Kitabı oxu: «Platzwechsel»

Handlungen, Orte und Personen dieses Romans sind frei erfunden. Alle, die Ihnen weismachen wollen, sie würden in diesem Buch vorkommen, lügen wie gedruckt. Maik gibt’s natürlich. Das wäre zu krass, sich so etwas auszudenken. Bei Mirko ist sich der Autor leider selbst nicht so sicher.
André Herrmann ist Fernsehautor und Comedian aus Leipzig. Er arbeitete u.a. für Jan Böhmermanns ZDF »Neo Magazin Royale«, Olaf Schuberts ARD-Show »Olaf macht Mut« sowie Klaas Heufer-Umlaufs »Late Night Berlin«. Wöchentlich veröffentlicht er seinen »Roast der Woche« auf Comedy Central sowie den Podcast namens »Team Totale Zerredung«. Er ist Mitautor der Sitcom »Nix Festes« auf ZDFneo. Sein erster Roman erschien im März 2015 und heißt »Klassenkampf«.
Taschenbuchausgabe, 1. Auflage, August 2020
© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin, Dresden, Leipzig 2018
Umschlaggestaltung: BTSA
Umschlagfoto: Enrico Meyer
Korrektorat: Annegret Schenkel
Satz: Fred Uhde
Druck und Bindung: PBtisk, Přibram, Czech Republic
eISBN: 978-3-86391-226-0
www.voland-quist.de

Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Hörbuch
Hörproben
Danke
1.
Es war April.
Die Sonne schien, vorm Fenster blühten die Magnolienbäume. Wir saßen zu viert in einem viel zu großen Seminarraum.
»Okay«, sagte die Kursleiterin, »schön, dass Sie das Angebot Ihrer Fallmanager angenommen haben. Dann würde ich sagen, wir stellen uns erst mal alle vor. Wir sagen unseren Namen und dann, in welchem Beruf wir gern mal arbeiten würden.«
»Also, ich bin die Martina«, sagte eine Frau mit blonden, violetten und grünen Strähnen in den schwarzen Haaren. »Und ich würde gern in einem Friseursalon arbeiten.«
Ich musste grinsen. Los, frag mich, frag mich, dachte ich. Ich hab die perfekte Antwort: Ich bin André, und ich würde gerne an Martinas Geschmack arbeiten.
»Sehr gut«, erklärte die Kursleiterin und grinste.
»Heinz«, sagte ein Mann im karierten Hemd, das wegen seines immensen Bierbauchs straff gespannt war. »Ich war zwölf Jahre lang Fensterbauer. Joa … Des fand ich eijentlich janz jut.«
»Schön!«, sagte die Kurstante.
»Michael«, sagte ein großer, dürrer Typ. »Ich wär gern … pff … Hauptsache, die Kasse stimmt.«
Die Kursleiterin schaute mich an.
»Öööh, André«, sagte ich und knetete meine Hände. »Und, äh, ich muss jetzt eigentlich nicht … unbedingt … irgendwas … arbeiten.«
Stille.
»Ehehehe«, machte die Kursleiterin. »Wie jetzt, nichts arbeiten?«
»Naja, so halt«, sagte ich. »Ich glaub, ich kann mich auch so gut beschäftigen.«
»Okay. Haben Sie einen Traumberuf?«
»Mhm, nöö.«
»Was wollten Sie denn früher mal werden?«
Ich überlegte.
»Rechtsanwalt.«
»Na, das ist doch was!«
»Ja«, bremste ich, »aber nur, weil mein Opa immer gesagt hat, ein Rechtsanwalt muss nur die Türklinke anfassen und schon hat er 100 Mark verdient. Und da dachte ich: Paar Türklinken am Tag anfassen, das krieg ich hin, und dann hab ich frei.«
Die Kursleiterin blätterte in einem Hefter.
»Hier steeeeeht, Sie haben Politikwissenschaft studiert!«
»Jup.«
»Warum machen Sie denn nicht damit was?«
»Och, hat sich nicht so ergeben.«
»Aber da stehen einem doch alle Türen offen!«
»Welche denn?«
»Naaaa, in der Politiiiiik. Uuuuund in der Wissenschaaaaaft!«
»So sehen das meine Eltern auch«, sagte ich. »Aber wissen Sie, was mich an Politik stört?«
»Was denn?«
»Fraktionszwang zum Beispiel.«
»Frak… was?«
»Egal. Was mich viel mehr stört, ist, dass es keine menschelnden Politikerinnen und Politiker mehr gibt.«
»Menschelnd?«
»Ja, menschelnd«, sagte ich. »Dass die einfach mal ehrlich sind, mein ich. Wenn man da im Bundestag sitzt und der de Maiziere erzählt wieder irgendwas von wegen ›Aaaah, konkrete Informationen dazu würden Sie verunsichern‹ und solchen Schwachsinn, wieso steht da niemand auf und ruft: ›Ach komm, Thomas! Halt doch einfach mal die Fresse. Oder gib einfach zu, dass du’s verbockt hast, du Gulaschkobold!‹«
Der Mann im Karohemd begann zu kichern.
»Aber neeeein«, rief ich, »da muss man applaudieren und warten, bis man dran ist, und dann sagen: ›Ich stimme mit der Einschätzung des Kollegen de Maiziere nicht überein.‹ Obwohl der eigentlich ein weltfremdes Arschloch ist. Das ist doch scheiße.«
Ich blickte in die Runde. Alle sahen mich gebannt an. Die Friseurin nickte mir aufmunternd zu.
»Ich meine, ich könnt mich da jedenfalls nicht zurückhalten«, sagte ich.
»Kann ich mir gut vorstellen«, knurrte die Kurstante. Sie schaute wieder in ihren Hefter.
»Ein Buch haben Sie auch geschrieben!«
»Ja.«
»Na hörn Sie mal! Ein echtes Buch! Das ist doch eine Leistung!«
»Klar. Hat sich sogar so gut verkauft, dass ich jetzt hier sitzen muss!«
Die Kursfrau seufzte.
»Passen Sie auf, Herr Herrmann.« Sie schlug sich beherzt auf die Schenkel. »Wir machen mal ein Rollenspiel. Sie sind jetzt bei mir zum Vorstellungsgespräch.«
»Na gut«, sagte ich. »Für welchen Job?«
»Dürfen Sie sich aussuchen.«
»Okay, dann Lehrer!«
»Interessant. Wieso Lehrer?«
»Würd ich mich nie drauf bewerben.«
Alle kicherten.
Die Kursfrau räusperte sich. »Also, Herr Herrmann, Sie haben da eine ganz schöne Lücke im Lebenslauf. Was haben Sie denn von 2005 bis 2007 gemacht?«
»Mhm«, sagte ich, »kennen Sie Jumanji?«, und beglückwünschte mich innerlich zu dieser gelungenen Pointe.
»Ju… was? Kenn ich nich’.«
»Nicht so wichtig.«
»Okay. Herr Herrmann, wo sehen Sie sich in fünf Jahren?«
»In fünf Jahren? Auf Ihrer Seite des Tischs!«
»Nee, nee, das geht nicht.«
»Challenge accepted.«
»Na gut, Herr Herrmann, ich könnte Ihnen ein unbezahltes Praktikum anbieten.«
»Nee«, sagte ich.
»Aber Herr Herrmann, wir sind ein multinationales Unternehmen!«, rief die Kursfrau. »Wir sind an der Börse! Bei uns haben Sie Aufstiegschancen! Es ist gut möglich, dass wir Sie nach dem Praktikum übernehmen.«
»Ach herrje!«, rief ich. »Und ich Idiot hab mich hier als Lehrer beworben!«
Der dürre Mann musste lachen.
Die Kursfrau hüstelte: »Dann müssen Sie vielleicht mal in den sauren Apfel beißen?! Ein Praktikum, das geht doch auch vorbei.«
»Nee, danke.«
»Warum denn nicht?«
»Weil ich, wenn’s danach geht, schon körbeweise saure Äpfel gegessen habe. Und selbst wenn es für mich funktioniert, löst es ja nicht das Problem an sich!«
»Na, aber denken Sie doch mal an sich!«
»Ich will aber nicht bei irgendwas mitmachen, was ich kacke finde!«, rief ich. »Wenn alle dagegen sind, aber trotzdem mitmachen, dann ändert sich doch nichts. Also muss doch wenigstens mal jemand anfangen!«
»Ja, aber doch nich’ Sie!«
»Unbezahlte Praktika, so was gibt es doch nur, weil es genug Dumme gibt, die den Quatsch tatsächlich mitmachen!«
»Und viele werden dann am Ende übernommen!«
»Meinetwegen, aber es ändert nichts daran, dass es auch einen Teil gibt, der nicht übernommen wird. Und einen noch größeren Teil, der es sich nicht mal leisten kann, ein halbes Jahr unbezahlt zu arbeiten! Wer ist überhaupt auf den Unsinn gekommen? Ich geh doch auch nicht zu ’nem Auftragsmörder und sag: ›Also, Geld haben wir erst mal nicht eingeplant, aber es ist ja auch ’ne fantastische Erfahrung für Sie! Da können Sie Ihr Gewehr mal in einem großen Unternehmen ausprobieren!‹«
Die Friseurin und der dürre Typ applaudierten.
»Genau!«, rief der Fensterbauer.
Einen Moment herrschte Ruhe.
»Sie fühlen sich hier ganz schön überlegen, oder?«, fragte die Kurstante.
»Ehrlich gesagt fühle ich mich hier eher minderwertig«, sagte ich.
Die anderen nickten.
»Herr Herrmann, ich versuche doch nur, Ihnen zu helfen.«
»Ich weiß«, sagte ich. »Und Sie persönlich sind ja auch nicht schuld! Aber Sie reproduzieren ein System von Geld, Macht und Arbeit, mit dem ich nicht einfach einverstanden sein will. Und irgendwo muss ich ja schließlich mal anfangen, nicht mitzumachen.«
Zufrieden lehnte ich mich zurück. Der Fensterbauer, die Friseurin und der dürre Typ nickten mir anerkennend zu.
Die Kursfrau verzog das Gesicht. »Herr Herrmann, was erwarten Sie sich eigentlich von diesem Seminar?«
Ich zog einen Zettel aus meinem Hefter und hielt ihn in die Luft: »Eine Unterschrift würde mir reichen.«
Eine Stunde später stand ich vor meinem Haus, in der Hand die unterschriebene Teilnahmebescheinigung für meine Fallmanagerin. Und noch einen Zettel, der besagte, dass meine Bezüge für drei Monate um 30 Prozent gekürzt würden.
Ich wollte gerade aufschließen, als ein kleiner, runder Mann neben mir auftauchte, hinter ihm standen vier Polizisten.
»Tach«, sagte er, »Beitragsservice.«
»Sie meinen GEZ? Gebühreneinzugszentrale?«
»Wir haben das umgedreht«, sagte er. »Klang alles zu negativ. Service klingt viel positiver!«
»Aber zahlen muss man trotzdem?«
»Jaaa«, sagte er. »Aber jetzt dürfen Sie müssen. Service!«
»Na, herzlichen Glückwunsch.«
»Kennen wir uns nicht irgendwoher?«
»Nee«, log ich.
»Wir wollen zu Herrn Herrmann«, sagte einer der Polizisten und hielt einen Zettel in die Luft.
»Pfändungsbescheid«, sagte ein anderer.
Ich schluckte.
»Na, der wird sich freuen«, sagte ich.
»Und Sie?«, fragte der runde Mann.
»Ich, öh, ich komm gar nicht aus Leipzig«, log ich, grüßte und lief zur Straßenbahn.
2.
