Kitabı oxu: «ROCK IM WALD - Ein Norbert-Roman»
Für Dirk – natürlich
Andrea Reichart
Rock im Wald
Ein Norbert-Roman
MÖNNIG-VERLAG ISERLOHN
Andrea Reichart ist Buchhändlerin und Literaturwissenschaftlerin (MA). 2008 kam sie ins Sauerland, um das literarische Konzept des Literaturhotel Franzosenhohl umzusetzen, das sie bis heute betreut.
Ihr erster Roman „Nenn mich Norbert“ wurde 2012 für den DeLiA Literaturpreis nominiert – als schönster Liebesroman des Vorjahres. Seit 2012 hat sie mehrere Kurzgeschichten und Liebesromane veröffentlicht, unter einem Pseudonym schreibt sie Jugend-Fantasy. Außerdem arbeitet sie als Lektorin und unterrichtet Schreibwillige in sogenannten Blitz-Workshops. Sie ist seit 2013 DeLiA Vorstandsmitglied (Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren und -autorinnen).
„Rock im Wald“ ist ihr zweiter „Norbert-Roman“ – weitere sind geplant. Mehr Infos unter http://www.andrea-reichart.de und http://www.aubrey-cardigan.de
Andrea Reichart lebt mit Mann und Hund Norbert in Iserlohn.
Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
© Mönnig-Verlag, Iserlohn, 2015
Alle Rechte an Bild und Text, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotografischen Wiedergabe und der Vervielfältigung bleiben dem Verlag vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Mönnig-Verlag
Buchgestaltung, Textbearbeitung und Produktion: Mönnig-Verlag, Iserlohn. Das Foto ,Saukanzel’ auf der Titelseite wurde freundlicherweise durch die Firma Land- und Forstbetrieb Ernst Kugler in Ertingen-Erisdorf zur Verfügung gestellt.
Gedruckte Ausführung unter www.moennig.de
Print: ISBN 978-3-933519-69-6
E-Book: ISBN 978-3-933519-70-2 EPUB
E-Book: ISBN 978-3-933519-71-9 MOBI
Kapitel 1
„Und das hier ist der neue Schützenkönig. Erkennst du ihn?“ Catrin klickte auf Vergrößern und Felix erschien in Siegerpose auf dem Bildschirm.
„Meine Güte, hat der noch mehr zugenommen?“ Miriam lehnte sich zurück und trank einen Schluck Wein.
„Ich befürchte, ja.“ Catrin legte den Kopf schief und betrachtete stirnrunzelnd ihren Mann in seiner Schützenuniform, umgeben von den wichtigsten Schützenbrüdern ihres kleinen Dorfvereins.
„Solltest du nicht eigentlich neben ihm da oben auf der Bühne stehen, als seine Königin?“, frotzelte Miriam.
„Um Gottes willen, alles, nur das nicht. Ich habe ihm erlaubt“, Catrin vollführte mit der rechten Hand eine würdevolle Geste und neigte ihren Kopf in erhabener Großzügigkeit, „stattdessen seine Kollegin Sabrina zu adeln.“
„Ganz schön riskant, ihm gleich Körbchengröße D zu gestatten.“ Miriam starrte auf den Bildschirm. „Was hat er denn da am Kragen? Ist das eine Rose?“, fragte sie plötzlich.
„Wo?“ Catrin beugte sich vor. „Tatsächlich.“
„Schick!“
Catrin gähnte. „Wer weiß, wer ihm die ins Knopfloch gesteckt hat.“ Lustlos klickte sie sich durch die Onlinegalerie des Schützenvereins.
„Halt! Geh mal zurück – ja, genau. Was ist das?“ Miriam tippte ein Bild an und wies auf etwas Schwarzes vor einem der zahlreichen Rosensträucher, die den Park am See zierten.
Catrin runzelte die Stirn. Was hatte sich der Fotograf nur dabei gedacht, Abfall aufzunehmen? „Das ist sicher ein Müllsack“, sagte sie und wollte weiterklicken, aber Miriam legte die Hand auf ihre.
„Gib mir mal die Maus!“ Mit wenigen Klicks zoomte sie das Bild heran. Ein elegantes schwarzes Damenjäckchen, zusammengeknüllt und halb unter dem blühenden Rosenbusch verborgen, füllte den Bildschirm. Die benutzten und achtlos fortgeworfenen Papiertaschentücher daneben stachen grell ins Auge.
„Na!“, triumphierte Miriam. „Schützenfest-Quickie – da hatte es aber jemand eilig.“ Sie warf den Kopf zurück und lachte. „Nur blöd, wenn man zu besoffen ist, sich wieder richtig anzuziehen! Oder?“ Gut gelaunt klatschte ihre Hand auf Catrins nacktes Knie.
Catrin antwortete nicht, sondern starrte auf die Damenjacke. Das konnte doch nicht wahr sein! Rasch suchte sie das Foto mit Felix und zoomte ihn heran. Dann klickte sie sich zurück zu dem Bild mit der Jacke.
„Sprich mit mir, Catrin. Was ist los?“ Miriam stieß ihr mit dem Ellenbogen liebevoll in die Seite.
„Das ist los!“, schrie Catrin plötzlich auf und tippte wütend mit dem Zeigefinger auf einen kleinen gelben Punkt am Kragen des eleganten, im Dreck liegenden Boleros.
Miriam zuckte die Schultern. „Ich kann nicht erkennen, was das ist“, murmelte sie.
Wortlos stand Catrin auf und kam mit dem Jackett, das sie heute beim Vortrag getragen hatte, zurück. Es ähnelte dem anderen, war aber dunkelblau. Sie hielt ihrer Freundin den Kragen ihrer Jacke unter die Nase.
„Kannst du es jetzt besser erkennen?“, fragte sie bitter. Der kleine Pin, das Erkennungszeichen ihres Vereins, leuchtete wie eine winzige Sonne auf dem dunklen Blau des Stoffes.
„Ach du Scheiße“, flüsterte Miriam. „Der Quickie-Bolero auf eurem Schützenfest gehört einer von uns?“
„Das kannst du wohl laut sagen. Er gehört mir. Er hing in meinem Schrank, als ich fuhr. Und die Rose an Felix’ Revers stammt aus diesem Busch!“ Catrin schleuderte ihr Jackett gegen den Bildschirm. „Mein Mann hat was mit seiner Königin!“
Kapitel 2
Wie sie es schaffen sollte, noch drei Tage hierzubleiben, ohne den Verstand zu verlieren, war ihr ein Rätsel.
Wütend rollte sich Catrin auf die Seite und warf einen Blick auf den Wecker. Gerade ein Uhr durch. Miriam war vor einer Stunde gegangen, daheim kroch Felix vermutlich gerade mit Sabrina durchs Gebüsch, auf der Suche nach dem verlorenen Bolero. Und was war mit Diva? Wer kümmerte sich um ihre hochträchtige Hündin? Felix ja ganz offenbar nicht, so, wie es aussah.
Sie hätte sie doch zu Norbert und Claudia geben sollen! Warum hatte sie das eigentlich nicht getan? Immerhin hatte Nobbi Diva gedeckt. Weil sie, Claudia, zu blöd gewesen war, zu erkennen, dass die erste Hitze ihrer Hündin hohe Flammen schlug. Hoch genug, um den lebenslustigen Rüden in Brand zu setzen. Als wenn es nicht schon genug Welpen gäbe.
Verdammt! Wie sie die sanfte Hündin vermisste! Felix hatte so versprochen, gut auf sie achtzugeben. Und jetzt? Jetzt trieb er es hinter ihrem Rücken vermutlich schon seit zwei Tagen mit seiner Kollegin und hatte sicher alles im Kopf, nur nicht Divas Wohl.
Nein, sie musste zurück. Sie war zwar erst heute Morgen angekommen, aber wie man sehen konnte, war sie bereits viel zu lange fort.
Die Tagung würde ohne sie weitergehen müssen. Ganz ausgeschlossen, sich hier mit Autorenkolleginnen zu amüsieren, während Felix ihren Hund vernachlässigte, weil ihm das Hirn im Vollrausch vollends in die Hose gerutscht war.
Entschlossen wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. Eilig riss sie die Schränke auf und nahm ihre Kleidung von den wenigen Bügeln darin. Dann hievte sie den Rollkoffer aufs Bett und begann zu packen.
Wo würde sie nur hingehen? Auf keinen Fall konnte sie mit Felix zusammenbleiben. Nicht nach diesem letzten endgültigen Beweis, dass er ein Schwein war.
Sie griff nach einem Informationsflyer auf dem Schränkchen unter der Garderobe und suchte die Nummer eines Taxiunternehmens. Sie würde sich direkt bis zum Hamburger Hauptbahnhof fahren lassen und einfach hoffen, dass es eine schnelle Verbindung nach NRW gab und sie nicht bis zum Morgen warten musste. Notfalls war aber auch das egal. Hauptsache weg von hier.
Als sie ins Bad ging und ihre wenigen Kosmetikartikel zusammenraffte, hielt sie für einen Moment inne. Die vom Weinen rotunterlaufenen Augen würden sich sicher bald beruhigen, es sei denn, sie brach immer wieder in Tränen aus. Sie würde sich zusammenreißen müssen, denn sie wollte verflucht sein, wenn sie wie das buchstäbliche heulende Elend vor Felix’ Tür erschien.
Mit einigen routinierten Handgriffen steckte sie ihre schulterlangen braunen Haare hoch, dann zog sie sich trotz zitternder Hand halbwegs gerade Lidstriche, tuschte die Wimpern und legte sogar noch ein paar Tropfen Parfüm auf. Ja, das reichte, so konnte sie sich sehen lassen. Und so fühlte sie sich auch wieder etwas selbstbewusster. Selbstbewusst genug, der Nachtwelt von Hamburg zu begegnen.
Wenigstens reise ich erster Klasse, dachte sie erleichtert. Die Lounge am Bahnhof war vielleicht nicht das Hilton, aber allemal besser als eine Bahnhofshalle.
Mit einem letzten Blick überprüfte sie ihre Kleidung. Es war draußen noch immer sommerlich warm, tagsüber waren es immerhin fast dreißig Grad gewesen. Sie hatte sich für ein weißes T-Shirt entschieden, für Jeans und ein paar bequeme Sportschuhe, die sie notfalls bis ans Ende der Welt tragen würden. Den flauschigen, blaugemusterten Reise-Pullover, den ihre Großmutter ihr vor so vielen Jahren als Unterwegs-Talisman gestrickt hatte, band sie um ihre Hüften.
