Kitabı oxu: «Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!»

Şrift:

Andrea Charlotte Berwing

Jetzt spinnen wir um die Wette, Henriette!

Impressum

©NIBE Media ©Andrea Charlotte Berwing

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Coverbild: Hannes Berwing

Lektorat: Helge Hoffmann

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Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis:

Wüstenhimmel

Der alte Mann über dem Neubau

Krieg und Sehnsucht im Kopf

Der unheimliche Fahrstuhl

Die Schlange, der kleine Drache

Von Halle nach Berlin

Der alte Tuareg

Der kurze Weg über das Gelände des Naturkundemuseums

Autowüste

Böse Jungs

Operation Wüstenbaby

Lügen, Lügen, Notlügen

Die Wüste geht unter

Susanne

Erst mal zurück

An der Mauer Berlins

Der Drache lebt

Geheimnisse der Grenze

Sonnenallee – Arabische Straße

Der Rubin

Frauen

Lügen, Notlügen

Tod in der Wüste

Freiheit

Dämonen

Das Päckchen

Männerfantasien – Kaviar

Heimkehr – Gefängnis

Escort

Erstes Date

Henriette und Frank

Auf einem Spielplatz im Prenzlauer Berg

Frosch auf dem Kopf

Gleitgel

Armes Deutschland

Nonnenwitz

Stalken

Böse Nachbarin

Schweinsteiger vergeigt das Tor für Deutschland

Babett lädt ein

Bruderliebe

Klumpfüße, Spina bifida und Valium

Portemonnaie weg

Kleines Ego

Die lieben Ideen

Der verzauberte See

Winter Warnemünde

Ich kann nicht mehr

Interpartnership – Henriette auf dem Tablett der Vermittlung

Der Teufel auf Interpartnership lässt nicht lange auf sich warten

Immobilienmakler in Berlin

Mit Dir gehe ich überallhin

Cannes

Party bei Mephisto im Prenzlauer Berg

Schönefeld

Streit mit Verlegerin

Henriettes Kinder beim Teufel

Lea und Karstadt

AutorInnen und VerlegerInnen in Amelies Welt

Die geliebten 80er

Die 13. Fee

Lea und die Diebe

Teufelskralle

Vom Nachteil geboren zu sein

Ersatzreligion

Lea und die zwei Frauen aus dem Puff

Der Teufel und klassische Musik in Thüringen

Lea und die Müslitante, voll im Stress

Vier Tage später Meu amor

Lea – Karriere als Putze

Lea – Interpartnership Peter

Irgendwie Wut

Lea und die neue Chance verpufft?

Vom Nachteil der starken Gefühle

Der Sprung ins kalte Wasser

Zeit vergeht in Schuldmorphose

Operation X - Ein halbes Jahr später

Huren halten dicht, Ehrensache

Mephisto steigt auf – mit Hipster-Bart

Lea und Mary

Traum vom Nebeldrachen … der sie umkreist … Schreckliche Magie

Mephistos großzügiges Angebot

Jage nicht im Wohngebiet und wohne nicht im Jagdgebiet!

Milkersdorf – Swingerclub

SÉANCE MIT ALEISTER CROWLEY – das Erbe

Sardinien, Sonnenschein

Kosovo und der Skipper

Bonifacio

Schmuck in Sparkasse Schließfach

Henriette und Deep Throat

Dove sono campane sono puttame

Sursum corda

Die Schwaben laufen mit Minibäumen auf dem Kollwitzplatz herum

Das Beste kommt immer zum Schluss

Wüstenhimmel

Lea erwacht; über sich den dunkelblauen Sternenhimmel, der sich über ihren kleinen Körper legt wie eine Bärenmutter sanft über ihr Junges. Ihre Haut schimmert samten dunkel, die dünne helle Wolldecke liegt zwischen ihren Beinen zusammengerollt, eine Hand ruht unter ihrem Kopf, die andere angewinkelt auf ihrem Bauch. Die Grillen zirpen, ansonsten ist es still. Lea denkt im Moment an nichts. Ihr Gesicht wirkt sanft und entspannt, das Augenweiß leuchtet hell wie das Mondlicht, das in der Finsternis eine stille Weisheit verbreitet. Lea fühlt die wärmende Hand ihrer Großmutter auf ihrem Bauch, die sich sonst im kleinen Haus in solchen Momenten des nächtlichen Erwachens auf ihre Stirn legt. Hier und da sieht sie kleine Lichtfetzen in der Dunkelheit. Lea, ein kleines Mädchen von vier Jahren, schließt ihre Augen, um weiterzuschlafen in der Oase Bilma. Afrika.

Am nächsten Morgen wird Lea plötzlich durch laute Stimmen wach. Sie hört, wie sich beide Frauen streiten. Nana und Bernadette. Das ist ungewöhnlich.

„Ja, ich habe es getan, es ist dein Kind und sie braucht Hilfe!“, hört sie Bernadettes ungewöhnlich hart und metallen klingende Stimme.

„Nein, bitte nicht, lass die Nachricht nicht ankommen“, betet Nana, ihre Mutter, inbrünstig.

Plötzlich sind beide Frauen still. Lea kann nicht mehr weiterschlafen, trotz ihrer Müdigkeit setzt sie sich auf ihrer dünnen Strohmatte auf und reibt sich verwundert die Augen. Hat sie nur geträumt? Das alte ruinöse Gebäude, über dem ‚Bureau de Poste’ in abgenutzten Lettern steht, vermittelt nicht den Eindruck, dass der Plan der Großmutter funktionieren könnte. So hofft Nana inständig. Täglich schickt sie böse Wünsche in die Wüste und hin zum Feind, dem Postamt. Doch die Großmutter geht jetzt jeden Tag, wenn die Sonne am höchsten steht, über die trockenen Straßen, um sich nach einer Antwort zu erkundigen. Einer Antwort aus einer Welt, die ihr persönlich völlig abhandengekommen ist und mit der sie noch einmal Verbindung aufnehmen musste. Ihrer Enkelin wegen. Des Herzens wegen.

„Meine Tochter ist nicht krank, meine Tochter ist nicht krank!“ Das dunkelhaarige Mädchen hört den Satz ihrer Mutter immer wieder, und so wird ihr klar, dass es kein Traum war an diesem Morgen. Nur welche Erkrankung? Lea wundert sich. Und versucht nun immer öfter, zu den beiden Frauen hinzuhorchen. Etwas in ihr ist misstrauisch geworden. Und aufmerksam.

„Wie kannst du Ismael vertrauen, er ist ein alter Wüstendoktor, der Schlangenbisse heilen, doch keine Herzfehler erkennen kann!“, klagte Nana ihre Mutter, die Großmutter Leas, an. Die Großmutter jedoch nickt nur, ihre weiße Haut sticht immer noch hervor aus den vielen dunklen Menschen, die sie umgeben. Wenn auch ihre Aura sich den Menschen um sie herum und dem goldenen Licht der Wüste anpasst hat.

„Weißt du, Nana, du bist meine Tochter und Ismael hat uns mehrfach bei deinen Fieberphasen geholfen. Er wittert es wie ein altes Ross, wenn es eine Krankheit gibt, die er nicht heilen kann, und dein Kind, meine einzige Enkelin, braucht Hilfe. Langfristig. Ich habe ihn in meinen vielen Jahren hier Vertrauen gelehrt und ich komme aus einer anderen Kultur als du und Ismael.“

Trotz ihrer ergrauten Haare, die ihr Haupt silberweiß umrahmen, funkeln ihre blauen Augen Nana hell und klar entgegen. Nana hat die braunen Augen und auch alles andere von ihrem Vater geerbt. Nur Lea scheint ihrer Großmutter wieder entgegenzukommen mit ihren helleren braunen Haaren und den grünlich durchbrochenen, braunen Augen. Die Lippen sind genauso samtig und voll wie die von Nana, doch die Form der Augen und der Nase sind eindeutig der deutschen Linie der Großmutter zuzuordnen.

„Und diese, meine alte Kultur, die hat sich weiterentwickelt und die brauchen wir jetzt! Ich habe lange genug diese Verbindung abgeschnitten und damit einen Teil von mir selbst. Damit ist jetzt Schluss!

Lea wird die Reise antreten, wenn Gott es will. Und nicht dein Allah.“

Nana erschrickt vor der Inbrunst ihrer Mutter und reißt die Arme erschrocken nach oben. So hat sie ihre Mutter noch nie erlebt. So überzeugt und aufgewühlt zugleich.

Lea, sich plötzlich sehr verlassen fühlend, versteht, dass sie reisen soll. Weit weg. In den nächsten Tagen nimmt sie ihre Matte und legt sich näher hin zum gelben Sand. Weg vom Haus und seinen Bewohnern. Es beunruhigt sie, dass die Gespräche sich um ihre Person drehen. Sie weiß das Haus mit den Gesprächen ihrer Großmutter und Mutter einige Meter weit weg und hofft, dass die Großmutter niemals eine Antwort aus Deutschland erhält. Niemals.

Der alte Mann über dem Neubau

Der Fahrstuhl fährt höher als das Haus, in dem Henriette wohnt, Stockwerke hat. In den dreizehnten Stock. Die Tür geht auf und ein alter Mann steht vor ihr. Henriette wagt es, einen Schritt auf ihn zuzugehen. Sie bewegt ihr rechtes Bein über den Spalt, der die wackelnde Fahrstuhlkabine vor der rettenden festen Etage trennt. Der Raum ist in weiches Licht getaucht. Licht, das den sakral wirkenden Raum noch größer erscheinen lässt. Und auch den Mann vor ihr. Groß und hager wirkt er, irgendwie mächtig. Er schaut Henriette sehr ernst an. Und murmelt Worte, spricht mit dem kleinen vorsichtigen Mädchen. Henriette nimmt an den Seiten antike Säulen und alte, wie mit Mehl befüllte Säcke wahr. Sie beschleicht ein Gefühl wie aus einem Märchen. Sie befindet sich in einer anderen Zeit, kann es nicht in Worte fassen und auch nicht in Gedanken. Staunend spürt sie hier das Verschmelzen von Zeit und Raum. Er könnte ihr Großvater sein; so hätte sie ihn sich vorgestellt. Er wirkt, als käme er aus einer anderen Welt zu ihr.

Dann wacht Henriette auf. In ihrem Bett. Das Kopfkissen ist unter ihren Bauch gewühlt, die Beine sind angezogen wie in einer Embryostellung. Gelbe Vorhänge hängen vor den kunststoffumrahmten Fenstern. Dahinter ist es dunkel. Kein einziges Sternenlicht zeigt sich. Henriette schläft wieder ein. Der gelbe Wellensittich neben ihr im abgedeckten Käfig, die kleinen knopfförmigen dunklen Augen verschlossen, ist ganz still. Das weiße Tuch bewegt sich nicht. Kein Luftzug bewegt sich in dem Betonzimmer. In einem Neubau gebaut in den Siebzigern. In Halle.

Am nächsten Morgen liegt eine Feder auf ihrem Kopfkissen; sie ist gelb, wie das Federkleid von Tschibi, ihrem Wellensittich. Sie öffnet den Käfig und hängt ihm einen Hirsekolben hinein. Der Stiel ist widerspenstig und zerbricht bei dem Versuch, ihn zwischen die dünnen Käfigstäbe zu flechten. Tschibi flattert aufgeregt hin und her. Henriette hält dem Wellensittich ihre kleine Hand vor den weichen gelben Bauch, Tschibi hackt einmal mit dem Schnabel in die Hand, wie um sich zu vergewissern, ob sie auch echt ist. Dann setzt er sich darauf. Die kleinen Krallen bohren sich in Henriettes Haut. Es piekst. Sie spürt das Gewicht von Tschibi und wundert sich, wie leicht er ist. Eigentlich nicht existent. Und wie sehr sich so ein kleiner Vogel in ihr Herz hineinkatapultiert hat.

Bevor ihr Vater, der nur jedes zweite Wochenende nach Hause kam, eines Abends erst den Käfig bedeutsam aus Zeitungspapier auswickelte und dann eine kleine Pappschachtel mit Löchern, in dem der kleine Vogel sitzt, aus seiner schwarzen Aktentasche hervorzauberte, versuchte Henriette selbst Eier auszubrüten. Sie stahl ihrer Mutter Hühnereier aus dem Kühlschrank, legte sich diese im Bett vorsichtig zwischen ihre Oberschenkel. Bevor sie sich für die Schule zurechtmachte, wickelte sie die Eier in ihren Schal und ihre Mütze. Sehr gespannt lief sie nach der Schule zu den Eiern, nur noch dieser eine Gedanke. So konnte sie es kaum erwarten, nach Hause zu kommen. Doch nie, nie krabbelte auch nur ein Küken heraus. Sie hielt die Eier an ihr Ohr, horchte, Stille. Sie befühlte sie, die glatte Oberfläche, kein Schnäbelchen pochte von innen an die dünne Wand. Die weißen Eierschalen starrten sie nur leer an. Doch die Vorstellung von einem eigenen Küken aus dem Ei bewahrte sich Henriette tapfer.

Henriette nimmt Tschibi nun vorsichtig mit ins Bad und setzt den kleinen Vogel dort auf die Spiegelablage. Dann wäscht sie sich zuerst das Gesicht und schaut in den Spiegel. Es klingelt an der Tür; Henriette hört, dass ihre Mutter zur Sprechanlage geht. Es brummt und knirscht laut, als sie sie bedient.

„Kommt Henriette runter?“ Lena, ihre blonde Freundin steht unten und möchte auf den Spielplatz gehen. Henriette erkennt ihre helle Stimme sofort.

„Nein, es ist doch noch viel zu früh, Henriette darf erst ab 11.00 Uhr raus!“ Die Mutter lässt den Knopf los und geht in die Küche. Ihre Schritte sind sehr fest für so eine kleine zierliche Person. Henriette schaut sich weiter im Spiegel an; sie hat blaue Augen, stellt sie immer wieder fest. Nicht so schöne braune wie Lena.

Krieg und Sehnsucht im Kopf

Die Hände der Großmutter klopfen den Stein ab, viele Steine für das neue Lagerhaus werden es bis zum Abend. Endlich ein Häuschen für Vorräte. Oft schon ist sie erschöpft und würde sich am liebsten zum Sterben niederlegen. Doch so leicht ist das nicht; ein bisschen noch, sagt sie sich, noch ein bisschen. Lea braucht mich noch. Dann schaut sie in die Wüste hinein, die unergründliche. Sandkorn für Sandkorn, hier und da ein Kaktus, diese Kargheit, diese überwältigende Weite, das soll ihre Zukunft gewesen sein? Die Wüste ihr Schicksal?

Erinnerungen überwältigen sie. Auch in Deutschland war es karg. Vor allem auf dem Standesamt. Auf dem Schreibtisch dort. Den wird sie nie vergessen. So als wäre es heute. Genau jetzt! So sehr sind die Bilder dieser Momente in ihrem Gedächtnis haften geblieben. Das jedoch lässt sich nicht vorschreiben, welche Bilder die Seele sehen will. Dieser abgedunkelte Raum im zweiten Stock des alten Gebäudes mit den hohen Fenstern, die Eiche davor. Ihre Blätter gelb und braun zotteln im Wind hin und her. Der Stift liegt akkurat neben der Heiratsurkunde. Daneben der Brief. Das Einverständnis ihres zukünftigen Mannes. Handgeschrieben. Inmitten von Blut und Hunger und Durchhaltevermögen. Das Letzte, was sie von ihrem Geliebten sieht: den Stahlhelm. Der wusste wahrscheinlich mehr von den Tagen an der Front und ihrem Werner als sie. Und dann die bedrückende Einsamkeit, sie ist verheiratet, endlich und doch ganz allein mit ihrer stillen Sehnsucht, die überall nagt. Und sie überallhin verfolgt.

Ja, er hat Briefe geschrieben, lange Briefe, sehnsuchtsvolle Briefe. Mit seiner schönen gestochen eleganten Handschrift. Ein Herz druntergemalt, unter seine Briefe. Ein Herz. Sein Herz. Das nie zurückkommen sollte zu ihr. Lange warb er um sie, geduldig. Fast fünf Jahre lässt sie ihn zappeln, werben. Werben um sie. Um eine gemeinsame Zukunft.

Werner, ihr erster Mann. Groß ist er und gutmütig. Zu gutmütig. Zu groß. Zu stark. Er hat die Pferde beschlagen, mit Eisen gearbeitet, später an der Front mit Kanonen. Genau als sie ihn am meisten liebt, wird er ihr entrissen. Durch ein Formular. Einzug an die Front. Für das Vaterland. Auf dem Standesamt dann der Helm, Hochzeit mit dem Stahlhelm. Einsamkeit. Ihre Schönheit wird ihr zum Verhängnis, scheint ihr gerade zum Fluch zu gereichen. Denkt sie manchmal. Später.

Nach dem Tod ihres Mannes an der Front interessiert sich Heinz für sie. Er stellt ihr nach. Er versucht sie zu schlagen, als sie ihn nicht einlässt. Doch die Tür ist schneller zu, den will sie nicht. Er sieht hässlich aus in seiner Uniform, hager, zu helle Augen. Irgendwie missgestaltet in ihren Augen. Es muss etwas mit Aufrichtigkeit zu tun haben. Sie sieht immer nur Werner, auch in ihrer Wohnung. Er verblasst nicht. Die Erinnerung bleibt stark. Heinz, erbost und in seiner Ehre verletzt, lässt ein paar Monate später ihre zwei Töchter abholen. Kraft seines Amtes. In ein Heim. Sie sieht sie nicht wieder. Auf dem Formular steht Erbschaden.

‚Was für ein Erbschaden?’, überlegt sie. Lange. Es findet sich keine Antwort auf das Absurde. Das musste sie nicht verstehen. Ihre Tränen sind jetzt versiegt; es waren einmal so viele, dass sie sie der Wüste nicht antun wollte.

Dann lernt sie Bernard kennen. Er ist Deportierter, irgendwann fliehen sie in die Wüste. Über Ungarn, Paris, dann mit dem Schiff. Sie schaffen das Unmögliche. Unterwegs, erinnert sie sich, essen sie alles. Sie gehen in die Nähe von Restaurants, schnappen sich Essensreste von Tellern, wenn die Gäste sich zum Gehen erheben. Niemand wird gefragt. Dass es sie ihre Würde kosten würde, zu fragen, das ist es nicht. Die Würde, die ist erst anwesend nach dem Schmerz im Gedärm. Er Franzose, sie Deutsche. Nana wird ihr die beiden verlorenen Töchter nie ersetzen. Das weiß sie so genau, darüber ist sie nicht bitter geworden. Nein, bitter nicht. Eher noch schöner in ihrer Einsamkeit. Eine Frau, ein Wort. Eine Frau, die nichts zu verlieren hat, denn alles, was sie jemals dachte zu besitzen, wurde ihr auf grausame Art und Weise genommen. Sie weiß, wie es ist, leer zu sein. Noch ganz jung weiß sie es. Auch wenn sie sonst nicht zu den Begnadetsten gehört. Die Sprache in Bilma, zungenbrecherisch. Doch auch das. Sie wird sich verständigen. Vor allem mit ihren Lieben. Und manchmal muss sie auch gar nicht reden. Wozu noch? Allein ihre Anwesenheit genügt. Mit ihr geht niemand respektlos um. Niemand. Jetzt gibt es noch Lea. Lea. Lea. Ihr Herz. Und eine Art Frieden, der sich in ihr ausgebreitet hat, in jeder ihrer Körperzellen spürt sie eine müde Entspannung, die ihr niemand mehr nehmen wird.

An diesem schicksalshaften Morgen wacht Lea auf, als ihr Land, die Sahara schon vollends der Sonne ausgesetzt ist. Die Luft über dem Sand flirrt vor Hitze und lauter kleine Fata Morganen lassen sich, wenn die Augen dort verweilen, ausmachen. Lea sieht die Salzbrote und die noch größeren Salzkegel, die ihre Mutter gerade für ihren Vater und die anderen Männer verpackt. Sie werden in den nächsten Tagen aufbrechen, nach Timia. Noch bevor der Harmattan, der stürmische Wind aus der Sahara, der noch viele wilde Kinder hat, den Sahel mit undurchdringlichem rotem Staubnebel überziehen wird. Das Brot für die Reise ist schon gebacken, Brot und Datteln sind der unverzichtbare Reiseproviant für die Männer mit ihren hochnäsig wirkenden Kamelen. Zerklüftete Felswände in der Ferne lassen die langatmigen trockenen Wege durch die Wüste erahnen. Ihr Vater wird sich auf seiner Route an die Sterne, die die Richtung gen Westen anzeigen, halten.

„Ajuan“, begrüßt sie ihre Mutter Nana, die kaum den Blick hebt, so sehr nimmt die körperlich schwere Arbeit ihre Konzentration in Anspruch. Dann sieht Lea ihre Großmutter mit ungewohnt großen Schritten auf sich und ihre Mutter zueilen. Sie kneift die Augen zusammen, erst nach genauerem Hinsehen sieht sie Papier in der linken Hand der Großmutter flattern. Als würde es sich sträuben, mit dem Tempo der alten Frau mitzuhalten. Weit hinter der Großmutter macht sie die Silhouette einer Karawane der Kel Ewey aus, die sich durch den Sand schlängelt. Sie brauchen bestimmt noch zwei Stunden, bis sie in der Oase Bilma eintreffen.

„Nana, Nana, schau nur, heute ist es endlich angekommen, zwei Monde habe ich gewartet!“ Lea hört aus der Stimme der Großmutter große Freude heraus. Leas Herz rutscht sonst wohin, doch es schlägt nicht mehr in ihrer Brust.

Der unheimliche Fahrstuhl

„Frühstück“, ruft die Mutter, der Duft von Toastbrot macht sich in der Wohnung breit. Henriette vergisst Tschibi im Bad und geht in die Stube. Dort sitzen ihre Mutter und ihre Schwester Susanne bereits am Tisch.

„Komm, du bist schon spät dran, wir wollen anfangen.“ Immer dasselbe, denkt Henriette, fügt sich jedoch. Dann knabbert sie gelangweilt an ihrem Marmeladentoast. Das verzweifelte Kreischen des kleinen Vogels unterbricht das Frühstück, ein kleiner Körper klatscht von innen gegen die Badezimmertür und fällt mit einem dumpfen Geräusch zu Boden. Henriette lässt das Toastbrot auf den Teller fallen und rennt durch den Flur.

