Kitabı oxu: «Kojas Wanderjahre»

Şrift:

Alois Theodor Sonnleitner

Kojas Wanderjahre

Der Vorgeschichte zum

„Haus der Sehnsucht“

1. Teil

Mit Bildern

von Professor Fritz Jaeger

6. Auflage

Saga

Kojas Wanderjahre

© 1923 Alois Theodor Sonnleitner

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711570036

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

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Frühes Wandern

Andre ziehn in ferne Gaue

Erst in ihren Jungmannsjahren.

Ich verlor als Kind die Heimat

Musste in die Fremde fahren.

Armut löste mir die Fesseln,

Die dem Kind die Freiheit nehmen;

Wandernd in Gefild und Wäldern

Lernt’ ich Angst und Mut bezähmen.

Dort wie da fand ich die Schönheit.

Und des Waldes Heimlichkeiten

Durft’ ich inniglich beschauen

Mit Erkenntnis-Seligkeiten.

Des verlorn en Reichtums Gaben

Brauchte ich nicht zu beklagen,

Denn im Innern häuft’ ich jubelnd

Schätze auf in Kindheitstagen.

Düfte, Farben, Klänge, Liebe!

Taucht empor Erinnerungen!

Denn der Alte will erzählen;

Und es lauschen schon die Jungen ...

Dr. A. Th. Sonnleitner

Rückschau.

Über dem Osthang der Wienerwald-Berge steht die Herbstsonne. Die Silberfäden des Altweibersommers leuchten und flimmern auf der Bergheide, die vom Waldrande ostwärts niederstreicht zum Weingelände; das ist tief unten, wo die Ebene beginnt, gesäumt von Ortschaften mit spitzen Kirchtürmen und schlanken Fabrikschlöten.

Ein hochgewachsener Mann steigt oberm Perchtholdsdorfer Steinbruch sacht die kurzberaste Heide hinan. Es ist Dr. Kajetan Lorent. Ein breitkrämpiger Hut beschattet seine Stirne. Er trägt den langgestielten Geologenhammer in der Rechten. Von seiner linken Schulter hängt an breitem Riemen eine rindslederne Tasche nieder. Ein lauer Windhauch spielt mit seinem kastanienbraunen, sanft gewellten Haupthaar, das zu den breiten Schultern niederwallt; er spielt mit seinem rotbraunen üppigen Vollbart, der an den Seiten mit grauen Fäden durchzogen ist. Der Wanderer schaut zum Waldrand empor und dann südwärts, wo vom Giesshübler Höhenrücken die neue Kirche zum Himmel ragt. Wie jedesmal, wenn er diesen Weg geht, lässt er auch heute die Augen von der Kirche links hinabschweifen am Kamm der Hochleiten; dort hinter der grell weiss schimmernden Friedhofs-Kapelle weiss er das kleine Anwesen, das einst seine gute Schwester Agi als bescheidenes „Haus der Sehnsucht“ erworben hatte. Lang ist es her. Er dreht sich um und sucht das rote Ziegeldach seines eigenen Hauses im Perchtholdsdorfer Villenviertel. Lächelnd setzt er seinen Weg fort. Wie hat sich doch alles zum Bessern gewendet! Während er vorgebeugt den steileren Hang emporsteigt, fällt ihm ein gelblicher Kalkstein auf, der sich vom grauen triassischen Dolomit des Feldweges abhebt. Ein Schlag mit dem Hammer spaltet den Stein. Da kommen auf den Bruchflächen die feinstrahligen Schalen einer Pilgermuschel zum Vorschein. Es ist Leithakalk. „Der rührt doch aus der Strandzone des tertiären Meeres her, die sich tief unten am Rande des Wiener Beckens hinzieht. — Den Stein muss ein Fuhrmann verloren haben.“ Der Doktor verwahrt die Bruchstücke mit der Muschel in seiner Ledertasche. Gelbschwarzsamtene Erdhummeln und graubepelzte Bienen lenken die Aufmerksamkeit des Naturfreundes auf die schon blütenarmen, blassvioletten Sommer-Enziane und die zartweissen Blüten des Augentrostes, in denen die Immen ihre Mahlzeit suchen.

Am Waldrand angekommen, rastet Dr. Lorent auf einer Bank und betrachtet behaglich die Gegend; er lässt sich von allem willig ansprechen, was sich seinen Augen darbietet; er geht den Gedanken nach, wie sie in ihm von den Dingen angeregt werden.

Im Nordosten, unterhalb des Kahlengebirges, liegt das Häusermeer der Wienerstadt, der matt leuchtenden Donau vorgelagert; dort hat er als armes Studentlein gehungert, bis er, von der Not gezwungen, seine vielbewegte Hauslehrerwirksamkeit begann und als Tierpräparator in nächtlicher Arbeit Geld verdienen lernte. — Ein kleiner, lichtblauer Falter flattert über den Pfad und lässt sich auf der rosigen Gipfelblüte einer Hauhechel nieder. War’s nicht ein Bläuling, dessen Atlaskleidchen die Agi bewunderte, als ihr das Leben neu geschenkt war nach langer Krankheit? Da, am Rand des halbgemähten Wiesenflecks kriechen zwei der grasgrünen Räupchen des Bläulings an einer Hauhechel empor, die wohl demnächst unter der Sense fallen wird. „Nein, die sollen nicht verhungern!“ Der Doktor streift die Raupen von ihrer Futterpflanze und versorgt sie in seiner Ledertasche. — Und wieder lässt er die Blicke in die Ferne schweifen. Da drüben, jenseits der grünen Ebene des weitgedehnten Wiener Beckens, schimmern die Neudorfer Sandlehnen vom Westhang der Kleinen Karpathen gelblich herüber und fernher leuchten die Kalksteinbrüche des Leithagebirges als weisse Wunden aus den bewaldeten Hängen. Dort hat er als Vierzehnjähriger die ersten versteinerten Pilgermuscheln, Kegelschnecken, Haifischzähne und Seesterne gesammelt; aus denen hat er erkannt, dass dort die östliche Strandzone des Meeres war, das die weite Mulde ausgefüllt hat, entstanden durch den Niederbruch der Ostalpen. Wie lange das wohl her sein mochte? Jahrmillionen. Und wo das Meer hergekommen war? Von Nord und West her. Er hat auf seinen Reisen die Tierreste des tertiären Meeres in Frankreich gefunden, in Bayern, die Donau entlang, und er hat Belegstücke der tertiären Strandfauna aus Mähren, Galizien, Südrussland. Heute fruchtbare volkreiche Länder, waren sie einst bedeckt von den Fluten des warmen Meeres, das seinen Muschelund Korallenkalk absetzte auf die älteren, in noch früheren Erdperioden aufgelagerten Gesteinsmassen. Länger als auf anderen Stellen der Landschaft haften des Doktors Augen am hellen Steinbruch von Mannersdorf, der als mattweisser Fleck aus der fernblauen Masse des Leithagebirges herüberschimmert. Dort hat Agi für die Bauern Janker und Wäsche genäht, um dem Koja nach Wien wöchentlich einen Laib Brot und einen Gulden Kostbeitrag senden zu können. Agi und Mutter! Heldinnen der opferfreudigen Liebe! Ihr habt mitsammen getreulich alle Sorgen getragen, dass nur Kojas Wesenswert, dass nur seine Anlagen nicht verkümmern sollten!

Des Doktors Blick gleitet über die grüne Ebene herüber und bleibt haften am hohen Perchtholdsdorfer Glockenturm, der die Kirche überragt und die Ruinen der Burg. Von den Türken eingeäschert, ist sie nie wieder aufgebaut worden. In ihrem Gemäuer aber hat sich im vorigen Jahrhundert der greise Anatom Hyrtl sein Laboratorium eingerichtet, der gütige „Weise von Perchtholdsdorf“. — In ernster Stimmung setzt Doktor Lorent seinen Weg fort. Ein schmaler Waldpfad führt ihn im Schatten der Föhren südwärts, hügelauf und talab, bis er auf einer Lichtung anlangt, deren Grasboden hell von der Sonne beschienen ist. Hier ist die Luft warm wie an einem Sommertag; und sie ist durchsättigt vom Dufte des Thymians, der die Bodenwellen polsterig überwuchert hat. Und dieser Duft bemächtigt sich der Seele des alten Waldläufers. Wo war es nur, dass er diesen Wohlgeruch in solcher Stärke zum erstenmal eingeatmet hat? Er lagert sich in die duftenden Stauden und hängt der Frage nach. Da fällt sein Auge auf eine Kolonie silbergrauer Katzenpfötchena mit pinseligen Fruchtbüscheln, dann auf verblühtes Heidekraut, das einen flechtenbedeckten Steinblock überragt. Und auf dem Steine sonnt sich eine graue Zauneidechse. Sie hat den Leib flach ausgebreitet und die Augenlider wie im Schlummer geschlossen. Auch das muss er schon wo gesehen haben? Und plötzlich wird es ihm klar: Auf dem Kunietitzer Berg war es, unter der Burgruine, am Rande des Föhrenwaldes; da blühten rosig und weiss die Katzenpfötchen und fleischfarben die Heidekrautbüsche; da sonnte sich die Eidechse, da duftete der Thymian im hellen Sonnenschein. Tief unten aber in der Ebene schlängelte sich die Elbe von Königgrätz her nach Pardubitz und weiter nach Kolin zwischen saftgrünen Wiesen, bunt blühenden Mohnfeldern und gelben Kornbreiten, von deren Boden die Grossmutter sagte, dass er so überschwänglich fruchtbar wäre, weil er Blut getrunken hätte von vielen Tausenden gefallener Krieger. — Und wer war damals bei ihm am Waldrand, bei ihm, dem fünfjährigen Koja? Es war der rothaarige Peter aus der Ziegelei, unter dessen Führung Koja Waldläufer geworden war. Wie mit einem Zauberschlage ist die versunkene Welt der Kindheit vor dem reifen Manne erstanden, farbenreiche Landschaftsbilder, lieblich wie tauglitzernde Gärten und mitten darin erschütternde Erlebnisse von wuchtigen Schicksalsschlägen; Muttertränen. Dann wieder das lächelnde Kindergesicht der kleinen Julie Niederle, deren Augen so blau waren wie die Blüten der Wegwarte. In allem aber ein Faden, der aufwärts führt aus den Niederungen der Hilflosigkeit und Armut zu kraftvoller Selbsthilfe und Wohlhabenheit. Eine Geschichte, fast zu reich an Ungewöhnlichem, eine Geschichte, die zeigt, wie Menschen innerlich reich werden dank der äusseren Armut, wert niedergeschrieben zu werden für andere, damit sie nicht verzagen in herber Zeit. Im Entschluss zum Werke erhebt sich Doktor Lorent mit einem Ruck und schreitet quer durch den Föhrenstand auf dem kürzesten Weg heimzu. Heut will er noch zu schreiben beginnen.

Daheim angekommen, trägt er die Bläulingsraupen zu den Hauhechelbüschen in den wilden Teil seines Gartens, wo die Futterpflanzen der Schmetterlingsraupen auf gutem Grunde üppig aber in zwanglosen Gruppen stehen. Der grossgewordene Koja zieht sich eine Auswahl harmloser Schmetterlinge auf, die er nicht tötet, weil sie als schwebende Blüten den Garten schmücken sollen. Es ist eine Sammlung lebender Schönwesen, deren Gewohnheiten der Doktor beobachtet. Er geht an die Vorbereitungen zum Schreiben. Erst macht er seinen Schreibtisch leer von allem, was ihn ablenken könnte. Weg mit den unerledigten Briefen, die sollen auf einem Nebentisch warten, bis sie daran kommen; auch Agis letzter Brief ist dabei. Ihr will er erst im Perfektum berichten: „Ich habe ein gutes Kapitel geschrieben. Weg mit den Entwürfen zur Lebensgeschichte des Melker Schulkameraden Robin, von dem ja ohnehin noch eine Menge Einzelheiten fehlen. — Jetzt steht sein eigenes Leben so klar vor ihm, dass er es fassen muss. Heute will er nur Dinge vor sich haben, die seine Gedanken festhalten bei seiner eigenen Jugendzeit. Mit den rückständigen Korrespondenzen beladet er einen anderen Tisch. Hinter dem Schreibzeug legt er ein schmales Tragbrett auf und stellt als senkrechte Wand dahinter einen grossen, mit grüner Leinwand bezogenen Karton, der ihm die Aussicht auf die gegenüberliegende Wand und die Glasschränke mit dem zerstreuenden Vielerlei verdecken soll. Dann ordnet er auf dem Tragbrett einige Dinge, die ihm in Kindheitstagen des Betrachtens wert waren: Das goldgerändete Überfangglas aus dem Glaskasten der Grossmutter, die silberig glänzende Daguerotypie mit dem Bildnis der Urgrossmutter, den perlengestickten Uhrbehälter, den Agi in Altpaka am Südabhang des Riesengebirges dem Vater zum Christkind gegeben hat, eine Amethyst-Druse, welche der Vater dem Koja von der Sprengung des Tannwalder Tunnels gebracht hat, der Mutter porzellanene Zuckerdose, auf deren Deckel eine brütende Glucke sitzt, den fast zahnlosen Dachsschädel, den Koja als Neunjähriger im Rerapointer Wald bei Pöchlarn gefunden hat. Und er legt sich das abgegriffene Buch vor die Augen, in das Agi seit ihrem elften Lebensjahre ihre Lesefrüchte eingeschrieben hat; in der Auswahl der Denksprüche und Gedichte hat sich die fortschreitende Selbstbildung der Mädchenseele geoffenbart, und innersten Erlebens Spuren sind in diesem Andachtsbuch. An dem grünen Karton hinter dem Tragbrett aber befestigt er mit Reisnägeln Bilder, die manches darstellen aus der alten Heimat: ein Mohnfeld in bunter Farbenpracht, eine Schmiede mit rotleuchtender Esse, einen Bauernhof mit prächtigem Hühnervolk, ein Stoppelfeld mit weidenden Gänsen, einen schilfumbuschten Elbearm mit weissen Seerosen und darüber aufragend den Kunietitzer Phonolitkegel mit der von den Hussiten zerstörten Burg: und er vergisst auch nicht den nadelspitzen „Grünen“ Turm vom Pardubitzer Stadttor. Vom Garten herauf holt er sich einen Strauss Astern. Astern waren es, auf denen Agis Augen ruhten, während sie wieder das Lächeln lernte, als sie genas von schwerer Krankheit.

