers der City Police waren gerade dabei hereinzuklettern.
Ich steckte die SIG zurück ins Holster.
"Alles klar!", sagte ich.
Die Schussgeräusche verebbten inzwischen.
Agent Leslie Morell griff sich an den Funk-Ohrhörer, über den er mit den anderen, an diesem Einsatz beteiligten Kollegen verbunden war.
"Ich höre gerade, dass zwei Männer verhaftet wurden!"
"Es waren insgesamt vier", erklärte ich. "Einen habe ich leider in Notwehr erschießen müssen."
"Das heißt, dass ein Täter entkommen ist", stellte Milo fest.
"Wir werden die umliegenden Blocks absuchen", versprach Jay Kronburg. "Das Aufgebot, mit dem wir hier angerückt sind, ist groß genug dafür!"
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7


Ray Neverio keuchte. Eine zierliche Asiatin saß rittlings auf ihm. Sie war nackt. Das blauschwarze Haar hing über ihre mittelgroßen, festen Brüste.
Die junge Frau ließ das Becken kreisen.
Neverio atmete schneller.
"Hey, mach dein Haar nach hinten! Ich will deine Brüste sehen!", keuchte er. Dann fiel ihm wieder ein, dass die junge Asiatin kein Englisch verstand. Nicht ein einziges Wort. Darauf achtete Neverio immer. Er ließ sich regelmäßig Girls über einen Zuhälter in Chinatown vermitteln. Yu Lee-Kwan war sein Name. Yu achtete darauf, Neverios Sonderwünsche genau zu erfüllen. Der wichtigste war: Die Girls, mit denen er im Bett herumtobte, durften so wenig wie möglich von dem verstehen, was geredet wurde. Für Neverio war wichtig, dass sie keinerlei Geheimnisse verraten konnten. So kamen eigentlich nur Frauen in Frage, die gerade ins Land gekommen waren. Auf welchen illegalen Wegen auch immer.
Die junge Asiatin sagte etwas in einer Sprache, von der Neverio nicht ein einziges Wort verstand.
"Halt schon den Mund, Baby - und mach weiter!", keuchte er. Die Kleine war wirklich gut.
Schon länger hatte keines der Girls, die Mister Yu ihm geschickt hatte, ihn so begeistert.
"Ja, los! Gib mir den Rest!", keuchte er.
Sie beugte sich zu ihm hinunter. Neverio bemerkte ein kaltes, katzenhaftes Glitzern in ihren Augen.
Ihre Haare kitzelten auf seiner Brust.
Mit den Augenwinkeln sah Ray Neverio den breiten goldenen Ring an ihrer rechten Hand. Es hatte Neverio von Anfang an irritiert, dass sie den Ring am Mittelfinger trug. Plötzlich wusste er den Grund.
Um mehr Kraft zu haben, durchzuckte es Neverio.
Eine Art Nadel klappte aus dem Ring heraus.
Eisiger Schrecken durchfuhr Neverio.
Millimeter bevor das Girl ihm die feine Nadel in den Hals zu stechen vermochte, bekam er ihr Handgelenk zu fassen, bog es zur Seite. Das Girl schrie auf. Neverio stieß sie grob von sich. Der Stoß, den er ihr versetzte, war so kräftig, dass sie vom Bett herunterrutschte.
Mit katzenhafter Geschmeidigkeit rollte sich das nackte Girl auf dem Boden herum und stand nur eine Sekunde später schon wieder auf den Beinen.
Ihr Gesicht war zu einer Grimasse verzogen.
Sie hatte Kampfhaltung eingenommen.
Neverios Puls raste.
Verdammt, das war knapp, durchzuckte es ihn heiß. Es gab in New York kaum jemanden, der so gesichert wurde wie Ray Neverio, von dem jeder annahm, dass er nach Jack Scarlattis Tod der Stellvertreter des ins Ausland geflohenen Familienoberhaupts war.
Mehrere Dutzend Leibwächter schirmten ihn ab. Seine Etage in den Majestic Apartments wurde Zentimeter für Zentimeter elektronisch überwacht. Wer ihn umbringen wollte, musste sich schon etwas sehr Raffiniertes ausdenken.
Und genau das haben diese Bastarde aus Brooklyn getan, ging es Neverio voller Wut durch den Kopf. Die Girls, die Mister Yu ihm schickte, waren eine seiner wenigen Schwachstellen.
Die junge Asiatin stürzte sich wie eine Katze auf ihn.
Neverio reagierte, rollte sich blitzschnell zur Seite.
Körperlich war er der Kleinen haushoch überlegen. Aber er musste damit rechnen, dass die Nadel am Ring vergiftet war und ein winziger Kratzer oder Einstich schon ausreichte, um ihn zur Strecke zu bringen. Ein raffinierter Plan, dachte Neverio. Den Einstich hätte zunächst kaum jemand bemerkt. Vielleicht wäre sie nicht einmal dem Coroner bei der Obduktion aufgefallen. Die Chancen der Attentäterin, vollkommen unbehelligt das Majestic verlassen können zu können, waren gar nicht so schlecht.
Neverio stand etwas unschlüssig da.
Sein Sprechgerät auf dem Nachttisch konnte er nicht erreichen.
Der Weg war ihm durch diese wütende Wildkatze abgeschnitten.
Die junge Frau wusste ganz genau, dass sie ihr Gegenüber jetzt um jeden Preis töten musste, wollte sie lebend aus dieser Sache herauskommen.
Lautlos glitten ihre Füße über den Teppichboden.
"Hilfe! Robbie! Damon! Scheiße, wo seid ihr!"
Neverio wusste, dass seine Schreie zwecklos waren.
Er selbst hatte dafür gesorgt, dass sein Schlafzimmer mehr oder weniger schalldicht isoliert war. Er liebte es nämlich, wenn Frauen besonders laut beim Sex waren.
Das Girl lauerte auf ihn.
Neverio griff nach einer gusseisernen, abstrakten Plastik, die im Regal stand.
Etwa dreißig Zentimeter hoch war die Plastik, die aussah, als hätte jemand mit erkaltendem Kunststoff experimentiert.
Neverio schleuderte ihr das Kunstwerk entgegen.
Das Girl duckte sich. Die Plastik prallte mit voller Wucht gegen die Wand, hinterließ dort einen deutlich sichtbaren Abdruck.
Das Girl umrundete das Bett.
"Das nützt dir alles nichts!", zischte sie.
Offenbar sprach sie sehr gut Englisch. Neverio konnte jedenfalls keinerlei Akzent ausmachen.
"Hör zu. Wir können über alles reden!", zeterte der Mafioso. "Ich zahle dir das Doppelte von dem, was diese Scheißkerle dir geboten haben!"
"Halt den Mund, du Weichei!"
Wie die Pranke einer Raubkatze ließ sie die rechte Hand vorschnellen. Neverio wich ihr aus. Haarscharf glitt die Hand der Asiatin an ihm vorbei.
Neverio versetzte ihr einen Tritt.
Er traf sie in der Körpermitte. Sie taumelte zurück.
Diesen Moment nutzte Neverio.
Er hechtete über das Bett, rollte sich ab und griff zu dem Knopf, der das Sprechgerät auf dem Nachttisch aktivierte.
"Robbie! Schnell! Die Kleine will mich kalt machen!"
Sekunden später flog die Tür zur Seite.
Ein breitschultriger Kerl mit Stiernacken und Kurzhaarschnitt stand breitbeinig da. Er hielt eine Automatik im Beidhandanschlag, ließ den Lauf der Waffe seitwärts wirbeln und feuerte.
Vier Schüsse trafen das nackte Girl innerhalb von zwei Sekunden. Der Körper der jungen Frau zuckte wie eine Marionette. Blutüberströmt sank sie zu Boden und blieb reglos liegen.
Neverio atmete tief durch.
"Alles in Ordnung, Boss?", fragte der Bodyguard.
Neverio nickte knapp. Er begann sich hastig anzuziehen.
"Mister Yu kriegt was von mir zu hören, da kann er sich drauf verlassen", knurrte der neue Statthalter des "Großen Alten". Neverio deutete auf die Leiche der jungen Frau. "Wenn du den Dreck hier beseitigt hast, bringst du sie alle um!", kreischte er unbeherrscht. "Mister Yu genauso wie diese Hunde aus Brooklyn. Ich will sie alle tot sehen! Hörst du, Robbie! Ihr Blut soll die Straßen New Yorks überschwemmen!"
Robbies Gesicht blieb unbewegt.
Er steckte die Waffe weg.
"Eine Nachricht ist für Sie eingetroffen, Mister Neverio. Aus Marokko."
"Vom Großen Alten?"
"Ja. Kam über das Internet."
Neverios Blick veränderte sich von einem Augenblick zum anderen. Er wirkte wieder stocknüchtern und absolut kontrolliert.
"Mal sehen, was der Alte wieder zu maulen hat", murmelte er düster.
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8


Wir blieben noch einige Stunden in der Bronx. Die Kollegen der City Police suchten in Zusammenarbeit mit einem guten Dutzend G-men die Gegend nach dem Flüchtigen ab. Vergeblich. Er musste zu Fuß geflohen sein. Möglicherweise hatte er die Abwasserkanäle für seine Flucht benutzt. Jedenfalls blieb er unauffindbar. Die anderen Männer, die mit ihm zusammen versucht hatten, uns zu töten, wurden verhaftet und zur Federal Plaza gebracht. Dort warteten ausgedehnte Verhöre auf sie. Die nächsten Tage würden sie in den Gewahrsamszellen verbringen, die das Field Office New York für solche Fälle bereithielt. Zu irgendwelchen Aussagen waren sie nicht bereit. Ich hoffte nur, dass unsere Vernehmungsspezialisten sie davon überzeugen konnten, dass es sinnlos war, die gesamte Schuld auf sich zu nehmen. Diese Männer waren Teil einer kriminellen Organisation. Jemand hatte sie beauftragt, und unsere Aufgabe war es, hinter die Kulissen zu schauen.
Der verletzte Allan Tucoma war in das St. David Hospital in der 111. Straße gebracht worden, damit die Schussverletzung behandelt werden konnte. Rund um die Uhr würde er dort von NYPD-Kollegen bewacht werden. Wir hofften, dass auch er unseren Kollegen so schnell wie möglich für Vernehmungen zur Verfügung stand.
Inzwischen trafen auch Spurensicherer der Scientific Research Division ein. Möglicherweise fanden sie irgendwelche Hinweise, die uns weiter brachten.
Eine Spur hatten wir immerhin.
Sowohl Allan Tucoma als auch die Männer, die versucht hatten, ihn zu befreien, trugen die protzigen Goldkreuze um den Hals, die uns Larry Morton als Erkennungszeichen der Gang "Los Santos" genannt hatte. Goldkreuze, die statt eines Gekreuzigten Jesus ein gehörntes Gerippe zeigten.
"Die Kerle werden schweigen wie ein Grab, da kannst du Gift drauf nehmen", meinte unser Kollege Jay Kronburg.
"Genauso wie die Leute hier in der Gegend", ergänzte ich.
Jay nickte düster.
"Jeder von diesen selbsternannten Heiligen, den wir in die Finger kriegen, weiß doch ganz genau, dass seine Gangbrüder ihn kalt machen, wenn er sie verpfeift!"
Milo meldete sich zu Wort. "Meinst du, es hat Sinn, dass wir uns diesen Morton noch einmal vornehmen?"
"Der wird keinen Ton mehr sagen", war ich überzeugt.
Ein Sergeant der Scientific Research Division nahm sich gerade den Geländewagen vor, mit dem die "Santos" herangerauscht waren. Über den Radkästen befanden sich spezielle Kammern, gefüllt mit Munition und Handgranaten.
"Diese Heiligen sind ausgerüstet, als ob sie jemandem einen Krieg erklären wollten!", staunte Milo.
"Scheint als hätten sie sich mit dem Scarlatti-Clan auch einen mehr als gleichwertigen Gegner ausgesucht", meinte Jay. "Ich frage mich nur, ob die Killer aus Little Italy nicht eine Nummer zu groß für sie sind!"
"Ich würde mir gerne das Parkhaus ansehen, in dem die Roller-Skates-Rennen stattfinden sollen", sagte ich. Jay sah mich fragend an. "Morton berichtete davon", erklärte ich ihm. "Es soll sich ganz in der Nähe befinden."
"Wir sind mit einem Ford hier", mischte sich jetzt Leslie Morell ein. "Da passen wir alle vier hinein!"
Wenig später stiegen wir in den viertürigen Ford aus dem Fuhrpark der FBI-Fahrbereitschaft. Unser Kollege Leslie Morell saß am Steuer. Das Parkhaus hatten wir schnell gefunden. Graffitis prangten an den Betonwänden. Die Schranken waren demoliert. Ebenso die Automaten, die früher die Parktickets abgelesen hatten.
"Sag mal, was hoffst du hier eigentlich zu finden, Jesse?", fragte Milo.
"Keine Ahnung. Vielleicht hängen hier ein paar von den Kids herum, die alle nur davon träumen, endlich Mitglieder von der Santos-Gang zu werden."
"Und dafür vielleicht auch bereit wären einen Mafia-Boss umzubringen?"
"Zumindest würden sie dafür ein paar im Stau festsitzende Porschefahrer um ihre Brieftasche erleichtern!"
Jay Kronburg mischte sich in das Gespräch ein. "Diese Gegend ist doch wie ein Dorf, Jesse! Was glaubst du, wie schnell sich herumgesprochen hat, was in dem ehemaligen Supermarkt passierte! Und wer einen Funken Verstand hat, sieht zu, dass er von der Straße verschwindet!"
Leslie lenkte den Ford ins das Parkhaus hinein. Er fuhr mit aufheulendem Motor die Rampe empor.
"Bei einem dieser Roller-Skates Rennen wäre ich gern dabei", meinte ich. "Ich glaube nämlich, dass wir da genau die Typen treffen würden, die uns etwas über die Santos und ihre Hintermänner erzählen könnten."
"Fragt sich nur, ob von den Kids überhaupt jemand mit uns reden würde, Jesse!"
Der Ford erreichte das oberste Deck. Leslie trat auf die Bremse. Der Wagen stoppte. Wir stiegen aus. Man hatte von hier oben einen guten Blick über die gesamte Umgebung. Abgesehen von ein paar Gebäuden, die etwas höher waren und den Blick Richtung Norden versperrten.
Wir sahen uns um.
Manchmal sind es auch Kleinigkeiten, die festgefahrene Ermittlungen weiter bringen.
Auf dem Betonboden waren mit grellen Farben Bahnen markiert. Dazwischen immer wieder Graffiti. Sie bedeckten nicht nur den Boden, sondern auch die Betonpfeiler.
"Die Kids haben sich künstlerisch richtig viel Mühe gegeben", meinte Jay Kronburg, der sich gerade in Höhe der Startmarkierung befand. "Hier geht die Jagd also los. Und dann rasen sie wahrscheinlich bis unten in den dritten oder vierten Stock unter der Erde."
"Diese Verrückten", war Leslie Morells Kommentar. "Die müssen doch ein Wahnsinnstempo draufkriegen!"
"Wenn diese Roller-Skates-Gang hier öfter Rennen fährt, kann das kaum ohne Blessuren abgehen", meinte Milo. "Vielleicht sollen wir die umliegenden Kliniken mal nach Personen durchforsten, die wegen typischer Verletzungen behandelt wurden." Er zuckte die Schultern, machte ein ziemlich ratloses Gesicht dabei. "Das wäre zumindest ein Ansatzpunkt."
Mich interessierte ein Graffiti-Motiv, das mit einigem künstlerischen Geschick auf einen Betonpfeiler gesprüht worden war. Es zeigte Roller-Skates-Fahrer in hellen Western-Mänteln in voller Fahrt. Die Mäntel wehten hinter ihnen her.
"Hey, seht euch das mal an!", rief ich. "Kommt euch das nicht bekannt vor?"
Leslie Morell näherte sich, blieb schließlich im Abstand von zwei Metern hinter mir stehen.
"Wir sind hier also auf der richtigen Spur", stellte Leslie fest. "Ich fürchte trotzdem, dass wir hier kaum weiterkommen werden, Jesse!"
"Wieso?"
"Na überleg doch mal! Wollen wir uns hier vielleicht auf die Lauer legen und abwarten, bis diese Kerle mal wieder eines ihrer Rennen veranstalten? Die sind nicht dumm. Darum werden sie einfach nicht mehr herkommen, solange wir in der Nähe sind."
"Leslie hat Recht", war auch Jay Kronburgs Ansicht. "Und mit der Hilfe der Anwohner können wir hier wohl kaum rechnen."
Wir sahen uns noch etwas um.
Milo fand schließlich eine Patronenhülse auf dem Boden. Er hob sie auf, tütete sie für die Untersuchung im Labor ein. "Offenbar sind hier Schießübungen durchgeführt worden", sagte er.
"Oder da wollte nur jemand angeben", kommentierte ich den Fund. Jay telefonierte mit den Kollegen der Scientific Research Division, die mit dem Supermarkt sicher noch eine ganze Weile beschäftigt waren. Aber anschließend sollten sich die Spurensicherer auch einmal hier umsehen.
Wir stiegen in den Wagen, fuhren die Rampe hinunter. Sie war für eine Limousine relativ eng gewunden. Ein Roller-Skates-Rennen musste unter diesen Bedingungen geradezu halsbrecherisch sein.
"Lass uns auch die unteren Decks mal in Augenschein nehmen, Leslie!", wandte ich mich an meinen Kollegen am Steuer.
"Wenn du glaubt, dass das was bringt."
Drei Stockwerke tief grub sich das Parkhaus in die Tiefe.
In die ersten beiden unterirdischen Decks drang noch relativ viel Licht von oben. Im untersten Parkdeck herrschte weitgehend Dunkelheit. Offenbar stellte diese Tatsache für die Teilnehmer der Rennen einen besonderen Kick da.
Leslie schaltete die Beleuchtung des Ford ein.
Auf jedem Deck hielten wir und sahen uns kurz um.
Als wir das unterste erreichten, schlug uns ein moderiger Geruch entgegen. Möglicherweise war Wasser eingedrungen. Aber es gab niemanden, der sich darum kümmerte. Leslie stellte den Motor ab. Wir hatten Taschenlampen dabei, leuchteten damit etwas herum.
Nachdem Leslie den Motor abgestellt hatte, war es einige Augenblicke fast vollkommen still.
Eine dunkle Lache bedeckte Teile des Bodens. Wir fanden einen verstopften Abfluss. Der Betonboden war nicht ganz eben. Trübes, stinkendes Wasser sammelte sich in einer großen, knöcheltiefen Pfütze.
Jay Kronburg bemerkte sie nicht schnell genug, trat aus Versehen hinein.
"Verdammter Mist!", fluchte der Ex-Cop.
Aber da war noch ein anderes Geräusch, das sich in Jays Worte hineinmischte. Ich stutzte, ließ den Lichtkegel meiner Lampe kreisen und bemerkte eine frische dunkle Spur auf dem Asphalt. Sie führte aus der Pfütze heraus in die Schattenzone hinein.
Als ob jemand mit Roller-Skates durch die Feuchtigkeit gefahren ist!, durchfuhr es mich.
Ich griff nach meiner SIG.
"Hier ist das FBI! Kommen Sie mit erhobenen Händen raus! Es geschieht Ihnen nichts!", rief ich.
Die Kollegen sahen mich zunächst etwas verwirrt an. Mit der Linken ließ ich den Lichtkegel wandern, die Rechte umklammerte die SIG.
"Wir wissen, dass Sie hier sind!", rief ich.
Auch die Kollegen hatten inzwischen ihre Dienstwaffen in den Händen.
Wir lauschten.
Einige Sekunden lang geschah nichts.
Durch die Wasserspur hatte ich eine ungefähre Ahnung, wohin der Roller-Skates-Fahrer verschwunden war.
Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen.
Dann bewegte sich plötzlich jemand hinter einem der dicken Betonpfeiler.
Eine schattenhafte Gestalt raste durch die Dunkelheit. Roller-Skates kratzten über den Betonboden. Lichtkegel wirbelten und wurden schließlich von der Metallic-Schicht eines Schutzhelms reflektiert.
"Stehen bleiben!", rief Jay Kronburg und feuerte einen Warnschuss aus seinem 4.57er Magnum-Revolver ab. Das Schussgeräusch dieses Großkalibers war hier unten geradezu ohrenbetäubend. Es hallte mehrfach wider, hörte sich an wie eine ganze Salve. Mir war von Anfang an klar, dass der Roller-Skates-Fahrer sich davon kaum beeindrucken lassen würde. Ich setzte zu einem Spurt an, um ihm den Weg abzuschneiden. Selbst wenn er eine Schusswaffe bei sich hatte, so war er in voller Fahrt kaum in der Lage, gezielt zu schießen.
Ich erwischte ihn noch, rammte ihn. Er fiel ächzend zu Boden. Ich verlor ebenfalls das Gleichgewicht, rollte mich auf dem harten Beton ab und riss die SIG empor. Der Roller-Skates-Fahrer trug Arm- und Knieschützer. Außerdem einen Helm. Ihm konnte nicht viel passiert sein. Er starrte mich entgeistert an.
"Keine falsche Bewegung!", rief Milo, der ebenfalls herbeirannte.
Der Roller-Skates-Fahrer wirkte wie erstarrt.
Das Gesicht erschien mir recht jung.
Ich erhob mich. Meine Taschenlampe war mir bei dem Zusammenprall aus der Hand gefallen. Ich hob sie auf und ging auf den Kerl zu.
"Hey, was wollt ihr Scheiß-Typen von mir?"
Jay Kronburg hielt ihm seine ID-Card entgegen. Im Licht der Taschenlampen konnte der Roller-Skates-Fahrer sie auch ziemlich deutlich sehen. "Wir sind wirklich vom FBI. Und alles, was Sie von jetzt an sagen..."
"Fickt euch, ihr Arschlöcher!", unterbrach er uns mit heiserer Stimme.
Leslie durchsuchte ihn nach Waffen. Er fand ein Springmesser und einen 22er Revolver. Fünf Patronen steckten in der sechsschüssigen Trommel. Aber das Kaliber passte nicht zu der Patronenhülse, die wir gefunden hatten.
"Scheiße, das ist Privateigentum!", zeterte er.
"Das ist 'ne illegale Waffe!", widersprach ich. "Oder willst du mir erzählen, dass du sie angemeldet hast?"
Er spuckte aus, verdrehte die Augen.
Ich steckte meine SIG weg.
Den 22er würden wir im Labor untersuchen lassen. Aber bei dem Anschlag auf der Brooklyn Bridge war eine Waffe dieses Kalibers nicht benutzt worden.
Ich musterte den Gefangenen.
Wir hatten es mit einem halben Kind zu tun.
Ich schätzte sein Alter auf fünfzehn oder sechzehn Jahre.
Jay hatte die Handschellen parat. Ich schüttelte den Kopf.
"Ganz ruhig. Wir haben nur ein paar Fragen an dich", sagte ich.
"Ich habe nichts verbrochen! Ihr habt kein Recht mich festzunehmen!"
"Wie heißt du? Besser du sagst es uns, wir kriegen es sowieso heraus", sagte ich. "Und es hat wenig Sinn uns anzulügen, weil wir deine Angaben überprüfen werden."
Er atmete tief durch.
"Ich heiße Rico Jarmaine", erklärte er.
"Wie alt bist du?"
"18."
"Wir werden deine Fingerabdrücke nehmen und durch den Computer jagen. Dann finden wir außer einer Liste deiner Vorstrafen auch alle anderen Daten..."
"Okay, siebzehneinhalb!", gab er zu.
"Hier sollen Roller-Skates-Rennen stattfinden."
"Hier findet 'ne Menge statt!" Er grinste, schien sich langsam von dem Sturz zu erholen. "Ist 'ne prima Bahn. Solltet ihr auch mal probieren. Einmal von ganz oben bis hier unten in den Keller. Dazu muss man allerdings ein bisschen was drauf haben."
"Warum fahrt ihr nicht mit Inlinern?", fragte ich. Ich wollte ihn einfach zum Reden bringen. "Roller-Skates sind doch von gestern!"
"Letztes Jahr hat es mal einer mit Inlinern versucht. Er lag drei Monate im Koma, bevor man die Maschinen endlich abstellte und sterben ließ! Für so einen Extrem-Kurs taugen Inliner einfach nicht, da muss was Robusteres her!"
Ich sah mir seinen Hals genau an. Der Kragen seines ausgeleierten Sweatshirts war ziemlich weit. Ich zog ihn noch etwas weiter herunter. Das gefiel ihm nicht.
"Was soll das? Bist du schwul oder was?"
"Komisch, ich hätte gedacht, dass du auch dieses Kreuz mit dem gehörnten Gerippe trägst! Wie die Heiligen. Los Santos. Der Name sagt dir doch wohl was, oder?"
"Jedem hier in der Gegend sagt der Name was."
"Na, dann lass mal hören!"
Er lachte heiser. "Ihr G-men glaubt wirklich, dass ich zu Los Santos gehöre?"
"Warum nicht?"
"Die sind echt cool. Aber leider nehmen die nicht jeden auf."
"Was muss man denn machen, um da reinzukommen?"
"Etwas Besonderes eben."
"So etwas wie das, was auf der Brooklyn Bridge passiert ist?" hakte ich nach.
Sein Gesicht veränderte sich, wurde zu einer Maske. Er wusste genau, wovon ich sprach.
"Hey Mann, ich habe mit den Brüdern nichts zu tun!"
"Und wer sich hinter dem Namen Kid Dalbán verbirgt weißt du wahrscheinlich auch nicht."
"Mierde! Nein! Und so lange du mir nicht das Gegenteil beweisen kannst, könnt ihr mich auch nicht einsperren!"
"Irrtum", unterbrach Jay Kronburg die Unterhaltung. "Wir können dich wegen der 22er erst einmal mitnehmen! Und da ich jede Wette eingehe, dass du schon einiges auf dem Kerbholz hast, kann so ein Verfahren ziemlich unangenehm für dich werden."
"Scheiße, ihr macht dich nur so einen Aufstand, weil es auf der Brooklyn Bridge einen Scarlatti erwischt hat! Dabei hatte der es doch verdient. In den Nachrichten hieß es, dass er Giftfässer irgendwo abladen ließ, wo der Inhalt dann ins Grundwasser sickern konnte. Mich buchtet ihr ein, aber so ein Schwein habt ihr G-men jahrelang frei herumlaufen lassen! Ist das euer Scheiß-Gesetz?"
Ich musste zugeben, dass der Junge nicht ganz Unrecht hatte. Aber der Unterschied zwischen Jack Scarlatti und Rico Jarmaine war einfach, dass man Scarlatti nie etwas hatte nachweisen können. Jarmaines illegaler Besitz des .22er-Revolvers war jedoch eine Tatsache.
"Jetzt hör mir mal zu, ich glaube nicht, dass dir wirklich klar ist, was hier demnächst abgeht", sagte ich eindringlich. "Und diejenigen, die ihren Auftritt auf der Brooklyn Bridge hatten und jetzt noch am Leben sind, haben das wohl auch noch nicht ganz begriffen! Der Scarlatti-Clan wird alles daran setzen, den Anschlag zu rächen. Bei allem Respekt, aber ein paar Roller-Skates fahrende Kids, die mit Waffen herumfuchteln, sind Scarlattis Leuten nicht gewachsen. Sie werden einer nach dem anderen zur Strecke gebracht werden..."
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9


Kollegen nahmen Rico Jarmaine mit zur Federal Plaza. Er würde einige Verhöre über sich ergehen lassen müssen, aber ich bezweifelte, dass dabei etwas herauskam. Es gehörte zum Ehrenkodex der Gangs zu schweigen. Um jeden Preis. Da gab es keinen Unterschied zwischen "Los Santos" und Dutzenden anderer Gruppierungen dieser Art, von denen viele die Drecksarbeit für die großen Bosse des organisierten Verbrechens verrichteten. Vor allem waren sie als Endverteiler im Crackhandel tätig.
Wegen des 22er Revolvers würde ein Verfahren auf Jarmaine warteten. Aber sofern er einen festen Wohnsitz und ein paar Dollar für die Kaution hatte, war er in Kürze wieder auf freiem Fuß.
Kollegen der SRD nahmen sich das Parkhaus vor, durchsuchten es von oben bis unten. Die Aktion dauerte mehrere Stunden. Weitere Kollegen von FBI und City Police befragten Anwohner. Aber dabei kam so gut wie nichts heraus.
Wir wollten schon in den Wagen steigen, als die SRD-Kollegen schließlich fündig wurden.
In einer Mauernische im untersten Parkdeck war ein Western-Mantel abgelegt worden. In einer der Taschen fand sich ein goldenes Kreuz. Anstelle von Jesus Christus hing daran das Abbild eines gehörnten Skeletts.
"Vielleicht hat der Junge doch mehr mit dieser ganz Sache zu tun, als er uns weiß machen will", vermutete Milo.
Ich hob die Augenbrauen. "Wieso?"
"Na, ist doch klar! Dieser Rico Jarmaine kurvte auf den Rampen des Parkhauses mit seinen Roller-Skates herum, als wir auftauchten. Er hat gleich begriffen, wer wir waren und sich verzogen."
"In den hintersten Winkel!"
"Genau, Jesse. Dann hat er seinen Mantel und alles, was ihn als Gang-Mitglied hätte outen können einfach irgendwo abgelegt. Schließlich konnte er nicht unbedingt damit rechnen, dass eine Gruppe von Spezialisten diese feuchte Gruft da unten haarklein absucht."
"Wird schwierig sein, ihm zu beweisen, dass das wirklich sein Mantel ist!"
"Vielleicht finden sich Reste seines Genmaterials an den Sachen. Es reicht schon, wenn er sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn gewischt hat!"
Jay Kronburg war derselben Meinung. "Scheint, als hätte es sich gelohnt, hier mal vorbeizuschauen!"
Für mich passte da noch so manches nicht zusammen.
"Wenn Rico Jarmaine wirklich Mitglied der Santos ist, dann verstehe ich nicht, wie er hier seelenruhig mit seinen Roller-Skates herumfährt, während seine Gangbrüder gerade einen regelrechten Krieg führen!", gab ich zu bedenken. "Da muss unter Kid Dalbáns Leuten regelrechte Alarmstimmung geherrscht haben, denn es sieht vieles danach aus, dass man uns für Abgesandte der Scarlattis gehalten hat!" Ich schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, dieser Junge träumt vielleicht davon, zu Los Santos zu gehören. Aber im Moment ist er ganz bestimmt noch nicht so weit!"
Jay zuckte die Schultern.
"Wenn der Mantel und das Goldkreuz aus dem Labor kommen, sehen wir wahrscheinlich etwas klarer", war er überzeugt.
Wir fuhren schließlich zurück zur Federal Plaza und fanden uns in Mister McKees Büro ein.
Der Special Agent in Charge hörte sich unseren knappen Bericht schweigend an.
Dann brachte er uns auf den neuesten Stand, was die Ermittlungen im Hinblick auf den Sprengstoffanschlag in Brooklyn ergeben hatten.
"Alex Shkoliov ist alles andere als kooperativ", berichtete unser Chef. "Und das, obwohl es für ihn lebenswichtig sein könnte, mit uns zusammenzuarbeiten!"
"Das wird er niemals tun", meinte Milo. "Er wird krampfhaft versuchen, sich gegen Scarlattis Bande zu behaupten. Ohne Rücksicht auf Verluste."
Mister McKees Gesicht wirkte sehr ernst. "Wir erhielten übrigens einen anonymen Anruf. Danach plant der alte Scarlatti seine Rückkehr aus Marokko!"
Ich pfiff durch die Zähne. "Traut der große Boss seinem Statthalter Ray Neverio also nicht über den Weg! Interessant."
"Gibt es irgendeinen Hinweis, wer der Anrufer sein könnte?", fragte Milo.
"Die Stimme war verzerrt. Mal sehen, ob die Jungs vom Labor da noch etwas herausbekommen können..."
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10


Kid Dalbán ließ mit einem gekonnten Stoß die Billard-Kugeln über den grünen Filz schießen.
Dalbán lachte heiser. "Ich glaube, ihr könnt mir schon jetzt eure Brieftaschen geben, Jungs! ich ziehe euch heute aus!" Er richtete sich auf. Der Anführer der "Santos" war fast zwei Meter groß und hatte blauschwarzes, nach hinten gekämmtes Haar.
"Ich verstehe nicht, wie du so ruhig bleiben kannst!", meinte einer der Männer. Er war breitschultrig und mehr als einen Kopf kleiner als der Ganganführer.
Dalbán musterte ihn.
"Wesley, warum so ängstlich? Du vergisst, wo wir uns hier befinden!"
Dalbáns Hauptquartier lag in einem atomsicheren Bunker, mehrere Stockwerke unter der Erdoberfläche. In den fünfziger Jahren waren derartige Anlagen von der US-Regierung stark subventioniert worden.
Dalbán tätschelte gönnerhaft Wesleys Schulter.
"Wir könnten hier notfalls wochenlang überleben, selbst wenn man uns einkesseln und belagern würde!"
"Ich glaube, du hast keine Ahnung, was uns bevorsteht, Kid!", knurrte Wesley düster.
"Du unterschätzt mich, Wes! Und das nicht nur beim Billard!" Kid Dalbán reichte Wesley den Queue. "Hier, probier dein Glück! Vielleicht macht dich das etwas relaxter, Amigo!"
"Caramba, die Lage gerät außer Kontrolle! Du musst etwas unternehmen, Kid!"
Kid Dalbáns Zeigefinger fuhr hoch wie eine Messerklinge. Sein Gesicht verfärbte sich dunkelrot. "Sag mir nie wieder, was ich zu tun habe, hörst du?"
Wesley schluckte.
Kid Dalbán war für sein übles Temperament berüchtigt.
Er neigte zu plötzlichen Ausbrüchen von ungehemmter Aggression. In solchen Augenblicken war er selbst für seine Freunde außerordentlich gefährlich.
"Kid, ich..."
Wesleys Stimme klang kraftlos.
Kid Dalbán unterbrach ihn. "In dieser Scheiß-Situation sind wir doch nur, weil du diese Irren unbedingt in der Gang haben wolltest!" Dalbán machte eine wegwerfende Handbewegung. "Wer ist auch so bescheuert und versucht einem Scarlatti die Brieftasche wegzunehmen!"
"Ich fand's cool, Kid!", meldete sich einer der anderen Anwesenden zu Wort. Der Mann trug eine Baseball-Cap mit der Aufschrift. "The One And Only". Er grinste breit. "Du musst zugeben, dass noch keiner von uns eine so coole Aktion hingelegt hat. Die Nachrichten waren voll davon. Auf Roller-Skates die Autofahrer auf der Brooklyn Bridge ausnehmen - dass muss denen erst einmal einer nachmachen!"
"The One And Only" lachte heiser. Schließlich fuhr er fort: "Ich meine, sie haben ein paar Jungs dabei verloren, aber das war ja nicht so geplant. Gib's zu, Kid, du bist nur neidisch darauf, dass selbst du da nicht mithalten kannst."
Kid Dalbán ließ seine Faust vorschnellen.
Sie fuhr "The One And Only" direkt ins Gesicht.
Der Getroffene taumelte zurück, ging ächzend zu Boden. Er starrte Dalbán fassungslos an. Das Blut schoss dem Geschlagenen aus der Nase. Seine Augen blitzten wütend. Aber er sagte nichts. Kein Wort. Was ihm auf der Zunge lag, schluckte er hinunter.
Er kannte Kid Dalbán gut genug, um zu wissen, dass er jetzt sehr vorsichtig sein musste.
Wenn der Boss der "Santos" in dieser Stimmung war, war er unberechenbar.
"Wegen dieser Idioten werden uns die Italiener jagen wie die Kaninchen!", zischte Dalbán.
Ein Sprechgerät summte.
Kid Dalbán hatte noch immer die Fäuste geballt. Das Gesicht war zur grimmigen Maske erstarrt. Jeder Muskel, jede Sehne seines durchtrainierten Körpers schien angespannt zu sein.
Jetzt erst lockerte sich seine Haltung etwas. Das Sprechgerät summte ein zweites Mal, aber keiner der Anwesenden wagte es, auf den Knopf zu drücken.
Dalbán ging die zwei Schritte, die ihn von dem Gerät trennten. Es war in die dicke Betonwand eingelassen.
"Was gibt es?", knurrte Dalbán.
"Kelly ist hier", erklärte eine heisere Stimme aus dem Sprechgerät.
"Allein?", wunderte sich der Anführer der "Santos".
"Ja."
"Soll reinkommen!"
Die luftdichte Tür wurde geöffnet.
Ein breitschultriger junger Mann mit blond gefärbten Haaren trat ein. Er war ziemlich dreckig. Ein Sturmgewehr hing ihm über der Schulter.
"Hey, Kelly, was ist los mit dir? Du stinkst, als kämst du aus einer Jauchegrube!"
"Ich musste über die Kanalisation flüchten..."
Kid Dalbáns Gesicht veränderte sich. Seine Augen wurden schmal. "Wo sind die anderen?"
"Wurden vom FBI einkassiert!"
"Was redest du da?" Kid Dalbán packte Kelly grob bei den Schultern.
"Es waren nicht Scarlattis Leute, sondern G-men, verdammt noch einmal!"
"Mierde!", entfuhr es Kid Dalbán. Er versetzte Kelly einen schmerzhaften Fauststoß. "Das haben wir jetzt von eurer verdammt coolen Aktion! Am liebsten würde ich euch wieder rausschmeißen!"
Wesley meldete sich zu Wort. Er versuchte etwas zu beschwichtigen.
"Du weißt genau, dass das unsere Probleme nicht beseitigen würde, Kid! Im Gegenteil. Gegen die Italiener brauchen wir jeden Mann, wenn's hart auf hart kommt!"
"Ja, aber keine leichtsinnigen Idioten!", knurrte der Gangleader.
In Kellys Augen blitzte es. "Wenn ich gewusst hätte, dass diese Gang von einem geführt wird, der schon die Hosen voll hat, wenn ein paar G-men auftauchen, dann hätte ich lieber meinen eigenen Laden aufgemacht!", zischte Kelly.
Kid Dalbán holte zum Schlag aus.
Wesley war bei ihm, fiel ihm in den Arm und hielt ihn zurück.
"Immer schön easy bleiben, Mann!", meinte Wesley.
Kid Dalbán atmete tief durch, schüttelte Wesleys Griff ab. Er knurrte etwas Unverständliches dabei.
Wesley hat Recht, ging es ihm dann durch den Kopf. Die Situation war nun einmal wie sie war. Und es war eine Tatsache, dass ein Großteil der Gangmitglieder den Coup auf der Brooklyn Bridge als Großtat respektierte. Besonders bemerkenswert fanden viele, dass Kelly die Coolness besessen hatte, dem toten Scarlatti noch die Brieftasche abzunehmen.
Kid Dalbán hatte die Bewunderung, die Kelly dafür bislang geerntet hatte, mit Misstrauen registriert.
Auf den Jungen werde ich achten müssen!, ging es ihm durch den Kopf. Noch gehört Kelly zu den Neulingen in der Gang - aber er tritt schon ziemlich respektlos auf!
Früher oder später würde Kelly versuchen, die Führung an sich zu reißen.
Dalbán hatte für so etwas eine Art siebten Sinn.
Ohne diesen Überlebensinstinkt hätte ihn längst einer der anderen "Heiligen" von der Führungsspitze der Gang verjagt. Aber Dalbán war wachsam.
Für Kelly werde ich mir etwas überlegen müssen!, ging es ihm durch den Kopf.
Wesley meldete sich zu Wort. "Vielleicht kann man mit den Little Italy-Leuten ja reden. Da müsste doch was zu arrangieren sein..."
"Wenn es um die Familie geht, verstehen die keinen Spaß", erwiderte Dalbán düster. Er hatte selbst auch schon an diese Möglichkeit gedacht, sah aber nur geringe Chancen.
"Auf jeden Fall können wir uns nicht gleichzeitig mit der Scarlatti-Familie und dem FBI anlegen, Kid! Dass muss auch dir klar sein!"
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11


Am nächsten Morgen fuhren Milo und ich zu Scarlattis Penthouse in der Elizabeth Street. Zurzeit wohnte dort Evita Jackson, die junge Frau, die sich während des Attentats neben Jack Scarlatti auf dem Beifahrersitz befunden hatte.
Die Kollegen der City Police hatten sie unmittelbar nach den Geschehnissen auf der Brooklyn Bridge vernommen. Was den Tathergang anging, war sie eine der wichtigsten Zeugen für uns.
Möglicherweise konnte sie uns allerdings auch noch mehr über Scarlattis persönliches Umfeld verraten.
Wir parkten den Sportwagen, den uns die Fahrbereitschaft des Field Office zur Verfügung stellte, in einer Nebenstraße und gingen die letzten fünfhundert Meter zu Fuß.
321 Elizabeth Street war ein zehnstöckiges Gebäude. In den unteren beiden Etagen fanden sich Geschäfte und Restaurants. Der Rest war mit Wohnungen der Luxusklasse belegt, deren Quadratmeterzahl den New Yorker Durchschnitt um mindestens das Doppelte übertraf. Die Sicherheitsvorkehrungen waren streng. Überall gab es Kameras. Eine Mannschaft aus gut bewaffneten Security Guards in schwarzen Uniformen bewachte das Haus.
Jack Scarlatti schien bei der Auswahl seiner Residenz viel Wert auf Sicherheit gelegt zu haben.
Dafür gab es gute Gründe.
Wir fuhren mit dem Lift hinauf zum Penthouse.
Wenig später standen wir vor der Wohnungstür. Ich klingelte.
"Wer ist da?", meldete sich eine weibliche Stimme.
"Miss Evita Jackson?", fragte ich. "Hier spricht Special Agent Jesse Trevellian vom FBI. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen."
"Was für Fragen?" Evita Jacksons Stimme wirkte verschlafen. "Ich habe doch schon alles Ihren Kollegen gesagt..."
"Sie möchten doch sicher auch, dass die Mörder von Mister Jack Scarlatti gefasst werden, also helfen Sie uns bitte!"
Etwas knackte in der Leitung.
"Warten Sie einen Augenblick", säuselte Evita.
Wenig später öffnete sich die Tür einen Spaltbreit. Noch war sie durch eine Kette gesichert. "Geben Sie Ihren Dienstausweis herein!", forderte die junge Frau.
Ich reichte ihr meine ID-Card herein.
Einen Augenblick später erhielt ich sie zurück. Evita Jackson öffnete uns. Sie trug nichts weiter als einen Seidenkimono. Ihre wohlgerundeten Brüste zeichneten sich deutlich durch den fließenden Stoff ab. Das Haar war feucht. Offenbar hatte sie gerade geduscht.
Wir traten ein.
Sie führte uns in das Wohnzimmer, das allein doppelt so groß wie eine durchschnittliche New Yorker Wohnung war. "Ich weiß nicht, was das ganze soll", meinte sie. "Ich habe Ihren Kollegen von der City Police ausführlich Rede und Antwort gestanden..."
"Die entsprechenden Protokolle haben wir gelesen", unterbrach ich sie.
"Ich fürchte, dass ich Ihnen nicht mehr sagen kann als dort drinsteht!" Sie atmete tief durch, verschränkte die Arme unter den Brüsten. "Ihre Leute haben hier alles auf den Kopf gestellt. Was glauben Sie, was ich für eine Arbeit hatte, hier wieder halbwegs Ordnung zu schaffen!", beschwerte sie sich.
"Eine Durchsuchung der Wohnung ist bei einem Mordopfer Routine", erklärte ich ihr.
Sie verzog das Gesicht, machte einen Schmollmund.
"Ich hoffe, es war der Mühe Wert und Sie haben auch etwas gefunden!", sagte sie mit einem bissigen Unterton. "Egal ob FBI oder NYPD - die Justiz hat immer nur versucht, Jack etwas am Zeug zu flicken. Und jetzt, da er tot ist..."
"...geben wir uns alle Mühe, seine Mörder dingfest zu machen", unterbrach ich sie ein zweites Mal.
Sie lachte bitter auf. "Und das soll ich Ihnen glauben?"
"Ein Mord ist ein Mord - selbst dann, wenn das Opfer vielleicht selbst ein Verbrecher gewesen ist!"
"Es gab kein einziges rechtskräftiges Urteil gegen Jack!", fuhr die junge Frau mich an, und ich bereute meine Worte bereits. "Aber da sieht man es ja! Sie gehen davon aus, dass Jack ein Verbrecher war - wie Sie es nennen! Alles, was Sie interessiert ist, mit wem er in Verbindung stand und wo Sie sein Andenken noch nach dem Tode beschmutzen können! Oder Sie suchen einen Vorwand, um Jacks Vermögen gemäß des Rico Act einziehen zu können."
Der Rico Act war ein Gesetz, das es erlaubte, das Vermögen von Personen zu konfiszieren, die wegen Beteiligung am organisierten Verbrechen verurteilt worden waren.
"Ich weiß nicht, weshalb Sie sich Sorgen um Jack Scarlattis Vermögen machen", mischte sich Milo in das Gespräch ein.
"Einen Teil davon werde ich erben", erklärte Evita Jackson nach einem Augenblick des Zögerns. "Es gibt ein Testament, das mich zum Beispiel zur Eigentümerin dieses Penthouse macht."
"Herzlichen Glückwunsch, Miss Jackson!", sagte Milo. "Aber keine Sorge, wir wollen Ihnen nicht die Wohnung wegnehmen."
"Was wollen Sie dann?"
"Wann und wo haben Sie Jack Scarlatti kennen gelernt?", fragte ich.
Sie stemmte die Arme in die Hüften. "Ich verstehe nicht, was..."
"Beantworten Sie einfach meine Frage."
"Also gut. Wir lernten uns vor einem Jahr in einem Club in Miami kennen. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick..."
"Seit wann leben Sie hier mit Mister Scarlatti zusammen?"
"Zehn Monate."
"Hat Mister Scarlatti mal über seinen Vater in Marokko gesprochen?"
"Er hat ihn mal erwähnt, ja. Aber mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen. Sein Vater, das war ein Thema über das er nicht gerne redete."
"Eigenartig."
"Wieso?"
"Ich dachte immer, für Italiener wäre die Familie das Wichtigste!"
Ihre Augen funkelten mich ärgerlich an. "Sind Sie wirklich nur gekommen, um mich diesen Mist zu fragen? Ich habe Jack geliebt. Wer sein Vater ist, war mir vollkommen gleichgültig!"
"Wie ist Ihr Verhältnis zu Ray Neverio?"
"Ich kenne ihn flüchtig. Ist irgendein Verwandter. Ein Cousin, glaube ich."
"Wir nehmen an, dass Ray Neverio die Geschäfte von Jack Scarlatti weiter führen wird!"
"Fragen Sie ihn doch am besten selbst. Ich nehme an, dass er Fax und Telefon hat."
"Sie können uns da nicht weiter helfen?", hakte ich nach.
"Tut mir leid. Ich kann Ihnen dazu nichts sagen. Jack und ich waren privat ein Paar - aber in seine Geschäfte hatte ich keinen Einblick. Da war Jack sehr konservativ. Mit Frauen redete er aus Prinzip nicht über das Business."
"Dass er so ein Macho war, hat Sie nicht gestört?"
"Er war ein Gentleman. Ein wunderbarer Mann, der einer Frau jeden Wunsch von den Augen ablesen konnte!"
Das Timbre ihrer Stimme vibrierte leicht. Ihr Gesicht wirkte traurig. Aber mein Instinkt sagte mir, dass sie übertrieb.
Milo ergriff das Wort. "Hat Jack Scarlatti irgendwann einmal den Namen Alex Shkoliov erwähnt?"
"Wer soll das sein?"
"Jemand, der geschäftliche Differenzen mit Jack Scarlatti hatte", erklärte Milo. "Wenn man es so ausdrücken will.
"Sie meinen, dieser Shkoliov steckt hinter dem Anschlag?"
"Einige Mitglieder der Scarlatti-Familie scheinen das anzunehmen. Und jetzt erzählen Sie mir nicht, dass Sie von der explodierten Villa auf den Brooklyn Heights nichts gehört haben! Die Nachrichten waren voll davon."
"Seit Jacks Tod habe ich den Fernseher nicht mehr eingeschaltet", murmelte Evita Jackson mit leiser, belegter Stimme. "All diese reißerischen Bilder von Gewalt, Tod und Verbrechen... Wissen Sie, wenn man selbst von davon betroffen ist, dann kann man sich so etwas einfach nicht mehr ansehen."
Sie schluchzte leise.
Milo warf mir einen Blick zu. Ein Blick, der nichts anderes sagte als: "Es hat keinen Sinn, Jesse!"
Aber ich dachte noch nicht daran aufzugeben.
Aus der Innentasche meiner Lederjacke holte ich ein paar Fotos. Sie zeigten den langen Westernmantel sowie das Kreuzamulett mit dem gehörnten Skelett, die die SRD-Kollegen auf dem untersten Deck des Parkhauses gefunden hatten.
"Auch, wenn es schwer fällt: Sie müssen sich noch einmal an den Augenblick des Überfalls erinnern..."
"Ich denke dauernd daran, Mister..."
"Trevellian."
"Diese Typen in ihren lächerlichen Mänteln stehen mir immer vor Augen. Das Grinsen in ihren Gesichtern. Man konnte nur die Mundpartie sehen, der Rest war bedeckt. Aber das habe ich alles schon ausgesagt."
"Könnte das einer der Mäntel gewesen sein, die bei dem Attentat benutzt wurden?"
Sie sah sich die Bilder an und nickte.
"Ja, schon möglich. Warten Sie..." Sie stockte, dann deutete sie auf einen Aufnäher, der sich in Höhe der Schulter befand. "Fuck U!!" stand darauf. "Daran erinnere ich mich. Ja, diesen Mantel hat der Typ getragen, der mich dazu zwang, Jack die Brieftasche abzunehmen, als er schon tot war..."
Wenn Evita Jacksons Aussage der Wahrheit entsprach, brachte uns das ein ganzes Stück weiter. Möglicherweise hatte Rico Jarmaine doch mehr mit der Sache zu tun, als er uns hatte glauben machen wollen.
"Gegenüber den Kollegen haben Sie nur erklärt, auf dem Helm des Haupttäters habe 'Wild Eagle' gestanden."
"Ja, das ist richtig. Aber das mit Aufnäher ist mir jetzt erst wieder eingefallen, als Sie mir das Foto gezeigt haben."
"Und was ist mit diesem Kreuz?", hakte Milo nach. "Hat der Kerl so etwas vielleicht auch getragen."
"So etwas habe ich nie gesehen."
"Haben Sie eine Ahnung wer Los Santos sind?", fragte ich.
"Es ist Spanisch und bedeutet 'die Heiligen'."
"Sie sprechen Spanisch?"
"Meine Mutter ist Puertoricanerin." Sie sah mich an. "Wer sind diese sogenannten Heiligen?"
"Eine Gang aus der Bronx, die mit dem Attentat in Zusammenhang steht."
"Wenn Sie schon so viel über die Hintergründe von Jacks Tod wissen, dann verstehe ich nicht, weshalb Sie Ihre Zeit hier bei mir verschwenden, G-man! Fahren Sie in die Bronx und nehmen Sie die Schuldigen fest. Ich hoffe, man gibt ihnen die Giftspritze!"
Ich reichte der jungen Frau eine Karte. "Hier, vielleicht fällt Ihnen ja noch etwas ein. Es könnte sein, das wir noch einmal mit Ihnen sprechen müssen."
"Und ich hoffe, dass bei Ihrer Arbeit endlich etwas herauskommt!"
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12


