Kitabı oxu: «Post mortem»
Post Mortem
Ein viktorianischer Krimi
mit Mrs und Mr Fox
von
Amalia Zeichnerin

Inhalt
Kapitel 1 – CLARENCE Dienstag, 29. Oktober 1878
Kapitel 2 – MABEL
Kapitel 3 – CLARENCE
Kapitel 4 – MABEL Donnerstag, 31. Oktober 1878
Kapitel 5 – MABEL Freitag, 8. November 1878
Kapitel 6 – CLARENCE
Kapitel 7 – MABEL
Kapitel 8 – CLARENCE Sonnabend, 30. November 1878
Kapitel 9 – MABEL
Kapitel 10 – CLARENCE Montag, 9. Dezember 1878
Kapitel 11 – MABEL Dienstag, 10. Dezember 1878
Kapitel 12 – CLARENCE Montag, 23. Dezember 1878
Kapitel 13 – MABEL Mittwoch, 25. Dezember 1878

Kapitel 1 – CLARENCE
Dienstag, 29. Oktober 1878
Clarence Fox schüttelte das Glas mit der Kollodium-Lösung, die er für seine Nassplattenfotografie benötigte, und sah sich in seinem Atelier um. Die Einrichtung war in verschiedenen Brauntönen gehalten, bewusst schlicht, aber gepflegt. Das dunkle Nussbaumholz der wenigen Möbel glänzte, hier lag kein Staubkorn zu viel. Schließlich wollte er bei seiner Kundschaft einen guten Eindruck erwecken. Außerdem sollten sie sich in seinem Geschäft wohlfühlen und es weiterempfehlen.
Nachdenklich warf Clarence einen Blick aus einem der beiden Fenster seines Ateliers, während er das Glas weiter schüttelte. Tropfen prasselten gegen die Scheiben. Sie glänzten im Lichtschein, der aus dem Nachbarhaus drang, wie goldene Fäden, die quer über das Glas liefen. Ein Mann in einem langen Mantel eilte vorbei, den Zylinder leicht schräg auf dem Kopf. Dessen Gestalt hob sich dunkel vor dem Grau des trüben, verregneten Oktobertages ab.
An den Wänden seines Ateliers hingen einige gerahmte Abbildungen aus den letzten Jahren, die potenziellen Kundinnen und Kunden als Anschauungsmaterial seiner Kunst dienen konnten. Ein warmes Gefühl durchzog seine Brust; er war stolz auf das, was er und sein Vater, in dessen Fußstapfen er getreten war, hier erreicht hatten. Die Fotografie war für sie beide eine eigene Kunstform. Vor einigen Jahren, als die Sehkraft seines alten Herrn nachzulassen begonnen hatte begann, hatte Clarence das Atelier von ihm übernommen.
Jeremiah Fox hatte seinerzeit mit Daguerreotypien begonnen – ein viel aufwendigeres Verfahren als die Kollodium-Nassplatte, mit deren Hilfe sich auch relativ einfach Albuminpapierabzüge herstellen ließen. Als Clarence noch ein Jugendlicher gewesen war, hatte sein Vater ihm einen Artikel im Magazin »The Chemist« gezeigt, in dem dieses neue Verfahren von einem gewissen Frederick Scott Archer vorgestellt wurde. Eine Innovation, die sich schließlich durchsetzen sollte.
Auf einer Schiefertafel, die an sonnigen Tagen draußen neben dem Eingang hing, hatte Clarence seine Preise mit Kreide aufgelistet. An solch regnerischen Tagen wie diesem hängte er die Tafel innen neben die Eingangstür. Manche Kunden verlegten sich gern aufs Feilschen, aber Clarence waren feste Preise lieber. Das war auch viel einfacher für die Buchhaltung, bei der ihm sein Sohn Theodor gelegentlich half.
Das Glöckchen an der Eingangstür läutete und im nächsten Moment betrat eine junge Frau das Atelier. Clarence stellte die Kollodium-Lösung ab und trat auf die Dame zu. Sie war noch jung, ungefähr im Alter seiner Tochter Adelia, und wirkte wie das blühende Leben: mit einem rosigen Teint und rotblondem Haar, das an den Seiten unter ihrem blaugrauen Hut hervorschaute. Wache Augen blickten ihm entgegen. Die Dame trug einen fast bodenlangen blauen Mantel mit einem leichten Violettschimmer, der hervorragend zu ihrer Haarfarbe passte. Dazu schwarze Handschuhe aus feinem Wildleder und eine dunkelblaue Handtasche, die sie sich über den Unterarm gehängt hatte. Ihr Rock bauschte sich modisch auf der Rückseite, wie die Damen es dieser Tage trugen, war aber nicht übermäßig voluminös, denn das war eher festlichen Abendgarderoben vorbehalten.
»Guten Tag, Mr Fox«, begrüßte sie ihn mit einem höflichen Lächeln. »Ich bin eine Bekannte Ihrer Gattin, mein Name ist Pauline Westray.« Sie hatte eine helle, melodische Stimme und artikulierte ihre Worte sehr genau. So genau, dass er ihren Akzent nur schwer einordnen konnte. Auch angesichts ihrer Kleidung vermutete er, dass sie der Mittelschicht entstammte, aber ob es eher die untere, die mittlere oder die gehobene war, konnte er auf Anhieb nicht benennen.
Seine Ehefrau Mabel hatte einmal eine junge Sängerin mit diesem Namen erwähnt.
Er schenkte der Dame ein ebenso höfliches Lächeln. »Es freut mich, Sie kennenzulernen. Was kann ich für Sie tun?«
»Ich möchte mich gern am Royalen Opernhaus als Chorsängerin bewerben. Dafür benötige ich eine Abbildung meiner Person – auf Papier. Ihre Frau hat mir von Ihrem Atelier erzählt, deshalb bin ich hierhergekommen.«
Clarence nickte erfreut. Mabel hatte, wie er selbst, einen großen Bekanntenkreis, angefangen bei Leuten aus der Kirchengemeinde über die Nachbarinnen – darunter zwei reizende ältere Damen – bis hin zu alten Freundinnen, die sie schon fast ihr halbes Leben lang kannte. Sie empfahl das Fotoatelier bei jeder sich bietenden Gelegenheit weiter und hin und wieder hatte ihm das Aufträge beschert. Es fiel ihm gelegentlich schwer, sich all die Namen zu merken, wenn seine Frau ihm von ihren zahlreichen Bekanntschaften erzählte. Mit Gesichtern war es anders – Clarence vergaß nie ein Gesicht, wenn er es einmal gesehen hatte. Er hatte allerdings des Öfteren Schwierigkeiten einzuordnen, wo er jemanden, den er wiedererkannte, schon einmal gesehen hatte.
»Sehr gern, Miss Westray.« Er nannte ihr den Preis für eine solche Abbildung.
Sie nickte ihm zu. »Das ist mir recht.«
»Gut. Darf ich Ihnen aus dem Mantel helfen?«, sagte er mit einem Fingerzeig in Richtung des Garderobenständers aus dunklem Nussholz in der Ecke. Als er sich ihr näherte, nahm er einen schwachen Parfümduft wahr. Rose und ein Hauch Sandelholz, Letzteres vielleicht aus der indischen Kolonie. Exotische Parfüms waren sehr beliebt bei den Damen, das wusste er von seiner Frau. Allerdings waren diese auch sehr kostspielig. Vermutlich stammte Miss Westray aus der gehobenen Mittelschicht. Ihre Kleidung ließ das zumindest vermuten. Aber das ging ihn nichts an, deshalb verscheuchte er diesen Gedanken.
Auch den Hut und die Handschuhe legte sie ab. Sie trug keinen Ring, war also weder verlobt noch verheiratet. Das hätte ihn auch gewundert, schließlich schickte es sich für verheiratete Damen aus der Mittelschicht nicht zu arbeiten.
»Sind Sie mit meiner Frau näher bekannt, wenn ich fragen darf?«
»Nun, das nicht gerade, wir kennen uns über gemeinsame Bekannte«, erwiderte Miss Westray mit einem unverbindlichen Lächeln und er hakte nicht weiter nach, denn er wollte nicht über Gebühr neugierig erscheinen.
»Das freut mich«, sagte Clarence deshalb nur. Je nach den Wünschen seiner Kunden sorgte er für eine passende Kulisse im Hintergrund. »Wie möchten Sie abgebildet werden? Im Stehen oder im Sitzen?«
Sie warf einen Blick auf den bereitstehenden Stuhl mit den Armlehnen. »Gern im Sitzen.«
»Wie Sie wünschen, Miss Westray. Sie haben freie Wahl, was den Hintergrund Ihrer Abbildung betrifft. Ich verfüge über verschiedene große Leinwände. Die eine ist schlicht und neutral, ich habe aber auch drei bemalte. Ein Bühnenbildner, der eigentlich fürs Theater arbeitet, hat sie gestaltet.«
»Ganz vorzüglich! Um was für Motive handelt es sich denn?«
»Ich könnte Ihnen eine liebliche Sommerlandschaft mit Bäumen und einer Wiese anbieten oder eine antik anmutende Szenerie mit Säulen, die über korinthische Kapitelle verfügen. Ansonsten hätte ich noch ein durchaus realistisch gemaltes Regal voller Bücher, wie in einer Bibliothek.« Clarence hielt kurz inne. »Wenn Sie einen Rat von mir wünschen?«
Ein charmantes Lächeln erhellte ihre Züge. »Ich bitte darum.«
»Ein neutraler Hintergrund für ein solches Bild wäre aus meiner Sicht ratsam, da Sie sich ja damit bewerben wollen. Ein bemalter Hintergrund würde von Ihnen selbst … ein wenig ablenken, schätze ich.«
Ihr Lächeln vertiefte sich. »Ja, das denke ich auch.«
Das ließ sich gut an. Manche Kunden waren enttäuscht, wenn er ihnen seine Auswahl vorstellte, oder hatten ganz andere Vorstellungen als er zu einer Abbildung oder auch Ideen, die sich in seinem Atelier gar nicht umsetzen ließen. Er nickte seiner Kundin zu. »Gut, dann nehmen Sie bitte hier Platz.«
Hinter dem Stuhl, auf den er deutete, befand sich eine gabelartige Vorrichtung aus Metall, die verhindern sollte, dass sich die Abzubildenden versehentlich bewegten.
»Haben Sie schon einmal eine Abbildung von sich anfertigen lassen?«, erkundigte er sich.
Miss Westray überlegte kurz, ehe sie ihm antwortete. »Zuletzt als Jugendliche, zusammen mit meinen Eltern. Das dürfte an die fünf Jahre her sein.«
Er lächelte höflich. »Ah, ich verstehe. Nun, dann kennen Sie ja das Prozedere. Seitdem hat sich daran nichts geändert. Ich kümmere mich nun um die Nassplatte und würde Sie um einen Moment Geduld bitten.«
Sie nickte ihm zu, nahm auf dem Stuhl Platz und öffnete ihre Handtasche.
Clarence verließ mit dem Fläschchen Kollodium-Lösung den Raum und ging in den kleineren Lagerraum nebenan, in dem er die Chemikalien und die Glasplatten aufbewahrte. In diesem Raum, den er nie seiner Kundschaft zeigte, weil es gänzlich unnötig war, hatte er alles ganz schlicht und zweckmäßig eingerichtet: ein Regal für die chemischen Substanzen, außerdem ein Tisch, den er immer gründlich abwischte, darauf ein hölzerner Kasten, in dem er die Glasplatten lagerte. Er zog eine der Platten heraus und streifte sich die Handschuhe über.
