Kitabı oxu: «Kojas Haus der Sehnsucht»

Şrift:

Alois Theodor Sonnleitner

Kojas Haus der Sehnsucht

Mit Bildern von Fritz Jaeger

Zwanzigste Auflage

Saga

Kojas Haus der Sehnsucht

© 1923 Alois Theodor Sonnleitner

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570050

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Blumen der Sehnsucht

Esgibt Blumen, nach denen wir bangende Sehnsucht tragen,

Gefährten von Lust und Leid aus fernen Tagen;

Vergissmeinnicht am schilfumbuschten Rand

Des Dorfteichs, wo das Haus der Ahnl stand,

Die blaue Iris an den Gartenwegen,

Der Nelken duftender Blütensegen,

Der schlichten Ringelblumen Üppigkeit,

Der Lilien, der brennenden Liebe Herrlichkeit,

Die Pappelrosen an den Bienenständen,

Die Bauernröslein an des Hauses Wänden,

Darunter Narzissen, Tulpen und Akelei,

Ranunkeln, Aurikeln und Rockerln in bunter Reih;

Dann der Grossmutter Stolz, beneidete Fensterzier,

Der Passiflora ernstes Blumenbrevier,

Und ach! Die Herzchenblume im fremden Garten,

An dem vorbei in ernsten Wanderfahrten

Die Heimflucht führte in die Welt hinaus,

Als wir verloren Grund und Hof und Haus.

Die Blumen, nach denen wir bangende Sehnsucht tragen,

Sie blühen in uns in des Darbens Tagen;

Sie weisen und treiben in eine Zukunft empor,

In der das Kind erwirbt, was der Vater verlor:

Ein Stückchen eigener Erde mit Garten und Haus,

Wo sammelnde Immen summen ein und aus,

Heimsuchend gastfreundlicher Blüten duftende Pracht

Um Honigseims Trunk und goldigen Pollens Tracht.

Es erschauern, befruchtet vom Bienenflug,

Die Blumen, nach denen die Seele Sehnsucht trug.

Perchtoldsdorf, Haus „Auf der Sonnleiten“, 21. 6. 1921

Kleine Dummheiten – grosse Wirkungen

Mit der Vorsicht eines Einbaumschiffers handhabte der kaum dreizehnjährige Kojaa) die Lattenruder, um seinen Waschtrog am Umkippen zu verhindern, während er im lehmfarbigen Überschwemmungswasser den weitläufigen Hof überquerte, dessen alter Bretterzaun vom schweren Donauwasser vielfach umgebrochen und zertragen war. Er hielt auf den Holzschuppen zu, um das Geflügel zu füttern. Auf der Rückfahrt zum Prokophause fischte er allerlei Schwemmholz auf, steuerte sein schwankes Fahrzeug geschickt durch die offene Haustüre und band es am Stiegengeländer fest. — Er trug das nasse Holz auf den Dachboden und breitete es gegenüber der offenen Dachluke zum Trocknen auf. Aus einem Bretterverschlage, in dem die Ziegen ihren Notstall hatten, trat die Mutter des Knaben, den Milchzuber in der Hand. Das noch jugendliche Gesicht der hochgewachsenen Dreissigerin, in deren nussbraunem Haare an den Schläfen schon weisse Strähnchen schimmerten, wurde von einem Lächeln verschönt, während ein Blick ihrer graublauen Augen das Tun des Jungen lobte. Dann wies sie ihm die wenige Milch im Zuber: „Drei Achtel, mehr ist’s nicht. Die Mucki steht schon trockenb) und hat doch noch acht Wochen zum Werfenc); die Nelli ist brav, die wird wieder Milch geben, bis sie wirft. Aber höchste Zeit ist, dass die Tiere in ihren warmen Stall zurückkommen. Geh’, schau, ob das Wasser fällt.“ — Der Junge sah zur Dachluke hinaus. Weit und breit hin über das ganze Becken der Pöchlarner Ebene bis zu den Höhen des Rerapointer Waldes deckte das Wasser der Donau die Äcker und Wiesen. Es trug vereinzelte Eisschollen und Holztrümmer zutal. Die vom Morgenwind bestrichenen Wellen glitzerten im Widerschein der noch tiefstehenden Sonne, deren Strahlen fern im Osten die langen Fensterreihen der Melker Benediktinerabtei in rötlichen Flämmchen erglühen machten. Versunken in den Anblick der wundersam malerischen Landschaft vergass Koja die Frage der Mutter. Der Strahlengruss des Melker Stiftes erweckte in ihm Betrachtungen und Bangigkeit. Der Lichtjubel der ehemaligen Residenz der Babenberger, in der die Benediktiner ein Gymnasium hatten, stand im Gegensatz zum Unglück, von dem die herrliche Bildungsstätte heimgesucht war. Seit drei Wochen war das Gymnasium wegen des im Konviktd) ausgebrochenen Scharlachfiebers geschlossen. Koja fragte sich, ob nicht mancher der Konviktisten der Seuche erlegen wäre. Und er hatte so viele gute Geschäftsfreunde unter ihnen, die, ohne zu feilschen, ihm seine Dubletten von Insekten, Pflanzen und Mineralien abnahmen, welche er aus dem Ötschergebirg oder aus den Vorbergen des Jauerlings eingetragen hatte. Wohl waren Koja die unverhofften Ferien zur Überschwemmungszeit willkommen gewesen, und er hatte nichts dagegen, wenn sie noch ein paar Tage dauerten, nur sollte keiner der erkrankten Mitschüler sterben. Koja hatte seine Schädelsammlung geordnet, jetzt beschäftigte er sich mit seinen Insekten. Die Scharlachferien hatte er genützt, um sich aus gehobelten Kistenbrettchen drei dicht schliessende, schön umklebte Insektenschachteln mit Glasdeckeln und Torfböden anzufertigen. Jetzt war die alte Sammlung zerklaubt; familienweise staken die Käfer, Schmetterlinge, Immen, Zweiflügler, Netz- und Geradflügler auf Diwanpolstern, Torfplatten und Moderholzstücken und harrten des Einzuges in die neuen schmucken Unterkünfte. — Als sein Blick aus der Ferne den geraden Bahndamm entlang näherstrich, gewahrte er einen endlos scheinenden Lastenzug, der mit Pusten und Keuchen von Melk her auf Pöchlarn zufuhr. Und am Rasen des nahen Bahnhofdammes bemerkte er einen mehr als handbreiten Lehmbelag über dem Wasserrande. Da erinnerte er sich der Frage und rief der Mutter die Antwort zu: „Das Wasser ist seit gestern wieder um eine Handbreite gefallen!“ Mutter Maria aber hatte längst den Dachboden verlassen. Da ging auch Koja hinunter. In der Wohnküche fand er Mutter und Schwester schon beim Frühstück. Agi,e) die um zwei Jahre älter war als Koja und schon als Weissnäherin für die Familie verdiente, hatte ihre Tasse auf das Brett der Nähmaschine gestellt. Sie nahm ihre Mahlzeiten nur so nebenbei ein; sie hatte immer „Post-Arbeit“. Ihre blaugrauen Augen blitzten den Bruder neckisch an, während sie ihm ihr blasses, vom glattgestrichenen Blondhaar umrahmtes Gesicht zuwandte: „Nun, du verträumter Forscher, was hast du denn herausgebracht? Steigt das Wasser oder fällt es?“ — „Es fällt und die Lastzüge verkehren wieder.“ — „Das hat doch der Vater schon gestern abend gesagt, als er aus dem Dienste kam.“ — „Wenn der Vater nur wieder den Lastzügen zugeteilt würde,“ mischte sich die Mutter ins Gespräch der Kinder, „dass er nicht mehr unterm Zugsführer Ratz wäre. Der Mensch ist ihm aufsässig. Er lauert nur auf eine Gelegenheit, ihn bei der Direktion anzuschwärzen. Und der Vater macht es seinem Feinde leicht, ihn ums Brot zu bringen. Die vielen Trinkgelder, die er als Schaffner bei den Personenzügen einnimmt, sind sein Unglück. Bei den Lastzügen wär’ er nüchtern.“ — Kaum hatte Agi ihr Frühstück beendet, als sie die unterbrochene Näharbeit wieder vornahm. Als Koja ihr zu lange beim Kaffee sitzen blieb, drängelte sie, ohne die Maschine rasten zu lassen: „Geh’, mach’ weiter, schau, dass du zu einer Arbeit kommst. Auf ja und nein werden die Scharlachferien um sein. Der Albertf) wird euch in Latein und Griechisch doppelte Lektionen geben, damit er das Versäumte einbringt und der Gabriel wird auch trachten, mit dem Lehrstoff in der Mathematik fertig zu werden. Dann kommst du lange nicht zum Basteln. Die Käfer und Schmetterlinge werden auf den Diwanpolstern verstauben.“ — Da stand Koja mit einem Ruck auf und trank stehend den Kaffee aus. „Jetzt kommt aber auch das Schönste. Das Einreihen ist ein Vergnügen, da vergisst man, dass man sich beim Falzschneiden zum Einlassen der Gläser Schwielen geholt hat.“ Und er machte sich mit freudvollem Eifer darüber. Zwischen grellgrüne Papierstreifen, die den mit weissem Glanzpapier überzogenen Torfboden der Schachteln in Felder teilten, reihte er mit liebevoller Sorgfalt die Käfer familienweise ein, wusch verstaubte Stücke mit einem in Benzin getauchten Pinsel rein, schlug einzelne Artnamen im Calwerg) oder im Karschh) nach und schrieb Etiketten mit Angaben des Ortes und der Fangzeit. Schweigend tat er seine Arbeit und nahm sich kaum Zeit zum Essen. Ab und zu, wenn ihm gerade ein Prachtexemplar unter die Hand kam, hielt er es der Schwester hin, die dann sofort ihre Maschine zum Stehen brachte, um dem Bruder beim Freuen und Bewundern zu helfen. Und so oft ihn die Mutter wegschickte, dass er Holz oder Kohle oder Wasser hole, kehrte er ungesäumt zu seiner Sammlung zurück; so brachte er bis zur Dämmerung die drei Schachteln in Ordnung. Mutter und Schwester waren nicht weniger entzückt als der glückliche Koja. Vom vielen Herumstehen und Bücken steif, räkelte er sich und machte sich zum Ausgehen bereit, um statt der Mutter die Einkäufe für den nächsten Tag zu besorgen. In seinem Waschtrog überquerte er das Wasser zwischen dem Prokophause und der Übleis-Scheune, watete in dem vom abgefallenen Wasser noch zerweichten Grunde nach der Stadt Pöchlarn hinüber, kaufte bei der Übleisin Brot, beim Kaufmann Kainrath am Kirchenplatz Zucker und Zichorienkaffee und kehrte eiligst heim. Nach dem Nachtmahl feierte er in seiner Art. Den schnurrenden Kater Dummerl auf dem Schosse, sass er mit dem neuesten Lieferungsheft der Martinschen Naturgeschichtei) im Lichtkreis der Lampe, die sich Agi auf die Nähmaschine gestellt hatte, und las mit stiller Wonne vom Leben der Tiere. Auch die Mutter war mit ihrem Strickstrumpf in Agis Nähe gerückt. Und der getreue Bullenbeisser Dschogg lag zu ihren Füssen, die breite Schnauze auf ihrem Schuh. Er liess seine braunen Augen von einem zum andern gehen. So waren sie alle um Agi versammelt, für die es noch lange nicht Feierabend war. „Es geht uns jetzt besser, als wir geahnt haben damals in Alt-Paka nach dem Verlust unseres ersten Vermögens und weit besser als unmittelbar nach dem Zwangsverkauf unserer lieben Neudamühle, wo der gute Baumeister Prokop uns hier die Wohnung gab und dem Vater bei der Bahn die Stelle eines armselig entlohnten Verschiebers verschaffte.“ So die Mutter. „Und es wird uns noch besser gehen,“ sprach Agi zuversichtlich, „sobald der Koja fertigstudiert haben wird. Wenn er dann Landarzt ist, pachten oder kaufen wir ein Haus mit Garten, Feldern und Wiesen. Eine Sommerstunde aus der schönen Neudazeit ist mir unvergesslich: Wie ahnungsvoll klang uns damals das Lied der beiden Studenten, das Lied vom ‚Haus der Sehnsucht‘, gesungen von Hans Paul, dem Dichter, und Urban, dem Lautenschläger! Weisst du noch, Mutter, im Schatten unserer Hauslinde, wo die Bienenvölker summten?“ — „Wohl, wohl,“ nickte die Mutter, dann arbeiteten beide schweigend weiter und in ihren Seelen schmolz die Vergangenheit zusammen mit der Gegenwart und einer Zukunft, deren Bilder aus dem Entschwundenen stammten. Als Agi merkte, dass Koja zu lesen aufgehört hatte und sich mit dem Anschauen der Bilder vergnügte, forderte sie ihn auf, ihr aus seinem Lehrbuch der Geschichte weiter vorzulesen, wo er gestern stehen geblieben war. Er las den Abschnitt vom Dreissigjährigen Kriege zu Ende, gähnte auffällig und ging zu Bette. Da legte auch die Mutter ihre Arbeit weg, küsste ihre Tochter auf die Stirne und suchte ihr Lager auf. Jetzt erst machte Agi Feierabend in ihrer Art. Sie holte aus der Tischlade ein Schreibheft hervor und arbeitete an ihrem Auszug aus der Weltgeschichte weiter, den sie vor einem Jahre begonnen hatte. Es war schier abenteuerlich, dass sie sich mit dem Gedanken trug, Lehrerin zu werden. Solange sie für fremde Leute nähen musste, um ihre Lieben vor Verelendung zu bewahren, blieben ihr für ihr Studium nur die Nachtstunden, während sie die Heimkehr des Vaters aus dem Dienste erwartete. Der kam erst gegen Mitternacht, diesmal so schwer berauscht, dass er beim späten Abendessen einschlief, ohne die Suppe ausgelöffelt zu haben. Agi musste froh sein, dass er nicht wie sonst durch überlautes Reden die Mutter aus dem Schlummer störte. Sie liess ihn sitzend schlafen, löschte das Licht und begab sich zur Ruhe. Aber sie konnte noch lange nicht einschlummern. Sie sah es kommen, dass der Vater wegen Trunksucht entlassen wurde. Ob dann Koja trotz dem Freitische im Stift und im Brauhaus weiterstudieren konnte, hing davon ab, wieviel sie mit der Nadel verdiente. Dass er beim Buchbinder Berger, wo er die schulfreien Stunden an vier Wochentagen zuzubringen pflegte, so nebenbei die Handgriffe der Buchbinderei erlernt hatte, erschien ihr als eine schwache Hilfe. Ob er die Kraft aufbrächte, als Buchbindergehilfe sich sein Brot zu verdienen und in der Mussezeit seine Studien fortzusetzen, war ihr fraglich. In ihren Augen war Koja noch ein Kind. Wie lange war es her, dass er im Wasser des Eisenbahngrabens Robinson gespielt hatte? Er war noch nicht reif zum Kampfe gegen die Not. Bei aller Begabung, ein Franklinj) war er nicht. Und Koja sollte doch Arzt werden. Hatte nicht der Oberlehrer Greil gesagt, Koja wäre ein „Besonderer“, für dessen Ausbildung jedes Opfer gebracht werden sollte? Wenn auch frei von Aberglauben, rief sich Agi die Prophezeiung der alten Schwammerliesel als Trost ins Gedächtnis. Das erfahrene Waldläuferweib hatte ja der Mutter vorhergesagt, sie werde nach vielem Leide, nach vielen Wanderfahrten und Tränen grosse Freude erleben an ihren Kindern. So schlief Agi ein voll Zuversicht trotz alledem und alledem.

