Kitabı oxu: «Das Horn von Afrika»

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Der Autor


Dr. Alfred Schlicht, Orientalist und langjähriger Diplomat, hat viele Jahre im Nahen Osten gelebt, ist Experte für die Geschichte und Politik des gesamten Vorderen Orients und Nordafrikas und hat eine Reihe von Büchern über die Geschichte der Region und den heutigen Islam publiziert.

Alfred Schlicht

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Umschlagbild: Collage der Flaggen Äthiopiens (Bild: Miguel Á. Padriñán), Eritreas (Bild: Mykhailo Polenok), Dschibutis (Bild: slon.pics – freepik.com) und Somalias (Bild: pixabay.com).

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ISBN 978-3-17-036965-8

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pdf: ISBN 978-3-17-036966-5

epub: ISBN 978-3-17-036967-2

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Inhalt

1  Vorwort

2  1 Von den ersten Menschen bis zu den frühen Staaten am Horn von Afrika

3  Erste Menschen

4  Das Land Punt und frühe Staaten am Horn von Afrika

5  Christentum, Handel und Imperialismus zwischen Südarabien und Nil: Das Reich von Aksum

6  Der Islam kommt ans Horn von Afrika

7  Die Nadschahiden – eine abessinische Sklavendynastie in der jemenitischen Küstenebene

8  2 Lalibela – die Zagwe-Dynastie

9  3 Sieben Jahrhunderte salomonische Dynastie – zwischen christlichem Nationalmythos und imperialer Kontinuität

10  Ein Staat und seine Legende

11  Aufstieg und Ausbreitung eines Imperiums

12  Christliche ›Fundamentalisten‹

13  Zar’a Ya’kob – Religion, Kultur und Weltpolitik

14  Krisen und interkontinentale Beziehungen

15  Aufbruch der Oromo

16  Ein katholisches Reich am Horn von Afrika?

17  Das Reich von Gonder

18  Zemene Mesafent – Zerfall des Reiches

19  4 Vielfalt am Horn von Afrika – historische Aspekte und Facetten

20  Das Horn von Afrika und Europa im Mittelalter und an der Schwelle zur Neuzeit

21  Islamische Staaten am Horn von Afrika

22  Die Beta Israel – Juden am Horn von Afrika?

23  Regionale Identitäten am Horn von Afrika

24  Die Somalis vor der Kolonialzeit

25  Sklaverei

26  5 Drei Kaiser schaffen das moderne Äthiopien – das Horn von Afrika zwischen Restauration und Neubeginn

27  Tewodros II.

28  Yohannes IV.

29  Menilek II.

30  6 Der Imperialismus am Horn von Afrika im 19. und 20. Jahrhundert

31  Französisch-Dschibuti

32  Britisch-Somaliland

33  Italienisch Somalia

34  Die italienische Kolonie Eritrea

35  Deutschland am Horn von Afrika?

36  7 Äthiopien unter Hayle Selassie – das Ende des salomonischen Reiches

37  Kaiserinnen am Horn von Afrika?

38  Auf dem Weg zur Macht – Teferi Mekonnens Regentschaft

39  Der letzte Kaiser (I) – bis zur italienischen Okkupation

40  Ca Custa Lon Ca Custa – um jeden Preis: Africa Orientale Italiana

41  Der letzte Kaiser (II) – Vom Neubeginn bis zum Ende des salomonischen Reiches

42  8 Eritrea – der lange Weg von der italienischen Kolonie zur Unabhängigkeit

43  Eine eritreisch-äthiopische Föderation?

44  Vom Buschkrieg zur nationalen Unabhängigkeit – 30 Jahre eritreischer Befreiungskampf

45  9 Marxismus, Hunger, Bruderkrieg und Versöhnung

46  Das Scheitern eines Regimes, die Geburt einer Nation

47  Neuanfang mit Hindernissen

48  Grenzkonflikt oder mehr?

49  No War, No Peace

50  Äthiopien – ›Entwicklungsdiktatur‹ auf dem Weg zum ›China Afrikas‹?

51  Abiy Ahmad – Neubeginn am Horn von Afrika?

52  10 Somalia und Dschibuti – Wege in die Unabhängigkeit … oder ins Chaos?

53  Failed State Somalia?

54  Internationale Krisenbewältigungsversuche und islamistischer Terror

55  Dschibuti – Insel der Stabilität?

56  Karten

57  Anmerkungen

58  Bibliographie

59  Abbildungsnachweis

Vorwort

Wenn die griechische Hässlichkeit in Äthiopien Schönheit sei, so könnte wohl sein, dass beide Teile recht hätten?

Christoph Martin Wieland, ›Geschichte der Abderiten‹

Das ›Horn von Afrika‹ ist ein geographischer Begriff. Es bezeichnet den Raum um die Ostspitze Afrikas, die wie ein Horn in den Indischen Ozean ragt. Hier befindet sich der östlichste Punkt Afrikas, Ras Hafun (Ras Xaafuun), südlich von Kap Guardafui, dem ›aromaton acron‹ (Kap der Gewürze) der Antike. Kap Guardafui liegt an der Spitze des Horns von Afrika und wird deshalb manchmal irrtümlicherweise als östlichste Stelle des Kontinents betrachtet. Zu den heutigen Staaten am Horn von Afrika im weiteren Sinn gehören Äthiopien, Dschibuti (Djibouti), Eritrea und Somalia, welche den geographischen Rahmen abstecken, dessen historische Entwicklung Gegenstand vorliegenden Buches ist.

Dieser geographische Raum ist selbst dem gut informierten Europäer bestenfalls in großen Linien vertraut. Deshalb ist es unerlässlich für ein historisches Verständnis des Horns von Afrika, geographische und historische Karten zu verwenden. In Band V der ›Encyclopaedia Aethiopica‹ (EA) findet sich eine Zusammenstellung von über 30 Karten,1 viele historische Werke enthalten weiteres kartographisches Material, auch am Ende dieses Buches finden sich zwei Karten.

Es fällt schwer, gemeinsame Züge für die Länder dieses Raumes zu finden. Charakteristisch ist vielmehr eine schier unüberschaubare Vielfalt – etwa 80 Sprachen, die teilweise untereinander nicht einmal verwandt sind, werden hier gesprochen. Nie war im Laufe der Geschichte das ›Horn von Afrika‹ eine politische oder kulturelle Einheit oder wurde von einer einzigen Macht beherrscht. Auch religiös herrscht mehr Vielfalt als Einheit. Neben dem Christentum und dem Islam, die seit weit über 1000 Jahren vor allem prägend waren, existieren auch zahlreiche (Natur-)‌Religionen lokaler und regionaler Bedeutung.

Ein besonderes Charakteristikum des Horns von Afrika besteht darin, dass hier das Christentum eine über 1600 Jahre lange staatliche Kontinuität aufzuweisen hat, dass hier seit dem 4. Jahrhundert christliche Staaten bestehen. Das Horn von Afrika ist der einzige Bereich auf dem gesamten afrikanischen Kontinent, in dem das Christentum seine Führungsrolle bis heute behaupten konnte. Die christlichen Reiche Nubiens wurden vom Islam erobert, die ägyptischen Kopten sind längst zur Minderheit im Land am Nil geworden. In den Ländern Nordafrikas westlich von Ägypten ist das Christentum völlig verschwunden.

Die Länder dieses Großraums haben untereinander immer sehr enge und wechselvolle Beziehungen unterhalten, intensive Wechselwirkungen und lebhaften Austausch erlebt. Deshalb ist es sinnvoll, sie als eine historische Einheit zu betrachten.

Dabei ist die Verwendung geographischer und kultureller Begriffe nicht unproblematisch. Sprechen wir etwa über das salomonische Reich oder seine christlichen und vorchristlichen Vorgänger, so verwenden wir in diesem Buch oft die Bezeichnung ›Abessinien‹ (vom semitischen ›Habasch‹,2 deshalb in älteren deutschen Texten auch Habessinien), ›Äthiopien‹ wird vorwiegend als Bezeichnung für den modernen Staat dieses Namens (seit dem 19. Jahrhundert) verwendet.

Andere Bezeichnungen, wie Somalia oder Eritrea, werden – wenn sie sich nicht eindeutig auf die modernen Staaten beziehen – angewandt, um die geographische Einordnung eines Ortes oder eines Ereignisses zu erleichtern. Sie sollen weder Grenzen präjudizieren noch eine Parteinahme in kontroversen Fragen darstellen.

Zahlreiche Eigennamen und Toponyme, die in diesem Buch verwendet werden, entstammen unterschiedlichen Sprachen und Kulturkreisen, für die kein einheitliches Transskriptionsystem existiert. Es wurde versucht, sie in einer benutzerfreundlichen, bewusst vereinfachenden Schreibweise wiederzugeben, die allerdings keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben will und kann. Inkonsequenzen sind dabei nicht auszuschließen.

Die Geschichte des Horns von Afrika ist in Europa außerhalb der Fachkreise noch weitgehend unbekannt – deshalb ist das Buch chronologisch aufgebaut. Dies stellt für den Leser den einfachsten Zugang zu einer sehr komplexen Materie dar. Eine Ausnahme bildet Kapitel 4, in dem thematische Einzelaspekte, welche eine vertiefte Behandlung sinnvoll erscheinen lassen, näher betrachtet werden.

Für dieses Buch habe ich über Jahre und Jahrzehnte hinweg zahlreiche Anregungen, Inspirationen und Impulse von verschiedensten Seiten erhalten, für die ich sehr dankbar bin. Besonders verpflichtet fühle ich mich:

Meinem Großvater Eugen Berger, der lebhaftes Interesse an außereuropäischen Räumen hatte, dieses an seine Kinder weitergab und stets von Reisen träumte, die ihm nie möglich waren.

Meiner Mutter Hildegund Berger, die mich schon als Kind auf Reisen nach Afrika mitnahm und mir aufgrund ihrer umfassenden literarischen, geographischen und historischen Kenntnisse die Augen für Vieles öffnete.

Meinem verehrten akademischen Lehrer Julius Assfalg,3 der mir half, Zugang zur vielfältigen Welt der Sprachen und Kulturen des christlichen Orients zu finden und sie mir wissenschaftlich zu erschließen.

Meinem akademischen Lehrer Hans-Joachim Kißling, der mein Interesse an interkontinentalen Beziehungen im Spannungsfeld der islamisch-christlichen Rivalität weckte.

Meinem Mentor Eberhard Schmitt,4 als dessen Mitarbeiter ich viel über Globalgeschichte gelernt habe und dem wir das 14-bändige Monumentalwerk ›Dokumente zur Geschichte der europäischen Expansion‹ verdanken, an dem ich zeitweise mitarbeiten durfte.

Meinem Schwiegervater Ghebre Selassie Dirar, der als Geistlicher die tiefe, traditionelle Frömmigkeit des christlichen Afrika bis an die Schwelle zum 21. Jahrhundert brachte und dessen Gebetbuch noch heute im Familienbesitz ist.

Meiner Frau Azeb, die die Familientradition bis heute lebendig hält und dafür sorgt, dass in unserer Familie noch drei Sprachen (Tigrinya, Amharisch und Arabisch) vom Horn von Afrika gepflegt werden. Sie half mir, Quellen zu erschliessen, die mir sonst unbekannt geblieben wären.

Meiner Tochter Julia, die in Washington DC geboren ist, in Amman, Jordanien, zur Schule kam, in Atlanta, GA, ihr Abitur machte, die in Deutschland studiert und in drei Kulturkreisen zuhause ist. Sie leistete mir konkrete Hilfe bei der Entstehung dieses Textes.

Ihnen widme ich dieses Buch.

Alfred Schlicht

Im November 2020

1 Von den ersten Menschen bis zu den frühen Staaten am Horn von Afrika
Erste Menschen

Afrika ist eine der Wiegen der Menschheit. Einige der ältesten Spuren von Menschen wurden am Horn von Afrika entdeckt. Millionen Jahre alte Überreste von Hominini kommen vor allem am Afrikanischen Grabenbruch vor, der von der Küste des Roten Meeres durch die heutigen Staaten Dschibuti und Äthiopien und weiter in südlicher Richtung verläuft. Menschenfunde wurden im Süden des heutigen Äthiopien an der Grenze zu Kenia gemacht. Schwerpunkt solcher Funde ist jedoch die Afar-Senke (auch Danakil-Senke oder Afar-Dreieck),1 ein Tiefland im Nordosten Äthiopiens, das sich nach Eritrea, Dschibuti (Djibouti) und Somalia erstreckt. Am Awash-Fluss, der diese Region von Süd nach Nord durchfließt, wurde 1997 der Ardipithecus ramidus kadabba entdeckt, das erste Spezimen eines definitiv auf zwei Beinen gehenden Menschen. Er ist mit 5,2 bis 5,8 Millionen Jahren der älteste Fund in diesem Raum. Nur in Kenia und im Tchad fanden sich menschliche Reste, die möglicherweise noch etwas älter sind. Berühmtheit über die Fachkreise hinaus hat ›Lucy‹2 erlangt, die zwar ›nur‹ 3,2 Millionen Jahre alt ist, aber ein weitgehend vollständiges Skelett darstellt, das heute im Nationalmuseum von Addis Abeba aufbewahrt wird. Vielleicht wegen dieser Vollständigkeit wird ›Lucy‹ von den Äthiopiern ›Dinqenesch‹ (Du bist so wunderbar) genannt. Sie wurde 1974 ebenfalls am Awash-Fluss gefunden.

Die menschlichen Spuren im eritreischen Buya sind mit einer Mio. Jahre dagegen vergleichsweise ›jung‹. All diese Menschenfunde sind jedoch in jedem Fall sehr viel älter als der in Europa gefeierte ›Ötzi‹, der 1991 in Südtirol gefunden wurde, mit einem Alter von nur etwas über 5000 Jahren allerdings auch bereits ein homo sapiens sapiens ist.

Schon in der griechischen Antike muss das Horn von Afrika ein Ort gewesen sein, an dem die Menschheit ihren Ursprung suchte: ›Aithiops‹ war eine mythische Gestalt, die im Osten am Ozean lebte und sowohl die älteste als auch die vollkommenste Verkörperung des Menschen darstellte.3 Wie sich dieses Gesamtbild durch die Entdeckung des etwa 11,6 Mio. Jahre alten aufrecht gehenden ›Danuvius guggenmosi‹ im Allgäu im Jahre 2019 ändert, bleibt abzuwarten.

Historisch nicht mehr so weit entfernt von uns sind Werke, die Menschen geschaffen haben: Stelen etwa, deren älteste auf das Jahr 5000 v. Chr. zurückgehen, und Felsmalereien, die teilweise erst im 21. Jahrhundert am Horn von Afrika gefunden worden sind. Dabei handelt es sich nicht nur – wie andernorts vielfach –


Abb. 1: Lucy, Äthiopisches Nationalmuseum, Addis Abeba.

um Höhlenmalereien, sondern die Darstellungen finden sich teilweise auch unter freiem Himmel, unter Felsvorsprüngen, wo sie über die Jahrtausende geschützt waren und auch die damaligen Künstler und ihre Herden möglicherweise Schutz vor Sonne und Regen fanden. Diese frühen Kunstformen finden sich in allen Ländern am Horn von Afrika – in den heutigen Staaten Äthiopien (bis in den tiefen Süden), Eritrea, Dschibuti und Somalia, wo sich im Felsmassiv von Laas Geel bei Hargeysa die vielleicht besterhaltenen polychromen Felsmalereien Afrikas befinden. Teilweise sind sie fast 10 000 Jahre alt, damit aber deutlich jünger als die Malereien in den europäischen Höhlen wie z. B. in Lascaux und Altamira. Abgebildet werden vor allem Rinder und Schafe, aber auch Giraffen, Elefanten, Strausse und Kamele. Menschen werden ebenso dargestellt, bewaffnete Jäger und Krieger, auch eine Melk-Szene. Vergleichbare Höhlenmalereien befinden sich im somalischen Dhambalin und in Karin Heegan (70 km östlich von Boosaaso).


Abb. 2: Prähistorische Felsmalerei in Laas Geel, Somalia.

