Kitabı oxu: «Escape oder schreib um dein Leben»
© 2014
1. Auflage
RHEIN-MOSEL-VERLAG
Brandenburg 17, D-56856 Zell/Mosel
Tel. 06542/5151 Fax 06542/61158
www.rhein-mosel-verlag.de Alle Rechte vorbehalten ISBN 978-3-89801-827-1 Ausstattung: Cornelia Czerny Umschlag: Marina Follmann Korrektur: Gabriele Korn-Steinmetz
Maria Hademer/Alice Lenz-Hademer
Escape oder schreib um dein Leben
Rhein-Mosel-Verlag
***
Für Papa
***
Mittwoch, 19. April
»Hallo, junge Dame, aufwachen! Ich glaube, du musst hier raus!«
Die Stimme des Busfahrers hatte sie geweckt. Sophia reckte sich und suchte ihre Siebensachen zusammen. Sie kannte die Strecke auswendig und war nachmittags in den letzten zehn Minuten meistens der einzige Fahrgast. Rucksack, Lunchbag, Turnschuhe, Jacke, Handy. Alles da.
»Ziemlich viel Zeug«, meinte der Busfahrer gutmütig.
»Bald wird’s besser. Ich mach’ gerade Führerschein.«
»Na dann!« Der Busfahrer nickte ihr zu.
»Bis morgen!«
Sophia stieg aus dem Bus und lief die Kirchgasse hinunter nach Hause. Dabei ließ sie sich die erträglichste Reihenfolge für die Hausaufgaben durch den Kopf gehen.
Wieder so ein angebrochener Nachmittag, den der abenteuerliche Stundenplan der Schule ihr aufzwang.
Lernen – morgens, mittags, abends. Auf dem Weg durch den Vorgarten zur Haustür legte sie ihren zügigen Schulschritt ab, wurde immer langsamer und schlurfte die letzten Meter zur Haustür. Dort wuchtete sie die schwere Schultasche von der Schulter und ließ sie im Flur vor dem Garderobenschrank zu Boden rutschen.
Mama? – war draußen im Garten zu sehen und arbeitete in ihren Beeten.
Paps? – würde erst in ein bis zwei Stunden von der Arbeit am Landgericht zurückkommen.
In der Mikrowelle fand sie einen leckeren Nudelauflauf und sie genoss ihr verspätetes Mittagessen. Oder war es heute eher ein verfrühtes Abendessen?
Sie schaute vom Teller auf, weil sie ein Geräusch an der Hintertür hörte. Ihre Mutter kam aus dem Garten. Vor der Tür zur Küche zog sie die Gummistiefel aus, an denen dunkle Erdbrocken klebten. Sophia wusste, dass ihre Mutter sich danach sehnte, nach dem langen Winter endlich die Gartenarbeit wieder aufnehmen zu können, auch wenn der Boden noch feucht und kalt war. Karen Rosenhaags Gesicht, das von zerzausten Haaren eingerahmt wurde, hatte durch die Frühlingsluft eine frische Farbe angenommen.
»Für Kopfsalat aus dem Hochbeet ist es leider noch zu früh«, empfing sie fröhlich ihre Tochter, während sie die Gartenhandschuhe von den Händen streifte.
»Ich habe genug Salat im Kopf!«, antwortete Sophia mit vollem Mund. Wie ein Dirigent schwang sie die Gabel durch die Luft und deklamierte: »Zerteilen Sie die Nullstellenberechnung und das Shakespeare-Sonett Nummer 62 in kleine Stücke und mischen Sie einige Scheiben Weimarer Republik vorsichtig unter. Schmecken Sie alles mit ein paar Basen- und Säureverbindungen ab und garnieren Sie das Ganze mit gebrochenen verminderten Akkorden. Nun können Sie das gesamte Schulmief-Aroma genießen!«
Ihre Mutter lachte und setzte sich zu Sophia an den Tisch.
»So schlimm?«
»Schlimmer! Einfach ätzend, diese Endlos-Tage!«
Karen Rosenhaag nickte verständnisvoll. »Übrigens, Oma hat angerufen. Du sollst dich mal bei ihr melden.«
»Okay«, murmelte Sophia, dachte allerdings: Jetzt nicht. Später.
Sie verzog sich mit einem Cappuccino ins Wohnzimmer.
Der helle Raum war von der Frühlingssonne angenehm erwärmt. Sophia ließ sich vorsichtig aufs Sofa plumpsen.
Hey! Hier kommt die Queen der Fernbedienung! Sie schaltete den Fernseher ein.
Jetzt erst mal: Chillen! Zerstreuung! Pause!
Seit sie die Oberstufe besuchte, beherrschte die Schule ihre Zeit. Es gab nur rare Busverbindungen in dem kleinen Eifelort, in dem sie wohnte. Das zerstörte alle Vorstellungen von einem aufregenden Teenager-Leben. Stadtbummel? Kinobesuch? Einfach mal ein Kaffee mit Freundinnen? Alles musste sie planen und organisieren. Und dazu fehlte zunehmend die Kraft, je näher die Ferien rückten.
»I got a text!«, meldete sich ihr Handy.
SMS von Julie, ihrer besten Freundin.
»Salut! Lust und Zeit mir beim Packen zu helfen?«
Julie war ein Jahr älter als Sophia. Sie hatte bereits ihr Abitur in der Tasche und konnte nun die Vorsaison für einen Kurztrip nach Paris nutzen. Worum Sophia sie glühend beneidete.
So schön es auch wäre … »Lust, jaaa. Zeit, nein. Viel Spaß in der Stadt der Liebe! Vermisse dich jetzt schon.« Senden.
Heute also auch kein Abhängen am Telefon mit Julie.
Die wöchentliche Probe im Musikverein des Orts versprach wenigstens ein bisschen Abwechslung. Besonders deshalb, weil man sich hinterher im Rush-Hour traf und Neuigkeiten bei Johnny an der Theke austauschte.
Johnny. Eigentlich Johannes Eiler. Er hatte die alte Dorfkneipe übernommen, sie nach seinem Namen umbenannt und die Einrichtung aufgepeppt. Seitdem erinnerte sie eher an einen englischen Pub. Die schweren Vereinspokale und ausgefransten Baumwolldeckchen auf den Tischen – passé. Vor allem die unsäglichen Eichenkronleuchter waren von der Decke verschwunden und durch eine indirekte Beleuchtung ersetzt worden. Dazu modernes Mobiliar aus trendigem Teakholz. Johnny hatte Geschmack.
Und, das gestand sich Sophia ein, er war ein Grund für ihre Mitgliedschaft im Musikverein. Seine immer etwas spöttischen Kommentare zu den dörflichen Ereignissen verwandelten das normale Geschehen in eine Art amüsantes Kabarett.
Lustlos zappte Sophia sich durch das Fernsehprogramm, sie hatte die Wahl zwischen zwei Kochsendungen, Nachrichten und einer Liebes-Soap. Trostlos.
Schließlich raffte sie sich auf und entschloss sich, noch das Material für das anstehende Kunst-Referat im Internet zu recherchieren: Die Gegenüberstellung von Impressionismus und Expressionismus.