Die Glasplatte putzte er mit einem Tuch so gründlich, dass sich schließlich kein Staubkorn mehr darauf befand. Vorsichtig legte er sie auf dem blank polierten Tisch ab und übergoss sie mit der Lösung. Diese bestand aus Kollodiumwolle sowie Iod- und Bromsalzen in Ethanol und Ether. Die Flüssigkeit trocknete wie immer rasch zu einer gallertartigen Masse ein. Nun musste er sich eilen. Rasch ging er mit der Platte in die angrenzende Dunkelkammer und tauchte sie in eine Silbernitratlösung, die auf einem Tisch bereitstand. Die Iodsalze wandelten sich nun in Silberiodid und Silberbromid um.
Clarence nahm die behandelte Glasplatte aus dem Silberbad heraus und steckte sie, nass wie sie war, in das lichtdicht schließende Kästchen der Kamera, die ebenfalls auf dem Tisch stand. Er griff mit beiden Händen nach der Kamera, denn sie war recht schwer. Dann nahm er sie mit hinüber ins Atelier.
Miss Westray saß noch immer auf dem Stuhl und kaute etwas, was sie allerdings herunterschluckte, als er die Kamera auf dem Stativ in Stellung brachte. Die Handtasche stand nun zu ihren Füßen, und das war gut so, denn so würde sie nicht im Bild zu sehen sein.
»Miss Westray, ich würde Sie nun bitten, sich nicht mehr zu bewegen«, wies er sie an, während er hinter der Kamera hantierte. »Lächeln Sie gern – aber nur, wenn Sie das längere Zeit durchhalten, ohne dass sich Ihre Gesichtszüge verkrampfen.«
Durch die Lichtwirkung, die mehrere Minuten in Anspruch nahm, würde sich auf der Glasplatte ein Negativ bilden, von dem er nach einer weiteren chemischen Behandlung Papierabzüge herstellen konnte.
Miss Westray hustete.
Er sah hinter der Kamera hervor. Irgendetwas stimmte nicht; ihr Gesicht war mit einem Mal krebsrot. Sie schnappte nach Luft und fasste sich krampfhaft an den Hals.
Einen Moment lang war Clarence wie erstarrt. So etwas war in seinem Atelier noch nie passiert. Natürlich kam es vor, dass Kunden in einem ungünstigen Moment niesten oder husteten, und dann musste er mit der Aufnahme ganz von vorn beginnen. Miss Westray hustete immer noch. Vergessen waren Kamera und Abbildung, Clarence eilte zu der jungen Frau. »Was ist denn los, haben Sie sich verschluckt?«
Sie antwortete nicht. Ihre Hände gestikulierten wild in der Luft, während sie weiter nach Atem rang. Mit zwei langen Schritten war er hinter ihr und klopfte ihr mehrmals auf den Rücken. Aber auch das schien nicht zu helfen, denn sie gab noch immer würgende Geräusche von sich und ihre Gesichtsfarbe war bedenklich. Vielleicht ein Glas Wasser? Er spürte ihr Korsett durch den Stoff des Oberteils ihres Kleides. Sollte er es öffnen, damit sie besser Luft bekam? Aber nein, wenn sie sich verschluckt hatte, half das auch nicht! Himmel, was sollte er nur tun?
Mabel! Seine Frau war Lazarettkrankenschwester gewesen, sie kannte sich besser mit Medizin aus als er. Und sie war zu Hause. Bei allen Heiligen, hoffentlich konnte sie etwas ausrichten!
»Ich hole Hilfe, Miss Westray, halten Sie durch!«
Ohne auf eine Reaktion zu warten, stürzte er aus dem Atelier, nach hinten ins Treppenhaus. Auf der Treppe verfluchte er die Beinverletzung aus Kriegszeiten, die ihn hinken und außerhalb des Hauses einen Gehstock verwenden ließ. Die ihn langsamer machte. Er musste sich am Geländer festhalten, während er sich Stufe um Stufe vorkämpfte. Ihm raste das Herz. Himmel, nahmen diese verdammten Stufen denn gar kein Ende? Endlich war er im ersten Stock vor der kleinen Wohnung, in der er mit seiner Frau lebte, seit die Kinder aus dem Haus waren.
»Mabel!« Er hämmerte an die Tür. »Komm schnell! Ein Notfall!«
Es dauerte keine Minute, bis Mabel die Tür aufriss mit der Arzttasche in der Hand, die sie für Notfälle im Haus hatte. Ihr dunkles Haar, das bereits von grauen Strähnen durchzogen war, wirkte ein wenig zerzaust. Ihre dunkelbraunen Augen waren weit aufgerissen.
»Eine Kundin, Pauline Westray. Sie erstickt!«
Die Augen seiner Frau weiteten sich noch mehr. »Rasch!«, rief sie. Ihre Stimme überschlug sich fast. Gemeinsam hasteten sie die Treppe hinunter – Mabel voran, denn sie war schneller zu Fuß als er. Clarence verfluchte ein weiteres Mal im Stillen sein Bein und die Treppe. Schließlich polterte er mit schweren Schritten zurück ins Atelier.
Mabel war längst bei der Frau in Nöten, die noch immer auf dem Stuhl saß, und beugte sich über sie. Miss Westray war in sich zusammengesunken und hatte ihre Augen geschlossen. Ihre Lippen und die Augenlider wirkten geschwollen. Rund um den Mund ebenso wie am Hals war ihr Gesicht gerötet. Das steife Korsett hielt ihren Oberkörper halbwegs aufrecht. Das Gleiche galt für die Metallvorrichtung hinter ihrem Kopf.
Mabel legte ihr zwei Finger an die Halsschlagader. Die Sekunden wollten nicht vergehen. Sie wurde blass und presste für einen Moment die Lippen zusammen. »Miss Westray ist tot«, sagte sie mit aschfahlem Gesicht. »Oh Gott, die Ärmste! Was ist denn bloß passiert?« Eine Träne lief ihr übers Gesicht. Das, was Clarence selbst noch nicht fassen konnte, war bei seiner Frau wohl längst angekommen: die Gewissheit, dass sich in seinem Atelier ein plötzlicher Todesfall ereignet hatte.
Clarence starrte auf die junge Frau mit den seltsamen Rötungen und Schwellungen. Mit einem Mal war ihm schwindelig. Er musste sich setzen. Unsicher wankte er zu dem anderen Stuhl, der nur wenige Schritte entfernt stand.
»Was ist passiert?«, fragte seine Frau leise.
Clarence umklammerte die Stuhllehne, er brauchte den zusätzlichen Halt. Ruhe bewahren! Auf keinen Fall durfte er jetzt den Kopf verlieren. Er war nicht mehr im Krimkrieg, es war lange her. All die Leichen, all der Tod und der grässliche Geruch von Schießpulver, Blut und einsetzender Verwesung … Kalter Schweiß brach ihm aus, seine Hände waren mit einem Mal klamm.
Clarence straffte sich und konzentrierte sich auf das vertraute Gesicht seiner Frau. Er atmete zwei, drei Mal bewusst langsam ein und aus, so wie Doktor Tyner es ihm schon damals geraten hatte, wenn die grässlichen Bilder wieder auf ihn eingestürmt waren. Ein … aus … ein … aus. Allmählich beruhigte sich sein rasendes Herz.
Stockend begann er zu erzählen. »Ich sollte eine Abbildung von ihr anfertigen. Miss Westray sagte, sie wolle sich damit an der Königlichen Oper bewerben. Ich … ich sah, dass sie etwas aß, als ich mit der Glasplatte aus der Dunkelkammer kam. Sie schluckte es hinunter und ich vermutete zunächst, dass es ihr vielleicht im Rachen stecken geblieben war. Also klopfte ich ihr kräftig auf den Rücken. Doch das half nicht. Oh Mabel, ich weiß doch auch nicht, warum sie erstickt ist! Ich begreife das nicht, wie kann das sein?«
Seine Frau betastete den Hals der Verstorbenen. »Diese Schwellungen und Rötungen sind seltsam. So etwas passiert eigentlich nicht, wenn man sich verschluckt.« Ihre Stimme klang nun gefasst, was nicht zu ihren verquollenen, geröteten Augen passen wollte. Andererseits – sie war Krankenschwester gewesen, hatte dem Tod mehr als einmal ins Auge geblickt. Das hatte einen Teil ihres Lebens geprägt, und offenbar griff sie nun auf die ruhige Sachlichkeit von damals zurück, mit der er sie in jenen schrecklichen Tagen im Krieg als verwundeter Soldat kennengelernt hatte.
Mabel bückte sich nach Miss Westrays Handtasche. »Ich werde einmal schauen, ob ich herausfinde, was sie gegessen hat. Vielleicht hatte sie einen Apfel dabei oder …« Sie kramte in der Handtasche und zog eine kleine Pralinenschachtel heraus, wie man sie in manchen Konditoreien bekommen konnte. »Bromleys Pralinen – feine Schokoladenpralinen mit einer Apfel-Zimt-Füllung«, las sie die Beschriftung vor. Sie öffnete die Schachtel, sodass Clarence den Inhalt sehen konnte. Wie es aussah, fehlte nur eine einzige Praline.
»Wie seltsam! Ich denke nicht, dass sie sich an der Praline verschluckt hat. Mir scheint, die Rötungen passen nicht dazu. Näheres lässt sich aber wohl erst sagen, wenn sich ein Gerichtsmediziner die Leiche angeschaut hat.«
Clarence sah seine Frau überrascht an. »Du meinst, ihr Tod ist ein Fall für die Gerichtsmedizin?«
»Ganz sicher bin ich mir nicht, man müsste sie genauer untersuchen. Auf jeden Fall müssen wir Doktor Tyner verständigen.«
Der Coroner hier im Stadtteil war ein Bekannter von ihnen. Er arbeitete zudem im Leichenschauhaus als Gerichtsmediziner. Im Krimkrieg war Gerald Tyner Militärarzt gewesen. Mabel kannte ihn noch von damals, als sie in seinem Lazarett gearbeitet hatte. Sie hatte eine Menge von ihm gelernt und half ihm gelegentlich aus, wenn er zu viel zu tun hatte.
»Ich werde ihn suchen«, sagte er, doch Mabel schüttelte den Kopf.
»Würdest du dich stattdessen um die Abbildung kümmern?«, bat sie ihn. »Vielleicht kann sie uns etwas über den Tod der armen Pauline verraten. Ach Gott, sie hatte noch so viele Pläne und glänzende Zukunftsaussichten … Sie war eine wirklich talentierte Sängerin. Und nun wurde sie plötzlich aus dem Leben gerissen.« Mabel schniefte und wischte sich mit der Hand wenig damenhaft über das Gesicht. »Ich suche Doktor Tyner, wenn es dir recht ist.«
Clarence ließ sich das alles durch den Kopf gehen. In gewisser Weise war der einzige Zeuge dieses Todesfalls seine Kamera. Vermutlich würde es nicht viel bringen, aber einen Versuch war es wert. Er nickte. »In Ordnung.«
Nachdem Mabel das Atelier verlassen hatte, ergriff Clarence die Kamera mit beiden Händen und kehrte in die Dunkelkammer zurück. Die Routine der vertrauten Abläufe. Er durfte jetzt nicht den Kopf verlieren! Durfte sich nicht von Erinnerungen an die Begegnung mit dem Tod während des Krieges überrollen lassen. Nur die Ruhe!
Aber ach, das war leichter gesagt als getan. Ihm zitterten die Finger, unkontrollierbar. Um ein Haar hätte er die Kamera fallen lassen. Das hätte ihm gerade noch gefehlt! In der Kammer stellte er hastig das Gerät ab und ballte die Hände zu Fäusten, bis endlich die Anspannung nachließ und das vermaledeite Zittern aufhörte.
Vorsichtig nahm er die Glasplatte aus ihrer Kassette und übergoss sie mit einer Eisensulfatlösung. Er fixierte das gläserne Negativ und löste das enthaltene Silberiodid und das Silberbromid mit einer Natriumthiosulfatlösung heraus. Danach wusch er die Platte vorsichtig und überzog sie mit einem Alkoholfirnis. Ein erster Blick darauf zeigte ihm die zusammengesunkene, regungslose Gestalt von Miss Westray. Ein Albuminpapierabzug würde ähnlich aussehen als Positiv in bräunlichen und weißen Tönen.