Das Land Punt und frühe Staaten am Horn von Afrika

Historisch signifikant sind die ägyptischen Beziehungen zur Region am Horn von Afrika, die seit dem ›alten Reich‹ (2700–2200 v. Chr.) bestehen. Das Land Punt4 am Horn von Afrika – auch hier sind die Anfänge in mythologischen Nebel gehüllt – wurde als Urheimat der altägyptischen Götter aufgefasst. Zwar gab es wahrscheinlich keinen Staat dieses Namens, kein regelrechtes ›Reich‹ Punt – aber ›Punt‹ war durchaus kein Phantasiegebilde. Lange war umstritten, wo dieses sagenhafte Land im Süden, mit dem Ägypten intensiven Handel getrieben hat, genau lag. Neuere Forschungen zeigen, dass es sich um die Küste des Roten Meeres zwischen dem Sudan und Somalia gehandelt haben muss, um Nordäthiopien und Eritrea und den Fluss Gasch; möglicherweise gehörte auch Südarabien, das ohnehin seit jeher eng mit der afrikanischen Seite des Roten Meeres verbunden war, zu Punt. Besonders ein Relief auf dem Totentempel von Königin Hatschepsut aus dem 15. Jahrhundert v. Chr. gibt uns einen lebhaften Eindruck von Punt, seiner Flora und Fauna. Die Verbindung zwischen Ägypten und Punt verlief einerseits über den Landweg, durch das Land Kusch (Nubien) am Nil (heutiger Sudan), andererseits aber mehr und mehr über den Seeweg. Weihrauch und Gold waren wichtige Handelswaren auf diesem Weg, ebenso Elfenbein, Ebenholz, Straußenfedern und -eier sowie Leopardenfelle und Affen.

Punt ist auch heute noch ein in der Region sehr präsenter Begriff und in Somalia bis in die Gegenwart ein wichtiges Element des ideologischen Versuchs, eine lange Tradition und weit zurückreichende historische nationale Kontinuität zu konstruieren.

Auch Ophir gehört in diesen Kontext als Land, das bereits in der Bibel erwähnt wird, aber auch in weiteren schriftlichen Quellen aus dem alten Israel, das aus Ophir Gold bezog. Über die Lage von Ophir gibt es jedoch mehrere Thesen – von Sri Lanka über Indien und Simbabwe bis zur eritreischen Küste.

Die Küste des Roten Meeres und des Indischen Ozeans ermöglicht zahlreiche Kontakte und öffnet das Horn von Afrika äußeren Einflüssen. Spätestens seit dem frühen 1. Jahrtausend v. Chr. gibt es Verbindungen zum südlichen Arabien und seinen Kulturen. Auffallend sind die kulturellen Ähnlichkeiten zwischen der Tihama, der jemenitischen Küstenebene am Roten Meer, und der eritreischen Küste5 gegenüber, wie beispielsweise ein Vergleich der eritreischen Ona-Kultur6 (um Asmara) und der jemenitischen Sabr-Kultur verdeutlicht.

Südaraber sind schon früh am Horn präsent, der Einfluss ihrer Sprache und Schrift ist allgegenwärtig. Die ältesten Inschriften7 am Horn von Afrika sind sabäisch (also südarabisch). Auch ihre Religion – belegt durch Darstellungen der Sonnenscheibe und der Mondsichel (wenn deren Bedeutung auch inzwischen kontrovers diskutiert wird) – brachten Sabäer ans Westufer des Roten Meeres. Weit gespannte Handelsbeziehungen belegen auch Inschriften (z. B. indischen Ursprungs) bereits aus vorchristlicher Zeit auf der kleinen Insel Sokotra vor Kap Guardafui (heute zum Jemen gehörig, faktisch seit 2020 von südjemenitischen Rebellen kontrolliert) am Eingang zum Golf von Aden.

Wichtigster Hafen dieser Zeit am Horn von Afrika ist Adulis am Golf von Zula, etwa 40 km südlich vom heutigen Hafen Massawa in der Nähe des eritreischen Dorfes Foro. Adulis existierte bereits im 2. Jahrtausend v. Chr. und wird aufgrund seiner Bedeutung für den internationalen Handel in zahlreichen antiken und mittelalterlichen Quellen genannt. Im 7. Jahrhundert v. Chr. wird es schon von Griechen und Phöniziern angelaufen und beginnt bereits, eine immer wichtiger werdende Rolle im interkontinentalen Handel zu spielen. Aber auch kleinere Häfen wie Opone, Mosylon oder Zayla (im heutigen Nordsomalia) gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Der erste regelrechte Staat am Horn von Afrika ist Da’amat,8 das im 8./7. Jahrhundert v. Chr. aufblüht. Es entfaltet sich in der Gegend der späteren Metropole Aksum in der nordäthiopischen Region Tigray, zwischen Mekele und Addigrat; also in dem Teil des Horns von Afrika, in dem Jahrhunderte später eine Großmacht, das Reich von Aksum, aufsteigen wird. Da’amat selbst ist jedoch von begrenzter Ausdehnung und existierte nur relativ kurze Zeit. Es war stark südarabisch geprägt. Die südarabischen Götter werden hier in Inschriften genannt und angebetet – noch immer eindrucksvoll ist der Tempel in Yeha, der Almaqah,9 dem höchsten Gott des sabäischen Pantheon, gewidmet ist. Wir haben nur wenige schriftliche Quellen (6 sabäische Inschriften mit einheimischen sprachlichen Einflüssen) aus diesem Staat. Die Hauptstadt Yeha bietet jedoch interessante handwerkliche Überreste und archäologische Zeugnisse.10 Spätestens um 400 v. Chr. bricht Da’amat vollständig zusammen, Ansätze zur Entstehung eines neuen Staates werden greifbar.

Christentum, Handel und Imperialismus zwischen Südarabien und Nil: Das Reich von Aksum

Mit dem Beginn unserer christlichen Zeitrechnung ist auch für das Horn von Afrika eine neue Epoche verbunden. Schriftliche Quellen werden häufiger, Münzen erscheinen und der Raum findet Anschluss an die internationalen Beziehungen dieser Zeit, nimmt Teil an globalen Entwicklungen. Der Aufstieg des Reiches von Aksum11 beginnt.

Der ›Periplus des eritreischen Meeres‹,12 ein Handbuch über das Rote Meer und den Indischen Ozean, dessen Verfasser unbekannt ist, das aber neben nautischen auch vielfältige ökonomische und historische Informationen enthält, entsteht in der Mitte des 1. Jahrhunderts AD und ist nur in einem Manuskript aus dem 10. Jahrhundert (Heidelberg) überliefert. In diesem Werk wird Aksum erstmals genannt. Auch in der Geographie des Ptolemäus (2. Jahrhundert) erscheint Aksum bereits. Aksum, südlich des Mereb-Flusses (heute Grenze zwischen Äthiopien und Eritrea) und südwestlich von Yeha, dem Zentrum von Da’amat gelegen, ist die Metropole, Ausgangs- und Mittelpunkt des Reiches, dem sie ihren Namen gab. Das erste Jahrtausend christlicher Zeitrechnung ist am Horn von Afrika eindeutig das aksumitische Jahrtausend. Aksum, seine Geschichte und sein kulturelles Profil haben dem Raum seine besondere Prägung und seine spezifische Orientierung auch für die darauffolgenden Jahrhunderte gegeben. Damals werden Weichen gestellt, nehmen Entwicklungen ihren Anfang, die für den gesamten ›orbis aethiopicus‹ nachhaltige Wirkungen entfalten. Noch heute sichtbare Symbole damaliger imperialer Größe sind Obelisken,13 darunter der größte der Welt mit 30 Metern Länge. Obelisken und Stelen gab es am Horn von Afrika schon lange vor Aksum, aber die aksumitischen Obelisken symbolisieren in besonderem Masse – etwa im heute noch eindrucksvollen Stelenpark von Aksum – den Großmachtanspruch. Es handelt sich dabei um Grabsteine, die uns in verschiedenen Grössen überall in der Region, z. B. in Matara in Eritrea, begegnen. Seit der Christianisierung jedoch spielen die Stelen keine Rolle mehr. Auch Paläste und Tempel weisen noch heute auf die einstige Bedeutung Aksums hin.

Einige steinerne Monumente helfen uns durch Inschriften, die Geschichte von Aksum nachzuvollziehen (Monumentum Adulitanum, Ezana-Steine – siehe unten). Wichtig sind auch die in Aksum geprägten Münzen,14 goldene, silberne und bronzene. Sie erlauben uns, eine Reihe von Königen vom 3. bis zum 7. Jahrhundert zu identifizieren. Nur zwei Könige und ihre Zeit sowie ihr historisches Umfeld kennen wir näher, da sie auch in anderen Quellen erwähnt werden: Ezana (4. Jahrhundert) und Kaleb (6. Jahrhundert). Bemerkenswert ist, dass die Münzen


Abb. 3: Stelen-Park von Aksum.

mehrsprachige Aufschriften trugen: Ge’ez, das Altäthiopische, und Griechisch; damit verdeutlichen sie den starken griechischen Kultureinfluss im Land.

In der aksumitischen Periode kommt erstmals die eigentliche Landessprache, Ge’ez,15 zum Tragen. Es handelt sich um eine eigenständige äthio-semitische Sprache,16 die zusammen mit Tigre und Tigrinya zur nordäthiopischen Gruppe gehört (im Gegensatz zur südäthiopischen, zu der u. a. – das später entstandene – Amharisch oder das im Osten des heutigen Staates Äthiopien verwendete Harari gehören). Der Aufstieg des Ge’ez ist mit dem Aufblühen des aksumitischen Reiches verbunden.

Jetzt erst erscheinen Ge’ez-Inschriften; alle früheren Inschriften,17 also auch die mit Bezug zu Da’amat, waren in sabäischer (altsüdarabischer) Sprache abgefasst. Die ältesten Ge’ez-Inschriften sind noch unvokalisiert, d. h., sie geben, wie es für semitische Sprachen18 und Schriften charakteristisch ist, nur die Konsonantenstruktur wieder.

Besonders charakteristisch für das Reich Aksum ist, dass es bald internationale Dimensionen gewinnt, eine aktive Außenpolitik führt und expandiert, aber auch Einflüsse von außen aufnimmt und assimiliert. Der Hafen von Adulis und das Rote Meer gewinnen an Bedeutung, Aksum wird Teil interkontinentaler Beziehungsgeflechte, findet Anschluss an die Weltgeschichte. Es ist die Rivalität um den Fernhandel, die dabei im Vordergrund steht. Das Römische Reich (später Byzanz) und Aksum sind daran interessiert, dass der Indien-Handel durch das Bab al-Mandeb, die Meerenge zwischen Rotem Meer und Indischem Ozean, und das Rote Meer verläuft und auf einer römisch-aksumitisch kontrollierten Route Ägypten und das Mittelmeer erreicht. Die Römer errichten deshalb, wohl im 2. Jahrhundert, einen militärischen Außenposten auf den Farasan-Inseln (nordöstlich von Massawa und den Dahlak-Inseln vor der Küste Arabiens bei Dschisan). Das Perserreich will diese Handelsströme ebenfalls kontrollieren und sie durch die Straße von Hormuz und den Persischen Golf leiten.

Aber auch die Waren Afrikas kommen über Aksum und Adulis auf die Weltmärkte, wie schon seit Jahrtausenden aus dem Land Punt.

Die Waren, die Aksum exportiert und die teilweise aus dem Inneren Afrikas kommen, sind Elfenbein, Sklaven und Gold, Nashörner, Nilpferdhäute, Schildkrötpanzer und Obsidian. Aber auch andere Häfen wie Malao (das heutige Berbera) und Opone (Ras Hafun), südlich von Kap Guardafui, an der Somaliküste sind als Sklavenhandelsplätze bekannt.

Eingeführt wurden Kleidung und gefertigte Güter wie Äxte, Speere und Schwerter, aber auch Schmuck, Trinkgefäße und Glaswaren aus Indien, Ägypten und dem Mittelmeerraum. Römische, ägyptische und später byzantinische Kaufleute kamen nach Adulis, um hier Waren aus Indien zu kaufen. Im Rhythmus der Monsunwinde, die deshalb bezeichnenderweise auch ›Handelswinde‹ genannt werden, segeln Schiffe von Adulis nach Indien19 und Ceylon und zurück. Indische Quellen erwähnen Perlen und Korallen aus dem Roten Meer. Zimt gelangt auf diesem Weg von Asien nach Ägypten und in den Mittelmeerraum. Die weitläufige Ausdehnung dieses Handels ist belegt durch Funde aksumitischer Münzen in Südarabien, Palästina und Indien, während indische Münzen am Horn von Afrika gefunden werden.20

Auf der vorgelagerten Insel Sokotra finden sich frühe Inschriften in verschiedenen Sprachen, u. a. auch von indischen Seefahrern. Adulis, das zur Zeit Christi Geburt noch weitgehend selbständig war, wird vollständig ins aksumitische System eingegliedert und eine der wichtigsten Städte des Reiches. Griechen und griechischsprachige Ägypter kommen zusehends ins Land, zunächst vor allem als Kaufleute. Sie bleiben nicht im Hafen Adulis oder in anderen Handelsstädten im Küstenbereich wie Qohaito, ein wichtiger Elfenbeinmarkt an der Straße zwischen Adulis und Aksum, oder Matara, eine blühende (eritreische) Stadt schon seit voraksumitischer Zeit, sondern gelangen bis Axum. Griechisch, lingua franca nun auch im Roten Meer, wird zur ›Bildungssprache‹ im Aksumitischen Reich. Griechische Inschriften charakterisieren die aksumitische Periode ebenso wie griechische Texte auf aksumitischen Münzen – z. B. ›Basileus Axomiton‹ (König von Aksum) – die sich hier neben Ge’ez-Texten finden. Zoskales wird im ›Periplus‹ als Herrscher von Aksum und der Küste im ersten christlichen Jahrhundert genannt, der über gute griechische Bildung verfügt habe.21

Es dürfte diesem lebhaften Handel zu verdanken sein, dass auch das Christentum schon früh in die Welt von Adulis und Aksum gelangte.

Eine entscheidende Epoche in der aksumitischen Geschichte war dabei die Regierungszeit von König Ezana22 in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts. In Ezanas Herrschaft fällt die Christianisierung von Aksum.23 Ein gewisser Frumentius24 († 383) aus Tyros, den wir vor allem aus der Kirchengeschichte des Rufus von Aquilea aus dem 5. Jahrhundert kennen, soll an der eritreischen Küste Schiffbruch erlitten haben und zusammen mit seinem Bruder nach Aksum an den königlichen Hof gebracht worden sein. König Ella Amida, Vater von Ezana, überträgt ihm Funktionen bei Hof und macht ihn schließlich zum Erzieher des Prinzen Ezana. Offenbar kann Frumentius beträchtlichen Einfluss nicht nur auf den Prinzen in seiner Jugend, sondern auch auf den späteren König Ezana gewinnen, denn dieser tritt zum Christentum über. Aksum25 wird zu einem der ersten christlichen Länder der Welt. In Aksum empfand man die Notwendigkeit, an die bereits christianisierte Welt angeschlossen zu werden und ein Kirchenoberhaupt zu erhalten, das von einer schon bestehenden kirchlichen Autorität bestellt und ermächtigt sein würde. Frumentius reiste nach Alexandria, an den Sitz des koptischen Patriarchen, informierte diesen, Athanasius I., über den Aufstieg des Christentums in Aksum und bat ihn um Entsendung eines Bischofs. Athanasius weiht Frumentius selbst zum Bischof und sendet ihn zurück nach Aksum, um dort im Namen der koptischen Kirche und mit kirchlichem Segen als Oberhaupt der neu enstehenden Kirche von Aksum zu fungieren. Damit war ein Präzedenzfall gesetzt, der eine 1600-jährige Praxis begründete. Von nun an wurde jedes neue Oberhaupt der aksumitischen, später äthiopischen, Kirche vom Patriarchen von Alexandria ernannt und aus Ägypten entsandt.26 Dennoch war die Kirche von Aksum und später die äthiopische Kirche nicht wirklich Teil der koptischen Kirche, sondern agierte weitgehend autonom. Das aus Ägypten entsandte Kirchenoberhaupt hatte weitgehend rituelle und zeremonielle Aufgaben und war kaum in die eigentliche ›Kirchenpolitik‹ involviert.

Abuna Selama Kesate Berhan, wie Frumentius in Aksum genannt wurde, wird als erster Bischof und Begründer der Kirche am Horn von Afrika bis heute als Heiliger verehrt (und gilt auch in der orthodoxen sowie in der katholischen Kirche als Heiliger).

Auffallend ist, wie sich der Übergang zum Christentum in Aksum in der Münzprägung ausdrückt. Die älteren Münzen aus der frühen Regierungszeit Ezanas sind noch in der traditionellen Weise (altsüdarabische Symbolik) gestaltet, während auf späteren Münzen das Kreuz erscheint – die Konversion zum Christentum erfolgte wohl um 340 AD. Christianisiert wurde Aksum ›von oben‹ – der König war der wichtigste Katalysator für die Verbreitung des Christentums. Ganz im Gegensatz zu Ägypten, wo sich das Christentum zunächst vor allem im einfachen Volk verbreitet hatte, weshalb es zu einer Blüte koptischer Sprache und Kultur gekommen war (die Konvertiten hatten keine ausreichenden Griechischkenntnisse, die vor allem in gehobenen Gesellschaftsschichten verbreitet waren).