Sie hatte eine gute Stunde, bevor die Auffrischungsmaßnahmen für den Abend sie voll in Anspruch nehmen würden.
Mittwoch, 19. April, abends
Das Internet. Welch eine grandiose Erfindung! Sophia liebte das Hin-und-Her-Geworfenwerden auf unerwartete Seiten. Wie von selbst boten sich überraschende Zusammenhänge an und weckten die Neugier, auch noch die nächste angezeigte Website aufzusuchen … wie Rotkäppchen, das immer dachte, weiter hinten im Wald blühe eine noch schönere Blume.
Mist! – das Referatthema hatte sie nach ein paar Klicks aus den Augen verloren … der Wolf würde also die Großmutter fressen. Herrje, Oma! Total vergessen. Sorry, Oma, see you tomorrow.
Die nächste halbe Stunde sollte ihr selbst gehören, schließlich musste sie sich auf den Abend vorbereiten.
Im Bad schaute Sophia ihr Spiegelbild kritisch an.
Hi, Sophia Rosenhaag. Sie mochte ihren Namen. Und gemessen an den Topmodels aus den TV-Serien war sie eigentlich doch recht zufrieden mit sich. Bis auf die Pickel, die Haarfarbe, die Hüfte, die Fingernägel, die Länge der Haare, die Haltung, das Zahnweiß, die Lippen, die Größe, den Po, die Bräune … Es war nicht einfach, 17 Jahre alt und in Johnny verknallt zu sein. Also los!
Sophia packte ihre geliebte Sammlung an Kosmetik und Haarspangen aus und stöpselte ihr Handy an die Boxen, die auf dem Regal neben dem Spiegel standen. Was sollte es heute werden? Smokey eyes? Nein, dadurch sah man bloß deutlicher, wie extrem blass sie war. Lippenstift? Würde nur Instrument und Gläser verschmieren. Also griff sie nach dem Concealer. Doch sogar mit einer doppelten Schicht würde sie diese verdammten Augenringe nicht überdecken können. Das Make-up verdunkelte Sophias Haut längst nicht so stark wie sich ihre Laune verdüsterte, als sie feststellte, dass ihr Lieblingskajal mal wieder fehlte. Dann also Eyeliner. Normalerweise funktionierte sie den Kajal für einen schmalen Lidstrich um, denn die schwarze Paste des Eyeliners, die an dem kleinen Pinsel klebte, war ihr öfter als einmal schmerzhaft ins Auge geraten. Sophia lehnte sich zum Spiegel hin und beobachtete interessiert, wie sich ihre Pupillen den neuen Lichtverhältnissen anpassten. Dann setzte sie den Eyeliner vorsichtig an der inneren Ecke des Augenlids an. Sie schaffte es bis zur Mitte, bevor sie von dem Puderstaub in der Luft niesen musste und mit dem Pinsel eine Art indianische Kriegsbemalung auf ihrer Wange hinterließ.
»For God‘s Sake!«, schimpfte sie und war kurzfristig gewillt dem erbärmlichen Leben des Eyeliners ein Ende zu setzen. Doch, nein, nein, heute sollte ein guter Abend werden. Sie entfernte die schwarzen Streifen und zwang sich zu einem Lächeln. Wenigstens sind meine Zähne schön gerade, stellte sie fest, während sie ein stilles Dankgebet an ihren Kieferorthopäden sandte.
»What doesn‘t kill you makes you stronger«, tönte es aus den Lautsprechern.
»Recht hast du«, nickte Sophia mit neuem Mut und schlich sich in geheimer Rettungsmission zum Zimmer ihrer Eltern, um den Kajal ihrer Mutter zu stibitzen.
Nachdem sie das Schönheitsprogramm durchlaufen hatte, wirkte sie gute zwei Jahre älter, war konform gestylt und fühlte sich der Begegnung der Woche gewachsen.
Zunächst stand ihr allerdings die Probe des Musikvereins bevor.
Sie spielte erstes Alt-Saxofon, worauf sie, nach einem Jahr Unterricht, ziemlich stolz war.
Wenn sie ehrlich war – und sie war meistens ehrlich zu sich – kam ihr die Unterstützung ihres Pult-Kollegen nicht ungelegen. Timo war zwar schüchtern und absolut nicht ihr Typ, aber enorm nützlich. Immer hatte er den Notenständer bereits aufgebaut, der Bleistift lag vorschriftsmäßig gespitzt in greifbarer Nähe und ein Magnet hielt den erforderlichen Radiergummi vom Verschwinden ab.
Timo saß längst spielbereit hinter seinem Pult, als Sophia gut gelaunt den großen Saal in der Bürgerhalle betrat und einige der Musiker begrüßte. Der erste Posaunist drückte ihr gleich einen Zettel in die Hand: »Die kommenden Auftrittstermine!« Die Blechbläser waren einen Schritt weiter und organisierten schon ihre Fahrgemeinschaften zu den einzelnen Events. Ein Durcheinander aus lebhaften Gesprächsfetzen und einigen Tonleiterpassagen erfüllte den Probensaal. Bald erklangen die unvermeidlich quäkenden Anblasversuche noch trockener Klarinettenmundstücke. Zeit für den Dirigenten, in die Hände zu klatschen – das Startsignal für alle.
»Hi, Timo«, grüßte Sophia lässig und nestelte betont konzentriert ihr Mundstück zurecht. So musste sie auf Timos Lächeln nicht reagieren. »Schon wieder Stevie-Wonder-Medley?«
Timo räusperte sich verlegen. »Ja, ich habe den letzten Teil schon vier Stunden geübt und die Stelle immer noch nicht in den Fingern!«
Gott sei Dank! Gut so! Dann würde es also nicht auffallen, dass sie die Noten seit dem letzten Mal nicht angeguckt hatte.
Während der Probe wuchs Sophias Anspannung.
Vor ihrem inneren Auge tauchte Johnnys schlaksige Gestalt auf, seine schnellen Bewegungen hinter der Theke, wenn er die Gläser füllte, der wachsame Blick der grau-blauen Augen, der grau-blauen Augen, der grau… – »Gis«, flüsterte Timo.
»Was?« Sophia kehrte für einen Moment in die Gegenwart zurück, doch der Achtellauf in ihren Noten verlangte volle Aufmerksamkeit und verhinderte eine Antwort. Heute Abend würde sie sich keine Apfelsaftschorle best- »Gis!«, wiederholte Timo eindringlich.
Nervensäge! Wen interessierte denn schon, ob – »Gi-his! Wir sind in A-Dur!«
Dieser Nerd nahm tatsächlich den Bleistift und kritzelte das übersehene Vorzeichen in die Noten. Sophia steigerte sich in einen Hustenanfall und verließ eilig den Probenraum, um Timos scharfem Gehör zu entkommen.
Heute Abend sollte sich entscheiden, ob Johnny sie überhaupt wahrnahm, ob sie eine Chance bei ihm hatte – ja, ob das Leben in diesem verlorenen Nest einen Sinn hatte.