„Ganz langsam die Tür öffnen, sonst zerquetschst du ihn“, ruft die Mutter ihr hinterher. Henriette versucht vorsichtig, die Tür zu schieben, mit der Hand tastet sie sich um die Tür herum und nimmt den kleinen Körper des Vogels vorsichtig in ihre Hand. Sie geht in ihr Zimmer und wartet mit Tschibi auf ihrem Teppich sitzend. Es ist ganz still. Ein Luftzug bewegt den hellen Vorhang, die Mutter hat die Fenster geöffnet. Der kleine Vogel kommt langsam zu sich, bleibt aber noch ein bisschen länger in ihrer Hand liegen als nötig und schaut Henriette aus seinen kleinen lustigen Augen aufmerksam an. Dann berappelt er sich, kommt auf seinen zwei Beinen wieder zum Stehen. Henriette führt ihn mit der Hand in den Käfig und setzt ihn vorsichtig auf den mit Sand bedeckten Boden. Tschibi beginnt benommen an den heruntergefallenen Hirsekörnern zu knabbern.

Es klingelt wieder. Das wird Lena sein, denkt Henriette. Sie läuft zum Fenster und schaut weit hinaus, um unter das Vordach des Hauseinganges zu lugen. Doch sie kann nicht erkennen, ob Lena allein oder mit mehreren Freunden dort ist. Über den Sprechapparat kreischt die helle Mädchenstimme: „Kann Henriette jetzt raus?“

„Ja, ich frag sie, wenn sie möchte. Wartet bitte. Und nicht noch mal klingeln!“ Die Mutter klingt streng. Dann geht die Tür zu Henriettes Zimmer auf.

„Ich geh schon.“ Lustig hüpft sie auf einem Bein, um rasch ein Hosenbein über das andere zu ziehen. Schnell noch einen Pullunder und eine Jacke an, schon schlüpft sie durch die Wohnungstür, läuft die drei wendelförmig angeordneten Treppen hinunter und rennt durch den mit gelbem, inzwischen verschmutztem Linoleum ausgelegten Flur. Dann drückt sie den Fahrstuhlknopf. Das Fahrstuhlgeräusch hört sich weit weg an. Es dauert gefühlt Jahre, bis er ganz oben ankommt. Mit einem roten Pullover und der hellen Stoffhose bekleidet steigt sie ein und genauso langsam fährt der Fahrstuhl wieder hinunter. Neun, sechs, drei. Die Zahlen in den Knöpfen leuchten rot auf und zeigen die Stockwerke an. Wissbegierig hat sie sie schon ausgiebig studiert, die Fahrstuhlarmatur.

Bleibt der Fahrstuhl stehen, und das kommt recht häufig vor, drückt Henriette meist alle Knöpfe. Die meisten im Anfall von Panik und Angst umsonst, auch den mit den entgegengesetzten Pfeilen. Der Knopf mit der Alarmglocke, den sie meistens zuletzt drückt, befindet sich ganz unten rechts. Der löst dann den befreienden Alarm aus. Kurz darauf gibt es über die Lautsprecheranlage einen Kontakt mit dem Hausmeister. Und Henriette muss nur noch auf Toilette. Schwitz. Und das Komische ist, es wiederholt sich immer wieder auf diese Art. Immer wieder.

Diesmal kommt der Fahrstuhl ohne Unterbrechung unten an. Henriette schiebt die schwere Eisentür nach außen auf, da stehen schon Lena und ihre Freunde. Vor ihnen eröffnet sich eine Betonwüste. Die Straße vor dem Hochhaus ist noch nicht befestigt, gelber Sand liegt hier und da lose und in kleinen Bergen angehäuft herum. Kein Baum ist gepflanzt, blaue Wolken schweben über Sand und Beton. Die Kinder laufen zielstrebig zur nächsten Baustelle, die sich nur ein paar Meter von ihnen entfernt befindet.

„Wir spielen Fangen“, schlägt Lorenz vor. Die anderen stimmen zu.

„Ich beginne“, Lorenz stellt sich an eine Betonwand, hält seine Hände seitlich von den Augen und fängt mit Zählen an: „Eins, zwei, drei, …“

Er hört das Rascheln und Trappeln seiner weglaufenden und sich versteckenden Freunde. Henriette klettert über einen Holzbalken, der eine Betonwand von der anderen trennt. Unter ihr klafft ein Abgrund von vier Metern.

Warte!“, flüstert sie Lena zu, die sich knapp hinter ihr anschließen will.

Der Balken ist zu biegsam und wackelig, um zwei kleine Menschenkörper zu halten. Doch Lena muss sich auch beeilen. Paul ist gleich mit Zählen fertig. Henriette spürt, wie der Balken unter ihr nachgibt, und hält sich mit beiden Händen am Betonrand fest. Fast hat sie die rettende Betonwand erreicht. Dann spürt das blonde Mädchen, sie kann sich nicht so lange halten. Stangenklettern war noch nie ihr Ding, denkt sie in den vergangenen Sekunden. Lieber ’ne Fünf kassieren. Ihre Oberarmmuskeln ziehen sich in die Länge und schmerzen, es ist ihr unmöglich, sich an der Wand hochzuziehen. Dann lässt Henriette los. Ihrem dumpfen Aufprall folgt noch ein dumpfes Geräusch: Lena.

Henriette, noch benommen, hebt den Kopf, ihr rechtes Bein hat beim Aufkommen ein komisches Geräusch gemacht, sie spürt nichts. Noch nicht. Lena liegt ein paar Meter von ihr entfernt in einer trüben Baupfütze.

„Wo seid ihr?“, hört sie Lorenz rufen.

„Hier“, ihre Stimme kommt ihr eigenartig entfernt und schwach vor.

Sie atmet noch einmal durch und versucht es lauter.

„Hier“, es kommt keine Antwort.

Lena atmet tief durch und bewegt vorsichtig ihre Glieder. Dann macht sie die Augen auf.

„Mist“, ist das Erste, was Henriette mühsam und doch etwas lauter als zuvor hervorbringt. „So ein Mist.“ Nachdem sie nacheinander Hände und Füße vorsichtig bewegt hat, setzt sie sich auf. So bleibt sie minutenlang sitzen.

Lorenz und die anderen Freunde rufen: „Wo seid ihr?“

„Hier sind wir“, antworten Henriette und Lena im Gleichklang.

Immer noch viel zu leise. Sie hören, wie ihre Freunde sich nähern.

Die Schlange, der kleine Drache

Schlangen in der Wüste sind tückisch. Sie liegen in der Sonne und passen ihre schuppige Haut der Farbe des Sandes an. Das Licht jedoch wirft Schattierungen auf die länglichen Körper, die trügerisch sind. Mal silbrig, golden, rot mit grün auf kleinen Flächen, die Farben vermischen sich und je nach Art ihrer Bewegung, entstehen verschiedenartigste Muster. Konturen der Schlangen verwischen und lassen sie durch das flimmernde Licht der Wüste plötzlich verschwinden und genauso überraschend erscheinen. Wie unberechenbare lange Götter der Wüste. Es gibt keine Anzeichen, keine Warnung, nur eine gefährliche Stille, sollten sie züngelnd zubeißen. Lea lernt früh von ihrer Großmutter, sich vor lauernden Gefahren der in unterirdischen Gängen lebenden Wüstenbewohner zu schützen. Sie lernt Achtsamkeit. Sie lernt, sich genauso zu bewegen, dass die Schlangen gewarnt werden, sie durch das Beben der Erde Lea möglichst früh fühlen werden, um dann rechtzeitig in ihren Löchern zu verschwinden. Sie trampelt durch die Wüste; ihre kleinen Füße müssen manchmal Stiche von Kakteen oder spitzen Sandkörnern ertragen, nur um nicht leichtfüßig zu laufen. Auch das scharfkantige Gras ist nicht zu unterschätzen, überall kleine Büschel, die unverhofft genau dort wachsen müssen, wo sich Karawanen durch die Wüste bewegen. Hier lernt Lea fluchen. Ihre Schuhe rutschen oft zur Seite, sind zu kurz oder schnüren sich so unerträglich in ihre Haut, dass sie sie liebend gerne auszieht. Barfuß geht sie durch das Leben. Eine dicke Hornhaut unter den Kinderfüßen ist ihr Schutz. Zu allem Überfluss sinken die Erwachsenen manchmal knietief in den Sand der Wüste ein. Lea, leichter, nur bis zu den Waden. Und manchmal zieht ihr Vater sie hoch auf Lala und dieses Gefühl wird Lea nie vergessen, dem Himmel auf einmal so nah und der Wüstensand so weit unter ihr. Und dieser Thron zwischen den beiden Höckern, den Lala ihr bietet, lässt Lea sich einmal mehr als Königin der Wüste fühlen.

Heute, es ist Freitag, läuft sie allein in die Wüste hinein, so weit ihre Füße sie tragen, die Schlangen sind ihr heute egal. Ein kindlicher Trotz macht sich in ihr breit. Die Großmutter hat sie immer gewarnt, sollte sie von einem Schlangenwesen mit krummen Füßen träumen, so solle sie es wieder wegschicken. Sich ihm nicht hingeben. Die bringen Unglück über die Familien der Träumenden. Unglück. Lea hat nie von solchen Dingern geträumt. Kein einziges Tier hat krumme Füße. Weder die Kamele noch die Hyänen, die hungrig herumstreiften, als auch Gazellen.

Verkrüppeltes Gesträuch, davon gab es genug hier. So weit das Auge blicken konnte; vor allem in der Nähe der wenigen Wasserstellen.

Vögel haben krumme Füße, fällt Lea plötzlich ein, und Spinnen. Bringen die auch Unglück? Aber Großmutter hat ja von Träumen erzählt; nein, es kam noch keine Schlange mit krummen Füßen zu ihr. Doch das Unglück ist jetzt trotzdem über sie hereingebrochen. Sie setzt sich auf einen kleinen Hügel, wartet kurz, ob er sie trägt. Dann lässt Lea den Blick schweifen und hängt ihren Gedanken nach. Giftige Schlangen würde ihr Vater sofort töten. Bestimmt auch im Traum. Er war ihr Beschützer, konnte er sie nicht auch vor ihrem kranken Herzen beschützen? Sie hat es doch gehört, beim Gespräch, als sie heimlich lauschte. Hätte sie es doch nur nicht getan. Es ging in den Gesprächen vorher, die sie heimlich belauschte, doch nur selten um sie. Warum musste sie nur so neugierig sein. Dann wäre sie wenigstens heute nicht so unglücklich.

Plötzlich bemerkt Lea einen kleinen Schatten neben sich. Er regt sich kaum. Sie schaut genauer hin und macht ein gekringeltes kleines Etwas aus. Dann nimmt sie es in die Hand. Das Kleine ringelt sich auseinander und macht sich ganz gerade, um sich kurz darauf wieder zusammenzuziehen. Ein wenig erinnert es sie an die Schleimtierchen, die sie manchmal mit den Fischen für die Nahrung fingen. Nur eben ohne Schleim. Sie berührt die Haut, die sich ganz glatt an den feinen Körper schmiegt. Lea weiß, es ist eine Schlange, es kann nur eine Schlange sein. Klein und zart und kalt. So kalt, wie ihr ist. Um ihr Herz herum. Lea überlegt nicht lange. Kurzentschlossen nimmt sie ihren Findling mit.

Die Familie fängt langsam an, sich Sorgen zu machen. Nana läuft händeringend vor der kleinen Hütte auf und ab, die Großmutter beginnt das abendliche Feuer herzurichten und schaut immer wieder, die Hand über die Augen haltend, gen Sonnenuntergang in die Wüste. Sie horcht geübt auf irgendeinen Laut. Doch solange keine Geier in der Ferne zu sehen sind, gibt es auch keine neuen Toten. Weder Tiere noch Menschen. Und so bleibt die Großmutter im Gegensatz zu Nana ruhig. Leas Vater bringt Ziegenfleisch, das sie gekonnt auf kleine Stöckchen ziehen und über das Feuer halten. Lea wird bestimmt großen Hunger haben.

Dann sehen sie die Silhouette eines kleinen Mädchens aus der Wüste kommen. Es läuft ganz langsam, als wolle sie etwas hüten. Etwas, das ihr blitzschnell aus den Fingern gleiten könnte oder zwischen den Fingern hindurch. Der Vater runzelt die Stirn. Er braucht nichts, das seine Ruhe stört. Nichts. Er hat seinen Plan, wie sein Vater vor ihm, wie sein Großvater vor ihm, wie seine Ahnen vor ihm. Er gehört seinem Stamm an und in seinen Genen ist das Lebensbuch fest verankert in seiner natürlichen Ordnung. Die schon seit Jahrhunderten besteht und immer wieder hart umkämpft war. Sein Stamm hat schon die Sklavenzeit überlebt, Überfälle anderer Stämme, die fast an der Tagesordnung waren. Und auch die Weißen, die versuchten, das Land nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Ohne zu wissen, wie man mit Kamelen umging, wie es sich anfühlt, kurz vor dem Verdursten zu sein, was es heißt, sich gegen die rohen Gewalttätigkeiten der anderen zu schützen.

Das ging nur mit Gegengewalt. Mit Brutalität. Es war nichts Besonderes, einem Feind das Messer in die Brust zu rammen oder in den Oberschenkel, um die Hauptschlagader durchzuschneiden. Nichts Besonderes. Der Tod, der gewalttätige Gevatter birgt eine Grausamkeit, die hier zur Schöpfung gehörte. Wer ihre Schönheit sehen konnte, ihre ganz eigene Ästhetik, die Herrlichkeit des Lebens und wem die Anmut des Todes immer gegenwärtig ist, der ist seines Lebens sicher. Selbstverteidigung ist lebensbejahend. Eine hohe Energie. Freude. Wie ein unsichtbarer Beschützer und Zauberer. Und wer stark war. Wem sie sich nicht zeigte, dem zerrann das Leben auf eine seltsam schicksalhafte Art und Weise. Wie Salz durch geöffnete Hände rinnt und in Geschlossenen bleibt. Der alte Tuareg, er verkauft nicht nur das beste Salz der Erde, nein, er und sein Stamm haben die Ehre, an den Traditionen seiner Vorfahren anzuknüpfen. Auch mit der Faszination der Gewalt. Täglich werden dafür blitzende kleine Schwerter durch die Luft geschwungen, zündeln wie kleine Drachen in der Luft und vollbringen Kunststücke.

Nun bringt seine Tochter einen Drachen nach Hause. Der alte Tuareg bewegt seinen Kopf leise nach vorn. Er kann dieses kleine Reptil schon von Weitem riechen. Mit seinem untrüglichen Instinkt. Kein Kind der Wüste würde auf solch eine verfluchte Idee kommen. Einen echten lebendigen kleinen Drachen. Mit kaltem Blut und schuppiger Haut. Der Drachen als Omen. Er ruft sein Kind mit seiner ehrfurchterregenden Stimme. Sie reagiert sofort. Dann steht sie vor ihm und schaut ihn trotzig an. Sie weiß, was in ihrem Vater vorgeht.

„Mach die Hände auf, Tochter!“ Lea gehorcht. Die Schlange streckt sich sofort wieder aus. Für Lea sind die wenigen Minuten, die ihr Vater das Reptil betrachtet Ewigkeit.

„Sie misst dich, Kind. Sie wird dich solange messen, bis sie groß genug ist. Dann wird sie wissen, dass dein Körper in sie hineinpasst. Und dann wird sie dich verschlingen, mein Kind. Das ist ihr Instinkt, ihre Natur. Das ist das unausweichliche Schicksal, was dich erwartet. Nun, da sie hier ist, werden wir sie als Vertreter der Drachen ehren, doch bevor sie deine Größe erreicht, werden wir uns von ihr verabschieden müssen. Lebendig.“

Der Vater schaut ihr fest in die Augen.

„Verstanden?“

„Ja.“

Lea schüttelt den Kopf. Das ist Zustimmung. Das ist Wüste. So hat sie es gelernt. Auch wenn sie meistens sich selbst überlassen war.

Dann geht sie in das kleine Haus in ihre Ecke und nimmt eine kleine Schachtel aus ihrem selbstgebauten Holzschränkchen. Dort legt sie die kleine Schlange hinein, doch die windet sich an ihren Fingern schnell wieder in die Hand. Sie braucht Wärme. Lea legt sich in ihr Bett und hält ihr Schlangenbaby ganz nah an ihren Körper.

Nun ist es beschlossene Sache. Lea soll in ein ihr fremdes Land fliegen, für vier Monate, so ist es mit den entfernten Verwandten der Großmutter vereinbart. Die Großmutter berichtet ihr von Straßen mit geradlinig angeordneten Bäumen, großen Häusern und schönen Läden mit Blumen und Essen, vielen Anziehsachen. Von weißen Menschen, die fein und sauber angezogen sind. Berlin, dieses Wort hört sie zum ersten Mal. Berlin, Berlin. Lea konnte und kann und will sich darunter nichts vorstellen. Eine Stadt mit vielen Lichtern, eine Stadt mit Tausenden von Menschen, eine Stadt, in der die Zeit rennt. So eine Stadt muss hässlich sein, denkt sie. Viele Lichter, wozu? Hier am Rand der Wüste braucht sie abends kein Licht, Kerzen reichen. Wenn die Sonne sich senkt, möchte sie die kleinen zarten Lichter der Glühwürmchen nicht missen. Mehr will sie nicht. Keine Stadt mit vielen weißen hässlichen Menschen. Alles ist für sie hässlich, was nicht Bilma ist. Alles.

Die Großmutter wirkt nachdenklicher als sonst. Sie ist das Kind einer Deutschen und eines deutschstämmigen Franzosen, die während der französischen Besatzung 1920 zuhauf ins Land gespült wurden. Nach dem „Afrikanischen Jahr“ ging die Familie nicht zurück, zu sehr hatten sie sich an den Lauf der Wüste gewöhnt. So weiß Lea um ihre Geschichte.

„Du kennst doch Deutschland gar nicht“, hat Lea ihre Großmutter angeschrien, „wie kannst du mir erzählen, wie es dort sein soll!“

Die Großmutter schwieg und fing an zu weinen. Doch auch sie ging nach Deutschland, als sie jung war. Aus der Wüste, damals. Und wieder musste sie Deutschland verlassen, so wie ihre Mutter. Zwei Kriege. Als würde Familienschicksal vererbt. Und überall dieser Hunger, der sich in die Därme frisst. Neu verliebt im Unglück wieder in einen Franzosen. Doch das braucht Lea nicht zu wissen, sie ist noch so klein. Bewahren ist Schweigen. Bewahren ist Hüten. Bewahren ist Reinheit. Reinheit und Schönheit. Bilma ein Magnet, die Rettung. Die Zukunft vor der Vergangenheit schützen. Nur, was hat das mit ihr gemacht?

Diese Geschichte wird sie still und leise mit ins Grab nehmen, sie geht niemanden etwas an. Ihre Geschichte, für bittere und schöne acht Jahre in Deutschland bei ihrer Tante. Es fühlte sich damals wie ein Abenteuer an. Sie hat die Sprache vorher mit ihrer Muttermilch eingesogen. Vor allem, wenn ihre Mutter mit ihr schimpfte, tat sie es auf Deutsch. Dann hörte sich ihr Name Bernadette so hart an. Acht Jahre, die sie veränderten. Die ihr zeigten, es kommt immer anders, als man denkt. Wollte man planen, dachte sich der liebe Gott sofort etwas anderes aus. Seitdem denkt sie lieber nicht über die Zukunft nach. Die Zukunft, die ist launisch. Jetzt ist es Lea, die zu ihrer Tante gehen wird, um ihr Herz überleben zu können. Es gibt Lea nicht mehr viel Zeit. Sie selbst, das weiß sie, wäre beinahe dort in Deutschland umgekommen. Und sie hatte ihr Herz dort zurückgelassen. Ihr junges, frisches, unerfahrenes Herz. Lea wird nun genau in diesem Land ihr zweites Leben vorfinden.

Ihre Tochter Nana ist die erste aus der Familie, die sich hier in Bilma mit einem einheimischen Mann einließ. Die Erste. Es ist so selbstverständlich für Nana. Für die Großmutter, die selbst in Bilma ihre Kindheit verbrachte, kam das nie infrage. Sie hatte in der Liebe in blaue oder grüne Augen geschaut. So wie die Augen ihres Vaters. In das Meer wollte sie schauen, nur in das Meer und in den Sternenhimmel. Und anders wollte und konnte sie es sich gar nicht vorstellen. Und Nana? Ohne sie wäre dieses wundersame Kind Lea nicht auf die Welt gebracht worden. Manchmal braucht es nicht viel, überlegt die Großmutter, um seine Schöpfung zu rechtfertigen.

Dann besinnt sich die Großmutter. Sie richtet ihre Schultern auf und schaut Lea fest in die Augen.

„Du wirst bald nach Berlin fliegen und dann wirst du mir erzählen, wie es dort ist“, antwortet sie mit fester Stimme.

Lea geht nun regelmäßig an ihren heiligen Baum, hockt sich im Schneidersitz auf den Boden und lehnt ihren Rücken an seinen Stamm. Sie betet. Für sich, für ihre Eltern, für ihre Großmutter, für den Baum. Nicht für Deutschland. Vier Monate kann sie zeitlich nicht einordnen, für Lea ist es ein Abschied für immer, vier Monate sind eine Ewigkeit. Kurz überlegt sie zu fliehen. Doch wohin, in die Wüste? Dorthin hat sie ihren Vater, einen alten Tuareg, oft begleitet, manchmal mussten sie sogar mehrere Monate an entfernten Orten bleiben. Sie durfte sich nie mehr als drei Meter von ihrem Vater entfernen. Vor dieser Fremde hat sie Angst. Die Wüste und die fernen Handelsplätze scheinen feindlich zu sein für ein kleines Mädchen wie Lea. Das weiß sie ganz genau. Ihr sind auch die langen trockenen Wege durch endlosen Sand und die großen traurigen Augen anderer Kinder auf den verschiedenen Märkten im Gedächtnis geblieben. Außerdem ist sie ein auffälliges Mädchen, ihre Haut ist heller als die der Einheimischen und wenn Sonnenlicht in ihre Augen fällt, schimmern sie grünlich. Nur im Dunkeln wirken sie braun. Dann fällt Leas Blick auf ihre kleine Schlange, sie ist größer geworden und schaut sie jetzt aufmerksam an. Lea hat sich ihre Schachtel mit den länglich grünen Blättern der Pflanzen vom Ufer so an der Schulter befestigt, dass sie immer bei ihr sein kann. Manchmal bringt sie sie an verschiedene Orte, um ihr die Welt zu zeigen. Sie ist unverhofft anhänglich. Sie verlieren sich nie aus den Augen. Nur reden kann sie nicht mit ihr. So bleibt Lea mit ihren düsteren Gedanken allein. Ihre Heimat, ihre Eltern erscheinen ihr nun umso wertvoller, da sie ihr verloren gehen. Jeder Moment ist von zukünftigem Schmerz erfüllt in ihrer kleinen Brust.

