Kitabı oxu: «Heiße Tage, heiße Nächte»

Şrift:

Heiße Tage, heiße Nächte

erotische Urlaubsgeschichten


www.Elysion-Books.com

Autoren

Lilly Grünberg, Emilia Jones, Ananke, Christiane Gref, Sira Rabe, Kelly Stevens, Sophia Rudolph, Carrie Fox und Inka-Gabriela Schmidt entführen in »Heiße Tage, heiße Nächte« in lustvolle Urlaube und erotische Fantasien, zu prickelnden One-Night-Stands und verführerischen Spielen rund um die heißesten Tage des Jahres.

Als Ferienlektüre am Strand oder zum gemeinsamen Lesen im Urlaubsbett.

Genießen Sie alleine, oder zu zweit … oder …: -)

HEISSE TAGE
HEISSE NÄCHTE

Erotische Urlaubsgeschichten


www.Elysion-Books.com

ELYSION-BOOKS TASCHENBUCH

1. Auflage: Juli 2016

VOLLSTÄNDIGE TASCHENBUCHAUSGABE

ORIGINALAUSGABE

© 2016 BY ELYSION BOOKS, LEIPZIG

ALL RIGHTS RESERVED

UMSCHLAGGESTALTUNG: © Ulrike Kleinert

www.dreamaddiction.de FOTOS: © Bigstock/Oleggawriloff und Alta Oosthuizen LAYOUT & WERKSATZ: Hanspeter Ludwig www.imaginary-world.de LEKTORAT: Inka-Gabriela Schmidt ISBN Buch: 978-3-96000 -024-2 ebook: 978-3-96000-025-9

INHALT
KLAVIERSONATE

VON LILLY GRÜNBERG

DER ANIMATEUR

VON EMILIA JONES

JASPER RETTEN

VON KELLY STEVENS

STRANDTRÄUME

VON SOPHIA RUDOLPH

DER LOTTOGEWINN

VON CHRIS GREF

WELLNESSPARADIES DER SINNE

VON EMILIA JONES

NACHTS AUF IBIZA

VON CARRIE FOX

DER LETZTE FLIRT DES URLAUBS

VON ANANKE

FLUCHT INS PARADIES

VON CHRISTIANE GREF

URLAUB MIT POOLBOY

VON EMILIA JONES

ALAYAS FEUER

VON CHRISTIANE GREF

POOL UNTER PALMEN

VON CARRIE FOX

SOMMERBALL

VON SIRA RABE

LIEBE IN ALLE EWIGKEIT

VON INKA-GABRIELA SCHMIDT

SOMMERGEWITTER

VON SOPHIA RUDOLPH

AUTOREN

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Sommer2016

eingeben, um eine weitere kurze Geschichte

von Sira Rabe zum Thema Sommer zu genießen.

KLAVIERSONATE

VON LILLY GRÜNBERG

Der siebte Himmel hing voller Noten, die wunderschöne Melodien zauberten. So leicht und beschwingt hatte Ilona sich schon lange nicht mehr gefühlt. Aber sie hatte ja auch noch nie einen Freund gehabt, der die Kunst der Musik beherrschte.

Dabei hatte alles ganz harmlos angefangen.

Jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit nahm die junge Frau die S-Bahn, die sie vom Vorort in die Stadt hinein brachte. Ursprünglich hatte sie Lehramt studiert, jedoch anschließend eine Anstellung in der Realschule einer Kleinstadt erhalten, in der es ihr nicht gefiel. Die Kollegen waren zwar nett, aber das genügte Ilona nicht, um jeden Tag gerne in die Schule zu gehen und zu unterrichten. Abends und am Wochenende gab es kaum Möglichkeiten, die Freizeit interessant zu gestalten und auch ihr Freundeskreis war weit weg.

Ohne darüber nachzudenken begann Ilona irgendwann die Stellenanzeigen der Tageszeitung zu lesen und als dort die Position einer Bildungsberaterin in einer privaten Medienschule angeboten wurde, wagte sie den Versuch. Ihre Bewerbung verlief positiv, und so zögerte sie nicht, sondern nahm die Stelle an und kehrte in ihre Heimatstadt zurück. Ihre Aufgabenbereiche waren vielfältig, die Kollegen und Kolleginnen angenehm, und Ilona fühlte sich diesmal angekommen.

Freilich hätte sie lieber direkt in der Stadt gewohnt, aber die Mieten waren zu teuer und zudem schön geschnittene Wohnungen knapp. Draußen hatte sie eine preiswerte Zwei-Zimmer-Wohnung mit Balkon gefunden, nur fünf Gehminuten von der S-Bahn-Station entfernt und in knapp zwanzig Minuten war sie in der Stadt. Das war ein annehmbarer Kompromiss zwischen Wohnen und Joggen im Grünen und aktivem Leben zwischen Lifestyle und Kulturangeboten in der City.

Um pünktlich zu sein, ohne sich abhetzen zu müssen, nahm Ilona den Zug jeden Morgen um dieselbe Uhrzeit und fand sich in der Regel im gleichen Waggon ein. So kam es, dass ihr bald ein Mann auffiel, wie sie Ende zwanzig, oder Anfang dreißig, der stets an der nächsten Haltestelle einstieg. Braune kurz geschnittene Haare, Wangen und Kinn manchmal mit Drei-Tage-Bartstoppeln überzogen, die seine Attraktivität nicht schmälerten. Aufmerksamkeit erregte er jedoch dadurch, dass er während der Fahrt Notenblätter studierte. Leichtes Wippen eines Fußes zeigte den Takt an, die Bewegungen der rechten Hand gaben mit etwas Fantasie Aufschluss über Rhythmus, Tempo und Art der imaginären Musik. Es kam aber auch vor, dass er ein mit Klaviertasten bedrucktes Band ausrollte, um darauf zu üben, als wären es echte Tasten.

Viele Mitreisende belächelten dann den in ihren Augen wohl seltsamen Menschen. Ilona aber nicht, sie bewunderte ihn. Denn für sie war es nur schwer vorstellbar, wie sich jemand Töne im Kopf vorstellen konnte beziehungsweise ohne sie zu hören wissen konnte, ob er gerade die richtige Taste traf. Eines der größten musikalischen Genies war Beethoven gewesen, das wusste sie, der im Alter taub gewesen war und trotzdem noch überragende Kompositionen erschaffen hatte. Aber das traf nicht auf den normalen Durchschnittsmenschen zu, der in der Regel nicht einmal Noten lesen konnte.

Als der Fremde eines Morgens von seinem Klaviaturband aufsah, trafen sich ihre Blicke. Für einen Moment wirkte er auf Ilona wie weit entrückt, ganz in seine imaginäre Musik eingetaucht. Dann jedoch klarten seine Augen auf und er schenkte ihr ein freundliches Nicken als Guten-Morgen-Gruß. Obwohl es nicht mehr war, befiel Ilona ein leises Kribbeln.

Jedes Details seines Gesichtes kannte sie inzwischen, weil sie es nicht lassen konnte, ihn stets aufs Neue zu beobachten. Seine dunkelbraunen Augen, umrahmt von einem dichten Wimpernkranz, darüber ein paar schmale dunkle Brauen, seine schlanke Nase, deren Flügel sich ab und an blähten wie die Nüstern eines Pferdes, dazu die leicht eingefallenen Wangen mit dem Dreitagebart – alles hatte sich längst in ihrem Kopf eingeprägt.

Von da an wartete sie jeden Morgen darauf, dass er sie wahrnahm und sich im Idealfall ihr Gegenüber setzte. Obwohl sie noch nie ein Wort miteinander gesprochen hatten, erschien er ihr unendlich vertraut und sie fühlte sich in seiner Nähe wohl und beschwingt.

Diese Tage waren die besten in jeder Woche. Sie begannen mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen suchte. War der Fremde einmal nicht da, fragte Ilona sich sofort, ob er krank war oder womöglich weggezogen.

Obwohl Ilona sich selbst als etwas schüchtern bezeichnete, war sie diejenige, die den ersten Schritt wagte. Eines Montags hatte sie in einer kleinen Box frische Früchte dabei, die sie am Vortag auf einem Erdbeerfeld gepflückt hatte. Frühling und Sommer waren ihre liebsten Jahreszeiten. Alles grünte und blühte, vor ihrem Schlafzimmerfenster zwitscherten morgens die Vögel ein fröhliches Konzert und es fiel ihr leichter aufzustehen als in der dunkleren Jahreszeit. Ihre liebsten Früchte kamen nicht aus dem Gewächshaus, sondern von Feldern, schmeckten vollmundig gereift und saftig.

Ihr Herz hämmerte erwartungsvoll, als sie in die S-Bahn einstieg. Was für ein Glück. Er war da und der Platz ihm gegenüber war noch frei.

»Guten Morgen, mögen Sie eine Erdbeere? Ganz frisch und lecker«, fragte sie, kaum dass sie sich gesetzt hatte und hielt ihm die Box hin. Ihr Magen zog sich ängstlich zusammen, wie er reagieren würde.

»Oh, danke. Das ist sehr nett von Ihnen«, erwiderte der Mann überrascht und griff lächelnd hinein. Puh, sie hatte alles richtig gemacht. Sie beobachtete ihn dabei, wie er von der Erdbeere abbiss, genussvoll den Bissen im Mund hin und her schob – am liebsten hätte sie ihm mit ihrer eigenen Zunge dabei geholfen. Das restliche Stück saugte er beinahe zwischen seinen Lippen ein, als wäre es eine. ..

Du meine Güte, hoffentlich sieht er mir nicht an, was ich gerade denke!, rief sie sich erschrocken zur Ordnung.

Später erinnerte Ilona sich nicht mehr an jedes einzelne Wort, das sie von da an gewechselt hatten. Aber an seinen freundlichen Blick und die feinen Züge seiner Lippen, wenn Marius sprach. Marius Alexander Böhm. Marius, erklärte er, hätten ihn seine Eltern nach Marius Müller-Westernhagen benannt, dessen Musik seine Mutter während der Schwangerschaft bevorzugt gehört habe. Alexander ganz altmodisch nach seinem Vater und dessen Vater.

Ilona erinnerte sich noch daran, dass sie ihn auf Musik angesprochen hatte, und was er jeden Tag in der Bahn übe. Es handelte sich nicht nur um klassische Musikstücke, wie sie vermutet hatte, denn er beschäftigte sich auch mit Jazz, Musicals, und sogar mit Rock’n’Roll. Als eines der jüngsten Mitglieder des örtlichen Philharmonieorchesters.

Ilona war beeindruckt.

Zwei Stationen bevor sie aussteigen musste, fragte er: »Wollen wir uns mal treffen? Ich meine, außerhalb der S-Bahn?«

»Ja gerne. Ihr gebt nicht zufällig demnächst ein Konzert?« Dumme Kuh, er meint das bestimmt nicht so! Manchmal sprach sie Sachen aus, die unwichtig oder einfach nur daneben waren. Wenn sie verlegen war und ihr Mund sprach ohne den Kopf einzubeziehen.