Als sie endlich im Taxi saß, schrieb sie Miriam eine SMS und erklärte ihren überstürzten Aufbruch so gut es ging. Dann schaltete sie das Handy aus. Es war besser, wenn niemand sie erreichen konnte.
Erschöpft schloss sie die Augen und lehnte den Kopf zurück. Sie spürte, wie der Taxifahrer einen skeptischen Seitenblick riskierte, und war froh, dass er ihre verweinten Augen richtig deutete. Sie wollte nicht unterhalten werden.
Kommentarlos schaltete er das musikalische Nachtprogramm des örtlichen Radiosenders ein und trat aufs Gas.
Kapitel 3
Wie vermutet fuhr um diese Zeit noch kein ICE oder EC Richtung Dortmund und so stellte Catrin ihr Gepäck neben einen der gemütlichen Lounge-Sessel und ging zur Servicestation, um sich einen Espresso zu holen.
Außer ihr nutzten nur wenige Passagiere die Lounge: ein älteres Ehepaar, das sich am Fenster in einen großformatigen Prospekt vertiefte, ein junger Inder, der zu schlafen schien, und ein Typ im Hugo Boss Anzug, der sich gerade erhob und den Raum verließ. Catrin nahm ihren Espresso und begab sich zurück zu ihrem Platz.
Die ältere Dame blickte auf und warf ihr einen freundlichen Blick zu. Catrin lächelte ihr Ich-bin-erfolgreich-Lächeln, auch wenn sie sich gerade fühlte wie jemand, der heimatlos geworden war. Ganz verkehrt war das schließlich nicht. Sie durfte nun keinen Fehler machen, was die Planung ihres zukünftigen Lebens betraf. Des Lebens, das sie sich neu aufbauen musste. Für sich, für Diva und für deren Babys, die irgendwann Ende der Woche geboren werden würden.
Diva und sie hatten einander gesucht und gefunden. Beide waren sie so einsam gewesen, als sie einander begegneten. Die junge Hündin, der traurigste Welpe, der ihr je unter die Augen gekommen war, und sie selbst noch unter ihrer Fehlgeburt leidend. Sie hatte es genau gesehen, das irritierte Aufmerken im Blick des jungen Tieres, als ihre Freundin Linda ihr den Welpen in den Arm drückte.
„Die anderen sind alle weg, diese hier wollte niemand haben“, sagte Linda und klang entsetzlich erschöpft.
„Warum nicht?“, fragte Catrin fassungslos und drückte das braunschwarze Fellknäuel an ihre Brust.
„Keine Ahnung“, meinte Linda. „Vielleicht, weil sie so zurückhaltend und still ist? Die Leute sagten, sie wirkt apathisch.“ Linda schüttelte den Kopf. „So ein Unsinn. Sie ist nur etwas vorsichtiger, wenn du mich fragst.“
Catrin verkniff sich ihren Kommentar. Traurig traf es sicher eher. Oder resigniert. Der Mutter entrissen, weit vor der Zeit, weil Linda einfach nicht mehr konnte. Weil das Aufziehen der Welpen mehr Kraft forderte, als ihr anstrengender Vollzeitjob ihr ließ.
Catrin führte den Espresso an ihren Mund und verbrannte sich die Lippen, was sie zurück ins Hier und Jetzt riss. Verdammt! Sie blies so lange in die kleine Tasse, bis das dunkle Gebräu Trinktemperatur erreichte, dann trank sie es in einem Zug aus. Das sollte reichen, sie noch ein wenig wachzuhalten, bis der Zug ging.
Die Tür öffnete sich und der Anzugträger kam zurück.
Männer wie er ließen Catrins Fantasie Kapriolen schlagen. In Sekundenschnelle füllte sich der Raum mit imaginären Romanfiguren, eine verwegener als die andere. Sie konnte ihren Blick kaum von dem großen, kräftig gebauten Fremden mit dem dichten dunklen Haar und dem attraktiven und gut gepflegten Dreitagebart reißen. Playboy, tippte sie. Verwegen. Herzensbrecher. Sicher steinreich.
Langsam schlenderte der mutmaßliche Multimillionär zu einem Platz ihr genau gegenüber und setzte sich.
Ein unauffälliger Rucksack neben seinem Sessel ließ sie die Stirn runzeln. Seit wann reisten Männer wie dieser mit Rucksäcken?
Sie setzte sich ein wenig auf und sah genauer hin, als er eine Zeitung ergriff und sich dahinter verbarg. Seine Hände waren gewaltig und wirkten, wenn sie sich nicht mächtig täuschte, als könnten sie nicht nur Bäume ausreißen, sondern als würden sie das auch gelegentlich tun. Die Nägel waren sauber, aber seine Finger waren rau, als wären sie Anpacken gewohnt.
In dem Moment, als er die Zeitung ein wenig sinken ließ, um umzublättern, schaute Catrin schnell in eine andere Richtung, aber nicht schnell genug. Der Blick aus leuchtend blauen Augen, der sie für einen winzigen Moment traf, fuhr ihr durch Mark und Bein. Himmel! Alleine für seine Augen benötigte dieser Typ einen Waffenschein.
Reiß dich bloß zusammen, du bist schließlich verheiratet, rief sie sich selbst zur Räson, aber schlau war das nicht, weil mit dem Gedanken an Felix ihre Wut zurückkehrte und ihre Galle drohte, überzulaufen. Na, wenigstens heule ich nicht direkt los, dachte sie erleichtert.
Genervt erhob sie sich und ging zu einer Tür, die auf eine kleine Terrasse führte. Naja, Terrasse war vielleicht zu viel gesagt, eher ein Balkon oder Teil des Fluchtweges. Egal, ein Weg raus aus diesem Raum.
Sie drückte gegen die Glastür, aber der Ausgang schien verschlossen. Mist. Alleine in den Bahnhof hinauszugehen, das erschien ihr doch ein wenig riskant. Frustriert rappelte sie an dem Türgriff.
„Darf ich?“ Die tiefe Stimme hinter ihr fuhr ihr so unter die Haut, dass ihre Hände begannen zu zittern, als sie sie von der eisernen Verriegelung zurückzog.
Mit einem kräftigen Ruck öffnete der Fremde die Tür und hielt sie auf. Wortlos und nur mit einer leichten Kopfbewegung forderte er sie auf, hinauszugehen.
„Komme ich denn nachher wieder rein?“, fragte Catrin unsicher.
„Natürlich.“
Lachte er sie aus oder an?
„Notfalls können uns die beiden dort drüben wieder hereinlassen.“ Er nickte dem älteren Ehepaar zu, das sie aufmerksam beobachtete, und lächelte die beiden an. Die Frau erwiderte sein Lächeln sofort, über das ganze alte Gesicht strahlend, was Catrin nicht im Geringsten überraschte.
Sie schmunzelte. Wahrscheinlich überlegte der konsterniert dreinblickende Ehemann gerade, wann er diese Wirkung auf seine Frau verloren hatte.
„Na gut, dann will ich Ihnen mal vertrauen“, sagte Catrin und ging hinaus. „Danke.“
„Gerne. Rauchen Sie?“
Sie sah, wie sein Blick sie aufmerksam streifte, wie er sie blitzschnell von oben bis unten taxierte.
„Nicht mehr.“ Dass sie während ihrer Schwangerschaft aufgehört und nie wieder mit dem Rauchen begonnen hatte, ging ihn nichts an.
Flackerte etwas wie ein Schatten des Bedauerns über seine Züge? Galt er der Tatsache, dass er nun alleine rauchen musste? Oder, dass sie einen Ehering trug? Schweigend steckte er sich eine Zigarette an.
„Wohin geht die Reise?“, fragte er plötzlich und Catrin erschrak, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass das Gespräch weitergehen könnte.
„Ins Sauerland. Und selbst?“
„Auch.“
Sie legte normalerweise Wert darauf, zu betonen, dass der Ort, in dem sie lebte, streng genommen nicht im Sauerland lag, sondern eher kurz davor. Wenn die Leute Sauerland hörten, dachten die meisten nämlich sofort an Wälder, Wiesen und „Woll?“ Manchmal war ihr das peinlich. Manchmal nicht.
Ihr Gesprächspartner blies gedankenverloren filigrane Rauchkringel in die Nacht. „Ich könnte nicht mehr in der Stadt leben.“
Ach du je, noch so einer, dachte Catrin und seufzte.
Felix und sie hatten jahrelang im Ruhrgebiet gelebt, er arbeitete dort bei einem großen Energiekonzern. Und dann legte einer ihrer Sauerlandurlaube plötzlich einen Hebel in seinem Kopf um. Fortan redete er nur noch davon, aufs Land zu ziehen. Er entwickelte einen regelrechten Hass auf die Großstadt und trug ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zur Schau. Bis er schließlich kündigte und sich einen neuen Job suchte, hinter ihrem Rücken.
„Nichts kann man dir recht machen!“, sagte er wütend. „Jede Überraschung machst du einem kaputt.“ Er packte seine Jacke und wollte hinausgehen, an der Tür drehte er sich dann aber noch einmal zu ihr um. „Du kannst deine blöden Schnulzen überall schreiben“, sagte er. „Stell dich also nicht so an!“
Mein Gott, war ich naiv, dachte Catrin bitter.
Hatte sie Felix eigentlich jemals wirklich geliebt? Vermutlich. Nur wann war ihnen die Liebe abhandengekommen? Als sie das Kind verlor und er sie anherrschte, sie solle sich nicht so anstellen?
Catrin fand einen Weg, ihren Schmerz zu überwinden. Sie stürzte sich in die Arbeit, schrieb einen Roman nach dem anderen. Wer glaubte, das Leben halte Liebe pur für einen bereit, der musste sich auf eine Überraschung gefasst machen. Der musste dringend begreifen, dass es die nur in der Fiktion gab. Das richtige Leben war nicht farbenfroh und voller Leidenschaft, es war grau.
Und grausam. Wer eine heile Welt suchte, der musste sie sich erträumen. Dem blieb nichts anderes übrig, als sich die Mühe zu machen, ein Buch aufzuschlagen.
Felix lebte sich im Gegensatz zu ihr schnell in der Dorfgemeinschaft ein. Dort fand er alles, was sein Herz begehrte: seinen heißgeliebten Schützenverein und eine Aufgabe, nämlich die vergammelte feuchte Schützenhalle am See mit seinen Schützenbrüdern zu renovieren, in jeder freien Minute. Und unbeobachtet Sabrina zu bespringen, wann immer ihm danach war.