Von Halle nach Berlin

Henriette liegt in ihrem Bett. Ihr rechtes Bein fühlt sich schwer an, es ist eingegipst. Viele Stunden verbringt sie nun allein zu Hause, der Schulweg ist noch zu beschwerlich. Tschibi, der kleine Wellensittich, leistet ihr immerhin Gesellschaft. Zusammen haben sie viel Spaß. Wenn Henriette durch die Wohnung humpelt, läuft er ihr langsam hinterher. Henriette muss vorsichtig sein, bei so einem kleinen Vogel. Henriettes Vater kommt, obwohl sie krank ist, weiterhin nur alle zwei Wochen nach Hause zu seiner Familie. Er muss arbeiten und studieren. Jetzt hat Henriette viel mehr Zeit, ihn zu vermissen. Nach vier Wochen kommt der Gips ab. Ihr Bein sieht schneeweiß aus, die Haut schuppt sich. Es fällt ihr schwer, sich wie früher zu bewegen. Außerdem erscheint ihr das rechte Bein dünner zu sein. So wie der Kontakt zur Welt. Ihre Freunde müssen sie vergessen haben, draußen lacht die Sonne, niemand besucht sie. Nun ist sie es, die bei Lena klingelt.

„Kommt Lena raus, hier ist Henriette.“ Sie steht unten an der Haustür Nummer fünf, das Bein kribbelt.

„Henriette!“, eine scharfe Stimme tönt aus der Sprechanlage in Halle.

„Ja?“ Henriette ist unsicher.

„Ihr geht nicht auf die Baustelle, versprochen!“, die Stimme des Vaters von Lena klingt bedrohlich.

„Nein, das tun wir nicht. Ich hab meinen Kreisel mit.“

„Gut, dann nimmt Lena ihren auch mit. In fünf Minuten ist sie da.“

Die beiden Mädchen begrüßen sich schüchtern, das Erlebnis auf der Baustelle sitzt noch in den Knochen. Sie laufen zusammen auf den Platz vor dem Zentrum, der mit breiten Betonplatten ausgelegt ist, auf die die Sonne knallt. Dann schlagen sie mit ihren kleinen Peitschen die Kreisel an, die sich lustig drehen. In Halle, auf einem Platz zwischen Zentrum, Sand und Neubauten.

Plötzlich ziehen sich Wolken zusammen, die vorher wie kleine Wattebällchen über ihnen dahingezogen waren. Aus der Ferne grollt der Donner. Dann bricht sich das Wasser Bahn und schlägt in Massen auf dem Boden auf. Plötzlich sind viele Kinder auf der Straße. Henriette und Lena laufen zu ihrem Haus. Rasch entledigen sie sich ihrer Sachen, es ist schwül. Die Baupfützen vor dem Haus füllen sich schnell. Henriette badet und es kommt ihr vor, als wäre sie in Bulgarien am Meer im Urlaub. Die Kinder plantschen begeistert, bespritzen sich gegenseitig und kreischen. Henriette fühlt sich wieder heimisch. Beim Abendbrot eröffnet ihr die Mutter, dass sie nach Berlin ziehen werden. Zum Vater. Susanne freut sich, Henriette schaut aus dem Fenster und den weißen Wattebällchen nach.

Der alte Tuareg

Bevor ihr Vater geht, tritt er noch zu Lea und wiegt das sich schlängelnde Tier, das sich streckt, als es in den großen Händen des Vaters liegt. Um sich dann blitzschnell wieder zusammenzukringeln. Er stellt fest, dass das Reptil ein Weibchen und schon größer geworden ist, schneller als der Vater dachte. Er runzelt die Stirn. Lea beobachtet ihn gespannt. Sie spürt die Achtung des Vaters gegenüber ihrem Findling, auf dessen Rücken sich schon gezackte Linien bemerkbar machen. Rot und schwarz. Und Gelb. Der Vater klappt den Kiefer der kleinen Schlange auseinander und befühlt die kleinen Zähne. Er drückt auf die seitlichen spitzen Zähne, aus denen sich eine Flüssigkeit absondert. Die zerreibt er zwischen seinen kräftigen Fingern. Dann legt er die kleine Schlange vorsichtig in Leas Hände, die sie schnell in der kleinen Kiste verschwinden lässt. Der Vater dreht sich um und geht. Lea sieht ihn zu seinem Kamel laufen, die Silhouette seines großen Körpers harmoniert beeindruckend mit der Größe seines Kamels Lala. Er reitet es seit vielen Jahren. Sie vertrauen sich ohne viel Tamtam. Nie lässt ihr Vater Lala in der Sonnenhitze stehen, so wie es viele andere Besitzer mit ihren Kamelen machten, bis sie durchdrehten und verzweifelt wegrannten oder ihre Besitzer bissen.

Nie bindet der Vater seinem Kamel die Beine zusammen. Immer steht in einem Eimer Wasser für Lala bereit und immer auch getrocknetes Gras und sogar Brot. Lala dankt es dem alten Tuareg mit Sanftheit und Gutmütigkeit. Und auf langen Ritten durch die Wüste mit Hartnäckigkeit und Härte gegen die gleißende Hitze. Sein Kamel kann sich durchschlagen, Sandstürmen trotzen, lange Durststrecken überwinden. Es ist zäh. Schön und zäh in der Wüste. Der Tuareg weiß, von ihm hängt dort in der gelben Unendlichkeit der Welt sein Leben ab. Und das seiner Familie. Überlebenskampf. Um nichts in der Welt würde er sein Leben tauschen wollen. Nicht mit der Moderne, nicht gegen Geld, nicht gegen Liebe. Seine dunklen Augen sind wie die eines Wolfes, sie glühen durch die Nacht, sein Blick ist dann feindselig. Und so manch ein nächtlicher Reiter durch die Wüste wagt es nicht, sich zu diesem düster und konzentriert wirkenden Mann ans Feuer zu setzen. Dann achtet der Tuareg nur auf mögliche Gefahren, auch seine Ohren nehmen jedes Geräusch wahr. Und jeder Fremde oder auch vermeintliche Freund kann hier schnell zum Feind werden. Das sagen ihm die unzähligen Geschichten, die sich die Einheimischen erzählten. Sie haben sich in den langen Nächten von Jahrzehnten, Jahrhunderten an den Feuern in der Wüste erhalten. Tagsüber arbeitet er hart, Handel betreiben, Tiere pflegen, das kleine Haus flicken. In den Fältchen seiner Haut immer den Wüstenstaub, der ewige Begleiter dieser Wildnis.

Unbezähmbar wirkt auch der sanfte, stolze Blick Lalas mit stets hoch erhobenem Kopf. Lea dankt dem Kamel oft, wenn es ihren Vater heil von den langen Touren wiederbringt, mit einer Extraportion Hirse, die sie sich selbst heimlich vom Munde abgespart hat. Manchmal gibt Nana etwas dazu. Lalas regelmäßiges Kauen nimmt sie als Danksagung. Oft auch nimmt sie eine alte verrostete Stahlbürste und kämmt das von der Sonne verblichene und struppige Fell. Es fühlt sich strohig an, trotzdem liebt es Lea, ihm geduldig durch das Fell zu streichen. Und Lala genießt es. Die langen Wimpern haben es Lea besonders angetan, stundenlang schaut sie sie an und versinkt in den sinnlichen Tiefen der dunklen großen Augen. Sie wusste, was das Kamel wusste.

Das Wüstenmädchen bemerkt, dass der letzte Blick des Vaters dem Familienradio mit dem Generator gilt. Auch sonst fällt es dem beeindruckenden Tuareg schwer, Abschied zu nehmen. Zu gerne hört er mit seiner Frau Nana und der Großmutter während der Mittagshitze Radio. Unvergesslich die Momente für Lea, wenn sich die Luft wie eine zweite Haut über alle legt und die Stimmung einen sanften Frieden verbreitet. Im Hintergrund die fröhlichen Stimmen aus dem blechernen Ding. Nun werden sie sie allein hören müssen. Mit der kleinen Schlange.

Lea schaut ihrem Vater noch lange hinterher, wie sich sein Kamel mit der Salzkarawane in der Wüste wiegt.

Der kurze Weg über das Gelände des Naturkundemuseums

In Berlin wartet eine große Vierraumwohnung auf die Familie. Susanne richtet sich sofort ihr neues Zimmer ein. Henriette ist um Tschibi besorgt. Zug. Das schlimme Wort. Hoffentlich hat sich der kleine Vogel den nicht geholt. Die Krankheit, die so ein winziges Vogelherz schnell zum Stillstand bringt. Als sie das Tuch, das sie um den Vogelkäfig gewickelt hat, hochhebt, schauen sie kleine Knopfaugen quicklebendig an. Flink hüpft Tschibi vom Boden auf die Holzstange, um an ihrem Finger zu knabbern, den sie ihrem geliebten Vogel hinhält.

Henriette bekommt einen kreisrunden Strohteppich in ihr Zimmer auf das graue Linoleum gelegt. Die gelben Vorhänge bleiben. Aus ihrem Fenster schaut sie nun auf ein altes Haus mit grauem Putz und alten, verwitterten Holzfensterrahmen. Die Fenster, die meisten ohne Gardinen, sehen leer aus. Trist. Alt. Allein. In ihnen spiegelt sich das Hochhaus, in dem Henriette nun wohnt. Der Himmel ist verschwunden, Henriette fühlt sich auf sich zurückgeworfen. Links vom Haus vor ihr erspäht sie eine große graue Wand. Keine Augen – keine Fenster – in ihr, einfach nur eine kahle Steinmauer, grau verputzt, vermörtelt, mindestens zehn Meter hoch. Ideal zum Ball spielen beschließt sie sofort. Ideal. Ideal.

Bald hat sie eine Abkürzung entdeckt. Der Schulweg führt durch die Gitterstäbe des angrenzenden Naturkundemuseums. Ihre Schultasche fliegt zuerst über den Metallzaun. Dann hält sie sich mit den Händen an den Gitterstäben fest, um die einen halben Meter hohe Metallplatte zu überwinden und einen ihrer Füße hoch in den Zwischenraum zu stecken. Nun zieht sie den Rest ihres Körpers hoch. Dann dreht sie ihre Schulter rechts herum, um mit dem Kopf voran durch das Gitter zu schlüpfen. Erst der Oberkörper, dann die Hüfte, zum Schluss die Beine. Erleichtert hüpft sie auf der anderen Seite hinunter. Geschafft. Dann schnell die Straße, die eine leichte Biegung nach links macht hinuntergelaufen und schon kommt sie über die Invalidenstraße zu ihrer Schule. Nur noch drei Minuten. Jetzt kann sie zehn Minuten länger schlafen. Zu gern liegt sie bis nach Mitternacht mit einer Taschenlampe bestückt unter ihrer Bettdecke und liest. Der stille Don, Pony Pedro, Wolfsblut, Onkel Toms Hütte.

Die Abstände zwischen den Gitterstäben werden immer kleiner oder ist ihr Körper gewachsen? Ihr Kopf darf nicht wachsen, es ist jetzt schon ziemlich knapp. Sie hüpft die Treppe hoch und kommt aufwärts zu einem großen, überdimensional wirkenden Tor mit schwarzen Ornamenten aus Metall. Nur Riesen, denkt sie, können es öffnen. Dort vergisst sie nie, ihren Hund Kuno zu streicheln. Treu und beständig sitzt er dort, egal ob es regnet oder schneit. Sein Fell glänzt in der Sonne, gusseisern. Ihre zarten Hände streicheln über seinen bronzefarbenen, kühlen, glatten Kopf. Kuno, die einzige emotional stabile Komponente in Henriettes Leben, eine Statue aus Bronze. Kuno gibt ihr Mut, die Tage in der Schule durchzustehen. Einer Schule, die zu groß ist für Henriette. So wie die Tür vom Naturkundemuseum auf sie wirkt, wie aus einer anderen vergänglichen Zeit, so wirkt auch dieses alte Gebäude auf Henriette einschüchternd. Monströse Steintreppen, in die Länge wie auch in die Breite gezogene Flure und Räume mit Fenstern bis unter die Decke. Henriette fühlt sich im Gegensatz zu der kleinen beschaulichen Schule in Halle hier verloren. Verloren in Berlin. Mit einem einzigen Freund: Kuno. Zeit. Vergeht. Still.

Es geht nicht mehr. Henriette ist zwar nach oben gekommen, beide Füße stehen fest in den Zwischenräumen der Gitterstäbe, auch ihre Schulter ist schmal genug hindurchzuschlüpfen, doch ihr Kopf will nicht, kann nicht. Sie probiert es mit der rechten Gesichtshälfte zuerst, dann mit der linken. In welche Richtung sie ihr Gesicht auch neigt, mehr nach unten oder doch ein wenig nach oben, nein, verflixt, ihr Kopf passt nicht durch. Aua, aua. Die Schultasche liegt schon auf der anderen Seite auf dem Boden. Die Stirn beine an ihrem Kopf schmerzen, doch beim besten Willen, es geht auch mit Zähne zusammenbeißen nicht. Obwohl gestern? Da ging das noch. Henriette läuft nun schnell den Weg über die Zinnowitzer Straße außen herum. Jetzt hat sie den doppelten Weg, rennt in das Gelände des Museums, um die Tasche zu holen, die noch am Boden liegt, wie sie hofft. Kurz noch wirft sie einen Blick zu ihrem Wohnhaus. Hoffentlich kommt sie nicht zu spät. Doch mit Pascal, Karsten und Tom hat sie nicht gerechnet. Die drei Jungs grinsen breit und halten Henriettes Tasche siegessicher in ihren Händen. Henriette, die gerade die Biege passiert hat, rutscht der Mut in die Hose.

„Kommst du heute Abend zum Nordbahnhof? Dann kriegst du deine Tasche.“

Die Stimme gehört zu Pascal. Henriette nickt nur, ihr Herz klopft bis zum Hals und trommelt in ihren Ohren. Pascal nimmt die Schultasche und legt sie Henriette in den Arm. Dann gehen die drei laut grölend den Weg zur Schule. Henriette wartet noch ein bisschen, dann geht sie ihnen in einem Sicherheitsabstand hinterher und hofft, sie drehen sich nicht noch einmal um, um wieder zu ihr umzukehren. Heute kommt sie zu spät. Jetzt ist es auch egal. Ihre Schritte werden von ganz allein langsam. Den ganzen Tag kann sie nur an eines denken: Dass sie dort nicht hingehen wird. Nordbahnhof. Ihre Mutter würde sie niemals abends rauslassen und außerdem hat sie Angst vor den drei Jungs.

Sie weiß noch nicht, was es ist. Es ist da, es kommt, etwas, denkt sie; und spürt sie. Eine Wut, die langsam in ihr aufsteigt. Pascal kommt sich wahrscheinlich total cool vor.

Am nächsten Tag – Henriette nimmt morgens sofort den langen Weg zur Schule am Intershop vorbei –, ist Kuno weg. Henriette schaut einmal, zweimal. Er sitzt nicht auf seinem Platz. Sie beschleicht ein unwohles Gefühl. Langsam läuft sie weiter zur Schule. Im Klassenraum – sie fühlt sich immer noch fremd – steht sie vor zwei Klassenkameradinnen, mit denen sie sich unterhält. Plötzlich spürt sie eine Hand zwischen ihren Beinen. Henriette dreht sich um und sieht Pascal. Er schaut sie dreist an, Henriette hört fremdes Lachen. Es ist ganz still im Raum. Dann ein lautes Klatschen. Henriettes Hand auf Pascals rechter Wange. Pascal entweicht das Grinsen aus dem Gesicht. Henriette sucht den nächsten Tisch, den sie Pascal vor die Füße schießt, ebenso Stühle und andere Tische. Das Klassenzimmer sieht chaotisch aus.

„Das machst du nie wieder!“

Henriette erkennt ihre eigene Stimme nicht, die bis auf den Schulflur zu hören ist. Dann sieht sie die Lehrerin im Türrahmen stehen.

Autowüste

Die Großmutter hat sich um sämtliche Papiere für Lea gekümmert. Das Visum von der deutschen Botschaft, der Nachweis über die Gelbfieberimpfung und Flugpapiere. Iris und ihr Mann Bernd aus Deutschland haben eine Bürgschaft für Lea telegrafiert. Lea versucht in letzter Zeit immer, die Geschäftigkeit der Großmutter zu ignorieren. Die Schlange hat nun einen Namen. Kleopatra. Auch die Großmutter scheint sich zunehmend für Kleopatra zu interessieren. Stundenlang schaut sie ihr zu, wie sie sich durch das Gras windet, an den kleinen Wassernischen sich entlangschlängelt, nach kleinen Insekten schnappt. Sie empfindet etwas für dieses kleine kalte Wesen. Blaues Blut wird ihnen nachgesagt, ein Reptil, Schuppenhaut und doch lebendig. Ob sie ein kaltes Herz hat, ein grausames? Wie kann ein Lebewesen ohne Gefühle leben? Existieren? Das fasziniert die Großmutter, es fesselt sie. Die grausame Schönheit der Schlange steigert sich mit jedem gewachsenen Zentimeter. Grandios. Bernadette ist fasziniert. Lea bemerkt kleine Veränderungen an ihrer geliebten Großmutter. Der Blick wird manchmal, beim Betrachten des Schlangenbabys, so nennt Lea sie manchmal noch, fast starr. Als würde das heranwachsende Gift eine hypnotische Wirkung entwickeln, eine bisher nicht gekannte Magie von einem Fluch, getarnt in majestätischem Gewand. Und je mehr diese Magie von der Großmutter Besitz ergreift, umso mehr beginnt die nun misstrauische Lea Kleopatra instinktiv abzulehnen.

Einen Monat nach dem Aufbruch des Vaters in die Wüste bringen die Großmutter und Nana sie zum Flughafen. Der Lastwagen, mit dem sie zum Flughafen fahren, kommt mit einer Stunde Verspätung vor der Post mit quietschenden Reifen zum Stehen. Staub wirbelt auf. Der Abschied von Nana und der Großmutter ist kurz. Im Flugzeug riecht es komisch. Lea fliegt von Bilma nach Niamey mit einem klapprigen Zweimannflieger. Von dem sandbedeckten unbefestigten Landeplatz holt sie ein Flugbegleiter ab und bringt sie in eine große Halle. Der nächste größere Flieger geht über Casablanca nach London, dort bringt der Flugbegleiter das kraushaarige Mädchen in einen Zwischenbereich; er hat eine kleine Matratze und eine Decke mitgebracht. Sechs Stunden später fliegt sie direkt nach Berlin.

Berlin, eine Stadt, in die sie nicht will. Das fremde Land betritt Lea allein. Die Stimmen von vielen Menschen überfordern das Kind zeitweilig, bis sie sich vorstellt, es sind die Grillen aus der Wüste. Die vielen künstlichen Lichter schmerzen zuerst in ihren Augen, dann gewöhnt sie sich daran. Nicht gewöhnen will sie sich an die vielen fragenden Blicke. Sie überlegt sich, ob es wohl daran liegen könnte, dass sie aus einem dunkleren Haus schaut als die anderen. So ist es bestimmt der Großmutter ergangen, als sie als einzige Weiße mit ihrem Mann in Bilma blieb. Je näher Lea Berlin entgegenfliegt, umso mehr fürchtet sie, wird ihr dunkles Gesicht sehr einsam in viele weiße Gesichter schauen. Sie denkt an Kleopatra, die sie zurücklassen musste und die irgendwie einen Platz in der Familie einnimmt, den sie in ihrer kindlichen Gemütsverfassung nicht einordnen kann. Eine Schlange, ein Haustier?

Lea tritt auf die an das Flugzeug herangerollte Treppe und schaut in die Ferne. Die bietet der Flughafen Tegel im ersten Moment. Sie kann das weiße flache Flughafengebäude nicht so recht von dem Hintergrund des Himmels unterscheiden, die Sonne blendet sie. Ihre Augen haben sich so sehr an das künstliche Licht in den Flugzeugen gewöhnt. Intuitiv läuft sie den anderen Menschen hinterher. Es wird schon so richtig sein. Die Stewardess, die sich sehr freundlich um sie im Flugzeug gekümmert hatte, ist nicht mehr da. Immer lächelte die Stewardess sie während der Stunden im Flugzeug an, während sie kleines Gebäck und Getränke an die anderen Gäste austeilte.

Lea versteht kein Englisch, kein Deutsch; nur Französisch, und das spricht hier niemand. Sie verständigt sich mit gelegentlichem Nicken und ihren Augen. Die freundliche Stewardess fehlt ihr jetzt, wo sie verloren vor dem Gepäckband steht. Sie wartet und wartet, die Koffer ploppen auf das Band. Ab und zu wird sie von den schnell zum Gepäckband laufenden Reisenden angeschubst, die wohl Angst haben, ihr Koffer würde von jemand anderem weggeschnappt. Dann endlich fällt ihre prall gefüllte grüne Tasche auf das Band. Sie hat die Strapazen der Reise ebenfalls unbeschadet überstanden. Lea freut sich, einen vertrauten Gegenstand zu sehen. Vor zwei Tagen hielt ihre Mutter Nana die Tasche noch in der Hand und ihre Großmutter streichelte ehrfurchtsvoll und wie bittend über den festen Nylonstoff. Ihr Vater erstand die Tasche von einem der Händler auf dem Markt, er gab dafür einen Teil der kostbaren Hirsevorräte der Familie. Dann läuft sie wieder den Menschen hinterher zum Ausgang. Merde, denkt sie. Sie geht auf die geöffnete Doppeltür zu; das Licht dahinter, eine neue Welt. Eine andere, fremde Welt. Merde, ich will zurück. Merde, hier bleib ich nicht.

Ein großes Schild, von einem kleinen dicklichen Mann gehalten, fällt ihr ins Auge. LEA in großen roten Buchstaben ist darauf gemalt. Neben dem Mann steht eine ebenfalls etwas rundliche Frau, die Haare zu einem Dutt zusammengerollt, mit freundlichen Augen. Die Augenbrauen sind etwas zu stark nachgeschminkt und um den Mund herum lässt sich ein schlecht wegrasierter Damenbart vermuten. Lea fällt das Maskenhafte an ihren Zügen sofort auf. Sie geht auf die beiden zu. Der Mann streckt ihr zuerst die Hand entgegen.