Er lachte. »Auch. Wir geben ständig Konzerte. Aber das heißt ja nicht, dass ich dir nicht persönlich vorspielen könnte. Ganz exklusiv.« Um Zustimmung heischend zwinkerte er ihr zu.

Hitze stieg ihr in die Wangen. Was meinte er mit exklusiv? Natürlich nur die Musik, was glaubst du denn? Bestimmt war er virtuos, nicht nur weil er ständig übte und einem bedeutenden Orchester angehörte. Nein, wer solche feingliedrigen langen Finger wie er hatte, der musste einfach sein künstlerisches Metier beherrschen. Ilona konnte sich an diesen schlanken langen Händen nicht sattsehen. Ob die wohl auch sensibel streicheln konnten? Ihr wurde noch heißer.

»Was hältst du von, sagen wir, morgen Nachmittag um drei Uhr? Bei mir?«

Bei ihm zuhause? Aber klar, er wollte ihr vorspielen, also hatte er bestimmt ein Klavier zuhause stehen. Dazu konnten sie sich nicht in einem Café treffen. Sie schluckte. Wieso sollte er an etwas anderes denken. In der S-Bahn hatte er ja auch nur seine Musik im Kopf. Vielleicht war er sogar ein musikalisches Genie, am Ende war sein Name für Fans längst Programm, und sie ahnte davon nicht einmal etwas.

Nachdem sie noch Adresse und Telefonnummer ausgetauscht hatten, machte Ilona sich auf den Weg zur Arbeit. Am nächsten Vormittag war einkaufen angesagt. Unter der Woche besorgte sie nur das Notwendigste wie Obst oder Brot. Alles andere erledigte sie am Samstag. Allerdings schweiften Ilonas Gedanken einige Male ab. Bestimmt hatte sie etwas vergessen. Ihre Aufregung stieg mit jeder Stunde.

Der Wohnungsputz musste heute warten. Lieber widmete Ilona sich um die Mittagszeit ihrer eigenen Pflege im Bad. Sie genoss es normalerweise in der Wanne zu liegen, ein Glas Orangensaft und ein Buch zur Hand, leise Musik aus dem Badradio. Aber heute fand sie nicht die nötige Gelassenheit. Zu gespannt war sie auf das Treffen mit ihrer neuen Bekanntschaft.

Sorgfältig, aber dennoch dezent geschminkt und in einem leichten Sommerkleid machte sie sich auf den Weg.

Die Wohngegend gehörte zu den besseren Lagen der Stadt. Altgewachsene, gut instand gehaltene und behutsam modernisierte Gebäude prägten das Bild. Kleinere, in die Wohnblocks integrierte Geschäfte hatten sich bislang halten können, anstelle großer Supermarktketten, für die ohnedies kein Platz war. Nur der Mietspiegel war für Ilonas Geschmack ein wenig zu hoch, sonst hätte sie sich auf eine der Wartelisten eintragen lassen, die es mittlerweile für viele Häuser gab. Zog jemand aus, war die Wohnung am nächsten Tag schon wieder belegt.

Schmale, hohe Sprossenfenster kennzeichneten das Haus als Altbau mit höheren Decken. Ilona musste sich fest gegen die hohe Eingangstür stemmen, um sie aufzudrücken. Ein Durchgang unter dem Gebäude führte in den Hinterhof und zum Rückgebäude. Über eine seitliche Steintreppe gelangte Ilona zu den beiden Wohnungen im Hochparterre.

Es dauerte einen Moment, bis auf Ilonas Klingeln Schritte zu hören waren. Dann stand Marius vor ihr, leger mit einem gestreiften Polohemd und Jeans bekleidet und reichte ihr die Hand.

»Hallo, schön dass du da bist. Hast du gleich hergefunden?«

»Ja danke, kein Problem. Klasse Wohngegend«, erwiderte Ilona und reichte Marius eine Flasche Prosecco. »Ich hoffe, du trinkst sowas?«

»Na klar«, grinste er. »Ich leg sie mal schnell kalt, bin gleich wieder da.«

»Wow!«, entfuhr es Ilona beim Betreten des Wohnzimmers. »Wie bist du denn an diese geile Wohnung gekommen?«

Marius erschien hinter ihr und zuckte mit den Schultern. »Vitamin B.«

Ilona zog eine Augenbraue hoch, während sie ihn über die Schulter hinweg anschaute, und er lachte. »Die Wohnung hat meiner Großtante gehört und die hat sie mir samt ihrem Flügel vermacht, als sie vor ein paar Jahren zu meinem Onkel ins Haus gezogen ist. Wegen versorgt sein und so.«

Ilona nickte und blickte sich um. Wahnsinn. Zum einen war das Wohnzimmer doppelt so groß wie ihr eigenes, mit einem gepflegten alten Parkett ausgelegt, insgesamt sehr klar und übersichtlich gestaltet, denn die Möbel waren zu den Wänden hin aufgeräumt und auf das Notwendigste beschränkt. Zum anderen wurde es von dem schwarz glänzenden Flügel dominiert, der mitten im Raum stand. Wie riesig so ein Flügel war! Beeindruckend. Wie man den wohl einst in die Wohnung bekommen hatte? Ihr Kopfkino schickte ihr ein Bild, wie das Zimmer um den Flügel herum gebaut wurde und sie musste an sich halten, nicht zu kichern.

Die linke Zimmerwand bestand fast durchgängig aus gut gefüllten Bücherregalen, darunter viele mit alten Ledereinbänden, die sicherlich auch von besagter Großtante stammten.

Die rechte Wand wirkte hingegen fast kahl. Dort gab es nur ein altes, dunkelgrün bezogenes Sofa mit geschwungenen Armlehnen. Legte Marius denn gar keinen Wert auf eigene Möbel? Auch wenn alles gut erhalten und stilvoll war – wo blieb sein eigener Geschmack? Oder war dies auch seiner? Sie würde es irgendwann herausfinden, im Moment war dies nebensächlich. Auf einem kleinen Beistelltisch am Sofa standen zwei Gläser und eine Karaffe mit offenbar frisch gepresstem Saft bereit. Wie aufmerksam. Offenbar war ihm aufgefallen, dass Ilona morgens immer Obst für den Arbeitstag dabei hatte.

Ansonsten war der Raum schmucklos. An den pastellgelb gestrichenen Wänden hing kein einziges Bild und keine Uhr. Auch die fünf vergleichsweise kleinen Fenster mussten ohne Gardinen oder Blumen davor auskommen. Als Sichtschutz gab es lediglich weiße halbtransparente Schiebegardinen, das einzige moderne Accessoire. Durch die Höhe wirkte der Raum noch größer. Von der Mitte hing eine Lampe mit schlichtem weißem Schirm herab, deren Höhe sich durch Ziehen variieren ließ.

»Ich habe noch nie bei jemandem zuhause so viele Bücher gesehen. Hast du die einfach nur übernommen oder auch gelesen?«

Ilona trat näher an die Regalwand heran. Es machte sie nervös, dass Marius neben ihr stand und sie wusste nicht, worüber sie reden sollten. Ihr Kopf war im Moment wie leer gefegt. Insofern kam ihr die Ablenkung mit dem Bücherregal gerade recht.

»Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich sie vielleicht lesen. Sind tolle Klassiker darunter. Meine Tante ist sehr gebildet und war immer an Geschichte und Literatur interessiert. Aber ich. .. nein, gelesen habe ich nur die, die etwas mit Musik zu tun haben.«

Das war klar.

»Magst du was trinken?«

»Gerne, danke.«

»Möchtest du einen Schuss Prosecco in den Saft?«

Ilona zögerte. »Vielleicht später. Ich finde es noch zu früh. ..«, brachte sie mühsam hervor. Warum nur war sie so nervös?

Marius nickte, goss Saft in die beiden Gläser ein und brachte ihr eines davon.

»Hm, lecker. Selbst gepresst?« Der Geschmack war fruchtigfrisch, der Saft gut gekühlt, aber nicht zu kalt.

Er grinste. »Nicht von mir gepresst. Ein Straße weiter gibt es einen Obstladen, die bieten das als Service an.«

»Sehr fein. Mango, Banane, Orange. ..«

»… und ein bisschen Ingwer.«

Er stellte sein Glas an einen freien Platz im Bücherregal, wandte sich dann ab und setzte sich an den Flügel.

Es war ihm also ernst damit, dass er sie zu sich nach Hause eingeladen hatte, um ihr vorzuspielen? Ilona war sich nicht sicher, ob sie sich geehrt fühlen sollte. Wenn sie in sich hineinhorchte, war sie doch ein wenig enttäuscht, dass dies der einzige Grund sein sollte.

Als die Musik einsetzte, ein langsames, gefühlvoll dargebrachtes Stück, fing in ihrem Nacken ein Kribbeln an. Wie unglaublich leise man auf diesem riesigen Instrument spielen konnte!

Sie stellte ebenfalls ihr Glas ab, drehte sich um und ging hinüber. Nein, sie ging nicht einfach. Sie tänzelte, wiegte sich im Takt, fühlte sich wohlig beschwingt. Wenn ihr Musik gefiel, wenn Melodie und Rhythmus sie erreichten, dann bewegte sie sich gerne dazu und tanzte schon mal quer durch ihre Wohnung.

Gewiss spielte er etwas Klassisches und sie hatte keine Ahnung, um was für ein Stück oder welchen genialen Komponisten es sich handelte – aber es gefiel ihr und erreichte ihr Innerstes. Es genierte sie auch nicht, sich vor Marius zur Musik zu bewegen, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Über solche Hemmnisse war sie hinweg, gerade weil ihr letzter Freund sich darüber lustig gemacht hatte. Aber dies war ein Teil von ihr. Sie musste sich einfach bewegen, der Melodie folgen, und die Stimmung in sich aufsaugen, sich von ihr forttragen lassen. Vielleicht hatte der Ballettunterricht dazu beigetragen, an dem sie einige Jahre intensiv teilgenommen hatte. Vielleicht lag es ihr auch einfach nur im Blut.

Ihre Brust hob und senkte sich deutlich unter ihrem Atem und sie hielt am Flügel inne, als das Lied ausklang, und lehnte sich über den Rand, um in das Innere zu blicken, da der Deckel hochgestellt war. Ordentlich sah es darin aus und kompliziert. Drähte, Holz, Stellschrauben. .. Irgendwo hatte Ilona mal gehört, dass die besten Klavier- und Flügelstimmer Blinde sein sollen, da diese das absolute Gehör hätten, von nichts anderem abgelenkt.

Doch das Interesse am Innenleben des Instrumentes währte nur kurz. Als sie aufsah, begegneten sich ihre Blicke und ihr wurde heiß.

»Du hast ein gutes Rhythmusgefühl«, stellte Marius fest und sah sie auf eine Weise an, dass es ihr kalt und heiß den Rücken hinunter rieselte. Kam der eigentümliche Glanz in seinen Augen davon, dass er ganz und gar mit der Musik verschmolz oder steckte noch etwas anderes dahinter?