Am nächsten Morgen prangten die Fenster im Schmucke der Eisblumen. Und unten gefror das Wasser wieder. Der Frost dauerte an. Das Eis wurde tragfähig.

Im Verlauf der nächsten Tage ging mit Koja eine auffallende Veränderung vor: Er verlor seine helle Knabenstimme; was er sprach, klang rauh, heiser und merkwürdig tief. Es mochte wohl sein, dass er „mutierte“. Dann aber hiess es doppelt acht geben, denn die Zeit des Stimmwechsels ist für jeden jungen Menschen eine gefährliche Zeit, in der so mancher sonst kluge Junge grosse Dummheiten macht. Das bedachte wohl die Mutter und warnte ihren Buben vor unüberlegten Streichen. Und er versprach ihr, auf der Hut zu sein.

Für Kojas Segelschlittschuhlaufk) blieb das Eis nicht lange tauglich. Es schmiegte sich an die Hügel des Bodens. Es schmolz. Mancher Schaden wurde sichtbar. Die Deckbretter des Hofbrunnens fehlten und auch die Bohlendecke der Senkgrube war weg. Im Wasser, das ein Meter tief unterm Grubenrande stand, schwamm eine „Rumpel“, und die gehörte der Frau Ratz. Das Wellblech im Holzrahmen des Waschgerätes übte auf Koja den Reiz einer Versuchung. — Es war eine Dummheit, eine kleine Dummheit, dass er dem Reiz nicht widerstand. Wie sein Vater einst mit der langgestielten Fischgabel vom Erlafer Steg hinab die Fische aus dem Wasser gestochen hatte, so wollte Koja mit seiner eisenbeschlagenen Flossstange, die noch vom Robinsonspiel da war, die „Rumpel“ heraufholen.

Erst nach elfmaligem Anstechen des Wellbleches blieb das Gerät an der Spitze haften und wurde von Koja hochgezogen. Da lag es nun, unbrauchbar geworden, und wäre vom Missetäter weit fortgeschafft worden, wenn nicht die Frau Ratz, die vom Fenster aus das Spiel Kojas beobachtet hatte, plötzlich erschienen wäre, um die Rumpel an sich zu nehmen. — Dass sie dem betroffenen Jungen nur einen giftigen Blick zuwarf und, ohne ein Wort zu sprechen, mit der Rumpel im Hause verschwand, hätte Koja wohl veranlasst, die begangene Dummheit erst der Schwester und dann vorbeugend seinem Klassenvorstand zu beichten; aber durch die Rückübersiedlung der Ziegen und die dringlichen Ordnungsarbeiten in Stall und Schuppen wurde er so in Anspruch genommen, dass er die von der angeberischen Frau Ratz drohende Gefahr vergass.

Die Scharlachferien waren vorbei. An einem wundermilden Wintermorgen, der durch leisen, grossflockigen Schneefall verschönert wurde, fuhr Koja wieder zur Schule. — Dass die Seuche überwunden worden war, ohne ein Leben gefordert zu haben, gestaltete den Unterrichtsbeginn zu einem freudigen Wiedersehensfest. Aus lange nicht mehr empfundener Lernfreudigkeit wurde Koja mitten in der Griechisch-Stunde herausgerissen. Der Schuldiener trat in die Klasse: „Der Herr Direktor lassen um den Schüler Kajetan Lorent bitten.“ — Professor Albert schob sich mit beiden Händen die Brille zurecht: „Ja, haben Sie denn schon wieder was ang’stellt?“ — Koja, dem der Schreck die Kehle zuschnürte, bejahte mit einem ruckartigen Kopfnicken, dann stiess er mit gepresster Stimme hervor: „Ich hab’ die Rumpel der Frau Ratz zerstochen.“ — Ein Kichern ging durch die Klasse. Auch Albert musste lächeln. „Die werden S’ halt müssen zum Spengler geben — und machen Sie sich auf ein paar Stunden Karzer gefasst. Mit der Zeit werden S’ schon g’scheiter werden; jetzt stecken S’ halt grad in den Flegeljahren.“ — Als Koja nach einer Viertelstunde vom Verhör zurückkam, war er kreidebleich und wankte zu seinem Platz wie ein Trunkener. Er bedeckte das Gesicht mit den Händen. Still und stossweise schluchzend sass er da. In ehrlichem Mitleid ruhten auf ihm die Augen seines Lehrers, der durch Wiederaufnahme des Unterrichts die Aufmerksamkeit der Schüler von Koja abzuwenden suchte. Erst nach Unterrichtsschluss zog er ihn wieder, wie einst, in die Nische eines Gangfensters und erfragte von ihm das Entsetzliche: Die Frau Ratz hatte nicht nur die zerbrochene Rumpel als „corpus delicti“ vorgelegt; sie hatte Koja beim Direktor verleumdet, dass er in Pöchlarn von seinen Professoren in gemeinster Weise übelgeredet hätte. Der Direktor hatte ihr Glauben geschenkt; Koja hatte die Beschädigung der Waschmaschine zugestanden. Sein Versuch, die Lügen der sehr ernst und anständig scheinenden Frau zu entkräften, hatte ihm nichts geholfen; der Direktor hatte ihm vorgehalten, die eingestandene Beschädigung fremden Eigentums wäre eine Büberei, übrigens sei Koja schon vorbestraft und hätte sich der im Vorjahre erfahrenen Nachsicht unwürdig erwiesen; wie könnte er jetzt verlangen, dass man ihm mehr glaubte als der gebildeten Frau? Mit dem Rate, die Anstalt zu verlassen, hatte ihn der Direktor weggeschickt. — Professor Alberts Stirne legte sich in Falten. Die Lage war ernst. Er versprach dem ganz Verzagten, sich für ihn einzusetzen, und getröstet fuhr Koja heim. Er wollte Agi und Mutter in alles einweihen, um sie wenigstens auf die unvermeidliche Sittennote vorzubereiten. Aber daheim gab’s herberen Kummer, der Koja schweigen liess: der Vater war seines Dienstes vorläufig enthoben. Seit Stunden lag er auf dem Divan, das Gesicht zur Wand gekehrt und qualmte aus seiner Holzpfeife. Was die Mutter von anderen über den Anlass erfahren hatte, war ganz und gar trostlos: In Kienberg war zwischen der Ankunft und der Rückfahrt des Personenzuges eine Pause von vier Stunden gewesen. Die hatte Lorent benützt, um sich gründlich zu stärken; er war ja ausser Dienst. Im Zustande der Volltrunkenheit hatte er die Rückfahrt antreten wollen. Beim Überschreiten des Bahngeleises war er gestolpert und der Länge nach hingefallen. Als der Zugführer Ratz ihn aufzurichten versuchte und dabei laut schimpfte, um die Sache recht auffällig zu machen, fasste ihn Lorent mit der Linken beim langen Vollbart und schlug ihn mit der rechten Hand ins Gesicht, wobei er unablässig schrie: „Hab’ ich dich endlich, du schwarzer Judas, du, du!“ — Lorent wurde vom Verschieber und Heizer überwältigt und als verkehrsgefährlich vom Dienste ausgeschieden. In einem leeren Wagenabteil schlief er während der Fahrt nach Pöchlarn seinen Rausch aus.

Acht bange Tage vergingen. Das Disziplinarverfahren gegen Lorent endete mit der endgültigen Entlassung gerade an dem Tage, als sein Weib eines schwächlichen Knäbleins genas. In der Taufe erhielt der in der Zeit des dritten wirtschaftlichen Zusammenbruches Geborene den Namen Rudolf.l) Agis mutterhaftes Bedürfnis nach Hegung und Betreuung anderer hatte nun Gelegenheit, sich in einer Weise zu betätigen, die Koja in der Anschauung bestärkte, sie war’ eine Heilige von unerschöpflicher Kraft. Sie pflegte die Mutter und das Brüderchen und versah die Hauswirtschaft unermüdlich, unverdrossen. Dazwischen griff sie zur Nadel. Dem völlig niedergebrochenen Vater wurde sie eine ernste Beraterin, die mit ihm neue Verdienstmöglichkeiten erwog. Eine Zumutung aber wies sie entschieden zurück: nämlich die Hilfe der Verwandten oder des Herrn Prokop in Anspruch zu nehmen; wie sollte der noch einmal für Vaters Verwendbarkeit bürgen? Mit dem Oberlehrer und ihren Kunden beriet sie sich, wohin sie Stellengesuche zu richten hätte. Die meiste Hoffnung setzte sie auf ein Gesuch, das ein ehemaliger Revisor der Wiener Stellwagenunternehmung Zalaudek ihr befürwortet hatte. Aber es konnten Monate vergehen, bis der Vater in Wien die Stelle eines Stellwagenschaffners antreten konnte. — Was sollte indes mit Koja geschehen? — Vom Bruder ins Vertrauen gezogen, erwirkte Agi beim Gymnasialdirektor durch Bitten und Vorstellungen, dass Koja auf sein Semesterzeugnis die gewöhnliche Abgangsklausel erhielt: „Schüler Kajetan Lorent hat seinen Abgang aus der hierortigen Anstalt ordnungsmässig gemeldet; seiner Aufnahme in eine andere Anstalt steht nichts im Wege.“

Was nun? Die Mutter sah keine Möglichkeit, wie Koja das Studium fortsetzen könnte und gab Agi zu bedenken, ob es nicht doch besser wäre, ihn zu einem Schlosser in die Lehre zu geben, damit er später Maschinenführer würde. Agi aber, die in einer an Starrsinn grenzenden Treue am Vorhaben festhielt, wendete ein: „Maschinenführer sein wär’ gut, aber wenn er sich dann dem Trunke hingäb’ wie der Vater?“ — „Kind, es gibt auch Ärzte, die schwere Trinker sind.“ — „Wenn er aber Medizin studiert und vor allem lernt, was die Menschen krank macht, wird er doch leichter widerstehen.“ — Das leuchtete der Mutter ein, aber wo sollte Koja studieren und wovon? — Da erklärte Agi, sie werde mit ihm nach St. Pölten fahren. Die Einschreibgebühr hatte sie. Wovon sie ihm Wohnung und Kost zahlen sollte, wusste sie noch nicht; — aber die Vielbelesene gedachte der oft ganz abenteuerlichen Art, wie mancher später bedeutend gewordene Mann sich erst als armer Student durchs Leben geschlagen hatte. Warum sollte es nicht auch für Koja eine Möglichkeit geben? Vielleicht fand sich an Ort und Stelle für ihn eine Gelegenheit, wie er sich Wohnung und Kost erarbeiten konnte, vielleicht war in der grossen Stadt ein guter, wohlhabender Mann, der sich seiner annahm. Hatte sich nicht Herr Prokop wie ein rettender Engel eingefunden, hatte er nicht dem Vater die Anstellung bei der Bahn verschafft und der ganzen Familie ein Obdach gegeben, für das sie einen lächerlich geringen Anerkennungszins zahlte? — Suchen wollte sie mit dem Spürsinn der fürsorgenden Liebe. Der betenden Mutter segnende Gedanken würden ja überall mit ihr sein. — Wie Agi einst ihrem Brüderchen die erste Wandertasche genäht hatte, so nähte sie ihm jetzt aus einem Stück Leinwand, zu der die Sonnleitner-Grossmutter den Lein gesät und den Flachs gesponnen hatte, einen Reise-Wickel. Der war nichts anderes, als ein grosses Blatt, dessen Innenseite mit Fächern benäht war, und das auf der Aussenseite Bänder hatte. Die Ränder versteifte sie hübsch mit Säumen aus roten Hanfbändern, das Innere durch Einlegen eines alten Zeichenblockdeckels. Die grünen umspannenden Gurten und den Traggurt versah sie mit Schnallen. Fiebernd vor Freude, als gelte es eine Vergnügungsfahrt, packte Koja etwas Wäsche, einen halben Laib Brot und eine Blechbüchse mit Fett in den Reisesack, der in der Zier seiner roten Ränder und grünen Bänder gar schmuck aussah. Und was Agi an Kleingeld hatte, steckte sie dem Bruder zu.

