Kitabı oxu: «Die Welt ohne Hunger»


Alfred Bratt
Die WELT ohne
HUNGER

Roman
Herausgegeben,
mit einem Nachwort
sowie mit Illustrationen
versehen von Jorghi Poll

Inhalt
Erster Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Vierter Teil
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Von Kaffeehausprinzen und Maggiwürfeln: über das viel zu kurze Leben des Schriftstellers Alfred Bratt
Anmerkungen
Erster Teil
Erstes Kapitel
Auf dem Tisch in der Mitte des Laboratoriums stand ein physikalischer Apparat.
Über der kochenden Flüssigkeit in dem Behälter stieg langsam weißlicher Dampf in die Höhe, wie eine dichte, in sich selbst kreiselnde Wolke. Die Glaswand drohte von Sekunde zu Sekunde zu bersten. Plötzlich hob sich der Dampf bis zu dem nadeldünnen Ende der Röhre und fuhr in einem boshaften, singenden Strahl heraus – geradewegs in eine neugierig über die Retorte gebeugte Nase. Der so unvermittelt attackierte Gesichtsteil zog sich schnaubend zurück und krümmte sich nach unten zu einer wulstigen Oberlippe. Aufwärts mündete der Nasenrücken in eine schmale, aber sehr fleischige Stirn. Der Schädel, auf dem eine einsame Silberlocke wippte, war im übrigen kahl und saß auf einem fettigen Nacken, der sich zwischen runde Schultern duckte. Das Ganze basierte auf zwei kurzen Säulenbeinen und hieß Thomas François Bourdier, Professor an der Pariser Sorbonne.
Mit der Entschlossenheit eines Mannes, der die Materie beherrscht, zugleich aber mit einem leichten Zittern der Hände, die nicht ganz sicher schienen, drehte der Professor eine Schraube zu. Die flüssige Substanz in der Röhre warf noch einige widerspenstige Blasen und sank dann auf den Boden des Gefäßes zurück. Der Professor zog geräuschvoll den Atem, trocknete sich ab und hielt dann mit einem Ruck des erhobenen Armes inne. Es klopfte.
Der Laboratoriumsdiener trat ein und überreichte eine Karte.
Der Professor hielt sie dicht vor die Augen und las: »Alfred Bell«.
Er bog die Karte zwischen den Fingern und glättete sie wieder: »Ihnen bekannt?«
»Nein, Herr Professor.«
»Warten lassen!«
Der Diener ging zur Türe.
Bourdier blickte auf. Es dunkelte bereits.
»Pierre …«
Der Diener wandte sich um und wartete, die Hand auf dem Türgriff.
Der Professor war an das Fenster getreten. Er sah durch das zitternd einströmende Abendlicht hinab auf die Züge der neuen Expreß-Stadtbahn, die – zwei Stockwerke tiefer – auf in der Luft schwebenden Schienensträngen vorbeidonnerten. Die eisernen Traversen der Hochbahnstrecke liefen quer von Haus zu Haus und überspannten die Straße mit einem Netz von Metall, so daß die Wände des Laboratoriums bei jedem vorüberratternden Zug leise dröhnend den Schall zurückgaben. Die Straße selbst lag sieben Stockwerke tief. Sie war schmal und erschien durch zwei ununterbrochen fortgleitende Reihen gedrängter Automobildächer noch enger.
Der Professor blickte gedankenlos in diesen kribbelnden Kessel zwischen den schroffen Häuserfronten. So gedankenlos, wie er dies durch zehn Jahre Tag für Tag getan.
Er hielt die Hände tief in die Taschen seines weißen Kittels versenkt; mit der Festigkeit eines Mannes, der sich Zeit läßt.
Er hatte sich stets Zeit gelassen. Und nicht zu seinem Nachteil.
Herrgott, ja, wenn man einen Namen trägt …
Keine einfache Sache. Keineswegs. Man altert und muß sich auf den Nachwuchs stützen.
Und die jungen Kräfte, deren man sich bedienen könnte, sind nicht immer zur Stelle.
Thomas François Bourdier gehörte zu jenen Wissenschaftlern, die es mit außerordentlichem Spürsinn und einer bewunderungswürdigen Anpassungsfähigkeit verstehen, Talente zu – entdecken. Er hatte es stets für vernünftiger gehalten, die Leistungen Unbekannter gewinnbringend zu verwerten, als selbst allzu tief in die so verwirrten und verwirrenden Regionen der Elemente einzudringen.
Denn es ist unbestreitbar bequemer und keineswegs weniger amüsant, diese komplizierten Neuerungen anderen zu überlassen. Wenn man nur die Glorie auf seine Seite bringt!
Man muß die Welt kennen – das ist es. Thomas François Bourdier kannte die Welt.
Auf diesem mehr ehren- als dornenvollen Wege war er mit dem Vollgewicht seiner Person die steilen Stufen zur Professur und zum Sitz und Titel eines Akademikers emporgestiegen. Seine Abstammung aus der Gascogne, die ihn mit einer nicht unbeträchtlichen Redegewandtheit begabt hatte, trug keineswegs den kleinsten Teil an seinen Erfolgen. Zudem ist häufig genug beobachtet worden, wenn auch noch nicht ganz aufgeklärt, daß fette Leute dem Fatum sympathischer sind als magere. Und in Bezug auf die erstere Eigenschaft hatte Thomas François Bourdier sich nichts vorzuwerfen. Seine von harten Fleischmassen zusammengepreßte Gestalt mit den merkwürdig beweglichen Armen und Beinen, dem zugespitzten Kopf und den runden, gleichsam auf unsichtbaren Stielen hervorquellenden Augen glich wahr- und leibhaftig dem tausendfach vergrößerten Exemplar jenes merkwürdigen Tieres, das die Zoologen Ameisenlöwe nennen. Man weiß, daß dies anmutige und ansprechende Geschöpf seine Zeit damit verbringt, eine trichterförmige Öffnung in den Sandboden zu bohren und hier auf die Ameisen zu warten, die sich etwa freundlicherweise dem Trichterrand nähern und herabfallen möchten. Das ganze Leben des Professors Bourdier war sozusagen ein solcher Raubtiertrichter, in dessen Mittelpunkt er unablässig saß und gierig eine Karriere bohrte.
Vor dem hohen Laboratoriumsfenster stehend, blickte Bourdier in einen Sonnenuntergang, der die Giebel der gegenüberliegenden Häuser, die schwanken Stahlsparren der Hochbahngleise und die Motorhauben der in der Tiefe schwirrenden Automobile in rötliche und gelbliche Linien zerflimmerte. Der sacht streichende Hauch des Abends, jener Hauch vom ersten Wipfelgrün des Bois de Boulogne und dem sanften Schlag des Seinewassers an schlammige Kaimauern, vom Brodem der in Dunstschleiern versinkenden Verkehrsplätze und der schüchternen Melodie einsamer Vorstadtgassen, von Lachen und Parfüm, von Hupenklang und dem Ruf versprengter Camelots mit druckfeuchten Zeitungen auf dem Arm – dieser aus hunderterlei Geruch- und Lautempfindungen gemengte Hauch, den jeder Pariser Frühjahrsabend in seinem Atem mitschwingt, drang nicht bis herauf in den kahlen Raum. Er berührte nur mit einem kaum sichtbaren Nebel die geschliffene Fensterplatte, flüchtig wie ein halber Gruß.
Der Professor legte den Kopf asthmatisch über die rechte Schulter: die Wartezeit schien ihm genügend lange.
»Pierre … lassen Sie den Herrn eintreten!«
Der Diener drückte den Türgriff nieder und verschwand.
Bourdier begab sich an den Schreibtisch. Er rückte den Armsessel noch tiefer in den Schatten der Ecke und schob einen zweiten Stuhl für den Besucher nach vorne in die letzte kalte Helle. Dann nahm er Platz – verborgen im Dunkel der Wand, so daß er, selbst kaum kenntlich, den Gegenübersitzenden scharf fixieren, jede Falte, jeden Muskel seines Gesichts in der prallen Beleuchtung beobachten konnte – und rief, ohne ein zweites Klopfen abzuwarten: »Herein …«
Als Alfred Bell das Laboratorium betrat, vermochte er niemand zu erblicken. Erst auf ein Räuspern des Professors bemerkte er eine Gestalt, die sich hinter dem Schreibtisch bewegte.
»Guten Abend, mein Herr.« Es klang ölig jovial aus der Ecke.
»Herr Professor Bourdier? …«
»Sehr wohl.« Der Professor hob den rechten Arm und ließ ihn gleich wieder herabfallen. »Hier, bitte.«
Der Fremde setzte sich. Das schwindende Tageslicht fiel auf sein kantig geschnittenes, knochiges Gesicht und die glattgescheitelten braunen Haare.
Der Professor warf einen beflissen interessierten Blick auf die Karte, die vor ihm auf der Tischplatte lag.
»Herr Bell, nicht wahr?«
»Ja.« – Der Fremde blickte dem Professor kühl und ruhig in die Augen.
Bourdier fühlte, daß dieser Blick ohne Scheu durch das Dunkel der Ecke bis zu ihm drang.
»Erfreut«, murmelte er. Und dann laut: »Womit kann ich Ihnen dienen?«

Er tippte gleichgültig die Fingerspitzen aneinander, ließ aber bald erstaunt und gespannt die Hände sinken, als der Fremde folgendermaßen begann:
»Ihr Name und Ihre Stellung, Herr Professor, sind mir bekannt. Ich weiß, daß Ihre Zeit nicht jedermann zur Verfügung steht. Aber – Sie werden mich anhören!«
»Mhmm …!« Der Professor rückte auf seinem Platz und gab keine Antwort.
»Ja«, fuhr der Fremde, der Bell hieß, fort. »Sie müssen mich anhören. Nicht meinetwegen, sondern um dessentwillen, was ich zu sagen habe.«
»Ich bin begierig …«
Der Fremde beugte sich kräftig zurück, wie jemand, der gesonnen ist, sich nicht unterbrechen zu lassen. Er machte eine Pause, als überlegte er noch einmal blitzschnell seine Worte.
Der Professor betrachtete ihn unter zusammengezogenen Augenlidern, ohne an diesen energischen, glatten Zügen irgendein Merkmal, ein bezeichnendes oder verräterisches Kennzeichen entdecken zu können. Der Mann, der vor ihm saß, den hageren Oberkörper mit den kantigen Schultern zurückgebogen, gab sich nicht auf den ersten Blick, das war klar.
Ein merkwürdig sicherer junger Mann. Wie? – Nun, man würde ja sehen.
»Es handelt sich um eine Erfindung«, sagte Bell laut und unvermittelt. »Eine Erfindung, die ohne Zweifel das Leben des einzelnen beeinflussen wird und die ganze zivilisierte Welt zu verändern vermag.«
Der Professor faltete die Hände wie ein erstauntes, neugieriges Kind. Aber in seinen Augen glomm ein Licht auf, das sofort wieder verschwand.
»Mein Gott«, sagte er liebenswürdig lächelnd, »wie sollte dies geschehen – wenn man fragen darf?«
Der andere sah geradeaus. »Durch Schaffung einer neuen sozialen Basis!«, sagte er. »Die Verteilung der Werte, wie sie heute besteht, ist ungesund und rechtlos. Die grenzenlose Stapelung der Kapitalien auf der einen Seite und die mit dem Mangel der primitivsten Entwicklungsmöglichkeiten verbundene Wehrlosigkeit auf der anderen Seite – diese andauernde Verstärkung der wirtschaftlichen Kontraste bis zur hoffnungslosen Erhitzung muß in absehbarer Zeit zu einer Explosion führen. Zu einer Explosion, die in ihrem elementaren Ausbruch, ihrem Umfang und ihren Wirkungen gleich fürchterlich sein kann.«
Der Professor lehnte die Brust an den Tisch.
»Kapitalismus und Proletariat, hm ja … ich verstehe. Sie sprechen von einem alten Problem, mein Herr, das ungezählte Male so heftig und stets so erfolglos diskutiert wurde, daß man nachgerade an seinem Vorhandensein zweifeln könnte. Beiläufig bemerkt, die Katastrophe, die Sie zu prophezeien belieben, scheint mir zumindest der Aktualität zu entbehren.«
Bell hob den Kopf; er saß jetzt vollkommen gerade. »Sie war nie so aktuell wie heute!«, stieß er halblaut hervor. »Wenn zwei konträre Pole sich berühren, entsteht ein Funke. Das können Sie nicht leugnen, Herr Professor … Sie sind Physiker«, fügte er mit einem Lächeln hinzu.
Bourdier erwiderte dieses Lächeln, ohne zu wissen warum.
Er empfand auf einmal eine ihm selbst unerklärliche Nervosität. Er wußte nicht recht, wie er sich diesem unbekannten Besucher gegenüber verhalten sollte.
Von ferne erdröhnte ein prasselndes Rollen, schnell anschwellend. Dann wurde es wieder schwächer und verlor sich in den Mauern. Ein Hochbahnzug war vorbeigerast.
Der Mann, dessen Schädel schwarz wie eine Silhouette im letzten Licht des Fensters ragte, fuhr fort: »Es ist jetzt nicht die Stunde, um die technische oder, besser gesagt, chemische Seite meiner Idee darzulegen. Nur soviel: es müßte ein Mittel geben, das die ursprünglichste Lebensbedingung jedes einzelnen – ohne Ausnahme – absolut und automatisch sicherstellt! Die Wissenschaft ist unsere erste Religion, sie ist das Tatsächliche: das Mittel, von dem ich spreche, müßte aus ihr hervorgehen.«
Der Professor bewegte sich nicht.
»… Dieses Mittel habe ich gefunden«, sagte Bell einfach.
Das Grau der Wände war schwarz geworden. Nur dort, wie der Spiegelglanz der Fensterscheiben reflektierte, blinkte ein matter Majolikastreif.
Ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, fühlte Bourdier, daß die Worte des Fremden keine vulgäre Utopie sein konnten. Noch vermochte er das, was er gehört hatte, auf keinerlei Weise in die Form einer greifbaren Vorstellung zu bringen. Er nahm auf, was der andere sagte, ohne eigentlich einen festen Begriff damit zu verbinden. Er hörte, ohne geistig zu sehen. Aber – so rätselhaft ihm dies war – er konnte sich nicht von dem Gefühl befreien, daß, was dieser Fremde sprach, möglich war. Daß es möglich war … weil er es sagte.
Und es war ihm plötzlich, als hätte er diesen abendlichen Besuch schon einmal erlebt – irgendwann, irgendwo.
Er drückte die Hände ineinander, daß die Fingergelenke hörbar knackten.
»Und worin, mein Herr … sollte dieses Mittel bestehen?«
Bell sah an ihm vorbei.
»Der Haß«, sagte er, »die durch Generationen erweiterte und vererbte Kluft zwischen Arbeiter und Unternehmer, muß überbrückt werden. Wir treiben Philosophie auf jedem, selbst dem abseitigsten Gebiet. An unseren Universitäten werden die Geheimnisse der Ethik, die Lehren der Nationalökonomie getrieben. Wir errichten Heilstätten für die arbeitenden Klassen, ach ja … Wir pumpen den Männern in Maschinenhallen, Hochöfen und Eisenwalzwerken die Lungen leer, wir vergiften ihren Atem in Bleigruben, wir jagen ihnen in Kohleschächten und Glasbläsereien die Schwindsucht an den Hals. Und wenn wir den letzten schweißigen Tropfen aus ihnen gepreßt haben, wenn sie ausgedrückt sind und leer bis zum Äußersten, dann schicken wir sie zum Teufel, als Krüppel, ohne Kraft, ohne Verstand, hohle Gespenster … Sie halten die Zeit nicht für reif! … Ich kenne das Sausen der Treibriemen, das mit jeder Umdrehung ein Stück Nerv abschabt, ich kenne den Schweiß des weißglühenden Stahls. Ich kenne die geisternde Stickluft der Werkstätten, die Pest, die in die Herzkammern dringt und das Blut würgt … Der Himmel weiß, ob das aktuell ist! … Entsinnen Sie sich der Katastrophe in Wales, die vor zwei Jahren durch die Presse der ganzen Welt ging? Wissen Sie, daß innerhalb einer Minute sechshundert Leute durch jene Explosion zugrunde gingen? Und wie sie starben? Ich habe sie gesehen: mit offenen Fischmäulern und verkohlten Kiefern, mit gekochten Nieren und geplatzten Eingeweiden! … Denken Sie an den Bau der Dardanellenbrücke! An dieses Galafest der Haie! … Gewiß – diese Arbeiten sind notwendig, sie müssen ausgeführt werden. Wir brauchen sie, wie wir den elektrischen Strom und das Dynamit brauchen: für unsere Bahnen, für unsere Städte, für den Verkehr unter Wasser und in der Luft. Aber haben jene, die diesen Pflichten nachkommen, nicht auch selbstverständliche Rechte? … Vernichten Sie das herrschende System und setzen Sie ein neues an seine Stelle: beschäftigen Sie in denselben Werken zweimal, dreimal so viele Arbeiter; verdoppeln und verdreifachen Sie die Ablösungen von Tag- und Nachtschicht; vermindern Sie die Schwere und Zeit der Arbeit; erhöhen Sie die Löhne – und wir werden dieselben Dampfmaschinen und Motoren bekommen. Sagen Sie nicht, daß dies wirtschaftlich unmöglich ist; alles ist möglich, wenn man die Mittel besitzt, es zu erzwingen! Die Konzerne, die Truste werden einige Prozente weniger verdienen, wir werden die Heilstätten sperren – und das schlimmste Geschwür unserer Zeit, die Arbeitslosigkeit, wird eine Schimäre sein. – Aber dulden Sie nicht, daß Millionen in Whitechapel, in Port-Said, im Judenviertel New Yorks, in San Franzisko, in allen Gold- und Sumpfzentren der Welt vor Hunger und Dreck der Atem ausgeht. Dulden Sie nicht, daß Männer wie John Pitt in den Betongräben von Cornerhill den Streik mit Stinkbomben und schwerem Kaliber bekämpfen, daß die Arbeiter gezwungen werden, Verträge einzuhalten, die sie blind unterschrieben haben … Ich glaube nicht an die moralische oder geistige Berechtigung einzelner, über die Massen zu schreiten, die ihnen gleich geschaffen wurden … Ich glaube nur an die Masse!«
Bell schwieg. Er war deutlich hörbar in der Stille des Raumes, wie er den Atem laut und breit in die Brust zog. Dann klang seine Stimme wieder ruhig durch die Dunkelheit.
»Das Proletariat fordert für sich, was das Primitivste ist: das heißt das, was die Fortführung des nackten Daseins garantiert. Es fordert dies weder als Gnade noch als Lohn, sondern als etwas Primäres, das einfach da ist, wie die Natur da war, bevor wir sie zerteilten und kartellierten!«
Und etwas gedämpfter fügte er einfach hinzu: »Mein Mittel besteht in einem Präparat, das in kondensierter Form alle Nahrung enthält, die der menschliche Körper täglich verbraucht. Es wird – durch ein womöglich internationales Monopol verstaatlicht – auf Staatskosten hergestellt und steht von Staats wegen jedermann zur Verfügung, der seiner bedarf. – Das ist alles.«
Bell verstummte plötzlich. Er glaubte ein leises, knarrendes Geräusch gehört zu haben.
Er blickte nach der Türe. Trotzdem der rückwärtige Teil des Laboratoriums bereits schwarz von Dämmerung war, meinte Bell ganz deutlich einen schmalen offenen Türspalt zu sehen. Und hinter diesem Spalt schwebte ein weißer Fleck, wie … ja, wie ein menschliches Gesicht.
Es währte nur den Bruchteil einer Sekunde. Gleich darauf wandte Bell geblendet den Kopf.
Der Professor hatte die elektrische Tischlampe angedreht.
Die Tür war geschlossen. Kein Fleck, kein Gesicht. Nur die blanke Türklinke aus Messing schien sich noch leise zu bewegen.
Stille. Und abermals jagte zwei Stockwerke tiefer ein Hochexpreß, knatterte Sturm und verhallte.