»Aaaalso, wenn ich hier sitze«, meine Mutter rannte aufgeregt um den Tisch herum, »ähm, dann könntest du ja da sitzen, und der Antreh da drüben, und dann wär hier frei für …«
»Nee, nee«, rief meine Tante. »Ich könnte ja hier, du da, und hier wär dann noch …«
Ich seufzte. Alle im Restaurant hatten längst aufgehört zu essen und folgten stattdessen gebannt der neuesten Folge der Familie-Herrmann-Comedyshow mit dem Titel »Familie Herrmann versucht, sich beim Osteressen ganz normal zu benehmen«. Wahrscheinlich würden die Leute sogar Eintritt dafür bezahlen, sich Jahr für Jahr immer am Ostersonntag die Premiere unseres neuen Stücks anzuschauen.
»Neeee«, rief meine Tante, als sich meine Mutter direkt neben sie setzte, »du musst noch zwee rücken!«
Entnervt zog ich einfach den nächstbesten Stuhl heran und setzte mich.
»Antreh!«, brüllte meine Mutter. »Du bringst alles durcheinander, lass mich mal da hin!«
»Nee, ich könnt ooch«, sagte meine Tante. »Oder die Oma!«
Meine Mutter, meine Tante und meine Oma Emma rannten wie angestochen um den Esstisch herum und versuchten, den optimalen Sitzplatz für sich zu finden. Dieser zeichnete sich dadurch aus, dass neben ihm zufällig zwei Plätze frei blieben, auf denen, so ihrer aller Hofnung, meine Cousine und ihr anderthalbjähriger Sohn würden sitzen können.
»Ist doch scheißegal, wo wir sitzen!«, knurrte ich. »Wir sind doch eh nur kurz zum Essen hier. Dann sitzt ihr halt mal nicht neben dem Kleinen.«
»Es geht nicht immer alles nur um den Kleenen«, rief meine Tante, während sie versuchte, den feixenden Leuten am Nachbartisch einen freien Stuhl wegzunehmen.
»Braucht ihr noch ’n bissl Musik? Wollmer Stuhltanz machen?«, entgegnete ich entnervt.
»Du, Antreh, wir sind hier im Restorong, du kannst dich ruhig ma’ benehmen!«, sagte meine Mutter.
An den Nachbartischen wurden die ersten Handys gezückt, um dieses Spektakel für die Ewigkeit oder wenigstens den Quatsch Comedy Club festzuhalten.
»Sie kommen!«, kreischte meine Tante und drängelte sich an meiner Mutter vorbei, sodass zwischen ihr und mir die ersehnten zwei Plätze frei blieben.
»Eyyyy!«, rief meine Mutter.
»Mutter, wir sind hier im Restaurant!«
Seit der Geburt meines Großcousins hatte sich alles verändert. 28 Jahre nach meiner Geburt hatten meine Cousine und ihr Freund meinen Plan vom langsamen Aussterben unserer Familie heimtückisch durchkreuzt, und es schien, als würde sich in den Reihen meiner Verwandten mit einem Mal ein schier unendliches Potenzial an aufgestauter Kindersehnsucht entladen. Meine Tante schien längst die menschliche Sprache verlernt zu haben und rief stattdessen fast ausschließlich »BUBUBU«, meine Mutter hatte sich in den Kopf gesetzt, alle Wolle der Welt zu kaufen und daraus jedes nur erdenkliche Kleidungsstück zu filzen, auf dass der kleine Mensch schon von Geburt an wie ein elender Hippie herumlaufen möge.
Naja, und die Sache mit meinem Opa Ludwig eben.
»Ihr Lieben«, sagte meine Oma. »Wie schön, dass wir alle noch mal zusammengekommen sind, auch wenn der Opa …«
»BUBUBUBUBU!«, schrie meine Tante das völlig entsetzt blickende Kind an.
Das darf doch wohl nicht wahr sein, dachte ich.
»JA, WO ISSER DENN? WO ISSER DENN?«, bläkte meine Mutter quer über den Esstisch.
»Wenn du die Hände vor deinen Augen wegnehmen würdest, dann wüsstest du auch, dass er direkt vor dir sitzt!«, rief ich und zeigte auf das Kleinkind.
»GUCK MAL, WAS ICH DIR FÜR EINE FEINE FILZMÜTZE GEFILZT HABE!«, meine Mutter zerrte einen grün-gelb-blauen Spitzhut aus ihrer Tasche, den sie offenbar auf einem ganz fiesen LSD-Trip gebastelt hatte.
»HIER«, kreischte sie, »SETZE MA’ OFF!«
Meine Cousine grinste entschuldigend und stülpte dem Kind den viel zu großen Hut über.
Sofort begann es zu weinen.
»UIUIUIUIUI, WER WEINT DENN DA?«, bläkten sie alle gleichzeitig.
Meine Güte, dachte ich. Was war mit diesen Menschen bloß los? Hatten sie das alles auch bei mir gemacht? Hatte ich mich nur deshalb zu dieser lebensbejahenden, von Glückseligkeit getränkten Persönlichkeit entwickelt, weil man mich als Kleinkind wie einen Vollidioten behandelt hatte?
»Aaaah, die Familie Herrmann!«, freute sich die Kellnerin, als sie unser Essen brachte und wandte sich an den Kleinen: »Na, hier is’ ja jemand Neues am Tisch! Och ja, is’ immer schön, wenn die Familie größer wird, hö?«
»Naja, der Opa …«, sagte ich und bekam unterm Tisch sofort einen Tritt von meiner Mutter.
Meine Oma sah betreten auf ihren Teller. Mit einem Mal sah sie sehr klein aus, so als hätte sie der Gedanke an meinen Opa in sich zusammensinken lassen. Sie blickte wortlos auf ihren Teller. Der Kleine fing an zu schreien.
»Was hatter denn?«, fragte die Kellnerin.
»Soweit ich weiß, müssen Sie BUBUBU machen, sonst versteht er das nicht!«
»BABABABABA!«, schrie meine Tante.
»Antreh, gibst du der Oma mal ein Taschentuch?«, sagte mein Vater.
»BUBUBU?«, fragte ich.
»Kannst du dich nich’ eenma’ normal benehmen?«, zeterte meine Mutter, die sich den Filzhut mittlerweile einfach selbst aufgesetzt hatte.
»Könnt ihr euch nicht einmal normal mit dem Kleinen unterhalten?«, fragte ich.
»Halt mal eben«, sagte meine Cousine und reichte mir den Jungen.
»Nee, nee«, sagte ich abwehrend. »Aber er kann sich ja bei mir melden, sobald er 17 ist, dann können wir gern mal ’n Bier trinken gehen.«
Meine Oma hatte Tränen in den Augen.
»OCH OMA, GUCKE MA’! WIE SÜSS ER SEIN HAPSI PAPSI ISST!«, schrie meine Mutter, während der Kleine mit der flachen Hand auf seinen Teller schlug und ihrer Bluse eine Ladung Brei verpasste.
Eilig hantierte meine Tante auf ihrem Teller herum.
»BUBUBUBU!«, machte sie und reckte ein monströses Stück Fleisch über den Tisch.
»Nee, nee«, sagte meine Cousine. »Der kann das noch gar nicht kauen.«
»Ach, das macht nichts«, erklärte meine Mutter und steckte sich ein Stück Fleisch in den Mund. »Das könnwer vorkauen!«
»Untersteht euch!«, kreischte ich. »Hier wird überhaupt nichts vorgekaut!«
»BRRRRRR«, machte meine Tante und ließ ihre Gabel durch die Luft gleiten, »GLEICH KOMMT DAS FLIEGERCHEN!«
»Nee, nee, lieber nich’«, sagte meine Cousine.
»Ach was, das hamm wir beim Antreh früher ooch immer so gemacht«, sagte meine Mutter.
»IHR HABT WAS?!«, brüllte ich.
»Naaaa, ist da jemand ein bisschen eingeschnappt, weil er jetzt nicht mehr der Jüngste in der Familie ist, hä?«, flüsterte meine Tante mir zu.
NEEEEIIIIN!, dachte ich und antworte: »Quatsch!«
»Was machst du jetzt eigentlich so, Antreh?«, schaltete sich meine Cousine ein.
»Dies, das«, sagte ich und rollte mit den Augen.
»Der Antreh ist noch in der Orientierungsphase«, sagte meine Mutter, die noch immer den Filzhut trug.
»Mal gucken«, sagte ich. »Der Maik hat letztens irgendwas erzählt. Vielleicht schau ich mir das mal an.«
»Und dann arbeitest du hier?«, fragte meine Tante.
»Hoffentlich nicht«, sagte ich und deutete auf meine Oma, die zum wiederholten Male in ihr Taschentuch schnäuzte. »Ich find das übrigens richtig scheiße, was ihr hier macht.«
»Was machen wir denn?«, fragte meine Tante mit einem Schulterzucken.
»Ihr tut so, als ob überhaupt nichts wär!«
»Ja, was is’ denn auch?«
»Genau das is’!«, erwiderte ich und stand auf, um zu gehen. »Hier, Oma, du musst BUBUBUBUBU machen«, sagte jemand hinter mir.
Ich drehte mich um. Meine Oma versuchte zu lächeln. »Gebt mir mal Geld«, sagte ich. »Ich geh schon mal zahlen.«
»Orrr is’ das schön mit so’m Kleenen, hä, Herr Herrmann?«, sagte die Kellnerin. »So wenn die Familie größer wird, schön is’ das, na?«
»Naja, sagen wir, sie ist wenigstens gleich groß geblieben.«
Verständnislos sah mich die Kellnerin an, dann sah sie zum Tisch, zählte kurz durch und schaute wieder auf mich.
»Ha!«, machte sie, als sie begriffen hatte. »Der Opa?« Sie deutete eine Kopf-ab-Geste an.
»Nee«, sagte ich und überlegte, wie ich ihr am unkompliziertesten den Platzwechsel erklären konnte, der sich in meiner Familie vollzogen hatte. Wie seltsam gleichzeitig das passiert war. Der eine kam neu dazu, und der andere vergaß von einem Tag auf den anderen, wer er war. Der eine wuchs und wurde von den Verwandten mit »BUBUBUBU!« angebrüllt, der andere durfte neuerdings nicht mal mehr aus dem Heim, weil er auf halbem Weg vergaß, mit wem er überhaupt unterwegs war, und es deshalb für eine spontane Entführung hielt. Und wie gleichzeitig meine komplette Familie versuchte, sich mit übertriebener Kinderliebe über den Fakt hinwegzutrösten, dass es sich absolut beschissen anfühlte, was hier gerade passierte.
Mit großen Augen sah mich die Kellnerin an. Ach, dachte ich, sie wird’s eh nicht kapieren.
»Okay, ja«, sagte ich und machte ebenfalls die Kopf-ab-Geste.
»Ha! Sein Se nich’ traurich, Herr Herrmann. Wissen Se, meine Oma wurde damals als unsere Katze wiedergeboren.« Na prima, dachte ich, jetzt hamm wir auch noch die örtliche Esoterik-Tante erwischt. Wahrscheinlich holt sie gleich noch ein paar Räucherstäbchen und Energiesteine, und dann geht’s ab.
»Willkommen in diesem neuen Leben!«, verkündete die Kellnerin, nachdem wir zurück am Tisch waren und sie den Kopf des Kindes mit ihren Händen umschlossen hatte.
»Was’ denn mit der los?«, fragte meine Mutter, noch immer den Filzhut tragend.
»Das sollte niemand fragen, der herumläuft wie Professor Dumbledore«, sagte ich mürrisch.
»Hä?«, machte meine Mutter, aber ich war schon auf dem Weg zum Auto.
3.
Die ganze Fahrt über hatten meine Oma, meine Tante und meine Mutter von nichts anderem als dem Kind gesprochen.