Als die Geschwister am nächsten Morgen von den Eltern Abschied nahmen, küsste Koja der Mutter die salzigen Tränen von Augen und Wangen: „Nicht weinen, Mutter; wenn die Agi mitgeht, kann’s nicht schief gehen!“

Der Tag verging der guten Mutter in Bangen und Hoffen. Erst mit dem letzten Zuge kam Agi heim, und — sie kam allein. In überstürzter Beredsamkeit, wie es sonst nicht ihr Brauch war, berichtete sie: „Beim Buchbinder Wiedreich hab’ ich ihn untergebracht, in der Herrengasse. In der schulfreien Zeit wird er arbeiten müssen, was sonst ein Lehrbub macht; aber mit ’m Kleisterpinsel kann er ja umgehen. Wie gut, dass er beim Melker Buchbinder schon was gelernt hat; sonst hätt’ ich ihn vielleicht wieder heimgebracht und mit’n Studieren wär’s derweil aus gewesen. Die Wohnung hat er umsonst; aber Kost können s’ ihm keine geben. Es sind fünf Kinder da; die Frau ist gut, der Herr auch; es sind aber arme Leut’. — Sie werden sich umschaun, dass sie ihm Kosttage verschaffen; sie haben schöne Kundschaften. Und ich hab’ dem Koja versprochen, dass er an jedem Samstag mit der Post einen Laib Brot kriegt und einen Brief; in dem muss ein Guldenzettel drin liegen, dass er sich die Woche über wenigstens Milch kaufen kann zum Frühstück; schon das schützt ihn vor dem Verhungern; das will und werd’ ich für ihn schaffen.“ Da zog die Mutter ihre liebe Agi an die Brust und tätschelte liebkosend mit der Rechten ihren Rücken. „Bist ihm halt eine gute, kluge Schwester, du; dass er in seinem dreizehnten Jahr in die Fremde muss, hat mir Kummer gemacht; aber er wird nicht verderben, gelt?“ — „Vor lauter Arbeit wird er nicht Zeit haben zum Dummheiten machen. In der schulfreien Tageszeit muss er in der Werkstatt arbeiten, nach ’m Nachtmahl muss er lernen. So kommt er in keine schlechte Gesellschaft.“ —

Wieder einmal war eine schwere Sorge gebannt. Koja studierte weiter. Ruhiger, als am Tage vorher, sahen Mutter und Agi in die Zukunft. Aber die nächsten Wochen waren schier entmutigend. Der Vater beschäftigungslos. Von der Post kamen kurze abschlägige Erledigungen der Stellengesuche. Agi, die wie selbstverständlich das Amt des Säckelwartes im Haus übernommen hatte, gab dem Vater, der nach dem tröstenden Biertrunk lechzte, kein Geld; seine Stimmung wurde eine verzweifelte. Da verkaufte er seinen zuletzt gefassten Uniformrock und verschaffte sich aus Sparsamkeit zunächst eine Flasche vom billigen Kornschnaps, der die Tröstung rascher und billiger bewirkte als Bier. Heimlich trank er und in kleinen Mengen, aber bald merkten es Mutter und Agi zu ihrem Entsetzen: Der Vater trank Schnaps! — Da brachte der Postbote eines Morgens einen Brief von der Betriebsleitung Zalaudeks. Lorent sollte den Dienst als Stellwagenschaffner in fünf Tagen antreten. Ein befreundeter Westbahnschaffner fand für die Lorentischen in Wien eine Wohnung und beangabte sie. Das Scheiden aus dem liebgewordenen Prokophause wurde ein überstürztes. Beim Packen der Kisten und Möbel fluchte der Vater, die Mutter weinte. Agi war von früh bis abends unterwegs, um in ihrem Kundenkreise Notverkäufe durchzuführen, denn die Übersiedlung kostete Geld. Getrieben von der unerbittlichen Notwendigkeit, machte sie alles Geschäftliche kurz und trocken ab; dem bittern Weh, das ihre Seele erfüllte, so oft sie sich von einem lieben Bilde oder Geräte trennte, gab sie keinen Ausdruck. Sie liess auch ihre Augen nicht feucht werden, als sie von der Ziegen Abschied nahm. Dem treuen Dschogg verschaffte sie beim Fleischhauer Lechner einen guten Platz. Den Kater brachte sie der Übleisin zurück. Altes Gerät gab sie dem Hauswart fürs Helfen beim Übersiedeln; von ihm liess sie das Geflügel schlachten. Sie salzte, würzte und briet das Fleisch, füllte es in Töpfe, und goss ein heisses Gemenge von Schweinefett, Gänse- und Entenschmalz darüber. Dann verband sie die Gefässe mit eingewässertem Pergamentpapier, damit das Fleisch, zweifach von der Luft abgeschlossen, monatelang geniessbar bliebe.

In diesen Tagen brachte die Post ein Päckchen aus der Hinterlassenschaft der Grossmutter; es waren alte Kleider und einige Schmucksachen, darunter ein hohles Goldkreuz. Kein Geld. Wenn Agi abends am Bett der Mutter sass, sprach sie in ihrer altklugen Weise von Koja, der ja geborgen war und der nach den sorgenvollen Studienjahren ihnen allen viel Freude bereiten würde. Lebhaft und anschaulich schilderte sie das Haus der Sehnsucht, mit Gärten und Wiesen und Äckern und Wald. Lächelnd lauschte die Mutter, als hörte sie ein Märchen. „Nicht so arm, als wir aus der Neudamühle gegangen sind, ziehen wir aus dem Prokophaus. — Wir haben Mehl, Kartoffeln, Fleisch und Fett auf ein paar Monate in Vorrat, und Bücher haben wir und Geld. Und der Vater hat eine Stelle, die wenigstens ihn nähren wird. Wir haben beide im Nähen zugelernt und werden in Wien schon verdienen; dort gibt’s ja genug feine Kundschaften. Und Koja wird vom Herbst an in Wien weiterstudieren. Gelt, Mutter, wir halten brav durch, bis er fertig ist.“ Still hörte die Mutter zu und stimmte ihr bei: „Von der Prophezeiung der Schwammerliesel geht wieder etwas in Erfüllung. Wir reisen jetzt bald in die Fremde, dann wird’s noch eine Zeitlang Sorgen geben, manchmal auch Tränen, aber schliesslich folgt die Freud, viel Freud.“ —

Am nächsten Morgen stiegen die Lorentischen in ein Wagenabteil des gemischten Zuges, dem ihr Möbelwagen angekoppelt worden war. Das erste Läuten war vorbei. Da erscholl vom Bahnhofsteig ein scharfes, hohes Kläffen; am Türsteher vorbei stürmte Dschogg und sprang, die Kette hinter sich herschleifend, die Stufen des Wagens hinan. Winselnd vor Freude, begrüsste er jeden Einzelnen. Die Mutter begann laut zu schluchzen, und auch den anderen wurden die Augen feucht. Noch vor dem dritten Läutenm) erreichte der Fleischergesell, atemlos vom Laufen, den Ausreisser und zerrte ihn an der Kette mit sich fort. Das Abfahrtläuten erscholl; ein schriller Pfiff, ein Ruck an den Verbindungsketten der Wagen, ein Aneinanderschlagen der Puffer, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Im Widerglanz der Morgensonne, wie es Koja so oft gesehen hatte, flammten wieder die langen Fensterreihen des Stiftes, als der Zug an Melk vorbeifuhr. Da zog Agi ihr Taschentuch hervor und winkte hinüber, sie gedachte der Professoren Albert und Gabriel, die auch ans Gute im Wesen ihres Bruders glaubten. Und sie erneuerte in sich das Gelöbnis, diese schicksalschaffende Meinung wahr zu machen. Einen bedeutungsvollen Blick sandte sie zur Mutter hinüber, die, den Säugling an der Brust, unter Tränen zu ihr herüberlächelte. Der ihr gegenübersitzende Vater suchte ohne Rücksicht auf das Kind seinen Groll und seine Sorgen im Tabaksqualm seiner Holzpfeife zu ersticken. Der Zug fuhr in den Tunnel des Sandsteinberges vor Loosdorf ein; die schöne Heimat lag hinter der Familie. Lachend im Sonnenschein, der gelbleuchtend auf der Schneedecke der Hügel und Felder flimmerte, tauchte die Fremde vor ihnen auf. Vorüber am Schloss Schallaburg und der vom Abhang des Dunkelsteiner Waldes herniedergrüssenden Osterburg, ging die Fahrt auf St. Pölten zu, wo Koja zur selben Stunde im Gymnasium sass. Wie friedvoll war die winterliche Welt, wie lieblich das hügelige Gelände, in dessen Bachtälern freundliche Ortschaften mit ihren roten Ziegeldächern eingebettet lagen. Überall kräuselten sich bläuliche Rauchsäulen empor, die, von keinem Windhauch gedrückt, erst in der Höhe der Zwiebeltürmen) der Dorfkirchen zerstoben.

Die Abschiedsstimmung war überwunden. Der sonnige Tag weckte stille Zuversicht in den Herzen der Reisenden. — Agi öffnete den Esskorb und verteilte mit hausmütterlichem Eifer den Imbiss, Brot und Gänsebraten, darnach den unvermeidlichen Kaffee. Leise plaudernd, näherten sie sich in zuversichtlicher Stimmung ihrem Ziele. — Je weiter sie durch den Wiener Wald aufwärts fuhren, desto mehr füllte sich der Zug mit ländlichen Fahrgästen, die in den Haltestellen und Stationen mit Eierkörben und grossen, blechernen Milchkannen einstiegen. Auch zur Familie Lorent kamen zwei Bäuerinnen und besetzten die Mitte des Abteils. Ihr eintöniges, überlautes Reden störte gar sehr das Behagen der Fahrenden. Mutter und Agi horchten unwillkürlich. Die eine Bäuerin erzählte von ihrem Sohne, der in Wien Uhrmachergeselle war und ein armes Mädel geheiratet hatte. „Und jetzt sitzen s’ im Elend. Zwölf Gulden Wochenverdienst. Vier Kinder. In Ottakring haben s’ eine kleine Armeleut-Wohnung, nur Zimmer, Kammer und Küche. Der Lohn reicht kaum aufs Essen. Die Kammer haben s’ an einen Metalldreher vermietet, der zahlt dafür samt Bedienung und Frühstück fünfzehn Gulden monatlich; das ist grad der Wohnungszins. Weil’s aber auf Schuh und G’wand nit langt, haben s’ in der Küche einen zweiten Arbeiter als Bettgeher. Und die sechse hausen, essen und schlafen alle miteinander in dem ein’ Zimmer. Die Frau ist schon ganz krank; und wie schaun die Kinder aus! A’ Glück nur, dass mein Sohn nit trinkt — und dass ich doch ein bissel nachhelfen kann mit Erdäpfeln, Milch und Eiern; sonst wären’s schon lang schwindsüchtig ...“

Das klang wenig tröstlich. Agi verliess ihren Fensterplatz und drängelte sich an die Mutter heran, als wollte sie durch ihre körperliche Nähe ihr die Empfindung geben: du wirst nicht allein sein, im Kampfe gegen das Elend. Wir beide werden zusammenstehen in Sorg und Mühen; wir werden das neue Leben uns und unsern Lieben so einrichten, dass es doch vorwärts gehe, dem Hause der Sehnsucht entgegen.