„Ich bin Bernd und das ist Iris.“ Iris umarmt Lea sofort herzlich und fest.

„Merde“, sagt Lea und bleibt zurückhaltend, die Tasche fest in der Hand, als wolle sie sofort umkehren.

Iris und ihr Mann schauen sich vielsagend an.

„Komm!“ Iris nimmt das erschöpft wirkende Mädchen an die Hand; dann gehen sie an vielen Menschen vorbei durch die großen Glastüren, die sich automatisch öffnen zum Parkplatz.

So viele Autos hat Lea noch nie gesehen. Glitzernde bunte Dächer reihen sich endlos aneinander, fast bis zum Horizont. Jetzt wird sie neugierig. Sie staunt. An einem roten Citroen bleiben die drei stehen. Bernd hält den Schlüssel in der Hand, es piept, die Autolichter blinken, dann öffnet er zuerst den Kofferraum. Dorthinein verschwindet der grüne Nylonbeutel. Dann öffnet er die rechte Beifahrertür und für Lea die hintere rechte. Lea sitzt hinten. Zu ihrer Verwunderung fährt Bernd nicht in die Stadt, sondern bald auf einer großen Straße in immer einsamer besiedelte Landstriche. Sie sind bestimmt eine Stunde unterwegs. Bald hält Bernd vor einer Dorfkirche. Draußen ist es kalt. Iris schnappt eine kuschelige Strickjacke, die neben Lea liegt, und gibt sie ihr. Die Strickjacke ist pinkfarben. Lea zieht die Jacke an, sie passt perfekt. Die Farbe ist für das Wüstenmädchen fremd, doch sie gefällt ihr. Bernd steigt zuerst aus, öffnet daraufhin den beiden die Tür. Aus dem Kofferraum holt er zwei Körbe heraus.

Bernd trägt die mit Brot und Käse, Saft und Milch befüllten Körbe, die Frauen laufen neben ihm her. Über Wiesen, angelegte Wege, Kieselsteine. Die Wiesen sind feucht, die Luft ist schwer. Die Sonne arbeitet sich gerade durch den Frühnebel. Bernd steuert auf ein kleines Waldstück zu, ein kleiner Weg schlängelt sich dorthin. Jetzt müssen sie hintereinander laufen.

Abrupt wird der kleine Weg zu einem Steg, der am Ufer eines Sees gebaut ist. Kleine hübsche Bänke sind auf dem Steg angebracht. Auf dem See ruhen sich Wildgänse aus, ihr Geschnatter erfüllt die Luft. Wenn Lea vorher lediglich erstaunt war, so ist sie jetzt begeistert. Sie beobachtet fasziniert die Wildgänse, die sich jetzt mit einem Ruck aus dem Wasser erheben und in verschiedenen Schwärmen hoch zum Himmel fliegen. Manche Wildgänse wirken verloren und füllen eilig schnatternd die Lücken in den eigenen Reihen. Lea fühlt sich im Moment wie diese Wildgänse: Schnell, einsam, aufgeregt, den Anschluss verloren, eine Lücke füllend. Nur welche?

Böse Jungs

Karsten und Tom lauern noch öfter Henriette auf, die nun den längeren Weg über die Zinnowitzer Straße nehmen muss.

„Gib mir einen Kuss!“, fordert Karsten, Tom steht daneben und wartet.

„Wie bitte?“ Für Henriette ist die Situation komisch.

Wenn sie ihre langen Haare versteckt, wird sie noch mit junger Mann angesprochen. Schmal ist sie und hochgewachsen, doch davon will sie noch gar keine Ahnung haben.

„Einen Kuss“, wiederholt Karsten und guckt ihr gespannt in ihre blaugrauen Augen. Henriette versucht auszuweichen, indem sie zwei Schritte nach hinten geht und über die Bordsteinkante stolpert.

Karsten und Tom nutzen die Situation und nehmen ihr blitzschnell den Schulranzen und die Jacke weg. Henriette wehrt sich, doch vergeblich, sie bleibt hilflos. Die beiden Jungs laufen hoch zur Habersaathstraße und werfen Henriettes Sachen auf die Straße. Ihr klopft das Herz bis zum Hals vor Angst, langsam holt sie ihre Sachen und geht nach Hause. Sie dreht sich noch mehrmals um, ob sie von den beiden Jungs verfolgt wird. Niemals bekommen die einen Kuss, ich hasse sie, denkt sie wütend.

Glücklicherweise fragt Madleen, ein großes stämmiges dunkelhaariges Mädchen Henriette, ob sie Lust hat, mit ihr nach Hause zu kommen. Ohne lange zu überlegen, stimmt sie zu.

„Los, komm!“, bekräftigt Madleen nach der sechsten Stunde ihr Angebot.

Die ein wenig verängstigte Henriette ist froh, auf diese Weise den ihr immer wieder nachstellenden Jungs zu entkommen und läuft mit Madleen mit, über die Torstraße in die Chausseestraße. Vorbei an der Tierversuchsstation, durch deren gekippten Fenster sie Hunde winseln hören. Vorbei an einem kleinen Glaskasten mit einem Polizisten darin vor einem Gebäude. Die Ständige Vertretung.

Madleen hat noch vier Geschwister, die sie neugierig begrüßen. Sie wohnt in der Chausseestraße in einer riesengroßen Altberliner Sechsraumwohnung. Mit Stuck an den Decken und vielen Wodkaflaschen auf dem Couchtisch und in der Küche.

„Wo sind denn deine Eltern?“, wundert sich Henriette. „Du hast doch gesagt, sie sind zu Hause?“

Henriette kriecht ein stechender Geruch in die Nase. Zwei Katzen schauen sie aus grünen Augen geheimnisvoll an, sie haben jeweils die Couch und einen Sessel belegt. Draußen hinter den morschen Fenstern ist der Lärm der vorbeifahrenden Zweitakter zu hören.

„Schau mal, hier sind meine Eltern“, fordert Madleen Henriette geheimnisvoll auf und winkt sie durch einen langen Flur zu einer der vielen abgehenden Türen.

Gemeinsam schauen sie durch das Schlüsselloch ihren Eltern beim Poppen zu, so wie es Madleen nennt. Der Vater von Madleen ist klein und dünn, die Mutter klein und dick. Irgendwie verdrängt Henriette die Bilder wieder.

Operation Wüstenbaby

Lea liegt im Krankenhaus, sie ist gerade aus der Narkose erwacht. Zwei Kanülen laufen in ihren Körper aus einem Klarsichtbeutel, der über ihr hängt. Die Schwestern haben Iris und Bernd erlaubt, bei ihr zu sein. Sie ist Privatpatientin und allein im Zimmer. Iris berührt die schmale feingliedrige Hand Leas sanft und lächelt ihr ermutigend zu. Der Arzt kommt herein und sie reden etwas über myoklonische Anfälle nach dem Aufwachen von der Operation und dass der geheimnisvolle Wüstendoktor richtig gehört hat. Nämlich systolische Extratöne, die auf eine Aortenklappenstenose hinweisen. Der chirurgische Eingriff ist erfolgreich verlaufen.

„Toi, toi, toi!“, sagt der Arzt und klopft auf das Holz des einzigen Schrankes im Krankenzimmer. Lea hört nur ein noch komplizierteres Deutsch als das, das ihr Iris und Bernd täglich beibringen. An den Gesichtern ihrer Leiheltern, wie sie sie nun nennt, erkennt sie, dass alles gut ist.

„Jetzt wissen wir auch, warum Lea Schmerzen in der Brust hatte und immer so kurzatmig war.“

„Und das in der Wüste!“, legt Bernd nach.

„Was weißt du schon von der Wüste?“, provoziert Iris ihren Mann.

„Na alles, was Bernadette erzählt hat, und noch viel mehr!“, zwinkert er Iris zu.

Diese beugt sich zu Lea herunter und küsst sie auf die Stirn.

„Komm, unser Baby muss schlafen“, wendet sie sich an Bernd, der immer noch lacht.

„Unser Wüstenbaby“, bekräftigt Bernd mit seiner tiefen Baritonstimme.

Lea sieht die beiden durch die Krankenhauszimmertür hinausgehen. Sie ist umrahmt von Keksdosen, Schokolade, Apfelschorle und diversen Multivitaminsäften. Auf nichts davon hat sie Appetit. Sie wagt es nicht, zu ihrer Brust zu fassen, ihr Körper fühlt sich nicht wie ihrer an. Eher wie ein nicht zu beurteilender Teil von etwas, mit dem sie früher mal gelebt hat. In Bilma, bei ihren richtigen Eltern, die Erinnerung an sie schwebt wie auf einem fliegenden, bunt bestickten Teppich.

Lügen, Lügen, Notlügen

Henriettes Mutter gefällt die Verbindung zu Madleen nicht. Henriette und Madleen gehen vor dem Sportunterricht, der, außer in den Wintermonaten, im Stadion der Weltjugend stattfindet, noch schnell in die Kaufhalle, die sich in der Chausseestraße befindet, und befördern dort reichlich Stangeneis von der Kühltruhe in ihre Turnbeutel. Leckeres Vanilleeis mit Schokolade drumherum. Für zwanzig Pfennige das Eis. Dann verschenken sie es auch an andere Schüler, bevor es ihnen wegschmilzt. Patrick und Pascal treffen sie ebenfalls in der Kaufhalle, deren Turnbeutel sind auch verdächtig prall gefüllt.

„Ich möchte nicht, dass du dich mit Madleen triffst. Ich hab die Mutter bei der Elternversammlung gesehen, das sind Asis!“, schimpft die Mutter eines Nachmittags. „Seit wir in Berlin sind, machst du, was du willst, so geht das nicht. Nach der Schule kommst du sofort nach Hause!“, bestimmt sie.

Henriette schweigt. Sie erzählt ihrer Mutter nichts. Nicht von Patrick, Pascal und Karsten und deren Verfolgungen, noch von Madleen, dem Umweg zu ihr nach der Schule, der sie rettete. Den Umgang konsequent zu verbieten, gestaltet sich für die Mutter als ziemlich schwierig, weil das ihr unsympathische Mädchen in dieselbe Klasse geht wie ihre Tochter. Die trifft sich heimlich mit Madleen und fügt dafür dem Stundenplan einfach noch eine siebente und achte Stunde hinzu. Es gibt da mehrere Möglichkeiten: Werken, Sport und noch ein zusätzlicher Basketballkurs.

Im Spätsommer, die Blätter an den Bäumen fangen an, sich zu färben, sieht Henriette eine alte Frau, die einen Rauhaardackel an der Leine ausführt. Sie freunden sich im kleinen Park an der Scharnhorststraße miteinander an. Henriette spielt mit Fred, dem Hund.

„Darf ich ihn auch mal alleine ausführen?“, fasst sich Henriette irgendwann ein Herz und fragt die alte Dame.

„Tja, Mädchen, ich kann nicht mehr, so wie ich will. Der liebe Gott schaut mir jeden Tag schon beim Sterben zu. Ich weiß gar nicht, ob es richtig war, mir Fred noch ans Bein zu binden, gerne kannst du jeden Tag kommen!“

Die alte Dame stimmt also zu? Unglaublich. Es ist für sie eine große Erleichterung, das glaubt Henriette am tiefen Seufzen nach jeder Wortgruppe und auch dazwischen herauszuhören.

Sie holt Fred jetzt jeden Tag nachmittags ab. Zum Halbjahr entfernt sie die zusätzlichen Schulstunden aus ihrem Hausaufgabenheft. Ab da sieht Henriette Madleen seltener. Das Mädchen und der Hund haben einen Heidenspaß zusammen, bis Fred eines Tages einem Kaninchen hinterherjagt, quer über die Straße rennt und mit einem Trabant kollidiert. Der Fahrer reagiert sofort. Fred liegt zwei, drei Minuten ohnmächtig auf der Straße, seine herabhängenden Lefzen lassen seine rosa Zunge zwischen den weißen Zähnen hindurchglänzen. Henriette und der Fahrer hocken bei ihm und schauen ihn gespannt an. Sie streichelt Fred sanft am Hals. Fred atmet normal, dann bewegen sich seine Augäpfel, sie rollen hinter den halbgeöffneten Lidern auf und ab. Plötzlich springt Fred auf und schüttelt sich. Beruhigt entfernt sich der Fahrer.

Als er wegfährt, heult der Trabant auf und hinterlässt eine große, dunkle Auspuffwolke. Henriette nimmt ihren kleinen Freund auf den Arm und trägt ihn wie einen Schwerbeschädigten zum Park. Die ganze Straße stinkt nach Auspuffgasen.

Obwohl Fred keinerlei Verletzungen anzumerken sind, sitzt der Schreck tief. Der alten Dame erzählt Henriette nichts von diesem schrecklichen Erlebnis. Aber sie wagt es nicht mehr, Fred auf der Straße freizulassen. Mit diesem ungebändigten Jagdtrieb hatte sie nicht gerechnet.

Das Mädchen hat Angst um ihren guten wilden Freund. Jetzt gräbt sie für sich und Fred mit einem Stock und ihren Händen ein Loch unter dem Zaun durch zum Stadion der Weltjugend, das sie jedes Mal, wenn sie zusammen durchgeschlüpft sind, mit Brettern, die sie in den Draht klemmt, notdürftig verschließt. Im Stadion darf Fred dann wieder von der Leine; nachmittags wenn die beiden allein mit sich sind, abgeschirmt von der feindlichen Welt. Draußen tuckern die Trabis und Wartburgs vorbei, die Ost-Raritäten der Zukunft. Die schönsten Stunden, wenn das Stadion nicht mehr von sportlichen Jungpionieren bevölkert ist, verbringt Henriette mit Fred in den späten Nachmittagsstunden.

Ina, ein Mädchen aus einer Klasse über Henriette, entdeckt den Durchschlupf und trainiert ab sofort heimlich Hochsprung im Stadion. Henriette freundet sich mit Ina an. Das Loch im Zaun zum Stadion spricht sich bald unter Inas Freunden herum; bald sind sie fünf, sechs heranwachsende Kinder, die Hochsprung auf der dicken Matte üben. Henriette erzielt dabei nach hartnäckigem Üben erstaunliche Leistungen, hält sie sich doch im Grunde für total unsportlich. Vor allem seit dem Erlebnis an der Betonwand mit Lena. Fred indes jagt fröhlich Hasen. Unwillkürlich muss Henriette an Annette denken, ein großes blondes Mädchen aus ihrer Klasse, mit dem sie sich beinahe angefreundet hätte. Katzenaugen hätte Henriette, so Annette, doch das war nicht der Grund, warum Freundschaft nicht ging. Annette hat eine süße Katze, von der sie jeden Tag erzählt. Und auch von ihren Handschuhen, die sie später haben wird, aus genau dem Fell dieser Katze, wenn sie denn stirbt.

Die Wüste geht unter

„Was habt ihr, eine Überschwemmung, Flutkatastrophe? In der Wüste? Matilan? Man muss es hinnehmen? Ich glaub’s nicht. Vier Jahre, dann länger! Null Problem.“

Bernd ist sofort entschlossen. Er schreit durch die große Wohnung, läuft mit dem Handy am Ohr von einem Zimmer zum anderen. Iris ist überrascht.

„Matilan. Vier Jahre ist doch super, da kann sie Deutsch lernen und zur Schule gehen. Iris hat sie schon eingesackt, an Kindes statt angenommen, sozusagen“, posaunt Bernd lauthals ins Telefon. Er legt das Telefon auf den gläsernen Couchtisch am Fenster im Wohnzimmer und geht ins Bad.

„Sag mal“, Iris steht sofort auf und läuft ihm hinterher, „vielleicht sagst du mir mal, was los ist.“

„Hast du doch gehört“, schnauft Bernd auf der Toilette. „Süße, lass mich doch mal in Ruhe mein Geschäft machen, ist doch auch für mich aufregend. Lea bleibt die nächsten vier Jahre bei uns.“

Die anfängliche Spannung fällt von Iris ab, ihre Knie werden weich, sie hockt sich an die Wand vor der Toilette. Wenn Träume wahr werden, glaubt man sie nicht, denkt sie, und es haut einem die Beine weg. Bernd kommt aus der Toilette raus, sieht Iris und hockt sich neben sie.

„Süße, das hast du dir doch gewünscht, vier Wochen, vier Jahre. Jetzt haben wir jemanden aus der Familie, um den wir uns kümmern werden. Ist doch egal, wie weit entfernt verwandt. Sprache ist lebendig, Familie auch. Und wir zahlen ja alles; da sollte es ja wohl keine Probleme geben mit den Behörden.“

Iris glaubt es auch noch Tage später nicht. Zu sehr verwob sich ihr insgeheimer Wunsch mit der Realität. Sie kümmert sich liebreizend um Lea, die jetzt zu Hause von ihr gepflegt wird. Abends liest sie ihr Geschichten vor und zeigt ihr Bilder dazu. Leas Lieblingsbuch ist ein Russisches: Der Feuerdrachen. Lea, die sich ebenfalls in einem Traum befindet, saugt die neuen Eindrücke förmlich auf. Die deutsche Sprache, so befindet Lea für sich, hört sich an wie Trommelschläge auf dumpfem Holz mit einem leichten schönen Klingeln darin, wie von heiligen Glocken. So eine, die Iris immer benutzt, wenn sie zum Essen ruft. Lea fängt an, Iris zu beobachten und zu entdecken. Die feinen Linien um ihre Augen herum, die meisten sind Lachfalten, der gutmütige Blick ihrer blauen Augen. Der immerwährende Schalk in ihnen, wenn sie ihren Mann Bernd anschaut, und das Glucksen ihres Lachens. Die rundliche Silhouette gibt Lea ein Gefühl von Geborgenheit. Urplötzlich kommt Bewegung in Bernd und Iris. Lea soll eingeschult werden. In vier Wochen ist es so weit. Zuckertütenfest. Iris lernt mit Lea im Eiltempo Deutsch, sie kauft sich eigens ein Fremdsprachenbuch dafür in Leas Sprache, mit dem sie nun zusammen lernen. Morgens, mittags und abends, je zwei Stunden büffeln. Schreiben fällt Lea unendlich schwer, Iris rauft sich verzweifelt die Haare, doch sie kämpfen sich durch, Strich für Strich, Kurve für Kurve, Zeile um Zeile.

Susanne

Henriettes Mutter kommt ins Zimmer gerannt, es ist Mitternacht. Die überraschte Henriette schafft es nicht einmal mehr, die Taschenlampe unter der Bettdecke verschwinden zu lassen, doch das ist der sonst so gestrengen Mutter egal.

„Susanne ist krank, deine Schwester.“

Henriette hört zu und merkt, wie sie auf einmal müde wird. Bleiern. Fred, Madleen, die fehlenden alten Freunde, Tschibi und jetzt Susanne. „Sie sieht doch gesund aus“, entgegnet sie der Mutter.

Dann fängt die Mutter an zu weinen. Von nun an kommt Henriette immer öfter am Wochenende zu ihrer Tante, die ein paar Kilometer weiter weg mit ihrem Mann in einer Datsche wohnt. Ein Apfelbaum wächst dort im Schrebergarten, außerdem gibt es Kaninchen. Einer Häsin bindet die tierverliebte Henriette eine blaue Schleife um, die soll nicht geschlachtet werden, sagt sie ihrer Tante. Die Tante nickt.

Die Datsche hat einen Eigengeruch, den Henriette nicht einordnen kann, es ist eine Datsche aus Pappe, wie sie bemerkt. Als sie mit dem Finger gegen die Wand der Datsche pocht, klingt es so wie die Luftballons, die sie in der Schule mit nassem Papier beschichten, um Gesichter zu basteln. Und vielleicht riecht sie auch ein bisschen nach Klebstoff. Die Wand.

Die Welt bleibt für Henriette übersichtlich. Klein. Mit Fred, ihrem besten Freund. Der für einen Rauhaardackel ziemlich stark nach Urin riecht. Nach dumpfem Hund, doch das stört sie nicht. Nach Hause mitbringen darf sie ihren Freund nicht. Und wenn sie mit ihm draußen war, besteht die Mutter darauf, dass sich Henriette im Bad die Hände wäscht.

Für weitere Abwechslung sorgt der Intershop, an dem sie oft vorbeiläuft. Manchmal sind sie mehrere Kinder, die dort vorbeilaufen und den Geruch von Kinderschokolade und Kaffee neugierig in ihre kleinen Riechorgane einsaugen. Es riecht nach Limonenseife, vermischt mit nussigen Komponenten. Nach Riesenüberraschung. Nach Kakao. Nach geheimnisvollem, raschelndem Papier. Aus den Reisebussen, die an der Grenze stehen, werden manchmal ungefragt Nimm Zwei-Bonbons geworfen und Schokolade. Am besten schmeckt Henriette die Schokolade aus den Kinderüberraschungseiern. Die zunehmende Sorge der Mutter um ihre Schwester tangiert sie nicht. Sie kann nichts sehen, nichts fühlen. Kranke Menschen sehen anders aus, befindet Henriette.

„Was hast du denn? Mutter sagt, du bist krank“, fragt sie eines Nachmittags, als sie zusammen Mensch-ärgere-dich-nicht spielen.

Susanne ist gerade dabei, zu gewinnen; sie hat schon ein Haus voll. Gelb und rot ihre Farben, Henriette spielt mit den grünen und blauen Männchen. Henriette würfelt zwei Sechsen und platziert ein grünes Männchen zielsicher im Haus, dann bewegt sie eines auf dem Feld vier Plätze weiter.

„Nichts.“

Henriette ist erstaunt.

„Wie nichts?“

Susanne zwirbelt ihre dunklen Locken und wippt mit dem rechten Fuß.

„Na, nichts. Mutter denkt, ich bin ein bisschen blöd, kann nicht gut rechnen und schreiben. Jetzt macht sie fast alles für mich. Mir soll’s recht sein.“

Henriette ist jetzt schlauer als vorher. Susanne kam ihr noch nie blöd vor. Eher manchmal petzerisch, weil sie der Mutter brühwarm alles von ihrer Schwester erzählt, was sie weiß. Henriette findet Zettel mit Nachrichten wie diesen: „Henriette hat die ganze Schokolade aufgegessen.“, „Henriette hat laut Musik gehört.“, „Henriettes Freundin war hier.“ Und das auch noch ungefragt. Sie hat nie gehört, dass die Mutter Susanne dazu aufgefordert hätte.