Für sie, Catrin, war es nicht so einfach gewesen. Heimat war eben mehr als eine Ansammlung von Häusern, die idyllisch lagen.
Nun war es zu spät. Wie sollte sie je wieder diesen Menschen vertrauen, unter denen sie und ihr Mann lebten? Die Felix’ schäbige Affäre mit Sabrina stillschweigend hinnahmen und vermutlich auch deckten?
Catrin spürte, wie ihr nun doch wieder die Tränen in die Augen schossen.
„Ist Ihnen nicht gut?“
Sie fuhr erschrocken zusammen, als sie angesprochen wurde. Mein Gott, sie war so in Gedanken gewesen!
„Geht schon.“ Sie wandte sich um, um wieder in die Lounge zu gehen.
„Bis Dortmund fahren wir offenbar zusammen.“ Der Fremde öffnete ihr die Tür.
„Ja, kann sein“, sagte Catrin leise und wollte hineingehen, als er sie unvermutet am Arm berührte.
„Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wenn Sie mögen, dann suchen wir uns gleich Plätze, die nebeneinanderliegen. Ich habe das Gefühl, ich sollte ein wenig auf Sie aufpassen.“
Erstaunt blickte Catrin ihn an.
Sie standen so nah beieinander, dass sie den Kopf ein wenig in den Nacken legen musste, was ein ungewohntes Gefühl war. Felix war nur wenige Zentimeter größer als sie, also ziemlich genau eins achtzig. Der Unbekannte, der sich ihr gerade als Reisebegleiter anbot, war sicher gut eins neunzig.
„Ich weiß nicht …“, stammelte sie.
„Wir Sauerländer müssen zusammenhalten, woll?“, sagte er und betonte das woll? so übertrieben, dass sie lachen musste.
Er blickte auf seine Armbanduhr. „Wir sollten zum Gleis gehen, der Zug müsste gleich einfahren.“
Catrin nickte langsam. Warum eigentlich nicht, dachte sie.
Kapitel 4
„Sieht aus, als wäre dir die Fahrt nach Hamburg richtig gut bekommen“, sagte Ben und sah seinen Bruder aufmerksam von der Seite an, als sie zum Parkplatz gingen.
„Die Rückfahrt vielleicht, der Rest war genauso ätzend, wie erwartet.“
„Na gut, aber jetzt bist du wieder ein freier Mann. Etwas ärmer vielleicht, aber zurück auf dem Junggesellenmarkt. Wir nehmen bereits Wetten an, für wie lange.“
Ben musste sich bemühen, Schritt zu halten mit Wolf. Wie immer. Die zehn Zentimeter, die sein jüngerer Bruder größer war als er, lagen eindeutig in dessen Beinen.
„Müssen wir uns so beeilen?“ Er war schon richtig außer Puste, aber Wolf ließ sich nicht beirren und hielt die Hand auf.
„Ich fahre.“
„Meinetwegen.“ Ben warf ihm den Schlüssel zu.
Mit einem Piepen sprang der Audi R8 ins Leben und der Motor lief bereits, als sich Ben schwer atmend auf den Beifahrersitz gleiten ließ. Wenige Augenblicke später flogen sie über die Landstraße.
„Nun erzähl schon“, forderte er seinen Bruder auf.
„Da gibt es nichts zu erzählen. Karolin behält die Hamburger Wohnung, ich behalte meine Hütte. Die Abfindung dafür, dass sie ohne weitere Ansprüche geht, war wie erwartet. Schmerzhaft. Aber Geld ist eben nicht alles. Ach so, ich bin natürlich aus der Kanzlei ihres Vaters raus. Zwei Partnerschaften an einem Tag beendet, kein schlechter Schnitt, oder?“
„Ganz sicher nicht“, murmelte Ben. So, wie er Karolin einschätzte, hatte er eigentlich damit gerechnet, dass sie Wolf trotz gegenteiliger Absprache am Ende doch das nehmen würde, woran ihm am meisten lag: die Blockhütte im Wald. Sie hatte nie gerne einen Fuß hineingesetzt. Hatte immer die Nase gerümpft und gemeint, sie wäre doch keine Höhlenbewohnerin. Aber wenn sie ihn damit treffen konnte?
Ben seufzte. Endlich war Wolf sie los. Sie hatte eh nie in die Familie gepasst, die feine Anwältin mit der scharfen Zunge und dem Modetick. Warum Wolf ausgerechnet sie vor zehn Jahren vor den Traualtar geführt hatte, war ihm immer ein Rätsel geblieben. Vermutlich lag es am Stress während des Jura-Studiums, der machte offenbar blind. Dass es Liebe gewesen war, die sein Bruder für Karolin empfand, hatte Ben immer bezweifelt.
Er lächelte. Am liebsten hätte er Karolins neuem Liebhaber eine Karte geschickt und „Viel Spaß in der Hölle“ draufgeschrieben, aber dann wiederum hatte er dem Typ und seiner Nachlässigkeit zu verdanken, dass Wolf aufgewacht war. Ließ einfach seine Uhr auf Karolins Nachttisch liegen. So blöd musste man erst einmal sein.
„Wir haben dir im Haus das alte Büro von Vater freigemacht“, sagte er vorsichtig und vermied es, zu Wolf hinüberzusehen.
„Fängst du schon wieder damit an? Ich hab doch gesagt, dass ich mich nicht im Dorf niederlasse.“
„Von irgendwas musst auch du leben und ewig werden deine Reserven nicht reichen. Außerdem können wir einen guten Anwalt gebrauchen, das weißt du genau.“
Wolf schüttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die kurvenreiche Straße. „Vergiss es.“
„Ganz sicher nicht.“
Sie schwiegen für eine Weile, dann setzte Ben zu einem neuen Versuch an.
„Die Rückfahrt war also toll? Wie heißt sie?“ Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er sah, wie sich Wolfs Miene entspannte und seine Mundwinkel ein wenig nach oben wanderten. Wortlos griff sein Bruder in seine Anzugsjacke, fummelte ein Visitenkärtchen hervor und reichte es ihm.
„Ah, eine Autorin. Na, das ist ja mal eine angenehme Abwechslung.“
„Glücklich verheiratet“, sagte Wolf, aber das Grinsen verschwand nicht.
„Ehrlich?“ Mist. Wenn sein Bruder alles war, aber kein Ehebrecher.
„Catrin Stechler – hab noch nie von der gehört.“
„Dreh mal die Karte um.“
„Candrine Cook? Moment mal! Schreibt die nicht diese Liebesschnulzen?“
Wolf sah ihn an und sein Grinsen wurde breiter. „Wenn ich mich recht erinnere, dann liest Laura die doch, oder?“
Ben räusperte sich. Allerdings. Nacht für Nacht lag seine Holde neben ihm und schmachtete die muskulösen halbnackten Wilden auf den Covern dieser Schmonzetten an. Und gab ihm damit immer wieder wortlos zu verstehen, dass er ruhig mal ins Fitness-Studio gehen durfte.
„Lade die bloß nicht zu uns ein“, sagte Ben und ließ die Visitenkarte zurückgleiten ins Wolfs Jacke.
„Wie ich bereits sagte, glücklich verheiratet. Also beruhige dich.“ Wolf riss das Lenkrad herum und kam mit quietschenden Reifen in der Einfahrt zum Stehen, direkt neben seinem Landrover, den er hier geparkt hatte, ehe er nach Hamburg fuhr.
Kapitel 5
„Diva?“ Catrin zog den Schlüssel aus dem Schloss, schob ihren Koffer in den Flur und drückte die schwere Haustür zu. „Diva?“
Eigenartig. Wenn sie heimkam, reichte normalerweise das leiseste Geräusch und ihre Hündin kam angeschossen, wo auch immer sie gelegen hatte. Vielleicht war Felix gerade mit ihr raus?
Die Luft im Haus roch abgestanden, nach kaltem Rauch und schal gewordenem Bier. Sie hatte es befürchtet.
Divas Leine hing nicht an der Garderobe, ebenso wenig wie Felix’ Jacke. Keine Musik aus der Küche, kein Laut. Nichts.
Eine Gänsehaut überfiel sie, als sie die Treppe in die erste Etage hinaufstieg und dann auf ihr Schlafzimmer zuging.
Wenn sie jetzt ein Stöhnen hörte, dann würde sie ausrasten!
Vorsichtig öffnete sie die Tür und sah hinein. Ein zerwühltes Bett. Beide Seiten.
Übelkeit stieg in ihr auf. Mein Gott, dieses Arschloch.
Für einen Moment musste sie die Augen schließen und sich zusammenreißen, dann ging sie zum Bett und zerrte zwei große Koffer darunter hervor. Sie öffnete den Kleiderschrank und begann, wahllos Kleidungsstücke herauszuholen und in die Koffer zu werfen. Schließlich ging sie in das kleine Arbeitszimmer nebenan. In der Ecke standen Klappkisten. Sie war oft genug schon für ein paar Tage zu ihrer Mutter in eine Schreibklausur verschwunden, sie wusste genau, was sie einpacken musste, um mit ihrem derzeitigen Manuskript voranzukommen. Wenn Felix heimkam und seinen Rausch ausgeschlafen hatte, würde er sie dort vermuten und sich melden. Ob er bemerken würde, dass sie so gut wie alles mitgenommen hatte, woran ihr Herz hing? Ob er die richtigen Schlüsse ziehen würde? Nämlich, dass sie ihn verlassen hatte?
Verbissen schleppte sie eine Kiste und einen Koffer nach dem anderen nach unten, dann ging sie ein letztes Mal nach oben, um ihre persönlichen Sachen aus dem Bad zu holen.
Sie schlug die Hand vor den Mund, um das Würgen zu unterdrücken, kaum dass sie den Raum betreten hatte. Der Geruch von schwüler Lüsternheit, der noch in der Luft hing, sagte ihr, dass Felix und seine Schlampe noch nicht lange fort sein konnten. Der Stapel nasser Badetücher vor ihren Füßen gab ihr schließlich den Rest. Falsch. Es war der gelbe Spitzentanga oben auf dem Stapel, der das erledigte.
Als sich Catrin endgültig ausgekotzt hatte, fing sie über dem Waschbecken mit ihren Händen kaltes Wasser auf und trank gierig. Sie versuchte, durch den Mund zu atmen, als sie sich umdrehte und zufrieden feststellte, dass von dem zarten Slip nicht mehr viel zu sehen war. Ihr Erbrochenes hatte sich wirklich hübsch darüber verteilt.