Erst nach dem Abendmahl kommt Doktor Lorent zum Schreiben. Während Klara, seine Frau, unten in der schönen Stube auf dem Harmonium ihre geliebten Schubertschen Weisen spielt, ist er oben in seinem mit Büchern und naturgeschichtlichen wie kulturgeschichtlichen Sammlungen fast überfüllten Studierzimmer. Der Schirm der Petroleumlampe wirft das warme Licht hernieder auf die Schreibfläche und nur noch auf die auserkorenen redenden Dinge, die den Schreibenden ansprechen, so oft er aufschaut; alle anderen Gegenstände aber, die Büchergestelle und die Glasschränke mit ihren Sehenswürdigkeiten aus nahen und fernen Ländern und Zeiten, sie sind in Dämmerung gehüllt, sie drängen sich nicht auf, sie reden dem Schaffenden nicht darein. Der ist ganz gesammelt, ganz eingesponnen in das Wiedererleben von Ereignissen, die ein halbes Jahrhundert tief in der Seele lagen und nun heraufgekommen sind und zur Gegenwart geworden.

So wächst das Werk Abend für Abend, Seite um Seite, den Herbst hindurch, und es macht grosse Fortschritte an den langen Winterabenden, wo es draussen stürmt und schneit, während im Ofen die Scheiter knistern und die graue Hauskatze im Lehnsessel schnurrt, den ihr der Schreibende zum Ofen gerückt hat. Doktor Lorent lässt sie gerne ein, wenn sie Einlass begehrt in seine Schreibstube. Etwas vom Behagen dieser Lebenskünstlerin geht auf ihn über und auf seine Arbeit. War nicht immer eine Katze da oder ein Kätzchen, um in das Leben der verarmten Lorent-Familie etwas Behagen und Frohsinn zu bringen, als es übervoll war des herben Ernstes und qualvoller Unrast?

Erste Erinnerungen.

Was vor Kojas zweitem Lebensjahre war, davon hat er in seiner Seele keine deutbare Spur. — Dann taucht ein liebes blasses Gesicht vor ihm auf: seine Mutter. Sie liegt im Bette und daneben steht eine Wiege. Darin ist ein zartes Kindlein. Es bewegt die winzigen Händchen und weint immerzu, immerzu. — Gleich darnach:

Er, der zweijährige Koja steht im langen Hemdchen neben einem Tische, klammert die Hände an den Rand und schaut: Auf dem Tische liegt dasselbe Kindlein; es rührt sich nicht, es weint nicht; eine alte Frau taucht ein Tüchlein in ein Waschbecken und wäscht den bleichen Leib des Kindleins. Sie bekleidet es mit einem schneeweissen Hemdchen und legt es in ein lichtblaues Särglein, über dessen Rand weisse Spitzen niederhängen. Dann sieht er es nicht mehr. Es ist nicht mehr. So ist ihm die Erfahrung geworden von Sein und Nichtsein.

Ein Jahr später: Die Grossmutter ist zu Besuch da.

Die Lampe steht ohne Schirm auf dem Tisch, davor sitzt die Grossmutter beim Kachelofen und näht. Kojas Schwester, die fünfjährige Agi, etwas grösser als er, hat sich zwei weisse Schürzen um den Hals gebunden, so dass sie vorne und hinten niederwallen; mit der Linken hält sie die vordere Schürze gerafft, in der Rechten trägt sie ein Körbchen; darin hat sie allerlei knorrige Holzscheitchen steil aufgestellt; das Holz duftet. Koja hält die Schleppe der anderen Schürze in den Händen. Das Licht der Lampe erzeugt hoch oben an der Wand wunderliche Schatten von den Dingen, die auf dem Schranke stehen: Flaschen und Schachteln, Leuchter und eine Gipsfigur, die einen Knaben mit einem Blumenkorb vorstellt. Agi wandelt langsam zwischen Tisch und Kasten hin und her und Koja trippelt ihr nach. Sie deutet wie geängstigt nach den Schatten der Dinge an der Wand und murmelt allerlei Unverständliches, indem sie wunderliche Worte wiederholt: „Aberla, bimerla, simerla, rikati, sibati, schureli, tschin!“ Und so oft sie „tschin“ sagt, hebt sie ihr Körbchen mit jähem Ruck empor, dass der Schatten ihrer Hölzer den Schatten irgend eines Dinges bedeckt, als ob er ihn verzehre; aber die verzehrten Schatten tauchen immer wieder unverwüstlich empor, so oft sie das Körbchen senkt. Da bemächtigt sich Kojas eine unbestimmte Angst. Er fängt an zu wimmern, Agi aber wiederholt ihre Beschwörung der Schattengeister immer lauter, immer aufregender. Den Buben packt das Grauen. Er fängt an zu schreien, als ob er gespiesst würde. — Da öffnet sich die Zimmertür, aus der Küche kommt die Mutter, hebt Koja auf den linken Arm und geht mit ihm zum Herde. Aus der angrenzenden Gaststube dringt das Gewirre von Männerstimmen, und wenn die Tür aufgeht, kommt der Geruch von Bier und Tabaksqualm herein. Die Wirklichkeit beruhigt Koja, er hört auf zu weinen.

Ein Jahr später. Es ist Sommer. Der Regen hat den Lehmhaufen zerweicht, der neben der Kegelbahn im Garten liegt. Der Kegelbub kauert daneben und formt für Koja mit unglaublicher Fingerfertigkeit allerlei Figürchen, die er auf Bruchstücke von Dachschiefern stellt; langohrige Häschen, dickbeinige Hunde, Pferde und grossköpfige Reiter.

*

Ein Wagen, auf dem ein grosses Fass liegt, fährt vom Wiesenbach herüber in den Garten. Der Kutscher lässt das Wasser aus dem Fass in den weiten Bottich laufen, der mitten im Garten unterm Zwetschgenbaum steht. Der Kegelbub und Koja baden in dem klaren Wasser. Dann klettert der Kegelbub auf den Baum und holt ein paar halbreife Früchte herunter. Koja isst eine Zwetschge und lässt den Kern ins Wasser fallen. Er schaut dem Kerne nach, wie er hin- und hergaukelnd zu Boden fällt. Plötzlich sieht er den Kern nicht mehr, an seiner Statt aber ein silberig glänzendes Fischlein, das seine Beine umschwimmt und wie neugierig an seine Knie stösst. — Und jetzt glaubt er etwas Wunderbares zu wissen: Wenn man einen Zwetschgenkern ins Wasser wirft, so wird daraus ein Fisch. Aber er behält seine erste Entdeckung für sich. Niemand soll’s wissen, nur er. Die Kerne aller Zwetschgen, die er von jetzt an essen wird, will er in Fische verwandeln. Er sammelt sie in den Hosensäcken, und so oft er es ohne Zeugen tun kann, wirft er einen Kern in ein Wassergefäss, da in ein Büttel, dort in ein Schaff, in den Wasserkrug, in das Waschbecken. — Aber die erwartete Wirkung bleibt immer wieder aus. Da gibt er sein wertlos gewordenes Geheimnis preis. Die Grossmutter kommt wieder einmal zu Besuch. Der sagt er’s. Da lacht sie, dass ihr die Schürzenbänder hüpfen: „Aber Koja! Das Fischerl in dem Bottich war ja aus dem Bach. Das hat der Kutscher beim Wasserschöpfen herübergefangen.“ „Na, und wie ist das, dass die kleinen Fischerln werden?“ fragt er unbefriedigt. „Dass die Henne Eier ins Nest legt, das weisst du?“ — „Ja.“ — „Dass sie mit ihrem warmen Leib auf den Eiern sitzt, dass dann aus den Eiern die jungen Hühnchen werden, weisst auch.“ „Ja.“ — „Nun, siehst du. So legt die Fischmutter ihre Eier ins Wasser, die liebe Sonne scheint warm darauf und aus den Fischeiern werden kleine Fischlein.“ — Mit Bedauern muss es Koja ertragen, dass seine erste Entdeckung ein Irrtum ist. So hat bei ihm die Naturgeschichte begonnen. Entdeckung, Fehldeutung, Erkenntnis. So erfuhr er frühzeitig, dass ein Ereignis, welches einem andern folgt, nicht vom erstern bedingt sein muss. Sein Sinn für das Geschehen in der Natur war geschärft, deren Rätsel ihn fortan beschäftigten, die Jugend hindurch, so dass er als Schauender und Forschender in die wissenschaftliche Arbeit seiner Mannesjahre hineinwuchs.

*

Wieder ein halbes Jahr später: Ein frostklarer Februarmorgen. Noch warfen die Schlöte der Daschitzer Zuckerfabrik und die massigen Gebäude des Brauhauses lange Schlagschatten über die niederen Häuser des Ortes und in die pflasterlosen Gassen. In den Wagengleisen schimmerten weisse Eiskrusten, die grosse Luftblasen einschlossen. Mit schwachem Schellengeläute kamen die Strasse herauf zwei aneinandergekoppelte Karren, auf denen Langholz geführt wurde. Langsam und mit hangenden Köpfen zogen die beiden Pferde ihre Last. Es waren die letzten zwei Pferde der Lorentischen. Sie blieben vor dem Wirtshaus stehen. Sie frassen aus den vorgehängten Habersäcken. Sichtbar stieg der Dampf aus den schweissbedeckten Leibern der Pferde durch die Wolldecken auf, die der Knecht über ihren Rücken gebreitet hatte. Es waren schöne Pferde, das eine braun mit weissem Stirnfleck, das andere eisengrau. Und mit Stolz dachte Koja immer wieder: „Es sind unsere Pferde. Und sie bringen die Bäume aus unserem Wald. Und der ist dort irgendwo beim Kunietitzer Berg, wo die Grossmutter wohnt, und wo der Vater sein Bauerngut hat.“

Koja war damals ein Knirps von viereinhalb Jahren; aber wer’s nicht wusste, gab ihm sechs. Er war ein starker Bub und ein kleiner Gernegross, der alles beguckte und die Erwachsenen mit Fragen quälte. Gekleidet war er wie ein Jagdgehilfe; so hatte er sich’s von der Mutter erbettelt. Die flachsgelben Ringellocken fielen ihm auf den grünen Kragen des grauen Röckleins nieder, das grün gesäumt war. Die neuen Röhrenstiefel — es waren seine ersten — prahlten in der Pracht handbreiter lacklederner Stulpen. Sie knarrten mit dem hartgefrorenen Schnee um die Wette; die Eishäutchen in den Wagengleisen knisterten, wenn der Bub darauf trat. Und wo das Eis widerstand, schlug er’s mit den eisenbeschlagenen Absätzen auf, dass es klirrend zerbrach.