Und Susanne wusste Jahr für Jahr, Monat für Monat, Stunde für Stunde immer weniger, weil Henriette ihr nichts mehr erzählte. Fast nichts. Erzählen wollte. Nicht aus ihrer Welt.

Erst mal zurück

Lea hört wie aus der Ferne bekannte Stimmen und Klänge und eine Sprache die auf ihrer Haut eine Gänsehaut erzeugt. Eine Frau rast auf sie zu und umarmt sie. Lea schaut sie mit großen Augen an, die Frau kneift ihr in die Schultern und ist außer sich vor Freude. Es ist ihre Mutter. Lea nimmt die Silhouette eines großen Mannes wahr, der aufmerksam in ihre Richtung schaut. Neben ihm eine kleine gebeugte Frau, Bernadette, ihre Großmutter. Über die so viel erzählt wurde bei Iris und Bernd. Lea hält den Griff ihres lilafarbigen Koffers ganz fest, den Iris zusammen mit ihr für ihre Rückreise gekauft hat.

„Meine Lea, du hast mir so gefehlt, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr du mir gefehlt hast. – Okkoz – vier Jahre, Ma tolahed? Wie geht es dir? Anshahi d! Verzeih mir! Anshahi d!“

Instinktiv erinnerte sich Lea noch daran, dass es bei dem Stamm ihres Vaters nicht üblich ist, darauf zu antworten. Ganz im Gegensatz zu Bernd und Iris. Wenn man um Verzeihung für etwas bittet, gibt es immer eine Antwort. Jetzt fallen Lea die Tränen von Iris ein, der schwere Moschusduft ihrer Haare beim Abschied. Ihre Tränen, die Tränen einer Mutter. Und Bernd, der wahrscheinlich vor vier Jahren noch nicht ahnte, wie viel es ihm bedeutete, Lea in seiner Familie zu haben, und dessen Liebe und Achtung zu Iris stetig wuchs. Wenn auch das ein ungleicher Vergleich war, hat Bernd doch Iris vom ersten Augenblick an geliebt, wie sie Lea oft erzählten. Iris dagegen hat Bernd erst lieben gelernt. Er hat sie lange und mühsam erobern müssen. Fast nicht mehr dran geglaubt.

Lea sieht ihren Vater, der ihr wohlwollend unter seinem Turban zuzulächeln scheint, auch wenn Lea seine Nase und seinen Mund mit den markanten Wangenknochen nicht sehen kann. Er steht aufrecht und stolz in der Flugplatzhalle, deren Seitenwände immer noch offenstehen, Menschen in bunten Kleidern laufen rechts und links an ihm vorbei. Kein Wind, kein Sandsturm und kein Mensch haben ihren Vater jemals gebeugt gesehen. Lea ist vom Redeschwall Nanas überfordert. Sie ist müde und umarmt Nana sanft. Nana nimmt sie an die Hand und zieht sie zu ihrer Großmutter, die mindestens einen Kopf kleiner als Nana ist, jedenfalls kommt ihr das auf die Entfernung so vor. Doch jetzt, wo sie vor ihrer Großmutter steht, sehen sie sich auf Augenhöhe an. Die runzeligen Hände Bernadettes umrahmen das Gesicht Leas, dann küsst sie sie zweimal auf jede Wange. Lea spürt die warmherzige Art der Großmutter und langsam beginnt sie sich heimisch hier zu fühlen. Sie riecht den alten Vater Wüstenwind, der sich über das ganze herrschaftliche Land erstreckt und gibt ihrem Vater die Hand. Der Vater beugt sich urplötzlich zu ihr hinunter und umarmt sie fest.

„Endlich bist du wieder hier, endlich! Herzlich willkommen!“

Lea spürt es, als würde sie etwas Salziges auf ihren Lippen schmecken. Die Tränen ihres Vaters?

An der Mauer Berlins

Henriette schaut sich Berlins Mitte an. Die altbekannte Mauer, deren Löcher sie grau in grau die letzten zwei Jahre begleiteten. Fred trottet neben ihr her. Die Aufmerksamkeit Henriettes hat er nicht. Ab und zu wirft der temperamentvolle Rauhaardackel ein paar warme Blicke hoch zu seiner inzwischen geliebten Freundin. Heute hat sie sich in der Schule eine Fünf eingefangen. Ihr Schulatlas ist verschwunden. Einfach so.

Sie läuft am Grenzübergang vorbei, an dem Busse stehen. Sie läuft weiter. Vorbei an ihrer Schule, an der Tierversuchsstation. Viele Bassets tummeln sich dort. Das sind die Favoriten für die Medizin. Geduldig und lieb lassen sie alles über sich ergehen. Henriette hat immer gemischte Gefühle, wenn sie dort vorbeigeht; am liebsten würde sie alle Hunde retten, mit nach Hause nehmen. Wer weiß, was hinter den dicken Mauern und den Fenstern mit Gitterstäben davor so passiert. Nichts Gutes bestimmt. Fred zerrt an der Leine und winselt. Henriette bleibt stehen. Sie versteht nicht, was dort hinter den Mauern mit den verrosteten Gitterstäben abgeht. Und vor allen Dingen, was soll das für einen Sinn ergeben? Sie weiß nur, dass es ihr einen Stich direkt in ihr Herz versetzt, was dort sein könnte. Im Namen der Wissenschaft. Sie läuft weiter zur Friedrichstraße hoch und läuft und läuft. An der Spree entlang. Etwas ist passiert, sie spürt es. Dann bleibt sie auf einer Brücke stehen und schaut auf das Wasser hinunter. Es wirkt friedlich, sanfte Wellen lassen die durchkommenden Sonnenstrahlen und das helle Licht sanft funkeln. Es weiß nichts von dem, was Menschen machen. Es glitzert und schwappt dann ans Ufer. Dunkel und unsichtbar. Eine Schallmauer aus kleinen Molekülen. Henriette erinnert sich an ein Gespräch mit ihrer Klassenlehrerin.

„Die Plastiktüte mit der Marlboro-Werbung hat hier nichts zu suchen, das ist verboten“, fordert diese streng.

Keine Widerrede. Ihr eiserner Blick sagt alles. Werbung mit dem Cowboy auf dem sich aufbäumenden Pferd. Der Westen und der Osten. Für Henriette ein Traum; der von Weite und Freiheit. Der Westen hinter der Mauer, hinter Polizisten, kleinen Häusern, in denen nur ein Mann saß. Umgeben von Glas. Die Spree und die Moleküle. Hier hat sie jedenfalls nicht ständig die Mauern der Grenze vor dem Gesicht. Fred hat es aufgegeben, einen Blick von Henriette zu erhaschen. Sie dreht sich um und läuft den Weg mit Fred zurück. Im Park leint sie Fred noch mal ab, doch er hat die Lust jetzt vollends verloren. Bedrückt und enttäuscht bleibt er sitzen und schaut Henriette an. Mit zuckersüßen braunen Dackelaugen.

„Mann, los, lauf doch!“ Henriette beugt sich zu ihm herunter und umarmt ihn.

Der Hundegeruch gräbt sich in ihr limbisches System. Rauhaardackelmännchen. Irgendwie ein herber Geruch. Fred wedelt ein bisschen mit dem Schwanz, doch bleibt er eisern bei ihr sitzen.

Der Drache lebt

Der alte Tuareg schaut in den Sternenhimmel, er hält Leas Hand.

„Hier ist viel passiert in der Zeit, in der du nicht da warst. Unsere Stämme können nicht mehr Hirse durch die Wüste bringen, die Weißen haben viel zerstört. Durch Einmischung. Selbst der Fluss hat das nicht ausgehalten und uns überschwemmt. Die Geister sind böse mit dem, was mit unserem Land passiert.“

Er wirkt nachdenklich und ruhig. Sein Augenweiß glänzt im Licht. Er neigt seinen Kopf, wie um seine Sinne gen Himmel zu richten, von der Seite sieht es so aus, als wären seine Augen riesig. Rund und eindringlich in das Universum gerichtet.

„Die Überschwemmungen haben viel kaputt gemacht, viel zerstört. Wie gut, dass du in Sicherheit warst. Bist du doch unsere Zukunft. Unser Glück. Unser Schatz. Und jetzt sprichst du die Sprache deiner Großmutter und hast unsere vergessen?“

So hatte ihr Vater noch nie mit ihr gesprochen. Wie mit einer Erwachsenen. Er wirkt hart, die Sorgen haben seine ohnehin von Wüstensand gegerbten Züge noch tiefer in sein stolzes Gesicht gegraben. Seine Augen scheinen zu lächeln. Lea spürt die Wärme über den Händen des Vaters, als sie sie kurz berührt. Als hätte er die Wärme der Wüste in den letzten vier Jahren für Lea gespeichert. Nur für sie.

„Ich habe nichts vergessen“, antwortet sie leise. Der Vater hat für die Familie ein neues kleines Haus gebaut. Auf Sand. Lange schliefen sie wie Reisende an den Ufern des sich immer mehr ausdehnenden Wassers. Das alles von Menschenhand Gestaltete unter sich begrub. Immerhin haben sie überlebt, die Flut überraschte sie nicht in der Nacht. Auch wenn Nana mit allem hadert. Das Jammern Nanas überdeckt die geschäftige Betriebsamkeit der ganzen Familie, menschliches Leben zu erhalten und die täglichen Bedürfnisse für die biologischen Vorgänge des Körpers zu gewährleisten. Obwohl Bernadette sich ein anderes Leben als das, das sie lebt, gar nicht vorstellen kann, staunt sie. Über die Wüste und so viel Wasser. Das hatte sie noch nicht gesehen in all den Jahren. Und es waren viele Jahre, die ihre Haut gegerbt und ihre Zweifel mit der Zeit zerstreut hatten. Zweifel an ihren Entscheidungen, die damals so klar waren, um dann doch in den schweren Zeiten der mühsam aufgebauten Sicherheit zu weichen. Und den vielen Gedanken. Zu viele Gedanken. Zu viel Sand und zu viel Wasser. Zu viel Wind. Zu viel Sonne. Zu viel Licht, zu viel Erleuchtendes. Die Höcker der Kamele einzig ragen prall in die Luft. Die veränderten Umstände sind ihnen nicht anzusehen. Gleichmütig schauensie in die Ferne und mahlen mit ihren großen Zähnen.

„Kleopatra?“

Lea schreit laut angesichts der fünf Meter großen Schlange vor dem Haus.

„Ihr habt sie nicht weggebracht? In die Wüste? Das habt ihr doch versprochen?“

Ungehalten stürmt sie auf ihren Vater zu und trommelt mit ihren Fäusten gegen seinen beigefarbigen Umhang und spürt seinen drahtigen kräftigen Körper. Ihr ist mulmig zumute. Dann geht sie zu ihr und setzt sich vor das große mächtige Tier. Der alte Tuareg setzt sich neben sie.

„Deine Großmutter wollte sie um jeden Preis behalten. Deinetwegen!“

„Du lügst!“

Lea weiß es sofort.

„Nein, ich lüge nicht. Vielleicht verschweige ich etwas, weil ich es selbst nicht weiß. Du kannst nur noch Bernadette fragen. Nur noch Bernadette. Ich weiß, es ist ungewöhnlich. Die Leute reden über uns. Schwarze Magie sollen wir machen, wir seien Todgeweihte, so heißt es. Niemand würde je einer Schlange vertrauen. Jedoch, Lea, manchmal tun wir Dinge, die verstehen wir selbst nicht. Und doch wir müssen sie tun. Wir müssen, Lea.“

Mit diesen Worten steht er auf und geht zu den Kamelen, die hinter dem kleinen neuen Haus einen eigenen Weidegrund haben. Lea weiß, mehr gibt es nicht zu sagen. Die Großmutter sieht Lea und dem alten Tuareg, ihrem Schwiegersohn, aus der Ferne zu. Nachts streicht sie Lea wie früher über die Stirn.

„Sie hat genug zu fressen, Lea, genug. Das weiß sie. Sie ist eine Göttin.“

Das Wort grausam behält sie für sich. Zu genau hat Bernadette zugesehen, wie Kleopatra ihre Opfer verschlang Bei lebendigem Leib und ganz langsam, Stück für Stück. Manchmal wunderte sich Bernadette selbst über sich, dass sie die Opfer beneidete. Nicht um die Art und Weise des Todes, den sie starben, sondern um den Tod an sich. Das Ende. Das unendlich schön sein müsste.

Bernadette spürt in sich eine unheimliche Müdigkeit. Bleiern hat sie sich auf sie gelegt und will nicht weichen. Sie kann nicht mehr. Sie kann einfach nicht mehr. Allein der Anblick Kleopatras reißt sie aus der Monotonie des Lebens, der Mühsal, die das menschliche Leben mit sich bringt. Und das fängt mit der morgendlichen Wäsche an, dem Essen, dem Trinken, dem Besorgen von allem. Wäsche waschen, aufhängen. Feuerholz besorgen. Abwaschen. Essen zubereiten. Die Toilette. Saubermachen. Betten reinigen. Die immer müderen alten Hände. Das Gefühl, langsam auszutrocknen. Und das ist nicht nur ihre Haut. Nicht nur die müden Knochen. Nicht nur der Rücken, das Gedächtnis, das immer mehr von der Vergangenheit weiß und sich immer weniger für die Zukunft zu interessieren scheint. Auf sich achten. Und dann wieder von vorn. Immer wieder alles von vorn. Sie ist einfach nur noch müde. Und sie liebt diese Schlange. Kleopatra. Diese grausame geheimnisvolle Schönheit. Stille. Ihre Erlösung.

Geheimnisse der Grenze

Sie hört es flüstern. Erwachsene haben Geheimnisse. Immer wieder, fortwährend. Henriette liegt im Bett und sieht das Licht vom Flur durch die Ritzen der Tür schimmern.

„Mit einem Schwan?“, jetzt kann sie die unterdrückte Stimme der Mutter hören.

„In den Westen. Und jetzt in Bautzen, im Knast.“

Sie scheint jemanden zu wiederholen.

„In den Westen mit einem Schwan, schiefgegangen.“

Die Mutter scheint sich zu wiederholen. Dann wieder flüstern. Flüstern. Stille. Leise atmet Henriette den Sauerstoff ein, um nichts zu verpassen. Sie wagt es nicht aufzustehen, das Rascheln der Bettdecke könnte wertvolle Worte verschlucken. Sie versucht, ihre Ohren in Richtung Tür zu öffnen. Es ist ganz ruhig. Irgendwann hört sie den Hörer auf das Telefon klacken. Henriette denkt nichts. Es ist alles so weit weg. Am nächsten Morgen geht sie wie immer zur Schule. Sie bemerkt dunkelrote Ränder unter den Augen der Mutter.

Dann geht alles ganz schnell. Umzug nach Friedrichshain, dort wo Lenin auf dem Platz vor einem Hochhaus steht. Ein S- und ein U-förmiger Neubau schlängelt sich durch die Stadtlandschaft. Nicht weit weg eine Kaufhalle, über die Straße der Volkspark Friedrichshain. Dort, wo sie bald Tschibi vergräbt. An einem Samstag nach einem Freitag, dem dreizehnten. Um Tschibi weint sie, ihr Vater ist weit weg. Weit weg. Unerreichbar. Sie weiß nicht, wo er ist. Die Mutter redet nicht. Henriette soll funktionieren. Nach der Schule kommt das Rührei in die Pfanne, die Pfanne wird abgewaschen. Die verglaste Durchreiche, die die Miniküche mit der Stube verbindet, wird in der Woche nur zum Frühstück und zum Abendbrot benutzt. Sie wohnen jetzt zu dritt in anderthalb Zimmern, das Zimmer der Mutter ein Durchgangszimmer; Henriette funktioniert. Und wie. Beinahe.

Morgens jedoch läuft sie in den Keller, dort liegen eine zerfledderte Jeans und gefärbte Jacken sowie ihr schwarzes Stirnband. Dann geht sie in die Schule. Nach der Schule wieder der Weg in den dunklen Keller. Henriette hat Angst. Dort unten. Es muss sein. Einen kleinen Lichtblick muss es geben. Eine schöne Seele braucht auch eigene Sachen. Udo Lindenberg, Ideal, Konstantin Wecker. Ihr Weihnachtsgeschenk, das sie sich heimlich mit in ihr Zimmer nimmt, sendet nachts unter ihrem Kopfkissen. Musik aus dem Westen. The Doors, The Cure, The Scorpions. The Beatles. The Clash. Doch sie funktioniert. Planvoll. In der Schule und zu Hause. Susanne wird weiter und noch mehr verschont. Henriette hat die Verantwortung. Besprochen werden Frühstück, Essen, Einkaufen gehen, Freunde, die sie nicht mit nach Hause bringen darf.

Der Nachbar wirkt freundlich, eine Familie mit drei Kindern. Zu freundlich. Oft versucht er Henriette auszufragen. Er trägt den Vornamen des Vaters nur als Nachnamen an der Tür.

Sie kann sich der Freundlichkeit nur schlecht entziehen. Manchmal, wenn sie zu lange mit dem Schlüssel im Türschloss herumstochert – im Flur ist es immer dunkel –, reißt er freundlich die Tür auf. Als würde er auf Einbrecher achten. So ein Quatsch, denkt Henriette, die kommen doch eher durch das Fenster. Sie wohnen im Erdgeschoss. Henriette könnte nachts heimlich aus dem Fenster klettern und um die Häuser ziehen. Doch es ist niemand da und Susanne, die im hinteren Teil des Zimmers von einem Vorhang von Henriettes Bett getrennt schläft, petzt.

Träume wiederholen sich. Sie läuft durch den Hausflur und Verfolger heften sich an ihre Fersen. Die Verfolger kann sie nicht sehen. Sie ist wie gelähmt. Das fühlt sich schrecklich an, sie spürt, wie die Verfolger sich ihr nähern. Und kann nicht weglaufen, die rettenden Treppen vor sich.

Dann wacht sie auf. Drei Feinde auf dreißig Quadratmeter Wohnraum. Wenn andere Menschen ihren Müll im Hausflur durch die Müllrohre schicken, poltert es. Wie Klabautermänner. Viele Klabautermänner. Über Henriette hört jemand leise Konstantin Wecker – „Genug ist nicht genug“.

Es gibt keine Zeit. Und doch befreit sich der Schmetterling aus seinem Kokon, um zu fliegen und die Blüten dieser Welt zu bestaunen. Aus Mädchen werden junge Frauen. Aus Jungen Männer. So wie die Zeit den Wind vor sich hertreibt, der den Samen vor sich bespielt und fallen lässt, verwandeln sich Geschöpfe. Die Zeit, nicht existent, ein mystischer Verwandlungskünstler in der Unendlichkeit.

Sonnenallee – Arabische Straße

Lea schaut hinter sich. Die rote Tür pendelt leise hin und her. Dahinter das dunkel schimmernde Licht. Wie kam sie hierher, wie konnte das nur passieren? Lea läuft zur U-Bahn. Gesichter, Gesichter, Gesichter.

Abends sitzt sie im Hinterhofgarten, vor sich ein Glas Wein. Sie hört den Specht gegen einen Baum klopfen, folge deinem Herzen, sagt er ihr. Soll das ihr Herz sein? Wenn sie das ihrer Mutter erzählte, an ihren Vater darf sie gar nicht denken. Niemals sollten sie dies erfahren. Niemals. Wie crazy eigentlich. Sie mit ihrer romantischen Seele, ihrem zarten Herzen, hat sich heute zum zweiten Mal vorgestellt. Sie schaut die Fenster des Hofes hoch. Die meisten haben keine Gardinen. Auch keine schwedischen. Sie fühlt sich so kriminell, so schrecklich kriminell. Alle Menschen um sie herum würden sie verachten, wenn sie das wüssten, da ist sie sich ganz sicher. Auweia. Auweia. Auweia. Dann fällt ihr Blick wieder auf die Fenster. Die Wohnung dahinter ist unbezahlt. Noch ein Monat, dann fliegt sie raus. Und wie soll es dann weitergehen? Obdachlos, unter Brücken schlafen, bei Freunden ab und zu, die dann auch nicht mehr lange ihre Freunde sein würden.

Morgen wird sie anfangen, außerdem hat sie sich ja das Beste rausgesucht. Geführt von einer Frau, sie kann nein sagen, sie kann durch den Vorhang schauen, ob die Männer, die hereinkommen und in den Empfangsraum gebeten werden, ihr zusagen. Und selbst, wenn sie sich vorstellt und ihr der Mann nicht zusagt, kann sie der Hausdame Bescheid sagen, dass sie den nicht wollen würde. Die Hausdame regelt das dann mit dem Gast. Außerdem stellen sich ja mindestens noch zehn andere vor, das heißt noch lange nicht, dass der sie dann auch nimmt.

Lea atmet tief durch, wenn sie die zwei rückständigen Mieten bezahlt hat, dann macht sie ganz ruhig. Dann ist das Erste geschafft. Die Steuernummer ist besorgt, für Massagen. Und alles ist geschützt. Nie ohne Kondom, weder oral noch so. Sie zuckt bei dem Gedanken oral zusammen. Was ist das für ein schreckliches Wort. Das würde sie sowieso nicht machen, auch wenn es in ihrer Beschreibung steht, genauso wie anal. Wie ekelig. Das ist nur zum Anlocken, bei den Männern findet viel mehr im Kopf statt, als in Wirklichkeit. Das ist doch Wahnsinn. Was für eine Welt. Was für eine Welt, in die sie da hineingeboren wurde. Warum eigentlich muss, soll man das Leben meistern müssen? Wofür? Sie könnte sich doch auch einfach aufgeben. Genau heute. Jetzt. Einfach sterben, nicht mehr atmen. Nie mehr. So allein und verlassen hat sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Von der Wüste in den Puff. Lea muss lachen. Welch Farce. Wie absurd. Oder ist es was anderes?

Sie erinnert sich an die Worte ihrer Großmutter zu ihrer Mutter, sie hatten sich ihr eingebrannt, waren sie für das sanfte Wesen Bernadettes doch ungewöhnlich:

„Manchmal denke ich, du bist zwar eine schöne Frau, doch irgendwie, wo ist das Feuer? Warum so normal? Auch ich war einmal schön, doch auch rebellisch und natürlich, musste ich dafür bezahlen. Teuer. Doch wo ist dein Feuer? Immer den Ball flach halten, klein bleiben, normal. Ängstlich. Wie öde, Nana, wie öde.“

Nein, öde wollte sie nicht sein, aber ist das der richtige Weg?