Mit einem Ruck zog sie die Tür zum Bad hinter sich zu und atmete tief durch. Jetzt noch schnell Divas Sachen zusammenraffen, dann würde sie Felix einen Besuch abstatten.
So, wie sie ihn kannte, hatte der Idiot die trächtige Hündin mit in die Schützenhalle geschleppt, um seinen besoffenen Freunden vorzuführen, was für ein Naturbursche er war. Immerhin hatte er irgendwann mal einen Jagdschein gemacht und bildete sich weiß Gott was darauf ein, wehrloses Wild zu erschießen. Als er mit seiner ersten Beute nach Hause gekommen war und einen Platz im Flur mit Hammer und Nagel bearbeitete, um seine schändliche Trophäe aufzuhängen, war es zum Eklat gekommen. Bis heute prangte der nackte Nagel in der Wand, mahnende Erinnerung an den Riss, der seitdem durch ihre Ehe führte. Wie tief dieser Riss tatsächlich war, wusste sie ja nun.
Catrin kramte aus einer Schublade in der Küche zwei geräumige Plastiktüten hervor und begann, das Hundespielzeug einzusammeln, das überall in der Wohnung verstreut lag. Dabei begegneten ihr ständig Spuren, die davon zeugten, wie fest Felix davon ausgegangen war, dass sie erst in zwei Tagen zurückkommen würde. Tja, Pech gehabt.
Sie zückte ihr Handy, um noch schnell ein paar Beweisfotos zu schießen: Rotweingläser mit Lippenstift, ungespülte Teller mit Spaghettiresten, Damenschuhe unterm Küchentisch, eine Decke und ein Kissen mitten auf dem Wohnzimmerteppich.
Sollte sie noch mal nach oben gehen?
Lieber nicht, beschloss sie. Die Fotos, die sie gemacht hatte, würden reichen, wenn Felix Zirkus machte. Denn das würde er, spätestens, wenn die Scheidungspapiere bei ihm eintrafen. Ein Felix Stechler wurde nicht verlassen.
Catrin öffnete die Tür zum Vorratsraum.
„Nanu?“ Verdutzt starrte sie auf das leere Regal. Wo war denn der Sack mit dem Trockenfutter? Sie drehte sich um, suchte mit ihrem Blick die Küche ab. Und wo waren die Futternäpfe? Erst jetzt fiel Catrin auf, was alles fehlte.
Sie spürte, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich, als sie Divas Hundekorb vergeblich suchte. Das konnte nur eines bedeuten: Felix hatte die Hündin nicht mitgenommen, sondern abgeschoben. Weiß Gott wohin.
So schnell, wie sie nur konnte, räumte Catrin alles, was sie zusammengetragen hatte, in ihren Wagen. Sie hätte auch zum Schützenfest laufen können, aber es war besser, wenn sie fuhr. Sie würde allerdings so parken müssen, dass niemand das bis unter die Decke vollgepackte Auto sah.
Es war gerade mal halb elf, als sie die Heckklappe zuschlug, ins Auto sprang und den Motor startete.
Sie ließ den Wagen gesittet auf die kleine Seitenstraße rollen, in der ihr Haus lag, und warf nicht einen Blick zurück, als sie den Gang einlegte und aufs Gaspedal trat.
Kapitel 6
Das Pfeifen und Trommeln des Piepenchors war nicht zu überhören, als Catrin schließlich in einer unscheinbaren Seitenstraße aus dem Wagen sprang. Es dauerte nur wenige Minuten, da wurde sie mit großem „Hallo!“ an der Schützenhalle begrüßt.
„Na, junge Frau? Stolz auf Felix? Ach, was frage ich? Natürlich bist du das!“
Karl befestigte ein buntes Plastikband an ihrem Handgelenk und winkte sie weiter. Das Schützenvolk klatschte begeistert zur Musik, während sich Catrin durch die Menge schlängelte. Überall nickte man ihr zu, klopfte ihr wohlwollend auf den Rücken und hob prostend das Glas. Sie konnte sich kaum ein Lächeln abringen, während sie sich der Bühne näherte, auf der Felix und Sabrina saßen, strahlend umringt von ihrem Hofstaat.
Es dauerte einen Augenblick, bis Felix mitbekam, dass sie dort unten stand und ihn anstarrte, dann einen weiteren, bis er zu begreifen schien, dass er aus dieser Nummer nicht mehr verheiratet herauskommen würde.
Schwerfällig erhob er sich und in diesem Moment wurde sie auch von Sabrina wahrgenommen, die unter ihrer dicken Schminke sichtlich erbleichte.
Catrin riss die rechte Hand hoch und hielt ihr kurz einen aussagekräftigen Mittelfinger hin, dann wandte sie sich zur Treppe und ging ihrem Noch-Ehemann entgegen, der sich abstützen musste, um nicht zu stolpern.
Voll wie eine Haubitze, schoss es Catrin durch den Kopf, aber sie riss sich zusammen. Wenn sie herausfinden wollte, wohin Felix ihre Hündin geschafft hatte, musste sie sich im Griff haben. Ein falsches Wort von ihr und er würde es ihr vermutlich nicht sagen. Aus Trotz.
Als er auf sie zutorkelte und schließlich vor ihr stehen blieb, beugte sie sich vor und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Gott, wie er stank! Aber wenn sie ihren Hund zurückhaben wollte, dann durfte sie nun keinen Fehler machen. Sie wusste schließlich sehr genau, wie jähzornig er sein konnte, wenn er genug Promille intus hatte.
„Herzlichen Glückwunsch, Felix! Ich habe deinen Triumph online mitverfolgt und bin direkt heimgekommen, um dir zu sagen, wie stolz ich auf dich bin!“
Sie musste regelrecht gegen den Lärm der Feiernden anbrüllen, aber es gelang ihr, trotzdem zu lächeln.
Felix, der endlich eines seiner armseligen Lebensziele erreicht hatte, konnte seine Überraschung kaum verbergen, aber er schaltete überraschend schnell.
„Warst du schon zu Hause?“, fragte er laut, aber lauernd, und legte ihr dabei einen Arm um die Schultern, damit es für alle anderen so aussähe, als sei er völlig entspannt. Er war so ein schlechter Schauspieler. Und wie er roch! Sabrina musste ein echtes Problem mit ihrem Geruchssinn haben, wenn sie diese Mischung aus Schweiß und Alkoholfahne attraktiv fand.
„Nein, ich habe mir am Bahnhof ein Taxi besorgt und bin direkt zu dir geeilt! Quasi non-stop von der Nordsee an deine Seite!“, brüllte sie gegen den Lärm an. „Und jetzt fahre ich heim und geh mit Diva raus! Die lange Fahrt, du weißt schon! Gibst du mir mal den Haustürschlüssel?! Ich glaube, ich habe meinen zu Hause vergessen, als ich gefahren bin!“
Sie sah förmlich, wie es hinter der Stirn ihres Mannes arbeitete. Hoffentlich kam er nicht auf die Idee, sie zu begleiten.
„Komm, lass uns mal eben vor die Tür gehen, hier drin ist es zu laut!“, rief Felix und zog sie bereits fort von der Bühne, auf der Sabrina noch immer stand und ihnen nun nachstarrte.
Auf dem langen Weg hinaus aus der Halle musste Catrin ungezählte bierselige Glückwünsche über sich ergehen lassen und mehr als einmal lehnte sie ein angereichtes Glas Bier mit den Worten ab: „Danke, später vielleicht!“
Endlich hatten sie es geschafft und standen draußen in der prallen Sonne. Catrins Blick glitt zum angrenzenden Parkgelände und zu dem Rosenbusch, der wirklich prachtvoll blühte. Der ruhige See dahinter glitzerte in der Sonne.
Ihr habt es ja nicht weit geschafft, ehe ihr übereinander hergefallen seid, dachte sie wütend und bemühte sich, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.
„Der Schlüssel?“, fragte sie scheinheilig.
„Ja, natürlich“, stammelte ihr Mann und wühlte in seiner Hosentasche.
Als der körperwarme Schlüsselbund in ihre Hand glitt, ballten sich Catrins Finger um ihn zur Faust.
„Danke! Ich laufe nur eben heim, versorge Diva, dann ziehe ich mich um und komme zurück“, säuselte sie und wandte sich zum Gehen.
„Du kannst doch auch gleich hierbleiben“, sagte Felix schnell und hielt sie zurück.
„Aber was ist mit dem Hund?“
„Weißt du, ich habe Diva für ein paar Tage zu jemandem gegeben, der sich gut um sie kümmert“, beichtete Felix. „Sabrinas Bruder hat sie abgeholt und wollte sie eigentlich morgen zurückbringen.“
Catrin spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Felix hatte das sensible Tier einfach einem Wildfremden überlassen, der sie weiß Gott wohin verschleppt hatte? Eine Wut stieg in ihr auf, die sie in dieser Heftigkeit noch nie gespürt hatte.
Laut sagte sie: „Das war aber gut mitgedacht!“ Das falsche Lächeln, das sie Felix schenkte, brannte, als sie es auf ihre Lippen zwang.
Wieder konnte ihr Mann seine Überraschung kaum verbergen. „Mensch, Catrin, und ich dachte schon, du machst Theater deswegen.“ Er wischte sich mit einem Taschentuch über das verschwitzte Gesicht. „Wie war die Tagung?“, heuchelte er Interesse, während sein Blick bereits wieder erhaben über die Menge glitt, die ihn und seine Regentschaft feierte.
„Bestens“, sagte sie und wusste, dass ihn die Antwort überhaupt nicht interessierte. Alles, was sich um ihren Beruf als Autorin drehte, war ihm vollkommen egal. Er hielt es trotz des Geldes, das sie verdiente, eher für das Hobby einer gelangweilten Ehefrau, und er gönnte es ihr mit der ihm eigenen schleimigen Überheblichkeit.
„Du, Felix“, sie sah ihm mit einem gespielt traurigen Augenaufschlag in die alkoholgeröteten Augen. „Ruf Sabrinas Bruder an und sag ihm, er soll Diva vorbeibringen.“
„Jetzt?“
„Jetzt!“
„Hat das nicht Zeit bis morgen?“
„Ach, Felix“, sie tätschelte sein feuchtes Gesicht, „wie oft muss ich dir noch sagen, dass man mit Frauen nicht diskutiert?“
„Das kann aber dauern, er wohnt irgendwo im Hochsauerland, wenn ich das richtig verstanden habe.“
„Du weißt gar nicht, wo Diva ist?“, fragte sie eine Spur zu schnell.