Langsam gingen wir den Gang entlang. Die Türen der meisten Zimmer standen offen. Darin saßen grauhaarige, zusammengekauerte Menschenhäufchen, meist vor dem Fernseher oder mindestens genauso starr vor dem Fenster. So oder so war das Programm ähnlich langweilig.
Schon als wir aus dem Aufzug gestiegen waren, hatte ich von Nase- auf Mundatmung umgestellt.
Als wir noch im Neubaublock gewohnt hatten, da hatte in der Wohnung direkt neben dem Eingang eine alte Frau gewohnt, an deren Wohnungstür ich wegen des unendlich beißenden Geruchs auch immer nur durch den Mund geatmet hatte. Der Nachbarsjunge hatte gesagt, dass so der Tod riechen würde und dass dagegen nur Durch-den-Mund-Atmen helfen könne.
Wir kamen vorbei am Aufenthaltsraum, in dem ein paar Schwestern damit beschäftigt waren, mit ein paar Patienten irgendwelche Kartenspiele zu spielen, vorbei an der alten Frau im Rollstuhl, deren Rücken so krumm war, dass ihr Kopf fast auf den Oberschenkeln lag, und die sich mit ihren dünnen Armen ausschließlich rückwärts durch den Gang zog.
Die Tür von Zimmer 15 war nur angelehnt, ich klopfte.
»Herein!«, rief mein Opa.
Meine Eltern, meine Tante, meine Cousine und die anderen zögerten.
»Frohe Ostern!«, sagte ich, als ich hineinging.
Mein Opa saß im Anzug auf seinem Bett. Vor ihm lag ein mit einem Gürtel fest verschnürtes Bündel Hemden, davor stand ein gepackter Koffer.
»Gut, dass Sie mich abholen«, sagte mein Opa und sah auf sein Handgelenk. »Die sind alle völlig verrückt hier!«
»Ich weiß nicht, ob das draußen so viel anders is’«, sagte ich und dachte an unser Mittagessen.
Wie immer war mein Opa total overdressed und blickte mich freundlich an.
»Na, Opa Ludwig?«, sagte ich, um ihm ein wenig auf die Sprünge zu helfen.
»Ach, ihr, ja! Tach schön, Tach schön!«, sagte er und wollte mir die Hand reichen, aber ich umarmte ihn stattdessen.
»Guten Tag«, sagte mein Opa zu dem kleinen Jungen und streckte ihm seine Hand hin.
Er reagierte nicht.
»Is’ aber nich’ sehr freundlich, das Kind«, sagte er kopfschüttelnd.
Ich nickte. »Endlich jemand, der mich versteht.«
»Ja, das ist wichtig«, sagte er und sah wieder auf sein Handgelenk. »Sag mal, wann werd ich eigentlich abgeholt?«
Ich seufzte. »Das dauert noch.«
»Ach so, na klar«, sagte er, und ich konnte sehen, dass er schon nicht mehr wusste, was er überhaupt gefragt hatte.
Meine Oma trat einen Schritt auf ihn zu. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und fuhr ihm mit der anderen übers Gesicht. Dann gab sie ihm einen Kuss auf die Wange.
»Uiuiui«, lachte er. »Guten Tag, junge Frau. Schön, Sie kennenzulernen. Herrmann mein Name, Ludwig.«
Sofort standen meiner Oma die Tränen in den Augen.
»Komm, Oma, wir gehen mal kurz raus«, sagte meine Tante und sie verschwanden auf dem Gang.
»Was hatse denn?«, fragte mein Opa.
»Nichts«, sagte ich und hängte meinen Mantel auf. »Alles gut.«
Sein Zimmer war vollkommen kahl. Kein Bild, keine Blume, die Schränke leer. Natürlich hatten alle versucht, es so wohnlich wie möglich zu gestalten, aber es nützte nichts, denn über Nacht wurde alles immer ordentlich in den Koffer verfrachtet oder mit einem Gürtel zusammengebunden, weil mein Opa fest davon überzeugt war, bald abgeholt zu werden.
»Sooo«, sagte er, »jetzt müsste eigentlich auch gleich der andere kommen.«
»Welcher andere?«, fragte meine Mutter.
»Na, der hier mit im Zimmer wohnt! Da hängt doch sein Mantel!«
»Ach Opa, das is’ Antrehs Mantel!«, sagte meine Mutter und lachte.
Mein Opa verzog das Gesicht, und ich bemerkte, wie unangenehm es ihm war, schon wieder, ohne es zu wollen, Quatsch erzählt zu haben.
»Ja, ich hätte ja auch mal fragen können, bevor ich da einfach so meinen Mantel hinhänge«, sagte ich.
Ich ging ins Bad, um mir die Hände zu waschen. Die Zahnbürste, der Rasierer und das Parfum landeten komischerweise nie im Koffer. Dafür prüfte er beinahe minütlich, ob sein Ausweis noch in seiner Brusttasche steckte und ob sich in seinem Portemonnaie noch genügend Geld befand. Das Allerwichtigste jedoch war die Uhrzeit. Wenn ihm schon alles durch die Finger rann, so musste er wenigstens immer wissen, wie spät es war. Mein Vater lehnte neben der Badtür, starrte an die Decke und blinzelte seine Tränen weg.
»Hast Glück«, sagte ich, als ich zurück ins Zimmer kam. »Sind alle vorbeigekommen, wegen Ostern.«
Der Blick meines Opas hatte sich völlig verändert. Seine Augen irrten umher und es sah aus, als wäre er ganz plötzlich Jahrzehnte jünger und würde all das zum ersten Mal sehen.
»Ich muss dann auch mal langsam zum Bus«, sagte er. »Meine Eltern warten bestimmt schon, und ich muss doch noch die Hühner füttern.«
»Is’ Feiertag«, sagte ich. »Heute kommt kein Bus.«
»Ja, klar«, sagte er. »Wie sieht denn unser Haus jetzt aus?«
»Das weiß ich nicht«, sagte ich.
»Warst schon lange nicht mehr da, hm?«
»Hmm.«
Er sah sich um.
»Is’ aber leer. Wie lang bin ich hier schon?«
»Noch nich’ so lang«, log ich und überschlug im Kopf, dass es jetzt ungefähr drei Monate waren. Die Schwestern sagten, er wäre einer von denen, die nie ankommen würden. Einer, der immer annehmen würde, irgendwohin zu müssen. Zuerst war es die Wohnung meiner Großeltern gewesen, doch bald schon wollte er nur noch zurück in sein Elternhaus, das es schon seit 50 Jahren nicht mehr gab.
»Ich hab heute noch gar nicht«, nuschelte er.
»Was hast du heute noch nich’?«, fragte ich, während meine Mutter begann, die Klamotten zurück in den Schrank zu sortieren.
Er dachte nach.
»Ich hab heute noch gar nich’ geschaukelt«, flüsterte er.
»Ist Ostern, da macht die Schaukel-Liga grad Pause.«
Er nickte. »Stimmt, klar!«
Er sah mich an. Das heißt, eigentlich untersuchte er mich. Stück für Stück fuhren seine Augen über jeden Zentimeter meines Gesichts, immer in der Hoffnung, es würde sich in seinem Kopf doch noch irgendeine passende Erinnerung an meine Nase, meinen Mund oder meine Augen heften lassen. Er suchte und suchte, aber er fand nichts und verließ sich deshalb auf eine der Fragen, von denen er instinktiv wusste, dass beinahe jeder eine Antwort auf sie hatte.
»Wie läuft’s mit der Arbeit?«, fragte er.
»Ja, wie immer«, antwortete ich.
»Wird nich’ alle, oder?«
»Nee.«
»Ach, ich würd ooch gern was arbeiten. Mir is’ immer so langweilig.«
»Kein Problem. Du kannst für mich arbeiten. Montag geht’s los, acht bis 17 Uhr, eine Stunde Mittagspause, ich zahl sogar Mindestlohn.«
Wieder begann er zu grinsen.
»Nee, nee«, sagte er. »Ich meinte, ich brauch Beschäftigung. Gearbeitet hab ich lang genug!«
»Was hast’n gearbeitet?«, fragte ich.
Er überlegte, tastete nach seinem Portemonnaie und sah mich an, ohne zu wissen, dass ich ihm gerade eine Frage gestellt hatte.
»Was hast du gearbeitet?«, fragte ich noch mal.
»Hm. Ich glaube, hauptsächlich zu viel!«
Er schob den Ärmel seines Jacketts ein Stück zurück und sah auf sein Hangelenk. Erst jetzt bemerkte ich, dass er gar keine Uhr mehr trug.
»Was ist denn mit der Uhr passiert?«, fragte ich.
»Ja«, sagte er. »Das is’n Ding.«
»Du brauchst doch ’ne Uhr. Guck mal in deine Tasche!«
Er blickte an sich herab und versuchte herauszufinden, was ich gerade gesagt hatte.
»Guck mal da in die Tasche«, sagte ich und zeigte auf seine Hosentasche.
»Ja«, sagte er und zog seine Uhr heraus. Das Armband war sauber durchgeschnitten.
»Was ist denn da passiert?«, rief ich.
»Tjo«, sagte er und sah mich mit großen Augen an, so als ob ihm bereits dämmerte, dass er es vermutlich selbst gewesen war, der in irgendeiner Rage mal wieder das Armband zerschnitten hatte. So wie er manchmal alles zerschnitt, was ihm in die Finger kam. Meist hatte ich ein neues Portemonnaie dabei, das ich im Zweifelsfall gegen sein zerfleddertes tauschen konnte.
»War das wieder der andere?«, fragte ich.
Mein Opa sah mich an. Sein Blick war vollkommen klar geworden. Er sah auf seine Hände, so als sei er nach einer langen Nacht gerade wieder zu sich gekommen.
»Ach, André«, sagte er. »Ich weeß manchmal gar nich’ mehr, was los is’. Ich steh morgens auf, und mittags weeß ich nich’ mehr, was es zum Frühstück gab. Ich les fünfmal dieselbe Seite in der Zeitung und dann … is’ alles weg.«
»Hier«, sagte ich, während ich meine Uhr vom Handgelenk löste. »Gib mal deinen Arm her. Jetzt weißt du wenigstens wieder, wie spät es is’.«
»Wie geht’s eigentlich meiner Emma?«, fragte er. »Ich würd sie so gern mal wieder sehen.«
»Das glaub ich.« Ich traute mich nicht, ihn anzulügen und ihm zu sagen, dass es bestimmt bald so weit sein würde.
»Na, Herr Herrmann? Wie geht’s uns denn heute?«, kam es plötzlich von der Tür ins Zimmer.
Eine Schwester kam hereingetippelt und stellte sich direkt vor meinen Opa.
»Na, da hat aber jemand viel Besuch! Hat da jemand viel Besuch? Hat da jemand viel Besuch?«
Mein Opa sah sie verwirrt an.
»Können Sie damit bitte aufhören? Mein Opa ist kein Idiot.«
»Das freut mich, wenn Ihr Opa kein Idiot ist«, sagte mein Opa.
»Ich hab ihm ’ne neue Uhr gegeben«, erklärte ich der Schwester.
»Schneidet er eh durch«, gab sie schulterzuckend zurück.
»Na und? Dann kriegt er noch eine.«
»Na, wenn Sie meinen.«
»Passen Se mal off«, rief meine Mutter. »Und wenn ich dem fuffzig Uhren hier hinlege und Ihnen sage, dass Sie ihm ’ne neue ummachen, wenn er eine zerschnitten hat, dann machen Sie ihm gefälligst ’ne neue um. Hammwerunsdaverstanden?«
Die Schwester schluckte. »Natürlich«, antwortete sie kleinlaut und wandte sich zum Gehen. »Frohe Ostern.«
»Das hilft mir ooch nich’«, rief meine Mutter.