Schon bald finden sich Spuren für eine weitere Verbreitung des Christentums am Horn von Afrika – Kreuze nicht nur auf Münzen, sondern auch auf Gebrauchsgegenständen und Gebäuden. In diese Jahre fällt auch eine weitere Neuerung in der Kultur von Aksum, die ebenfalls bis heute Auswirkungen hat: Die vom Südarabischen abgeleitete Schrift, in der Ge’ez, das klassische (Alt-)‌Äthiopische, geschrieben wurde, war zunächst eine reine Konsonantenschrift, weshalb wir nicht genau wissen, wie frühe Texte zu lesen sind. Denn wir haben nur ein unvokalisiertes Konsonantengerüst wie auch im heutigen Hebräischen oder Arabischen (wobei es für diese Sprachen aber Vokalzeichen gibt, durch die wir also über die Vokalisierung genau Bescheid wissen). Erst im 4. Jahrhundert, um die Zeit der Christianisierung (wohl kurz davor), erscheint Ge’ez in vokalisierter Form – vielleicht unter indischem Einfluss.27 Eine Art Silbenschrift entsteht, die später auch für andere semitische Sprachen am Horn von Afrika – z. B. Amharisch und Tigrinya – verwendet wird und bis heute die am weitesten verbreitete Schrift in diesem Raum ist. Die Nationalsprachen von Äthiopien und Eritrea werden heute noch immer in dieser Schrift geschrieben, der einzigen existierenden semitischen Silbenschrift.

Aksum ist im 4. Jahrhundert längst zur Großacht geworden. Mani, der Stifter der nach ihm benannten Religion des Manichäismus, führt Aksum bereits im 3. Jahrhundert als eine der führenden Mächte auf.28 Der Staat ist weit über seine Keimzelle, die Stadt Aksum in Tigray, hinausgewachsen, hat seinen Zugang zum Meer ausgebaut und expandiert sowohl über das Rote Meer nach Südarabien als auch ins Innere Afrikas. Er ist dabei, ein wichtiger Partner und Alliierter für Rom zunächst und dann für Byzanz zu werden, unterhält Handelsbeziehungen mit Indien und Ceylon. Inschriften auf Steinplatten weisen Ezana als König von Himyar und Saba, also als Oberherrn von südarabischen Staaten, aus.

Ende des 5./Anfang des 6. Jahrhunderts kommen, glaubt man der Überlieferung in der Hagiographie, ›Neun Heilige‹29 aus dem Nahen Osten ans Horn von Afrika. Es ist die legendenhafte Verkleidung des Vordringens christlich-orientalischen Mönchstums nach Aksum. Im Nahen Osten hatte sich vor allem im koptischen Ägypten, mit dem Aksum in Verbindung stand, ein sehr lebendiges Mönchstum entwickelt,30 dessen Ausbreitung nach Süden naheliegend ist. Auch im Christentum am Horn von Afrika verwurzelte sich das Mönchstum bald und wurde zu einem essenziellen, tragenden Element der Kirche. In den folgenden Jahrhunderten wurden zahllose Klöster gegründet, in denen sich ein reiches geistiges Leben entwickelte.

Schon früh unternimmt Aksum militärische Vorstöße über das Meer hinweg, die auf der Ost- und Westküste des Roten Meeres gleichermaßen dokumentiert sind. Lange vor Ezana haben sich Könige von Aksum in Südarabien engagiert, dort über wechselnde Allianzen mit verschiedenen – sabäischen und himyaritischen – Herrschern Einfluss ausgeübt und die Küstenebene am Roten Meer (Tihama) zumindest zeitweise kontrolliert.

Aksum ist für eine Zeit dominierende Macht in Südarabien und kann die Lokalmächte gegeneinander ausspielen. Im 3. Jahrhundert erschienen die Könige GDR (T) – vielleicht der erste aksumitische König, der in Südarabien interveniert, jedenfalls der erste, der in einer sabäischen Inschrift genannt wird – und GRMT als Protagonisten einer aktiven aksumitischen Arabien-Politik. Ob Aksum allerdings noch zu Ezanas Zeiten eine dominierende Rolle im Südwesten der Arabischen Halbinsel spielte, ist nicht eindeutig klar. Die Erwähnung südarabischer Staaten in Ezana-Inschriften mag üblicher Bestandteil der Standardtitulatur des Königs sein.

Dagegen war die Regierungszeit von König Ezana definitiv eine Epoche von Feldzügen zu Lande und territorialer Ausdehnung sowie der wirtschaftlichen Expansion. Bereits in den 60er-Jahren des 3. Jahrhunderts hat ein aksumitischer Feldzug gegen Meroe stattgefunden. Meroe,31 zwischen dem 5. und 6. Nilkatarakt etwa 180 km nördlich der heutigen sudanesischen Hauptstadt Khartum im historischen Nubien gelegen, ist seit 300 v. Chr. Hauptstadt des Reiches Kusch. Es ist Träger des Handels zwischen Innerafrika und Ägypten sowie der Mittelmeerwelt.32 Als Ezana Mitte des 4. Jahrhunderts dann seinen Feldzug gegen Meroe unternimmt, ist der Staat bereits im Niedergang begriffen, die Operation richtet sich wohl gegen die Ethnien der Kasu und Noba (Nubier), die die Stadt eingenommen haben. Aksum kann den innerafrikanischen Handel übernehmen und Meroe bzw. Kusch als wichtigen Handelspartner Roms im südlichen Niltal ablösen. Wichtigste Waren dieses Handels sind Ebenholz, Elfenbein, Weihrauch, Straußenfedern und -eier. Später übernahm dann auch hier das Christentum eine führende Rolle, seit 500 AD entstanden drei christliche nubische Reiche.

Wir dürfen aber nicht davon ausgehen, dass Aksum sich als ein ›Reich‹ bis an den Nil erstreckte und das Territorium von Kusch oder Nubien umfasste. Das ›Reichsgebiet‹ von Aksum müssen wir uns relativ beschränkt vorstellen. ›Aksum‹ ist immer zuallererst die Stadt Aksum, in der das Reich sein Zentrum hat und auf die alles fokussiert ist.

Aksum darf nicht gleichgesetzt werden mit dem Staatsgebiet des heutigen Staates ›Äthiopien‹ oder gar als ein Staat, der sowohl Äthiopien als auch Eritrea umfasste (oder gar Somalia, den Sudan etc.).

Die wirkliche Reichweite der ›Herrschaft‹ aksumitischer Herrscher – Institutionen und Verwaltung gab es nur ansatzweise und in eingeschränktem Sinn – war von sehr unterschiedlicher Dimension. Das ›Territorium‹ von Aksum war starken Schwankungen unterworfen, eine auch nur annähernd genaue Grenzziehung oder kartographische Erfassung ist so gut wie unmöglich.33 Auffallend ist: Der Reichsmittelpunkt liegt im Hochland (von Tigray), wie es schon bei Dama’at der Fall war – dennoch ist der Zugang zum Meer entscheidend, wenn auch Küstenregionen nur zeitweise zum Kernland gehören.

Ganz ähnlich wird die Entwicklung auch in den folgenden Jahrhunderten bis in die Gegenwart sein: Das größte Reich am Horn von Afrika, ob der Staat der Zagwe-Dynastie oder später das salomonische Reich ( Kap. 2 und Kap. 3), ist zunehmend zum Landesinneren hin orientiert und verlegt seine Schwerpunkte mehr und mehr nach Süden, der Küstenstreifen erlangt immer wieder eine gewisse Autonomie oder Eigenexistenz, gefördert durch die verkehrsgünstige Lage am Roten Meer und geprägt von den äußeren (macht-)‌politischen Einflüssen, die hier zum Tragen kommen. Schon früh artikuliert sich eine Art ›eritreische‹ Individualexistenz.

Im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gibt die Entwicklung in Südarabien neue Anstöße für eine aktive Politik im Roten Meer und starkes aksumitisches Engagement auf seiner Ostküste. In Südarabien hatte das Christentum Fuß fassen und zahlreiche Anhänger gewinnen können. Dies stärkte auch den aksumitischen und den byzantinischen Einfluss auf der arabischen Halbinsel und im Roten Meer. Dieser scheint jedoch im 6. Jahrhundert in Gefahr.

Um 520 kam es durch den zum Judentum konvertierten König Yusuf As’ar Yath’ar (arabische Quellen nennen ihn Dhu Nuwas) zu antichristlichen Maßnahmen (er brannte etwa die Kirche der himyaritischen Hauptstadt Zafar nieder) sowie zu relgelrechten Christenverfolgungen, die ihren Höhepunkt in Nadschran fanden, wo viele Christen starben,34 welche seither unter orientalischen Christen als Märtyrer verehrt werden. Eine wichtige syrisch-aramäische Quelle, das ›Buch der Himyariten‹, berichtet über diese Christenverfolgung, die von Inschriften und anderen Quellen bestätigt wird.35 Der aksumitische König Kaleb Ella Asbeha intervenierte auf Bitten des byzantinischen Kaisers Justin I. Dieser will sein Bündnissystem ausbauen,36 seine Position gegenüber Persien sichern und stellte seinem aksumitischen Verbündeten auch Schiffe für die Operation zur Verfügung.

Der König selbst steht an der Spitze des Feldzugs nach Arabien. Die Dominanz des Christentums sowie Aksums im Südwesten der arabischen Halbinsel wurde nach anfänglichen Schwierigkeiten wiederhergestellt. Dies bedeutet das Ende von Himyar – ein aksumitischer Regent wurde nun eingesetzt.37 Der letzte Versuch des himyaritischen Staates, seine Eigenständigkeit zurückzubekommen, ist definitiv gescheitert, die byzantinisch-aksumitische Kontrolle der Region scheint gesichert.

Abraha, ein Offizier aus Adulis, soll später die Macht übernommen haben, sich aber mit dem ›Mutterland‹ Aksum nach anfänglichen Auseinandersetzungen arrangiert und Tribut bezahlt haben. Es wird überliefert, er habe im ›Jahr des Elefanten‹ (benannt nach einem aksumitischen Kriegselefanten), in dem Muhammad, der Prophet des Islam geboren wurde, einen Feldzug gegen Mekka unternommen, das durch göttliche Intervention aber gerettet worden sei.

Dieser Feldzug hat wohl faktisch kurz vor oder kurz nach 550 stattgefunden, das Jahr der Prophetengeburt dürfte aber 570 (oder 573) gewesen sein. Entweder dieses Ereignis oder ein Hilferuf aus Himyar, jetzt aksumitische Provinz, führte dann zu einer militärischen Intervention des persischen Sassanidenreiches und damit endgültig zum Ende der aksumitischen Rolle in Südarabien. Persien griff die Gelegenheit für ein militärisches Einschreiten gern auf und konnte jetzt die Vorherrschaft im Indischen Ozean und im Roten Meer für einige Zeit übernehmen. Sogar in Berbera an der Somaliküste richteten die Perser eine Garnison ein, vielleicht ein erster Schritt zu energischeren Maßnahmen auch gegen Aksum?

Der Islam kommt ans Horn von Afrika

Eine neue, große Gefahr sowohl für Byzanz als auch für das Sassanidenreich, das bald sein Ende finden wird, kommt auf: Der Islam. Anfang des 7. Jahrhunderts AD trat in Mekka, einem Karawanenhandelsplatz auf der arabischen Halbinsel, ein Mann auf, der zur Rückkehr zur (Ur-)‌Religion des Abraham aufrief. Es ist die Geburtsstunde des Islam. Der ›Mahner‹ ist Muhammad,38 der Stifter der neuen Religion und das ›Siegel der Propheten‹, geboren um 570.

622 AD zog Muhammad nach anfänglichen Schwierigkeiten in seiner Vaterstadt mit seinen Anhängern in die Oase Yathrib, die damit zur ›Stadt (des Propheten)‹ wurde – Madina(t al-Nabi); dies ist der Beginn des islamischen Urstaates.39

In Mekka kannte man längst Menschen von der Westküste des Roten Meeres, viele waren durch den lebhaften Sklavenhandel ins Land gekommen: Muhammad, der Prophet, hatte schon früh Kontakt zu Afrikanern und ernennt einen ›Äthiopier‹, Bilal, zum ersten Muezzin des Islam.

Schon in den frühen Jahren des Islam, noch in der mekkanischen Zeit, kam es zu ersten Kontakten mit dem Horn von Afrika und den dortigen Christen. Als sich die frühislamische Gemeinde zunehmendem Druck seitens der ›Heiden‹ ausgesetzt sah, schickte Muhammad 615 AD in einer ›ersten Hidschra‹ eine Gruppe dieser frühen Muslime, zu denen auch der spätere Kalif Uthman sowie eine der Frauen des Propheten gehörten, ins aksumitische Reich, wo sie offenbar gut aufgenommen wurden. Möglicherweise aus Aksum kam eine Gruppe von Christen, die Muhammad um 620 in Mekka besuchte und von dem, was sie hörten, so beeindruckt gewesen sein soll, dass sie sich dem Propheten anschloss. Auch an den militärischen Auseinandersetzungen des frühislamischen Staates mit dem ›heidnischen‹ Mekka scheinen Menschen vom Horn von Afrika auf seiten des Propheten teilgenommen zu haben. So standen die ersten Kontakte des Islam mit den ›Habascha‹ unter einem günstigen Omen, das sich ausdrückt in dem Prophetenwort ›Lasst die Habascha in Ruhe, solange sie euch in Ruhe lassen‹.

Zu intensiven Auseinandersetzungen zwischen dem entstehenden islamischen Staat, der in den letzten Lebensjahren des Propheten praktisch schon die gesamte arabische Halbinsel umfasste, und dem christlichen Aksum kam es in der Tat nicht und die islamisch-arabische Expansion, die bald nach dem Tod des Propheten (632 AD) einsetzte, hatte eine andere Stossrichtung, konzentrierte sich auf das byzantinische und dass sassanidische Reich, richtete sich mehr nach Norden und nicht gegen das Horn von Afrika, das zunächst eher im Windschatten der islamischen Interessen lag. Dennoch war die Expansion des Islam und die Entstehung eines islamischen Imperiums auch mit mittelbaren und unmittelbaren Konsequenzen für das Horn von Afrika verbunden.

Durch den Siegeszug des Islam verändert sich die politische Landschaft im Nahen Osten und auch im Nordwesten des Indischen Ozeans grundlegend.40 Das sassanidische (Perser-)Reich ging 651 AD unter, das Byzantinische Reich verschwand völlig aus dem Roten Meer und verlor seine Positionen am Südufer des Mittelmeeres, wo sich überall die Herrschaft der Kalifen, später auch lokaler islamischer Machthaber und Dynastien, ausdehnte. Damit befand sich Aksum in einer völlig neuen Situation – die strategische und wirtschaftliche Allianz mit Byzanz, die den aksumitischen Handel im Indischen Ozean und im Roten Meer begünstigte, existiert nicht mehr. Byzanz war damals im Ostmittelmeer damit beschäftigt, sein Überleben zu sichern. Der Islam als die neue dynamische Macht, die bald zur Weltmacht wird, entwickelte sich zum beherrschenden Faktor und bildete eigene interkontinentale Handelsnetze. Das Christentum geriet in die Defensive, verlor im gesamten Mittelmeerraum an Terrain. Das Rote Meer wird zum ›islamischen See‹.

Nach einem Überfall auf Jiddah, der 70241 von der eritreischen Küste ausging (Piraten?), nahmen die Muslime die Dahlak-Inseln vor Massawa ein und hatten somit schon früh einen Vorposten am Horn von Afrika, der später ein unabhängiges Sultanat, zeitweise unter Einschluss von Massawa auf dem Festland, wurde. Unliebsame Personen und politische Gefangene sollen auf die Dahlak-Inseln verbracht worden sein, die aus Sicht der Kalifen in Damaskus oder (ab 750) Baghdad wohl weit genug entfernt von den Zentren der islamischen Welt und somit als Verbannungsort geeignet waren. Jedenfalls ist der Islam damit auch machtpolitisch am Horn von Afrika präsent, wenn auch eine regelrechte ›Eroberung‹ des christlichen Aksum nie versucht wurde. Der erste christlich Staat Afrikas wurde nicht, wie viele andere bereits christianisierte Länder des Nahen Ostens und der Mittelmeerwelt (bis hin zum Westgotenstaat auf der iberischen Halbinsel) von der arabisch-islamischen Eroberungswelle überrollt und hinweggefegt; sein Rückzug von der Küste mag ihn davor bewahrt haben oder auch die guten Beziehungen, die von Anfang an mit der islamischen Urgemeinde bestanden hatten.