Die Sonne war über den Giebel des Brauhauses emporgestiegen und ihre Strahlen strichen über die Fichtenstämme, die hochgeschichtet auf den beiden Karren lagen und mit ihren niederhangenden Wipfeln den Boden streiften. Ihre harzverquollenen Schlagwunden begannen zu duften. Es roch nach Weihnachten. Da sah Koja den Glasermeister kommen. Er liess ihn nicht vorbei. „Unsere Bäum’!“ rief er ihm zu. „Aus unserem Wald — ja.“ „So? — Noch?“ gab der alte Mann zurück und sah das Kind mit seinen guten grauen Augen traurig an; dann hastete er weiter. Ihn mochte in die Finger frieren, mit denen er eine dicke Glasscheibe unterm Arm trug. Das Wörtlein „Noch“ war verklungen mit seinem tieftraurigen, verlustvordeutenden Sinn, vom Knaben unverstanden, wie von vielen, die sich im sicheren Besitz eines hinschwindenden Gutes wähnen. Koja umschritt den Wagen. Zwei grüne Fichtenreiser, die zwischen den Stämmen eingeklemmt waren, zog er heraus. Eins für sich und eins für die Agi. Ah, wie die dufteten! —

Gern wäre er durch die Gaststube ins Wohnzimmer gegangen, dass die Gäste seine neuen Röhrenstiefel gesehen hätten und die Reiser von den Bäumen aus „unserm“ Wald. Aber die Mutter duldete nicht, dass die Kinder die Gaststube betraten. So machte Koja den Umweg durch den Hof; er gelangte ins Wohnzimmer und von da in die Schlafstube. Seinen Zweig steckte er hinter das Bild seines Namenspatrons, das über seinem Bette hing. Der Schwester aber verbarg er den ihren im angefangenen Strickstrumpf. Als sie aus der Schule kam, führte er sie ganz nahe dazu; da musste sie riechen und raten. Richtig brachte sie es heraus. Früh am Nachmittag, als es zu schneien begann, so dass es in der Stube dunkel wurde, zündete sie die Lampe an, setzte sich in den Lehnstuhl und begann dem Brüderlein im Bilderbuch alles zu zeigen, was es in „unserm“ Walde gäbe. Nur um zwei Jahre älter als Koja, spielte sie gerne Grossmutter; sie setzte sich eine alte gläserlose Hornbrille auf die Nase und begann die Bilder zu erklären. Da belebte sich der Wald mit Hirschen, Rehen, Bären, Löwen, Hasen, Füchsen, Wölfen und mit jenen wunderbaren Vögeln, die den Kindern aus den Märchen und Legenden der Grossmutter längst vertraut waren. Der geizige Specht, der barmherzige Kreuzschnabel, der Bluthänfling, sie alle lebten im Walde, der für die Kinder die Heimat des Wunderbaren, des Grossen, des Schönen und Geheimnisvollen war. Weiter, weiter und weiter hin dehnte sich der Wald, und wo er am dunkelsten war, stand die Hütte der Knusperhexe.

Das Nachtmahl nahmen die Geschwister in der grossen Küche ein, beim „Katzentischerl“ in der Fensternische. Die Mutter aber stand mit glühenden Wangen beim Herde. Sie kochte und briet für die Gäste, dass es zischte und prasselte und brotzelte.

Aus der Wirtsstube drang ein Stimmengewirre, ein Lachen und Gläserklirren; und ab und zu hörte man, wie die Spielkarten auf den Tisch klatschten. Da drinnen sass mitten unter seinen vielen Freunden der Vater. Nur selten bekamen die Kinder ihn zu sehen. Nach dem Abendessen kehrten sie in die Wohnstube zurück und bezogen wieder den Märchenwinkel beim warmen Kachelofen. Die alte Hauskatze ringelte sich auf Kojas Schoss zusammen und schnurrte. Da begann er von der Schwester Märchen zu erfragen, die er schon oft gehört, und die ihm immer schöner wurden. Agi musste erzählen, immerzu vom Walde; es waren alte Märchen. „Sag, Agi, warum nennst du den Specht geizig?“ Und sie erzählte: „Als der Heiland noch auf Erden gewandelt ist, da ist er auch einmal zu Frau Gertrude gekommen; die hat gerade Kuchen gebacken. Und weil er hungrig gewesen ist, hat er sie gebeten um etwas zu essen. Sie hat ihm wollen den Kuchen geben, der gerade in der Pfanne war. Und der Kuchen ist gewachsen und ist gar wunderlich gross geworden. Da hat sie gesagt: „Den kann ich dir nicht geben, der ist zu gross geworden.“ So ist es auch mit dem zweiten gewesen und mit dem dritten. Und sie hat den Heiland hungrig weggehen lassen. Da hat er sie zur Strafe für ihren Geiz in einen Vogel verwandelt. Der ist durch den Rauchfang hinausgeflogen und ist ganz schwarz geworden vor Russ. Nur das rote Kopftuch ist rot geblieben, drum heisst der schwarze Specht bis heute Gertrudsvogel; er hat kohlschwarze Federn und ein rotes Käppchen.“ — „Und wie ist das mit dem Kreuzschnabel? Warum nennst du ihn barmherzig?“ — „Der Heiland ist an dem Kreuze gehangen. Da ist der gute Vogel geflogen gekommen und hat sich auf das Kreuz gesetzt. Und weil ihm der Heiland erbarmt hat, hat er ihm wollen die Nägel aus den Füssen und den Händen ziehen. Dabei ist sein Brüstlein rot geworden vom Blute des Heilandes und den Schnabel hat sich der Vogel verbogen.“ Und von der Natternkönigin, jener aschfarbenen Schlange, wusste Agi zu berichten, dass sie ein Goldkrönlein auf dem Haupte trug und es beim Baden auf ein grünes Moospölsterchen legte. Und wenn ein Waldläufer zurechtkam und ein weisses Tüchlein aufs Moos breitete, dann legte sie ihr Krönlein aufs Tüchlein. Dann nahm er es auf und gab es der Schlangenkönigin erst wieder, wenn sie ihm den Weg gezeigt hatte zur unterirdischen Schatzkammer der Wichtelmännlein, wo sie goldene Ringlein und Ketten und funkelnde Steine aufbewahren. — So gewannen die Tiere des Waldes für Koja Bedeutung. Seine Naturgeschichte war voll Aberglauben und Dichtung.

Manchmal vertauschte Agi die Rolle der Grossmutter mit der Rolle der Mutter. Sie half Koja beim Auskleiden, brachte ihn zu Bett, deckte ihn sorgsam zu und liess ihn die Hände falten zum Nachtgebet. Ganz nach Mutterart machte sie ihm das Kreuzeszeichen auf Stirn und Mund und Brust und hiess ihn gut schlafen.

In seinen Schlummer hinein duftete der Fichtenzweig über seinem Bette. Da war ihm im Traume, als wär’ er ein Waldläufer, der mit allen Tieren des Waldes auf gutem Fusse stände.

Der Frost hielt an. Der stille Wiesenbach hinterm Hausgarten bedeckte sich mit spiegelglattem, tragfähigem Eis. Da sammelten sich die Buben gross und klein auf der langen Schleifbahn; Koja lief und schliff mit ihnen dahin und schrie dabei für zwei. Je mehr Lärm, desto grösser der Spass.

In der Scheune, die zwischen Hof und Garten stand, begannen die Drescher das Korn zu dreschen; es waren ihrer drei. Das ging immer típp—tapp—tapp, típp— tapp—tapp. —

Dann kamen Tage, an denen die Mutter mit rotgeweinten Augen herumging und den Kindern wehmütig zulächelte. — Aber weinen hat sie keines gesehen. Sie musste wohl in den Nächten weinen, wenn sie nicht schlafen konnte. Es wurden die schönen Pferde verkauft, der Eisenschimmel, dann das Bräunel, es wurde eine Kuh nach der anderen aus dem Stalle verkauft, Magd und Knecht wurden entlassen, Hühner und Enten geschlachtet; im Hofe wurde es stille, kein Hahnenkrähen, kein Rindergebrüll, kein Pferdegewieher. Da ward es den Kindern unheimlich zu Mute und sie quälten die Mutter mit Fragen. Die aber schloss ihnen mit langen Küssen den Mund und tröstete sie: „Wenn ihr brav seid, dürft ihr bald zur Grossmutter.“

Und an einem tauig warmen Märzmorgen, als die Eiszapfen klirrend von den Dachrändern fielen, kam Marek, der alte Knecht der Grossmutter mit dem leeren Leiterwagen angefahren. Neben ihm sass auf einem Strohschaub die Grossmutter, das liebe, schmale, faltenreiche Gesicht eingemummelt in ein geblumtes Wolltuch. Mühsam und seufzend kletterte sie vom Wagen herab. Nur ein Tisch, ein paar Stühle, ein Schrank, die alte mit Blumen bemalte Kleidertruhe und Federbetten wurden auf den Wagen geladen, Agi und Koja dazu. Mutter und Grossmutter weinten Brust an Brust, als sie die Kinder mitten im Bettzeug zurechtgesetzt hatten. Zuletzt stieg die Grossmutter auf und der Knecht. Der breitete eine Plache über den Wagen. Die Pferde zogen an, und knarrend ging’s durch die leere Scheune und dann durch den Garten, auf dem Fechsungsweg über Wiesen, dann auf dem Feldweg, der das Ufer des Wiesenbaches begleitete. Das Brauhaus und die hohen Fabrikschlöte der Zuckerfabriken blieben zurück hinter den Fahrenden. Zwischen den Sprossen der Wagenleiter durch lugten die Kinder unter der Plache in die vom Nebel verschleierte Landschaft, die im Tauwetter wie verweint aussah. Von den Erlen und Weiden fielen Tropfen ins ruhige Wasser des Wiesenbaches. Der schlich geräuschlos dahin, fast in gleicher Höhe mit den schmutzigen Schneeresten auf den fahlen Wiesen und braunschwarzen Ackerflächen. Traurig versonnen standen die Kopfweiden am Ufer, hie und da überragt von einer hohen Ulme, deren Stamm der Äste beraubt war, bis auf den kleinen Wipfel. Und wo der Bach vom Röhricht gesäumt war, rieben sich die hohen Halme flüsternd aneinander. Das war alles so ernst, dass die Geschwister in gedrückter Stimmung schwiegen. Auch die Grossmutter war still. Der Rauch aus des Kutschers Pfeife duftete nach glimmendem Birkenlaub und Kartoffelkraut und reizte sie zum Hüsteln. — Die Sonne klomm höher. Es wurde windstill. Der Nebel zerfloss. Im rostfarbenen Grase öffneten die Massliebchen ihre rosig angehauchten Knospen. Es war wie ein zages Lächeln der Landschaft. Und jetzt erst fiel den Kindern auf, dass zwischen Wegrand und Bach auf schlanken Schäften sich Schneeglöckchen wiegten. Jenseits des Wassers stieg in weiter Ferne ein welliges Hügelland empor, das mit hohem Walde bestanden war. Zur Linken aber dehnten sich in er Ebene dunkle, niedere Nadelwälder, welche die Kinder nüchtern anmuteten. Ihre Bäume waren alle von gleicher Grösse und standen in geraden Reihen. Das waren keine Märchenwälder. — Fern und nah lagen die Ortschaften mit ihren roten Ziegeldächern und moosbegrünten Strohdächern inmitten der unbelaubten Obstbäume. Senkrecht stieg von den Schornsteinen der bläuliche Rauch zum Himmel. Alles war friedvoll. Koja und Agi machten ihre erste Reise über Land. Der Wagen fuhr ins Dorf Laan ein; er hielt vor einem weitläufigen Bauerngehöft, dessen grosser Hof von Stallungen und Scheunen umgrenzt war. Die Hunde schlugen an und die Gänse erhoben ein aufgeregtes Geschnatter. Eine stattliche Greisin, welche die Grossmutter um Kopfeshöhe überragte, trat aus dem Tor. — Es war die neunzigjährige Urgrossmutter der Kinder, die Mutter der Grossmutter, Dorothea Puhlovska. Sie hob erst Koja dann Agi vom Wagen, beugte sich zu den Kindern, drückte sie an ihre Brust und küsste sie auf die Scheitel. Dabei sprach sie ein übers andere Mal vor sich hin: „Arme Kinder, armer Koja, arme Agi!“ Im Herrgottswinkel der braungetäfelten Stube wurde der Tisch gedeckt. Es gab reichlich Buchtelna mit Pflaumenmus, dazu Oberskaffee, als wäre es Sonntag. Und die Kinder verstanden nicht, was die Urgrossmutter gemeint hatte, als sie sagte: „Arme Kinder!“ — Hatten sie es denn nicht gut?