Mein Opa lächelte. »Alle verrückt hier.«
»Jup«, sagte ich, »aber Mutter regelt das schon.«
»Naja, mach’s hübsch«, sagte mein Opa, als wir wenig später vor dem Fahrstuhl standen, der uns wieder nach unten bringen würde.
»Mach’s gut, Opa«, sagte ich.
Meine Oma war schon längst wieder unten. Es würde vermutlich noch eine ganze Weile dauern, ehe sie es verkraften würde, dass die Krankheit zwar nicht seine Liebe zu ihr, dafür aber ihr Bild in ihm ausgelöscht hatte.
Der Aufzug pingte, alle stiegen ein.
»Moment«, rief mein Opa, als ich gerade die Türen-schließen-Taste drücken wollte.
»Ja?«
»Wann werd ich eigentlich abgeholt?«
»Heute noch nich’«, sagte ich.
4.
Es war Dienstag.
Ich lag auf der Couch im Haus meiner Eltern und blätterte in einem der Bücher, die meine Mutter zufällig im Schrank gefunden und die, wie sie mir nach dem Osteressen mehrmals versichert hatte, auf gar keinen Fall eine Anspielung auf mich sein sollten, auch wenn sie so tolle Titel trugen wie: Von der Berufung zum Beruf – Finde den Job, der dich glücklich macht oder Der Seelen-Navigator – In sieben Schritten zu deinem wahren Lebensplan.
Ich sah auf die Uhr. Es war noch über eine Stunde, bis Maik kommen würde, um mich zu diesem Bauernhof zu fahren, auf dem er angeblich einen Job für mich klargemacht hatte. Oder so ähnlich. Meine Katze saß vorm Fernseher und schaute hoch konzentriert eine Sendung über Zugvögel, als plötzlich das Telefon klingelte.
»Ja, Herrmann?«, sagte ich.
»Harald?«, brüllte meine Oma Traudel.
»Nee, Oma, hier ist André.«
»Ach Junge, du klingst ja am Telefon wie dein Vater.«
»Ein Wunder der Genetik«, sagte ich. »Was gibt’s denn?«
»Und ich wundere mich schon, wieso dein Vater zu Hause is’!«
»Ja, Oma, was gibt’s denn?«
»Ich hab’s sogar schon bei deiner Mutter auf Arbeit probiert! Bist du zu Hause?«
»Nee, ich steh mit dem Festnetztelefon im Supermarkt.«
»Das geht?«
»Nee, das geht nich’!«, rief ich. »Oma, ich muss eigentlich gleich los. Was gibt’s denn?«
»Ach, nüscht«, sagte sie. »Ich wollt nur mal horchen!«
»Wegen Abholen«, hörte ich eine Frauenstimme im Hintergrund.
»Wie Abholen?«, fragte meine Oma.
»Darf ich mal?«, sagte die Stimme, und es knisterte in der Leitung.
»Praxis Dr. Mumm hier. Herr Herrmann?«
»Ja.«
»Das ist ja ein Zufall, dass wir Sie tagsüber zu Hause erwischen.«
»Der Junge hat keene Arbeit!«, rief meine Oma im Hintergrund.
»Selbstständig«, sagte ich.
»Können Sie ja nichts für«, sagte die Frau.
»Aber wie soll er ooch was finden, das geht ja alles sofort an de Ausländer!«, hörte ich meine Oma ihr Lieblingsthema erörtern: den Untergang des Abendlandes.
»Und, was gibt’s?«, fragte ich.
»Die Frau Weiß, also Ihre Oma, lässt fragen, ob Sie sie vielleicht abholen könnten.«
»Naja«, sagte ich, »eigentlich muss ich bald los und …«
»Und de Merkeln schmeißt denen das Geld entgegen!«, rief meine Oma.
»So isses!«, »Ja, genau!«, hörte ich einige Stimmen im Hintergrund.
»Und ’s Bargeld wollnse uns wegnehmen, damit mer nich’ mehr nachzählen können!«, rief meine Oma.
»Ich dachte, Sie haben keine Arbeit?«, sagte die Frau und legte auf.
Frechheit, dachte ich und zog mich an.
Zehn Minuten später hielt ich vor der Arztpraxis. Auf der Treppe stand meine Oma Traudel, die Handtasche in fester Umklammerung.
»Na, Oma, wie geht’s?«, rief ich und hielt ihr die Autotür auf.
»Ach Junge«, meine Oma winkte ab, »unsereins wartet doch nur noch, bis es vorbei is’.«
»Ja, mir geht’s auch ganz gut«, sagte ich. »Einfach nach Hause?«
Meine Oma stieg ein. »Du kannst nachher, wenn se den Opa vom Orthopäden bringen, da kannste mit Schweinemedaillons essen! Von heute früh!
»Ach, ich muss eh nach Hause. Ich hol mir einfach bei euch gegenüber ’n Döner.«
»Haaaaaaaaaaah!«, machte meine Oma. »Du weißt aber schon, dass die da in die Soße …«
»Dass die da was?!«
»Jaaajaaa«, sagte sie, »das is’ Fakt!«
»Mann, Oma«, seufzte ich. »Der Dönerladen is’ da schon seit 20 Jahren! Da war das Gesundheitsamt bestimmt schon tausendmal.«
»Naja«, sagte meine Oma, »ich weeß ja nich’, wie der sein Geld verdient!«
»Mit Döner vielleicht?«
»Ja-ha, das denkst du! Hasch!«
»Wie, Hasch?«
»Jaaaaa!«
»Ja, was ja?«
»Jaaaaaja! Des wissen die schon, wie das geht!«
»Ja, und wenn du das weißt, dass die Hasch machen, dann zeig sie halt an!«
»Pah! Damit die mir die Wohnung anzünden!«
»So’n Quatsch.«
»Na klar! Die kommen doch jetzt alle. Und alle kriegense ’s Geld von uns!«
In diesem Moment klingelte mein Handy.
»Ja, Herrmann?«, sagte ich.
»Harald?«
»Nee, hier ist André.«
»Ach, Antreh!«, rief meine Mutter.
»Ja, wessen Handy haste denn angerufen?«
»Du klingst am Telefon wie dein Vater!«
»Hör ich zum ersten Mal.«
»Du, kannst du mal deine Oma Traudel anrufen?«
»Wieso?«
»Die hat mich grad angerufen.«
»Das is’ ja interessant!«, sagte ich. »Die Oma Traudel sitzt neben mir.«
»Die lassen’s sich hier gut gehen und schicken die Hunderter nach Hause!«, rief meine Oma.
»Ah ja«, sagte meine Mutter, »ich hör’s.«
»Und unsereins«, rief meine Oma, »der kriegt nüscht vom Staat!«
»Du kriegst doch Rente, Oma«, sagte ich.
»DU KRIEGST DOCH RENTE, OMA!«, brüllte meine Mutter.
»Mutter, die Oma hört dich nich’!«
»Mach mich ma’ off laut!«
»Nee, komm, is’ doch egal.«
»Mach mich ma’ off laut!«
»Die hassen Deutschland!«, rief meine Oma.
»Du hasst doch ooch Deutschland!«, rief meine Mutter. »Mutti, das sind alles Menschen, die da kommen. Meinst du, die machen das aus Spaß?!«
»Na, die Terroristen off jeden Fall!«, rief meine Oma. »Die sprengen sich aus Spaß!«
»Können wir mal bitte damit aufhören?«, schrie ich. »Ist ja furchtbar.«
»Ja, aber die Oma will’s ooch nich’ verstehen!«, brüllte meine Mutter.
»Ich versteh mehr, als euch lieb is’!«
»Mutti, überleg doch mal! Ihr musstet nach’m Krieg auch von zu Hause fliehen. Und eure eigenen Leute, wie hammse euch empfangen?«
»Wie Dreck hammse uns behandelt. Angespuckt hammse uns.«
»Siehste«, sagte meine Mutter. »Und nur, weil das hier alles Idioten waren, willst du nicht einen Funken besser sein.«
»Ja«, sagte meine Oma.
»Na, vielen Dank auch«, schrie meine Mutter und legte auf.
Ein paar Sekunden lang herrschte Ruhe.
»Könnwer los?«, fragte ich, ohne eine Antwort zu erwarten.
Da klingelte mein Handy erneut.
»Mutter, is’ gut jetz’!«, knurrte ich.
»Hallo?«
»Es rei-heicht!«
»Hier ist Hübscher aus der Schulstraße!«
»Ach, hallo Herr Hübscher.«
»Ist das der Harald?«
»Nee, André!«, rief ich.
»Ach, Antreh! Mensch, Junge! Du klingst ja am Telefon wie dein Vater!«
»Ja-ha! Was ist denn?«
»Und ich dachte, ich sprech mit’m Harald!«
»Ja«, seufzte ich, »was gibt’s denn?«
»Du, ich wollte dich ma’ was fraren!«
»Ja, was denn?«
»Sare ma’, du weißt doch, wo deine Oma wohnt!«
»Ja, ich weiß, wo meine Oma wohnt.«
»Gut.«
»Und?«
»Was und?«
»Ja, war das jetzt die Frage?«
»Welche Frage?«
»Na wegen der Sie angerufen haben!«
»Ach so, nee. Also, was ich fraren wollte.«
»Ja, was denn?«
»Sare ma’, hast du ’n Schlüssel für die Wohnung von der Oma?«
»Ja, wieso? Die sitzt auch hier neben mir.«
»Wer is’n dran?«, rief meine Oma.
»Der Herr Hübscher«, sagte ich.
»Och, Hans, das ist aber schön!«
»Traudel, hallo!«, rief Herr Hübscher.
»Herr Hübscher«, sagte ich. »Ja?«
»Ich hab ’n Schlüssel.«
»Ja, na weil wir bräuchten den ma’!«
»Ja, aber wieso denn?«
»Ja, na weil’s brennt.«
»Wie, es brennt?«
»Es brennt?«, rief meine Oma.
»Na, Feuer!«, rief Herr Hübscher.
»Ja, warum sagen Sie das nich’ gleich?«
»Jetz’ isses so weit!«, rief meine Oma und schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Jetz’ greifense an!«
»Geben Se ma’ her«, hörte ich plötzlich eine andere Stimme, und das Telefon wurde weitergegeben. »Hier, also, beeilen brauchen Se sich jetz’ mit dem Schlüssel ooch nich mehr. Wir brechen die Tür so oder so off!«
Zehn Minuten später hielten wir vorm Haus meiner Oma. Auf der Straße standen zwei Feuerwehrautos, an der Hauswand parkte ein Leiterwagen. Zwei Feuerwehrleute mit Atemmasken und Sauerstoffflaschen kletterten gerade aus dem Küchenfenster meiner Oma, während dunkle Rauchwolken in den Himmel stiegen.
Es sah aus, als hätte meine Oma ihre Wohnung in die Luft gesprengt, um in Zukunft in einem Abbruchhaus zu leben und mit ihrer gespaltenen Persönlichkeit überall im Land Fightclubs zu eröffnen.
»Haaaaaaa«, machte meine Oma, als wir einen dritten Feuerwehrmann sahen, der etwas Metallisches an einem geschmolzenen Plastikgriff aus der Wohnung trug.
»Wohnen Sie hier?«, fragte er, als er bei uns angekommen war.
Meine Oma nickte.
»’n Herd hat ’n Ausschalter«, sagte er und hielt uns einen verkohlten Topf hin.
»Oh, oh«, sagte ich. »Die Ausländer haben’s Mittagessen angezündet, weil sie Schweinefleisch hassen!«
»Orr nee nee nee nee nee!«
»Is’ ja nix passiert. Könn’ Se sich bedanken bei dem Herrn von gegenüber, der hat angerufen«, sagte der Feuerwehrmann und zeigte in Richtung des Dönerladens.