Doch mit der islamischen Expansion des 7. und 8. Jahrhunderts begann auch der Abstieg von Aksum, das sich mehr und mehr ins Landesinnere zurückzog und den Fernhandel zunehmend den neuen Herren der Meere, den Muslimen, überlassen musste,42 die jetzt fast alle Küsten der Region kontrollierten. Handelsstraßen und -verbindungen sowie strategische Schnittstellen zwischen den Kontinenten (etwa die Übergänge zwischen Rotem Meer und Mittelmeer sowie dessen Südufer, das Zweistromland, der Persische Golf mit Hormuz und das Bab al-Mandeb43 am Südausgang des Roten Meeres) sind jetzt definitiv für Jahrhunderte in islamischer Hand.

Es gab jetzt untrügliche konkrete Anzeichen für den Niedergang von Aksum: Die Münzprägung wurde im 7. Jahrhundert eingestellt, ein sicheres Anzeichen dafür, dass Aksum nicht mehr so stark am Fernhandel beteiligt war aufgrund des Aufstiegs des Islam, denn Münzen wurden vorwiegend im Fernhandel verwendet. Auf lokaler und regionaler Ebene gab es Tauschhandel;44 verwendet wurden auch Ersatzwährungen wie Salz – die Salzbarren wurden ›Amole‹45 genannt – und Eisenstücke.

Aksum verlor seine Rolle als Reichshauptstadt – auch in den folgenden Jahrhunderten wird das christliche Reich, das dann entstand und das wir später ›Äthiopien‹ nennen, meist keine permanente ›Hauptstadt‹ mehr haben.

Im 7. oder 8. Jahrhundert ging auch die Bedeutung von Adulis zurück, der Aufstieg von Massawa, heute noch wichtigster Hafen an der eritreischen Küste, begann zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert im Zusammenhang mit der zunehmenden Bedeutung des Islam. Ausdruck der Krise ist auch der starke Rückgang der Zahl von Inschriften in den letzten Jahrhunderten der aksumitischen Epoche.

Der endgültige Untergang Aksums liegt im Dunkel. Eine Herrscherin aus dem Süden namens Judith/Gudit oder Esato46 soll Aksum im 10. Jahrhundert angegriffen, zahlreiche Kirchen zerstört und den (letzten?) König von Aksum getötet haben. Immer wieder wurde behauptet, es habe sich um eine ›jüdische‹ Königin gehandelt – dies gehört jedoch ins Reich der Legende. Sicher ist, dass Aksum um das Jahr 1000 stark reduziert und geschwächt und nicht lange darauf völlig verschwunden war. Die spätaksumitische Phase ist gekennzeichnet von der Entstehung neuer Staaten im orbis aethiopicus. Das 10. Jahrhundert sieht den Aufstieg des Staates Damot suedlich des Abbay-Flusses und des Tana-Sees in Schewa, der Zentralregion des heutigen Staates Äthiopien, in der auch die aktuelle Hauptstadt Addis Abeba liegt. In welchem Zusammenhang die genannte Königin Judith und ihr Reich möglicherweise mit Damot standen, ist ungklärt; möglicherweise war sie eine Herrscherin des kuschitischen Damot-Staates, die der Hegemonie des semitischen Aksum ein Ende setzte. Damot blieb für längere Zeit der dominierende Staat auf der Hochebene von Schewa.

Nach und nach kamen zahlreiche Muslime ans Horn von Afrika, als Kaufleute oder als Religionsgelehrte, die den Islam verbreiteten und vorlebten. Die Anziehungskraft der neuen Religion ist vor allem da, wo das Christentum noch nicht verbreitet ist, groß. Nach und nach werden weite Regionen islamisiert, der Islam dringt bis in die Gebiete südlich des christlichen Reiches vor.47

Auch islamische48 Machtbereiche bildeten sich wahrscheinlich schon in der aksumitischen Endphase: Mogadischu (heute somalische Hauptstadt) wurde wohl seit dem 8. Jahrhundert von Muslimen besiedelt und war auch am Hof des Kalifen in Baghdad als Teil der islamischen Umma bekannt, wenn es seine Blüte auch erst im Hochmittelalter erleben wird.

Zayla wird ebenfalls in arabischen Quellen genannt, als Handelshafen hervorgehoben, aber als abhängig vom christlichen Äthiopien beschrieben; später allerdings wird es wesentliche Komponente einer islamischen Föderation. Möglicherweise schon Ende des 9. Jahrhunderts entstand ein islamischer Staat in Schewa (im Osten der heutigen gleichnamigen Region gelegen). Es ist ein Anzeichen für das dynamische Vordringen des Islam nach Süden, wenn auch die Quellenlage


Abb. 4: Mittelalterliche Moschee von Harar.

sehr dürftig und es ›verdächtig‹ ist, dass 896 sowohl als Gründungsjahr für das Sultanat Schewa als auch für das Emirat Harar genannt wird,49 das erst im Laufe späterer Jahrhunderte ins Licht der Geschichte treten wird. Im 11. Jahrhundert erst wird das Sultanat Schewa historisch deutlicher fassbar. Wohl ins 13. Jahrhundert fällt die Gründung der islamischen Stadt Harar, eines der ältesten und wichtigsten Zentren des Islam am Horn von Afrika, das später zum Mittelpunkt eines machtvollen Staates wurde, der große Teile auch der christlichen Regionen unterwerfen konnte, und dessen eindrucksvolle Architektur bis heute eine glanzvolle Geschichte dokumentiert.

Die Nadschahiden – eine abessinische Sklavendynastie in der jemenitischen Küstenebene

In der jemenitischen Küstenebene Tihama kam es im 11. Jahrhundert – also zur Zeit des Untergangs von Aksum oder kurz danach – zur Gründung eines Staates durch Sklaven vom Horn von Afrika. Sklaven wurden im Jemen wie in anderen islamischen (und nichtislamischen) Ländern nicht ausschließlich für ›niedere Dienste‹ eingesetzt, sondern oft auch als Soldaten oder in Regierungsämtern, wobei sie oft beachtliche Machtpositionen erlangen konnten – bekanntestes Beispiel hierfür ist wohl das Mamlukenreich, das 1250–1517 in Ägypten florierte.

Sklaven50 waren seit der Antike ein wichtiges ›Handelsgut‹ in den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen dem Horn von Afrika und seinen Handelspartnern. Besonders ›abessinische‹ Sklaven waren auf der arabischen Halbinsel seit langem präsent und beliebt. Die Hafentadt Zabid entwickelte sich in den ersten Jahrhunderten des Islam von einem Regionalzentrum der jemenitischen Küstenebene zu einer glänzenden Metropole, die eine führende Rolle hatte im Handelsnetz Mittelmeer/‌Nordostafrika/‌Indien/‌Südarabien. Es wurde zur wichtigen Zwischenstation für Mekka-Pilger, die aus Aden und vom Horn von Afrika zum geistlichen Zentrum des Islam, nach Mekka, unterwegs waren. Zabid war auch ein bedeutender Sammelplatz für Sklaven, die von Massawa51 über die Dahlak-Inseln von der afrikanischen Küste des Roten Meeres nach Arabien kamen. Einem von ihnen, einem freigelassenen Sklaven namens Nadschah, gelang es 1021, die Macht in Zabid zu ergreifen, dort einen regelrechten Staat52 und eine veritable Dynastie zu gründen, die weit über ein Jahrhundert Bestand hatte. Die ständigen internen Konflikte der im Jemen dominierenden Sulaihiden-Dynastie erlaubten es den (nach ihrem Stammvater benannten) Nadschahiden, ihre Selbständigkeit zu wahren und sich immer wieder zu behaupten. Wurde ihre Lage prekär, zogen sie sich kurzerhand vorübergehend auf die eritreischen Dahlak-Inseln zurück, die in sicherer Entfernung von der jemenitischen Küste lagen. Die christliche Herrschaft über zumindest einige der mehr als 120 Dahlak-Inseln war damals wohl längst vorüber, der islamische Einfluss hatte stark zugenommen und die Inseln spielten eine Rolle im Handel zwischen afrikanischer und arabischer Rotmeerküste, aber auch im Fernhandel; dabei gerieten sie wiederholt ins Visier jemenitischer Machthaber. Grabsteine auf den Dahlak-Inseln belegen, wie bunt gemischt die Bevölkerung dieser Inselgruppe im Mittelalter war.53 Die Nadschahiden vergaßen ihre Herkunft nicht – immer wieder rekrutierten sie am Horn von Afrika Söldner, die entscheidend waren bei der Aufrechterhaltung ihrer Kontrolle über das aufstrebende Wirtschafts- und Verkehrszentrum Zabid. Erst 1159 fand ihre Herrschaft dort ein Ende.

2 Lalibela – die Zagwe-Dynastie

Die wichtigste Entwicklung am Horn von Afrika jedoch nach dem Untergang des Reiches von Aksum stellte der Aufstieg der Agau, einer Ethnie aus der Region Lasta, am Tekkeze-Fluss1 südlich des aksumitischen Stammlandes dar, die bereits in aksumitischen Quellen genannt wurde. Die Agau werden als eine der ältesten Ethnien in dem Raum betrachtet, in dem dann semitische Einflüsse als katalysatorisch bei der Entstehung von Städten und Staaten wirkten. Die Agau selbst waren kulturell-sprachlich jedoch kuschitisch geprägt. Die Sprache der Agau bildet das Substrat der südsemitischen Sprachen Tigrinya und Amharisch. In spätaksumitischer Zeit wanderten Agau-Gruppen aus dem Süden ins Gebiet von Tigray und Eritrea. Bugna, eine Region in Lasta im Nordwesten von Wello, ihre Urheimat, bildete das Kernland des Widerstandes gegen das späte Aksum. Aus der Agau-Bevölkerung geht die Zagwe-Dynastie hervor, welche die staatlich-christliche Tradition von Aksum aufnimmt und über ein Jahrhundert lang fortführt.

Sie bildet die Brücke zwischen der aksumitischen ›antiken‹ Epoche und dem langen salomonischen Zeitalter, das vom Hochmittelalter (unserer europäischen Periodisierung) bis fast in die Gegenwart reicht.

Das Aufkommen der Zagwe-Dynastie um das Jahr 1140 beendet die ›dunkle‹ Periode seit der aksumitischen Endzeit, die vor dem Jahr 1000 einsetzte. Wir wissen wenig über diese ›Zwischenzeit‹; die Überlieferungen über einen aksumitischen General, der eine Königstochter heiratete, dann seinen Schwiegervater liquidierte und als Usurpator den Thron einnahm, gehören ins Reich der Legende und beabsichtigen wohl vor allem, eine nicht wirklich nachweisbare Kontinuität herzustellen. Erster Zagwe-Herrscher soll Tekle Haymanot gewesen sein – nicht zu verwechseln mit dem hochverehrten gleichnamigen Heiligen dieses Namens aus dem 13. Jahrhundert. Die Zagwe bilden weniger eine echte Dynastie mit strenger patrilinearer Erbfolge, sondern eher einen Familienclan, aus dem der Herrscher jeweils kam. Das Reich der Zagwe erstreckte sich von Akkele Guzay (heutiges Eritrea, an der Grenze zu Tigray) im Norden bis südlich des Beselo, eines Nebenflusses des ›blauen Nils‹ (Abbay) in Wello, im Süden. Relativ gering war im Vergleich die Ost-West-Ausdehnung des Reiches. Im Westen gehörten beispielsweise die Region Begemdir und der Tana-See schon nicht mehr zum Zagwe-Staat; der Tekkeze-Fluss bildete die Westgrenze. Im Osten reichte der Staat kaum bis an den Awash-Fluss; dort hatten sich islamische Staaten gebildet. So stellt sich das von den Zagwe beherrschte Reich als ein relativ schmales Nord-Süd-Band dar, das nur einen kleinen Teil der heutigen Staaten Äthiopien und Eritrea umfasste und dessen südlichster Punkt weit nördlich der heutigen äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba lag.

Die Region Lasta wird zum neuen Reichsmittelpunkt. Adefa (nördlich von Lalibela) übernahm zunächst die Funktion einer ›Hauptstadt‹. Aber der berühmteste Kaiser der Zagwe, Lalibela (1185 bis 1224/25),2 schuf sich ein besonderes Denkmal, das noch heute das herausragende Monument dieser Epoche und des gesamten ›orbis aethiopicus‹ darstellt. Der ihm zugeschriebene, aus dem Felsen gehauene Kirchenkomplex von Roha (über 300 km nördlich von Addis Abeba) wurde, wie der Ort selbst, nach ihm benannt und entwickelte sich zum Zentrum des Zagwe-Reiches. Lalibela ist vielleicht nicht das älteste Beispiel von aus dem Fels herausgearbeiteten Kirchen, aber bei weitem das Eindrucksvollste.3 Weitere Felskirchen gibt es im Norden im Hochland, von denen einige älter sein mögen.4 Kommt also den Zagwe wohl nicht die schöpferische Originalität zu, diesen Typ von außergewöhnlichem Gotteshaus erstmals geschaffen zu haben, so haben sie doch diese Kunstform in besonderer Weise ausgeprägt und sie in dieser Form zu der Vollendung gebracht, die heute weltweit die bekannteste ist.

Während im Volksglauben Kaiser Lalibela selbst eigenhändig Kirchenkomplex und Stadt geschaffen hat, muss dies faktisch einen längeren Zeitraum in Anspruch genommen haben, ist die Anlage doch mit erheblichem Aufwand gestaltet – so sind z. B. auch die Altäre im Kircheninneren aus dem Stein gehauen. Kaiser Lalibela gilt inzwischen als Heiliger und ist in zahlreichen teilweise phantasievollen hagiographischen und künstlerischen Darstellungen, die bis in die Gegenwart angefertigt werden, Teil der religiösen Identität und lebendigen christlichen Tradition am Horn von Afrika geworden.

Wenn auch der Zagwe-Staat als inlandzentriert und vom Meer abgewandt geschildert wird und als Beispiel für zunehmende Isolierung gilt, hatte das Reich doch Außenbeziehungen – etwa zu Ägypten, dessen koptische Kirche jeweils den Metropoliten ernennen und entsenden musste, oder nach Jerusalem, das im Weltbild der abessinischen Christen eine wichtige Rolle spielte und wo ihre Kirche seit den Tagen des Reiches von Aksum immer vertreten war. Mit den muslimischen Staaten, die sich im Osten gebildet hatten, kam es immer wieder zu Konflikten.

Zayla – an der Somaliküste unweit der heutigen dschibutischen Grenze – war der Hafen, über den weit gespannte Handelsbeziehungen des Zagwe-Reiches liefen, die damals allerdings weniger intensiv waren als noch in der aksumitischen Epoche. Der arabische Geograph al-Idrisi erwähnt unter anderem Gold- und Sklavenhandel (12. Jahrhundert). Zayla ist in dieser Zeit bereits vom Islam geprägt, befindet sich jedoch in einem Abhängigkeitsverhätnis vom christlichen Zagwe-Staat. In dessen Blickfeld ist auch die (eritreische) Region am Roten Meer, damals »Mitte der Küste« genannt. Möglicherweise waren die Ansätze, Agau jenseits des Mereb (ins heutige Eritrea) umzusiedeln, Teil eines Versuches, nach Norden zu expandieren und die Küstenregion stärker ans Reich zu binden.

Mit Yetbarak,5 einem Sohn Lalibelas (aber nicht sein direkter Nachfolger), der um 1240 auf den Thron gelangte, fand die Zagwe-Dynastie ihr Ende. Yekunno Amlak, ein amharischer Adeliger, soll eine Revolte von Schewa aus initiiert haben. Er konnte die Macht im Reich an sich reißen, nachdem er den letzten Herrscher der Zagwe-Dynastie 1268 getötet hatte und der letzte Widerstand der Zagwe 1270 endgültig gebrochen war.

Die Zagwe-Epoche ist mit ca. 130 Jahren weit kürzer als die vorhergehende knapp tausendjährige aksumitische oder die salomonische, die damals beginnt und einen Zeitraum von sieben Jahrhunderten ausfüllen wird. Lange galten die Zagwe im offiziellen Geschichtsbild als Usurpatoren, welche die (angeblich) rechtmäßige, auf alttestamentarische Zeiten zurückreichende salomonische Dynastie vorübergehend verdrängt hatten. Dieser historische Mythos soll die gewaltsame Machtergreifung durch Yekunno Amlak, der in Anspruch nahm, die Legitimität wieder hergestellt zu haben, begründen und rechtmäßig erscheinen lassen. Erst im Laufe der Jahrhunderte wurden die Zagwe rehabilitiert und fanden ihren positiven Platz im Geschichtsbild des abessinischen Reiches, wurden Zagwe-Herrscher als Heilige6 verehrt. Ihre Kirchenbauten bleiben bis heute eindrucksvolle Monumente des sakralen Charakters politischer Macht und bezeugen ihre Verwurzelung im christlichen Kontext des Horns von Afrika.