„Natürlich weiß ich, wo sie ist.“ Felix sah sie misstrauisch an und runzelte die Stirn.
Schnell lächelte Catrin und sah, wie er sich gleich wieder entspannte. Arschloch!, dachte sie.
„Die ist bei Sabrinas Bruder“, lallte Felix. „Der ist Jäger, kennt sich super mit Hunden aus. Sabrina hat das organisiert.“
Sabrina. Natürlich. „Ruf ihn an.“
„Und dann?“, fragte Felix lauernd. „Willst du zu Hause auf ihn warten?“ Wieder diese kaum unterdrückte Nervosität in seiner Stimme.
„Wenn du ihn jetzt anrufst, jetzt sofort, und er auch gleich losfährt, dann soll er hierherkommen. Ich warte dann hier. Bei dir.“
Er warf ihr einen letzten skeptischen Blick zu, dann tippte er bereits auf dem Display seines Handys herum.
„Simon? Hier ist Felix! … Ja, danke! … Ja, deiner Schwester gehts auch gut, bestens sogar. Ja …“ Felix wandte ihr den Rücken zu, sie hörte, wie er tief und schallend lachte.
Wie lange ging das eigentlich schon mit ihrem Mann und seiner Kollegin? Die Vertraulichkeit, mit der Felix mit diesem Typ sprach, erinnerte sie an die Herzlichkeit unter Schwägern.
„… kannst du Diva zurückbringen? Meine Frau steht vor mir … ja, genau, sie ist etwas früher zurückgekommen von ihrer Schreiberling-Tagung“, er warf ihr über die Schulter ein leicht ertappt wirkendes Lächeln zu, „… und sie möchte den Hund sehen ... Ja. Pack sie in den Wagen und fahr los. … Was? … Nein, lieber sofort. … Nein, wirklich. Es muss sofort sein. … Noch nicht. Du, lass uns darüber später reden, ja? ... Komm einfach mit dem Hund zur Halle, du weißt ja, wo wir sind. Danke!“ Mit diesen Worten beendete Felix sein Telefonat und atmete tief durch. „Zwei Stunden, dann ist er hier.“
„Ach, Felix, du bist ein Schatz“, säuselte Catrin und spürte, wie sie sich beruhigte. Sobald sie Diva zurückhatte, würde sie sich in den Wagen setzen und verschwinden. Mit Felix’ Schlüsselbund. Sollte er doch zusehen, wie er ins Haus kam, das ja immerhin zur Hälfte auch ihr gehörte.
„Komm“, sagte sie und straffte die Schultern. „Lass uns wieder reingehen und feiern.“
Dankbar griff sie nach dem ersten Glas Bier, das man ihr anbot, und reichte es sofort an ihren Mann weiter. „Ex und hopp! Das hast du dir verdient!“
Es war wichtig, dass er in zwei Stunden so abgefüllt war, wie nie zuvor in seinem Leben.
Kapitel 7
„Bist du sicher, dass du nicht einfach hier übernachten willst?“ Laura machte eine ausladende Handbewegung, als wolle sie Wolf das Haus zu Füßen legen. „Dies ist immerhin seit heute dein offizieller Erstwohnsitz. Es ist doch noch früh. Bring in die Hütte, was du unbedingt dort haben willst, dann komm zurück.“
„Ich weiß, du meinst das lieb, Laura! Aber danke, nein.“ Wolf beugte sich vor und gab seiner Schwägerin einen Kuss auf die Wange. „Es zieht mich heim.“
„Was du so als Heim bezeichnest.“ Laura schüttelte den Kopf, ihre blonden Locken hüpften. Dann winkte sie, ging zurück ins Haus und schloss die Tür.
Ein Klopfen an einem der Fenster ließ Wolf aufschauen. Ben stand im hell erleuchteten und leergeräumten Büro ihres Vaters und winkte einladend.
Kopfschüttelnd und lachend ging Wolf zu seinem Landrover und stieg ein. Ben würde nicht aufgeben, das wusste er. Es war allerdings schön zu spüren, wie gerne sein Bruder ihn um sich hatte. Es gab nicht viele Menschen, von denen er Ähnliches behaupten konnte, die meisten gingen ihm geflissentlich aus dem Weg. Wer wollte schon mit einem Eigenbrötler wie ihm befreundet sein?
Na gut, so ziemlich jede Frau, die ihm über den Weg lief, aber das war inzwischen nicht nur langweilig, sondern nervtötend geworden. Vielleicht war das auch der Grund, warum er die Stunden mit dieser Catrin so genossen hatte. Wenn sie eins nicht in ihm gesehen hatte, dann einen potentiellen Versorger. Was für eine Wohltat.
Er durfte gar nicht daran denken, was los sein würde, wenn sich herumsprach, dass Dr. Wolf Ränger wieder zu haben war. Dann würde es aus Hamburg, wo er kein unbeschriebenes Blatt war, Einladungen hageln zu Partys, Ausstellungen, Benefizveranstaltungen und zahllosen banalen sozialen Events, die ihn schon immer abgestoßen hatten.
Die Fahrt zur Hütte dauerte nur wenige Minuten. Ihr Großvater hatte das Blockhaus gebaut und als Jagdhütte für sein systematisch durch Ankauf von Wald wachsendes Revier genutzt. Und Wolfs Vater war schon als sehr junger Mann klug genug gewesen, das kleine Gebäude in seiner Nutzung als Wochenenddomizil amtlich genehmigen zu lassen. Undenkbar, dass so etwas heute noch gelingen konnte.
Von außen nicht zu erkennen, war das Innere des etwa dreißig Quadratmeter großen Kleinods ein wahres Wunder an Raumnutzung. Und das Grundstück war riesig. Er würde seinen Großeltern und Eltern ewig dankbar sein, dass sie stets nur Wald dazugekauft und nie etwas von diesem wunderbaren Gebiet wieder verkauft hatten.
Wann immer er Zeit hatte – und davon würde er nun mehr als genug haben –, dann wanderte er die Grenzen seines Reiches ab und kontrollierte die von ihm an allen Zugangswegen angebrachten Hinweise auf Privatbesitz und darauf, dass die Jagd auf seinem Grund und Boden nicht gestattet war. Ob das den Grünberockten gefiel oder nicht.
Na gut, er konnte nicht verhindern, dass er als Besitzer von so viel Wald automatisch Mitglied einer Jagdgenossenschaft geworden war, aber Dank EU konnte er nun durchaus seine ethischen Überzeugungen durchsetzen. Mussten seine Genossen halt warten, bis ein Tier, das sie erlegen wollten, diesen Teil des Waldes freiwillig wieder verließ. In besonders schwerwiegenden Fällen konnten sie ihn ja jetzt anrufen. Er wusste schließlich, wie man einen Gnadenschuss setzte. Er kannte aber auch den Weg zur nahegelegenen Tierklinik, wo sein Freund Moritz alles für die verletzten Wildtiere tat, die er ihm brachte.
Die Zufahrt zur Hütte war kaum zu erkennen, und wer nicht genau wusste, wo er in den Wald einbiegen musste, der würde sie nie finden.
Nach wenigen Metern war die helle, sonnenbeschienene Weide hinter ihm bereits nicht mehr zu sehen und das gedämpfte grüne Licht des Mischwaldes ließ ihn tief ausatmen. Mein Gott, war das hier schön!
Er zog die Handbremse an und den Schlüssel aus dem Zündschloss. Augenblicklich umgab ihn absolute Stille. Sie würde so lange anhalten, bis die unsichtbaren Beobachter, die in Baumkronen, hinter Büschen und Stämmen nun den Atem anhielten, sich an seine Anwesenheit gewöhnt hatten.
Das leise Plätschern der Quelle, die sich in einen kleinen aber erstaunlich tiefen Teich hinter der Hütte ergoss, ließ das Wasser in Wolfs Mund zusammenlaufen. Es ging nichts über quellengekühltes Bier.
Wolf schloss die Tür zum Blockhaus auf und entriegelte sofort die beiden Fenster, die zur Vorderseite hinausgingen. Mückennetzgefiltertes Waldlicht flutete die winzige Küchenecke und den Wohnraum.
Nachdem er die Leiter zur Empore hochgeklettert war, wo sich sein Bett befand, und dort ebenfalls das Fenster geöffnet hatte, das den Blick nach hinten freigab, stieg er wieder hinunter und ging erst einmal in das kleine fensterlose Bad.
Strom konnte er mit einem Generator erzeugen, aber den warf Wolf nur an, wenn es gar nicht anders ging. Gekocht und geheizt wurde mit Holz und die Wasserversorgung über grüne Plastiktonnen, die den Regen auffingen, war ausgesprochen ausgetüftelt. Ein Rohrsystem leitete die Abwässer in eine Sickergrube, die bereits sein Vater vergrößert hatte. Jedes Mal, wenn Wolf die Klospülung betätigte, war er ihm dafür dankbar.
Essen würde er heute wohl nichts mehr, Laura hatte ihn mit ihrem üppigen Mittagsmahl tatsächlich sattbekommen. Vielleicht noch ein Butterbrot heute Abend, das wars dann auch. Es sprach aber nichts dagegen, sich mit einem kalten Bier nach draußen in den Schatten zu setzen und ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Er konnte weiß Gott Ruhe gebrauchen.
Auch wenn er eigentlich wusste, dass es eine blöde Idee war, online zu gehen, so juckte es ihn dennoch in den Fingern, mal eben nachzusehen, welche Neuigkeiten es in seinem anderen, virtuellen Revier gab. Nur ganz kurz.
Noch während er mit zwei tropfnassen kalten Flaschen in der einen Hand zur Hütte zurücklief, wählte sich Wolf mit der anderen über sein iPhone in Facebook ein. Er hatte sich in den letzten Tagen dort bewusst rargemacht und längst nicht mehr auf jeden Post reagiert. Die Abwicklung der Scheidung und der Ausstieg aus der Kanzlei hatten ihm alles abverlangt.
Wie immer in solchen Augenblicken, wenn er mental erschöpft war, fiel die tiefe Trauer um seinen Hund wieder über ihn her. Nach so vielen Jahren musste das doch eigentlich irgendwann aufhören, oder? Altersschwäche hin oder her – eine Seele zu verlieren, mit der man über so viele Jahre intensiv verbunden gewesen war, konnte Schmerzen bereiten, die er seinen ärgsten Feinden nicht gönnte – und davon hatte er mehr als genug. Er hätte nie geglaubt, wie lange die Trauer um Blue ihn im Griff haben würde.