Meine Oma seufzte, ich musste lachen.
»Wenn du rübergehst«, sagte ich, »für mich bitte einmal mit Kräutersoße und ohne Tomaten.«
5.
Wir standen auf einem Parkplatz irgendwo in der Pampa.
»Trink erst ma’ ’n Schluck, Aldr!«, rief Maik und hielt mir eine Bierflasche entgegen.
»Hast du ’ne Macke, es ist zehn Uhr morgens!«, rief ich.
»Oah, Antreh, du bist viel lustiger, wenn du betrunken bist.«
»Du bist auch viel lustiger, wenn ich betrunken bin«, sagte ich und sah aus dem Beifahrerfenster auf das große Gutshaus zu unserer Rechten. »Was sag ich denn da drin?«
»Pff, nüscht. Der Dirk weiß Bescheid. Hab’m alles von dir erzählt.«
»Kommste nich’ mit rein?«
Maik winkte ab. »Bei de Irren hier?«
»Na gut«, sagte ich und stieg aus.
Ich lief durch das große Tor mit der Aufschrift: Langenstedt. Anthroposophische Sozialtherapie für Menschen mit besonderem Hilfebedarf. Alles war tadellos saniert. Nicht weit entfernt gab es eine Scheune, einen Stall und etwas weiter weg standen die Wohnhäuser.
»Viel Spaß bei de Kloppis«, brüllte Maik aus dem Auto und lachte.
Wenn das mal eine gute Idee ist, dachte ich und ging weiter.
Auf einer Bank saß ein Mann, er hielt sich den Oberarm, sein Hemd war aufgerissen und seltsam rot gefärbt.
»Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«, fragte ich.
»An deiner Stelle würd ich rennen!«, sagte der Mann und starrte mich an.
Kopfschüttelnd betrat ich das Gebäude.
»Tschuldigung, ich soll mich hier beim Dirk melden«, sagte ich zu einer kleinen Frau mit blutiger Hand, die mir entgegenkam.
»Ja, ja, komm ich ooch grad her«, sagte die Frau. »Einfach ’n Spuren folgen, könn’ Se nich’ verfehlen.«
Na prima, dachte ich und begutachtete die Tropfen und Schlieren auf dem Boden. Vielleicht, dachte ich und sah auf meine Hände, vielleicht war ich doch noch nicht bereit für einen Termin beim Dirk.
Ich bog um eine Ecke, ein kleiner Wartebereich voller Leute auf schmalen Bänken, an einer Seite eine Bürotür.
»Morgen«, sagte ich.
»Fotze!«, rief ein vielleicht 50-Jähriger und lachte, ehe sein Lachen in einem brachialen Hustenanfall endete.
Ich setzte mich auf einen freien Platz.
»Nächste«, rief eine Stimme aus dem Büro.
Eine Frau mit wuscheligen Haaren erhob sich und schritt bedächtig Richtung Tür. Auf ihrem Oberschenkel eine prächtige Bisswunde. Mitten im Gang blieb sie stehen, breitete die Arme aus und verkündete: »Ich hab heute schon gefickt!«
»Halt doch dein Maul, Bettina«, rief ein Typ mit Winterjacke und verstrubbelten Haaren, auch sein Bein hatte etwas abbekommen.
»Alle behindert hier!«, brüllte ein Typ in Latzhosen, ehe er sich mehrmals mit der flachen Hand gegen den Kopf schlug.
Stoisch blickte ich nach vorn und versuchte, einen Punkt an der Wand zu fixieren. Was soll das eigentlich alles, dachte ich, als mich jemand von der Seite antippte. Ich sah nach rechts, es war ein riesiger Typ mit Glatze und Bomberjacke, und er schaute mich mit leerem Blick an.
»Entschuldigung, ich würd dich jetz’ gerne umhaun!«, sagte er. »Hä?«
»Ich mein, würd’s dir was ausmachen, wenn ich dich jetz’ umhaue?«
»Äh, ja?«
»Na gut, dann sorry!«
Irritiert drehte ich mich weg. Wirklich alle verrückt hier, dachte ich. Ein paar Sekunden vergingen. Plötzlich wieder ein Tippen auf meiner Schulter.
»Aber is’ ooch mein Jeburtstach heute!«, erklärte der Bomberjackentyp.
»Ja, und? Ich will das aber nich’!«
»Hm«, der Typ ließ nicht locker, »das hat jetz’ ooch nüscht mit Wollen zu tun. Des passiert eenfach!«
»Nee, hab ich aber keinen Bock drauf!«
»Schau dich um«, er machte eine ausladende Geste in den Gang, »alle hier sind dafür!«
Ich sah mich um. Die Hälfte der Leute popelte, die andere Hälfte schlug sich mit der Hand gegen den Kopf oder murmelte irgendetwas Verrücktes vor sich hin. Das Einzige, das alle einte, waren ein paar fiese Bisswunden.
»Sieht aber nich’ so aus«, sagte ich.
»Krichst trotzdem eene!«, rief der Typ und stand auf.
»Herr Herrmann?«, kam es aus dem Büro.
Ein Glück, dachte ich und sprang auf.
Im Büro herrschte ein heilloses Durcheinander. Dutzende Akten stapelten sich hüfthoch auf dem Boden. Am Fenster saß eine kleine Frau und wickelte eine Mullbinde um den Arm von Bettina.
»Hi«, sagte ich, »ich bin André, ich soll mich hier beim Dirk vorstellen.«
Auf dem Schreibtisch vor mir begann es zu rascheln, dann schob sich ein Kopf zwischen den Akten hervor. Der zugehörige Mann trug eine dieser runden Nickelbrillen und ein Set dieser komischen Klamotten, bei denen man nie so richtig wusste, ob die Flecken jetzt Batik oder zwei, drei Wochen ohne Waschmaschine bedeuteten.
»Hi, ich bin der Derdirk«, sagte der Kopf.
»Hi Dirk«, sagte ich.
»Nein, nein, Derdirk!«
»Dirk, sag ich ja.«
»Nein, nein, ich heiße Derdirk.«
»Der Dirk?«
»Derdirk«, korrigierte er. »Man darf das nicht so oft sagen, sonst hört es sich komisch an.«
»Na, nicht erst dann«, murmelte ich.
»Was?«
»Derdirk«, sagte ich.
»Genau, Antreh!«
»Weißt du, ich heiß eigentlich André, nicht Antreh.«
»Hä?«
»Ach nichts.«
»Setz dich, setz dich«, rief Derdirk und deutete auf einen Stuhl. »Der Maik hat mir schon alles von dir erzählt. Wie lang warst ’n im Gefängnis?«
»Im Gefängnis?«
»Na, wegen der Motorradgang und der Schießerei. No offense und so, ich find das spannend!«
»Ach, der Maik«, sagte ich. »Der verdreht immer alles, weil er so viel Heroin nimmt.«
»Ja, ja, kenn ich! Kenn ich! Und du willst hier arbeiten?«
»Naja«, sagte ich. »Also, ich weiß grad nicht so recht, was ich machen soll. Mein Opa ist jetzt in so ’nem Heim, und ich wär da grad gern in der Nähe. Aber wenn ich bei meinen Eltern wohne, dann werd ich verrückt. Die nerven mich die ganze Zeit wegen Arbeit und …«
»Arbeit is’ scheiße«, unterbrach mich Derdirk.
»Joa«, sagte ich.
»Aber bis zur Revolution bleibt einem halt auch nix anderes übrig, oder?«
»Also, ja, nee.«
»Außer man entzieht sich der Marktlogik! Und hilft vielleicht noch jemandem!«
»Mhmhm.«
»So wie wir!«, rief Derdirk strahlend. »Unser ganzer Hof is’ autark. Wir machen alles selber. Wir hamm Kühe, Schweine, ’n Acker und ’n Garten. Und was übrig bleibt, verkaufen wir an Supermärkte!«
Derdirk riss die Arme in die Luft und begann hysterisch zu lachen. Die Neonröhren an der Decke begannen zu flackern und einen Moment lang erinnerte ich mich an die Verletzten auf dem Gang. Mir wurde unwohl. Was, wenn Derdirk gleich eine Machete auspacken würde?
»Und das Ding is’«, deklamierte Derdirk, »bei uns arbeiten fast nur Behinderte und Schwererziehbare. Bei uns sind die Nicht-Behinderten in der Unterzahl.«
»Mensch, behindert sagt man nicht!«, rief die kleine Frau am Fenster.
»Ja, ja«, sagte Derdirk, »Menschen mit besonderem Hilfebedarf. So wie Bettina!«
»Ich bin behindert!«, rief Bettina.
»Stört’s dich, wenn ich rauche?«, fragte Derdirk.
»Nee«, sagte ich, »ich rauch selber.«
»Ah super«, sagte er, griff in seinen Schreibtisch und warf einen faustgroßen Beutel Gras auf den Tisch. »Kannst du bauen?«
Aha, dachte ich, alles selber produziert und so.
»Naja«, sagte Derdirk, »ich will auch gar nicht zu tief bohren, was deine Situation grad is’ und so. Ihr habt da ja sicher so einen Ehrenkodex bei euch in der Gang.«
»Äh, naja, also wegen der Gang …«
»Is’ schon okay. Ich find das spannend! Kannst gern hier mithelfen. Wenn der Maik sagt, du bist cool, dann bist du cool. Kriegst sogar ’n Zimmer. Geld gibt’s leider nicht so viel. Aber«, er deutete auf den Beutel vor sich, »vielleicht können wir uns anders erkenntlich zeigen.«
Okay, dachte ich, so landet man also im organisierten Verbrechen, als plötzlich die Frau am Fenster aufsprang und zur Tür rannte.
»Mensch, Daaaniilooo!«, rief sie. »Hat er dich erwischt?«
Danilo, einer kleiner, runder Mann mit Downsyndrom, stand in der Tür und präsentierte stolz seinen blutenden Arm. Neben ihm ein Typ im viel zu großen gelben Regenmantel, der andauernd im Kreis lief.
»M-M-M-Maurice Kühe ficken!«, rief Danilo und zeigte auf den Typen im Regenmantel.
»Danilo, ich ficke keine Kühe!«, brüllte der.
Aber Danilo kicherte fröhlich vor sich hin, während die Frau begann, ihn zu verarzten.
»Was hamm die eigentlich alle?«, fragte ich.
»Die sind behindert«, sagte Derdirk.
»Nee, also ja«, sagte ich. »Behindert sagt man nicht. Ich meine, warum bluten die alle?«
»Die hamm den Beißer getroffen.«
»Den Beißer?«
»Der wohnt auch hier. Normalerweise darf der nicht raus, aber manchmal schafft er’s halt.«
»Und dann?«
»Dann beißter!«, kicherte Derdirk und steckte sich fröhlich einen Joint zwischen die Lippen.
»So, so«, sagte ich. »Und wehrt sich da keiner?«
»Der kann doch nichts dafür! Der is’ halt so!«
»Ja, aber der kann doch nich’ einfach so alle beißen!«
Derdirk zeigte auf den blutenden Danilo. »Kann er schon, hihi!«
Zehn Minuten später stand ich draußen vor dem Haus. Ich steckte mir eine Zigarette an und lief zum Auto. Ich klinkte, aber die Tür war verschlossen.
»Ey, Maik!«, rief ich. »Abfahrt!«
Doch Maik war nirgends zu sehen. Ich schaute mich um. Keine Menschenseele. Wahrscheinlich, weil in den Wohnhäusern langsam das Mittagessen serviert wurde. Dirk, pardon, Derdirk hatte gesagt, ich könne bleiben, bis sich alles für mich geklärt hat. Am Freitag solle ich mich einfach in Wohnhaus 2 melden.