3 Sieben Jahrhunderte salomonische Dynastie – zwischen christlichem Nationalmythos und imperialer Kontinuität
Ein Staat und seine Legende

Yekunno Amlak wurde Erbe des Zagwe-Reichs, dessen gewaltsames Ende er herbeiführte (1270). Er ist der der Gründer der salomonischen Dynastie1 bzw. nach dem historischen Mythos derjenige, der die salomonische Dynastie ›wiedereinsetzte‹: Denn er ist es auch, der seine Herkunft – und damit die Legitimität der von ihm begründeten Dynastie – auf König Salomon und die Königin von Saba sowie deren Sohn Menilek I. zurückführt. Diese Abstammungstheorie, obwohl völlig fiktiv, hat sich bis ins 20. Jahrhundert gehalten als akzeptierte offizielle Staatslehre und Grundlage des religiös-politischen Geschichtsbewusstseins.2

Yekunno Amlak ist auf Kirchenfresken aus dem 13. Jahrhundert, die noch erhalten sind, dargestellt und gilt als Erbauer und Stifter vieler Gotteshäuser. Zahlreiche Rituale, darunter archaische aus aksumitischer Zeit, verleihen den salomonischen (wie bereits zuvor den Zagwe-) Herrschern einen quasi-religiösen Nimbus und tragen zu einer Verflechtung der politischen und religiösen Sphäre bei. Sie sollen eine Kontinuität zum Reich von Aksum konstruieren, die ebenso fiktiv ist wie der mythische Anspruch einer Abstammung vom jüdischen König Salomon und einer Königin von Saba.

Ausformuliert findet sich diese Staatsideologie und Legitimationsdoktrin für die salomonische Dynastie in einem ausführlichen Text, der unter dem Titel »Kebre Negest«, ›Ruhm der Könige‹, bekannt geworden ist.3 Das anonyme Buch, das ursprünglich keinen Titel trug, ist als ›historischer Roman‹ bezeichnet worden und als ›ideologisches Instrument‹ zur Legitimierung der salomonischen Dynastie (zunächst gegenüber der Zagwe-Dynastie).4 Es ist im frühen 14. Jahrhundert entstanden und stellt bis heute ein hoch angesehenes und weitgehend unbestrittenes christliches ›Nationalnarrativ‹ dar, welches das Horn von Afrika bzw. das abessinische Reich in der christlich-jüdischen Tradition verwurzelt. ›Kebre Negest‹5 stellt zwar keine Quelle für reale historische Abläufe dar, ist aber ein primäres Zeugnis für Mentalität, Selbstverständnis und historisches Bewusstsein des christlichen Abessinien.

Kernstück des vielfältigen Textes, der aus einem breiten Spektrum von Quellen schöpft, ist die alttestamentarische Erzählung von der Reise der Königin von Saba, Makedda,6 im 10. Jahrhundert v. Chr. vom Horn von Afrika nach Jerusalem zu König Salomon, um von dessen sagenhafter Weisheit zu profitieren. Dort wendet sie sich vom traditionellen südsemitischen Sternenkult ab und dem Judentum zu. Salomon und Makedda7 zeugen einen Sohn (deshalb ›salomonische‹ Dynastie), Menilek, der bei seiner Mutter am Horn von Afrika aufwächst. Im Alter von 22 Jahren reist er zum Vater nach Jerusalem, besteht aber darauf, mit dem Segen des Vaters zur Mutter zurückzukehren, um dort die Herrschaft zu übernehmen. Begleitet wird er auf der Heimreise von Söhnen der führenden Persönlichkeiten des jüdischen Staates, welche die Bundeslade aus dem Tempel Salomons mitnehmen, die in der weiteren Geschichte des christlichen Abessinien eine wichtige symbolische Rolle spielt. Als ›Löwe von Juda‹ wird König Menilek I. als Erbe und Träger der Würde und Legitimität des wahren, alten Israel dargestellt. Schon früh erkennt die Führungsschicht des Reiches später in Jesus den Messias – im Gegensatz zu den Israeliten im Heiligen Land – und wird nicht erst durch spätere Missionierung christlich. Deshalb ist es wichtig für das Selbstverständnis des salomonischen Reiches, in den Traditionsmythos auch das Reich von Aksum einzubeziehen. Priester und hohe Beamte im Reich sind Abkommen der Begleiter Menileks I., die dieser aus Israel mitgebracht hatte.

Dieser Traditionsmythos, der Staat und Kirche eng verbunden sieht,8 hat sich sieben Jahrhunderte hindurch praktisch bis zum Ende (1974) der äthiopischen Monarchie gehalten: Noch in der Verfassung von 1955 wird er beschworen und bekräftigt.

Unter der salomonischen Dynastie festigt sich auch die Dominanz des semitischen Kultur- und Spracheinflusses, der sich, in Verbindung mit dem Christentum, schon weiter nach Süden ausgebreitet hat. Im Kontext dieses Verschmelzungsprozesses (beispielsweise mit starker Agau-Komponente) war erst im Mittelalter das Amharische aus verschiedenen äthio-semitischen Sprachvarianten entstanden, benannt nach der Region Amhara, südlich von Lasta, wo es vor allem Verbreitung fand. Schewa, als amharisches Kernland, bislang am südlichen Rand des Reiches gelegen und zeitweise gar nicht dessen Bestandteil, sondern Sitz eines muslimischen Sultanats, wird zeitweise zur Kernregion des salomonischen Staates. Dieser Staat muss sich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts konsolidieren. Ein amharisch beeinflusstes Ge’ez wird zur typischen Sprache historischer Texte (Königschroniken), die jetzt entstehen und ein besseres Verständnis der Geschichte ermöglichen.

Aufstieg und Ausbreitung eines Imperiums

Amda Seyon I. (1314–1344) war der Herrscher, der die neue Dynastie stabilisierte und ihren Machtbereich ausdehnte. Seine Stoßsrichtung ist einerseits der Süden, wo zahlreiche Gebiete (Godscham, Damot, das muslimische Hadiyya9) tributpflichtig wurden. Der Abbay (blaue Nil)10 und sein Becken wurden damals ins Reich eingefügt. Andererseits mußte er aber auch den Widerstand im Norden, wo in Tigray (dem alten Reichszentrum, in dem auch Aksum liegt) gegen die amharische Herrschaft revoltiert wurde, ausschalten (1320).

Sein Vorstoß ans Rote Meer zeigte das Interesse an Handel und weiterreichenden Verbindungen sowie die Notwendigkeit, sich gegen den hier stärker werdenden Islam zu positionieren. Ein Fokus der Reichspolitik lag damals auf der Auseinandersetzung mit den islamischen Staaten, die sich bereits am Horn von Afrika gebildet hatten. Es kommt zu wiederholten Konflikten mit diesen – z. B. im Osten mit den Sultanaten Ifat am Awash-Fluss und Adal,11 aber etwa auch mit dem früh vom christlichen Reich absorbierten muslimischen (Süd-)‌Schewa. In diesen Kriegen kann sich der salomonische Staat behaupten, nachdem es zu muslimischen Einfällen gekommen war, bei denen auch christliche Kirchen zerstört worden waren.

An der Somaliküste kann sich der Islam zuerst durchsetzen und das wohlhabende Mogadischu wird in unterschiedlichen Quellen früh lebendig als blühende Handelsstadt am Indischen Ozean mit islamisch geprägter Architektur, die berühmt war für ihre Textilproduktion und -exporte.

Muslime übernahmen mehr und mehr am gesamten Horn von Afrika die Hauptrolle im Fernhandel, wenn diese Rolle auch nicht unangefochten blieb. Als Händler verbreiten sie den Islam zwar zuerst an der Küste, später aber auch, als sie weiter nach Süden kamen, mehr und mehr im Landesinneren, wo sich (süd-)‌östlich des salomonischen Reiches muslimische Staaten konsolidierten.

Christliche ›Fundamentalisten‹

Das Christentum im salomonischen Reich des 14. Jahrhunderts war geprägt von einer Reformbewegung. Mönchstum12 und Klöster hatten einen eindrucksvollen Aufschwung genommen und auch zur Festigung des Reiches durch Verbreitung des christlichen Glaubens beigetragen, gerade im Zuge der Südexpansion.

Der Mönch Ewostatewos (1273–1352) sah die Notwendigkeit, die Kirche zu reformieren: Einerseits wollte er die korrumpierenden Einflüsse der Politik und andere weltliche Faktoren fernhalten und die Kirche ganz auf ihre eigentliche Aufgabe konzentriert sehen. Andererseits strebte er eine Besinnung auf die Wurzeln an und damit eine strengere Orientierung an den alttestamentarischen Ursprüngen, die die abessinische Kirche für sich beanspruchte. Dazu gehört z. B. die Feier des Sabbath. Der Widerstand von Kirche und Staat gegen eine so puristische und archaisierende Bewegung war beträchtlich; aber die Ausstrahlung und Wirkung von Ewostatewos erwies sich als stark und nachhaltig.13 Zwar wurde er selbst zur Emigration gezwungen und starb im armenischen Exil, aber die Bewegung als solche überlebte. In einigen Gegenden nahm sie solch alttestamentarisch-konservative Formen an, dass sie geradezu als ›jüdisch‹ erscheint und den Namen ›Beta Israel‹ trägt. Als Repression letztlich nicht zum Erfolg führte, wurde schließlich Mitte des 15. Jahrhunderts ein Kompromiss innerhalb der Reichskirche geschlossen und die Feier des Sabbath zugelassen, während die Beta Israel sich weiter abseits hielten und ihre eigene Entwicklung nahmen. Aber die Bewegung des Ewostatewos war nicht die einzige ihrer Art unter den Mönchen am Horn von Afrika – im 15. Jahrhundert forderten die ›Stefaniten‹,14 benannt nach ihrem Gründer Estifanos, die Rückkehr zum ›wahren Asketentum‹.


Abb. 5: Kloster Debre Bizen/Eritrea 1373/74, Zentrum der Bewegung des Ewostatewos.

Sie kritisierten den Sittenverfall im Mönchstum, forderten und lebten Armut, Genügsamkeit und Gleicheit sowie Distanz zu weltlicher Macht. Abgelehnt wurden besonders Marien- und Kreuzeskult sowie übertriebene quasireligiöse Verehrung des Herrschers, der letztlich nur weltlicher Machthaber sei. Vielleicht gerade wegen dieser Skepsis gegenüber der politischen Führung wurde der ›Orden‹ auch nach dem Tod seines Gründers 1444 weiter verfolgt und noch lange mit Misstrauen betrachtet.

Zar’a Ya’kob – Religion, Kultur und Weltpolitik

In der Mitte des 15. Jahrhunderts trat mit Zar’a Ya’kob (1399–1468) eine der profiliertesten Herrschergestalten des christlichen Imperiums ins Licht der Geschichte.

Nicht nur durch seine Persönlichkeit und die Ereignisse der Epoche, die er mitgeprägt hat, bildete er einen Mittelpunkt des Interesses. Seit dem 14. Jahrhundert gibt es auch zunehmend schriftliche Quellen, die sogenannten Königschroniken, die uns ein farbiges und plastisches Bild historischer Zusammenhänge und Ereignisse vermitteln und die gut erschlossen und sorgfältig ediert sind.15 Zunächst war seine Regierungszeit – er wurde 1439 in Aksum wie die meisten abessinischen Kaiser gekrönt (nach Niederschlagung einer Rebellion) – durch äußere Bedrohungen belastet. Muslimische Invasionen unter Ahmad Badlay aus Ifat, die 1443 u. a. Schewa betrafen und vorübergehend erfolgreich waren, mussten zurückgeschlagen werden. Nach dem endgültigen Sieg Zar’a Ya’kobs 1445 kamen weitere Regionen im Süden,16 wie etwa das zwischen den Flüssen Awash und Wabi Schebelle (heutiges Somalia) gelegene Dewaro, unter direkte Kontrolle des christlichen Reiches. In Soldatenliedern und Wundererzählungen, wo der Sieg des Kaisers der Jungfrau Maria zugeschrieben wird,17 wird der christliche Erfolg in besonderer Weise zelebriert.

Aber auch im Inneren stellten sich Zar’a Ya’kob Herausforderungen:

Widerstand kam vor allem aus der schon früher unruhigen Nordprovinz Tigray, den der noch nicht gekrönte Kaiser überwinden mußte, damit die Zeremonie in der alten Metropole Aksum stattfinden konnte.

Die Küste war ein weiteres Ziel der Arrondierungspolitik von Zar’a Ya’kob; hier sind nicht nur die Dahlak-Inseln, sondern auch Massawa, das die Rolle von Adulis als Haupthandelshafen längst übernommen hatte, unter islamische Kontrolle geraten; auf der Halbinsel Gerar in nächster Nähe der Stadt errichtete der Kaiser Befestigungen. Eventuell kam es sogar zur gewaltsamen Einnahme von Massawa. Sein Sohn und Nachfolger, Ba’eda Mariam, baute die Rotmeerpolitik aus und führte die Funktion des ›Baher Negasch‹ (einer Art autonomer Gouverneur) für die Nordprovinz an der Küste (heutiges Eritrea) ein.

Zar’a Ya’kob hat auch kulturgeschichtliche Akzente gesetzt: Literatur und Kunst erhielten durch ihn neue Impulse. An seinem Hof richtete er ein ›Scriptorium‹, eine Art Literaturwerkstatt ein, wo historische, panegyrische und religiöse Werke entstanden; manche trugen gar den Verfassernamen des Herrschers. Marien- und Kreuzeskult erfuhren gezielte Förderung und damit einen Aufschwung. Ikonen gewannen dadurch mehr Bedeutung: Der Mönch Fere Seyon (1440–1470) machte sich als Maler einen Namen, der Mariendarstellungen für den Kaiser schuf.18 Es gab Bestrebungen, in seine Werke europäische Einflüsse hineinzuinterpretieren; möglich ist, dass der Künstler europäische Mariendarstellungen in der Sammlung des Kaisers gesehen hat und sich daraus Anregungen holte.

Auch Kreuze wurden unter Zar’a Ya’kob nun überall angebracht: Auf Gebäuden, Gebrauchsgegenständen, an Kleidern und auf Waffen, sogar auf Händen und Gesichtern (bis heute nicht ungewöhnlich am Horn von Afrika). Der Kaiser war bemüht, Zauberpraktiken und heidnische Bräuche, die sich überall gehalten hatten und neben christlichen Ritualen oder in christlichem Gewand fortbestanden, abzuschaffen. Dies alles hatte nicht ausschließlich religiöse Bedeutung, sondern diente einer Vereinheitlichung und Reinigung von Kirche, Brauchtum und Ritual im Sinne einer politischen Konformität. Kirche, Glauben und Loyalität zum Staat, zum Kaiser sollten eine Einheit, unzertrennbar verflochten sein – nicht beliebig, sondern streng eindeutig geregelt. So gaben Kirche und Religion dem Kaiser und seinem Reich eine sakrale Dimension, die ihnen ja aufgrund des Ursprungsmythos und der Nationallegende zukommt. Auch höfische Regularien und kaiserliches Protokoll spielen jetzt, aus vergleichbaren Gründen, eine wichtige Rolle. Sie wurden ausgearbeitet, im Detail festgelegt und genau definiert – so trugen sie dazu bei, die Signifikanz dieser fast rituellen Vorschriften und Verfahren festzuschreiben und zu betonen, sie in eine höhere Sphäre zu erheben, ihnen Bedeutung zu verleihen. Sie erlangten dadurch eine herrschaftsstabilisierende Funktion.

Der Kaiser führte auch eine aktive Religionspolitik. 1450 berief er ein Konzil in das von ihm gegründete Kloster Debre Metmak ein, nördlich der von ihm gegründeten Hauptstadt Debre Berhan. Dabei wurde der lange schwelende Streit mit der Bewegung des Ewostatewos (der selbst aber längst im Exil war) beigelegt. Die Feier des Sabbath wurde als orthodox anerkannt. So ging dieser weit über ein Jahrhundert währende Konflikt mit einem Kompromiss zuende. Weniger flexibel und tolerant zeigte sich der Kaiser gegenüber den Stefaniten, die er verfolgte und deren Gründer Estifanos im Gefängnis starb. Sie hatten die Verehrung religiöser Symbole, die nun auch Staatsinsignien waren, sowie die Niederwerfung vor dem Herrscher abgelehnt und wurden deshalb wohl als politisch gefährlich oder zumindest unzuverlässig betrachtet.