Eine Post-Mortem-Abbildung. Wenn Kinder oder ältere Menschen starben, machten sich manche Angehörige – zumindest diejenigen, die es sich leisten konnten – die Mühe, eine Abbildung der Verstorbenen erstellen zu lassen, bevor die Verwesung einsetzte und der Leichnam den Weg alles Irdischen ging. Das war gängige Praxis, auch sein Vater hatte solche Bilder angefertigt. Clarence selbst scheute davor zurück. Im Krieg hatte er so viele Leichen, so viele Tote gesehen, dass es für ein ganzes Leben reichte. Und nun saß ein Leichnam auf dem Stuhl in seinem Atelier …

Kapitel 2 – MABEL
Mabel wischte sich über das verweinte Gesicht. Die Tränen waren ihr peinlich, draußen vor den Leuten, aber wohin sollte sie sonst mit ihrer Trauer? Unfassbar, dass Miss Westray aus dem Leben geschieden war. Über gemeinsame Bekannte, die Porters, hatte sie die junge Frau kennengelernt. Sie war ihr auf Anhieb sympathisch gewesen. Sie hatten einmal über Mabels Familie gesprochen, und bei allen weiteren Treffen hatte sich Miss Westray nach ihren Angehörigen erkundigt und das offenbar nicht nur als höfliche Floskel gemeint.
Mabel erinnerte sich noch gut an ein gemeinsames Gespräch, als sie beide und einige andere Damen bei Mrs Porter zum Tee eingeladen gewesen waren.

»Wann möchten Sie denn eine Familie gründen, Miss Westray?«, erkundigte sich Mrs Porter.
»Das weiß ich noch nicht. Erst einmal möchte ich an der Oper singen, das hat für mich oberste Priorität.« Miss Westray schenkte den anwesenden Damen ein schiefes Lächeln. »Meine Mutter wirft mir hier Ehrgeiz an der falschen Stelle vor. Mögen Sie Musik, Mrs Porter?«
»Ja, natürlich, keine Frage! Das geht uns sicher allen so.«
Mabel und die anderen Damen stimmten dem zu.
»Sehen Sie. Musik braucht ja nicht nur Hörende, sondern auch jene, die sie zum Klingen bringen. Ich möchte Menschen mit meinem Gesang erfreuen, aber auch mich selbst, das muss ich zugeben. Dabei denke ich ganz gewiss nicht im Kleinen. Ich möchte ein ganzes Theater mit meinem Gesang füllen, das ist mein größter Wunsch. Wenn ich das erreicht habe, dann – und erst dann – werde ich über eine Ehe nachdenken.«
»Aber haben Sie denn keine Angst, dass Sie als alte Jungfer enden könnten?«, fragte Mabel. »Je älter Sie werden, desto schwieriger wird es doch mit einer Eheschließung. Wissen Sie, in meinem Haus leben zwei ältere Damen, die sich eine Wohnung teilen. Miss Clover und Miss Gettis. Beide haben nie geheiratet und auch keine Kinder zur Welt gebracht. Sie sagten mir, es hätte sich für sie einfach nicht ergeben.«
Miss Westray lächelte. »Ich kann mich nur wiederholen. Meine erste Priorität ist der Gesang. Alles andere stelle ich hintan, auch wenn es nicht den üblichen Gepflogenheiten entspricht.«
»Ich muss schon sagen, Miss Westray – ich bin ein wenig erstaunt, dass Ihre Eltern Ihnen das erlauben«, sagte Mrs Porter.
Die junge Frau zuckte mit den Schultern. »Nun, ich bin volljährig und kann meine eigenen Entscheidungen treffen. Mir ist es wichtig, meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen – mit Musikunterricht.«
Eine ältere Dame ergriff das Wort. »Also, zu meiner Zeit wäre das undenkbar gewesen. Ich meine, in unseren Kreisen.«
Miss Westray zuckte leicht mit den Schultern. »Die Zeiten ändern sich.«
»Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen viel Erfolg für Ihre Pläne«, sagte Mabel. Miss Westray wusste offenbar sehr genau, was sie wollte.

All diese Pläne der jungen Frau, die in Adelias Alter war – nein, gewesen war –, ihr Enthusiasmus für die Musik. Alles dahin, von einem Moment auf den anderen aus dem Leben gerissen. Mabel schauderte. Wenn sie sich vorstellte, dass ihre eigene Tochter … Der Gedanke ließ sich nur schwer abschütteln. Seit Mabel damals die Kinder geboren hatte, hatte sie die Angst begleitet, sie zu verlieren, sei es durch Krankheit, Unfälle oder gar Verbrechen. Es war eine Angst, die sie mit anderen Müttern teilte, wie sie über die Jahre immer wieder in Gesprächen festgestellt hatte. Mit der Zeit waren diese Gedanken in den Hintergrund getreten. Doch an Tagen wie diesen meldeten sie sich wieder, und mit Macht. Nein, rief sie sich zur Ordnung. Nicht weiter darüber nachdenken. Nicht jetzt!
Sie hatte den Beruf der Krankenschwester nicht zuletzt deshalb gewählt, weil sie es als praktisch empfand, entsprechende Kenntnisse auch im privaten Umfeld anwenden zu können. Zumindest im Kleinen, bei einfachen Erkrankungen. Außerdem hatte sie etwas gegen den Tod unternehmen wollen – gegen Todesfälle, die durch den Einsatz geeigneter Heilmethoden, durch Medizin verhindert werden konnten. Was Miss Westray betraf; war sie einfach zu spät hinzugekommen, oder hätte sie ihr so oder so nicht mehr helfen können?
Während Mabel weitereilte, wanderten ihre Gedanken zu Doktor Tyner, einem hochgewachsenen Mann mit hagerem, leicht eingefallenem Gesicht und dunkelblauen Augen hinter einer Hornbrille. Mabel kannte ihn seit mehr als fünfundzwanzig Jahren und sie hatten einander nie aus den Augen verloren, nachdem der Krimkrieg ein Ende gefunden hatte.
Mabel hatte damals zu den Krankenschwestern und den katholischen Nonnen gehört, die mit Florence Nightingale im November 1854 die als Lazarett eingesetzte Selimiye-Kaserne in Scutari erreichten. Was sie dort vorgefunden hatte, würde sie ihr Leben lang nicht vergessen. Es waren nicht die schrecklichen Verletzungen, die Schmerzenslaute oder die geflüsterten Gebete. Natürlich war auch das alles furchtbar gewesen, als viel schlimmer hatte sie jedoch die katastrophalen Zustände empfunden. Die viel zu wenigen Ärzte vor Ort waren völlig überarbeitet gewesen. Außerdem hatte es an allen Ecken und Enden gefehlt, die Medikamente hatten nicht ausgereicht und viele der verwundeten Soldaten waren aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen an einer Infektion gestorben.
Doktor Tyner zählte zu jenen Ärzten, die damals bis zur Erschöpfung gearbeitet hatten, um zu retten, was zu retten war. Trotz der chaotischen Verhältnisse in jenem Lazarett war er umsichtig geblieben, war niemals laut geworden und hatte Schwestern sowie Assistenzärzte mit ruhiger Stimme angewiesen. Doktor Tyner verfügte über eine Seelenruhe, um die Mabel ihn beneidete.
Wie es der Zufall wollte, lebten sie mittlerweile beide in Pimlico, was sie als Segen empfand, denn sie schätzte ihn sehr. Vor fünf Jahren war seine Frau gestorben, eine schwere Lungenentzündung hatte sie hinweggerafft. Mabel hatte Mrs Tyner sehr gemocht und besuchte regelmäßig deren Grab, um dort ein paar Blumen niederzulegen. Die vier Kinder der Tyners hatten schon lange eigene Familien gegründet.
Mabel fand den Arzt, wo sie ihn vermutet hatte – im Leichenschauhaus, das sich in der Buckingham Palace Road befand, gerade einmal zehn Minuten Fußweg von der Sutherland Street entfernt.
»Was ist denn passiert, Mrs Fox?«, fragte er sie mit Besorgnis in der Stimme. »Meine Liebe, Sie wirken ja völlig aufgelöst!«
Mabel holte tief Luft und schilderte ihm stockend, was vorgefallen war. Die Worte kamen ihr nicht leicht über die Lippen, immer wieder musste sie neu ansetzen, und auch die Tränen lauerten schon wieder darauf, ihre Wangen zu erobern, aber sie wollte vor Doktor Tyner nicht die Fassung verlieren.
Der Arzt lauschte ihr aufmerksam, nahm seine blutige Schürze ab und hängte sie an einen Haken.
»Das werde ich mir selbst ansehen, Mrs Fox«, sagte er stirnrunzelnd. »Danke, dass Sie hergekommen sind.«
Rasch zog er sich seinen Mantel an und sprach kurz mit einem Mitarbeiter des Leichenschauhauses, danach folgte er ihr nach draußen.
Im Eilschritt ging er neben Mabel her. »Auf das, was Sie mir geschildert haben, kann ich mir im Moment noch keinen Reim machen«, erklärte er. »Ich werde mehr wissen, wenn ich mir die Verstorbene angesehen und sie untersucht habe.«
»Ich kannte Miss Westray über eine gemeinsame Bekannte«, erklärte Mabel.
»Hatte sie Familie? Angehörige? Wissen Sie das?«
Betrübt schüttelte sie den Kopf. »Nicht hier in der Stadt, soweit ich weiß. Sie ist aus Hackney hergezogen, um eine Karriere als Sängerin zu verfolgen.«
»Ich nehme an, es gibt auch keinen Ehemann? Einen Verlobten vielleicht?«
So gut hatte sie die Verstorbene nicht gekannt. »Einen Ehemann definitiv nicht. Einen Verlobten hat sie mir gegenüber nie erwähnt. Aber ich muss dazu sagen, dass wir nicht in engerem Kontakt standen. Jedenfalls trug sie keinen Verlobungsring.«
»Aha.« Doktor Tyner beschleunigte seinen Gang und Mabel hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Sie passierten den großen Victoria-Bahnhof, der vor rund acht Jahren eröffnet worden war und zwei verschiedene Bahnlinien bediente. Zahlreiche Passanten strömten aus dem Bahnhofsgebäude. Die meisten von ihnen waren dunkel gekleidete Männer mit Zylinderhüten oder Mützen, dazwischen vereinzelt Frauen, die farbenfroher gekleidet waren. Vor dem Eingang versuchte ein Zeitungsjunge, der eine zerschlissene graue Strickmütze trug, seine Ware anzupreisen, allerdings war er heiser und hatte es sichtlich schwer, auf sich aufmerksam zu machen. Ein Mann mit einem Koffer und einer Zeitung unter dem Arm drängte sich an Mabel vorbei. Es roch nach Ruß und Rauch und von irgendwoher wehte ein fauliger Gestank zu ihnen herüber. Die Feuchtigkeit des kalten Herbsttages kroch Mabel in die Gelenke. Ihre Handschuhe halfen dagegen nur wenig.
Sie überquerten die Brücke, die über die Eisenbahntrassen führte. Stampfend rauschte eine Bahn heran, deren Räder über das Metall der Schienen ratterten, während sich der aus der Lok hervorquellende Dampf mit dem Grau des Oktobernachmittags vermischte.
Nachdem sie die Brücke passiert hatten, dauerte es zum Glück nur wenige Minuten, bis sie Clarences Atelier erreichten. Das kobaltblaue Schild mit dem weißen Schriftzug »Fotoatelier Fox« war kaum zu übersehen, selbst an einem so trüben Tag wie diesem. Ihr Mann hatte das kleine hölzerne Schild an der Eingangstür auf »Geschlossen« umgedreht. Durch eines der Fenster konnte sie undeutlich die zusammengesunkene Gestalt der armen Miss Westray sehen, die noch immer auf dem Stuhl saß oder vielmehr hing. Wieder kribbelten ihr die Augen.