Ist nicht eigentlich so gut wie alles falsch, egal wie herum man etwas macht? Oder ist irgendwie alles richtig, weil es nur falsch sein kann. Die Erde rund oder flach, egal.

Eigentlich wollte sie mal studieren. Hätten doch ihre Pflegeeltern es nicht vergessen, den Termin beim Notar vor sich hergeschoben. Immer und immer wieder. Im vollsten Vertrauen, das es Zeit gäbe. Noch. Genug Zeit. Ihr Erbe, das versprochene Testament, so gewonnen wie zerronnen. Sie traf keine Schuld, weder Bernd noch Iris noch sie. Der Tod kam zu überraschend, sie dachten, sie hätten noch Zeit, alles zu regeln. Sie hat sie doch gepflegt, erst Bernd, mit Iris zusammen, und dann Iris. Gewaschen, gefüttert, zum Klo gehievt, die Kacke, die danebenfiel, aufgesammelt, Würgkrämpfe unterdrückend. Die Hände gehalten, in liebende traurige Augen geschaut und alles Ekelige sofort wieder vergessen. Lea atmet tief durch und gießt sich noch ein Glas ein. Dann trinkt sie einen Schluck. Und dann das. Einfach vergessen. Und wirklich vergessen. Da kann keine Bosheit dahintergesteckt haben, Iris und Bernd haben bestimmt nicht gewollt, dass der Staat, den sie nie mochten, ihr Geld bekommen würde. Bestimmt nicht. Sie haben es einfach vergessen. Erst Bernd und dann Iris. Dann sie selbst. Wir haben es vergessen. Es war keine Zeit mehr, zum Schluss ging alles zu schnell. Erst mit Bernd und dann mit Iris. Das Sterben; der Tod kam unverhofft und plötzlich. Das Bessere ist der Feind des Guten. Der Tod, er nahm sich erst Zeit mit den beiden, als würde er es auskosten wollen, das Leid und die Traurigkeit des Abschiednehmens. Als hätte er seinen Spaß daran. Als fände er es lustig. So, als würde er sich dafür rächen wollen, dass sich Iris und Bernd wirklich geliebt haben und auch viel Spaß in ihrem Leben hatten. Wie viel haben sie miteinander gelacht, wie lustig war es hier immer. Lea kullern die Tränen die Wangen herunter. Und jetzt das. Dann ging es Schlag auf Schlag. Merde. Der Puff. Immerhin haben sich Bernd und Iris jetzt wieder, gemeinsam im Himmel. Die nächste Reise. Das war immerhin ein Trost, auch wenn er ihr jetzt nicht weiterhilft. Vielleicht sollte sie sich auch so was wie Kleopatra halten. Hier.

Vor dem Sofa würde sie dann liegen. Die Deutschen würden durchdrehen. Schwarze Magie. Nee, die hätten ganz andere Mittel parat. Wahrscheinlich tausend Ämter, hunderttausende Untersuchungen, schreckliche Journalisten. In der Bild würde stehen:

„Wüste bringt Giftschlange mit.“ Mit einem Riesenbild von ihr. Dann könnte sie gleich einpacken. So ein Mist, das mit dem Erbe ist doch verrückt, so war es doch abgesprochen. Dann hätte sie wenigstens in dem ganzen Dilemma Kohle. Money. Auch egal.

Sie gießt sich noch ein Glas ein. Der Abend ist lau, doch jetzt fröstelt sie etwas. Schnell trinkt sie das Glas aus, um sich eine Zigarette anzuzünden. Lucky Strike, das Glück streikt. Dann noch eine. Und noch ein Glas. Stößt sie den Rauch genüsslich aus ihren Lungen? Sie weiß es nicht. Wird es ihre Letzte sein? Bestimmt nicht. Für Gott ist sie zu schlecht. Das Leid geht weiter. Nie mehr wird irgendetwas gut. Nie mehr.

Am nächsten Morgen weiß Lea nicht mehr, wie sie die Treppen hochgekommen ist, oder besser gekrochen. Die Kippen tummeln sich um den Aschenbecher und die Flasche ist leer.

Bevor sie zu ihrer neuen Arbeitsstelle geht, räumt sie nichts mehr weg. Ihr ist so schlecht, dass ihr zu schlecht ist. Zu schlecht, um schlecht zu sein. Zu schlecht, um zu denken. Zu schlecht, zu schlecht, zu schlecht. Nicht zu schlecht, um aufgeregt zu sein. So viel kann ich gar nicht trinken, um zu vergessen. Weil sie jetzt Prostituierte ist oder besser sein wird. Bald. Heute noch. Welch schwarzer Tag! Oder müsste sie nicht denken, welch weißer Tag? Von den Gedanken, schmerzt ihr Kopf wieder. Ihre Nerven liegen blank, viele spitze Pfeile schwirren in ihrem Kopf herum. Und stechen hier und dort. Schwarz war sie ja schon, wenn auch nicht pechschwarz. Und verlassen dazu. Und geprellt. Und allein. Und pleite. Und jetzt auch noch das. Das Tageslicht schießt durch die Augen in ihren Kopf und lässt ihr einen minutenlangen Schmerz. Merde! Merde! Merde! Nichts wird mehr gut. Was soll’s. Egal. Dann wühlt sie in ihren schwarzen Unterwäscheklamotten herum. Wo waren noch mal die Strapse?

Der Rubin

Henriette steht am Strand. Vor ihr das weite Meer. Ruhig plätschern die Wellen und umspülen schäumend ihre Füße. Plötzlich bäumt sich das Wasser auf und das Meer teilt sich. Henriette läuft zwei, drei Schritte vorwärts, ein Rubin wird ihr gereicht. Aus dem Wasser heraus. Genau vor ihr. Der rote Stein. Henriette erwacht und schließt schnell wieder die Augen. O, Mann, bitte lass mich dortbleiben. Ich will nicht erwachen. Dann dringen Kinderstimmen durch den Flur und eine genervte Männerstimme.

Sie blinzelt, kleine Sonnenstrahlen fallen durch den roten Vorhang. Ich will noch nicht, lass es wieder Nacht sein. Sie spürt noch mal rein. Das Meer. Der rote Rubin. Und hier alles Scheiße.

„So, jetzt habe ich eine Reise in die Türkei gebucht!“ Henriette schaut in das verdutzte Gesicht ihres Mannes. Der räuspert sich laut und klappert mit dem Geschirr in der Küche.

Die Jungs toben im Flur, Inga sitzt leise im Wohnzimmer und schaut gespannt Heidi in den Bergen zu. Die Musik dringt in die Küche. Henriette trinkt einen Schluck, der bittere Geschmack macht sie lebendig. Noch mal Tacheles. Das muss noch geklärt werden.

„Weder wolltest du mit mir zur Party deiner Kollegin gehen, noch mich mitnehmen und einen Urlaub hast du auch nicht gebucht. Das habe ich neun Jahre lang getan und mir ständig drei Wochen lang Genörgel angehört. Zu teuer, zu billig, zu weit weg, zu nah, zu tief, zu blöd, zu irgendwas. Ob ans Meer oder ins Gebirge, weder die Almhütte noch das Haus am Meer, ständig passt es dir nicht! Aber selber keinen Vorschlag machen! Aber selber!“

Henriette schnauft. Trotz ihres schlechten Gewissens regt sie sich auf. Ohne ihre Kinder, ein Horror. Und wenn der wüsste. Pah, Türkei.

„Nun fahr ich allein, sonst bin ich reif für die Klapsmühle! Und wenn ich wiederkomme, vielleicht hast du ja dann was für uns alle gebucht!“

Mit diesen Worten dreht sich Henriette um. Über ihr Gesicht laufen Tränen. Der Wut und des Unglücks. Tomas klappert noch lauter mit dem Geschirr. Es riecht nach Kaffee. Mit ihrer Hand sich die Tränen aus dem Gesicht wischend, geht sie zurück und kippt sich Kaffee in ihre Lieblingstasse. Ob sie jetzt auch wieder heimlich in seinen Kaffee pinkeln soll und ihm dann zusieht, wie er ihn trinkt. Damit es ihr besser geht, weil sie heimlich lachen muss? Das hat schon oft geholfen. Der Ärger war wie durch Zauber verflogen. Heute wird es ihr nicht helfen, das weiß sie jetzt schon. Dann geht sie auf die Toilette. Tomas ist immer noch in der Küche, er scheint zu warten.

„Wann kommst du denn wieder?“

„Sonntag, den 22. Juli.“

„Aber ich wäre doch mit dir zur Party gegangen. Wenn ich überhaupt gegangen wäre!“

„Sag mal, merkst du noch was? Wenn ich gegangen wäre. Wenn ich mitgekommen wäre, wärst du nicht gegangen. Du hältst mich wohl für völlig blöd. Wenn du gegangen wärst. Du wolltest allein gehen, stand doch im Kalender drin. Und was erzählst du mir von deinen Kollegen? Auf einer Dienststelle wurden zwei Kollegen und eine Frau bei einem Dreier erwischt. Toll. Sodom und Gomorrha. Alles klar. Und dann allein zu ’ner Party wollen, ach, leck mich, ich fahr jetzt allein in den Urlaub.“

Dann setzt sie noch mal an.

„Obwohl ein Babysitter da wäre, meine Mutter nämlich. Die hättest du nur zu fragen brauchen. Komisch, mit mir willst du nirgendwohin gehen. Nicht Fisch noch Fleisch. Nicht mal ’nen Kaffee um die Ecke beim Bäcker gehst du mit mir trinken. Für fünf Euro, weil wir kein Geld haben, angeblich. Vielleicht gibst du es ja im Puff aus, ach nee, Kolleginnen gibt’s ja umsonst. Sorry, hab ich vergessen. Und für Sex Geld ausgeben, ist dir zu blöd, angeblich! Für deine Frau auch. Was für ein Geizhals, ist doch voll unsexy, so ein Typ!“

Ich pinkel doch noch heimlich in seinen Kaffee, denkt Henriette. Als würde jetzt alles wieder hochkommen. Alles! Eine halbe Stunde später kippt sie ihre Pisse in die halbleere Kaffeekanne. Du Arsch, nie redest du ehrlich mit mir. Und wahrscheinlich stehst du auch noch drauf, denkt Henriette, auf meine Pisse. Wenn er es getrunken hatte, wurde er immer nett, so war es ihr aufgefallen, und es war wirklich nicht von der Hand zu weisen. Die Afrikanerinnen haben das auch so gemacht; ist halt ein alter Brauch. Ich schreie wie eine Italo-Braut und pisse wie ’ne Afro-Tusse. Ist doch voll easy. Sie mag es nicht, so zu denken. Tomas sitzt schon wieder am Computer. Wahrscheinlich wieder auf der Single-Börse, sich als Single ausgebend, umgeben von Kindern und mit ’nem Ring am Finger. Mit diesem Mann werde ich einfach nicht glücklich. Nicht glücklich. Nicht glücklich. Scheiße.

Sie wartet eine Antwort nicht mehr ab und geht in ihr kleines Zimmer. Sie heult. Tränen laufen ihr über das Gesicht. Zu viel Demütigung. Zu viel Trauer. Warum sind Männer ignorant, solange sie denken, die Frau ist ihnen sicher. War sie immer zu nett? Ja. Muss ja. Maria Callas und der Typ von Onassis. Der hat sie nicht geheiratet und sie war irgendwann am Ende, am Boden. Ihre Karriere hat sie ihm geopfert, freiwillig, nicht weil er es gefordert hat. Nein, Männer sagen das nicht offen, sie nehmen die Frau nur komplett für sich ein, bis sie vertrauen, und dann sind sie wieder weg oder anderweitig verliebt. Ich hab so die Schnauze voll, so sehr. Ich bin nicht mehr nett, zu niemandem, nimmt sie sich vor. Zu niemandem. Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Genau. Die Tränen laufen trotzdem. Dann schluchzt sie. Wenn es nicht der Richtige ist, hilft heiraten auch nicht. Schluchzend sinkt sie in die Kissen.

Eine Rose, die sie sich selbst gekauft hatte, stand schon auf dem Tisch. Einen anderen, der sie ins Kino einlud, den gab es auch schon. Angeblich. Alles nur fiktiv. Fick und tiv. Wie sie es hasste. In Wirklichkeit läuft sie heulend durch den Kiez. Was denn noch? Und jetzt muss sie allein in den Urlaub. Wofür? Damit er aufwacht? Die Liebe wieder neu entdeckt?

Am Abend ergreift sie ihr Telefon: „Babett, stell dir vor, ich hab doch gar kein Geld für die Türkei und jetzt hab ich’s aber einfach gesagt, dass ich wegfahre. Dass ich gebucht habe. Und er glaubt es mir auch noch. Ist das komisch. Jetzt weiß ich nicht wohin und ich muss irgendwohin und ich hab auch gar nicht viel Kohle, jedenfalls nicht so viel.“

„Was? Ich dachte, bei euch ist alles in Ordnung?“ Babett klingt baff am anderen Ende der Leitung.

„Nein, nichts ist in Ordnung, ich erzähl nur nicht jedem immer alles!“

„Bin ich jede?“

„Babett“, Henriette atmet tief durch, „natürlich nicht! Nur was mach ich jetzt! Meine Freunde sind doch keine Mülleimer für diesen Typen, der sich noch mein Mann schimpfen darf. Ich hab so die Schnauze voll, du glaubst es gar nicht. Aber ich hab auch solche Angst!“

Frauen

Lea wird die Tür geöffnet. Sie hat unten geklingelt und oben.

„Dort unten gibt es einen Türöffner, den benutze bitte, sonst denken die Frauen hier, es sind Gäste. Komm mit. Dein erster Tag hier? Dann bleibst du erst mal bei mir und ich erklär dir das Prozedere. Zieh dich mal in Ruhe um, dein Portemonnaie kann ich hier einschließen, bis du einen eigenen Schrank hast.“

Lea ist eingetaucht in eine andere Welt. Die Frauen beäugen sie. Sie sitzen auf dem Sofa, schminken sich im Bad oder waschen sich auf dem Bidet ihren Unterleib.

Ab und zu klingelt es, dann stellen sie sich der Reihe nach vor, wenn der Gast nicht schon einen Wunsch hat.

„Pass auf, dass sich keiner in dich verliebt“, lacht Medea Lea an.

„Und du“, Lea staunt, „du könntest doch Topmodel werden oder Unterwäschemodel oder überhaupt Model.“ Lea ist ungläubig, was für Schönheiten!

„Nee, nee“, mischt sich Susanna ein, „wenn du hier gearbeitet hast, kannst du dich nie wieder in der Öffentlichkeit blicken lassen. Irgendjemand erkennt dich und dann ist es vorbei mit der Karriere.“ Lea rutscht das Herz in die Hose. Die Realität von draußen ist gerade in diese Räume mit eingesickert und schnürt ihre Kehle zu. Die Kehle, die sowieso die nächsten Jahre keinen Alkohol mehr schmecken wird, hatte Lea kurzfristig beschlossen. Ihr ist immer noch kotzübel. Jetzt kann sie keine Karriere mehr machen? Ihr Leben ist vorbei? Dabei hat sie ihr Leben doch gerade gerettet. Es fing doch grad für sie an. Sie fühlt ihren flauen Magen, immer noch.

„Cosma!“, ruft die Hausdame laut, „der Gast, im rosa Zimmer hat sich für dich entschieden, eine Stunde!“

Lea hüpft alles in ihrem Körper hoch. O je, Sex, wie geht das überhaupt? Hab ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gehabt.

„Ich weiß gar nicht mehr, wie Sex geht“, ruft sie verzweifelt in die Runde.

Die Frauen grinsen. Was ist das für eine, tut jungfräulich und meldet sich im Puff an. Wat für ’ne Welt.

„Das kann man nicht verlernen!“ Die Hausdame gibt sich zuversichtlich.

„Aber du musst nicht, wenn du nicht willst, dann sag ich ihm Bescheid!“ Tröstlich. Doch Lea ist entschlossen.

„Erst mal komme ich zum unromantischen Teil!“, lächelt sie den Gast in Rosa an.

„Ja, ja“, aufgeregt gibt er ihr das Geld.

Lea nimmt es genauso aufgeregt entgegen: „Gleich bin ich wieder da!“

Dann gehen sie zusammen aufs Zimmer. Musik spielt. Ein riesiges Bett, verhangen mit großzügigem Tuch, von Kordeln verziert. Das Licht gedimmt, es ist halbdunkel.

„Du kannst dich echt blicken lassen“, sagt der dunkelhaarige Mann, mit dem sie kurze Zeit später ein schönes Techtelmechtel hat. Als wüsste er um ihre Ängste. Lea hatte seit Langem keinen so guten Sex gehabt, wie mit ihm. Er war auf der Durchreise, lebt in Hamburg. Sie verlässt ein paar Stunden später das Bordell mit gemischten Gefühlen.

Sie hat Geld genommen für Sex und hatte guten Sex. Mit dem einen Mann. An diesem ersten Sonntag. Als Erstes kauft sie sich etwas zu essen, eine Flasche Wein und Zigaretten. Der Rest kommt in Iris’ Lieblingsdose. Für die Miete. Für ihr neues Leben. Dafür, dass sie irgendwo nächste Woche eine Tasse Kaffee trinken wird, ohne sich selbst dabei zu erwürgen. Morgen wird sie wieder gehen. Sie legt sich in das Bett von Bernd und Iris, das hatte sie seit Jahren nicht mehr gemacht. Richtig, das letzte Mal lag sie hier, zwischen den beiden, bevor sie wieder heimfuhr, nach Bilma. Ines und Bernd weinten. Jetzt ist es hier still. Zu still. Doch friedlich. In Embryostellung schläft Lea ein und träumt von einem Sternenhimmel und tausend über tausend Lichtern einer Stadt. Berlin. Ihre Stadt. Hier würde sie bleiben und alt werden.

Lügen, Notlügen

„Frag doch mal Susi, die hat einen Schrebergarten in der Nähe von Potsdam!“, ruft Babett begeistert.

„Hey, ja, super Idee, ich ruf sie gleich an.“

Vier Minuten später.

„Babett, hast du Lust mitzukommen. Susi ist auch dabei. Ein oder zwei Wochen Ferien in ihrem Haus! Mit Steg zum See, Champagner und Grillen und Modeschauen laufen, Karten legen, baden, lesen, das wäre schön.“

Henriette klingt begeistert, der Urlaub ist gerettet.

„Ja, klar, klingt gut. Ich bin dabei.“

„Toll, bis in einer Woche, ich freue mich. Ich muss auflegen.

Wunderbar. Tschüüüüß!“

Henriette drückt auf ihr Handy und sinkt aufs Bett zurück.

Welch Glück im Unglück.

Die Tage bis zu ihrem Abreisedatum vergehen schnell. Sie sind gefüllt mit Einkäufen, Essen kochen, Wäsche waschen, Fußnägel lackieren, Diskussionen mit den Kindern und dem Räuspern ihres Mannes. Dazwischen werden Hausbesuche mit Frauen geschoben, Vor- und Nachsorgetermine, endlose Telefongespräche mit Müttern über Stillprobleme und wunde Babypopos. Manchmal kann sie die Gespräche über die Konsistenz der Babykacke nicht mehr hören. Dann rollt Henriette mit den Augen und steckt in unbeobachteten Augenblicken die Zunge raus. Wie öde. Ob nun grün oder ocker oder braun. Gefleckt, mit Streifen oder besprenkelt mit weißen Tupfern. Ob nun angemalt mit Blümchen oder Zuckerwatte. Business as usual, also hält sie durch. Dann schaufelt sie die nächste Woche frei von Terminen. Und die Übernächste auch noch. Was soll’s. Es ist dringend nötig. Feierabend. Schluss. Ab und zu geht Henriette auch einen Kaffee in der Kollwitzstraße trinken. Für sparsame 1,40. Tomas beäugt sie. Er hat jetzt auch frei.

Am Abreisetag regnet es in Strömen. Henriette hat ihren roten Koffer gepackt. Es ist sechs Uhr morgens und sie wird langsam nervös.

„Weißt du, wann der Flug in Hamburg losgeht?“, fragt Tomas. Er sitzt bereits am Küchentisch ohne reingepinkelten Kaffee.

„Ja, um zwölf Uhr fünf.“

Und du willst erst um neun Uhr losfahren, du musst mindestens um sieben Uhr losfahren.“

Henriette überlegt. „Ja, stimmt! Bringst du mich dann noch zum Auto? In einer halben Stunde bin ich so weit. “

Komisches Muster, denkt Henriette verzweifelt, wenn ich auf dem Abflug bin, kümmert er sich plötzlich. Sonst kann ich mich abmurksen, ist ihm scheißegal. Geht ihm sonst wo vorbei. Ich bin’s so satt, so leid. Sie spürt eine Art Ernüchterung, die sich dann doch wieder mit dem Schmerz vermischt. Genau in der Mitte. Stumm bringt Tomas Henriette zum Auto. Ein bisschen winkt Tomas noch, als sie das Auto startet, dann verzieht er den Mund. Es sollte wohl ein Lächeln sein. Denkt Henriette. Dann fährt sie links hoch, biegt rechts in die Kolmarer Straße ein, um dann wieder in die Knaackstraße zu fahren. Schnell geradeaus über die Straßenbahnschienen. Verboten. Unsanft nach links. Die Lenkstangen stöhnen. Oh Mann. Was für ein Stress. Dann parkt sie vor Babettes Haus in der Winsstraße. Kleine Tropfen fallen auf die Frontscheibe. Tippt Babettes Nummer in ihr Handy ein, niemand nimmt ab. Vergeblich hofft Henriette auf einen Rückruf, sie stellt auf laut. Der Nieselregen ist in heftigen Regen übergegangen. Es pladdert fette Tropfen auf das Autodach. Sie holt sich schnell die rote Wolldecke vom Rücksitz, die sie letztes Jahr auf dem Kollwitzmarkt gekauft hat und wickelt sich damit ein.

Hatte sie wirklich gehofft, er würde noch was sagen? Sie zurückhalten? Liebevoll?? Ihr war nicht mehr zu helfen. Niemand soll ihre Tränen sehen. Sie dreht den Vorderersitz in Liegeposition und rückt ihn ganz nach hinten. So liegt sie über eine Stunde auf dem Sitz. Das Wasser pladdert nur so vom Himmel. So ist sie jetzt nach Hamburg unterwegs. Bald geht der Flieger. Denkt sie. Denkt ihr Mann. Ihr Noch-Mann.