Zar’a Ya’kob hatte auch erste Kontakte nach Europa – unter ihm begann die Phase des Austauschs von Delegationen und der lange Prozess gegenseitigen Kennenlernens, der schließlich in Kooperation mündete. Eine Kontaktaufnahme des christlichen Landes am Horn von Afrika zwischen Indischem Ozean und Nil, mit Europa, dem Zentrum der christlichen Welt, lag auf der Hand. Sie sollte von da an zu einer der Konstanten der Geschichte des nordostafrikanischen Raums werden und bald eine entscheidende Rolle spielen. Eine vage, im Nebel des Sagenhaften nur undeutlich fassbare Vorstellung von einem christlichen König im Osten, dem ›Erzpriester Johannes‹, hatte sich im Laufe des Mittelalters in Europa entwickelt19 und begann nun, schärfere Kontouren anzunehmen.20 Die militärischen Erfolge des abessinischen Kaisers gegen seine muslimischen Nachbarn passten gut ins (Wunsch-)‌Bild eines ebenfalls vom Islam bedrohten Europa. Kaiser Zar’a Ya’kob hatte an seinem Hof den Italiener Pietro Rombulo, der als Abenteurer ans Horn von Afrika gekommen war, Jahrzehnte im Land verbrachte und dem Herrscher in verschiedenen diplomatischen Funktionen diente. Ihn schickte der Kaiser 1450 an der Spitze einer Delegation nach Europa, wo er eine Audienz bei Papst Nikolas V. erhielt und auch den König von Neapel besuchte, wodurch er dem abendländischen Interesse an Abessinien besondere Impulse verlieh. Zwar gab es keine unmittelbaren konkreten politischen Ergebnisse dieser Mission Rombulos, aber ein erster Kontakt war hergestellt. In derselben Periode nahmen abessinische Mönche am Konzil von Florenz teil. Zur gleichen Zeit gab es auch erste Verbindungen zwischen Portugal und dem salomonischen Staat, die knapp 100 Jahre später entscheidende Bedeutung gewinnen sollten.

Auch aus einer ganz anderen Richtung landen Schiffe am Horn von Afrika: Unter der Ming-Dynastie (1368–1644) unternahm China weitreichende See-Forschungsreisen,21 erreichten chinesische Flotten Afrika, z. B. auch die somalische Küste. Brava und Mogadischu hatten Kontakt mit den Chinesen (1414), deren Fahrten in den westlichsten Bereich des Indischen Ozeans jedoch nicht fortgesetzt wurden. Das damals schon strategisch bedeutsame Hormuz am Eingang zum Persischen Golf wurde ebenfalls von chinesischen Schiffen angelaufen.

In der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit gründete der Kaiser eine eigene Hauptstadt, Debre Berhan,22 die zu einem Anziehungspunkt nicht nur für die politische Elite des Reiches wurde, aber ihren Charakter als Reichszentrum schon unter seinem Sohn und Nachfolger verlor. Erst im späten 17. Jahrhundert wurde Debre Berhan noch einmal zu einem Zentrum der Macht.

Krisen und interkontinentale Beziehungen

Es war die strukturelle Schwäche des Reiches, die es verletzlich machte. Ausdehnung, Macht und Position im regionalen oder internationalen Kontext des salomonischen Staates hingen in hohem Maß ab von der jeweiligen Persönlichkeit des Kaisers. Eine Verwaltung, eine feste, dauerhafte Provinzgliederung oder auch nur eine Thronfolgeregelung existierten nicht – somit gab es ständig Anlässe für Konflikte, Unruhen, innere Rivalitäten. Selbst eine permanente Hauptstadt hatte das salomonische Reich nicht. Hatte ein Herrscher eine solche gegründet, so verlor sie ihren Charakter als Zentrum der Macht und Schwerpunkt des Reiches meist mit dem Tod des jeweiligen Kaisers. Es ist unschwer erkennbar, wie fragil ein Reich23 unter solchen Umständen bleiben musste, welche Bedeutung individuellen Handlungen und Entscheidungen zukam angesichts kaum vorhandener Institutionen, politischer Konzepte und strukturierter Verfahren.

Ba’eda Maryam (1448–1478) etwa sezte die Tradition Zar’a Ya’kobs nicht fort, die Regionen des Reiches direkt oder durch loyale Vertraute zu regieren, sondern übertrug sie Regenten, die aus den jeweiligen Provinzen stammten.

Unter den Herrschern des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts spielten Kriege mit den islamischen Nachbarn eine immer größere Rolle, die zunehmend den Dschihad gegen das christliche Reich führten und es wiederholt in Bedrängnis brachten. Gleichzeitig spielten Höflinge eine unheilvolle Rolle im Streit um die Macht. Damals konnte Eleni (1431–1522), die Tochter eines Herrschers von Hadiyya,24 eines muslimischen Staates im Süden an der Grenze zu Sidamo, an Einfluss gewinnen. Als junges Mädchen wurde sie christlich getauft und mit Kaiser Zar’a Ya’kob verheiratet. Sie konnte auch unter mehreren Nachfolgern ihres Mannes eine stabilisierende Rolle spielen, insbesondere als die noch jungen Monarchen von ehrgeizigen Adeligen marginalisiert zu werden drohten und das Reich am Rand des Chaos stand. Auch noch in der ersten Zeit der Herrschaft von Kaiser Lebna Dengel (1496/97–1540)25 war seine Großmutter Eleni einflussreich und rivalisierte mit der Mutter des Kaisers, Na’od Mogesa. Eleni, die Zeichen der Zeit erkennend, entsandte den Armenier (?) Mateus an den portugiesischen Hof, wo er 1519 ankam; der Austausch verstetigte sich und konnte bald konkrete Erfolge für das salomonische Reich erbringen.

Zwar schien die erste Phase der Regierungszeit von Lebna Dengel stabil, doch begann dann der massive islamische Angriff auf das Reich, der zu seinem Untergang geführt hätte, wäre es nicht zu einem Eingreifen des christlichen Europa gekommen.

Das Horn von Afrika gerät in den Sog interkontinentaler Interessen, Spannungen und Konflikte. Wenn es auch aus weltgeschichtlicher Perspektive dabei keine Hauptrolle spielt, so wird es doch von den neuen Entwicklungen stark betroffen und mehr und mehr einbezogen in internationale Prozesse.

Das 16. Jahrhundert war für das Horn von Afrika26 eine Epoche, die zu historischen Weichenstellungen führte, welche zu Beginn dieses Zeitraums noch nicht abzusehen waren: Die islamische Offensive,27 die von Akteuren der Region selbst getragen wurde, stellte die bisherige Vorherrschaft des christlichen abessinischen Reiches erstmals ernsthaft infrage,28 gefährdete gar seine Existenz. Kurz darauf stieß das Osmanische Reich im Zuge seiner Expansion ins Rote Meer und den Indischen Ozean an die eritreische Küste vor und gründete eine ›abessinische‹ Provinz. Auch Europa wurde im Zuge seiner imperialen Ausdehnung und seines Griffs nach dem Welthandel im Indischen Ozean, im Persischen Golf und am Roten Meer aktiv und leistete dem christlichen Bruderstaat am Horn von Afrika konkrete, unmittelbare Hilfe, welche das Überleben des christlichen Reiches sicherstellte.

Im Süden der Region gärte es. Die Ethnie der Oromo29 brach im 16. Jahrhundert auf, es kam zu erheblichen Migrationsbewegungen, durch welche die demographische Landschaft am Horn von Afrika dauerhaft verändert wurde. Heute sind die Oromo die größte Volksgruppe des Staates Äthiopien.

Vom Sultanat Adal aus entstand eine Gefahr neuer Dimension für das salomonische Reich. Ahmad ben Ibrahim al-Ghazi,30 von der christlichen Seite als Granj (Linkshänder) bezeichnet, trat als religiöser Führer auf, rief zum Dschihad und erlangte die faktische Macht in Adal und Harar, wo er zwar nie die ›legitimen‹ Herrscher beseitigte, sie aber zeitweise zu Marionetten degradierte. Er maßte sich nie weltliche Titel wie etwa ›Sultan‹ an, sondern nannte sich Imam, womit er das Primat seiner religiösen Rolle betonte. Seinen ersten entscheidenden Sieg über das christliche Reich und Kaiser Lebna Dengel erlangte er 1529. Seine Armeen drangen schnell vor, versetzten das christliche Abessinien in Angst und Schrecken und hinterließen überall Tod und Zerstörung.

Nach einem Jahrzehnt war fast das gesamte Horn von Afrika islamischer Herrschaft unterworfen. In der Tat wollte Granj nicht nur zerstören und Beute machen, sondern strebte ein großislamisches Reich an, wollte sogar eine familiäre Verbindung zur salomonischen Dynastie im Sinne glaubwürdiger Legitimität und langfristiger Sicherung eines islamisch geprägten, aber auch im traditionell-salomonischen Sinn rechtmäßigen Staates. Im Norden trugen die Glaubenskrieger den Dschihad bis nach Tigray und Hamasin (heutiges Eritrea), im Süden31 nach Gurage, Bale, Hadiyya und Sidama. Ein arabisches Werk, von einem Zeitgenossen und Augenzeugen verfasst, der auch die Aussagen anderer Zeitzeugen verwendet hat, mit dem Titel »Futuh al-Habascha«,32 stellt die wesentliche muslimische Quelle für diese islamische Großoffensive dar.

Der salomonische Kaiser selbst war ständig auf der Flucht und starb 1540 im Kloster Debre Damo; Söhne von Kaiser Lebna Dengel wurden getötet oder gefangen genommen.

Der muslimische Siegeszug endete erst, als 1541 in Massawa 400 mit Feuerwaffen ausgerüstete Portugiesen landeten. Zwar wurden die Portugiesen nach anfänglichen Erfolgen im August 1542 in Tigray mit osmanischer Hilfe geschlagen und ihr Anführer Christovao da Gama33 gefangen genommen und von Granj persönlich getötet, aber die überlebenden Portugiesen konnten wesentlich dazu beitragen, dass Kaiser Gelawdewos (1521/22–1559) im Februar 1543 einen entscheidenden Sieg errang. Granj selbst wurde von einem portugiesischen Scharfschützen getötet. Damit war der islamische Dschihad schnell am Ende, denn der Tod eines charismatischen Anführers führte meist zu einem völligen Zusammenbruch. Die Phase erfolgreicher islamischer Expansion war zu kurz gewesen, um


Abb. 6: Johannes-Evangelium aus Gunda Gunde in Tigray um 1540.

eine regelrechte ›Großmacht‹ Adal entstehen zu lassen, die das christliche Reich hätte ablösen können. Das salomonische Reich unter Kaiser Gelawdewos konnte sich erholen, sogar zu Gegenoffensiven ansetzen.

Aber neue Herausforderungen kamen durch welthistorische Entwicklungen: Das Osmanische Reich hatte 1517 Syrien und Ägypten erobert und war auch ins Zweistromland (heutiger Irak) in Richtung Persischer Golf vorgestoßen. Als neue Vormacht im Roten Meer34 sicherten sich die Osmanen an beiden Ufern Positionen. Dabei ging es um den Handel im Indischen Ozean, der in die Hand der Portugiesen zu geraten drohte. Diese hatten nach Entdeckung des Seewegs um Afrika und nach Indien35 ein weitgespanntes Netz von Stützpunkten von Nordafrika bis Ostasien36 errichtet. Das islamische Monopol für den Asienhandel, Garant der Prosperität und Macht der islamischen Welt, war somit in Gefahr. In einer solchen Konstellation war die Rotmeerküste des heutigen Eritrea, nahe dem Bab al-Mandeb, dem Zugang zum Roten Meer vom Indischen Ozean aus, ein strategischer Baustein. 1538 hatten die Osmanen bereits den Jemen ihrem Machtsystem eingegliedert und von dort aus Granj in seinem Dschihad gegen das salomonische Reich mit Feuerwaffen unterstützt. 1557 dann landeten die Osmanen an der eritreischen Küste, nahmen die Hafenstadt Massawa ein und drangen ins Landesinnere vor. Trotz einiger Rückschläge wurde die Provinz Abessinien auf dem Territorium des heutigen Eritrea gegründet, die in ihrer Ausdehnung variierte, aber in jedem Fall mindestens einen osmanischen Stützpunkt an der Rotmeerküste sicherstellte. Die osmanischen Türken spielten von da an eine Rolle in den Rivalitäten und Auseinandersetzungen am Horn von Afrika zwischen dem salomonischen Reich, dem das heutige Norderitrea kontrollierenden ›Baher Negasch‹37 und anderen Akteuren, wie etwa dem muslimischen Herrscher von Harar.

Aber auch die Portugiesen waren längst vor Ort und verteidigten ihre Positionen gegen ihre muslimischen Gegner. Schon im 15. Jahrhundert hatte es portugiesisch-abessinische Kontakte38 gegeben, doch traten die portugiesischen Beziehungen zum Horn von Afrika etwas in den Hintergrund im Gesamtkontext der portugiesischen Ausbreitung39 im Indischen Ozean des 16. Jahrhunderts und im Zusammenhang mit der historischen osmanisch-portugiesischen Auseinandersetzung um den Welthandel.

Es ging um die Frage, ob die erste Globalisierung im Zeichen des Kreuzes oder des Islam erfolgen würde. Schon 1499 hatte es einen Angriff Portugals auf Mogadischu gegeben, der aber erfolglos geblieben war, ebenso wie die Verwüstung von Barawa (Brava) im Süden der Somaliküste durch die Portugiesen. Zwar hatten die Portugiesen 1515 Hormuz, die bis heute strategisch wichtige Insel am Eingang zum Persischen Golf erobert und die Osmanen konnten es erst im 17. Jahrhundert ihrem Reich eingliedern. Aden aber hatten die Portugiesen trotz mehrerer Versuche nie einnehmen können.40 Auch portugiesische Vorstöße ins Rote Meer blieben Episode.

Wenn Portugal auch keine Stützpunkte am Horn von Afrika hatte, hier nie territorialen Besitz erwarb und diese Region angesichts welthistorischer Veränderungen, die damals im Gang waren, nicht im Mittelpunkt des Interesses stand, war Portugal doch durchaus engagiert in diesem Großraum und wusste um die Bedeutung guter Beziehungen zu Abessinien, die aktiv von beiden Seiten gepflegt wurden. Nachdem da Gamas relativ kleines Kontingent mit Feuerwaffen ausgerüsteter portugiesischer Soldaten das salomonische Reich hatte retten können, gingen Gesandschaften hin und her, blieben Abessinier und Portugiesen in Kontakt, so schwierig und langwierig angesichts der Distanzen, Gefahren und Verkehrsverhältnisse dies auch gewesen sein mag. Europäische Geistliche, vor allem aus Portugal, kamen ans Horn von Afrika, gelangten an den salomonischen Hof, wurden einflußreich, brachten den Geist der römischen Kirche, aber auch nachhaltige kulturelle Einflüsse.41 Seit 1555 machten sie kontinuierliche Missionsversuche, gegen die sich einerseits Widerstand erhob, die andererseits auch positive Aufnahme fanden. Teilweise wurde versucht, die Religionsfrage politisch zu instrumentalisieren.

Aufbruch der Oromo

Tief im Landesinneren brachte das 16. Jahrhundert ebenfalls neue Entwicklungen. Das Volk der Oromo,42 dessen ursprüngliches Siedlungsgebiet sich von Kenia über den Süden des heutigen Äthiopien bis zur sudanesischen Grenze hinzieht, brach zu einer historischen Migration auf. Die Stoßrichtung ihrer Wanderung43 waren Norden, Nordosten und Westen. Sie drangen in muslimische und christliche Siedlungsräume ein, ins Reich der salomonischen Herrscher und die islamischen Staaten wie etwa zunächst Bale, dann Ifat, Adal etc.

Sie wanderten bis Gonder, Wello und sogar Tigray. So wurden die Oromo die weitest verbreitete ethnische Gruppe in dem Großraum. Dieser Expansionsvorgang wurde den militärischen Ereignissen des 16. Jahrhunderts zugeschrieben, die das salomonische Reich schwächten und ein Machtvakuum schufen, gerade an der offenen Südflanke, als das Horn von Afrika von der großen muslimisch-christlichen Auseinandersetzung dieser Zeit heimgesucht wurde. Ein weiterer Faktor, der die Oromo-Wanderung begünstigte, war die Moggaasa (Moassa)-Methode,44 ein System (politischer) Adoption. Es erlaubte die Eingliederung von Stämmen und Ethnien in den Oromo-Kontext und erleichterte somit die Machtübernahme in Regionen, deren Bevölkerung nicht unterworfen und beherrscht werden musste, sondern aufgenommen und integriert werden konnte. Die Oromo-Wanderung war kein kurzes, vorübergehendes Phänomen, sondern ein lang andauernder, kontinuierlicher Prozess, der auch im 17. und 18. Jahrhundert noch anhielt, sogar das Herrscherhaus des salomonischen Reiches beeinflusste und bis heute die Geschichte des Raumes prägt. Der orthodoxe Kleriker Bahrey, ein Zeitgenosse und Zeitzeuge des Oromo-Aufbruchs, vor dem er an den Kaiserhof geflohen war, verfasste eine bemerkenswerte Analyse dieses Migrationsvorganges und die erste Geschichte der Oromo. Sein Werk45 gilt als wichtigste und früheste Quelle zu Geschichte und Gesellschaft der Oromo, deren Erfolg er darin sieht, dass ihr ganzes Volk Militärdienst leistete und in seiner Gesamtheit am Migrations- oder Eroberungsprozess beteiligt war, während der salomonische Staat schon arbeitsteilig organisiert war und nur seine begrenzte Armee dem Ansturm einer wahren ›Völkerwanderung‹ entgegensetzen konnte.