Und weiter ging die Reise. Sanft geschaukelt im Federbettennest schliefen die Kinder ein. Und als sie erwachten, sahen sie einen grünen, nadelspitz sich verjüngenden Turm erstaunlich hoch die Häuser einer Stadt überragen. „Der grüne Tor-Turm von Pardubitz,“ sagte die Grossmutter. Links um die Stadt herum, vorbei am Hügel mit dem Schloss, vorbei an Wall und Graben fuhr der Wagen zur Elbe. Er polterte über die Brücke, an deren schrägen Strebepfeilern das Stromwasser lärmte. Zwischen hohen Pappeln und grellen Ziegeldächern, tiefliegenden Tümpeln und endlos scheinenden Ackerflächen ging’s weiter auf wohlgepflegter Strasse. Und auf einer der hohen Ulmen, unweit einer Ziegelei, mitten im kahlen Geäst der Krone war ein unförmiges Nest aus Prügeln, Zweigen und Schilfhalmen. „Ein Storchennest,“ sagte die Grossmutter. Da machten die Kinder grosse Augen. „Und wo ist jetzt der Storch?“ fragte Agi. „Storch und Störchin sind jetzt in Ägypten, dort ist es warm; da haben sie es gut; sie fangen dort Frösche und Fische und Schlangen. Auch unsere Schwalben sind dorthin geflogen.“ „Und kommen bald wieder,“ ergänzte Agi. „Die Störche auch?“ fragte Koja, denn er war begierig, mit den Störchen persönlich bekannt zu werden. „Sie kommen mit den Schwalben,“ fuhr die Grossmutter fort, „du wirst sie an den Ufern der ‚alten Elbe‘ über die Wiesen schreiten sehen, hochbeinig wie auf Stelzen. Du wirst die Störchin auf dem Nest sitzen sehen, wenn sie die Eier bebrütet. Und ihr Mann wird ihr die Mahlzeiten zutragen, Frösche, Mäuse und Schlangen.“ Kojas Augen waren über die Ebene hin nach rechts weitergeirrt. Da ragte ein hoher Berg unvermittelt aus dem Flachland empor. „Dort ist der Kunietzer Berg mit der Ruine,“ erklärte die Grossmutter, der Frage zuvorkommend. Da staunten die Geschwister den mächtigen Felsen an, dessen dunkelgraue Steinmasse gekrönt war vom dachlosen Burggemäuer. Darüber hinweg stieg ein hoher Rundturm auf und neben ihm überragte das schlanke Türmchen der Schlosskapelle ein steiles, grellrotes Dach. An den Berg mit der verfallenen Burg reihte sich ein Hügelrücken, der mit einem mächtigen Hochwald bedeckt war. Das mochte wohl der Märchenwald sein. — „Grossmutter, ist das unser Wald?“ fragte Koja in freudiger Erwartung. Und zögernd kam die Antwort von ihren schmalen Lippen: „Noch gehört ein Stück davon euch.“ — Sie sagte es so traurig, wie’s der alte Glasermeister gesagt hatte, das Wörtlein „noch“. — Ein Dorf kam in Sicht. Ein drei Stock hohes graues Steingebäude mit kleinen Luftlöchern überragte die ebenerdigen Hütten und Bauernhäuser. „Das ist der alte Kornspeicher von Hradischtb,“ erklärte die Grossmutter.

An der Strassenkreuzung stand die Schmiede, der Witwensitz der Grossmutter. Und hier stiegen sie alle vom Wagen.

Die Grossmutter führte die Kinder in ihre kleine Küche, die mit Ziegeln ziemlich uneben gepflastert, aber recht anheimelnd war. Mit Stroh und Reisig entfachte sie im gemauerten Herd ein lustiges Feuer, kochte Griess in Milch ein, bestreute den dünnen Brei reichlich mit Zucker und Zimt und hiess die Kinder brav essen. Oh! Wie das schmeckte! — Wie’s nur bei der Grossmutter schmecken kann. Indessen knarrten die hölzernen Stufen der Bodenstiege unter schweren Männertritten. Der Schmied und der Kutscher schleppten die abgeladenen Habseligkeiten auf den Boden hinauf und stapften dort herum, dass das alte Tonnengewölbe dröhnte. Die Grossmutter ging zu den Leuten auf den Dachboden. Kaum hatten die Kinder sich gesättigt, so wollten sie sich die Umgebung der Schmiede anschauen. Aber draussen war es unfreundlich und kalt geworden; es nieselte und die frühe Dämmerung liess die Gegend düster erscheinen. Zaghaft umschritten sie das Haus; Agi führte das Brüderchen an der Hand. Aus der Werkstatt des Schmiedes hörten die Kinder ein Pfauchen und Klingen, und bei jedem Pfauchen wurde das vergitterte Fenster helle. Neugierig traten die Geschwister auf die Schwelle der offenen Tür. Zwei russige Männer standen einander gegenüber und liessen abwechselnd ihre Hämmer auf einen kurzen glühenden Eisenstab fallen, dass die Funken nach allen Seiten stoben und der blanke Amboss unterm Stabe aufblitzte. Der eine der beiden Schmiede, es war der Meister, hielt den Stab in einer flachen Zange. Er hob und drehte ihn, dass er sich unter den Hammerschlägen krümmte, während er flach wurde und die Gestalt eines Hufeisens annahm. Hinter den beiden war in einer tiefen, verrussten Nische die Feueresse; darin lag inmitten glühender Kohlen ein kleiner Radreifen. Die Glut leuchtete jedesmal weiss auf, sobald es von der Seite her aus einem Mauerloch in sie hineinblies. Das war die Luft aus den Blasebälgen, die der Lehrbub mit Hilfe zweier Riemen abwechselnd aufzog und zusammendrückte, indem er auf schrägliegende Stangen trat, deren oberes Ende mit den Blasebälgen durch dicke Drähte verbunden war. Die Kinder schauten und staunten. Niemand hatte ihr Eintreten bemerkt. Hei! wie der Reifen sich rötete und leuchtete! Da riss ihn der Schmied aus dem Kohlenfeuer heraus und legte das unfertige Hufeisen an seine Stelle. Und jetzt begann er mit Hammer und Stift in den glühenden Radreifen Löcher zu schlagen, während der Geselle den Reifen mit einer Zange hielt und ruckweise weiterdrehte. Angezogen von dem nie gesehenen Schauspiel, die Augen auf den Amboss gerichtet, löste Koja seine Hand aus der seiner Schwester und rückte schrittweise näher und näher an die emsig Hämmernden heran.

Plötzlich fühlte er keinen Boden unterm vorgestellten Fuss, purzelte in eine Grube und platschte in kaltes Wasser hinein, dass es hoch aufspritzte. Da warf der bärtige Schmied seinen Hammer weg, zog den Buben aus dem Loch und stellte ihn im Lichte der Esse auf die Beine. Lachend fragte er: „Knirps, wem g’hörst denn du?“ — „Wir sind bei der Grossmutter,“ beeilte sich Agi zu antworten. Mit ihrem Rocksaum wischte sie dem Bruder das schmutzige Wasser aus dem Gesicht und fragte ihn voll Teilnahme: „Hast dir weh getan?“ Er schüttelte den Kopf. Ihm war zum Weinen, aber er weinte nicht. In zappelndem Laufe langten die Kinder bei der Grossmutter an. Die schlug die Hände überm Kopf zusammen. „Ja, Koja, wie schaust denn du aus?“ Und während Agi ihr Kojas erstes Abenteuer erzählte, zog ihm die Grossmutter die kohlengeschwärzten Kleider vom Leibe, wusch ihn und kleidete ihn in sein Alltagsgewand. Sie greinte nicht; aber während sie das Nachtmahl bereitete, ging sie in halblautem Selbstgespräch mit sich zu Rate: „Was fang ich altes Leut mit dem Schlingel an, wenn die Agi in der Schul ist? — Soll ich ihn an einem Tischfuss anbinden, dass er mir nicht am End gar in den Brunn’ fällt?“ Da machte Agi den Vorschlag: „Grossmutter, ich nehm’ ihn mit in die Schul.“

In der alten Schule.

Am nächsten Morgen füllte die Grossmutter Agis Körbchen mit Esswaren und führte die Geschwister bei einem Regen, der mit gaukelnden Schneeflocken gemengt war, ein halbes Stündlein weit über einen zerweichten Feldweg in die Schule. Der alte Lehrer, der die verschieden alten Buben und Mädchen einiger Dörfer in einem geräumigen Lehrzimmer beisammen hatte, nahm ohne Einwand Koja als Gast auf und bekam von der Grossmutter an Schulgeld statt eines Kupferkreuzers zwei für den Tag.a Er stattete Koja mit einem abgegriffenen und stark zerlesenen ABC-Täfelchen aus, borgte ihm Schiefertafel und Griffel und wies ihm seinen Platz auf der Mädelseite an in der ersten Bank neben Agi.

Schon in der Zehnuhrpause, kaum dass der Lehrer aus der Klasse war, begannen die Buben den Neuling zu hänseln. Ein grösserer stellte sich mit einem roten Kopftuch, das er vom Kleiderrechen genommen hatte, vor Koja und leierte sein Liedel, dessen Sinnb folgender war:

„Mädel-Bub! Mädel-Bub!

Musst ein Kopftuch tragen!

Mädel-Bub! Mädel-Bub!

Musst ein Kopftuch tragen!“

Im Nu war auch die Bande der Kleineren um die beiden versammelt; sie zerrten Koja aus der Bank, der Rädelsführer band ihm das rote Kopftuch um und dann schleppten sie den Wehrlosen unter allgemeinem Hallo durch die Klasse. Der weinte in ohnmächtigem Zorn. Da er keine Hand freibekommen konnte, suchte er zu beissen und schlug mit den Stiefelabsätzen nach den Beinen seiner Quäler. Durch den Lärm angelockt, erschien der Lehrer mit einem langen spanischen Rohr und liess es wahllos auf die Rücken der Jungen niedersausen.

So befreit, riss Koja das Tuch vom Kopfe und suchte die Türe zu gewinnen. Aber schon hatte ihn der Lehrer abgefangen, hob ihn empor und setzte ihn in die erste Bubenbank an die Ecke, so dass er seiner Schwester immerhin nahe blieb. Aber die Buben anerkannten ihn noch nicht als einen der Ihrigen.

Solange der Unterricht dauerte und die AbC-Schützen mit Chorlesen nach den an der Wand hängenden Silbentafeln in Atem gehalten wurden, während die Grossen schrieben und in den punktierten Heften zeichneten, hatte Koja Ruhe.

Der Zeigestab, den der rothaarige Peter handhabte, rückte von Silbe zu Silbe und die Kleinen lasen einförmig fort:

ba be bi bo bu

ca ce ci co cu

čac če či čo čuc

da de di do du usw.

dann wieder die senkrechten Reihen herab:

ba ca ča da fa ga ...

be ce če de fe ge ...

bi ci či di fi gi ...

dann zurück

ub ob ib eb ab ...

uc oc ic ec ac ač ...

und so ging’s weiter in einschläfernder Stetigkeit. Da und dort half der Stock des Lehrers die Schlaflust eines Gelangweilten überwinden. Koja aber las mit Eifer, dass ihm die Augen übergingen, obwohl er bald im Genick Schmerzen spürte von der erzwungenen Unbeweglichkeit. Als um elf Uhr die Schulglocke läutete, war er so betäubt, dass er die Feindschaft der Buben vergessen hatte. Nach dem Gebet verliess wohl die Hälfte der Kinder mit dem Lehrer die Klasse, nur die Auswärtigen, die wegen des schlechten Wetters ihr Mittagbrot in der Schule verzehrten, blieben.

Koja bekam von der Schwester sein Brot-Scherzel, das die Grossmutter ausgehöhlt, mit Pflaumenmus gefüllt und mit dem ausgeschnittenen Krumenstück verdeckelt hatte, zog seinen Taschenfeiteld aus dem Hosensack und begann zu essen.

Da bot sich ihm die gute Gelegenheit, sich bei den Buben „einzutegeln“. Aber er war nicht klug genug, die Gelegenheit zu nützen. Wenn auch jeder irgend etwas zum Essen mitbekommen hatte, jeden lockte das Fremde. Sie täuschelten untereinander. Der eine bot einen Apfel, dass der andere einmal davon abbeisse und ihm dafür einen Bissen Hartkäse gebe, ein anderer suchte sich einen Schluck Kaffee gegen ein Stück Leberwurst einzutauschen, viele aber verlegten sich einfach aufs Betteln. „Gib mir was!“ — „Gib mir was!“ Den kleinen Koja umstanden Buben und Mädeln, die von seinem „Powidl“ etwas auf ihr Brot streichen wollten. Den Mädeln gab er, den Buben aber nicht. Und das war dumm. Da huben sie wieder an, das Liedel zu singen und der spitznasige rote Peter gab den Ton an. Wieder stellte er sich mit dem Kopftuch vor Kosa. Der aber kam der Schmach zuvor. Sein Brot fasste er zwischen die Zähne, sprang den Angreifer an und verkrampfte seine Finger in dessen roter Mähne. Peter suchte ihn abzuschütteln; bei der Balgerei fiel polternd eine Schiefertafel vom Pult. Die bot sich als Waffe an. Nach ihr griff Peter und begann damit auf Koja einzuhauen. Die Mädeln, voran Agi, suchten dem Peter die Tafel zu entreissen. Ehe ihnen das gelang, traf die Rahmenkante Kojas Nasenrücken so gut, dass ihm das Blut von der Wunde hinab in die Mundwinkel rann. Er liess sein Brot fallen. Der Zweikampf war zu Ende. Koja weinte nicht, denn ein paar rote Haarbüschel zwischen den Fingern gaben ihm das Bewusstsein, dass der Haarboden seines Gegners auch nicht heil geblieben war. Einige Mädchen liefen zum Oberlehrer in die Wohnung, andere führten Koja hinunter zum Ziehbrunnen. Eine der älteren drehte die Kurbel und liess an langer Kette den leeren Eimer zum Wasserspiegel hinab. Als sie den vollen Eimer wieder heraufgekurbelt und auf den Boden gestellt hatte, wusch Agi dem Brüderchen die Wunde und band ihm ihr weisses Halstüchlein quer übers Gesicht, so dass er gerade noch über den Verband sehen konnte. Als die Kinder in die Klasse zurückkehrten, war der Lehrer schon da. Erst klebte er Koja einen Lappen Heftpflaster rittlings auf die Nase, dann aber nahm er den Missetäter vor. Ohne langes Verhör legte er ihn quer über das Pult der ersten Bank, dort, wo Kojas Platz war. Und Koja durfte ihm die Beine niederhalten, dass er nicht strampele. Dann tat das spanische Rohr seine Arbeit. Zur Ehre Peters sei es gesagt, er schrie nicht, er wimmerte nicht einmal, bis er losgelassen wurde. — Dann schlich er auf seinen Platz, legte den Kopf auf die Vorderarme und schluchzte so bitterlich, dass Kojas Mitleid rege wurde. —

Der Lehrer war zu seinem unterbrochenen Mittagsmahl zurückgekehrt. Und so mäuschenstill war es in der Klasse geworden, dass nur das Weinen des Gezüchtigten zu hören war. Agi reichte Koja den mitgebrachten Kaffee und eine Buchtel. Er sollte seine Mahlzeit beenden. Aber Koja vermochte nichts mehr zu geniessen. Unsicher, wie er damit aufgenommen würde, trug er Kaffee und Buchtel zum armen Peter und rüttelte ihn leise an der Schulter. „Da nimm und iss.“ Der hob seine rotgeweinten Augen in ungläubigem Staunen, dann griff er nach der Spende. Lange sass er da, ohne die veränderte Sachlage recht zu begreifen. Seine Tränen versiegten. Und er begann zu essen; und je weiter er damit kam, desto mehr hellten sich seine Züge auf. Aber er ass nicht fertig. Das letzte Stück, gerade die Ecke mit der fetten, knusperigen Rinde, reichte er Koja. Und der nahm’s dankbar an.