Ein breiter Schatten kroch unruhig über die mattbeleuchtete Rückwand des Laboratoriums. Die seltsam geformten Gläser und Phiolen in den Schränken stießen mit ganz leisem Klirren aneinander, während hastige Schritte Thomas François Bourdier hin und wider trieben. Er hielt die Hände hinten gekreuzt und sandte verstohlene, schnelle Blicke zu Bell, der wortlos dasaß und ihn aus ernstem Gesicht ohne erkennbare Regung betrachtete. Der Professor verspürte eine Hitze im Kopf, als sei das Blut seines Körpers in einem Schwall bis in die Hirnschale gesprungen.
Das – das war doch …! Krrrrr.
Hol mich der Teufel – eine Idee!
Wahrhaftig ja – das war es!
Es schien unmöglich, die Folgen dieses Planes zu überschauen, oder selbst nur einen Teil davon auszudenken. Aber die fast unbegrenzten Möglichkeiten, die in den knappen Worten Bells enthalten waren, hatten Bourdier überwältigt.
Eine Sekunde lang hatte er das Empfinden, als würde er gegen die Brust gedrückt und könne keinen Atem bekommen.
Das hieße wahrhaftig, das Wirtschaftsleben an seiner Wurzel packen. Bewährte Begriffe würden einfach umgestülpt, he, und an die Luft gesetzt. Zum Lachen … Die durch Traditionen von Jahrhunderten geheiligte Maschine sozusagen altes Eisen! Das Staatsleben selbst könnte …
Er blieb stehen und griff sich unwillkürlich an die Stirn.
Dieser Bell sah ganz aus wie ein Mann, der weiß, was er spricht. Hier also mußte man einsetzen. Und zwar sofort! Denn das eine war Bourdier klar: der Moment war für ihn gegeben, seine Position festzustellen.
Er warf den Kopf nach hinten, daß die Locke auf dem kahlen Kran erzitterte.
Er ging auf seinen Platz zurück, ließ sich wieder nieder und richtete ein gewaltsam harmloses Augenzwinkern auf Bell, der schweigsam dasaß, als ginge ihn die Sache gar nichts an.
Bourdier stockte der Atem. In seinem Kopf arbeitete es jetzt wie eine überhitzte Präzisionsmaschine. Er wußte, daß er jeden Satz dreimal wenden müsse, bevor er ihn entließ.
Krrrr. Jawohl.
Er hockte in seinem Armstuhl mit hochgezogenen Schultern und gab sich den Anschein, als räkelte er sich möglichst behaglich zurecht; während er doch in Wahrheit dem armseligsten der Gedanken nachjagte, die sich nun in seinem Hirn überrannten, so daß er innerlich in Schweiß geriet. Er bohrte sich tief in den Sessel; der über den Schultern in Falten gezogene Stoff des Rockes und das ungesunde Gelb seiner schwammigen Augen zergingen im Schein der geschirmten Tischlampe in ein fast konturenloses Verschwimmen von Licht und Schatten, aus dem nur seine Augen hervorglommen.
Er rieb die feuchtgewordenen Innenflächen der Hände:
»Und was wünschen Sie von mir in dieser Angelegenheit?«
Durch Bells langgestreckte Gestalt ging eine Bewegung, als sei er plötzlich aufgewacht.
»Meine Arbeiten sind so gut wie abgeschlossen, so weit dies theoretisch überhaupt möglich ist. Zur tatsächlichen Herstellung des Präparats ist eine praktische Tätigkeit erforderlich, die ein halbes Jahr beanspruchen dürfte. Ich benötige komplizierte Apparate, deren Konstruktion mein Geheimnis ist. Hierzu aber sind Geldmittel erforderlich, die dem Umfang des Unternehmens gegenüber zwar gering, für mich persönlich jedoch unerschwinglich sind.«
Der Professor legte die gespreizten Finger vor sich auf die Tischplatte. Sein Schädel saß schief, seine Mienen waren zusammengekniffen. Er war nur noch lauernde Aufmerksamkeit.
»… Und zu diesem Zweck brauche ich Ihre Hilfe, Herr Professor!«
Bourdier räusperte sich.
»Tja«, meinte er breit und vorsichtig, »… und wenn die chemische Seite Ihrer Idee nun ein – Irrtum wäre?«
Bell beugte sich vor. Innerhalb einer Minute hatte er zwei symmetrische Reihen von Formeln auf einen Notizblock geworfen.
Bourdier starrte lange auf das Papier. Seine Augen weiteten sich, als wollte er jedes Zeichen und jede Zahl auf ewig in sein Gehirn einprägen. Er bewegte murmelnd die Lippen und hob dann mit einem jähen Ruck den Kopf.
»Hm, allerdings … ein außerordentliches Problem! Aber ein Problem …«
Bell lächelte unmerklich. »Die Lösung«, sagte er, »ist vorläufig natürlich mein Geheimnis.«
Er streckte sich. In dem Schwarz, das über der niedrig strahlenden Lampe schwebend die Decke verhüllte, schien er ins Unbegrenzte zu wachsen.
»Es ist für Sie ein leichtes, mir durch die Leitung der Sorbonne die nötige Summe zu verschaffen.«
Und mit einem scheinbar wieder halb abwesenden Blick fügte er hinzu: »Wie denken Sie darüber – Herr Professor?«
Bourdier neigte sich in seiner ganzen Fülle vornüber und schlug Bell kräftig und wiederholt auf den Arm, als wäre er seit Jahren sein bester Freund.
»Grandios!«, rief er und schnaufte vor Extase. »Grandios – mein Lieber! … Hä – soll ich Sie umarmen? … Krrrr.«
Professor Bourdier überstürzte die Worte – nun, da der Augenblick gekommen war, auf den er während der letzten Minuten mit sehnsüchtiger Spannung gewartet hatte. Er fand – wie er sagte – keine Bezeichnung, die so absolut idealistischen Tendenzen Bells in gebührendem Maße zu apostrophieren. Da war endlich einmal ein Mann, der über die Grenzen dessen hinauswollte, was uns als das Gegebene und darum recht und gültig erscheint. Ein Pionier! … bei allen Heiligen.
Er wiegte sich nach allen Seiten, seine Bewegungen bekamen Tempo und Rhythmus vor Beredsamkeit.
Ja, Bell sei einem ganz richtigen Instinkt gefolgt, als er ihn aufsuchte. Er würde nicht ermangeln … ganz im Gegenteil. Aber das mit dem Direktorium der Sorbonne – oder wie hatte Bell doch gesagt? – sei meilenweit davon entfernt, die Unantastbarkeit der Herren Kollegen in Zweifel zu ziehen. Aber immerhin … es gäbe persönliche Interessen, die gefährlich werden könnten. Und dann sei überhaupt nicht zu erwarten, daß die Sorbonne eine derart nach Utopie klingende Angelegenheit (er selbst zweifle kaum, aber trotzdem) in den Kreis ihrer streng sachlichen Interessen ziehe … und überhaupt, jawohl.
Bourdiers Stimme lief hurtig und gelenksam alle Windungen seiner Dialektik durch, vom vibrierenden Baß der Überzeugung bis zum Falsett der Voraussicht. Seine Glimmerkohlen von Augen flackerten verfänglich.
Aber er persönlich sei durchaus nicht dagegen, sich der Entwicklung des Unternehmens zu widmen. Dies wäre nicht der erste Fall – ganz gewiß nicht. Wenn auch die Unsicherheit der realen Basis natürlich nicht zu unterschätzen sei. Vor allen Dingen müßte er die wissenschaftlichen Voraussetzungen untersuchen, das sei Prinzip und Notwendigkeit. Nur ein älterer Fachmann ist berufen – nicht wahr? – zu prüfen und zu scheiden und die Verbindungen herzustellen, die die Jugend oft leicht übersieht, deren aber jeder wissenschaftliche Bau grundsätzlich und dringendst bedarf.
Seine Meinung gehe also kurzerhand dahin: er wolle Bells Pläne und Analysen selbst der genauesten Prüfung unterziehen, und dann sei er bereit, sozusagen Hand in Hand mit ihm zur Lösung zu schreiten.
Ja, das sei wahrhaftig das beste.
Und was die Mittel beträfe – he … das würde sich finden! Er selbst sei bereit – entsprechend dem Ergebnis seiner Untersuchung, natürlich – das Notwendige zu beschaffen. Alles weitere würde sich von selbst ergeben, nicht wahr? … Denn das mit staatlichem Monopol und Internationalität – allerhand Ideale in Ehren – sei doch wohl übertrieben und ermangele zuvörderst der reiflichen Überlegung.
Oder wie?
Eine private Gesellschaft – er bemerke dies beispielsweise – könne da ganz anders zu Werke gehen! Dies sei eine alte Erfahrung. Und man behalte das Recht der Disposition!
Übrigens – es sei ja noch Zeit, bis dahin.
Zuerst müsse jeder Zweifel in wissenschaftlicher Hinsicht beseitigt werden.
Bourdier stieß den Atem kurz und kräftig. Er plusterte vor Überzeugung.
Vorläufig seien Zweifel immerhin vorhanden. Es gäbe wohl Schwierigkeiten, ganz abgesehen von ökonomischen und anderen, sozusagen geschäftlichen Maßnahmen. Er könne doch nicht umhin, mancherlei in Frage zu ziehen. Und kurz und bündig – vorläufig sehe er nicht weniger und nicht mehr als eine großartige Möglichkeit, deren Hintergrund festzustellen seine erste Aufgabe sei. Und er hoffe, daß Bell allen guten Willen habe, ihn in diesem Belang werktätig zu unterstützen.
Wie gesagt – von der Sorbonne müsse man absehen, das werde Bell wohl begreifen – er für seine Person sei nicht abgeneigt, das Ganze in die Hand zu nehmen!
Die letzten Sätze hatte Bourdier regelrecht hervorgeschossen. Er zielte förmlich und folgte ihnen mit dem Körper, um ihre Treffsicherheit abzuschätzen. Er umkreiste Bell mit Einsicht und Schärfe, er drang in ihn, er füllte ihn mit Autorität und bester Meinung, er umnebelte ihn mit einem Wust von Tiraden und Phraseologien, er polierte seine Bedenken, seinen Widerstand, den kleinsten Argwohn mit Erfahrungen und Grundsätzen, er schliff und feilte ihn von allen Seiten, er sprach ihn platt rundherum. Und nun hatte Bourdier wohl die Fläche und Form, auf der er sich zu bewegen gewohnt war. Er stand sicher und war nicht in Gefahr, abzugleiten.
Doch er glitt ab.
Bell hatte ihn mit keiner einzigen Bewegung unterbrochen. Nur über seinem Kinn war ein Lächeln hervorgekrochen, das in einer schmalen Linie um seine Lippen lief, sich vertiefte und von den geschärften Mundwinkeln in gerader Linie zur Nasenwurzel zog.
Er spürte, wie ein bitterer Geschmack durch seinen Hals nach oben stieg.
Wieder vergebens … Es war immer dasselbe!
Er zog mit zwei Rucken die Ärmel bis zu den Handgelenken, erhob sich und griff brüsk nach seinem Hut. Dann sagte er, jedes seiner Worte gleich trocken betonend: »Ich verstehe, Herr Professor! Und ich bedauere, Sie in Anspruch genommen zu haben. Ihr Weg und mein Weg haben verschiedene Richtungen. Das ist es. Ein kleiner Irrtum, der sich aber nicht überbrücken läßt. – Ich bedauere nochmals!«
Er ging zur Türe, ohne sich umzuwenden.
Aber da stand auf einmal Bourdier vor ihm, und seine kompakte kleine Person versperrte den Weg. Ein anderer, zusammengezogener Bourdier, mit muskulösen Fleischwülsten an Hals und Wangen. Sein Gesicht knallrot. Und Bell bemerkte, daß die Haut Boudiers von Sommersprossen übersät war.
»He, lieber Freund« – der Professor schnellte den Ausruf wie aus einem Blasrohr hervor – »das ist Ihre Meinung?! Ich will Sie nicht bekehren. Nichts liegt weniger in meiner Absicht!«
Bell gab keine Antwort.
Bourdier sträubte sich, als hätte er Federn am Leibe: »Aber verdammt noch einmal, kommen Sie dann nicht und besetzen meine kostbare Zeit – mit Ihren Narreteien! Sie – glorioser junger Mann, Sie!«
Bell streckte den Arm nach der Türe aus: »Ich sagte Ihnen schon, daß ich bedauere.«
»Mein Herr«, schrie Bourdier, »meinetwegen können Sie sich zum Kuckuck …«
Er schluckte heftig, mit hüpfendem Halsknorpel. »Und überhaupt – das lassen Sie sich gesagt sein – was denken Sie sich denn eigentlich?! Bilden Sie sich etwa ein, Sie brauchten nur mit den Fingern zu knipsen, um ein neues Paradies erstehen zu lassen? … Ho! Sie glauben an die Massen! … Seit Adam ist der Gang der Welt von einzelnen bestimmt worden. Stets waren es einzelne, die den Massen den Fortschritt aufzwingen mußten. Aufzwingen, hören Sie? … Glauben Sie – glauben Sie meinetwegen an den Teufel! … Und Sie wollen Ideale haben? Ja, sind Sie denn verblendet genug, um nicht zu sehen, daß Sie gerade diejenigen ins Verderben reißen, denen Sie helfen wollen! … Knechten Sie die Masse tausendmal härter – und Sie haben die Revolution! … Sie wollen das größte Verbrechen begehen, das Verbrechen der Schwäche. Sie – Demoralisationsfanatiker!«
Und, während Bell wortlos die Tür aufklinkte: »Denken Sie an mich: die Massen, für die Ihr Werk bestimmt ist, werden die ersten sein, die es vernichten!«
Die Türe ging auf … so geisterhaft geräuschlos, als sei sie nur angelehnt gewesen. In dem breiten Rahmen wurde ein Kopf sichtbar, der sich wie ertappt zurückzog. Es war der Laboratoriumsdiener Pierre.
Bourdier erblickte ihn, raffte sich zusammen, schloß plötzlich ganz fest den Mund, klappte ihn dann wieder auf – und sagte mit gepreßter Stimme, langsam und halb gegen die offen gebliebene Türe gedreht: »Mein Herr – es hat mich gefreut.«
Bell verbeugte sich korrekt: »Ganz meinerseits – Herr Professor!«
Dann ging er gerade und sicher an Pierre vorbei, den langen Gang hinab. Er stieg in den Lift, drückte, ohne sich dessen bewußt zu sein, auf den Hebel und schloß während der Fahrt die Augen in dem Gefühl eines lähmenden Halbschlafs. Gleichgültig schritt er durch die kalte Marmorhalle, trat auf die Straße und erwachte erst wieder, als die rotierenden Reklameaugen des gegenüberliegenden Warenhauses grell gegen ihn stießen. –
In der siebenten Etage des Sorbonnepalastes stand Pierre noch immer neben der Türe, die wieder zugefallen war.
Es zuckte seltsam in seinem häßlichen Gesicht.
Ein Klingelzeichen!
Der Diener drückte lautlos das Schloß auf und schlüpfte in das Laboratorium.
Der Saal war jetzt hell erleuchtet. Professor Bourdier hatte den weißen Kittel ausgezogen und schleuderte ihn zornig von sich.
»Räumen Sie den Tisch ab!«, befahl er barsch.
Ein Klirren … und dann ein Sturz. Auf dem Parkett lag ein Haufen von Metall- und Glassplittern.
Bourdier fluchte.
Pierre richtete sich auf: »Ich bitte um meine Entlassung!«, sagte er heiser.
Bourdier vergaß seinen Zorn vor Verblüffung.
»Sind Sie verrückt geworden?«
Aber der Diener war schon zur Türe hinaus.
Zweites Kapitel
Das Kanalboot »Lady Grace« dampfte mit achtundzwanzig Knoten Geschwindigkeit.
Vor dem scharf schneidenden Zug sprang das Wasser in rasenden Schaumwirbeln hoch, die sprudelnd abglitten und zu beiden Seiten siedend die eilende Fahrtrichtung zurückflossen. Der Sturmton johlte um die Antennen des drahtlosen Telegraphen; er fuhr wütend in die schwarze Höhlung des Schlotes, aus der ihm dickquellender Rauch entgegendrang; er platzte mit krachendem Hall an der glatten Holzwehr der Kommandobrücke; er jagte sprühend, durchnäßte Tauenden vor sich herfegend, über Deck. Er sauste rüttelnd um die luftdicht verschlossenen Luken der Bordwände; er knatterte am Heck, während er ohnmächtig das Fahrzeug voranfliehen ließ, eine Sekunde hoch über dem Gischtschweiß der Schrauben und stürzte dann breit auf die Wellen, die sich hochtürmten und mit ihm versanken.
Der Himmel war zerrissen. Ein kupferfarbener Mond beleuchtete düstere Wolken.
Das rote Wachtlicht auf Backbord irrte wie ein erblindeter Funke durch den Nebel.
In zweidrittel Höhe des Vordermastes glaste ein Scheinwerfer im Halbkreis über die Flut, die mit dunkelgrün brausenden Kämmen gegen das Schiff rannte. Der schmale, für schnellstes Tempo gebaute Rumpf rollte schwer; bald schien er nach Steuerbord, bald nach Backbord zu kentern, richtete sich jedoch stets wieder elastisch auf unter dem treibenden Druck der Maschinenkraft.
Das Vorderdeck war durch Seile abgesperrt. Die unaufhörlich über die Planken jachternden Wogen machten den Aufenthalt hier zur Unmöglichkeit. Von der Navigationskammer hinter dem Offizierssteg klangen in kurzen Abständen die Glockensignale durch den langgezogenen Brustton der Sirene.
Die Passagiere, die den Blitzzug Paris–Calais erst vor zehn Minuten verlassen hatten, saßen und lehnten mit schützend zum Festhalten ausgebreiteten Armen im Schiffssalon. Sie stießen an die Wände, an die Tische und Ecksofas und folgten mechanisch jeder Bewegung des schwankenden Bodens. Die an die Decke geschraubten Elektrizitätskörper zitterten unter der Erschütterung über bleiche Gesichter.
Zehn Minuten Fahrt! Und noch doppelt so lange würde es dauern, bis Dover erreicht war.
Noch zwanzig Minuten …
Die Luft war angefüllt von der verdunstenden Nässe der Tücher und Mäntel, vom Ledergeruch der Reisetaschen, von muffigen Sammetbezügen, Möbelholz und Dumpfigkeit.
Auch der rückwärtige Teil des Decks war leer. Niemand wagte sich auf die abschüssige, glitterige Fläche.
Zwischen der Reeling und der das Deck überragenden Außenfront des Salons – in dem schmalen Gang, den der Wind pfeifend durchfuhr – stand ein Mann. Er hielt sich mit beiden Händen an der obersten Stange der Barriere fest. Der Luftzug zerrte an seinem Schal und fegte sein Haar unter der Mütze hervor. Eiseskälte sprühte ihm ins Gesicht und blieb wie spitze Splitter in der Haut stecken.
Er hatte die Arme hart gegen die Reeling gestemmt und starrte in die Brandung, die das Schiff hochwarf und dann wieder einen gurgelnden Abgrund aufriß, um es in die Tiefe zu schlingen.
Bell stand da, vom Sturm umtost, und träumte.
Er sah sich daheim – als Zwölfjähriger – auf dem steinernen Hafenwall, gegen den auch solche grün spritzende Wellen angesprungen waren. Er sah sich im Gewirr der Hafengäßchen, im rußgeschwärzten Hof der Lötwerkstätte. Er hörte den Meister fluchen, und die Erinnerung an Schläge würgte ihn wie ein harter Griff.
Seine Mutter war jung gestorben. Er hatte sie kaum gekannt.
Schritte tappten vorbei. Die von Schweiß und Kohle gefleckte Gestalt eines Schiffsheizers, der heraufgekommen war, um eine Minute Luft zu schöpfen.
Bell blickte ihm sinnend nach. So hatte auch sein Vater ausgesehen, wenn er von seinen monatelangen Seefahrten heimkehrte. Bis er bei den Orkney-Inseln den Seemannstod fand und ihn als Waise zurückließ.