Reiß dich zusammen, Mabel! Jetzt war nicht die Zeit, um zu trauern. Noch nicht.
»Guten Tag, Mr Fox«, begrüßte Doktor Tyner ihren Mann, als er das Atelier betrat. Clarence erwiderte den Gruß und fügte dumpf hinzu: »Das ist kein guter Tag, fürchte ich. Ganz und gar nicht.«
»Ja, natürlich.«
Der Coroner trat zu der Verstorbenen hinüber und fühlte an der Halsschlagader nach ihrem Puls. Dann blickte er Clarence an. »Würden Sie bitte einmal aus Ihrer Sicht schildern, was geschehen ist, Mr Fox?«
Clarence wiederholte alles, was er Mabel bereits erzählt hatte. Er sprach schnell, abgehackt.
Doktor Tyner nickte. »Zeigen Sie mir doch einmal diese Pralinenschachtel«, verlangte er.
Mabel zog die Schachtel aus Miss Westrays Handtasche.
Währenddessen fuhr sich Clarence über das Gesicht, ehe er sich wieder dem Doktor zuwandte. »Ich schätze, sie hat eine der Pralinen gegessen und sich daran tödlich verschluckt. Oder …« Er hielt einen Moment inne. »Oder irgendetwas stimmte mit der Praline nicht.«
Das war in der Tat eine gute Frage.
»Bromleys …« Doktor Tyner betrachtete die Schachtel von allen Seiten. »Das ist doch eine Konditorei in der Belgrave Road. Meine Gattin – Gott hab sie selig – hat dort früher gelegentlich Kuchen gekauft oder sich mit einer Freundin auf einen Tee getroffen. Die Konditorei gibt es schon ziemlich lange – ein Familienunternehmen, soweit ich weiß.« Er wandte seinen Blick von der Schachtel und sah Clarence fest in die Augen. »Ich sage Ihnen, was ich tun werde. Ich nehme die Pralinen mit ins Labor und untersuche sie. Nur vorsichtshalber.«
Mabel riss die Augen auf. Ihr Mund formte ein stummes »Oh«, ehe sie zu sprechen begann. »Meinen Sie, die wurden vergiftet?«
Doktor Tyner runzelte die Stirn. »Zunächst einmal meine ich gar nichts. Lassen Sie uns lieber keine voreiligen Schlüsse ziehen.« Er beugte sich ein weiteres Mal über die bedauernswerte Miss Westray. »Hm. Lippen und Augenlider sind geschwollen. Und dann diese Rötungen. Und sehen Sie hier, diese Quaddeln.« Er deutete auf eine Stelle des Halses, an der sich kleine, unregelmäßig geformte, teilweise punktförmige Erhebungen befanden, die ebenfalls leicht gerötet waren.
»Ich denke, einen Erstickungstod durch Verschlucken können wir wohl ausschließen.« Er nahm seine Brille ab und rieb sich über die Nasenwurzel. »Das sind jedenfalls keine Anzeichen, die bei einer Erstickung durch Verlegung der Luftwege entstehen. Ich musste gerade an Mumps denken, aber dabei treten Schwellungen eher im Bereich der Wangen auf, allerdings natürlich nicht binnen Sekunden. Mumps können wir also ebenfalls ausschließen.«
Doktor Tyner wirkte nachdenklich. »Wie viel Zeit ist vergangen, seit Sie den Tod festgestellt haben?«, fragte er und setzte sich die Brille wieder auf.
Clarence zog die silberne Taschenuhr aus seiner Westentasche und warf einen kurzen Blick darauf. »Etwa eine Stunde.«
Der Doktor nickte. »Ich habe heute viel zu tun«, erklärte er. »Mrs Fox, würden Sie mich zurück ins Leichenschauhaus begleiten und Miss Westrays Leichnam selbst untersuchen? Oder sind Sie befangen, weil Sie die Dame persönlich kannten?«
»Nun, also … ich …« Mabel suchte nach Worten. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihm im Leichenschauhaus half, Obduktionen durchzuführen, zumeist als Assistentin. Nachdem die Kinder ausgezogen waren, hatte sie sich nach einer Beschäftigung gesehnt, die über die Haushaltsführung hinausging. Im Anschluss an eine Einladung zum Tee bei Doktor Tyner war eines zum anderen gekommen. Sie beide hängten Mabels gelegentliche Betätigung im Leichenschauhaus nicht an die große Glocke, denn im Grunde war es unerhört, dass eine verheiratete Frau überhaupt arbeitete – zumindest in der Mittelschicht, der sie angehörte. So manch einer aus ihrem Bekanntenkreis hätte mit Befremden darauf reagiert. Aber Clarence erlaubte es ihr.
Die Männer, die im Leichenschauhaus arbeiteten, waren ein Völkchen für sich und akzeptierten sie, denn sie waren froh über die Hilfe. Gelegentlich hatte sie selbst schon unter Doktor Tyners Anleitung Obduktionen durchgeführt.
Normalerweise hätte sie dem Arzt sofort zugesagt. Angesichts dieser Situation jedoch wütete ein Wirbelsturm aus Emotionen in ihrem Kopf. Immerhin ging es um Miss Westray. Nicht gerade eine enge Freundin, aber doch eine Bekannte. Sie warf einen Blick auf den Leichnam, auf die inzwischen leicht wächserne Haut, und verspürte erneut ein verräterisches Kribbeln in den Augen. Was sollte sie nur tun? Am liebsten wäre sie hinauf in die Wohnung und hätte die Tür hinter sich zugeschlagen. Aber was geschehen war, war geschehen. Der Tod hatte Miss Westray zu sich geholt und Tränen halfen der armen Frau nun auch nicht mehr. Aber sie konnte etwas anderes für sie tun. Einen letzten Dienst.
Mabel erwiderte Doktor Tyners fragenden Blick und fasste sich ein Herz. »Doch, ich denke, ich werde dazu in der Lage sein.«
»Gut«, erwiderte er. »Ich kümmere mich darum, dass der Leichnam so schnell wie möglich ins Leichenschauhaus gebracht wird. Später informiere ich die Kollegen vom Polizeirevier. Wir können dann mit dem Leichenwagen direkt mitfahren. Möchten Sie sich dafür umziehen, Mrs Fox?«
»Nein, das hier wird gehen.« Sie deutete auf ihr Kleid, das aus vier Teilen bestand – das graue geknöpfte Oberteil aus Leinen mit den am Saum aufgestickten Blüten, der hinten leicht aufgebauschte Rock in einem anderen Grauton, die etwas hellere Rockschürze, die darüber getragen wurde, sowie der Unterrock. Es war eines ihrer schlichteren Ensembles und schon etwas älter. Sie hatte es mehrfach geändert, um es an die neue Mode mit der Tournüre anzupassen, deren Silhouette in diesem Jahr vergleichsweise schmal war; weniger voluminös als in den Jahren zuvor.
»Gut, dann sehen wir uns gleich, ich beeile mich«, erwiderte der Coroner, legte grüßend zwei Finger an seinen Bowler und verließ das Atelier.
Während das Läuten der Türglocke verklang, wandte sich Mabel an Clarence. Sie griff nach seiner Hand, streichelte seinen Handrücken, eine Geste des Trostes. Er blickte sie traurig an und drückte leicht ihre Finger. »Hast du die Abbildung entwickelt?«, fragte sie ihn.
»Ja, das schon. Aber sie ist etwas verwischt, vermutlich weil Miss Westray sich in ihrem … ihrem Todeskampf noch eine Weile bewegt hat.« Er hielt ihr einen rötlichen Albuminpapierabzug entgegen. Das gesamte Bild wirkte leicht verschwommen. Miss Westrays Kopf war gesenkt, sodass ihr Gesicht nicht zu erkennen war. Allerdings war die Rötung auf ihrem Hals nicht zu übersehen, zumal sie sich dunkel von den helleren Hautpartien abhob.
»Ich denke, ich schließe das Atelier für heute«, sagte Clarence mit gefurchter Stirn. Seine Haltung war kraftlos und sein Gesicht blass. Er sah so aus, wie sie sich fühlte. »Ich werde mich wohl kaum noch aufs Ablichten und schon gar nicht auf Kundschaft konzentrieren können.«
Mabel umarmte ihn. »Das kann ich gut verstehen, mein Lieber.«
Er seufzte. »Wenn ich doch irgendetwas für die arme Frau hätte tun können!«
Mabel strich ihm liebevoll über den Arm. »Ich bin selbst fassungslos. Aber vielleicht wissen wir bald mehr. Ich meine, woran sie gestorben ist.«
Das Warten auf Doktor Tyner war eine Qual. Mabel war, als säße sie auf Kohlen. Unter anderen Umständen hätte sie oben in der Wohnung ihre Bedienstete Lindsey gebeten, einen Tee zuzubereiten. Diesen zu trinken, das war in jeder Lebenslage möglich und hatte etwas Tröstliches. Aber dafür war nun keine Zeit.
Zum Glück hielt der Coroner sein Wort: Eine halbe Stunde später fuhr er mit der schlichten schwarzen Kutsche vor, die dem Leichenschauhaus für Leichentransporte diente.
Williams, einer der Mitarbeiter, der auch die Aufgabe des Kutschers innehatte, kam mit einer großen Trage aus grobem, festem Stoff ins Atelier. Nachdem er sie beide begrüßt hatte, legte er den Leichnam mit Clarences Hilfe behutsam auf die Trage, was angesichts der Stoffmassen von Miss Westrays Kleid keine leichte Aufgabe war. Mabel musste an sich halten, um nicht wieder zu weinen.
»Kommen Sie, Mrs Fox. Wir sollten uns beeilen. Die einsetzende Totenstarre ist zwar kein Hinderungsgrund für eine Untersuchung, aber wenn sich etwas in Miss Westrays Hals befindet, das zu ihrem Tod geführt hat, wird es sich mit der Zeit zersetzen, und das würde uns die Angelegenheit erschweren.«
Sie straffte sich, nickte ihm zu und drehte sich zu ihrem Mann um. »Bis später, mein Lieber!«
Er wagte den Versuch eines aufmunternden Lächelns, doch es wirkte eher gequält. Mabel konnte es ihm nachfühlen. Zunächst einmal würde sie Doktor Tyner unterstützen und damit der Verstorbenen einen letzten Dienst erweisen. Was war bloß mit der armen Frau geschehen? Hoffentlich fanden sie es bald heraus. Sie griff nach der Tasche der Toten und vergaß es auch nicht, die Pralinenschachtel hineinzulegen.
Kurz darauf saß sie in der geräumigen Kutsche auf der schmalen Bank, der Coroner neben ihr und die Trage mit dem Leichnam auf dem Boden des Gefährts. Das Gesicht der Sängerin wirkte wächsern, ihr Hals war noch immer gerötet und von den Quaddeln bedeckt. Der Prozess der Verwesung streckte seine kalten Finger aus und würde schon bald sein Werk vollendet haben. Mabel schauderte. Natürlich, der Tod gehörte zum Leben dazu. In ihrem Bekanntenkreis gab es zahlreiche Menschen, die Angehörige verloren hatten – totgeborene Kinder, Kinder, die früh gestorben waren, Ehemänner und Söhne, die im Krieg gefallen waren, und einige andere. Pauline Westray hatte glänzende Aussichten auf eine Karriere als Sängerin gehabt, aber nun war ihre begnadete Stimme für immer verstummt.
»Ach, es ist jedes Mal so schwierig, sich um Todesfälle zu kümmern, wenn die Angehörigen nicht in der Stadt leben und man keine Adresse von ihnen hat«, sagte der Coroner mit gerunzelter Stirn.