Am Abgrund vorbei

In Wien. Die neue Wohnung der Familie Lorent lag in der Pelzgasse, die zwischen dem grossen Schmelzer Friedhof und dem Westbahnhof nordsüdwärts strich und aus zwei Reihen vierstöckiger Zinshäuser bestand. Wie öde, im Vergleich zum bescheidensten Gässchen von Pöchlarn oder Melk! Dort hatten die alten Häuser und Häuschen mit ihren Schwibbögen und Erkerchen, Strebepfeilern und Lugfensterchen ein jedes sein eigenes Gesicht, das vom bodenständigen, kleinbürgerlichen Behagen sprach. Hier war eines wie das andere. Keines hatte vor dem anderen irgend etwas Eigenartiges voraus, es sei denn, dass von den nach Westen gerichteten Stirnseiten da mehr, dort weniger verwitterter Gipsstuck abgebröckelt war. Die Lorentischen bewohnten zu ebener Erde Zimmer, Küche und Kammer eines Hoftraktes, während im Vorderhause ein Perlmutterdrechsler hauste, dessen Werkstattfenster vom anhaftenden Staube undurchsichtig waren. Vom wüsten Hofe aus gelangten sie unvermittelt in ihre langgestreckte Küche, die nur vom schmalen Fensterchen oberhalb der Türe Licht empfing. Rechts von der Küche lag das zweifenstrige Zimmer, in dem Mutter, Vater und Agi wohnen sollten. Links von der Küche war die einfenstrige Kammer, das „Kabinett“. Agi, die an die Heimkehr des Bruders dachte, hatte ihm diesen Raum als Studierstube eingerichtet. Beim Fenster stand ein kleiner Tisch, darüber waren zwei Wandbretter mit der Hausbücherei. Über dem Bett, in dem Koja schlafen sollte, hingen seine Käfer- und Schmetterlingsschachteln an der Wand und daneben, als anheimelndes Stilleben, die Wandertasche, der Wanderstab, die Feldflasche und die vernachlässigte Geige, für die wohl später wieder die Zeit kommen sollte. Auf dem breiten Fensterbrett stand das leere Vivarium, links und rechts davon die noch wenig beblätterten Geranien, welche mit dem leuchtenden Blütenrot dem Ersehnten entgegenjubeln sollten, wenn er im Sommer aus der Fremde kam, um wieder bei den Seinen zu bleiben. Der Blick aus den Fenstern war so trostlos, dass Agi sich beeilte, die unteren Scheiben mit Tüll zu verhängen. Der Hof war von zertretenem, russgeschwärztem Schnee bedeckt, unter dem mancherlei Gerümpel halbverborgen lag, leere Fässer, Kisten, zerfallene Bottiche, Hühnersteigen, rostige Blechkannen, zerbrochene Flaschen, und mitten darunter ein borstiger, umgeworfener Christbaum, dessen Nadeln zum Teil abgefallen waren.

Alle Hausarbeit in der kaum eingeräumten Wohnung fiel der armen Agi zu, die Mutter kränkelte. Der Vater war seit dem zweiten Tage des Wiener Aufenthaltes als Stellwagenschaffner von 5 Uhr früh bis Mitternacht im Dienst. Agi lobte sich’s, dass sie für die erste Zeit genug Nahrungsvorräte angelegt hatte, denn das aus den Notverkäufen gelöste Geld war fast verbraucht. Die Übersiedlung und die vierteljährliche Vorauszahlung des Mietzinses hatte sie vorausgesehen, nicht aber die Ablösung des in der Wohnung belassenen Gasherdes und des Gasmessers. Kaum, dass sie noch den für Koja bestimmten Guldenzettel rettete, den sie ihm samt einem mütterlichen Brief in die Packung des Brotes einnähte und pünktlich am Donnerstag zur Post trug, damit er die Sendung vor Sonntag erhielte. — Jetzt ging eine arge Quälerei an: Wenn sie um 4 Uhr morgens dem Vater das Frühstück bereitete, verlangte er von ihr ein paar „Sechserln“a) Zehrgeld, obwohl sie ihm Fleisch, Brot und Kaffee in die Diensttasche packte. Schon am Ende der ersten Woche war sie ganz ohne Bargeld. Um den Mehlvorrat zu schonen, verbrauchte sie täglich mehr Kartoffeln, als sie vorbestimmt hatte. Mit denen bestritt sie nicht bloss die Hauptmahlzeiten, sondern streckte auch den Teig beim Brotbacken. Da nahm sich der Vater Lohnvorschüsse; denn bei seinem anstrengenden Dienste genügten ihm die Trinkgeldkreuzer nicht zur Stärkung, die es nicht entbehren konnte. Als auch die Kartoffeln und das Mehl zur Neige gingen, wurde Agi angst und bange. Schon, um Koja vor dem ärgsten Hunger zu schützen, musste sie sich nach Verdienst umsehen. Aber ohne Lehrbrief bekam sie in Wien keine Arbeit als Näherin. Sie hätte als unbezahltes Lehrmädchen anfangen müssen. Sie aber musste jetzt gleich Geld verdienen und sie wollte daheim arbeiten, dann sie konnte sich’s nicht ausdenken, wie’s der Mutter erginge, wenn sie ihr fern wäre. Die nächste Sendung an Koja bestritt sie aus dem Erlös ihrer goldenen Ohrringe. Der Vater liess sich nach und nach die Hälfte des Monatslohns in Vorschüssen geben. Der Rest wurde von Strafabzügen geschmälert, wie sie bei seiner Art der Dienstleistung unvermeidlich waren. Was er am Ersten des Monats auf die Hand bekam, reichte gerade hin, dass der schwer entmutigte Mann sich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Trosträusche antrank. Und die hatten zur Folge, dass er am dritten Tag ohne Abfertigung entlassen wurde. — Und plötzlich war das Elend da, wie sich’s Agi trotz ihrer Belesenheit nicht vorgestellt hatte. Die Vorräte waren bis auf geringe Reste aufgebraucht. Die Mutter war noch bettlägerig, und der kleine Rudi weinte und wimmerte viel, weil er sich an der Mutterbrust nicht satt trinken konnte. Von Koja war noch immer keine Nachricht eingelangt. Die Vorstellung, dass der Bruder Hunger litte, quälte Agi ärger als ihr eigenes Hungergefühl. Und täglich gab es Verdruss, denn der Vater, der das gewohnte Bier schwer entbehrte und der als Arbeitsloser wenigstens rauchen wollte, wenn er schon von den dünnen Mehlsuppen nicht satt wurde, begann allerlei zu verschleppen, was er zum Trödler trug oder ins Wirtshaus, wo er dafür mehr zu bekommen hoffte. Einmal war’s sein eigener Ehering, dann ein gebundener Jahrgang der Gartenlaube, dann das wollene Umhängtuch der Mutter. Und er bestand darauf, Agi müsste sich um einen Verdienst, wenn nicht im Hause, so ausserhalb des Hauses, umschauen; im Inseratenteil des Tagblattes wären täglich genug Stellen ausgeschrieben. „Aber dazuschaun musst, dass dir keine zuvorkommt.“ — „Ich möcht ja, aber wo komm’ ich denn zu einer Zeitung, noch dazu, bevor s’ andre gelesen haben?“ — „Lauf in der Früh, so um viere, in die innere Stadt, dort erfragst die Administration in der Schulerstrasse. Jeden Morgen, wenn die Zeitung aus der Druckerei kommt, werden dort alle Seiten des Annoncenteils heraussen vor’m Lokal aufgeklebt. Da warten schon eine Menge arme Teufel drauf, die sich keine Zeitung kaufen können. Und sobald du was find’st was du leisten kannst, musst laufen, dich vorstellen, dass dir keine zuvorkommt.“ — Drei Tage nacheinander stand Agi um 3 Uhr früh auf; ohne Frühstück lief sie durch die finsteren Gassen des „Neubaus“, fragte sich bei Wachleuten zurecht und drang beim ersten Morgengrauen, als sich das Leben erst in den Gassen zu regen begann, durchs Marktgewühle am Hof in die innere Stadt vor. Sie eilte am noch verschlossenen Stephansdom vorbei und gelangte in die Schulerstrasse, wo ein Zeitungsverlag neben dem andern war. Da gesellte sie sich zur Menge der Wartenden, die sich stiessen und drängten, als die Ankündigungen aufgeklebt wurden. Und als sie sich durchgedrängelt hatte, las sie in fieberhafter Aufregung die Arbeitsangebote. Aber sie fand keine Arbeit, die es ihr möglich gemacht hätte, bei der Mutter daheim zu bleiben. Schleppenden Ganges ging sie den langen Weg zurück, vorbei an rasselnden Wagen und Wägelchen, an eilenden Arbeitern und Arbeiterinnen. Die alle hatten Arbeit und für sie war nichts da? — Mit Bangen dachte sie daran, dass sie dem hungernden Koja nicht das Brot und den Gulden schicken könnte, wenn der nächste Donnerstag kam. Mit gesenktem Kopfe ging sie dahin, dass kein Begegnender die Tränen sehen sollte, die ihr über die Wangen rollten.

Es kamen schwere Tage für die Familie; die Suppen wurden immer dünner, sie stillten den Hunger nicht. — Der Vater war wenig zu Hause. Täglich ging er zeitig aus, um Arbeit zu suchen. Er nahm sich als Wegzehrung zum Brote so viel Fleisch und Fett aus Agis Vorräten, dass diese beängstigend schwanden. Das letzte Schmalztöpfchen versteckte sie vor ihm, um doch etwas zum Suppenkochen zu haben.

Da suchte Agi aus dem wenigen Schmuck, der von der Grossmutter her da war, einige Granat- und Korallenschnüre zusammen und trug sie ins Versatzamt in der Kaiserstrasse. — Dort stand sie stundenlang vor den Schaltern herum, inmitten der langhin angereihten Kunden, in einer vom Hauch der Gasflammen und vom Schweiss der Harrenden übelriechenden Luft, bis die Reihe an sie kam. Der Schätzmeister prüfte die Goldschliessen ihrer Korallen- und Granatschnüre auf die Echtheit, indem er damit auf dem schwarzen Probierstein (Kieselschiefer) Striche machte, die er mit Scheidewasser (Salpetersäure) betupfte. Mit angehaltenem Atem starrte Agi auf die Probe und atmete erleichtert auf, als das Gelb sich nur wenig änderte. Aber schwer enttäuscht schaute sie dem Beamten ins Gesicht, als er ihre Kostbarkeiten zusammen nur mit drei und einem halben Gulden belehnte. Sie streckte die Hand nicht aus, um das Geld zu nehmen. Da schob er ihr’s hin und legte die unleserlich beschriebenen Versatzzettel dazu, die mit ihrem Adler und allerlei Zierdruck wie richtige Wertpapiere aussahen: „Ein Drittel vom Metallwert; aufs andere kriegen s’ nix.“ — Geschoben von den Nachdrängenden, raffte Agi die Zettel und das Geld zusammen und ging langsam der Stiege zu; dann aber eilte sie heim; sie musste heut noch einen Verdienst suchen und finden; sie musste dem Elend ein End’ machen. In Gedanken versunken, kämpfte sie gegen den Westwind an, der ihr Staub und Papierfetzen entgegentrieb, während schweres Gewölk den Himmel verdunkelte. Daheim fand sie die Mutter ausser Bett. Blass und matt, bewegte sie sich langsam im Zimmer hin; sie räumte auf. — Agi legte das geringe Ergebnis ihres schweren Ganges auf den Tisch: „Einen Gulden für Koja, das andre auf Brot.“ — „Sei froh, dass du nicht mehr bekommen hast; je weniger, desto eher können wir’s abzahlen; sonst werden unsere Pfänder verlizitiert.“ — Das leuchtete Agi ein. — Getröstet löffelte sie einen Teller Wassersuppe mit eingebrockten Brotrindeln aus, und suchte eilig alles, was ausser Kojas alten Lehrtexten an Büchern da war, zusammen, um es auf dem Dachboden zu verbergen. Die Bücher sollte der Vater nicht finden; die sollten der Not nicht zum Opfer fallen!