Kaiser Susenyos (regierte 1607–1632)46 war in seiner Jugend Gefangener der Oromo und flüchtete zu ihnen während der Streitigkeiten um den Thron, die schließlich zu seinen Gunsten endeten.

Ein katholisches Reich am Horn von Afrika?

Kaiser Susenyos begegnete den katholischen portugiesischen Missionaren, die jetzt mehr und mehr ins Reich kamen, mit Sympathie, ließ sich von ihnen beeinflussen und konvertierte sogar 1621 zum Katholizismus, ob aus religiöser Überzeugung – der Kaiser soll sich immerhin mit der jesuitischen Philosophie befasst haben – oder aus politischen Gründen, ist nicht definitiv festzustellen. Jedenfalls bemühte er sich auch um politische Kontakte zum christlichen Europa, indem er Schreiben an den Papst und die Habsburger richtete. Im Land aber keimte Widerstand gegen die neue religiöse Orientierung des Herrschers auf. Alfonso Mendes, ein Portugiese, der 1625 als Patriarch der römischen Kirche ins salomonische Reich kam, brachte den Kaiser dazu, den Katholizismus praktisch zur ›Staatsreligion‹ zu machen und ihn mit Gewalt durchzusetzen.47 Erst der entschiedene Widerstand dagegen – vor allem in Tigray – brachte Kaiser und Patriarch dazu, eine etwas liberalere Haltung einzunehmen und den Katholizismus nicht mehr verpflichtend zu machen. Als jedoch unter dem zunehmenden Druck der Gegner des Katholizismus der Kaiser schließlich abdankte, verließ auch der katholische Patriarch das Land, um sich im portugiesischen Diu an der indischen Westküste niederzulassen. Unter Kaiser Fasiledes (1632–1667),48 Sohn von Susenyos, kam die Restauration der ›Orthodoxie‹. War Fasiledes zunächst wie sein Vater Katholik gewesen (wenn vielleicht auch nur pro forma), so überzeugte er doch seinen Vater, Gewissensfreiheit zu gewähren und stellte sogar 1632 die Vorherrschaft der Orthodoxie wieder her. Die Jesuiten49 zogen sich zunächst in ihr Refugium Feremona in Tigray zurück und mussten dann das Land ganz verlassen.

Mit den Osmanen wurde vereinbart, dass diese keine Jesuiten über die von ihnen kontrollierten Häfen Massawa und Suakin einreisen lassen würden. Da die Portugiesen überall im Bereich des Indischen Ozeans ihr Reich konsolidierten und auch an der ostafrikanischen Küste um Mombasa ihre Präsenz verstärkten, ging man am Horn von Afrika davon aus, dass mit der Verbreitung des Katholizismus nur der Boden für imperialistische Operationen der portugiesischen Seite bereitet wurde.

Um einer befürchteten portugiesischen Invasion zuvorzukommen, startete Fasiledes eine diplomatische Präventivaktion. Er nahm Kontakte zum zayditischen (schiitischen) Imam des Jemen auf und trat in Verbindung mit den Osmanen, dem iranischen Schah und dem indischen Groß-Moghul.

Dabei standen nicht echte Sympathien für den Islam im Vordergrund – dem Herrscher ging es darum, eine antikatholische Allianz gegen Portugal zu schmieden, um eine vermeintliche Bedrohung abzuwehren, schienen die Portugiesen doch überall im Indischen Ozean und auch an seinen Rändern Fuß zu fassen. Das Misstrauen gegen Europa war am Horn von Afrika nach dem katholischen Intermezzo tief verwurzelt. Deshalb blieben Bemühungen des französischen Königs Ludwig XIV., die Beziehungen wiederzubeleben, erfolglos.

Ganz allgemein war der salomonische Staat bestrebt, seine Isolierung zu überwinden, ohne in Abhängigkeit neuer Partner zu geraten.

So suchte Fasiledes die Kooperation jemenitischer Herrscher zu gemeinsamem Vorgehen gegen die Osmanen. Konkretes Ziel war, den Handel seines Reiches über einen nicht unter osmanischer Kontrolle stehenden Hafen zu führen. Baylul, nördlich der heutigen süderitreischen Hafenstadt Asab gelegen, schien hierfür geeignet, da hier das Rote Meer enger wurde und die See-Entfernung zum jemenitischen Hafen Mucha nicht mehr weit war. Von jemenitischer Seite zeigte man jedoch weniger Interesse an einer Kooperation,50 weshalb Baylul nie über einen Handelsplatz regionaler Bedeutung hinauswuchs.

Das Reich von Gonder

In die Regierungszeit von Fasiledes fällt, neben machtpolitisch motivierten Militärmaßnahmen innerhalb des Reiches etwa gegen die Oromo, die weiterhin eine ständige Unruhequelle darstellten, auch eine innenpolitische Entwicklung, welche eine neue Epoche einleitete: Fasiledes machte Gonder, nördlich des Tana-Sees, gelegen an einer der wichtigen Handelsrouten zum Roten Meer, zu seiner Hauptstadt. Damit leitete er eine Periode ein, in der weit über 100 Jahre Gonder51 Hauptstadt des Reiches blieb und den Schwerpunkt des Salomonischen Staates nach Nordwesten verschob.

Diese Einrichtung einer festen Hauptstadt in einem Land, dessen Herrscher sich bislang oft auf Wanderschaft befunden oder nur kurzfristig Residenzen eingerichtet hatten, die ihren Hauptstadt-Charakter bei einem Thronwechsel wieder verloren, entfaltete bleibende Wirkungen. Sie begünstigte eine kulturelle Blüte, wie sie oft entsteht an Orten und in Regionen, die geprägt sind von der dauerhaften Konzentration politischer und wirtschaftlicher Macht. Der Gonder-Stil in der Architektur,52 der sich bereits seit dem späten 16. Jahrhundert entwickelt hatte, prägte die Baukunst nicht nur der Reichsmetropole, sondern auch des Landes zwischen Tana-See und Aksum bis hinein ins 19. Jahrhundert.

Die Palastanlage des Fasiledes gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe, zahlreiche Bauten sind noch relativ gut erhalten. Der repräsentative Charakter der Stadt wurde weiterentwickelt durch die Bautätigkeit späterer Herrscher, die alle auf diese Weise ihr Zeichen setzen wollten.


Abb. 7: Gonder-Architektur: Fasiledes-Palast.

Auch unter Fasiledes Nachfolgern wurden Feldzüge im Land gegen innere Feinde geführt (z. B. gegen Oromo und Agau) und auch die antikatholische Politik wurde fortgeführt. Katholische Priester wurden ermordet, Katholiken mussten das Land verlassen. Andere wurden gezwungen, zur ›Orthodoxie‹ zurückzukehren. Ganz allgemein sind das 17. und 18. Jahrhundert eine Zeit der religiösen Gegensätze, auch der innerkirchlichen christologischen Auseinandersetzungen, die bezüglich der göttlichen und menschlichen Natur Jesu entstanden53 ( Kap. 5). Teilweise führten diese spitzfindigen religiösen Konflikte zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und sogar Massakern. Kaiser Iyasu I. wurde in diesem Kontext 1706 ermordet. Verschiedene Interessengruppen assoziierten sich mit unterschiedlichen christologischen Richtungen – Machtpolitik und Religionsstreitigkeiten gingen eine unselige Verbindung ein. Diese Konflikte überschatteten auch die Regierungszeit von Iyasus Söhnen Tekle Haymanot und Dawit III. – erst unter seinem Sohn Bekaffa trat eine Stabilisierung ein. Bekaffas späte Jahre wurden bestimmt von seiner Konkubine Welette Giyorgis, die den Ehrennamen Berhan Mogesa54 trug und aus Kwara nordwestlich des Tanasees stammte, aber unter der Bezeichnung Mentewwab (›o welche Schönheit‹) bekannt wurde. Sie soll sich besonders durch die Förderung der Kunst ausgezeichnet haben.

Mütterlicherseits von Kaiser Minas († 1563) abstammend, gelangte sie bei Hof, obwohl nicht Ehefrau des Kaisers, zu beträchtlichem Einfluss. Ihre Stellung erlangte sie mit bemerkenswerter Konsequenz und Durchsetzungsfähigkeit.

Für Iyasu II., ihren Sohn, den sie mit Bekaffa hatte, übte Mentewwab die Regentschaft aus, ebenso für dessen Sohn, ihren Enkel Iyo’as. So blieb sie fast ein halbes Jahrhundert lang die dominierende Persönlichkeit am salomonischen Hof. Ihre Rolle festigte sie durch Berufung von Verwandten in wichtige Positionen, so z. B. ihren Bruder Welde Le’ul, der hohe Hofämter bekleidete und ihr half, ihre Position zu verteidigen, dann aber auch mit ihr in Streit geriet. Es entstand eine Rivalität zwischen Mentewwab und der Mutter ihres Enkels Iyo’as, die der Oromo-Sippe von Yedschu entstammte, welche bald die Kontrolle über das Kaiserhaus und die Residenzstadt Gonder erlangen sollte. Der Regent von Tigray, Mika’el Sehul,55 der zunächst Alliierter von Mentewwab gewesen war und sogar ihr Schwiegersohn wurde, stellte sich dann gegen die Regentin und ihren Enkel Iyo’as, den er als Kaiser absetzte, kurz darauf tötete und durch einen Marionettenkaiser ersetzte.

Zemene Mesafent – Zerfall des Reiches

Diese Wirren beendeten die Blüte der Gonder-Periode und leiteten bereits über zur ›Zemene Mesafent‹,56 einer Epoche, die durch Chaos, Anarchie und Schwäche des Kaiserreichs gekennzeichnet war. Ihr Beginn wird oft auf das Jahr der Absetzung von Kaiser Iyo’as 1769 angesetzt. Nur Schewa bewahrte in dieser chaotischen Epoche eine gewisse Prosperität und Stabilität.

Schon in der Gonder-Zeit war das Reich territorial geschrumpft, die faktische Macht der salomonischen Kaiser zurückgegangen, hatten regionale Fürsten mehr Autonomie erlangt. Diese Tendenz nahm in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bedrohliche Formen an. Durch die zunehmende Regionalisierung war das Reich nur noch ein Schatten seiner selbst, die Kaiser nur noch Puppen an den Fäden wirklicher Machthaber, beispielsweise der Regionalfürsten. Nie wurde jedoch Hand an die Dynastie als solche gelegt – der quasisakrale Charakter des salomonischen Hauses, so fragwürdig seine Historizität auch sein mag, verhinderte den Sturz der Dynastie und sicherte ihr Überleben. Auch wenn Kaiser ermordet oder rücksichtslos abgesetzt und ausgetauscht wurden – so wurden sie doch durch Repräsentanten der Familie im weitesten Sinn ersetzt. Alle Kriegsherren und Provinzherrscher achteten zu einem Mindestmaß die salomonische Tradition und Legitimität.

Es fällt schwer, Entwicklungslinien nachzuzeichnen, die typisch und prägend waren für die chaotisch-anarchische Periode der ›Zemene Mesafent‹,57 die von permanentem Bürgerkrieg und schwacher Zentralgewalt bestimmt war. Eine Kontinuität besteht im Aufstieg von Tigray im Verlauf der Wirren von Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Ein zweites Phänomen, das uns durch die ›Zemene Mesafent‹ begleitet, war die Konsolidierung der Yedschu-Dynastie als zeitweise wichtigste Macht hinter dem Kaiserthron und in Gonder. Kaiser Tekle Giyorgis († 1800) war wohl der letzte aus der salomonischen Dynastie, der noch als eigenständiger Herrscher gelten kann, doch schon seine fragmentierte Regierungszeit – er hatte insgesamt sechs zeitlich voneinander getrennte Regentschaftsperioden – zeigt, dass eine vom Machtverfall des Kaiserhauses gekennzeichnete akute Krise ausgebrochen war. Tekle Giyorgis versuchte, sich mit den beiden wichtigsten Machthabern, Ali I. Gwangul († 1788) aus der Yedschu-Familie Werresek und Welde Selassie (1733–1815) von Tigray zu arrangieren, mit ihnen – falls nötig – zu kooperieren und vielleicht auch sie gegeneinander auszuspielen. Die von Ali, der auch ›der Große‹ genannt wurde, begründete Dynastie aus Yedschu, südlich von Lasta gelegen, war eine Mischung aus Oromo- und Amhara-Elementen, hatte sowohl christliche als auch muslimische Linien und orientierte sich zunehmend in Richtung Begemdir und zur ›Hauptstadt‹ Gonder, wo Ali für kommende Jahrzehnte seine Dynastie verwurzelte. Während der ›südliche‹ in Yedschu verbliebene Zweig eher traditionell muslimisch blieb, konvertierten die ehrgeizigen Machtpolitiker des Zweiges in Begemdir zum Christentum im Zuge eines Assimilierungsprozesses.

Der Enkel des Gründers der Yedschu-Dynastie in Gonder, Gugsa Mursa († 1825),58 wurde der mächtigste Herrscher aus der Yedschu-Linie und gefährlichste Gegner von Welde Selassie, der den Norden des Reiches kontrollierte und versuchte, sich mit Gugsa darauf zu einigen, sich auf den jeweiligen Machtbereich zu beschränken. Gugsa Mursa – auch ihm hat man das Epithet ›der Große‹ verliehen – herrschte nicht nur über Begemdir, sondern auch über Wello und Godscham, konnte seinen Machtbereich zeitweise bis Tigray ausdehnen. Obwohl oder gerade weil er vom Islam zum Christentum konvertiert war, ging er mit der Kirche skrupellos um – beispielsweise plünderte er den Sitz von Abuna Yosab nach dessen Tod und schickte ein anderes Kirchenoberhaupt, Abuna Qerellos, ins Exil. Erst nach seinem Tod konnte der Norden wieder Terrain gewinnen, als Webe Hayle Mariam (1799–1867),59 ein Sohn des Regenten von Semen (Region südich und westlich des Tekkeze-Flusses) in Tigray die Macht ergriff. Er konnte das Territorium von Tigray durch Erfolge gegen die Yedschu-Machthaber arrondieren, mußte aber einen Mehrfrontenkrieg führen, als Ägypten im Zuge seiner umfassenden Großmachtbestrebungen nach Eritrea vordringt, was er als Bedrohung für seine Interessen empfand, zumal die Ägypter auch ins Landesinnere vorstießen. Webe bemühte sich angesichts der ägyptischen Bedrohung um Kontakte zu und Zusammenarbeit mit Europa, fühlte sich aber gekränkt durch die geringe Resonanz, die seine Vorschläge in den europäischen Hauptstädten fanden. Webe konnte die Ägypter zurückschlagen und dabei sogar nach Bogos (im heutigen Eritrea) und Kassala (im heutigen Sudan) vorstoßen, aber auch Richtung Süden seinen Machtbereich ausweiten. Selbst die Hauptstadt der Yedschu, Debre Tabor, griff er 1841 an, doch behielt der letzte Regent aus der Yedschu-Dynastie, Ali Alula, die Oberhand. Webes Stern war danach endgültig im Sinken. Er wurde von Kasa Haylu, dem späteren Kaiser Tewodros, 1855 geschlagen und blieb bis zu seinem Tod in dessen Gewahrsam in der Bergfestung Mekdela in Wello. Die ›Zemene Mesafent‹ ging damals ihrem Ende zu. Es war eine Epoche, die die Bedeutung der Oromo innerhalb des salomonischen Staates deutlich werden ließ. Ihnen gelang es nicht nur, ins Kaiserhaus einzuheiraten, es ist geradezu ein Leitmotiv der ›Zemene Mesafent‹, dass eine Oromo-Sippe das Kernland der Monarchie kontrollierte und eine Art ›Vormundschaft‹ über die schwachen Kaiser ausübte. Die Aktionen der Regenten von Tigray als Gegengewicht blieben von begrenzter Wirkung.