Sie lehnte sich an die Wand im Flur und versank aufs Neue in ihrem Tagtraum.
»Geht es wieder besser?«, hörte sie plötzlich Timos besorgte Stimme hinter sich. Dass er ihr gefolgt war, hatte sie nicht bemerkt. Sie stöhnte heimlich, nickte und schickte ihn mit einem genuschelten »Komme gleich« in den Probenraum zurück. Nur nicht gemeinsam mit Timo wieder dort aufkreuzen.
Dann riss sie sich zusammen und folgte Timo nach ein, zwei Minuten, einem angemessenen Sicherheitsabstand.
Endlich war die Probe zu Ende und damit ihre Qual. Beim Einpacken zog Sophia den Wischer nur flüchtig durch das Instrument. Sie wollte unbedingt als eine der Ersten im Pub ankommen, um noch einen Platz an der Theke zu ergattern. Sonst würde es sich nicht vermeiden lassen, sich an den Tisch mit den anderen Jugendlichen aus dem Verein – also mit Timo und Co – zu setzen, Apfelsaftschorle zu schlürfen und Schulgespräche mit anhören zu müssen.
Nein danke, kein Bedarf. Sophia wollte mehr.
Johnny sah umwerfend aus. Er hatte die Ärmel seines weißen, locker über die Hose hängenden Hemds aufgekrempelt und beherrschte die Zapfhähne und Regale wie das Spiel auf einer Orgel, ohne hinzuschauen. Während er mit traumwandlerischer Sicherheit nach den richtigen Flaschen und Gläsern griff, ließ er trockene Bemerkungen zu den nach und nach eintreffenden Gästen fallen. Johnny war der unangefochtene Star seines Pubs, der Anziehungspunkt für alle im Dorf, die sich abends noch die Stunde außer Haus gönnten.
Für Johnny selbst war die Kneipe ein Hobby. Ansonsten arbeitete er in der Bankfiliale des Ortes.
Keiner charakterisierte die Dorfbewohner so treffend, keiner kommentierte diese übersichtliche Welt so spannend – und deshalb wollte niemand Johnnys Sprüche versäumen.
»Hallo Häkchen!« Er grinste Sophia entgegen, die die Weite ihres Minirocks unterschätzt hatte und sich etwas umständlich auf den Barhocker hievte. Nur nicht einschüchtern lassen – war die Devise. Immerhin hatte er sie begrüßt. Wenn sie das ›Häkchen‹, zu dem er ihren Nachnamen verunstaltet hatte, auch eher mit zusammengebissenen Zähnen schluckte.
Während sie überlegte, wie sie möglichst souverän ihr Bier bestellen sollte, schob ihr Johnny ein bereits gefülltes Glas zu.
»Bisschen wenig Schaum«, imitierte Sophia die typische Beschwerde der Musiker nach der Probe über ein zu früh Gezapftes.
»Geht auch nicht mit Apfelsaftschorle«, gab Johnny amüsiert zurück, »sieht aber besser aus! So an der Bar!«
Sophia schoss die Röte ins Gesicht, ohne dass sie dagegen etwas hätte tun können. Um Johnny nicht anschauen zu müssen, wollte sie aus dem Glas trinken und verschluckte sich dabei elendiglich. Sie prustete das Getränk durch Mund und Nase wieder aus, zurück ins Glas und über die Theke, bis ihr die Tränen in den Augen standen. Der Husten schüttelte sie und nahm ihr fast den Atem. Röchelnd versuchte sie, die Luftröhre freizubekommen, ihr Brustkorb schien platzen zu wollen und der Hustenreiz wollte kein Ende nehmen.
Sie nahm ihre Umgebung kaum noch wahr, hörte nur Johnnys kühle Stimme: »Na ja, aller Anfang is halt schwer«, als sie Timo bemerkte, der sie am Arm fasste und nach draußen führte.
»Vielleicht hast du dich erkältet«, meinte Timo mitfühlend. »Das ist heute schon der zweite Anfall …«
»Kümmer’ dich um deinen eigenen Kram«, zischte Sophia und riss sich los.
Die Verzweiflung erfasste sie mit voller Wucht. Was für eine Blamage! Wie sollte sie Johnny je wieder unter die Augen treten? Sie hörte bereits seine bissigen Bemerkungen, die sie so liebte, wenn sie andere betrafen: Vielleicht hilft dir ja ein Strohhalm beim ersten Bier! Aus dem Glas trinken will gelernt sein, bevor man sich von der Mutterbrust löst. Das lernt man nicht in der Schule …
Zu allem Überfluss erschien nun auch noch Linda!
»Johnny meinte, ich sollte mal nach dir schauen. Ob alles okay ist und so.«
Sophia hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Morgen würde das ganze Dorf über ihren peinlichen Auftritt Bescheid wissen. Linda-Liebling, die zurzeit Johnnys besondere Aufmerksamkeit genoss, würde diese Szene Johnny und allen anderen ausmalen, wie es ihr in den Kram passte.
Sophia konnte die Fassung nicht länger wahren. Sie ließ ihr Instrument im Stich und rannte ohne Jacke und Tasche nach Hause, wo sie sich in ihr Zimmer einschloss, aufs Bett warf und den Tränen hemmungslos freien Lauf ließ.
»Verdammte Scheiße!«, fluchte sie in ihr Kissen. Am liebsten hätte sie sich gleich unter dem Berg aus unaufgeschütteltem Plumeau, Kissen und Decken vergraben. Wieso passierte immer ihr so etwas? Warum konnte sich nicht ein einziges Mal alles nach ihren Wünschen fügen?
Sie schleuderte die hohen Schuhe in die Ecke und den unbequemen Minirock gleich hinterher. Nicht einmal die Energie, ins Bad zu gehen, brachte sie mehr auf. Ich werde sowieso niemals eine so schöne Haut wie diese dämliche Linda haben, dachte Sophia zerknirscht. Warum also Zeit verschwenden mit Peeling, Cremes und Lotionen?
Sie zog sich ihr Schlafshirt über und kroch ins Bett. Erschöpft tastete sie nach dem Lichtschalter und wartete auf den Schlaf, der die Schande des Abends wenigstens bis zum Morgen ungeschehen machen würde.
Durch ihre geschlossenen Lider blinkte ein Licht aus nächster Nähe vor ihrem Bett. Unregelmäßig. Grün. Rot. Entnervend! Mit einem grimmigen Knurren raffte sich Sophia wieder auf. Sie hatte vergessen, den Laptop herunterzufahren und jetzt blinkten sowohl die Internet-Kontroll-Leuchte als auch der Akku-Status. Gähnend und fröstelnd wartete sie darauf, dass das Gerät aus dem Stand-By-Modus hochfuhr. Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie kramte schnell aus dem Kleiderschrank einen Bademantel hervor.
Gedankenverloren betrachtete Sophia ihr Bild im Spiegel der Schranktür …
Der Fingerabdruck-Scanner blinkte auf. Sie meldete sich an.
Als Letztes war sie auf der Website eines Mädchens hängen geblieben, das alle seine Probleme in einen Blog schrieb.