»Warten Sie, vielleicht liefert uns ihre Tasche einen Hinweis.« Mabel lächelte gegen die Traurigkeit an, die wieder von ihr Besitz zu ergreifen drohte. »Frauen tragen für gewöhnlich recht viel mit sich herum – ich bilde da keine Ausnahme.« Sie öffnete die Handtasche der Verstorbenen und kramte darin herum, auch wenn ihr das unangenehm war. Es gehörte sich schließlich nicht, den Besitz anderer Leute zu durchwühlen. Aber in diesem Fall war es unumgänglich. Außer der Pralinenschachtel befand sich in der Handtasche eine kleine Geldbörse und ein zusammengefaltetes, spitzenbesetztes Taschentuch mit feinem Blumenmuster. Mabel kramte weiter. »Hm … hier ist eine Karte für ein Konzert in der Canterbury Music Hall in Lambeth – eine Operette von Jacques Offenbach. Das war vor zwei Wochen. Aber das hilft uns wohl nicht weiter.« Schließlich zog sie zwei handbeschriebene Visitenkarten der Verstorbenen und einen Schlüsselbund mit zwei Schlüsseln heraus. »Ich vermute, das sind ihre Hausschlüssel.«
Doktor Tyner rückte seine Brille zurecht. »Würden Sie mir einen Gefallen tun, Mrs Fox? Ich habe im Moment sehr viel zu tun. Es wäre mir eine große Erleichterung, wenn Sie später in der Wohnung der Verstorbenen nachsehen könnten, ob Sie dort einen Hinweis auf mögliche Angehörige finden. Vielleicht auch Briefe. Ich meine, Sie waren ja miteinander bekannt, da sollte es kein Problem darstellen, nehme ich an?«
»Wir kannten uns allerdings nicht näher«, gab Mabel zu bedenken. »Und was ist, wenn mich ihr Vermieter fragt, warum ich mir so ohne Weiteres Zugang zu ihrer Wohnung verschaffe? Er könnte mich des Diebstahls verdächtigen. Ich kenne ihn nicht und er weiß nicht, dass ich eine Bekannte von Miss Westray bin … war.«
Doktor Tyner winkte ab. »Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Ich setze Ihnen ein kurzes offizielles Schreiben auf, das mit einem Stempel der Metropolitan Police versehen ist. Entsprechend vorbereitetes Papier steht mir im Leichenschauhaus zur Verfügung. Sagen Sie ihm, ich hätte Sie geschickt. Und wenn der Vermieter Ihnen dann immer noch Schwierigkeiten macht, schicken Sie ihn direkt zu mir.« Er hielt kurz inne, bevor er weitersprach: »Wohnte sie in Pimlico?«
Mabel blickte auf eine der Visitenkarten. »Ja, in der Vauxhall Bridge Road. Das ist gar nicht weit entfernt von der Straße, in der Clarence und ich wohnen. Also gut, ich werde sehen, was ich tun kann.«
Die Kutsche hielt vor dem Leichenschauhaus, ein verhältnismäßig großes Gebäude, das sich in derselben Straße wie das Belgravia Polizeirevier befand. Williams holte einen der anderen Mitarbeiter herbei. Gemeinsam schleppten sie die Trage mit dem Leichnam in das Innere des Gebäudes, während der Coroner und Mabel ihnen folgten. Der süßlich-faulige Geruch von Verwesung schlug ihr an der Tür zur Leichenhalle entgegen, vermischt mit dem von Karbolseife und verschiedenen Chemikalien.
Diese Ausdünstungen waren ihr doch vertraut. Warum wurde ihr davon heute übel? Mabel ignorierte ihren rebellierenden Magen und straffte sich, ehe sie die Leichenhalle betrat.
Acht Tische befanden sich darin, auf sechs von ihnen lag je ein Leichnam. Bis auf den, an dem John Gerston gerade arbeitete, waren alle mit Tüchern abgedeckt.
»Guten Tag, Mrs Fox«, begrüßte sie der junge Mann, ein Medizinstudent aus einem der höheren Semester, der hier arbeitete, wenn es seine Vorlesungen erlaubten. Sein Plan war es, sich später auf Gerichtsmedizin zu spezialisieren.
»Guten Tag, Mr Gerston«, erwiderte Mabel.
»Legen Sie den Leichnam dorthin«, verlangte Doktor Tyner mit einem Fingerzeig.
Williams und ein weiterer Kollege betteten die Leiche auf den gewünschten Tisch und rollten die Textiltrage zusammen.
Der Coroner bedankte sich und die beiden verließen den Raum.
John Gerston kam zu ihnen herüber und betrachtete Miss Westrays sterbliche Überreste. »Was für einen Fall haben Sie uns gebracht?«, erkundigte er sich bei Doktor Tyner.
»Tod durch Ersticken oder eine andere Ursache. Mrs Fox wird die Leiche untersuchen, Sie können mit dem Strangulierungsopfer fortfahren.«
»Wie Sie wünschen.« John Gerston durchquerte den Raum und beugte sich wieder über den Leichnam, an dem er zuletzt gearbeitet hatte und dessen Körper nackt und bleich auf der Bahre lag.
Doktor Tyner zog sich eine helle Jacke über, wie immer, wenn er Leichen obduzierte. »Falls Sie Fragen haben, Mrs Fox, sagen Sie mir Bescheid, ja?«
»Selbstredend, Doktor!« Mabel zog sich eine der Schürzen über, die an einem Garderobenhaken bereithingen und die sowohl ihr Oberteil als auch einen Großteil ihres Rocks bedeckte. Mit Schaudern dachte sie an die hygienischen Verhältnisse in den Lazaretten des Krimkrieges. Damals hatte es kaum Sicherheitsvorkehrungen gegeben. Medizinisches Besteck war nicht gereinigt worden und Chlorkalk, der der Desinfektion diente, hatte es noch nicht gegeben. Ganz zu schweigen davon, dass aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen mehr als tausend britische Soldaten an Cholera, Dysenterie und anderen Durchfallerkrankungen gestorben waren, bevor die Streitkräfte überhaupt zum Einsatz gekommen waren.
Der Gedanke an all das verstärkte ihre Übelkeit. Nicht daran denken. Das alles war ja auch schon mehr als zwanzig Jahre her und die heutige Zeit bot Anlass für Hoffnung: Seit damals hatte sich in der Medizin und der Krankenpflege vieles verändert. Sie selbst hatte eine ganze Menge dazugelernt, seit die Kinder aus dem Haus waren. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hatte Doktor Tyner, der sich ebenfalls stetig weitergebildet hatte.
Mabel betrachtete das bleiche Gesicht von Miss Westrays Leichnam. Fast wollten ihr wieder die Tränen kommen, doch sie drängte sie zurück. Vielleicht konnte sie wenigstens herausfinden, woran die junge Frau gestorben war, oder zumindest bei einer entsprechenden Aufklärung mitwirken. Und sie würde nicht eher ruhen, bis die Todesursache feststand. Der Tod war unwiderruflich, aber er legte auch alles bloß – die ganze nackte Wahrheit über einen Menschen. Ein Leichnam konnte weder lügen noch sich verbergen oder ein Geheimnis hüten. Einem geschickten Mediziner war es gegeben, so manches an einer Leiche abzulesen. Auch wenn es zugegebenermaßen einiges gab, was der medizinischen Forschung bis heute ein Rätsel war, das wusste sie aus unzähligen Gesprächen mit dem Arzt und dem Medizinstudenten.
Ihr Blick wanderte zu Miss Westrays bleichem Leib. Der grässliche Geruch in der Halle und die Tatsache, dass hier eine Bekannte vor ihr lag, das beides trat allmählich in den Hintergrund. Stattdessen setzte Mabels Forscherdrang ein, eine Neugier, die ihr schon während ihrer Ausbildung als Krankenschwester innegewohnt hatte. Zu verstehen, wie der menschliche Körper aufgebaut war und wie er im Zusammenspiel all seiner Organe funktionierte, das hatte sie schon als Jugendliche fasziniert. Die Totenstarre begann fast immer an den Kaumuskeln. Mit spitzen Fingern tastete Mabel Miss Westrays erkalteten Kiefer ab. Die Starre hatte dort noch nicht eingesetzt, aber es würde nicht mehr lange dauern, bis es so weit war. Vorsichtig schälte sie den Leichnam aus dem Oberteil, das sich aufknöpfen ließ. Danach das dünne Hemd, das sich über dem Korsett befand. Sie öffnete Letzteres, legte es beiseite und zog dem Leichnam auch die darunter liegende Chemise aus zarter Baumwolle aus. Für diese erste Untersuchung zudem die Röcke abzustreifen, war zum jetzigen Zeitpunkt wohl nicht gegeben. Das konnten später die Mitarbeiter des Leichenschauhauses übernehmen.
Mabel betrachtete den Oberkörper der Toten. Wie sie erwartet hatte, war die Haut blass. Miss Westray hatte keinerlei Narben, nur ein, zwei Muttermale. Auch keine blauen Flecken oder andere Anzeichen von Gewalteinwirkung. An ihren Fingern fanden sich keine jener typischen Abdrücke, die Menschen zeigten, die dauerhaft Ringe trugen. Wie schon am Hals erblickte Mabel auch auf dem Brustkorb jene fleckenförmigen Rötungen und Quaddeln. Ob das als ein Anzeichen für eine Vergiftung zu werten war?
Behutsam öffnete Mabel den Mund der Verstorbenen. Auf der deutlich geschwollenen Zunge klebten die Reste von Schokolade. Würde sie ihr etwa den Hals aufschneiden müssen?
Mabel wandte sich an den Coroner. »Doktor Tyner, wie sehen Sie das, soll ich die Speiseröhre und die Trachea aufschneiden, damit wir wissen, ob Miss Westray sich einfach nur unglücklich verschluckt hat?«
Er blickte von der Leiche auf, an der er gerade arbeitete. »Tun Sie das ruhig, Mrs Fox.«
Mabel straffte sich, nahm sich ein Skalpell und setzte die entsprechenden Schnitte an. Vorsichtig zog sie danach die Haut an den Rändern der Schnitte auseinander.
»Die Luftröhre zeigt deutliche Anzeichen einer starken Anschwellung. Aber es ist kein verschlucktes Stück einer Praline darin«, sagte sie zu Doktor Tyner. »Ich frage mich nur, wodurch diese Anschwellung entstanden ist. Pralinen mit einer Apfel-Zimt-Füllung? Das kann unmöglich die Ursache gewesen sein.«
»Ich werde einige Tests mit diesen Pralinen durchführen lassen«, sagte Doktor Tyner, ohne aufzusehen. »Falls da Gift im Spiel sein sollte, werden wir es sicher herausfinden. Ich frage mich allerdings, wie jemand Gift in die Pralinen gebracht haben könnte, ohne dass dies nach außen hin sichtbar ist.«
Mabel überlegte. »Wäre es nicht möglich, dass jemand selbst Pralinen hergestellt hat, die Gift enthalten, und sie dann in die Schachtel dieser Konditorei gelegt hat?«
»Ja, in der Tat, das ist allerdings denkbar. Die Pralinen sehen jedoch äußerst professionell aus, finde ich. Wenn Sie mit Ihrem Gedanken richtigliegen, wusste derjenige offenbar genau, was er tat. Oder sie.« Er kam zu ihr herüber. »Lassen Sie mich bitte einmal sehen.« Schweigend betrachtete er den aufgeschnittenen Kehlkopf und den Hals der Toten.