Immer schwerer legte sich dichter Nachtnebel auf den Kanal. Bell träumte weiter. Von nebelerfüllten Straßen der Küstenstadt, in der er seine Kindheit verbracht hatte.
Er schlug den Kragen seines Gummimantels hoch und schritt den schwankenden Gang längs des Schiffssalons hinab. Aus dem Maschinenhaus drang ein Dröhnen herauf. Bell kehrte sich gegen den Wind und blickte durch die angehauchte Scheibe. Im Kesselraum, in dem die Luft vor Hitze sichtbar zu stehen schien, schwangen fetttriefende Kolben um rotierende Achsen. Die Pression steigerte die Energien bis an die Grenze gewaltsamer Entladung, die Glühkohlen stürzten lohend zwischen die Eisenplatten der Heizwände, die Verschlußhauben, Rohre und Ventile sangen von gesättigtem Widerstand. Aus allen Ecken, Tiefen und Fugen des stöhnenden Schachtes tönte der Gang der Maschine.
Ja – das war der Gesang von Metall, dem er so oft gelauscht hatte … als er später als Schiffsjunge auf einem Frachtboot fuhr. Es war ein schmieriger Kahn gewesen, auf den er damals geraten war.
Vergeblich versuchte Bell sich dies Boot, auf dem er seinen ersten Schiffsdienst getan, in seinen Einzelheiten zu vergegenwärtigen. Der große Frachtdampfer, auf dem er bald darauf Dienst genommen und der die Chemikalien von Deutschland nach England beförderte, schob sich gewaltsam dazwischen.
Hamburg–Edinburg! Edinburg–Hamburg! Wie die Zeit vergangen war! Wie der Tag, an dem er seine letzte Schiffslöhnung einsteckte, weit zurück lag! Wie die rote Glut, die aus den Fronten der Edinburger Fabrikblocks schlug, ihn damals gelockt und gerufen hatte! Ja, er war allein gewesen, weiß Gott! Aber er hatte die Zähne zusammengebissen und war seinem inneren Drang gefolgt! …
Bell wandte sich von dem Maschinenhaus ab und ging wieder über das rollende Deck. Er sah nicht mehr die Mastlichter der »Lady Grace«, wußte nichts vom Heulen des Windes. Nach innen gekehrt, die Hände auf dem Rücken, durchwanderte er weiter die Vergangenheit.
Dann war die Anstellung in der Raffinerie zu London gekommen. Die Zeit, da er von jäh erwachtem Wissensdurst getrieben zum erstenmal erfuhr, daß es mit der bloßen Körperkraft ohne Kenntnisse kein Vorwärtskommen gab in dieser Welt.
Schwer, aber schön war es gewesen … tagsüber im Fabriksaal, am Abend das Studium der geliebten Bücher, bis ihn der Schlaf übermannte. Und dann war aus dem Wirrwarr all der Wissensgebiete, mit denen er sich, jede Feiertagsstunde nutzend, herumschlug, die Chemie als sein ureigenstes Gebiet herausgetreten. Bis ihn der leitende Chemiker der Fabrik eines Tages »entdeckte«.
Bell lächelte.
Entdeckt! Bis der Entdecker merkte, daß er ihm über den Kopf wuchs. Bis sie schließlich dahinter kamen, daß er über Wege nachsann, die ihre ganze geldbringende Fleisch- und Gemüsekonservierung gefährden konnten. Bis sie ihm, aus Furcht vor drohender Konkurrenz, lieber zwei kontraktlich ausstehende Jahresgehälter bezahlten und ihm rieten, die Chemie an den Nagel zu hängen.
Bell fuhr mit der Hand über seine Brusttasche. Einige hundert Schilling! Das war der Rest. Dann aber …
Eine breite Sturzwelle schlug über Bord; ihre Schaumketten klirrten an die Oberlichtfenster des Schiffssalons.
Bell ließ die Reeling los und lavierte zum Mitteldeck.
Er beugte sich über die Kajütentreppe und wollte hinabsteigen, als ein zuckender Lichtstreif über die Stufen zu ihm emporlief. Unwillkürlich trat er einen Schritt zur Seite; in der Helle, die aus dem sich erweiternden Spalt drang und gelbe Reflexe auf das Holz der Stufen warf, erblickte er eine Hand, die sich mit ruhigem Griff auf das Treppengeländer legte. Es war eine schmale Hand, und sie wuchs weich aus dem Gelenk, mit dünngliedrigen Fingern von einem außerordentlich zarten, fast durchscheinenden Weiß … die Hand einer Frau. Und gleich darauf tauchte unter dieser Hand ein Kopf empor, blond, schlank und aufrecht … Bell trat in das Dunkel neben der Treppenmündung und ließ die junge Dame vorbei. Sie trug einen Reisemantel, der sich eng um den Rücken legte. Es war ihm unmöglich, das Gesicht zu erkennen. Er sah nur ihre Schultern, die rund schienen von Jugend und Wärme. Das Licht aus dem Salon, das hinter die zufallende Türe zurückglitt, glänzte mit einem letzten Schimmer auf den Absätzen ihrer kleinen Stiefel. Bell sah ihr nach – wie sie auf dem Holzboden stehen blieb vor den ersten Stößen des Windes … Atem holend und mit den Füßen Halt suchend … und wie sie dann den Kopf aufwarf und tapfer weiterging, voran in die stürmende Seeluft. Er bemerkte, während sie im Nebel sacht seinem Blick entglitt, ihren Gang mit dem leichten Wiegen der Hüften; es schien viel Frische und Kraft in dieser Bewegung, und eine stumme Zärtlichkeit. Und als die Nebelwand sich hinter ihr zusammenschloß, undurchdringlich wie zuvor, da war es ihm, als hätte sie – mit einem kurzen Neigen des Kopfes – sich umgewandt.

Bell stellte sich mit dem Rücken gegen die Windrichtung und steckte seine Pfeife in Brand. Dann fuhr er mit den Händen tief in die Taschen seines Gummirocks und schritt breit und vorsichtig über die rollenden Planken.
Die einsame Mädchengestalt lehnte gegen den zweiten Mast, auf dem Hinterdeck. Bell erspähte sie wie einen etwas helleren Streifen in der Finsternis. Er ging weiter, kehrte um und blieb dann ohne Gedanken vor ihr stehen. Sie bewegte sich nicht und sah auch nicht zur Seite. Er zog in kleinen Rucken den Rauch aus der Pfeife; das Aufglühen des Tabaks entblößte sekundenlang ihr Profil in einem roten Leuchten.
Bell spürte, wie die Wärme des Rauches in seinem Mund zerging. Sein Blick war nicht mehr starr wie vorhin, als er dem Sturm ins Antlitz sah. Eine merkwürdig glättende Milde stieg in ihm auf und verbreitete sich in seinem ganzen Körper. Er hatte die Empfindung eines, der nach starker physischer Anspannung aufatmet. Er grübelte nicht mehr; es hatte plötzlich den Anschein – so meinte er –, als sei alles in ihm ganz ordentlich und richtig und an seinem Platz.
Man steht, sozusagen, ganz einfach auf dem Meere und hält seine Pfeife in Brand.
Sehr natürlich.
Er spreizte alle zehn Finger in den Taschen und rauchte mit Bewußtsein. –
Die »Lady Grace« bäumte sich und schwankte heftig. Das aus der Tiefe bullernde Geräusch der Maschine wurde schwächer. Der Sturm heulte auf und verhallte in mehrfachem Echo. Vom Vorderdeck schrillten abgerissene Töne des Läutewerks. Im bleichen Flimmer des Scheinwerfers wuchsen Felsen aus dem Wasser, schwarz, triefend und gezackt. Hinter ihnen kleine, helle Punkte. Das waren die Leuchtfeuer der Hafeneinfahrt. Ermattete Wellen strichen den knarrenden Eisenrumpf entlang. Die salzige Luft wurde wärmer, es roch nach Tank und Teer.
Wieder fiel ein Lichtband von der Salontreppe über Deck, unruhig gefleckt von beweglichen Schatten. Die Fahrgäste drängten herauf.
Bell nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie am Handrücken aus.
»Wir sind angekommen«, sagte er laut und freundlich.
»Ja«, erwiderte die Gestalt vor ihm – »das ist Dover.«
Er hörte ihre Stimme zum erstenmal; und fast wunderte er sich darüber …
Ein heftiger Stoß ging über den Rücken der »Lady Grace«. Die Maschine stand still. Das Schiff neigte sich seitwärts und trieb dann schaukelnd an die Mole.

Drittes Kapitel
Der breite Abfahrtsperron de D. L. E. (Dover-London-Expreß) war von hunderten gestikulierender, hastender, in allen Sprachen durcheinanderrufender Menschen besetzt. Die niederen, dreirädrigen Gepäckloren ratterten vom Registriersaal über den betonierten Damm zu den beiden unendlich langen Postwagen, die am Kopf des Zuges hinter die Maschine gekuppelt waren. Die Linie Dover–London war, wie London–Folkstone, London–Harwich und die anderen Kontinentallinien, seit fast zwei Jahren nach dem Schnellverkehrssystem des deutschen Ingenieurs Daniel Forster eingerichtet. Die Forster-Züge waren einschienig. Der ganze Zug war grau wie ein Gigantenmaulwurf, die Untergestelle, Achsen und Räder aus Stahl, alles übrige aus Aluminium. Die Reflektoren, die das Licht von der Bahnhofsdecke herabschleuderten und die Signalaugen der Maschine abblendeten, gossen wellige Strahlenschnüre über die flachen Dächer der Cars. Der Führungswagen empfing seine letzte Ladung Elektrizität aus den Akkumulatoren, es surrte in den Kautschukisolatoren der Kabel, den ganzen Zug entlang surrte der elektrische Strom, die Gleichgewichtskreisel zwischen den Tragachsen der Wagen feilten denselben feinen, rastlosen Ton. Die große Hauptuhr zeigte 11:24 – um 11:25 mußte der Zug ausfahren.
Bell kam als einer der letzten durch die Sperre. Er überblickte unschlüssig die Knäuel der Einsteigenden und sprang erst im letzten Augenblick auf den nächsten Wagentritt. Die Kupplungen ächzten knirschend unter der plötzlichen Anspannung, das Feilen der Kreisel setzte lauter ein und stieg einen Ton höher, die Bahnhofsmauer glitt vorbei. Auf dem Bahnsteig lief ein halbwüchsiger Junge neben dem Zug her und warf die Türe hinter Bell zu.
Bell hatte die Ellbogen auf die gepolsterten Lehnen gestützt. Er legte ein Bein über das andere und genoß die Ruhe. Nun, da sie mit ganzer Kraft dahinschnurrten, verspürte man kaum eine Bewegung, es war, als glitte man auf stählernem Schlitten über eine magnetische Fläche. Manchmal fuhr ein blauer oder grüner Riß durch die Dunkelheit … die Telephonhäuschen der Streckenwächter.
Bell drehte sich von der Scheibe weg und senkte den Kopf. Die Spannung der letzten drei Tage begann nun zu wirken, eine leichte Erschlaffung ließ ihn fröstelnd zusammenschauern. Der helle Wagenraum versank vor seinen müden Augen in farblose, verschobene Umrisse. Sein Kopf schmerzte. Mancherlei Erwägungen kreuzten durch sein Bewußtsein. Er überdachte den Lauf dieser Reise: abgeschlossen … das war vorbei, ja … Und eigentlich war es nicht einmal überraschend – durchaus nicht! Dennoch – es war Raum für sein Projekt in dieser Welt! Und wenn dieser Raum sich nicht selbst bot, so würde er ihn schaffen! Er fühlte die Schnelligkeit der Fahrt in allen Nerven, und das beruhigte ihn. Er rechnete flüchtig und in losen Zusammenhängen seine Aussichten durch, und es dünkte ihn, daß die Rechnung stimmte. Sie mußte stimmen. Bell zog unwillkürlich die Stirne hoch und kniff die Augen zusammen. Dann wurde er innerlich ganz kühl, während er seinen Betrachtungen folgte … Und plötzlich mußte er lächeln – schon halb im Schlaf – als er sich Bourdiers erinnerte, wie er vor ihm stand und sich spreizte, knallrot und ohnmächtig; und die letzten Worte des Professors klangen ihm in den Ohren. Dann verloren auch sie ihren Sinn, und es war nur der Klang, der nachwirkte …
Der Zug flog mit bebenden Flanken. Er fraß sich durch das Dunkel, er schluckte die Kilometer, er flitzte durch sie durch und stieß sie hinter sich ab in einen lustleeren, pfeifenden Raum, der nach ihm über die Strecke fegte. Er legte sich in die Kurven, schleuderte die blanke Barre der Schiene unter sich zurück und schoß in die Schwärze wie ein spiegelglatter Pfeil.
Bell schlummerte ein.
Die Unterhaltung der Mitreisenden zirkulierte gleichförmig um ihn von Drehstuhl zu Drehstuhl. Der Geruch glimmender Zigarren krieselte von den Aschbechern auf den Mahagonitischchen. Die livrierten Diener kamen und gingen mit Teekannen und Toasttabletts.
Bell schlief. Er schlief noch immer, als unter ihnen, wie aus der Erde heraus, ein Dröhnen barst, und die Schiene splitternd sprang, und der lange Wagen wankte.
Er erwachte erst, als es ihn heiß und kalt umwehte. Irgendetwas stürzte tosend zusammen.
Bell spürte etwas Hartes, Schneidendes in den Handflächen. Es war eine aus dem Bahndamm ragende Wagenachse, die er umklammert hielt. Die scharfen Kanten des Metalls schnitten ihn ins Fleisch und verursachten ihm heftige Schmerzen – während ein marternder, an seinen Nerven rüttelnder Lärm wie eine klagende Woge um ihn brandete. Er biß die Zähne zusammen und suchte Erleichterung, indem er abwechselnd den Griff der einen Faust lockerte und die andere dem Gewicht seines Körpers standhalten ließ. Schwelende Wärme stieg unter ihm auf. Ein brandiges Etwas hinderte ihn, frei zu atmen, es legte sich um sein Bewußtsein wie eine zerfließende Wolke. Einen Augenblick war ihm, als müßte er alles verschließen, was noch an Empfindung in ihm lebte, aber dann griff er stärker um das Metall, das seine Haut zu sengen begann, er wollte durchhalten, und gleich darauf ließ er dennoch los. Aber er stürzte nicht; er rollte ganz sanft den Bahndamm hinab und blieb liegen.
Der Boden war weich und feucht. Bell genoß diese plötzliche erfrischende Nässe mit einem Dehnen der Glieder. Er öffnete angestrengt die Augen und sah, daß es hohe, betaute Grashalme waren, die seinen Kopf umstanden und ihm Stirn und Wangen streiften. Er empfand den Duft des Wachstums, der mit jedem Halm aus der Erde stieg, er bewegte den Kopf nach beiden Seiten im Grase, er hätte sich am liebsten daran gelehnt, und er dachte, daß es wüchse ohne innezuhalten, so zart war es und empfindlich vom Tau.
Bell drückte aufatmend die Schulterblätter tief in das auseinanderweichende Gras und richtete den Blick gerade empor. Über ihm ruhte die Wölbung des Himmels wie ein sehr dunkles, straff gespanntes Tuch ohne Falte; da und dort stand ein Leuchten auf dem Stoff, nicht größer als ein Punkt, aber bleich und mild wie Silber – die unendlich ferne Iris der Sterne …
Bell saß aufrecht; und als er den Kopf wandte, gewahrte er den Damm, auf dem umgestürzte und zerbrochene Waggons die hilflosen Räder ins Leere streckten. Flammen stiegen aus der Verwüstung empor, kurze Feuersäulen, aus denen es gierig tönte von knackendem Holz und schmelzendem Aluminium. Und da – während er mit einem Sprung stand und voll Verwunderung feststellte, daß er heil war und kein Knochen fehlte – hörte Bell den Chor von Rufen und Wimmern. Er unterschied – erst wie ein entferntes Gewirr, und dann entsetzlich wirklich und nah – die Stimmen, von hüben und drüben, von dem Abhang und von dem aufgerissenen Weg der Schiene; sie kamen von oben und unten, vorn vorne und rückwärts, aus dem Wust gekrümmter Metallrücken, aus den Flammen, überall her … Es war der verunglückte Zug, der schrie – oder waren es die Menschen? –, es war der Schauplatz eines Kampfes, der kurz, aber furchtbar gewesen sein mußte. Bell schritt, unsicher noch und betäubt, dem Bahndamm zu. Er kletterte über Haufen zerstörter Wagenteile, er stieg über Schuttmassen, er bückte sich unter Schwellen, er trat in Asche und Blut, und das Schreien, das Schreien des Zuges folgte ihm. Ja, das war der Nachtexpreß Dover–London, sein Zug. Er war entgleist infolge falscher Weichenstellung.
Lichter huschten an Bell vorbei – es klapperte neben ihnen von eiligen Schritten – und kletterten den Abhang hinauf. Die von der nächsten Zwischenstation telephonisch gerufene Rettungsmannschaft war an der Arbeit. Tragebahren standen auf der Wiese. Zwei Männer brachten eine durch Bandagen unkenntliche Gestalt und legten sie behutsam auf ein Feldbett. Die Wasserstrahlen der Handpritschen zischten durch die Luft und jagten den Rauch aus den Brandstellen auf. Unter halbverkohlten Wagen, zwischen den abgesplitterten Platten der Dächer, zwischen zerrissenen Kabeln und geborstenem Glas waren Menschen – sie schrien laut, sie klagten monoton oder jammerten leise, sie streckten die Hände und suchten sich herauszuarbeiten.
Bell hielt neben der Maschine. Sie hatte den Kopf, diesen Maulwurfskopf mit den stählernen Kiefern, zur Hälfte in den Sand gebohrt. Die eine der beiden Laternen war erloschen, die andere fehlte; die Öffnung, aus der sie im Sturz gebrochen war, glich einer leergeronnenen Augenhöhle. Der Leib, der noch vor kurzem von elektrischen Energien gebebt hatte wie ein Wesen, das lebendig ist und stark, der Leib, der gewohnt war zu schweben vor Geschwindigkeit, war nun still – ein breiter Riß ging mitten durch, und daraus quollen die Drähte und Kabel, Bündel von Eingeweiden. – Die Postcars waren umgekippt, die Kuppelung hielt sie noch zusammen, und vor ihnen häuften sich Stapel eingedrückter Koffer und geplatzter Pakethüllen. Der erste Passagierwagen – ein Sonderwagen der »Compagnie de Luxe« – ruhte mit dem vorderen Teil auf einer Schicht von Trümmern, der hintere Teil hing frei über den Abhang. Die Räumungsarbeiten waren an dieser Stelle in vollstem Gang. Der Wagen, dessen gewichtiger Bau sich ruckweise, aber unaufhaltsam senkte, wurde durch Pfosten gestützt, deren Holz sich bog und jeden Augenblick entzweizubrechen drohte. Eine Schar Geretteter umstand den Platz – bereit, auf das erste Warnungszeichen zurückzuspringen. Ihre Gesichter erschienen merkwürdig weiß und leer in der wechselnden Beleuchtung. Der Schutt oben auf dem Damm bewegte sich, kam ins Rutschen, ein Geröll von Steinen klinkerte herab – und dann brach ein vielstimmiger Schrei aus der Schar, er keuchte aus dem Kreis, den die Erwartung wie ein fiebriger Strom umfloß, er hallte in die Nachtluft –: zwischen den verschobenen Trümmerteilen wurde ein menschlicher Körper sichtbar. Der Unterleib war festgeklemmt, und gerade darüber schwebte der gewaltige Achsenbau des Wagens. Es war ein Mädchen. Das offene blonde Haar wehte von ihrem vorneüber geworfenen Kopf herab, das Gesicht war unkenntlich, zur Erde gerichtet. Eine Bewegung ging durch die Zuschauer, wie das erste Signal einer Panik. Die Frauen drückten sich aneinander, die Männer zauderten, sie wollten retten und wagten sich doch nicht vorwärts in den Bereich des drohenden Sturzes. In den Stützbalken knackte es von zerspringenden Holzfibern, der schwere Wagen gab ein Dröhnen von sich. Auch die Beamten wichen zurück, und die Balken, die nicht mehr festgestemmt wurden, begannen zu wanken.