Mein Gott, warum benutzt nur jeder Facebook oder seine Website als Tagebuch?, ging ihr durch den Kopf. Sicher, es half, seine Gedanken aufzuschreiben. Diese Erfahrung hatte sie auch gemacht. Doch sie würde niemals so weit gehen, ihre innersten Gefühle für alle Welt zu veröffentlichen.
Sie wollte gerade eines der ständigen Werbe-Pop-Ups wegklicken, da hielt ihre Hand über der Maus inne.
Dein persönliches Online-Tagebuch!
Erhalte deine Erinnerungen! Verarbeite deine Sorgen!
Ganz privat und ohne namentliche Anmeldung!
»Was man nicht so alles findet.« Leicht verächtlich schüttelte Sophia den Kopf, in Anbetracht ihrer Sorgen, die nun wirklich größer waren als die lächerlichen Kinderstreitereien dieses Mädchens aus dem Blog. Trotzdem neugierig geworden klickte sie auf den Link.
Eine schön designte Website öffnete sich.
Alles und jeder um dich herum nervt dich?
Du hast niemanden, mit dem du reden kannst?
Alle erwarten zu viel von dir?
Du weißt einfach nicht mehr weiter?
Schreibe dich jetzt frei von allen Sorgen und lass deine Welt einmal nach deinen eigenen Vorstellungen laufen.
Sophia blickte nun doch interessiert auf den Text. Konnte diese Site ihre Gedanken lesen? Sie suchte nach einer Zahlungsaufforderung, doch der Service war offenbar gratis. Achselzuckend schaute sie auf den Wecker, der 23.00 Uhr anzeigte. »Warum nicht?«, sagte sie zu sich selber und gab kurz entschlossen Benutzernamen und ein Passwort ein.
Vielen Dank für deine Anmeldung bei biografuturo!
@ Was ist heute passiert?
Dieser Satz erschien über einem Eingabefenster mit blinkendem Cursor.
In neu aufwallendem Frust schrieb Sophia alle Geschehnisse des Tages und besonders die des Abends auf.
Dass sie Johnny aber auch unbedingt hatte beeindrucken wollen! Wie blöd von ihr zu glauben, sie hätte eine Chance. Dafür hatte sie jetzt Timo am Hals! Der mit seinem Mitleid-Getue konnte ihr gestohlen bleiben. Und die Krönung des Ganzen war ja wohl Linda gewesen. Gott sei Dank hatte keiner Sophia weinen sehen. Auch Mama und Paps nicht. Das ersparte peinliche Nachfragen.
Was jetzt? Aufgeben? Weltuntergang? Sie musste unwillkürlich an den Film über den Vulkanausbruch in der Eifel denken, den sie letztes Jahr mit Julie im Kino gesehen hatte, und konnte dabei schon wieder leicht grinsen.
Vielleicht sollte ich auswandern, dachte sie trotzig.
Sie beendete den letzten Satz und fühlte sich irgendwie erleichtert. Das Datum auf Sophias Laptop ging einen Tag vor und zeigte bereits Donnerstag, den 20. April an. Weil sie zu müde war, alles zu kopieren und neu zu speichern, beließ sie es bei dem nicht korrekten Datum. Welchen Unterschied machte es schon? Seit sie den Laptop bekommen hatte, konnte sie mit dieser falschen Werkseinstellung leben …
@ Wie soll es weitergehen?
Die Frage leuchtete nun in grünen Buchstaben in einem zweiten Fenster, das sich geöffnet hatte, nachdem der erste Text abgeschickt worden war.
Sophia stutzte. Wie war das gemeint: Wie soll es weitergehen?
Dass sie sich die Zukunft in ihrer Fantasie ausmalen sollte?
Noch während sie dabei war zu überlegen, wie ihre missliche Situation wieder auszugleichen war, spürte sie, wie die Müdigkeit endgültig von ihr Besitz ergriff. Sie klappte den Laptop zu und kuschelte sich zurück in die Kissen. Nach wenigen Minuten war sie eingeschlafen.
Donnerstag, 20. April
Gedankenverloren schlenderte Sophia am Donnerstagnachmittag an der Kirche vorbei Richtung Ortsende und erreichte einen Bauernhof, der nicht mehr bewirtschaftet wurde. Hier wohnte Oma Rosie, die Mutter ihres Vaters.
Eigentlich hieß sie Helene. Doch mit ihrem richtigen Vornamen konnte sie sich nicht anfreunden. Sie fand, Rosie war eine nette Abkürzung ihres Nachnamens, der viel besser zu ihr passte. »Ich bin schließlich nicht die fromme Helene von Wilhelm Busch«, antwortete sie, wenn sie mit ihrem offiziellen Vornamen angesprochen wurde. Wenn Sophia sie damit aufzog, dass ›Rosie‹ auch nicht eben für eine coole Frau stand, die »einer gewissen Intellektualität« nicht abgeneigt war – wie ihre Großmutter sich gern ausdrückte – verteidigte sie sich: »Rosenhaag – den Namen liebe ich – und alles, was daran erinnert!«
Die Haustür stand offen und Sophia hörte von draußen die Küchenmaschine laufen, mit der Oma Getreide mahlte. Sie selbst war nicht zu sehen.
»Hallo?«, rief Sophia ins Treppenhaus, »Oma!«
Sie wurde aber nur von Kater Slipper begrüßt. Ihre Oma liebte den Kater wegen seiner Gewohnheit, sich wie ein runder Pantoffel um ihre kalten Füße zu legen, wenn sie sich mal wieder wegen ihres Rheumas kaum bewegen konnte. Slipper schnurrte Sophia um die Beine und maunzte seltsam erbärmlich. Sophia kraulte sein flauschiges Fell hinter den Ohren.
Ihre Großmutter war durch das Küchenfenster auf der Terrasse zu sehen, wo sie gerade eine Tai Ji-Übung abschloss.
Danach kam sie zur Hintertür herein und erklärte ohne Begrüßung: »Ich habe koreanisch gekocht und Slipper hat von der Sauce etwas aufgeschleckt. Ziemlich scharfes Zeug. Rumort jetzt in seinem Inneren herum.« Sie öffnete ihren Kühlschrank, den sie regelmäßig mit einem kräftigen Schlag auf den Thermostat dazu animieren musste, weiter zu kühlen. »Ein paar Brocken Weißbrot in Milch könnten vielleicht helfen. Dir vielleicht auch! Wie geht’s den Bronchien?«, wandte sie sich an ihre Enkelin.
Sophia erblasste. »Du weißt es schon? Steht es auch in der Zeitung?«, fragte sie mit sarkastischem Unterton.
»Meine liebe Fee, wir leben hier in einem Dorf. Da müsstest du doch wissen, dass die Buschtrommel schneller ist als das Licht! Ich soll dir von Johannes gute Besserung wünschen. Sieht übrigens gut aus, der Junge. Und dein Bier habe ich bezahlt, – zusammen mit ’nem bisschen Trinkgeld.«
Sophia schoss die Röte ins Gesicht. Sie hatte gestern ganz vergessen, ihr Getränk zu bezahlen. Aber … »Bier?«
»Keine Sorge, ich petze nicht!« Mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck stellte Oma die Küchenmaschine ab.