Dies ist der konsequente Höhepunkt einer zunehmenden Integration der Oromo ins abessinische ›System‹, die schon lange begonnen hatte und auch in der Konversion vieler Oromos zum Christentum zum Ausdruck kam. Ganz im Süden bildeten sich damals Oromo-Staaten am Gibe (Omo) Fluss, der in den Turkana-See mündet an der Südgrenze des heutigen Äthiopien zu Kenya. Wichtigster war Dschimma,60 das als regelrechter Staat seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entstand und bis 1932 existierte, als Hayle Selassie überall die direkte Herrschaft seines Kaiserreiches durchsetzte. Gomma, Gumma, Gera und andere kleinere Staaten entstanden in der gleichen Epoche aus den ständigen Rivalitäten der Oromo-Clans. Landwirtschaft und Handel mit Kaffee und Sklaven waren Existenzgrundlage dieser staatlichen Gebilde und führten zu wirtschaftlicher Blüte.

In diese Periode fällt ein besonderes wirtschaftshistorisches Phänomen.

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts gelangt der Maria-Theresia-Taler61 ins Rote Meer und dann ans Horn von Afrika. Bereits der deutsch-dänische Forschungsreisende Carsten Niebuhr (1733–1815) findet ihn 1762 in den Häfen als Zahlungsmittel. Der Maria-Theresia-Taler wurde wegen seines verlässlichen Gewichts und Silbergehalts im Laufe der Jahrzehnte das wichtigste Münzgeld in der Region. Er trug ein Portrait der habsburgischen ›Kaiserin‹ Maria-Theresia (1717–1780; eigentlich war sie Erzherzogin und Gattin des Kaisers, wurde aber als ›Kaiserin‹ tituliert und führte auch de facto die Regierungsgeschäfte) und den habsburgischen Doppeladler. Nach dem Tod von Maria Theresia wurde die Münze weiter geprägt, ausschließlich zum Export in den nahöstlich-ostafrkanischen Raum. Am Horn von Afrika waren seit den Tagen des Reiches von Aksum keine wirklichen Münzen geprägt worden, später kamen arabische Münzen, Dinare (von lat. Denarius) oder venezianische Dukaten ins Land. Salzbarren (Amole) dienten als lokaler Geldersatz. Im 19. Jahrhundert wurde der Maria-Theresia-Taler praktisch zur Nationalwährung des Kaiserreichs, die allen Versuchen der Kaiser oder später der italienischen Kolonialmacht, sie zu ersetzen, widerstand und erst nach 1945 als Zahlungsmittel verschwand.

In den Wirren um die Mitte des 19. Jahrhunderts in den zentralen und nördlichen Regionen Abessiniens, in der auch zunehmend europäische Einflussnahme und Missionsbestrebungen spürbar werden, konnte Kasa Haylu (1820–1868)62 sich schließlich durchsetzen. Mit seiner Kaiserkrönung 1855 scheinen Jahrzehnte fruchtloser Kleinkriege und fehlender Zentralgewalt beendet – hat die Moderne am Horn von Afrika begonnen?

4 Vielfalt am Horn von Afrika – historische Aspekte und Facetten
Das Horn von Afrika und Europa im Mittelalter und an der Schwelle zur Neuzeit

Die Kontakte zwischen dem Horn von Afrika und Europa reichen weit zurück.1 Rom und Byzanz2 waren Machtfaktoren im Roten Meer. Das Römische Reich pflegte Handelsbeziehungen zu den Häfen im heutigen Eritrea und Somalia bereits in vorchristlicher Zeit. Enger und intensiver wurden die Kontakte zur Zeit des Reiches von Aksum, in welchem das Griechische Bildungssprache wurde und auf den aksumitischen Münzen3 Verwendung fand. Zur Sicherung der gemeinsamen Interessen gab es mit Byzanz früh Kooperation sowie abgestimmtes politisches und militärisches Handeln im regionalen Kontext – z. B. in Südarabien im 6. Jahrhundert ( Kap. 1). Mit der Ausbreitung des Islam und seinem Einbruch in die ›alte Welt‹ wurden die Verbindungen zwischen dem ›orbis aethiopicus‹ und der spätantiken Mittelmeerwelt jäh unterbrochen. Byzanz verlor seine südlichen Reichsgebiete (Syrien, Ägypten, Nordafrika) und seinen Zugang zum Roten Meer. Europa und das Horn von Afrika verloren einander zeitweise aus den Augen, die Entfernung wurde größer. Im Mittelalter kam in Europa die vage Vorstellung eines fernen christlichen Herrschers auf, des ›Priesterkönigs Johannes‹, ein aus zahlreichen Quellen gespeistes mythisches Bild, das zuerst nach Asien projeziert wurde und erst im 13./14. Jahrhundert in Richtung Horn von Afrika4 wanderte.

In der Chronik Ottos von Freising (1112–1158) begegnet uns Mitte des 12. Jahrhunderts der Priesterkönig, der von einem der Heiligen Drei Könige abstammen soll, gleichermassen ›rex et sacerdos‹, König und Priester ist, zum ersten Mal. Historische Gestalten und sagenhafte Figuren fließen zum Bild vom Priesterkönig und seinen Taten zusammen. Vielfältig sind auch die Quellen,5 in denen der Priesterkönig Gestalt annimmt, die wir in vielen Sprachen kennen. Im Kontext der Kreuzzüge weisen apokalyptische christlich-arabische Texte auf Äthiopien als Reich des Priesterkönigs hin. Erste Reisende vom Horn von Afrika und abessinische Mönche in Jerusalem konkretisieren die Vorstellung vom ostafrikanischen Charakter des Priesterkönigs Johannes;6 in ›Abessinien‹ lokalisieren ihn Karten aus dem 14. Jahrhundert. Da der Priesterkönig als erfolgreicher Gegner des Islam gesehen wurde, bildete sich in Europa die Wunschvorstellung einer Allianz mit ihm gegen die gemeinsamen Gegner, die Muslime, die weiterhin in Europa offensiv waren.

Je besser die Kenntnis des Raums um das Horn von Afrika wurde und je genauer Reisende als Augenzeugen berichteten, desto mehr verblasste das mythische Bild und wich historisch konkreteren Vorstellungen, zu Beginn der Neuzeit auch greifbarer Zusammenarbeit. Durch die Literatur aber geistert bis in die Gegenwart ein geheimnisvoller Priester‌(könig) Johannes.

Schon früh, wohl bereits im 4. Jahrhundert, gelangten Christen vom Horn von Afrika nach Jerusalem, wo erste Kontakte zu Europäern zustande kamen. Aber konkrete Schritte können wir erst Jahrhunderte später feststellen. Der französische Dominikaner Guillaume Adam legte dem französischen König 1317 nahe, Verbindung zu Abessinien aufzunehmen. Im späten 14. Jahrhundert gelangte der florentinische Kaufmann Antonio Bartoli ans Horn von Afrika und kehrte 1402 mit einer von Kaiser Dawit II. (reg. 1379–1413) entsandten Delegation nach Europa zurück. Schon 1400 hatte König Heinrich IV. von England einen Brief an den ›König von Abessinien‹ geschickt. Nichts belegt jedoch, dass die mit Bartoli nach Europa gelangte Delegation durch diesen Brief angestoßen wurde.

Einen Fall eigener Art stellt Pietro Rombulo7 (1385/90–nach 1450) aus Messina dar, der wohl 1407 an den salomonischen Hof kam und dort bald eine wichtige Stellung einnahm. Im Auftrag von Kaiser Zar’a Ya’kob reiste er nach Indien, Ceylon und China. 1450 wurde er an der Spitze einer Delegation nach Europa entsandt. Im Anschluss an eine Papstaudienz gelangte er nach Neapel, wo Bischof Pietro Ranzano seinen Bericht über die Jahrzehnte, die er am Horn von Afrika verbracht hatte, aufzeichnete (Rombulos Originalschriften, z. B. seine persönlichen Erinnerungen und autobiographischen Notizen, sind nicht erhalten) und uns so über das abenteuerliche Leben und Wirken Rombulos unterrichtet. König Alfons I. von Neapel antwortete dem salomonischen Kaiser mit dem Versprechen künftiger Zusammenarbeit.8

Auch Eleni (ca. 1431–1522),9 Witwe von Kaiser Zar’a Ya’kob und Regentin für den jungen Kaiser Lebna Dengel, sah die Vorteile, die sich aus einer Zusammenarbeit mit Europa angesichts der politischen Lage Anfang des 16. Jahrhunderts ergeben konnten. Umso mehr, als König Manoel von Portugal eine Delegation schickte, die seinen persönlichen Brief an Eleni übergab, sobald Albuquerque die portugiesische Position im Indischen Ozean gesichert hatte. Sie antwortete ihrerseits mit der Entsendung einer Delegation nach Portugal unter einer sagenumwobenen Persönlichkeit namens Mateus, um dessen Herkunft sich verschiedene Gerüchte ranken. Diese Delegation hatte den expliziten Auftrag, über eine militärische Allianz zu verhandeln. Sie gelangte mit Hilfe Albuquerques, des portugiesischen Generalgouverneurs von Indien, nach Lissabon und erhielt 1514 Audienz bei König Manoel,10 in dessen strategischem Denken das Horn von Afrika, der dortige Priesterkönig Johannes und das Rote Meer als geopolitisch wichtige Wasserstraße bereits Gestalt anzunehmen begannen. In Europa setzte damals lebhafte diplomatische Aktivität11 ein, selbst der Papst brachte eine Delegation auf den Weg. Doch Eleni starb, noch bevor Mateus und seine Begleiter zurückkehrten. Auch Mateus starb, kurz nach der Landung auf afrikanischem Boden, auf dem Rückweg im Kloster Debre Bizen.

Es gab aber nicht nur europäische Gesandschaften am Horn von Afrika, auch Künstler kamen aus Europa. Berühmtester unter ihnen war der Venezianer Nicolo Brancaleone (ca. 1460–nach 1526),12 der schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts am Hof von Lebna Dengel wirkte. Er illuminierte Bücher, die er signierte, schuf aber auch Tafelbilder. Brancaleone passte seinen italienischen Stil an abessinische Stilelemente und Malweisen an. Seine Kunst war besonders bei der Elite des salomonischen Reiches sehr beliebt.


Abb. 8: Marienbildnis von Nicolo Brancaleone 16. Jh.

Umgekehrt gab es auch in Europa aufsehenerregende Auftritte von Menschen aus dem ›orbis aethiopicus‹ wie etwa den Besuch zweier Mönche aus dem salomonischen Reich, die 1441, zusammen mit koptischen Geistlichen aus Ägypten, zum Konzil von Florenz13 kamen. Das Ziel einer Vereinigung der orientalischen Kirchen mit Rom wurde allerdings nicht erreicht. Die Thematik gewann aber im 17. Jahrhundert wieder Aktualität, als portugiesische Jesuiten am salomonischen Hof Einfluss erlangten. Jedenfalls erhielten Kenntnisse vom und Interesse am Christentum in Ostafrika durch die Präsenz der abessinischen Kleriker in Florenz neue Impulse. In der Tat war das Wissen, das man damals in Europa vom Horn von Afrika hatte, bereits beträchtlich.

Auf Fra Mauros († 1459) ›Mappamondo‹ (Weltkarte)14 etwa werden Regionen des heutigen Eritrea und Äthiopien detailreich gezeigt, ebenso der südliche Nilverlauf und Nubien sowie Somalia (und Afrika südlich davon). Afrika wird als umschiffbar dargestellt – Jahrzehnte bevor Vasco da Gama 1498 das Kap der Guten Hoffnung umsegelte. Toponyme wie Aksum, Lalibela und Hamasen sind bei Frau Mauro bereits eingetragen.

Um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstand eine weitere aufschlussreiche Landkarte, die unter dem Namen ›Egyptus Novelo‹15 berühmt geworden ist. Auch sie zeigt überraschende Detailkenntnis des ›orbis aethiopicus‹, weshalb vermutet wird, der Schöpfer der Karte habe umfangreiche und konkrete Informationen gehabt, die er damals nur von der abessinischen Delegation beim Konzil von Florenz erhalten haben kann.

Zwar stehen naheliegenderweise Gewährsleute aus Mittelmeer- und Atlantikländern und aus den großen Entdeckernationen im Vordergrund bei frühen Kontakten zwischen dem Horn von Afrika und dem christlichen Abendland, doch gab es auch in anderen Regionen Europas Pioniere in diesem Bereich.

Der Domherr Bernhard von Breydenbach (ca. 1440–1497)16 aus Mainz hat 1486 als erster das ›äthiopische‹ Alphabet in einem gedruckten Buch vorgelegt. Auf Pilgerfahrt in Jerusalem hatte er abessinische Mönche kennengelernt.

Er beschrieb sie und ihre religiösen Anschauungen in seinen Reiseaufzeichnungen, die noch im 15. Jahrhundert mehrere Auflagen erlebten. Breydenbach fertigte einen Holzschnitt der ›Abessinier‹ und ihres Alphabets an, die er seinem Buch beifügte. Es war ein Zeitgenosse Breydenbachs, Johannes Potken (1470–1524),17 der Probst von Sankt Georg in Köln, welcher als päpstlicher Sekretär Gelegenheit hatte, Mönche aus dem ›orbis aethiopicus‹ kennenzulernen. Er brachte das erste gedruckte ›äthiopische‹ Buch heraus, für das er nach Studium äthiopischer Manuskripte Drucktypen herstellen ließ, zu dem er in der vatikanischen Bibliothek Gelegenheit gehabt hatte. Es waren biblische Texte, begleitet von einer Ge’ez-Kurzgrammatik, die Potken zu einem Buch zusammenstellte.

Eine erste Blütezeit der Beschäftigung mit ›Abessinien‹ kam in Europa im 17. Jahrhundert auf, als die Beziehungen zwischen dem Abendland und dem Horn von Afrika schon Kontinuität und Tradition hatten. Das 16. Jahrhundert hatte unmittelbare Kooperation und direkte Kontakte gebracht als Folge des portugiesischen Ausgreifens in den Indischen Ozean, an die afrikanische Ostküste und bis Ostasien.

Die in diesem Zusammenhang vielleicht interessanteste Persönlichkeit war Anna Maria van Schurman (1607–1678),18 die Verfasserin einer der ersten europäischen Grammatiken des Ge’ez, die auch als erste Frau gilt, die an einer Universität im neuzeitlichen Europa studiert hat. Hiob Ludolf (1624–1704),19 der als Begründer der europäischen Äthiopistik gilt, hat sie kennengelernt und ihre Fachkenntnis sowie ihre leider nicht erhaltene Ge’ez-Grammatik sehr gelobt. Ludolf lernte in Rom den abessinischen Mönch Gorgorius (Gregorius) († 1658) kennen, der sein Ge’ez-Lehrer und sein Gewährsmann für den ostafrikanischen Raum wurde. Er war zum Katholizismus übergetreten und hatte dem katholischen Patriarchen von Äthiopien, Mendes, als Sekretär gedient. Als sich die Stimmung im salomonischen Kaiserreich schließlich gegen die römische Kirche wandte, floh er nach Rom, wo er eine Wirkungsstätte am Collegium Aethiopicum von Santo Stefano dei Mori fand. Auf Einladung von Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1601–1675) kam Gorgorius nach Gotha; er war wichtigster Informant von Hiob Ludolf und spielte somit eine zentrale Rolle bei der Begründung der europäischen Äthiopistik.20

Ludolf verfasste eine beachtliche Reihe von Publikationen über den ›orbis aethiopicus‹, so z. B. eine Geschichte Äthiopiens (1681), ein Werk zur Theologie der äthiopischen Kirche,21 ein äthiopisch-lateinisches Lexikon und eine amharische Grammatik (1698). Ludolf fungierte auch als Diplomat und beriet mehrere europäische Fürstenhäuser. 1679 berief ihn Kaiser Leopold nach Prag, um sich bezüglich des Abschlusses einer Allianz mit dem salomonischen Reich gegen die Osmanen beraten zu lassen. Der historische Hintergrund hierfür liegt auf der Hand: 1683 fand die zweite türkische Belagerung von Wien statt, nach der Ludolf einen Ge’ez-Brief an die »äthiopische Nation« verfasste.22 Diese Bemühungen, diplomatische Beziehungen zwischen dem Habsburgerreich und Abessinien herzustellen, waren nicht von Erfolg gekrönt. Über holländische Kontakte (Holland hatte eine Handelsniederlassung im jemenitischen Hafen Mucha) nahm Ludolf Kontakt mit dem Jemen auf und erhielt von dort Antworten auf seine Fragen, die er in weiteren Schriften verwertete. Seine Publikationen wurden aus dem Lateinischen in mehrere europäische Sprachen übersetzt. Ludolfs Grammatik und sein Wörterbuch des Ge’ez blieben zwei Jahrhunderte lang Standardwerke.

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