"Die G-men sind weg! Du kannst rauskommen, Oleg!", sagte Evita Jackson aufatmend.
Ein breitschultriger Mann mit dunklem Vollbart trat in das Wohnzimmer. Er hatte vom Bad aus Evitas Unterhaltung mit den beiden FBI-Agenten mitangehört.
Oleg trug nichts weiter als ein Handtuch um die Hüften und eine Beretta in der Rechten.
Er grinste über das ganze Gesicht.
"Wie schön du die trauernde Witwe spielen kannst, Baby!"
"So wie ich ihm vorher das anschmiegsame Kätzchen mimen konnte!"
"Du hättest Talent für den Broadway!"
"Nur dass man da nicht halb so gut bezahlt wird, Oleg!"
Evita strich mit den Fingern über Olegs behaarte Brust. Wie beiläufig ließ sie dabei den Seidenkimono über die Schultern gleiten. Olegs Blick richtete sich auf Evitas festen Busen, der sich ihm entgegenreckte.
"Nicht ganz ungefährlich, dass du hier aufgetaucht bist", hauchte sie.
"Welche Gefahr meinst du?"
"Immerhin hätten hier auch Ray Neverios Leute auftauchen können!"
"Wie gut, dass es nur harmlose FBI-Agenten waren!", lachte Oleg.
Er warf die Beretta in einen der Sessel.
"Als nächstes sorgen wir dafür, dass der alte Scarlatti aus Marokko ausgeschaltet wird!", hauchte sie und schmiegte sich dabei an seinen Oberkörper. Er spürte den warmen Druck ihrer Brüste auf seiner Haut. "Ich schätze, dein Vater wird sehr mit uns zufrieden sein, Oleg Shkoliov!"
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13


Wir befanden uns in einem der Verhörräume, die wir im Bundesgebäude an der Federal Plaza für Vernehmungen zur Verfügung haben. Rico Jarmaine saß zusammengesunken auf seinem Stuhl. Außer Milo und mir waren noch unser Vernehmungsspezialist Dirk Baker sowie Jason MacGuire von der Anwaltskanzlei Turner & Partners anwesend. Eine der besten Kanzleien für Strafprozesse, die es in Manhattan gab. Wir fragten uns natürlich alle, wer deren Dienste in diesem Fall finanziert haben mochte.
In den bisherigen Vernehmungen hatte Rico Jarmaine immer wieder beteuert, dass der im Parkhaus gefundene Mantel und das Goldkreuz nicht von ihm stammten.
Ich konfrontierte Rico noch einmal mit den Fotos und sprach den Aufnäher mit der Beschriftung "Fuck U!!" an.
"Mister Scarlattis Beifahrerin hat diesen Aufnäher bei dem Haupttäter gesehen!", stellte ich klar. "Die Sachen sind jetzt im Labor, und es ist sehr wahrscheinlich, dass wir dann wissen, wer den Mantel getragen hat!"
Er versuchte unbeeindruckt zu erscheinen.
"Mein Kollege hat Recht", bestätigte Dirk Baker. "Ich würde vorschlagen, Sie packen jetzt aus, Mister Jarmaine. Es hat keinen Sinn mehr, zu schweigen. Ein Geständnis könnte Ihnen allenfalls noch etwas nutzen, wenn Sie es jetzt abgeben. Bevor die Laborergebnisse vorliegen."
"Sie sind auf den Rampen des Parkhauses mit Ihren Roller-Skates herumgefahren", stellte ich fest. "Ich nehme an, dass man dabei stark schwitzt. Etwas Schweiß im Mantelkragen reicht völlig, um einen genetischen Fingerabdruck zu erstellen und mit der Vergleichsprobe, die von Ihnen genommen wurde, zu vergleichen. Man wird Sie eindeutig identifizieren."
Rico Jarmaine blickte auf, sah mich an.
Ein Blick, den ich nicht so recht zu deuten wusste.
Er öffnete halb den Mund, so als wollte er etwas sagen. Aber noch ehe ein Ton über seine Lippen dringen konnte, hatte Jason MacGuire das Wort ergriffen. "Sie versuchen meinen Mandanten in völlig unzulässiger Weise einzuschüchtern", sagte der Anwalt. "Mein Mandant wird zu dieser Sache weiterhin keine Angaben machen. Wir werden den Laborbericht in Ruhe abwarten und spätestens wenn das Ergebnis vorliegt, wird der Haftrichter die Freilassung verfügen. Wahrscheinlich sogar ohne Kaution. Sie haben nicht das Geringste in der Hand und versuchen nun, Ihre armseligen Ermittlungsergebnisse durch martialisches Gehabe zu verschleiern!"
"Wir sind hier nicht im Gerichtssaal", unterbrach Milo den Anwalt. "Für ein Plädoyer ist es wirklich noch ein bisschen zu früh."
"Ich gehöre nicht zu Los Santos", erklärte jetzt Rico Jarmaine. "Deswegen habe ich auch nicht so ein verdammtes Kreuz! Das kriegen nur Mitglieder!"
"Woher weißt du das so genau?", hakte Dirk Baker sofort nach.
"Scheiße, fickt euch doch! Ich weiß es eben! Jeder bei uns in der Gegend weiß das!", brauste Rico auf.
Er schlug mit den Fäusten auf den Tisch, sodass der Inhalt des Wasserglases überschwappte.
"Mein Mandant möchte damit zum Ausdruck bringen, dass er sich von Ihrer Art der Befragung in unzulässiger Weise psychisch unter Druck gesetzt fühlt", erklärte MacGuire an Baker gewandt.
Unser Kollege lächelte dünn. "Ich habe verstanden, was Ihr Mandant gesagt hat. Laut genug war es ja!"
"Okay, ich geb's zu, ich hatte den Mantel an!", brachte Rico Jarmaine schließlich heraus.
"Schweigen Sie, Mister Jarmaine!", fuhr MacGuire dazwischen.
"Scheiß drauf, ich kann selbst entscheiden!", fuhr sein Mandant ihn an. Er atmete tief durch. Offensichtlich waren unsere Argumente in seinen Ohren doch stichhaltiger gewesen als die seines Rechtsvertreters. "Ich fuhr auf den Rampen herum. Das ist total stark, vor allem, wenn man in die unteren Geschosse kommt, wo es fast vollkommen dunkel wird. Man muss die Strecke genau kennen. Ein richtiger Nervenkitzel... Naja, da unten habe ich die Sachen dann gefunden."
"Gefunden?", hakte Dirk Baker nach.
Er nickte bekräftigend. "Sie lagen einfach da."
"Wo genau?"
"Was weiß ich! Irgendwo eben. Sie waren ordentlich zusammengefaltet, so als hätte sie jemand dort aufbewahrt. Ich habe den Mantel angezogen. Es war einfach cool damit herumzufahren. Claro, Hombres, ich hatte natürlich von den Ereignissen auf der Brooklyn Bridge gehört. Wissen Sie, bei uns träumt doch jeder davon, zu den Santos zu gehören. Ich auch, ich geb's ja zu! Ist doch logisch, dass ich es geil fand mit den Sachen die Rampe herunterzujagen. Ist gar nicht so einfach mit dem langen Mantel. Die Jungs auf der Brooklyn Bridge müssen schon was draufgehabt haben!"
Ein Lächeln flog über sein Gesicht.
Was immer man auch von seiner Story halten mochte - die Bewunderung für Scarlattis Mörder schien mir echt zu sein.
"Sie bewundern die Männer, die Jack Scarlatti umgebracht und einen Wagen samt unbeteiligter Insassen in die Luft gesprengt haben", stellte Dirk Baker fest.
"Mein Mandant macht sich durch diese Äußerung nicht strafbar", mischte sich MacGuire ein, dessen Strategie sich dem Verhalten seines Mandanten blitzschnell angepasst hatte. "Das Recht auf Meinungsfreiheit ist ein Bestandteil der amerikanischen Verfassung und..."
"Ja, ja, schon gut", unterbrach Baker den Redefluss des Anwalts. "Als Sie festgenommen wurden, hatten Sie die Sachen nicht bei sich, Mister Jarmaine..."
"Ich habe sie wieder versteckt, als ich diese Typen bemerkte, die plötzlich mit ihrem Ford auftauchten." Er deutete auf mich. "Der da war auch dabei! Scheiße, ich begriff ziemlich schnell, dass das Cops waren. Ich dachte, die verhaften mich, wenn sie mich mit den Klamotten antreffen."
Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.
Rico Jarmaine wandte ruckartig den Kopf.
"Hey, ich spreche die Wahrheit! Genau so war's!"
"Das Problem ist nur, dass ein paar Dinge in Ihrer Aussage nicht zusammenpassen", stellte ich fest. "Wenn dieses Santos-Kreuz Ihnen nicht gehört, muss es doch einem Gangmitglied gehören."
"Klar, Mann!"
"Sie wissen so gut wie ich, dass der Typ Sie umbringen würde, wenn er Sie mit seinem Kreuz herumlaufen sähe!"
"Es hat mich aber niemand gesehen!"
"Sie sagten, es sei Ihr Traum, Mitglied bei Los Santos zu werden."
"Yeah."
"Den Traum hätten Sie sich in dem Fall abschminken können!"
"Wieso? Bei Los Santos wird Mut respektiert! Das ist doch alles Quatsch! Wiederlegen Sie doch, was ich gesagt habe, G-man! Aber Sie können es nicht! Keiner kann das!" Er machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ihr könnt mich alle mal!"
Dirk Baker sah mich und schüttelte leicht den Kopf.
Ich sah ein, dass mein Kollege Recht hatte.
Es war sinnlos, noch mehr aus ihm herausholen zu können. Er würde von seiner Aussage nicht abweichen. Wir brachen die Befragung ab. Rico Jarmaine wurde abgeführt. Nachdem sein Anwalt ebenfalls verschwunden war, sagte ich: "Mit dem Kerl ist was faul, er sagt nicht die Wahrheit."
"Warten wir das genetische Gutachten ab, dann sind wir schlauer", meinte Baker.
Milo lachte heiser. "Vorausgesetzt, es findet sich überhaupt genug DNA-Material, mit dem die SRD-Kollegen arbeiten können!" Er klopfte mir auf die Schulter. "Trotzdem ein guter Bluff! Selbst diesen Anwalt hast du damit nervös gemacht!"
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Später rief uns Mister McKee in sein Besprechungszimmer. Clive und Orry waren schon anwesend. Jay und Leslie trafen kurz nach uns ein.
"Unser anonymer Informant hat sich wieder gemeldet", berichtete unser Chef. "Danach kehrt Tony Scarlatti gerade zurück..."
"Habe ich das richtig verstanden?", fragte Clive. "Das klang so, als wäre er schon da!"
Ein flüchtiges Lächeln glitt über Mister McKees Gesicht. "Scarlatti soll vorgestern auf dem Flughafen von Toronto unter dem Namen José Sorenas Batista mit einem falschen argentinischen Diplomatenpass gelandet sein."
"Ich nehme an, Sie haben diese Angaben bereits überprüft", vermutete ich.
Unser Chef nickte. "Es war tatsächlich ein argentinischer Diplomat mit diesem Namen unter den Passagieren einer Air France-Maschine vom Typ Concorde. Allerdings ist ein Diplomat namens José Sorenas Batista weder bei der argentinischen Botschaft in Toronto noch beim argentinischen Außenministerium in Buenos Aires bekannt."
"Dann könnten die Angaben dieses Informanten der Wahrheit entsprechen", meinte Orry.
Ich nippte an meinem Kaffeebecher. Mandy, die Sekretärin unseres Chefs war im gesamten Bundesgebäude für ihren Kaffee berühmt. "Haben die Jungs aus dem Labor noch irgendetwas über die Stimme herausgefunden?" fragte ich.
Mister McKee schüttelte den Kopf.
"Leider nicht. Scarlatti alias Batista ist natürlich zur Fahndung ausgeschrieben. Ich hoffe, dass er uns ins Netz geht. Ich bin gerade dabei eine Telefonüberwachung seiner wichtigsten Gefolgsleute hier im Big Apple zu erwirken. Allen voran Ray Neverio."
Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.
"Es muss offenbar jemanden im Scarlatti-Clan geben, dem es ganz recht ist, wenn der große Alte ausgeschaltet würde", meinte ich. "Anders ist es kaum zu erklären, dass so etwas nach außen dringt!"
Clive Caravaggio hob die Schultern und nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher. "Mir gefällt es nicht, dass dieser Unbekannte unseren Einsatz quasi per Fernsteuerung mit einem Anruf auslösen kann."
"Ich hasse es ebenfalls, manipuliert zu werden", gestand Mister McKee. "Andererseits - sollen wir uns Tony Scarlatti deshalb durch die Lappen gehen lassen?"
An den Händen des "Großen Alten" klebte eine Menge Blut.
Er hatte es verdient, hinter Gitter zu kommen.
Auf jeden Fall musste er einen sehr wichtigen Grund dafür haben, die Sicherheit seines marokkanischen Exils aufzugeben. Vielleicht traute er seinem gegenwärtigen Statthalter nicht.
Mister McKee wandte sich Clive Caravaggio. "Wir brauchen dringend zusätzliche Informationen aus dem Dunstkreis der Scarlattis. Aktivieren Sie sämtliche Informanten, die wir in Little Italy haben! Die sollen endlich mal was tun für ihr Geld!"
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Das "Hot Spot" war einer der mondänsten Nachtclubs in der Avenue A. Das nördlich der Lower Eastside gelegene Gebiet um die Avenue A, B und C wird auch Alphabet City genannt. In den letzten Jahren hatte sich dort eine ganze Anzahl neuer Nachtlokale und Discotheken der gehobenen Klasse angesiedelt.
Die Wagenkolonne von Alex Shkoliov und seinem Tross hielt vor dem "Hot Spot".
Insgesamt waren es fünf Limousinen und ein Van.
Seit dem Anschlag auf seine Villa ging Shkoliov auf Nummer sicher. Zurzeit residierte er in einem Hotel in Boston. Dort hatte er mit seinen Leuten eine ganze Etage gemietet. Aber der große Boss des Ukrainer-Syndikats aus Brooklyn wusste nur zu gut, dass das keine Dauerlösung war.
Dazu war er einfach schon viel zu lange im Geschäft.
Seine Leute verloren den Respekt vor ihm, wenn er sich aus dem Staub machte und irgendwo in der Ferne verkroch. Von jemandem wie ihm erwarteten die Mitglieder der Organisation, dass er vor Ort war.
Jemand, der für Ordnung sorgte, damit die dunklen Geschäfte florieren konnten.
Alex Shkoliov hatte an diesem Abend ein Treffen aller Unterbosse seines Syndikates einberufen.
Ich muss Präsenz zeigen!, ging es dem Ukrainer durch den Kopf. Sein Anzug spannte. Mit der Kevlar-Weste unter seiner Kleidung wirkte er mindestens zehn Kilo schwerer. Etwas ungeduldig saß er auf dem Rücksitz seiner gepanzerten überlangen Daimler-Limousine.
"Wir haben alles unter Kontrolle, Boss", sagte der Mann auf dem Sitz neben ihm. Es handelte sich um einen massigen Mann mit vollkommen kahlem Schädel. Über einen Ohrhörer und einem Mikro am Hemdkragen bestand Funkverbindung mit den fast zwei Dutzend Leibwächtern, die Alex Shkoliov bei diesem Anlass begleiteten. "Der Laden gehört uns ganz allein. Das normale Publikum hat keinen Zutritt!"
Alex Shkoliov nickte leicht.
Sein Blick wirkte abwesend.
"Die Italiener lassen es auf einen richtigen Krieg ankommen!", stellte er fest. "Die wollen es wirklich wissen!"
"Dann werden wir ihnen die passende Antwort geben, Boss!", grinste der Kahlkopf.
"Davon bin ich überzeugt, Boris!"
Einige der Bodyguards stiegen aus den Limousinen. Sie trugen MPis und automatische Pistole im Anschlag.
Einer der Guards sprach mit dem Türsteher. Auch das war an diesem Abend einer von Shkoliovs Leuten.
Der kahlköpfige Boris lauschte angestrengt an seinem Ohrhörer,
"Alles klar, Chef. Wir können hinein."
"Dann los!"
Boris gab über Funk den Einsatzbefehl für weitere Bodyguards, die mit der Waffe im Anschlag ausschwärmten, um ihren Boss abzusichern.
Schließlich öffneten zwei der Männer die hinteren Türen von Shkoliovs Limousine. Weitere Bewaffnete in kugelsicheren Westen umringten den großen Boss. Der ganze Pulk ging auf den Eingang des "Hot Spot" zu. Der Türsteher öffnete. Flankiert von seinen Männern betrat Alex Shkoliov das Foyer des Nachtclubs. Die Versammlung sollte im großen Saal des "Hot Spot" stattfinden. Die Tische waren zu seiner langen Tafel zusammengestellt worden.
"Hey, was soll das denn? Noch niemand da?", knurrte Alex Shkoliov verwundert. Er wandte sich an Boris. "Ich dachte, wir wären die Letzten!"
Boris wich seinem Blick aus.
Ein surrendes Geräusch war von der Bühne her zu hören, auf der normalerweise halbnackte Tänzerinnen zu sehen waren. Der Vorhang glitt zur Seite. Ein Spot Light erhellte einen Teil der Bühne, während der Rest vollkommen dunkel blieb.
Alex Shkoliov fiel der Kinnladen herunter.
Der Ukrainer wurde blass.
Er sah einen Haufen übereinandergelegter menschlicher Körper. Die Gesichter waren Masken des Entsetzens. Blut sickerte hier und da aus einer Schusswunde.
Eine Lautsprecherstimme ertönte.
"Guten Abend, Mister Shkoliov. Es tut mir sehr Leid, dass die Konferenz, an der Sie teilnehmen wollten, bereits stattgefunden hat! Wie Sie sehen, war mit einem Teil Ihrer Leute leider keine Übereinkunft zu erzielen!"
"Wer spricht da, verdammt noch mal?", krächzte Shkoliov. "Sind Sie das, Neverio?" Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er griff sich instinktiv an den Hals, lockerte die Krawatte und den obersten Hemdknopf.
Jemand verriegelte die Tür, durch die der Ukrainer mitsamt seinem Gefolge eingetreten war.
Die Lautsprecherstimme ließ ein schallendes Gelächter hören.
Das Spot Light schwenkte auf einen anderen Punkt der Bühne. Die Leichen verschwanden im Dunkel. Stattdessen wurde jetzt ein Mann von etwa 35 Jahren in dunklem Nadelstreifenanzug angeleuchtet. Lässig steckte die rechte Hand in der Hosentasche.
"Neverio! Sie Schwein!", rief Shkoliov.
Der Italo-Amerikaner lächelte kalt.
"So schnell verlieren Sie die Fassung, Shkoliov? Sie enttäuschen mich!"
Shkoliov lief hochrot an. Er wandte sich an seine Leute. "Worauf wartet ihr Wichser? Warum legt ihr den Kerl nicht um!" Shkoliov drehte sich zu Boris herum und erstarrte. Er blickte direkt in den Lauf einer Beretta.
"Tut mir leid, Mister Shkoliov", sagte Boris kalt. "Aber das Angebot von Mister Neverio konnte ich einfach nicht ablehnen."
Auch die anderen Bodyguards drehten sich jetzt zu ihrem Boss herum. Fast zwei Dutzend Mündungen von MPis und automatischen Pistolen waren auf den Boss des Ukrainer-Syndikats gerichtet.
"Boris!", stieß Shkoliov hervor. Er hatte Boris vertraut. Offenbar ein Fehler!, durchzuckte es ihn jetzt bitter. "Boris, ich kann das nicht glauben! Da liegen unsere Leute zusammengeschossen auf einem Haufen und..."
"Man sollte sich nicht zuviel Sentimentalität leisten, Mister Shkoliov", erwiderte Boris eisig. "Ist schlecht fürs Business. Ich glaube, Sie waren es, der das mal zu mir gesagt hat."
Shkoliov schluckte.
Er wandte den Blick, sah in die Augen der Männer, die er für seine Leibwächter gehalten hatte.
Der große Boss sah ein, dass er verloren hatte.
Endgültig.
"Mein Sohn Oleg wird euch alle ausradieren!", brüllte er.
Shkoliov stürzte sich mit bloßen Händen auf Boris.
Dieser drückte die Beretta ab. Der erste Schuss traf Shkoliov in Brusthöhe und wurde durch das Kevlar unter dem Anzug aufgefangen. Die Wucht des Geschosses war dennoch groß genug, um Shkoliov zu stoppen. Der Ukrainer rang nach Luft. Den zweiten Schuss zielte Boris auf den Kopf seines Bosses.
Shkoliov sank zu Boden.
Regungslos blieb er liegen.
Ray Neverio klatschte demonstrativ Beifall. "Gut gemacht, Boris!"
"Ich hoffe doch, es bleibt bei unserer Vereinbarung!", sagte Boris.
"Sie und Ihre Leute haben einen großartigen Job gemacht, Boris! Da gibt's nur einen kleinen Haken!"
"Welchen Haken?"
"Ich kann Verräter nicht leiden!"
"Was soll das heißen?"
Die vage Ahnung, aufs Kreuz gelegt worden zu sein, stieg in Boris hoch. Er riss die Beretta herum.
Das Licht ging aus. Es war von einer Sekunde zur anderen stockdunkel im Hauptsaal des "Hot Spot". Im nächsten Moment blitzten ein paar winzige Leuchten an der Decke auf. Wie eine Handvoll funkelnde Sterne im Nachthimmel wirkten sie. Ihr Licht reichte nicht aus, um etwas sehen zu können.
Von der Bühne her blitzten plötzlich Dutzende von Mündungsfeuern. MPis knatterten los. Ein wahrer Geschosshagel erfüllte die Luft. Draußen würde man davon nichts hören. Das "Hot Spot" war schalldicht isoliert.
Schreie gellten in der Dunkelheit.
Nach einigen Augenblicken verebbten die Schüsse.
Es wurde hell.
Bewaffnete Männer mit Sturmhauben und Nachtsichtgeräten sprangen von der Bühne. Die bis dahin verriegelten Türen wurden aufgestoßen. Weitere Bewaffnete betraten den Raum.
"Alles in Ordnung, Mister Neverio!", rief einer von ihnen.
Ray Neverio stieg als letzter die Treppe hinunter, die zur Bühne hinaufführte.
Überall lagen auf dem Boden verstreut Tote in ihrem Blut.
Die Verräter hatten keine Chance gehabt, sich gegen Neverios Leute verteidigen zu können. Sie waren buchstäblich wie blind gewesen.
Einer der Killer deutete zur Decke. "Das Restlicht war schon beinahe zu hell! Ich hatte schon Angst, dass die Bastarde uns sehen könnten! Mit unseren Nachtsichtgeräten wären wir auch mit ein paar Lux weniger zurechtgekommen."
Ray Neverio machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ich weiß nicht, was du hast, Michael! Hat doch alles prima geklappt!"
Ein ächzender Laut war schwach zu hören.
"Hier lebt noch einer!", meldete ein Mann mit hochgeklapptem Nachtsichtgerät.
Neverio war in wenigen Augenblicken dort. Es war Boris, der da in einer Blutlache lag und sich noch rührte.
Ray Neverio schnipste mit den Fingern.
Einer der Killer warf ihm eine Automatik zu.
Neverio fing sie sicher auf. Er zielte kurz und drückte ab. Boris Körper zuckte, als die Kugel ihn traf.
"Ich hasse schlampige Arbeit!", meinte er mit einem zynischen Lächeln um die Lippen. Wenigstens eine Sache, die ich mit dem "Großen Alten" aus Marokko gemeinsam habe!, ging es ihm durch den Kopf.
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16


Als ich Milo am nächsten Morgen an unserer bekannten Ecke abholte, erreichte uns ein Anruf des Field Office. Mister McKee war am Apparat und beorderte uns nach Alphabet City. In einem Nachtclub namens "Hot Spot" hatte es ein wahres Gemetzel gegeben. Dutzende von Toten gab es dort. Darunter auch Alex Shkoliov.
Vor etwa einer Stunde waren Angehörige eines Reinigungstrupps auf die Toten gestoßen und hatten die City Police verständigt.
"Jetzt geht der Krieg scheinbar richtig los!", kommentierte Milo die Neuigkeiten.
"Wer steckt dahinter? Neverio?" fragte ich.
"Sieht so aus, Jesse."
"Der Scarlatti-Clan scheint wild entschlossen zu sein, die Ukrainer aus dem Markt zu schlagen. Wahrscheinlich wird man am Ende wieder keinem dieser Leute etwas nachweisen können!", murmelte ich düster. "Ich frage mich nur, wie es in dieses Szenario hineinpasst, dass der Große Alte aus Marokko zurückgekehrt ist!"
"Es wäre nicht das erste Mal, dass uns da jemand in die Irre führen will!", meinte Milo.
"Und wer sollte das sein?"
Milo hob die Schultern. "Mal angenommen, Neverio steckt wirklich hinter der Liquidierung von Shkoliov und seinen Leuten. Und nehmen wir außerdem an, dass er auch bei Scarlattis Tod die Finger im Spiel hatte..."
"Wie du weißt, glaube ich letzteres nicht, Milo."
"Aber du musst zugeben, dass Neverio sowohl von Jack Scarlattis Ende als auch von Shkoliovs Tod profitiert! Er dürfte jetzt die Nummer eins im illegalen Müllhandel sein."
"Und jetzt taucht der Alte aus Marokko auf, um die Sache wieder gerade zu biegen, um Neverio unter Kontrolle zu halten!"
"Wäre doch eine Möglichkeit, oder?"
Als wir die Avenue A erreichten, waren die letzten hundert Meter vor dem "Hot Spot" mit Einsatzfahrzeugen nur so zugestellt. Wir mussten das letzte Stück zu Fuß hinter uns bringen.
Als wir das "Hot Spot" betraten, trafen wir auf unsere Kollegen Clive Caravaggio und Medina.
Sie sprachen gerade mit Captain Donald Montcalm, dem Einsatzleiter der City Police. Zahlreiche Kräfte der Scientific Research Division waren ebenfalls bereits im Einsatz und suchten das "Hot Spot" millimetergenau nach Spuren ab.
"Also ehrlich, ich bin jetzt 36 Jahre beim NYPD - aber so etwas habe ich noch nicht gesehen!", gestand Captain Donald Montcalm kopfschüttelnd. "Ein wahres Blutbad!"
"Um ehrlich zu sein, frage ich mich, wie Shkoliov und nahezu sein gesamter Führungszirkel so leicht in diese tödliche Falle hineintappen konnten", meinte Orry. Unser indianischer Kollege lockerte die blaue Seidenkrawatte. Der Anblick einer so großen Anzahl von Leichen musste erst einmal verdaut werden. Auch wenn für uns G-men der Umgang mit dem Verbrechen zum täglichen Alltag gehört, so wird er doch nie zur Routine.
"Es scheint, als ob Shkoliov verraten worden wäre", meinte Milo. "Die Scarlatti-Familie muss Leute in unmittelbarer Umgebung des großen Bosses auf ihre Seite gezogen haben."
Am Eingang entstand ein Tumult.
"Lassen Sie mich durch, verdammt nochmal!", rief eine heisere Männerstimme.
Zwei NYPD-Cops hatten einen Mann von Mitte dreißig zwischen sich genommen.
"Sie können hier nicht einfach herein!"
"Ich bin Oleg Shkoliov! Mein Vater ist dort irgendwo..."
"Lassen Sie den Mann durch!", mischte sich Clive Caravaggio ein.
Der stellvertretende SAC trat auf Oleg Shkoliov zu. Wir folgten ihm.
"Ist mir unverständlich, wie dieser Mann die Absperrungen durchbrechen konnte", murmelte Captain Donald Montcalm.
Oleg Shkoliov strich sich sein Jackett glatt. Die Krawatte hing ihm wie ein Strick um den Hals.
"Wo ist mein Vater?", fragte er.
"Der Gerichtsmediziner kümmert sich gerade um ihn....", sagte Clive. "Von wem haben Sie erfahren, dass Ihr Vater tot ist?"
Shkoliov ließ den Blick schweifen. Aber sein Vater war bereits in einen Zinksarg gelegt und abtransportiert worden.
Oleg ballte die Hände zu Fäusten. Die Knöchel wurden weiß. Das Gesicht war zu einer Maske geworden. Kalte Wut glitzerte in seinen Augen.
"Wer immer sich für das, was hier geschehen ist, zu verantworten hat, wird dafür bezahlen!", murmelte Oleg. "So wahr ich hier stehe..." Er wandte sich an Clive. "Ihre Behörde hat meinem Vater immer nur Knüppel zwischen die Beine geworfen und versucht, einem ehrenwerten Geschäftsmann etwas anzuhängen! Ich nehme an, Sie werden nicht viel unternehmen, um die Mörder meines Vaters dingfest zu machen!"
"Da irren Sie sich!", erwiderte Clive.
"Für Ihre Leute war mein Vater doch ein Gangster!"
"Jetzt hören Sie mir mal gut zu", sagte Clive ziemlich gereizt. "Ihr Vater war zweifellos ein Gangster. Aber wir werden seine Mörder genau so verfolgen wie jeden anderen Verbrecher."
Oleg machte nur eine wegwerfende Geste.
"Packen Sie aus", forderte Orry. "Sie wissen so gut wie wir, dass der Tod dieser Menschen mit den Geschäften Ihres Vaters in Zusammenhang steht."
Oleg Shkoliov blickte auf. "Tut mir leid, ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen!"
"Um weiterhin Ihren Vater als Saubermann dastehen zu lassen ist zu viel passiert, Mister Shkoliov", gab Clive zu bedenken. "Das sollten auch Sie begreifen! Wenn Sie wirklich daran interessiert sind, die Mörder dingfest zu machen, dann helfen Sie uns!"
Shkoliov atmete tief durch, dann wandte er sich wortlos zum Gehen.
"Ich hoffe, Sie haben keine Reise vor, Mister Shkoliov", sagte Clive.
Oleg blieb stehen, drehte sich halb herum.
"Wieso?"
"Weil wir vielleicht noch ein paar Fragen an Sie hätten!"
Er antwortete nicht, ging auf den Ausgang zu.
"Den Kerl müssen wir im Auge behalten", meinte ich. "Ich schlage vor, dass Milo und ich uns an seine Fersen heften."
"Nichts dagegen einzuwenden", fand Clive. "Aber vielleicht solltet ihr ihn nicht mit dem Sportwagen beschatten."
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17


Oleg Shkoliov stieg in eine Limousine, in der sich drei weitere Männer befanden. Bodyguards, wie ich vermutete.
Milo und ich folgten dem Wagen.
Dazu tauschten wir den Sportwagen gegen den unauffälligen Chevy, mit dem Clive und Orry zum Tatort gefahren waren.
Milo setzte sich hinter das Steuer, ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
Oleg fuhr mit seinen Männern zunächst kreuz und quer durch Brooklyn. Unterwegs nahmen wir telefonisch Kontakt mit dem Field Office auf, um einige Daten über Oleg abzufragen. Unseren Erkenntnissen nach hatte Alex Shkoliov seinen Sohn ganz behutsam zum Nachfolger aufbauen wollen. Nach dem Geschmack des Juniors wohl etwas zu behutsam. Olegs eigene Geschäfte waren nicht besonders glücklich gewesen. Vor zwei Jahren hatte er wegen Schutzgelderpressung vor Gericht gestanden. Aber die Anwälte seines Vaters hatten dafür gesorgt, dass er glimpflich davongekommen war.
"Meinst du, Oleg hat etwas mit diesem Massaker zu tun?", fragte Milo. "Ich meine, für ihn ist doch jetzt in Brooklyn die Bahn frei..."
Ich schüttelte den Kopf.
"Vielleicht hat Oleg seinen Vater insgeheim zur Hölle gewünscht..."
"...oder ins Altenheim, Jesse!"
"Ist das denn ein wesentlicher Unterschied?"
"In der Preisklasse, die Alex Shkoliov sich hätte leisten können, ganz gewiss!"
"Wie auch immer. Diejenigen, die dieses Attentat zu verantworten haben, wollten die gesamte Organisation der Ukrainer von Brooklyn nicht nur enthaupten, sondern auslöschen."
"Also doch Rache der Scarlatti-Familie!"
"Ja."
"Trotzdem... Jesse, dieser Oleg erschien mir wie jemand, der seine Gefühlsausbrüche nur vorspielt."
"Trauer zu heucheln ist noch kein Straftatbestand, Milo!"
"Mag ja sein. Aber ich sag dir, mit dem Kerl ist irgendetwas faul!"
Wir folgten Oleg Shkoliov in die Rowland Lane. Im Haus Nr. 345 bewohnte Oleg ein Loft. Die Erbauer des Hauses hatten versucht, den Cast Iron-Stil zu kopieren, wie man ihn vor allem in Greenwich Village fand. Wir parkten den Chevy in der Nähe und blieben im Wagen. Glücklicherweise war die Rowland Lane voll von kleinen Geschäften. Entsprechend zahlreich waren die Passanten, sodass wir nicht allzu sehr auffielen.
Eine Dreiviertelstunde blieb Oleg in seiner Wohnung.
Wir sprachen zwischendurch telefonisch mit Mister McKee.
"Ich werde versuchen, eine Telefonüberwachung von Mister Shkoliovs Anschlüssen zu erwirken", erklärte unser Chef. "Allerdings dürfte das kompliziert werden. Es liegt bislang einfach zu wenig gegen den jungen Shkoliov vor. Und was das Attentat auf seinen Vater und dessen Gefolge angeht, so stehen nun wirklich andere vor Oleg auf der Verdächtigenliste!"
Wir warteten geduldig.
Schließlich verließ Oleg wieder seine Wohnung.
Stets war er von seinen Männern flankiert.
Sein Jackett saß knapper als zuvor. Es sah aus, als hätte er ein paar Kilo zugenommen. Offenbar trug er jetzt eine Kevlar-Weste unter der Kleidung.
Gemeinsam mit seinen drei Bodyguards bestieg er seine Limousine.
Oleg nahm auf dem Beifahrersitz Platz.
Wir hängten uns an das Quartett dran.
Es ging Richtung Norden.
Etwa zehn Minuten später folgten wir Oleg und seinen Leuten über die Brooklyn Bridge.
Das Wasser des East River glitzerte in der Sonne. Am Manhattan-Ufer war der Fulton Fish Market Pier 18 zu sehen. Der Elevated Highway zog sich wie eine graue Linie am Ufer entlang. Dahinter ragten die Southbridge Towers und die Gouvernor Smith Houses hervor.
Olegs Limousine nahm eine Abfahrt.
Anders als ich erwartet hatte, fuhr er nicht zum Highway, sondern direkt in das Labyrinth der kleinen Nebenstraßen von Lower Manhattan hinein. Von der Frankfort Street ging es in die Water Street, der sie bis zur Ecke South Street folgten.
"Ich frage mich, was der Kerl jetzt auf dem Fulton Fish Market zu suchen hat!", sagte Milo.
"Nach jemandem, der fast wahnsinnig vor Trauer über den Tod seines Vaters ist, klingt das nicht gerade!", musste ich Milo Recht geben.
Die Limousine fuhr an den Straßenrand. Oleg und zwei seiner Männer stiegen aus. Nur der Fahrer blieb im Wagen.
Oleg drehte sich mehrmals um, ließ den Blick schweifen. Er sah auf die Uhr.
"Ich wette, der will sich mit jemandem treffen. Bleib hier und halt den Fahrer im Auge. Ich möchte nicht, dass mir der in den Rücken fällt!"
"Okay!"
Milo fuhr den Chevy an die Seite und ich stieg aus. Der Fahrer der Limousine hatte das Seitenfenster herunter gedreht, beobachtete die Straße. Lieferwagen und Passanten drängten sich hier. Ein großer Kühlwagen versperrte die Einfahrt zur Graham Street. Ein so belebter Ort wie der Fulton Fish Market war ein idealer Ort, um sich unauffällig mit jemandem zu treffen.
Oleg ging mit schnellen, energischen Schritten.
Seine beiden Bodyguards flankierten ihn.
Ich folgte ihnen in einigem Abstand. Salzgeruch hing in der Luft. Das Ufer der East River wurde sichtbar. Pier 18 ragte wie eine breite Halbinsel in das Wasser hinein. An Dutzenden von Ständen wurde Fisch verkauft. Gabelstapler fuhren herum, um kistenweise Frischware für die Nobelrestaurants der Fifth Avenue auf Lastwagen zu laden.
Ecke South Street/Peck Slip blieben Oleg und seine Leute stehen.
Jemand wartete dort offenbar auf den Ukrainer.
Eine junge Frau. Sie trug eine Sonnenbrille, aber ich erkannte sie trotzdem.
Dort stand niemand anderes als Evita Jackson.
Ihr dunkles Haar trug sie zu einem Knoten zusammengefasst. Ihre Züge wirkten angestrengt. Sie gestikulierte stark. Oleg fasste sie bei den Schultern. Sie stieß ihn von sich. Zwischen den beiden schien ein heftiger Streit im Gang zu sein.
Ich versuchte, etwas näher heranzukommen.
Hinter dem Van eines Pizza-Service nahm ich kurz Deckung, verbarg mich dann in der Türnische eines fünfstöckigen Brownstone-Gebäudes.
Der Straßenlärm verhinderte allerdings, dass ich von dem Gespräch zwischen Oleg und Evita etwas mitbekam.
Ein Königreich für ein Richtmikro!, ging es mir durch den Kopf. Aber davon konnte ich im Moment nur träumen. Ich griff zum Handy, sprach mit Milo.
"Du glaubst nicht, mit wem sich Oleg gerade streitet..."
In knappen Worten fasste ich ihm die neue Lage zusammen.
"Was hast du vor?", fragte Milo.
"Ich will mich an Evita dranhängen, sobald dieses Rendezvous beendet ist! Sie muss uns einiges erklären!"
"Scheint, als würden die Ukrainer vielleicht doch stärker in der Brooklyn-Bridge-Sache drinhängen, als du gedacht hast, was?"
"Zugegeben. Ruf Verstärkung. Oleg sollte auch weiter beschattet werden..."
"Übrigens, der Fahrer steigt jetzt gerade aus, Jesse."
"Behalte ihn im Auge!"
"Okay!"
Ich unterbrach die Verbindung.
Oleg Shkoliov packte Evita grob am Kragen, versetzte ihr eine Ohrfeige. Ich dachte schon, eventuell eingreifen zu müssen. Aber Evita befreite sich mit einem heftigen Stoß. Sie schrie Oleg an. Ihr Gesicht war eine Maske. Dann ging sie davon. Sie überquerte den Peck Slip.
Olegs Bodyguards wollten ihr nachsetzen.
Oleg hielt die Männer zurück, schüttelte den Kopf. Der Ukrainer machte eine wegwerfende Geste. Die blanke Wut war ihm anzusehen.
Das Trio machte sich auf den Rückweg zum Wagen. Sie gingen an mir vorbei, ohne auf mich zu achten.
Sobald sie hinter der nächsten Ecke verschwunden waren, machte ich mich daran, Evita Jackson zu verfolgen.
Auch sie hatte ein ziemlich großes Tempo drauf.
Ich folgte ihr hundert Meter weit den Peck Slip entlang, dann bog sie in die Font Street ein. Dort stand ihr Wagen, ein Porsche mit offenem Verdeck.
Sie stieg ein. Ich setzte zum Sprint an. Der Porsche-Motor heulte schon auf, als ich mit der ID-Card in der Hand vor der Motorhaube erschien.
"Warten Sie, Miss Jackson!"
Sie starrte mich mit offenem Mund an.
Ich setzte mich neben sie auf den Beifahrersitz.
Sie stellte den Motor wieder ab.
"Was soll das, Mister Trevellian?"
"Sie können mich ruhig Jesse nennen!"
"Lassen Sie mich einfach in Frieden!"
"Sagen Sie, ist dies der Wagen, in dem Jack Scarlatti starb?"
"Nein, das ist er nicht! Der ist noch in Ihren verdammten Labors, ohne dass etwas dabei herausgekommen wäre." Sie verzog das Gesicht. "Jack war so großzügig, mir einen baugleichen Wagen zu schenken."
"Dann fuhren Sie ja quasi im Partner-Look!"
"Ihr Humor gefällt mir nicht, G-man!"
"Schade."
"Was wollen Sie?"
"Ich habe gerade Ihre Unterhaltung mit Mister Oleg Shkoliov mitbekommen."
Sie schluckte. Eine dunkle Röte überzog ihr Gesicht. "Sie haben mich beschattet?"
"Nicht Sie, sondern Ihren Freund Oleg. Sein Vater und ein Großteil der Männer, die unter seinem Kommando gestanden haben, wurden heute Nacht auf grausame Weise ermordet. Wir vermuten, dass die Scarlatti-Familie dahintersteckt. Wie Sie sich vorstellen können, hat es mich etwas überrascht, dass Oleg in dieser Situation nichts besseres zu tun hat, als sich mit der Frau zu treffen, die neben Jack Scarlatti im Wagen saß..."
"Habe ich mich irgendwie strafbar gemacht?"
"Vielleicht waren Sie ja bei der Sache auf der Brooklyn Bridge gar nicht das Opfer..."
Sie hob die Augenbrauen. "Sondern?"
"Mal vorausgesetzt, diese Roller-Skates-Fahrer handelten im Auftrag und das Ganze war eine gezielte Aktion..."
"Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie viel Fantasie so ein G-man hat!" Ihre Stimme bekam jetzt einen scharfen Unterton.
"Sie könnten mit einem Funksignal dafür gesorgt haben, dass die Attentäter genau wussten, wo Jack Scarlatti zu finden war!"
"Sie hätten Drehbuchautor werden sollen, Jesse!"
"Okay, wenn Sie das witzig finden, dann nehme ich Sie jetzt einfach fest und wir fahren zur Federal Plaza. Entweder mit Ihrem oder mit unserem Wagen, das ist mir gleichgültig. Aber vielleicht werden Sie ja doch noch vernünftig und packen jetzt endlich aus!"
Sie atmete tief durch, nahm die Sonnenbrille ab und klappte sie zusammen.
Anschließend drehte sie sich herum, so als hätte sie Angst beobachtet zu werden.
"Es ist nicht so, wie Sie denken."
"Nur zu, ich bin auf Ihre Version schon sehr gespannt!"
"Ich sage Ihnen alles. Aber nicht hier."
"Wo dann?"
"Zwei Straßen weiter ist eine Bar..."
"Nichts dagegen."
"Außerdem ist dies eine Einbahnstraße. Es gibt sowieso keinen anderen Weg..."
Sie startete den Motor, scherte mit dem Porsche aus der Parklücke. Ich ließ den Blick schweifen. Milo meldete sich per Handy. "Ich habe den Fahrer verloren...", sagte er.
"Macht nichts", erwiderte ich. "Oleg und sein Gefolge sind auf dem Rückmarsch."
"Dann werden sie mir ja bald entgegenkommen. Kommst du allein klar, Jesse?"
Ich blickte kurz zu Evita hinüber.
"Wäre wohl das erste Mal, dass ich mit einer dunkelhaarigen Schönheit Probleme hätte, die nicht zu lösen wären!"
"Evita Jackson?"
"Ich schätze, mir steht noch eine interessante Unterhaltung bevor."
"Klingt, als müsste ich mir Sorgen machen, ob du Dienst und Privatleben sicher auseinanderhalten kannst!"
"Nein, musst du nicht!"
"Dann werde ich mich mal an Oleg Shkoliov und seine Meute heften. An dem Typ ist so vieles faul, dass er rund um die Uhr überwacht gehört."
Milo unterbrach die Verbindung. Mein Freund und Kollege hatte Recht. Jemand musste an Oleg Shkoliov dranbleiben. Da lief etwas im Hintergrund ab, das uns vielleicht der Lösung des Falls näher brachte. Niemand im Field Office hätte mit einer Verbindung zwischen Evitas Jackson und Oleg Shkoliov gerechnet. Ich war gespannt, was noch an verdeckten Verbindungen des Ukrainers ans Tageslicht kam.
Evitas Porsche bog in die Dover Street. Rechts befanden sich Brownstone-Bauten. Keines hatte mehr als drei oder vier Geschosse. Es gab viele Bars und Pubs hier. Rechts ragte die Brooklyn Bridge hoch empor. Erst einige hundert Meter weiter endete diese riesenhafte Brücke und teilte sich in Park Row und Police Plaza auf. Gewaltige Pfeiler hielten die bogenförmige Konstruktion aus Stahl und Beton. Ein paar Graffiti-Künstler hatten sich darauf verewigt.
Hinter einem dieser Pfeiler blitzte etwas auf.
Das Mündungsfeuer einer MPi.
Ein kleines rotes Loch befand sich plötzlich an Evitas Schläfe. Sie sackte zur Seite.
Ich handelte instinktiv, griff ins Lenkrad und riss die Handbremse hoch.
Ein weiterer Schuss zischte dicht über uns hinweg und ließ die Neonreklame einer Bar mit dem Namen "The Real Place" zersplittern.
Der Porsche schrammte mit quietschenden Reifen in die Reihe parkender Fahrzeuge hinein, stoppte schließlich.
Ich riss die SIG heraus, löste den Sicherheitsgurt.
Die leblose Evita war mit Kopf gegen das Lenkrad geschlagen. Der Killer hatte sie mit einem einzigen sehr präzisen Schuss getötet. Ein Profi. Für Evita konnte ich nichts mehr tun. Ich sprang aus dem Porsche heraus, die SIG in der Faust. Zwischen den Betonpfeilern sah ich eine schattenhafte Gestalt davonlaufen.
Ich setzte zum Spurt an, überquerte die Dover Street.
Der flüchtende Killer feuerte in meine Richtung.
Der Schuss verfehlte mich knapp. Ich duckte mich, schoss mit meiner SIG zurück und ging dann hinter dem ersten Betonpfeiler in Deckung.
Ein schwarzer Volvo bog mit quietschenden Reifen um die Ecke. Ein Wagen dieses Typs war mir bereits aufgefallen, als ich in der Font Street in Evita Jacksons Porsche gestiegen war. Offenbar war er uns gefolgt. Ich hatte dem Volvo zuvor leider keine Bedeutung beigemessen.
Die Scheiben waren getönt.
Es war unmöglich, zu erkennen, wie viele Personen sich im Inneren befanden.
Eine der Scheiben senkte sich einen Spalt.
Etwas Metallenes ragte einige Zentimeter hinaus.
Zweifellos der Lauf einer Waffe.
Eine MPi knatterte in den nächsten Sekunden los.
Der Schütze feuerte in meine Richtung. Ich warf mich zu Boden, rollte mich dort herum. Die Schüsse gingen haarscharf an mir vorbei.
Der Volvo raste weiter.
Mit einem mörderischen Tempo schnellte er in Richtung der Auffahrt zur Brooklyn Bridge.
Ich riss die SIG herum, erwartete eigentlich von der anderen Seite ebenfalls unter Feuer genommen zu werden.
Aber der Killer, der Evita Jackson auf dem Gewissen hatte, war verschwunden. Er hatte die Gunst des Augenblicks genutzt. Offenbar war er kein großer Nahkämpfer, sondern lauerte lieber in sicherer Entfernung auf sein Opfer, um es in aller Ruhe mit einem Spezialgewehr abschießen zu können. Ich rappelte mich auf, rannte weiter zwischen den Betonpfeilern hindurch. Von dem Killer sah ich keine Spur mehr.
Aber ich dachte nicht daran, so schnell aufzugeben.
Ich nahm mit der Linken das Handy, betätigte eine Schnellwahltaste und war einen Augenblick später mit dem Field Office verbunden, um Verstärkung zu rufen.
Ganz in der Nähe, zwischen Police Plaza und Madison Avenue, befanden sich die Headquarters der City Police. Mit etwas Glück konnte das Gebiet um die Brooklyn Bridge und ihre verschiedenen Auffahrten schnell genug von NYPD-Einsatzkräften abgeriegelt werden.
Ich rannte weiter, musste dabei aber auf der Hut bleiben.
Schließlich konnte sich der Killer ja auch hinter einem der Betonpfeiler versteckt halten und auf mich lauern.
Der Verkehrslärm der Brooklyn Bridge war hier unten geradezu ohrenbetäubend. Das Areal unter der Brücke wirkte wie eine Art Klangkörper.
Schließlich erreichte ich eine grasbewachsene Böschung, die zu einer steil ansteigenden Straße hinaufführte. Es musste sich um die Avenue of the Finest handeln, eine auf Highway-Breite ausgebaute Auffahrt zur Brooklyn Bridge.
In letzter Sekunde sah ich den Killer oben hinter der Leitplanke lauern. Der Strahl des Laserpointers warnte mich. Ich warf mich zu Boden. Das Gras war hoch. Offenbar war die Böschung schon seit Monaten nicht mehr gemäht worden. Der erste Schuss verfehlte mich nur knapp. Der Zweite ging sehr viel deutlicher daneben.
Ich riss die SIG empor, feuerte zurück.
Der Killer zog sich zurück.
Ich rappelte mich auf, hetzte die Böschung empor.
Augenblicke später erreichte ich die Leitplanken, stieg hinüber. Ein schmaler Mehrzweckstreifen lag zwischen den Leitplanken und der Fahrbahn. Es herrschte nur mittleres Verkehrsaufkommen. Ein Versuch, als Fußgänger die Avenue of the Finest zu überqueren war dennoch selbstmörderisch.
Aber der flüchtige Killer setzte offenbar alles auf eine Karte.
Er stand mitten auf der Fahrbahn.
Zum ersten Mal sah ich deutlich sein Gesicht.
Der Kerl war Mitte dreißig, hatte gelocktes Haar und trug einen Drei-Tage-Bart.
Autofahrer hupten, Fahrzeuge wichen dem Kerl aus. Er drehte sich in meine Richtung, erblickte mich und legte augenblicklich sein Gewehr an. Ein Spezialsturmgewehr für Army-Scharfschützen vom Typ M77.
Sein Schuss war schlecht gezielt und verfehlte mich. Der Killer hatte mehr oder weniger aus der Hüfte gefeuert. Ich konnte nicht zurückschießen. Die Gefahr für die unbeteiligten Autofahrer wäre einfach zu groß gewesen.
Aus Richtung Police Plaza näherte sich ein Helikopter.
Sirenen waren aus der Ferne zu hören.
Der Killer feuerte noch einmal in meine Richtung. Ich duckte mich.
Die Seitenscheibe eines vorbeifahrenden Vans zersprang.
Der Killer rannte vorwärts.
Ein Geländewagen vom Typ Maverick raste heran, bremste. Die Reifen quietschten.
Der Killer wurde vom Kuhfänger erfasst und schreiend durch die Luft geschleudert.
Ein zweiter Wagen bremste, rutschte von hinten in den Maverick hinein. Ein Lastwagen stellte sich mit quietschenden Reifen quer.
Binnen weniger Sekunden kam der Verkehr zum erliegen. Hier und da gab es kleinere Auffahrunfälle.
Ich spurtete los, hatte den am Boden liegenden Killer nach wenigen Augenblicken erreicht.
Er lebte noch. Aber der Zusammenprall mit dem Kuhfänger des Maverick hatte ihn schwer verletzt.
Den linken Arm vermochte er offenbar nicht mehr zu bewegen. Die Kleidung war blutverschmiert. Das Sturmgewehr war ihm aus der Hand geschleudert worden, lag jetzt ein paar Meter von ihm entfernt auf dem Asphalt.
Der Killer drehte sich stöhnend in meine Richtung, griff unter seine Jacke.
"Stecken lassen!!", rief ich. "FBI! Keine Bewegung!"
Er riss eine großkalibrige Automatik aus dem Hosenbund.
Die Mündung zielte auf mich.
Sein Zeigefinger spannte sich um den Stecher, der Knöchel wurde weiß.
Über uns knatterte der NYPD-Helikopter. Er sank tiefer. Der Wind, der dadurch verursacht wurde, riss an den Kleidern.
Eine endlos lange Sekunde herrschte ein Patt zwischen dem Killer und mir. Dann senkte er die Waffe. Er sah offenbar ein, dass er keine Chance hatte, mich zu erschießen, bevor ich ihn mit meiner SIG erwischte.
Ich trat auf ihn zu, nahm ihm die Waffe ab und durchsuchte ihn. Er hatte einen Führerschein bei sich, der auf den Namen Michael DiAngelo ausgestellt war. Außerdem ein Prepaid-Handy. Es war eingeschaltet. Ich ging in das Menue. Dass ich dabei vielleicht Spuren vernichtete, die unsere Kollegen aus den SRD-Labors für wichtig hielten, nahm ich bewusst in Kauf.
Denn die Jagd war noch nicht beendet...
Nach kurzer Zeit hatte ich herausgefunden, dass Michael DiAngelo das letzte Gespräch erst vor wenigen Augenblicken geführt hatte. Die Nummer gehörte ebenfalls zu einem Mobiltelefon. Wahrscheinlich auch ein Gerät, das über eine im Voraus bezahlte Simcard lief, sodass der Benutzer nicht identifizierbar war.
Ich stellte eine Verbindung zu diesem Apparat her.
"Michael? Scheiße, was ist los?", fragte eine Männerstimme.
"Wo seid ihr?", fragte ich.
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Ich hörte, wie jemand atmete, als wollte er etwas sagen. Aber es blieb still. Im Hintergrund war ein Motorengeräusch zu hören. Mit wem immer ich auch telefonierte, er befand sich in einem Wagen. Und ich hätte meine SIG dafür verwettet, dass es sich dabei um einen schwarzen Volvo handelte...
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Ich hatte gehofft, dass der Unbekannte auf der anderen Seite der Verbindung auf meinen Trick hereinfiel. Eine menschliche Stimme ist bei einer schlechten Handyverbindung nicht so leicht zu identifizieren. Aber der Kerl hatte den Braten gerochen.
Ich wusste auch so, wo der oder die Unbekannten vermutlich zu finden waren. Michael DiAngelo hatte den Volvo-Fahrer wahrscheinlich auf die Avenue of the Finest lotsen wollen, um sich abholen zu lassen. Mit etwas Glück saß er jetzt in dem Stau fest, der sich dort gebildet hatte.
Ich steckte das Handy meines Gefangenen ein, nahm den eigenen Apparat ans Ohr und ließ mich mit der Einsatzzentrale des NYPD verbinden.
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18