Ich soll dir von Johannes gute Besserung wünschen, echote es in Sophias Kopf.
»Magst du Knubbelkuchen?« Das war typisch Oma. Themenwechsel in atemberaubender Geschwindigkeit. Man kam ihren Gedankensprüngen nur schwer hinterher. Und für viele Dinge hatte sie ihre eigenen Bezeichnungen. Das Wort »Muffin« mochte sie nicht. Also hatte sie einfach ein anderes dafür erfunden.
Vorsichtig erkundigte sich Sophia: »Scharf?«
Oma lachte und schüttelte den Kopf: »Zuckersüß, liebe Zuckerfee, mit Stevia gebacken!«
Sophia hatte keine Ahnung, wovon die Rede war, aber das würde sich sicher bald aufklären. Wahrscheinlich hatte Oma wieder etwas Neues aus einem Artikel in einer Zeitschrift erfahren.
Frau Rosenhaag senior war in Gedanken ein Wirbelwind. Immer las sie mindestens drei Bücher gleichzeitig, die im Haus an verschiedenen Stellen deponiert waren. In verschiedenen Sprachen und über die verschiedensten Themen.
»Ich kann mich trotz meines Alters immer noch nicht entscheiden, was ich in der Welt am interessantesten finde«, sagte sie oft entschuldigend beim Anblick ihrer Bücherberge. Wenn man den Tisch in der Küche decken wollte, musste man zuerst den Sternenglobus und die Himmelsscheibe von Nebra vom Nervensystem des Aals trennen und die Heimatsagen auf die Philosophie Kants stapeln, um Platz für Tassen und Teller zu finden. Das alte Gewürzregal diente gleichzeitig als Medizinschrank, und in den Zimmerecken stritten sich menschengroße Stabpuppen mit dem Küchenbesen um den besten Platz.
Sophia ahnte, dass die Dorfbewohner die eigenwillige Frau, die erst vor ein paar Jahren hierher gezogen war, mit Skepsis betrachteten, passte sie doch in keine der üblichen Denk-Schubladen. Zwar war sie ständig am Herumwuseln, erreichte aber trotz aller Geschäftigkeit so gut wie nie, dass die Küche wirklich aufgeräumt war. Von der Abfolge der Jahreszeiten wurde sie stets aufs Neue überrascht. Wenn sie kurz vor Ostern die Weihnachtsbeleuchtung vom Balkon abnahm, konnte sie sich nicht genug darüber wundern, wie schnell die Zeit verging.
Trotzdem war es ihr gelungen, sich innerhalb des Dorfes einen gewissen Respekt zu erwerben. Denn Oma Rosie konnte eine Sache in besonderem Maße: Zuhören.
Bereits innerhalb kürzester Zeit war sie mit den Lebensumständen ihr vorher fremder Menschen vertraut, erahnte Schwierigkeiten unter Eheleuten oder zwischen Kindern und Eltern, lenkte Gespräche oft so, dass mancher selbst eine Lösung für sein Problem fand.
Oma Rosie verschenkte Zeit. Und das wussten die Menschen zu schätzen.
»Ich glaube, ’s wird besser«, sagte sie nun mit einem Blick auf Slipper, der sich auf der Couch zusammengerollt hatte. Die Nachmittagssonne, die durch das Fenster ins Zimmer leuchtete, schien Slipper in seinem Fell zu speichern. Für einen Moment herrschte absolute Stille und Sophia genoss wieder einmal diese Insel der Gelassenheit in ihrem sonst so getriebenen Alltag.
»Ach ja«, fiel ihr plötzlich ein. »Mama hat mir gesagt, du hast angerufen. Was gibt es denn?«
Ihre Großmutter konnte einen frisch geschlüpften Schwalbenschwanz für ebenso dringend mitteilenswert halten wie einen neu gekauften MP3-Player, den sie aus heiterem Himmel für notwendig hielt. Sich mit ihr zu unterhalten, war ein bisschen wie Surfen im Internet. Diese moderne Errungenschaft hatte die alte Dame längst in ihr Leben integriert und verstand mühelos das weltweite Netz zu durchstreifen. Trotzdem nannte sie das Internet die »falsche Welt« und hätte nicht einen Cent dem Online-Banking anvertraut, das ihre Bank ihr ständig nahe legte. »Mein Geld ist Privatsache. Solche sensiblen Dinge erledigt man am besten auf dem üblichen Weg«, war ihre Meinung.
»Du magst doch schwarz und weiß, so als Design-Elemente?«, erkundigte sie sich jetzt bei ihrer Enkelin.
Wie seltsam sich das bei dieser Generation anhört, fand Sophia. »Ja klar, aber ab und zu soll schon ein Farbtupfer dazukommen.«
»Hm, also schwarz und rot wären eine gute Kombination?«
»Ja, absolut stark«, begeisterte sich Sophia. »Irgendwie magisch. Denk mal an Musical-Plakate!« Sophia kaute an einem Muffin.
Oma stand vom Tisch auf und öffnete den Garderobenschrank im Flur. Sie zog einen Kleiderbügel aus dem völlig überfüllten Schrank und entfernte eine Schutzfolie.
»Schau mal!«
Sophia erhob sich ebenfalls und kam neugierig näher. Zunächst erkannte sie nur ein schwarzes Etwas in ziemlicher Länge. Eine dunkelrote, aus leicht irisierendem Garn gestrickte Rose links oben auf der Vorderseite zog sofort ihren Blick auf sich.
»Das Teil hab ich gestrickt. Aber wenn du es nicht magst, bin ich nicht enttäuscht. Das Stricken hat mir einfach Freude gemacht und ich habe dabei viel an dich gedacht. – Hm. Vielleicht ein bisschen zu viel. Deshalb ist es auch so lang geworden. – Ich weiß, ihr jungen Mädchen heute habt einen anderen Geschmack, sexy und eng, oder so ähnlich.«
Sophia grinste. Oma war einfach süß. Die Diät-Versuche der Enkelin mit dem Ziel Kleidergröße 34 scheiterten in der Regel an Omas »Wünsch-dir-was-Aufläufen« oder den berühmten »Mosaik-Pizzen«, die Frau Rosenhaag eckenweise nach den verschiedenen Geschmacksvorlieben ihrer Gäste belegte.
»Danke«, sagte Sophia gerührt, »der Pullover ist super. Und erst die tolle Rose!«
»Sei froh, dass du nicht Hirschgeweih mit Nachnamen heißt!«, neckte Rosie ihre Enkelin.
Sophia wollte ihrer Oma einen Gefallen tun und schlüpfte in den viel zu großen Pullover. Sie war selbst überrascht, wie wohl und frei sie sich in der weichen Wolle fühlte. Wirklich schade, dass sie dieses Teil nicht in die Schule anziehen konnte. Aber für zuhause war es genau das Richtige zum Relaxen. Ein leichter Kuss aufs Ohr belohnte Oma, die nun doch fast ein wenig aufgeregt die Anprobe verfolgt hatte.