»Tu dir keinen Zwang an, mach weiter. ..«, murmelte er und begann erneut zu spielen. Das Lied begann sanft und leise, steigerte sich aber bald zu einem wilden Orkan, der Ilona außer Atem brachte. Sie hatte Strickjacke und Riemchensandaletten von sich geworfen und wirbelte barfuß und völlig losgelöst durch den Raum. Ihre langen Haare umgaben sie dabei wie ein Schleier.

Ein wenig atemlos kam sie neben der Klavierbank zum Stehen, als das Lied ausklang und strich ihre Haare mit beiden Händen nach hinten.

»Das war schön«, lächelte sie ihn an.

Ehe sie sich versah, hatte er sie um die Hüfte gefasst und sie fand sich neben Marius sitzend in seinem Arm wieder, seine Lippen leidenschaftlich auf ihren. Sein Kuss war wunderbar und seine Nähe fühlte sich rundum gut an. Die schweigsame kurze Pause, in der sie sich in die Augen schauten und nur ein Lächeln schenkten, machte alles klar. Sie waren füreinander gemacht. Er empfand wie sie, dazu bedurfte es vorerst keiner Liebeserklärung. Der Ausdruck in seinen Augen und in seinem Gesicht sprach ausführlich genug.

Ilona gab alles. Sie legte eine Hand in seinen Nacken, küsste sanft seine Lippen, seine Nase, seine geschlossenen Augen. Seine Haut fühlte sich gut an und sie mochte seinen Geruch. Es war schön, seine Hände zu spüren, die sie sicher an ihn drückten. Spielerisch knabberte sie an seinen Lippen, bis er sie öffnete und leise wohlig seufzte: »Tanz nochmal für mich.«

Ilona drückte sich soweit von ihm weg, dass sie ihn anschauen konnte. »Das gefällt dir?«

Er stupste ihre Nase mit seiner an und sagte: »Ja, meine kleine Ballerina. Tanz, und gib dich ganz deinen Gefühlen hin.«

Der Druck in ihrem Rücken verringerte sich und Ilona stand auf. Verwundert sah sie ihm zu, wie er den Deckel des Flügels zuklappte. Es lag ihr auf der Zunge zu fragen, warum er dies machte, aber ihre Zunge klebte am Gaumen. Ihr Körper fühlte sich an, als loderte Feuer durch ihre Adern und in ihren Beinen kribbelte es, nur allzu bereit, der nächsten Melodie zu folgen.

Das Stück war ungewöhnlich, wechselte zwischen langsameren, sensiblen Passagen und turbulenten, aufpeitschenden. Zuerst wusste Ilona nicht recht damit umzugehen. Zwar reagierten ihre Beine automatisch, führten sie dahin und dorthin, um den Flügel herum, sogar so nah an Marius vorbei, dass sie ihn streifte. Ein »Entschuldigung« formulierte sich in ihrem Kopf, doch heraus kam es nicht. In der nächsten Sekunde war sie schon wieder weiter, schaute ihn an, jedoch waren seine Augen konzentriert auf die Tasten gerichtet. Nahm er überhaupt wahr, wie sie dem Rhythmus folgte und wie gefangen sie von dieser Musik war?

Es durchfuhr sie wie ein Blitz von oben nach unten, vom Kopf bis in ihre Füße, als er auf einmal aufsah. Sein Gesichtsausdruck war jetzt anders, unbeschreiblich anders. Er lächelte nicht, aber er schaute auch nicht grimmig. Ilona kam es vor, als dringe er mit seinen Augen in sie ein, führte sie, manipulierte sie wie eine Marionette am Faden. Es war ihr nicht unangenehm, nur fremdartig fühlte es sich an, heiß, pulsierend.

Wozu nur tanzen? In der nächsten Sekunde hatte sie sich auf den Flügel hochgestemmt, rutschte bäuchlings näher zu ihm, und wurde im selben Moment gewahr, dass sie stöhnte und schnurrte wie eine Großkatze. Du meine Güte, so habe ich mich ja noch nie aufgeführt! Aber schuld ist ja nur er daran, warum hat er auch den Flügel zugeklappt! Fast musste sie über sich selbst lachen, wäre es nicht so erregend gewesen. Es fühlte sich richtig an, und es fühlte sich vor allem deshalb richtig an, weil sein Blick ihr dies sagte und sie geradezu aufforderte, weiter zu machen und ihren Empfindungen freien Lauf zu lassen.

Ilona stöhnte lauter. Ihre Lippen öffneten sich mehr, sehnten sich nach seinen, nach einem leidenschaftlichen Kuss. In ihrem Unterleib kribbelte und pulsierte die Begierde so sehr, dass sie ihn am liebsten angefleht hätte: »Nimm mich!«

Die glänzende Oberfläche des Flügels fühlte sich angenehm an und sie räkelte sich darauf hin und her wie eine rollige Katze. Ab und an streckte sie die Arme nach ihm aus, und wenn er sich vorbeugte, als wolle er ihre Hände küssen – was rein physikalisch gar nicht machbar war, denn so lange Arme hatte kein Mensch – dann zog sie sich zurück.

Seine Lippen hauchten »Biest« und sie fauchte zurück. Was für ein herrliches Spiel.

Der Flügel unter ihr bebte und machte sie noch wilder. Den Saiten und Tasten wurde das Äußerste abverlangt. Lebte er nur für die Musik?

Ilona wollte sich das nicht vorstellen und sie war bereit ihn mit allen Mitteln zu verführen. Während sie sich auf den Rücken umdrehte, versuchte sie das Kreuz durchzudrücken, nach hinten seinen Blick zu erhaschen und strich sich mit den Fingern genüsslich über die Brustspitzen. Von seiner Warte aus müsste er in den V-förmigen Ausschnitt ihres Kleides schauen können. Macht ihn das nicht an?

Wie in Zeitlupe, als wäre dies ein Traum oder ein Film, fern jeglicher Realität, so nahm sie wahr, dass er nun doch aufstand, neben den Flügel trat und seine Hände über ihren Körper streichelten.

Roar!

Wann und wie er ihren Slip abgestreifte, hätte sie später nicht beantworten können. Aber dass sie ihm dabei zugesehen hatte, wie er sich vor ihr auszog und wie schön sein Körper war. Davon erinnerte sie jede Sekunde. Schlank und drahtig wirkte er, die Haut leicht bronziert.

Dann stemmte er sich hoch und kam zu ihr auf den Flügel. Als er zwischen ihren Beinen kniete und sich über sie beugte, um sie zu küssen, überrollte sie ihr erster Orgasmus. Sie hatte nicht wahrgenommen, wann genau er in sie eingedrungen war. Nur das heftiger werdende Pulsieren, das köstliche Gefühl endlich ausgefüllt zu sein, und vor allem dieses Ganzkörper-Wohlgefühl, dass sie fast zu Tränen überwältigte und ihr nun einen Schrei höchsten Genusses entlockte, den er auf der Spitze ihres Höhepunktes mit einem wilden Kuss erstickte.

DER ANIMATEUR

VON EMILIA JONES

Mit beiden Händen hielt Kristina den rosa-weiß-geblümten Overall in die Höhe und schnitt ihm eine frustrierte Grimasse.

»Oh Mann, habe ich mir das wirklich richtig überlegt?«, fragte sie sich. Aber nun war es wohl zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Sie stand in einer winzigen Kammer, die als Umkleideraum für fünf bis sechs Personen ausreichen sollte. Hier gab es weder einen ordentlichen Schrank noch eine Kommode oder sonst etwas. Lediglich ein paar Haken ragten schief und unkontrolliert verteilt aus den Wänden heraus. An ihnen hing kreuz und quer eine Vielzahl an Kostümen. Vermutlich wurde keines von ihnen jemals gewaschen oder gebügelt. Zumindest sahen sie so aus.

Todesmutig schnupperte Kristina an dem Overallstoff. Er roch ein wenig vermodert, aber zum Glück nicht ganz so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Der Gedanke, sogleich in dieses Kostüm hinein schlüpfen zu müssen, gefiel ihr überhaupt nicht. Dennoch würde sie keine andere Möglichkeit haben.

»Was habe ich mir nur dabei gedacht?«

»Hey, Krissi, bist du bald mal fertig? Die anderen wollen sich auch noch umziehen.« Steffi, ihre beste Freundin seit Kindertagen, quetschte sich durch die Tür in die Kammer hinein. Nun stand sie vor ihr, schlaksig und hochgewachsen überragte sie Kristina fast um eine Kopfeslänge, so dass der Eindruck entstand, sie blickte auf ihre Freundin herab.

»Sorry. ..«, stotterte Kristina, »… ich hab nur. .. ich wollte. .. hm.« Da sie nicht die richtigen Worte fand, hielt sie Steffi als Erklärung den Overall entgegen.

Die antwortete mit einem Seufzen. »Ja, ich weiß, die Kostüme sind nicht das Gelbe vom Ei. Aber der Job macht echt Laune. Wirst schon sehen.«

Der Job. Das war eine befristete Anstellung als Animateurin in einer Ferienanlage auf Ibiza. Hier sollten die beiden Freundinnen mindestens die nächsten drei Monate verbringen und bei den Gästen für gute Laune sorgen. Und warum? Weil Kristina keine Ahnung gehabt hatte, was sie nach ihrem erfolgreich bestandenen Abitur mit sich anstellen sollte. Steffi war dann auf die Schnapsidee gekommen, bei den Schnuppertagen für Animateure vorbei zu schauen. Die waren zufälligerweise gerade von einem großen Reiseveranstalter in ihrer Stadt angeboten worden.

Warum ausgerechnet ihnen beiden sofort eine Anstellung auf Ibiza zugesagt worden war, verstand Kristina immer noch nicht. Vom Tag ihres Bewerbungstrainings bis zu dem Moment in der Umkleidekammer waren gerade einmal zwei Wochen vergangen. Vielleicht, überlegte Kristina, hatte der knackige Chef-Animateur doch seine Finger im Spiel gehabt. Er hieß Peter und pflegte mit blondem Kurzhaarschnitt und hübsch gebräunter Haut den perfekten Look eines Sonnyboys. Wenn er nicht ins Ferienparadies auf einer Insel passte, wer sonst?

Kristina bildete sich vom ersten Moment an ein, er hätte ein besonderes Auge auf sie geworfen. Allerdings konnte sie sich dessen nicht vollkommen sicher sein. Es war mehr eine Art Katz-und-Maus-Spiel, was er da mit ihr trieb. Zuerst näherte er sich ihr an, flüsterte ihr anzügliche Dinge ins Ohr, nur um sich gleich wieder zu entfernen und so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Trotzdem hatte allein die Aussicht, mit ihm zusammen zu arbeiten, ausgereicht, um in Steffis Jubelschreie über die Job-Zusage einzustimmen.