Als der Lehrer wiederkam, fand er die versöhnten Gegner nebeneinander sitzen. Koja war zu Peter übersiedelt. Und der Lehrer liess die beiden beisammen. Von diesem Tage an waren sie unzertrennlich.

Peter, der bei den Ziegelöfen unweit des Storchnestes wohnte, holte Koja und Agi zur Schule ab und geleitete sie getreulich wieder heim. Und kein Junge wagte es mehr, den Kleinen zu hänseln.

Der Benjamin in der Klasse, noch lange nicht schulpflichtig, machte Koja nach der alten, eintönigen Methode nur langsame Fortschritte im Lesen; es war so gar nicht lustig. Beim Schreiben führte ihm anfangs Peter die Hand, bald aber hatte er Augen und Finger zusammengewöhnt und schrieb die Klein- und Grossbuchstaben des ABC’s der Reihe nach erkennbar nach, wenn auch nicht gerade schön.

Im Rechnen lernte er wohl zählen, aber das Einmaleins, welches die Grossen erst von der Tabelle herableierten und dann einzeln aus dem Gedächtnisse aufsagten, ging über sein Begriffsvermögen. Es entstand in ihm die Meinung: „Das kann ich nicht — das werde ich nie können.“

Als die Ostern kamen und die Weiden an den Wiesengräben im Schmucke ihrer gelbstäubenden und silberig glänzenden Blütenkätzchen standen, kochte die Grossmutter für die Kinder zweierlei Ostereier. In dem einen Topf, wo sie braune Zwiebelschalen gesotten hatte, wurden sie schön lichtbraun wie Kaffee, im anderen, wo sie Farbholz aufgekocht hatte, wurden sie rot wie Klatschmohn. Aber im Dorfe gab es Leute, die wahre Künstler waren in der Herstellung bunter Ostereier.

Koja hatte sich am Gründonnerstag beim Umgehen mit der Ratschen, deren hölzernes Geklapper das Läuten ersetzen musste, dem Peter angeschlossen. Der unterwies ihn auch im Flechten der zopfartigen Oster-Rute. Die schmiegsamen Weidengerten dazu fanden die Knaben reichlich am Ufer der alten Elbe. Ausgerüstet mit den geschmeidigen Weidenzöpfen machten sie in aller Frühe des Ostermontags in der Nachbarschaft die Runde, um den jungen Frauen und Mädchen die segenbringenden Rutenstreiche beizubringen. Ob diese auch mit gespielter Angst schrien und sich wehrten, wenn die Buben wacker streichend hinter ihnen herliefen, sie beschenkten die Ostergänger doch mit Ostereiern, von denen manche in allen Regenbogenfarben schimmerten, während andere gar schöne Schmuckzeichnungen aufwiesen. Die schönsten gab Koja der guten Agi zum Aufheben. Aber soviel er auch herumfragte, wie solche Wunder an Schönheit zustandegekommen wären, er erfuhr es nicht. Die es konnten, bewahrten ihr Geheimnis.

Peter aber machte aus seiner Kunst vor Koja gar kein Hehl. Aus der Menge der eingesammelten Eier suchte er die roten, die blauen und die braunen heraus und schmückte sie vor Kojas Augen mit Bildern eigener Erfindung, indem er mit der Spitze seines scharf geschliffenen Messers herausschabte, was weiss erscheinen sollte. Ins Weiss hinein trug er mit dem Pinsel Erdfarben ein und zwar so, dass jede Zeichnung einen ausgesparten weissen Rand behielt. Am schönsten gelangen ihm immer die Störche und die Hasen.

Das Zeichnen und Malen ging ihm so flink von der Hand, dass Koja meinte, er müsse es auch treffen. Er brachte einen Hahn zustande, über den ein jeder lachen musste, der ihn sah.

Und das war auch ein Erfolg.

Zwei Kameraden.

Die Wiesen ergrünten. Die Tausendschönchen mochten ihre Hälse noch so strecken, die Grashalme wuchsen ihnen über die Köpfe.

Um die lilafarbenen Wiesenschaumkräuter, die gelben Löwenzahnblüten und Schmalzblumen gaukelten allerlei Schmetterlinge, Bienen summten und Hummeln brummelten von Blüte zu Blüte.

Da waren auch schon die Schwalben da und machten Jagd auf die Falter und Fliegen. Und richtig hatten sich auf der hohen Ulme bei der Ziegelei die Störche eingefunden und hatten bei ärgerlichem Schnabelgeklapper an ihrem zausigen Neste herumgebessert. Dann wurde die Störchin sesshaft, und wie es die Grossmutter vorhergesagt hatte, trug ihr Mann ihr unermüdlich Futter zu. Und als die fünf Jungen ihre Hälse und Schnäbel über den Nestrand reckten, hatten Mutter und Vater immerfort zu tun, um die hungrige Brut zu sättigen. Aber auch Storch und Störchin mussten satt werden. Wieviele Mäuslein und Fröschlein, wieviel Schlangen, aber leider auch junge Vögel mussten da ihr Leben lassen! Einmal sah Koja gar, wie ein Storch ein zappelndes Häschen zu Neste trug; ein anderesmal beobachtete er, dass derselbe Storch beim Spazieren auf der Wiese Bienen von den Blüten wegschnappte, klapp-klapp, klapp-klapp. Da verjagte er ihn mit lautem Schelten, und der Räuber im schwarzweissen Frack zog mit langen Flügelschlägen ab. Das waren für Koja Erlebnisse, die er am liebsten der Mutter erzählt hätte, aber die war weit. Und nur selten kam von ihr Nachricht. Jedesmal weinte die Grossmutter, wenn sie einen ihrer Briefe las, und auf Agis wie auf Kojas Fragen, was denn die Mutter geschrieben hätte, gab sie nur die eine Antwort: „Arme Kinder, arme Kinder!“

Aber der Frühling ringsumher brachte Tag für Tag neue Gaben, er liess die Geschwister nicht merken, dass sie arme Kinder waren. Schon konnte Agi, die von der Grossmutter in der schulfreien Zeit fleissig zum Stricken und Flicken angehalten wurde, unter der Linde in der Gartenecke sitzen, wo auf eingerammten Pfählen ein Tisch und zwei Bänklein standen. In der Linde summten die Bienen und in den hohen Kronen der Ulmen, deren Gezweig die Linde streifte, plauderten die Schwarzplättchen bei ihren Bruten. Finken riefen ihr „pink, pink“. Ein Star, der sein Häuschen am Stamm der nächsten Ulme von Sperlingen besetzt gefunden hatte, war nach Hinauswurf der unwillkommenen Mieter wieder Herr in seinem Haus und hielt mit einem Starenfräulein Zwiesprache, es sollte zu ihm ziehen. Und auf dem höchsten Wipfelzweig des uralten Birnbaumes, der die Schmiede überragte, pflegte morgens und abends ein Amselmännchen sein Lied zu pfeifen. Von den Spitzen der Telegraphenstangen an der Königgrätzer Strasse herab riefen die Ammern ihr Zi—zi, zi—zi—ziii! Im Garten prangten ganze Nester weisser Narzissen, überragt von hochstrebenden Lilien, deren noch steile Knospen schon schwollen. Vor den Bienenständen war ein heller Streifen fleischrot blühenden Klees, der Tausende von Köpfchen zum Prangen bereit hielt. Auch die kleinblütige Rankrose an der Hausmauer trug ihre Knospen empor; sie wurzelte in einem schmalen Beet, wo die Würzkräuter der Grossmutter wundersame Düfte brauten: Es waren Majoran und Minze, Salbei und Basilgen.

An regnerischen Tagen suchte die Grossmutter die Kinder in der Küche zu halten. Sie überliess ihnen einen alten Kalender zum Schulspielen. Und Agi, die statt des spanischen Rohres einen umgedrehten Kochlöffel als Abzeichen der Schulmeisterschaft handhabte, liess Koja die Monatbilder begucken, fragte ab, was es da zu sehen gab, las mit ihm die Monatsnamen und schrieb sie ihm vor. Koja bekritzelte die leeren Seiten des Kalenders mit den mehr oder weniger gelungenen Abschriften; dann war die Schreibstunde aus. Im Rechenunterricht fiel Agi aus der Rolle des Lehrers und wurde Krämer. Sie verkaufte die von der Grossmutter bezogenen Zuckerstücke, Kaffeebohnen, Töpfe, Messer, Gabeln, Wollknäuel, Spagatschnüre u. a. m., und Koja zahlte mit den von der Grossmutter erborgten Silbergulden, Zehnerln, Zwanzigern, Vierkreuzerstücken und Kreuzern. Am meisten fesselte ihn der Leseunterricht. Da knieten die Geschwister auf dem Fensterbankerl und stützten die Ellbogen aufs Fensterbrett. Sie steckten die Köpfe zusammen und Agi las aus dem alten Märchenbuche vor, das noch von der Kindheit der Mutter bei der Grossmutter geblieben war. Und weil Agi sehr langsam mit dem Zeigefinger von Silbe zu Silbe weiterrückte, während sie las, gingen Kojas Augen mit und er suchte der Schwester im Erkennen der Silben zuvorzukommen. Lispelnd las er meistens nach, manchmal mit und noch seltener vor. Die Neugier, wie es weiterginge, lockte. Und sein heisser Wunsch, bald alles lesen zu können wie die Grossen, gab ihm Ausdauer. Aber bei solchem Lesen blieb ihm der Sinn des Märchens halb verschlossen. Voll genoss es der Bub erst, wenn die Grossmutter für die Kinder Zeit hatte. Da gab sie der Agi den Strickstrumpf in die Hände, sie selbst spann. Koja aber sollte die Geschichte erzählen, die zuletzt gelesen worden war. Das ging aber so spiessig, dass Agi sich seiner erbarmte und dreinhalf, bis sie unvermerkt selber ins Vorlesen kam. Dann aber griff der kleine Gernegross gerne nach dem Buch und las die Geschichte wieder. Er entzifferte leicht, was er verstand und las manches zwischenhinein, was gar nicht gedruckt war. Und er wurde im Lesen flügge. Denn sein Selbstvertrauen wuchs.

Manchmal spielten die Kinder Strickschule. Agi war das Strickfräulein, Koja war ein Mädel. Ein geblumtes Kopftüchlein verdeckte seine kurzen Haare, eine Schürze, die auf den Hüften überbunden war, reichte ihm mit ihrem Faltensaum bis unter die Knie. Und Agi war eine gute Lehrerin. Mit dem Häkeln fing sie an, und es wurde Koja leicht, ein Kettel zu häkeln, das er, wenn er dann wieder Bub geworden wäre, als Peitschenschnur brauchen konnte.

Schwieriger war das Stricken. Kojas linker Zeigefinger spannte den Faden Krampfhaft, seine rechte Hand bohrte die Nadel zu tief in die Masche oder er zerspiesste den Faden. Und die wenigen Reihen, die er an den neuen Hosenträgern für sich selbst strickte, wurden grau vom Schweisse und vom Staub seiner Hände. Am lustigsten aber war ihm das Mustersticken mit farbigen Wollfäden. Sorgsam die Kreuzelstiche zählend, brachte er schöne Rosenknospen zustande. Aber allzulange hielt er die Lernerei nicht aus. Wenn er es satt hatte, Mädel zu sein, warf er Kopftuch und Schürze von sich, zog Schuhe und Strümpfe aus und stürmte hinaus auf die Strasse. Wenn’s auch regnete, lief er im ausgefahrenen Wagengleise dahin; wo die Pfützen am tiefsten waren, stapfte er am stärksten hinein, dass Wasser und Kot weit auseinanderspritzten.