Es knackte zwischen den Bäumen.
»Ey, Maik«, rief ich und drehte mich um. Fünf Meter vor mir stand ein kleiner, aber unheimlich stämmiger Typ und knirschte mit den Zähnen.
Boah nee, dachte ich, als weit hinter ihm zwei Männer in Batik- beziehungsweise Zwei-Wochen-ohne-Waschen-Klamotten auftauchten.
»Am besten den Arm hinhalten, anspannen und die Augen zumachen!«, rief der eine.
Der Beißer fletschte seine Zähne und kam auf mich zu.
Okay, dachte ich, das muss doch zu klären sein, du hast doch früher schon mit solchen Leuten zu tun gehabt, und das ging doch auch immer problemlos, die sind ja nicht blöd, mit denen kann man doch reden, man muss nur empathisch genug sein, und sagte: »Geh ma’ bitte weg!«
Der Beißer blieb stehen, schnaufte und sah mich an.
Geht doch, dachte ich, geht doch, als er zum Sprung ansetzte.
»Keene Angst, der beißt nur einmal und geht dann von alleine«, rief der andere Mann.
Dann schloss ich die Augen, spannte meinen Arm an und schlug zu.
6.
Es war Donnerstag.
Wir standen vor meinem Haus in Leipzig und rauchten.
»Aldr, wie du den Kloppi ausgeknockt hast, übelst geil, Aldr!«, lachte Maik.
»Das war ein Reflex!«, sagte ich.
»Killer-Reflex, Aldr!« Maik machte ein paar Boxbewegungen. »Was willst’n eigentlich mit der Bude hier?«
»Keine Ahnung. Will die einfach nich’ abgeben.«
»Ich würd eenfach ausziehen, kannst doch da off’m Hof wohnen!«, sagte Maik. »Hier dein Zeug nehmen, Tür zu, aridiwertschie!«
»Arrivederci!«, korrigierte ich.
»Hö? Willst schon wüller los, oder was? Ich dachte, da kommt eener wegen Wohnung angucken?«
»Jaaaa. Aber ich bleib doch jetz’ nich’ ewig da auf’m Hof! Ich muss ja danach auch wieder irgendwo wohnen!«
»Pff. Kannst ooch bei mir pennen!«
»Klar. Da freut sich die Sandy!«
»Nee, das’ der Mirko!«
»Stimmt. Man verwechselt euch ja so leicht. Ihr seid ja quasi wie eine Person!«
»Aber Zwillinge!«
»Mhmhm.«
Maik trank den letzten Schluck seines Biers und stellte die Flasche auf den Bordstein.
»Stell die mal lieber nich’ da hin«, sagte ich und nickte in Richtung des Hauses gegenüber, wo eine Oma auf dem Fensterbrett lehnte und sich bereits Notizen machte. »Die hasst mich eh schon.«
»Soll se runnerkomm’, Aldr«, rief Maik. »Die schaff ich!«
Ich schloss die Tür auf, und wir gingen ins Haus. Mein Briefkasten war erstaunlicherweise leer. Nur an meiner Wohnungstür klebte ein hübsches Polizeisiegel.
Ehrfüchtig betrachtete Maik den Klebestreifen.
»Übelst geil, Aldr«, sagte er. »Die hamm bei euch schon des neue Design!«
»Klasse«, sagte ich, riss den Aufkleber ab und betrat die Wohnung.
Drinnen herrschte ein einziges Chaos. Auf dem Boden stapelten sich die Mahnbriefe von der GEZ, im Schlafzimmer lag meine Matratze in der Ecke, im Wohnzimmer war mein Bücherregal umgekippt, und sämtliche Fächer meines Schreibtischs waren durchwühlt worden. Der Kleiderschrank lag auf dem Boden, überall verstreute Klamotten. Ach du Scheiße, dachte ich, vielleicht hatte Maik ja recht gehabt. Einfach Tür zu, nie mehr wiederkommen und hoffen, dass die GEZ keine eigenen Suchkommandos besitzt.
Wie ein kleiner Eisbrecher schlurfte Maik durch das herumliegende Zeug, öffnete das Schlafzimmerfenster und steckte sich eine Kippe an. Die Oma gegenüber notierte sich alles.
»Und wer kommt da jetze?«, fragte er.
»Klang wie so’n Ersti«, sagte ich. »Is’ mir auch ganz lieb. Die gehen einfach nur fleißig zur Uni und zahlen ihre Miete. Hauptsache, der kommt jetz’ nich’ mit seinen Eltern. Oder schlimmer noch, der kommt aus …«
»DIT IS JA GEIL, EITA!«, erklang eine Stimme in der Tür.
Orr nee, dachte ich und drehte mich um.
Im Türrahmen stand ein Typ mit Schnurrbart und Jogginghosen, die er in seine bunten Socken gestopft hatte, darüber trug er eine ausgeblichene Trainingsjacke und zum krönenden Abschluss so eine komische Mütze, die nur noch aus Schirm bestand, der zu allem Überfluss auch noch grün-transparent war.
Maik lachte.
Ich blickte zu ihm, wie er da in Cowboystiefeln, Jeanshose und halb offenem Hawaiihemd am Fenster lehnte, und verkniff mir jeden Kommentar.
»Kommst du wegen der Wohnung?«, fragte ich.
»Jenau!«, sagte der Typ, hob ein wenig Müll auf und ließ ihn begeistert durch seine Finger rieseln. »Ick bin der Stefan!«
Er betrachtete einen riesigen Fleck an der Wand: »Is’ dit geil hier!«
»Tach«, sagte ich. »André! Das is’ der Maik!«
»’s gehd’n?«, sagte Maik.
»Komm ruhig rein«, sagte ich und schob einen Haufen Briefe beiseite, »is’ bissl unordentlich!«
»Is’ dit geil!«, sagte Stefan, während er quer durch den Flur und anschließend durchs Schlafzimmer zum Fenster stakste. »Da kiekt so ’ne Oma aus’n Fenster, is’ die escht?«
»Das is’ die böse Oma«, sagte ich. »Die schreibt hier alles auf und macht immer Fotos.«
»Geil«, sagte Stefan.
»Und du kommst aus Berlin, ja?«
»Nee, nee«, sagte Stefan, »ursprünglisch komm ick aus Stuttjart.«
»So, so«, sagte ich. »Hört man ja auch irgendwie.«
»Ja, ick hab jetz’ ooch schon paar Monate in Berlin jewohnt, weeßte?«
»Ja, ja. Klar.«
»Aber Berlin is’ eenfach vorbei, wennde misch frachst. Dit sinn eenfach zu viele Leute von außerhalb mittlerweile. Triffst ja nisch ma’ mea eschte Berlina, weeßte?«
»Ja, das ist das Schlimmste. Das is’ in Leipzig ganz ähnlich. Kaum noch echte Berliner.«
»Ick bin letztens U-Bahn jefahrn. Uff eema komm so Kontrolleure rinn, wa? Und pass uff! ALLE Leute hamm’ Ticket. Alle! Eener hatte hier sojar diese Schuhe, mit die injestickte Jahreskarte, wa? Da ha’ ick jesacht, nee, dit is’ nisch mehr mein Berlin! Bin ick’ wegjezogen.«
»Ja, da freuen sich die Leute in Leipzig natürlich sehr, dass du kommst!«, sagte ich und führte ihn in die Küche.
Dort war alles noch viel, viel schlimmer. Oder anders gesagt, weitaus weniger schlimm, denn so viel, was schlimm hätte sein können, war gar nicht mehr da. Der Kühlschrank war weg, der Herd auch, selbst die Spüle hatten die netten Leute vom Beitragsservice mitgenommen.
»Küche«, sagte ich zu Stefan.
»Dit is’ geil!«, schwärmte er. »Dit is’ noch richtig escht hier!«
»Arm, aber trotzdem nich’ sexy«, erklärte Maik. »Das is’ unser Motto!«
Stefan lehnte sich aus dem Fenster. Die Oma gegenüber hatte aufgehört, sich Notizen zu machen, sondern stand jetzt mit einem Telefon am Fenster und zeigte genau auf uns.
»Geil, und dit is’ hier, wo der eene da letztens erschossen wurde?«
»Nee, das is’ die Eisenbahnstraße«, sagte ich. »Das is’ woanders.«
»Aber sonst, ooch bisschen jefährlich hier?«
»Nö. Außer du wirfst mal Papier in die gelbe Tonne, dann rasten die Rentner aus!«
»Geil! Und wie viel Quadratmeter?«
Maik schob mit dem Fuß einen Haufen Klamotten beiseite. »Wenn de bissl freiräumst, dann off jeden Fall mehr.«
»Dit is’ alles so ehrlisch hier!«, schwärmte Stefan. »Wieso jebt’n ihr so ’ne geile Wohnung ab?«
»Naja«, sagte ich, »ich arbeite grad woanders, und da brauch ich die grad nich’. Und du?«
»Ick mach so Digitalstrategie, dit jeht von überall. Habter so’n Café hier irgendwo?«
»Pff, nee.«
»Siehste! Und deshalb mag ick Leipzisch!«
»Super«, sagte ich und sah aus dem Augenwinkel, wie unten vorm Haus ein Polizeiauto hielt. Ein paar Sekunden später gesellte sich ein zweites dazu. Dann schon ein drittes.
Oha, dachte ich und führte Stefan ins Bad.
»Von mir aus kannste die Wohnung übrigens haben«, sagte ich, um die Sache abzukürzen.
»Wat zahlt’n ihr so?«, fragte Stefan.
»Ja, also, ich … ich zahl so 350.«
»Dit is’ ja nüscht«, rief Stefan.
Maik, der plötzlich hinter mir stand, hüstelte. »Weil ich off 1.000 offrunde«, sagte er.
»So isses«, sagte ich.
»Ja, dit is’ immer noch okay. Eusch zwee Süßen könnt ick eh nüscht abschlaren!«
»Wie jetz’, süß?«, fragte ich.
»Na ihr beeden seid doch, oder?«
»Nee.«
»Fjeden«, sagte Maik.
»Ick weeß«, sagte Stefan. »Ihr lasst dit eenfach so’n bissl unbestimmt, wa? Damit jeder von eusch so sein’ individuellen Freiraum jenießen kann und so. Dit is’ geil!«
»Ja, ja«, sagte ich, »geil.«
»Dit eenzig Feste, an was wir glooben, is’ Miete!«, erklärte Maik. »Nich’ wahr, Schatz?«
»Pass auf«, sagte ich und griff in meine Hosentasche. »Da nimmst du einfach schon mal den Schlüssel! Und den Rest machen wir dann per Post. Ich schick dir ’nen Untermietvertrag und dann läuft das!«
»Rischteh geil!« freute sich Stefan. »Eenfach ooch ma’ off Vertrauensbasis. Dit jib’s in Berlin nisch!«
Es klingelte.
»Ach guck«, sagte ich. »Und gleich der erste Besuch! Dann gehen wir mal, hm, Spatz?«
»Log’n, Aldr!«, sagte Maik und grüßte.
Auf der Treppe kamen uns sechs Polizisten entgegen.
»Tschuldijung! Herrmann, welcher Stock?«
Ich nickte freundlich. »Erster.«
Die Polizisten stapften weiter die Treppe rauf.
An der Haustür hielt ich kurz inne.
»Dit is’ ja geil!«, hörte ich es von oben.
»Och, nee«, rief einer der Polizisten, »’n Ausländer!«
7.
Es war Freitag.