Nun stand sie da, in dem rosa-weiß-geblümten Overall, und wusste noch gar nicht so recht, was sie eigentlich als nächstes zu tun hatte. Steffi, neben ihr, trug einen grün-weiß-gestreiften Overall, der mindestens genauso moderig roch wie ihr eigener. Gemeinsam traten sie aus der Kammer heraus und wurden vor der Tür von Peter empfangen.

Der Chef-Animateur steckte in einem hautengen rosa Badeanzug. Natürlich wirkte das ein wenig albern, aber dennoch sexy genug, um Kristina gehörig ins Schwitzen zu bringen. Sie konnte sich nicht davon abbringen, auf die beeindruckende Ausbeulung in seiner Hose zu starren. Sämtliche Säfte in ihrem Schoß zogen sich erst kurz zusammen, wie vor Schreck, um sich dann aus ihrer Spalte heraus zu schleichen und ihre Libido heftig zum Pochen zu bringen.

Kristina schluckte. Abermals fragte sie sich, ob sie sich das alles eigentlich richtig überlegt hatte. Wie sollte sie nur an der Seite dieses Prachtexemplars eine Show abliefern und nebenbei ihre aufwallenden Lustgefühle unterdrücken?

»Was genau sollen wir eigentlich tun?«, hörte Kristina sich fragen. Ihre Stimme klang dumpf, als hätte sie Watte in den Ohren.

»Ein bisschen die Pausenclowns spielen halt.« Peter zuckte mit den Schultern und grinste sie frech an. »Wir machen heute nur etwas zum Auflockern, um euch ans Publikum zu gewöhnen. Für die richtigen Showeinlagen müssen wir dann natürlich erstmal proben.«

»Aha«, meinte Kristina.

Steffi hopste auf und ab, während sie in die Hände klatschte. »Wie lustig. Ich kann’s kaum abwarten.«

Als Peter ihnen den Rücken zukehrte und voran schritt, offenbarte er den Freundinnen gleichzeitig einen Blick auf seinen wohlgeformten Hintern. Er trug einen String-Badeanzug, so dass seine Pobacken in aufreizender Weise offen lagen. Steffi kicherte albern. Kristina allerdings hatte Schwierigkeiten sich zu konzentrieren. Wie es sich wohl anfühlte, dieses wunderbare Hinterteil? War es hart und fest und die Haut samtig? In dem gebräunten Ton sah es jedenfalls so geschmeidig und ebenmäßig aus, dass Kristina am liebsten eine Hand ausgestreckt und hinein gekniffen hätte.

In ihrem Inneren pulsierte ein leidenschaftliches Verlangen, das nur von dem Zusammentreffen mit zwei weiteren Animateuren unterbrochen wurde. Sally und Lenny, ein Pärchen aus England. Die beiden jobbten nach eigener Aussage schon seit Jahren in diversen Ferienanlagen. Einer richtigen Arbeit nachzugehen, kam ihnen schlichtweg zu öde vor. Zum zweiten Mal bildeten sie in dieser Anlage ein Team mit Peter und sollten Kristina und Steffi quasi an die Hand nehmen. Sie trugen ebenfalls diese dämlichen Overalls. Sicher müffelten sie auch genauso nach Moder, sagte sich Kristina, und fand durch diesen Gedanken wenigstens ein klein wenig Ablenkung von Peters Knackpo.

Gemeinsam marschierten die Animateure in die hoteleigene Bar. Hier hielt sich Abend für Abend ein Großteil der Gäste auf, um sich unterhalten zu lassen oder sich einfach nur zu betrinken. Auf jeden Fall wollten sie Spaß haben und ihre Alltagssorgen vergessen, egal wie.

Peter machte Kristina und Steffi deutlich, dass sie zur Belustigung hier waren. Sie sollten einfach irgendwelchen Quatsch machen, die Leute zum Lachen bringen. Natürlich war Steffi sofort Feuer und Flamme. Sie hopste davon wie ein wild gewordenes Karnickel und landete beim erstbesten Herrn älteren Semesters direkt auf dem Schoß. Der gluckste fröhlich mit puterrotem Kopf. Die Dame neben ihm, offenbar seine Frau, schien hingegen weniger begeistert, verhielt sich jedoch ruhig.

Kristina betrachtete die Szene desinteressiert. Peter stand immer noch neben ihr, so dicht, dass ihre Haut am ganzen Körper kribbelte. Als er seinen Kopf neigte, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern, spürte sie seinen Atem auf ihrer Wange. Sie schloss die Augen für den Bruchteil einer Sekunde und stellte sich vor, dass er an ihrem Ohrläppchen knabberte. Ein wohliger Schauer lief über ihren Rücken.

»Na los, ich möchte sehen, wie du den Leuten so richtig einheizt«, wisperte er. Einen Moment hielt er inne und atmete weiterhin heiß und sinnlich gegen ihre Wange. Dann leckte er einmal über ihre Ohrmuschel. Es war wie ein Anreiz, ein Versprechen auf mehr. Kristinas Unterleib flammte auf. Sie wandte sich ihm zu und wollte seine Liebkosung erwidern, doch da war er längst in den Fängen einer anderen Frau. Einem Gast natürlich. Sie schlang einen Arm um Peters Hals, zog ihn an sich und knipste mit der freien Hand ein Selfie.

»Das kommt gleich auf Facebook«, hörte Kristina die Frau noch hysterisch kreischen, bevor sie sich selbst unter die Leute mischte.

Steffi hockte weiterhin auf dem Schoß des älteren Herrn und hatte offenkundig sehr viel Spaß dabei. Sie trank einen Schluck von seinem Bier, bevor sie es ihm an die Lippen setzte und ihn dazu animierte, es auf ex zu trinken. Steffi wippte auf und ab. Alle anderen am Tisch feuerten den Mann an, abgesehen von seiner Ehefrau. Die fasste sich mit einer Hand an die Brust und sah aus, als würde sie jeden Moment Schnappatmung bekommen.

Der Barraum wirkte plötzlich unnatürlich heiß. Kristina fächelte sich mit einer Hand Luft zu. Das Kostüm kratzte. Überhaupt fühlte sie sich unwohl und wusste nichts mit sich anzustellen.

»Den Leuten einheizen. Haha. ..«, nuschelte sie vor sich hin und schlenderte dabei ziellos durch den Raum. Eigentlich hatte sie sich eine engere Zusammenarbeit mit Peter erhofft. Sie wollte nicht bei anderen, wildfremden Männern auf dem Schoß hocken, so wie Steffi es tat.

War sie für den Job der Animateurin überhaupt geeignet?

Sie blieb vor einem vollbesetzten Tisch stehen und blickte sich um. Dass es sich bei der Gruppe, auf die sie direkt zugesteuert war, um eine Horde sturzbetrunkener junger Männer handelte, bemerkte sie zu spät. Schon hatte der erste von ihnen eine Hand auf ihrem Hintern.

»Ey, Puppe«, lallte er, »ich hätt’ dich auch so gern auf meinem Schoß. Komm kuscheln.« Breitbeinig und lässig zurück gelehnt hing er auf seinem Stuhl, mit der einen Hand zwickte er ihr in den Po, mit der anderen kraulte er sich die Eier.

Sein Verhalten widerte Kristina an und am liebsten hätte sie ihm eine gescheuert. Aber natürlich gab sie sich diese Blöße nicht. Schließlich war sie doch hier, um die Gäste zu belustigen. Oder besser gesagt: ihnen richtig einzuheizen.

»Also gut«, dachte sie sich, »soll Peter doch bekommen, was er will.«

Sie stieg mit den Knien voran auf die Oberschenkel des Typs, was ihm vermutlich Schmerzen bereitete, denn er verzog gequält das Gesicht. Seine Kumpels hingegen johlten lauthals, dass es jetzt losgehen würde.

Kristina grinste. Sie presste ihren Brustkorb gegen sein Gesicht und hielt dabei die Arme um ihn geschlungen. »Natürlich komme ich gerne zu dir kuscheln. Gefällt dir das?«

Er grunzte etwas Unverständliches in den Stoff ihres Overalls.

»Ja, genau, ich wusste doch, dass du voll darauf abfährst.« Kristina durchwühlte mit beiden Händen sein Haar. Ihr Gewicht verlagerte sie nach vorn, bis sie bemerkte, dass der Typ unter ihr zusammen krampfte. Nun gut, sagte sie sich, und ließ von ihm ab. Das sollte wohl genügen, um ihm klarzumachen, dass er sie nicht einfach begrabschen konnte, wie er wollte.

Zu ihrer Überraschung schien ihm das jedoch keineswegs etwas ausgemacht zu haben. Wie liebestrunken stierte er zu ihr auf. Sein Mund stand offen und die Zunge hing ihm ein wenig heraus. Hechelnd stieß er ein forderndes »Mehr!« hervor. Seine Kumpels klatschten Zugabe, was bei Kristina ein mulmiges Gefühl verursachte. Was hatte sie da gerade angestellt?

Sie verlagerte ihr Gewicht auf das rechte Bein und bemühte sich um eine selbstbewusste Haltung. Auf keinen Fall sollten die Gäste bemerken, dass sie in sich zusammen zu fallen drohte.

Ihr anhaltendes Nichtstun schien der Männergruppe jedoch auf die Nerven zu gehen. Immer lauter klatschten sie und schrien immer wieder die Worte »Mehr« und dann auch noch »Ausziehen«.

Kristina ließ den Blick durch den Barraum schweifen und wurde sich zu ihrem Leidwesen bewusst, dass sämtliche Aufmerksamkeit auf ihr ruhte. Endlich entdeckte sie Peter. Dieses Mal hatte er gleich zwei Frauen um den Hals baumeln, und die dritte nahte auch schon mit großen Schritten. Er nickte ihr auffordernd zu, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen.

»Okay«, dachte sich Kristina, »wenn du es so haben willst.«

Sie wandte sich halb herum und war selbst ein wenig erstaunt, mit welcher Leichtigkeit sie es schaffte, auf den Tisch zu springen. Die Gläser auf der Platte klirrten und der Inhalt schwappte über. Das schien die Männer jedoch nicht zu stören. Einer von ihnen hatte einen Cowboyhut auf dem Kopf, den sich Kristina kurzerhand aneignete. Dann richtete sie sich auf, stemmte die Hände in die Hüften und sah hinab in die Runde.

Und jetzt? Sie fühlte sich hilflos und hatte alle Mühe, das Zittern in ihren Knien zu unterdrücken.

Die Männer feuerten sie an. Nun klatschten sie nicht mehr in die Hände, sondern trommelten wie wild auf die Tischkante ein. Der Großteil des Saals stimmte in die Jubelrufe ein. Kristina sucht wieder den Blickkontakt zu Peter und beobachtete, wie er sich lasziv über die Lippen leckte.

Die Musik wurde lauter. Den DJ hatte Kristina bislang gar nicht bemerkt. Nun streckte er die Arme hoch und zeigte ihr beide Daumen nach oben an. Im nächsten Moment erklangen die vertrauten Töne von »You can leave your hat on«. Von diesem Punkt an gab es kein Zurück mehr. Kristina musste Peter beweisen, was in ihr steckte. Sie wollte ihm zeigen, dass sie die Dinge nicht nur vortäuschte, sondern auch durchzog.