Bell hatte sich mit zwei Stößen der Ellbogen in die erste Reihe gedrängt. Er stand da und starrte wie festgebannt auf dieses blonde Haar, das die Steine berührte. Er schnob in die Luft, und in seinem betäubten Hirn quälte ihn ein unsicherer, blitzartiger Gedanke. Er sah das blonde Gold dieser Haare, und es jagte wie ein Dämmer durch seine Erinnerung – er beugte sich vor, seine Füße berührten den Boden – da löste sich eine weiße, schmale Hand aus dem Geröll, und er wußte: es war das Mädchen von Bord der »Lady Grace«! Und im selben Augenblick stieß er gleichsam von dem Fleck Erde ab, auf dem er stand, und fuhr voran – er landete auf dem Anhang, der unter ihm fortzugleiten schien, er hieb mit drehenden Armschwingungen in das Geröll, er riß das Mädchen empor und an sich, er schnellte in zwei, drei Sätzen wieder hinab – und gleich darauf erschütterte der Sturz des Wagens das Gelände – die Erde bebte – und ein prasselnder Regen von Erdstücken, ein Wirbel von Staub hüllte ihn ein. Er stand aufrecht in diesem Luftkreisel, er wußte nicht, daß seine Augen brannten, er hörte nicht die Rufe, er fühlte nur das lebende, elastische Gewicht der Last auf seinen Armen – die Augenlider fielen ihm herab, ein Strahl von Stärke und Unbändigkeit rann durch ihn. Dann, als er wieder zu sehen vermochte, schritt er durch eine Gasse von Menschen zum Wiesenrain und bettete das Mädchen ins Gras. Ein Arzt kniete neben ihr. Er horchte auf den Herzschlag und konstatierte einen vorübergehenden Schwächeanfall. Bell war gezwungen, den Druck zahlloser Hände zu erwidern. Doch sein Blick suchte die Gestalt des Mädchens, das schlank und leicht auf dem Rasen ruhte, kühle Tautropfen in dem blonden Haar.
Eine kurze Strecke voran wartete der Hilfszug. Er glich seinem (nun durch den Tod entstellten) Kollegen wie ein Bruder dem anderen. Er funkelte von der Schnauze seiner Maschine bis zu den roten Lichtern am Schwanz. Er brummte aus den Dynamos und sprühte zurückgehaltene Lebendigkeit, als könne ihm so etwas nie und nimmer passieren. Und als er anzog und absurrte, schleiften die immer kleiner werdenden Schlußlaternen hochmütig ihren Schein hinterher.
Bell hatte ein getrenntes Abteil entdeckt und die junge Dame, der er in dieser Nacht auf so merkwürdige Weise zum zweiten Male begegnet war, hineingehoben. Da saß er nun. Auf der Bank gegenüber lag sie und bewegte sich nicht. Und im Grunde war er heilfroh, daß sie sich so hervorragend still verhielt, den Kopf zwischen den Kissen verborgen. Während der Zug wie ein Pfeil flog – als wollte er gutmachen, was der andere versäumt hatte –, sandte Bell zuweilen einen raschen Seitenblick hinüber zur anderen Bank und lächelte, beruhigt darüber, daß sich dort nichts regte. Er kam sich ganz unwirklich und wie aus der Welt verschlagen vor, allein mit dieser kleinen Dame, die so vornehm und zierlich war und so überaus gebrechlich erschien unter den Falten der Decke, die er über sie gebreitet hatte. Bell war nie dazu gekommen, sich mit Frauen abzugeben, und nun saß er da und betrachtete die Situation wie ein heimliches Wunder. Er konnte sich nicht recht darein finden, daß er sie soeben in seinen Händen gehalten hatte, die ihm so grob und rauh vorkamen, so daß er niemals gewagt hätte, ihr mit ihnen das Haar aus der Stirn zu streichen. Er scharrte mit den Füßen und hielt gleich wieder erschrocken inne, damit sie nicht erwache. Er studierte die verschlungenen Buchstaben D. L. E., die auf die Polsterung gepreßt waren. Er bemühte sich, die vorbeihüpfenden Telegraphenstangen zu zählen, und schließlich pfiff er zwischen den Zähnen zum Takt der Radschwingungen eine kleine vorsichtige Melodie.
Das Unglück hatte mehr als drei Stunden Zeitverlust gekostet. Der Tag tastete bereits herauf. Die Ausdünstung der Morgenstunde hob sich von den Feldern und wälzte sich neben dem Zuge mit. Milchweiße Schwaden verdeckten die Vegetation; es sah aus, als führe man zwischen Wassern.
Wieder glitten sie dahin wie auf einer magnetischen Ebene.
Draußen wurde es immer heller. Baumkronen und Dächer stiegen aus dem Dunst wie treibende Inseln. Bald war es ein fliegender Dunst von schwebenden Streifen, die sich über der grünen und braunen Landschaft zerteilten. Auch in dem Abteil wurde es hell und sonnenwarm. Bell pfiff auf einmal ganz unbekümmert, er wurde froh in all der Helligkeit. Aber dann verschluckte er den Ton in der Kehle und erhob sich unbeholfen: das fremde Mädchen sah ihn aus weit geöffneten Augen an und richtete sich langsam auf. Er war sogleich bei ihr, ließ sich auf dem Fensterplatz nieder und stützte sie mit einer Sorgfalt, über die er selbst erstaunt war. Sie faßte nach seinem Arm, ohne ein Wort zu sprechen; – er war ihr dankbar dafür. So lehnten sie am Fenster, der Sonne entgegen. Es war Bell, als tönte ein hüpfendes, übermütiges Morgenlied an sein Ohr, aus dem Summsen des Wagens, aus den Feldern dort draußen, aus der atmenden Berührung der Gestalt neben ihm. Der Linoleumboden zu ihren Füßen, die Bank, der Fensterrahmen sausten noch schneller als früher an der Landschaft vorbei. Sie fuhren eine Biegung – und dann sah man weit voraus, in einer Welt von Himmel und Schimmer, den riesenhaft gedehnten Umriß Londons. Zwei gleißende Türme stiegen vor der Stadt schwindelnd in die Atmosphäre, eine gleißende Wölbung spannte sich zwischen ihnen. Das war der Kristallpalast – die weiten Bogen standen flimmernd im Morgen, und es schien, als klängen sie in der Luft.
Der Zug raste mächtiger denn zuvor. Er knatterte über eine Hängebrücke, er hob und senkte sich wie ein fliegendes Fahrzeug, er hämmerte über Land, er knallte pfeifend zwischen zwei kilometerlange Zäune von Plakaten – er nahm keine Notiz davon, daß Madame Feodorowna in der »Alhambra« tanzte, und es wunderte ihn nicht, daß »Pink-Flower« das beste Mundwasser ist – er preßte sich in einem Nu durch diese bemalten Wände, die schon hier draußen für die große Stadt Reklame brüllten, er fuhr – wie ein Bolzen aus dem Blasrohr – wieder aus ihnen heraus, er hatte alle Besinnung verloren, er war nicht mehr zu halten, er witterte das Ziel, er stürmte darauf los – und er streckte sich flach vor Übereilung, als die Halle der Victoria-Station sich vor ihm auftat … hinter ihrem gläsernen Abschluß konnte man den Verkehr der Straße erblicken … er sprang gleichsam in einem Satz aus dem Flachland mitten in das Herz von London, und er wieherte aus den angerissenen Bremsen, als er betäubt stillstand, atemlos und mit zitternden Aluminiumflanken – zwischen den Kolonnen von Omnibussen und Autos, die von der Straße in die Halle gefahren waren.
Bereits um fünf Uhr hatte der Draht das Unglück in die Hauptstadt gemeldet. Die Morgenausgaben der Zeitungen brachten fett gedruckte Titelblätter. Und jetzt – neun Uhr vormittag – staute sich in der Halle von Victoria eine erregte und neugierige Menge. Verwandte und Freunde der Reisenden (man hatte die Namen der Toten und Verletzten noch nicht melden können), mühsam beherrschte Menschen, Nichtstuer, Schreiber, die auf dem Wege zum Bureau eine kleine Frühstückssensation aufschnappen wollten, Reporter, Photographen. Sie stürzten sich auf den Zug, als müßten sie ihn verschlingen, sie kletterten auf die Plattformen … unterdrücktes Aufschluchzen, Freudenschreie … die Photographen knipsten, die Redaktionsautos fuhren davon.
Bell half seiner Reisegefährtin auf den Bahnsteig. Noch einen Augenblick hielt er eine kleine, weiße Hand in der seinen – dann drehte er sich unvermittelt herum, wie jemand, der nach einer traumhaften Luftfahrt gelandet ist und merkt, daß er wieder auf nüchterner Erde steht.
Die junge Dame aber flog von seiner Seite, einem Herrn entgegen und an die Brust, der – elegant und massiv – die Umstehenden um einen Kopf überragte. Gleich darauf standen beide vor Bell – er hörte, wie sie »Papa« sagte, und er murmelte seinen Namen – der Herr sprach einige Worte … er hieß C. W. Graham … ja, und er sei Bell zu außerordentlichem Dank verpflichtet, da seine Tochter … Bell dachte, daß er noch nie einen so imponierenden Kopf gesehen habe – und die junge Dame reichte ihm eine Karte und forderte ihn auf, sie nachmittags zu besuchen – »ganz bestimmt, nicht wahr?«
Als der Tumult schon lange aus dem Bahnhof geebbt war, stand Bell noch immer neben dem Zug und drehte eine kleine, bedruckte Karte zwischen den Händen.
Viertes Kapitel
Das weite Viereck des Trafalgar Square dröhnte von jagenden Rädern. Es war um die Mittagsstunde; die Zeit, in der die Armeen von Schreibern, Verkäufern und Schalterbeamten aller Art sich aus den Banken und Büros ergießen. Der Verkehr am Strand, von Charing Cross und Leicester Square flutete in das von Hast und Geschäftigkeit schallende Viereck und brandete um den Sockel der Nelson-Säule.
Auf einer der kleinen Straßeninseln, an der Mündung des Strand, stand Bell mit ermüdeten Augen. Er war den ganzen Vormittag durch London gegangen, ohne ein bestimmtes Ziel. Er schob sich zwischen die Mauern angehaltener Wagen und ließ sich vor den Portalen der Geschäftshäuser drängen. Er kreuzte an den gefährlichsten Stellen über die Fahrdämme, mit der blinden Unbekümmertheit eines Mondsüchtigen. Und jetzt war er auf dieser Insel gelandet, die nicht mehr als einige Schritte breit war und doch so sicher und unberührbar lag inmitten des ewig vorwärts schiebenden Chaos. Die ermattende Reaktion, die Bell in der Halle von Victoria überkommen hatte, hielt noch an. Er bemühte sich nicht, zurückzudenken; aber aus dem Lärmen der Straße sprang ihm der eine oder andere Ton entgegen, der die Katastrophe der Nacht entfernt wieder aufleben ließ. Er war in einem Rausch unbeherrschter Passivität, wie er da auf dem erhöhten Platz hielt und den Verkehr sich mahlen ließ. Allmählich schlugen die Geräusche ineinander, wurden immer gleichförmiger, statt rhythmisch – so schien es ihm –, und wie er sich umwandte und überall das gleiche treibende Gewirr erblickte, strömte mit einem Schlag das Bewußtsein wie eine körperliche Empfindung in seine Nerven zurück. Er wurde wieder nüchtern, klar und scharf in dem Gefühl dieser bewegten Realität. Er spürte wieder den Boden der Stadt, und es brannte unter seinen Füßen vor Energie. Er verließ seinen Platz und schlug die Richtung über den Square ein.
Als Bell, aus dem Trubel getaucht, zum Green Park kam, schöpfte er tief Luft in der Ruhe, die hier greifbar über den Bäumen lag. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen und überlegte.
Er war entschlossen, sich wieder in seinem Zimmer einzusperren, irgendwo in einer stillen Gegend. Er sehnte sich mit einem Male nach dem Aufenthalt zwischen vier dicken, abschließenden Wänden, mit dem Bewußtsein, daß man nur die Treppe hinab und einige Ecken zu gehen braucht, um das notwendige Quantum Leben zu trinken. Fast empfand er Ungeduld danach, er drückte die Füße auf den Kies und zog die Schultern hoch.
Noch kannte er seinen Kurs.
Und er war nicht gewillt, davon abzuweichen.
O, noch lange nicht.
Bell sprang auf, indem er sich sagte, daß er nun, beim lebendigen Gott, keine Minute Zeit zu verlieren habe nach seiner Pariser Expedition. Er war sich wohl bewußt, daß diese Eile übertrieben war, aber er freute sich doch – und gestand es sich gerne ein – über den gesunden Durst. Er blinzelte in den verschleierten Sonnennebel und schritt lebhaft aus. Bei einem Boskett am Ende der Anlagen stieß er heftig mit einem Mann zusammen, der schnell und unerwartet um die Ecke bog. Bell rückte den Hut und murmelte eine Entschuldigung. Aber der andere war schon vorübergeeilt. Bell hatte die Straße erreicht, als ein unbehagliches Gefühl ihn halten ließ. Er hatte die unklare Empfindung, daß jemand ihm folgte. Er wandte sich um – und wirklich, da stand der andere in geringer Entfernung und beobachtete ihn. Eine Sekunde lang sahen die beiden Männer sich fest in die Augen. Dann machte der Fremde kehrt; – langsam, fast zögernd, als fühle er sich ertappt und wolle dies nicht eingestehen. In dem kurzen Augenblick bemerkte Bell, daß das Gesicht des Mannes von ungewöhnlicher Häßlichkeit war, und daß er einen schwarzen Lodenmantel trug.
Der Hausflur war schmal, der Aufgang finster. Und der enge Vorraum, in den Bell von einer korpulenten Frau eingelassen wurde, sah keineswegs erfreulicher aus.
Hier also würde er leben … Das Zimmer war von einer Kahlheit, die den berauschtesten Mann augenblicklich nüchtern gemacht hätte. Die Möbel wurmstichig und alt, aber peinlich sauber. Auch die abgeschabte Diele glänzte von Reinlichkeit. Es roch nach Küche und Einsamkeit und einem kleinen Strauß Lavendel, der auf dem Kaminsims aus einer Vase leuchtete. Zwei Fenster gingen auf einen trüben Lichthof. Die muffige und doch kalte Atmosphäre eines Heims, das kinderlos ist, betrübend arm an Helligkeit und Frische. Aber der blanke Estrich und die blauen Lavendel verrieten doch eine gewisse verschämte Hoffnungsfreudigkeit, die in dieser »bürgerlichen Wohnung« ein Winkeldasein führte. Bell wurde von dem behenden Redeschwall der Wirtin in ein mit speckig-grünem Sammet überzogenes Fauteuil gedrückt und wartete, bis ein günstiger Zufall ihm gestatten würde, zu Wort zu kommen. Frau Trimbles pries weitschweifend die Vorzüge des Logis und holte nur Atem, als Bell erklärte, das Zimmer mieten zu wollen. Aber auch dann machte sie ihr Mundwerk wieder flott, und Gott weiß, daß sie sich darauf verstand.
Bell saß in dem Fauteuil und wartete auf eine Pause in dieser Fahrt sich überhastender Reden. Doch Frau Trimbles steuerte unentwegt voran und zog ihn erbarmungslos im Schlepptau. Er erfuhr, daß sie eine Kammer neben der Küche bewohne, die sie mit dem Kater Pussy teile. Und wie zur Bestätigung schlich ein zerzaustes, mißfarbenes Tier durch die angelehnte Türe und sprang zutraulich auf Bells Knie. Frau Trimbles beugte sich herab und verstummte in Zärtlichkeit. Hierauf entschloß sie sich endlich, ihren Mieter allein zu lassen.
Bell streckte sich in dem ächzenden Fauteuil … Ein dürftiges Bett, eine Öllampe, graue Tünche an den Wänden; graues Licht in einem grauen Hof, mit einem grauen Stück Himmel darüber …
Ja, hier also würde er leben …
Er lehnte sich in das Fauteuil zurück. Er war wirklich etwas müde – nun, da er sozusagen »heimgekehrt« war. Am liebsten wäre er so sitzen geblieben in der dämmrigen Stube, aber es drängte ihn doch wieder, sich zu erheben; er wußte selbst nicht, was es war …
Es schlug fünf vom Turm der St.-Mary-Kirche, als Bell sich auf den versprochenen Besuch besann. Er zog sich um und nahm am Leicester Square ein Taxi, um nicht zu spät zu kommen.
In der Regent Street fuhr er an einem riesenhaften Gebäude vorbei. Es sah aus wie eine Bank oder ein Hotel.
Sie kreuzten die Wagenkolonnen von Piccadilly und ratterten dann durch stille Straßen mit den monotonen Fassaden der Einfamilienhäuser. Der Chauffeur ließ den Motor laufen. Bald darauf hielt das Auto vor dem Parkgitter einer palastartigen Villa in Westend-Grosvenor Street.
Der Diener führte Bell in einen weitläufigen, von schweren Gerüchen erfüllten Wintergarten.
Bell setzte sich zwischen zwei Orangenbäume auf eine mit Löwenköpfen geschmückte Marmorbank, – er war kein Kenner in künstlerischen Dingen, und Italien war ihm bloß aus der Perspektive von Postkarten und billigen Drucken bekannt – aber er dachte, daß eine solche Bank sehr wohl in dem Garten irgendeines römischen Fürsten gestanden haben könnte. Er atmete den Duft der Orangen und Orchideen, und es kam ihm sonderlich vor, daß er sich hier befand.
Die Blumenwärme, die in dieser gedämpft beleuchteten Hallte herrschte, war gesättigt von betäubenden Düften. Bell sah nicht die beiden knochigen Fäuste, die auf seinen Knien lagen, er hörte nicht das leise Knirschen einer Flügeltüre im Hintergrund, und er blickte erst auf, als eine sehr schlanke und sehr junge Dame vor ihm stand.
Er erkannte sie nicht gleich wieder, so verändert und sicher erschienen ihr Lächeln und ihre Bewegungen. (Er hatte sie anders in der Erinnerung – scheu, bezaubernd verwirrt, in einem dröhnenden Eisenbahnwagen.) Ja – da stand eine kleine Dame vor ihm, eine Dame aus einer andern Welt … eines jener Geschöpfe, die in den Männerblicken leben, die sie umhüllen – in dem Sprühregen einer blendenden Theaterauffahrt, im Carlton zwischen Frackanzügen und Diademen … und in einem Wintergarten zwischen phantastisch geformten, farbig erglühenden Blumen. Fast wollte er sich auflehnen gegen den weichen Hauch von Lorbeer und Glycinien, während das kleine Zauberfräulein seinen Namen aussprach und sich freute, ihn wiederzusehen. Es erschien ihm jetzt lächerlich, daß er an sie gedacht hatte, und er umgab sich gewaltsam mit beinahe schroffer Kälte.
Auch beim Tee, als C. W. Graham erschienen war und den Wintergarten mit seiner vierschrötigen Gestalt und seiner trockenen, fast harten Stimme füllte, antwortete Bell mechanisch, mit abgemessener Höflichkeit, während seine Gedanken durchaus nicht in diesem Hause zu sein schienen.
Doch eine Weile später, während der Unterhaltung am Teetisch, mußte Bell gegen seinen Willen immer wieder Graham betrachten, dessen Erscheinung den kostbaren Rahmen des Raumes unwillkürlich zurücktreten ließ.
C. W. Graham war kein Mann, an dem man vorbeisehen konnte. Man merkte hinter all seiner Glätte, daß er gewohnt war, zu befehlen.
Im übrigen warf er nur hier und da ein kurzes Wort in die Unterhaltungen, die seine Tochter mit umso größerer Lebhaftigkeit bestritt. Aber wenn er sprach, fühlte man sich gezwungen, aufzuhorchen. Und selbst seine Schweigsamkeit schien auf eigentümliche Weise beredt und eindringlich.
Bell – während er aus einer zierlichen chinesischen Tasse goldgelben Tee trank – empfand auf einmal, daß er hier einsam saß, abgetrennt durch eine unsichtbare, aber tiefe Kluft.