Wie verabredet stand ich vor Wohnhaus Nummer 2 und zog an meiner Zigarette. Dirk, das heißt Derdirk, hatte gesagt, ich solle mich einfach zum Mittagessen dort melden und anschließend mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zum Stall gehen.
Aus dem Haus drang unverständliches Geschrei. Von überall her kamen Leute zu den Wohnhäusern, und immer, wenn sie mich erblickten, grinsten sie mich komisch an oder nickten mir fröhlich zu.
Keine Ahnung, was ich machen sollte. Sollte ich einfach reingehen? Man konnte doch nicht einfach irgendwo reingehen. Hallo, ich bin’s, der Antreh, was geht? Nee, nee, nee, nee, nee, dann denken die gleich, du bist ein Vollidiot, dachte ich und zog betont langsam an meiner Zigarette, als ich von Weitem eine Gestalt auf mich zustapfen sah. Je näher sie kam, desto drängender wurde der Stallgeruch und mit jedem ihrer Schritte spürte ich die Erschütterungen im Boden stärker werden. Es dauerte ein paar Sekunden, dann stand ein zäher, wettergegerbter Mann vor mir, wahrscheinlich um die 50 und komplett eingesaut.
»Hallo, ich bin’s, der André, was geht?«, sagte ich und gab mir innerlich eine Ohrfeige.
»Mhm«, machte der Mann.
»Ich soll mich hier melden, wegen Arbeiten und so.«
»Mhmhmmm«, machte er und klopfte seine verdreckten Gummistiefel ab.
»Sind Sie der, also der, naja, der, also …«, meine Güte, dachte ich, sprich’s halt einfach aus! Wobei, da wo ich herkomme, ist »Bauer« halt immer noch ein Schimpfwort. »Also, ja«, sagte ich, »also Sie sind hier der Agrarverantwortliche?«
»Mhm«, machte der Mann, zog seine Jacke aus und warf sie auf die Stiefel.
»Soll ich erst mal mit reinkommen oder so?«
»Mhm. Hast’n Beißer umgehauen, mhm?«
»Also, naja. Der … der wollte mich halt beißen!«
»Mhmhm«, machte der Bauer, klopfte sich von oben bis unten ab und ging wortlos ins Haus.
Die Tür ließ er offen, einen Moment lang zögerte ich, ob ich hinterhergehen sollte, schon stand er wieder vor mir.
»Mhm?«, machte er und sah mich fragend an.
»Ach so, ja«, sagte ich und folgte ihm.
Wir gingen durch den Flur, vorbei an der Treppe zu den einzelnen Zimmern und kamen in einen riesigen Wohnbereich. In der Ecke befanden sich eine paar Couches und ein Fernseher, auf der anderen Seite eine monströse Küchenzeile, in der Mitte ein großer Esstisch und im ganzen Raum verteilt ein paar große Säulen. Leute rannten geschäftig umher. Am Esstisch saß Danilo, der kleine Mann mit Trisomie 21, an der Fensterfront erkannte ich seinen Kumpel Maurice, der ununterbrochen hin und her lief.
»Mahlzeit!«, rief eine Frau mit langen grauen Haaren, deren Filzjacke und Ballonhosen man nicht lange anschauen musste, um sie zuverlässig in die Kategorie »Öko« einordnen zu können.
»Mhmmm«, machte der Bauer und ließ sich am Esstisch nieder.
»Aaaaaaaalso, ich hab heute schon gefickt!«, rief Bettina, die Frau mit der Wuschelfrisur, die ich schon von meinem Gespräch bei Derdirk kannte.
»Bettina, wir hamm’s kapiert!«, rief ein Mädchen mit blonden Haaren, das gerade einen großen Topf auf dem Herd umrührte.
Neben ihr stand ein dicklicher Typ mit Wattejacke und zotteligen Haaren. Ungeduldig tänzelte er mit einer Blechkanne in der Hand auf der Stelle.
»Voll«, kommandierte er und das Mädchen schöpfte eine Kelle nach der anderen in seine Kanne.
»So?«, fragte sie.
»Mehr!«, rief der Typ.
»So?«
»Mehr!«, rief er und das Mädchen füllte die Kanne bis zum Rand.
Dann zog der Typ einen Deckel aus der Tasche, stopfte ihn oben in die Kanne, sodass die Suppe an der Seite herunterlief, und trottete von dannen.
»Tach«, sagte ich. »Ich bin André. Derdirk hat gesagt, ich soll mich hier melden, weil ich drüben im Stall arbeiten soll.«
»Antreeeeh, das ist aber schön, dass du da bist! Ich bin die Siegrid«, sagte die grauhaarige Frau und schloss mich in ihre Filzarme.
»Tina«, sagte das Mädchen vom Herd. »Und du schlägst also Leute mit geistiger Beeinträchtigung, ja?«
»Wie jetz’?«
»Ach, das war doch ein Versehen! Der Antreh hat so eine schöne Aura, der macht so etwas nicht.«
Aufgeregt rannte die Filzfrau um mich herum und begutachtete mich von allen Seiten.
»Der wollte mich halt beißen.«
»Und deshalb schlägst du den dann einfach?«
»Ich hab doch …«
»Hast du nicht?«
»Meine Güte, der wollte mich beißen! Das war ein Reflex!«
»Genau«, sagte Tina. »So haben Sie uns das im Studium auch erklärt – soziale Arbeit heißt: Zuhauen ist okay, solang’s ein Reflex is’.«
»Ich hab das halt zufälligerweise nicht studiert.«
»Merkt man gar nicht«, sagte Tina.
»Der Antreh war noch nie gewalttätig, in keinem seiner bisherigen Leben, das sehe ich!«, sagte Siegrid und ich vergrößerte sicherheitshalber den Abstand zu ihr. Wahrscheinlich kannte sie sich auch bestens mit Steinen und Räucherstäbchen aus.
»Setz dich, Antreh, setz dich!«, sagte sie und deutete zum Esstisch. »Dein Zimmer oben hab ich schon fertig gemacht. Wo kommst du denn her?«
»Aus Leipzig«, sagte ich. »Also grad nicht, ich hab meine Wohnung untervermietet.«
Danilo hämmerte mit seinem Besteck auf dem Tisch herum, Maurice lief an der Fensterfront auf und ab und Bettina drehte sich neben dem Herd einfach die ganze Zeit im Kreis. Nur der Bauer saß seelenruhig auf seinem Platz und starrte ins Nichts.
Meine Güte, dachte ich und wollte mich auf einen freien Stuhl setzen.
»Oh Vorsicht, nicht da hin«, sagte Siegrid. »Da sitzt der Steffen.«
»Steffen?«, fragte ich.
»Steffen tot«, rief Danilo.
»Wie jetzt, tot?«
»Der Steffen hat das alles hier mit aufgebaut«, sagte Tina. »Is’ aber vor zwei Jahren gestorben.«
»Oh, tut mir leid.«
»Aber er kommt jeden Tag zum Essen«, schwärmte Siegrid.
Aaaalles klar, dachte ich und setzte mich auf einen anderen Stuhl.
»Wer war das eigentlich vorhin?«
»Wer?«, fragte Siegrid.
»Na der Typ mit der Kanne.«
»Ach so, das war der Knecht.«
»Gehört der auch mit zu, also …«
Tina, die noch immer am Herd stand, drehte sich um sah mich streng an. »Zu wem?«
»Naja, du weißt schon.«
»Nee, weiß ich grad nich’.«
»Na, arbeitet der hier, oder ist er …«
»Wir arbeiten alle hier!«, sagte Tina. »Der Danilo, der Maurice, ich.«
»Naja«, sagte Siegrid, »beim Knecht weiß das keiner so genau. Ich könnt mir beides vorstellen. Da musst du Derdirk fragen!«
Siegrid stand auf und ging zu Tina, um ihr bei irgendwas zu helfen.
Danilo sah mich an. »Eisenbahn!«, sagte er.
»Ja, ja, Eisenbahn«, sagte ich.
»Nimm dir ruhig schon mal ein bisschen Kefir, lieber Antreh, steht da auf’m Tisch!«, rief Siegrid.
Hatte sie Kaffee gesagt? Oder was zur Hölle war Kefir? Vor mir standen zwei große Karaffen, in der einen eine braune, in der anderen eine milchige Flüssigkeit. Ich schenkte mir ein, es schmeckte, als hätte ich draußen vor der Tür die Stiefel des Bauern abgeleckt.
»Wie schmeckt’s?«, fragte Siegrid.
»Bisschen schlammig.«
»Das ist auch Schlamm, darin züchten wir Urzeitkrebse«, rief Tina. »Der Kefir steht daneben!«
Danilo brach in Gelächter aus.
»So, Essen ist fertig«, sagte Tina und hievte den Topf auf den Tisch.
»Kann nich’!«, rief Maurice.
»Maurice, ob du dich bitte hinsetzt!«, rief Tina.
»Kann nich’!«, murmelte Maurice.
»Der Maurice muss das so machen, der muss immer an der Wand entlanglaufen«, erklärte Siegrid, die mir gegenüber Platz genommen hatte.
»Pech für Maurice, wenn der Tisch mitten im Raum steht«, sagte ich.
»Richtig witzig«, sagte Tina und hob wieder an: »Danilo, hilf mal bitte dem Maurice!«
»Eisenbahn!«, erwiderte Danilo.
»Ja, Eisenbahn«, rief Tina. »Hol mal bitte den Maurice, Danilo!«
»Tschucke-tschucke-tschucke-tschucke! Tschu-tschu!«, machte Danilo, stand auf und rangierte wie eine Lok quer durch den Raum.
Als er Maurice zu fassen bekommen hatte, hakte er ihn unter und führte ihn Richtung Tisch. Doch kurz bevor sie ankamen, bog Danilo ab und führte Maurice zu einer der Säulen im Raum.
»Orrr Scheiße, Daniilooo!«, rief Maurice und begann, wieder und wieder die Säule zu umrunden.
Danilo bog sich vor Lachen und setzte sich zu uns an den Tisch.
»Orrr Scheißeeeeeee!«, rief Maurice, der schneller und schneller wurde.
»Maurice, setz dich mal bitte an den Tisch!«, rief Tina.
»Woran denkst du gerade, Danilo?«, fragte Siegrid.
»Tschucke-tschucke-tschucke-tschucke!«, antwortete Danilo. »Tschu-tschu!«
»Maurice! Es gibt Essen!«, rief Tina.
»Orr, Scheißeeee!«, rief Maurice, er rannte wie ein Irrer um die Säule herum.
Ich seufzte, schob meinen Stuhl zurück und stand auf.
»Wo willst’n du hin, Antreh?«, fragte Siegrid.
»Jetzt schlägt er wieder zu«, sagte Tina.
Ich ging zu Maurice, wartete, bis er wieder eine Runde gedrehte hatte, hielt ihn an, schnippte mit den Fingern vor seinem Gesicht und setzte mich zurück an den Tisch.
Maurice sah mich verwirrt an.
»So«, sagte ich und hielt ihm meine Faust hin. »Jetzt hab ich deine Nase.«
Tina verdrehte die Augen, und auch ich kam mir ein bisschen blöd dabei vor.
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann ließ Maurice die Säule los und kam zu mir getrottet.
»Orrr, Scheiße!«, rief er. »Gib mir bitte meine Nase wieder!«
»Vergiss es!«, sagte ich. »Setz dich erst mal hin.«
»Orrr, bitte gib mir meine Nase wieder!«
»Hinsetzen.«
»Och büddö«, flehte Maurice.
»Ganz schön scheiße ohne Nase, oder?«
»Ganz schön scheiße ohne Nase«, heulte Maurice.
»Kannst du noch was riechen?«
Maurice schnüffelte in der Luft herum. »Nein, leider nicht.«
»Los, setz dich mal hin«, sagte ich und Maurice setzte sich.