Im Rhythmus der Musik begann sie damit, ihre Hüfte zu bewegen. Nach links, nach rechts und einmal langsam im Kreis. Sie hielt inne, um die Reaktionen abzuwarten. Wie erhofft, rasteten die Gäste, vor allem die Männer, beinahe aus.

Erneut ließ sie die Hüfte kreisen, ging dabei in die Knie und zog sich mit einer Hand den Cowboyhut ein Stück weit ins Gesicht. Das würde ihr sicher einen verwegenen Ausdruck verleihen. Als nächstes beugte sie den Oberkörper vor, streckte den Po heraus und wackelte damit hin und her.

Der Typ, auf dessen Oberschenkeln sie zuvor gekniet hatte, sprang auf die Füße und machte Anstalten, ihr an den Hintern zu grabschen. Aber Kristina erkannte seine Absichten rechtzeitig und ergriff schwungvoll seine Hand. Sie blickten einander direkt ins Gesicht, so dass Kristina einen unangenehmen Schwall seiner Alkoholfahne abbekam. Er machte einen Kussmund, den sie ignorierte. Vielmehr fragte sie sich, wie sie aus diesem Griff wieder heraus kommen sollte, ohne ihn oder sich selbst zu verletzen.

»Hm«, machte sie, »du bist doch so ein toller Hecht, du kriegst bestimmt meinen Reißverschluss im Rücken auf.«

Japsend wie ein Hund lockerte sich sein Griff und er machte sich sofort ans Werk. In Nullkommanichts war der Reißverschluss bis auf ihren Poansatz hinunter gezogen. Glücklicherweise trug sie heute ihre roséfarbene Spitzenunterwäsche. Als ob sie so etwas geahnt hätte!

Offenbar zufrieden mit der vollbrachten Tat, taumelte der Typ rückwärts und plumpste auf seinen Stuhl. Es war klar, dass er nach dem gierte, was als nächstes passieren würde. Und seine Kumpels sahen das wohl genauso. Ihr Trommeln wurde lauter. Sie sangen »Ausziehen! Ausziehen!« im Chor.

Kristina wahrte die Miene. Sie spielte das Spiel weiter, ihre Bewegungen wurden ausladender, bis der Overall über ihre Schultern rutschte. Während der Cowboyhut ihr Gesicht halb verdeckte, glitt der Stoff immer weiter von ihrem Körper. Beinahe wie durch Zauberhand.

Unverhofft spürte sie ein Erbeben der Tischplatte. Sie geriet ins Straucheln und wäre beinahe gefallen. Bevor es jedoch soweit kommen konnte, wurde sie von einem Paar starker Arme festgehalten. Seine samtige sonnengebräunte Haut lag auf ihrer nackten Taille und fühlte sich so wahnsinnig gut an.

»Peter«, hauchte sie.

Er leckte ihr über den Hals und brachte die Gäste damit noch lauter zum Grölen. »Dachtest du etwa, ich lasse dich hier alleine eine Show abziehen?« Seine Lippen waren den ihren so nah. Sein Blick war so durchdringend, dass ihr heiß und kalt zugleich wurde. »Du sexy Biest, ich will dich vernaschen. Jetzt gleich.«

Kristina wurde ganz schwummerig. Sie spürte das heftige Erwachen ihrer unterdrückten Libido. Feuchte sammelte sich zwischen ihren Schenkeln und machte den zarten Stoff ihres Slips zu einem unerträglichen Ballast. Ihre Nippel richteten sich hart auf. Bestimmt war ihre Erregung für jeden gut sichtbar. Dennoch war ihr klar, dass sie die Showbühne nicht so einfach verlassen konnte. Sie musste ihren Tanz zu Ende tanzen. Gemeinsam mit Peter.

Der Overall war nur bis zu ihren Hüften hinab gerutscht und die Männerrunde forderte weiterhin, dass sie sich endlich ausziehen sollte. Peter ging vor ihr in die Knie und schob den Stoff hinunter zu ihren Füßen. Applaus brandete auf. Kristina schwenkte die Hüften erst eine Weile hin und her, ehe sie aus dem Stoff stieg und ihn vom Tisch kickte. Einer der Männer riss das gute Stück an sich. Er versenkte seine Nase darin und Kristina hoffte, dass er zu betrunken war, um den Modergeruch wahrzunehmen.

Als nächstes machte Peter einen Satz vom Tisch. Dann streckte er die Arme aus und hob Kristina ebenfalls hinunter. Er presste sich eng an sie. Seine Glieder bewegten sich locker im Takt der Musik. Den Unterleib drückte er hart und fordernd gegen den ihren. Ihre Schamlippen schwollen lüstern an. Ebenso flossen ihre Säfte. Sie war bereit für seinen prächtigen Schwanz, den sie endlich sehen und in sich spüren wollte. Durch den Stoff pochte er bereits gegen ihre Scham. Kristina war blind vor Wollust. Die vielen Leute um sie herum registrierte sie nicht mehr.

Peter hielt inne, als die letzten Takte des Joe Cocker Klassikers verklangen. Die Gäste klatschten und pfiffen, viele von ihnen standen auf oder sprangen gar selbst auf die Tische. Kristina konnte kaum fassen, was da um sie herum geschah. Peter dirigierte ihren Körper zu einer Verbeugung. Einmal. Zweimal. Dreimal. Es war wie ein Rausch. Doch der befriedigende Höhepunkt fehlte noch.

Schließlich nahm Peter sie an der Hand und lief mit ihr hinaus. Unterwegs vollführte er ein paar Faxen, so dass es aussah, als gehörte es zur Show. Die Leute lachten und riefen ihm irgendetwas hinterher, was Kristina nicht mehr verstand. Sie hielt einfach nur seine Hand und folgte ihm hinaus über den Flur bis zu der engen Kammer mit den Kostümen.

Erhitzt und keuchend fielen sie übereinander her, wie zwei wilde Tiere, kurz vorm Hungertod. Kristina zerrte ungeschickt an seinem albernen rosa Badeanzug. Das Teil ließ sich verdammt schwer von seinem hübschen Körper entfernen. Da hatte er es mit ihrer Spitzenunterwäsche wesentlich leichter. Ein Griff an den Verschluss ihres BHs, schon fiel dieser von ihr ab. Und auch der Slip lag im Nu zu ihren Füßen. Zwischendurch küssten sie einander stürmisch, erkundeten mit ihren Zungen den Mundraum des anderen. Kristina spürte, dass Peter mindestens genauso ungeduldig war wie sie selbst. Für Zärtlichkeiten blieb kaum Raum. Dafür waren sie beide viel zu gierig.

Peter umfasste ihre Brüste mit beiden Händen. Sie schmerzten vor Erregung und als er auch noch an ihren Nippeln saugte und knabberte, stöhnte sie vor Lust. Mit einer Hand fuhr er in ihren Schritt. Seine Finger tauchten unverhofft in ihre feuchte Spalte, erst einer, dann zwei, die sie so eindringlich massierten, dass es ihr beinahe sofort kam.

Und dieser verdammte Badeanzug war immer noch nicht von ihm runter! Kristina fluchte innerlich. Die Kontrolle über ihren Körper war mittlerweile gleich null. Wie sollte sie es da schaffen, ihn endlich auszuziehen?

»Keine Sorge«, sagte Peter, als hätte er ihre Gedanken erraten, »dieser Anzug hat einen geheimen Schlitz.«

Seine Finger zogen sich aus ihr zurück. Im nächsten Moment zeigte er ihr, dass sich der Stoff in seinem Schritt auseinander schieben ließ. Er brachte seinen prallen Schwanz zum Vorschein. Allein bei dem Anblick zuckte erneut der Anflug eines Orgasmus durch Kristinas Unterleib.

Peter presste sie mit dem Rücken gegen die Wand, die voller Kostüme hing. Kristina suchte an den schiefen Haken Halt, während Peter ihre Pobacken ergriff und sich zwischen ihre Schenkel presste. Sein Eindringen war hart und erfüllend. Kristina genoss jeden einzelnen seiner Stöße. Genauso hatte sie es sich vorgestellt. Er brachte sie um den Verstand und trieb ihre Wollust in ungeahnte Höhen. Der Orgasmus erschütterte ihr Inneres komplett, so dass sie die Erlösung vermutlich viel zu laut aus sich heraus schrie. Doch das war ihr egal. Erschöpft und glücklich sank sie in Peters Arme zu Boden. Sie blieben auf einem Haufen durchwühlter Kostüme liegen.

»Wow«, sagte Peter und küsste sie dieses Mal lange und zärtlich auf den Mund. »Du hast es wirklich geschafft, mir ordentlich einzuheizen.«

Lachend sah sie ihn an und überlegte bereits, was sie wohl bei ihrem nächsten Auftritt anstellen könnte.

JASPER RETTEN

VON KELLY STEVENS

Das ist er.

Ich halte die Luft an, während mein Blick über ihn gleitet. Die Sonne scheint so auf ihn, dass das Spiel seiner Muskeln zu sehen ist. Er ist sehr dünn, seine Rippen zeichnen sich deutlich ab.

Jetzt hat er mich gesehen. Ein neugieriger Blick aus braunen Augen mit langen, schwarzen Wimpern trifft mich. Forsch kommt er auf mich zu. Sein Gang ist perfekt, alle Bewegungen wunderschön. Sein Kopf ist weniger als einen halben Meter von mir entfernt. Schwarze Haarsträhnen fallen ihm in die Augen; er schüttelt den Kopf und schaut mich dann wieder an.

Es ist Liebe auf den ersten Blick, zumindest bei mir.

Langsam streckt er den Hals vor, bis er mit seinen weichen Nüstern mein Gesicht berührt, als wolle er mich küssen. Er prustet leise, dann wandert er mit der Nase an mir herab, bis er den Kopf in meine Brust drückt und sich mit nach vorne gelegten Ohren an mich lehnt.

»Jasper«, flüstere ich mit belegter Stimme. Diese erste Begegnung ist intensiver als alles, was ich mir in meinen kühnsten, hoffnungsvollsten Träumen ausgemalt habe.

Er scheint mich auch zu lieben.

Langsam strecke ich meine Hand aus, berühre seinen Hals, klopfe ihn leicht. Eine Staubwolke steigt auf. Sein Fell ist stumpf, aber sein Wesen ist wach.

Ich zupfe ihm vertrocknete Gräser aus der Mähne, während er am Saum meiner Jacke kaut.

Achtzehnhundert Euro für sein Leben.