»Hm. Merkwürdig. Diese Rötungen auf der Haut und die Quaddeln könnten tatsächlich ein Anzeichen für eine Vergiftung sein. Es gibt ja zig verschiedene Gifte mit den unterschiedlichsten Wirkungen. Aber um das ganz genau herauszufinden, brauche ich eine richterliche Anordnung für eine größere Sektion. Wir werden dann auch die Halsweichteile entnehmen können und sie in ihrer Gesamtheit präparieren. Erst dann können Gerston und ich die Schwellungen genauer untersuchen. Ich spreche heute noch mit den Kollegen auf dem Revier, auch wegen des richterlichen Beschlusses.«
Mit der stumpfen Seite eines Skalpells drückte er die geschwollene Zunge der Toten leicht herunter. »Hm«, machte Doktor Tyner ein weiteres Mal. »Geben Sie mir bitte die Pralinenschachtel. Ich hole in der Zwischenzeit eine Pinzette und einen Träger.«
Mabel griff nach Miss Westrays Tasche und zog die Pralinenschachtel daraus hervor.
Wenig später kam Doktor Tyner mit einer Pinzette und einer dünnen Glasschale zurück. Mit dem kleinen, silbern glänzenden Werkzeug zog er vorsichtig eine Praline aus der Schachtel und legte sie auf den Boden der flachen Schale. Danach zerteilte er die Praline mit der Pinzette in der Mitte, hob eines der beiden Stücke hoch und betrachtete es eingehend. Anschließend roch er vorsichtig daran. »Wenn Sie mich fragen, sieht das darin nicht nach einer Apfel-Zimt-Füllung aus, wie es auf dem Etikett steht, sondern nach einer Erdnusscreme-Füllung. Es riecht auch eher danach.«
»Oh.« Ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken, als sie darüber nachsann, was das bedeuten mochte. »Wenn jemand Miss Westray vergiften wollte, dann wäre es demjenigen wohl recht egal, was auf der Schachtel steht, sofern die Pralinen den Anschein erwecken, tatsächlich aus einer Konditorei zu stammen«, sagte sie. Die Übelkeit in ihrem Magen hatte sich während der Untersuchung gelegt, doch nun kehrte sie zurück.
»In der Tat. Das wäre eine Erklärung. Oder aber die Konditorei Bromleys hat die Schachtel falsch beschriftet.«
Er runzelte die Stirn. »Ich denke, so etwas kommt schon mal vor. Fehler passieren doch in allen Berufszweigen. Ich werde diese Pralinen auf jeden Fall auf Gift hin untersuchen lassen. Mein Kollege, Doktor Philmore, kennt sich damit besser aus als ich. Ich werde heute noch mit ihm sprechen.«
Mabel besann sich auf das, was sie gelernt hatte. Auf die kalten, harten Fakten. »Arsenik können wir wohl ausschließen, nicht wahr, Doktor?« Diese Substanz wurde teilweise als Heilmittel verwendet, unter anderem gegen die Syphilis, aber wenn sich Ärzte mit der Dosierung vertaten, kam es nicht selten zu Vergiftungen. »Da kommt es dann doch eher zu schweren Magen-Darm-Entzündungen mit Erbrechen, starken Schmerzen, Übelkeit und massiven wässrigen Durchfällen.«
»Ganz recht«, stimmte der Coroner ihr zu. Seine Stimme klang sachlich, fast als ob er einen Vortrag vor Studenten hielt. »Und irgendwann im weiteren Verlauf versagen Nieren, Herz und Kreislauf.« Er hob eines der Lider der Verstorbenen an. »Bei einer Belladonna-Vergiftung kann es ebenfalls zu Hautrötungen kommen, aber schauen Sie sich ihre Pupillen an, die sind nicht erweitert. Diese Hautrötungen und Quaddeln … es sieht fast aus wie Nesselfieber, aber das verläuft ja in der Regel nicht tödlich.«
Er blickte Mabel direkt an. »Wie schon gesagt, wir werden die Tote genauer untersuchen müssen. Bei manchen Giften sind Erstickungssymptome oder starke Hautrötungen die Folge, aber da werde ich weiter nachforschen. Möglicherweise war Zyankali im Spiel – bei einer entsprechenden Einnahme kommt es zu Atemnot.«
Er wandte sich an den Medizinstudenten. »Mr Gerston, wir hatten hier doch Anfang des Jahres einen Fall von Zyankalivergiftung. Was sind in einem solchen Fall die entsprechenden Symptome? Zählen Sie bitte auf, was Sie gelernt haben.«
John Gerston trat einen Schritt von dem Leichnam zurück, an dem er gerade arbeitete. »Die Vergiftungssymptome sind Atemnot, eine Reizung der Schleimhäute, die Bindehäute röten sich«, sagte er, als würde er aus einem Lehrbuch zitieren. »Laut Angaben einer Angehörigen litt unser Fall vor dem Eintritt des Todes an Schwindelgefühlen, er musste sich erbrechen und krampfte, bis schließlich eine Ohnmacht eintrat. Am Leichnam fiel auf, dass die Leichenflecken leuchtend rot waren.«
»Das ist hier ja nicht der Fall«, sagte der Doktor und zeigte auf den Leichnam. »Außerdem riechen die Pralinen nicht nach Bittermandel.«
Mabel überlegte. Sich auf die Fakten zu konzentrieren, half ihr gegen ihren noch immer rebellierenden Magen und auch gegen die aufkeimende Wut darüber, dass möglicherweise jemand Miss Westray nach dem Leben getrachtet hatte. »Und wenn nur diese eine Praline, die sie gegessen hat, Zyankali enthielt?«
»Nun, in dem Fall müsste es eine sehr hohe Konzentration gewesen sein. Wie gesagt, für eine gründlichere Untersuchung des Leichnams benötige ich einen richterlichen Beschluss. Und unter Umständen auch die Zustimmung der Angehörigen. Sagen Sie, Mrs Fox, würden Sie mir einen großen Gefallen tun und noch heute bei Miss Westray zu Hause nach der Adresse von deren Angehörigen forschen? Die Schlüssel befinden sich ja wohl in der Handtasche, zumindest gehe ich davon aus.«
Mabel zögerte. Wie schon auf dem Weg hierher erschien es ihr ganz und gar nicht richtig, in den Sachen der Verstorbenen zu wühlen. Andererseits mussten sie die Verwandten von Miss Westray verständigen und sie hatte keine Ahnung, wo diese wohnten. Eine Alternative wäre es, zunächst in ihrem Bekanntenkreis herumzufragen. Doch womöglich würde es Tage in Anspruch nehmen, wenn sie erst entsprechende Nachrichten schrieb und dann auf Antwort wartete. Einen Moment lang war sie hin- und hergerissen.
Doktor Tyner musterte sie mit gerunzelter Stirn, er wartete natürlich auf ihre Antwort.
»Das ist ein guter Gedanke«, erwiderte sie schließlich und nickte.
Der Arzt seufzte. »Danke. Das würde mir einiges an Lauferei ersparen. Wie schon gesagt, ich gebe Ihnen ein Schreiben mit, das Sie dem Vermieter vorlegen können. Damit dürften Sie keine Schwierigkeiten bekommen.«
Mabel lächelte traurig. »Ich habe die Zeit, mich darum zu kümmern. Es ist wirklich kein Problem.« Sie machte sich daran, die Schnitte wieder zuzunähen.
Später verließ sie mit dem Schreiben des Coroners, Miss Westrays Schlüsselbund sowie einer Visitenkarte, auf der die Adresse der Verstorbenen stand, das Leichenschauhaus. Die Handtasche und die Pralinenschachtel behielt Doktor Tyner vor Ort. Ob die Pralinen tatsächlich vergiftet worden waren? Wer um alles in der Welt würde etwas so Niederträchtiges tun? Hatte Pauline Westray jemanden so sehr verärgert, dass dieser sich auf mörderische Weise rächen wollte? Oder steckte etwas anderes dahinter? In Gedanken versunken machte sich Mabel an den Rückweg in die Sutherland Street, während ein unangenehmer Nieselregen einsetzte, der ihr Gesicht mit winzigen, kalten Tropfen bedeckte.

Kapitel 3 – CLARENCE
»Hoffentlich finden wir einen Hinweis auf ihre Angehörigen«, sagte Clarence zu seiner Frau, als sie sich noch am selben Tag gemeinsam zur Vauxhall Bridge Road aufmachten. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, in der Wohnung einer Fremden herumzustöbern, andererseits wollte er Doktor Tyner unterstützen, und Mabel war ja eigens von diesem beauftragt worden. Mittlerweile war es längst dunkel und es regnete noch immer. Mabel hatte ihm erzählt, was sie gemeinsam mit dem Coroner herausgefunden hatte.
»Also ist es möglich, dass sie vergiftet wurde?«, fragte er, während er, auf seinen Gehstock gestützt, einer Pfütze auf dem Gehweg auswich, die im Schein einer Gaslaterne dunkel glänzte.
»Ja, leider. Doktor Tyner wird die Pralinen und Miss Westrays Leichnam noch genauer untersuchen«, erwiderte Mabel, die fast unter ihrem aufgespannten Regenschirm verschwand. »Was für ein Mensch tut so etwas?«, sagte sie leise.
»Wir wissen doch beide nicht allzu viel über Miss Westray«, erinnerte er sie. »Und auch nicht, mit wem sie Umgang pflegte. Aber ich muss zugeben, du kanntest sie besser als ich.«
Mabels Stimme klang ein wenig heiser, als sie ihm antwortete. »Das vielleicht, doch es war eher eine oberflächliche Bekanntschaft.«
Sie wanderten die Clarendon Street hinauf. Etwas später passierten sie den Warwick Square, eine umzäunte, rechteckige Grünfläche, der mehrere aneinandergereihte, vierstöckige Wohnhäuser gegenüberstanden, wie man sie in vielen Straßen dieses Stadtteils fand. Diese verfügten jeweils über einen kleinen Portikus mit Säulen, der am oberen Ende in einen Balkon überging – ein Privileg, über das nur Bewohner der ersten Etage verfügten, während die oberen Stockwerke ohne einen solchen Luxus auskommen mussten.
Einige Gaslaternen sorgten für etwas Licht. In ihrem Schein glänzte der Regen – winzige, golden leuchtende Fäden, die leicht schräg zu Boden stürzten.
Einzelne Passanten kamen ihnen entgegen, hasteten vorbei. So wie in London die meisten Leute stets in Eile waren, außer die Spaziergänger in den Parks, die gemächlich schlenderten. Sicherlich waren sie froh, nach ihrem Tagwerk bald heimzukehren und dort den Kamin einzuheizen. Oder vielleicht in einen der zahlreichen Pubs einzukehren, wie Clarence selbst regelmäßig ein Lokal in der Moreton Street aufsuchte.
Sein Gehstock machte das übliche, gleichmäßige »Tock, tock« auf der Straße und wie schon so oft streiften ihn mitleidige Blicke. Eigentlich hatte er rund zwanzig Jahre lang Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen, aber er hasste es dennoch, wenn Leute ihn so ansahen. Seine Gedanken wandten sich wieder der Verstorbenen zu. Ob sie in deren Wohnung wohl die Adresse ihrer Verwandten finden würden?
Die lang gezogene, breite Vauxhall Bridge Road zerschnitt den nördlichen Teil Pimlicos von Nordwesten bis Südosten und endete an der Vauxhall Bridge, die über die Themse führte. Miss Westrays Wohnung befand sich in einem mehrstöckigen Backsteinhaus auf der nördlichen Seite der Straße, wie sie bald anhand der Hausnummer herausfanden.
»Passt einer der beiden Schlüssel?«, fragte Mabel.
Clarence steckte den ersten in das Schloss der Haustür. Er schüttelte den Kopf. Also den anderen. Der ließ sich anstandslos drehen. »Nach dir, meine Liebe«, sagte er und hielt seiner Frau die Tür auf, wie es sich für einen Gentleman ziemte.
Nun standen sie in einem dunklen Flur, in dem es ein wenig muffig und nach gekochtem Kohl roch. Clarence lauschte. Aus einer Wohnung im Erdgeschoss drang leises Weinen – ein Kind. Dann eine undeutliche Stimme, die offenbar auf es einredete.