Obwohl es draussen zu regnen begonnen hatte, ging Agi aus dem Hause, um Arbeit zu suchen, geleitet von heissen, inbrünstigen Gebeten der Mutter. Sie war fest entschlossen, nicht früher heimzukehren, bis sie einen Verdienst gefunden hätte, bei dem sie die Mutter nicht allein zu lassen brauchte. Von Wind und Regen getrieben, ging sie rasch dahin, die Lippen fest geschlossen, mit den Augen die Schilder und Schaufenster der Geschäfte musternd. Wo sie eine Pfaidlereib) sah, fragte sie an. So überquerte sie, watend im Strassenkot, den vom Schwerfuhrwerk zerfahrenen Neubaugürtel und bog zwischen den Resten des Linienwallesc) durch, am Zollamt vorbei in die Westbahnstrasse ein. Als sie dort in den grossen Geschäften keinen Erfolg erzielte, begann sie die Seitengassen abzugehen. Gequält vom Hunger, herb enttäuscht von jeder Abweisung, strebte sie vorwärts, getrieben von dem Gedanken: „Es gibt für mich Arbeit, so wie für tausend andre. Sie wartet auf mich, ich muss sie nur finden.“ — Nach langem Herumirren hatte sie zweimal den halben Erfolg erzielt, dass sie als Hilfsarbeiterin Beschäftigung gefunden hätte, das einemal als Spulerin in einer Strumpfwirkerei, das andremal als Auflegerin in einer Notendruckerei. Sie aber gab der Versuchung nicht nach; sie durfte die Mutter mit dem Kleinen nicht verlassen. Schon begann es zu dämmern. Agi wankte entkräftet dahin. Von den durchnässten Schuhen rieselte ein Frösteln durch ihren Leib. Da sah sie in der Seidengasse aus einem Geschäfte, in dessen Auslage Reis- und Kaffeeproben in Säcken feilgeboten wurden, eine ärmlich gekleidete Greisin auf die Gasse treten; die trug zwei grosse Bünde Sackleinen. Von einem Hustenanfall erschüttert, liess die Alte den einen Bund fallen. Agi hob ihn auf und gesellte sich zu ihr, die nur widerwillig und misstrauisch ihre Begleitung litt. „Geh’n S’ liefern?“ fragte Agi das arme Weib, dessen Husten in Röcheln übergegangen war. „Ah, belei’d), dös kann i erst morgen auf d’ Nacht. A Dutzed Säck’ will g’naht sein. In weniger als ein’m Tag zwing’ i’s nit.“ — „Wann’s nur gut ’zahlt wird?“ versuchte Agi sie auszuforschen. Die Alte lachte heiser auf. „Vier Kreuzer für’s Stück.“ — Agi begann zu rechnen. Bei der nächsten Strassenecke machte sie kehrt. Sie suchte das Geschäft auf und fragte gleich nach dem Chef. Es war ein alter Herr, der sie trotz der stark vorspringenden Nase durch den Schnitt seines weissen „Kaiserbartes“ an den Herrn Prokop erinnerte. Sie fasste Zutrauen und schilderte ihm in hastigen Worten die Lage der Ihrigen. — „Vorläufig könnt’ ich Sie nur als Sacknäherin beschäftigen, ich lass halt auf Vorrat arbeiten; das wär’ aber besser eine Heimarbeit für Ihre Mutter. Wenn Sie da schräg hinübergehen in das Strickwarengeschäft, können Sie selbst lohnendere Beschäftigung haben.“ — Er schrieb einige Worte auf eine Geschäftskarte. Zeigen Sie meine Empfehlung vor, damit man Ihnen ohne Kautione) Wolle anvertraut. Dann kommen Sie gleich zu mir zurück. Ich richt’ Ihnen derweil was für die Mutter.“ Als Agi nach wenigen Minuten wieder bei ihm eintrat, trug sie unterm Arm ein leichtes Bündel von zehn Strähnen schwarzer Mohair-Wolle, aus der eine grobe, lange hölzerne Häkelnadel ragte. „Was zahlt er Ihnen fürs Stück?“ fragte der alte Herr. — „Vierundsechzig Kreuzer.“ — „Das ist um vier Kreuzer mehr als er sonst für ein Kopftuch zu zahlen pflegt.“ Als Agi ihm dankte und ihn zugleich um die Sackleinwand für die Mutter bat, gab er zweifelnd zur Antwort: „Ja, können S’ denn das schleppen?“ — „Oh, wie gern!“ Fast jubelnd stiess sie es hervor.

In jeder Hand einen schweren Pack Sackleinen, unterm linken Arm das Päckchen Wolle eingeklemmt, stapfte Agi tapfer durch den Regen heim. Sie geriet auf die hell erleuchtete Mariahilferstrasse und drängte sich durch die Menschenmenge, die im Licht der Bogenlampen und der Auslagenbeleuchtung dahinwogte. Die Schnüre ihres Packes schnitten sie empfindlich in die Finger, aber sie achtete nicht darauf. Vor ihren Augen stand das Antlitz der Mutter, die unter Tränen lachen würde. Agi brachte Arbeit heim, Arbeit, Verdienst, Brot! Und es war ihr, als erlebte sie ein Kapitel der Geschichte eines Auswanderers, der sich in der bösen Übergangszeit zu Newyork als Schuhputzer oder Zeitungsausträger vor dem Verhungern noch gerettet, der aber dann immer bessere, immer lohnendere Arbeit gefunden, bis er so viel erspart hatte, dass er sich eine Farm hatte kaufen können, das Haus seiner Sehnsucht. Und sie dachte an Auerbachs Barfüssele, das Gänse gehütet und als Bauernmagd gedient hatte, bevor es ihm beschieden war, auf dem stattlichsten Hofe des Gaues als Herrin zu walten. Als sie vor der Mariahilfer Linie an dem durch seine Volkssänger berühmten Gasthaus „Zum Vogelsang“ vorbeikam, riss ihr ein Schuhband, das schon längst dünn gerieben war. Da musste sie haltmachen. Aus den offenen Oberlichtern der Gasthausfenster quoll ein warmer Hauch heraus, der, vom Wind gedrückt, ihr um Mund und Nase strich. Es war ein Duft von Bier, Bratensaft und Gulyas; davon wurde der Hungrigen fast übel. Und während sie das Schuhband knüpfte, hörte sie ungewollt eine Strophe des Wiener Couplets an, das von einer etwas schrillen Stimme vorgetragen wurde:

„Im Wirtshaus sitzt a Deutschmeister

Und schafft scho’ dreimal an;

Der Kellner kummt langmächti net,

Drum schreit er, was er kann:

Ös gasbeleucht’ten Schwalbenschwaf

Mit’n Trinkgeldnehmerg’sicht,

Mir scheint, ös habt’s mit samt’n Wirt

Im Hirn alle die Gicht.

Ham s’ a’n’ Idee?

Das is halt weanerisch, holladiö,

An Witz, an Kern,

So reden d’ Leut in Wean!“ — — —

Von allen Gästen wiederholt, von Jauchzen, Stampfen und Lachen begleitet, scholl der Kehrreim durch die Fensterluken zur Lauschenden. — Gestern noch hätte es ihr bitter weh getan; jetzt musste sie lächeln, während sie durch den märzfeuchten Bahnhofpark der Pelzgasse zustrebte. Daheim angekommen, warf sie ihre Päcke von sich und flog der harrenden Mutter an die Brust. Schluchzend brachte sie die Freudenbotschaft heraus. „Wir haben Arbeit, wir haben beide Arbeit.“ Mit fliegenden Händen packte sie aus. Und sie rechnete der Mutter vor: „Wenn ich an einem Tag ein Mohair-Tüchel fertig bring’ und wenn du, Mutter, ein Dutzend Säcke nähst, verdienen wir mitsammen täglich einen Gulden und zwölf Kreuzer. — Damit sind wir alle vor dem Verhungern geschützt. — Drei Kilo Kartoffel zwölf Kreuzer, ein Liter Milch zehn Kreuzer, zwei Laib Brot fünfzig Kreuzer, da bleiben noch vierzig Kreuzer aufs Gemüs und hie und da auf ein Stück Fleisch; ich hab’ bei einem Pferdefleischhauer am Gürtel das Kilo mit acht Kreuzern angeschrieben gesehen.“ Da schüttelte sich die Mutter vor Abscheu. „Aber, Agi, was fällt dir ein, wer wird denn Pferdefleisch essen?“ — „Essen’s Leute, die nicht so arm sind wie wir, werden’s auch wir essen. Ein altes Vorurteil ist’s, dass Pferdefleisch nicht gegessen werden sollte. Das Pferd ist reinlicher als das Schwein, es frisst nur reines, unverdorbenes Futter, Weil’s aber in alten Zeiten dem Wodan geweiht war, wurde es nur bei Opfermahlzeiten gegessen. Sonst war dem Volk der Genuss von Pferdefleisch verwehrt. — Nur das ist gemerkt worden durch Jahrtausende, aber den Grund haben die Leute vergessen.“ — Die Mutter musste klein beigeben. Agi hatte den Gulyasduft in der Nase und setzte es durch: Am nächsten Sonntag sollte es ein Festessen geben: Pferd-Gulyas mit Nockerln. — Dass sie Arbeit gefunden hatte, musste gefeiert werden. — Plötzlich aber sprang Agi auf und stellte sich in scherzhafter Entrüstung vor die Mutter hin. „Hast mir gar nichts aufgehoben zum Essen?“ Da strich ihr die Mutter beschwichtigend über Stirn und Scheitel. „Schon, schon.“ Im Nu war das Aufgehobene gewärmt. Was war es? Eine nach Majoran duftende Einbrennsuppe mit gerösteten Brotschnitten, und die Mutter tat eine Messerspitze Gänseschmalz hinein, dass es in grossen Augen oben schwamm. — Auch das war ein Festessen. — Wer aber bei der grossen Freude fehlte, das war der Vater. Der hatte schon gestern Kojas Geige von der Wand genommen und beim Trödler verkauft; denn er brauchte Geld, weil er ja weite Wege machte, um Verdienst zu finden. — Kaum hatte Agi den Löffel weggelegt, als sie mit Wolle und Nadel die Arbeit begann. Ihrem Beispiel folgte die Mutter. So stille wurde es bei ihrer emsigen Arbeit im Zimmer, dass das eilige Ticken der Weckeruhr aufdringlich hörbar wurde, und Agi unbewusst die Bewegung der Häkelnadel darnach richtete. Mutter und Tochter dachten an den abwesenden Vater. Und als hätte die eine die Gedanken der andern gehört, verstand die Mutter die Worte Agis: „Aber wir müssen die Arbeit verstecken.“ — „Es gäb’ Verdruss,“ versetzte die Mutter. „Deine Rechnung muss ohne ihn gemacht bleiben, sonst geht’s nicht auf.“ — Es ging auf elf Uhr. — Die arbeitenden Hände hasteten weiter. Und weiter gingen die überlegenden Gedanken. „Für’n Koja wird der Gulden wöchentlich herausgespart. Aber, wenn wir alles aufessen, was wir verdienen, bleibt nichts auf den Wohnungszins, nichts auf Schuh —; mit den Kleidern helfen wir uns noch lang’,“ so Agi. Und die Mutter darauf: „Der Mietzins, der Zins!“ — Schneller zog sie den groben Faden, rascher, als die Uhr angab, ging die Häkelnadel Agis vor und zurück. Und wieder warf die Mutter ein Wort hin: „Wenn wir die Kammer vermieteten?“ — „Was trägt’s?“ fragte die Tochter zurück, ohne die Augen vom gespannten Faden zu heben. „Fünfzehn Gulden mit Bedienung und Frühstück.“ — „Fünfzehn Gulden?!“ staunte die andere. — „Fünfzehn Gulden.“ — Da liess Agi die Hände in den Schoss sinken. — „Dann tun wir’s.“ Und emsiger als vorher suchte sie die verlorene Minute der Akkordarbeit einzubringen. — Aber dem Entschlusse humpelten ihre Bedenken nach. Die Kammer war ja für Koja! Wenn er heimkam, sollte er doch ein liebes Stübchen vorfinden, wo er ungestört seine Gedanken sammeln konnte! Und Agi beschloss, der Mutter die Sache auszureden. Was sie soeben gedacht, sprach sie in kurzen, hingeworfenen Sätzen aus. Sie erklärte, sich bald nach einer besser gezahlten Arbeit umzusehen, dass nur Koja nicht vertrieben wurde aus dem Optimum, dem Besten von jetzt, was doch so bescheiden war gegen das Beste von einst: statt Haus und Garten nur ein Kämmerlein, dessen Fenster in einen trüben Hof gingen. Aber im Kämmerlein anheimelnde Ordnung. Und so sehr hatte sich auch bei der Mutter die Bedeutung des einst vom Oberlehrer Greil gebrauchten Wortes „Optimum“ ins Bewusstsein eingelebt, dass sie nachgab. — Die Kammer sollte also nicht vermietet werden. Gott hatte heute geholfen, er würde weiter helfen. Beruhigt von diesem Trostgedanken, nähte die Mutter weiter. Immer langsamer, immer müder ging die Hand; die Augenlider wurden schwer; nur noch die eine Naht, dass der dritte Sack fertig sei. Dann verbarg sie die Säcke samt Leinwand, Fadenknaul und Nadel unterm Strohsack ihres Bettes und begab sich zur Ruhe. Agi arbeitete fort, bis der Vater käme. — Ein Uhr vorbei. Die Torglocke schrillte durch die Stille der Nacht. — Schlurfende Schritte auf dem Hof. Der Hausmeister ging öffnen. Agi wickelte rasch ihre Arbeit ins Packpapier und legte sie unter ihren Kopfpolster. Dann ging sie dem Vater entgegen. Als sie ihm öffnete, berührte sein Atem ihren Mund. „Vater, Sie haben Rum getrunken?“ So empfing sie ihn. — „Na — und?“ fragte er gereizt zurück. Schwer liess er sich auf den Sessel fallen und verlangte zu essen. — Als sie ihm aber die gewärmte Suppe hinstellte, stocherte er mit dem Löffel darin herum und schob den Teller von sich. — „Agi, so geht’s nicht weiter!“ — „Nein, Vater, so geht’s nicht weiter.“ — „Es muss anders werden!“ schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Es muss!“ sprach Agi vor sich hin. Da begann der kleine Rudi quäkend zu weinen, die Mutter erwachte. „Lass doch das Kind schlafen, geh’, geh’, Alter, leg’ dich ins Bett und schlaf dich aus, dass du morgen deinen Kopf klar hast, wenn du Arbeit suchst.“ — „Arbeit? Ich hab’ Arbeit.“ — „Ah!“ riefen Mutter und Agi zugleich. — „Ausreden lassen! Ich hab’ Arbeit für die Agi. — Die Sattler-Rosel hab’ ich getroffen.“ — „Aus Pöchlarn?“ — „Aus Pöchlarn.“ — „Wo?“ — „In einem Nachtkaffee. Hat dort einen schönen Posten, ist Sitzkassierin.“ — Mutter und Agi schwiegen betroffen. „Hat achtundvierzig Gulden monatlich, die ganze Kost und Nebenverdienst. — Und sie will mit der Agi zu ihrem früheren Herrn gehen;der braucht eine.“ — Lorent drehte sich nach seiner Frau um. „Was sagst? — „Nix!“ — „Warum nix?“ — „Weil’s heut schon spät ist; halb zwei; morgen reden wir darüber, morgen. Heut bist schon müd. Geh’, geh’, Vater, tu’s dem Kind zulieb; leg’ dich schlafen.“ — Mit unverständlichem Murren stützte Lorent den Kopf trotzig auf beide Fäuste. Vor sich hinbrütend, sass er da, bis ihm der Kopf auf die Tischplatte sank. Ohne ihm die Stiefel auszuziehen, wie Koja es so oft getan hatte, liess Agi ihn schlafen, drehte den Gashahn ab, entkleidete sich im Finstern und begab sich zur Ruhe. — Obwohl die Lidränder sie brannten, floh der Schlummer ihre Augen. Angestrengt horchte sie zur Mutter hinüber, die mit leisem Singsang den wimmernden Kleinen einzuschläfern suchte. Als das Kind ruhig war, hörte sie die Mutter lispeln; die betete, betete für ihre Tochter. Die Mutter hatte Angst. Da stand Agi von ihrem Lager auf und ging blossfüssig zum Bette der Mutter. Bebend vor Kälte, drängelte sie sich zu ihr unter die Bettdecke, schob den linken Arm unter ihren Kopf, streichelte ihre Wange mit der Rechten und flüsterte ihr zu: „Mutter, Mutter, ich bleib bei euch; ich verlass euch nicht.“ — Dann lagen sie eine Weile still nebeneinander, bis Agi begann, der Mutter lispelnd vom besseren Ertrag der Heimarbeit zu sprechen, die sie finden wollte. Es musste ja doch in Wien Geschäfte geben, die Stickereien und Märkereien brauchten. Hatte nicht die Handarbeitslehrerin von Alt-Pakaf) solche Arbeiten nach Prag und nach Reichenberg geliefert? Erst als Agi an den ruhigen Atemzügen der Mutter merkte, dass es ihr gelungen war, sie in sorglosen Schlaf zu plaudern, verstummte sie. — Aber sie selbst blieb noch wach, die neuen Verdienstmöglichkeiten mit Eifer überdenkend. Da hörte sie von der nahen Lazaristen-Kirche herab die Uhr zwei schlagen und sie nahm sich vor, bis fünf Uhr früh zu schlafen, um schon eine Stunde, bevor der Wecker rasselte, zu häkeln. Eng beisammen schlummerten die treuen Lebenskämpferinnen ein und schliefen ihren kurzen, tiefen Schlaf so friedvoll, als gäbe es nichts, das ihr Glück, ihre Gesundheit, ja vielleicht ihre Ehre bedrohte.