Die erste Flasche Bier leerte Wolf nahezu in einem Zug, dann öffnete er die Zweite.
Die Verbindung übers Handy ins Internet war langsam und instabil. Sie funktionierte überhaupt nur, weil der kleine Ort, der östlich von seinem Wald lag, über einen eigenen Handymast verfügte – schön weit weg von den letzten Behausungen und ziemlich nah an seiner Grenze – ein Segen für ihn.
Oder doch nicht?
Wolf spürte, wie sich etwas in ihm verkrampfte, während er darauf wartete, bis das Netzwerk alle Nachrichten in seinem Account aktualisierte. Über fünfhundert. Verflucht, hörte das denn nie auf? Er hatte gerade die Flasche an den Mund geführt, da sprang auch schon ein Chat-Fenster auf.
Endlich, Rock! Ich dachte, du würdest überhaupt nicht mehr online gehen, Mensch! Wir brauchen deine Hilfe bei einer Petition!
Wolf kannte die Absenderin nicht, aber wie hätte er auch mehr als 5.000 Abonnenten seiner Seite und weiß Gott wie viele aus all den Gruppen, in denen er war, auseinanderhalten sollen? Vermutlich wollte sie ihn bitten, mal eben dafür zu sorgen, dass der Walfang weltweit unterbunden wurde. Oder, dass die Menschheit aufhörte, Fleisch zu essen. Oder, dass er das Verspeisen von Hunden in irgendeinem asiatischen Land unterbinden half. Oder, oder, oder …
Wolf klickte die Nachricht weg und ging sofort wieder offline. Schweiß hatte sich auf seiner Stirn gebildet. Verdammt! Was war nur mit ihm los?
Kapitel 8
Inzwischen waren bereits drei Stunden vergangen. Es war schon nach zwei und Sabrinas ominöser Bruder war noch immer nicht mit Diva am Schützenplatz aufgetaucht. Zwischenzeitlich hatte sich die Festhalle mal geleert, nun strömten wieder Gäste hinein.
Catrin warf einen unruhigen Blick auf ihre Uhr. Wo blieb der Typ bloß? Wenn sie noch lange hier sitzen musste, zwischen Felix und einem seiner Obersten, dann würde sie durchdrehen.
„Ruf ihn noch mal an“, bat sie Felix zum wiederholten Mal, aber sie hatte ihn so abgefüllt, dass er nun beinahe schon schielte, als er sie verständnislos ansah. Wie er noch den Schützenball am Abend schaffen wollte, war ihr ein Rätsel.
Sabrina allerdings schien dagegen geradezu nüchtern. Sie schwankte zwar ein wenig, als sie einen großen Becher tiefschwarzen Kaffee vor Felix abstellte, aber außer Catrin bemerkte das vermutlich niemand.
„Trink den!“, befahl Sabrina grinsend und Felix gehorchte, ohne mit der Wimper zu zucken.
„Wenn dein Bruder nicht bald hier auftaucht, dann gehe ich nach Hause und ziehe mich um!“ Catrin musste gegen die wieder einsetzende Musik anschreien.
Kaum hatte sie ihre Drohung ausgesprochen, kramte Sabrina bereits in ihrem Handtäschchen. Sie wählte die Nummer ihres Bruders und wartete. Dann runzelte sie die Stirn.
„Wer ist da?!“, rief sie.
Catrin, die aufgestanden war, um sich ein wenig die Beine zu vertreten, blieb stehen und sah Sabrina an. Irgendwie klang sie alarmiert.
„Ist was passiert?“, fragte sie und spürte plötzlich einen Kloß im Hals.
„Was?!“, schrie Sabrina ins Telefon, ohne Catrin zu beachten. „Wo?!“
Catrins Hand schoss vor, ihre Finger krallten sich in Sabrinas Arm. „Gib mal her!“, rief sie.
Sabrina reichte ihr, willenlos wie jemand, der die Kontrolle über seine Körperfunktionen verloren hatte, das Handy.
„Hier spricht Catrin Stechler, die …“, sie kam gar nicht dazu, weiterzureden, die Stimme am anderen Ende der Leitung hatte ihren Redefluss gar nicht unterbrochen. Sie war wirklich kaum zu verstehen in dem Lärm, der nun wieder in der Halle herrschte.
„… in der Nähe der Sorpe, dort wo sie in die Lenne fließt. Der Fahrer war sofort tot. Wenn Sie eine Angehörige sind, müssen wir Sie bitten, herzukommen.“
„Was ist mit dem Hund?“, fragte Catrin laut und setzte sich. Sie hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand die Beine weggezogen.
„Welcher Hund?“
„Der … Simon hatte einen Hund im Wagen, eine trächtige Hündin namens Diva. Was ist mit ihr?“
Offensichtlich hielt der Mann am anderen Ende der Leitung den Hörer zur Seite, sie hörte, wie er jemandem etwas zurief: „Hat einer von euch was von einem Hund gesehen?“
Eine Stimme, die sehr dünn und weit entfernt klang, antwortete. „Da war ein Hund an Bord? Ah, das erklärt den Hundekorb. Nee, kein Hund weit und breit. Ist offensichtlich abgehauen.“
Catrin versuchte, sich zusammenzureißen. Nicht nur konnte sie den Mann kaum verstehen. Sie hatte auch keine Ahnung, was sie tun sollte. Hilfesuchend sah sie auf. Sabrina stand immer noch völlig apathisch neben ihr und starrte ins Leere. Felix hatte bisher von alledem nichts mitbekommen. Catrin sah, wie er mit jemandem sprach und dann laut lachte, so, als wäre die Welt noch völlig in Ordnung. Dabei war gerade ein weiteres Teil davon in tausend Stücke zersprungen. Diva hatte einen Unfall miterlebt und war unauffindbar. O mein Gott!
„Können Sie mir die GPS-Daten senden?!“, rief Catrin in das Handy. „Aber nicht an diese Nummer, der Akku ist leer und wir haben keine Möglichkeit, ihn aufzuladen. Schicken Sie die Daten bitte an eine andere Nummer. Haben Sie was zu schreiben?“ Catrin sprach so laut sie konnte und wunderte sich, dass sie überhaupt noch in der Lage war, klar zu denken.
„Schießen Sie los!“
Sie nannte ihre eigene Handynummer. Dann hatte sie eine Idee. „Ist Blut im Wagen?“
Ihr Gesprächspartner schwieg für einen Moment, dann sagte er langsam, als wäre sie begriffsstutzig: „Junge Frau, haben Sie nicht hingehört? Der Fahrer ist tot. Er hat den Wagen um einen Baum gewickelt, es gibt kaum eine Stelle im Auto ohne Blut.“ Der Fremde stutzte. „Wer genau waren Sie noch mal?“
„Die Schwägerin“, log Catrin. Dann nahm sie allen Mut zusammen. Ob Diva verletzt war, ließ sich ja offenbar nicht klären, aber es gab eine Menge Dinge, die jetzt getan werden konnten, um die Hündin so schnell wie möglich zu finden. Simon war ja eh nicht mehr zu helfen.
„Sobald Sie mir die GPS-Daten des Unfallortes zugeschickt haben, sende ich Ihnen ein Foto der Hündin!“, brüllte sie. Sie zögerte. „Wir haben Simon bei diesem tragischen Unfall verloren, ich bin sicher, dass seine Schwester den Verlust des Hundes nicht auch noch verkraften kann. Bitte senden Sie das Foto an Ihre Kollegen und bitten Sie sie, nach dem Tier Ausschau zu halten. Wir fahren jetzt los!“
„In Ordnung. Die SMS an Sie ist raus. Bis gleich. Wir sind sicher noch eine Weile hier. Wie lange brauchen Sie?“
„Keine Ahnung. Ich hoffe, mein Navi findet das.“ Catrin brachte kaum noch genug Kraft auf, um gegen die widerlich gute Laune im Saal anzubrüllen und dem Mann zu antworten. In diesem Moment spürte sie das Vibrieren ihres eigenen Handys in ihrer Hosentasche. Gut, nun hatte sie alles, was sie brauchte. Mit einem raschen „Bis gleich!“ legte sie auf, dann reichte sie Sabrina das Telefon zurück.
„Komm, wir fahren sofort los“, sagte sie.
„Wohin?“, fragte Sabrina und sah sie an, als wäre sie nicht ganz bei Trost.
„Zu dem Ort, an dem gerade dein Bruder gestorben ist. Und wo mein Hund abgehauen ist.“
„Was geht mich dein Hund an?“ Sabrinas Blick war irgendwie seltsam, aber vielleicht war sie auch einfach nur zu betrunken, um schnell genug zu denken.
„Sabrina, nun mach hin! Simon hatte einen Unfall, wir müssen los!“
„Ich kann hier nicht weg“, sagte Sabrina und sah auf die im Takt zur Musik hin und her wogende Menge im Saal. „Ich kann doch Felix nicht im Stich lassen!“
Catrin folgte ihrem Blick und sah, wie Felix ihnen beiden jovial zuwinkte.
„Wirklich, Catrin, ich kann jetzt nicht.“
„Dann fahr zur Hölle“, sagte Catrin, drehte sich um und rannte los.
Noch auf dem Weg aus der Festhalle rief sie auf ihrem iPhone Facebook auf. Das langsame ländliche Netz ließ sie frustriert aufstöhnen. Erst, als sie ihren Wagen erreicht hatte, konnte sie auf ihren Account zugreifen.
Als Autorin Candrine Cook hatte sie ein sehr großes Netzwerk, darin auch jede Menge Tierschützer. Die würden genau wissen, wie sie mit dem, was sie jetzt posten würde, umzugehen hatten. Bessere und effektivere Hilfe würde sie nirgends finden als in ihrem sozialen Netzwerk.
Schnell lud sie ein Foto von Diva hoch.
„Achtung Sauerland! Meine Hündin Diva ist nach einem schweren Unfall entlaufen, an der Suppe. Achtung, Diva ist trächtig und könnte verletzt sein, bitte bei Sichtung sofort PN an mich. Sie ist gechippt und registriert. Die Tierfreunde in meiner Liste wissen, was zu tun ist – Teilt, Leute, teilt!!! Danke! Eure Candrine“
Sie las die Nachricht noch einmal.