Nach einer halben Stunde wählt sie noch mal Babetts Nummer.

„Ich komme jetzt!“

Babett muss noch arbeiten, sie fährt vor. In dem Laden, in dem sie Suppe kocht, serviert und putzt, trinken sie Champagner und essen Suppe. Dann atmet Henriette tief durch. Urlaub.

Tod in der Wüste

Der alte Tuareg ist misstrauisch. Lange schon hatte er Wesensveränderungen der Mutter seiner Frau bemerkt. Dieser einst so fröhlichen, aufmerksamen Frau. Die sich durch nichts unterkriegen zu lassen schien. Die immer hart arbeitete, anpackte, abends stundenlang dem Sonnenuntergang zusah. Bernadette, die ihrem Namen Ehre machte. Bernadette, die Bärenstarke, Bernadette, die Mutige. Ein französischer Name. Sie war ihm an sein verwittertes Herz gewachsen, dachte er doch damals, sie würde ihn, den Tuareg, niemals annehmen und als Schwiegersohn akzeptieren. Er wusste selbst nicht, warum es ihm Nana angetan hatte. Die eher unscheinbar war, ein stilles anspruchsloses Wesen, die zwar die Schönheit von Bernadette geerbt hatte, jedoch nicht ihren Stolz und ihre Willenskraft. Vielleicht genau deshalb. Vielleicht hätten der Tuareg und Bernadette als Mann und Frau – nur mal angenommen –, sich die Schädel eingehauen. Ein dominanter Part reicht. Und Nana hatte sich ihm von Anbeginn an vorsichtig unterworfen. Und war dabei sanft und beständig. Vielleicht war es das. Seine Schwiegermutter dagegen erschien ihm oft wie eine Prüfung, die nie aufhören wollte. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis er dieses stille Einverständnis ihrerseits mit ihm spürte. Frieden. Bis sie loslassen konnte, ihre Zweifel ihm gegenüber, ob er auch ja ein guter Mann für ihre Tochter sei. Geschlagen jedenfalls hat er seine Nana und auch Lea nie. Er musste andere Wege finden, seine ihm gottgegebene Dominanz zu repräsentieren, und das war eine Herausforderung für ihn. Die ihm mit der Zeit sogar Spaß machte und einen gewissen Schalk in seine ernsten dunklen Augen spielte. Und je älter er wurde, umso dankbarer war er Bernadette für diese Aufgabe. Hätte er sich an seinen Vater gehalten, wäre er einfach herrisch gewesen und hätte verlangt, ohne dafür geben zu müssen. So spürte er einen Ausgleich, der ihn zufrieden stimmte. Geben und Nehmen. Darauf bestand Bernadette und wenn es das Letzte war, wofür sie eintrat.

Und so, wie er Bernadette kannte, würde sie auch von Kleopatra mehr verlangen, als nur Feinde vom Hause fernzuhalten. Sie würde mehr verlangen, das wusste der Tuareg. Sie würde mehr verlangen. Diese Gedanken ließen ihn nicht mehr los. Sie würde. Der Tuareg beobachtete von nun an Kleopatra und Bernadette ganz genau. Er stellte fest, dass Bernadette verschiedene Spielarten probierte, um die Schlange zu provozieren. Als wären Kleopatras fetten Jahre vorbei. Nur wozu? Wozu?

Nach einer langen dreimonatigen Reise kommt der Tuareg heim. Auf den Kamelen Einkäufe für die Familie. Eine kleine Karawane, seine. Er sieht Nana schon von Weitem das Feuer anzünden und auch die Farben Kleopatras sind aus der Ferne nicht zu übersehen. Nur eine Frau fehlt. Eine fehlt. Es fehlt ihre Silhouette, ihr allabendlicher Blick in die untergehende Sonne. Der Tuareg braucht noch zwei Stunden. Lala zieht ihren Schritt wie immer, wenn sie die heimatlichen Gefilde riecht, wieder an. Ihre Nüstern blähen sich auf und saugen die heiße Luft ein. Dem Tuareg wird es mulmig. Er fürchtet sich. Er weiß, er wird bald etwas erfahren, was er nie erfahren wollte. Nie. Nie. War es ein Fehler, das mit Kleopatra?

Nana schaut ihn nicht an, doch bemerkt er ihr verweintes Gesicht und die fahrigen Bewegungen. Ihre Hände zittern beim Schneiden des Ziegenfleisches und des Brotes. Dann will er in das Haus und erstarrt. Sie muss sie so liegen gelassen haben, Bernadette scheint unter dem heiligen Baum in einen tiefen Schlaf gefallen zu sein. Ihre weiße Haut, die sie immer vor der Sonne zu schützen versuchte, glänzt wächsern. Die Augen, noch offen, gen Himmel gerichtet. Die weißen Haare. Schnell tritt der Tuareg zu ihr und streicht ihr über die Augen. Dann erst bemerkt er die drei Einstiche in Nanas Unterarm. Es ist der Abdruck Kleopatras. Der ihrer spitzen Zähne. Er weiß es sofort. Und er weiß auch sofort, warum Kleopatra vor Bernadette liegt. Und nun weiß er auch, warum Nana die Augen ihrer Mutter nicht selbst verschlossen hat. Wegen Kleopatra. Ihrer Königin. Als wolle die Schlange die Daseinsberechtigung der alten Frau immer noch beweisen. Als würde sie darum bitten, nur zu beschützen und nicht, wofür Bernadette sie auserkoren hatte. Als Wegbereiter in den Tod. Als wolle sie der alten Frau sagen, dass der Tod nicht ihre gottgegebene verfluchte Bestimmung ist. Dass sie sich dem Plan der Schöpfung nicht unterwirft. Auch wenn Bernadette ihren Willen auf sonderbare Weise umgelenkt hatte, die Giftzähne in ihr Fleisch und für sich den schon lang ersehnten Tod, die Erlösung. Überfällig. Es ist passiert.

Wenn der alte Tuareg etwas wusste und ahnte, dann das. Und er hatte schon viel gesehen. Schon als Kind begegnete er dem Tod in den verschiedensten Gestalten. Nicht alle Gesichter des Todes waren schön. Doch das hier ist etwas Besonderes, ein Augenblick, der sich ihm ins Leben zeichnete. Das hier würde er nie vergessen. Nie. Nie. Tränen steigen in seine dunklen Augen. Jetzt wusste er, warum er Nana auserwählt hatte. Er verbeugt sich vor Kleopatra, geht zum Feuer und gibt ihr das Fleisch, das sie sogleich gierig verschlingt.

„Wir bringen dich zurück in die Wüste. Ich kenne einen guten Ort für dich. Sonst werden sie dich umbringen!“, sagt er mit einem Blick hin zum Dorf.

Dann erst bemerkt er die Schönheit und geheimnisvolle Würde beim Anblick der alten Frau und der Schlange. Erstaunt hält er einen Moment inne. Wie ineinander verschlungen auf geheimnisvollen Wegen. Ihre Körper ergeben zusammen eine neue Landschaft. Als er Bernadette in die Wüste bringt, folgt Kleopatra. Er sieht Bernadettes noch immer weißen Zähne. Wie Perlen aus den Tiefen eines dunklen Leibes und einer noch geheimnisvolleren alten Seele. Er weiß die Sandberge, die sich vor ihm erheben und immer wieder erheben einzuordnen. Er weiß ganz genau, wo er sie hinbringen wird. Dort, wo ihr Körper für immer seinen Frieden haben wird. Und dorthin, von wo aus Kleopatra neu beginnen wird müssen. Sie wird jagen lernen müssen. Sie wird es lernen. All diese Gedanken begleiten den alten Tuareg, die Großmutter Bernadette im Arm und hinter ihm die Schlange. Hinter ihm die Ewigkeit, vor ihm die Ewigkeit, in ihm die Ewigkeit. Genau in diesem Moment des Einklangs mit allem, was das Schicksal vorgesehen hat, legt er Bernadette in eine Kuhle. Stunden sind vergangen. Kleopatra legt sich augenblicklich neben sie, ihr Blick in die Ferne gerichtet. In die Ferne, die nur aus einem blauen Himmel und der jetzt versinkenden Sonne bestand, die teilweise die Wüste mit einem rötlichen Licht bewarf, als würden die sanften Berge zu Blut. Der Sand gibt etwas nach, als hätte die Wüste schon lange gewartet. Gewartet auf eine alte Frau.

Langsam geht er zum Dorf zurück. Er weiß, bevor er Bernadette die letzte Ehre erweist, muss er noch etwas erledigen. Kleopatra wird solange auf Bernadette aufpassen, auch wenn er nie wieder zurückkäme. Sie würde nie diese Frau verschlingen.

Das Telefon klingelt. Das ist untypisch. Seit Bernd und Iris unter der Erde sind, klingelt hier gar nichts mehr. Die Menschen vergessen schnell. Lea hat mit den Freunden der beiden auch nicht so viel am Hut. Sie ging bei den Erwachsenengesprächen weg, als Kind liebte sie es bei offener Tür dem Gemurmel zu lauschen, ohne auf die Bedeutung zu achten. Dann fühlte sie sich bei Iris und Bernd so geborgen wie in der Wüste. Eingetaucht in menschliche Stimmen, deren Nähe. Doch jetzt leben die früheren Gefährten ihrer Zieheltern in ihren eigenen Welten. Schotten sich immer mehr ab. Während bei ihnen alles kleiner wird, dehnt sich die Welt für Lea aus.

Lea hebt ab. Ihr Vater ist dran.

„Vater?“, schreit Lea auf, als sie seine Stimme hört. Sie weiß, das muss ein schlechtes Omen sein. Ihr Vater würde nie, aber auch nie, in Berlin anrufen. Nie, und wenn sie tausendmal seine Tochter wäre. Nie, nie, nie. Ihr wird schwarz vor Augen.

„Such dir etwas zu sitzen, Kind“, murmelt er.

Es dauert, Lea sucht mit ihrer Hand den Stuhl, der sich rechts neben dem Telefonschränkchen befinden muss. Ihre Finger suchen vergeblich, dann bekommt sie ihn zu fassen, ohne die Strippe des Schnurtelefons zu sehr zu belasten.

„Okay, Vater, ich sitze.“

„Kleopatra hat Großmutter getötet. Deine Großmutter wollte es so. Sie hat es auf vielen Wegen versucht. Sogar hungern hat sie sie lassen. Doch Kleopatra wollte sie nicht. Irgendwann hat sie gebissen.“ Lea weicht das Blut aus den Adern. Unwillkürlich muss sie anfangen zu schluchzen.

„Mein Kind, deine Großmutter wollte es so. Es war ihr auserwählter Tod. Kleopatra wollte sie nicht fressen, dann hat sie es auf diesem Wege getan. Es gibt Schamanen, die gehen in Höhlen mit Schlangen, werden sie nicht gebissen, sind sie heilig. Deine Großmutter ist so eine. Heilige. Sie hat Kleopatra ausgetrickst, sie kann nichts dafür. Sie ist eine Göttin. Wir werden Kleopatra weit weg von hier bringen, noch weiter als da, wo du sie gefunden hast. Damit sie wieder frei ist. Vielleicht war es eine gute Idee von dir, sie hierherzubringen. Vielleicht auch nicht. Das wird nur Allah allein wissen. Dein Gott, mein Gott. Lea, ich liebe dich. Deine Großmutter sieht so schön aus. Und Kleopatra bewacht sie, bis wir sie heute Nacht in der Wüste verbrennen. So hat sie es sich gewünscht. Komm uns bald besuchen. Ich leg jetzt auf.“

Lea legt ganz langsam den Hörer auf. Sie kann nicht mehr. Das kann man doch niemandem erzählen. So hat sie es sich nicht vorgestellt. Dass ihre Großmutter ging. Nun konnte sie auch die Blicke der Großmutter auf Kleopatra einordnen. Ihr wird schlecht. Sie bricht zusammen.

Lea wacht auf. Sie schreibt einen Brief an die Hausverwaltung. Hat sie sich so vorgenommen. Nachdem sie einen Briefumschlag und das Papier vor sich hingelegt hat, steht sie auf und mahlt Kaffee. Das Geräusch der immer lauter werdenden Kaffeemühle und der Kaffeegeruch beruhigen sie. Dann macht sie das Radio an. Frau Merkel. Der Islam gehört zu Deutschland. Wie bitte? Wie soll denn das gehen? Dann mahlt sie weiter. Drückt immer und immer wieder auf den Knopf. Als würde die Maschine dann schneller mahlen. Oder intensiver. Feiner. Tut sie aber nicht. Dann schaut sie aus dem Fenster. Draußen regen sich grad ein paar Türken auf. Hamdudelchallah, das sind Leas Lieblingssilben. Sie stehen vor einem Zeitungsladen, der auch Kaffee ausschenkt. Ob Iris und Bernd sich hier noch wohlfühlen würden. Ganz Istanbul ist bald hier, hatte Bernd manchmal gewitzelt und dabei frech Lea angegrinst.

„Du, meine Kleine, gehörst zur Familie. Und wir liegen niemandem auf der Tasche, merk dir das Lea, das macht den Unterschied. Hier kommen Migranten, die Frau putzt, der Mann arbeitet. Das Amt kommt für sie nicht infrage, die gehören zu uns. Doch nicht die, die mit Zweit- und Drittfrauen ihre Kinder von uns Steuerzahlern bezahlen lassen und ihr schwarz verdientes Geld dann nach Arabien oder in die Türkei oder sonst wohin schaffen. Das hat keinen Charakter, keine Ehre, das hat keinen Respekt verdient. Geh mal zum Sozialamt, du wirst keinen Chinesen oder Japaner dort finden. Die haben eine andere Klasse. Und die Deutschen, die dasitzen, um die müssen wir uns kümmern, das sind unsere Landsleute. Und die, die hier mit uns arbeiten wollen. Ich hab immer gearbeitet, immer!“

Bis sein Radius immer kleiner wurde, Bernd baut ab. Der Mann, den sie kannte, der immer alles getan hat, im Haushalt, außerhalb des Haushalts, geschleppt, gebuckelt, gearbeitet, wurde immer durchsichtiger. Ein bisschen schien es so, als würde seine materielle Essenz sich vergeistigen. Substanzverlust. Das Feste wurde ätherisch. Wie Lava aus einem Berg, so verging seine Lebenskraft und sie verging glühend. Es kam so, wie Bernd es voraussah. Gefühlt. Nicht nur. Klein Istanbul hat Lea jetzt vor ihrem Fenster der Wohnung, für die sie jetzt die Miete im Puff verdienen muss. Richtig, Ratenzahlung. Das wollte sie ja jetzt vereinbaren. O Mann. Lea lässt sich auf das Sofa fallen, sie atmet und atmet tief durch.

Trotzdem nimmt die Panik in ihr, hinter ihrem Sternum nicht ab, dann schaltet sie den Fernseher ein und das Radio. Die Stimmen verdoppeln und verdreifachen sich. Ob sie untervermietet? Lieber nicht. Wenn die das rauskriegen, fliegt sie gleich raus. Wie soll sie unterschreiben. Mit Lea Tuareg oder Iris oder Bernds Unterschrift. Aber die sind ja schon gestorben. Das wäre Urkundenfälschung. Doch jetzt, wo sie sowieso im Bordell arbeitet, ist das doch auch egal oder eher nicht? Nicht noch mehr Schlamassel, sie muss es regeln. Lea spürt, dass ihr Herz zu rasen beginnt. Gleichzeitig zittern ihr die Hände, o schreckliche Bürokratie. Sie packt den Briefumschlag und das fast leere Blatt Papier weg. Prokrastination. Richtig, ich prokrastiniere, dann wird es sich schon von selbst regeln. Der Briefkasten quillt auch schon über. Einmal die Woche holt sie die Post raus, die dann in einer Schublade verschwindet. Schon der Anblick der ungeöffneten Briefe raubt ihr den Atem.

Sie kann gerade mal so ihre Wäsche waschen und Essen einkaufen. Um davon der Hälfte beim Vergammeln zuzusehen. Sie versteht auch nicht, wie die Mädels im Puff sich Essen bestellen können. Sie ist viel zu aufgeregt dafür. Und wenn sie einmal runtergehen würde, um sich was zu kaufen, würde sie gleich weglaufen. Ganz weit weg. Und ganz schnell. Und nie wiederkehren. Die Mädels sind da ganz cool. Ich geh mal rüber zu Netto, will jemand was? Dann ziehen sie die Strapse aus, Jeans drüber und kommen nach einer Viertelstunde ganz easy wieder. Wie geht das? Würde sie auch irgendwann easy werden? Oder bleibt die Panik für immer in ihr? Wann würde sie wieder vertrauen können? Sich. Sich. Sich. Warum haben wir nur nicht das Geld als Bargeld hier gebunkert? Bares ist Wahres, hatte Bernd immer gesagt. Und Iris zustimmend genickt. Der Staat, der sollte nichts kriegen. Hatte der es ihnen doch immer schwergemacht. Keine Adoption, weil Iris an Rheuma erkrankt war. So eine Scheiße, Lea hört Bernds Stimme wie früher durch die Wohnung schallen. Warum haben wir es nicht mehr geschafft? So ein Testament aufzusetzen? Als würde Bernd jetzt noch durchs Jenseits schreien. Weil alles andere wichtiger war, die Attacken, die Krankheit hatte alle in Atem gehalten. Atemnot, Schwindel, Sprachstörungen, Schluckbeschwerden, immer die Schippe in der Hand. Körperflüssigkeiten geliebter Menschen entsorgen. Wenn du planst, bringst du Gott zum Lachen, hatte Iris Lea oft zwinkernd gesagt.

„Erst als ich gar nicht mehr glaubte, so einen wundervollen Menschen wie dich großziehen zu dürfen, dann erst, dann erst ist das Wunder geschehen.“

Gott, Gott, Gott. Und wo war er jetzt? Wo legte er jetzt die Kohle für sie hin. Wunder, o Wunder. Ja, merde. Jetzt hat sie den Salat. Sie geht wieder ins Bett, ohne sich den Kaffee aufzubrühen, und mummelt sich warm ein. Einfach schlafen, forever. Am liebsten forever. Kleopatra, Bernadette, ihre Großmutter

„Geht weg, geht weg“, murmelt sie beim Einschlafen, „das verkrafte ich nicht.“

Freiheit

Der Urlaub kann beginnen. Henriette fährt von Pankow nach Berlin-Mitte. Friedrichstraße findet sie sofort einen Parkplatz, Dussmann und Lafayette, das sind ihre Favoriten. Mindestens ein Urlaubsbuch, Nagellack und vielleicht ein schönes T-Shirt, das muss drin sein. Beschwingt öffnet sie die Fahrertür, steigt aus und läuft zum Parkscheinautomaten. Wäre schon ungünstig, wenn von heute und auch noch mit der aktuellen Uhrzeit ein Strafzettel nach Hause flattert, wo ich doch längst in Hamburg im Flieger sitze. In Wirklichkeit. In was für einer Wirklichkeit? Sie spürt ein Lächeln in sich aufsteigen. Wie crazy ist das denn, wer bin ich überhaupt? Habe ich mich selbst verlassen? Oder einfach die alte Henriette. Irgendwo gibt es sie noch, irgendwo. Vielleicht ist sie einfach zu Hause geblieben und beschützt heimlich von niemandem bemerkt die Kinder. Damit die andere Henriette auch leben kann, atmen kann, mal ein paar freie Momente, Stunden, Tage hat. Eine Stunde gehört ihr, mit vier Euro hat sie sich das bei den modernen Wegelagerern erkauft.

Eine Stunde. Rituale müssen sein. Sie läuft zum Auto und legt das Ticket gut lesbar hinter die Scheibe. Die Tür klappt zu, dann hält sie inne und läuft noch mal zum Parkscheinautomaten zurück. Ein Impuls. Dort greift sie in den schmalen Schacht, in dem sie manchmal auch böse Dinge vermutet. Kaugummis und so. Doch sie spürt eine Münze, betastet sie vorsichtig mit ihren sensiblen Fingerspitzen, greift sie, nimmt sie raus und staunt: „Türkiye Cumhuriyeti“, murmelt sie vor sich hin. Wirklich ein Wunder.

Das wird mein Beweis sein, dass ich in der Türkei war, ist ihr nächster Gedanke und sie dreht die Münze in ihrer Hand um. 50 Kurus 2009 mit dem türkischen Emblem auf der anderen Seite zieren den Taler. Ihre bedrückte Stimmung wandelt sich. Es soll wohl alles so sein. Es ist richtig so. Dann seufzt sie erleichtert auf, als würde der Taler zu ihr sprechen. Dann bin ich nicht verdammt, mit dem, was ich tue.

In den Fluss springen, ohne zu wissen. Den Ort des Ankommens. Das rettende Ufer. Wo würde das sein? Gibt es diesen Ort? Eigentlich mutig. Doch nur eigentlich. O je, o je. Sie seufzt, ihr Grübchen über dem rechten Mundwinkel gräbt sich dabei tief ein. In die Haut. Manchmal ertappt sich Henriette dabei, diese tiefer werdende Falte trotzig zu beobachten, fast ein wenig feindselig. Alt werden kündigt sich genau dort an. Dann tastet sie immer wieder in ihrer Hosentasche nach der Münze, Magie, das Leben darf manchmal auch eine Lüge sein, eine einzige Lüge, und die auch noch vom lieben Gott unterstützt. Lacht er mit ihr und weint er auch mit ihr? Und wird er auch immer da sein, wenn sie ihn braucht?

Henriette lächelt, die Menschen auf der Straße lächeln mit, erwidern Henriettes Blick. Ja, sie ist eine schöne Frau, hätte sie es doch nur eher gewusst. Bei Annette – sie fährt die Straßen durch Potsdam vor –, auf dem Grundstück staunt sie nur noch. Was ist das denn? Das kleine schmucke Häuschen ist nur durch einen Steg von einem See getrennt. Oder nein, umgekehrt. Das Häuschen ist mit einem Steg zum See mit ihm verbunden. Mit dem Wasser. O Mann, Klasse! In Berlin waren der Tag und die Woche wolkenverhangen, doch hier scheint die Sonne. Schnell räumen die Frauen den Kühlschrank ein und bereiten den Grill im Garten vor, stellen die Stühle und den Holztisch raus, der Sekt kommt kurz in den Tiefkühler, dann beginnt der angenehmste Teil. Nacheinander springen sie in das kühle Nass. Baden und danach auf dem Steg Sekt trinken, die Beine im Wasser baumeln lassen. Welch überwältigender Luxus.