Ein schwarzer Volvo fuhr in die Tiefgarage der Majestic Apartments ein. Er nahm einen reservierten Parkplatz. Zwei Männer stiegen aus. Beide trugen dunkle Lederjacken.
"Mister Neverio wird nicht begeistert von dem sein, was passiert ist!", meinte der Größere der beiden.
Der Kleinere zuckte die Achseln.
"Wir können von Glück sagen, dass wir nicht schon in dem verdammten Stau auf der Avenue of the Finest steckten!"
Die beiden gingen zum Aufzug, passierten die elektronische Chipkartenkontrolle und ließen sich hinauf bis in den 25. Stock tragen. Dort residierte Ray Neverio. Bodyguards nahmen die beiden Männer in Empfang und durchsuchten sie. Die beiden Männer ließen es geduldig über sich ergehen.
Sie wussten, dass in Ray Neverios Umgebung selbst engste Freunde dieser Prozedur unterzogen wurden. Neverio hatte nämlich eine geradezu panische Angst davor, abgehört zu werden.
Schließlich wurden die beiden Männer in das Wohnzimmer geführt. Ray Neverio saß mit angespanntem Gesicht auf einer Couch. Er fixierte die beiden Männer förmlich mit seinem Blick.
"Hoffentlich höre ich etwas Positives von Ihnen! Ich könnte etwas gute Laune gebrauchen!" Neverio erhob sich, trat an den Größeren der beiden Männer heran. "Was ist mit Evita Jackson?"
"Diese Verräterin hat es erwischt. Da bin ich mir sicher. Aber es war jemand bei ihr..."
"Ein Ukrainer?" Neverio ballte die Hände zu Fäusten. Sein Gesicht verzog sich zu einer Maske. "Wahrscheinlich dieser Shkoliov-Bastard namens Oleg!"
"Nein, es war ein G-man!", widersprach der Kleinere der beiden Männer.
Ray Neverio fiel der Kinnladen herunter.
"Was?", stieß er ungläubig hervor. "Soll das heißen, Michael DiAngelo befindet sich in den Händen des FBI?" Wutentbrannt packte Neverio den Kleineren der beiden Männer am Kragen.
"Scheiße, wir wollten Michael auf der Avenue of the Finest abholen. Er hat uns mit dem Handy dorthin dirigiert, aber schon von der Dover Street aus konnte man den Stau sehen..." Neverio versetzte seinem Gegenüber einen brutalen Kopfstoß. Der Mann schrie auf, taumelte zurück. Das Blut schoss ihm aus der Nase. "Ihr Wichser seid wirklich für nichts zu gebrauchen!", knurrte Neverio.
Das hat mir gerade noch gefehlt!, ging es dem Statthalter des "Großen Alten" wütend durch den Kopf. Ausgerechnet jetzt muss das passieren!
Neverio versetzte dem niedrigen Glastisch, der sich in der Mitte des Wohnzimmers befand, einen Fußtritt. Der Tisch zersprang.
Neverios Blick war finster. Er musterte seine Männer. Einen nach dem anderen.
"Oleg Shkoliov! Ich will seinen Kopf! Wenn der zur Strecke gebracht ist, ist das Ukrainer-Problem erledigt!", stieß er hervor. "Gott sei Dank liegt dieser Job nicht in den Händen so erbärmlicher Weicheier wie ihr es seid!"
Aber Oleg Shkoliov war keineswegs der einzige Blut-Job, den Neverio noch zu vergeben hatte.
Da waren noch die Mitglieder der Gang namens "Los Santos" aus der Bronx. Er musste mit ihnen schon deswegen kurzen Prozess machen, weil er sonst unter den Mitgliedern der Scarlatti-Familie den Respekt verlor.
Ein Routine-Mord, der Neverio nicht viele Kopfschmerzen machte.
Eine andere Sache war dagegen selbst für eine abgebrühte Seele wie Ray Neverio ziemlich heikel.
Tony Scarlatti, der "Große Alte" war längst aus Marokko zurückgekehrt. Aber noch hielt er sich verborgen. Neverio musste dafür sorgen, dass der Alte für immer verschwunden blieb, denn er dachte gar nicht daran, seine frisch erworbene Macht wieder abzugeben.
Die Zeit des alten Paten war vorbei.
Und Ray Neverio hatte sich fest vorgenommen, den blutigen Schlussstrich zu ziehen.
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19


Mein Freund und Kollege Milo Tucker folgte der Limousine von Oleg Shkoliov zur Adresse 987 Trenton Road, Queens. Dort befand sich ein zehnstöckiges, quaderförmiges Gebäude. "Wonderland Center" stand in großen Neonbuchstaben an der Fassade. Es handelte sich um ein gewaltiges Einkaufszentrum. Unter seinem Dach gab es alles, vom Spielzeugladen bis zum Lebensmittel-Discounter.
Shkoliovs Limousine fuhr in die Tiefgarage ein. Milo folgte ihr mit dem Chevy aus dem Bestand unserer Fahrbereitschaft. Mehrere Stockwerke tief reichte die Tiefgarage in den Untergrund. Shkoliov und seine Männer fuhren bis in das unterste Parkdeck. Die Limousine bog in eine freie Parklücke ein.
Milo hatte Glück, in einer Entfernung von etwa zwanzig Metern selbst eine Lücke zu finden. Schon zuvor hatte er per Handy Verbindung mit dem Field Office aufgenommen, um Verstärkung anzufordern. Wenn etwas bei der Sache herauskommen sollte, musste Oleg Shkoliov rund um die Uhr überwacht werden. Es wurde dringend Zeit, dass Milo abgelöst wurde. Schon deshalb, weil er Oleg im "Hot Spot" persönlich begegnet war. So bestand immer die Gefahr, dass er wiedererkannt wurde.
Oleg Shkoliov stieg aus. Seine beiden Bodyguards flankierten ihn. Der Fahrer blieb im Wagen.
Milo verließ den Chevy, schloss fast geräuschlos die Tür und verbarg sich hinter einem der gewaltigen Betonpfeiler. Aus sicherer Deckung beobachtete er das weitere Geschehen.
Oleg blickte sich suchend um. Türen klappten. Aus einem Mercedes stiegen vier Männer in schwarzen Anzügen aus. Sie gingen auf Oleg und seine Leute zu. Einer der schwarz Gekleideten hob lässig die Hand an die Stirn, so als wollte er einen militärischen Gruß nachahmen.
Es wurde leise gesprochen. Keine Chance für Milo, mehr als nur zusammenhanglose Wortbrocken mitzubekommen. Zu dumm, dass hier jetzt kein richtiges Beschattungsteam mit entsprechender Ausrüstung im Einsatz ist!, ging es meinem Kollegen bitter durch den Kopf. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Unterhaltung per Richtmikro aufzunehmen. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse hätten von unschätzbarem Wert sein können.
Oleg übergab dem Chef der Schwarzgekleideten einen Umschlag. Dieser steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts. Im nächsten Moment wurden Hände geschüttelt.
Irgendein Deal ging da über die Bühne. Ein Deal, bei dem Milo keine Ahnung hatte, worum es ging.
Es blieb ihm auch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.
Milo sah einen Laserpunkt über die Fahrzeugkarossen tanzen.
Instinktiv riss er die SIG hervor.
Er ahnte, dass es zu spät war, um noch das Schlimmste verhindern zu können.
Der erste Schuss krachte.
Oleg Shkoliov sank getroffen zu Boden.
Seine Leibwächter wirbelten herum, rissen ihre Waffen hervor und ballerten wild in der Gegend herum. Den ersten von ihnen traf es eine Sekunde später. Ein Laserpunkt tanzte auf seinem Kopf. Ein Projektil traf ihn mitten auf der Stirn. Er taumelte zurück, prallte gegen einen parkenden Toyota und rutschte an dessen Außenhaut zu Boden.
Weitere Laserpunkte tanzten. Die schwarz Gekleideten rissen ebenfalls Waffen hervor. Großkalibrige Automatik-Pistolen. Aber noch ehe der Erste von ihnen zum Schuss kam, gab es bereits zwei Tote unter ihnen. Die Überlebenden hechteten in Deckung.
Milo rannte dorthin, wo er die Mündungsfeuer aufblitzen sah. Von mehreren Seiten wurde jetzt geschossen. Milo war gezwungen, in Deckung zu gehen.
Ein wahrer Geschosshagel prasselte in Richtung der Leute, mit denen sich Shkoliov hatte treffen wollen. Schreie hallten wider, übertönten sogar die Schussgeräusche.
Als die Schüsse verebbten, tauchte Milo aus der Deckung hervor.
Ein Wagen wurde gestartet, brauste mit quietschenden Reifen davon.
Es handelte sich um einen Van mit getönten Scheiben. Er raste förmlich die Rampe empor, über die man auf die höheren Decks gelangen konnte. Die Seitenscheibe wurde heruntergelassen.
Ein eiförmiger Gegenstand wurde herausgeschleudert, landete auf dem Asphalt.
Eine Detonation folgte.
Ein grauer Nebel breitete sich aus. Es musste sich um ein sehr aggressives, ätzendes Gas handeln. Selbst auf die Entfernung hin konnte Milo sehen, wie Lack und Scheiben parkender Fahrzeuge angegriffen wurde. Von einem eher harmlosen Reizgas, wie es "Los Santos" in der Bronx verwendet hatten, konnte keine Rede sein!
Die Killer wollten offenbar verhindern wollen, dass irgendjemand ihnen folgen konnte.
Das Gas machte die Frontscheibe jedes Fahrzeugs innerhalb von Augenblicken vollkommen blind.
Milo spürte den stechenden Geruch.
Die Wolke breitete sich immer weiter aus.
Er hielt sein Taschentuch vor Mund und Nase, um die Luft notdürftig filtern zu können.
Eiskalte Killer, die keine Rücksicht auf Unbeteiligte nahmen, hatten hier zugeschlagen.
Milo rannte dorthin, wo Oleg Shkoliov und seine Leute niedergeschossen worden waren.
Die Bodyguards waren tot. In eigenartig verrenkter Haltung lagen sie auf dem Asphalt. Auch die Männer, mit denen er sich hatte treffen wollen, waren allesamt gnadenlos niedergestreckt worden.
Olegs Fahrer hatte in der vermutlich gepanzerten Limousine ausgeharrt. Jetzt stürzte er aus dem Wagen, riss eine Waffe hoch.
"Weg damit! FBI!" rief Milo, richtete die SIG auf ihn.
Der Chauffeur war unschlüssig.
"Noch liegt nichts gegen Sie vor. Aber der Angriff auf einen FBI-Agenten wäre ein schweres Verbrechen."
Er senkte die Waffe, hustete. Das ätzende Gas war bereits in geringer Konzentration bis hier her gelangt.
Milo feuerte einen Warnschuss ab.
"Auf den Boden mit dem Eisen!", rief er.
Der Chauffeur gehorchte indem er die Waffe fallen ließ.
Milo beugte sich zu Oleg Shkoliovs Leiche hinunter. Der Ukrainer lag zusammengekrümmt wie ein Embryo da. Er hatte Körpertreffer am Rücken und in der Nierengegend erhalten, überall war Blut. Aber unter der zerfetzten Kleidung wurde Kevlar sichtbar.
Milo drehte ihn an der Schulter herum.
Oleg hatte auch eine Kopfverletzung erlitten. Sie blutete stark. Milo fühlte an der Halsschlagader nach dem Puls. Es gab keinen Zweifel. Oleg Shkoliov lebte noch. Er stöhnte leicht. Ein röchelnder Laut kam über seine Lippen. Angst leuchtete in seinen Augen. Er wollte etwas sagen, öffnete den Mund. Aber kein Laut kam über seine Lippen. Milo sah zu dem Chauffeur.
"Kommen Sie, ich brauche Ihre Hilfe!"
Der Chauffeur kniff die Augen zusammen.
Die ersten Gasschwaden hatten sie erreicht.
"Wenn Sie noch lange zögern, stirbt nicht nur Ihr Boss!", rief Milo.
Die Erstarrung, die den Chauffeur befallen hatte, löste sich. Die beiden Männer nahmen Oleg Shkoliov in die Mitte, legten sich jeweils die Arme des Schwerletzten über die Schultern. Gemeinsam trugen sie ihn zu den Aufzügen.
Mit dem Lauf der SIG, die Milo noch immer in der Rechten trug, drückte mein Kollege auf den Knopf. Das Beißen in Augen und Rachen wurde unerträglich. Die Schiebetür öffnete sich. Sie stolperten hinein. Die Tür schloss sich selbsttätig. Mit einem Ruck bewegte sich die Liftkabine aufwärts.
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20


Noch in der Liftkabine nahm Milo mit dem Field Office Kontakt auf. Der Emergency Service brachte den verletzten Oleg Shkoliov in das St. James Hospital in der Nähe des JFK Airports. Es wurde dafür gesorgt, dass er unter strenger Bewachung stand. Schließlich war nicht auszuschließen, dass erneut jemand versuchen würde, ihn umzubringen.
Der Chauffeur hieß Jay Zulawsky.
Er wurde ins Field Office gebracht und musste dort unseren Verhörspezialisten Rede und Antwort stehen.
Ich traf Milo am frühen Abend wieder.
Er saß mit einem Becher von Mandys berühmten Kaffee in der Hand in dem Dienstzimmer, dass mein Partner und ich uns teilten. Ich hatte noch eine ganze Weile auf der Avenue of the Finest zu tun gehabt, war zwischendurch aber von Milo telefonisch informiert worden.
"Ich wette, es waren Ray Neverio und seine Italiener, die versucht haben, Oleg Shkoliov genauso auszuschalten, wie sie es zuvor mit seinem Vater getan haben!", war Milo überzeugt.
"Bislang ist es nur ein Verdacht, den wir leider nicht beweisen können!", gab ich zu bedenken.
Milo zuckte die Achseln. "Ich hoffe nur, dass Oleg überlebt und endlich auspackt!"
"So wie ich ihn einschätze, können wir darauf lange warten!" Ich deutete auf seinen Kaffeebecher. "Ist von dem Wundergebräu noch etwas da?"
"Sorry, Jesse. Mandy hat schon Feierabend."
"Zu dumm."
"Die Automatenbrühe hat doch auch ein annehmbares Aroma..."
"Du hast gut reden!"
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Als wir uns am nächsten Morgen im Besprechungszimmer von Mister McKee trafen, lag bereits eine vorläufige Rekonstruktion des Tathergangs im "Hot Spot" vor. Unser Innendienst-Kollege Max Carter erläuterte uns die gebündelten Erkenntnisse der Scientific Research Division und unserer eigenen Spezialisten. Danach war Alex Shkoliov von einem seiner eigenen Leute erschossen worden.
"Wir werden sicher noch lange nicht jede Einzelheit dieses äußerst brutalen Massakers aufdecken können", erklärte Max Carter. "Aber erstens dürfte feststehen, dass Alex Shkoliov durch Verräter in den eigenen Reihen ans Messer geliefert wurde und zweitens gibt es einen sehr aufschlussreichen Zeugen."
Milo und ich sahen uns erstaunt an.
Auch Clive Caravaggio machte einen ziemlich verblüfften Eindruck. "Als ich dort war, gab es nur jede Menge Leichen... Ich hätte niemanden gesehen, der noch zu einer Aussage fähig gewesen wäre!"
"Ich spreche von der hochmodernen, computergesteuerten Lichtanlage des Hot Spot. Das Modernste, was man sich in dieser Hinsicht wünschen kann! Jeder Beleuchtungswechsel wird von der Anlage elektronisch protokolliert. Es ist genau nachzuvollziehen, wie zu jedem Zeitpunkt der Raum ausgeleuchtet wurde. Gleichzeitig wissen wir, dass die meisten Opfer von der Bühne aus erschossen wurden."
Clive runzelte die Stirn. "Worauf willst du hinaus, Max?"
"Wir haben Grund zu der Annahme, dass Shkoliov und seine Leute in eine böse Falle gelockt wurden. Das Licht wurde bis auf einen minimalen Rest gelöscht. Dieses Restlicht dürfte kaum ausgereicht haben, um die Hand vor Augen noch zu sehen. Aber für den Einsatz eines gängigen Army-Nachtsichtgerätes reichte es vollkommen."
"Mit anderen Worten: Shkoliovs Leute hatten keine Chance", ergänzte Mister McKee. "Sie waren blind, während ihre Mörder sie vermutlich wie Hasen abschießen konnten." Unser Chef atmete tief durch. "Was Max uns gerade vorgetragen hat, ist natürlich bislang nur Hypothese. Zum Beweis fehlen uns die Nachtsichtgeräte der Killer. Aber da wahrscheinlich mehr als zwei Dutzend Killer entsprechend ausgerüstet gewesen sind, könnte es sein, dass jemand in Little Italy von der Anschaffung der Geräte gehört hat."
"Ich werde sehen, dass ich unsere Informanten in Little Italy mal in dieser Hinsicht ausquetsche", versprach Clive. Die Chancen, auf diesem Weg etwas herauszufinden standen tatsächlich nicht schlecht. Der Gangsterkrieg war erst nach Jack Scarlattis Ermordung ausgebrochen. Vorausgesetzt, das Massaker im "Hot Spot" stand tatsächlich im Zusammenhang mit dieser Tat, so hatten die Killer nicht viel Zeit zur Vorbereitung gehabt und die Nachtsichtgeräte vermutlich sehr schnell beschaffen müssen.
Mister McKee hatte weitere Neuigkeiten zu berichten.
Michael DiAngelo verweigerte bislang die Aussage.
Eine Anwaltskanzlei, die ansonsten für Ray Neverio und andere Mitglieder der Scarlatti-Familie tätig gewesen war, vertrat seine Interessen. Wahrscheinlich hoffte DiAngelo, dass sein Boss ihn irgendwie heraushauen würde. Eine Illusion. Juristisch sah es rabenschwarz für ihn aus, nur berieten ihn seine Verteidiger nicht zu seinem Vorteil.
Möglicherweise würde er später offen für ein Angebot des District Attorney sein.
Aber im Moment nützte uns das wenig.
Ray Neverio wurde beschattet und telefonisch überwacht, und wir konnten nur hoffen, dass dabei etwas herauskam, was uns weiter brachte.
Der anonyme Anrufer, der uns darüber informiert hatte, dass sich der alte Scarlatti bereits im Lande befand, hatte sich nicht wieder gemeldet.
Wie wir wenig später von Mister McKee erfuhren, würde er sich vielleicht auch nie wieder melden können.
Bei der routinemäßigen Durchsuchung von Evita Jacksons Wohnung durch unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster war ein Stimmenverzerrer aufgetaucht. Es lag daher nahe, dass Evita die Anruferin gewesen war.
"Evita Jackson muss die Spionin der Shkoliovs bei den Scarlattis gewesen sein", schloss ich. "Kein Wunder, dass Neverio sie aus dem Weg haben wollte..."
"So lange DiAngelo schweigt, können wir Neverio den Mordauftrag nicht beweisen", gab Mister McKee zu bedenken.
Damit hatte er leider Recht.
Unser Chef nippte an seinem Kaffeebecher, stellte ihn dann auf den Tisch. Er fuhr fort: "Wenn Evita Jackson über das Auftauchen des großen Alten aus Marokko informiert war, dann können wir davon ausgehen, dass die Ukrainer ebenfalls darüber Bescheid wussten..."
Eines der zahlreichen Telefone auf Mister McKees Schreibtisch klingelte.
Der Special Agent in Charge machte zwei Schritte, nahm den Hörer ab. Als er wenig später auflegte, wandte er sich an meinen Kollegen Milo Tucker.
"Das war das St. James Hospital, Milo. Oleg Shkoliov geht es sehr schlecht. Er liegt im Sterben."
"Verdammt", murmelte Milo.
"Oleg möchte allerdings unbedingt mit Ihnen reden Milo! Mit Ihnen persönlich - und mit niemand anderem! Sie müssen einen großen Eindruck auf ihn gemacht haben!"
"Bin mal gespannt, was er mir zu sagen hat", antwortete Milo.
Die Vernehmung des überlebenden Chauffeurs war mehr oder minder ohne Ergebnis verlaufen. Unser Verhörspezialist Dirk Baker hatte dadurch nur bestätigt gefunden, dass es sich bei den Männern, mit denen sich Oleg getroffen hatte, um ehemalige Söldner gehandelt hatte. In unseren über das Verbundsystem NYSIS zugänglichen Datenbanken waren ganze Dossiers über diese Leute zu finden. Offenbar hatte Oleg neue Leute gesucht, um den Krieg gegen Little Italy fortsetzen zu können.
"Reden Sie mit Oleg", wandte sich Mister McKee noch einmal an Milo. "Vielleicht erfahren Sie ja etwas, das uns weiter bringt."
Ich trank meinen Kaffee leer und wandte mich an Milo. "Wir sollten keine Zeit verlieren! Wenn Olegs Zustand wirklich derart kritisch ist..."
"Für Sie habe ich eine andere Aufgabe, Jesse!", unterbrach mich Mister McKee
Ich sah ihn fragend an.
"Sir?"
"Der Westernmantel dieses Roller-Skates-Fahrers ist aus dem Labor zurückgekommen. In Kniehöhe befand sich ein Blutfleck, aus dem testfähige DNA gewonnen werden konnte."
"Scheint, als wäre Rico Jarmaine nicht so hundertprozentig sicher auf den Blades, wie er uns gegenüber getan hat!", meinte ich.
Mister McKee schüttelte den Kopf.
"Die gesicherte DNA stammt nicht von Rico Jarmaine."
Ich hob erstaunt die Augenbrauen. "Dann hat er die Wahrheit gesagt und ihm gehörten die Sachen wirklich nicht?"
"Ja. Aber diese Spur ist trotzdem nicht kalt. Die Kollegen aus dem Labor sind überzeugt davon, dass die gefundene DNA von einem nahen Verwandten stammt..."
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22


Zusammen mit meinen Kollegen Leslie Morell und Jay Kronburg fuhr ich in die Bronx. Wir benutzten einen unauffälligen Ford aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft.
Rico Jarmaine wohnte offiziell bei seiner Mutter in einem heruntergekommenen Brownstone-Haus in der 140. Straße.
Ich parkte den Ford am Straßenrand. Wir stiegen aus.
Das Haustürschloss war defekt. Die Klingelanlage ebenfalls. Wir betraten den Flur.
Ein Cracksüchtiger kauerte in einer Ecke. Seine Pupillen waren extrem geweitet.
Den Aufzug war außer Betrieb. Wir mussten die Treppe nehmen und gelangten Schließlich zur Wohnungstür von Eliza Jarmaine. Wir klopften. Keine Antwort.
"Hier spricht Special Agent Jesse Trevellian, FBI. Bitte machen Sie die Tür auf!"
Die Antwort erfolgte in Form eines Schusses.
Eine Shotgun riss ein handgroßes Loch in die dünne Holztür.
Zum Glück hatten wir uns sicherheitshalber rechts und links mit genügendem Abstand postiert. Ein zweiter Schuss folgte, riss etwas oberhalb des ersten Einschusslochs die Tür auf.
"Seien Sie vernünftig!", rief Leslie Morell.
"Verschwindet!", rief eine weibliche Stimme.
Jay Kronburg und ich wechselten einen kurzen Blick, nickten fast gleichzeitig. Wir waren uns einig. Es war notwendig, dass wir losschlugen, bevor die Shotgun-Schützin nachladen konnte.
Jay öffnete die Tür mit einem gewaltigen Tritt, wich zur Seite. Ich stürzte als Erster in die Wohnung. Die SIG hielt ich in der Faust. Eine Mittvierzigerin mit gelockten Haaren stand vor mir, schob gerade eine weitere Patrone in den Lauf ihrer Shotgun.
Ich richtete die SIG auf sie.
"Fallen lassen!", brüllte ich.
Sie erstarrte, gehorchte dann.
Die Shotgun fiel zu Boden. Ich war froh, dass sich kein Schuss löste.
Jay folgte mir dicht auf. Ich senkte die Waffe. Von der Frau ging keine Gefahr mehr aus. Ich hielt ihr meine ID-Card unter die Nase.
Sie schluckte. "Shit, Sie sind ja wirklich ein G-man!"
"Allerdings!"
"Sorry, aber letzte Woche ist ein Stockwerk höher jemand mit dieser Masche ausgeraubt worden. Ich wollte Sie nicht angreifen. Ehrlich..."
"Schon gut, beruhigen Sie sich!", sagte Jay Kronburg.
Sie sah uns überrascht an. "Was wollen Sie von mir? Mein Sohn ist doch von euch Cops verhaftet worden! Was immer ihr ihm anhängen wollt..."
Ich unterbrach ihren wirren Redefluss. Auf dem Tisch standen mehrere leere Whisky-Flaschen. Vermutlich hatten wir es mit einer Alkoholikerin zu tun.
"Sie sind Eliza Jarmaine?", fragte ich.
"Ja."
"Wir haben Ihren Sohn Rico verhaftet, weil er im Verdacht stand, an dem berüchtigten Roller-Blades-Anschlag auf der Brooklyn-Bridge teilgenommen zu haben. Wir denken jetzt, dass er unschuldig ist."
"Na großartig, warum lassen Sie ihn dann nicht einfach frei und verschwinden?", fauchte sie.
Ich versuchte beruhigend auf sie einzureden. "Ihr Sohn Rico benutzte einen Westernmantel, wenn er mit seinen Roller-Skates in einer stillgelegten Tiefgarage ein paar Blocks weiter halsbrecherische Manöver durchführte. Wir wissen, dass diesen Mantel einer der Killer von der Brooklyn Bridge getragen hat."
Sie kniff die Augen zusammen, musste plötzlich aufstoßen.
"Ich dachte, mein Junge wäre unschuldig!"
"Der Punkt ist, dass Rico es einfach nur cool fand, in diesen Klamotten herumzulaufen. In den Klamotten eines Typen, der es mit seinem Mordanschlag geschafft hatte, in die Reihen einer Gang namens Los Santos aufgenommen zu werden!"
Eliza Jarmaines Gesicht wurde zu einer starren Maske.
"Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden", behauptete sie.
"Sie haben noch einen zweiten Sohn", stellte ich fest. "Er heißt Kelly und ist ein paar Jahre älter als Rico. Kelly war an dem Anschlag auf der Brooklyn Bridge beteiligt, nicht Rico."
Jay Kronburg mischte sich ein. "Wissen Sie, wo sich Kelly befindet?"
"Nein, keine Ahnung! Und ich würde Ihnen meinen Sohn auch niemals ans Messer liefern, G-man!"
"Besser wir finden ihn, als die Killer der Scarlatti-Familie", gab ich zu bedenken. "Ich bin mir sicher, dass die längst auf Ihren Sohn Kelly und alle anderen, die bei der Sache mitgemacht haben, lauern!"
"Das ist doch Unsinn!"
Ich ging an ihr vorbei, wollte mich in den anderen Räumen umsehen.
"Hey, was soll das?", kreischte Eliza Jarmaine. "Dazu haben Sie kein Recht!"
"Laut der Unterlagen seines Bewährungshelfers ist hier Kellys offizielle Adresse!", gab ich zu bedenken. Wir hatten ein ganzes Dossier über Kelly Jarmaine in unseren Datenbanken. Bislang nur verhältnismäßig kleine Straftaten wie Körperverletzung. Aber nun kam wahrscheinlich die maßgebliche Beteiligung an einem Mord auf sein juristisches Kerbholz.
Ich öffnete eine Tür. "Wo ist sein Zimmer?", fragte ich.
"Was wollen Sie denn?"
"Mich ein bisschen umsehen. Aber wenn Sie Ihren beiden Söhnen helfen wollen, dann sagen Sie uns, wo der Ältere der beiden jetzt sein könnte!"
"Keine Ahnung! Er kommt doch nur noch selten mal vorbei! Kelly wohnt sicher bei irgendeinem Mädchen!"
Jay Kronburg wandte sich an Eliza Jarmaine. "Vielleicht haben Sie es noch nicht richtig erfasst, Mrs. Jarmaine: Ihr Sohn Kelly hat eine Mafia-Größe auf dem Gewissen. Und dessen Erben werden Kelly so lange jagen, bis sie ihn haben. Gleichgültig, ob er sich hier in der Bronx verkriecht oder nach Südamerika auswandert. Er hat keine Chance. Also reden Sie schon!"
"Sie glauben wirklich, ich könnte einen meiner Söhne verraten?"
"Sie retten ihm damit das Leben!"
"Ja, damit die Justiz ihm hinterher die Giftspritze setzen kann!"
"Das ist noch gar nicht gesagt!"
"No, Sir!"
In Kelly Jarmaines Zimmer stellten wir ein ganzes Waffenarsenal sicher. Von der MPi bis zur automatischen Pistole war alles Dabei. Dazu noch ein Sortiment an Hand- und Gasgranaten sowie verschiedene Kampfmesser und Wurfsterne.
Das Gewehr, mit dem Eliza Jarmaine auf uns geschossen hatte, musste ebenfalls aus dieser Sammlung stammen. Außerdem existierten umfangreiche Munitionsbestände.
Im Labor würde sich herausstellen, bei welchen Straftaten sie eventuell benutzt worden waren.
Jay fand eine Gasmaske, hielt sie mir unter die Nase.
"Die ist vom selben Fabrikat wie diejenigen, die wir den Killern aus dem ehemaligen Supermarkt abgenommen haben..."
"Vielleicht war Kelly Jarmaine der flüchtige Mann, den wir nicht gekriegt haben!", vermutete ich.
Jay Kronburg zuckte die Achseln. "Vielleicht werden wir darüber Klarheit haben, wenn wir die Laborergebnisse bekommen", meinte er.
Ich ging zurück ins Wohnzimmer, wo sich Eliza Jarmaine aufhielt. Sie saß zusammengesunken auf der Couch. Leslie Morell war bei ihr.
"Was werden Sie mit meinen Jungen tun, wenn Sie ihn haben?", fragte sie.
"Er wird verhaftet und angeklagt", erklärte Leslie.
Eliza Jarmaine begann plötzlich zu schluchzen. "Kelly ist im Grunde ein guter Junge", sagte sie. "Das ist alles nur die Schuld von Kid Dalbán, dem Bastard, der Los Santos anführt." Sie wischte sich die Augen und fuhr fort: "Alle Kids wollen so werden wie Kid Dalbán! Und sie würden sonst etwas tun, um in seine Gang aufgenommen zu werden."
"Ihr Sohn Kelly machte da wohl keine Ausnahme", stellte ich fest. Ich deutete auf ein Foto, das an der Wand hing. Nach den Archivfotos, die ich von ihm gesehen hatte, musste es Kelly sein. Auf dem Bild trug er weißblond gefärbte Haare. Ich nahm es von der Wand, holte es aus dem Passepartout heraus und sah nach dem Datumsstempel des Fotolabors auf der Rückseite. Das Bild war keine drei Wochen alt.
"So sieht er zur Zeit aus?", fragte ich.
Sie nickte.
"Ich werde das Bild mitnehmen."
"Ich schätze, ich kann Sie nicht daran hindern."
"So ist es."
Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. "Keiner der Jungs, die an der Sache auf der Brooklyn Bridge beteiligt waren, wollte jemanden umbringen, glauben Sie mir!"
"Ich glaube Ihnen, Mrs. Jarmaine!", sagte ich ruhig.
Es sprudelte jetzt nur so aus ihr heraus. Eliza Jarmaine war vollkommen verzweifelt.
Sie atmete tief durch.
"Kelly und die anderen wollten eine Aktion durchziehen, die cool genug sein sollte, um in die Reihen von Los Santos aufgenommen zu werden. Aber sie wollten niemanden töten! Schon gar keinen Angehörigen der Scarlatti-Familie!" Erneut begann sie zu schluchzen. Schließlich fuhr fort. "Kelly hat mir alles erzählt. So hatte ich ihn noch nie erlebt... Er zitterte vor Angst, als er aus den Nachrichten erfuhr, dass der Mann, den er getötet hatte, niemand anders als Jack Scarlatti war."
"Die Italiener werden Kelly auf jeden Fall zur Strecke bringen, wenn wir ihn nicht vor ihren Killern finden", erklärte ich ihr zum wiederholten Mal. Sie schien mir nahe daran, uns vielleicht doch noch zu verraten, wo er sich aufhielt.
Jay betrat jetzt den Raum.
Er hielt ein paar Streichholzbriefchen in der Hand. Sie trugen die Aufschrift "Todos Santos".
"Woher hat er diese Dinger?", fragte Jay an Eliza Jarmaine gewandt.
"Sieht für mich nach diesen Streichholzbriefchen aus, die man in manchen Lokalen bekommt", meinte Leslie. "Müsste herauszubekommen sein, wo das herstammt!"
"Das Todos Santos ist ein Billard-Lokal, wo Kelly oft herumhing", brachte Eliza Jarmaine schließlich heraus.
In diesem Moment war von draußen eine Detonation zu hören.
Höchstens zwei Straßen weiter musste etwas Schreckliches geschehen sein. Eine weitere Explosion war zuhören.
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23