Scheiß Autokorrektur, ehrlich, dachte sie. Sie korrigierte Suppe in Sorpe und stellte den Hilferuf ins Netz.
Es gab in ihrem Netzwerk ungezählte Tierschützer, seit sie mal eine Kurzgeschichte über die Rettung eines Schweins geschrieben hatte, das aus einem Schlachthof entlief und sein Leben fortan in einer Bauernhof-Idylle bei guten Menschen weiterführen durfte.
In diesem Moment war es ihr egal, ob sich nicht nur die gemäßigten, sondern auch die militanten Tierschützer in die Suche einklinkten. Davon gab es dort draußen mehr als genug, jedenfalls machte es den Eindruck. Und jede Gruppe hatte ihren eigenen Halbgott, den sie verehrte. Meist ein Kerl, der kein Blatt vor den Mund nahm. Wie hieß dieser eine Typ, den Tausende wie einen Star verehrten? Irgendwas mit Rock. Rock Hudson? Naja, so ähnlich jedenfalls.
Dass ich einmal Leute wie den um Hilfe bitte, dachte Catrin resigniert. Aber ihretwegen durften sich nun auch Batman und Robin in die Suche einschalten, wenn es Diva half. Sie betete, dass es einen dieser nebulösen Tierschutzhelden wirklich gab, von denen sie so viel hörte, denn ganz sicher war sie sich nicht. Im Internet konnte sich schließlich jeder Hans-Wurst mit einer künstlichen Identität so aufblähen, dass man ihm die Rettung der Welt zutraute. Na gut, sie als Autorin bediente sich auch gerne eines starken Protagonisten, der die Frauenherzen höher schlagen ließ, aber genau deshalb war sie ja so skeptisch, denn eines hatte sie das Leben gelehrt: Helden gab es nur auf dem Papier.
Catrin war inzwischen so verzweifelt, dass sie sich fast wünschte, dieser Rock Hudson und seine Groupies würden Diva so schnell wie möglich zu ihrer eigenen Sache machen. Es ging schließlich um das Leben ihrer Hündin und deren Babys, da musste sie ihre eigenen Befindlichkeiten einfach mal zurückstecken. Selbst wenn sie eine Gänsehaut bekam, sobald sie nur an das Großmaul dachte, dessen Postings irgendeiner ihrer Fans immer wieder teilte und damit auch über ihre eigene Timeline trieb.
„Arrrgghh!“ Sie schüttelte sich. Dann tippte sie schnell eine zweite SMS und drückte auf Senden.
Kapitel 9
Es war ein Tag wie jeder andere, fand Norbert. Ein wenig stickiger vielleicht, weil es so schwül war, aber ansonsten wie immer. Die Welt war in Ordnung, alle Menschen, an denen sein Herz hing, saßen draußen auf seiner Terrasse und ließen die Seele baumeln. Alle, außer seiner Nachbarin Ulrike, die noch mit ihren Hunden und Nobbi unterwegs war. Seiner Ansicht nach war es wirklich nicht nötig gewesen, dass sie eine volle Runde drehte, die Hunde waren nämlich genauso träge wie er und die anderen, und wenn einer hätte pinkeln wollen, dann war der Garten dafür ja wohl groß genug. Aber was regte er sich auf? Wenn sich Ulrike mit ihrer unerschöpflichen Energie entschied, eine Runde durch die Felder zu gehen, dann war das eben so. Ihre neue Hündin brauchte auch noch etwas Training. Karla gehorchte zwar inzwischen ganz gut, aber es kam doch immer wieder vor, dass sie plötzlich am Zaun stand und nach ihrem besten Kumpel bellte, während Ulrike noch mit dem kurzbeinigen Dackel Friedrich unterwegs war.
Norbert schloss die Augen. Was ging es ihm gut! Claudia hatte sich bestens erholt, wenngleich sie noch immer nicht zu ihrer alten Form zurückgefunden hatte. Nun, das würde sich vielleicht auch nicht mehr ändern. Die Verletzungen, die sie sich in Thailand zugezogen hatte, waren ja auch nicht gerade harmlos gewesen. Und sie war ja keine zwanzig mehr. Im Gegenteil. Er und Claudia gingen, wie Jürgen nicht müde wurde hervorzuheben, auf die Sechzig zu. Und Jürgen auf die Siebzig, wie Gaby ihrem Mann gerne unter die Nase rieb, wenn er mit dem Thema anfing.
Wenn Jürgen wenigstens ein anständiges Hobby hätte, dachte Norbert. Dann würde ihm der Ruhestand nicht so zu schaffen machen. Wie Papa ante Portas ging er ihnen allen auf die Nerven, es sei denn, er konnte sich mit seinen Kumpels treffen und auf unschuldige Tiere schießen. Nach wie vor gab es nichts in Jürgens Leben, was ihn in bessere Stimmung versetzte als ein schönes Jagdwochenende. Norbert hatte längst aufgehört, mit seinem besten Freund darüber zu streiten, wie pervers das war.
Das Quietschen des Gartentörchens, das Jürgens großes Grundstück von Norberts trennte, ließ Norbert seufzen. Jetzt war es mit der Ruhe vorbei.
Er öffnete die Augen und schirmte sie mit der Hand gegen die Mittagssonne ab, die gerade mal wieder zwischen zwei Wolken hervorlugte und ihn blendete, während er Jürgen entgegensah.
Oh oh, sein Freund war gar nicht gut gelaunt. Der energische Schritt, mit dem er die Rasenfläche überquerte, versprach nichts Gutes. Und dass Jürgen sich nicht einmal umgezogen hatte, sondern immer noch dieselben Sachen trug, in denen er heute Nacht auf Jagd gewesen war, auch nicht.
„Mein Gott, jetzt mach doch nicht so ein Gesicht!“ Gaby, Jürgens hübsche Frau, schüttelte den Kopf und sah ihren Mann strafend an, als dieser sich mit einem unterdrückten Fluch auf den freien Gartenstuhl fallen ließ.
„Was denn?“, schoss Jürgen frustriert zurück. „Wir mussten abbrechen. Der angefahrene Eber ist in dem Wald dieses Spinners untergetaucht.“
„Gott sei Dank“, sagte Claudia leise, aber Norbert warf ihr einen warnenden Blick zu. Wenn Jürgen eins nicht vertragen konnte, dann Diskussionen über den Sinn und Unsinn seiner einzigen Leidenschaft.
„Komm, beruhige dich“, sagte er und drückte Jürgen ein kaltes Bier in die Hand. „Prost!“
„Prost!“, knurrte Jürgen, dann leerte er die Flasche in einem Zug.
„Norbert? War das dein Handy?“, fragte Ulrike, die gerade mit den Hunden reinkam. „Im Flur hat irgendwas gepiepst.“
„Wirklich?“ Norbert stand auf. Er machte sofort einen Schritt zur Seite, als der Dackel und Karla bellend an ihm vorbei und in den weitläufigen Garten stürmten. Wo war denn sein Hund?
Was für eine Frage, dachte er und ging in den Flur. Er schnappte sich das Handy von der Kommode. Es leuchtete von dem Empfang der SMS noch einmal kurz auf, dann verabschiedete es sich in den Ruhezustand.
Kopfschüttelnd betrat Norbert die Küche.
Wenn Nobbi eines nicht leiden konnte, dann Ritualbrüche, dachte er, als er seinen und Claudias Pointer-Mix vor dem Küchenschrank liegen sah. Die schweigsame Beharrlichkeit, mit der der kluge Hund kommunizierte, konnte ihm das Herz brechen. Die anderen Hunde tobten längst durch den Garten, Nobbi jedoch lag vor dem Schrank und wartete. Nein, Norbert würde nicht riskieren, den stummen Appell seines Vierbeiners zu ignorieren. Nobbi wusste schließlich genau, was er wollte, und er teilte ihm dies gerade auf sehr hohem Niveau mit. Norbert war inzwischen fest davon überzeugt, dass er der Blöde war und nicht sein Hund. Wenn es irgendwelche Verständigungsprobleme zwischen ihm und Nobbi gab, dann ganz sicher nicht, weil der Hund sich unklar ausdrückte. Nein, er, Norbert, war derjenige, der hier Defizite aufwies. Wie die meisten Zweibeiner.
„Okay, okay, ich habs ja kapiert!“, sagte er und öffnete die Schranktür, während Nobbi zufrieden wedelte.
„Widerlich!“, sagte Norbert und atmete durch die Nase, als er mit spitzen Fingern ein paar Ochsenziemer aus einer Tüte fummelte und einen an seinen Hund weiterreichte. Daran würde er sich nie gewöhnen. Wirklich nie.
„Zufrieden?“, fragte er angewidert.
Kommentarlos aber mit einem Blick, der Bände sprach, zog sich Nobbi mit seiner Beute in einen stillen Winkel des Hauses zurück.
Norbert lauschte. Nein, das Klackern von Pfoten ging nicht die Treppe hinauf, sondern ins Wohnzimmer. Gut so. Dass Ochsenziemer und dergleichen Obszönitäten nicht unter Kopfkissen vergraben wurden, hatte Nobbi also scheinbar nun endgültig begriffen.
Norbert drückte Ulrike, die ihm in die Küche gefolgt war, die übrigen Ochsenziemer in die Hand, und während sie damit nach draußen verschwand, widmete er sich der Nachricht, die er erhalten hatte.
Nanu? Catrin? Das war ungewöhnlich. Hatte sie Fragen zum nächsten Vertrag? Nein, das konnte eigentlich nicht sein. Sie hatten erst letzte Woche telefoniert und da war alles in Ordnung gewesen. Von all den Autorinnen und Autoren, die Norbert als Literaturagent vertrat, war Catrin nicht nur eine der Erfolgreichsten, sondern sicher auch eine der Genügsamsten. Und Sympathischsten. Sonst würde sie ja inzwischen nicht quasi zur Familie gehören.
Aufmerksam las er ihre kurze Mitteilung, dann tippte er eilig seine Antwort. Nachdem er sie abgeschickt hatte, atmete er tief durch und ging ins Wohnzimmer.
„Friss schneller, Nobbi, wir müssen noch mal raus“, sagte er und wunderte sich nicht, als sein Hund für einen Moment mit dem Kauen innehielt und ihn aufmerksam ansah. Die Art, wie eine seiner Augenbrauen dabei in die Höhe wanderte, ließ Norbert grinsen. „Richtig“, sagte er. „Ernstfall. Und wie.“
„Jürgen?“ Norbert betrat nur kurz die Terrasse.