Er gab sich keine Mühe, zu erfahren, welcher Gruppe von Finanzgrößen Graham angehören mochte. Er dachte nur daran, daß es ein merkwürdiges und sehr unvorhergesehenes Ereignis war, das ihn diese Bekanntschaft machen ließ. Und daß das Ende seiner Fahrt ihn wiederum einem Manne gegenüberstellte, für den es ein leichtes gewesen wäre, sein Unternehmen zu realisieren. Deutlicher als je empfand Bell, daß er verzweifelt mittellos auf einem gefährlichen Pfade war. Mit dem Instinkt eines Menschen, der »außerhalb« steht, wurde er sich sogleich darüber klar, daß Graham sein Gegner war, daß er von Natur aus sein Gegner sein mußte.
Aber Bell gab sich keine weitere Rechenschaft über diesen Gedanken, und, von Graham abgleitend, sah er auf die Hände des jungen Fräuleins, die Tee einschenkten. Sie waren ihm merkwürdig vertraut, diese Hände, und das war das einzige, was ihm in seiner sonstigen Abwesenheit hier zu lebendigem Bewußtsein wurde.

Auch Graham betrachtete seine Tochter und sagte, weniger laut, mit einem Lächeln, das auf seinen breiten, von feinen Furchen gestrafften Zügen überraschend weich wirkte:
»Vivian freute sich so, daß Sie Ihr Versprechen hielten, Herr Bell! …«
»Vivian« … dachte Bell … »Vivian« … – –
Später, als er wieder auf der Straße stand und sich in der frischen Abendluft, wie von einer ungewohnten Last befreit, aufrichtete – trotzdem es hier draußen finster und betrübend feucht war –, dachte er, daß »Vivian« ein seltener Name wäre. Er schritt in Gedanken das Parkgitter entlang, fuhr aber jäh aus seinen Betrachtungen auf, als hinter der nächsten Laterne ein Mann hervorglitt, der gleich darauf im Nebel verschwunden war.
Bell hatte die Vorortgegend erreicht, die aus dem Villenviertel in die Stadt überleitet. Die Häuser waren hier bunt und bescheiden, in einem Stil, der zwischen bürgerlichem Geschäft und Herabgekommenheit schwankte. Und die Menschen, die sich dazwischen bewegten, waren wie sie ein Gemisch von prosaischem Wert und Dürftigkeit. Sie waren Kaufleute allesamt, noch nicht Unternehmer. Sie wohnten vor den Toren der City, und das gab ihnen einen Abglanz von aktiver Bedeutung. Sie trieben mit ihrer Arbeit, ihrer kleinen Münze nach dem Zentrum hin, wie die Adern dem Herzen zuströmen, und sie hofften, dereinst in den großen Kreislauf aufgenommen zu werden, ein Teil von ihm zu sein.
Durch den Nebel rieselte eine kleine Spreu von Nässe, die Laternen spiegelten sich langgeschweift in dem glitterigen Pflaster. Es war ein Abend wie die meisten Londoner Werktagsabende – düster, lebhaft und fröstelnd.
Bell schritt unentschlossen durch das schäbige Gewimmel. Er war mißgestimmt und hatte keine Lust, nach Hause zu kommen. Er achtete nicht auf Weg und Richtung. Ziellos wanderte er durch häßliche schmale Gäßchen, er tauchte zwischen dumpfige Häuserblocks mit geheimnisvoll geschlossenen Fensterläden, stieg wieder ans Licht unruhiger Plätze, bog um eine von Menschen belagerte Haltestelle der Subway – und dann stand er wieder in der Regent Street vor dem gleichen hohen Gebäude, das ihm wenige Stunden zuvor im Vorbeifahren aufgefallen war, und las die Lichtlettern hoch droben auf dem Dachsims: »Graham Meat Company«.
Von den Scharen auf dem Piccadilly Circus durch die Häuserschlucht des Strand getrieben, geriet Bell in den Strom der nach Osten führenden Commercial Road. Erst als er sah, daß er in dem Gewühl heimkehrender Arbeiter mitgerissen würde, wenn er sich nicht dagegenstemmte, blieb er resolut stehen und beschloß, die ruhigen Ufer der Themse aufzusuchen.
Bell hielt vor den alten Mauern des Tower und blickte über die runden Türme und breiten Zinnen hinweg in die schwarz abschließende Himmelswand. Er hörte London bis hierher, er hörte es rumoren mit einzelnen betonteren Lauten aus dem Gemurmel eines entfernten Riesenorchesters, aber er sah es nicht, geborgen durch die dicken Towerwälle. Er spürte wohl das Leben auf der anderen Seite, doch es konnte ihn nicht erreichen.
Die Towerbrücke hing wie eine schweigsame, breite Kette über einem Abgrund tiefer Ruhe, der die Themse war. Bell lehnte an der steinernen Wehr; er beugte sich weit hinaus und roch das Wasser, das so langsam floß, daß man es kaum klickern hörte. Nun sah er: weit drüben war London, glasig, lichtflutend und nebelhaft – wie eine gläserne Kugel über dem Krater eines Vulkans, wie der Widerschein einer entflammten Welt. Die Brücken waren zuckende Lichtschnüre über schwarzem Sammet. Schnüre von Lichtern zogen zwei Säume an den Ufern des Flusses.
Wie ruhig es hier war – das fühlte man, wenn man hinübersah und an den Lärm dachte, der dort aus dem Kessel stieg.
Nur einmal flog ein Komet von der Stadt herüber, wie eine flüchtige, aber grelle Mahnung. Die Brücke und Bell tauchten in eine Flut von Licht. Bell hob den Kopf: es war der Reflektor eines Reklameschiffs, das zwischen ihm und den Sternen nach Osten glitt.
Dann stand er wieder inmitten von Dunkelheit und dem feuchten Atem, der aus dem Wasser stieg. Er hörte singende Stimmen, die näher kamen, und laute Flüche. Drei Burschen und ein Mädchen gingen vorüber. Sie gröhlten das Lied der Dockarbeiter. Ein Schutzmann zeigte sich vor dem Tower und verschwand wieder. Dann war alles still wie vorher …
Bell faßte die Brücke, das Wasser und den heißen Glanz, der von der Stadt herwehte, in einem langen Blick und fühlte, wie sich das Bild in seine Brust senkte. Er sah die Stadt dort ohne den gleißenden Schutz ihrer Strahlen, er blickte durch den Mantel, den ihre eigene Wärme, die Nacht und das Licht um sie gelegt hatten, er blickte in jedes der ungezählten Häuser, in die Menschen, die darin wohnten – ja, und er dachte, daß er selbst in die Seele jedes einzelnen zu schauen vermöchte.
Ein strömendes Empfinden füllte ihn – für jene, deren Stimmen schwach und ungehört sind, und auch für jene, die glauben, zufrieden sein zu dürfen. So ragte er auf der Brücke stark und unbeirrt über der Stadt, die wie geöffnet vor ihm lag.
Ein Schritt hallte in der Nähe. Noch ehe Bell zur Seite blicken konnte, fühlte er körperlich die Anwesenheit eines Menschen neben sich und hörte die mit gedämpfter Stimme gesprochenen Worte:
»Erwarte nichts von denen, die Graham heißen!« …
Bell war reglos vor Überraschung – dann trat er heftig zurück. Aber der Platz neben ihm war leer. In der Mitte der Brücke erblickte er eine Gestalt, die sich schnell entfernte. Sie trug einen Lodenmantel … wie der Mann, dem er vormittags im Green Park begegnet war.
Mitternacht war vorüber, als Bell mit der Straßenbahn nach Hause fuhr.
Fünftes Kapitel
Einige Wochen vergingen, und die staubige Hitze, die der kurze Sommer über die Stadt gelagert hatte, verschwand so unvermittelt, wie sie gekommen war. Die brodelnde Atmosphäre, die wie eine pulverisierte Welle über der City lastete, wich dem Herbst, der von der See herüber wehte.
Bell verbrachte Tage und Nächte – wochenlang – vor dem Schreibtisch, über Papieren, die mit Zahlen und Formeln bedeckt waren. Aber die Arbeit schritt nicht vorwärts. Er verließ kaum das Haus; Frau Trimbles brachte ihm die Mahlzeiten auf sein Zimmer. Er nickte bloß und sprach kein Wort. Auch sie war gegen ihre Gewohnheit stiller geworden, betroffen von soviel starrer Schweigsamkeit. Manchmal dachte sie, Bell müsse entweder auswärts oder gestorben sein, da Stunden vergingen, ohne daß ein Laut aus dem Zimmer kam. Nur nachts, wenn der Schein der Lampe durch die Türritzen auf den Flur fiel, konnte sie wahrnehmen, daß der Mann in der stillen Stube noch am Leben war.
Bell arbeitete mit der halsstarrigen Energie und dem Trotz eines Verzweifelten. Er hatte einen neuen Weg der arithmetischen Analyse eingeschlagen, er versuchte eine Ableitung nach der anderen. Aber – die Arbeit ging nicht vorwärts. Immer wieder kam er auf den toten Punkt, und er mußte einsehen, daß an ein Weiterkommen ohne die erforderlichen technischen Hilfsmittel nicht zu denken war. Den größten Teil der Nächte brachte er damit hin, ruhelos zwischen den öden Wänden auf und ab zu schreiten – er brauchte Geld, Geld, Geld … alles andere war zwecklos!
Er war noch nicht gesonnen, klein beizugeben … aber – das war nicht zu leugnen – es war nicht leicht, weiß Gott! In zwei Wochen würde er Frau Trimbles das letzte Geld bezahlt haben. Was dann? …
Es war Abend. Draußen schlugen die Regentropfen auf das Wellblech vor dem Fenster.
Bell saß auf dem harten Sofa. Sein Blick irrte durch das Zimmer. Die beiden Negerköpfe aus billigem Messing glänzten trübselig aus der dunklen Nische über dem Schrank. Die Vase auf dem Kaminsims war leer, die Lavendel waren schon lange zu nichts zerfallen. In der Ecke neben der Türe stand ein Koffer. Es war ein großer, fester Koffer aus gelbem Leder. Aber jetzt war er verstaubt, und er schien traurig darüber, daß er hier verlassen stehen mußte. Bell betrachtete ihn mit Augen, die nichts zu sehen schienen …
Er war verbissen immer geradeaus gelaufen und wollte es nicht merken, daß er gegen eine Mauer anrannte. Aber jetzt hielt er inne – er mußte rasten – und nun erst wurde er sich dessen bewußt, daß sein Leben während der letzten Wochen einsamer gewesen war als die langen Jahre hindurch, die er in einer Art atemloser Hetzjagd genommen hatte. Eine ungewohnte Weichheit überkam ihn bei dieser Betrachtung; er wurde unmutig darüber, aber es gelang ihm doch nicht gleich, sie abzuschütteln. Halbvergessene Erlebnisse tauchten wieder auf, und in einer unklaren Gedankenverbindung entsann er sich auch Vivian Grahams. Vivian, ja … Er hatte den Palast in Grosvenor Street nicht wieder aufgesucht, trotz ihrer herzlichen Aufforderung. – Unwillkürlich richtete er sich auf. Es schien ihm, als höre er deutlich jene Mahnung wieder, die ihm ein Unbekannter auf der Towerbrücke zugeflüstert hatte. Er fuhr zusammen. Ein flüchtiges Trostgefühl erfaßte ihn, trotzdem das Feuer im Ofen noch glühte. – Es war ganz dunkel geworden. Nichts war vernehmbar. Die verkohlten Holzscheite fielen lautlos zusammen. Jetzt scharrte es an der Türe; das war der Kater von Frau Trimbles … Der Regen lief wie Tränen an den Fensterscheiben herab …
Er sprang auf und beschloß, in eine Concert-Hall zu gehen. Irgendwohin, wo es Licht gab und viele Menschen.
Zwei Minuten später trat er aus der Haustüre. Naßkalter Zugwind fuhr ihm entgegen.
Es war Sonnabend, und die Varietés waren überfüllt; in den großen Häusern gab es nur noch vereinzelte Logenplätze. Doch nun, da Bell auf der Straße war, ließ ihn dies gleichgültig, denn das gewaltsame Bedürfnis nach Zerstreuung quälte ihn nicht mehr. Licht und Menschen – die gab es auch hier übergenug. Er wurde warm und fast gut gelaunt, wie er so in dem Gewühl dahinging, geschoben und gedrängt, und die Federn der Damenhüte wie flotte Wimpel über den Köpfen wehen sah. Aber dann setzte der Regen auf einmal mit ganzer Heftigkeit ein. Der Knäuel der Passanten zerteilte sich, und die triefenden Autos wurden gestürmt. Bell schüttelte sich zuerst unter dem strömenden Wasser, aber der Regen lief ihm hinter den Kragen, und er sah um sich, um irgendwo unterzukommen. Vor ihm stand ein riesenhafter Mann in blauer Portiersuniform mit blanken Knöpfen. Und über der Mütze des Mannes prangte eine bunte, transparente Reklametafel: »Madame Tussaud’s Panoptikum«.
Bell sah die Straße hinab – die Omnibusse hingen von Menschen, die Taxis waren sämtlich besetzt –, er hörte den Ausruf des Portiers (»Come in Gentlemen, the greatest show in the world!«) und trat ein.
Die Treppe zur ersten Etage war matt beleuchtet und wirkte nicht gerade ermutigend. Aber es war doch geheizt hier und trocken, während man draußen den Guß auf das Pflaster plätschern hörte. Bell stieg die Stufen empor. Auf halbem Wege begegnete er einer Dame, die kerzengerade dastand und versonnen vor sich hinstarrte. Er wollte zur Seite treten, aber sie bewegte sich nicht. Da bemerkte er, daß sie aus Wachs war und Glasaugen hatte. Und sofort empfand er jene sonderbar traumhafte, aus Neugier und Abenteuerlichkeit gemischte Stimmung, die derlei Schaubuden anhaftet.
Der erste Saal enthielt das anatomische Museum. Operierte Körperteile, abgeschnittene Gliedmaßen, Adern und Eingeweide starrten in bleichen Farben wie die Ausgeburten eines bösen Albdrucks von den Wänden. Ein Geruch nach Karbol und Äther schien von ihnen auszuströmen, trotzdem die auf Sammet gebreiteten Präparate reines Wachs waren. Bell ging ohne Aufenthalt zwischen den Schaukästen hindurch. Wie alle robusten Menschen, die nie mit Ärzten zu tun gehabt haben, empfand er Ekel vor diesen peinlich naturgetreuen Krankheitsbildern.
Im nächsten Saal befanden sich die historischen Persönlichkeiten. Auf einem großen Podest waren unter einem Thronbaldachin die Oberhäupter der europäischen Staaten in mehr oder weniger merkwürdigen Stellungen vereinigt. Der Zar und der Präsident von Frankreich hielten dem Kaiser von Deutschland die Hände zum Gruß entgegen, während die Königin von England der deutschen Kaiserin liebenswürdig zulächelte. Mit erhobenem Arm, den Fuß zum Schreiten ausgestreckt, den Kopf im Gespräch geneigt, glichen sie einer Gesellschaft, die inmitten angeregtester Unterhaltung durch einen zauberhaften Starrkrampf gebannt worden war. Etwas abseits, auf einem Sockel aus imitiertem Marmor, stand Napoleon einsam und finster, mit verschränkten Armen. Bell blieb vor ihm stehen und betrachtete ihn nachdenklich. Napoleon schielte ein wenig; das kam daher, daß von der einen Augenhöhle etwas Wachs abgeschmolzen war. – »Das ist der« … dachte Bell und wandte sich gleich darauf um, in dem peinlichen Empfinden, daß jemand hinter seinem Rücken stehe. Doch die Person, an deren Ellbogen er fast gestoßen wäre, war niemand anders als der amerikanische Freiheitsheld Washington, der stolz und teilnahmslos über ihn hinwegsah. Hinter Washington aber lag auf einer nicht mehr ganz reinlichen Bahre Iwan der Schreckliche. Sein quadratischer, bartumwallter Schädel war über das Kopfkissen zurückgebeugt, die Lippen waren halb geöffnet, als entließen sie die letzten Atemzüge. Die Brust mit der offenen blutigen Wunde hob und senkte sich mit dem Ächzen eines unsichtbaren Mechanismus. Das war das einzige Geräusch in dieser Halle, in der die Größten der Welt versammelt waren.
Am Ende seiner Wanderung kam Bell vor eine Türe, die ihn nach Entrichtung von zwei Penny Aufgeld in die »Schreckenskammer« einließ. Hier waren alle berüchtigten Verbrecher aufgestellt – von dem Lustmörder Jack the Ripper bis zu dem im Zuchthaus von Reading gestorbenen Professor Galieni, dem Vivisektor, der nicht davor zurückgeschreckt war, seine Experimente vom Tierreich auf die Menschen auszudehnen. Die Kindesmörderin Anne Rochefort grinste leichenhaft aus einer Ecke, mit spitzem Bauch über eine Wiege gebeugt, in der ein neugeborenes Kind sich unter dem Druck ihrer Hände zu Tode krümmte.
Bell machte langsam die Runde, indem er sorgfältig vermied, die Mörderpuppen mit dem Rock zu streifen. In der kalten Luft dieser Kammer wurde er allmählich gegen seinen Willen von einer nervösen Unruhe ergriffen. Es war ihm, als müßte er etwas erwarten, und er wußte nicht, was; es hätte ihn nicht gewundert, wenn plötzlich eine der Wachsfiguren Leben bekommen und ihn angesprochen hätte. Als er zu der letzten Gruppe trat, stieg die Spannung in ihm, er meinte jeden Augenblick, nun müsse etwas geschehen (als sollte er höchstpersönlich seinem Schicksal begegnen, dachte er und versuchte, über sich selbst zu lächeln), er tat noch einen Schritt und fuhr gleich darauf mit einem unterdrückten Laut der Überraschung zurück.
Vor ihm stand die seltsamste Puppe in dieser Sammlung der Absonderlichkeiten. Ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit einem Gesicht von grausamer Häßlichkeit. Die grauen Haare waren über der Stirn kurz geschoren, die starken Backenknochen traten eckig unter der gelben Haut hervor. Es war die einzige Figur, an der sich keine Namenstafel befand. Sie trug einen schwarzen Radmantel, und sonderbar – – dieser Mantel war naß von Regen!
Am sonderbarsten aber war, was nun geschah: ein Lächeln veränderte die Züge des wächsernen Gesichts, die Puppe verbeugte sich und sprach mit tiefer Stimme:
»Guten Abend, Herr Bell! … Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Mein Name ist Sergej Schebekoff …«
Bell war nichts weniger als schreckhafter Natur – aber unwillkürlich lehnte er sich doch an den Einbrecherkönig Harald Finn, um seine Bestürzung zu verbergen.
Schebekoff zog die Hände aus den Manteltaschen – große, hagere Hände – und sagte, während er befriedigt die Knöchel aneinanderrieb:
»Es überrascht Sie ein wenig, wie? Der Zufall gestattet mir leider nicht, ein passenderes Lokal zu wählen.«
Bell hatte seine Ruhe völlig wiedergewonnen. Das Bewußtsein, daß er augenscheinlich seit Wochen von diesem Manne verfolgt wurde, und der primitive Maskenscherz, dem er doch für einen Augenblick zum Opfer gefallen war, machten ihn ärgerlich.
»Mein Herr«, sagte er kalt, »was bezwecken Sie eigentlich? Sie folgen mir auf die sonderbarste Weise! Sie drängen sich in meine Angelegenheiten! Wünschen Sie etwas von mir?«
Schebekoff machte eine verbindliche Geste.
»Nicht mehr und nicht weniger, als was Ihnen not tut«, erwiderte er mit einem versteckten Lächeln.
»Ich brauche nichts!« sagte Bell ungehalten.
»Ich denke doch …!« entgegnete Schebekoff und sah dabei Bell mit unangenehmer Vertraulichkeit in die Augen. »Ich denke doch, daß Sie nicht völlig allright sind. Oder wollen Sie behaupten, daß Ihr Besuch bei Bourdier Sie befriedigt hat?«
Bell sah den Anderen scharf an. Auch das wußte diese mysteriöse Erscheinung? … Er hatte ihn also im Green Park nicht zum ersten Male gesehen!