War das Wetter günstig, dann hielt die Grossmutter die Kinder nicht in der Stube. Sie sollten im Hof und Garten spielen in Seh- und Rufweite. Aber den unternehmungslustigen Koja zog der Wald unwiderstehlich an. Dort oben, wo die Ackerbreiten die Lehne hinanreichten bis zum Sanddorf, begann für ihn „unser“ Wald. Koja wusste nicht, dass des Vaters Gut längst einen andern Herrn hatte. Aber die Grossmutter war nicht zu bewegen, mit ihm in den Wald zu gehen; solange es noch keine Schwämme gab, hätte das keinen Sinn. Kojas Einwand, sie könnten ja Holz klauben wie der rote Peter, wies sie in ihrem Bauernstolz zurück. Und nur zögernd gab sie die Erlaubnis, Koja dürfe den Peter begleiten. Am sonnigen Morgen eines Donnerstags, der wie alle Donnerstage schulfrei war, marschierten die beiden aus. Peter mit einem vielfach geflickten Leinensack und Koja mit einem alten Ledertäschchen, das ihm die Grossmutter als Wandertasche über die Schulter gehängt hatte; darinnen waren Butterbrote und eine Flasche Kaffee. Als sie zum verlornen Vaterhause Kojas kamen, das Peter wohl kannte, lugte Koja unterm hohen Torbogen in den weitläufigen Hof. Da rief ihn ein fremdes Weib barsch an: „Was suchst denn da?“ Die Stimme traf den Knaben wie ein Rutenhieb, er lief davon und zog seinen Kameraden am Ärmel nach die Lehne hinan.

Zwischen zahllosen Baumstümpfen, die von Riedgräsern, rot blühenden Weidenröslein und gelbem Besenginster umwuchert waren, kamen die beiden zu einer weiten Sandgrube, in deren fast weissem, griessfeinen Sand die Füsse bis zu den Knöcheln einsanken. Stille war der Ort; die Mittagssonne brütete auf dem spärlich bewachsenen Grund. Einem tiefen Wagengleise nachgehend, kamen sie zu einer frischabgegrabenen Wand. Darunter sahen sie eine Menge Röhrenknochen und Knöchelchen aus einem Haufen beisammen, mitten darunter drei Totenschädel ohne Unterkiefer. An manchen Knochen hafteten weisse Brocken. „Das ist Kalk,“ sagte Peter, indem er ein weisses Klümpchen zwischen den Fingern zerkrümelte. „Menschenknochen!“ sprach er vor sich hin. Die Knaben standen staunend und ihre Augen irrten über die senkrechte Fläche der sandigen Wand, aus der einzelne Knochen in die Luft ragten. „Da! — Da! — Die sind aus dem Preussenkrieg,“ vermutete Peter. „Die sind aus der Cholerazeit,“ liess sich eine tiefe Stimme hinter den Knaben vernehmen. Erschrocken drehten sie sich um; da sahen sie einen alten Mann in Bauerntracht hinter sich stehen, dem eine einläufige Flinte von der Schulter hing. — Peter kannte ihn wohl. „Wann war das, Herr Heger?“ fragte er. „Das war einige Jahre vor dem Preussenkrieg. Ich war damals Jungknecht da unten in dem Bauernhof, der mit seinen braunen Ziegeldächern mitten unter den Schindeldächern so gross herausschaut. Damals sind an der Cholera viel Leut gestorben.“ „Cholera? Was ist das?“ fragte Koja dazwischen. „Eine böse Krankheit im Gedärm. Manchen hat’s in zwei Tagen umgebracht. Da war kein Haus, aus dem nicht ein paar Leut herausgestorben wären; in unserm Hof bin nur ich übergeblieben und Vinzenz, der kleine Bub des Bauern, zehn Jahr war er damals alt. Heut ist er Wirt in Daschitz. Und da waren so viel Leichen und so wenig gesunde Leut zum Fuhrwerk und zur Arbeit, dass wir die Toten nur in seichte Gruben gelegt haben, mit Kalkmilch überschüttet und mit Sand gedeckt. — Ja. — Jetzt werden die Knochen auf den Kunietitzer Friedhof überführt.“ Der alte Mann wandte sich zum Gehen. „B’hüt euch Gott, Kinder.“ — Peter erwiderte seinen Gruss. Dem Koja aber schnürte etwas die Kehle zusammen. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Trotz seiner Jugend hatte er den Zusammenhang erfasst. Er stand am Grabe seiner Grosseltern väterlicherseits; und sein Vater hatte als kleiner Bub Mutter und Vater verloren. Nachdenklich nahm Koja einen Totenschädel auf; der war vielleicht von seiner Grossmutter väterlicherseits. Stille legte er ihn zurück. — Ein Grauen, als hafte an dem gebleichten Gebein noch etwas von der mörderischen Krankheit, trieb ihn fort; Peter folgte ihm schweigend. Als sie aber in den wirklichen Wald kamen, wo das Himmelslicht durchs Gezweig der hohen Föhren auf die saftiggrünen Moospolster des Bodens niedersickerte, fiel die Wehmut von den Knaben; Peter, der als armer Bub gewohnt war, jedes Stück Holz, jeden Föhrenzapfen aufzuklauben und heimzutragen, begann morsches Reisig zu brechen. Er stopfte Holz und Zapfen in seinen Sack, den er über die Schulter warf. Ohne auf die Richtung zu achten, kamen sie zu der breiten Waldstrasse, die von hellgelb leuchtendem Besenginster gesäumt war und schnurgerade emporführte zur Ruine Kunietitz. Sie überquerten die Strasse und stöberten weiter am Nordhang gegen Osten vordringend. So kamen sie auf einen alten Holzschlag, dessen Boden mit zahllosen Erdbeerstauden bedeckt war; da gab es mitten unter den weissen Blütensträussen schon einzelne halbreife Früchte. In einer seichten Bodenmulde trat eine stille Quelle zutage, die bald wieder im Sande versickerte. Sie war umwuchert von kriechendem Pfennigkraut, dessen hellgelbe Blüten mit dem zarten Blau der Vergissmeinnichtstauden gar lieblich zusammenstimmten. Hier bildeten üppige Brombeerbüsche dunkle Lauben; und hohe Stauden von Goldschopf, Dosten und Spierstauden waren umgaukelt von grossen gelben, schwarzgepunkteten Schmetterlingen, deren Flügel auf der Unterseite grünsilberige Streifen hatten. In der Luft war ein Klingen vom fernen Grillengezirpe und ein Summen von ungezählten Bienen, Heiliger Friede ringsum.

Gegen die wieder sichtbar gewordene Burgruine zu stieg ein kahler Hügel an, von rotblühendem Heidekraut gesäumt und von ausgedehnten Rasenpolstern blühenden Thymians bedeckt. Der duftete gar würzig in der Sonnenwärme und lud zu wonnigem Rasten ein. Da lagerten sich die beiden Waldläufer, Koja teilte dem Peter und sich je ein Butterbrot zu und liess den Kameraden aus der Kaffeeflasche trinken. Dabei schweiften ihre Blicke in die Runde. Wenige Schritte vor sich gewahrten sie auf einem flechtenbewachsenen Felsbrocken eine graue Eidechse, die ihren Leib flach an den sonndurchwärmten Stein gedrückt hielt. Meisen und Ammern, die in den Baumwipfeln des tiefer liegenden Waldes zwitschernd ihr Wesen trieben, lenkten die Aufmerksamkeit der Knaben von der Eidechse ab. Zwischen den hohen Föhren aber zog sich ein breiter Schlag den Berg hinab, dessen Baumstrünke von schlanken Himmelbrandstauden mit lichtgelben Blüten überragt waren. Darüber hinaus war der Blick frei in die tief unten grünende Ebene, wo sich als silberig glänzendes Band die Elbe hinschlängelte, gesäumt von schmalen Baumbeständen und kleinen Ortschaften.

Peter wies in die flimmernde Ferne, wo Kirchtürme und Fabrikschlöte aus einem zarten Dunstschleier aufragten. „Dort liegt Königgrätz; und wenn die Luft sichtiger wäre, müsste man dahinter Berge sehen; immer höher und höher hinauf bis zum Riesengebirg, wo der Berggeist Rübezahl haust.“ Schon öffnete Koja den Mund, um vom Kameraden vielleicht ein neues Märchen vom Rübezahl zu erfragen, als Peter ihn mit der Linken am Handgelenke fasste und mit der Rechten auf einen hoch über den Baumkronen kreisenden Vogel zeigte; der kam jetzt im Gleitflug näher, die langen schmalen Flügel regungslos ausgebreitet: „Ein Falk! Ein Falk!“ Eine Kette Rebhühner schwirrte vom Feld unten heran, fiel ins Heidekraut ein und barg sich darin bis auf einen Nachzügler, der mit hastigen Schlägen seiner breiten kurzen Flügel folgte. Schon hatte das Rebhuhn den Boden berührt, da stürzte der Falke mit zurückgelegten Schwingen auf sein Opfer nieder, breitete plötzlich über ihm die Flügel aus und schlug seine gestreckten Fänge in den Rücken des Huhnes. Gleichzeitig sprangen die Knaben auf und eilten schreiend dem Rebhuhn zu Hilfe. Da liess der Räuber von seiner Beute und strich nach rechts hin ab; er flog auf das hochragende Gemäuer der Burgruine zu und verschwand in einer Mauerlücke des Turms. Mit gestreckten Beinen lag das Rebhuhn zuckend auf dem Boden und schlug mit dem Kopfe hin und her, während sich der Sand unter ihm vom rieselnden Blute färbte. Peter fasste es mit sicherem Griff unter den Flügeln und presste ihm die Brust zusammen. Koja wollte ihm wehren. Das Huhn öffnete den Schnabel weit, dass die Zunge sichtbar wurde, streckte den Hals und rührte sich nicht mehr. „Je g’schwinder es stirbt, desto besser,“ sagte Peter und steckte die willkommene Beute zu den Föhrenzapfen und dem gesammelten Bruchholz in den Sack. Im Weitergehen wurde er immer fröhlicher, immer gesprächiger. Er freute sich, dass der Falke für ihn gejagt hatte und erzählte Koja, in alten Zeiten hätten die Ritter da droben auf der Burg zahme Falken gehalten, die für sie jagten.

Er schwatzte flüsternd fort und liess seine Augen herumgehen, als gäb’s jetzt und jetzt wieder irgendeine Beute mitzunehmen. Die Knaben überschritten den Kamm des Höhenzuges und gingen langsam den bewaldeten Hang hinunter heimzu. Manchmal brachen sie durch den lockeren Sandboden ein, der von Kaninchenbauten unterhöhlt war. Peter musterte jede Einschlupfröhre, ob sie befahren oder verlassen sei; er hatte das Jagdfieber. Er erzählte dem aufmerksam zuhorchenden Koja vom Ausgraben der Hamster in den Feldern, das er mit dem Vater zur Winterszeit an frostigen Tagen betrieb, wenn die Hamster schliefen. Da gab’s nicht nur Fleisch und Fett, sondern auch Kornvorräte, die von den Hamstern zusammengetragen waren, ein Hühnerfutter, das nichts kostete. Die Hamsterfelle aber kaufte der Kürschner in Pardubitz und zahlte sie gut, weil es haltbare Winterbälge waren. So kamen die Knaben in eine verlassene Sandgrube, in deren fester Böschung Kaninchenlöcher waren; sie zählten deren sieben. Beim Näherkommen gewahrten sie ein sandfarbiges Kaninchen, das mit dem Kopfe in der Röhre stak, als wollte es gerade einschliefen. Peter liess seinen Sack sachte zu Boden gleiten, drückte mit ausgestrecktem Arm gegen Kojas Brust, er solle zurückbleiben, und schlich sich ganz leise an. Mit klopfendem Herzen und angehaltenem Atem achtete Koja auf jede Bewegung des Kameraden. Jetzt war er nur noch zwei Schritte vom Ziel, jetzt bloss einen, aber wenn das Kaninchen nur einen Ruck tat, war es ihm entschlüpft. Das schien indessen den Feind nicht zu hören. Da neigte sich Peter vor; mit einem Griff hatte er das Tier bei den Hinterläufen und riss es empor. Das Kaninchen rührte sich nicht, zappelte nicht. — „Das — ist — ja — tot!“ — Peter musste hell auflachen. Er wendete das Kaninchen hin und her und zeigte dem Kameraden das angetrocknete Blut im Felle der linken Rückenseite. „Das hat g’wiss ein Wilderer angeschossen, wohl in der Nacht; da ist es ihm entwischt und ist vor der Röhre eingegangen.“ Er beroch es und liess es in den Sack gleiten. „So ein Glück! Die Mutter wird eine Freud’ haben. Die wird’s in die Beiz legen wie einen Feldhasen und am nächsten Sonntag in einer langen, langen Soss auf den Tisch bringen mit Semmelknödeln.“ Er schmatzte in der Vorfreude des Schmausens. Wenn Peter auch nur einen toten „Hasen“ mit der Hand gefangen hatte, Koja konnte nicht umhin, ihn anzustaunen. Der Holzklauberbub aber hatte bei der Geschichte kein reines Gewissen. Er trachtete aus dem Walde hinauszukommen. Nach allen Seiten horchend, ob nicht etwa der Heger oder der Revierförster unterwegs sei, eilte er den Hang hinunter bis inmitten eines Jungholzes der Blick in die Ebene wieder frei wurde. Das war schon herüben, wo das Pardubitzer Schloss und der „Grüne Torturm“ aus der Ebene grüssten. Hier liess er aufatmend den Sack zu Boden gleiten. „Was bist denn so gerannt?“ fragte Koja. „Pst, nicht so laut, die Jäger brauchen’s nicht zu wissen, was ich im Sack hab’. Sie täten mir’s wegnehmen.“ — „So?“ fragte Koja. Peter aber raunte ihm zu: „Sei doch still!“ Sein scharfes Auge hatte schon wieder etwas erspäht, das ihn reizte. Er deutete mit der Hand nach einer Föhre am Waldrand jenseits des Jungholzes. Da gewahrte Koja auf dem untersten Ast ein dunkelbraunes Eichhörnchen, das ein Männchen machte und herüberspähte. Peter warf dem Kameraden den Sack über die Schulter und ging gegen den Baum vor: „Ich fang’s!“ — „Das gibt’s doch nicht!“ wendete Koja ungläubig ein. Das Eichhorn setzte sich in Bewegung. Es lief bis zum dünnen Ende des Astes und schwang sich in flachem Bogensprung zum Aste des Nachbarbaumes hinüber. Und so immer weiter den Hang abwärts, während die Knaben ihm folgten. Und wenn es auf einem Aste stillestand, brachte Peter es wieder in Bewegung, indem er mit einem aufgelesenen Stein an den Stamm schlug.