»Schon wieder Urlaub, weil du einen Gaul retten willst?«

Meine Chefin wirkt wenig erfreut, dabei weiß sie, dass ich alle paar Wochen für ein paar Tage nach Spanien fahre, genauer gesagt, nach Andalusien. Vor etwas über zwei Jahren ergab sich der Kontakt zu einer Deutschen, die dort eine Finca betreibt, auf der sie gerettete Pferde hält. Seit der Finanzkrise, die besonders in Spanien heftig war, müssen sich immer mehr Besitzer von ihren Pferden trennen, oftmals wunderschöne, vielversprechende Tiere mit gutem Stammbaum, die aufgrund der finanziellen Not ihrer Besitzer verwahrlosen, verhungern oder an Schlachtbetriebe verkauft werden. Susanne kauft sie mit Geld, dass ihr Helfer vorstrecken, päppelt sie auf und versucht parallel, sie in gute Hände nach Deutschland, Österreich oder die Schweiz zu vermitteln. All dies ehrenamtlich und ohne einen Cent daran zu verdienen, die Ablösesumme deckt in der Regel gerade einmal ihre Kosten.

Da ich gut Spanisch spreche und Pferdenärrin bin, habe ich meine Hilfe angeboten. In meinem Bürojob verdiene ich nicht viel, jedenfalls nicht genug, um mir ein eigenes Pferd leisten zu können – dachte ich zumindest, bis ich Jasper sah und finanzielle Überlegungen plötzlich keine Rolle mehr spielten. Wo die Liebe hinfällt, findet sich ein Weg.

Susanne helfe ich unentgeltlich, indem ich alle paar Wochen mit einem Pferdetransporter nach Spanien fahre und die Pferde, die vermittelt werden konnten, zu ihren neuen Besitzern bringe. Über viertausend Kilometer innerhalb von vier Tagen, nicht wirklich Urlaub und schon gar nicht erholsam, und genau das scheint plötzlich ein Problem für meine Chefin zu sein.

Doch diesmal geht es nicht um irgendein Pferd, sondern um meins.

»Es sind ja nur zwei Urlaubstage, weil wir über ein Wochenende fahren.« Nicht, dass ich hier besonders wichtig oder gar unersetzlich wäre. Ich habe meiner Chefin auch nur erzählt, was ich mache, weil die Fahrten von Susanne koordiniert werden und ich mir die Termine nicht aussuchen kann. Diesmal hat es sich sehr spontan ergeben, weil jemand, der ein Pferd gekauft hat, mit seinem eigenen Transporter zu ihr fahren möchte, um es persönlich abzuholen. Eine falbfarbene Stute, die in der Hohen Schule ausgebildet ist, was sehr ungewöhnlich ist – normalerweise werden Hengste bevorzugt. Ich habe Bilder von ihr gesehen, und obwohl sie sicher sehr wertvoll ist, lässt sie mich kalt. Mein Herz gehört Jasper.

Da der Pferdetransport von Spanien nach Deutschland normalerweise noch einmal mit etwa tausend Euro zu Buche schlägt, hatte ich gedacht, noch ein paar Monate für Jasper sparen zu müssen, was seinen Ablösepreis erhöht hätte. Doch wenn ich als Beifahrerin mitfahre, kann ich ihn kostenlos dazustellen und spare mir weitere Kosten für seine Unterbringung bei Susanne, so dass es bei den achtzehnhundert Euro bleiben wird, plus tierärztliche Untersuchung. Das ist, wenn ich alles Geld, das ich besitze, zusammenkratze, gerade so eben drin, und der Rest wird sich ergeben. So eine Chance möchte ich mir nicht entgehen lassen.


»Bist du Maren?« Der Mann, der im Morgengrauen mit einem Pferdetransporter vor meinem Haus hält, blickt mürrisch.

Das kann ja heiter werden, immerhin werden wir die nächsten vier Tage und Nächte miteinander auf engstem Raum verbringen. Ich verkneife mir die Gegenfrage, wer wohl sonst um diese Uhrzeit alleine mitten auf einer Dorfstraße mit einer Reisetasche warten würde, und nicke, bevor ich einsteige.

Dies ist kein gewöhnlicher Pferdeanhänger, der einfach an einen stark motorisierten PKW angehängt wird. Dieses Vehikel erinnert eher an einen modernen Campingwagen. Über dem Fahrerhaus sehe ich einen Schlafplatz, hinter den Fahrersitzen gibt es einen Mini-Wohnraum mit einer hochklappbaren Bank, einem hochklappbaren Tischchen und einer Mini-Küche. So luxuriös bin ich noch nie nach Spanien gefahren, denke ich, während ich meine Reisetasche verstaue.

»Frank.« Kaum bin ich angeschnallt, fährt er auch schon los. Der Mann scheint nicht viel von Konversation zu halten.

Da er ein Navi hat, brauche ich ihm noch nicht einmal den Weg zu weisen, den ich nach über einem Dutzend Trips inzwischen gut kenne. »Wie hast du dir das mit dem Fahren vorgestellt?«

Sein Blick bleibt auf der Straße. »Ich will so schnell wie möglich hin und wieder zurück. Pausen nur zum Tanken, und auf dem Rückweg höchstens, wenn die Pferde unruhig sind. Versuch zu schlafen, vielleicht musst du mich später am Steuer ablösen.«

Was für ein unangenehmer Zeitgenosse. Ich werfe ihm einen schnellen Blick zu: geschätzt Anfang Vierzig und damit etwa doppelt so alt wie ich, kurze dunkle Haare mit ersten Spuren von grau, grimmiger Gesichtsausdruck, groß und schlank. Er ist leger gekleidet, Hemd, Hose, Steppweste, recht typisch für Reiter.

Da er gesagt hat, dass ich versuchen soll zu schlafen, schließe ich meine Augen, obwohl vor Aufregung nicht an Schlaf zu denken ist. Die Ablöse für Jasper ist überwiesen, alle Papiere vorbereitet, eine Box im örtlichen Reitverein, bei dem ich schon seit Jahren Reitunterricht nehme, angemietet. Alles, was fehlt, ist Jasper.


Ich wache erst wieder auf, als wir in Frankreich auf der Autobahn sind. Dabei wollte ich doch gar nicht schlafen!

»In etwa zehn Minuten mache ich einen Tankstopp. Danach kannst du mich ablösen.« Frank klingt kaum freundlicher als heute Morgen.

Während er tankt, gehe ich auf die Toilette. Der Transporter hat zwar einiges an Luxus zu bieten, aber eine eigene Toilette gehört leider nicht dazu. Dabei wäre mir die lieber als die Küche.

Mein Tee in der Thermoskanne ist noch warm. Dazu esse ich eins der belegten Brote, die ich gestern Nacht vorbereitet habe.

Frank kommt mit einem Becher Kaffee und einem belegten Baguette aus der Raststätte und hält mir die Schlüssel hin. »Susanne sagte, du kannst auch große Transporter fahren.«

Ich nicke, obwohl ich einen dieser Ausmaße noch nicht gefahren bin. Aber er lenkt sich leicht, und nach ein paar Minuten scheint Frank mir so weit zu vertrauen, dass er in die Schlafkoje klettert. Im Rückspiegel sehe ich, wie seine langen Beine nach oben verschwinden. Himmelbett on the road, denke ich belustigt, bevor ich mich wieder auf die Straße konzentriere. Vielleicht ist er nach einer Ruhepause besser gelaunt?

Tatsächlich. Als er nach einigen Stunden wieder herunterklettert, etwas verstrubbelt, und erst mal einen ordentlichen Schluck aus seiner Wasserflasche nimmt, wirkt er fast schon sexy. Auch meinem Vorschlag, am nächsten Rastplatz einen kurzen Toilettenstopp einzulegen, stimmt er zu.

Danach übernimmt er wieder das Steuer. Ich krame in meiner Tasche nach einer Banane, ziehe die Schale nach unten, schiebe mir etwa ein Viertel der Frucht in den Mund, lege die Lippen darum und beiße genüsslich ab.

»Tu das nicht«, sagt Frank plötzlich scharf.

Mir bleibt der Bananenbissen im Mund stecken. »Hmmm?«, nuschele ich durch den Brei in meinem Mund.

»Das. So. Abbeißen.«

Der Mann spricht in Rätseln. Ich kaue, schlucke, und betrachte das unschuldige Stück Obst in meiner Hand, bis mir etwas aufgeht.

»Genau. Ich bin ein Mann«, bestätigt Frank meinen Verdacht. »Also bitte … Es sei denn, du willst dich erkenntlich zeigen, dass ich dein Pferd mitnehme. Aber bitte nicht während der Fahrt.«

Du meine Güte. Wie gut, dass ich keine Salami dabei habe! Das wäre in seinen Augen bestimmt mehr als verkehrswidrig.

Ich breche das nächste Stück Banane ab und schiebe es mir mit den Fingern in den Mund. Von einem mürrischen Fahrer mit oraler Fixierung und sexuellen Fantasien am Steuer werde ich mich ganz bestimmt nicht vom Essen abhalten lassen!

Hat er mir eben echt Sex angeboten?

Es klang eher so, als solle nur ich ihm zu Diensten sein. Hat er’s so nötig, dass er schon seine Beifahrerin angraben muss?

Wenn er nicht so verbissen gucken würde, wäre er durchaus attraktiv. Aber nach so einem Spruch kann er Sex mit mir vergessen.

»Wirst du Floreana selber reiten?«, frage ich, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Der Name der Stute, die er gekauft hat.

»Nein, meine Tochter.«

Ein edles Pferd für sein geliebtes Töchterlein, denke ich etwas abfällig. Irgendwie wundert es mich, dass er Kinder hat – so abweisend, wie er sich verhält, hätte ich eher gedacht, dass er alle Frauen vergrault.

»Reitet ihr auch, du und deine Frau?«, versuche ich, Konversation zu betreiben.

»Meine Frau ist tot.«

Der Schuss ging nach hinten los. Ich beiße mir auf die Lippen und sage bis zur spanischen Grenze nichts mehr.

Gerade, als ich überlege, ob ich mich für eine Weile über dem Führerhaus hinlegen kann, unterbricht Frank das Schweigen. »Ich dachte, dass wir in Spanien zu Abend essen können. Eine Pause wird uns guttun.«

Hatte er nicht heute Morgen noch gesagt, dass er durchfahren wollte? Aber mir soll es recht sein. »Ich würde mir auch gerne mal die Beine vertreten. So lange zu sitzen …«

»Du hättest dich auch hinlegen können.« Sein Blick ist auf der Straße, aber ich bilde mir ein, dass sein Kopf eine winzige Bewegung nach oben gemacht hat.

»Vielleicht später«, weiche ich aus. Nach dem Spruch vorhin bin ich mir seiner Motive alles andere als sicher. In der Koje säße ich in der Falle, sollte er sich plötzlich auf mich stürzen wollen, um seine sexuellen Gelüste zu befriedigen.

Ich bin überrascht, als Frank nicht etwa an einer Raststätte anhält, sondern von der Autobahn abfährt. Kurz schlägt mein Herz schneller, doch sein Appetit ist eindeutig auf Essbares gerichtet, denn er parkt vor einem Restaurant.

»Warst du schon mal hier?«, frage ich, als wir in der Gaststube sitzen und Salmorejo essen, eine Variante der Gazpacho-Suppe, die mit gehacktem, gekochtem Ei und Schinken serviert wird.