»Sie haben, wie es scheint, viel Übung darin, andere Leute auszuspionieren!« murmelte er.
»Nun …« Schebekoff hob seine Hände, als wollte er eine Schmeichelei abwehren. »Man ist nicht seit gestern auf der Welt. Aber bleiben wir bei Ihnen, Herr Bell. Sie befinden sich sozusagen in einer Sackgasse, nicht wahr? Wie denken Sie Ihr Unternehmen fortzusetzen?«
»Herr! … Bell wollte aufbrausen. »Machen wir ein Ende!« Er wandte sich halb ab, um zu gehen.
»Alfred Bell – –«, sagte Schebekoff, »Sie interessieren mich! Sie verstehen Ihre Zeit … wie Sie sie sehen. Doch ich fürchte, Sie stehen auf einem falschen Aussichtsturm.«
Bell kniff die Mundwinkel zusammen. Er hatte die größte Lust, auf dieses zudringliche Phantom loszuschlagen.
»Bemühen Sie sich nicht! Ich sagte Ihnen schon, daß ich keinerlei Interesse habe …!«
»Das schadet nichts«, erwiderte Schebekoff unbeirrt. »Ich – ich habe Interesse … das genügt mir.«
Er kam näher, Bell spürte seinen Atem, der ihm die Wangen streifte. Schebekoff senkte die Stimme zu einem rauhen Flüstern: »Ich glaube nicht, daß ich Sie überschätzt habe. Sie werden – hoffe ich – nicht mordstoll genug sein, an mir vorbeizugehen. He … Sie können nicht an mir vorbeigehen!«
Er machte eine Pause. Dann: »Kennen Sie das Märchen vom Mann ohne Schatten? Verdammt, wenn Sie nicht eine ganze Menge Ähnlichkeit mit ihm haben! Was Ihnen fehlt, ist das Negative, glauben Sie mir! Sie sind da, gewiß – aber was ist ein Licht ohne Dunkel, ein Schuß ohne Schall?«
Er senkte den Ton noch tiefer herab:
»Ich bin das Dunkel, das Ihnen fehlt, das Schwarz, ohne das alles Weiß eine himmlische Illusion bleibt! Sie und ich – wir könnten erobern … wenn Sie wollten …«
Er stand ganz nahe vor Bell, Gesicht an Gesicht; in seinen Mienen flackerte ein Feuer, das von innen zu leuchten schien.
Dann beugte er sich noch dichter heran, und es klang etwas Feierliches, fast Beschwörendes in seiner Stimme:
»Wie – wenn ich Ihnen gebe, was Sie suchen? Glauben Sie mir – ich allein bin imstande …!«
Er unterbrach sich und fügte dann in gewöhnlichem Tone hinzu:
»Aber davon sprechen wir ein andermal – wenn wir uns wieder treffen.«
Bell wandte sich kühl ab:
»Ich glaube nicht, daß es dazu kommen wird!«
Schebekoff hüllte sich fester in seinen Mantel:
»Ich bin überzeugt davon. – Bei den Särgen sehen wir uns wieder.«
Er nickte und schritt an dem Attentäter Lucheni vorbei zum Ausgang.
Sechstes Kapitel
Der kleine Platz in Whitechapel lag schmutzig und verödet. Der Nebel, der seit vier Tagen immer dichter und schwerer geworden war, hing in Fetzen von den angelaufenen Scheiben der Gaslaternen. Drüben, wo der Fluß lag, schwankten abgetakelte Schiffsmasten, Raen und Sparren in dem Grau des Abends, wie die Kreuze eines verfallenen Friedhofes.
Bell lehnte an einem umgestürzten Leiterwagen. Sein Anzug war dünn und abgetragen und bot so gut wie keinen Schutz gegen die kalte Nässe; die Mütze war zerknittert. Bell fror. Seine Hände waren blau und rissig. Der Wind kam in kurzen, abgehetzten Stößen und trieb die herumliegenden Reste des letzten Wochenmarktes vor sich her. Ab und zu drang ein heulender, gedehnter Ton von der Werftseite herüber – wenn einer der Kräne hochgezogen wurde, um ein Lastboot vorbeizulassen.
Bell rückte die Mütze tiefer in die Stirn. Die Wagendeichsel knarrte.
Er zog die Lippen herab.
So weit war es nun, ja!
Er war so ziemlich fertig … Er besaß keine Wohnung, kein Geld; das letzte hatte für die Miete gereicht. Er wußte nicht, wo er sich diese Nacht hinlegen würde. Und seit dem Morgen hatte er nichts gegessen.
Ein dumpfer Hall rollte durch die Schweigsamkeit. Er kam von der anderen Seite des Platzes, aus dem Tunnel, der sich bei den Docks unter die Themse senkt und am jenseitigen Ufer wieder hervorkriecht.
Unschlüssig richtete Bell sich auf. Dann ging er quer über das holprige Pflaster und schritt die abschüssigen Quadern zur Tunnelöffnung hinab. Es wurde dunkler um ihn, die Flämmchen der Notlampen zuckten über gekachelte Mauern. Die Luft war dick und erfüllt von Rauch, der sich ätzend auf die Lungen legte. Aus der Tiefe des Tunnels rollte ein Laut herüber, kam näher, wurde zu einem Dröhnen, das sich betäubend heranwälzte. Bell trat zur Seite. Ein hochbeladenes Lastfuhrwerk donnerte vorbei. Die Hufschläge der mühsam ziehenden Pferde klapperten in mehrfachem Echo nach, Funken sprangen von dem glatten Fahrdamm, die emporgerichteten Hufe blinkten eisenbeschlagen und fielen klingend herab – es war nicht ein Wagen, ein Gespann … es klang wie ein ununterbrochener Zug schwerer Fuhrwerke in diesem Tunnel, der jedes Geräusch verdreifacht, vervierfacht wiedergab.
Bell hatte die Mitte des Tunnels erreicht. Er atmete mühsam in dieser gepreßten Luft, er tastete – an Stellen, die besonders finster waren – die Mauer entlang, und er dachte, daß er nun allein war hier unten, tief unter dem Niveau der Stadt, und daß über ihm das Wasser der Themse floß, mit Barkassen und Kähnen, mit grünlichen Wellen, die aus dem Meer hierher getrieben waren. Er blieb nicht stehen … als hätte der Fluß über ihm sonst die Macht, ihn für immer zurückzuhalten … Manchmal erblickte er eine eiserne Leiter und eine hohe Plattform, von der ein Licht die Tunnelnacht durchdrang – das waren die Wachposten der Hafenpolizei.
Endlich dämmerte es in der Ferne. Ein heller Punkt, der sich weitete, die Fliesen stiegen schräg nach aufwärts, das Dunkel blieb hinter Bell zurück – er hatte es überholt, es konnte ihn nicht halten –, die Mauern hörten plötzlich auf, und dann stand er vor einem Gewirr winkliger Häuschen, zwischen denen zerlumpte Gestalten schlichen, wie Schatten aus einer anderen Welt.
Bell zog mit Bewußtsein die schale Luft ein, die ihn doch frisch und fast klar deuchte nach dem erstickenden Brodem, aus dem er gestiegen war; er blickte hinter sich zu der offenen Höhle des Tunnels zurück; dann folgte er den schattenhaften Gestalten.
Das Nachtasyl lag am Ostende des Hafens. Rissige Mauern, von denen der Kalk abgebröckelt war, ließen ein niedriges Tor frei. Düstere Erscheinungen waren hier versammelt – halbwüchsige Burschen, fast noch Kinder – junge Leute, denen der erste Bart stachlig von den Wangen stand, mit den wissenden, verdeckten Augen Vierzigjähriger – Männer, deren Beine und Arme sich unhörbar bewegten, als müßten sie etwas verbergen – Greise, abgezehrte, von Krankheit entstellte Ruinen, die einst Menschen gewesen waren. Sie alle sammelten sich vor dem Tor – eine geheimnisvolle, stille Gesellschaft. Sie grüßten einander nicht, aber an kurzen Schulterbewegungen, an schnellen, versteckten Blicken, an einem Räuspern, einem Wenden des Oberkörpers sah Bell, daß sie sich kannten, daß eine verborgene Gemeinschaft, eine wortlose Übereinkunft – wie ein von Geschlecht zu Geschlecht vererbtes Freimaurerzeichen – sie verband. Schweigsam und müde ordneten sie sich in zwei Reihen, die allmählich, manchmal stockend, hinter dem Tor verschwanden und doch kein Ende nahmen, weil auf der Straße immer neue Gestalten erschienen, die sich wortlos den Wartenden anschlossen.
Der enge kellerartige Vorraum war durch eine hölzerne Barriere geteilt. Hinter der Barriere stand der Pförtner, ein hochgewachsener, hagerer Bursche, mit einer Habichtsnase und einem Glasauge.
»Oben oder unten?«, fragte er, als Bell herankam. Bell hielt die letzten zwei Pennystücke, die er aus den Taschen gegraben hatte, zwischen den Fingern:
»Unten«, sagte er und ließ das Geld in die geöffnete Hand des Pförtners gleiten.
Mit den anderen – die gleich ihm nicht die drei Pence besaßen, um in der ersten Etage zu übernachten – stapfte er durch einen unbeleuchteten Gang, dann ging es eine morsche Wendeltreppe hinab.
Was der Pförtner »unten« genannt hatte, war eine mittelgroße Halle, deren finstere Ecken sich ins Unendliche verloren. Wände und Decken waren aus porösem Stein, der von Nässe tropfte. Eine rauchende Petroleumlampe verbreitete mattes, unruhiges Licht. Es war hier dumpf wie in einem verlassenen Lagerkeller, der Boden aus hartgestampfter Erde hatte Löcher und Beulen. Im beweglichen Umkreis des Lampenlichts flatterten Spinnwebe von der Decke, die Schatten der Obdachlosen strichen verzerrt und unheimlich vergrößert die Wände entlang. Als Bell den Schlafsaal betrat, streifte eine aufgescheuchte Fledermaus über seinen Kopf hinweg. Modriger Staub flog unter seinen Schritten auf. Allmählich konnte er die Umgebung deutlicher unterscheiden. Er sah endlose Reihen primitiver, offener Kasten, deren helleres Holz aus dem Düster leuchtete. Erst als er näher hinblickte, erkannte er, daß es die Bettstellen des Asyls waren. Er setzte sich auf eines der leeren Lager und stützte müde den Kopf in die Hände.
Es schien ihm, als erlebte er nun noch einmal die ersten Jahre, die er in England verbracht hatte – nicht viel besser als diese bleichen Menschen, die um ihn die Reihen füllten. Aus allen Teilen des Kontinents, aus Ungarn, Galizien, Rußland, aus dem Balkan und dem Orient waren sie herübergekommen – gescheiterte Existenzen allesamt, die zu klein oder zu schwach waren, die Reise über das große Wasser zu unternehmen. Sie waren hier steckengeblieben – einige Straßen weiter floß die Themse, breitete sich zwischen massiven Hafenanlagen, spülte an Speicher und Docks … und weiter südlich lag das Meer, verschwiegen und gleich frei für alle, die es trug. Doch sie vermochten nicht, seine Küste zu erreichen; sie waren weit hergewandert, aber ehe sie den großen Ozean atmen konnten, mußten sie einsehen, daß sie auf diesem fremden Boden ebenso schwer, ebenso gebeugt einherschritten wie daheim – daß sie Juden, Ungarn, Wolgabauern, Armenier geblieben waren und bleiben würden. Sie trugen die Last, die Dürftigkeit, den kraftlosen Hauch ihrer Erde über den Kanal bis hierher, und dann brachen sie zusammen, und ihre Ohnmacht, ihre Makel häuften und drängten sich zu einem Sumpf, der Whitechapel hieß. Ja … das war das europäische »Amerika«, ein verfaulter und aus seiner Fäulnis ewig neu wuchernder Morast. Tausend verschwiegene Leben, tausend ungesprochene Geheimnisse, ungehörte Beichten waren darin versenkt, und seine Tümpel waren mit Blut bespritzt …
Vor Bells Augen bewegten sich unklare, verschlungene Kreise. Er sah gekrümmte Rücken … nackte, ausgemergelte Körper, über die kahle Bettstatt gebeugt … Arme, die sich wie hilflose Trümmer emporstreckten … er hörte abgerissene Teile von Gesprächen, deren Inhalt niemals zutage kommen würde … geflüsterte Sätze … Flüche der Trunkenheit. Nach und nach wurde es stiller um ihn; die Lampe beleuchtete geisternd die Schlafenden, die ausgestreckt in den Kasten lagen.
Bell erhob sich lautlos und begann sich langsam zu entkleiden. Mechanisch legte er jedes einzelne Stück zusammen, er spürte seine Bewegungen wie ziehende Gewichte, als würde er von einer Lähmung befallen …
Bells Füße und Ellenbogen stießen gegen das harte Holz, sein Kopf ruhte auf einer Roßhaardecke, die bei der leisesten Bewegung unter ihm knisterte und stach. Die Flügel der Fledermäuse klatschten raschelnd gegen das Gestein, das Petroleum in der Lampe summte schwelend. Bell konnte keinen Schlaf finden; jeder Knochen wurde ihm bewußt wie ein scharfer Schmerz. Mit offenen Augen lag er da und lauschte den Atemzügen, die von allen Seiten wie das Ächzen unsichtbarer Sägen durch das Dunkel feilten.
Und da schien es Bell mit einem Male, als befinde er sich in einer riesenhaften Gruft, in den Katakomben einer Stadt von Namenlosen – es war der Hauch von Gräbern, der ihn umgab, sie alle waren lebendig Begrabene, ja – die Bettstellen glichen Särgen … offenen Särgen.
Er empfand weder Schmerz noch Grauen mehr, er dachte ganz deutlich und klar, er war bei hellem Bewußtsein … und doch schien ihm alles seltsam und unwirklich.
Er hielt den Atem an, als könnte er damit seine Anwesenheit hier vor sich selbst leugnen, als sei er dadurch isoliert von jeder Berührung. Allmählich lösten sich seine Gedanken, flossen ineinander, er wurde stumpf und gleichgültig. Er verspürte nur noch die Wohltat des stillen Liegens. Er dehnte die Muskeln, etwas löste sich in ihm, das ihn mit unendlichem Gleichmut durchströmte. Er lag in einem weiten Nichts, er fühlte, wie das warme Blut durch seine Adern rann, alles war schwarz ringsum und undurchdringlich …
Ein leises Scharren ließ ihn auffahren; Schritte, die schlurfend näherkamen. Er richtete sich auf … und erblickte in dem Flackern der ersterbenden Lampe … Sergej Schebekoff, hochaufgerichtet zwischen den Reihen der Schlafenden.

Im ersten Augenblick wollte Bell eine jähe Bewegung machen, wie die Überraschung sie eingibt; gleichzeitig empfand er wie ein flüchtiges Aufleuchten das Bedürfnis der Abwehr. Doch schon in der nächsten Sekunde – da ihn ein stechend klarer Blick aus den Augen Schebekoffs traf, gab Bell automatisch jede Lust zu irgendeiner Aktivität auf. Er blieb nur halb emporgerichtet, den Oberkörper schwer auf die Ellenbogen gestützt, und betrachtete den Mann, der – sichtbar darauf bedacht, kein überflüssiges Geräusch zu verursachen – geradewegs auf ihn zukam.
Dann, als Schebekoff vor der Bettstatt stehen blieb, stumm, hager und in der ganzen Länge seiner knochigen Gestalt, hatte Bell gute Lust, dieses beharrliche Phantom mit einem kräftigen Wort anzufahren und den Mann aus dem theaterhaften Dunst, den er um sich zu verbreiten beliebte, in eine sehr reale Wirklichkeit zu versetzen, an den wenig gewählten Platz, der ihm gebühren mochte.
Da stand dieser Bursche und schwieg! Es war lächerlich und ärgerlich … ja, das war es.
Doch als Bell sprechen wollte, ohne sich seine Worte weiter überlegt zu haben, begegnete er plötzlich den Augen des anderen, die fest auf ihn gerichtet waren. In diesen Augen aber ward plötzlich eine so intensive, merkwürdig vertiefte Trauer lebendig, eine solche Welt von fast erschreckender Trauer war in ihnen, die das häßliche Gesicht seltsam warm und ausdrucksvoll werden ließ, daß Bell in einer Anwandlung unbewußten Mitgefühls die sich geöffneten Lippen über dem noch unausgesprochenen Wort schloß. Er verzichtete auf jede Äußerung, er wollte nur Ruhe haben, er ließ sich wieder auf das harte Lager zurücksinken und schloß die Augen.
Einige Sekunden lag er so, ohne sich zu bewegen. Aber er fühlte, daß der andere an seiner Seite blieb.
Und diese stumme und darum doppelt eindringliche Gegenwart stachelte Bell innerlich auf. Er suchte nach einem Grund, diesen Mann, der da war und nichts weiter tat, als da zu sein, anzugreifen, ihn irgendwie irgendwo anzupacken, mit Worten oder – wenn es sein mußte – mit der Faust. Bell war sich darüber klar, daß er, wenn Schebekoff sich jetzt regte oder den Mund aufmachte, mit einemmal die Spannung überwunden haben würde, die ihn zurückhielt. Daß er aufspringen oder sonst etwas tun würde, und daß er damit im Nu die »Oberhand« haben müßte.
Aber Schebekoff regte sich nicht, er schien nicht zu leben, er war nur da – weiter nichts.
So verhielten sich beide stumm und bewegungslos in dieser mit Särgen angefüllten unterirdischen Wölbung. Beide wußten, daß dies Kampf war. Und beide warteten.
Doch eben dieses Warten löste in Bell die Spannung, indem er sich mit einemmal unsagbar lächerlich vorkam. Er blickte wieder auf und sah Schebekoff an, der mit ruhiger Miene vor dem Lager stand und ihn unverwandt betrachtete. In dem Gefühl, sich selbst wieder zu besitzen, das ihm mit dem Erkennen der theatralischen Abgeschmacktheit der ganzen Situation zurückgekehrt war, wollte Bell seinem Drang nach freiem, kräftigem Atemzug durch ein starkes Wort Luft machen, als er wieder den Augen Schebekoffs begegnete. Und dieser Blick zwang ihn abermals, zu schweigen.
Dies war das erste Duell zwischen Alfred Bell und Sergej Schebekoff. Und Bell unterlag.
»Ja, ich bin es!«, sagte Schebekoff einfach und mit einer zu seiner Erscheinung nicht recht passenden Milde in der Stimme, die jedes Wort gleichmäßig betonte und darum völlig unpersönlich klang.
»Ich bin es … und ich glaube nicht, daß Sie etwas dagegen unternehmen können.«
Bell wollte antworten – er hatte das ehrliche Bedürfnis, sich endlich sprechen zu hören –, aber Schebekoff, der dies gewissermaßen vorauszuahnen schien, fuhr gleich wieder fort, wobei er den Ton seiner Stimme zu einem intimen Flüstern herabsinken ließ, im übrigen aber eine durchaus ungezwungene Haltung annahm:
»Da wären wir also auf dem neutralen Terrain, auf welchem ich Sie zu treffen wünschte. Oder meinen Sie, daß es etwas Neutraleres, ich möchte sagen Kosmopolitischeres gibt als diese … Herberge?«
Wieder machte Bell den Versuch, zu sprechen – nur um sich seiner Stimme zu vergewissern –, aber wieder ließ Schebekoff dieses Beginnen im Keim ersticken, indem er mit der hemmungslosen Ruhe eines Mannes fortfuhr, der sich allein dünkt und zu sich selbst redet:
»Blicken Sie um sich! Haben Sie jemals Menschen gesehen, die nackter waren? Die Leute, die hier auf halbverfaulten Brettern liegen und die üble Luft ausschnarchen, die sie tagsüber eingeatmet haben, sind ehrlich nackt … nackt bis auf das Mark ihrer Knochen. Sie haben nichts, absolut nichts, was sie kennzeichnen könnte; sie schlafen nicht wie andere Menschen, kein Traum, der sie in den Wolkenzügen zerrissener Erinnerungen mit dem Leben verbindet, qualmt in ihren Köpfen. Sie sind zu müde gehetzt, um träumen zu können, sie haben bedingungslos alle Viere von sich gestreckt, sie sind ganz einfach ausgeschaltet.«
Schebekoff hielt an, um sich von der Wirkung seiner Worte zu überzeugen; und da Bell schwieg, nickte er befriedigt mit dem Kopf, wie einer, der ein kleines Rechenexempel überprüft und richtig gefunden hat.