Leslie Morell blieb bei Eliza Jarmaine. Schließlich konnten wir nicht zulassen, dass irgendetwas an Kellys Zimmer verändert wurde. Kollegen der SRD waren auf dem Weg zur Adresse der Jarmaines.
Das "Todos Santos" war ein Billardlokal, zwei Straßen weiter.
Als wir eintrafen, stand das Gebäude in hellen Flammen. Ich parkte den Ford in gebührendem Abstand. Wir stiegen aus und Jay hatte schon das Handy am Ohr, um weitere Einsatzkräfte zu rufen. Insbesondere mussten wir jetzt die Hilfe des Fire Service in Anspruch nehmen. Einige Schaulustige hatten sich auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig gesammelt. Scheu sahen sie sich den Brand an.
Schreie gellten aus dem Inneren des "Todos Santos".
Die Hitze, die von dem Gebäude ausging, war mörderisch.
Einer Fackel gleich taumelte ein Mann mit brennender Kleidung hinaus auf die Straße.
Niemand unter den Zuschauern rührte sich.
Ich spurtete kurz entschlossen los, zog meine Lederjacke aus. Der Brennende war wie von Sinnen vor Schmerz. Ich brachte ihn mit einem Stoß zu Fall und begann, mit der Jacke die Flammen zu löschen. Langsam ebbte sein Geschrei ab. Er sah mich mit großen Augen an.
Ein Knall ließ uns beide zusammenzucken.
Ich hob schützend den Arm vor das Gesicht. Die Hitze war kaum erträglich. Im Inneren des Gebäudes gab es noch mehrere Geräusche leichter Detonationen. Offenbar war es den Attentätern gelungen, ihren Sprengstoff unbemerkt im oder am Gebäude anbringen zu können. Die Täter waren wohl längst über alle Berge.
Jay hatte mich inzwischen erreicht. Gemeinsam zogen wir den Brandverletzten aus der Hitzezone heraus. Im Hintergrund ertönten bereits die Sirenen von NYPD und Fire Service.
Der Verbrannte stand unter Schock. Er deutete auf das Gebäude und rief immer wieder: "Holt sie alle raus! Sie sind noch dort..."
"Wie viele Personen befinden sich noch im Gebäude?", fragte ich.
Aber der Mann redete nur wirres Zeug. Die Situation überforderte ihn einfach. Er stand unter schwerem Schock.
Ich bemerkte das Kreuz mit dem gehörnten Skelett an seinem Hals.
Mit einer knappen Geste wies ich Jay darauf hin.
"Todos Santos - das klingt doch wie nach einem Treffpunkt dieser selbsternannten Heiligen-Gang", war er überzeugt.
"Die ganze Gegend wurde von City Police-Beamten gecheckt", gab ich zu bedenken.
Jay zuckte Achseln. "Wer sagt denn, dass das Todos Santos zu dem Zeitpunkt nicht wie ein ganz normales Lokal erschien?"
"Unsere Freunde aus Little Italy scheinen da über genauere Informationen zu verfügen!"
Die Vermutung lag nahe, dass die Scarlatti-Familie hinter diesem Anschlag steckte. Neverio musste einfach etwas unternehmen, um vor der Familie nicht als Schlappschwanz dazustehen.
Ich durchsuchte den Mann, dessen Kleider gebrannt hatten, nach Waffen und fand einen Revolver Kaliber .22.
Ich blickte zu der Flammenhölle hinüber. Es war unmöglich, in das Gebäude zu gelangen. Die Überlebenschance aller, die zum Zeitpunkt der Explosion im "Todos Santos" gewesen waren, war denkbar gering.
Nach und nach trafen die Einsatzkräfte ein. Cops der City Police scheuchten die immer zahlreicher werdenden Schaulustigen zur Seite. Die Angehörigen des Fire Service begannen mit den Löscharbeiten. Die Flammen mussten zumindest soweit eingedämmt werden, dass sie nicht mehr auf benachbarte Gebäude übergreifen konnten. Mehrere Notarztwagen des Emergency Service erreichten den Ort des Geschehens. Sanitäter kümmerten sich um den Mann, der gebrannt hatte. Er musste in eine Klinik eingeliefert werden. Wir stellten vorher noch die Personalien fest. Er trug keine Papiere bei sich, gab seinen Namen aber mit Eric Valdez an. Valdez wurde von einem NYPD-Officer begleitet. Zurzeit stand er noch zu sehr unter Schock, um irgendeine brauchbare Aussage herauszubringen. Aber später war er vielleicht ein Zeuge, der uns wertvolle Beobachtungen mitteilen konnte. Vorausgesetzt, sein Ehrenkodex als Angehöriger von "Los Santos" ließ es überhaupt zu, dass er mit uns redete.
Ich sprach mit NYPD-Captain Ron Gupta, dem indischstämmigen Einsatzleiter.
"Lassen Sie das ganze Gebiet weiträumig absperren, Captain Gupta. Es besteht der Verdacht, dass sich hier das Hauptquartier einer Gang namens Los Santos befindet. Insbesondere suchen wir einen Mann namens Kelly Jarmaine, der höchstwahrscheinlich an dem Anschlag auf der Brooklyn Bridge beteiligt war. Er ist 22, breitschultrig, trägt zurzeit weißblond gefärbte Haare." Ich hielt Captain Gupta das aktuelle Foto hin.
"Wir tun, was wir können", versprach er. "Aber Sie sehen ja, was hier los ist!"
Die Löscharbeiten zogen sich hin.
Manche der Schaulustigen verloren das Interesse daran.
In einer Hausnische entdeckte ich Larry Morton. Der Drugstorebesitzer verfolgte aus sicherer Entfernung die Szene. Unsere Blicke trafen sich. Er schaute zur Seite, wich mir aus.
Ich ging auf ihn. Er wandte sich zum Gehen, wollte einer Begegnung mit mir offenbar ausweichen.
Ein kurzer Spurt und ich hatte ihn eingeholt. "Warten Sie, Mister Morton."
Er blieb stehen, sah mich abweisend an. "Was wollen Sie, G-man?"
"Ich dachte, vielleicht können Sie mir ein bisschen weiter helfen."
"Ich habe alles gesagt."
Ich versuchte einen Schuss ins Blaue. Und traf. "Wussten Sie, dass sich hier vermutlich das Hauptquartier von Kid Dalbán und Los Santos befand? Bis jetzt gibt es nur einen Überlebenden. Möglicherweise werden Sie also in Zukunft keine Probleme mehr haben!"
Er lachte heiser. Dann trat er auf mich zu, sah mir direkt in die Augen. "Klar weiß ich, dass sich hier Dalbáns Hauptquartier befindet."
"Jemand wollte ihn aus dem Weg räumen und hat es wahrscheinlich auch geschafft", stellte ich fest.
Morton machte eine wegwerfende Handbewegung. "Sie haben keine Ahnung, G-man! Wissen Sie, was sich unter dem Todos Santos befindet?"
"Keine Ahnung."
"Ein atomsicherer Bunker aus den Fünfzigern. Ich weiß es genau. Als ich mal nicht so wollte wie die, haben mich Dalbáns Leute dorthin mitgenommen und mit Elektroschocks gefoltert. Dort unten kann man schreien, so laut man will. Es hört einen Niemand. Los Santos könnten wochenlang dort unten überleben, ganz gleich, was über ihnen passiert! Es gibt eine separate Luftzufuhr, Filteranlagen gegen giftige Dämpfe oder strahlenbelasteten Fallout..." Morton bleckte die Zähne wie ein Raubtier. "Soll ich Ihnen was sagen? Die sitzen da unten jetzt seelenruhig und warten einfach ab..."
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Zur gleichen Zeit betrat Milo die Intensivstation des St. James Hospital. Der Bereich, in dem Oleg Shkoliov untergebracht war, wurde von einem halben Dutzend NYPD-Officers bewacht.
Dr. Jessica McNamara, die diensthabende Ärztin, machte Milo kaum Hoffnungen, was Shkoliovs Überlebenschance anging.
"Zeitweise fantasiert der Patient", erläuterte sie ihm. "Der Kopftreffer scheint irreversible Hirnschäden verursacht zu haben. Es ist nahezu ein Wunder, dass Mister Shkoliov immer noch am Leben ist. Aber die neurologischen Ausfallerscheinungen sind nicht zu übersehen."
"Und Sie können wirklich nichts tun?", fragte Milo.
Sie schüttelte den Kopf. "Es ist alles in unserer Macht stehende veranlasst worden. Aber Mister Shkoliov litt unter Vorerkrankungen, was die Sache komplizierter macht."
Milo hob die Augenbrauen. "Was für Vorerkrankungen?"
"Epileptische Anfälle."
Milo und die Ärztin erreichten den Patienten.
Shkoliov hatte die Augen geschlossen.
Die Apparate zeigten die einzelnen Körperfunktionen an. Die Atmung des Ukrainers war flach.
Dr. McNamara sprach ihn an. Oleg öffnete die Augen, starrte Milo an. Er verzog das Gesicht. Seine linke Gesichtshälfte blieb dabei vollkommen regungslos. Diese Gesichtslähmung musste wohl zu jenen Begleitumständen zählen, die Dr. McNamara als "neurologische Ausfälle" bezeichnet hatte.
Oleg versuchte etwas zu sagen.
Aber es kam nicht mehr als ein röchelnder Laut über seine Lippen.
Milo beugte sich etwas zu ihm herab.
Oleg atmete schwer, machte einen neuen Versuch. "Schön...Sie...zu sehen!", brachte er schließlich heraus.
"Es hieß, dass Sie mit mir sprechen wollen, Mister Shkoliov", stellte Milo fest.
"Ja... Mit mir...geht es...zu ...zu..." Er stockte. Offenbar brauchte er eine Pause. Schließlich fuhr er fort: "Ich möchte Ihnen etwas sagen... Tony Scarlatti...der Große Alte...er ist zurück!"
"Ein anonymer Anrufer informierte uns verzerrter Stimme darüber. War das Ihre Freundin Evita Jackson?"
"Ja... Ich will...dass die...Scarlatti-Familie...bezahlt!"
Es war Milo auch ohne die Äußerung klar, dass es nicht die Liebe zur Gerechtigkeit war, die den sterbenden Oleg Shkoliov dazu veranlasste, sein Wissen auszuplaudern. Vielmehr war es blanker Hass. Hass auf die Familie desjenigen, den er für den Urheber des Massakers im "Hot Spot" hielt. Ironischerweise wollte er jetzt den FBI als Werkzeug seiner Vergeltung benutzen.
"Ray Neverio... Ich weiß, wann und wo er sich mit Tony Scarlatti treffen wird! Wenn Sie wollen...ser... serviere ich Ihnen beide auf... einem...Silbertablett!"
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Es dauerte Stunden, bis die Flammen gelöscht waren und man die verkohlte Ruine des "Todos Santos" betreten konnte. Unser Kollege Fred LaRocca hatte in der Zwischenzeit die Baupläne besorgt, die bei der Stadtverwaltung eingereicht worden waren, um Fördermittel für den Atomschutzbunker zu beantragen.
Wir wussten nun immerhin, wo sich der Eingang und die Belüftungsschächte befanden. Letztere waren zu klein, um sie als Fluchtwege oder Einstiegsmöglichkeit benutzen zu können.
Wir stiegen mit angelegten Gasmasken und kugelsicheren Westen in den Keller. Insgesamt ein Dutzend G-men nahmen an diesem Einsatz teil. Den Griff der SIG umfasste ich mit beiden Händen.
Die Eingangstür zum Bunker mussten wir mit einer Sprengladung öffnen.
MPi-Feuer prasselte in unsere Richtung. Wir gingen rechts und links der Stahltür in Deckung.
"Hier spricht das FBI!", rief Jay Kronburg. "Sie haben keine Chance! Kommen Sie unbewaffnet und mit erhobenen Händen heraus. Sonst werden wir Reizgas in die Belüftungsschächte einleiten!"
Eine weitere Schleusentür wurde zugeklappt.
Wir stürmten ins Innere des Bunkers
Offenbar war unsere Drohung auf taube Ohren gestoßen. Über Funk gab ich den Befehl, das Reizgas über die Belüftung einzuleiten.
Auch das Schloss der nächsten Tür musste gesprengt werden. Vorsichtig öffneten wir sie. Erneut wurde auf uns geschossen.
Wir gingen in Deckung und warteten ab. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis das Reizgas seine Wirkung tat.
"Geben Sie auf!", rief ich noch einmal. "Sie sitzen in der Falle!"
Einige Minuten später zogen die ersten Reizgasschwaden durch den Bunker. Hustend ergab sich ein Gangmitglied nach dem anderen. Unter ihnen auch der berüchtigte Kid Dalbàn sowie Kelly Jarmaine.
Einen nach dem anderen nahmen wir in Empfang und ließen die Handschellen klicken.
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Ray Neverio steckte die Patronen sorgfältig in das Magazin der Automatik. Anschließend schob er es in die Waffe hinein, zielte einem seiner Leute zwischen die Augen.
"Mach dir nicht in die Hosen, Robbie!", lachte er, als er den Schrecken im Gesicht seines Gegenübers sah.
Robbie verzog das Gesicht.
"Sie machen mich nervös, Mister Neverio", gestand der breitschultrige Mann mit dem kurzgeschorenen Haar.
Neverio lachte.
"Ich teste nur Ihr Reaktionsvermögen, Robbie! Man muss in jeder Sekunde aufmerksam sein, wenn man überleben will!"
"Ich denke, als die kleine Asiatin Ihnen an die Gurgel wollte, habe ich mein Reaktionsvermögen unter Beweis gestellt", erklärte Robbie etwas beleidigt.
Neverio machte eine theatralische Geste. "Ich werde Ihnen dafür ewig dankbar sein, Robbie!"
Er ging zur Fensterfront seiner Traumetage in den Majestic Apartments. Er hatte von hier aus freie Sicht über den Central Park. Bei gutem Wetter konnte man bis zum Long Island Sound sehen. Der Blick wurde nur durch den einen oder anderen Wolkenkratzer gestört, der das Majestic an Höhe übertraf.
"Wissen Sie, was der Große Alte immer sagte?", fragte Neverio. "Das ist meine Stadt. Hier bin ich der King! Zurzeit könnte ich das sagen. Und ich werde nicht zulassen, dass der Alte wieder das Ruder im Scarlatti-Clan übernimmt."
"Er hätte in Marokko seinen Lebensabend genießen sollen", fand Robbie.
Neverio nickte. Seine Miene wurde düster. Er ballte die Hände zu Fäusten. "Der alte Sack soll nicht glauben, dass er hier in New York die Zügel wieder in die Hand bekommt! Niemals!"
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Die Pizzeria "Napoli", 456 Washington Lane in Paterson, New Jersey, gehörte George Bucci. Bucci war ein Großneffe des "großen Alten" aus Marokko. Deshalb vertraute Tony Scarlatti ihm. Sich in Little Italy zu zeigen, war Scarlatti zu riskant. Aber in Paterson erinnerte sich bestimmt niemand an sein Gesicht, dass er darüber hinaus mit Hilfe eines Maskenbildners stark verändert hatte. Das graue Haar war schwarz gefärbt. Scarlatti hatte sich einen Bart stehen lassen, der ebenfalls schwarz gefärbt war. Da der "Große Alte" ein relativ fülliges, faltenloses Gesicht hatte, wirkte er zwanzig Jahre jünger als er war.
Zusammen mit seinem Gefolge von insgesamt fünf Leibwächtern betrat er die Pizzeria. Zwei der Männer ließ er im Vorraum warten. "Sorgt dafür, dass wir nicht gestört werden!", befahl er. Scarlatti hatte Bucci darum gebeten, das "Napoli" um diese Zeit für andere Gäste zu schließen. "Geschlossene Gesellschaft", stand daher an der Eingangstür.
Mit den drei restlichen Gorillas betrat Tony Scarlatti den Schankraum.
Ray Neverio hatte bereits an einem vornehm gedeckten Tisch Platz genommen.
Zwei Bodyguards flankierten ihn links und rechts.
Scarlatti blieb kurz stehen, musterte seinen Neffen Ray.
"Ciao, Ray!"
"Ciao, Onkel."
"Du siehst gut aus. Deine italienischen Anzüge sitzen wie angegossen!"
Ray erhob sich, ging auf seinen Onkel zu und umarmte ihn.
"Du kannst gar nicht sagen, wie es mich freut, dich hier gesund und munter anzutreffen. Allerdings war es ein unnötiges Risiko. Wir hätten uns genauso gut in Marokko - oder sonst wo in der Welt treffen können!"
"Das sehe ich leider anders, Ray."
Tony Scarlatti setzte sich. Er ließ sich dabei von Ray Neverio Stuhl zurechtrücken. Anschließend rief Neverio nach George Bucci. "Wo bleibst du, George? Wir haben Hunger!"
Neverio setzte sich inzwischen ebenfalls.
Bucci kam mit einem Tablett herbei.
Scarlatti misstraute jeglichem Personal, das nicht zur Familie gehörte. Daher war der Besitzer des "Napoli" heute allein für alles zuständig. "Eine Pizza Scarlatti - Spezialzusammenstellung für dich, Onkel Tony! Genau so, wie du sie immer gegessen hast."
"Mit entkernten Oliven und nicht zuviel Oregano?", fragte Scarlatti.
"So, wie du es kennst."
"Mille grazie."
Nachdem George Bucci beiden Männern serviert und auch den Wein gebracht hatte, schnipste Scarlatti mit den Fingern. Er wandte sich damit an die Bodyguards auf beiden Seiten der Tafel. "Los, verzieht euch in die Küche. Ich habe mit Ray unter vier Augen zu reden."
Neverios Männer zögerten. Als ihr Boss mit einer Handbewegung die Anweisung des "Großen Alten" bestätigte, gehorchten sie.
"Ich hätte dich kaum wieder erkannt", gestand Ray Neverio, nachdem sie allein waren.
Tony Scarlatti verzog das Gesicht. Er bleckte die Zähne wie ein Raubtier.
"Ich dich ebenfalls nicht", versetzte er schneidend. Er nahm einen Schluck Wein, begann von der Pizza zu essen. Schließlich fuhr er fort: "Du hast Jacks Ermordung als günstige Gelegenheit gesehen, die Zügel hier in New York an dich zu reißen", murmelte er kauend.
Neverio wollte widersprechen. "Onkel Tony, ich.."
"Widersprich mir nicht. Ich habe meine Augen und Ohren überall. Und soll ich dir was sagen, Ray? Ich befürworte es sogar, wenn mein Statthalter im Big Apple die Zügel fest in der Hand hat. Aber zwei Dinge gefallen mir nicht. Erstens hast du mit deinem Krieg gegen die Ukrainer entschieden übertrieben. Man radiert die Konkurrenz nicht völlig aus. Man bringt einige ihrer Leute um und einigt sich dann. So läuft das Spiel!"
"So lief das Spiel früher, Onkel Tony!", erwiderte Ray Neverio eiskalt.
"Das zweite, was mir missfällt ist, dass du Gelder unterschlägst. Ich kann Betrüger nicht leiden, Ray. Und ich hätte niemals gedacht, dass sich dein Gesicht zur hässlichen Fratze eines Betrügers wandeln würde, sobald die Gelegenheit dazu vorhanden ist."
Neverio lächelte amüsiert. "Was hast du vor?"
"Ich werde eine große Versammlung aller Capos einberufen und die Organisation neu ordnen. Du, mein lieber Neffe, wirst dabei keine Rolle mehr spielen."
Ray Neverio lachte heiser. "Irrtum, Onkel. Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Du wirst keine Rolle mehr im Big Apple spielen. Es wird dich niemand vermissen. Offiziell bist du ja auch gar nicht hier..." Er beugte sich vor, fixierte Tony Scarlatti mit seinem eisigen Blick. "Unser gemeinsamer Vertraute George Bucci, den du für ach so integer hältst, war mir noch einen Gefallen schuldig. In der Pizza und dem Wein, die gerade genossen hast, ist eine schwer nachweisbare Substanz, die dich innerhalb der nächsten 24 Stunden dahinraffen wird..."
Scarlatti hörte zu kauen auf. Er wurde blass.
"Das ist nicht ein Ernst, Ray!"
"Ciao, Onkel! Du hättest niemals wieder amerikanischen Boden betreten sollen!"
Der "Große Alte" erstarrte.
Einen Sekundenbruchteil später griff Scarlatti unter die Jacke. Er riss eine Automatik hervor, feuerte sofort.
Für Neverio blieb keine Zeit um zu reagieren.
Die Wucht des Projektils riss ihn zu Boden.
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28


Rund um das "Napoli" herum hatten wir auf das Signal des Einsatzleiters gewartet. Auch in einigen Nebenräumen der Pizzeria befanden sich G-men. Das Innere des Lokals war mit Wanzen versehen. Jedes Wort, das am Tisch gesprochen worden war, hatten wir gehört. Eine getarnte Minikamera lieferte darüber hinaus bewegte Bilder auf einen Bildschirm, der sich in einem Van auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand. Von dort aus koordinierte Clive Caravaggio den Einsatz.
Oleg Shkoliov hatte Milo gegenüber umfassend ausgesagt, bevor er schließlich für immer die Augen geschlossen hatte. Das war die Rache des Ukrainers an den Mördern seines Vaters. Offenbar war Oleg Shkoliov über die Scarlatti-Familie sehr gut informiert gewesen. Evita Jackson hatte für ihn als Top-Spionin fungiert. Die Ex-Prostituierte aus Philadelphia war auf Jack Scarlatti regelrecht angesetzt worden. Auch nach Jacks Tod hatte Evita Zugang zur Führungsspitze der Scarlatti-Familie gehabt. Obwohl Jack und Evita nicht verheiratet gewesen waren, war ihr ein Status zugesprochen worden, der dem einer Witwe nahe kam. Das hing mit einem geheimen Testament zusammen, das Jack ausschließlich für die Familie verfasst hatte. Damit hatte er Evita für den Fall seines Todes absichern wollen. Juristisch war es zwar wertlos, für die Familie eine Frage der Ehre, den Wunsch eines Toten zu respektieren. Nur allmählich hatte es Ray Neverio gedämmert, was für eine Schlange er am Hals hatte.
George Bucci war von unserem Kollegen Clive Caravaggio mit den Aussagen konfrontiert worden, die Oleg Shkoliov Milo gegenüber gemacht hatte. Danach sollte Bucci, dem Tony Scarlatti von früher her absolut vertraute, den "Großen Alten" mit einer vergifteten Pizza töten. Bucci hatte die Wahl. Ein Verfahren wegen Verabredung zum Mord oder Zusammenarbeit mit dem FBI.
Er hatte sich für die richtige Seite entschieden.
Wir trugen kugelsichere Westen und standen über Ohrhörer und Mikro miteinander in Funkverbindung. Insgesamt waren es annähernd dreißig G-men, die an der Operation teilnahmen.
Nachdem der Schuss aus dem Inneren des "Napoli" uns beinahe die Trommelfälle platzen ließ, gab Clive das Signal zum Eingreifen.
Das Türschloss war von uns zuvor so manipuliert worden, das es sich nicht richtig schließen ließ. Milo riss die Tür auf. Ich stürmte mit der im Anschlag ins Innere. Im Vorraum warteten zwei verdutzte Bodyguards.
Noch ehe der erste unter die Jacke greifen konnte, hatte ich ihn mit dem Lauf der SIG ausgeknockt.
Der andere griff blitzartig zu der MPi, die ihm an einem Riemen über der Schulter hing.
Der kurze Lauf der Waffe zeigte in Milos Richtung.
Milo kam dem Kerl um einen Sekundenbruchteil zuvor. Sein Schuss traf den Bodyguard an der Schulter. Er schrie auf, stürzte zu Boden. Seine MPi wurde verrissen. Ein halbes Dutzend Schüsse lösten sich und ließ den Garderobenspiegel zerspringen.
"Waffe weg!", schrie Milo.
Unser Kollege Jay Kronburg stürmte herein, den 4.57er Magnum-Revolver in der Faust.
Der Mobster rührte sich nicht mehr.
Mit einem Tritt ließ ich die Tür Schankraum zur Seite fliegen.
"Keine Bewegung! FBI!", rief ich.
Tony Scarlatti wirkte konsterniert. Milo schnellte an ihn heran. Der große Mafioso ließ sich widerstandslos die Waffe abnehmen. Er war erfahren genug, um zu wissen, wann er verloren hatte. Zur gleichen Zeit kümmerten sich Kollegen von uns um die Leibwächter in der Küche. Innerhalb von Augenblicken waren sie festgenommen. Ich hörte das Klicken der Handschellen über den Ohrhörer.
Das Vergnügen, Tony Scarlatti die Handschellen anzulegen hatte Milo. "Es ist überflüssig, dass Sie mir die Rechte vorlesen", knurrte der "Große Alte". "Holen Sie mir besser einen Arzt! Ich wurde vergiftet!"
"Sie sind vollkommen okay", murmelte Milo. "In der Pizza war nichts, was Ihnen hätte schaden können."
Ray Neverio lag auf dem Boden, rang nach Luft. Die Kugel, die Tony Scarlatti auf ihn abgefeuert hatte, war in der Kevlar-Weste steckengeblieben, die Neverio sicherheitshalber unter der Kleidung trug. Da aus sehr geringer Entfernung auf ihn gefeuert worden war, musste er mit ein oder zwei gebrochenen Rippen rechnen.
Die Waffe war ihm aus der Hand gefallen. Ich nahm sie an mich.
"Auch Sie sind festgenommen, Mister Neverio. Der Mordversuch an Ihren Onkel ist per Videokamera dokumentiert. Aber es bestehen auch gute Aussichten, Ihnen nachzuweisen, dass Sie für den Mord an Evita Jackson und das Massaker im Hot Spot verantwortlich sind! Ach ja, ein Sprengstoffanschlag in der Bronx dürfte wohl auch noch auf Ihr Konto gehen..."
Schon am nächsten Tag nahm Michael DiAngelo, der Killer, den ich auf der Avenue of the Finest gestellt hatte, ein Angebot des District Attorneys an und packte aus. Das juristische Tauziehen begann. Aber selbst die besten Anwälte Manhattans würden Ray Neverio und Tony Scarlatti nicht davor bewahren können, für viele Jahre auf Riker's Island einzusitzen.
ENDE
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AMOK-WAHN
Thriller von Alfred Bekker (Henry Rohmer)
Der Umfang dieses Ebook entspricht 140 Taschenbuchseiten.
In einem großen Kaufhaus richtet ein Amokläufer ein wahres Blutbad an. Stand der Täter unter Drogen oder trieb ihn ein krankhafter Wahn zu seiner Tat? Die Ermittler finden jedoch heraus, dass dieses Massaker einen ganz anderen Hintergrund hat...
Und es ist erst der Anfang einer blutigen Serie...
Action Thriller von Henry Rohmer
Henry Rohmer ist das Pseudonym des vor allem durch seine Fantasy-Romane und Jugendbücher bekanntgewordenen Schriftstellers Alfred Bekker.

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About the Author

Über Alfred Bekker:
Wenn ein Junge den Namen „Der die Elben versteht“ (Alfred) erhält und in einem Jahr des Drachen (1964) an einem Sonntag geboren wird, ist sein Schicksal vorherbestimmt: Er muss Fantasy-Autor werden! Dass er später ein bislang über 30 Bücher umfassendes Fantasy-Universum um “Das Reich der Elben” schuf, erscheint da nur logisch. Alfred Bekker wurde am 27.9.1964 in Borghorst (heute Steinfurt) geboren und wuchs in den münsterländischen Gemeinden Ladbergen und Lengerich auf. Schon als Student veröffentlichte Bekker zahlreiche Romane und Kurzgeschichten und wurde Mitautor zugkräftiger Romanserien wie Kommissar X, Jerry Cotton, Rhen Dhark, Bad Earth und Sternenfaust und schrieb eine Reihe von Kriminalromanen. Angeregt durch seine Tätigkeit als Lehrer wandte er sich schließlich auch dem Kinder- und Jugendbuch zu, wo er Buchserien wie 'Tatort Mittelalter', ‘Ragnar der Wikinger’, 'Da Vincis Fälle - die mysteriösen Abenteuer des jungen Leonardo’', 'Elbenkinder', 'Die wilden Orks', ‘Zwergenkinder’, ‘Elvany’, ‘Fußball-Internat’, ‘Mein Freund Tutenchamun’, ‘Drachenkinder’ und andere mehr entwickelte. Seine Fantasy-Zyklen um 'Das Reich der Elben', die 'DrachenErde-Saga' ,die 'Gorian'-Trilogie, und die Halblinge-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Alfred Bekker benutzte auch die Pseudonyme Neal Chadwick, Henry Rohmer, Adrian Leschek, Brian Carisi, Leslie Garber, Robert Gruber, Chris Heller und Jack Raymond. Als Janet Farell verfasste er die meisten Romane der romantischen Gruselserie Jessica Bannister. Historische Romane schrieb er unter den Namen Jonas Herlin und Conny Walden. Einige Gruselromane für Teenager verfasste er als John Devlin. Seine Romane erschienen u.a. bei Lyx, Blanvalet, BVK, Goldmann,, Schneiderbuch, Arena, dtv, Ueberreuter und Bastei Lübbe und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt., darunter Englisch, Niederländisch, Dänisch, Türkisch, Indonesisch, Polnisch, Vietnamesisch, Finnisch, Bulgarisch und Polnisch.
Read more at Alfred Bekker’s site (http://www.alfredbekker.de/).

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About the Publisher

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von
Alfred Bekker
© Roman by Author
© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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Kahlgeschoren: Thriller


Kahlgeschoren: Thriller
Alfred Bekker
Published by BEKKERpublishing, 2019.
This is a work of fiction. Similarities to real people, places, or events are entirely coincidental.
KAHLGESCHOREN: THRILLER
First edition. November 15, 2019.
Copyright © 2019 Alfred Bekker.
ISBN: 978-1524203320
Written by Alfred Bekker.
10 9 8 7 6 5 4 3 2 1
Table of Contents
UPDATE ME
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Kahlgeschoren: Thriller


von Alfred Bekker
Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.
Eine Serie von grausamen Prostituiertenmorden stellt die Ermittler vor ein Rätsel. Immer wieder schlägt der geheimnisvolle Killer zu – und die Stadt erstarrt in Angst.
Treibt hier ein irrer Serienkiller sein Unwesen – oder steckt Krieg zwischen Zuhältern und Gangsterbossen dahinter?
Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.
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Copyright


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker
© by Author/ Cover Firuz Askin
© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.
Alle Rechte vorbehalten.
www.AlfredBekker.de
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1


New York City, Bronx...
Ein kalter Tag.
Ein böser Tag.
Ein Tag, den keiner, der ihn erlebt hatte, je vergessen würde.
Auch die zwei Cops nicht, die an diesem Tag im Einsatz waren.
„Wo müssen wir genau hin, Barney?", meinte der Cop am Steuer und blinzelte in die Nacht hinein.
Sein Partner zuckte die Schultern.
„Mich darfst du nicht fragen. Ich kenn mich hier nicht aus.“
„Na großartig!“
„Keine Ahnung, Ed!", knurrte er zwischen den Zähnen hindurch. Er hatte das Pump Action-Gewehr auf den Schoß genommen und überprüfte nun die Ladung. „Ist wirklich 'ne miese Gegend hier. Und an den Häusern scheint es nicht mal Nummern zu geben..."
„Meinst du, dass du das Riesengeschütz dort brauchst?", fragte Ed, der sich immer noch sehr anstrengte, draußen etwas erkennen zu können. Die Straßenbeleuchtung funktionierte nicht. Es war nur zu hoffen, dass sie sich nicht verfahren hatten.
„Ich bin in dieser Gegend lieber etwas besser bewaffnet.“
Barney verzog das Gesicht und gähnte. Eigentlich hätte er Feierabend gehabt, aber dann war diese Sache dazwischengekommen...
Verdammter Mist!, fluchte er innerlich.
„Ich wünschte, ich wäre zu Hause.“
„Wenn du das sagst...“
„Wieso?“
„Na, du beklagst dich doch immer über deine Alte!“
„Wir haben uns getrennt.“
„Du meinst: Sie ist abgehauen.“
„So kann man es auch sehen.“
„Und das erzählst du mir erst jetzt?“
„Na und?“
„Ich könnte jetzt auf dem Weg nach Hause sein und mich aufs Bett freuen. Stattdessen werde ich meinen Hals dabei riskieren müssen, um irgendeinen Spinner dingfest zu machen...“
„Und das nur, weil wir gerade am nächsten dran gewesen sind.“
„So ist das Schicksal! Zur falschen Zeit am falschen Ort...“
„Vorsicht, Ed!", schrie Billy dann, und sein Partner trat in die Eisen. Eine Gestalt stand auf der Straße und winkte erst im letzten Moment. Sie war nicht allein, da waren noch andere Leute.
Billy machte die Tür auf und stieg aus, das Gewehr hielt er in der Rechten.
„Gott sei Dank, Polizei! Kommen Sie schnell!", rief die Frau.
„Haben Sie uns gerufen?", fragte Barney.
„Eine Tote! Schnell!“
„Ob Sie uns gerufen haben, wollte ich wissen!“
„Ja, das war ich.“
Große Pupillen hat sie, dachte Barney. Wahrscheinlich drogensüchtig. Und ob sie im Moment überhaupt zurechnungsfähig war, musste man wohl in Zweifel ziehen.
„Ja, ich war das. Unser Hausmeister ist da oben!"
„Was hat das mit dem Hausmeister zu tun!“
„Gehen Sie doch einfach nach oben! Schnell!“
„Ja, ja...“
„Wenn Sie nicht schnell machen, ist es zu spät!“
„Immer mit der Ruhe, Lady!“
Sie deutete auf das mehrgeschossige Haus zur Rechten. In mehreren Stockwerken brannte Licht. "Schnell! Wahrscheinlich ist es schon zu spät!"
So etwas hört man gerne!, dachte Billy sarkastisch.
Und dabei waren sie nur ein paar Straßen entfernt gewesen, als sie verständigt wurden.
Keine fünf Minuten hatten sie bis hier her gebraucht, trotz der Lichtverhältnisse und der Tatsache, dass man hier von Hausnummern nichts zu halten schien.
Billy sah die Frau prüfend an. Im Schein der Wagenlampen sah er ihr Gesicht. Billy hätte sie unter normalen Umständen für fünfundvierzig geschätzt.
Ihre Zähne waren schlecht, ihr Teint auch.
Billy atmete tief durch.
Wahrscheinlich ist sie zehn Jahre jünger als sie aussieht!, dachte er. Wäre nichts Ungewöhnliches für diese Gegend.... Eine Cracksüchtige mit einem Crack-Gesicht. Wie ein Zombie. Nur, dass das kein Film war, sondern die Realität.
Und noch ein anderer Gedanke kam ihm. Ein Gedanke, der sich wie eine kalte, glitschige Hand anfühlte, die ihm jemand auf die Schulter legte.
Billy schluckte.
Wenn hier jemand die Polizei ruft, dann sicher nicht ohne triftigen Grund!
Ed schloss indessen den Polizeiwagen ab. Schließlich sollte hinterher nicht die halbe Ausrüstung fehlen. Er hielt das Handy in der Hand und lauschte angestrengt.
„Hast du den Captain, Ed?"
„Captain Delany ist unterwegs. Mit Verstärkung."
„Sollen wir warten? Wenn du mich fragst, ist der Kerl sowieso längst über alle Berge. Und ich habe ehrlich gesagt keine Lust, hier..."
„Wir sollen ihn schnappen", sagte Ed ernst. "Um jeden Preis."
Jetzt meldete sich wieder die Frau zu Wort. "Der Perverse muss noch im Haus sein!“
Billy hob die Augenbrauen.
„Hören Sie! Nach allem, was hier in der Gegend passiert ist, nach all den toten Nutten und diesen Perversen..."
„Schon gut", schnitt Billy ihr grob das Wort ab.
„Ist er bewaffnet?", fragte Ed unterdessen die Frau.
„Ich weiß nicht. Aber..."
Ed kniff die Augen zusammen, seine Brauen beschrieben dabei eine geschwungene Linie, die Skepsis ausdrückte.
„Aber was?", fragte er.
Die Frau flüsterte nur.
Aus ihren Augen leuchtete das blanke Entsetzen.
„Er muss es sein..."
„Was?"
„Das Monstrum!"
Dermaßen vage Aussagen liebe ich! Barney verzog das Gesicht.
Er machte seine Taschenlampe an, die er am Revers seiner Jacke hängen hatte. Der Lichtkegel ließ die Nase der Frau rötlich leuchten.
Alkohol!
Aber Billy fröstelte trotzdem.
„Wenn er aus dem Haus gekommen wäre, hätten wir das gesehen!", meinte einer der anderen Leute, ein Mann in den Sechzigern, der sein linkes Bein nachzog.
„Ist wirklich niemand aus dem Haus gekommen?“, fragte Barney.
„Jedenfalls kein Mann“, sagte jemand.
„Alles klar“, sagte Barney.
„Er muss also noch dort sein“, meinte Ed.
„Ja“, nickte Barney.
„Worauf warten wir noch?“
Barney schob sich die Mütze in den Nacken. Er sah kurz zu seinem Partner hinüber.
„Also los", knurrte er.
In seiner Magengegend spürte er einen Krampf.
Der Aufzug war defekt und die Treppe ziemlich schmal.
Auf manchen der Stufen war der Belag durchgelaufen. Ein undefinierbarer Geruch hing in der Luft. Wenn hier jemand als Hausmeister tätig war, dann hatte er seine Pflichten wohl nicht sonderlich ernst genommen.
Barney nahm immer zwei bis drei Stufen auf einmal, sodass Ed, der außerdem noch einen Kopf kleiner war, Mühe hatte, mit seinem Partner Schritt zu halten.
Keine Minute verging, dann hatten sie ihr Ziel erreicht.
Die Frau war auch mit hochgekommen.
Um sich das entgehen zu lassen, war sie einfach zu neugierig.
Barney fasste die Pump Action fester, während Ed mit dem Griff seines Polizeirevolvers an die Tür klopfte.
„Hier ist die Polizei! Machen Sie sofort die Tür auf!"
Aus der Wohnung war ein Geräusch zu hören. Es klang wie ein lautes Atmen oder Ächzen. Ein fast tierischer Laut. Eine volle Sekunde verstrich, ohne dass etwas geschah. Die beiden Cops sahen sich gegenseitig an. Barney nickte, und Ed trat die Tür ein. Es war eine wuchtige Bewegung, viel heftiger, als sie nötig gewesen wäre, um das morsche Holz splittern zu lassen.
Die Tür flog auf und Barney hob das Gewehr.
Der Blick war frei auf ein mieses Ein-Zimmer-Apartment, das lange nicht mehr neu tapeziert worden war. An einer Stelle begann Schimmel sich die Decke entlang zu fressen.
Die Einrichtung war karg. Ein Sofa, ein Tisch, ein Stuhl. Außerdem ein Kleiderschrank und eine Matratze.
Ausgestreckt auf dem Fußboden lag eine Leiche.
Weiblich.
Und kahl geschoren.
Um den Hals ein Würgemal.
Wie von einer Drahtschlinge, wie man später feststellen würde.
„Hier ist sonst niemand“, stellte Billy fest.
„Er muss über die Feuerleiter geflohen sein“, meinte Ed.
Barney ging zur Fensterfront. Er blickte in einen Hinterhof im Halbdunkel. Vom Täter war nichts zu sehen.
Hinter der Sofa-Garnitur fanden sie den Hausmeister. Er erwachte gerade aus seiner Bewusstlosigkeit. Mit einer Platzwunde am Kopf.
„Haben sie ihn gesehen?“, fragte Ed. „Den Täter, meine ich.“
„Nein. Konnte ich nicht. Bin gleich niedergeschlagen worden, als ich hier eintraf. Jemand hat um Hilfe geschrien...“
„Ganz ruhig, Mister...“
Er sah auf die Frauenleiche.
„Oh Gott.“
„Kennen Sie sie?“
„Ja, natürlich!“
„Der Täter muss noch in der Wohnung gewesen sein, als Sie eintrafen.“
„Sie sind schwer von Begriff, Officer? Ich habe eins auf die Rübe gekriegt!“
„Das wird sich alles gleich klären, Sir. Verstärkung ist unterwegs.“
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2


Später traf die Mordkommission ein. Spuren wurden gesichert.
Captain Delany von der Homicide Squad machte ein ernstes Gesicht, während er telefonierte und seinen vorläufigen Bericht durchgab. „Ein Mord an einer mutmaßlich cracksüchtigen Prostituierten. Der Kerl hat sie mit einer Drahtschlinge abgemurkst. Niemand kann ihn beschreiben. Es gibt keine vernünftigen Spuren und sämtliche Zeugen sind mehr oder weniger vollgedröhnt.... nein, Sir vernünftige Aussagen können Sie da nicht erwarten. Zum Tathergang können wir nur sagen, dass die Tatwaffe mutmaßlich eine Drahtschlinge war. Der Täter war noch in der Wohnung, als eine andere Frau, die mit dem Opfer zusammen dieselbe Wohnung bewohnt, dorthin zurückkehrte und drinnen Schreie hörte. Sie rief den Hausmeister und die Polizei. Der Hausmeister bekam eins übergebraten, als er eintraf... Ja, seltsam, nicht? Der Täter ist trotz der Tatsache, dass er ertappt wurde, so lange am Tatort geblieben... Was weiß ich, vielleicht wollte er die Kopfrasur des Opfers beenden, keine Ahnung.“
Delany beendete das Gespräch und steckte sein Handy ein.
Barney stand in der Nähe und unterdrückte ein Gähnen.
„Schlecht geschlafen, Officer?“
„Geht so“, sagte Barney. „Ein Fall für den Aktenberg, was?“
„Darauf wird es hinauslaufen, fürchte ich.“
„Weil Nutten keine Lobby haben?“
„Weil Cracksüchtige kein Hirn mehr haben, mit dem sie eine vernünftige Aussage formulieren und ihre Erinnerungen sortieren könnten.“
„So kann man es auch sehen.“
„So sehe ich es.“
Barney sah auf die Uhr. „Ich hoffe, dass Theater hier ist bald zu Ende.“
Delaney nickte. „Wir machen Schluss, Leute!“, rief er.
„Der Gerichtsmediziner war noch nicht da!“, rief jemand.
„Der kriegt seine Leiche angeliefert und soll im Sektionsraum sehen, was er tun kann. Wir warten jetzt nicht länger.“
„Okay, Chief!“
„Haben Sie eine Ahnung, warum der Killer ihr die Haare abrasiert hat?“, fragte Barney.
„Ganz einfach: Weil er irre ist“, sagte Delaney.
Barney hob die Schultern. „Ich meinte, der muss das ziemlich routiniert und schnell über die Bühne gekriegt haben. Und auch ziemlich schnell...“
„Ja, wie einer, der Schafe schert.“
„Komischer Vergleich“, meinte Barney.
„Wieso?“
„Naja...“
„Ich hab die Tote ja nur mit einem Schaf verglichen – und nicht mit einem Unschuldslamm“, sagte Delany.
Einer der Spurensicherer kam zu Captain Delany. „Ich habe hier noch was gefunden“, meinte er.
„Was denn?“
„Ein Fläschchen. Wenn drin ist, was draufsteht, dann sind das K.O.-Tropfen.“
„Könnte der Täter zurückgelassen haben.“
„Genau.“
„Das Zeug soll ins Labor. Dann sehen wir weiter“, sagte Delany.
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3


Jahre später...
Es war Nacht und der Big Apple hatte sich in ein Lichtermeer verwandelt. Von den Sternen war dadurch kaum etwas zu sehen.
Die schwarze Limousine hielt kurz vor dem Hotel Parrinder in der Davis Lane, Brooklyn. Eine junge Frau stieg aus der Tür hinten rechts. Sie trug einen sehr knappen Lederrock, hochhackige Schuhe und viel Make-up. Das wasserstoffblonde Haar war hochgesteckt. Auf der Holzspange war das Wort L’AMOUR in kunstvollen Lettern eingebrannt worden.
Die Blondine zählte ein paar Geldscheine und steckte sie in ihre Handtasche.
Das Seitenfenster der Limousine glitt hinab.
„Sehen wir uns nächste Woche?“, fragte eine Männerstimme.
„Du hast meine Nummer, ruf mich an.“
„Ich möchte, dass du dir den Mittwoch ab acht Uhr abends für uns reservierst, Eileen“, forderte der Mann, von dem nichts als ein heraus gelehnter Ellenbogen zu sehen war.
Eileen grinste.
„Dann musst du aber noch einen Schein drauflegen!“
„Okay! Bis dann!“
„Bye!“
Die Limousine fuhr davon. Eileen atmete tief durch und ging auf den flackernden Neonschriftzug des nahen Hotels zu.
Ein unscheinbarer Ford näherte sich jetzt. Der Fahrer musste Eileen beobachtet und gewartet haben, bis die Limousine fort war.
Hoffentlich nicht wieder so ein Perverser!, dachte sie und verzog das Gesicht. Selbst ein Lockvogel der Cops lässt sich leichter ertragen als so ein Schwein!
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4


Die Seitenscheibe auf der Beifahrerseite öffnete sich. Eileen blieb stehen und blickte ins Innere. „Na, was kann ich für dich tun?“, fragte sie mit einem anzüglichen Unterton, der jedem potentiellen Freier gleich klarmachte, dass dieser Dialog ein Geschäft anbahnte. Auf der anderen Seite hatte sie nichts gesagt, was sie in den Augen des Gesetzes schon als Straftäterin gebrandmarkt hätte.
Prostitution war im Staat New York strafbar und die Vice-Abteilungen der zuständigen Polizeireviere setzten mit Vorliebe Lockvögel ein, um sowohl Prostituierte als auch Freier reihenweise anklagen zu können. Eine Vorgehensweise, die rechtlich sehr umstritten war, da die Polizei das von ihr angeklagte Vergehen selbst aktiv anbahnte. Weil es allerdings kaum im persönlichen Interesse der Angeklagten lag, diese Frage wirklich bis zum Obersten Gerichtshof durchzufechten, blieb es in zahlreichen Bundesstaaten bei dieser Praxis.
Eileen versuchte zu erkennen, wer hinter dem Steuer der Limousine saß. Die Gestalt beugte sich ihr entgegen. Etwas Licht fiel jetzt von der Leuchtschrift des nahen Hotels auf das Gesicht.
Eileen schüttelte den Kopf.
„Nein, tut mir leid, so etwas mache ich nicht!“, erklärte sie bestimmt.
Sie ging die Straße entlang Richtung Hotel. Dort hatte sie ein Zimmer. Der Wagen folgte ihr.
Die Gestalt am Steuer hatte jetzt auch die Seitenscheibe auf der Fahrerseite herabgelassen. Eine Hand in einem Lederhandschuh hielt Geldscheine empor.
Eileen drehte sich kurz um.
Dreihundert Dollar, durchfuhr es sie. Sie blieb stehen, der Wagen ebenfalls.
Sie umrundete den Wagen und trat auf der Fahrerseite an das geöffnete Seitenfenster. Die Hand hielt ihr das Geld hin. Etwas ließ sie zögern.
Dann nahm sie doch das Geld.
„Ich sagte ja, eigentlich mache ich so etwas nicht. Schließlich habe ich meine Grundsätze, aber...“
Stumm deutete die Gestalt auf den Platz auf dem Beifahrersitz. Eileen nickte. Sie umrundete den Wagen erneut und stieg ein.
„Du musst es ja ganz schön nötig haben!“, glaubte sie und steckte die Scheine in ihre Handtasche.
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5


Es war kurz nach Mitternacht, als die Eingangstür des Hotels Parrinder zur Seite flog.
Ein Mann in einem hellgrauen Wollmantel trat ein. Das blauschwarze Haar trug er schulterlang. Es war zu einem Zopf zusammengefasst.
Mit weiten Schritten ging er quer durch das Foyer und zog eine Waffe hervor. Es handelte sich um eine sehr zierliche Maschinenpistole vom Typ Uzi.
Der Portier erstarrte und wollte in eine Schublade greifen, aber die Uzi knatterte bereits los. Ein Dutzend Schüsse ging knapp über den Portier hinweg und zeichnete hinter ihm ein Lochmuster in die Wand.
„Wo ist Eileen?“, fragte er anschließend.
„Ich... ich habe keine Ahnung!“, stotterte der Portier.
„Ich pump dich voll Blei, wenn du mir keine Antwort gibst! Ich lass mich nicht länger hinhalten!“
Ein Mann kam die Freitreppe herunter, die ins Obergeschoss führte. Er trug einen silbergrauen Maßanzug. Die Linke war in der Hosentasche verborgen.
„Jack Mancuso, immer noch der alte Hitzkopf! Was machst du hier für einen Zirkus?“, fragte er. „Zerballerst mir die ganze Einrichtung! Was glaubst du, was das alles kostet!“
Jack drehte sich um und richtete die Uzi auf den Mann im Anzug, eine grauhaarigen Endvierziger mit dünnem Oberlippenbart und einem überlegenen Lächeln.
„Ich habe tagelang versucht, dich zu erreichen, Sonny!“
„Und? Hier bin ich! Was gibt es zu besprechen?“
„Es geht um Eileen!“
„Sie hat sich entschieden, Jack.“
„So?“
„Sie will lieber für mich arbeiten. Da wird sie nämlich nicht so oft verprügelt und kann mehr von ihrem Geld für sich behalten. Außerdem kann ich sie beschützen – im Gegensatz dazu bist du eben ein Loser, Jack!“
Jacks Gesicht lief rot an. Sein Gesicht verzog sich zur Grimasse. Er richtete die Uzi in Kopfhöhe auf sein Gegenüber.
„Was ist los, willst du mal wieder durchdrehen, Jack? Wer einen Sonny Ricone bedroht, sollte sich das gut überleben. Ich habe nämlich viele gute Freunde, die du dann am Hals hättest...“
„Wo ist Eileen?“, wiederholte Jack.
Sonny Ricone grinste schief. „Ich verstehe schon, dass es dich ziemlich anpisst, dass Eileen jetzt bei mir ist. Immerhin hast du ja wohl ausschließlich von dem gelebt, was sie herangeschafft hat.“ Ricone zuckte mit den Schultern. „Dann hättest du halt etwas netter zu ihr sein sollen! Das letzte Mal hast du sie so zugerichtet, dass sie fast nicht mehr einsetzbar gewesen wäre! Glücklicherweise kenne ich einen guten Doc, der so etwas wieder hinkriegt! Aber jetzt hat sie von dir einfach die Nase voll! Akzeptier das und verschwinde.“
„Ich will das aus ihrem eigenen Mund hören!“
„Brad hat dir schon gesagt, dass sie nicht hier ist.“
„Wo finde ich sie, verdammt noch mal?“ Er ließ die MPi erneut losknattern. Die Schüsse fetzten in den Parkettboden, dicht vor Sonny Ricones Füße.
Dieser blieb seelenruhig stehen.
Sein Gesicht gefror zu einer eisigen Maske.
„Keine Ahnung, was du genommen hast und auf welchem Trip du gerade bist, aber der Stoff kann nicht gut gewesen sein, Jack! Eileen ist bei einem Kunden und hat jetzt keine Zeit für dich! Du wirst dich also mit meinen Auskünften zufrieden geben müssen.“
Jack atmete tief durch.
Er hatte sichtlich Mühe, sich unter Kontrolle zu halten. Seine Hand zitterte leicht. Mit dem Finger am Abzug einer Uzi war das nicht ungefährlich.
„Wir können über alles reden, Jack“, versuchte Sonny Ricone ihn zu beschwichtigen.
Schließlich senkte Jack die Waffe.
„Wie gesagt, ich möchte es von Eileen selbst hören!“
„Kannst du, sobald sie zurück ist.“
„Außerdem will ich eine Ablösesumme.“
„Was schwebt dir denn da so vor?“
„Mindestens 50 000 Dollar. Eileen ist ein Klasse-Girl. Sie bringt dir doch im ersten Vierteljahr schon mehr ein!“
„Ich werde darüber nachdenken!“, versprach Sonny Ricone.
Aber das war Jack nicht genug. Er hatte das Gefühl, dass Sonny ihn hereinlegen wollte.
Jack hob den Lauf der Uzi. „So nicht!“
Ein Geräusch, das an ein heftiges Niesen erinnerte, war jetzt von der anderen Seite zu hören. Dreimal kurz hintereinander wurde eine Automatik mit Schalldämpfer abgefeuert.
Jacks Körper zuckte unter den Treffern.
Er sackte in sich zusammen und fiel schwer auf den Boden.
Der Schütze trat aus einer seitlich gelegenen, offen stehenden Tür heraus, durch die es in die Zimmer des Erdgeschosses ging. Er war rothaarig, hatte starke Sommersprossen und trug einen eleganten, kobaltblauen Anzug aus einem fließenden, seideartigen Stoff. Die obersten drei Knöpfe seines Hemdes waren geöffnet. Ein kleines Kreuz aus Rotgold blitzte dort auf. Darüber befand sich ein tätowierter Adler mit gespreizten Schwingen.
„Das wurde aber auch höchste Zeit, Norman“, knurrte Sonny Ricone.
Der Mann, der Norman genannt worden war, grinste und begann damit, den Schalldämpfer abzuschrauben.
Anschließend wog er ihn in der Linken und meinte grinsend: „Ich konnte dieses verdammte Ding nicht finden!“
„Mann, das ist nicht witzig! Ich dachte schon, du tauchst gar nicht mehr auf.“ Sonny Ricone trat auf den am Boden liegenden Mann zu und drehte ihn mit dem Fuß herum.
„Ich habe doch gesagt, dass Jack Mancuso es sich nicht so einfach gefallen lassen wird, dass Eileen zu uns gewechselt ist“, meinte der Portier.
„Wie auch immer!“, presste Sonny Ricone zwischen den Zähnen hindurch. Er wandte sich an Norman. „Sorg dafür, dass dieses Stück Dreck auf Nimmerwiedersehen verschwindet.“
„In Ordnung.“
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6