»Passt eigentlich ganz gut. – Und dazu rote Enghosen«, meinte Oma Rosie anerkennend. Für das Wort »Leggins« wählte sie lieber ihre Eigenkreation.
Gut gelaunt tranken die beiden noch einen Kakao und Sophia nutzte die Gelegenheit, ihr Referat zur Sprache zu bringen. Im Handumdrehen steuerte Oma interessante Informationen zum Thema Impressionismus bei, kombinierte Texte und Bildbeispiele und lieferte sogar eine vernünftige Gliederung für Schulzwecke mit. Sophias Leben schien wieder in Ordnung zu kommen.
Als sie sich schließlich mit einer Tüte frisch gemahlenem Mehl und zehn Eiern auf den Heimweg machte, war es schon empfindlich kühl geworden und so ließ sie den neuen Pullover an.
Zuhause saß ihre Mutter wie üblich an einer Näharbeit, offenbar ein luftiges Coctailkleid.
»Ta daaaa!« Mit einer schwungvollen Model-Drehung betrat Sophia das Nähzimmer ihrer Mutter und präsentierte mit ausgebreiteten Armen Omas Werk. Den skeptischen Blick ihrer Mutter beantwortete sie, bevor diese sich äußern konnte: »Geschenk von Oma, selbst gestrickt.«
»Nett von ihr«, antwortete Karen Rosenhaag diplomatisch.
»Lass mich raten: zu weit, zu lang, zu schwarz!« Ihre Mutter schaute sie belustigt an. »Dir gefällt er also?«
»Jaaa«, meinte Sophia gedehnt, »für zuhause ist er doch ganz gemütlich und man muss nicht immer den Bauch einziehen!«
»Ahh! Das erinnert mich an meine Theaterschneiderei.« Ihre Mutter unterbrach für einen Moment ihre geschickten Stiche mit der Nähnadel. »Meine Opern-Diven gaben aus Eitelkeit oft eine falsche Konfektionsgröße an und hatten grundsätzlich nie Zeit, zur Anprobe zu erscheinen. Und dann musste in letzter Minute vor dem Auftritt noch die Taille angepasst werden.«
Nach der Geburt ihrer Tochter hatte Sophias Mutter die Stelle am Theater aufgegeben, da die Arbeitszeiten nicht zu einem Familienrhythmus mit Baby passen wollten.
Ihren Sinn für Mode aber hatte Karen Rosenhaag keinesfalls an den Nagel gehängt. Im Gegenteil. Inzwischen hatte sie sich einen Namen im Dorf und der Umgebung gemacht. Sie war bekannt für geschmackvolle Abendkleider, die sie für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten entwarf. Jeder wusste, dass er gut beraten war, ihren Vorschlägen, was Farbe, Stoff und Schnitt anging, zu folgen.
»Hm. So sehr ich Oma Schwiegermama schätze, dieser Pullover ist ein – Unikum.«
Sophia hatte die Reaktion ihrer Mutter vorausgesehen und spielte die Empörte. »Aber Mama!«
»Wenn Mimi in La Bohème einen solchen Pullover besessen hätte, wäre sie vermutlich nicht elend an Lungenentzündung gestorben und eine der schönsten Opern wäre nie geschrieben worden«, schloss Karen Rosenhaag ihr Urteil ab. In Sophias Augen ein zu verschmerzender Verlust. Sie teilte die Leidenschaft ihrer Mutter für diese Art Musik nicht.
»Übrigens, Timo hat dein Saxofon vorbeigebracht.«
»Ah ja, nett von ihm«, reagierte nun auch Sophia ohne große Begeisterung.
»Ich finde, er ist wirklich ein netter Kerl. Aber bis jetzt fällt ja wohl jeder Junge erbarmungslos durch dein Kriterienraster.«
Sophia rollte mit den Augen und wollte dieses Thema beenden. »Wenn sich Mimi in La Bohème einen ›netten Kerl‹ gesucht hätte anstatt diesen Möchtegernkünstler, wäre sie wahrscheinlich nicht krank geworden und eine der schönsten Opern wäre nie geschrieben worden«, konterte sie trocken.
Mama gab sich geschlagen. Sieg nach Punkten!
Donnerstag, 20. April, etwas später
Gut gelaunt ging Sophia in ihr Zimmer und stellte erfreut fest, dass ihr Laptop noch eingeschaltet war. Sie wollte dringend die neuen Informationen für ihr Projekt zum Impressionismus aufschreiben, sonst würden die Eindrücke, die sie bei Oma gewonnen hatte, schnell verblassen.
Als sie das Gerät aus dem Stand-by-Modus erlöste, öffnete sich sofort die letzte Browsersitzung.
@ Wie soll es weitergehen?
Die grünen Buchstaben wirkten verheißungsvoll. Bis jetzt hätte es kaum besser weitergehen können, stellte sie für sich selbst fest: ihre Oma, die immer für alles eine Lösung wusste; Timo, der ihr, abgesehen davon, dass er nervte, Instrument, Noten und Jacke vorbeigebracht hatte; und nicht zuletzt Johnny, der sich zu einem gewissen Grad für sie zu interessieren schien. Wenn da bloß nicht Linda wäre.
Linda … die störte ganz einfach.
Na, das war doch einen Versuch wert. Sophia begann zu schreiben.
@ Am nächsten Tag kam Linda zu Johnny in die Wohnung. Sie sah nicht sehr erfreut aus, als sie die Gitarrenklänge aus seinem Zimmer hörte.
Sophia biss sich auf die Lippe. Sie wollte nicht fies sein, doch jeder wusste, dass Linda sich kein Stück für Musik interessierte. Daher hatte Sophia nie verstanden, wie Johnny und sie miteinander klarkamen. Für Sophia dagegen war Johnnys Gitarrenspiel reine Inspiration.
@Linda stieß die Zimmertür auf. Johnny saß halb von ihr abgewandt. Die schwarzen Haare fielen ihm ins Gesicht. Er war vollkommen auf sein Spiel konzentriert, über seine Gibson Les Paul gebeugt, die sein Vater in Amerika gekauft hatte.
»Johnny? Johnny?! Johannes! ...« Linda versuchte vergebens sich Gehör zu verschaffen. Das einzige, was sie noch mehr hasste als zu warten, war übersehen zu werden. Entschlossen zog sie den Stecker aus dem Verstärker.