Frank guckt schon wieder grimmig. »Nein.«

Dann eben nicht. Ich breche ein Stück Weißbrot ab. »Wie bist du denn auf die Idee gekommen, ausgerechnet ein andalusisches Pferd zu kaufen?«

»Meine Tochter hat Floreana im Internet gesehen und liegt mir seit Wochen in den Ohren, dass sie die Stute unbedingt haben will.«

»Ungesehen?«, rutscht es mir heraus.

Er zuckt mit den Schultern. »Es gab ein kurzes Video.«

»Und da fährst du einfach so los durch halb Europa und holst sie ihr?«

»Sie wird nächste Woche achtzehn.«

Nur ein paar Jahre jünger als ich. Ich schlucke. So einen Vater hätte ich auch gerne, der mir zum Geburtstag mal eben ein Pferd schenkt, denke ich, als Frank weiterspricht: »Seit dem Tod ihrer Mutter zeigte sie an nichts mehr Interesse – außer an Floreana. Ich hoffe, dass sie durch die Stute wieder zurück ins Leben findet.«

Ich schiebe meinen halb vollen Teller von mir. Mir ist der Appetit vergangen. Auch Frank wirkt unruhig und zahlt schnell.

Bevor wir wieder einsteigen, zögere ich einen Moment. »Nach der langen Sitzerei brauche ich ein bisschen Bewegung.«

»Woran hast du gedacht?«, fragt er, und wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich gedacht, dass in seinen Augen Begehren aufflackert.

Doch ich muss mich getäuscht haben. »Ich würde gerne ein paar Minuten Spazierengehen.«

»Ich komme mit«, überrascht er mich.

Viel zu sehen gibt es nicht. Wir laufen schweigend die Straße einmal hoch und einmal runter. Als wir wieder am Transporter ankommen, öffnet Frank mir die Beifahrertür.

»Soll ich fahren?«, frage ich.

»Die Nacht ist noch lang.«

Ich werfe ihm einen schnellen Blick zu, wie er das meinen könnte, aber er ist schon um den Transporter herumgegangen und steigt auf der Fahrerseite ein.

Um kurz vor Mitternacht steht der nächste Tankstopp an. Da Frank erschöpft wirkt, biete ich erneut an, zu übernehmen. Diesmal lässt er mich ans Steuer. Wieder verschwinden seine langen Beine, als er sich über dem Führerhaus schlafen legt.

Ich stelle leise Musik an, um mich wach zu halten. Die Straßen sind relativ frei, das Fahren einfach. Meine Gedanken schweifen zu Jasper, den ich einige Wochen lang nicht gesehen habe. Ob er mich wiedererkennen wird? Dann schweifen sie zu dem Mann, der über meinem Kopf schläft. Anscheinend habe ich ihn falsch eingeschätzt. Er scheint auf einer Mission zu sein, der Mission, seine Tochter zu retten, nicht nur ein Pferd.


Zwei Stunden später helfen auch Musik und Gedanken an Jasper nicht mehr. Ich steuere den nächsten Parkplatz an, bevor ich riskiere, am Steuer einzuschlafen.

Natürlich wacht Frank auf, als ich anhalte und den Motor ausstelle. »Gibt es ein Problem?«

»Es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr. Ich muss ein paar Stunden schlafen.«

Er gähnt und fährt sich mit den Fingern durch die Haare, was ihn erneut attraktiv verstrubbelt aussehen lässt. »Wie weit noch?«

»Etwas über vierhundert Kilometer.«

Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. Es ist viertel nach zwei in der Nacht. Auch er sieht nicht fit aus.

»Wir machen ein paar Stunden Pause«, beschließt er zu meiner Erleichterung und verschwindet wieder in seiner Himmelbett-Höhle.

Tja, und wo soll ich schlafen? Der Beifahrersitz lässt sich nicht in einen Liegesitz verwandeln. Auf dem Boden der Mini-Wohnküche könnte ich mich zusammenrollen, aber nicht ausstrecken. Wie sieht es hinten aus? Noch habe ich den Bereich, in dem bei der Rückfahrt die Pferde stehen werden, nicht gesehen, aber dort dürfte Platz genug sein.

Tatsächlich. Man kommt sogar vom Fahrerraum durch eine kleine Tür dort hinein. Der Boden ist mit Stroh bedeckt. Ich rolle meinen Schlafsack aus, ziehe Hose und Schuhe aus und schlüpfe hinein. Wenige Minuten später bin ich eingeschlafen.


Ich wache auf, weil mein Bett sich bewegt.

Einen Moment schaue ich mich orientierungslos in der Dunkelheit um, dann ist mir wieder klar, wo ich bin.

Ich mache Licht an. Es ist kurz nach sechs. Vier Stunden Schlaf sind nicht wirklich viel, aber ich möchte Frank gegenüber keine Schwäche zeigen, deshalb zupfe ich mir ein paar Strohsträhnen aus den Haaren, rolle meinen Schlafsack zusammen und schlängele mich wieder in den Fahrerraum. »Morgen.«

Frank brummt eine Antwort, ignoriert meine Anwesenheit ansonsten aber, bis ich sage: »Könnten wir bald einen Toilettenstopp machen, bitte?«

Einen Kaffee hätte ich auch gerne, aber die Frage danach verkneife ich mir. Glücklicherweise hält er nicht an einem normalen Parkplatz, sondern tatsächlich an einer Raststätte.

Während er tankt, mache ich eine Mini-Katzenwäsche und besorge für uns beide Kaffee, was Frank mit einem kurzen Kopfnicken zur Kenntnis nimmt. Ansonsten habe ich noch ein paar Äpfel in meiner Tasche. Das muss fürs Frühstück reichen und ist auch nicht so problematisch wie Bananen.

Dachte ich zumindest, bis ich meine Zähne in das Fruchtfleisch grabe und der Saft mit einem Knacken in alle Richtungen spritzt. Ich ziehe ein Papiertaschentuch aus meiner Tasche und wische hastig die Armaturen ab. Dabei fühle ich Franks Blick auf mir. Verdammt, der Mann macht mich nervös! Dabei versuche ich, ihn wirklich nur mit den essentiellsten Grundbedürfnissen wie Nahrung, Schlaf und Körperhygiene zu belästigen.

Sex ist auch ein Grundbedürfnis, schleicht sich ein ungebetener Gedanke in meine Überlegungen. Wie Sex mit Frank wohl wäre? Nicht, dass das vorstellbar wäre. Er ist, falls das überhaupt möglich ist, noch unnahbarer als gestern.

»Soll ich dich noch mal ablösen?«, biete ich an.

»Nein, ich bin fit.«

Dem Mann ist echt nicht zu helfen. »Dann schlafe ich noch eine Runde, ich hatte eine kurze Nacht.«

»Du kannst oben schlafen, das ist bequemer als im Stroh«, bietet er zu meiner Überraschung an.

Heißt das, er hat mich gesehen, wie ich im Anhänger geschlafen habe? Wieso? Wollte er sichergehen, dass ich noch da bin?

Leicht verunsichert ziehe ich meine Schuhe aus und klettere in die Schlafkoje. Es gibt eine dünne Matratze, ein Kopfkissen und sogar eine Decke. Kein Himmelbett, wie ich mir in meiner Fantasie ausgemalt hatte, aber zum Schlafen reicht es.

Das Bett riecht nach Frank. Ich atme seinen Geruch ein, während ich eindöse.


»Maren, wach auf, wir sind gleich da«, weckt mich eine Stimme. Ich schrecke hoch und stoße mir prompt den Kopf an der niedrigen Deckenkoje. Der Himmel über diesem Bett hängt tief!

Trotzdem klettere ich motiviert nach unten. In ein paar Minuten bin ich bei Jasper!

Schon erkenne ich die Zufahrt zu Susannes Finca. Auf den Koppeln stehen einige Pferde, aber Jasper ist nicht darunter. Erst, als wir um die Ecke biegen und vor dem Haus anhalten, sehe ich ihn. Ich reiße die Tür auf, springe aus dem Transporter und laufe auf ihn zu. »Jasper!«

Tatsächlich, er enttäuscht mich nicht. Einen Moment wittert er, dann kommt er langsam auf mich zu und lässt sich hinter den Ohren streicheln, während er mich abschnobert und den Apfelkitsch aus meiner Hand frisst.

»Dein Traummann hat schon sehnsüchtig auf dich gewartet«, höre ich Susannes belustigte Stimme hinter mir.

»Ja, ist er nicht wunderbar?«

Ich habe kaum Augen für Susanne, Frank oder das zweite, falbfarbenes Pferd auf der Koppel. Am liebsten würde ich vor Freude quietschen und die ganze Welt umarmen, aber für den Moment reicht es mir, Jasper zu umarmen.

»Kommt erst mal rein, trinkt was, esst was, erholt euch. Drinnen können wir alles Weitere besprechen.«

Nur schwer trenne ich mich von Jasper. Der wendet uns prompt sein Hinterteil zu und trottet ans andere Ende der Koppel.

Frank hingegen hat Floreana kaum eines Blickes gewürdigt. Der Mann ist echt seltsam.

Der Rest des Tages vergeht schnell. Jasper ist gerade erst angeritten, lässt sich aber gut führen und kennt alle Grundkommandos. Er ist willig, verspielt und lernbegierig, ein absolutes Traumpferd. Unter Susannes strengem Blick trainiere ich eine Weile mit ihm, bis sie sicher ist, dass wir gut harmonieren. Danach putze ich ihn, woraufhin er sich direkt wieder im Sand wälzt und dabei alle Viere in die Luft streckt. Aber da er so aussieht, als würde er sein Leben genießen, lasse ich ihn gewähren.

»Du darfst ihm nicht alles durchgehen lassen«, rügt Frank mich.

»Das sind eben meine Erziehungsmethoden«, entgegne ich. Immerhin lässt er seiner Tochter auch einiges durchgehen.

»Und, wie kommt ihr beide so miteinander zurecht?«, fragt Susanne mich, während wir das Abendessen zubereiten. Eine Nacht werden wir hier verbringen, bevor wir früh am nächsten Morgen aufbrechen.

»Er ist ein absolutes Traumpferd«, entgegne ich. »Danke, dass du ihn mir gegeben hast.«

Susanne lacht. »Ich meinte nicht Jasper, sondern Frank.«

Ich werde rot und muss ein paar Sekunden über eine Antwort nachdenken. »Irgendwie gar nicht«, gebe ich dann zu. »Er ignoriert mich, und ich versuche, mich möglichst unsichtbar zu machen.«

»Ihm geht es momentan nicht so gut. Er hat in den letzten Monaten ein paar schwere Schicksalsschläge gehabt. Gib ihm etwas Zeit.«

Zeit? Ich bin froh, wenn ich ihn ab Sonntag nie wieder sehen muss. »Er hat mir erzählt, dass seine Frau gestorben ist und seine Tochter sich seitdem einigelt.«

»Ja, wirklich ein tragischer Unfall.« Susanne scheint wie selbstverständlich davon auszugehen, dass ich Details kenne. Ich lasse sie in ihrem Glauben.