An diesem klaren, kalten Morgen holte ich meinen Kollegen Milo Tucker wie gewöhnlich an der bekannten Ecke ab. Er hatte sich inzwischen die Finger rot gefroren.
„Hast du keine Handschuhe, Milo?“
„Ich sollte mir wohl schleunigst welche besorgen, Jesse.“ Er rieb sich die Hände und schnallte sich an, während ich bereits losfuhr. „Zum Glück können wir uns gleich ja wohl auf einen Becher mit Mandys berühmtem Kaffee freuen!“
„Tut mir leid, daraus wird nichts.“
Er sah mich erstaunt an. „Wieso? Was ist los?“
„Schlechte Nachrichten, Mister McKee hat uns vorhin angerufen. Wir müssen zu einem Tatort.“
„Wo?“
„Liegt direkt auf dem Weg. Auf dem Heckscher Playground wurde von Joggern eine Leiche gefunden, die in unsere Serie passt.“
Zurzeit hatten wir es mit einer Serie von Prostituiertenmorden zu tun. Die Opfer waren mit einer Drahtschlinge erwürgt und kahl rasiert worden, weswegen der Täter in den Medien inzwischen den Beinamen „Barbier“ bekommen hatte. Die Tote vom Heckscher Playground war die Nummer sechs dieser Serie, deren erster Fall bereits sieben Jahre zurücklag. Anfangs hatte man natürlich noch nicht erkennen können, dass es sich um einen Serientäter handeln musste. Inzwischen war das aber unstrittig.
Nachdem der Barbier innerhalb eines halben Jahres gleich drei Mal zugeschlagen hatte, war das FBI Field Office mit dem Fall beauftragt worden.
Wir fuhren die Columbus Avenue Richtung Süden, bogen an der West 70th Street nach links bis zur spanisch-portugiesischen Synagoge. Anschließend ging es auf dem Central Park West weiter bis zur Holy Trinity Lutheran Church. Gegenüber befand sich die Einfahrt zur Transverse Road No.1, die quer durch den Central Park führte, sich beim Zoo teilte und dann in der Fifth Avenue mündete.
Auf der linken Seite der Transverse Road No. 1 lag eine Wiese mit der Bezeichnung ‚The Sheep Medeaw’, rechts der Heckscher Playground.
Zahlreiche Einsatzfahrzeuge der City Police und der Scientific Research Division waren bereits da und zeigten uns, wohin wir uns halten musste. Ein uniformierter Kollege wollte uns am Fundort der Leiche vorbeilotsen.
Ich hielt mit dem Sportwagen an, ließ das Fenster hinunter und zeigte ihm meinen Ausweis.
„Trevellian, FBI. Wir werden hier erwartet.“
„Fahren Sie noch ein Stück weiter und parken Sie links auf dem Rasen. Dann bleibt Platz genug für den Durchgangsverkehr.“
„Wirklich links?“
„Die rechte Seite sehen sich die Kollegen der SRD genauestens an.“
„In Ordnung.“
Ich fuhr also weiter.
Eine Reihe von Fahrzeugen säumte die linke Seite der Transverse Road No. 1. Schließlich fanden wir einen Platz, wo wir den Sportwagen abstellen konnten.
Anschließend liefen wir zum Heckscher Playground.
Spielgeräte, Sandkästen und Sitzbänke waren hier zu finden.
Ein breitschultriger Afroamerikaner Mitte fünfzig begrüßte uns. Er trug einen Knebelbart.
„Matt Gerber, Police Lieutenant bei der Homicide Squad“, stellte er sich vor.
„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker.“
„Die Tote wurde dort drüben, bei den Sträuchern neben dem Karussell gefunden. Wir können von Glück sagen, dass um diese Zeit noch keine Kinder zum Spielen hier sind!“
„Wer hat sie gefunden?“, fragte ich.
„Ein Jogger. Paul Davis, 44, Börsenmakler, hat eine Wohnung der Fifth Avenue und bezahlt dafür wahrscheinlich mehr, als ich im Monat verdiene.“ Lieutenant Gerber verzog das Gesicht. „Wir haben die Personalien aufgenommen. Wenn Sie noch mit ihm sprechen wollen... Es sind ja nur ein paar Minuten von hier bis zu seiner Adresse.“
„Mal sehen.“
Matt Gerber führte uns zum Karussell.
Die Stelle, wo die Tote in den Büschen gelegen hatte, war markiert. Die Leiche selbst befand sich bereits im Wagen des Gerichtsmediziners.
„Die äußerlich erkennbaren Tatumstände sprechen dafür, dass Sie zur Serie des ‚Barbiers’ gehört“, erklärte Matt Gerber. „Male am Hals deuten auf einen Draht als Tatwaffe hin. Außerdem hat man ihr sehr sorgfältig die Haare abrasiert.“
„Wurde sie vergewaltigt?“
„Dr. Claus meint nein. Aber genau können wir das natürlich erst nach der Obduktion ausschließen. Allerdings ist sie wohl gefesselt worden. Vermutlich mit handelsüblichen Kabelbindern.“
Einer der anderen Beamten der City Police, die an diesem Leichenfundort Dienst taten, trat auf uns zu und wandte sich an Gerber. „Wir haben alles abgesucht. Die Schuhe sind nicht zu finden.“
„Danke, Sergeant“, nickte Gerber.
„Was hat es mit den Schuhen auf sich?“, erkundigte sich Milo.
„Ganz einfach: Sie fehlen“, gab Gerber kurz und knapp Auskunft. „Sie hatte übrigens keinerlei Papiere bei sich. Wir wissen nicht, wer sie ist.“
Unsere Innendienstler würden das früher oder später herausfinden. Man konnte von der Toten Fingerabdrücke nehmen und sie mit den vielen Millionen Abdrücken vergleichen, die über AIDS, das Automated Identification System, für alle Polizeieinheiten abrufbar waren. Nicht nur die Fingerabdrücke von Kriminellen waren dort gespeichert, sondern auch die von Bewerbern für den öffentlichen Dienst oder die Streitkräfte. In diesem Fall lag sehr wahrscheinlich bereits eine Verurteilung oder Anklage wegen Prostitution vor, da die anderen Opfer des Barbiers auch Prostituierte waren.
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7


Während Milo sich weiter mit Lieutenant Gerber unterhielt, suchte ich Dr. Brent Claus auf, der sich bei dem Leichenwagen befand, mit dem die Tote in die Gerichtsmedizin transportiert werden sollte.
Dr. Claus begrüßte mich freundlich.
Ich hatte bereits im Rahmen anderer Ermittlungen mit ihm zusammengearbeitet.
„Sie hatte nichts bei sich, was sie hätte identifizieren können“, berichtete Dr. Claus. „Kein Führerschein, keine Kreditkarte und kein Handy.“
„Das hat mir der Lieutenant bereits gesagt. Sind Sie sicher, was den Draht angeht?“
„Sie können gerne noch einen Blick auf die Leiche werfen.“
„In Ordnung.“
„Die Male am Hals sind ziemlich eindeutig. Wir werden natürlich noch genauere Untersuchungen anstellen. Ob sie eine Prostituierte war, wissen wir mit Sicherheit erst, wenn wir ihre Personalien kennen.“
„Wann starb sie?“
„Deutlich vor Mitternacht.“
Jemand hatte sie irgendwo in der Umgebung getötet und sie später genau hier, beim Karussell des Heckscher Playground einfach abgelegt.
„Dass wir die Obduktionsergebnisse so schnell wie möglich brauchen, muss ich ja wohl nicht extra betonen“, sagte ich.
„Bis die Leiche in unserem SRD-Labor in der Bronx ist, vergeht eine Dreiviertelstunde. Mindestens. Für die Obduktion brauche ich voraussichtlich nicht länger als drei Stunden. Da ich zwischendurch etwas essen möchte, können Sie mich gegen 15 Uhr anrufen, dann kann ich Ihnen eine mündliche Zusammenfassung geben. Mein diktierter Bericht kommt etwas später – je nachdem, wie viele Berichte gerade sonst noch in der Warteschleife hängen.“
„Okay“, murmelte ich.
Längst hatten sich entlang der mit Flatterband abgesperrten Zone Trauben von Passanten gebildet. Jogger, die ihren eigentlichen Fitnesslauf unterbrachen, um zu sehen, was hier los war und Rentner, die ihre Hunde ausführten. Außerdem ein Mountainbiker und ein paar junge Leute mit Roller Blades.
Mir fiel eine Passantin mit dunklem, schulterlangem Haar auf. Sie wirkte sehr elegant gekleidet. Nicht nur Ihr Business-Kostüm hob sie aus der Menge heraus, sondern auch die Tatsache, dass sie die Absperrungen der NYPD-Kollegen ziemlich dreist ignoriert hatte.
Von den uniformierten Kollegen hatte das noch niemand bemerkt.
Es waren wohl einfach auch zu wenige Einsatzkräfte vorhanden, um den Heckscher Playground tatsächlich komplett abzuriegeln. Die Schwarzhaarige hatte so nah bei uns gestanden, dass sie das Gespräch zwischen Dr. Claus und mir mit Sicherheit verstanden hatte.
„Wir hören voneinander“, sagte ich an den Gerichtsmediziner gewandt und trat anschließend auf die elegante Lady zu. Ich schätzte sie auf Ende zwanzig.
„Agent Jesse Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor. „Sie haben die Absperrungen übertreten. Es ist eigentlich nicht gestattet, sich jenseits des Flatterbandes aufzuhalten, wenn man nicht zum Kreis der dafür autorisierten Personen gehört.“
Sie zuckte zusammen. „Oh, das war mir nicht bewusst“, sagte sie. Ihr Lächeln war gleichermaßen charmant und verlegen.
„Oder sind Sie eine Zeugin und haben irgendetwas gesehen, was vielleicht zur Aufklärung dieses Falles beitragen könnte.“
„Nein. Ich bin keine Zeugin.“ Sie hob die Schultern. „Tut mir leid.“
„Dann muss ich Sie bitten, sich wieder hinter die Absperrung zu begeben.“
„Natürlich.“
Sie ging in Richtung des Flatterbandes, tauchte dann darunter hindurch und drehte sich wieder in meine Richtung, als sie sich auf der anderen Seite befand. Einige der Passanten, die sich entlang des Flatterbandes aufgestellt hatten, um möglichst viel mitzubekommen, machten etwas widerwillig Platz. Ein Hund knurrte und wurde von seinem Besitzer zur Ruhe ermahnt.
„Sagen Sie, stimmt es, dass man dem Opfer sämtliche Haare abgeschnitten hat, Agent Trevellian?“, fragte mich die Schwarzhaarige.
„Es wird zu gegebener Zeit eine Erklärung unserer Pressestelle an die Medien geben, sodass Sie alle Einzelheiten erfahren können“, erklärte ich ausweichend. Ich hielt meine ID Card hoch. „Ist unter Ihnen noch jemand, der sachdienliche Hinweise geben kann?“, fragte ich. „Falls Sie sich nicht hier und jetzt zu einer Aussage entschließen können, rufen Sie einfach die Nummer des FBI Field Office New York an – oder die Ihres zuständigen Polizeireviers. Ich danke Ihnen.“
„Sir, wenn ich Sie kurz sprechen könnte!“, meldete sich ein älterer Mann zu Wort, der einen angeleinten Terrier mit sich führte.
„In Ordnung, wir gehen ein Stück zur Seite“, erwiderte ich.
„Ich mache morgens gegen fünf meine erste Runde durch den Central Park. Vom Columbus Circle aus, den West Drive entlang, dann bei den Bowling Greens links und anschließend hier am Heckscher Playground vorbei zurück zum Ausgangspunkt.“
„Und was haben Sie gesehen?“
„Einen viertürigen Ford, der an der Transverse Road No.1 hielt. Jemand machte sich am Kofferraum zu schaffen.“
„Konnten Sie denjenigen sehen, der am Kofferraum beschäftigt war?“
„Nein. Die Klappe stand offen, ich konnte den Kerl nicht sehen.“
„Wo standen Sie genau?“
Er streckte die Hand aus. „Dort auf der Brücke!“
„Dann möchte ich mit Ihnen dorthin gehen und mal sehen, wie der Blick ist.“
„Gerne.“
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8


Der alte Mann hieß Allister Reagan, war 81 Jahre alt, verwitwet und hatte drei erwachsene Kinder, die er nur selten sah, weil ihre Jobs sie über die gesamten USA verstreut hatten. Innerhalb der fünf Minuten, die wir brauchten, um auf die Brücke zu gelangen, über die der East Drive geführt wurde, um die Transverse Road No.1 zu überqueren, erzählte er mir seine halbe Lebensgeschichte.
Schließlich standen wir auf der Brücke und Reagan beschrieb mir exakt die Position, an der er den Wagen gesehen hatte.
„Ich habe leider nicht weiter darauf geachtet“, bekannte er. „Ich meine, wer denkt denn auch daran, dass da vielleicht jemand eine Leiche aus dem Kofferraum holt und auf einem Spielplatz abgelegt. Das ist doch pervers!“
„Wie kommen Sie denn darauf, dass die Leiche dort abgelegt wurde und man das Opfer nicht auf dem Playground umgebracht hat?“
Er sah mich etwas verdattert an, nahm seine dicke Brille ab und putzte mit einem Taschentuch über die Gläser. „Das haben die Leute gesagt, die das Glück hatten eher da unten zu sein und mehr von den Ermittlungen mitzubekommen.“
„Ach, so. Wie stark ist übrigens Ihre Brille?“
„Fünf Dioptrien. Aber mit Brille sehe ich ausgezeichnet. Und das da ein Ford stand, da bin ich mir sicher!“
„Können Sie sich an das Modell erinnern?“
„Ich kenne mich mit den Bezeichnungen nicht so aus.“
„Wären Sie dann so freundlich, sich in unserem Field Office an der Federal Plaza ein paar Bilder verschiedener Ford-Modelle anzuschauen? Vielleicht gelingt es Ihnen ja, das richtige zu identifizieren.“
Allister Reagan nickte. „Aber nur, wenn Sie mich in Ihrem Wagen mitnehmen und mein Hund dabei sein kann. Ich besitze nämlich keinen gültigen Führerschein mehr und in der Subway fühle ich mich nicht sicher.“
„Kein Problem, Mister Reagan.“
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9


An der Stelle, die Reagan uns angegeben hatte, waren tatsächlich Reifenspuren zu finden. Ein Fahrzeug war dort an den Rand gefahren. Die beiden Räder auf der rechten Seite hatten dabei auf der Rasenfläche Spuren hinterlassen. Da der Boden sehr weich war, konnte man allerdings kein brauchbares Profil gewinnen.
Wir brachten Mr Reagan etwas später zum Bundesgebäude an der Federal Plaza 26. Milo quetschte sich dafür in den engen Fond des Sportwagens, während Reagan auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Der Hund befand sich zu seinen Füßen.
Während sich unser Innendienstkollege Max Carter um die Auswertung der Fingerabdrücke kümmerte, die man der Toten abgenommen hatte, verbrachten Milo und ich geschlagene zwei Stunden damit, Allister Reagan verschiedene viertürige Ford-Modelle auf einem Computerschirm zu zeigen.
Zunähst glaubte er, das Modell erkannt zu haben, dann wurde er jedoch unsicher, identifizierte schließlich auch einen von mir in die Bildreihe geschmuggelten Mitsubishi als Ford und wurde sich immer unsicherer.
Schließlich ließen wir ihn von einem Kollegen unserer Fahrbereitschaft nach Hause bringen.
„Wir wissen, dass da heute Morgen ein viertüriger metallicfarbener Wagen – wahrscheinlich ein Ford – mit zwei Reifen auf dem Rasen stand“, fasste Milo die Ergebnisse der Befragung von Allister Reagan zusammen. „Hast du eine Ahnung, wie viele es davon in New York gibt?“
„Hunderttausende“, schätzte ich.
„Optimistisch geschätzt. Wahrscheinlich sind es mehr. Und Metallic ist nun auch nicht gerade ein seltener Farbwunsch. Vom Nummernschild konnte Mister Reagan ja leider nichts erkennen und angesichts seiner Sehschwäche frage ich mich, was er überhaupt mitbekommen hat.“
„Möglicherweise wurde dieser Wagen ja noch von jemand anderem beobachtet. Wir wissen jetzt zumindest den Zeitpunkt, an dem die Leiche abgeladen wurde.“
Inzwischen hatte Max Carter die Identität der Toten anhand ihrer Fingerabdrücke herausbekommen.
Er suchte Milo und mich in unserem gemeinsamen Dienstzimmer auf und zeigte uns einen Computerausdruck.
„Ich habe euch die Daten auf den Rechner geschickt. Die Tote hieß Eileen Genardo. Es gibt mehrfache Verurteilungen wegen Prostitution, einmal wegen gemeinschaftlichen Raubes. Ein Freier wurde niedergeschlagen, um ihm die Geldbörse und diverse andere Wertgegenstände zu entwenden.“
„Gemeinschaftlicher Raub?“, echote Milo. „Wer war denn noch an der Tat beteiligt?“
Ich hatte inzwischen den Rechner hochgefahren, sodass wir die Daten auch auf dem Schirm hatten.
„Der Mittäter war ein gewisser Jack Mancuso, angeblich ihr Lebensgefährte – wahrscheinlich aber auch ihr Zuhälter. Eine Anklage wegen Förderung der Prostitution führte jedoch aus Mangel an Beweisen nicht zu einer Verurteilung.“
„Die letzte Adresse, unter der ihr Bewährungshelfer Eileen Genardo erreichen konnte, ist in der Boerum Street in Brooklyn“, stellte ich fest. „Hausnummer 21.“
„Das ist identisch mit der letzten Adresse, die wir von Jack Mancuso haben“, stellte Max fest. „Gleich um die Ecke am Broadway gibt’s einen Club mit der Bezeichnung ‚Hidden Joy’, in dem Mancuso längere Zeit als Rausschmeißer gearbeitet habe.“
Max meinte natürlich den Broadway in Brooklyn, nicht die gleichnamige Theatermeile im Herzen Manhattans. „Eileen war da mal Gogo-Tänzerin.“
„Scheint, als hätte man ihr dort nicht genug gezahlt, um sie in dem Job zu halten“, kommentierte Milo Max' Angaben.
„Ich schlage vor, wir schauen uns das traute Heim von Miss Genardo mal an“, meinte ich. „Und es wäre sicher auch ganz aufschlussreich mit Jack Mancuso zu sprechen.“
„Gute Idee, aber ich soll euch von Mister McKee ausrichten, dass vorher eine kurze Besprechung in seinem Büro ansteht.“
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10


Mr McKee, der Chef des FBI Field Office New York, nippte an seinem Kaffee und hielt mit der anderen Hand einen Telefonhörer, als wir sein Büro betraten. Max Carter begleitete uns. Mr McKee nickte uns knapp zu. Außer uns befanden sich noch die Agenten Clive Caravaggio und Orry Medina sowie die Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster im Raum. Normalerweise nutzen wir zwar die in der Bronx gelegenen Labors der Scientific Research Division, deren Hilfe allen New Yorker Polizeieinheiten zusteht, aber wenn es nötig ist, unterstützen wir deren Arbeit durch den Einsatz eigener Erkennungsdienstler, Ballistiker oder anderer wissenschaftlich ausgebildeten Spezialisten.
Mr McKee beendete inzwischen sein Telefongespräch.
„Das war Dr. Claus mit ersten Obduktionsergebnissen. Er ist zwar noch nicht ganz fertig, aber wir können es jetzt wohl als sicher ansehen, dass die Tote zur Serie des Barbiers gehört. Es sind alle Merkmale vorhanden, die auch auf die anderen Opfer zutrafen: Die Opfer wurden zunächst mit K.o.-Tropfen betäubt und anschließend gefesselt. Etwas später wurden sie dann mit einer Drahtschlinge erwürgt und schließlich irgendwo abgeladen.“
An der Wand von Mr Highs Büro hing eine Karte des Großraums New York. Die Fundorte der einzelnen Opfer waren markiert. Die meisten hatte man auf dem Gebiet von Manhattan gefunden. Eine im Lindsay Park, Brooklyn. Gail Montgomery, das erste Opfer war vor sieben Jahren in der Uferzone des Queens Bridge Parks gefunden worden. Wir nahmen an, dass der Täter versucht hatte, die Leiche im East Channel zwischen Franklin D. Roosevelt Island und Long Island City zu versenken, dies aber erstens sehr dilettantisch getan hatte und zweitens vielleicht gestört worden war.
„Viel mehr gibt es im Moment leider noch nicht zu sagen, außer dass die verwendete Drahtschlinge rostig gewesen ist, was ebenfalls für sämtliche Opfer gilt, sodass es wohl ausgeschlossen ist, dass irgendeiner dieser Morde in einem anderen Zusammenhang gesehen werden muss“, fuhr Mr McKee fort. „Allerdings möchte ich noch ein paar Worte in Bezug auf die Tatortabschirmung am Heckscher Playground loswerden.“ Mr McKee wandte sich an Milo und mich. „Das, was ich jetzt sage, ist keine Kritik an Ihnen beiden, schließlich war das Kind schon in den Brunnen gefallen, als Sie am Fundort der Toten eintrafen. Ich hatte vorhin ein eher unfreundliches Gespräch mit Captain Willard Gresky, dem Chief des zuständigen Reviers. Dieser Lieutenant Gerber hat es zugelassen, dass wichtige Details der Ermittlungen an die Medien gegangen sind und sich jetzt jeder Konsument des Kabelfernsehens darüber informieren kann, wenn er will. Beispielsweise wurde die Nachricht über den Ford sofort verbreitet.“
„Und dabei hat Mister Reagan noch nicht einmal den richtigen Typ identifizieren können“, gab Milo zu bedenken.
„Das sehen einige Reporter offenbar anders.“ Mr McKee atmete tief durch. „Ich hoffe, dass so etwas das nächste Mal nicht passiert. Das gibt doch nur Leuten wie diesen Trittbrettfahrern das nötige Material.“
Es gab einen anonymen Anrufer, der von sich behauptete, die Morde begangen zu haben. In den kurzen Statements, die er bei seinen Anrufen von sich gab, bezog er sich allerdings ausschließlich auf den ersten Fall. Tatsächlich schien er auch einiges über Gail Montgomery zu wissen und stammte vielleicht aus ihrem immensen Bekannten- und Kundenkreis.
Aber was die anderen Opfer anging, so bekam er nicht einmal die Namen vollständig auf die Reihe, was bei jemandem, der sich ansonsten so akribisch über zumindest ein Opfer informiert hatte, sehr ungewöhnlich war. Wir nahmen daher an, dass es sich eher um einen Wichtigtuer handelte, der davon träumte, irgendwann einmal einen großen Auftritt in einem Mordprozess zu haben. Dass er sein Leben damit womöglich ruinierte, schien ihm weniger wichtig zu sein, als zumindest einmal im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen und das Interesse einer ganzen Stadt – und später im Prozess vielleicht des ganzen Landes auf sich gerichtet zu wissen.
Leider hatten wir im Rahmen von spektakulären Mordfällen immer wieder mit Menschen zu tun, die uns mit ihren falschen Geständnissen wertvolle Zeit stahlen.
Einstweilen schätzten wir diesen Anrufer als unglaubwürdig ein. Trotzdem waren wir hinter ihm her, da wir annahmen, dass er Gail Montgomery gut gekannt haben musste und von daher vielleicht ein wertvoller Zeuge war.
„Leider war es bisher nur möglich, die Anrufe zu Telefonzellen in Long Island City zurückzuverfolgen“, erklärte Clive Caravaggio. „Wir nehmen daher an, dass der Trittbrettfahrer dort lebt.“
„Gibt es irgendeine Verbindung zwischen Gail Montgomery und Long Island City?“, erkundigte sich Mr McKee.
Clive schüttelte den Kopf. „Nein. Sie hat weder dort gelebt noch gibt es irgendeine andere Verbindung zu dieser Gegend in Queens, die uns momentan bekannt wäre.“
„Ich nehme an, dass es uns im Moment eher weiterbringt, wenn wir uns zu Jack Mancuso, den Lebensgefährten und vermutlich auch Zuhälter von Eileen Genardo kümmern“, schlug ich vor. „Der müsste Eileen eigentlich längst vermissen.“
„Eine Vermisstenanzeige ist aber ihretwegen definitiv nicht eingegangen“, stellte Mr McKee fest. „Aber tun Sie das ruhig, Jesse. Versuchen Sie, Mancuso aufzuspüren.“
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11


Zwei Stunden später suchten wir Jack Mancusos Wohnung in der Boerum Street in Brooklyn auf. Das Haus Nummer 21 war ein ehemaliges Lagerhaus, das irgendwann in den Siebzigern in ein Apartmenthaus umgewandelt worden war.
Mir fiel auf, dass die Post von heute noch in Mancusos Brieffach steckte, während alle anderen Bewohner von Nummer 21 ihre Fächer bereits gelehrt hatten.
Der Lift war früher als Lastenaufzug benutzt worden und die Kabine so groß, dass ein Kleinwagen darin Platz gehabt hätte.
Wenig später standen wir vor der Tür zu Mancusos Wohnung. Milo betätigte die Klingel. Keine Reaktion.
Milo probierte es ein zweites Mal. „Mister Mancuso?“, rief ich. „Hier ist das FBI! Machen Sie bitte auf!“
Ich drückte leicht gegen die Tür. Sie war nur angelehnt und öffnete sich einen Spalt. An dem herkömmlichen Zylinderschloss waren Spuren von Gewalteinwirkung zu sehen.
Milo und ich zogen die Dienstwaffen. Ich gab der Tür einen Stoß. Sie flog zur Seite. Milo trat zuerst ein. Der Raum vor uns war ziemlich groß und vor allem hoch. Die Deckenhöhe betrug sicherlich mehr als viereinhalb Meter.
Es war offensichtlich, dass bereits jemand vor uns da gewesen war, der alles durchwühlt hatte. Die Polstermöbel waren aufgeschlitzt, alle Schubladen geöffnet und ausgeleert und der Inhalt sämtlicher Regale auf den Fußboden geworfen.
In einer Ecke befand sich ein Computer, dessen Gehäuse aufgeschraubt worden war.
Es stellte sich später heraus, dass jemand die Festplatte mitgenommen hatte.
Die Tür zum Nebenraum stand halb offen. Mit der Waffe im Anschlag ging ich hinein und gelangte in ein Schlafzimmer, in dessen Mittelpunkt ein riesiges Wasserbett stand. Auch hier war alles durchwühlt und auf dem Boden verstreut worden. Die Kleiderschränke standen offen. Zwei Drittel der Sachen waren eindeutig für eine Frau bestimmt.
Milo schaute kurz im Bad und in der Küche nach, wo ebenfalls niemand anzutreffen war.
Ich steckte die Waffe weg.
„Wir sind offenbar zu spät dran, Jesse“, sagte Milo, während er in der Tür zum Bad stand und ebenfalls seine Waffe einsteckte. Anschließend griff er zum Handy.
„Zumindest haben wir jetzt einen Grund, diese Wohnung zu durchsuchen“, meinte ich.
„Und wenn Mister Mancuso gleich in der Tür steht und behauptet, dass dies der Normalzustand seiner Wohnung wäre?“
„Das glaubst du doch nicht im Ernst, Milo!“
„Nein, aber wir würden ziemlich alt aussehen.“
„Auf den Fluren gab es eine Videoüberwachung. Und da der oder die Einbrecher offensichtlich durch die Tür gekommen sind, müssten sie gefilmt worden sein.“
„Dann schlage ich vor, wenden wir uns als Nächstes an die Hausverwaltung.“
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12


Der Hausverwalter hieß George Wendell. Außerdem gab es insgesamt sechs Wachmänner, die in einem Wechselschicht-System rund um die Uhr gewährleisteten, dass in den Fluren von Nummer 21 nichts geschah, was das gegen das Gesetz war.
Im Wesentlichen bestand ihre Aufgabe darin, die Überwachungskameras im Auge zu behalten.
Der Wachmann, der gerade Dienst hatte, hieß Ray Jamison und war ein mittelgroßer Mann mit leichtem Übergewicht und dunklen Haaren.
Während Milo sich in der Wohnung weiter umsah, nahm ich mir zusammen mit Ray Jamison die in Frage kommenden Videoaufzeichnungen vor.
„Die Aufnahmen werden auf einer Festplatte aufgezeichnet“, erklärte Jamison, der dabei auf der Tastatur seines Computers herumtippte, um die entsprechenden Daten herauszusuchen.
„Wir hatten einen Ausfall der Überwachungsanlage zwischen drei und vier Uhr heute Nacht“, berichtete Jamison.
„Ich würde gerne wissen, wann Jack Mancuso seine Wohnung verließ.“
„Das lässt sich schnell beantworten. Um die Haustür zu passieren, braucht man eine Chip Card. Irgendwann wollen wir die Türschlösser zu den einzelnen Wohnungen auch auf Chip Cards umstellen, aber das wird sich noch ein halbes Jahr hinziehen...“ Jamison ließ die Finger über die Tastatur tanzen und fuhr schließlich fort: „Mister Mancuso hat den Haupteingang um kurz nach drei passiert und das Haus um kurz vor vier wieder verlassen. Seitdem ist er nicht zurückgekehrt. Wie sind Sie eigentlich hereingekommen?“
„Wir haben einfach bei einer anderen Wohnung geklingelt“, sagte ich.
Jamison grinste. „Ich verstehe.“
„Wir gehen also davon aus, dass jemand mit Jack Mancusos Chip Card das Haus genau in dem Zeitraum betreten und wieder verlassen hat, in dem Sie einen Systemausfall hatten. Finden Sie das nicht verdächtig?“, fragte ich.
Jamison hob die Schultern. „Nun, wenn Sie das so sagen...“
„Es könnte doch sein, dass jemand anderes zuvor Mancuso die Chip Card abgenommen hat, um damit in seine Wohnung einzubrechen. Allerdings hatte dieser Unbekannte wohl nicht den Schlüssel für die Wohnungstür dabei, sonst hätten der oder die Täter nicht das Schloss aufzubrechen brauchen.“
„Wir haben die Türschlösser mit einer elektronischen Sicherung versehen. Man muss zuerst eine Zahlenkombination eingeben. Die Tastatur befindet sich hinter einer seitlich der Tür in die Wand eingelassenen Klappe. Aber wenn die neue Anlage erst eingebaut ist, dann bekommen wir hier in der Sicherheitszentrale Alarm, wenn jemand versucht, am Schloss herumzumanipulieren.“
„Wann hat Mancuso vor dem Zeitraum des Systemausfalls zuletzt seine Wohnung verlassen?“
„Kurz nach acht am Abend. Zumindest hat er da die Chip Card benutzt, um die Tür am Haupteingang zu öffnen.“
„Aber wenn er das Haus in einem Moment verlassen hätte, in dem gerade jemand anders die Tür öffnete, hätten wir darüber jetzt keine Aufzeichnungen, richtig?“, hakte ich nach.
Jamison schüttelte den Kopf. „Nein, Agent Trevellian, das ist ausgeschlossen. Unsere Bewohner müssen die Chip Card in jedem Fall durch den Schlitz ziehen, um ins Freie zu gelangen. Ansonsten kann es ihnen passieren, dass das System nicht reagiert, wenn sie später wieder hinein wollen.“
Ich seufzte. „Sicherheit hat ihren Preis, was?“
„Ich gebe zu, dass unser System in diesem Punkt noch verbesserungsfähig ist und man hat mir auch versprochen, dass daran gearbeitet wird.“
„Ach, so.“
„Aber unsere Mieter schätzen die Sicherheit, die Ihnen hier geboten wird und sind auch bereit, dafür ein paar Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.“ Jamison lachte heiser. „Die können sich den Spaß auch leisten. Ich selbst wohne mit meiner Familie in einem ganz normalen Wohnblock hier in Queens – ohne irgendwelchen Security Schnickschnack.“
„Es dürfte doch nicht allzu schwierig sein, mir die passende Aufnahme herauszusuchen, die zeigt, wie Mancuso das Haus verließ.“
„Sofort, Agent Trevellian. Ich habe sie gleich.“
Es dauerte nicht einmal eine halbe Minute und Jamison hatte gefunden, wonach ich suchte.
Deutlich war zu sehen, wie Jack Mancuso seine Wohnung verließ. Anschließend sah man ihn im Flur, im Lift und schließlich in der Eingangshalle von Haus Nummer 21.
„War es das, was Sie suchten?“, fragte Jamison.
Ich nickte. „Ich brauche die gesamten Aufzeichnungen der letzen Zeit auf einem Datenträger.“
„Wir zeichnen nur zwei Wochen auf und löschen dann die Speicher.“
„Dann eben die Daten dieses Zeitraums.“
„Ich sitze Wochen daran, Ihnen das auf DVDs zu brennen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, brennen Sie mir nur diese Sequenz auf DVD. Für den Rest schicke ich Ihnen einen unserer Spezialisten her, der alles auf eine mobile Festplatte speichert.“
Jamison wirkte erleichtert.
„In Ordnung.“
„Und dann möchte ich noch wissen, wer von Ihren Leuten während der Zeit des Systemausfalls Dienst hatte.“
Jamison zögerte. „Ich möchte niemanden in Schwierigkeiten bringen“, meinte er. „Sehen Sie, ich bin noch nicht lange dabei und ziemlich froh diesen Job bekommen zu haben.“
„Sie werden Schwierigkeiten bekommen, wenn Sie keine Aussage machen“, hielt ich ihm entgegen und zeigte ihm zwei Fotos von Eileen Genardo. Eines zeigte sie bei ihrer letzten Verhaftung, noch etwas jünger und vor allem lebendig und mit vollem Haar.
Das andere war am Fundort der Leiche auf dem Heckscher Playground aufgenommen worden.
Jamison sah sich vor allem das zweite Bild an.
„Diese Frau wohnte bei Jack Mancuso, auch wenn Sie vielleicht Schwierigkeiten haben, sie wieder zu erkennen. Uns geht es darum herauszufinden, wer sie getötet und so zugerichtet hat. Sie hieß Eileen Genardo und arbeitete als Callgirl.“
„Der Barbier...“, murmelte Jamison. „Ich habe davon gehört. Aber wieso glauben Sie, dass der Einbruch in Mister Mancusos Wohnung damit zu tun hat?“
„Das wissen wir nicht“, widersprach ich. „Aber Tatsache ist, dass Jack Mancuso ein wichtiger Zeuge ist und in so fern liegt uns sehr daran, ihn so schnell wie möglich zu finden und alles, was mit Mancuso zu tun hat, hat auch zunächst einmal mit diesem Fall zu tun.“
Jamison atmete tief durch.
„Unser Kollege Dan McGregor hatte hier Dienst, als es zum Systemausfall kam“, gab er mir schließlich Auskunft. „Ich schreibe Ihnen die Adresse auf.“
„War McGregor allein hier?“
„Ja. Eine Doppelbesetzung wäre zwar wünschenswert, aber dazu ist unser Haus zu klein.“
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13


In der Zwischenzeit trafen unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster ein, um in der Wohnung von Jack Mancuso nach Spuren der Einbrecher zu suchen. Mr McKee berichtete uns am Telefon, dass er erhebliche Schwierigkeiten beim Erwirken eines Durchsuchungsbeschlusses gehabt hatte.
Dass wir die Wohnung betreten hatten, war angesichts der Umstände rechtens. Aber die Umstände des Einbruchs waren noch längst nicht klar – ebenso wenig, ob ein Zusammenhang zur Mordserie des Barbiers bestand.
Etwas anders hätte der Fall ausgesehen, wenn Jack Mancuso vermisst gemeldet oder umgebracht worden wäre.
Aber dafür gab es bis jetzt nur vage Anhaltspunkte, die sich zudem auch anders interpretieren ließen.
Mr McKee gelang es allerdings, die Justiz von der Notwendigkeit der Untersuchungen zu überzeugen.
Während Sam und Mell in Mancusos Wohnung alles genauestens unter die Lupe nahmen, suchten wir die Adresse des Wachmannes auf, der während der Zeit des Systemausfalls der Überwachungsanlage Dienst gehabt hatte.
Dan McGregor bewohnte mit seiner Familie die dritte Etage eines Mietshauses mit Brownstone-Fassade in Williamsburg.
Mrs McGregor öffnete uns.
Wir hielten ihr unsere ID-Cards entgegen.
„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir möchten gerne mit Ihrem Mann sprechen!“
Mrs McGregor war eine dunkelhaarige Frau in den Dreißigern. Sie trug einen etwa zweijährigen Jungen auf dem Arm, der uns neugierig musterte.
„Worum geht es denn?“, fragte sie.
„Das werden wir Ihrem Mann schon persönlich sagen müssen!“, entgegnete Milo und kam mir damit um einen Bruchteil einer Sekunde zuvor.
Mrs McGregor führte uns ins Wohnzimmer und bot uns einen Platz auf der Ledergarnitur an, die den gesamten Raum sehr eng erscheinen ließ.
Mrs McGregor verschwand einen Augenblick lang in einem Nachbarraum. Den Jungen behielt sie dabei die ganze Zeit über auf dem Arm.
Wenig später kehrte sie zurück.
„Mein Mann kommt gleich. Möchten Sie einen Drink?“
„Nein danke“, entschied ich für meinen Partner und mich, was Milo mit einem bedauernden Blick quittierte.
„Sie sind im Dienst, nicht wahr? Tut mir leid, daran hatte ich nicht gedacht“, sagte Mrs McGregor. „Mein Mann hat bis gerade noch geschlafen, da er heute Nachtschicht hatte“, fuhr sie fort.
In diesem Augenblick trat ein großer, breitschultriger Mann in Jeans und T-Shirt ins Zimmer.
„Dan McGregor?“, fragte ich.
Er nickte.
„Meine Frau sagte, Sie wollen mich sprechen.“
Er verschränkte die Arme vor der Brust. Ich hielt ihm den Dienstausweis entgegen. „In die Wohnung von Jack Mancuso wurde eingebrochen. Vermutlich genau in der Zeitspanne, in der es einen Totalausfall des Sicherheitssystems gab.“
„Na, und? Das ist bedauerlich, aber so etwas passiert nun mal.“
„Der oder die Einbrecher waren im Besitz von Mancusos Chip Card. Möglicherweise lebt der Wohnungsinhaber gar nicht mehr“, ergänzte Milo „Ich weiß nicht, ob Sie wirklich gerne in so etwas hineingezogen werden wollen oder uns besser gleich die Wahrheit sagen.“
„Wovon reden Sie?“, fauchte McGregor.
„Wir nehmen an, dass Sie den Ausfall des Überwachungssystems ausgelöst haben“, äußerte ich meine Überzeugung. „So groß können die Zufälle nämlich gar nicht sein.“
„Haben Sie Beweise?“
„Ich schlage vor, Sie arbeiten mit uns zusammen, bevor unsere Spezialisten diese Beweise in mühevoller Kleinarbeit sichern müssen.“
„Sie können mich mal!“, knurrte McGregor. „Wenn Sie keinen Haftbefehl oder etwas in der Art haben, sage ich Ihnen keinen Ton mehr und schmeiße Sie außerdem achtkantig raus!“
„Okay, wir können Sie auch vorläufig festnehmen“, erwiderte ich. „Und wenn dann jemand von den Medien herausbekommen sollte, dass Ihre Festnahme im Zusammenhang mit dem Fall des Barbiers erfolgte, habe Sie für die nächsten Monate keine ruhige Minute mehr, das verspreche ich Ihnen.“
McGregor blicke kurz zu seiner Frau hinüber, dann trat er einen Schritt auf mich zu, baute sich breitbeinig auf und sah mir direkt in die Augen. Auf seiner Stirn zeigte sich dabei eine tiefe Furche.
„Der Barbier? Sie meinen diesen irren Killer, der durch die Straßen rennt und Frauen skalpiert?“
Ich nickte. „Ja.“
„Aber was verdammt noch mal hat Mancuso damit zu tun?“
„Kannten Sie seine Lebensgefährtin?“, fragte Milo.
McGregor drehte den Kopf um dreißig Grad und nickte. „Ja. Die war immer ziemlich aufgetakelt, sodass man fast auf die Idee kommen konnte...“ Er sprach nicht weiter. „Ist sie ein Opfer dieses Wahnsinnigen geworden?“
„Ja“, nickte ich.
„Ich habe heute noch keine Nachrichten gehört, sonst hätte ich sicher schon etwas davon mitbekommen.“ Er schluckte und fuhr fort: „Eileen Genardo wohnte bereits ein paar Wochen nicht mehr bei Mancuso. Deshalb weiß ich nicht, weshalb Sie annehmen, dass dieser Einbruch etwas mit dem Kerl zu tun hat, der Prostituierte umbringt und sie anschließend rasiert.“
„Wie viel hat man Ihnen gegeben, damit das Überwachungssystem fast eine Stunde lahm gelegt war?“, fragte jetzt Milo in scharfem Tonfall. „Oder haben Sie doch mehr mit der Ermordung von Eileen Genardo zu tun?“
„Hey, jetzt versuchen Sie nicht, mir irgendetwas anzuhängen!“, rief er aufgebracht.
„Okay“, meinte ich. „Dann begleiten Sie uns zur Federal Plaza und betrachten Sie sich als vorläufig festgenommen. Sollen sich unsere Verhörspezialisten mit Ihnen herumschlagen. Wenn Sie unbedingt eine große Sache daraus machen wollen...“
„Verdammt, ich verliere meinen Job, wenn das herauskommt!“
„Das sollte Ihre geringste Sorge sein...“
McGregor atmete tief durch. Er ging zur Fensterfront seines Wohnzimmers, von wo aus man einen Blick auf eine ziemlich zugeparkte Einbahnstraße in Williamsburg hatte.
„Okay“, murmelte er schließlich. „Der Typ hat mir tausend Dollar dafür geboten. Ich erhielt einen Anruf – kurz bevor meine Schicht begann.“
„Wann war das?“
„Mitternacht. Ein rothaariger Typ mit Sommersprossen hat mich auf dem Parkplatz angesprochen, bevor ich meine Schicht antrat.“
„Versuchen Sie ihn genauer zu beschreiben. Vielleicht sind Ihnen noch irgendwelche Einzelheiten in Erinnerung.“
„Ja, er hatte sein Hemd ziemlich weit offen und trug ein Goldkettchen mit einem Kreuz daran. Ach, ja da war noch was...“
„Reden Sie!“
„Eine Tätowierung unterhalb des Halsansatzes. Ein Adler.“
Milo machte sich jetzt in das Gespräch ein. „Wir schicken unseren Zeichner vorbei. Er heißt Agent Prewitt und wird mit Ihnen eine Phantomzeichnung anfertigen.“
„In Ordnung.“
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14


Milo und ich setzten uns in den Sportwagen. Milo fuhr den eingebauten Computer hoch. Der Flachbildschirm wurde aktiviert.
Ich telefonierte in der Zwischenzeit mit unserem Kollegen Max Carter aus der Fahndungsabteilung und gab ihm die Beschreibung durch. „Gibt es irgendjemanden, der mit Eileen Genardo oder Jack Mancuso im Zusammenhang steht und so aussieht? Die Tätowierung ist ja nicht gerade ein Allerweltsmerkmal.“
„Sekunde, Jesse. Ich bekomme hier gerade in diesem Augenblick eine Nachricht herein.“ Einige Augenblicke lang hörte ich nur undeutlich ein paar Stimmen im Büro unseres Kollegen aus der Fahndungsabteilung. Dann meldete sich Max wieder. „Bist du noch dran, Jesse?“
„Sicher.“
„Ihr seid doch eigentlich auf der Suche nach Jack Mancuso.“
„Richtig.“
„Die ist zu Ende. Jemand hat ihn auf einer Müllkippe in Staten Island abgelegt. Clive und Orry sind dorthin unterwegs.“
„Der Mann, den ich dir gerade beschrieben habe, könnte sein Mörder sein, Max“, gab ich zurück.
Durch das Handy konnte ich hören, wie Max' Finger über die Computertastatur glitten. „Ich habe hier einen. Die Daten schicke ich euch auf den Rechner in eurem Wagen. Der Kerl heißt Norman Brodie und ist der Mann fürs Grobe im Dienst von Sonny Ricone. Der gilt als aufstrebender Zuhälter, handelt wahrscheinlich auch in begrenztem Umfang mit Drogen, ist aber zu geschickt, als dass ihm die Justiz ernsthaft gefährlich werden konnte. Er betreibt seit ein paar Jahren den Club ‚Hidden Joy’. Adresse ist 332 Broadway, Brooklyn.“
„Ist das nicht der Club, in dem Jack Mancuso mal Türsteher war?“
„Ja, genau. Aber das war früher, als das ‚Hidden Joy’ noch einem gewissen Jaden Nichols gehörte – Ricones schärfsten Konkurrenten. Niemand hat je herausbekommen, wieso Nichols plötzlich dem Besitzerwechsel im ‚Hidden Joy’ zugestimmt hat. Da lief irgendetwas im Hintergrund, wovon bis heute niemand die volle Wahrheit kennt. Wenn ihr wollt, kann ich mich ja noch mal mit dem zuständigen Vice Department kurzschließen.“
„Das wäre sehr nett, Max.“
„Sonny Ricone hat übrigens noch eine andere Immobilie, deren Besitz ihn immer wieder mit der Justiz in Konflikt bringt“, berichtete Max weiter. „Das Hotel Parrinder liegt ganz in der Nähe. Die Adresse habe ich euch mitsamt den Daten über Normann Brodie geschickt.“
„Was hat es mit dem Hotel Parrinder auf sich?“, fragte ich.
„Ein getarntes Bordell. Ricone vermietet natürlich nur die Zimmer und hat mit alledem nichts zu tun. Zumindest konnte er das mit Hilfe seiner Anwälte gegenüber der Justiz immer so überzeugend darlegen, dass man ihn bis jetzt nicht belangen konnte!“
Ich blickte auf die Uhr. „In diesem Club dürfte um diese Zeit noch nichts los sein, daher nehmen wir uns zuerst das Hotel vor. Ich wette, dass Norman Brodie sich an einem dieser beiden Orte herumtreibt, wenn er noch immer noch Sonny Ricones Mann fürs Grobe ist!“
Ich beendete das Gespräch.
Milo ging mit dem Rechner unseres Sportwagens online und holte die Daten aus dem E-Mail-Fach, die Max uns übersandt hatte.
Nach der Fahndungsdatei hatte Norman Brodie bereits diverse einschlägige Verhaftungen und Anklagen hinter sich. Vier Jahre hatte er wegen gefährlicher Körperverletzung bereits auf Rikers Island verbracht und war dort unter bis heute nie wirklich geklärten Umständen in einen Streit mit einem Mithäftling verwickelt worden.
Für letzteren hatte der Streit tödlich geendet.
Brodies Behauptung, aus Notwehr gehandelt zu haben, war seinerzeit beim Prozess nicht zu entkräften gewesen, so hatte ihn die Jury freisprechen müssen. Ein hervorragender Anwalt hatte ihn damals vertreten. Wahrscheinlich hatte Ricone für dessen Bezahlung gesorgt.
Wir erreichten das Hotel Parrinder und parkten in einer Seitenstraße. Die letzten 50 Meter mussten wir zu Fuß gehen.
Dem Hotel war deutlich anzusehen, dass es seine beste Zeit längst hinter sich hatte. Es handelte sich um einen Sandsteinbau aus den Dreißigern. Ein Hauch des mondänen Flairs, das von diesem Hotel in früheren Zeiten ausgegangen war, konnte man immer noch spüren.
Der Eingangsbereich war einem griechischen Säulenportal nachempfunden.
Wir traten ein.
Der Portier beobachtete uns misstrauisch. Eine junge Frau in einem knappen, eng anliegenden Kleid kam die Freitreppe hinunter. Sie trug hochhackige Schuhe, mit denen man gut balancieren musste, außerdem kramte sie in ihrer Handtasche herum und bemerkte uns daher zunächst nicht. Das gelockte schwarze Haar trug sie mit einem einfachen Haargummi zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst.
„Sag mal, Brad – hast du inzwischen was von Eileen gehört?“, fragte sie den Portier, erreichte den Fuß der Freitreppe, blickte auf und stutzte plötzlich, als sie uns sah.
Der Portier gab ihr keine Antwort.
Die junge Frau musterte Milo und mich von Kopf bis Fuß. Wir trugen ganz normale Zivilkleidung und hatten eigentlich darauf geachtet, weder Waffe noch Dienstmarke offen zu zeigen.
Aber es gibt immer wieder Menschen, die einen sechsten Sinn zur Erkennung von FBI-Agenten, Beamten der City Police oder Cops aus anderen Einheiten haben.
„So ein Mist!“, murmelte sie.
Milo trat an den Tresen, um zu verhindern, dass der Portier irgendwelche Alarmknöpfe drückte.
„Wir suchen Mister Norman Brodie“, wandte er sich an den Portier. „Ist der hier im Haus?“
Der Portier wirkte unsicher. Er zögerte einen Augenblick und schüttelte schließlich den kopf. „Tut mir Leid, Sir.“
„Und wer sind Sie?“
„Brad Myers. Ich bin hier das Mädchen für alles, aber keine Auskunftsagentur.“
„Wir können das Gespräch gerne an der Federal Plaza fortsetzen, wenn Ihnen das lieber ist, Mister Myers.“
Während sich Milo weiter mit dem Portier unterhielt, trat ich auf die junge Frau zu und hielt ihr meinen Ausweis unter die Nase. „Trevellian, FBI! Sie erwähnten jemanden mit dem Namen Eileen.“
Sie schluckte. „Das ist richtig.“
„Eileen Genardo.“
„Was ist mit ihr?“
„Sie wird nicht zurückkommen“, erklärte ich. „Sie ist nämlich tot und wenn Sie sie gekannt haben, können Sie uns vielleicht ein paar wertvolle Hinweise geben.“
„Ach, ja?“
„Wie heißen Sie?“
„Jennifer Garrison.“ Sie schluckte. „Eileen ist tot?“
Ich nickte. „Haben Sie noch nichts davon gehört?“
„Ich hatte heute noch keine Gelegenheit Radio zu hören oder die Glotze einzuschalten.“
„Sie kannten Eileen offensichtlich.“
Sie zuckte mit den Schultern. „Aber nur flüchtig. Und ich muss jetzt auch weg.“
„Wir brauchen Ihre Aussage.“
„Verdammter Mist“, murmelte sie.
„Wir sind nicht von der Vice-Abteilung“, erklärte ich. „Uns interessiert ausschließlich der Mörder, der Eileen Genardo und fünf weitere Frauen auf dem Gewissen hat. Dass Ihr Gewerbe nicht legal ist, ist dabei zweitrangig. Und was Ihre Geschäfte angeht...“
„Es tut mir Leid, ich kann Ihnen leider nicht weiterhelfen“, behauptete sie. „Ich kannte Eileen nur sehr flüchtig. Ich wohne im ersten Stock, Zimmer 16. Eileen wohnte daneben.“
„Seit wann wohnte sie hier?“
„Seit ein paar Wochen. Aber mehr weiß ich wirklich nicht.“
„Wann haben Sie Eileen das letzte Mal gesehen?“
„Gestern Nachmittag sind wir uns auf dem Flur begegnet.“
„Aber Sie haben den Portier gerade danach gefragt, wo sie geblieben ist. Das klingt nicht gerade danach, dass sie Ihnen gleichgültig war.“
„Bin ich verhaftet oder haben Sie im Moment irgendetwas gegen mich vorliegen? Wenn nicht, dann würde ich jetzt gerne gehen.“
Ich verstand schon, dass sie sich hier im Hotel Parrinder nicht offen äußern wollte. Also gab ich ihr eine der Visitenkarten, die das FBI für seine Agenten drucken lässt. „Vielleicht fällt Ihnen ja noch etwas ein. Sie können mich unter den angegebenen Nummern jederzeit ereichen.“
„Danke.“
Sie nahm die Karte, steckte sie ein und hatte es anschließend sehr eilig, das Hotel zu verlassen.
„Wo ist Brodie?“, wiederholte Milo unterdessen seine Frage an den Portier.
Dieser stotterte nur herum.
„Ich weiß nicht, Sir... Ich verliere meinen Job, wenn ich...“
„Sie verlieren Ihren Job auch, wenn wir der Vice-Abteilung des zuständigen Reviers der City Police einen Tipp geben und sich die Kollegen mal genauer ansehen, was hier so getrieben wird!“
„Es ist alles legal!“, zeterte der Portier.
„Gut, ganz wie Sie wollen. Ich weiß nicht, ob Mister Ricone findet, das Sie die richtige Entscheidung getroffen haben...“
„Brodie ist in seinem Zimmer“, presste der Portier schließlich heraus. Er streckte die Hand aus und deutete auf eine Nebentür. „Den Gang nach links, das letzte Zimmer. Da finden Sie ihn.“
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15