Das unerschütterliche Vertrauen zueinander gab ihnen beiden die Ruhe der Sicherheit inmitten einer Welt von Gefahren, vor denen sie nur ein Gefühl warnte. Es waren die Gefahren der gesellschaftlichen Tiefen, Gefahren der irrenden Armut, die — vom Schwindel ergriffen — im Abgrund versinkt.

Die Liebe, mit der Agi an den Ihrigen hing, war ihr Schutzengel.

Unentwegt

Genau nach drei Stunden Schlafes erwachte Agi, wie sie sich’s vorgenommen hatte. Ehe noch die fünf dumpfen Stundenschläge der Turmuhr verhallt waren, stand sie fröstelnd in ihren Filzschuhen, kleidete sich notdürftig an und ging leise in die Küche. — Die kalte Morgenwaschung machte ihr die Augen klar. Im Frösteln wich die Verschlafenheit von ihr. Das gelbliche Licht der Gaslampe täuschte ihr vor, dass die kleine Küche nun wärmer sei. Rasch noch die Kaffeekanne auf den Gasherd gestellt, und dann an die Arbeit.

Erst wollte die Häkelnadel den vor Kälte steifen Fingern nicht gehorchen, sie spiesste den ohnehin locker gedrehten Faden der schwarzglänzenden Mohair-Wolle; als aber Agi, mit beiden Händen den heissen Kaffeetopf umklammernd, ein paar Schluck vom herben Zichorienabsud ohne Milch und Zucker geschlürft hatte, wurden die Finger geschmeidig und hetzten die Nadel von Masche zu Masche. Bald löste das Gefühl für den Rhythmus der wiederkehrenden Bewegungen das Zählen der Maschen ab; ohne irre zu werden, überlegte die Arbeitende die Notwendigkeiten der Gegenwart und der nächsten Zukunft. — Das Vorhaben, ihre und der Mutter Heimarbeit vor dem Vater geheim zu halten, verwarf sie als unhaltbar. Nur wenn sie schon einen Verdienst hatte, konnte sie des Vaters Vorschlag abwehren. Sie wollte keinen Verdienst ausser Haus; sie wollte bei der Mutter bleiben! Sie rechnete genau aus, wie sie bei weitgehender Einschränkung die Familie doch vor dem Verhungern bewahren könnte, wenn sie von den hundertzwölf Kreuzern Tagesverdienst dem Vater fünfzig Kreuzer Wegzehrung gäbe, damit er seiner Arbeitsuche mit weniger Verdrossenheit nachgehe. So hoffte sie, ihn zu gewinnen. Erst im Laufe des Vormittags, als die Mutter mit ihrem indessen ausgeschlafenen und ernüchterten Manne unter vier Augen in Kojas Kammer gesprochen hatte, fand Agi Gelegenheit, dem Vater von ihrem Verdienste zu erzählen, den sie mit ihm teilen wollte. „’s wird nit lang nötig sein,“ gab er ihr zur Antwort. „Ich bin als Verschieber auf dem Aspang-Bahnhof vorgemerkt. Dort krieg’ ich dreissig Gulden Monatslohn. Und komm’ ich wieder zum Fahrdienst, gibt’s wieder Kilometergelder.“ — Agi war froh, dass der Vater mit keinem Wort auf seinen gestrigen Plan zurückkam. Dass er wieder Aussicht hatte, im Eisenbahndienst unterzukommen, verminderte ihre Sorge nur wenig. Die Trinkgelder konnten wieder sein Unglück werden.

Als der Vater ausgegangen war, rückten Mutter und Agi mit ihrer Arbeit eng zueinander. Heller, als am Vortage fiel das Licht durchs Fenster und liess ahnen, dass der höchste Teil der Hausmauer im Sonnenscheine lag. Schweigend arbeiteten die beiden. Ein liebes Behagen, ein zages Frohsein hatte sich bei ihnen eingestellt. Wieder einmal waren sie aus dem Ärgsten heraus; es ging unzweifelhaft vorwärts und würde noch besser kommen. Agi gedachte der Pöchlarner Zeit. Das Herausarbeiten aus der Not im Prokophause kam ihr so schön vor. Oh, wie lieb war das Hahnenkrähen gewesen, das Schnurren des Katers, das Bienensummen im blühenden Garten! Dann musste sie der tapferen Fischersfrau Walmot gedenken in Jensens Roman „Die Runensteine“; — und dann gedachte sie ihres begonnenen und jäh unterbrochenen Studiums. Wie weit lag das jetzt hinter ihr! Sie sehnte sich darnach, und sie zweifelte nicht, dass sie es wieder aufnehmen werde; später, vielleicht erst nach Jahren; — jetzt ging’s nicht. Durchhalten, den Bruder nicht sinken lassen; der Mutter bessere Nahrung schaffen, dass sie wieder zu Kräften komme. Und dem Koja wollte sie wöchentlich mehr schicken, als nur den versprochenen Gulden. Dass er noch immer nicht geschrieben hatte, dafür hatte sie nur eine Erklärung. Das wenige Geld, was sie ihm gab, langte nicht zur Sättigung; da blieb ihm nichts — aufs Briefporto. Wenn sie jetzt nur gewusst hätte, wo den Zins hernehmen! Plötzlich fuhr sie aus ihrem Sinnen auf. Hatte nicht die Türglocke geklungen? — Wirklich. Der Briefträger war da, und Agi hielt einen dicken Brief in der Hand. — „Von Koja!“ jubelte sie. Mit der Häkelnadel riss sie den Umschlag auf und entfaltete mit vor Aufregung bebenden Händen den grossen Papierbogen, der mit verschieden farbiger Tinte, ja, zum Teil mit dem Bleistift bekritzelt war, als hätte der Schreiber den Brief zu verschiedenen Zeiten geschrieben. Sie las laut, während die Mutter mit offenem Munde lauschte:

„Liebe Agi!

Küss’ die Mutter für mich recht herzhaft, denn mir geht es gut. Nur die ersten Tage waren bitter, da hab’ ich noch keinen Freitisch gehabt. Am Freitag war ich mit dem Brot, das Du mir mitgegeben hattest, fertig geworden; Geld hatte ich auch keines mehr. Da ging ich zur Nachtmahlzeit spazieren. Die Meisterin sollte nicht merken, dass ich Hunger hätte, sie ist eine gute Frau, aber geben könnte sie mir doch nichts, weil ihre fünf Kinder immer noch mehr haben möchten. Und als ich um halb neun Uhr in die Werkstatt kam, wo ich meinen Tisch und meinen Strohsack hab’, waren schon alle schlafen gegangen. Nur Herr Federl, der Gesell, ist noch bei der Lampe gesessen und hat gelesen. Er sagt, bevor er ein gutes Buch bindet, muss er’s gelesen haben. Ich hab’ mich zu ihm gesetzt und wollte lernen. Aber es ist nicht gegangen, weil ich Schmerzen im Magen gehabt hab’. Dann bin ich doch lieber zu Bett gegangen. Aber das Ungeziefer hat mich nicht schlafen lassen, weil die Werkstatt nur alle heiligen Zeiten einmal gekehrt wird. Gegen Mitternacht hat sich der Federl auf sein Sofa gelegt und hat gleich angefangen, zu schnarchen; aber dann hat er aus dem Schlaf geredet; vielleicht hat ihn auch was gebissen. Und der Hunger hat mich gepeinigt; ich hab’ in die Polster hineingeweint. Da ist der Flocki zu mir gekommen, der auch in der Werkstatt schläft wegen der Diebe, und hat mir die Hand geleckt, ich sollt’ nicht weinen. Und dann ist die Katz’ gekommen, die auch in der Werkstatt übernachtet wegen der Mäus’. Sie hat auf meiner Bettdecke herumgetreten und hat sich ein Nesterl gemacht; dann hat sie geschnurrt. Da war mir leichter. Ich hab’ müssen an unsern Dummerl denken und an den Dschogg. Dann hab’ ich an Euch, an die Übleisin und an die alte Weningerin in Zelkinga) denken müssen. Damals hat mir aber der Hunger nicht so weh getan wie diesmal. Und in der Früh war mir übel vor lauter Hunger. Da bin ich mit dem Häferlb) von der Mutter (das so schön rotbraun gefladert ist wie Kirschholz) zur Greisslerinc) gegangen, wo ich schon dreimal Milch zum Frühstück gekauft hab’. Die Greisslerin ist eine gute Frau, sie kocht mir die Milch ab und schenkt mir’s heiss ein. Sie hat schon auf mich gewartet. Ich hab’ mir die Milch einschenken lassen und ein recht grosses Schusterlaiberld) ausgesucht und dann — ich hab’ eine Angst gehabt, dass sie mir was anmerkt — greif’ ich in den Hosensack: Bitt’ um Entschuldigung, ich hab’ mein Börsel nicht bei mir.“ — „Aber das macht nichts, Herr Student,“ sagt sie und lacht dazu, „zahlen’s halt ein andresmal.“ — Ich kann Euch nicht sagen, wie’s mir zuhaus geschmeckt hat. Das Brot hab’ ich eingebrockt und hab’s herausgelöffelt. Und da war mir gleich besser. Und wie ich dann mittags von der Schul’ komm’, find’ ich schon den Laib Brot und den beigepackten Brief von Euch, samt dem Guldenzettel. Da hab’ ich mich geschämt, dass ich gestern geweint hab’. — In der Werkstatt ist der Gesell zu mir recht gut. Erst hab’ ich beim Heften nur zureichen dürfen und jetzt darf ich schon selber an der Lad’ arbeiten. Der Gesell ist ein Lesenarr wie der Lambrecht beim Berger in Melk. Er borgt mir Jules Vernes Bände, die ich noch nicht kenn’, und andere Bücher, die noch spannender sind.