»Fragen wir doch einfach, wo Miss Westray gewohnt hat«, schlug Mabel vor.
»Nein, lieber nicht«, entgegnete Clarence. »Sonst müssen wir ihren Nachbarn erklären, was wir hier tun, und das wäre mir sehr unangenehm.«
Mabel verzog das Gesicht. »Aber das Haus hat vier Stockwerke. Wir können doch nicht bei jeder Wohnung einfach den Schlüssel ausprobieren.«
Wo sie recht hat, hat sie recht. Er zögerte einen Moment lang, aber ihm wollte nichts Besseres einfallen. »Auch wieder wahr«, stimmte er ihr schließlich zu. »Dann hoffe ich auf verständnisvolle Nachbarn.« Clarence klopfte an der Tür, hinter der das weinende Kind verstummt war.
Eine Frau mit einer geblümten Schürze öffnete ihnen. Sie hielt das Kleinkind auf dem Arm. Im Halbdunkel des Wohnungsflures war ihr Gesicht nur schwer zu erkennen. »Ich kaufe nichts«, sagte sie unwirsch. »Und wie sind Sie überhaupt hier reingekommen?«
»Entschuldigen Sie bitte. Mein Name ist Clarence Fox und das ist meine Frau Mabel. Ihre Nachbarin, Miss Westray, ist mit uns bekannt.« Er räusperte sich. »Sie ist heute tragischerweise bei einem Unfall aus dem Leben geschieden.«
»Oh. Das tut mir leid!«, sagte die Frau, nun etwas freundlicher.
Hoffentlich würde sie ihnen nun keine Steine in den Weg legen oder darauf pochen, den Vermieter zu holen. »Sehen Sie, es ist so«, beeilte er sich zu erklären, »der Coroner schickt uns, damit wir in Miss Westrays Wohnung nach Hinweisen auf ihre Angehörigen suchen können. Er selbst ist gerade zu sehr beschäftigt, um sich darum zu kümmern.«
»Wir haben auch ein Schreiben von ihm, falls Sie das sehen möchten. Den Haustürschlüssel und den Wohnungsschlüssel haben wir aus Miss Westrays Handtasche.«
»Warten Sie kurz«, erwiderte die Frau und schlug ihnen die Tür vor der Nase zu.
Clarence sah Mabel fragend an. Was das wohl werden würde? Sie zuckte nur leicht mit den Schultern und setzte eine gleichmütige Miene auf. Schweigend warteten sie beide. Hoffentlich konnten sie das alles hier schnell über die Bühne bringen.
Es dauerte einige Minuten, ehe die Nachbarin von Miss Westray ihnen wieder öffnete, diesmal ohne das Kind im Arm, stattdessen mit einer brennenden Kerze in der Hand, die sich in einem bauchigen, tönernen Halter mit Henkel befand. In diesem Licht war ihr Gesicht nun deutlicher zu sehen. Die Frau machte einen verhärmten Eindruck, hatte dunkle Ringe unter den Augen und ihre Frisur war zerzaust.
»Lassen Sie mich einmal dieses Schreiben von dem Coroner sehen«, verlangte sie.
Das war ihr gutes Recht. Clarence hätte nicht anders reagiert, wenn Fremde in seinem Wohnhaus aufgetaucht wären und ihm eine solche Geschichte aufgetischt hätten. Er griff in die Brusttasche seines Mantels und faltete den Bogen auseinander, ehe er ihn der Frau reichte. Das Schreiben trug einen deutlich sichtbaren Stempel der Metropolitan Police.
Miss Westrays Nachbarin überflog den Brief. »Ja, also … wenn das so ist, dann …«, sagte sie schließlich. »Aber ich frage mich, ob wir nicht erst den Vermieter rufen sollten.«
Er schenkte ihr ein gewinnendes Lächeln. »Ich würde vorschlagen, meine Frau und ich kümmern uns nun erst einmal schnellstmöglich darum, die Angehörigen der Verstorbenen zu verständigen. Diese wiederum können dann alles Weitere mit dem Vermieter klären.«
Die Frau runzelte die Stirn, zögerte zunächst und blickte forschend erst zu Mabel und dann zu ihm. »Wenn Sie meinen. Von mir aus. Miss Westray wohnt – ich meine, sie wohnte – im dritten Stock. Die zweite Tür links.«
»In Ordnung, haben Sie vielen Dank. Einen schönen Abend noch.« Clarence tippte grüßend an seinen Zylinder.
An der zweiten Tür links im dritten Stock befand sich weder ein Namensschild noch eine Türnummer. Clarence warf einen Blick auf die beiden Schlüssel und probierte denjenigen aus, der nicht in das Schloss der Haustür gepasst hatte. Tatsächlich öffnete sich die Wohnungstür. Gut so. Hoffentlich finden wir bald das, was wir suchen.
In Miss Westrays dunklem Wohnungsflur entzündete Mabel eine Öllampe, nachdem sie in deren Nähe eine Schachtel Streichhölzer gefunden hatte. Ein leichter Geruch nach Kernseife hing in der Luft. Die mit einem schlichten floralen Muster bedeckte Tapete in der kleinen Einzimmerwohnung war an einigen Stellen eingerissen, an anderen hatte sie sich von der Wand gelöst.
Clarence stellte seinen Gehstock in einer Ecke des Raumes ab und sah sich um. Nur das Nötigste an Mobiliar fand sich hier: ein altes Bett, ein Kleiderschrank, ein kleiner Toilettentisch mit Waschschüssel, ein weiterer, etwas größerer Tisch, dazu zwei Stühle. Eine Küchennische und ein Heizofen komplettierten die Einrichtung. An der Wand hing zudem ein schmales Bücherregal mit drei Böden. Die Toilette, die sich offenbar mehrere der Bewohner des Hauses teilten, befand sich auf halber Treppe außerhalb der Wohnung. Sie waren an einer entsprechenden Tür vorbeigegangen.
Mabel trat mit der Öllampe an das Bücherregal. »Hier sind jede Menge Noten«, sagte sie. »Ich vermute, für Gesangsstücke. Ah, Jacques Offenbach, der Name sagt mir etwas. Er hat mehrere Operetten geschrieben, soweit ich weiß. Und diesen Giuseppe Verdi scheint Miss Westray ebenfalls bevorzugt zu haben.«
Clarence konnte noch immer nicht das Unbehagen abschütteln, in einer fremden Wohnung herumzuschnüffeln. Er betrachtete die Rücken der wenigen Bücher; ausschließlich Sachliteratur zum Thema Musik und Gesang. Belletristische Werke konnte er nicht entdecken. »Offenbar hat Miss Westray nicht zu den Damen gezählt, die gern Romane lesen«, sagte er.
»Was ist denn in dem Behältnis dort?« Mabel deutete auf eine Schachtel aus festem Karton, die mit einem zarten, leicht verblassten Blumenmuster bemalt war. Im Schein der Lampe hob Clarence den Deckel an.
In der Schachtel lagen drei Bündel mit Briefen, alle fein säuberlich mit einem roten Stoffband verschnürt. Darunter befanden sich Schreibutensilien – eine Feder, ein Gläschen Tinte, ein unbeschriebenes Blatt Papier, blutrotes Siegelwachs sowie ein schlichter Siegelstempel.
Eine ganze Menge Briefe … »Dann wollen wir doch einmal sehen, ob wir hier die gewünschten Adressen finden.« Clarence hob die Briefbündel aus der Schachtel und legte sie auf den Tisch. Gemeinsam knüpften sie die Schnüre auf.
»Sortieren wir sie am besten nach den Adressen«, schlug Mabel vor. »Sofern welche darauf vermerkt sind.«
Sie sollte recht behalten, nicht auf allen Briefen war ein Absender zu finden. Briefe wurden dieser Tage ja zumeist nur zusammengefaltet und mit Siegelwachs geschlossen. Lediglich für hochoffizielle Schreiben verwendete man Briefumschläge. Ansonsten wurden diese im privaten Bereich, wenn überhaupt, nur von der Oberschicht und dem Adel genutzt, schließlich war Papier – bis auf jenes, das beim Druck von Zeitungen zum Einsatz kam – teuer.
Eine kraftvoll geschwungene Schrift stach Clarence ins Auge.
Liebste Pauline,
es war mir eine Freude, mit dir wieder ein Konzert in der Canterbury Music Hall zu besuchen. Deine Augen leuchten immer so wunderbar, wenn du dich für Musik begeistert. Du bist die liebreizendste Frau, die ich jemals kennenlernen durfte.
Wer auch immer das geschrieben hatte, sparte nicht mit Superlativen und Süßholzgeraspel. Auch die weiteren Zeilen lasen sich zutiefst schwärmerisch.
Clarence überflog sie nur, ehe er sich das Porträt ansah, das dem Brief beigefügt war – ein Albuminabzug. Es zeigte einen jungen Mann, der mit einem angedeuteten Lächeln selbstbewusst in die Kamera blickte. Sein helles Haar war leicht gewellt und akkurat gekämmt. Er trug einen Anzug, der, zumindest oberflächlich betrachtet, maßgeschneidert wirkte und ihn vorteilhaft kleidete. Am Kinn hatte er ein kleines dunkles Muttermal. Ein gut aussehender Mann, dem gewiss die Herzen der Damen zuflogen.
»Wie es aussieht, hatte Miss Westray einen Verehrer. Schau dir das hier an!« Clarence reichte Mabel den Brief und das Porträt.
Auch sie überflog die Zeilen und ihre Augen weiteten sich. »Den hat sie mir gegenüber nie erwähnt. Aber das ist auch kein Wunder«, räumte sie ein, »wir waren schließlich keine innigen Freundinnen.« Sie drehte den Brief um. »Unterschrieben ist er mit ›G.‹. Keine Adresse. Und sieh nur, das Datum! Der Brief ist gerade mal drei Tage alt. Ach, da fällt mir ein, in ihrer Handtasche steckte eine Karte für ein Konzert in der Canterbury Music Hall in Lambeth. Dann waren die beiden, wer immer dieser ›G.‹ ist, wohl gemeinsam dort.«
Clarence zuckte mit den Schultern. »Gut möglich.«
»Ich werde einmal meine Bekannten fragen, ob sie diesen ›G.‹ kennen. Vielleicht hat Pauline ihn ja ihnen gegenüber erwähnt. Wenn die beiden so vertraut miteinander waren, sollte er erfahren, dass sie aus dem Leben gerissen wurde.«
»Ja, das denke ich auch. Womöglich waren sie verlobt.«
»Ach, das glaube ich nicht«, erwiderte Mabel. »Das hätte sie bestimmt erwähnt. Und sie trug ja auch keinen Verlobungsring.« Sie griff kurz an ihren eigenen Ehering.
Das war Clarence allerdings auch aufgefallen. Ihm kam ein weiterer Gedanke dazu. »Es sei denn, die beiden wollten ihre Verbindung aus irgendwelchen Gründen geheim halten. Dann hätte sie einen solchen Ring gewiss nicht offen getragen.«
Die beiden wären wohl kaum das erste Liebespaar, dessen Eltern mit einer Liaison nicht einverstanden waren.
Clarence nahm den nächsten Brief zur Hand. »Ich frage mich, ob Miss Westrays Familie diesen Herrn kennt.«
Währenddessen musterte Mabel das Bild von Miss Westrays Verehrer. »Der junge Mann sieht mir ein wenig nach einem eingebildeten Schönling aus.«
»Aber du kennst ihn doch gar nicht!«, protestierte Clarence und lachte, weil ihn Mabels Beschreibung unfreiwillig amüsierte.