Da Susanne nur ein Gästezimmer hat, biete ich an, auf der Schlafcouch im Wohnzimmer zu schlafen, doch Frank, ganz Gentleman, überlässt mir das Gästezimmer. Das Badezimmer müssen wir uns teilen, und da die Tür sich nicht abschließen lässt, platze ich versehentlich hinein, während er gerade unter der Dusche steht. Der Duschvorhang hängt halb zur Seite und zeigt seinen erstaunlich durchtrainierten Körper und den knackigen Hintern, über den das Wasser rinnt.

Mit hochrotem Kopf stammele ich eine Entschuldigung und ziehe mich schnell zurück. Nicht, dass er denkt, ich laufe ihm nach!

Obwohl ich sehr müde bin, verfolgt mich das Bild von Franks nacktem Körper noch im Schlaf.


Susanne ist ebenfalls früh aufgestanden, um Frühstück zu machen und uns mit den Pferden zu helfen. Während Floreana sich anstandslos verladen lässt, zeigt Jasper, dass ihm der Transporter nicht ganz geheuer ist. Ich bin froh, dass er nach einigen Minuten trotzdem hineingeht – das hätte mir noch gefehlt, dass Frank uns zurücklässt!

Die erste Zeit verbringe ich hinten, um mich davon zu überzeugen, dass es den Pferden trotz des Gerumpels und den ungewohnten Bewegungen und Geräuschen gut geht. Während Floreana vor sich hin döst, ist Jasper unruhig. Ich rede ihm beruhigend zu und erzähle ihm, was für schöne grüne Weiden, leckeres Futter und tolle Ausritte ihn zuhause erwarten.

Um Franks Mund liegt ein leicht spöttisches Lächeln, als ich mich endlich wieder auf dem Beifahrersitz niederlasse. »Hast du es immer so nötig, dich den Männern anzubiedern?«

Ich erröte. Daran, dass Frank zugehört hat, habe ich gar nicht gedacht. »Das mache ich nur bei denen, die es wert sind«, antworte ich mit so viel Würde, wie mir gerade noch geblieben ist, und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche, um weiterer Konversation vorzubeugen.

Doch Frank ist auch heute nicht gesprächiger. Ich schließe die Augen und döse vor mich hin, wie es Floreana und hoffentlich auch Jasper tun.


Der Rückweg zieht sich, nicht nur, weil ich immer wieder nach den Pferden schaue und mir wünsche, dass die für sie anstrengende Fahrt endlich vorbei ist. Frank scheint durchfahren zu wollen, aber obwohl wir uns beim Fahren abwechseln, sind wir um kurz nach ein Uhr in der Nacht immer noch in Frankreich und beide völlig fertig.

Missmutig betrachte ich den Beifahrersitz, der von Minute zu Minute unbequemer geworden ist. Diesmal kann ich nicht hinten schlafen, weil dort die Pferde stehen. Bleibt nur der Fußboden hinter den Sitzen.

»Unsinn, über dem Fahrerraum haben wir beide Platz«, widerspricht Frank.

»Da bekomme ich Platzangst«, wehre ich ab.

»Dann schlaf an der Kante«, antwortet Frank und klettert nach oben, wo er sich an die rückwärtige Wand legt, so dass die halbe Matratze frei ist.

Dieses Angebot nicht zu nutzen, wäre auch Verschwendung. Außerdem sind wir beide fast vollständig bekleidet. Ich lege mich neben ihn und decke mich mit meinem Schlafsack zu.

Franks Körper strahlt Wärme aus. Ich rutsche ein winziges Stückchen näher zu ihm.

Es ist lange her, dass ich mein Bett mit einem Mann geteilt habe. Die meisten verlangten, dass ich das Reiten aufgab, um ständig Zeit mit ihnen zu verbringen. Im Klartext: ich durfte sie bekochen, bespaßen und mich um alles kümmern, während sie sich einen Dreck darum scherten, wie es mir ging.

Mit grimmigen Gedanken an meine Ex und Vorfreude auf Jasper schlafe ich schließlich doch ein.


Im ersten Moment denke ich, dass das Geräusch, das mich weckt, von den Pferden kommt. Jasper! Hastig richte ich mich auf und stoße mir schon wieder den Kopf an der niedrigen Decke.

Während ich noch versuche, mich zu orientieren, merke ich, dass die Laute von dem Mann neben mir ausgehen. Frank scheint einen Albtraum zu haben. Er bewegt sich unruhig, redet unverständliches Zeug und stöhnt, dass es mir durch Mark und Bein geht.

Um ihn zu beruhigen, lege ich eine Hand auf seine Schulter. Beziehungsweise, ich dachte, es sei seine Schulter. Stattdessen scheine ich seine Brust erwischt zu haben. Unter meinen Fingern schlägt sein Herz wie nach einem schnellen Galopp. Er schwitzt und atmet hastig.

Schnell ziehe ich meine Hand zurück. Vielleicht ist er krank?

»Frank?«, flüstere ich. Als er nicht reagiert, wiederhole ich seinen Namen etwas lauter.

Einen Moment fühlt es sich an, als wolle er hochschrecken, doch er stöhnt nur.

Langsam wird mir mulmig zumute. Ich lege ihm erneut die Hand auf die Brust. »Frank, wach auf!«

Stattdessen ergreift er meine Hand und hält sie fest.

Vorsichtig ziehe ich, doch er gibt mich nicht frei. Stattdessen führt er meine Hand an seinem Körper entlang nach unten. Unter dem Reißverschluss seiner Hose spüre ich eine deutliche Wölbung.

Obwohl es dunkel ist, bin ich mir ziemlich sicher, dass Frank immer noch schläft. Das muss wirklich ein merkwürdiger Traum sein, wenn er gleichzeitig Angst hat und erregt ist.

Resolut versuche ich, meine Hand erneut wegzuziehen, aber es gelingt mir nicht. Stattdessen kann ich die Konturen seiner Erektion deutlicher fühlen. Hätte ich gar nicht gedacht, dass Mr. Schweigsam ein so großes Geheimnis in seiner Hose hat.

Unwillkürlich muss ich kichern, als mir die Absurdität der Situation bewusst wird. Angst vor Frank habe ich keine, aber auch keinen Plan, wie ich aus dieser Situation wieder rauskomme, ohne dass es für uns beide peinlich wird.

Ich habe gerade beschlossen, mich schlafend zu stellen, als Frank mit der anderen Hand beginnt, seine Hose zu öffnen. Im nächsten Moment fahre ich mit meinen Fingerspitzen durch sein Schamhaar, bevor sie auf heißes, festes Fleisch treffen.

Automatisch umschließen meine Finger seinen Schaft. Frank stöhnt erneut, diesmal eindeutig erregt und nicht mehr albtraumhaft.

Ich riskiere einen Blick zu seinem Gesicht, doch es ist zu dunkel, um seinen Gesichtsausdruck wahrnehmen zu können. Kann es etwa sein, dass er immer noch schläft?

Die Situation ist eindeutig surreal. Doch das, was unter meiner Hand zu noch größerem Ausmaße heranwächst und sich verlangend in meine Hand schmiegt, ist eindeutig real. Meine Finger erkunden seine Länge, seine Breite, die feinen Äderchen, die samtige Kuppe. Wie lange ist es her, dass ich so einen schönen Schwanz verwöhnen durfte?

Meistens nörgelten die Männer, mit denen ich zusammen war, immer an meiner Technik herum: zu vorsichtig, zu forsch, zu langsam, zu schnell, zu wenig Druck, zu viel Druck. Frank hingegen schweigt. Nur an der auffordernden Bewegung seiner Hüften merke ich, was ich tun muss, um ihm Lust zu bereiten.

Ich schalte mein Gehirn aus und konzentriere mich in der Dunkelheit aufs Fühlen. Mit seiner Hand gibt Frank den Druck vor, mit dem ich seine Länge massiere, mit seinen Hüften die Geschwindigkeit. Eigentlich ganz einfach, wenn man sich auf den Partner einlässt, denke ich erstaunt. Wie oft war Sex ein Krampf, um es meinem jeweiligen Freund recht zu machen. Frank und ich hingegen verstehen uns ohne Worte, alles geschieht wie selbstverständlich. Schon spüre ich, wie sein Schwanz unter mir pocht und zuckt. Im nächsten Moment ergießt sich sein Samen auf meine Hand.

Ich lasse meine Hand noch eine Weile auf seinem langsam erschlaffenden Glied liegen, fast wie um ihn zu beruhigen. Es fühlt sich gut und richtig an.

An Franks gleichmäßigem Atem merke ich, dass er jetzt ruhig und entspannt schläft. Langsam ziehe ich meine Hand zurück, die er inzwischen nicht mehr festhält, und wische sie an meinem T-Shirt ab.

Dass ich sexuell unbefriedigt zurückbleibe, liegt in der Natur der Sache. Aber mein Selbstbewusstsein als Frau hat einen Riesensatz nach vorne gemacht.

Lächelnd liege ich in der Dunkelheit, viel zu aufgekratzt, um zu schlafen.

Hinten im Transporter schlägt ein Pferd mit den Hufen wiederholt an die Wand. Wahrscheinlich Jasper, der ungeduldig wird, weil er immer noch in dem Transporter eingesperrt ist.

Ich klettere nach unten, um nach ihm zu sehen. Tatsächlich, es ist Jasper, der mir einen verspielt-vorwurfsvollen Blick zuwirft. Ich vergewissere mich, dass beide Pferde Futter und Wasser haben, rede ein paar Minuten beruhigend auf ihn ein, und entscheide mich dann, weiterzufahren. Wach bin ich sowieso, dann kann ich mich auch nützlich machen.

Zuerst aber wechsele ich mein T-Shirt und trinke einen Schluck.

Frank wacht nicht auf, als ich den Motor starte und anfahre. Auf Radio verzichte ich, um ihn nicht unnötig zu wecken, obwohl ich nach der Episode eben denke, dass ihn wahrscheinlich noch nicht einmal eine Explosion wach bekäme.

Erst als die Sonne schon längst aufgegangen ist, regt sich über meinem Kopf etwas. Frank erscheint, wie immer lange Beine voran, verstrubbelte Haare zuletzt. »Du meine Güte, ich habe geschlafen wie ein Toter! Das ist mir seit dem Tod meiner Frau nicht mehr passiert.«

Er macht keinerlei Andeutungen über das, was passiert ist. Kann es etwa sein, dass er tatsächlich nichts davon mitbekommen hat? Oder er hat es – vielleicht im Unterbewusstsein – doch mitbekommen, will es sich aber nicht eingestehen und tut deshalb so, als sei nichts gewesen?

Von mir aus. Erspare ich mir die Diskussionen am Morgen danach, wenn der Mann gar nicht schnell genug wieder verschwinden kann.

Pulsuz fraqment bitdi.

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ISBN:
9783960000259
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