Die Meisterin hat bei ein paar feinen Kundschaften für mich um Kosttage gebeten, und keiner hat ihr’s abgeschlagen. Da ess ich jeden Tag wo anders zu Mittag, überall mit den Leuten bei Tische und bekomm’ auch eine Serviette. Nur bei Lüttelmeyers haben sie mir in der Küche zu essen gegeben mit dem Dienstmädchen; und die Kinder haben sich um mich gestellt, und haben mir in den Mund geschaut. Da hat’s mir die Kehle zugeschnürt, dass ich nicht hab’ schlucken können. Ich wollt’ nicht, dass mich die Kinder weinen sehen, und bin weggelaufen. Ein Stück Brot von Euch war mein Mittagmahl. Der Meisterin hab’ ich’s erzählt. Da hat sie mir einen andern Kosttag verschafft. Am liebsten geh’ ich am Donnerstag in das kleine Haus an der Promenade, das ist ganz mit grauer Ölfarb’ gestrichen, und die Dame ist immer in grauer Seide. Sie ist sehr schön, aber sie ist meist traurig. Sie legt mir gern zweimal vor. Sie hat mir gesagt, ihr Franzi wär’ jetzt in meinem Alter, wenn er nicht voriges Jahr gestorben wär’, und er war so blond wie ich. Und ihr Mann ist immer im Rollstuhl, weil er im Kreuz gelähmt ist. Und weil ich keinen Überzieher angehabt hab’, wie’s vorige Woche so kalt war, hat sie den von ihrem Sohn aus dem Kasten geholt und hat mir ihn geschenkt. Ich hab’ ihr nicht gesagt, dass ich den Wettermantel von Dir hab’; denn der Überzieher ist sehr schön; er ist mit Seide gefüttert. Die Mitschüler haben mich ganz gern, weil ich den Miksch so geboxt hab’, den sie alle fürchten. Der hat mich gleich am ersten Tag in der Zwischenstund’ gefordert und hat mich so geboxt, dass mir die Rippen wehgetan haben. Da hab’ ich mir aus einem alten Zeichenblockdeckel einen Panzer gemacht und hab’ ihn unterm Hemd vor den Magen gebunden. Dann hab’ ich ihn gefordert und hab’ ihn so verboxt, dass er jetzt Ruh’ gibt. Jetzt brauch’ ich keinen Panzer mehr. Ich kann schon gut boxen.

Die Guttmannstals (die haben eine Wechselstube), die sind auch sehr lieb zu mir; die Frau gibt mir immer von der Mehlspeis’ etwas mit, damit ich was zur Jause hab’. Und der Sohn, der bei uns in die Fünfte geht, komponiert schöne Sachen fürs Klavier, die sind bei meinem Meister in der Auslage. Und der Professor Kaim ist ein Dichter, der macht mit ihm Operetten. — Aber beim Doktor Müller hab’ ich einen überzähligen Freitisch, den zahlt er mir in der Bahnhofrestauration. Der ist Advokat und Junggeselle und spielt im Hochamt die Cello-Soli. Und weil ich schon alle Mittage hab’, ess’ ich erst mit ihm am Sonntag abend in der Bahnhofrestauration, da kann ich mir nach dem Speiszettel aussuchen. Und da lass ich mir einen Kalbsbraten mit Reis geben und Zellersalat, ein Glas Pilsner Bier und zwei Salzstangel. — Ich bin nur froh, dass es Euch auch gut geht, weil der Vater die Anstellung beim Stellwagen hat. Liebe Agi, geh’, sobald du kannst, ins Hofmuseum, in der alten Burg neben der Hofbibliothek, wo sie den japanischen Riesensalamander haben und ins Vivarium im Prater, wo die jungen Bären Schlitten fahren. Und wenn Du in den Wurstelprater kommst, geh’ zum Schwarzkünstler Kratky Baschik, der kann eine Uhr im Mörser zerstampfen und dann macht er sie wieder ganz. Der Schott hat mir das erzählt. Agi, warst Du schon im Burgtheater, das soll sehr schön sein, wenn’s den Tell spielen, und in Schönbrunn, wo die Giraffen sind und die Löwen; auch einen Gorilla sollen die dort haben, aber das glaub’ ich nicht; der Schott schneidet so viel auf,e) er singt immer: „Es gibt nur a Kaiserstadt, es gibt nur a Wean.“ Und die Burgmusik soll auch so schön sein, wenn’s die Wach’ ablösen. Wenn Du kannst, liebe Agi, schick’ mir bald mehr Geld; im Mai machen wir einen Klassenausflug nach Melk; und da möcht’ ich gern mitfahren. Die Konviktisten sollen sehen, was ich jetzt für einen neuen Überzieher hab’. Ich schliesse und bitte den Vater, wenn der Agent kommt, soll er mir den Carus Sterne abonnieren „Die Wunder der Natur“.

Es küsst Euch Euer

Koja.

P.S. Und ich danke Euch schön dafür, was Ihr geschickt habt.“

Die Tränen der Mutter waren versiegt. „Koja verhungert nicht.“ — „Er scheint auch nur ans Essen zu denken,“ warf Agi ein. „Das ist auch vorläufig die Hauptsache,“ verteidigte ihn die Mutter. Beide nahmen ihre Akkordarbeit mit erhöhtem Eifer auf. Und während die Mutter im Nachgenuss der guten Nachrichten jede einzelne Stelle des Briefes wieder besprach, ging Agi häkelnd im Zimmer auf und ab. Sie war sehr erregt. In ihr kämpfte die Freude mit ernsten Sorgen. Sie begann sich den Brief zurechtzulegen, den sie dem Bruder schreiben wollte.

Aber erst am andern Tage, als sie ihr Tuch fertig gehäkelt, der Mutter beim Nähen der letzten zwei Säcke geholfen, die Arbeit abgeliefert und neue gebracht hatte, schrieb sie mit ihren festen Zügen:

„Unser lieber Koja!

Mutter hat über Deinen Brief vor Mitleid und Mitfreude geweint. Ich aber sage Dir: Meine Sorge um Dich ist gross. Du gefällst mir nicht. Ich fürchte, Du studierst mit weniger Eifer, als Du issest und trinkst. Sei froh, dass Du ein wenig Hunger gelitten hast, desto dankbarer bist Du jetzt den guten Menschen, die Dir die reichliche Kost geben. Halt’ Dir vor Augen, dass Du ihnen am Ende des Semesters mit einem schönen Zeugnis Freude machen sollst. Wenn Du nach der Schule in der Werkstatt arbeitest, musst Du doch abends lernen; der Versuchung zum Geschichtenlesen musst Du jetzt widerstehen, sonst fällst Du durch. — Ich wollte Dir verheimlichen, dass der Vater wieder stellenlos ist; aber es ist besser, Du weisst die Wahrheit, damit Du den Ernst zum Lernen bekommst, von dem in Deinem Briefe noch keine Spur ist. — Ich gehe nicht ins Burgtheater, nicht nach Schönbrunn, nicht in den Wurstelprater, ich habe, seit wir in Wien sind, noch kein Weilchen zum Lesen gehabt, ich muss häkeln und die Mutter muss Säcke nähen, sonst würden wir verhungern. Wenn ich mir den Rudi anschau, für den die Mutter nicht genug Milch in der Brust hat, ist mir zum Weinen. Die Mutter kann sich nicht satt essen, woher soll sie die Milch nehmen für den Kleinen? Und wenn wir am ersten Mai die Miete nicht zahlen können, werden wir delogiert. Weisst Du, was das heisst? — Die Möbel werden einfach auf die Strasse gestellt — und dann ist man obdachlos. — Wenn ich daran denke, packt mich die Angst. Aber ich weine nicht; ich denke recht scharf nach, was ich unternehmen könnte. Zu Mutter und Vater mag ich von meinen Sorgen und Plänen nicht reden, bis ich einen Ausweg weiss. Wenn auch ich ein Hunderl hätt’ oder ein Katzerl, so wie Du, wär’ mir leichter. Aber wir haben selber nicht genug zu essen. Dass ich jetzt nicht Geschichten lesen kann, ist schade, vielleicht wär’ da für mich ein Rat, wie es andre gemacht haben. Und dass ich jetzt nicht weiterstudieren kann, ist mir bitter leid; wenn ich schon Lehrerin wäre, könnte ich Euch doch besser helfen. Aber es muss auch anders gehen. Du mach’ Dir keinen Kummer, Du sollst es beim Lernen gut haben. Den Laib Brot und den Gulden werde ich Dir jede Woche schicken, weil Du doch etwas zum Frühstück, zur Jause und zum Nachtmahl haben musst. Aber teil’ Dir alles gut ein, schneid’ nur dünne Brotschnitten; satt werden musst Du dabei nicht, weil Du ja zu Mittag genug bekommst. Für den Ausflug kann ich Dir kein Geld schicken. Ob die Konviktisten in Melk Deinen geschenkten Überzieher sehen oder nicht, ist Nebensache. Die Hauptsache ist, dass wir jetzt alle die schwere Zeit überleben, dass uns nicht der kleine Rudi, oder gar unsere gute Mutter wegstirbt; es wäre entsetzlich, das kannst Du Dir gar nicht ausdenken. Wenn Du in der Früh aufstehst und bevor Du abends einschläfst, denk’ an die Mutter, die für Dich betet, denk’ auch an mich, die ich Dir helfen will, dass Du Doktor werden kannst, denk’ an unser Haus der Sehnsucht, wo wir es den Eltern wollen recht gut gehen lassen, wenn sie einmal alt sind. Wenn Du betest, so sprich mit Gott, der ja überall ist, auch in Dir, sprich mit ihm, dass er Dir einen starken Willen geben soll und einen hellen Kopf, damit Du immer tuest, was recht ist und unterlassest, was die Mutter weinen machen könnte. Dazu ist notwendig, dass Du Dich gut ausschlafest. Damit Du ruhiger schlafen kannst in der Nacht, bitte die Meisterin, dass sie Dir erlaubt, die Werkstatt täglich nach Feierabend auszukehren. — Dann umwickel’ den Besen mit einem nassen Tuch und wisch’ feucht auf, auch unter den Möbeln, damit die Floh-Eier, die im Staub sind, zugrund gehen. Und trink’ ja kein Bier mehr, damit es Dir nicht geht, wie unserm armen Vater, der nüchtern ein guter Mensch ist und bös sein kann, wenn er getrunken hat. Du musst immer gut sein, immer! Und klug musst sein, und einen starken Willen musst Du haben. Lieber Koja, unter den Geschichten, die wir in Pöchlarn gelesen haben, war auch ein Reclam-Büchel „Benjamin Franklins Leben“, von ihm selbst erzählt, das schick’ ich Dir, sobald ich’s auf dem Boden finde, wo ich die Bücher hinter den Trambalken versteckt hab’, damit sie der Vater nicht beim Trödler verkauft. Der verwaiste Benjamin hat vom zehnten Jahr an nicht mehr in die Schule gehen dürfen, da hat er selber gelernt, er war Lehrbub in der Druckerei. Und wie er vierzehn Jahre alt war, da hat er in den Strassen ein Heldengedicht verkauft, das er selbst gedichtet, selbst gesetzt und selbst gedruckt hatte. Später ist er Redakteur geworden. Und wie er von einem Trunkenbold, der Druckereibesitzer war, das Geschäft übernommen hat, da hat er selber seine Werkstatt ausgekehrt, ohne Gehilfen alles gesetzt und gedruckt, selber alle Hausknechtarbeit gemacht; hat fleissig studiert und physikalische Experimente gemacht, Du weisst doch, dass er den Blitzableiter erfunden hat. Er hat selber lehrhafte Geschichten gedichtet und gedruckt, auch Kalender mit Ratschlägen für die Farmer. Und wenn er auch mit dem Schiebkarren liefern gefahren war, alle Mitbürger haben ihn verehrt und haben getan, was er geraten hat, die Kleefelder haben sie gegipst, Blitzableiter auf die Häuser gesetzt, die Strassen reguliert und beleuchtet, die Sicherheitswache, die Feuerwehr eingeführt, alles, wie er’s geraten hat. Und mit Washington zusammen hat er die Vereinigten Staaten Nordamerikas von Englands Tyrannei frei gemacht. — Ist das nicht herrlich! — Mein Koja! Solch ein Besonderer musst Du auch werden, solch ein Mann, der andre anführt zum Guten; das kannst Du am besten erreichen, wenn Du Doktor wirst. — Und weil ich das von Dir hoffe, darum ist mir nicht leid, dass ich meine jungen Jahre in Arbeit verbringe, Tag und Nacht, dass ich gar kein Vergnügen habe, nicht einmal das bisschen Geschichtenlesen, damit nur Du Dich zu einem rechten Manne auswachsen kannst; Koja, mein Koja, lass meinen guten Willen in Dir sein!

Es küsst Dich Deine

treue Schwester und die Mutter.