Einmal warf er darnach, traf aber daneben. Da wurden die Bewegungen des geängstigten Tieres immer hastiger. Ausser Atem langten die Verfolger am unteren Waldrande an, wo schon die grüne Ebene hereinschimmerte. Hier standen die Bäume einzeln und waren schwächer; das Eichhorn musste lange Sprünge durch die Luft wagen, um die nächste Baumkrone zu erreichen. Wären nicht die Buben hinter ihm gewesen, es wäre sicher umgekehrt. Da, ein Sprung, und es landete in der mageren Krone einer kaum armdicken Birke; es lief bis zum äussersten Ende eines Zweiges, der sich unter seiner Last niederbog, und zögerte, ob es den weiten Sprung zum nächsten wagen oder umkehren sollte. Da erschütterte Peter mit beiden Handflächen das Stämmchen. Das Eichhorn fiel zu Boden. Ehe es sich zur Flucht aufraffte, war Peter schon dabei und bedeckte es mit seinem Filzhut.

Koja, der vom Jagdeifer des Kameraden mitgerissen war, stolperte über einen Baumstrunk und purzelte mit seinem Sack hin. Nun kroch er auf allen Vieren zu Peter, der ihn mit triumphierendem Lächeln empfing: „Ich hab’s!“ Während er mit der Linken den Hut niederdrückte, schob er die Rechte unter dessen Rand. Da huschte das Eichhörnchen hervor. Peter aber erwischte es bei einem Hinterfuss. Mit ärgerlichem Pfauchen und Murren krümmte es sich zusammen und verbiss sich im Handgelenk des Angreifers so, dass er es mit einem gellenden Schmerzensschrei losliess. Die Buben sahen dem Hörnchen nicht nach, wohin es verschwand. Denn aus Peters Wunde schoss ein Blutstrahl hochauf wie ein Springborn. Es nützte nichts, dass er sich einen Ärmel vom Hemde riss und mit Kojas Hilfe um das Handgelenk wand; das Blut quoll unaufhörlich darunter hervor. Nach wenigen Schritten taumelte der Verwundete und setzte sich ins Heidekraut. Koja kniete zu ihm hin und weinte laut in seiner Ratlosigkeit.

Da stand plötzlich wie aus dem Boden geschossen der Waldheger mit seinem braunen Jagdhund vor den Buben: „Wer hat da so geschrien?“ — „Der Peter; ein Eichkatzel hat ihn gebissen.“ — Der Jagdhund beschnupperte den Boden. Jetzt erst sah der Heger das rieselnde Blut. „Da muss eine Schlagader durch sein.“ — Eilig nahm er das Zündhütchen vom Schloss seiner Flinte, liess den Hahn niederschnappen und legte die Waffe ins Gras. Dann beugte er sich über den armen Peter, zog ihm die Jacke aus und knöpfte die Hosenträger los, die aus Hanfgurten bestanden. Damit umwand er den entblössten Unterarm oberhalb der Wunde und knotete den Verband. Er schnitt einen daumendicken Pflock aus einem Eichenbusch und steckte den Pflock unterhalb des Knotens durch den Verband, unbekümmert um das Stöhnen des Verwundeten. Dann drehte er ihn einmal herum, dass die Gurten straff angezogen wurden und band den Pflock der Länge nach an den Arm. Jetzt erst nahm er den ersten Verband ab. Die Wunde wurde sichtbar. Es waren zwei schmale Schnitte einander gegenüber, aus denen das Blut nur noch sickerte. Er holte aus der Westentasche einen Lappen Feuerschwamm, in den er seinen Stahlbügel und Feuerstein gewickelt hatte, riss davon die Hälfte ab, legte sie auf die Wunde und band sie mit der Rebschnur fest. Dann hob er Peter, der wie schläfrig zusammengeklinkt und ganz bleich geworden war, empor, setzte ihn sich auf den linken Oberarm, dass ihm dessen Kopf auf die Schulter zu liegen kam, warf den Holzsack hinter einen Busch und wandte sich zum Gehen. Dem Koja gab er den Befehl: „Du tragst mir die Flinte; die tät mich irren.“ — Während der Heger auf einem Feldrain einem Fahrweg zustrebte, folgte ihm Koja; alle Angst um den Kameraden war von ihm gewichen. Er kam sich sehr wichtig vor und war so stolz wie noch nie in seinem Leben. Ein Traum des kleinen Gernegross war in Erfüllung gegangen. Er trug nun eine richtige Flinte wie ein Jägersmann, und die war schwer, dass er unter ihrer Last bald zu schwitzen begann. Was hatte er heute alles erlebt! Seine kindliche Seele war voll der Ereignisse und er freute sich schon aufs Erzählen daheim. Plötzlich wandte sich der Heger um. Er pfiff dem Hund, der schnuppernd beim Sach zurückgeblieben war. „Was der Hund dort spüren mag?“

Vertrauensselig begann nun Koja dem freundlichen Alten zu erzählen, was Peter im Walde erbeutet hatte. Als der Heger die Geschichte vom Falken vernahm, sagte er verächtlich vor sich hin: „Unsereins tät kein Hendl essen, das ein Falk geschlagen hat; es gehört schon ihm! Die Leute in der Ziegelei sind nicht heikel.“ — Anders äusserte er sich übers Kaninchen: „Eigentlich sollt’ ich ihm’s wegnehmen. Aber ich denk, der Jagdherr tät ihm’s schenken, weil der Bub in der nächsten Zeit ein ordentliches Essen braucht. Er hat viel Blut verloren.“ — Das Hetzen des Eichhorns erregte aber seinen Unwillen. „— ein Lausbub ist er, der Peter! Gierig ist er aufs Wild, ein richtiger Wild-Fang! Kannst ihm’s ausrichten, wenn er wieder zu sich kommt. In den Wald darf er mir nimmer; wenn er grösser wird, schon gar nimmer; er könnt’ sich das Wildern angewöhnen.“ — Da begann Peter, der nur matt aber nicht bewusstlos gewesen war und alles mit angehört hatte, zu wimmern: „Ich rühr’ kein Wild mehr an, ich bitt ...“ — „Ah, du willst sagen, du hast heut genug gekriegt! — Flenn jetzt nicht; wir zwei reden ein andersmal darüber.“ — Da verlegte sich Koja aufs Bitten: „Darf ich ihm den Sack nachbringen zu seinen Leuten?“ — „Meinetwegen; er ist ja ein Verwundeter.“

Nach einer halben Stunde Weges langten die drei vor der Hütte des Besenbinders an, der, seine Pfeife zwischen den Zähnen, damit beschäftigt war, Birkenreiser in einem Trog einzuwässern, die ihm sein Weib zureichte. Der hatte kaum erfahren, was geschehen war, als er seinen Schubkarren aus dem Schuppen zog, den armen Peter draufsetzte und ihm Stroh unter den Nacken schob. Dann warf er sich das Scheibbandl über den Nacken. „Ich bring den Buben nach Pardubitz zum Doktor. Im Vorbeifahren sag ich seinen Leuten, was los ist.“ — „Und nehmen S’ ihnen gleich die Angst; wenn der Bub richtig verbunden wird und dann ein paar Wochen gutes Futter kriegt, wird ihm der Aderlass nix machen. Dass der mir kein zweitesmal dem Wild nachgeht, des bin ich sicher.“

Koja winkte dem Gefährten nach, aber Peter dankte ihm nur mit einem schwachen Lächeln. Als der Heger seine Flinte wieder an sich genommen hatte, legte er die Rechte auf Kojas Schulter: „Richt’ der Grossmutter einen Gruss von mir aus; und ich lass ihr sagen, sie soll sich um einen anderen Kameraden umschaun für dich. Du könntest vom Peter mehr lernen als ihr lieb wär.“ — Der Bub nickte. Dann setzte er sich in Trab, um den Eltern Peters den Sack zu bringen.

Als Koja in der Schmiede anlangte, bekam er zunächst von der Grossmutter ein halbes Dutzend Rutenstreiche dafür, dass er so lange über Mittag ausgeblieben war, dann erst wurde das Essen für ihn gewärmt. Bei der späten Mahlzeit, die er mit Heisshunger verzehrte, vergass er die Hiebe und kam ins Erzählen. Das Letzte zuerst, schilderte er alle Vorgänge, und hätte vielleicht auch des Hegers Warnung wiedergegeben. Aber die Grossmutter kam ihm zuvor: „Merk’ dir’s, ich duld’ es nimmer, dass du mit dem roten Peter herumstreichst. Der macht ja keinen Unterschied zwischen Mein und Dein.“ — Als Koja den armen Kameraden heimlich besuchte, wussten seine Leute nicht, ob er am Leben bleiben werde. Und es war ihr Einziger. Sein bleiches Gesicht war noch flacher, seine Nase spitzer, seine Sommersprossen auffälliger, seine Lippen schmäler wie sonst. Viel Milch sollte er trinken, und sie waren doch nur arme Ziegelofenarbeiter. Das erzählte Koja der Grossmutter, und sie zankte nicht, dass er den Kranken besucht hatte. Sie hatte Erbarmen mit dem Schlingel und schickte ihm von da an durch Koja täglich einen Topf Milch. — Und das half.

Ehe drei Wochen vergingen, war Peter so weit, dass er wieder zur Schule trabte.

Und nach einer weiteren Woche war er wieder ganz der Alte, zu dummen Streichen wieder aufgelegt wie vordem. Und schon freute er sich auf die Kirschenernte. Koja erbettelte bei der Grossmutter die Erlaubnis, ihn zum Pflücken einzuladen, wenn die Schwarzkirschen reif würden.

„Meinetwegen,“ entschied die Grossmutter. „Was ganz oben hängt an den Wipfelzweigen, soll dafür ihm allein gehören. Von uns käm’ ja ohnedies niemand so hoch hinauf.“

Die Grossmutter erzählt:

Seit Koja die Menschenknochen in der Sandgrube gesehen hatte, quälte er die Grossmutter, sie sollte von der alten Zeit erzählen, als der Vater noch ein kleiner Bub war. Nur hatte sie immer etwas anderes zu tun.

Am Nachmittag eines nasskalten Tages aber, während draussen der windgepeitschte Regen an die Fensterscheiben trommelte und die Stube verfinsterte, trug die Grossmutter das Spinnrad aus der Kammer in die Wohnküche, steckte ein Bündel gelben, seidenglänzenden Flachses an den Rocken und setzte sich im Ofenwinkel zum Spinnen zurecht, wo es heimelig war, wenn auch im Herde kein Feuer brannte. Seine Kacheln kühlten nie ganz aus. Da zupfte Koja Agi am Jackenärmel und drängte sie zur Grossmutter hin. „Geh du bitten, dass sie erzählt.“ — Agi tat ihm den Willen, und die Grossmutter sagte zu.