»Nackte Menschen –«, wiederholte er, »welch prachtvoller Arbeitston für einen Bildhauer, der sein Geschäft versteht! Welch großartiges Material für einen, der es zu kneten und zu formen weiß.«
Seine Stimme war voller, wärmer geworden, und er schmatzte, als kitzelte ein schätzbarer Geschmack seinen Gaumen.
»Sie sind ein Künstler«, flüsterte er dann, indem er sich unvermutet Bell zuwandte. »Sie wissen es nicht, aber gerade darum sind Sie einer. Warum haben Sie Ihr natürliches Gebiet verlassen und einen Weg eingeschlagen, der niemals der Ihre sein kann? Zwischen Whitechapel und Westend liegt eine unsichtbare Zome, die doch stärker ist als die dickste Festungsmauer. Es ist gut, ja, es wäre großartig, diese Mauer zu durchbrechen; aber sie übersteigen heißt sich selbst betrügen. Man ist dann zwar auf der anderen Seite … ho, sehr natürlich und logisch …, aber die Mauer ist stehen geblieben, ihre Steine sind kalt und stramm aneinandergekittet wie früher. Man steht ja wohl jenseits, zugegeben; aber man hat seine eigene Postadresse aus dem Diesseits mit hinübergeschleppt, und die bleibt einem, man wird sie nicht los … Sie waren stets diesseits, Bell, und Ihr Aufenthalt auf der anderen Seite war nur ein kurzer Spaziergang ohne Zweck und Bedeutung. Sie wollten eine Schranke übersteigen, die man nicht hinter sich lassen darf, sondern zertrümmern muß. Es gibt im Leben keinen Hohlraum, alles ist Materie und will genommen sein … Da sind Sie nun wieder diesseits der Mauer, Bell, und da bin auch ich. Auf diesen Boden müssen Sie sich mit den Füßen stemmen, wenn Sie mit der Stirn die Grenzmauer brennen wollen. Hier wurden Sie geboren … auf irgendeinem Kontinent, aber in dem Hier, das diesseits der Grenze liegt. Hier haben Sie gelebt und hier leben Sie wieder. Das andere war nur ein Ausflug, nicht wahr? Sie haben sich ein wenig die Welt besehen, die drüben liegt, und jetzt wissen Sie genau, wie es dort steht, nun sind Sie wieder zurückgekommen. Hier habe ich Sie erwartet und reiche Ihnen die Hand zum Willkommensgruß. Ja, wahrhaftig, Sie sind heimgekehrt – wissen Sie es, Bell, daß Sie heimgekehrt sind?«
Bell vernahm all dies wie etwas Unwirkliches, als kämen die Worte aus einem Schalltrichter hervorgekrochen, der irgendwo unsichtbar hinter einem gemalten Horizont aufgestellt war. Sie schienen ihm von keinem fremden Hirn erdacht, von keinem fremden Mund gesprochen … Sie waren das Echo von Gedanken, die ihm gehörten, ohne daß er sich dessen bisher bewußt geworden war.
»Sie wissen das«, ließ Schebekoff sich wieder vernehmen, und er raunte es mit fühlbarem Hauch in Bells Ohr, »Sie wußten das sehr gut, schon in den letzten Tagen und Wochen. Sie wollten es nur nicht glauben, weil Sie es nicht gehört hatten.«
Bell blieb stumm, denn in diesem Moment wurde ihm klar, daß der andere wahr sprach. Darum hatte er nichts zu sagen.
»Aber Sie sind müde, Bell«, redete Schebekoff nun wieder in einer anderen, ganz unverfänglichen Tonart. »Sie sind müde. Ruhen Sie sich getrost noch ein wenig aus. Ich habe Zeit, ich werde warten.«
Als Bell aus festem, herzstärkendem Schlaf erwachte, war er sich nicht gleich darüber klar, wo er sich befand. Er konnte sich nicht entsinnen, jemals in einem Schlaf gelegen zu haben, der eine so völlige Ablösung, ein so reelles Nichts bedeutete. Alles war ruhig und gefaßt und harmonisch in ihm. Zwar bemerkte er gleich darauf den fatalen Schebekoff, der unverändert dastand, aufrecht und wortbereit. Aber selbst das vertraulich-wissende Lächeln des Mannes, das unverkennbar eine Art von Gemeinschaftlichkeit ausdrücken sollte und darum unter anderen Umständen Bell zu sofortigem Widerspruch gereizt hätte, ließ ihn jetzt kalt und gleichgültig. Ohne weiter von dem anderen Notiz zu nehmen, sprang er auf und kleidete sich seelenruhig an. Dann aber, als er sich zum Gehen entschloß, fiel ihm auf, daß der Saal ganz leer war. Die »Särge« öffneten sich fahl dem Zwielicht, ihre Zufallsbewohner waren auf und davon. Nur Bell und Schebekoff befanden sich in der tiefen Wölbung, in der die Verlassenheit von den Wänden zu hallen schien. Und dieses Alleinsein mit Schebekoff verdarb Bell fast augenblicklich die gesunde Morgenlaune. Er witterte eine Absicht, und das ließ ihn instinktiv seine Energie zur Abwehr blasen.
Doch Schebekoff trat – als wüßte er mit mathematischer Genauigkeit, daß jetzt dies und nichts anderes zu tun sein – mit einem langen, herzhaften Schritt an Bell heran und meinte, ganz ölig von argloser Freundlichkeit:
»Es ist sieben Uhr. Gott weiß, daß Sie einen bewundernswerten Schlaf haben. Die Vögel sind alle längst ausgeschwärmt.« Mit plötzlichem Stimmwechsel, rauh und ohne jede Spur von Höflichkeit fügte er sofort hinzu: »Jetzt werden Sie mit mir kommen.«
Bell sah ihn groß an, in einem naiven, fast humoristischen Erstaunen, das aber vor dem harten Blick, der ganz unverschleiert von dem anderen in seine Augen drang, schnell zu Trotz wurde: »Nein«, sagte er … »nein«, wiederholte er halblaut zu sich selbst.
Schebekoffs Mienenspiel reagierte sofort auf diese veränderte Windrichtung; er setzte das Gesicht eines strengen, aber väterlichen Lehrers auf: »Den ungestörten Schlaf haben Sie mir zu verdanken, Herr Bell … ich bitte Sie das zu beachten. In diesem – Lokal werden die Gäste punkt halb sechs ins Freie befördert. Ich habe dem Wächter befohlen, Sie ungeschoren zu lassen.« Beiläufig erklärend fügte er hinzu: »… habe dem Mann mal einen Gefallen erwiesen.« Dann schnitt er jedes weitere Gespräch ab, indem er sich auf seinen mächtigen Stiefeln umwandte und dem Ausgang zuschritt.
Bell mußte ihm wohl oder übel folgen, wenn er aus dem Bereich der lauen Feuchtigkeit gelangen wollte, die sich von allen Winkeln der Wölbung loslöste. Hintereinander stiegen sie die halsbrecherische Treppe empor. Droben passierten sie den dürren Wächter, der wortlos vor Schebekoff zurücktrat und ihnen einen langen Blick nachsandte.
Auf der Straße wirbelte ein unsicherer Nordwind. Rauh und kalt wehte es von der Themse herüber. Schebekoff schritt gleichmäßig aus, ohne in der Richtung zu zaudern, und Bell hielt den Kurs bei, weil es ihm wie ein hartes Stück Brotrinde im Magen lag, daß er dem Kerl da vorne etwas sagen müsse, bevor er ihn seiner ranzigen Würde allein überließ. Er wurde hierin noch dadurch bestärkt, daß Schebekoff Bells ganz sicher zu sein schien, da er es nicht der Mühe wert hielt, auch nur einmal zurückzublicken. Nun gut, Bell ging hinter ihm drein … ho, aber nur weil er, Bell, es wollte.
Allmählich begann Bell sich für diesen Marsch zu interessieren. Es ging kreuz und quer, durch schlüpfrige Gäßchen und stinkende Winkel. Schebekoff schien sich gut auszukennen in diesem Labyrinth; er schritt unentwegt vorwärts, ohne nach rechts oder links zu sehen, ja es war, als sähe er überhaupt nichts, als verfolge er wie ein Blinder eine altgewohnte Tour. Er beschrieb Windungen von unbeschreiblicher Übersichtslosigkeit, er verschwand um Ecken und tauchte stets wieder auf, wie ein Lotsenkutter, der einem fremden, mit gestoppten Propellern dahingleitenden Dampfer in nebliger, bevölkerter Hafeneinfahrt vorauseilt.
Es wurde heller zwischen den Wracks von Häusern … das war der Morgen, natürlich, aber dennoch war nirgends in diesem abgeschiedenen, unsäglich schoflen Stadtende etwas von der belebenden Regsamkeit des Erwachens zu spüren, wie sie an jedem bewohnten Orte, ja selbst in der lautlosen Einsamkeit der Natur allmorgendlich in Erscheinung tritt. In diesem äußeren Bezirk von Whitechapel wird es niemals völlig Nacht, und darum gibt es auch kein richtiges Erwachen. Der kraft- und ziellos dahinschleichenden Zeit fehlen hier die allgemein gültigen Differenzierungen, die Übergänge, deren jedermann – der Arbeitende wie der Genießende – im gewöhnlichen Leben bedarf. Aber hier gab es ja keine Arbeit und keinen Genuß, hier hatte die Zeit zu schlagen aufgehört, hier besaß nur die Gegenwart Geltung und Bestand – ohne Vergangenheit und Zukunft.
Wer wollte von Morgen und Abend sprechen, von Tätigkeit und Erholung – hier, wo nichts war und nichts sein wird? Fensterläden schlugen auf, Hunde ließen sich hören, ein Kind heulte, weil es am Leben war … aber das sollte beileibe kein Erwachen bedeuten, es war nur die fortbrummende Resonanz eines Akkordes, der aus grenzenlosem Überdruß kein Ende nimmt.
Jetzt löste die temperaturlose Sonne den Nebel an einigen Stellen auf, aber auch sie vermochte die Menschen, die hier zu sehen waren, nicht ihrer Farblosigkeit zu entrücken.
Noch immer lavierte Schebekoff unverdrossen vor Bell einher. Schließlich aber stoppte er den gleichmäßigen Maschinentakt seiner Beine und hielt unvermittelt an.
Sie standen vor einem Haus, das wie ein schiefer, rauchgeschwärzter Zahn eine Reihe von Schuppen unterbrach.
Siebentes Kapitel
Das Lokal, in das Bell von Schebekoff geführt wurde, war höchst primitiv, aber ohne abenteuerlichen Anstrich. Ein vierkantiger Raum wenig über Straßenhöhe, kahl, mit einem Feldbett in einer Ecke. Ein roh gezimmerter Holztisch und drei Rohrstühle standen in der Mitte; das einzige Fenster – ohne Gardinen – wirkte nackt und fremd. An einer im übrigen leeren Wand stand eine Kiste mit aufgesprungenem Deckel, die anscheinend als improvisierter Schrank diente. Sonst gab es nichts, was der Beachtung wert gewesen wäre.
Schebekoff ließ seinen Gast ohne weitere Förmlichkeit stehen und verschwand hinter dem Vorhang, der ein paar abgetretene Kellerstufen verdeckte. Bell trat an das Fenster und stellte fest, daß der einzige Riegel sich sehr leicht zurückschieben ließ, und daß es niedrig genug war, um einen gefahrlosen Sprung ins Freie zu gestatten. Allerdings wirkte das graue Wetter draußen nicht gerade einladend, und überdies verspürte Bell die Lust, vorläufig noch ein wenig auszuharren, um zu sehen, wie weit dieses Original Schebekoff es treiben würde. Er war ehrlich gespannt, und außerdem gab es ja auch weiß Gott nichts, was für ihn jetzt dringender gewesen wäre.
Neben dem Fenster bemerkte Bell zu seiner Überraschung ein Bücherregal. Augenscheinlich bildete es ein Lieblingsstück seines Besitzers, denn es war aus gutem Holz und sorgfältig mit schwarzer Farbe gestrichen. Auf den Bücherrücken waren die Namen Karl Marx und Friedrich Nietzsche zu lesen. Es waren hauptsächlich Werke sozialphilosophischer Natur, aber … sieh an, auch ein Roman befand sich darunter – der »Raskolnikoff« von Dostojewski. In diesem verborgenen Zimmer in einer Baracke am Ende eines düsteren Viertels wirkten die einfachen Bände wie die geheim vorbereiteten Explosionswerkzeuge eines Verschwörers.
Bevor Bell weiteren Betrachtungen nachhängen konnte, hörte er ein Klirren, und als er sich umwandte, sah er Schebekoff, der lautlos wieder eingetreten war, beladen mit einem Teller und einer Flasche, die er schwungvoll auf den Tisch setzte. Auf dem Teller lag ein Stück Brot und kaltes Fleisch, und die verstaubte Flasche sah ganz so fragwürdig aus, als ob sie jene Sorte »Gin« enthielte, die einen nicht völlig abgehärteten Mann unweigerlich nach kurzer Zeit zu Boden wirft. Aber Bell hatte schon zu lange gehungert und gedurstet, um wählerisch zu sein. Erst jetzt entsann er sich der Not der letzten Tage, und diese Erinnerung ließ ihn die Leere im Magen mit so starker Plötzlichkeit verspüren, daß ihm fast übel wurde. Er drängte das Bedürfnis, Schebekoff auf seiner noch immer verschleierten Absicht festzunageln, bis auf weiteres zurück und begann wortlos zu essen. Schebekoff blickte ihm aufmerksam zu. Es war wirklich der Mühe wert, Bell bei der Arbeit zu sehen. Dann aber, als Bell so weit mit sich in Ordnung war und aufsah, schob Schebekoff mit einer Armbewegung den Teller beiseite, als wollte er damit ausdrücken, daß dies nun erledigt sei und man getrost zu etwas anderem übergehen könne. Es war klar, daß Bell jetzt mit einer begreiflichen Frage herausrücken würde, aber Schebekoff hielt es offenbar noch nicht an der Zeit, ihn nach Belieben reden zu lassen. Er setzte sogleich kräftig ein, und man konnte feststellen, daß er trotz der kurzen Unterbrechung gut im Fahrwasser war.
»Es freut mich, Herr Bell, Sie bei mir zu sehen«, begann er seinen Sermon mit einer Dosis anzüglicher Gutmütigkeit, als handle es sich um die Fortsetzung einer verständnisinnigen Erörterung zwischen zwei alten Bekannten.
»Ich weiß nicht, ob Sie an Schicksalsfügungen glauben. Aber ich halte es für möglich, denn Sie sind – dies wollen wir als feste Voraussetzung betrachten – ein Mann mit Idealen. Darum habe ich nichts dagegen, wenn Sie die Meinung gewinnen, das Schicksal habe uns zusammengeführt.« Er beugte sich vor, langte eine Riesenpfote über den Tisch und legte sie jovial auf Bells Schulter.
Aber das passte Bell durchaus nicht. Er wollte gerne noch eine Portion Geschwätz anhören, die diesen merkwürdigen Fuchs veranlaßte, aus seiner Reserve herauszutreten. Aber keine Berührungen bitte – das war völlig überflüssig. Er hob den Kopf und rückte ein Stück vom Tisch ab. Diese unscheinbare Bewegung konnte Schebekoff, der gleichsam alle Sinne auf Horchposten geschickt zu haben schien, nicht entgehen. Er parierte schnell und gewandt, indem er ein sehr korrektes und höfliches Lächeln zwischen seine brutalen Backenknochen hängte und glatt den winzigen Mißton übersprang.
»Es ist kein Zufall, daß Sie hier mit mir an einem Tisch sitzen«, sagte er dann gewichtig, fast belehrend; »ich habe es so gewollt. Und auch Sie müssen es gewollt haben, ohne es zu wissen. Da Sie von Ihrem kleinen Ausflug zurückkehrten, konnte Ihnen nichts Besseres passieren, als einen Führer zu finden, der seine Sache versteht. Ich will mich beileibe nicht überheben – ganz gewiss nicht. Meine Kenntnisse liegen nur auf einem anderen Gebiet und darum meine ich, daß beide Teile profitieren müßten.«
Er machte eine kleine Atempause, und nun dachte er wohl, daß Bell gut seine Frage anbringen könne. Aber Bell rührte sich nicht. Jetzt, da man von ihm ein Wort erwartete, schwieg er sich mit einer Gründlichkeit aus, in der deutlich ein obstinates Reagieren erkennbar war. Doch Schebekoff war offensichtlich ein sehr geübter Steuermann. Er räusperte sich nicht einmal in dieser auf ihn gemünzten Pause, sondern zog mit frischer Bravour den ersten Trumpf aus seinem Spiel:
»Sie brauchen mich, Herr Bell«, sagte er trocken und obenhin. »Sie sind, rundheraus, auf mich angewiesen! Aber da ich keine schmutzigen Karten mag, will ich gut und gerne bekennen, daß auch ich bis zu einem gewissen Grade Ihrer bedarf.«
Nun wollte Bell wirklich etwas sagen – und sicherlich keine besondere Liebenswürdigkeit –, aber Schebekoff ließ dies nicht zu. Da Bell vorher nicht den Mund aufgemacht hatte, als eine Äußerung der Neugier oder zumindest des Interesses am Platz gewesen wäre, sollte er seine kleine Strafe erhalten. Und darum ging Schebekoff ohne Unterbrechung hochtrabend weiter:
»Sie haben sich verrannt, Herr Bell, wollen wir dabei bleiben. Aber ich strecke Ihnen die Arme entgegen. Das ist mehr, als Sie billig erwarten konnten.«
»Ich wüßte nicht«, bemerkte Bell kühl. Er saß und strömte Kälte aus – in seinem Dunst unbewegter Reserve.
»Aber ich weiß es!«, fuhr Schebekoff auf, und er zeigte sich zum ersten Male von seiner cholerischen Seite. Da ihn aber ein schneller Seitenblick davon überzeugte, daß Bell für laute Geräusche durchaus unempfindlich war, fand er ohne Übergang seinen gemäßigten Ton wieder:
»Sie werden es schon noch glauben, Mann Gottes, das werden Sie! … Oder haben Sie bereits eine neue Fährte für Ihre Weltbeglückungspläne?«
Nun war es an Bell, sich wenigstens scheinbar zu fügen; denn hier gab es etwas … diese klebrige Eingebildetheit des »ich weiß alles« … etwas, das er erfahren mußte.
»Na also«, sagte Schebekoff rauh, ganz als ob Bell ihm kräftig beigestimmt hätte. Dann erhob er sich mit einem hörbaren Knacken in seinen breiten Hüftgelenken und schritt quer über den fleckigen Estrich.
Draußen kämpfte der Nebel mit dem Wind, es war ein wogender, prustender Kampf im Zwielicht, und einige harte Wassertropfen schlugen wie Sandkörner an das Fenster. Schebekoff ließ den Roll-Laden herab, der knatternd niederfiel. Sogleich wurde es dämmrig in dem Zimmer, die Wände traten zurück, die Schrankkiste verkroch sich hinter einen breiten Schattenstreifen. Aber dieser tiefe Dämmer gab dem Raum etwas Wohnliches, indem er die Kahlheit verbarg, und das Jammern der Windstöße über den Dächern der Schuppen tönte aus einem Draußen, von dem man hier drinnen angenehm getrennt war.
»Na also!«, wiederholte Schebekoff vom Fenster her. Er kam lautlos zurück und setzte sich wieder, wobei er die Beine von sich streckte und man sehen konnte, daß seine großen Füße in plumpen Filzpantoffeln steckten. Darum also war er früher so lautlos über die Kellerstufen hereingeschlichen! Da saß er nun mit großväterlichen Filzpantinen anstelle der knarrenden Stiefelungetüme. Das nahm ihm das sonore Auftreten und machte ihn zu einem Biedermann in einer schmucklosen, dunklen Stube.