P.S. Der Vater ist jetzt nicht zu Hause, sonst würde er Dich auch grüssen. Er hat Dich ja auch gern; weisst Du noch, wie er Dir den Martin gekauft hat und das Aquarium? Wenn Du uns wieder schreibst, grüss’ auch den Vater. Deinen Brief kann ich ihm nicht zeigen; er wäre zornig, weil Du ihn nicht gegrüsst hast; er ist unglücklich, weil er nicht so leicht entbehren kann wie die Mutter und ich. — Dafür kann er aber nicht, dass er so schwach ist. Das hat mir die Mutter erklärt. Dem Vater sind doch die Eltern gestorben, wie er zehn Jahre alt war. Er ist bei einem gewissenlosen Vormund unterm Gesinde aufgewachsen und hat sich dort das Trinken angewohnt. Das hat ihn so schwach gemacht. Drum sag’ ich Dir noch einmal so eindringlich, als ich kann: Trinke kein geistiges Getränk, damit Dein Wille stark und Dein Kopf immer klar sei zum Überlegen. Noch etwas will ich Dir schreiben, weil es sonst für Dich verloren wär’: In dem Jahrgang der Gartenlaube, den der Vater beim Trödler verkauft hat, war die Lebensgeschichte des englischen Eisenbahningenieurs George Stephenson: Der hat als Bub im Bergwerk die Stollentürln auf- und zugemacht, wenn die Kohlenhunde durchgeschoben wurden. Erst in der Sonntagsschule hat er lesen gelernt, ist Maschinenputzer geworden, hat sich mit Schuhflicken und Uhrenausbessern, später mit Maschinenreparaturen Geld auf Bücher verdient. Dann hat er die fahrende Lokomotive mit einer selbsttätigen Steuerung am Dampfzylinder erfunden, die erste Eisenschienenbahn gebaut und ist in England und den Niederlanden königlicher Ingenieur geworden. Und dann hat er mit Königen an einer Tafel gespeist. So weit hat es der einst so arme Bergwerks-Hilfsarbeiter gebracht. Koja, Du hast es besser, als er’s gehabt hat. Du kannst leicht Doktor werden. Mach’ die Prophezeiung der Schwammerliesel wahr! — Dass in Dir ein guter Kern ist, weiss niemand besser als wir.“ —

Die nächsten Tage waren für Agi freudenvolle. Durch Ausnützung jeder Minute steigerte sie den Tagesverdienst auf einen Gulden achtzig Kreuzer. Jetzt konnte die Mutier etwas besser genährt werden, und auch die Wochensendungen für Koja waren gesichert.

Lorents Anstellung bei der Aspang-Bahn liess auf sich warten. Dennoch waren Mutter und Agi voll Zuversicht. Vor ihren Fenstern im Hofe begannen ja die verstaubten und verrussten Sträucher schüchtern zu grünen. Unterm Fenster im ersten Stock, vor dem die Hausfrau ihre überwinterten Geranien im grünumgitterten Fenstergärtchen stehen hatte, hing ein Käfig im Freien. Darinnen liess ein rotbrüstiger Edelfink sein lautes Frühlingslied erschallen, und das Gezwitscher der Sperlinge wurde lauter von Tag zu Tag. Mit viel Gezänk und Wichtigtuerei bauten sie hoch oben unterm Dachgesims ihre zausigen Nester, von denen der Wind manchmal ganze Büschel Haare, Strohhalme und Wollfäden hinunterfegte in den Hof, wo die Luft stille stand. Die von keinem Sonnenstrahl beschienene Wohnung hatte bisher geheizt werden müssen, so dass die von Pöchlarn mitübersiedelten Kohlen- und Holzvorräte bedrohlich schwanden; jetzt wurde sie auch ohne Heizen erträglich, wenn auch das Schuhzeug im Waschkasten schimmelte. — Der Frühling, dessen Fortschreiten Agi bei ihren Liefergängen am Blühen der gelben Forsythien in den Parkanlagen wahrnahm, besonders aber die Stimmen der Amseln, die in den Baumkronen des alten Schmelzer Friedhofes flöteten, machten sie ganz froh. Aber mit jedem Tag rückte der erste Mai unerbittlich näher, der Zahltag für den Vierteljahreszins. Noch war es ihr nicht gelungen, auch nur einen Gulden auf den Zins zurückzulegen. Bei der eintönigen Arbeit dachte sie daran, was sie in der Pöchlarner Zeit neben Charles Dickens ergreifenden Schilderungen des Londoner Grossstadtelendes und der Schuldgefängnisse in Zeitungsberichten vom „Delogieren“ armer Wiener Mieter gelesen hatte. Sie konnte in den Nächten nicht schlafen, wann sie sich vorstellte, dass ihre Lieben aus der Wohnung gewiesen, ihr Stubengerät auf die Gasse gestellt würde, wenn sie den Mietzins nicht rechtzeitig zahlen könnten. Würde dies die noch immer schwache Mutter samt dem kleinen Rudi überleben? Agi hatte von Massenquartieren gelesen, wo fünfzig und mehr Personen in einer von Ungeziefer wimmelnden Wohnung nächtigten, vom überfüllten Asyl für Obdachlose, wo die von Bettelsuppen hungrigen Ärmsten der Armen nur schwer eine Unterkunft erhielten. So weit durften ihre Lieben nicht sinken. Was würde denn aus Koja werden, wenn es ihr nicht gelänge, der Verelendung der Familie vorzubeugen? Da blieb kein anderer Ausweg, als die für Koja hergerichtete Kammer an einen Zimmerherrn zu vermieten. Und Agi hatte Angst davor, dass ein Fremder den ohnehin schwer errungenen, immer gefährdeten Frieden des Heims ganz zerstören könnte. Mit ihm konnte die Gemeinheit, Unehrlichkeit, Unsauberkeit über die Schwelle kommen. Es gab aber kein Ausweichen; Armut macht unfrei. Mit schwerem Herzen und geringer Hoffnung schrieb Agi den Ankündigungszettel, um ihn aussen neben drei andere ans Tor zu hängen. Um ihrem Zettel vor den anderen die Beachtung zu sichern, welche des Erfolges erste Bedingung ist, schrieb sie zierlich und doch kräftig: „Ein freundliches Stübchen ist an einen gebildeten Herrn zu vermieten. — Ebenerdig Türe 7“, und umrandete die Schrift mit einem Blütenzweig, dessen einfache Formen sie den Schlingmustern entnommen und kräftig mit Rot und Blau gefärbelt hatte. Als sie liefern ging, hängte sie den Zettel über die andern — und gab ihm den Augensegen. Und als sie zurückkam — war der Zettel weg! — Als sie daheim über die Schwelle trat, wehte ihr der Duft wirklichen Kaffees entgegen. Die Mutter begrüsste sie mit einem leisen und dennoch ausdrucksvollen „Gott sei Dank!“ und führte sie an der Hand ins Zimmer bis zu ihrem Nähtisch. Da lagen neben dem ausgefüllten Meldezettel vier Zehner-Banknoten und fünf Silbergulden. Agi machte grosse Augen: „Ja, ja, wie ist denn das nur möglich?“ — Da schmunzelte die Mutter: „Ich hab ihm’s g’sagt, wie’s wahr ist: wir vermieten, damit wir den Zins zahlen können; und geholfen wär’ uns nur mit vierteljährlicher Vorauszahlung. Da hat er sich die Kammer angesehen und ist geblieben. An demselben Nagel, wo Kojas Geige gehangen hatte, hängt jetzt seine Laute.“ Agi strich sich mit der Rechten über die Stirne, als wischte sie etwas Lästiges weg, das dort gehaftet hatte. Die Mutter aber schob ihr den Meldezettel zu: „Lies doch, wer unser Zimmerherr ist. Er ist kein Fremder.“ Und Agi las: „Peter Urban, Studierender an der Hochschule für Bodenkultur. 21 Jahre alt, gebürtig aus Nierding in Steiermark.“ — Sie hob die Augen fragend zur Mutter: „Ist das der Melker Student, der mit Hans Paul bei uns in der Neuda eingekehrt war?“ — „Er ist’s und hat mich gleich erkannt.“ Da griff Agi nach ihrer Häkelei und begann in freudiger Erregung im Zimmer auf und ab zu gehen. Zufall oder Fügung?

Als Peter Urban kam, war Agi betroffen von seiner Erscheinung. Sie hatte ihn anders im Gedächtnis. Aus dem schmächtigen Burschen war ein stattlicher junger Mann geworden, dessen treuherzige braune Augen mit dem kastanienfarbenen Haar und dem etwas lichteren flaumigen Vollbart gut zusammenstimmten. Was ihm in wenigen Tagen das volle Zutrauen der Mutter und Agis gewann, war die Verehrung, die er für seine eigene Mutter betätigte. Das Bildnis der einfachen Bäurin, deren Scheitel schon silberig schimmerte, stand in der Mitte des Arbeitstisches, so dass die Augen des Studierenden darauf ruhten, wenn er vom Buch aufblickte. Aus Trinkgläsern ragten vor und neben dem Bilde bunte Sträusslein von Frühlingsblumen, wie er sie aus den forst- und landwirtschaftlichen Versuchsgärten in Mariabrunn und Hütteldorf eingetragen hatte. Ein Mann, der das Bild der Mutter mit Blumen umgab, konnte nur ein guter, zartfühlender Mensch sein. — Die Abende verbrachte er anfangs allein in seinem Stübchen bei emsiger Vorbereitung auf die nächste Prüfung. Nur selten stimmte er seine Laute, dann aber sang und spielte er ein Lied ums andere. Einmal in der Woche, am Samstag abend, hatte er drei Freunde bei sich. Es kam Hans Paul, der Dichter, der an der Universität Philosophie studierte, und die beiden Kunstakademiker Leo Kainradl und Dolo Karpellus. Bei Saitenklang, Liedern und fröhlichem Plaudern blieben sie bis Mitternacht beisammen. Und am Sonntag früh wandelten sie alle vier ins Grüne. — Während Urban mit dem Vater Lorent nur beim Begegnen einen kurzen Gruss wechselte und auch Agi anfangs kaum zu beachten schien, wurde er der Mutter gegenüber, die ihn betreute und die er als „Frau Mutter“ anzureden pflegte, bald mitteilsam, zu ihr sprach er von seiner eigenen Mutter; als Witwe verwaltete sie den grossen Hof „Am Kulm“ inmitten ausgedehnter Waldungen. Den Hof sollte er nach Vollendung der Studien übernehmen. Agis stilles, zurückgezogenes Wesen, ihre liebevolle Art, für die Mutter und das Brüderchen zu sorgen, entgingen dem Studenten nicht. Ohne sich in ein Gespräch mit ihr einzulassen, bezeugte er ihr durch ein lebhafteres Aufleuchten der Augen beim Grüssen, dass sie ihm nicht gleichgültig war.

Als Agi am 1. Mai zum Hausherrn den Mietzins zahlen ging, kehrte sie mit einem Korb voll Flickwäsche zurück.

Von diesem Tage an hatte sie samt der Mutter besseren Verdienst; denn sie wurden als gewissenhafte Flickerinnen von Kunde zu Kunde weiterempfohlen. Die schlecht bezahlte Akkordarbeit konnten sie nun aufgeben. Es ging wieder vorwärts. Die Mutter wurde besser genährt und der kleine Rudi nahm zu. Im warmen Mai empfand Agi eine unwiderstehliche Sehnsucht nach Luft und Sonne. Aber nicht die Parkanlagen suchte sie auf, deren Bänke mit Ammen, Soldaten und hüstelnden Alten besetzt waren, sondern sie ging mit ihrem Pack Flickwäsche durch die Allee der blühenden Robinien in den verwilderten, seit Jahrzehnten nicht mehr belegten, menschenleeren Schmelzer Friedhof, dessen halbverfallene Gräber von duftendem Thymian überwuchert waren. Vorüber am Obelisken der Märzgefallenenf) schritt sie zwischen uralten Zypressen, Blutbuchen, Linden und Trauerweiden dahin und machte eine von Holunder und Rankrosensträuchern laubenartig umwucherte Steinplatte, die ein vergessenes Familiengrab deckte, zu ihrer Werkbank. Kaum vernehmbar drang fernher der schwache Hall fahrender Wagen in diesen lieblichen, weltentrückten Winkel; desto inniger aber klang aus dem Schattendunkel blühender Jasminsträucher das halblaute Plaudern eines Schwarzblättchenpaares. Während Agis Hand die Nadel führte, war ein Freuen in ihr, dass sie am liebsten gesungen hätte. Sie fühlte in sich ein stilles, zaghaftes Sehnen nach eigenem Glück; noch wagte sie keinem Hoffen bestimmte Gestalt zu geben. Sie war ja ein armes Mädchen, das nur für die Ihrigen lebte und arbeitete.

An einem regnerischen Sonntagabend geschah es, dass Hans Paul seinen Überrock in der Küche an einen Wandnagel hängte, bevor er sich in Urbans Stübchen begab. Agi, die in ihrer mädchenhaften Verehrung des Dichters sich dessen Rock betrachtete, entdeckte mit Staunen, dass das Satin-Futter unter der Brusttasche durchgerieben war. — Flugs suchte sie in der Flecklade nach einem geeigneten Stoff, schnitt die schadhafte Stelle heraus und setzte den neuen Fleck dafür ein. Mit klopfendem Herzen, als hätte sie etwas getan, wofür sie sich schämen müsste, hängte sie den Rock wieder an seine Stelle.

Zwei Tage später brachte ihr der Postbote einen Brief, in dem nur ein Gedicht lag:

Das Heinzelfräulein

Im alten Sorgenstuhl Grossmütterlein

Erzählte mir vom Heinzelmännchen oft,

Wie es die Arbeit, ehe man’s gehofft,

Zustande brachte, still und schnell und fein.

Vom Heinzelfräulein hat sie nichts erzählt,

Das nachts gar fleissigstill und mitleidsvoll

Pulsuz fraqment bitdi.

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