Johnny blickte erschrocken auf. »Sag mal, spinnst du?«, fuhr er sie an. »Weißt du, was der Verstärker gekostet hat?«
Linda blieb unbeeindruckt. Sie hatte das Ding doch bloß ausgesteckt, nicht gegen die Wand geworfen! »Ich schätze mal, du erinnerst dich nicht, dass wir vor einer halben Stunde verabredet waren?«
Johnny stöhnte auf. »Nein, das habe ich total vergessen. Sorry, aber ich kann hier gerade nicht weg. Die Band hat einen Gig am Freitag und ich muss den Akkordübergang hier noch richtig hinbekommen …«
Langsam wurde Linda wütend. »Weißt du was?«, sagte sie, »manchmal glaube ich wirklich, deine dämliche Gitarre ist dir wichtiger als ich.«
Wenigstens hält sie die Klappe, wenn ich Ruhe haben will, dachte Johnny, doch als er das Gesicht seiner Freundin sah, erwiderte er hastig: »Ach Quatsch. Aber es geht jetzt wirklich nicht. Hol dir doch was zu trinken aus dem Kühlschrank und hör’ ein bisschen zu, damit ich weiß, was ich noch verbessern kann.«
Es war als Friedensangebot gemeint, doch Linda fühlte sich auf den zweiten Platz verdrängt. Sie war ihr Leben lang immer die erste Wahl gewesen, hatte von ihren Eltern alles bekommen, was sie wollte. Und in ihren Augen hatte kein Junge der Welt das Recht, sie, das bestaussehende Mädchen des Dorfes, auch nur fünf Minuten warten zu lassen. Wortlos drehte sie sich mit wehendem Haar um und stöckelte zur Tür.
Johnny war versucht ihr nachzulaufen, doch er hatte ihre Eskapaden und Stimmungsschwankungen langsam satt. Also drehte er stattdessen den Volume-Schalter des Verstärkers bis zum Anschlag nach rechts und spielte Good riddance[1], bis er sich tatsächlich befreit fühlte.
Sophia las sich den Text noch einmal durch. Sie musste schmunzeln, als sie sich vorstellte, wie Linda aus der Wohnung lief, vor Zorn ganz pink im Gesicht. Es machte Spaß, die Konkurrenz so aus dem Rennen zu schreiben. Eigentlich hätte sie große Lust gehabt, noch eine Weile weiterzuschreiben, doch da warteten noch Chemie-Formeln und Vokabeln auf sie. Morgen würde sie auch keine Zeit dafür haben, denn freitags unterrichtete sie mit Timo zusammen die neuen Messdiener.
Was ihre Mutter bloß an Timo fand? Sicher war er auf den ersten Blick ganz nett. Aber sie kannte eben seine Pingeligkeit nicht! Sophia wandte sich wieder ihrem Laptop zu.
@ Timo hatte, pflichtbewusst wie immer, seinen Nachmittag mit Hausaufgaben und Üben verbracht. Dabei merkte er nicht, wie die Zeit verging. Als er das nächste Mal auf die Uhr schaute, war es schon vier Uhr. Nun würde er zu spät zur Kirche kommen!
Gerne hätte Sophia noch ein paar Missgeschicke herbeifantasiert, die auch mal Timo und nicht immer ihr passieren sollten, doch als sie auf ihren Wecker schaute, gab sie dieses Vorhaben zunächst auf.
»Verdammt, dieses Referat wird niemals fertig!«, murrte sie.
[1] Song: Good riddance von Greenday; Übersetzung: »Und Tschüss!«
Freitag, 21. April
Am Freitag nach der Schule checkte Sophia ihre Aussichten auf das Wochenende. Es sah trübe aus. Julie hatte sich für den Städte-Kurz-Trip verabschiedet.
Paris! Schön für sie!
Der Wetterbericht war wenig vielversprechend, sodass Sophia ein reines Arbeitswochenende vor sich sah. Und das Referat musste nun wirklich langsam Gestalt annehmen.
Sie hockte sich an ihren Laptop und hämmerte die Überschrift in die Tasten. Dabei erwischte sie gleich zwei falsche Buchstaben und merkte nicht, dass Groß- und Kleinschreibung munter durcheinander gerüttelt waren. Ihr Kopf weigerte sich träge, den berühmten ersten Satz auszuspucken. Minutenlang fixierte Sophia die wenigen Buchstaben, begann mit einer historischen Einführung – und löschte sie gleich wieder. Gähn! Viel zu langweilig. Diese Art Referat ödete doch alle an, am meisten sie selbst. Dabei hatte bei Oma alles so frisch und interessant geklungen.
In einer halben Stunde würde Timo klingeln, um sie zur Gruppenstunde abzuholen. Hätte sie sich doch bloß nicht darauf eingelassen!
Ihr Blick fiel auf den Saxofonkoffer. Da ihr Kopf nicht arbeiten wollte, konnte sie sich ja noch die Medley-Stelle aus Sir Duke ansehen.
Okay, ans Gerät!
Der Kofferdeckel sprang federnd auf und das goldglänzende Instrument lag in blauem Plüschsamt vor ihr. Ihr Launebarometer stieg. Oben auf den ordentlich eingehefteten Noten – Timo! – lag ein Zettel:
@ Hallo Phia, wenn du Lust hast, können wir ja am Wochenende zusammen üben. Gruß T.
Sophia schnappte nach Luft. Was erlaubte sich Timo eigentlich, sie Phia zu nennen?! Das war nur ihren besten Freunden vorbehalten und dazu zählte Timo sicher nicht. Wütend zerknüllte sie den Zettel und feuerte ihn in die Zimmerecke. Dann schlug sie den Deckel wieder zu und ließ sich aufs Bett fallen. Wenn das so weiterging, würde dieser Tag in der Kategorie »Besser nie gewesen« enden – außer einem Mittagsschlaf war ihm nichts abzugewinnen. Und den wollte sie sich jetzt gönnen.
Als sie wieder aufwachte, war es schon kurz vor vier Uhr. Timo hätte sich längst gemeldet haben müssen. Mist! Jetzt auch noch hetzen. Obwohl sie nicht weit vom Jugendheim entfernt wohnte, würde sie zu spät kommen.
Sie hastete los, um den Schlüssel für die Gruppenstunde bei der Gemeindereferentin abzuholen. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Linda, die gerade in eine Seitenstraße einbog. Es hatte den Anschein, als habe sie geweint, aber sogar mit verwischter Mascara sah sie immer noch hübsch aus. Da kam auch Timo angehechelt.
»Mann, da verlässt man sich einmal auf dich!«, fauchte sie ihm entgegen.
»’Tschuldigung, ich weiß auch nicht …«
»Ja, ja, schon gut«, schnitt Sophia ihm das Wort ab, »ich den Schlüssel, du die Kids!«
Timo nickte und spurtete los, um so schnell wie möglich die wartenden Jugendlichen einzusammeln, bevor sie auf die Idee kamen zu verschwinden.
Das Angebot an Jugendarbeit im Dorf war spärlich. Insofern wurde das Engagement der älteren Jugendlichen von den Jüngeren gerne angenommen. So ging es letzten Endes nicht nur um die Messdiener-Ausbildung. Alle Themen, die die Mitglieder der Jugendgruppe bewegten, kamen zur Sprache. Und dabei fühlte sich Sophia dann doch wieder in ihrem Element.
Aber heute fehlte Julie. Sophia vermisste ihre Freundin sehr. Julie sorgte stets für gute Laune. Sie konnte mit einem flotten Spruch jede noch so ernste Situation in ein humorvolles Licht rücken. Julie war einfach cool, während Timo perfekt organisierte, Listen führte, die Getränkekasse abrechnete. Und Sophia, sie …? Ja, was war eigentlich ihre Rolle? Sie verwaltete die Finanzen der Jugendgruppe, sammelte die Mitgliederbeiträge ein und führte ein Konto. Aber ansonsten?