Mabel sah ihn herausfordernd an. »Du sagst doch immer, das Aussehen eines Menschen lasse auf vieles schließen.«
»Ja, schon. Aber ich bin nicht gerade ein Verfechter der Physiognomik, und das weißt du.«
Er glaubte nicht daran, dass man allein aus den Gesichtszügen eines Menschen auf dessen Charaktereigenschaften schließen konnte. In seinem Atelier waren ihm mittlerweile viele Leute untergekommen, an denen sich die Physiognomiker die Zähne ausgebissen hätten. Da war zum Beispiel jener Herr mit dem rundlichen Gesicht gewesen, den diese Wissenschaft gewiss als gemütlich, faul und ein wenig einfältig beschrieben hätte. In ihrem Gespräch hatte sich jedoch herausgestellt, dass er eine geisteswissenschaftliche Lehrstelle an der Universität innehatte.
»Nun …« Mabel deutete auf das Bild. »Vielleicht ist dieser Herr ja tatsächlich kein eingebildeter Schönling. Aber sei es drum, das werden wir wohl nie herausfinden.«
Die weiteren Briefe enthielten eine ganze Reihe unterschiedlicher Absender, darunter mehrere weibliche, beispielsweise eine Angelica Beetham.
»Schau einmal hier«, sagte Mabel nach einer Weile. »Mrs und Mr Paul Westray. Das könnten ihre Eltern sein. Eine Adresse ist ebenfalls vermerkt. Die Westrays wohnen offenbar in Hackney.«
»In der Tat.« Clarence atmete erleichtert auf. »Ein Glück, damit haben wir eine Sorge weniger. Ich setze mich gleich zu Hause hin und schreibe an die beiden.«
Mabel legte ihre Hand auf seine. »Mein lieber Fuchs, das kann ich auch gern tun.«
»Fuchs«, so nannte ihn seine Frau immer, wenn ihr etwas wichtig war und sie ihm schmeicheln wollte. Er schmunzelte, wie so oft, wenn sie diesen Namen gebrauchte, auch wenn es genau genommen nur sein Nachname war. Ihr gemeinsamer Nachname, verbesserte er sich in Gedanken.
»Es würde dem Ganzen eine persönlichere Note geben, weil ich mit der armen Miss Westray bekannt war«, fuhr Mabel fort. »Und dann schreibe ich Doktor Tyner eine Nachricht, damit er weiß, dass ich mich darum gekümmert habe. Ich werde in dem Schreiben an die Westrays seine Adresse und die des Leichenschauhauses mit einfügen.«
»Das ist mir recht«, erwiderte Clarence. »Hoffentlich sind die Westrays nicht gerade verreist und können bald nach London kommen.«
Aus purer Macht der Gewohnheit betrachtete er mithilfe der Öllampe die wenigen Bilder, die in der Wohnung hingen. Als Fotograf interessierte ihn stets, wie seine Kollegen Familienporträts und andere Abbildungen gestalteten.
Eines der Bilder fing in besonderem Maße seine Aufmerksamkeit ein. »Schau einmal, Liebes«, sagte er zu seiner Frau. »Das könnten Miss Westrays Eltern und sie selbst sein.«
Die Abbildung in dem schlichten Holzrahmen war vor ungefähr zehn Jahren aufgenommen worden, wie er an der Technik des Bildes und an dem Kleidungsstil erkannte. Damals hatten die Damen noch runde Reifröcke getragen, dazu lange Raffungen auf der Rückseite des Rockes bis hin zu längeren Schleppen. Die Dame saß auf einem Stuhl, ihr mutmaßlicher Gatte stand neben ihr und hatte in einer vertraulichen Geste eine Hand auf ihre Schulter gelegt. Eine Jugendliche stand etwas seitlich neben der Frau.
»Das muss Miss Westray in jungen Jahren sein«, sagte Clarence und deutete auf die Jugendliche. »Dieselbe hohe Stirn und die schmale Nase.«
Mabel lachte auf. »Wie du das immer so schnell erkennen kannst! Selbst anhand einer so kleinen Abbildung …«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich hatte eben schon immer ein gutes Gesichtergedächtnis. Das muss ich von Vater geerbt haben.«
Mabel griff nach der Feder, die sich in der Schachtel befand. »Ich werde die Adresse der Westrays abschreiben, dann können wir ihren Brief hierlassen.«
»Ist denn noch Tinte da?« Clarence deutete auf die Schachtel, in der das Tintengläschen lag.
Mabel nahm es heraus und schraubte den Deckel ab. »Ja, das wird reichen.« Sie notierte die Adresse auf einer Ecke des unbeschriebenen Blattes Papier, das ebenfalls in der Schachtel gelegen hatte.
Währenddessen ließ Clarence seinen Blick noch einmal über das Bücherregal schweifen. In einem der Bücher steckte ein Blatt Papier. Er öffnete das Buch. Bei dem Papier handelte es sich um einen Zeitungsausschnitt. Ob dieser als Lesezeichen diente?
Er nahm den Zeitungsausschnitt heraus und las ihn im Schein der Öllampe.
»Was liest du da?«, erkundigte sich Mabel und trat einen Schritt auf ihn zu.
»Ach, das ist ein Zeitungsbericht, eine Vorankündigung zu einem Konzert. Es geht darin um einen Auftritt des sogenannten Bach-Chors, der von einem gewissen Otto Goldschmidt gegründet wurde. Hier steht, er sei mit der als die ›schwedische Nachtigall‹ bekannt gewordenen Opernsängerin Jenny Lind verheiratet. Sie erteilt den Sopransängerinnen im Chor Unterricht und wird selbst ebenfalls mit dem Chor auftreten.«
»Ah, die schwedische Nachtigall! Ja, dieser Name ist mir bekannt. Ich habe von ihr gelesen. Vielleicht wollte Miss Westray dieses Konzert besuchen. Hat der Zeitungsbericht ein Datum?«
Clarence sah nach. »Hier steht, das Konzert sei am 12. Oktober. Also hat es bereits stattgefunden.«
»Hm.« Mabel schwieg einen Moment lang, ehe sie wieder das Wort ergriff. »Ob dieser ›G.‹ Miss Westray auch dorthin begleitet hat?«
»Wer weiß, vielleicht?«
»So, die Tinte dürfte trocken sein.« Mabel steckte das Blatt Papier mit der Adresse der Westrays in ihre Handtasche.
Clarence legte den Zeitungsausschnitt wieder in das Buch und stellte es zurück ins Regal. »Dann lass uns gehen, meine Liebe.« Seine Finger zitterten wieder ein wenig. Clarence griff nach seinem Gehstock. Gut, dass sie endlich die Wohnung der Verstorbenen verlassen konnten. Himmel, das alles nahm ihn mehr mit, als er sich eingestehen mochte!
Mabel nickte zustimmend. Kurz darauf löschte sie das Licht und verließ, gefolgt von Clarence, die Wohnung. Sorgfältig schloss er die Wohnungstür wieder ab.
Ihr Heimweg dauerte gerade mal eine Viertelstunde. Dafür war Clarence angesichts des kalten Regens dankbar, denn unaufhörlich perlten dicke Tropfen von der Hutkrempe seines Zylinders ab, während er sich Schritt für Schritt auf seinen Gehstock stützte. Eine Kutsche fuhr an ihnen vorbei, deren Räder das Wasser aus einer Pfütze an sein Hosenbein spritzten. Ärgerlich, diese Rücksichtslosigkeit! Allerdings war es nicht das erste Mal, dass ihm Derartiges widerfuhr. Doch nun war es auch egal, ihre Bedienstete Lindsey würde die vom Regen feuchte Hose ohnehin zum Trocknen aufhängen müssen.
Was für eine Wohltat, als er eine Dreiviertelstunde später mit einer bequemen Tweedhose im warmen Wohnzimmer saß, in dem Lindsey das Kaminfeuer geschürt hatte. Eine petrolfarbene Tapete mit einer dezenten floralen Bordüre zierte den Raum, den Mabel behaglich eingerichtet hatte. Ihre Stickarbeiten schmückten die Tischdecke und einige Kissen. Sie hatte auch einen größeren Wandbehang selbst bestickt, der das Alphabet zeigte, umgeben von grünen Blumenranken und gelben Blüten. Damit hatte sie früher den Kindern jeden einzelnen Buchstaben nähergebracht.
Bevor sie hierhergezogen waren, hatten sie als Familie fast am anderen Ende von Pimlico gewohnt. Clarence mochte das Viertel. Ein Zeitungsbericht hatte im vergangenen Jahr die folgenden Worte darüber gefunden: »Gediegen und wertgeschätzt von Berufstätigen, die zwar nicht reich genug sind für den Luxus in Belgravia, jedoch immerhin reich genug, um in Privathäusern zu leben. Die Bewohner Pimlicos sind lebhafter als jene in Kensington, aber höher angesiedelt als in Chelsea, das durch und durch kommerziell ist.«
Vor mehr als fünfzig Jahren war der Bauherr Thomas Cubitt von Lord Grosvenor damit beauftragt worden, den Stadtteil zu entwickeln. Clarences Vater hatte ihm davon erzählt, manche der Bauarbeiten hatte dieser selbst als junger Mann miterlebt. Die größten und schönsten Häuser waren schließlich am St George’s Drive und der Belgrave Road sowie an den Plätzen Eccleston, Warwick und St George’s gebaut worden. In der Lupus Street gab es teilweise ähnliche Prachtbauten, außerdem ein Krankenhaus für Frauen und Kinder. Dorthin hatten sie ihren Sohn Theodor einmal bringen müssen, als er sich als Kind das Bein gebrochen hatte.
Ihre Tochter Adelia war inzwischen verheiratet und lebte bei ihrem Mann. Auch Theodor lebte seit einiger Zeit in einer eigenen Wohnung, sodass Clarence und Mabel den Mietvertrag für die große Familienwohnung gekündigt hatten, nachdem sein Vater gestorben war. Eine Zeit lang hatte seine Mutter noch bei ihnen gelebt, doch vor drei Jahren war auch sie aus dem Leben geschieden, sodass sie sich die Wohnung hier in der Sutherland Street mittlerweile nur noch mit Lindsey teilten. Clarence vermisste seine Eltern noch immer von Zeit zu Zeit. Oft hatte er im Atelier den seltsamen Eindruck, dass er nur zur Tür schauen müsse und sein Vater würde hereinspazieren. Das war natürlich ausgemachter Blödsinn. Er war nicht abergläubisch, glaubte auch nicht an Geister wie manch andere Londoner. Gespenstergeschichten waren etwas zur Unterhaltung, nichts weiter. Aber die Erinnerung an seine Eltern blieb ihm, selbst wenn sie gelegentlich zu solch seltsamen Einbildungen führte.
Clarence war während des Krieges aufgrund seiner Beinverletzung für kriegsuntauglich erklärt worden und war danach nie wieder als Soldat tätig gewesen. Ein innerer Zwiespalt war das; einerseits wollte er seinem Land dienen, andererseits hatte er auf den Schlachtfeldern so viele Tote gesehen, dass es etwas mit seinem Kopf angestellt hatte – etwas, was ihm ganz und gar nicht gefiel. Und er war nicht der Einzige, dem es so ergangen war.
Im Lazarett hatten die Ärzte Fälle wie ihn »Kriegszitterer« genannt – gestandene Männer, die in den Krankenbetten lagen und stundenlang regungslos vor sich ins Leere starrten. Die bei bestimmten lauten Geräuschen erschrocken zusammenzuckten und dann minutenlang nicht ansprechbar waren. Oder die jede Nacht laut schreiend erwachten, aus blutigen Albträumen, wie er sie selbst nur allzu gut kannte. Die Ärzte hatten sie beschworen, sich zusammenzureißen, keine Schwächlinge zu sein. Doch ihm hatte diese Ansprache nicht geholfen, die Bilder in seinem Kopf wieder loszuwerden, und jeder verdammte Schritt, den er vor den nächsten setzte, erinnerte ihn bis heute an seine Beinverletzung und damit an den Krieg. Anstatt also wieder die Uniform anzuziehen, hatte er im Fotoatelier seines Vaters mitgearbeitet.
Pulsuz fraqment bitdi.