Die Kinder setzten sich zusammen auf den Schemel zu Füssen der Grossmutter, Agi nahm ihren Strickstrumpf vor, und so warteten die beiden; die Grossmutter aber liess sich Zeit. Umständlich entnahm sie der ledernen Schlüsseltasche, die an ihrem Schürzenband hing, ein Stück Süssholzwurzel,a schnitt davon ein paar Fasern für die Kinder ab, schob sich selbst ein Faserbündel in den Mund und begann es zwischen den zahnlosen Kiefern zu kauen, um genug Speichel zum Benetzen des Fadens zu haben. Dann schob sie sich das Spinnrad näher, legte die beiden Treibschnüre auf, so dass die eine vom Schwungrad über den Wirtel der Spindel lief und die zweite den Wirtel der Spule innerhalb der Spindelflügel drehen konnte, trat versuchsweise auf das Trittbrett und liess das Spinnrad leer laufen. Dabei strich sie wie liebkosend mit der Linken über die laufenden Schnüre, um deren Spannung nachzuprüfen. Sie netzte Zeigefinger und Daumen der Rechten an der Unterlippe, zog vom Rocken etliche Flachsfasern herab, zwirbelte sie zu einem Faden und dann brachte sie das Rad durch einen Druck der Linken zum Stehen. Und nun tat sie etwas Wunderliches. Sie zog den Faden zu einer Spitze aus und führte ihn durch den hohlen Spindelkopf, der wie eine Pfeife aussah, weil er an der Seite durchlocht war; dann zog sie ihn durch ein Häkchen des Spindelflügels und wand ihn um die Spule. Die Kinder verwandten keinen Blick von den Händen der Grossmutter. Wie das Spinnen zustandekam, war ihnen bisher ein Geheimnis gewesen. Agi wies auf den Spindelkopf: „Warum muss denn der Faden da durch?“ — „Damit er mitgedreht wird, wenn sich die Spindel dreht; muss doch ein Zwirn daraus werden.“ — „Und warum muss er durchs Häkchen?“ — „Das erste Häkchen führt ihn, dass er erst am Ende der Spule aufgewickelt wird; das zweite Häkchen wird ihn später weiter führen, das dritte noch weiter, die Spule entlang, bis sie voll ist.“ Die Grossmutter neigte sich herab und wies auf die zwei Wirtel, über welche die beiden Treibschnüre liefen. „Schaut sie euch gut an: der Wirtel der Spule ist kleiner als der Wirtel der Spindel. Darum muss sich die Spule geschwinder drehen als die Spindel mit ihren zwei Flügeln, damit sie den Faden aufwickle.“ Sie setzte durch Treten das Schwungrad wieder in Bewegung. Und richtig geschah es, wie sie es gesagt hatte. Der von ihrer Rechten vom Rocken herabgezogene leicht gezwirbelte Faden wurde zu einem dünnen Zwirn, surrend drehten sich die Flügel der Spindel, aber schneller noch drehte sich die Spule, und so spannte sie den Faden; dieser wickelte sich in schöner Regelmässigkeit auf die Spule. Von Zeit zu Zeit hob die Grossmutter den Faden mit der Linken ganz sachte aus der Führung eines Häkchens und liess ihn unter das nächste schlüpfen. Ein Weilchen sahen die Kinder schweigend zu. Sie hatten aufs Erzählen vergessen. Koja glitt vom Schemel und betrachtete sich das Spinnrad von unten auf. Er sah das schräge Brettchen, welches unter der Ferse der Spinnerin auf dem Boden ruhte und unter dem Druck der Fussspitze auf und nieder ging. Von seinem oberen Ende langte die Schubstange wie ein Arm zur kleinen Kurbel hinauf, die gleich einer Hand die Achse des Schwungrades in Bewegung setzte; und Koja begriff, dass die Schnüre, die über das grosse Rad liefen, oben die viel kleineren Wirtelrollen in viel schnellere Drehung versetzten. Es war so einfach und doch so wunderbar. Da sprach Agi aus, was Koja sich soeben dachte: „Das muss ein gescheiter Mensch gewesen sein, der das Spinnrad gemacht hat.“ — „Mehr geschickt als gescheit,“ versetzte die Grossmutter. „Ausgeklügelt hat er sich’s nicht; das haben andere vor ihm so nach und nach ausgedacht; wer weiss wer, wer weiss wann, in alter Zeit.

Meine Mutter in Lan, also eure Urgrossmutter, hat ein Spinnrad besessen, das noch kein Trittbrett und noch nicht die Spule auf der Spindel hatte; das musste mit der linken Hand gedreht werden, während die rechte den Faden spann und ihn der Spindel zuführte. Da war es viel schwerer, einen dünnen Zwirn zu spinnen. Noch viel früher, in der Zeit, von der das Dornröschen-Märchen erzählt, gab es überhaupt keine Spinnräder. Da hat die Spinnerin die Spindel stehend tanzen lassen auf dem Fussboden, wie es die Kinder noch machen, wenn sie einen Knopfkreisel treiben; sie hat die Spindel, die mit einer Wirtelscheibe beschwert war, mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zum Drehen angetrieben, während die linke den Faden von der Kunkel gezogen hat. Und so oft die Spindel, die den Faden aufgewickelt hatte, sich langsamer drehte, hat sie ihre Spitze geschickt abgefangen und ihr mit Daumen und Zeigefinger einen neuen Antrieb gegeben. — „Aha,“ warf Agi ein, „und an einer Spindelspitze hat sich Dornröschen gestochen?“ — Die Grossmutter nickte. „Und den Kunkelstab mit der Flachspuppe hielt die Spinnerin eingeklemmt zwischen Brust und Oberarm.“ — Sie wies zum Rocken hinauf: „Da haben wir’s bequemer: die Kunkel ist dem Spinnrad aufgesteckt, zur Spindel braucht sich die Spinnerin nicht zu bücken und hat beide Hände frei für den Faden.“

Die Kinder hatten sich am Spinnrad satt gesehen und schauten nun erwartungsvoll zur Grossmutter auf. Sie las die Bitte in ihren Augen und begann zu erzählen:

„Es ist schon lange her, da gab es in unserer Gegend noch keine Zuckerfabriken, aber in jedem Bauerngarten standen Bienenkörbe. Daraus hatten wir den Honig zum Süssen des Kaffees; der kam nur an Sonntagen und Feiertagen auf den Tisch. Wir buken aber auch Lebkuchen aus Brotmehl; das war mit Honigwasser geknetet. Und manche Bauern mengten Honig mit Wasser, liessen ihn in der Wärme gären und dann wurde Met daraus, der schmeckte wie süsser Wein. Heutzutage bekommt man den Met wohl nur mehr beim Lebzelter. Damals waret ihr noch lange nicht auf der Welt. Eure Mutter war noch ein kleines Mädel und euer Vater ein kleiner Bub und keines wusste etwas vom anderen. Eures Vaters Eltern waren droben im Sanddorf am Waldrand reiche Bauern; sie hatten den grossen Hof am Rande des Waldes; und von dem Wald gehörte ein schönes Stück ihnen. Sie hatten zehn Kühe im Stall, vier Pferde und eine Menge Hühner und Gänse. Zum Hof gehörten auch grosse Wiesen und Felder. Als euer Vater zehn Jahre alt war, kam das grosse Sterben ins Land, die Cholera. Davon wurden die Menschen so matt wie Fliegen im Winter und starben dahin; da wurden viele Bauernhäuser leer. Auch eurem Vater sind damals die Eltern gestorben, zwei Tage nach der Erkrankung, eins mit dem andern. Ein Nachbar, ein armer Bauer, hat den Hof übernommen und ist dem kleinen Vinzenz Vormund geworden. Er sollte für ihn sorgen statt Vater und Mutter. Er hat den Hof gut verwaltet, hat gut gesorgt fürs Vieh. Aber den Vinzenz hat er nicht mehr in die Schule geschickt; damals war ja noch kein Schulzwang. Er hat ihn zum Hüten der Kühe und Pferde gebraucht. Der kleine Hirt hat müssen im Stall übernachten mit einer alten, griesgrämigen, grauhaarigen Kuhdirn. Die war zu ihm so gut, als sie es konnte: sie tätschelte ihn und gab ihm Schmeichelnamen, manchmal auch einen Schluck aus ihrer Schnapsflasche. Wenn sie aber betrunken war, bekam er Schimpfnamen und Schläge dazu. So wuchs er unterm Gesinde auf.

Damit niemand sagen könnte, der Vormund hätte den Vinzenz nichts lernen lassen, hat er ihn als Dreizehnjährigen ‚auf Tausch‘ in eine deutsche Gegend gegeben. So hat euer Vater ein Jahr in Hernskretschenb an der Elbe zugebracht bei dem Wirt, den sie den ‚Deutschen Michel‘ heissen. Dort hat er mitgeholfen, erst beim Esszeugputzen, dann beim Bieraustragen und hat auch Manieren gelernt.

Als er heimkehrte, wurde er Jungknecht bei seinem Vormund. Er hat in der Gesindestube gesessen, im Pferdestall geschlafen und ist mit dem Altknecht beim Sand- und Schotterführen in vielen Wirtshäusern herumgekommen.“

Da fragte Agi dazwischen: „Warum hat ihn der Vormund zu einem Wirt in eine deutsche Gegend geschickt? Er hätte ihn ja auch können in Pardubitz zu einem Wirt in die Lehre geben?“ — „Da muss ich weiter ausholen, damit ihr Kinder das versteht. Nach Hernskretschen, ganz nahe hinter der sächsischen Grenze, sind schon damals viel Leute gekommen aus anderen Ländern. Dort, wo die Kamnitz in die Elbe fliesst, gibt es nämlich Sandsteinfelsen, die so wunderlich märchenhaft gestaltet sind, dass es sich den Leuten lohnt, hinzufahren, um sie anzustaunen. Manche Gäste haben wenig deutsch verstanden, andere gar nichts. Es sind auch Tschechen hingekommen. Da hat der Wirt wollen, dass sein Sohn zuerst einmal tschechisch lernt, damit er sich zunächst mit den Gästen aus dem benachbarten Böhmen verständigen könnte. Und er hat einen Brief geschrieben an unseren Bürgermeister, ob da ein Bauer wäre, der ihm auf ein Jahr den Sohn für seinen Buben in Tausch geben möcht’, so dass der Wirtssohn hier tschechisch, der Bauernsohn dort deutsch lernen würde, ohne dass es die Eltern etwas kostete. Da ist der Vormund des Vinzenz auf den Tausch eingegangen. Ein Kellner hat den Wirtssohn herbegleitet und den Vinzenz mit sich hingebracht nach Hernskretschen. Der Vormund hat dann den Sohn des deutschen Wirtes so gut gehalten, wie sein eigenes Kind, besser als den Vinzenz. Und dem Vinzenz ist es beim ‚Deutschen Michel‘ auch besser gegangen wie zu Hause. Es waren liebe, gute Menschen, die ein Gewissen gehabt haben fürs fremde Kind. Das Kinder-in-Tauschgeben war damals noch viel mehr Brauch als heutzutage; die Leute haben ganz richtig gedacht: Wenn die Menschen von da und dort zusammenkommen und einander verstehen, machen sie miteinander leichter Geschäfte, einer dient dem andern, einer hilft dem andern, und beiden ist geholfen. Ob das der Kaiser Josef sich ähnlich gedacht hat oder ob er uns alle hat deutsch machen wollen, weiss ich nicht. Der hat in unserm Dorf und in den Nachbardörfern vereinzelt deutsche Bauern angesiedelt, mitten unter den tschechischen Bauern; noch erinnern die deutschen Namen daran: Meier, Schulz, Reuter, Pfleger. Die deutschen Ansiedler waren fleissige Menschen. Sie haben sich mit den tschechischen Bauern gut vertragen und haben tschechisch gelernt. Ihre Töchter sind die Frauen tschechischer Bauern geworden. Und die Söhne der deutschen Bauern haben tschechische Bauerntöchter geheiratet. Die Kinder haben dann tschechisch gesprochen; es war ja die Sprache der Mutter und die Sprache der Leute rundherum. — Der Grossvater meines Mannes, der alte Sonnleitner, ist auch als deutscher Bauer eingewandert, sein Enkel aber hat nicht mehr deutsch gekonnt und hat mich geheiratet, eine geborene Puhlovská. Und als wir im Krieg mit den Preussen — das war im Sechsundsechziger Jahr — die deutschen Soldaten als Einquartierung hier gehabt haben, waren sie gegen uns Bauern so gut, als ob sie gar nicht Feinde gewesen wären. Sie plünderten nicht sie vergewaltigten nicht. Aber als dann die ungarischen Husaren gekommen sind, da ist es uns schlecht ergangen. Die sind zwar mit unsern Soldaten unter einem Kommando gewesen, aber sie haben bei uns gehaust wie die Wilden. Ja — die Magyaren waren bös.“ — Die alte Frau seufzte tief auf.

Enttäuscht schaute Koja zur Grossmutter auf. Was sie erzählte, war keine Geschichte nach seinem Sinn. Das merkte sie und fragte unvermittelt: „Kinder, wollt ihr ein Märchen hören, ein Märchen vom Rübezahl?“ — Freudig nickten die Geschwister und die Grossmutter erzählte ihnen das Märchen vom Rübezahl und dem Klöppelhannes, dem kleinen Holzklauberbuben. Im Riesengebirge war’s, unweit der Schneekoppe. Da hat der kleine Hannes einem alten Mann aufgeholfen, der unter seiner Holzbürde zusammengebrochen war. Das war aber der Berggeist in einer seiner mannigfachen Gestalten. Und er hat dem kleinen Hannes einen Fichtenwipfel mit Zapfen gegeben. Und die haben sich in lauteres Gold verwandelt. Da war alle Not vorbei.“ — Die Grossmutter spann das Märchen reichlich aus, und die Kinder waren in ihrer Seligkeit.

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