Sophia wollte sich nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen. Nicht heute, an dem Tag, der bisher nur miese Stimmung in ihr verursacht hatte. Also schlug sie die klassischen beliebten Spiele vor und verdrückte sich nach der Gruppenstunde schnell wieder, ohne auch nur ein weiteres persönliches Wort mit Timo gewechselt zu haben.
Julie hatte es gut. Paris! Weg sein. Über die Champs-Elysées flanieren, den Eiffelturm bei Nacht sehen, Espresso im Bistro … Seit einem Jahr dachte Sophia immer wieder über ein Jahr im Ausland nach. Da lockte Australien. Oder Kanada? England wäre auch in Ordnung. Einfach nur raus aus dieser Enge des Dorfes, der Ansammlung von Nicht-Möglichkeiten, der Begrenztheit. Das, was sie als Kind als so beschützend und sicher empfunden hatte, schränkte sie immer stärker ein, je älter sie wurde.
Wenn da nicht Johnny wäre! Ach ja, was war wohl mit der verheulten Linda los gewesen? Das hatte sie ja total verdrängt. Egal. Der Tag war gelaufen. Noch ein bisschen Musik hören und surfen im Internet, vielleicht Saxofon üben, dann war es Zeit fürs Bett.
Sie fuhr den Laptop hoch und ging online.
@ Hi, Phia!
Wie soll es weitergehen?
Diese Frage erschien anstelle der üblichen Startseite. Verwundert schaute Sophia genauer auf den Bildschirm.
Sie war sich sicher, dass sie weder ihren Namen noch ihre Adresse in eine Startseite eingegeben hatte. Als ob etwas in ihrem Inneren sie warnte, zog sie die Hände von der Tastatur zurück.
Was war das?
Steckte jemand hinter dieser Meldung? Und wenn ja, wer? Und wie?
Wer in ihrem Bekanntenkreis besaß die Fähigkeit, in andrer Leute PCs einzudringen und ihre Startseite zu ändern?
Ein Verdacht stieg in ihr auf: Timo? Der heillos schüchterne Timo – nein, unmöglich! – Oder doch?
Wie alles in seinem Leben beherrschte Timo auch die Informatik in genial hohem Maße.
Sie versuchte, sich an ihren Blog-Eintrag zu erinnern, suchte nach einer Datei. Mist! Warum war sie nur so naiv gewesen, darauf zu verzichten, den Text abzuspeichern?
»Anfängerin!«, schimpfte sie mit sich selbst. Sophia wusste nur noch, dass sie Timo eine Verspätung für den heutigen Freitag angedichtet hatte, und er war tatsächlich zu spät aufgetaucht … Hallo Phia … erinnerte sie sich an die Anrede auf dem Zettel im Saxofonkoffer.
So etwas hätte sie Timo niemals zugetraut!
Aber wer sonst hatte Interesse an ihr, an ihren Gedanken?
Sophia schaute sich verunsichert in ihrem Zimmer um. Gab es noch andere Versuche, in ihre Privatsphäre einzudringen? Die Webcam am Laptop? Entsetzt prüfte sie die Kamera. Ausgeschaltet!, stellte sie erleichtert fest.
Regentropfen klopften leise und unregelmäßig an das Fenster. Ihr Klang erschien Sophia plötzlich fremd. Sie nahm das ununterbrochene Rauschen des Kühlsystems am Laptop wahr, das sich merkwürdig mit der Spannung verband, die in der Luft lag.
Dann schüttelte sie die unangenehme Vorstellung, beobachtet zu werden, ab.
Nein, eine Sophia Rosenhaag ist nicht so leicht zu verunsichern. Wer immer du bist, da musst du dir schon mehr einfallen lassen als ein paar technische Tricks.
Sie schlüpfte in den Pullover, den Oma ihr gestrickt hatte, machte es sich auf dem Bett so bequem wie möglich und begann, die Tasten ihres Laptops zu bearbeiten.
@ Hey biografuturo,
du musst ja ein ziemlicher Feigling sein, wenn du es nötig hast, dich hinter einem Pseudonym zu verstecken. Aber bilde dir nicht ein, dass du mich mit so was beeindrucken kannst!
Und übrigens: Am Mittwoch werde ich dir beweisen, dass du keine Chance gegen mich hast!
Für dich immer noch:
Sophia
Sehr mit sich zufrieden packte sie das Saxofon und die Noten aus und nahm sich die schwierige Passage aus Sir Duke vor.
Dir werd’ ich’s zeigen, dachte sie verbissen. Sie wiederholte mehrmals einzelne Griffkombinationen, dann begann sie das Tempo Schritt für Schritt zu erhöhen, bis der Lauf wie von selbst abspulte.
Sophia schrak regelrecht zusammen, als ihre Mutter die Zimmertür öffnete, um sie zum Abendessen zu rufen. So sehr hatte sie sich ins Üben vertieft. Ihre Mutter lächelte: »Timo scheint ja einen ziemlichen Einfluss auf dich zu haben.«
»Kann man so sagen«, murmelte Sophia, hing das Instrument in den dafür vorgesehenen Ständer und ging zum Abendessen in die Küche.
Im Flur fielen ihr die ordentlich abgestellten Schuhe ihres Vaters ins Auge. Er hatte es heute also zum Abendessen geschafft – was selten vorkam.
Es war eine Angewohnheit ihres Vaters, seine Schuhe gleich nach seiner Ankunft zuhause gegen seine bequemen Opa-Pantoffeln auszutauschen. Rot-grün kariert. Das hatte nicht einmal ihre Mutter verhindern können.
Sie begrüßte ihn mit einem fröhlichen »’n Abend, Paps!« und ließ sich einen Teller Spaghetti vorsetzen.
»Hmm!«, rief sie freudig aus. Ihr Lieblingsessen. Sie begann sofort, die Spaghetti mit der Gabel aufzurollen. Mit einem Mal registrierte sie das abgespannte Gesicht ihres Vaters. Offensichtlich arbeitete er wieder an einem besonders problematischen Fall.
»Spaghetti machen glücklich, Papa! So wie du guckst, kannst du zwei Portionen vertragen!«
Peter Rosenhaag schnaubte kurz durch die Nase, wie zur Bestätigung, blieb aber während der Mahlzeit schweigsam. Sophia berichtete munter von ihrem Tag. Sie versuchte ihren Vater durch ihre unterhaltsame Plauderei von seinen beruflichen Sorgen abzulenken. Da er sich stets auf seine Schweigepflicht berief, hatte sie aufgehört, neugierige Fragen zu stellen. Also tat sie ihr Bestes, um ihn aufzuheitern. Dabei geriet auch das Timo-Computer-Problem in Vergessenheit.
Peter Rosenhaag schmunzelte über ihren Eifer.
»Gut, dass ich dich habe, Phia. Wenn Spaghetti die Lösung für alle Probleme wären, würde ich bestimmt ein paar Kilo zulegen.«
Pulsuz fraqment bitdi.