Tina verzog das Gesicht.
»So, dann können wir ja essen«, sagte Siegrid und nickte in die Runde.
»Mhm«, machte der Bauer, stand auf und ging.
»Guten Appetit«, sagte Siegrid.
Der Bauer erschien wieder in der Tür und nickte mir zu.
»Ich … ich geh dann mal mit«, sagte ich.
»Eisenbahn!«, rief Danilo.
8.
Es war Samstag.
Als wir das Heim betraten, herrschte im Erdgeschoss ein heilloses Durcheinander.
In jedem Gang stand eine lange, festlich geschmückte Tischreihe. Auf den Tischen standen kleine Platzkärtchen. Die Pflegerinnen und Pfleger rannten geschäftig umher, um noch die letzten Servietten und Bestecke zu verteilen. Meine Mutter, mein Vater und ich quetschten uns hinter den Stühlen an der Wand entlang zum Fahrstuhl. Davor standen haufenweise Mittfünfziger und warteten darauf, in eines der drei Stockwerke transportiert zu werden.
An der Tür von Zimmer 15 im zweiten Stockwerk hielten wir kurz inne.
Man wusste nie, was für einen Tag mein Opa Ludwig gerade erwischt hatte. War es ein schlechter, dann verrückte er wütend all seine Möbel, weil er fest davon überzeugt war, dass sein imaginärer Mitbewohner ständig alles umstellte. War es ein okayer Tag, dann war der Mitbewohner urplötzlich verreist und die lichten und dunklen Momente wechselten im Zwei-Minuten-Takt. Nur an den richtig guten Tagen war mein Opa so herrlich biestig, aber auch unglaublich charmant, wie wir ihn von früher kannten. Dann und wann kehrten sogar ein paar seiner Erinnerungen zurück. Okay, er vergaß noch immer andauernd, wo er war und was das alles sollte, aber immerhin bedrückte es ihn nicht so sehr.
Ich klopfte.
»Gut, dass Sie kommen«, rief mein Opa. »Stellen Sie’s einfach da drüben hin.«
»Kriegst’n Paket oder was?«, fragte mein Vater, als wir das Zimmer betraten.
Mein Opa saß im Anzug auf seinem Bett und starrte auf den ausgeschalteten Fernseher. Die Schwestern hatten gesagt, dass sein letzter Schub dafür gesorgt hatte, dass er nachts nicht länger all seine Habseligkeiten zusammenpackte, die Krankheit hatte einfach alle Erinnerungen an den genauen Ort seines Zuhauses verschluckt. Sogar einen Strauß Blumen und ein paar Bilder an der Wand ließ er sich neuerdings gefallen. Nur der Fernseher blieb immer ausgeschaltet, weil er es einfach nicht ertrug, wenn für ihn alle zwei Minuten ein völlig neues Programm begann.
»Na, alles klar?«, rief ich.
»Da habt ihr aber Glück, dass ihr mich noch erwischt«, rief er. »Ich wollt gerade los!«
»Wo musst du denn schon wieder hin?«
»Na, nach Hause!«
»Wie, nach Hause?«
»Na, wo ich wohne!«
»Wo wohnst du denn?«
»Hm«, sagte er, ging ans Fenster und sah nachdenklich nach draußen. »Das ist ’ne gute Frage! Vielleicht hab ich ja deshalb auch noch nicht gepackt?!«
»Möglich«, grinste ich.
»Wir gehen jetzt erst mal essen«, sagte meine Mutter. »Unten ist schon alles aufgebaut.«
»Puuuh«, sagte mein Opa und sah auf seine Armbanduhr. »Ich müsste ja eigentlich los.«
»Nix«, sagte ich, »wir haben extra einen Termin mit dir ausgemacht!«
»Nee, nee, da müsst ihr leider alleine gehen. Ich habe ja kein Portemonnaie!«
»Wir hamm dir doch extra enn neues mitjebracht«, sagte mein Vater.
Demonstrativ klopfte mein Opa mit den Händen auf die völlig glatten Taschen seiner Hose.
»Ich weiß nicht, wie ich’s mache, aber ich lebe hier ohne Geld«, rief er.
Ich musste lachen.
Er hatte recht. Keine Ahnung, wie er es machte, aber wenn er nicht gerade eine Schere in die Hand bekam und anfing, das Armband seiner Uhr oder sein Portemonnaie in kleine Stücke zu schneiden, dann verlor er binnen kürzester Zeit einfach alles.
Ich griff in meine Manteltasche und zog das neue Portemonnaie heraus, das ich gemeinsam mit meinem Vater vorbereitet hatte. Damit es sich möglichst echt anfühlte, hatten wir irgendwelche alten Mitgliedskarten, ein bisschen Kleingeld und dazu ein paar 500-Mark-Scheine aus dem Monopoly-Spiel meiner Eltern hineingesteckt. Was genau draufstand, interessierte meinen Opa sowieso nicht.
»Dann nimmste das hier«, sagte ich.
Misstrauisch ergriff er das Portemonnaie und betrachtete die Geldscheine. »Ist das meins?«
»Ich glaub schon«, sagte ich.
»Ja.« Er nickte. »Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich ziemlich reich bin.«
Dann ging er zum Schrank, zog eine Schublade auf und legte das Portemonnaie hinein.
»Können wir los?«, fragte meine Mutter.
Ein paar Sekunden blieb mein Opa reglos stehen, und man konnte sehen, wie in seinem Gedächtnis gerade wieder der Reset-Knopf gedrückt wurde. Dann begann er, mit den Händen seine Hosentaschen abzutasten.
»Nee«, sagte er, »da müsst ihr leider alleine gehen, ich hab überhaupt kein Portemonnaie!«
»Bist eingeladen«, sagte mein Vater und schob ihn zur Tür.
Als meine Eltern und mein Opa auf dem Gang waren, öffnete ich die Schublade. Darin lagen drei ganze und ein zerschnittenes Portemonnaie. Im Fahrstuhl steckte ich ihm heimlich das neue zu.
Das Angehörigenessen war genauso schrecklich, wie es klang.
Die meisten Angehörigen heulten die ganze Zeit und verbrauchten ein Taschentuch nach dem anderen. Ich hasste es, wenn die Leute nichts Besseres zu tun hatten, als zu heulen. Als ob das etwas bessern würde. Neben ihnen saß meist eine alte Frau oder ein alter Mann mit krummem Rücken, grau verschleierten Augen und abwesendem Blick. Einige hatten Beatmungsschläuche oder einen Tropf dabei. Und mittendrin saß völlig deplatziert mein Opa, dem überhaupt nichts fehlte. Außer seinem Gedächtnis.
Als das Essen serviert wurde, bekam ich keinen Bissen herunter. Nicht nur, weil ich es nicht ertrug, an einem Tisch zu sitzen, dessen Gäste nur noch darauf zu warten schienen, dass es endlich vorbei war, das Essen schmeckte auch einfach grässlich.
Mein Opa nahm einen Bissen vom labbrigen Hirschbraten, kaute angewidert darauf herum und schob dann seinen Teller beiseite.
»Keinen Hunger, Familie Herrmann?«, fragte eine Schwester, die sofort herbeigeeilt kam.
»War nur sehr reichlich«, sagte ich.
»Nee, scheußlich war’s!«, rief mein Opa und begann zu lachen. »Je mehr Leute da sind, desto schlechter kochen die hier!«
»Also, ich muss doch bitten!«, rief die Schwester.
Mein Opa legte den Kopf schief. »Worum bitten?«
»Na, das kann man doch auch netter sagen!«
»Was sagen?«
Das finstere Gesicht der Schwester klarte auf, und sie winkte ab. »Ach, Sie Armer, ich weiß ja, Sie meinen das nicht so, Sie wissen ja einfach gar nicht, was Sie reden.«
»Ja, ja.« Mein Opa nickte. Die Schwester nahm unsere fast vollen Teller und ging davon. Mein Opa zwinkerte mir zu.
Wir waren schon fast an seinem Zimmer, als uns eine Schwester zu sich winkte.
»Frau Herrmann, wir müssen mal mit Ihnen reden«, sagte sie. »Ich weiß, so was hört man nicht gerne, aber wir müssen’s Ihnen ja sagen.«
Kacke, dachte ich. Hatten sie es wohl doch mitbekommen, dass mein Opa beim Mittagessen mit einem seiner 500-Mark-Scheine bezahlt hatte.
Die Schwester atmete tief ein. »Ihr Opa ist in den letzten vier Tagen wieder zweimal ausgebüxt. Hat seinen Koffer gepackt und ist los. Einmal haben wir ihn an der Bushaltestelle eingeholt, das andere Mal hat ihn die Polizei vorbeigebracht.«
»Die Polizei?«, fragte meine Mutter. »Ich denke, er packt keine Sachen mehr?«
»Naja«, sagte die Schwester, »er packt zwar nicht mehr, aber versucht trotzdem noch, nach Hause zu fahren, auch wenn er nicht weiß, wo das ist. Und der Koffer ist dann halt leer.«
Ich musste lachen.
»So witzig find’ ich das gar nicht«, sagte die Schwester. »Dem kann doch sonst was passieren!«
»Stimmt!«, rief meine Mutter. »Und es ist ja auch nicht so, als ob wir Ihnen Geld dafür bezahlen, damit Sie aufpassen, dass er hier nicht abrückt, na?«
»Hier«, sagte die Schwester und öffnete eine Schublade. Darin lagen vier durchgeschnittene Armbänder, an denen jeweils ein kleines Plastekästchen befestigt war. »Das sind seine GPS-Sender, Sie können sich ja denken, was er damit macht.«
»Tschuldigung«, sagte meine Mutter.
Die Schwester nickte. »Vielleicht könnten Sie ja doch noch mal mit ihm reden.«
Als wir in sein Zimmer kamen, verstaute mein Opa gerade das Portemonnaie unter der Tischdecke. Ich zog es wieder hervor und steckte es ihm in die Tasche.
»Opa«, sagte ich.
»Kenn ich!«, rief er.
»Du darfst nicht immer abhauen.«
»Ich hau nie ab!«
»Doch, machst du!«
»Das wüsst ich aber!«
»Opa, du kannst nicht immer alles mit Alzheimer erklären!«, sagte meine Mutter.
Mein Opa legte den Kopf schief, und ich wusste, dass er völlig klar war.
»Was erklären?«, fragte er.
»Mann!«, rief meine Mutter und begann, seine Wäsche in den Schrank zu pfeffern.
»Ehrlich mal«, sagte ich. »Wir machen uns doch Sorgen um dich!«
»Ja«, sagte er und begann, seine Hände zu kneten. »Wenn ich wenigstens ein Portemonnaie hätte!«
Wir blieben noch über eine Stunde. Zweimal versteckte er sein Portemonnaie unter der Matratze. Dreimal gab er mir die Hand, weil er dachte, wir wären gerade erst angekommen. Dazwischen erzählte er, wie er früher als Traktorist den ganzen Sommer über Straßenteile hin und her transportiert hätte. Nur wo genau das gewesen war, das wusste er nicht.
»So«, sagte mein Vater, als wir im Auto saßen, »dann holen wir jetz’ die Oma Traudel und den Opa Herbert und gucken Wohnungen an.«
»Ja«, sagte meine Mutter und schnallte sich an.
In diesem Moment öffnete jemand die hintere Autotür.
Umständlich schob sich ein Koffer zu mir auf die Rückbank, ihm folgte ein nur mit einem Hausschuh bekleideter Fuß.
»Hier«, flüsterte mein Opa und reichte mir einen 500-Mark-Schein. »Fahren Sie los! Ich muss nach Hause.«
Pulsuz fraqment bitdi.