Bell bemerkte zum ersten Male, daß Schebekoff trotz seiner Boxermaße kein kräftiger junge Mann mehr war.
»Herr Bell!«, ließ Schebekoff sich nun in einer neuen Tonart vernehmen, in der etwas Beschwörendes fast melodisch mitzitterte. »Herr Bell, Sie sind ein bedeutender Kopf! … Ich sage frei heraus, daß ich mir dessen bewußt bin, und sonst säßen Sie ja auch nicht hier in meinem Haus. Sie haben weiterhin, wie schon einmal bemerkt, Ideale – und das ist gut so. Ich habe nichts dergleichen, wenn ich mich auch nicht immer von einer gewissen Sentimentalität frei fühle – und das ist auch gut so. Spannen wir Ihr Aktivum mit meinem Passivum zusammen, und wir erzielen einen Akkord, der aus dem Buch der vortrefflichsten Orgel kommen könnte, die jemals ihre Schäflein zum Festgottesdienst rief … Wo aber sind diese Schäflein, diese gläubigen Gemüter kurzsichtiger Denkungsart? Sie sind in den Bankshops, in den Bureaus und Magazinen der City, in den Palästen des Westends und in den Gassen von Whitechapel. Ganz besonders in Whitechapel, mein Herr! Es gehört zu den paradoxen Wahrheiten, daß der Mensch umso glaubensfreundlicher wird, je tiefer er im Dreck versinkt. Stellen Sie das Tier mit zwei Beinen auf ein spiegelglatt gescheuertes Parkett, und es wird die Nase in die Luft recken vor gemästeter Aufgeblasenheit, und in der Sonntagsgebetstunde Gott mit einem feierlichen Seufzer danken. Das ist dann, was es seinen Glauben nennt. Stecken Sie denselben Kerl in einen Sumpf wie Whitechapel, lassen Sie das Morastwasser über seinem Kopf hochschlagen – und er wird Ihnen mit »gottverdammich« und anderen unflätigen Redensarten versichern, daß er bei dieser netten Behandlung seinen Glauben völlig, aber auch wirklich völlig mit allem Drum und Dran eingebüßt habe … Das aber ist gerade der echte Glaube.«
Schebekoff blies kräftig die Luft von sich und schraubte sich stimmlich zu prophetischer Höhe empor:
»Erst wenn das Durchschnittsindividuum überzeugt ist und es nicht genug versichern kann: daß es nichts, rein gar nichts mehr glaubt, erst dann glaubt es wahrhaftig! … Sie, junger Bell, wissen nichts von alledem; denn Sie haben eine Seele mit geölter Außenseite, an der alles herabrinnt, wie der Tau an einem Maimorgen von den feuchten Gräsern. Wir anderen, wir kennen das höllische Vergnügen, wenn es beißt und zwickt, wenn man aufatmen möchte vor Verderbnis und Schadenfreude, wenn das Böse einem zum Halse herauskriecht wie ein blendender entpuppter Schmetterling.«
Schebekoff atmete tief, als schwelgte er in wunderbaren Erinnerungen.
»Haben Sie schon einmal gestohlen, Herr Bell?«, platzte er dann unversehens heraus, »haben Sie schon einmal genommen, was vor Gott und den Menschen nicht Ihnen gehörte? Haben Sie etwas getan, was Sie sehr wohl als ein Unrecht empfanden, und haben Sie gefühlt, wie schön es war, es zu tun? Haben Sie schon einmal gewußt, daß es das Böse ist, das Brennende, Stechende, Sengende, wodurch das Leben in Wahrheit versüßt wird? Haben Sie etwas geplant, was Sie banal für »schlecht« hielten, haben Sie es in sich getragen und gewiegt und genährt wie ein Kind, wie ein Sohn, einen herrlichen Sohn, der wuchs, immer wuchs und immer größer wurde, größer als Sie … bis er Sie anpackte mit seinen Fäusten, die Blut sind aus Ihrem Blut, Kraft aus Ihrer Kraft, … und vorwärts stieß, um es zu vollbringen? Und dann haben Sie gefühlt, wie Ihre Hand zitterte von glücklichem Fieber, wie es in Ihrem Kopf rauschte und dröhnte von Urgesängen, von den Wäldern, in denen die wilden Tiere sich zerrissen und fraßen, von den Wäldern der Urzeit, auf deren schlammigem Tropengrund es nach Fäulnis roch und Gärung, die nichts ist als der Prozeß des Befruchtens und Werdens. Und Sie waren mit dabei, Ihr Kopf war dabei und Ihre Hand, Sie taten etwas – und es war so erlösend, so befreiend, daß Sie es getan hatten, Sie waren so erfüllt, von dem Vollendeten, nicht wieder Gutzumachenden, Sie hatten Ihren Teil geleistet, und nun richteten Sie sich auf und betrachteten die Bescherung. Sie hatten zerstört, wie die Allmutter zerstört, weil sie muß … Sie waren Gott gewesen, einen Augenblick lang, und nun wischten Sie sich aber und leckten sich die Lippen … Und dann wurde Ihnen bewußt, was Sie getan hatten. Sie waren wieder allein, ganz allein zwischen Himmel und Erde, so einsam daß Sie Ihre Knochen, Ihre Haut, Ihr ganzes körperliches Selbst als Gewicht und als Schmerz empfanden. Sie waren zurückgeblieben mit dem Geschmack Ihrer Tat, Sie schmeckten es auf der Zunge, auf dem Gaumen, Sie schluckten es bis in die Herzgrube hinab, und nun begann das Bohren, das in die Tiefe geht wie ätzender Höllenstein. Dann waren Sie froh … ho, wie man zu sagen pflegt … Sie hatten, wonach Sie sich sehnten, es saß in Ihnen fest und konnte nicht heraus. Es mußte sich erst ganz durchdrängen, um als Schlacke auf dem Grund Ihres Wesens liegen zu bleiben bei – bei allem anderen, was schon da lag.«
Schebekoff sprach bewegt, in vibrierenden Brusttönen, er holte die Worte zwischen den Rippen hervor und befühlte sie gleichsam noch schnell mit den Lippen, wie ein gewiegter Feinschmecker, ehe er sie Schall werden ließ. Er hatte sich weit vorgebeugt, die langen affenartigen Arme vor sich ausbreitend, die Handflächen fest an die Kanten des Tisches gelehnt.
»Ach nein, Bell«, hauchte er nach einer kurzen Pause, die ihn aus Zeit und Raum entrückt zu haben schien, »ach nein, das können Sie ja nicht wissen! Sie sind der Sonnenvogel mit den leuchtenden Schwingen, Sie fliegen, wo ich wandere. Glauben Sie – oh, glauben Sie heiß und hell an Ihren Gott der himmelblauen Engel, wie ich an Beelzebub glaube!«
Schebekoff schnob wie ein Arbeitspferd, das eine schwere Last über die Steigung gebracht hat und nun die Beine hinstemmt, wie Säulen, zwischen denen die Flanken zucken. Er schnob warme Luft, und Bell konnte heraushören, daß er aufrichtig war.
»Nun, aber wollen wir von dem sprechen, was Sie interessiert«, kam es wieder fest und ruhig über den Tisch. »Von dem, was Ihnen … am Herzen liegt.«
Schebekoff unterbrach sich von neuem, aber diesmal war es nur eine Kunstpause, wie sie jeder Redner gebraucht, um seinem Publikum Zeit zu lassen, sich bereitzuhalten und empfänglich zu machen für das kommende.
»Es ist gut, auf die Jagd zu gehen, Herr Bell, oh, es ist vortrefflich … aber man muß Gewehr, Proviant und Munition besitzen, wenn man nicht bestenfalls auf halbem Weg liegen bleiben soll. Ich kenne Ihren Willen – er ist ganz in Ordnung, und er ist Ihr wesentlichster Besitz. Ich kenne auch meine Kraft – und wie es sich damit verhält, werden Sie selbst beurteilen können. Ich kenne Ihre Gedanken, denn ich habe mit Ihnen gedacht und mit Ihnen gearbeitet. Ich war mit Ihnen in der heißen Welle Ihres Entschlusses – obwohl ich es damals selbst noch nicht wissen konnte. Ich war mit Ihnen in den Träumen von künftiger Vollendung, die sich wie ein betäubender Duft um das Hirn legen, in den Qualen des Zweifels und dem knabenhaften Trotz, der so recht zu Ihrem schlanken Körper und schlanken Geist paßt. Sie aber merkten nichts von alledem. Erst ging ich auch um Ihr Revier herum, obwohl Ihr aufrichtiges Gemüt die Tür beständig weit offen hielt. Dann aber trat ich ein, und ich blieb gerne bei Ihnen zu Gast. Sie müssen es gefühlt haben, daß ich bei Ihnen war, daß Ihr Schritt mit dem meinen klang, Ihr Blick in den meinen traf. Aber erst sollten Sie sich selbst müde laufen, bis Sie wohl oder übel einsehen mußten, daß es genug war; erst sollten Sie Ihr eigenes Stop formulieren. Ich wußte ja so genau, daß ich bloß zu rufen brauchte, und Sie würden mir folgen wie der abgehetzte Wanderer dem winkenden Licht. Aber Sie sollten es nicht zu leicht haben, Sie, der einzig und allein am Hindernis seine Muskeln stählt. Sie sollten den Ruf herbeiwünschen, Sie sollten von selbst nach Hause gehen. Und erst da wollte ich Sie erwarten, in meiner Heimat, die auch die Ihre ist.«
Schebekoff sprach mit bewußter Schlichtheit, wie jemand, der mit bescheidenem Behagen seinen eigenen Worten lauscht:
»Nun brauchen Sie die Maschine, die Sie sicher trägt, und nun, da Sie ratlos sind, schon jenseits aller Grübeleien – nun, da Sie es am wenigsten vermuten, sollen Sie diese Maschine haben.«
Schebekoff zog die Hände gleitend über den Tisch zurück und richtete den Oberkörper gravitätisch auf, wie ein Prediger über der Kanzelbrüstung.
»Die Zeit der Propheten ist vorbei. Heute zieht man keine Wechsel mehr auf ein Konto im Jenseits. Man ist längst dahinter gekommen, daß eine mäßige Gegenwartsmusik mehr taugt als das empfindsamste Sphärenkonzert. Seligkeit, gewiß, sehr schön … aber noch hier auf unserer höckerigen Erde, wenn ich bitten darf! Ich will zugeben, daß es vielleicht schade ist, Herr Bell … Sie würden wirklich einen wunderschönen Propheten abgeben mit Ihrem leichten Gang und den dunklen Augen, die sich jetzt so angestrengt bemühen, abweisend dreinzublicken. Unter anderen Umständen brauchten wir weder Ihre geniale Erfinderkraft noch die Chemie. Aber man will kein Manna mehr, man will Brot. Behalten wir darum die für uns einzig gültige Wahrheit im Auge, daß Sie mit den Leuten gehen müssen, denen Sie helfen wollen. Die Sonne muß mitten aus dem Sumpf steigen – das und nichts anderes ist vonnöten … Nicht Sie allein können und dürfen die Medizin brauchen, und auch die Leute in der City dürfen nicht helfen … Die Massen, denen Ihr Mittel gilt, müssen es selbst schaffen, die Massen müssen in Ihre Dienste treten, die Massen müssen die große Fabrik bauen, die das Präparat erzeugt. Nur dann hat es Wirkung, nur dann ist es vollkommen … Das Elixier, das Ihrem Hirn entspringt, muß von der Masse hergestellt werden. Der Pöbel braucht Musik, er will spielen. Und Sie sind das Instrument dazu. Sie sind der Gedanke, die schweißige Menge aber ist die Tat … Begreifen Sie jetzt, daß Sie inmitten Ihrer Arbeiter stehen, die nur darauf warten, Ihnen dienstbar zu sein? Sie sollen nicht helfen und nicht schenken; Sie sollen nur befehlen. Ja, nun sind Sie in Ihrem Haus … und Ihr Handwerkszeug liegt vor der Tür. Hier ist alles, was Sie brauchen und nirgends sonst erhalten konnten. Die Mittel, derer Sie bedürfen – oho, da liegen Sie vor Ihnen ausgebreitet, das Heer der Elenden, das Volk der Arbeitslosen, die Menge will sie Ihnen geben!«
Schebekoff hatte den Schädel in den Nacken geworfen, sein Kopfhaar schien sich borstig in Büscheln hochzusträuben.
»Aber vergessen Sie niemals – und hören Sie gut auf das, was ich jetzt sage – vergessen Sie niemals, daß ich es bin, dem dieses dunkle Heer gehorcht!«
»Ich glaube, mich Ihnen deutlich genug vorgestellt zu haben, Herr Bell, um jetzt von der Unterhaltung zum Geschäft übergehen zu können.«
Schebekoff kam wieder mit seinem breiten Oberbau über den Tisch vor. Er stützte sein blaurasiertes Kinn auf eine Handfläche, die in dem Dämmer der Stube weiß zu schimmern schien.
»Wir wollen uns verbünden, Bell«, sagte er, und zum ersten Mal ließ er das förmliche »Herr« ostentativ beiseite. »Sie haben Ihr Talent, Ihre Kenntnisse, den Apparat der Wissenschaft, die uns nützen sollen. Ich aber verfüge über die Möglichkeit, durch die allein Ihre Theorie in die Praxis umgesetzt werden kann … Sie sind im Schatten von Whitechapel groß geworden, mit einem heißen und feuchten Blick nach jenem London, das sich jenseits der Towerbridge mit Kuppeln, Türmen und hohen Dächern in den Widerschein seines eigenen Glanzes aufschwingt. Was sich hier bei uns zwischen Verfall und Moder fortschleppt, haben Sie wohl betrachtet und mitgefühlt, aber nicht verzehrt und verdaut … dazu hatten Sie keine Zeit, Sie sahen nach vorne, über das Gewimmel hinweg, das Sie vom Boden aufheben wollen. Ich aber bin zwischen den anderen gekrochen … oh, ich bin im Schoße der Erde gewesen und habe in die glimmende Asche geblasen, bis sie sich zu jener Glut rötete, die auf mein Geheiß zur verzehrenden Flamme wird. Und ich will Ihnen dieses Feuer bringen, Sie sollen der Gott des Feuers werden, der Herr über das Meer von Feuer, das ich Ihnen schaffe … Ich weiß nicht, ob Sie all die verdeckten Zusammenhänge kennen, die auch hier in den niedrigsten Menschheitsquartieren bestehen. Man muß gute Augen haben, um diese Dunkelheiten zu durchforschen, gute Ohren, um das Ungesprochene zu vernehmen. Es sind schlüpfrige Wege, die durch Whitechapel führen, Wege ohne Richtungstafel und ohne Echo. Doch wer die Wege kennt und doch nicht an sie gebunden ist, vermag alles. Glauben Sie nicht, daß Whitechapel machtlos ist, glauben Sie nicht, daß es arm ist. Geeinigt durch einen Gedanken, beseelt von einem Verlangen, geordnet unter einer Führung, bedeutet die Gesamtheit eine unüberwindbare Potenz. Es ist das Geheimnis der Massensuggestion, Bell, vor dem das mächtigste Einzelwesen erzittern muß! … Wer den Ruf kennt und ihn erschallen läßt, besitzt in Wahrheit den Stein der Weisen.«
Schebekoff öffnete den Mund weit und zog die ganze Luft ein, die er zu erreichen vermochte. Er sättigte sich an einem langen, innigen Atemzug, er füllte sich wie ein Pumpwerk mit Betriebsstoff, und jetzt rauschten seine Worte machtvoll über Bell hin:
»Ich besitze den Schlüssel, der die schweigenden Tore öffnet, ich kenne das Wort, das in alle Schlupfwinkel dringt und die Menge in ihrer ganzen primitiven Glorie um uns versammelt. Nicht umsonst habe ich mich geduckt und gewartet, nicht umsonst bin ich in diese Seelen gekrochen, die so wild und kindlich sind. Ich habe ganz Whitechapel in meiner Faust, und ich öffne sie, um es Ihnen als Morgengabe darzubringen. Hier sollen Sie Ihren Tempel bauen, der Armseligste soll daran beteiligt sein. Im Herzen von Whitechapel muß das Laboratorium stehen, aus dem das neue Heil hervorgehen wird … Sagen Sie, daß Sie es wollen, Bell – sagen Sie, daß Sie meine Hand ergreifen! Oh, Sie können ja nicht wissen, wie ich mich nach Ihnen gesehnt habe, Tage und Nächte, im Wachen, im Traum und selbst im traumlosen Schlaf. Sehen Sie mich nicht an, Bell – bitte, sehen Sie mich jetzt nicht an. Sie sollen nicht sehen, daß ich häßlich bin, daß ich den Fluch und die Krankheit von Generationen mit mir trage. Sind Sie nicht der junge Held, von dem die Sagen erzählen, sind Sie nicht die Umformung meines Wollens in körperliche Wirklichkeit, die Inkarnation, die Wiedergeburt? Ich will nichts für mich … keinen Ruhm, keinen Namen, in Ihnen will ich sein, weil ich es in mir nicht kann!«
Schebekoff sprach jetzt wirklich gut. Alles Falsche und Schleichende, alle Überlegung und List war von ihm gefallen. Er war nur noch Schwung, Bewegung und Schall, es strömte aus seinen innersten Kammern voll und rund heraus und breitete sich aus, füllte das kleine Zimmer bis an die Decke, wie ein elektrischer Starkstrom in Berührung mit dem Kontakt, der ihn auslöst in seiner ungehemmten, knatternden Wucht. Der ganze Mann war eine einzige Energiequelle, für die es – da nun einmal der aufgespeicherte Überdruck das letzte Hemmnis gesprengt hatte – keinen Widerstand mehr gab. Er saß unbeweglich und erzeugte nur ohne Pause rasende Kraftmengen, die selbständig wurden und dann keiner Kontrolle mehr unterlagen.
Er selbst aber blieb hinter diesem Gewitter zurück. Er konnte wohl die Windsbraut erzeugen und loslassen … mochte sie stürmen wohin sie wollte. Aber er konnte nicht selbst mit, er klebte am flachen Erdboden mit allen Knochen und Fibern seines klappernden Körpers. Er komponierte das Lied, aber keine Macht der Welt konnte ihn bewegen, es selbst zu singen. Er mußte es frei im Raum tönen lassen und brauchte einen anderen, einen Bell, der es einfing und mit menschlicher Kehle erst wirklich sang. Er aber, Sergej Schebekoff, blieb zurück und lauschte dem Choral, der aus ihm geholt hatte, was zu holen war. Er blieb zurück als ein häßlicher, nicht mehr junger Mann, mit plumpen Gliedmaßen an einem hageren Rumpf, mit schütterem Haar, trüben Augen und einer fahlen, knitterigen Haut.
Wohl eine Minute verging, bis alles verdampft und verraucht war und der aschgraue Alltag wieder die Stube füllte.
Dann erst fand Schebekoff die Kraft zu neuer Rede:
»Ich werde rufen«, wiederholte er gedämpft und heiser, »ich werde rufen, und sie werden kommen.«
Es war eine abgenützte Stimme, die diese Worte sprach, eine Stimme, die noch im Kampf lag mit dem verhallenden Brausen aus einer anderen Welt.
Bell führte leise die Hand an die schmerzende Schläfe. In dem Krampf, dem er ohne den Schutz kalter Überlegung Einlaß gewährt hatte, wurde nur eine Frage völlig automatisch zu Schall – eine Frage, die er seit dem Morgen in sich getragen hatte:
»Woher wissen Sie? …«
Schebekoff war aufgestanden. Er beugte die Arme wie nach einer anstrengenden Turnübung.
»Das …«, erwiderte er und gähnte fast, »… das sage ich Ihnen ein andermal.«
Er war jetzt wieder der alte – ein robuster Bursche mit schiefem Blick und nicht abzuschätzender Haltung, von dem man alles erwarten kann.
Pulsuz fraqment bitdi.