„Schön hier in Türkiye!“

Henriette grinst. Die Frauen lachen. Spät in der Nacht kuschelt sich Henriette, und ohne sich streiten zu müssen, seit Langem ruhig und friedlich in das schmale Bett in einem kleinen Zimmer neben der Eingangstür. Sie ist froh, so weit weg von Tomas, Berlin und den Vampirkindern zu sein. Frieden. Gnade. Frieden.

„Mehr brauch ich nicht!“, murmelt sie in den dunklen Raum hinein.

Dämonen

Lea träumt sie liegt unter dem Sternenhimmel in der Wüste. Leise nimmt sie Musik wahr, die immer aufdringlicher in ihren Ohren wird. Sie sieht Menschen, wie sie mit Champagnergläsern sich gegenseitig zuprosten und unterhalten. Mit einem Mal lösen sie sich aus den Gruppen, um zum aufbereiteten Buffet zu laufen und kleine Häppchen mit Lachs und Schinken in ihre Münder zu stopfen. Ab und zu platscht es, einen Swimmingpool kann sie hinter dem Haus ausmachen. Sie fühlt sich wie in einem Zeitraffer, die Bilder laufen vor ihrem inneren Auge immer schneller ab, bis sie sich selbst inmitten der Menschen wiederfindet. Sie läuft die Treppen zum Haus hoch und begibt sich durch den Flur hindurch in eines der dortigen Zimmer. Vor einem großen Buffet bleibt Lea stehen und nimmt ein plüschiges rundes Ding aus einem der vielen Regale. Es ist blau. Plötzlich fliegt der Plüschbatzen vor das Haus auf den Rasen. Die Menschen dort sind plötzlich verschwunden. Dann wächst langsam ein großer Elefant aus dem runden Ball.

Als sie erwacht, hat sie noch die Bilder des großen Festes im Kopf. Die Vorstellung eines Elefanten als Freund und Beschützer machen ihr ein wohliges Gefühl im Bauch und auch im Kopf. Dann greift sie zum Telefon.

„Hier ist Cosma. Ich komm heute nicht.“

Sie legt auf. Sodann kramt sie im Stapel ungeöffneter Briefe, nimmt sich einen Stift und schreibt:

„Sehr geehrte Damen und Herren der Hausverwaltung. Ab April werde ich die Miete in voller Höhe überweisen. Jeden Monat. Die Mietrückstände werde ich in 14-tägigen Raten in Höhe von 200,- Euro überweisen, bis sie getilgt sind. Aufgrund von Krankheit sind die Zahlungen in Rückstand geraten; ich hoffe auf ihr Verständnis.“ Dann unterschreibt Lea mit dem Namen von Iris. Die Flucht nach vorn. Wenn ich ehrlich bin, flieg ich raus. Das geht nicht. Ich brauch jetzt erstmal Frieden. Sodann brüht sie sich einen Kaffee, reißt das Fenster auf und atmet tief durch. Der Brief liegt jetzt adressiert an die Hausverwaltung auf der Kommode. Schnell springt sie unter die Dusche, sie hat den Drive, den Mut. Wenn, dann jetzt, das kommt nie wieder. Jeans, Shirt, Stiefeletten sind schnell angezogen. Fast panikartig. Bevor die drohende Lähmung wieder eintritt. Dann nimmt sie das Geld für die Post aus der obersten rechten Schublade. Dort hatte es auch Iris immer hingelegt. Das Bargeld für die Woche. Und ab zur Post. Mit dem Brief in der Hand läuft sie die Straße zwischen Kindern und Müttern mit Kopftüchern entlang, immer irgendjemandem ausweichend. Irgendwann zieh ich hier weg, irgendwann. Mehr traut sie sich nicht zu denken. Ein Schritt, ein Brief nach dem anderen. Wenn sie nach Hause kommt, wird sie die Wohnung putzen. Die Fenster zuerst, dann den Boden wischen, Betten beziehen, auch das von Bernd. Ganz so, als wären alle noch da. Staubsaugen. Sie braucht sie jetzt. Bernd und Iris sind noch da. Bernadette und Kleopatra auch. Alle vereint in der Neuköllner Wohnung. Alle.

Noch ein Traum. Lea kämpft mit einem Samurai. Sie kämpfen sich durch viele große Räume. Lea ist wütend, groß und stark. Sie bewegt ihr Schwert, wie eine geübte Kriegerin, die in all ihren Reinkarnationen nichts anderes war. Der Samurai, der auch in früheren Reinkarnationen immer Krieger war, kommt gegen sie nicht an. Auf einmal hält er inne und setzt sich vor sie hin. Lea schaut ihn überrascht an.

„Wofür kämpfst du überhaupt, es sind doch alle schon tot“, sagt er mit intensiver Bassstimme.

„Nein, sind sie nicht!“

Lea wird wütend und holt zum nächsten Schlag aus. Da schaut der Mann oben an die Decke. Lea folgt seinem Blick und erstarrt. Da hängen viele Menschen oben an der Decke, die sie kennt. Menschen aus Bilma, viele Menschen. Auch ein Kind. Die Köpfe hängen an einem Strick, die Augen offen und leer. Nur die Großmutter nicht. Schließlich erwacht Lea. Sie weiß nun genau, es waren nicht die Schlangen. Es waren nicht die Schlangen. Dieser Mann muss sie umgebracht haben. Dann sinkt ihr Kopf zur Seite. Sie weint. Und weint. Und es sind dabei auch die vielen nicht mehr geweinten Tränen der Großmutter. Sie glitzern auf dem Stoff der Bettdecke von Iris und Bernd. Wie neue schöne Träume. Vielleicht wie die verzagten Gedanken an ein neues schönes Leben. Mit Bernadette und Kleopatra. Iris und Bernd. Nana und dem Tuareg, ihrem Vater. Schönheit vergeht nicht. Sie wird erst mal mit allen zusammen hier wohnen, in Berlin-Neukölln. Dann wird ihr nach langer Zeit endlich wieder warm. Sie geht in das Bad und stellt sich vor den Spiegel, betrachtet ihre dunklen Augen, neigt ihr Gesicht ein wenig zur Seite, das Licht fällt seitlich ein, jetzt schimmern ihre Augen grün.

Mit kleinen gelben Sprenkeln darin. Wie die Wüste. Wie Kleopatra.

Das Päckchen

„Hier, ich habe etwas für Herrn Hochsommer abzugeben.“

Der Postbote vor dem Gartenzaun wedelt mit einem Päckchen.

„Aha“, Henriette sitzt als Einzige schon mit einem aufgebrühten Kaffee am kleinen runden Tisch in der Sonne.

Schnell hängt sie sich ihr Tuch über die Schultern und läuft zum Tor.

„Ich bin seine Tochter, danke schön.“ So nimmt sie das Päckchen entgegen.

Jetzt Babett zu rufen und die schöne Ruhe zu stören, da nimmt sie schon lieber einen falschen Namen an. Fängt an Spaß zu machen. Warum kompliziert, wenn’s einfach geht. Henriette unterschreibt mit Sommer, nur eine halbe Lüge. Beschwingt läuft sie in die Küche und legt das Päckchen auf den Tisch, da brummt es. Ihr Handy. Grün blinkt das kleine Nachrichtenfeld auf. Dann tippt sie.

„A H A“.

Na klar, alles klar, ihr Herz beginnt böse zu schlagen. Erst mein Leben voll in Beschlag nehmen und alles bestimmen wollen und jetzt bei meiner Mutter feiern gehen. Klar. Wo sonst. Keine eigenen Freunde? Keine eigene Familie? Arschloch. Und umgekehrt? Nur Feindseligkeiten, seitens seiner Familie aus dem goldenen Westen; ist auch nicht alles Gold, was dort glänzt. Nur Vorurteile, weil ich im Osten geboren bin. Die Attacken der Schwiegermutter sind im Gedächtnis verblieben, auch die abschätzenden Blicke und ihre sich ständig verziehenden Mundwinkel, wenn sie miteinander redeten. Und ihr Sohn? Henriettes Gedächtnis ist wie das eines Elefanten, der sich noch nach Jahren seiner Peiniger erinnert. Ihn, ihren stillen Mann hat sie auch nicht vergessen, wahrscheinlich denkt er genauso wie seine Mutter, sonst würde er sich ja auch mal einmischen und sich für sie einsetzen, oder? Es gibt doch gar keinen Grund dafür, dass sich die Wessis über die Ossis stellten. Was soll das? Haben sie vergessen, dass die Ossis den Krieg bezahlt haben, jedenfalls den größten Teil. Die Russen haben alles abgebaut, jede Schiene, jede Maschine. Jede Schraube, die noch was halten konnte, haben die bekommen. Abgezahlt. Bezahlt. Ende der Diskussion.

Aber dann heute bei meiner Ossimutter seinen Geburtstag feiern, die feine Gesellschaft, Herr Kaminsky. O Mann, bin ich sauer.

Ich denke, bei mir ist alles so schrecklich. So tut er jedenfalls immer, mein Mann.

Bei meiner Mutter. Bei meiner Mutter. Bei meiner Mutter. Dann nimmt sie sich eine Zigarette. Am frühen Morgen. Am frühen Morgen? Nee, dazu bekommt der mich nicht. Sie legt die Zigarette zurück. Nur Luxusrauchen, nur mit Wein oder Champagner. Nicht aus Ärger, ganz wichtig, denkt Henriette. Kleine wichtige Lebensbestandteile. Grundlagen, um nicht zu schnell alt und hässlich zu werden. Komisch, dass man sich darum Gedanken macht, wenn man am schönsten aussieht.

Modeschau, drei Frauen. Gelächter. Ladylike. Der Tag ist zu schön, baden, grillen, Modeschauen, viele Witze. Zu schön, um wahr zu sein. Babett schießt Fotos, abwechselnd setzen sie sich Sonnenbrillen auf oder wackeln mit ihrem Hinterteil und versuchen verschiedenste Posen. Mal elegant, mal zum Schreien. Um Mitternacht stehen auf dem kleinen Gartentisch mehrere Flaschen Prosecco, Tarotkarten sind durchweicht, der Tau legt sich auf die Reste von Kaviar, leckerem Brot und Erdbeersoufflé. Babett bemerkt das Päckchen erst am späten Nachmittag. Einen Tag später. Schrauben für einen Bekannten von ihrem Mann, für sein Flugobjekt, das er bauen lassen will.

„So so, das hätte er auch schlauer machen können. Beschäftigung für die Frau. Sich in Erinnerung bringend, der Gatte. Gratis. Kommst du mit, heute Abend bring ich es dem Schmied?“, wendet sie sich an Henriette, die willigt ein.

„Ja, schön, machen wir.“

Henriette genießt den Tag, sie schwimmt um die Wette mit den Enten, es gibt Kaffee am Steg, saure Gurken und gegrillte Würstchen. Dann geht sie duschen, zieht ihr schönes schwarzes Kleid mit hübschen Spitzen am Untersaum an. Selbst fürs Dorf mach ich mich schön, ich hab schließlich Urlaub, denkt sie. Dann düsen sie los; Henriette fühlt sich pudelwohl in ihrer Haut, ausgeruht und irgendwie erleichtert. Das Kleid schmiegt sich an ihren Körper wie eine samtweiche, leicht glänzende, schöne Haut. Immerhin halb Baumwolle, halb Seide. Diesen Materialmix wird sie in Zukunft favorisieren. Babetts Auto ist ein alter weißer Ford, auf Gas umgestellt. Für Henriette ein Rätsel. Benziner auf Gas. Es riecht nach altem Öl und ein wenig nach den vielen Zigaretten, die Babett wie nebenbei inhaliert. Henriette kurbelt ihr Fenster herunter und atmet genüsslich die laue Sommerluft ein. Es riecht nach Rosenduft und weißen Lilien, ab und zu mischen sich Schwaden von Benzingeruch darunter. Selbst das. Lecker. Ein Käfer krabbelt über die Frontscheibe. Henriette beobachtet ihn und ist verwundert, dass er nicht einfach runtersaust, bei dem Wind und dem Tempo. Sie fahren über die Dörfer und halten irgendwann an einer alten Schmiede. Henriette, tiefenentspannt, würde am liebsten weiterfahren, weiter, immer weiter, ohne Kindergeschrei, einfach allein.

Sie parken vor einem alten Haus, das an morsche Ostbungalows erinnert mit dem nicht zu vernachlässigenden Unterschied, dass hier und da ein Anbau aus rotbraunen Ziegelsteinen hervorlugt. Die beiden Frauen laufen auf einem Sandweg um das kleine Häuschen herum, aus dem kleine vertrocknete Grasbüschel um ihr Leben kämpfen. Ein kleiner schwarzer Spitz kläfft ihnen entgegen und verrät den unangekündigten Besuch. Sie laufen um die Ecke, da kommt ihnen schon ein Mann entgegen, um die sechzig, mit verschmitzt wirkenden Augen.

„Hereinspaziert!“, mit einer ausladenden Geste winkt er die Frauen herein.

„In mein bescheidenes Heim!“, ruft er lachend.

Henriette fällt sofort ein dunkelhaariges Mädchen auf und neben ihr der große Mann. Er rückt sofort ein Stück von dem Mädchen weg, als er die zwei Frauen sieht, die da hereinkommen.

„Was wollt ihr trinken? Kaffee? Bier?“

„Naja, erst mal Kaffee.“

Henriette ist schnippisch. Irgendwie ist die Situation kurios. Das Mädchen, bei näherem Hinsehen wirkt sie um die dreißig, eigentlich auch älter, das machen die Augenringe aus, die sich schon sichtbar unter ihre hellen Augen gelegt haben. Zu enge Leggins, billiges Top. Auf dem Tisch stehen Wodka und Bier. Der Schmied geht in das Haus und kommt mit zwei Kaffeetassen zurück, einer kleinen Flasche Sahne und einer halbvollen Kaffeekanne. Henriette schaut die junge Frau neugierig an.

„Der hat hier ’nen Dorfpuff, die Frauen hat er bei einem anderen aus dem Nachbardorf abgezogen.“

„Was?“

Henriette streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr und ist verblüfft. „Und was nimmst du für ’ne Stunde?“, fragt sie unverblümt die dunkelhaarige Frau. Groß und schlank.

„Dreißig Euro!“ Jetzt bemerkt Henriette auch den Akzent und ganz helle kommt sie ihr auch nicht vor.

„Das ist doch viel zu wenig!“

Henriette ist erbost, dreißig Euro für das schönste Geschenk, das eine Frau einem Mann machen kann?

„Sie muss mir nur eine kleine Zimmermiete zahlen!“

Der Schmied wirkt bemüht, sich keinen schlechten Ruf einzufangen: „Ich hab hier auch einen Hengst für Frauen, die mal wieder einen Mann brauchen!“

Henriette lacht. „Mein Gott, was für ein Leben! Nee, danke, kein Bedarf!“

Der Schmied und der andere Mann am Tisch bemühen sich, ihre gerade frisch eingetroffenen weiblichen Gäste zu bewirten. Bier wird eingeschenkt, die polnische Frau, irgendwie von den beiden Männern plötzlich links liegen gelassen, geht in den kleinen roten Ziegelanbau.

„Komm, ich zeig’s dir, unser kleines Paradies“, sagt der Schmied und winkt Henriette zu sich.

Henriette läuft mit dem Schmied durch das Haus, er zeigt ihr die Zimmer.

„Hier schau, ist eine Dusche, sollen es ja gut haben die Mädels hier. Du machst so was nicht, bist viel zu schön dafür!“, droht er Henriette mit dem Zeigefinger.

„Haha! Eine Idee ist das schon, vielleicht geht es den Frauen ja viel besser als mir!“, denkt sich Henriette, frei zu sein und trotzdem Sex und trotzdem Geld. Nur das mit dem Wodka schon nachmittags auf dem Tisch, hm. Doch einem Mann Kinder schenken und ständig in ein mieses Gesicht zu sehen, ist auch die Härte, es reicht irgendwie alles. Ihr. Es reicht, es reicht, es reicht. Und der sie ja auch betrogen hat, gleich zu Beginn der Beziehung schon. Warum kann man sich nicht schneller umdrehen als Frau und einfach gehen. Doch, man kann, man tut es nur nicht, wegen der Hoffnung. Doch Hoffnung, was ist das schon, irgendein Ding, ohne dass man glaubt, nicht leben zu können. Ein Wort mit H, mehr nicht.

Henriette geht zu Babett und dem großen Mann zurück, der sie sehr interessiert und neugierig anschaut. Biere werden auf den Tisch gestellt, Gläser auch olle, schmuddelige Gläser, was soll’s, die Party beginnt. Spät abends tanzen Babett und Henriette mit dem Schmied und dem großen Mann, der sich Frank nennt, in der Werkstatt. Zwischen alten Autoreifen, Werkzeugen an den Wänden, Öl und dreckigen Lappen. In Windeseile hatten die beiden Lautsprecher aufgestellt und das Licht gedimmt.

„Echt witzig“, befindet Henriette ob der plötzlichen Geschäftigkeit von Frank und dem Schmied.

Absurd, absurd, denkt Henriette nach dem ersten Wein; Frank gefällt ihr immer besser, beim Abschied gibt er ihr seine Telefonnummer. Er wirkt so ehrlich und nachdenklich dabei. Auch Henriette ist neugierig geworden. Gut gelaunt treten sie den Heimweg an.

„Erzähl das bloß nicht meinem Mann!“

Babett schaut Henriette an.

„Ich doch nicht.“

Welch Misstrauen, denkt Henriette, ich sitz doch in der Kacke und nicht sie. Oder? Sie auch?

Abends fällt Henriette in einen tiefen Schlaf. Definitiv hat sie zu viel getrunken. Henriette fährt Straßenbahn. Ihre rote Tasche liegt auf einem kleinen Sims, das Portemonnaie guckt dort heraus. Sie begibt sich zu ihrer Freundin. Eine andere Frau steigt mit ihrem Kind ein und setzt sich auf Henriettes Platz, die irgendwie nichts dabei findet. Und auch nicht ihre Tasche holt. Plötzlich muss Henriette aussteigen. Aus einem unerfindlichen Grund denkt sie, dass sie später an einer anderen Haltestelle wieder einsteigen wird und die Tasche dann immer noch dort liegen würde. Mit dieser Gewissheit geht sie nach Hause. Dort überfällt sie die nackte Angst. Wie kann das sein? Sie rast zur übernächsten Haltestelle, keine Bahn, keine Tasche, kein Portemonnaie, keine Frau, kein Kind. Ihr wird klar, dass das alles weg ist. Panik und Angst vor Verlust macht sich breit. Sie wundert sich im Traum, dass sie so denken konnte. Die Bahn später einzuholen. Zeit existiert nicht.

Am nächsten Morgen sieht sie, wie kleine Ameisen den Weg auf den Tisch gefunden haben, wie, bleibt Henriette rätselhaft. Sie findet keine Spur, keine Fährte. Dann setzt sie Wasser auf, sie muss sich einen Kaffee machen, über ihren Traum nachdenken.

Männerfantasien – Kaviar

„Bist du schon lange hier?“, fragt Lea Michaela, die gerade neben ihr sitzt. Die Haare blond, toupiert, große Oberweite, wahrscheinlich Silikon oder auch nicht. Lea hat dafür keinen Blick. Strapse und Schuhe mit mindestens zwölf Zentimeter Absatz.

„Ja, schon zehn Jahre, ist der beste Laden hier für Frauen.“

„Echt? Ja, kann sein, ich hab ja auch nur diesen hier angepeilt.

Weil er von einer Frau geführt wird.“

„Das hat nicht immer was zu sagen“, berichtigt Michaela, „ich war vorher in einem Bordell auf einem Dach mit Swimmingpool und so, den hat auch ’ne Frau geführt. Da kam ich so als Brot an vom Dorf und die war nicht ohne, die Frau, hat uns immer angetrieben.“

„Wie denn angetrieben?“

„Naja, wir sollten Französisch ohne machen und Kaviar!“

„Kaviar? Noch nie gehört! Was’n das!“

„Hm,“ Michaela räuspert sich und schaut zur Hausdame.

„Das ist nicht so lecker, Laura isst grade!“

„Ach, erzähl nur!“, feixt die Hausdame mit vollem Mund und schluckt noch schnell den Bissen ihrer Stulle hinunter.

„Naja, Kaviar ist Kacke essen!“

„Was?“, schreit Lea verhalten auf, „das gibt’s? Das ist doch …!“

„Nichts Seltenes!“, bekräftigt Michaela, „das gibt’s nicht zu knapp. Denen schmeckt das.“

Die Hausdame und die Mädchen auf den Sofas kreischen und schreien: „Iiiiieeeeh.“

Sandra, eine schwarzhaarige mit für Leas Geschmack zu kantigem Po fällt den Mädchen ins Wort:

„Also ich antworte ab und zu im Internet auf solche Suchanzeigen, für so eine Session bekommst du dreihundert Euro, aber einen Tag vorher muss ich es wissen, wegen Abführmitteln und so!“

Die Hausdame schaut Lea vielsagend an. Michaela grinst:

„Ich weiß, wie es geht. Aber ich fand’s auch eklig. Und die Typen, denen siehst du das nicht an!“

„Ja, nee … det siehst du nich’. Anzug, Krawatte, die sehen nicht aus wie Schweine, sondern meistens gepflegt“, stimmt Sandra zu.

Die Frauen sind geübt in Toleranz gegenüber verschiedenen Praktiken, wenn die Frau es auch will. Das ist Grundlage. Stolz.

„O weh, aber hier ja nicht und Französisch ohne auch nicht, nicht mal mit, mach ich hier nicht!“, feixt Lea.

Die Frauen schauen sie erstaunt an. „Hm, naja, wenn du Geld damit verdienen willst!“, wendet Michaela ein und wiegt ihren Oberkörper mit den satten Brüsten hin und her.

„Will ich nicht!“, tönt Lea.

Die Hausdame und Michaela schauen sich mit großen Augen an. Es klingelt. Lea steht auf und schaut hinter den Vorhang, ob der ihr gefallen könnte. Ausnahmen dürfen die Regel bestätigen. Nicht zu jung. Gepflegt ist wichtig. Schick ist wichtig. Sympathisch ist manchmal wichtig. Aber auch wichtig. Nur Deutsche und gepflegt müssen sie sein und irgendwie für den Moment sympathisch. Wenigstens das für später, für den Spiegel, in den sie dann noch schauen will.

Pulsuz fraqment bitdi.

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12 noyabr 2025
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9783969530061
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