Milo blieben beim Portier, um zu verhindert, dass Brodie vorzeitig gewarnt wurde. Ich trat durch die Nebentür und folgte dem Korridor.
Vor dem letzten Zimmer blieb ich stehen.
Mit einem wuchtigen Tritt ließ ich die Tür zur Seite fliegen. Brodie saß vor dem Fernseher und hatte die Füße auf den Tisch gelegt. Zwei Wrestler schlugen sich auf dem riesigen Flachbildschirm gerade gegenseitig die Schädel ein.
„FBI! Hände hoch!“, rief ich.
Brodie wirkte wie erstarrt. Er wandte den Kopf in meine Richtung. Sein Jackett hatte er über einen Stuhl gehängt, sodass er nur im Hemd dasaß und man das Schulterholster mit der Automatik sehen konnte.
Aber er war klug genug, jetzt nicht zur Waffe zu greifen.
Auf die geringe Entfernung war es für ihn unmöglich, die Automatik in Anschlag zu bringen, bevor ich abgedrückt hatte.
„Hey, was wollen Sie?“, fragte er.
„Aufstehen!“
Er gehorchte, stand mit erhobenen Händen auf und ich näherte mich, um ihn zu entwaffnen.
In dem Augenblick, als ich ihm die Waffe abnehmen wollte, wirbelte seine Faust plötzlich durch die Luft. Ich bekam eine blitzschnelle Kombination von Schlägen gegen meinen Kopf und einen Tritt vor den Solar Plexus, der mich in die Ecke schleuderte. Ich rang nach Luft.
Brodie machte zwei schnelle Schritte und sprang durch das Fenster. Glas splitterte. Er rollte sich auf dem Boden ab und rannte davon.
Ich rappelte mich auf und hetzte zum Fenster.
Brodie hatte inzwischen seine Waffe gezogen und feuerte in meine Richtung. Zwei Kugeln fraßen sich in den Fensterrahmen und ließen das Holz splittern. Ich schickte ihm einen Warnschuss hinterher und schnellte zur Seite.
Brodies Zimmer war zur Rückfront ausgerichtet. Hinter dem Hotel befand sich ein Parkplatz, der von weiteren Gebäuden eingerahmt wurde.
In geduckter Haltung lief Brodie durch die Reihen der parkenden Fahrzeuge.
Ich kletterte durch das Fenster und folgte ihm.
Ein Schuss zischte dicht an mir vorbei und kratzte an der Wand. Dann rannte Brodie weiter und nahm hinter einem Van Deckung, noch bevor ich zurückfeuern konnte.
Ich pirschte mich heran, lief zwischen den parkenden Fahrzeugen her und behielt den Van im Auge.
Einige Augenblicke war alles ruhig.
Ich duckte mich hinter einen Ford und wartete ab.
Dann wurde plötzlich der Motor eines Wagens gestartet, der sich im Sichtschatten des Vans befand. Das Fahrzeug brach aus der Parklücke seitlich aus und raste dann in Richtung der Parkplatzausfahrt. Es handelte sich um ein champagnerfarbenes Mercedes Coupé.
Ich tauchte aus meiner Deckung hervor und feuerte auf die Reifen. Der hinten links platzte mit einem Knall. Der Geruch von Gummi verbreitete sich. Die Felgen glühten, als sie über das Asphalt kratzten.
Das Coupé brach hinten aus, Brodie war ein guter Fahrer, er schaffte es, den Wagen so zu stabilisieren, dass er einigermaßen in der Spur blieb. Mit dem Heck touchierte er zwar eine Hauswand und büßte ein paar Lichter ein, aber trotzdem erreichte Brodie Sekunden später die Straße. Brutal fädelte er sich in den Verkehr ein.
Der Fahrer eines Vans mit dem Aufdruck eines mobilen Pizza Service trat in die Eisen und bremste mit quietschenden Reifen. Sein Heck brach dabei aus und ratschte an der Reihe parkender Fahrzeuge am Straßenrand vorbei, ehe er stoppte.
Ein weiteres Fahrzeug konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und knallte von hinten in den Van hinein.
Ich spurtete los und folgte dem flüchtigen Brodie auf die Straße. Er gab Vollgas. Die blanke Felge schabte mit einem ohrenbetäubenden, an den Klang einer Schleifmaschine erinnernden Geräusch über den Asphalt.
Eine Ampel sprang auf rot.
Brodie nahm darauf keine Rücksicht. Er ließ den Motor aufheulen. Von der Seite schnellte ein Lastwagen heran, bremste und versuchte auszuweichen. Brodie riss das Lenkrad herum. Der Mercedes touchierte die Vorderfront des Lastwagens nur leicht, geriet aber aus der Spur und drehte sich einmal um hundertachtzig Grad. Eine Limousine näherte sich von der anderen Seite, bremste und rutschte mit quietschenden Reifen in Brodies Coupé hinein.
Der Mercedes war eingekeilt.
Der Verkehr kam auf breiter Front um die nahe Kreuzung zum Erliegen. Ich stieg unterdessen über Motor- und Kofferraumhauben.
Brodie öffnete die Tür, riss seine Waffe hervor und feuerte in meine Richtung.
Ich sprang von der Motorhaube eines Chevys, während die Kugeln über mich hinwegzischten. Blitzschnell legte ich die Dienstwaffe vom Typ SIG Sauer P226 an und feuerte.
Der erste Schuss traf Brodie in die Schulter.
Er sackte zusammen, rutschte am Kotflügel des Coupés auf die Knie und presste die Linke auf die Wunde. Blutrot rann es ihm zwischen den Fingern hindurch. Er versuchte noch einmal die Waffe zu heben, aber sein Arm gehorchte ihm nicht mehr. Ich spurtete los, drängte mich zwischen den verkeilten Wagen hindurch, stieg noch einmal auf einen Kofferraum und befand mich dann über ihm.
Der Lauf meiner P226 war auf seinen Kopf gerichtet.
„Waffe weg!“, zischte ich. „Sofort!“
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16


Milo war mir gefolgt und half mir, Brodie zu entwaffnen.
Außerdem leisteten wir Erste Hilfe. Auf Grund der Schussverletzung konnten wir auf Handschellen verzichten. Brodie war ohnehin nicht in der Lage zu flüchten.
Ich rief über Handy den Emergency Service, die City Police und unser Field Office an.
Von überall her waren jetzt bereits Sirenen zu hören.
Brodie hatte ziemliches Chaos angerichtet.
„Sie haben das Recht zu schweigen, aber falls Sie auf dieses Recht verzichten wollen, kann jedes Wort, das Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden!“
„Ihr könnt mich alle mal!“, presste Brodie mit schmerzverzerrtem Gesicht zwischen den Zähnen hindurch. „Mir soll doch sowieso nur wieder etwas angehängt werden!“
„Sie haben einen Wachmann bestochen, um in Jack Mancusos Wohnung zu gelangen“, stellte ich fest, während Milo den Verbandskasten aus dem Kofferraum des ziemlich lädierten Mercedes Coupés herausholte und dabei zunächst erhebliche Schwierigkeiten hatte, die verkantete Kofferraumklappe überhaupt öffnen zu können.
„Was haben wir jetzt? Die Märchenstunde des FBI?“, fauchte Brodie empört. „Ich bin vollkommen sauber, aber wahrscheinlich werden Sie mir jetzt ein halbes Kilo Kokain in mein Zimmer legen und vor Gericht behaupten, dass ich damit gehandelt hätte!“
„Sie haben irgendwie ein völlig falsches Bild von uns“, erwiderte ich kühl.
„Ich sage keinen Ton, bevor ich keinen Anwalt habe!“
„Ja, aber wenn es soweit ist, dann achten Sie darauf, dass dieser Anwalt nicht von Sonny Ricone bezahlt wird, denn ich weiß nicht, ob sich seine Interessen mit Ihren wirklich in jedem Punkt decken!“
Er sah mich etwas verdutzt an.
Seine Augen wurden schmal.
„Was wollen Sie, G-man?“
„Die Wahrheit über Jack Mancuso“, mischte sich Milo in das Gespräch ein.
„Und außerdem alles, was Sie über Eileen Genardo wissen“, ergänzte ich.
Er wollte ausspucken, aber das bekam ihm nicht. Ein Krampf erfasste ihn. Er biss die Zähne aufeinander.
„Wir sollten uns nicht weiter mit ihm aufhalten“, meinte Milo, nachdem er Brodie einen provisorischen Verband angelegt hatte. „Er ist an einer Kooperation nicht interessiert. Aber wir haben seine Waffe und ich wette, dass wir auch noch seine DNA in Mancusos Wohnung finden werden. Ein paar Hautschuppen oder ein Tröpfchen, das bei einem Niesen ausgestoßen wurde, reicht dazu aus.“
„Mancuso wurde nämlich auf einer Müllkippe gefunden... samt dem Projektil, das ihn tötete.“
Letzteres wusste ich überhaupt noch nicht. Aber ich hoffte zumindest, dass es so war. Und Brodie reagierte auf diesen Bluff.
„Das mit Mancuso war Notwehr!“
„Sie geben also zu, ihn erschossen zu haben!“
„Ja, aber das war rechtens!“
„So wie es rechtens war, ihm die Chip Card abzunehmen, in seine Wohnung einzudringen und alles zu durchwühlen?“, hakte ich nach.
Brodie rang nach Luft. Schließlich fuhr er fort: „Es war ganz anders, als Sie denken!“
„Dann sagen Sie es uns!“, forderte Milo.
Brodie schluckte. „Jack Mancuso kam hier wie ein wild gewordener Stier ins Hotel gestürmt. Er wollte wissen, wo Eileen Genardo sei. Mancuso hat sie jahrelang auf den Strich geschickt und ihr das Geld abgenommen. Hier im Hotel Parrinder hatte Sonny ihr ein Zimmer gegeben.“
„Natürlich ganz selbstlos und auch nicht, um ihr den Großteil ihres Verdienstes abzuknöpfen!“
„Damit habe ich nichts zu tun! Jedenfalls war Jack Mancuso der Meinung, dass ihm eine Ablöse für Eileen zustünde! Er ist dann wutentbrannt auf Sonny Ricone losgegangen. Ich konnte gerade noch rechtzeitig dazwischen gehen. Leider hatte ich keine andere Wahl, als Jack Mancuso zu erschießen, sonst hätte es Sonny erwischt!“
„Aber als Sie den Toten in Cellophan einwickelten, ihn in ihren Wagen verfrachteten und schließlich auf einer Müllkippe auf Staten Island wieder an die Luft setzten, da hätten Sie doch eine andere Wahl gehabt, oder?“
„Ein Toter ist schlecht fürs Geschäft“, sagte Norman Brodie. „Jedenfalls meinte Sonny das und hat mich darum gebeten, den Toten wegzuschaffen. Außerdem hat Jack Mancuso seit kurzer Zeit ein paar einflussreiche Freunde und ich glaube Sonny hatte auch Angst davor, dass einer von denen spitz kriegt, dass der Kerl bei uns gestorben ist.“
„Was sind das für Freunde?“
„Ich denke, ich habe Ihnen schon mehr als genug gesagt. Schließlich will ich auch noch eine Weile leben.“
Die Geschichte, die er uns erzählte, klang für mich logisch. Ob es der Wahrheit entsprach oder nur eine Kette von Schutzbehauptungen darstellte, würde sich zeigen, sobald die Kollegen aus den Labors ihre Arbeit gemacht hatten.
„Können Sie uns noch irgendetwas zu Eileen Genardo sagen?“, fragte ich.
„Nur ihre Zimmernummer.“
„Für den Anfang wäre das doch auch schon mal was!“
„Es ist die 15. Sie war ziemlich beliebt und verstand es hervorragend, ihre blauen Flecke mit Make-up zu kaschieren. Jack Mancuso muss sie grün und blau geschlagen haben und da wundert der Kerl sich, dass Eileen ihm durchgebrannt ist!“
„Was habe Sie in seiner Wohnung gesucht?“
„Sonny Ricone wollte sicher gehen, dass sich dort nicht noch irgendwelche Sachen zu finden wären, die ihn mit Mancuso in Verbindung bringen konnten.“
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17


Norman Brodie wurde vom Emergency Service übernommen. Zwei Beamte der eintreffenden City Police begleiteten ihn während seines Abtransports. Außerdem wurde noch ein Einsatzwagen als Eskorte abgestellt. Norman Brodie wurde in die Gefängnisklinik auf Rikers Island gebracht.
Nach und nach schafften es die Kollegen vom Fire Service in enger Zusammenarbeit mit der City Police, die Straße wieder frei zu machen. Das Mercedes Coupé wurde als Beweisstück konfisziert.
„Ich wette, der bekommt von Sonny Ricone einen besonders guten Anwalt und ist nach ein paar Stunden wieder draußen.“
„Er hat FBI-Agenten angegriffen“, gab ich zu bedenken. „Und bei Angriffen auf Gesetzeshüter kennen weder die Richter noch später die Jury irgendein Pardon.“
Milo kratzte sich nachdenklich am Kopf, während wir zum Hotel zurückgingen. „Der Kerl hat hier herumgeballert wie ein Wahnsinniger.“
„Allerdings, Milo! Und um ein Haar hätte er mich auch getroffen.“
„Aber warum diese heftige Gegenwehr, Jesse? Das ergibt doch keinen Sinn!“
Ich zuckte mit den Schultern. „Wieso nicht? Er wollte sich einfach nicht gerne verhaften lassen!“
„Wenn es wirklich Notwehr war, dann hätte er doch nichts zu befürchten. Und da er innerhalb eines Privatgrundstücks geschossen hat, wäre das dann noch nicht einmal ein Verstoß gegen die Waffengesetze gewesen! Und trotzdem schießt der Kerl um sich, als würde es für ihn um Leben und Tod gehen.“
„Immerhin - der Einbruch ist eine Tatsache, für die er – zusammen mit dem Angriff auf uns – die Quittung erhalten wird.“
„Trotzdem, Jesse. Du kannst es drehen und wenden, wie du willst, seine Reaktion ist damit nicht erklärbar.“
„Wenn man voraussetzt, dass alle Menschen zu vernünftigen Reaktionen neigen, hättest du Recht, Milo.“
Etwas später befragten wir den Portier, während bereits die ersten Kollegen vom Erkennungsdienst sich in der Eingangshalle des Hotels breit machten. Eins schien wohl auf jeden Fall festzustehen. Die Geschäfte, die im Hotel Parrinder stattfanden, würden wohl zum Erliegen kommen, solange wir hier ermittelten. Wer wollte schon gerne unter den Augen des Gesetzes mit einer Prostituierten erwischt werden?
Der Portier Brad Myers und gab uns etwas unwillig Auskunft. Immerhin bestätigte er die Geschichte, die Norman Brodie uns erzählt hatte.
Über Eileen Genardo wusste er angeblich nichts Näheres.
„Wie ich Ihnen schon einmal sagte, hier werden nur Zimmer vermietet. Manche dauerhaft, andere nur stundenweise. Von wem Miss Genardo Besuch bekam, wie oft oder womit sie ihr Geld verdiente, geht mich nichts an.“
„Wo finden wir Mister Ricone?“, fragte ich.
„Er bewohnt ein Penthouse über dem ‚Hidden Joy’. Soll ich dort anrufen?“
„Ja, bestellen Sie ihn ruhig her“, schlug ich vor.
In der Zwischenzeit hatten unser Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster einen Blutfleck auf dem Boden gefunden. Zwar war der Boden der Eingangshalle gründlich gereinigt worden, aber es gab noch immer kleinste Blutreste die Sam mit Luminol sichtbar machte.
„Über einen DNA-Vergleich können wir feststellen, ob es sich um das Blut von Jack Mancuso handelt“, meinte er.
Etwas später wurde auch ein Einschussloch in der Wand hinter der Rezeption entdeckt. Es war frisch zugespachtelt worden und sollte durch ein Bild verborgen werden.
Zur Verstärkung tauchten unserer Kollegen Fred LaRocca und Josy O'Leary am Ort des Geschehens auf.
Wir machten uns systematisch daran, erstens Eileen Genardos Zimmer nach Hinweisen zu durchsuchen und zweitens die anderen Bewohnerinnen des Hotels zu befragen.
Leider erwiesen sich die als wenig gesprächig. Angeblich hatte keine der jungen Frauen, die hier einquartiert waren, näheren Kontakt zu Eileen gehabt.
Das Gegenteil konnten wir ihnen leider nicht beweisen.
Das Telefon auf Eileens Zimmer war ein altmodisches Modell ohne Display. Aber über die Anruflisten der Telefongesellschaft konnten wir vielleicht näheres über ihre Freier erfahren, von denen sie möglicherweise einer umgebracht hatte. Wir fanden außerdem ein handschriftliches Verzeichnis von Telefonnummern. Dahinter waren jeweils nur Vorname oder Abkürzungen angegeben.
Unsere Innendienstler würden die zu den Nummern gehörenden Anschlüsse im Handumdrehen herausbekommen.
„Vielleicht ist ja ein Treffer dabei“, hoffte Milo.
„Kommt immer darauf an, was man als Treffer bezeichnet“, erwiderte ich.
„Zum Beispiel jemanden, der schon mal einschlägig aufgefallen ist.“
„Warten wir es ab.“
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18


Ein ziemlich lautes Stimmengewirr brachte uns dazu, in die Eingangshalle zurückzukehren, um zu sehen, was dort los war.
Unsere irischstämmige Kollegin Josy O'Leary war in ein ziemlich heftiges Wortgefecht mit Sonny Ricone verwickelt. Ich erkannte Ricone sofort von den Polizeifotos, die man sich über NYSIS ansehen konnte. Er war ziemlich ungehalten, aber man konnte beim besten Willen nicht verstehen, worüber er sich nun eigentlich so aufregte.
„Myers hat ihn offenbar schon in Grundzügen informiert“, stellte ich fest.
Wir gingen die Freitreppe hinunter.
Ricone schwieg auf einmal und starrte uns an.
„Ich habe Mister Ricone zu erklären versucht, was wir hier tun, aber er hat leider nicht viel Verständnis dafür“, sagte Josy.
„Guten Tag, Mister Ricone. Ich denke, wir können uns in gepflegterer Atmosphäre unterhalten, oder?“, begrüßte ich ihn.
„Wenn Sie meinen Rausschmeißer verhaften und außerdem noch die Privatsphäre meiner Hotelbewohner missachten!“, hielt er mir entgegen und verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei reckte er sich hoch empor, sodass er Ähnlichkeit mit einem Soldaten hatte, der Haltung annahm.
„Norman Brodie ist verhaftet worden und auf Sie wird auch noch ein Verfahren im Zusammenhang mit Jack Mancusos Tod zukommen!“ Während ich das sagte, hielt ich ihm meinen Ausweis unter die Nase.
„Wieso ich?“
„Sie hängen mit drin, weil auf Ihre Veranlassung hin die Leiche verschwinden sollte!“
„Dann verhaften Sie mich doch!“, meinte er provozierend und hielt mir seine überkreuzten Arme entgegen. „Na, los!“
„Keine Sorge, Sie werden schon vor Gericht kommen“, versicherte ich ihm. „Einstweilen könnten Sie uns noch verraten, wieso Sie Ihrem Bluthund befohlen haben, die Leiche verschwinden zu lassen, wenn es wirklich Notwehr war?“
Er grinste schief. „Erstens dürfte es Ihnen angesichts der Tatsache, dass es mehrere Zeugen gibt, schwer fallen, das Gegenteil zu beweisen. Und zweitens hatte Jack...“ Er zögerte.
„Na los!“, forderte ich ihn auf. „Sie können Jack nicht mehr schaden, wenn Sie etwas Unschmeichelhaftes über ihn erzählen!“
Er sprach in einem gedämpften Tonfall weiter und kam etwas näher. „Ich möchte, dass Sie keinen falschen Eindruck von Jack bekommen. Er war früher bei mir Türsteher im ‚Hidden Joy’. Aber die Zeiten sind lange vorbei. Er hat ein paar Jahre an der Nadel gehangen und vielleicht hat das seine Persönlichkeit verändert. Jedenfalls hat er seit einiger Zeit ziemlich schlechten Umgang.“ Sonny Ricone grinste. „Er soll häufig mit Jaden Nichols gesehen worden sein.“
Ein Krieg unter Zuhältern!, dachte ich. Das ist genau das, was uns im Moment noch fehlt.
„Sind Sie mit diesem Nichols verfeindet?“, fragte Milo.
„Er macht mir das Leben zur Hölle, wo er nur kann“, berichtete Ricone. „Wir hatten vor acht Wochen eine Razzia im Club ‚Hidden Joy’. Es stellte sich heraus, dass jemand Rattendreck in die Küche gebracht hatte, damit das Gesundheitsamt die Zulassung zurücknimmt. Da steckten auch die Leute von Jaden Nichols dahinter.“
„Sind Sie mit diesen Vorwürfen zur Polizei gegangen?“
Sonny Ricone lachte heiser. „Machen Sie Witze? Jedenfalls denke ich, dass Nichols hinter Jack Mancusos Auftritt steckt.“
„Es soll um eine Ablösesumme für Eileen Genardo gegangen sein.“
Ricone verzog das Gesicht. „Wollen Sie jetzt, dass ich mich selbst belaste und Sie mich wegen Zuhälterei einbuchten können? Versuchen Sie so etwas gar nicht erst! Das haben schon Ihre Kollegen vom Vice nicht geschafft und Sie werden sich auch die Zähe ausbeißen. Es gibt hier keine Ablösesummen! Und das Wort Prostitution kommt in meinem Wortschatz gar nicht vor.“
Er hob erneut die Hände und kreuzte sie übereinander. „Was ist? Bringen Sie mich nach Rikers? In einem halben Tag bin ich wieder draußen!“
„Verlassen Sie in nächster Zeit die Stadt nicht. Es könnte sein, dass wir noch ein paar Fragen an Sie haben“, sagte ich.
Und Milo ergänzte: „Der Staatsanwalt wird Ihnen wahrscheinlich wegen Behinderung der Justiz an den Karren fahren. Schließlich haben Sie dafür gesorgt, dass die Schießerei hier im Hotel Parrinder vertuscht wurde, anstatt zur Polizei zu gehen.“
Sonny Ricone grinste. „Ich stand unter Schock!“, erklärte er.
Ich gab ihm meine Karte. „Falls Sie noch etwas wissen, was für uns interessant sein sollte, sagen Sie uns das bitte. Sie könnten damit im Hinblick auf das Verfahren, das Sie erwartet, schon mal ein paar Punkte bei der Staatsanwaltschaft sammeln...“
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19


Ein kühler Wind strich durch die Häuserzeilen von Brooklyn, als wir das Hotel Parrinder verließen. Schräg gegenüber befand sich eine Snack Bar und da uns erstens der Magen knurrte und wir zweitens unsere bisherigen Ermittlungsergebnisse resümieren wollten, begaben wir uns dort hin. Zuvor gingen wir mit dem Rechner unseres Sportwagens kurz online, um über NYSIS die verfügbaren Daten abzurufen, die über Jaden Nichols vorhanden waren.
Wir wussten ja bereits, dass er der Vorbesitzer des ‚Hidden Joy’ gewesen war und den Club unter dubiosen Begleitumständen an Sonny Ricone verloren hatte.
„Also fest steht, dass hier im Hintergrund eine Zuhälterfehde läuft“, stellte Milo fest. „Und das schon seit Jahren.“
„Zeitgleich mit dem ersten Mord des Barbiers“, murmelte ich.
„Du willst doch nicht behaupten, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt!“, erwiderte Milo. „Der Barbier ist ein Psychopath und...“
„Ich habe nur laut gedacht, Milo.“
Die Snack Bar war im Stil eines Diners aus den Fünfzigern gehalten. Wir nahmen jeder einen Hot Dog und Kaffee. Milo zusätzlich noch einen Salat.
„Man soll ja auch auf die Vitamine achten“, meinte er grinsend.
„Sieh mal, wer dort ist!“
Eine dunkelhaarige Frau in einem konservativ geschnittenen Business Kostüm saß an einem Tisch am Fenster für sich allein. Von ihrem Platz aus hatte sie eine hervorragende Aussicht auf die Vorderfront des Hotel Parrinder.
Ihr elegantes Äußeres wirkte schon als starker Kontrast zu der eher schlicht gehaltenen Einrichtung der Snack Bar. Ein Fast Food Fan schien sie auch nicht zu sein, denn vor ihr stand nur eine Tasse Kaffee.
Sie blickte nachdenklich hinaus auf die Straße.
„Wer soll das sein?“, fragte Milo.
„Ist dir die Lady nicht aufgefallen? Eine besonders dreiste Gafferin am Heckscher Playground, die wohl glaubte, dass das Flatterband nur zur Zierde gespannt worden ist!“
„Und du glaubst nicht daran, dass sie zufällig hier ist?“
„Jedenfalls passt ihr Aufzug weder zu dieser Snack Bar, noch zu den Girls, die für Sonny Ricone anschaffen gehen!“
„Sag das nicht zu laut, sonst verklagt dich Sonny Ricone wegen übler Nachrede, Jesse!“
Wir traten an den Tisch der Dunkelhaarigen.
„Guten Tag.“
Ein Ruck durchfuhr sie.
Ich zeigte ihr meinen Ausweis. „Jesse Trevellian, FBI. Vielleicht erinnern Sie sich. Wir sind uns kürzlich auf dem Heckscher Playground begegnet.“
Einen Augenblick wirkte sie etwas verunsichert. „Natürlich erinnere ich mich“, erwiderte sie.
„Dies ist mein Kollege Spezial Agent Milo Tucker. Haben Sie etwas dagegen, wenn wir uns zu Ihnen setzen?“
„Nein. Ich bin auch schon so gut wie fertig.“
Wir setzten uns. Mir fiel auf, dass ihr Kaffee nicht mehr dampfte und wohl längst kalt geworden war.
Ich begann meinen Hot Dog zu essen.
Seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr zwischen die Zähne bekommen und dasselbe galt auch für Milo.
„Haben Sie inzwischen etwas Neues über den Mörder herausgefunden, der für den Tod der jungen Frau im Central Park verantwortlich war?“
„Die Ermittlungen sind zäh“, sagte ich.
„Die Zeit spielt immer für den Mörder, nicht wahr?“
„Das ist leider so.“
„Ich habe gelesen, dass dieser Barbier schon seit Jahren sein Unwesen treibt, aber in letzter Zeit besonders aktiv geworden ist. Was glauben Sie, wie lange es noch dauern wird, bis Sie den Kerl haben. Sie gehen doch davon, dass es ein Kerl ist oder?“
Ich nickte. „Die statistische Wahrscheinlichkeit spricht dafür. Derzeit ist uns ein Psychologe zugeordnet. Seiner Analyse nach ist der Täter zwischen 25 und 35 Jahre alt, männlich, und fiel als Kind durch Tierquälerei, Aggression gegenüber Mitschülern und so weiter auf.“
„Was glauben Sie, weshalb er jetzt plötzlich so aktiv geworden ist und mehrere Morde innerhalb relativ kurzer Zeit verübte?“
„Ein Auslöser könnte ein besonderer Stress durch eine Umbruchsituation in seiner Lebensführung sein. Verlust des Jobs oder der Partnerin zum Beispiel.“
Sie lächelte.
„Interessant in welcher Reihenfolge Sie das sagen, Agent Trevellian.“
„Wenn der Täter ein Mann ist, kann der Verlust des Jobs tatsächlich mit mehr Stress verbunden sein als eine Scheidung.“ Ich machte eine Pause und fuhr schließlich fort: „Was ich Ihnen bis jetzt gesagt habe, hätten Sie selbst in jedem Lehrbuch nachlesen können. Wenn wir uns richtig über die Sache unterhalten wollen, müsste ich schon wissen, mit wem ich es zu tun habe...“
„Oh, das tut mir leid.“
Sie zeigte mir einen Presseausweis. Danach hieß sie Donna McNolan und war freie Reporterin.
„Da Sie kein Kamera- oder Sound-Team in Ihrer Nähe haben, gehe ich davon aus, dass Sie zur schreibenden Zunft gehören“, sagte Milo.
Sie wandte den Kopf in Richtung meines Kollegen und lächelte hintergründig. Ein Blick, den ich nicht wirklich einzuschätzen wusste. „Als FBI-Agent sollten Sie doch wissen, dass die Kamera- und Aufnahmetechnik heute so winzig geworden ist, dass Sie schon mit einem falschen Knopf in exzellenter Qualität filmen können!“
„Ich hoffe nicht, dass das hier so etwas wie die Versteckte Kamera ist“, gab ich zurück.
Sie schüttelte den Kopf. „Keine Sorge. Sie hatten Recht. Ich schreibe.“
„Und gegenwärtig recherchieren Sie über den Barbier?“
„Ja.“
„Ich habe gleich gewusst! Es konnte kein Zufall sein, dass wir Ihnen am Heckscher Playground und hier begegnet sind. Woher wussten Sie, dass Eileen Genardo hier wohnte?“
„Ich...“ Sie stockte. Dann setzte sie noch einmal an und brach erneut ab. Irgendwie schien meine Frage sie etwas durcheinander gebracht zu haben. „Wie gesagt, ich recherchiere schon länger in der Sache und habe mit Susan Michaels gesprochen, einer Bekannten von Gail Montgomery.“
„Dem Opfer Nummer eins“, stellte ich fest.
„Richtig. Der Fall Gail Montgomery liegt ja bereits sieben Jahre zurück. Inzwischen ist Susan mehrfach umgezogen und jetzt wohnt sie hier.“
Ich zog einen Zettel aus der Innentasche meines Jacketts, auf dem ich mir die Personalien der Bewohnerinnen des Hotel Parrinder notiert hatte. Eine Susan Michels war dabei. Sie war von unserem Kollegen Fred LaRocca befragt worden. Angeblich hatte sie keine sachdienlichen Angaben machen können.
„Sie ist da drin! Warum gehen Sie nicht einfach hinein und sprechen mit ihr?“, fragte ich.
„Ich war bereits im Hotel. Aber man hat mich wieder vor die Tür gesetzt, als ich begonnen habe, Fragen zu stellen. Jetzt hoffe ich, dass Susan Michaels irgendwann mal vor die Tür geht, damit ich sie abpassen kann.“
„Wie kommen Sie darauf, dass Susan Michaels wichtige Angaben machen könnte?“
„Damals, im Fall Montgomery, war sie sehr redselig. Wir hatten uns beinahe etwas angefreundet, wenn das der richtige Ausdruck ist. Ich machte eine Reportage über die Prostitution in New York gemacht, wie die Frauen dieses Doppelleben in der Illegalität verkraften und so weiter. Natürlich wurde Susan darin nicht namentlich erwähnt, dann hätte ihr Zuhälter sie so grün und blau geschlagen, dass sie nie wieder hätte arbeiten können.“
„Unserem Kollegen LaRocca gegenüber gab sie sich eher verschlossen“, antwortete ich.
„Kein Wunder. Dieser Sonny Ricone ist ein brutaler Hund. Jedenfalls sagt man das über ihn. Ich kann schon verstehen, dass sie vorsichtig ist. Aber mir vertraut sie, denke ich.“
„Was hat Sie Ihnen damals gesagt?“
„Susan Michaels kam zu einem unserer Treffen mit kahl rasiertem Kopf. Man konnte sehen, dass da kein Meisterfrisör seine Hand im Spiel hatte. Jemand hatte ihr mit einer Rasierklinge ziemlich grob die Haare abrasiert. Der Kopf war übersät von kleineren Schnittwunden. Ich dachte erst, ihr Zuhälter hätte unseren Kontakt bemerkt und sie bestraft.“
„Dann hätte er sich selbst bestraft, weil sie doch so nicht mehr arbeiten konnte, wie ich annehme“, ergänzte Milo.
„Notfalls gibt es Perücken“, erwiderte Donna McNolan.
„Wer war ihr Zuhälter damals?“
„Jaden Nichols.“
„Sieh an! Ein alter Bekannter!“, sagte ich. „Hatte er was damit zu tun?“
Donna McNolan schüttelte den Kopf. „Sie sprach von einem perversen Freier, der Spaß daran hätte, einer Frau die Haare abzuschneiden. Und zwar auf die grobe Tour. Wenig später war Gail Montgomery dann tot.“
„Warum hat Susan nie gegenüber der Polizei diesen Kerl erwähnt?“, fragte Milo. „Wir sind die Protokolle von damals mal durchgegangen, aber davon stand da nichts drin, da bin ich mir sicher.“
„Ich denke, Jaden Nichols hat ihr damals den Mund verboten.“
„Wie kam es, dass Susan jetzt für Sonny Ricone arbeitet?“
„Das hing irgendwie mit dem Besitzerwechsel im ‚Hidden Joy’ zusammen.“
„Sie meinen, Susan Michaels gehörte zur Handelsmasse?“
„Das klingt menschenverachtend, aber Sie wissen ja wohl besser als ich, wie brutal die Regeln in diesem Geschäft sind. Susan hat es mir nie genau gesagt, aber es war wohl so, wie Sie vermuten.“
Milo mischte sich jetzt in das Gespräch ein. „Vielleicht sollten wir beide Susan Michaels noch einmal wegen diesem Perversen auf den Zahn fühlen“, meinte er. „Schließlich könnte es doch sein, dass der in letzter Zeit wieder in der Gegend aufgetaucht ist und er irgendwann dazu überging, die Frauen nicht nur zu rasieren, sondern auch zu töten.“
„Ja, aber bevor wir das versuchen, sollen wir Miss McNolan eine Chance lassen. Ich denke, dass Susan Michaels ihr gegenüber offener ist. Wir können immer noch mit einer regulären Vorladung kommen.“ Ich schob Donna McNolan meine Karte über den Tisch. „Rufen Sie mich an, sobald Sie mit Susan gesprochen haben.“
„Ja, aber wie Sie sehen, kann das noch etwas dauern!“
„Ihre Nummer hätte ich auch gerne.“
Sie schob mir ebenfalls eine Visitenkarte über den Tisch.
„Wir hören voneinander“, versprach sie.
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20


„Ob das eine gute Idee war, muss sich erst noch zeigen“, meinte Milo, als wir wieder im Freien waren.
„Fred hat versucht, Susan Michaels auszuquetschen und es hat nicht das Geringste gebracht“, gab ich zu bedenken. „Und wenn dieser seltsame Typ, der gerne Frauen rasiert, wieder aufgetaucht wäre, hätte Susan doch diesmal gefahrlos darüber reden können. Schließlich stand sie doch nicht mehr unter der Fuchtel von Jaden Nichols.“
„Glaubst du wirklich, jemand wie Sonny Ricone ist humaner?“
„Nein. Aber eigentlich ist es auch in seinem Interesse, wenn der Barbier so schnell wie möglich gefasst wird! Schließlich verunsichert das die gesamte Szene und außerdem muss das Gewerbe mit einer verstärkten Polizeipräsenz rechnen.“
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21


Es war dunkel. Leichter Regen setzte ein. Susan Michaels sah auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Sie hatte gerade die Subway Station an der DeKalb Street in Brooklyn verlassen und wartete am Straßenrand.
Sie war etwas außer Atem und blickte auf die Uhr.
Zwei Minuten zu spät!, dachte sie. Sie konnte nur hoffen, dass der Superjob, der ihr am Telefon angeboten worden war, sich damit nicht schon erledigt hatte.
Eine Limousine hielt am Straßenrand. Das Kennzeichen war aus New York. Das musste der Kunde sein.
Das Fenster an der Beifahrerseite wurde heruntergelassen.
Susan trat näher und blickte hinein.
„Einsteigen!“, wisperte eine Stimme.
„Erst das Geld!“
Ein paar Scheine wurden ihr entgegengestreckt. Sie zählte nach. Mehr als abgemacht!, dachte sie. Heute schien ihr Glückstag zu sein.
Sie öffnete die Tür und setzte sich auf den Beifahrersitz.
Im nächsten Moment fuhr die Limousine davon und fädelte sich in den Verkehr an der DeKalb Street ein.
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22


Am nächsten Morgen trafen wir uns im Büro von Mr McKee zur Besprechung.
Diesmal war außer Max Carter, Clive Caravaggio und einigen anderen Agenten auch Dr. Gary Schmitt anwesend, ein Psychologe, der sich mit dem Profiling von Serientätern auseinandergesetzt hatte und der unserem Field Office seit einiger Zeit zugeordnet war.
Zumindest für die Zeit, in der der Barbier noch frei herumlief. Normalerweise lehrte er in Quantico Tatortanalyse.
Dr. Schmitt hatte den Fall des Barbiers von Anfang an verfolgt. Schon nach dem Mord an Gail Montgomery hatte er das erste psychologische Gutachten zur Täterpersönlichkeit angefertigt.
Gary Schmitt hatte schon damals prophezeit, dass dieser Tätertyp erneut zuschlagen und sich nicht mit einem Mord begnügen würde.
Inzwischen lagen auch der vollständige Obduktionsbericht sowie sämtliche andere Laborberichte vor.
„Wir kennen jetzt die Zusammensetzung der K.o.-Tropfen, die den Opfern verabreicht wurden“, erklärte Mr McKee. „Die Mischung ist sehr speziell. Das Zeug heißt DSW-13 und ist auch als ‚Hammerschlag’ bekannt. In der Diskothek ‚The Skull’ hier in der Avenue B sind mehrere Fälle bei der City Police angezeigt worden, bei denen Gäste mit genau dieser Mischung betäubt und ausgeraubt worden. Es gab ein paar Festnahmen und Verurteilungen. Allerdings konnte bis jetzt nicht herausgefunden werden, von wem die K.o.-Droge stammt.“
„Aber es ist in dem Fall doch anzunehmen, dass der Täter zu den Gästen von ‚The Skull’ gehört“, vermutete unser indianischer Kollege.
„Ich schlage vor, dass Sie sich diesen Laden mal intensiv vornehmen, Medina“, sagte Mr McKee. „Vielleicht führt die Spur zum ‚Barbier’ über denjenigen, der ihm DSW-13 verkauft hat. Aber es gibt noch weitere interessante Erkenntnisse.“ Mr McKee nickte Max Carter zu. „Sie haben das Wort, Max.“
„Danke, Sir! Es fanden sich an der Kleidung der Leiche feinste Faserspuren, die von unseren Kollegen von der SRD inzwischen identifiziert werden konnten. Es handelt sich um eine Teppichbodenfaser.“
„Haben wir irgendetwas Vergleichbares an den vorangegangenen Opfern?“, hakte Mr McKee nach.
Max schüttelte den Kopf. „Nein. Aber dabei muss man bedenken, dass der erste Fall dieser Serie sieben Jahre zurückliegt und sich unsere Verfahren zur Spurensicherung erheblich weiterentwickelt haben. Es kann durchaus sein, dass solche Faserspuren auch an den Asservaten aus den vorangegangenen Fällen vorhanden waren, aber einfach nicht gesichert wurden.“
„Dann möchte ich, dass das nachgeholt wird“, erklärte unser Chef. „Schließlich beweisen diese Fasern, dass zumindest der Mord von Eileen Genardo in einer Wohnung verübt wurde.“
„Ich glaube nicht, dass der Täter seine Vorgehensweise in diesem Punkt geändert hat“, mischte sich Gary Schmitt ein. „Die Teppichbodenfaser und der vermutliche Tatort – eine Wohnung – lassen auf eine nach Sicherheit strebende Person schließen. Das Opfer wird vermutlich zunächst in Sicherheit gewogen, eingeladen in den Wagen zu steigen...“
„Woher wollen Sie wissen, dass der Täter einen Wagen benutzte?“, unterbrach in Mr McKee.
Gary Schmitt zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht, ich sage nur, was zu der Person passen würde, mit der wir es zu tun haben“, stellte er klar. „Und vergessen wir nicht, dass ein Wagen von bisher noch nicht ganz geklärtem Fabrikat am Heckscher Playground gesehen wurde, bevor man schließlich Eileen Genardo dort fand.“
„Der Täter lädt die Frauen ein, zu ihm in den Wagen zu steigen, bringt sie nach Hause, verabreicht ihnen dort die Betäubungsdroge und erwürgt sie dann mit einer Drahtschlinge“, schloss ich.
„Im Mageninhalt aller Opfer ist Kaffee zu finden“, stellte Max fest.
„Irgendetwas braucht unser Mann ja, in dem er das DSW-1 auflösen kann“, ergänzte Dr. Schmitt.
„Der Kerl geht tatsächlich auf Nummer sicher“, stimmte Milo zu. „Ich meine, K.o.-Tropfen und Drahtschlinge, da kann für den Täter ja wohl wirklich nichts mehr schief gehen.“
„Vergessen Sie nicht, dass die Oper auch noch gefesselt worden sind“, gab Gary Schmitt zu bedenken.
„Heißt das, er hat mit der Tötung gewartet, bis das Opfer wieder erwacht ist?“, hakte Mr McKee nach, während auf seiner Stirn eine tiefe Furche erschien.
„Inzwischen bin ich davon überzeugt“, gestand Gary Schmitt. „Unser Täter will, dass sein Opfer bei Bewusstsein ist, wenn ihm langsam die Luft abgedrückt wird und sich der Draht in Hals schneidet.“
„Ein Sadist“, stellte Mr McKee fest.
„Jemand, der selbst sehr stark verletzt wurde“, korrigierte Gary Schmitt.
„Von einer Prostituierten?“, fragte ich.
„Ja, vielleicht auch. Aber ich würde doch annehmen, die traumatischen Erlebnisse, die zu dieser Form der Persönlichkeitsstörung geführt haben, bereits in der Kindheit stattgefunden haben und sehr fundamental sein müssen. Der Täter hasst alle Frauen, nicht nur Prostituierte. Es könnte sein, dass es sich um einen Täter handelt, der in einer Umgebung aufwuchs, in der sehr feste Moralvorstellungen galten. Der Widerstand, den er aufbringen muss, um eine Prostituierte zu töten, ist vermutlich bei ihm geringer, weil er die Einstellung vermittelt bekam, dass es sich dabei um moralisch minderwertige Frauen handelt. Sünderinnen, die den Tod in Wahrheit verdient haben. Das macht es ihm leichter, seinen Hass auszuleben.“
„Ein sexuelles Motiv schließen Sie aus?“, fragte Mr McKee.
„Es geht um Erniedrigung und die Macht, jemanden bestrafen zu können“, erklärte Gary Schmitt. „Keines der Opfer wurde vergewaltigt oder sexuell missbraucht. Ich denke, der Obduktionsbericht von Eileen Genardo wird da keine unerwarteten Neuigkeiten bringen.“
Mr McKee atmete tief durch.
Er ging zu seinem Schreibtisch und holte eine zusammengerollte Zeitung, die er schließlich entfaltete, sodass wir die Schlagzeilen lesen konnten. „Das hier passt zu dem, was Sie uns vorhin über wertlose Sünderinnen gesagt haben, die unser Täter mit gutem Gewissen ermorden kann“, sagte er. „Ein radikaler Prediger namens Joshua Freed hat sich öffentlich zu Wort gemeldet und wird demnächst wohl durch alle möglichen Kabelsender wandern. Er behauptet, der ‚Barbier’ sei ein Schwert Gottes, um die Sünderinnen zu strafen, die sich einem gottlosen Leben hingegeben hätten.“ Mr McKee warf die Zeitung auf den Tisch.
„Der Unterschied zu unserem Täter scheint nur die Tatsache zu sein, dass dieser Prediger seinen Hass verbal äußert und nicht in die Tat umsetzt!“, sagte Schmitt.
„Könnte so etwas unseren Mann zu weiteren Taten anspornen?“, fragte ich.
Schmitt schüttelte den Kopf. „Ganz so einfach ist das nicht. Aber wenn der Täter von den Äußerungen dieses Predigers liest, könnte er das als eine Art Segnung seiner eigenen Handlungsweise empfinden. Die Hemmungen werden geringer, er könnte dem Bedürfnis, eine weitere Tat auszuführen vielleicht schwerer widerstehen.“
Ich berichtete von den Gerüchten über einen perversen Freier, der darauf stand, Frauen die Haare anzuschneiden und angeblich schon zur Zeit des Falles Gail Montgomery vor sieben Jahren Susan Michaels angesprochen hatte.
„Sie halten das nicht für besonders glaubwürdig?“, fragte Gary Schmitt.
Ich zuckte mit den Schultern „Für mich ist das schwer zu sagen. Ich denke, es handelt sich erst mal nur um ein Gerücht, bis ich mehr darüber weiß. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob es möglich wäre, dass ein Täter manchmal bis zum Äußersten geht und ein Opfer umbringt und in andere Fällen sich vielleicht mit einer Rasur der Kopfhaut zufrieden gibt?“
„Das ist sogar sehr wahrscheinlich, wenn man von der bisher angenommenen Täterpersönlichkeit ausgeht“, erklärte Schmitt. „Falls dieser Mann, von dem Sie gehört haben, tatsächlich der Mörder sein sollte, dann scheint er sich zumindest zeitweise noch unter Kontrolle zu haben und belässt es bei ein paar etwas seltsameren Spielchen.“
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23


Susan Michaels spürte den Schlag ins Gesicht.
„Aufwachen!“
Der Klang jener Stimme, die innerhalb der letzten halben Minute dieses Wort mindestens zwanzigmal in ihr Ohr geschrieen hatte, war äußerst durchdringend. Ihr Schädel brummte. Jedes Mal glaubte sie, dass das Echo dieser Stimme von allen Seiten auf sie zukam. Wie ein Chor von Geisterstimmen.
Ein weiterer Schlag traf Susan Michaels im Gesicht – diesmal auf die andere Wange.
Sie stöhnte auf. Sehr vage und chaotisch kehrten die Erinnerungen zurück. Die Limousine, die Wohnung, die freundlich angebotene Tasse Kaffee.
Und danach hatte alles aufgehört. Wie bei einem Filmriss. Es gab keine Erinnerungen, nur ein tiefes dunkles Loch, in dass sie gefallen war. Sie hatte geschlafen wie ein Stein.
Wie viel Zeit seitdem vergangen war, davon hatte sie keine Ahnung.
Es konnten Tage, Wochen oder nur Stunden sein. Jegliche Empfindung dafür schien ihr abhanden gekommen zu sein.
Susan Michals lag auf dem Bauch.
Der Teppichboden, auf dem sie lag, war ziemlich abgelaufen. Hände und Füße waren mit Kabelbindern zusammengeschnürt, die sich an den Handgelenken tief in ihre Haut eindrückten. Die Hände spürte sie schon gar nicht mehr.
Nur als dunklen Umriss nahm sie eine Gestalt war, die zuvor neben ihr gekniet hatte und sich nun erhob.
Sie versuchte den Kopf zu wenden, vermochte die Gestalt aber nicht zu sehen.
„Was wollen Sie?“
Es kam keine Antwort.
Panik erfasste Susan. Der Puls schlug ihr bis zum Hals.
„Schrei ruhig!“, wisperte eine Stimme. „Dich hört hier niemand, die Wände sind absolut schalldicht. Schrei ruhig... Ich habe auch geschrieen... Damals...“
„Wer sind Sie, verdammt noch mal?“
Ein leises Lachen folgte. Dann wurde Susan an den Haaren gepackt, nachdem sich die Gestalt rittlings auf ihren Rücken gesetzt hatte. Mit einem Rasiermesser wurden die ersten Büschel aus ihrem dichten Haaransatz geschabt. Eine Stelle begann zu bluten. Ein roter Strom lief Susan über das Gesicht.
Die Angst machte sie inzwischen halb wahnsinnig.
„Lassen Sie mich gehen!“, flüsterte sie. „Bitte!“
„Das kann ich nicht“, lautete die kalte Erwiderung.
Susan schrie wieder aus voller Kehle. Die Stimme ermunterte sie noch.
„Lauter! Ich genieße deine Schreie! Nie wieder wird dich ein Mann ansehen. Hast du verstanden? Alles, was du bist, ist ein zuckendes Stück Fleisch voller Furcht.“
Ein heiseres Lachen ertönte nun und ging Susan durch Mark und Bein.
Es begann ihr zu dämmern, dass sie nicht mehr den Hauch einer Chance hatte, mit dem Leben davonzukommen.
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24


Milo und ich saßen später in unserem gemeinsamen Dienstzimmer, das wir uns teilten. Wir sind zwar Außendienstmitarbeiter des FBI, aber die Arbeit mit dem Computer ist für uns ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit.
Ich gab den Namen Donna McNolan in den Computer ein. Zunächst versuchte ich es über NYSIS und AIDS. Es stellte sich heraus, dass ihre Fingerabdrücke gespeichert waren, da sie sich vor ein paar Jahren einmal für den Dienst in der Stadtverwaltung von Jersey City beworben hatte.
Ansonsten gab es im Internet jede Menge Artikel über sie und von ihr. „Seltsam“, murmelte ich. „Donna McNolan behauptet ja, dass sie Journalistin wäre....“
„Ist sie etwa etwas anderes, Jesse?“
„Nein, aber eigentlich gehören Modeschauen zu ihrem Ressort. Sie gehört zum Redaktionsteam der Zeitschrift New Beauty.“
„Dann gehören Reportagen über Serienmörder eigentlich gar nicht zu ihrem Gebiet?“, vergewisserte sich Milo. „Vielleicht will sich Miss McNolan als ernsthafte Fachjournalistin mit großen Reportagen einen Namen mache.“
„Sie braucht sich keinen Namen mehr zu machen – sie hat ihn schon, auch wenn mir das bislang nicht aufgefallen ist.“
Milo grinste. „Liegt vielleicht daran, welche Zeitschriften du liest.“
„New Beauty gehörte bis jetzt jedenfalls nicht dazu!“
„Siehst du!“
Ich lehnte mich in meinem Bürosessel zurück. „Ich hatte gleich das Gefühl, dass nicht alles der Wahrheit entspricht, was Donna McNolan uns aufgetischt hat.“
„Wetten, wenn sie dich nachher noch anruft, weil Susan Michaels ihr gegenüber doch noch das Herz geöffnet hat, ist dein ganzes Misstrauen im Handumdrehen vergessen, Jesse?“
„Möglich.“
Das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelte.
Ich nahm ab, aber es war nicht Donna McNolan, sondern Jennifer Garrison.
„Agent Trevellian?“
„Am Apparat.“
„Sie haben mir Ihre Karte gegeben und gesagt, dass ich Sie anrufen könnte, wenn ich noch etwas aussagen möchte.“
„Ich bin ganz Ohr, Miss Garrison.“
„Nicht hier am Telefon, Agent Trevellian. Um fünf Uhr an der Ecke Howard Street und Lafayette Street in Manhattan. Dort gibt es einen Coffee Shop, dessen Namen mir leider entfallen ist.“
„Wir werden pünktlich sein“, versprach ich.
Sie unterbrach das Gespräch. Ich hatte zwischendurch die Lautsprecherfunktion eingeschaltet, sodass Milo das meiste hatte mithören können.
„Die Frau scheint ziemlich viel Angst zu haben“, lautete der Kommentar meines Kollegen. „Sonst würde sie sich nicht am anderen Ende der Stadt verabreden.“
In diesem Moment kam Max Carter mit einem Computerausdruck in unser Büro.
„Wir wissen jetzt, weshalb Norman Brodie sofort die Flucht ergriffen und sich so vehement gewehrt hat, als du ihn verhaften wolltest Jesse.“
„So?“
„Dies hier kam gerade herein. Das ist der Bericht über die ballistische Untersuchung an Brodies Waffe. Die Waffe ist fabrikneu und noch nirgends aktenkundig. Das gilt allerdings nicht für den Schalldämpfer.“
Genau wie der Lauf einer Waffe hinterließ auch ein Schalldämpfer charakteristische Riefen an einem Projektil.
„Sag bloß, der wurde bereits benutzt!“
„Vor zwei Wochen wurde Alex Waters erschossen. Waters soll ein Handlanger von Jaden Nichols gewesen sein.“
„Dann hat Norman Brodie angenommen, dass du ihn deswegen verhaften willst!“, war Milo überzeugt. „Schließlich kann er sich in dem Fall ja wohl nicht auf Notwehr herausreden.“
„Ein Zuhälterkrieg – wie wir schon vermutet haben“, murmelte ich. „Vielleicht sollen wir Brodie mal mit diesen Erkenntnissen konfrontieren. Möglicherweise ist er dann ja auch in anderen Dingen kooperationsbereiter.“
Ich wählte die Nummer der Gefängnisverwaltung von Rikers Island, wo Brodie derzeit wegen seiner Schussverletzung im Kliniktrakt untergebracht war, um mich anzumelden.
Nachdem ich mich ein paar Hierarchiestufen hoch gefragt hatte, bekam ich schließlich die Auskunft, dass Brodie vernehmungsfähig war.
„Lass uns nach Rikers Island fahren“, wandte ich mich an Milo. „Der Kerl sorgt im Hotel Parrinder für die Sicherheit und ich wette, dass er mehr weiß, als er uns gesagt hat.“
„Du denkst an diesen Kerl, der Frauen die Haare abschneidet?“
„Es könnte doch sein, dass die Frauen von dem Typ erzählt haben, weil sie sich bedroht fühlten.“
„Und wenn er aussagt, dass Sonny Ricone sein Auftraggeber bei dem Mord an Alex Waters war, haben wir eine Handhabe, ihn aus dem Verkehr zu ziehen...“
„...was die Aussagebereitschaft der Frauen, die er auf den Strich, schickt mit Sicherheit erhöhen würde.“
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25


Wir fuhren nach Rikers Island und suchten Norman Brodie in seinem Krankenzimmer auf.
„Sie haben mich ganz schön erwischt!“, meinte er, als er mich sah und deutete auf seine Schulter. „Ein typischer Fall von Polizeibrutalität. Mein Anwalt wird von der Stadt New York eine Entschädigung erstreiten, an die man noch lange denken wird – und wie viel sich die Stadt New York dann von ihnen davon zurückerstatten lässt, wird für Sie eine spannende Frage.“ Er kicherte. „Sollten Sie ein Eigenheim oder einen wertvollen Wagen besitzen, verkaufen Sie ihn besser schon einmal!“
„Ich glaube, Sie sind da in einem Irrtum begriffen“, erwiderte Milo, noch ehe ich dazu etwas sagen konnte.
„Verdammt, es war Notwehr, dass ich Mancuso erschossen habe! Hätte ich zulassen sollen, dass mein Boss über den Haufen geschossen wird? Ihnen wäre das wahrscheinlich lieber gewesen... Auf juristischen Weg hat man ihm ja schließlich bislang nichts anhaben können.“
Ich zeigte ihm ein Foto von Alex Waters, das ich aus dem Computer ausgedruckt hatte und legte es ihm auf die Bettdecke. „Vielleicht wären Sie im Fall Mancuso mit Ihrer Geschichte durchgekommen. Aber nicht bei Waters.“
„Was habe ich mit dem Kerl zu tun?“
„Sie haben ihn erschossen.“
„Hören Sie, verzichten Sie inzwischen vollkommen auf Beweise? Reicht schon eine reine Unterstellung für eine Verurteilung oder wie weit ist unser Rechtssystem bereits heruntergekommen?“
„Wenn jemand wie Sie über die Mängel des Rechtssystems klagt, hat das schon einen eigenartigen Beigeschmack, Mister Brodie“, erwiderte ich. „Der Schalldämpfer Ihrer Waffe wurde beim Mord an Alex Waters verwendet. Für eine Verurteilung dürfte das ausreichen.“
„Ich kenne diesen Waters überhaupt nicht!“
„Das spielt keine Rolle. Sonny Ricone hat Ihnen den Auftrag gegeben, den Handlanger seines Feindes Jaden Nichols aus dem Weg zu räumen. Jedenfalls nehmen wir das an. Aber Sie können natürlich auch die gesamte Schuld auf sich nehmen.“
Er atmete tief durch.
„Ich will einen Anwalt.“
„Wenn er von Ricone bezahlt wird, sollten Sie besser einem Pflichtverteidiger vertrauen, denn Ihr Boss wird doch nur seinen eigenen Kopf aus der Schlinge ziehen wollen...“
Norman Brodie überlegte einige Augenblicke lang. „Verdammt...“, murmelte er.
„Arbeiten Sie mit uns zusammen, dann machen Sie Punkte.“
„Ich will ein konkretes Angebot des Staatsanwalts!“, forderte er.
Milo mischte sich jetzt in das Gespräch ein. „Der zuständige Bezirksstaatsanwalt heißt Robert Thornton und hat eine ausgeprägte Abneigung gegen Prostitution und alles was damit zusammenhängt. Wenn Sie sich da etwas erhoffen wollen, sollten Sie vorher schon mit uns zusammenarbeiten, sonst wird da nicht viel draus. Im Übrigen benötigt er Ihre Aussage dann ohnehin noch einmal vor Gericht!“
„Andernfalls wird Sonny Ricone wahrscheinlich ungeschoren davonkommen und Sie sitzen bis zum Ende Ihres Lebens im Knast“, ergänzte ich. „Falls man nicht sofort auf Mord ersten Grades plädiert und die Todesstrafe beantragt wird, was ich in Ihrem Fall für sehr wahrscheinlich halte.“
Brodie atmete tief durch.
„Okay. Sonny Ricone hat mich beauftragt. Zurzeit herrscht ein Krieg zwischen ihm und Jaden Nichols. Da geht es Auge um Auge, Zahn um Zahn...“
„Mädchen um Mädchen?“, fragte ich.
„Ja, auch das.“
„Was war mit Jack Mancuso?“
„Das war ein gesondertes Problem. Eileen wollte einfach nicht mehr für ihn arbeiten und diesen Nichtsnutz durchfüttern. Daraufhin hat Jack Mancuso sich an Jaden Nichols gewandt. Frei nach der Devise, der Feind meines Feindes ist mein Freund. Nichols kam das natürlich recht. Er hat Mancuso wie einen Kettenhund benutzt, den man nur von der Leine zu lassen braucht, damit er beim Gegner für Terror sorgt!“
„Hängt das alles mit dem Besitzerwechsel im ‚Hidden Joy’ zusammen?“, hakte ich nach. „Es gab doch mal eine Zeit, da sollen sich Nichols und Ricone besser verstanden haben?“
Brodie nickte. „Sonny hat ein paar Schuldscheine aufgekauft und hatte Jaden Nichols in der Hand. Das hat Nichols ihm nie vergessen, darum gab es auch laufend Schwierigkeiten.“ Seine Augen wurden schmal. „Reicht das?“, zischte er.
„Nein, es gibt da noch einen anderen Punkt!“, erklärte ich.
„Schießen Sie los!“
„Wissen Sie irgendetwas von einem Freier, der darauf steht, Frauen die Haare abzuschneiden? Hat irgendeine der Frauen mal darüber berichtet?“
Er atmete tief durch. Mein Instinkt sagte mir, dass er etwas wusste, aber noch mit sich rang, ob er uns das verraten sollte. „Wenn ich Ihnen das erzähle, dann...“ Er sprach nicht weiter.
„Sonny Ricone wird Ihnen ohnehin bald auf Rikers Island Gesellschaft leisten“, erwiderte ich. „Und ich denke, dass man peinlich genau darauf achten wird, dass Sie nicht im selben Zellentrakt untergebracht werden.“
„Darum geht es nicht.“ Einen Augenblick zögerte er noch. „Es gab da einen Kunden, der besonders viel zahlte. Ich bekam heraus, dass Susan Michaels mit diesem Kunden Termine abmachte und dafür wesentlich mehr kassierte als üblich. Natürlich hat sie das Sonny nicht gemeldet, der hätte sonst eine höheren Anteil...“ Brodie biss sich die Lippen. „Ich meine natürlich, er hätte ihre Miete erhöht.“
„Also haben Sie Sonny nichts davon gesagt und mit Susan Michaels einen Deal gemacht.“
Er nickte. „So in etwa.
„Was wissen Sie über den Typ?“
„Dass er Frauen gerne die Haare abrasierte. Aber er war nicht gewalttätig, sondern scherte sie einfach nur kahl wie einen Skinhead. Aber es gibt ja Perücken. Der Kerl kam regelmäßig, immer dann wenn Susans Haare einigermaßen nachgewachsen waren.“
„Zwischenzeitlich wird er sich irgendwo anders geholt haben, was er brauchte“, glaubte Milo.
„Das vermute ich auch. Dafür gab es dann vielleicht einmal im Jahr kleines Vermögen.“
„Wie hieß der Kerl?“
„Randall.“
„War das sein Vorname oder Nachname?“
„Keine Ahnung. Ich weiß noch nicht einmal, ob es sein wirklicher Name war.“
„Hatte Eileen Genardo je mit diesem Typ zu tun?“
„Weiß ich nicht. Möglich wäre es, dass Susan sie weiterempfohlen und dafür einen Teil des Geldes eingesteckt hat. Aber davon weiß ich nichts. Jedenfalls schienen mir ihre Haare immer echt zu sein. Aber ich bin auch kein Experte dafür.“
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26


„Was hältst du von der Geschichte?“, fragte Milo, als wir Rikers Island bereits wieder verlassen hatten und auf dem Franklin D. Roosevelt Drive im Stau steckten.
„Wir werden sehen, was Jennifer Garrison uns sagt.“
„Meinst du, sie kannte diesen ‚Randall’ oder wie immer er auch geheißen haben mag auch?“
„Einen anderen Grund dafür, dass sie nun plötzlich doch den Mund aufmachen wollte, kann ich mir bei ihr kaum vorstellen“, gab ich zurück. „Allerdings lasse ich mich immer wieder gerne überraschen.“
Wir verständigten das Field Office. Gegen Sonny Ricone konnte jetzt ein Haftbefehl ausgestellt werden. Zumindest wegen des Mordes an Alex Waters war er dran.
Milo schaltete das Radio an.
Ein Moderator interviewte gerade Joshua Freed, den Prediger, der wegen seiner geradezu menschenverachtenden Haltung gegenüber den Opfern des Barbiers Schlagzeilen gemacht hatte.
„Die Polizei ist doch heute von Psychologen durchsetzt. Von den Ideen Freuds – und die widersprechen eindeutig der Bibel“, konnte man Freed sagen hören.
„Meinen Sie etwa nicht, dass der wahnsinnige Mörder, der im Augenblick die Straßen New Yorks unsicher macht, von einem krankhaften Wahn befallen ist?“, fragte der Moderator etwas irritiert.
„Vielleicht ist es einfach nur jemand, dem die Unmoral in unserer Stadt und überhaupt in unserem Land reicht und der jetzt eine Grenze ziehen will. Eine Grenze zwischen Gottgefälligkeit und Sünde, zwischen Gut und Böse. Diese Frauen, die sich in unseren Straßen oder in billigen Absteigen anbieten, um ihre Drogensucht zu finanzieren, sind Geschöpfe der Sünde. Sie verdienen kein Mitleid, das ist es was ich sagen will! Formal ist Prostitution verboten, aber glauben Sie vielleicht, dass irgendeine Stadt in den USA, die mehr als 100 000 Einwohner hat, es geschafft hat, dieses Verbot auch durchzusetzen? Mich wundert es nicht, wenn jemand auf die Idee kommt, dass man mit etwas drakonischeren Maßnahmen durchgreifen müsste.“
„Liebe Zuhörer, das ist ziemlich starker Tobak, den Reverend Joshua Freed hier zum Besten gibt.“
„Das steht in schon der Bibel! Man darf das Übel nicht dulden, sonst gehört man schließlich selbst zum Übel. Das gottlose Babylon war auch eine Stadt der Sünde und der Hurerei – und es ging unter.“
„Ja, ich weiß nicht, ob dieser historische Vergleich wirklich zutrifft. Ich habe nämlich in der McKee School in Geschichte nie besonders gut aufgepasst!“ Der Moderator lachte heiser. „Und jetzt noch einmal Musik. Sie können gerne im Sender anrufen, wenn Sie Ihre Meinung zu Reverend Freed und seinen umstrittenen Thesen machen wollen.“
Die Nummer des Senders wurde durchgegeben und anschließend wurde ein Country Song gespielt.
„Tut mir leid, aber ich finde es schwer erträglich, wie dieser Möchtegern-Heilige aus den Morden Kapital schlägt“, meinte ich.
Ich blickte auf die Uhr und hoffte, dass wir noch pünktlich zum Treffpunkt mit Jennifer Garrison kamen. Der Stau bewegte sich etwas und verwandelte sich schließlich in zähfließenden Verkehr mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von nicht mehr als zwanzig Meilen.
Nach dem Country Song wurde das Interview mit Reverend Freed fortgesetzt.
„Wie kamen Sie dazu, Ihr Leben der Verkündigung der Heiligen Schrift zu widmen – in Ihrer speziellen Interpretation natürlich?“, fragte der Moderator.
Die innere Distanz, die der Moderator zu seinem Gast empfand, war nicht zu überhören. Aber offenbar dachte er in erster Linie an die Quote. Und da war Reverend Freed im Moment fast schon eine Erfolgsgarantie, gleichgültig ob er im Fernsehen, im Radio oder sonst wo auftrat.
Die einen mochten ihn, die anderen lehnten ihn vehement ab. Nur gleichgültig ließ er mit seinen ruppigen, von Beleidigungen durchsetzten Statements niemanden.
„Vor sieben Jahren habe ich mein Leben geändert, nachdem ich einen schweren Unfall hatte. Ich war Rausschmeißer in verschiedenen Clubs, ich habe mit Drogen gehandelt und ich habe Dinge getan, die weder vor dem Gesetz noch vor dem Herrn richtig sind.“
„Wer waren Ihre Eltern?“
„Meine Mutter war eine Prostituierte und mich kann man wohl einen Betriebsunfall Gottes nennen.“
„Und Ihr Vater?“
„Ich habe nur einen Vater. Und das ist der im Himmel. Aber wir waren bei dem Unfall vor sieben Jahren. Ich saß mit drei Frauen in einem Sportwagen. Es war Sommer. Die Sonne schien, wir hatten alle reichlich Alkohol und Drogen genommen. Dann gab es einen Unfall. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kam, aber ich war der einzige Überlebende. Da habe ich beschlossen, mein Leben zu ändern und die Sünde furchtlos zu benennen, wo immer sie zu finden war. Wissen Sie, als ich klein war, durfte ich nirgends darüber sprechen, wie meine Mutter ihr Geld verdiente. Können Sie sich vorstellen, was es für ein kleines Kind bedeutet, immer lügen zu müssen?“
„Als Amateur-Psychologe würde ich sagen, der Kerl hasst seine Mutter und wünscht stellvertretend allen Huren New Yorks den Tod“, kommentierte Milo das Interview, das wieder durch Musik unterbrochen wurde. „Was meinst du, Jesse, der Kerl passt doch genau in das Profil, das Dr. Schmitt erstellt hat!“
„Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Freed und den Opfern.“
„Vielleicht bringt uns ja Donna McNolan gleich auf direktem Weg zum Ziel, Jesse. Aber falls nicht, werde ich diesbezüglich mal ein paar Dinge abgleichen...“
„Das ist doch nur Gestocher im Nebel, Milo.
„Und wenn schon. Wir könnten darauf angewiesen sein.“
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27


Zur gleichen Zeit war Clive Caravaggio zusammen mit einem halben Dutzend Kollegen zum Club ‚Hidden Joy’ unterwegs, um Sonny Ricone zu verhaften. Sicherheitshalber fuhren unsere Kollegen Fred LaRocca und Josy O'Leary zum Hotel Parrinder um ihn notfalls dort abzufangen.
Clive gab den am Einsatz beteiligten Agenten die Anweisung, sich auf die Ein- und Ausgänge des ‚Hidden Joy’ zu verteilen. Außerdem wurde die Ausfahrt der zum Gebäude gehörenden Tiefgarage kontrolliert. Sonny Ricone hatte ein paar Plätze für seine Fahrzeuge reserviert. Eine Limousine und zwei Sportwagen parkten dort. Agent Leslie Morell meldete sofort an die anderen, dass sich Sonny Ricone mit großer Wahrscheinlichkeit im Gebäude aufhielt. Über Headsets waren die Agenten ständig untereinander verbunden.
Um diese Zeit war im ‚Hidden Joy’ noch kein Publikumsverkehr. Der Haupteingang stand offen. Am Straßenrand parkte ein Lastwagen. Ein paar Männer waren damit beschäftigt, Getränkekisten abzuladen.
Clive und Orry betraten gefolgt von Agent Jay Kronburg den Club.
Ein kräftiger Mann mit kahlem Kopf kam ihnen entgegen.
„Moment mal, was machen Sie hier?“
„Clive Caravaggio, FBI! Wir möchten Mister Sonny Ricone sprechen!“
„Keine Ahnung, wo er ist.“ Er sah sich um. „In seinem Penthouse wahrscheinlich. Ich sage ihm Bescheid...“
„Nein, dass lassen Sie das besser bleiben“, wies Clive ihn an. „Wie heißen Sie?“
„Don Brinkley.“
„Bringen Sie uns zu ihm, Mister Brinkley. Sie tun übrigens Ihrem Boss keinen Gefallen, wenn Sie irgendwelche Tricks versuchen. Das Gebäude ist umstellt, die Eingänge werden bewacht. Er hat also keine Chance davonzukommen.“
„Was werfen Sie Mister Ricone vor?“, fragte Brinkley.
„Das werden wir ihm besser selbst sagen“, mischte sich unser indianischer Kollege Medina in das Gespräch ein.
Mit dem Lift ging es hinauf bis zum Penthouse.
Eine Kamera observierte den Eingangsbereich zur Wohnung.
Clive drückte auf die Klingel. Ein knackendes Geräusch ertönte. „Ja, bitte?“, tönte es durch die Gegensprechanlage.
„Hier ist das FBI. Machen Sie die Tür auf, Mister Ricone. Es liegt ein Haftbefehl vor.“
„Das muss ein Witz sein!“
„Sie haben den Mord an Alex Waters in Auftrag gegeben. Wenn Sie die Tür nicht selbst öffnen, werden wir gewaltsam eindringen.“
Es knackte im Lautsprecher der Sprechanlage.
„Mister Ricone?“, fragte Clive.
Es erfolgte keine Reaktion.
Jay Kronburg zog seine Dienstwaffe. Als einziger Agent unseres Field Office benutzte er nicht die P226, sondern einen Revolver vom Kaliber .357, den er schon während seiner Jahre bei der City Police benutzt hatte.
„Der kann hier nicht einfach den toten Mann spielen“, meinte er. Er blickte fragend zu Clive, der nach Mr McKee die Nummer zwei in unserem Field Office war.
Clive nickte.
„Okay.“
Mit einem gezielten Schuss seiner Waffe sprengte Jay die Tür auf. Orry gab ihr einen Tritt und ließ sie zur Seite fliegen.
Mit der Waffe im Anschlag stürmte er in einen großzügig angelegten Vorraum, dessen Ausmaße allein schon den vieler New Yorker Wohnungen überstiegen.
Es gab zwei Türen.
Jay wandte sich nach links, wo das Schlafzimmer und das Bad zu finden waren.
„Niemand dort!“, meldete er.
Orry stellte sich links neben die zweite Tür, durch die es wahrscheinlich ins Wohnzimmer ging.
Clive blieb zusammen mit Brinkley im Eingangsbereich der Wohnung.
„Geben Sie auf, Ricone!“ rief Jay, der sich nun auf die rechte Seite der Wohnzimmertür stellte. „Sie haben keine Chance aus diesem Gebäude lebend zu entkommen!“
Keine Reaktion.
„Versuchen Sie es, Mister Brinkley!“, verlangte Clive.
Brinkley schluckte.
„Sonny, mach keine Dummheiten! Ich sag unserem Anwalt Bescheid und der haut dich in einem halben Tag wieder raus!“
Wieder keiner Reaktion.
Jay und Orry wechselten einen Blick. Orry nickte knapp. Jay schnellte vor, trat die Tür ein und ließ sie zur Seite springen.
Mit beiden Händen hielt er den .357er Revolver im Anschlag. Vor ihm lag ein Wohnzimmer von fast hundertfünfzig Quadratmetern. An eine Fensterfront schloss sich ein Dachgarten mit fantastischer Aussicht über den Norden Brooklyn an.
Ein kühler Hauch wehte von draußen herein. Eine Fensterscheibe war zersplittert.
Jay setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Orry folgte ihm.
Hinter der pompösen Ledercouch lag Sonny Ricone ausgestreckt auf dem Boden. Seine Hand umkrampfte noch das drahtlose Kontrollgerät für die Sprechanlage. Die Augen blickten starr und tot gegen die weiß gestrichene Decke. Auf der Stirn war ein kleines, rundes Loch, aus dem Blut tropfte. Die Austrittswunde am Hinterkopf war dagegen sehr viel größer. Auf einer Fläche von fast einem halben Quadratmeter war der weiße Teppich dunkelrot gefärbt.
Clive hatte inzwischen auch das Wohnzimmer betreten. Er lief zu dem zerschossenen Fenster. In einer Entfernung von ungefähr 500 Yards gab es ein anderes Gebäude, an dessen Fassade der Neonschriftzug einer großen Versicherungsgesellschaft prangte. Ein quaderförmiger, zehn Stockwerke hoher Block. Oben auf dem Dach war eine Gestalt als dunkler Umriss zu sehen.
„Verdammt!“, murmelte Clive Caravaggio und griff nach seinem Handy. „Den Kerl werden wir wohl nicht mehr kriegen!“
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28


Donna McNolan parkte ihren Wagen vor einem Haus im Brownstone-Stil mit der Adresse 221 West 19th Street und stieg aus. Ein schmaler, verwilderter Vorgarten schloss sich an den Bürgersteig an. Büsche und Sträucher wucherten teilweise die Fenster im Erdgeschoss zu. Wilder Wein rankte sich an den Brownstone-Wänden empor bis zum zweiten Stock.
Donna McNolan ging zur Tür und drückte auf den Klingelknopf.
Sie wartete ab, aber niemand öffnete. Also versuchte sie es noch einmal.
Ein Summton zeigte an, dass die Sprechanlage eingeschaltet war.
„Alicia, wenn du da bist, dann mach auf. Ich muss mit dir reden.“
Es gab keine Amtwort.
„Alicia? Es ist wirklich dringend.“
Donna wartete ein paar quälend lange Minuten, ehe endlich die Tür aufgeschlossen und einen Spaltbreit geöffnet wurde.
„Na los, Schwesterherz, ich bin kein Einbrecher!“, sagte Donna. Die Tür wurde zur Gänze geöffnet. Eine junge Frau in einem hochgeschlossenen, aber eng anliegenden Kleid stand da. Das dunkle, leicht gelockte Haar trug sie zu einer Knotenfrisur zusammengefasst.
„Hi, Donna“, sagte sie. „Komm herein.“
„Danke. Meine Güte, du hast mich aber auch ganz schön warten lassen.“
Donna betrat das Haus. Im Empfangsraum herrschte Halbdunkel. Alicia verschloss sorgfältig die Tür.
Dann gingen sie gemeinsam ins Wohnzimmer, das mit Mobiliar völlig überfüllt war. Vitrinen und Schränke mit kleinen, butzenartigen Glasscheiben prägten den ersten Eindruck. Der Rest der freien Wandfläche wurde durch Regale bedeckt.
Und überall waren Porzellanpuppen. Die Größen waren sehr unterschiedlich. Sie reichten von fingergroßen Objekten bis zu Puppen, die von Kopf bis Fuß schätzungsweise einen Meter groß waren.
Fünf mittelgroße Puppen waren an fast unsichtbaren, von der Decke herabhängenden Fäden aufgehängt worden und bildeten ein Mobile.
„Setz dich doch, Donna. Möchtest du Kaffee? Oder Tee?“
„Vielleicht später.“
„Du hast dich eine ganze Weile nicht blicken lassen, Donna.“
„Es war viel zu tun.“
„Müssten jetzt nicht die großen Herbstschauen in Mailand und Paris sein?“
„Ja.“
„Fliegst du rüber nach Europa?“
„Nein. Diesmal nicht.“
Alicia lächelte verhalten. „Schade. Diesmal hätte ich mir vielleicht überlegt, dich noch mal zu begleiten. Als Zwillingsschwestern wären wir sicher aufgefallen, meinst du nicht auch?“
„Kann schon sein.“
Alicias Tonfall veränderte sich. „Warum fährst du diesmal nicht nach Europa? Ich dachte, du bist Ressortleiterin bei New Beauty? Oder hat man dir eine Jüngere vor die Nase gesetzt, weil man denkt, dass sie die Trends besser erfassen kann?“ Alicia hob die Schulter und strich sich ein paar verirrte Strähnen aus dem Gesicht. „Tja, so ist das Leben, Schwesterherz. Man wird älter und schwächer, bis man schließlich in der Kiste liegt und die Maden einen zerfressen. Darum möchte ich ja auch eine Seebestattung, wenn es bei mir mal so weit ist.“
„Verstehe ich.“
Donna McLee hatte ihrer Schwester bis jetzt geduldig zugehört. Aber als Alicia erneut zu einem Redeschwall ansetzen wollte, fuhr sie hart dazwischen. „Alicia, ich arbeite im Moment an einem Thema, das nichts mit Mode zu tun hat. Und deswegen bin ich auch hier...“
„Nichts mit Mode? Das klingt interessant. Du bist doch jetzt nicht etwa unter die investigativen Journalisten gegangen, die Skandale ausgraben und den Leuten hinter den dicken Schreibtischen mal ein paar schlaflose Nächte bereiten?“
„So ähnlich. Ich kann dir nicht sagen, worum es geht. Und zwar zu deiner eigenen Sicherheit.“
„Oh, so wichtig ist die Sache? Du kannst dich auf mich verlassen, ich schweige wie ein Grab. Eigenartig, wie kommen wir nur immer wieder auf Tod, Bestattungsarten und dergleichen, wenn wir miteinander reden?“
„Ich brauche eine Wohnung, Alicia. Lass mich für ein paar Tage bei dir einziehen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich beobachtet werde und es könnte sein, dass man mir ziemlich unangenehmen Besuch auf den Hals hetzt.“ Donna vollführte eine ausholende Geste. „Das Haus ist ja groß genug, sodass ich dir auch nicht auf den Wecker fallen würden. Na, was sagst du?“
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29


Wir waren etwas zu spät am Treffpunkt Ecke Howard Street und Lafayette Street.
Der Coffee Shop, den Jennifer Garrison vorgeschlagen hatte, hieß ‚Antonio’s Place’. Jennifer Garrison wartete dort an einem der hinteren Tische, trug eine getönte Brille und nippte an ihrem Capuccino.
„Ich dachte schon, Sie kämen nicht mehr“, meinte sie.
„Tut mir leid, aber der Verkehr im Big Apple hat es leider nicht zugelassen, dass wir rechtzeitig hierher kommen konnten“, antwortete ich.
Wir setzten uns. Ich bestellte einen Espresso, Milo einen Capuccino.
„Ich habe noch einmal über alles nachgedacht“, meinte Jennifer Garrison schließlich. „Eigentlich habe ich Susan geschworen, nichts davon zu sagen.“
„Sprechen Sie von dem Typen, der darauf stand, Frauen die Haare abzurasieren?“, fragte ich.
Sie sah mich erstaunt an. „Sie wissen schon davon?“
„Nur, dass er Randall heißt.“
„Ja, das stimmt. Ich habe keine Ahnung, wie Susan an den Kerl gekommen ist. Jedenfalls zahlte der ihr so viel, wie man sonst in einem Monat bekommt.“
„Dafür verlor sie auch ihre Haare“, mischte sich Milo ein.
Jennifer Garrison nickte. „Deswegen hatte sie so einen Job ja auch nur einmal im Jahr. Eigentlich schien mir der Kerl harmlos zu sein.“
„Sie sind ihm begegnet?“
„Ja, Susan hat mich weiterempfohlen. Dafür sollte ich ihr ein Viertel des Geldes geben. Sie verlor dadurch nichts, weil ihre Haare noch zu kurz waren. Ich bin zu dem Kerl in den Wagen gestiegen.“
„Was war das für ein Wagen?“
„Ein Ford, da bin ich mir sicher.“
„Farbe?“
„Metallic. Der Kerl hat mich übrigens eine Straßenecke weiter wieder auf die Straße gesetzt.“ Jennifer Garrison strich sich über die Haare. „Ich trug ein Haarteil, um alles nach etwas mehr erscheinen zulassen. Offenbar hatte er einen Blick dafür und empfand das als Betrug. Jedenfalls war er plötzlich nicht mehr interessiert und hat mich ziemlich grob rausgeworfen!“ Sie hob die Schultern. „Ich dachte, das sollten Sie vielleicht wissen. Susan hat zwar versucht, mir auszureden, dass ich mit Ihnen rede. Aber andererseits könnte der Kerl ja der ’Barbier’ sein, oder?“
„Wann war das?“, fragte ich.
„Vor einem halben Jahr.“
„Können Sie den Mann näher beschreiben?“, mischte sich Milo ein.
„Das kann ich. Er war hager und knorrig, das Haar kurz. Mitte dreißig würde ich sagen. Und er wirkte sehr gepflegt. Am Adamsapfel war eine dunkle Stelle – vielleicht ein Muttermal. Das konnte ich auf Grund der Lichtverhältnisse nicht richtig erkennen.“
„Ich schlage vor, wir nehmen Sie mit zur Federal Plaza, um ein Phantombild des Kerls machen zu können“, sagte Milo.
„Gute Idee“, stimmte ich zu.
„Moment mal und ich werde überhaupt nicht gefragt?“, ereiferte sich Jennifer Garrison. „Wenn ich gewusst hätte, dass so was dabei herauskommt, dann hätte ich Sie nie angerufen, Agent Trevellian!“
Mein Handy klingelte und so schluckte ich die Antwort, die mir auf der Zunge lag, wieder herunter und nahm den Apparat ans Ohr.
Es war Mr McKee.
Der ‚Barbier’ hatte ein weiteres Opfer gefordert.
„Susan Michaels wurde tot aufgefunden“, erklärte ich wenig später, nachdem ich das Gespräch wieder beendet hatte. „Kahl rasiert, so wie die anderen Opfer des ‚Barbiers’. Jennifer, Sie müssen uns helfen! Oder wollen Sie, dass noch mehr Frauen auf diese Weise ins Jenseits befördert werden?“
Jennifer Garrison schluckte.
„Okay“, murmelte sie schließlich.
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Mr McKee hatte unsere Kollegen Fred LaRocca und Josy O'Leary sowie den FBI eigenen Erkennungsdienstler Sam Folder an den Fundort der Leiche von Susan Michaels beordert.
„Der Barbier scheint eine Vorliebe für den Central Park zu entwickeln“, meinte Lieutenant Matt Gerber von der zunächst zuständigen Homicide Squad, deren Mitglieder als Erste am Tatort gewesen waren.
Er begrüßte Josy und Fred freundlich. „Wir haben Ihr Field Office umgehend verständigt“, erklärte er. „Dieser Mord gehört wohl auch auf das Konto des sogenannten ‚Barbiers’. Ich denke, dass kann man bereits vor Abschluss der Laboruntersuchungen anhand der am Tatort gefundenen Merkmale mit großer Wahrscheinlichkeit feststellen.“
Die Tote war in dem Waldstück, das zwischen The Lake und der Transverse Road No.2 lag, abgelegt worden. Es gab hier ein Netz von befestigten Wegen, die vor allem in den Früh- und Abendstunden von Joggern genutzt wurden. Aber der größte Teil dieses Netzes ließ sich auch mit dem Wagen befahren, auch wenn es da verschiedene Einschränkungen gab.
Allerdings war es unmöglich, die Einhaltung dieser Sperrungen vollkommen zu kontrollieren.
Susan Michaels war notdürftig mit Zweigen bedeckt und hinter einem knorrigen, sehr dicken Baum abgelegt worden. Für einen Spaziergänger oder Jogger wäre sie sich nicht ohne weiteres zu erkennen gewesen. Aber der Hund eines Spaziergängers hatte dafür gesorgt, dass sie so schnell gefunden worden war.
Dr. Brent Claus kümmerte sich gerade um die Leiche und führte erste Untersuchungen am Tatort durch.
„Sie wollen sicher den ungefähren Todeszeitpunkt erfahren“, glaubte Dr. Claus - ohne, dass er dabei von seiner Arbeit aufsah oder sich umdrehte.
„Das wäre schön, Dr. Claus“, nickte Josy.
„Mir gegenüber will der Doc sich noch nicht festlegen“, erklärte Lieutenant Matt Gerber. „Aber vielleicht haben Sie ja mehr Glück.“
„Es ist einfach nicht genau zu sagen. Mindestens sechs Stunden und höchstens...“ Dr. Claus zuckte mit den Schultern, während er sich wieder erhob. „Ansonsten ergibt sich dasselbe Bild wie bei den anderen Opfern. Sie haben nichts bei sich, woran man sie identifizieren könnte. Kein Handy, keine Papiere – gar nichts! Noch nicht einmal eine Karte für die Subway!“
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Wir brachten Jennifer Garrison zum Bundesgebäude an der Federal Plaza. Agent Prewitt, der Zeichner unseres Field Office, gesellte sich zu uns und wir begannen, mit Jennifers Hilfe ein Phantombild des Mannes zu ermitteln, der sich ‚Randall’ genannt hatte.
Natürlich benutzte Prewitt dazu nicht mehr einen Zeichenstift, sondern ein Laptop mit entsprechender Software und einem anschließbaren Zeichenpad.
Als wir fertig waren, gaben wir die Bilddatei zum Abgleich mit dem Archiv ein. Die Zahl der über NYSIS erzielten Treffer lag bei 2134 Personen, die mehr oder minder große Überereinstimmungen mit dem Phantombild aufwiesen.
Die Größe des Verdächtigen war für Jennifer kaum zu schätzen gewesen, da sie ihn nur im Sitzen gesehen hatte. Aber das vermutete Muttermal am Hals gaben wir als zusätzliches Unterscheidungskriterium ein. Die Zahl der erkennungsdienstlich behandelten Personen, deren Einträge noch verfügbar waren, wurde dadurch auf 821 reduziert.
„Wenn wir die genaue Form und Größe dieses Muttermals wüssten, könnten wir den Verdächtigen noch sehr viel besser einkreisen“, gab Milo zu bedenken.
„Es tut mir leid“, antwortete Jennifer Garrison. „Aber das konnte ich einfach nicht erkennen.“
Aus den verbliebenen 821 Einträgen filterten wir alle heraus, die in einem Umkreis von nicht mehr als 50 Meilen um New York gewohnt hatten, als sie das letzte Mal mit der Justiz in Kontakt kamen.
„Bleiben immer noch mehr als dreihundert Namen“, stellte Milo fest.
Wir filterten alle diejenigen heraus, die den Namen Randall trugen. Bei drei Personen war es der Familienname, vier weitere trugen ihn entweder als ersten oder zweiten Vornamen.
„Sieben Gesichter aus über zweitausend!“, meinte Milo. „Das soll uns Max erstmal nachmachen!“
Wir gingen mit Jennifer Garrison die Bilddateien dieser sieben Männer durch. Dem Phantombild entsprach nur einer von ihnen.
„Randall Jakes, 32 Jahre, mehrfach angezeigt, weil er Prostituierte aufgesucht hat“, murmelte ich.
„Außerdem mehrfache Körperverletzung und versuchte Körperverletzung“, ergänzte Milo. „Die Opfer waren immer Prostituierte.“
„Das Problem ist, dass die letzte Anzeige schon einige Jahre zurückliegt. Die Adresse muss also nicht mehr stimmen. Die Bewährung ist abgelaufen“, stellte ich fest.
„Trotzdem kann es nicht schaden, wenn wir bei seiner letzten Adresse vorbeischauen, Jesse.“
Ich wandte mich an Jennifer Garrison. „Wo können wir Sie erreichen, falls wir noch Fragen an Sie haben?“
„Ich besitze ein Handy. Wenn Sie wollen, schreibe ich Ihnen die Nummer auf.“
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Ein Abgleich mit der Zulassungsstelle ergab, dass ein metallicfarbener Ford auf den Namen Randall Jakes zugelassen war. Ein Wagen von genau dem Typ, der am Heckscher Playground im Central Park gesehen worden war, kurz bevor man Eileen Genardo aufgefunden hatte.
Randall Jakes letzte Adresse lag an der Amsterdam Road in einem Wohnhaus der gehobenen Kategorie. Die Randalls bewohnten eine Traumetage mit Blick auf den Hudson River. Bei gutem Wetter konnte man die Silhouetten von Weehawken und West New York am New Jersey Ufer des großen Stroms sehen.
Josy O'Leary und Fred LaRocca begleiteten uns.
Als wir vor der Wohnungstür standen, öffnete uns eine Frau von Anfang dreißig. Sie trug eine stark getönte Brille. Das Kinn sah geschwollen aus, aber sie schien sehr geschickt dabei zu sein, einen Bluterguss wegzuschminken.
„Trevellian, FBI“, sagte ich und hielt ihr meinen Ausweis entgegen. „Wir suchen Mister Randall Jakes.“
„Ich bin seine Frau – noch!“
Sie nahm die Brille ab, sodass der Blick auf ein blaues Auge frei wurde. Es war so stark angeschwollen, dass sie kaum etwas sehen konnte.
„Kommen Sie herein“, forderte sie uns auf.
„Wo ist Ihr Mann?“, fragte ich.
„Er hat ein paar Sachen gepackt und ist weggefahren. Ich nehme an, dass er sich ein Hotelzimmer genommen hat, aber das ist natürlich nur eine Vermutung.“
Wir gingen ins Wohnzimmer. Auf dem Teppichboden war ein Fleck, der aussah, wie getrocknetes Blut, das jemand ziemlich unfachmännisch zu entfernen versucht hatte.
„Wir werden ein paar Fasern von diesem Teppichboden mitnehmen“, kündigte Milo an.
„Worum geht es hier eigentlich?“
„Wir verdächtigen Ihren Mann, ein Serienmörder zu sein, der in den letzten sieben Jahren unter dem Namen ‚Barbier’ in New York traurige Berühmtheit erlangt hat“, erklärte ich.
Mrs Jakes schluckte. „Ist das Ihr Ernst?“
„Wir wissen, dass er zu Prostituierten gegangen ist und ihnen viel Geld bezahlt hat, um ihnen die Haare abschneiden zu dürfen.“
„Ich weiß“, murmelte sie. „Ich meine, ich weiß, dass Randall zu Prostituierten ging. Immer wieder. Das ist auch der Grund dafür, dass ich mich jetzt dazu entschlossen habe, mich von ihm zu trennen und die Scheidung einreichen werde. Das mit den Haaren klingt pervers, aber...“ Sie vollführte eine ruckartige Bewegung und sah mir anschließend direkt in die Augen. „Muss er deswegen schon ein Mörder sein?“
„Es gibt Indizien, die das nahe legen“, sagte Milo, während er ein paar Teppichfasern ausrupfte und eintütete. „Wenn Sie doch irgendeine Ahnung haben, wo er sich befindet, dann sollten Sie uns das sagen, Mrs Jakes.“
„Ich habe keinen Grund ihn zu schützen“, erwiderte sie und deutete auf ihr zerschlagenes Gesicht. „Sie sehen ja, dass er zur Gewalttätigkeit neigt.“
„Was ist hier passiert?“, hake Milo nach und deutete auf den Blutfleck.
„Das ist mein Blut“, antwortete Mrs Jakes. „Sie können gerne einen DNA-Test machen.“
Josy O'Leary strich sich die rote Mähne etwas zurück und holte ein Dokument hervor, das sie Mrs Jakes unter die Nase hielt. „Das ist ein Durchsuchungsbeschluss für diese Wohnung.“
„Sicher. Ich hoffe, dass Sie die Privatsphäre meiner Räume in dieser Wohnung respektieren werden.“
„Seit wann kennen Sie Jakes?“, fragte ich.
„Seit einem Jahr. Anfangs lief alles großartig, aber mit der Zeit zeigte Randall sein zweites, gewalttätiges Gesicht. Er scheint jemand zu sein, der Freude dabei empfindet, wenn er Angst verbreitet.“
„Das passt alles ins Profil“, meinte Milo.
„Seit wann ist Ihr Mann ausgezogen?“, fragte ich Mrs Jakes.
„Seit anderthalb Wochen. Die Wohnung gehört ihm, eigentlich hätte ich ausziehen müssen. Randall hat das getan, weil er hofft, mich dadurch besänftigen zu können, so wie beim letzten Mal. Aber jetzt ist Schluss. Ich werde meine Sachen packen und zum Anwalt gehen.“
„Dann wollte er die Beziehung aufrechterhalten?“
„Natürlich. Er dachte, er kann beides haben – seine Huren und mich. Das habe ich ihm einmal verziehen, aber jetzt ist Schluss. Und zwar endgültig.“
„Wir brauchen noch eine Speichelprobe von Mrs Jakes“, sagte ich. „Wegen dem Blutfleck. Ich würde gerne sicher sein, dass er wirklich von Ihnen stammt.“
Mrs Jakes erbleichte.
„Ich habe nichts dagegen“, presste sie zwischen den Lippen hindurch.
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Vor anderthalb Wochen war es offenbar zu einem heftigen Streit gekommen. In dieser Zeit hatte der ‚Barbier’ zwei Frauen umgebracht.
Auch das passte zum Profil, das Dr. Gary Schmitt für uns erarbeitet hatte. Schließlich ging er davon aus, dass ein besonderer Stress für die Erhöhung der Tatfrequenz dieses Serientäters verantwortlich war.
„Früher oder später wird Jakes eine Kreditkarte benutzen, um sein Hotel zu bezahlen und dann haben wir ihn“, war Fred LaRocca recht zuversichtlich.
Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile mit Mrs Jakes. Ihr Vorname lautete Linda und sie stammte eigentlich von der Westküste.
Randall Jakes lebte offenbar von einem Immobilienvermögen, das er von einem kinderlos gebliebenen Onkel namens Brian Rather ererbt hatte. Bei diesem Onkel hatte er seit seinem zwölften Lebensjahr gelebt, nachdem seine Eltern bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren. Seine Eltern entstammten kleinen Verhältnissen und hatten eine Friseursalon in der Mott Street betrieben, während sein Onkel mit Immobilen reich geworden war, bevor er an Krebs starb.
Sein ererbtes Geld hatte Randall Jakes teilweise in dubiose Geschäfte gesteckt. Die Post, die sich auf dem Schreibtisch seines Arbeitszimmers in den letzten anderthalb Wochen aufgetürmt hatte, gab darüber Auskunft, dass er offenbar regen Kontakt mit einer Reihe von Investmentfirmen auf Barbados und den Cayman Islands hatte.
„Sein Telefonregister scheint ihm nicht wichtig genug gewesen zu sein, um es mitzunehmen!“, stellte Milo fest.
„Kein Wunder. Ein aktiver Geschäftsmann war Jakes wohl auch nicht“, gab ich zurück. „Eher jemand, der sich zur Ruhe gesetzt hatte!“
„Mit Anfang dreißig! Davon können FBI-Agenten wohl nur träumen.“
„Tust du das wirklich, Milo?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen, selbst wenn ich genügend Geld auf den Cayman Islands oder sonst wo hätte... Aber da ich niemanden aus meiner Verwandtschaft wüsste, der mir so ein Vermögen vermachen könnte, werde ich mir wohl auch ohnehin keine Gedanken über diese Frage machen brauchen.“ Er durchblätterte das Telefonregister und fand schließlich einem Eintrag, der uns bekannt vorkam. „Hier steht eine Nummer mit dem Vermerk ‚J. Nichols’. Das könnte Jaden Nichols ein.“
„Klingt für mich logisch, wenn er es wäre!“, erwiderte ich. „Schließlich ist Jaden Nichols Zuhälter und Randall Jakes’ Verschleiß an Prostituierten, die ihm seine Sonderwünsche erfüllten, scheint ja recht groß gewesen zu sein.“
„Sich die Haare abschneiden lassen ist ja eine Sache, Jesse. Aber ich gehe davon aus, dass er diese Frauen nicht besser behandelt hat, als seine eigene!“
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Der Wind zerrte an den Kleidern, als Clive und Orry zusammen mit unserem Erkennungsdienstler Mell Horster auf dem Dach des Gebäudes standen, von dem aus auf Sonny Ricone geschossen worden war.
Es handelte sich um einen Büroblock der Carlisle Insurance Group, einem Versicherungskonzern, der an der gesamten Ostküste tätig war.
Die Büros, die hier untergebracht waren, wurden allerdings nicht nur von der Carlisle Insurance Group genutzt, sondern waren zum Teil an Rechtsanwälte, selbstständige Sachverständige und Privatermittler vermietet worden, die für die Versicherung überwiegend tätig waren.
„Ein Gebäude mit höchster Sicherheitsstufe – und trotzdem war es für den Killer möglich, hier hinauf zu gelangen und Sonny Ricone zu erschießen“, stellte Clive fest.
„Höchste Sicherheitsstufe, aber viel Publikumsverkehr!“, gab Orry zu bedenken. „Da geht auch dem besten Security Service mal jemand durch die Lappen, der eigentlich im Gebäude nichts zu suchen hat.“
Clive blickte in Richtung von Sonny Ricones Penthouse.
Mit einem Zielfernrohr war es überhaupt kein Problem, in dessen Wohnzimmer Einzelheiten zu erkennen. Der Killer hatte einfach nur abwarten müssen, bis Ricone sich in einer günstigen Schussposition befand und dann abgedrückt.
„Ich wette, da steckt Jaden Nichols dahinter“, murmelte Clive.
„Aber es wird schwer werden, ihm das zu beweisen!“, gab Orry zu bedenken.
Mit Hilfe eines Messgeräts bestimmte Mell Horster inzwischen, von wo aus genau geschossen worden war.
Eine Patronenhülse fand sich nicht. Der Täter hatte sie offenbar aufgesammelt.
Aber dafür gab es Schmauchspuren an der Betonkante des Daches. Der Täter hatte sich für seinen tödlichen Schuss auf Sonny Ricone offenbar auf den Boden gelegt, weil es so am einfachsten war, das Gewehr ruhig zu halten.
„Wäre zu schön, wenn der Kerl auch noch ein Kaugummi oder einen Zigarettenstummel hinterlassen hätte“, sagte Mell.
„Dann würden wir wohl um die lästige Pflicht herumkommen, uns zig Stunden Aufzeichnungsmaterial der Überwachungskameras ansehen zu müssen“, erwiderte Clive.
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Wir fuhren zurück zum Field Office. In Mr Highs Büro erstatteten wir kurz Bericht und erfuhren vom Mordanschlag auf Sonny Ricone. Dort trafen wir auch Dr. Schmitt an.
„Leider haben wir gegen Jaden Nichols derzeit keine Handhabe, obwohl natürlich nahe liegt, dass er seinen Konkurrenten aus dem Weg schaffen wollte“, sagte Mr McKee. „Die Aufzeichnungen der Videokameras aus dem Carlisle Building werden derzeit untersucht. Vielleicht finden wir unter all den Personen, die da zu sehen sind, jemanden, der irgendwie mit Nichols in Zusammenhang steht. Dann haben wir ihn vielleicht.“
Dr. Schmitt hörte sich interessiert an, was wir über unseren Besuch bei Mrs Jakes zu berichten hatten.
„Dieser Randall Jakes scheint tatsächlich ins Schema zu passen“, meinte er. „Ich werde mir alles besorgen, was es über ihn an Daten gibt. Vielleicht finde ich etwas.“
„Die Fahndung läuft, er wird früher oder später einer seine Kreditkarten benutzen und dann kommen wir auf seine Spur“, war Mr McKee überzeugt.
„Fragt sich nur, ob das schnell genug ist“, warf Dr. Schmitt ein. „Er scheint sich in einer Art Ausnahmezustand zu befinden. Anders ist die hohe Tatfrequenz nicht zu erklären.“
„Etwas gibt mir noch zu denken“, mischte ich mich jetzt wieder in das Gespräch ein. „In der Wohnung von Mister und Mrs Jakes war ein Blutfleck auf dem Teppichboden. Wir haben Proben genommen und werden relativ rasch sagen können, ob es sich wirklich um das Blut von Mrs Jakes handelt, das dort zu finden war.“
„Glauben Sie etwa, es war das Blut eines der Opfer?“, fragte Mr McKee. „In dem Fall müssten wir davon ausgehen, dass Mrs Jakes von den Taten vielleicht sogar wusste...“
„...oder vielleicht daran beteiligt war“, vollendete Dr. Schmitt den Satz.
„Halten Sie das in diesem Fall für wahrscheinlich, Gary?“, fragte Mr McKee.
Der Psychologe zuckte mit den Schultern. „Täterpaare kommen hin und wieder vor. Die Tatsache, dass Mrs Jakes offenbar über längere Zeit hinweg misshandelt wurde, könnte dafür sprechen. Sie nähme dann in dieser Beziehung eher den unterwürfigen Part ein.“
„Während der letzten beiden Morde war Randall Jakes angeblich schon ausgezogen“, hielt ich dem entgegen. „Aber wenn wir davon ausgehen, dass die Vorgehensweise immer ähnlich war und der ‚Barbier’ seine Opfer in die Wohnung gebracht, ihnen Kaffee angeboten und sie dann betäubt hat, ergibt sich ein Problem.“
„Vo welchem Problem sprechen Sie, Jesse?“
„Die Wohnung der Jakes’ ist zwar ziemlich groß, aber auch sehr übersichtlich. Wenn dort ein Mord stattgefunden hätte, wäre das unmöglich gewesen, ohne dass Mrs Jakes das mitbekommen müsste. Davon abgesehen sind die beiden erst ein Jahr verheiratet. Der Mord an Gail Montgomery geschah vor sieben Jahren.“
„Wie lange sie sich kennen, wissen wir aber nicht“, gab Milo zu bedenken.
„Wir werden den DNA-Test abwarten“, kündigte Mr McKee an. „Wenn Sie Recht haben, dann spricht das vielleicht tatsächlich für ein Täterpaar! Andererseits ist es ja nicht ausgeschlossen, dass er vielleicht eine Extrawohnung für seine tödlichen Rendezvous benutzte.“
„Oder Randall Jakes ist doch nicht unser Mann“, meine ich.
„Mal den Teufel nicht an die Wand, Jesse. Dann fangen wir ja wieder ganz von vorne an!“
Ich wandte mich an Gary Schmitt. „Wo würden Sie Randall Jake suchen?“
Gary nippte an seinem Kaffeebecher und lehnte sich nachdenklich zurück. Er schlug die Beine übereinander und sagte schließlich: „Die verwendeten K.o.-Tropfen stammten doch von jemanden, der im Umkreis der Diskothek ‚The Skull’ aktiv ist. Also könnte es sein, dass er dort wieder auftaucht.“
„Aber nur, wenn er Nachschub braucht“, stellte Milo klar.
Gary hob die Augenbrauen. „Ich habe vorhin im Radio gehört, dass dieser radikale Prediger, der die die Morde des Barbier als eine Art göttlicher Bestrafung für Sünderinnen ansieht, heute Abend in der Concert Hall des Hunter College eine Veranstaltung durchführt, die von ein paar ultrakonservativen Gruppen organisiert wird.“
„Sie glauben, Jakes geht dort hin?“, fragte ich.
„Es wäre zumindest möglich! Sehen Sie, der ‚Barbier’ bekommt durch diesen Prediger doch so etwas wie höhere Weihen! Eine Bestätigung dafür, dass die Art und Weise, in der er Sünderrinnen bestraft, gerechtfertigt ist. Unser Täter hat zweifellos ein Gewissen, Jesse! Er hat auch ein Gefühl für Gerechtigkeit und Moral, auch wenn es von unserem erheblich abweichen mag!“
„Insbesondere in der Wahl der Mittel!“, kommentierte Milo.
Gary nickte und fuhr fort: „Der ‚Barbier’ ist in einer verzweifelten Situation. Die Taten haben eigentlich die Funktion, ihn zu entlasten. Aber sie belasten sein Gewissen und er braucht früher oder später eine Rechtfertigung. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Täter dieses Typs sich einem Priester zur Beichte öffnet, vorausgesetzt er ist katholisch und hat einen Bezug dazu. Aber jemand wie Joshua Freed macht seiner Seele eigentlich ein viel attraktiveres Angebot.“
„Dann finde ich, wir sollten uns auf dieser Veranstaltung mal umsehen“, schlug ich vor. „Begleiten Sie uns, Gary?“
„Sicher.“
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Zusammen mit Dr. Schmitt und den Special Agents Josy O'Leary und Fred LaRocca suchten wir die Concert Hall des Hunter College auf. Diese Schule lag in der Upper East Side.
„Wundert mich, dass man den Kerl hier reden lässt!“, bekannte Milo. „Schließlich ist das doch eine öffentliche Schule.“
„Wahrscheinlich sponsert eine der Organisationen, die hinter Freed stecken, dieser Schule in nächster Zeit einen frischen Anstrich!“, gab ich zu bedenken.
„Nötig wäre so ein Anstrich allerdings.“
Joshua Freed war eine beeindruckende Erscheinung. Er war fast zwei Meter hoch und breitschultrig, sodass die schätzungsweise zwanzig Kilo Übergewicht, die er mit sich herumtrug, gar nicht so sehr auffielen. Der Bart war grau durchwirkt und reichte bis zum Ende des Brustbeines. Das Haar begann am Ansatz etwas schütter zu werden. Es war zurückgekämmt. „Ja, es ist unbequem was ich sage! Es ist für alle die unbequem, die in ihrem Herzen keinen Platz für Gott lassen und sich vollkommen den irdischem Werten verschrieben haben! Es ist unbequem für alle diejenigen, die auf die grelle Schminke der Sünderinnen starren wie Lots Frau auf das brennende Sodom – und dann zur Salzsäule erstarren! Aber hat Gott jemals gesagt, dass er es den Menschen leicht machten will?“
Ungefähr 500 Personen lauschten der sehr charismatisch vorgetragenen Predigt Freeds. Ich sah mehrere Kamera-Teams. Für eine Veranstaltung dieser Größenordung war das öffentliche Interesse außergewöhnlich groß.
„Dieser Kerl scheint endlich gefunden zu haben, was er wohl schon seit längerem vergeblich gesucht hat – ein Publikum nämlich!“, raunte Gary Schmitt mir zu.
„Die Sünde ist überall!“, rief der Prediger. „Und es gibt immer wieder Menschen, die zum Werkzeug Gottes werden. Menschen, die die Sünde mit den Mitteln des Satans bekämpfen, aber dennoch auf der Seite des Guten stehen. Darum rufe ich all den Frauen zu, die sich wie Huren Babylons verkaufen: Hört auf, sodass euch der Todesengel nicht heimsucht! Alles, was euch zustößt, habt ihr euch selbst zuzuschreiben, wenn ihr weiter auf dem Weg der Finsternis wandelt...“
Wir gingen durch die Reihen der Zuschauer. Aber das Licht war sehr gedämpft, sodass man die einzelnen Gesichter nur schwer identifizieren konnte.
Ein Gospelchor begann zu singen und das Publikum stimmte in ein Lied ein.
Joshua Freed sang mit großer Inbrunst.
Die Veranstaltung dauerte gerade mal eine Dreiviertelstunde und ich fragte mich, ob manche aus dem Publikum vielleicht nur deswegen hier waren, weil irgendein Fernsehsender ihnen ein paar Dollars zugesteckt hatte.
Wir postierten uns rechtzeitig in der Nähe des Ausgangs, um die Zuschauer beim Hinausgehen beobachten zu können.
Mir fiel eine junge Frau auf, die ich sofort erkannte.
Donna McNolan!
Ich grüßte sie. Sie wandte den Kopf in meine Richtung und sah mich vollkommen verständnislos an.
Wenig später war sie in der Menge verschwunden.
„Sie scheint einen guten Riecher zu haben, diese Donna McNolan“, meinte Milo.
„Du glaubst, sie hatte denselben Gedanken wie wir?“
„Warum sollte sie sonst hier sein, Jesse?“
Ich sah sie kurze Zeit später noch einmal aus der Menge auftauchen. Sie blickte in meine Richtung und ging dann weiter.
Ich hatte keine Zeit mehr, mich gedanklich mit der Reporterin zu befassen, denn in diesem Augenblick stieß mir Milo in die Rippen.
„Da ist er, Jesse! Randall Jakes!“
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37


Wir drängelten uns durch die Menschen und erreichten nach wenigen Augenblicken den Mann, den Milo als Randall Jakes identifiziert hatte.
„Mister Randall Jakes?“, fragte Milo.
„Was wollen Sie?“, fragte Jakes.
„Ihnen Ihre Rechte vorlesen. Sie sind nämlich vorläufig verhaftet und haben das Recht zu schweigen. Falls Sie darauf verzichten sollten, kann alles, was Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet...“
„Sind Sie noch bei Trost?“, fragte Jakes.
Einige der anderen Besucher der Veranstaltung drehten sich zu Milo und mir um. Sie beobachteten misstrauisch die Szene.
Ich hielt Jakes den Ausweis unter die Nase. Milo legte ihm Handschellen an.
„Steckt meine Frau dahinter oder was ist jetzt los?“, fragte Randall Jakes völlig konsterniert. Er leistete keinerlei Widerstand.
„Mit Ihrer Frau hat das nichts zu tun - auch wenn Sie sich vielleicht nicht ganz so sehr darüber freut, Sie bald wieder zu sehen, weil Sie ihr ziemlich wehgetan haben!“
„Pah“, machte Jakes. „Sie mag es so.“
„Ja sicher“, erwiderte ich. „Irgendeine Ausrede hat jeder!“
Wir führten ihn ab. Über Funk sagten wir Josy und Fred Bescheid, die sich am Hinterausgang postiert hatten.
„Ich weiß wirklich nicht, was Sie wollen!“, rief Randall Jakes. „Nicht zu fassen, jetzt schicken Sie das FBI schon wegen einer harmlosen Auseinandersetzung mit meiner Frau, die außerdem auch noch anderthalb Wochen zurück liegt!“
Immerhin lieferten uns die blauen Flecken seiner Frau einen Grund, ihn länger festzuhalten, als die üblichen 48 Stunden, um der Staatsanwaltschaft ausreichende Beweismittel für eine erfolgreiche Anklage vorlegen zu können.
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38


Wir brachten Randall Jakes zum Bundesgebäude an der Federal Plaza, wo er in einer der Gewahrsamszellen auch die Nacht verbringen würde.
In einem Verhörraum wurde er unter Leitung unseres Verhörspezialisten Dirk Baker befragt. Milo und ich waren auch dabei. Wir hatten zwar längst Feierabend, aber wir wollten auf der anderen Seite einfach wissen, wie sich Jakes zu den Anschuldigungen äußerte.
Dr. Gary Schmitt traf ebenfalls ein.
„Wie ich Ihren Kollegen schon hundertmal gesagt habe, ich würde nie jemanden umbringen“, stieß Jakes hervor.
Dirk fragte ihn nach seinem Alibi zu den für die Morde an Eileen Genardo und Susan Michaels relevanten Zeiträumen.
„Ich war im Riverside Hotel am Verdi Square!“, verteidigte er sich. „Fragen Sie die Bedienung! Überprüfen Sie die Bänder der Überwachungskameras oder finden Sie heraus, wann ich mit meinem Wagen die Tiefgarage verlassen habe!“
„Das werden wir“, versprach Dirk. „Aber zunächst einmal möchten wir von Ihnen einen nachvollziehbaren Ablauf der Ereignisse an den betreffenden Abenden geschildert haben.“
„Ich werde mich erst wieder äußern, wenn mein Anwalt da ist“, erklärte er schließlich, nachdem er sich zunächst bereit erklärt hatte, ohne Anwalt auszusagen.
„Mister Jakes, wir wissen, dass Sie Prostituierte aufsuchen und Sie dafür bezahlen, dass Sie ihnen die Haare abschneiden dürfen“, stellte Gary Schmitt fest.
„Was wollen Sie jetzt von mir? Dass ich zugebe, zu Prostituierten zu gehen, sodass Sie eine Handhabe gegen mich haben und mich erst einmal einbuchten können! Ich lebe zurzeit im Hotel, weil ich meine Ehe zu retten versuche, aber daraus werden Ihre Rechtsverdreher doch gleich Verdunkelungsgefahr schließen und eine Kaution ablehnen.“
„Ich wollte nur ganz sachlich mit Ihnen über diese Dinge reden, Mister Randall“, widersprach Gary. „Was mögen Sie an kurz geschorenen Frauenköpfen?“
Er schluckte.
„Es ist noch keine Straftat, so etwas zu mögen. Vielleicht etwas sonderbar in den Augen der meisten Leute – aber auf keinen Fall strafbar“, erklärte Gary. „Genau genommen ist es auch nur strafbar, diese Frauen für den Geschlechtsverkehr zu bezahlen, aber nicht dafür, sie kahl scheren zu lassen. Selbst wenn eine der Frauen gegen Sie aussagen sollte, könnten Sie immer noch so argumentieren, dass sie nur für das Scheren und nicht für den Sex bezahlt haben. Damit fiele es nicht mehr unter Prostitution.“
Randall Jakes blickte Gary mit einem deutlich irritierten Gesicht an. „Jetzt wollen Sie mich auf den Arm nehmen, oder?“
„Nein, das ist mein Ernst. Randall – ich darf Sie dich so nennen, oder? – wann haben Sie zum ersten Mal gesehen, wie einem Menschen die Haare abgeschnitten wurden? Das würde mich interessieren.“
„Worauf wollen Sie hinaus?“
„Ihre Eltern führten einen Friseursalon in der Mott Street.“
Jakes lehnte sich zurück und sah Gary ziemlich perplex an. „Ich merke, Sie haben sich informiert.“
„Ich nehme an, Ihre Eltern hatten viel zu tun mit dem Salon. Das war ja kein Riesenunternehmen, sondern ein ganz kleiner Laden.“
„Sie haben rund um die Uhr gearbeitet.“
„Was haben Sie damals gemacht?“
„Wir sind mehr oder weniger alleine aufgewachsen.“
„Wer ist wir, Randall?“
„Meine Schwester Ann und ich.“
„Ann hat auf Sie aufgepasst?“
„Ja, sie war drei Jahre älter als ich. Einmal hatte ich Läuse, da hat sie mir einfach die Haare abrasiert, weil ich sonst nicht hätte zur Schule gehen können.“
„Ich nehme, alle anderen Schüler haben Sie deswegen ausgelacht?“
„Es war die Hölle.“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch und beugte sich vor. „Verdammt, es war die Hölle, Sie Psycho-Quacksalber! Aber deswegen bringe ich keine Frauen um! Ich bin kein Perverser, wie Sie mir unterstellen wollen! Ich wollte Sex mit diesen Frauen.“
„Sie hatten wirklich Sex mit den Frauen, die Sie angesprochen haben?“
„Natürlich! Die Begleitumstände mögen Ihnen ja bizarr vorkommen, aber ich finde das nicht bizarrer als irgendwelche Spielchen mit Fesseln und Peitschen, die andere Leute betreiben!“
In diesem Moment trat eine massige Gestalt im dunkelgrauen, maßgeschneiderten Dreiteiler ein.
„Schluss jetzt! Mein Name ist Homer G. Davidson. Ich bin Mister Jakes’ Anwalt und mein Mandant wird keinerlei Aussagen mehr machen, bevor ich mich mit ihm nicht besprochen habe.“ Homer G. Davidson stellte seine Tasche auf den Tisch und blickte in die Runde. „Gentlemen, Sie haben vorerst Pause!“
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„Er war es nicht“, war Gary Schmitt plötzlich überzeugt, nachdem wir den Raum verlassen hatten, um Randall Jakes mit seinem Anwalt allein zu lassen.
„Wie kommen Sie darauf?“, fragte ich etwas irritiert.
„Der ‚Barbier’ hatte mit seinen Opfern keinen Sex, dieser Mann schon“, gab Gary zu bedenken.
„Aber wir wissen nicht, ob die Aussage überhaupt der Wahrheit entspricht“, stellte Dirk Baker fest.
„Das ließe sich ja gegebenenfalls feststellen, wenn eine der Frauen, die er angesprochen hat, zur Aussage bereit wäre“, erwiderte Gary. „Aber das ist nicht der Punkt, um den es mir geht!“
„Dann erklären Sie es uns, bevor Sie uns mit dem Gefühl nach Hause schicken, den falschen Mann festgenommen zu haben.“
„Es ist eigentlich mehr die Art, wie er über Sex redet. Nach unserem Täterprofil haben wir es mit einer Person zu tun, für die Sex aus irgendeinem Grund ein Problem darstellt und eher sublimiert wird. Aber für Mister Jakes gilt das ganz bestimmt nicht! Er ist ein Fetischist – doch er steht dazu.“
„Jetzt sagen Sie uns nicht, dass wir ihn freien Fuß setzen sollen!“, entfuhr es Milo.
Gary schüttelte den Kopf. „Dazu ist es noch zu früh. Es sprechen schließlich auch einige Indizien für ihn als Täter – und unfehlbar sind unsere Profile auch nicht. Aber wir sollten alle Fakten noch einmal sorgfältig überprüfen. Wir müssen etwas übersehen haben.“
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Jennifer Garrison stieg aus dem Taxi, nachdem sie gezahlt hatte. Es war bereits nach Mitternacht. Sie fror in ihrem kurzen Rock und stellte den Kragen ihrer Jacke auf.
Das Taxi fuhr davon. Bis zum Hotel Parrinder waren es nur noch wenige Meter.
Von hinten näherte sich ein Wagen.
Jennifer drehte sich um. Der Wagen hielt. Im Schein der Straßenlaterne sah die das Ford-Emblem an der Motorhaube.
Das Seitenfenster wurde herabgelassen.
Das Licht fiel so in den Wagen, dass es auf den bis dahin im Dunkeln befindlichen Fahrer fiel.
Eine Frau!, durchfuhr des Jennifer Garrison erleichtert.
„Steigen sie ein!“, sagte die Fahrerin und beugte sich zur Beifahrerseite. Sie streckte Jennifer ein paar Geldscheine entgegen.
Jennifer trat ans Fenster.
„Eigentlich mache ich so etwas nicht“, sagte sie.
„Was denn?“
„Na ja, verraten, wer meine Kunden sind. So etwas in der Art haben Sie sich gedacht, oder? Kommt immer wieder mal vor, dass irgendwelche eifersüchtigen Ehefrauen so etwas wissen wollen. Aber ich will nicht für das tragische Drama verantwortlich sein, das sich dann im Anschluss abspielt. Außerdem wär’s auch schlecht für’s Geschäft.“
„Steigen Sie ein. Ich will etwas ganz anders von Ihnen.“
„Einen flotten Dreier? Oder lesbisch?“
„Ich erkläre es Ihnen gleich. Nehmen Sie das Geld und steigen Sie ein!“
Jennifer zögerte zunächst.
„Haben Sie Vorurteile oder Hemmungen?“, fragte die Fahrerin des Ford. „Wundert mich, ehrlich gesagt.“
„Nein, das nicht.“
Jennifer nahm das Geld und stieg ein. Die Frau am Steuer fuhr los.
„Wir fahren zu mir nach Hause. Hinterher ist für Sie noch mal dasselbe drin.“
„Da sage ich nicht nein.“ Jennifer atmete tief durch. „Wissen Sie, seit dieser irre Killer wieder aktiv geworden ist, der den Frauen die Haare abrasiert, bin ich sehr vorsichtig geworden und bediene eigentlich nur noch Stammkunden, die ich seit Jahren kenne.“
„Nett, dass Sie bei mir eine Ausnahme machen.“
„Sie sind eine Frau. Ihnen traue ich.“ Sie zuckte mit den Schultern und kramte in ihrer Handtasche herum. Neben einem Elektroschocker befand sich dort auch ein Pillendöschen. Jennifer nahm ein paar Dragees und schluckte sie herunter.
„Ich will ja wach bleiben“, erklärte sie, als der Wagen an einer Ampel kurz anhielt und die Fahrerin sie erstaunt musterte.
„Ich verstehe. Aber es gibt Besseres dafür, als Pillen.“
„Was?“
„Kaffee.“
„Der wirkt schon lange nicht mehr bei mir.“
„Sie haben meinen Kaffee noch nicht probiert, Lady. Aber dazu haben wir sicher gleich Gelegenheit.“
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Am nächsten Morgen fanden wir uns in Mr Highs Büro zu einer Besprechung ein.
In einer Nachtschicht hatten die Kollegen des Innendienstes die Videoaufzeichnungen aus den Überwachungskameras des Carlisle Buildings ausgewertet und nach Personen gesucht, die aus dem Umfeld von Jaden Nichols stammten.
„Glücklicherweise sind die Kollegen fündig geworden“, erklärte Mr McKee. „Am Tag des Attentats auf Sonny Ricone war Nichols’ rechte Hand Tom McMurdo zur passenden Zeit im Carlisle Building.“
„Wir können seine Anwesenheit im obersten Stock etwa eine Viertelstunde vor dem tödlichen Schuss nachweisen“, berichtete Max Carter. „Danach muss er den Aufstieg zum Dach benutzt und sich in Position gelegt haben. Die Waffe wurde übrigens schon bei anderen Schießereien verwendet, die sich im Dunstfeld von Jaden Nichols’ Geschäften abgespielt haben.“
„Worauf warten wir dann noch?“, fragte Clive.
„Nehmen Sie genug Agenten mit, Clive, der Mann ist gefährlich“, warnte Mr McKee.
Und Max ergänzte: „Seine letzte Bewährung läuft noch. Er wohnt in einem Penthouse am Ascenzi Square in Brooklyn. Wenn ihr ihn dort nicht antrefft, müsst ihr es später in einem der Clubs versuchen, die unter der Kontrolle von Jaden Nichols stehen.“
Mr McKee wandte sich anschließend an Milo und mich. „Für Sie beide habe ich eine andere Aufgabe. Überprüfen Sie das Alibi von Randall Jakes. Dr. Schmitt hat mir bereits signalisiert, dass er vom psychologischen Profil her Zweifel daran hegt, dass Jakes wirklich der richtige Mann ist.“
„In Ordnung, Sir“, bestätigte ich.
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42


Wir fuhren zum Riverside Hotel am Verdi Square. Den Sportwagen stellte ich im dazugehörenden Parkdeck ab.
Zunächst durchsuchten wir Randall Jakes’ Zimmer. Aber er hatte nur einen Koffer mit Kleidung von zu Hause mitgenommen.
Wir fanden keinerlei relevante Spuren oder irgendwelche Anhaltspunkte, die uns Ausschluss darüber geben konnte, wo er gewesen war, als Eileen Genardo und Susan Michaels umgebracht worden waren.
Die Hotelleitung war sehr kooperativ. Man bat uns nur um ein möglichst weitgehendes Stillschweigen.
Wir befragten Hotelangestellte, die zu den fraglichen Zeiten Dienst gehabt hatten und sahen uns die Aufzeichnungen der Videoüberwachung an. Das Ergebnis war nicht eindeutig. Entgegen seiner Darstellung während des Verhörs hatte Randall Jakes an den fraglichen Abenden das Hotel gegen 21 Uhr verlassen und war jeweils etwa zwei Stunden später zurückgekehrt.
„Die Zeit ist sehr knapp“, rechnete Milo mir vor. „Das würde höchstens funktionieren, wenn er noch irgendwo eine Wohnung in Brooklyn angemietet hätte, in der er die Taten begehen konnte.“
„Vielleicht hat er das.“
Die Telefonlisten des Festnetzanschlusses auf seinem Zimmer boten uns ein interessantes Detail. Randall Jakes hatte nicht oft telefoniert. Eine der Nummern gehörte seinem Anwalt, wie wir herausfanden. Eine weitere, einem zweiten Anwalt, der sich auf Scheidungen spezialisiert hatte. Angesichts der Tatsache, dass seine Frau ihn zu verlassen drohte, war das nicht weiter verwunderlich.
Jakes hatte allerdings etwa eine halbe Stunde vor seiner Verhaftung noch ein Gespräch von fast zehn Minuten mit einem Anschluss geführt.
Ich wählte die Nummer mit meinem Handy.
„Hier Donna McNolan“, meldete sich eine mir wohlbekannte Stimme.
„Jesse Trevellian, FBI. Ich hoffe, Sie erinnern sich noch an mich.“
„Wie könnte ich Sie vergessen? Haben Sie etwas Neues für mich?“
„Möglicherweise. Ich schlage vor, dass wir uns treffen. Wo sind Sie jetzt?“
„In der Redaktion der ‚New Beauty’, 223 Prince Street.“
„Das ist quasi auf unserem Weg. Wir sind in einer Viertelstunde bei Ihnen.“
„Es gibt im Verlagsgebäude eine Cafeteria. Ich schlage vor, dass wir uns dort treffen.“
„In Ordnung.“
Ich unterbrach die Verbindung.
„Wer hätte gedacht, dass Jakes Kontakt zu Donna McNolan hat.“
„Zumindest wird sie uns das erklären müssen. Im Übrigen ist der Kontakt von ihr ausgegangen. Sie hat bei Jakes angerufen.“
„Sie könnte dasselbe über Jakes herausgefunden haben wie wir...“
„Möglicherweise war sie seinetwegen auf der Veranstaltung von Joshua Freed. Allerdings frage ich mich, warum sie so getan hat, als würde sie mich nicht kennen.“
Milo grinste. „Vielleicht warst du ihr in diesem Augenblick einfach peinlich, Jesse!“
„Sehr witzig!“
„Aber mal was anders: Angenommen, Jakes ist nicht unser Mann – was ich inzwischen für plausibler halte als weiter anzunehmen, dass er der Barbier...“
„Was dann?“, hakte ich nach.
„Gary glaubte, dass es den Täter vielleicht in die Veranstaltung dieses Predigers ziehen könnte.“
„Das war auch Donna McNolans Grund, nehme ich an. Aber ich weiß immer noch nicht, worauf du hinaus willst, Milo?“
„Und was, wenn Donna der ‚Barbier’ ist?“
„Der Barbier ist ein Mann.“
„Welchen Beweis dafür haben wir, Jesse? Gary könnte sich irren.“
„Jetzt stocherst du aber wirklich im Nebel herum, Milo.“
„Du musst aber zugeben, dass es schon etwas seltsam ist, dass wir Donna McNolan überall dort antreffen, wo sich in diesem Fall etwas Neues tut, oder?“
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Donna McNolan erwartete uns pünktlich in der Cafeteria des Verlagsgebäudes an der Prince Street, in dem neben ein paar anderen Zeitschriften auch die ‚New Beauty’ produziert wurde.
„Was gibt es Neues?“, fragte Donna.
„Seltsam. Heute kennen Sie mich, bei Joshua Freed haben Sie durch mich hindurchgeblickt.“
Sie hatte ihre Gesichtszüge einen Moment lang nicht unter Kontrolle und wirkte überrascht.
„Wovon reden Sie?“
„Sagen Sie bloß, Sie schreiben eine Reportage über Joshua Freed für eine Zeitschrift wie ‚New Beauty’.“
„Vielleicht unterschätzen Sie die thematische Vielfalt unseres Blattes, Agent Trevellian. Aber Sie sind sicherlich nicht hier, um mich über die Entscheidungen unserer Redaktionskonferenzen auszuquetschen, oder?“
„Wir haben Randall Jakes verhaftet. Er liebt es, Frauen die Haare zu scheren, aber ich könnte mir denken, dass das für Sie nichts Neues ist. Sie habe ihn auf seinem Hotelzimmer angerufen. Was wollten Sie von ihm?“
Donnas Gesicht veränderte sich. Sie nippte an dem Mineralwasser, das vor ihr auf dem Tisch stand. „Von meinen Recherchen wissen Sie ja“, sagte sie schließlich.
Ich fragte mich inzwischen, ob ihre Redaktion von diesen Recherchen überhaupt etwas wusste.
Dann beugte sie sich etwas vor. „Halten Sie Jakes für schuldig?“
„Nein. Und Sie?“
„Was soll ich dazu sagen, Agent Trevellian?“
„Sie wissen darüber mindestens genauso viel wie wir. Und jetzt hätte ich gerne, dass Sie anfangen, mit offenen Karten zu spielen. Sie tauchen pünktlich beim Fundort der Leichen auf, Sie beobachten das Hotel Parrinder und Sie rufen unseren derzeitigen Hauptverdächtigen an, kurz bevor er verhaftet wird. Kommen Sie mir weder mit Zufall noch mit Ihren Recherchen, denn ich wette, wenn wir jetzt Ihren Chefredakteur befragen, dann weiß der nicht einmal etwas davon – geschweige denn, dass er eine Serie über den Barbier in der ‚New Beauty’ plant!“
„Sie haben Recht“, gab sie zu. „Mit der ‚New Beauty’ haben diese Recherchen nichts zu tun. Aber ich werde Ihnen darüber auch keine weiteren Auskünfte geben...“
„Aber unsere Fragen werden Sie beantworten müssen“, warf Milo ein. „Notfalls in einem Verhörraum in unserem Field Office.“
Mein Handy klingelte. Ich nahm das Gerät ans Ohr und hatte einen Augenblick später Mr McKee am Apparat.
„Eine der Frauen aus dem Hotel Parrinder hat hier angerufen“, berichtete er uns. „Jennifer Garrison wird von einer Freundin als vermisst gemeldet.“
„Vielleicht kann man sie über ihr Handy orten!“
„Das Handy ist offenbar eingeschaltet, aber sie geht nicht dran. Am besten Sie fahren zum Hotel Parrinder und reden mit einer gewissen Brenda Smith. Ihr ist Jennifer Garrisons Verschwinden aufgefallen.“
„In Ordnung, Sir.“
„Was ist los?“, fragte Donna McNolan.
„Eine Frau aus dem Hotel Parrinder ist verschwunden. Die Kollegen versuchen gerade, ihr Handy zu orten.“ Ich wandte mich an Milo. „Wir müssen los.“
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Wir erhoben uns. Donna McNolan begleitete uns ein Stück den Korridor entlang.
Dann erreichte mich ein weiterer Anruf vom Field Office. „Das Handy wurde an einem bestimmten Punkt in Chelsea geortet“, informierte ich Milo, nachdem ich das Gespräch beendet hatte. „Die Adresse lautet 221 West 19th Street...“
„Einen Augenblick!“, fuhr Donna McNolan dazwischen. „Ich glaube, ich muss Ihnen etwas gestehen.“
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45


Zur selben Zeit befand sich Clive Caravaggio mit einem halben Dutzend Kollegen in einem Mietshaus der Luxusklasse am Ascenzi Square in Brooklyn.
Medina und Josy hatten sich rechts und links der Tür postiert. Alle am Einsatz beteiligten Agenten trugen Kevlar-Westen und hatten ihre Waffen gezogen.
Ein Mitglied des hauseigenen Security Service öffnete uns das elektronische Schloss mit einer General Chip Card für Notfälle.
„Die Tür ist offen!“, stellte der Security Guard fest und begab sich aus der Schusslinie.
„Okay, dann geht es jetzt los!“, gab Clive den Einsatzbefehl. Orry riss die Tür auf.
Unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell stürmten als erste in die Wohnung.
Sie durchquerten den Vorraum. Die anderen folgten.
Josy und Fred nahmen sich Küche und Bad vor. Jay trat die Tür zum Wohnzimmer zur Seite. Es war niemand dort.
Die Tür zu einem Nachbarraum stand halb offen. Leise Musik war zu hören. Ein Mann im Pyjama erschien mit einer Waffe in der Hand in der offenen Tür.
Er erstarrte, als er in die Mündungen blickte.
„FBI! Waffe weg!“, rief Orry.
Einen Augenblick war der Mann im Pyjama unschlüssig. Dann sah er ein, dass er keine Chance hatte, auch nur einen einzigen Schuss abzufeuern, bevor er gleich von mehreren Kugeln durchsiebt wurde.
„Okay, nicht schießen!“, sagte er. Er legte die Waffe auf den Boden. Im nächsten Moment waren Jay und Leslie bei ihm, um ihn festzunehmen. Handschellen klickten.
„Mister Tom McMurdo, ich verhafte Sie wegen des Mordes an Sonny Ricone!“
„Damit habe ich nichts zu tun!“, zeterte McMurdo.
„Wir können beweisen, dass Sie zur Tastzeit im Carlisle Building waren!“, stellte Clive klar. „Im Übrigen kann alles, was Sie von nun an sagen, vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Wenn Sie einen Anwalt...“
„Ich kenne den Mist!“, fauchte McMurdo dazuwischen.
„Sie sollten sich überlegen, ob Sie wirklich die ganze Schuld auf sich nehmen wollen, Mister McMurdo“, wandte sich Clive noch einmal an ihn. „Wir nehmen an, dass der Auftrag dazu, Ricone zu töten von Jaden Nichols stammt.“
„Sie bluffen doch nur!“
„Es liegt bei Ihnen. Jetzt wäre Ihre Aussage noch etwas wert.“
Leslie führte McMurdo zur Couch im Wohnzimmer. Er setzte sich.
Die Kollegen begannen, die Wohnung zu durchsuchen und wurden schon nach wenigen Minuten fündig. Unter dem Bett befand sich ein kleiner Handkoffer mit einem zusammensetzbaren Spezialgewehr.
„Ich nehme an, wir haben hier die Tatwaffe, Mister McMurdo“, meinte Orry. „Es liegt jetzt bei Ihnen...“
„Ich will einen Anwalt!“, murmelte McMurdo.
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46


Jennifer Garrison erwachte. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war der etwas bittere Geschmack des Kaffees, der ihr angeboten worden war.
Sie lag auf dem Bauch. Arme und Beine waren mit Kabelbindern zusammengeschnürt, die sich schmerzhaft in ihre Haut schnitten. In ihren Händen hatte sie gar kein Gefühl mehr.
„Ich sehe, Sie sind wach“, sagte eine Stimme. „Ich dachte schon, dass ich Ihnen eine zu hohe Dosis gegeben habe. Aber das scheint ja glücklicherweise nicht der Fall zu sein.“
„Was wollen Sie?“, keuchte Jennifer.
„Ihre Haare.“
„Hören Sie...“
„Schreien Sie ruhig. Es kann Sie hier niemand hören! Der Raum ist vollkommen isoliert. Aber ich mag es, wenn Sie Ihre Angst zeigen.“
„Was?“
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47


Wir erreichten ein Brownstone-Haus in Chelsea, stellten den Sportwagen am Straßenrand ab und stiegen aus. Donna McNolan war uns mit ihrem eigenen Wagen gefolgt.
Ein Ford in silber-metallic stand vor dem Haus.
Einsatzkräfte der City Police hatten bereits alles umstellt, aber die Anweisung sich zurückzuhalten.
„Ich werde zuerst mit meiner Schwester reden“, beharrte Donna McNolan. „Und Sie sind sicher, dass diese Jennifer Garrison sich hier befindet?“
„Zumindest ihr Handy“, antwortete ich. „Allerdings hatten wir während der Fahrt hier her noch einmal Kontakt mit dem Field Office. Das Gerät ist jetzt abgeschaltet.“
Noch in der Cafeteria hatte uns Donna McNolan den wahren Grund ihres Interesses an dem Fall des ‚Barbiers’ offenbart. Schon seit längerem hatte sie den Verdacht gehabt, dass ihre Zwillingsschwester Alicia irgendetwas damit zu tun hatte. Sie lebte zurückgezogen in Chelsea und litt unter einem schweren Trauma aus ihrer Kindheit, wie Donna uns berichtete. Ein Großteil ihrer Körperoberfläche war durch die Folgen eine Brandes entstellt geblieben, was in ihr einen tiefen Hass gegen alles Schöne und Wohlgestaltete geweckt hatte.
Und nach Aussage von Donna war sie stets auf der Suche nach Menschenhaar, denn ihre Leidenschaft war das Anfertigen von Porzellan-Puppen geworden, die sie am liebsten mit Echthaar ausstattete.
Donna hatte die Wahrheit wohl erst nicht wahrhaben wollen und in dem Fall so intensiv recherchiert, weil sie nach entlastenden Momenten gesucht hatte.
Aber die Tatsache, dass Jennifer Garrisons Handy in Alicias Haus geortet worden war, schien es auch für sie nicht länger vertretbar, mit ihren Vermutungen hinter dem Berg zu halten.
Wir gingen zur Tür.
Donna klingelte. Keine Reaktion. Sie versuchte es ein zweites Mal.
„Haben Sie einen Schlüssel?“, fragte ich.
„Nein. Ich hatte sie gebeten, ein paar Tage bei ihr wohnen zu dürfen. Angeblich, weil ich auf Grund meiner Recherchen verfolgt werde. Aber sie wollte das nicht. Jetzt weiß ich auch, weshalb.“
„Wir müssen die Tür gewaltsam öffnen“, sagte Milo. „Wer weiß, vielleicht kommen wir auch schon zu spät.“
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Bilder aus der Vergangenheit stiegen in Alicia auf. Sie war wieder zehn Jahre alt. Flammen loderten. Sie sah ihre Mutter, aber anstatt zu ihr zu kommen und ihr zu helfen, schreckte sie zurück. Die verzweifelten Schreie ihrer Tochter schienen sie nicht zu rühren. Alicia glaubte auch, den Grund zu kennen. Dass ihre Mutter für Geld mit Männern schlief, wusste Alicia auch mit zehn Jahren schon. Es war ein Geheimnis, dass an niemanden verraten werden durfte. „Wenn die Polizei das erfährt, kommt ihr ins Heim“, hatte Mom immer gesagt.
Damit Mom von Männern angesprochen wurde, musste sie schön sein. Das war der Grund, weshalb sie jetzt nicht half! Sie wollte nicht, dass ihre Haare verbrannten. Es war ihr wichtiger, schön zu bleiben, als ihre Tochter zu retten.
„Mom!“, murmelte Alicia, während sie die Haare, die sie Jennifer Garrison abgeschnitten hatte, sorgfältig in eine Plastiktüte steckte.
Jennifer wandte den Kopf.
„Was haben Sie gesagt?“, murmelte sie – inzwischen halb wahnsinnig vor Angst.
Alicia lächelte.
Dann nahm sie die Drahtschlinge.
„Es ist gerecht“, sagte sie laut.
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49


Anstatt durch den gut gesicherten Vordereingang, brachen wir über die Terrassentür in die Wohnung ein, die sich leicht aushebeln ließ.
Mehrere Beamte der City Police folgen uns.
Donna war auch dabei. Schließlich mussten wir damit rechnen, dass Alicia eine Geisel in ihrer Gewalt hatte und entsprechend vorsichtig vorgehen. Und ehesten war vermutlich ihre Schwester Donna in der Lage, auf sie einzuwirken.
Wir gingen durch ein Wohnzimmer, in dem überall Porzellanpuppen zu sehen waren. Das bizarre Puppenmobile fiel uns natürlich auch auf. Die an hauchdünnen Fäden von der Decke hängenden Puppen gerieten durch den Luftzug in Bewegung und wirkten fast wie tanzend.
Das Erdgeschoss war schnell durchsucht.
„Sie ist hier nirgends!“, stellte Milo fest.
„Die oberen Stockwerke sind vermietet“, erklärte Donna. „Aber den Keller hat sie für sich ausgebaut. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie es da aussieht. Sie hat mich nie dort hin gelassen!“
„Besitzt Ihre Schwester eine Schusswaffe?“, fragte ich
„Nein, nicht das ich wüsste. Aber sicher bin ich mir da auch nicht.“
Milo und ich gingen gefolgt von zwei NYPD-Officers die Kellertreppe hinunter. Am Ende des Korridors war eine Tür. Mit einem wuchtigen Tritt ließ Milo sie zur Seite fliegen.
Ich stürmte mit der Dienstwaffe im Anschlag einen Schritt vor.
Alicia saß auf dem Rücken einer kahl geschorenen, gefesselten Frau und hatte eine Drahtschlinge um deren Hals gelegt. Sie erstarrte mitten in der Bewegung. Ihre Augen waren weit offen. Ihr Blick verriet ebensoviel Furcht wie der Blick des geschundenen Opfers.
„FBI! Die Schlinge weg!“, rief ich.
Alicia wirkte wie erstarrt. Sie versuchte etwas zu sagen, aber es kam nichts über ihre Lippen. Donna drängte sich zwischen den Kollegen hindurch.
„Alicia, leg die Schlinge weg!“, forderte sie.
Alicia schien einen Augenblick lang völlig verwirrt zu sein. Sie ließ die Schlinge los.
„Mom?“, fragte sie.
Milo nutzte den Moment, stürzte sich auf sie und riss sie zur Seite. Alicia leistete keinerlei Widerstand.
„Mom?“, fragte sie noch einmal.
Ich beugte mich über Jennifer Garrison, die zum Glück noch am Leben war. Der Striemen durch die Drahtschlinge um ihren Hals war allerdings unübersehbar. Ich löste ihre Fesseln.
„Gott sei Dank, dass Sie mich gefunden haben!“, stieß sie hervor.
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Die Sanitäter des Emergency Service trafen wenig später ein, um Jennifer Garrison zu versorgen, die verständlicherweise unter Schock stand.
Alicia McNolan wurde verhaftet. Kollegen der City Police führten sie ab.
„Was geschieht mit ihr?“, fragte Donna.
„Als erstes wird sie einer psychiatrischen Begutachtung zugeführt“, antwortete ich ihr. „Vernehmungsfähig ist sie im Moment ohnehin nicht.“
„Und danach? Sie ist kein wirklich böser Mensch, Agent Trevellian.“
„Aber sie hat sieben Frauen getötet – beinahe wären es acht geworden. Auf jeden Fall ist sie eine Gefahr für die Allgemeinheit. Was die Justiz dazu sagen wird, weiß ich nicht. Möglicherweise wird sie für unzurechnungsfähig erklärt und auf Dauer in eine psychiatrische Anstalt überwiesen.“
„Ich hoffe, dass man ihr dort helfen kann.“
„Das hoffe ich auch.“
Donna seufzte. Das Entsetzen stand ihr noch immer ins Gesicht geschrieben. Und ein Stückweit fühlte sie sich wohl auch mitschuldig, weil sie versucht hatte, ihren Verdacht auf eigene Faust zu überprüfen, anstatt sich Hilfe zu holen.
„Was ich nicht verstehe ist, weshalb gerade in letzter Zeit der Drang zu töten so stark wurde“, bekannte Donna.
Ich hob die Augenbrauen. „Unser Psychologe geht davon aus, dass die plötzliche Erhöhung der Tatfrequenz mit einem äußeren Stressfaktor zu erklären ist.“
„Sie hat eine Hypothek auf das Haus aufgenommen, da sie schon seit längerer Zeit nicht mehr in der Lage war, einem Job nachzugehen. Sie wollte mit mir nicht darüber sprechen und hat es wohl einfach verdrängt, aber ich könnte mir denken, dass sie das Haus nicht mehr halten konnte.“ Sie atmete tief durch und wandte sich ab. „Scheint ein guter Mann zu sein, ihr Psychologe.“
„Aber was das Geschlecht des Täters angeht, hat er sich getäuscht“, sagte ich.
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51


Die Ergreifung des ‚Barbiers’ hatte ein großes Echo in den Medien. Prominente Anwälte drängten sich darum, Alicia McNolan zu vertreten. Eine bessere Werbung war für einen Strafrechtler kaum denkbar. Das spektakuläre Gerichtsverfahren sicherte ihm über Monate die Aufmerksamkeit der Medien.
Die Verhaftung von Jaden Nichols ging dagegen beinahe völlig unter und war kaum eine Randnotiz wert. Tom McMurdo hatte rasch eingesehen, dass ihm keine andere Chance blieb, als gegen seinen Boss auszusagen, wenn er die Todesstrafe vermeiden wollte.
ENDE
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Did you love Kahlgeschoren: Thriller? Then you should read 10 Marshal Western August 2016 (https://books2read.com/u/3yZrZJ) by Pete Hackett et al.!
(https://books2read.com/u/3yZrZJ)
Dieses Buch enthält folgende Western:
Horst Weymar Hübner: Blutrote Wüste
Pete Hackett: Marshal Logan und der gefährlicher Auftrag
Pete Hackett: Marshal Logan und der Trail des Verderbens
Pete Hackett: Schatzsucher des Todes
Pete Hackett: Und ich gab den Stern zurück
Pete Hackett: Marshal Logan und der blutige Trail
Pete Hackett: Bruderhass
Pete Hackett: Marshal Logan und die tödliche QuittungPete Hackett: Marshal Logan im Fadenkreuz des Todes
Uwe Erichsen: Wenn Grainger die Falle stellt

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