„Was ist?“, knurrte dieser.
„Stell das Bier weg, ich brauche deine Hilfe!“ Eilig ging er zurück in den Flur und schnappte sich den Autoschlüssel.
„Was ist denn los?“, rief Claudia erschrocken von draußen.
„Catrins Hund wurde in einen Unfall verwickelt und ist abgehauen. Irgendwo an der Sorpe“, rief er zurück.
„O mein Gott!“ Claudia stand plötzlich hinter ihm und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Ist sie verletzt?“
„Der Fahrer ist tot, Diva ist verschwunden.“
„Scheiße!“, knurrte Jürgen draußen und hievte sich schwerfällig aus dem Gartenstuhl. „Ich geh nur eben rüber und hol mein Gewehr“, sagte er und wollte sich auf den Weg zu seinem Haus machen, da sprang Gaby auf.
„Das kommt nicht infrage, Jürgen!“, herrschte sie ihn an. „Du hast schon getrunken, du rührst das Ding heute nicht mehr an.“
„Was?“, fragte er verblüfft.
„Du hast mich genau verstanden“, beharrte Gaby. „Das Gewehr bleibt hier.“
„Willst du Diva erschießen, wenn ihr sie findet?“, mischte sich Ulrike ein.
„Nein, aber …“
„Kein Aber, Herr Schulte!“ Gaby funkelte ihren Mann wütend an. „Berührst du in deinem Zustand heute noch eine Waffe, dann lernst du mich kennen!“
„Ruuuuhe!“, knurrte Ulrikes Mann Herbert gedehnt, der in aller Seelenruhe am Grill stand und wartete, dass die Holzkohle ihre Temperatur erreichte.
Norbert war Claudia wieder nach draußen gefolgt. Er musste trotz des Schrecks über Divas Entlaufen grinsen. Herbert mischte sich immer nur dann ein, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen drohte. Kaum jemand aus ihrer kleinen Gruppe konnte allerdings Jürgen so gut ausbremsen wie er.
„Ehrlich, Weiber!“, brummte Jürgen und gab sich geschlagen.
„Seht lieber zu, dass ihr Diva findet, ehe der Sturm losgeht“, sagte Gaby und setzte sich wieder.
„Was denn für ein Sturm?“ Norbert sah irritiert zum Himmel. Na gut, es war drückend schwül und es braute sich offensichtlich ein Gewitter zusammen, aber das musste ja nicht gleich Sturm bedeuten.
„Eine meckernde Alte und ein Großstädter, der immer noch nicht weiß, wann es kracht und wann nicht“, moserte Jürgen und stopfte sich das durchgeschwitzte Hemd in die Hose. „Mir bleibt auch nichts erspart!“
„Vorsicht, mein Lieber!“ Gaby hob warnend einen Finger.
Norbert bückte sich und gab Claudia, die sich wieder hingesetzt hatte, einen Kuss. „Tut mir leid“, sagte er leise.
„Quatsch! Geh und hilf Catrin. Aber halte mich auf dem Laufenden.“ Sie warf einen besorgten Blick zum Himmel. „Und pass auf Nobbi auf. Du weißt, dass er sich bei Gewitter am liebsten irgendwo verkriecht. Lass ihn nicht von der Leine, sonst sucht ihr nachher zwei Hunde.“
„Keine Sorge“, sagte Norbert und warf einen Blick zur Terrassentür, in der nun auch sein Hund erschienen war. Wedelnd und den Ochsenziemer fest zwischen den Zähnen, schien er geradezu darauf zu warten, dass es losging.
Wenn hier jemand auf den anderen aufpasst, dann wohl eher du auf mich als umgekehrt, dachte Norbert trocken.
Kapitel 10
Laura saß auf dem Liegestuhl neben ihm und las. Mal wieder.
Ein beinahe seliges Lächeln lag auf ihren Zügen. Sie war in eine Geschichte eingetaucht, in der Heckeschneiden und Rasenmähen kein Thema waren. Und er sowieso nicht.
Ben sah auf die Uhr. Gleich halb vier. Die Mittagsruhe war vorbei, wer jetzt noch im Bett lag und versuchte, zu schlafen, der hatte es nicht anders verdient. Laura und er hatten sich diese Woche freigenommen, aber trotzdem war das heute für die meisten Menschen ein ganz normaler Montag. Sah man mal von ein paar der kleineren Dörfer ringsum ab, die gerade in den letzten Zuckungen ihrer Schützenfeste lagen.
Hier bei ihnen hatten sie es seit zwei Wochen hinter sich. Gott sei Dank. Ihr unmittelbarer Nachbar war Schützenkönig geworden, was für ein Spektakel! Beinahe zwei Tage hatte Ben gebraucht, um sich von dem Kater zu erholen. Und er war ans Haus gefesselt gewesen. Im Gegensatz zu anderen setzte er sich nämlich nicht mit Restalkohol hinters Steuer.
Laura nannte das seine spießigen Buchhaltergene, obwohl er doch Architekt war. Aber sie konnte es nennen, wie sie wollte, er würde in dieser Hinsicht ganz bestimmt nicht von seinen Prinzipien abrücken. Nachher fuhr er noch gegen einen Baum, wie dieser arme Teufel, den sie ein paar Kilometer weiter gerade aus seinem völlig zerstörten Wagen kratzten. Stückchenweise, wie ihm sein Nachbar eben noch betroffen erzählt hatte. Nein, so wollte er nicht enden. Dann lieber spießig bleiben, den Wagen auch mal stehen lassen und gesund alt werden.
Laura räkelte sich wohlig auf ihrem Stuhl und blätterte eine Seite um.
Wie sie das hinbekam, ihn völlig auszublenden, sobald sie in einem ihrer Bücher versank, würde ihm ein Rätsel bleiben. Es war ja nicht so, als läse er nicht. Natürlich las er, im Urlaub sogar manchmal einen Krimi oder so, aber er war dabei allzeit ansprechbar und das war auch gut so. Laura hätte ihm den Kopf gewaschen, wenn er erst – wie sie – auf die dritte oder vierte Ansprache reagiert hätte.
Er griff nach seinem Kaffee. Auf dem Tischchen zwischen Lauras Liegestuhl und seinem lagen zwei Bücher, die seine Frau bereits ausgelesen hatte. Auch so Nackenbeißer.
Einmal, da hatte er sich abends etwas mutiger gefühlt als sonst und auch ziemlich gut gelaunt, weil er einen neuen Kunden gewonnen hatte. Laura stand im Bad, ein Tuch um die Hüften geschlungen. Sie sah so begehrenswert aus! Er zog sich das Hemd über den Kopf und näherte sich ihr mit nacktem Oberkörper von hinten. Als sie ihn im Spiegel erblickte, lächelte er und stülpte sich dann so über ihre Schulter, wie die muskelbepackten Wilden auf den Umschlägen ihrer Lektüre.
„Was ist denn mit dir los?“, lachte sie, als er begann, ihren Hals abzuknutschen.
„Das ist die heiße Leidenschaft, die mich gerade von der Klippe stürzen lässt!“
Sie lachte, als sie sich zu ihm umdrehte und ihn küsste.
Es war dann wirklich auch eine tolle Nacht geworden. Sie liebten sich zweimal. Wunderbar, aber auch ein wenig beängstigend. Laura war im Vergleich zu sonst nämlich richtig zügellos gewesen und er wurde den Verdacht nicht los, dass sie in die Rolle einer ihrer Romanheldinnen geschlüpft war. Die Frage war nur: War er so toll gewesen wie der Held? Fragen konnte er sie schlecht, aber er lag die halbe Nacht grübelnd wach.
Im Grunde konnte es ihm doch wurscht sein. Hauptsache, es lief zwischen ihnen noch. Sie waren beide Ende dreißig, da hörte man schließlich die schlimmsten Sachen.
„Und? Worum gehts in dem Buch?“, fragte er unvermittelt und wusste selbst nicht so genau, welcher Teufel ihn ritt. Wenn Laura eins hasste, dann beim Lesen unterbrochen zu werden.
Erwartungsgemäß reagierte sie nicht. Als wäre sie taub. Sie koppelte beim Lesen alle Sinne von der Außenwelt ab, vor allem ihren Hörsinn.
„Ich werde dich heute Abend noch verlassen und nach Indien auswandern.“
Nichts.
„Als ich das letzte Mal beim Finanzamt war, hat mich die Sachbearbeiterin am Hintern berührt.“
Nichts.
„Wolf ist mit Candrine Cook von Hamburg aus im Zug zurückgefahren und findet sie süß.“
„Was?!“
„Ach, das hast du mitbekommen?“
„Wirklich? Mit Candrine Cook?“ Laura zeigte aufgeregt auf ihr Buch.
Er stand auf, als habe er ihre Frage nicht gehört, und reckte sich nonchalant, dann ging er langsam und gelassen vor sich hin pfeifend Richtung Geräteschuppen.
Hinter ihm raschelte es, als seine Frau hastig aufstand und ihre Lektüre achtlos ablegte.
„Moment! Warte doch mal!“
Du bist nicht die Einzige mit einem Schalter im Kopf, dachte er und ignorierte sie. In aller Ruhe öffnete er die Tür des kleinen Schuppens und holte die schwere Heckenschere hervor. Dann ging er an ihr vorbei, zurück Richtung Haus, und steckte den Stecker in die Außensteckdose. Probeweise ließ er die Maschine anlaufen.
„Hey! Ich rede mit dir!“ Laura riss das Kabel mit einem Ruck aus der Wand.
Jetzt konnte er sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. In aller Ruhe legte er die Schere auf den Boden und stemmte die Hände mit gespielter Empörung in die Hüfte. „Was fällt dir ein, Weib?“
„Du lernst dein Weib gleich kennen!“, maulte sie und zog ihn zurück zu den Stühlen, dann setzte sie sich gemütlich hin und forderte ihn mit einer eindeutigen Geste auf, ebenfalls Platz zu nehmen.
„Er findet sie süß?“
Ben nickte, während er sich setzte. „Ja, da bin ich ziemlich sicher. Er hat die ganze Zeit gelächelt, als wir über sie sprachen.“
„O Gott, wie ist sie denn so?“
„Glücklich verheiratet.“
„Nein!“
„Doch.“
„Mist.“
„Ich schätze, das denkt Wolf auch.“
„Sag ihm, er soll sie mal einladen.“
„Hm“, Ben tat so, als müsse er erst darüber nachdenken, ob das wirklich eine so gute Idee war.
„Wo wohnt sie denn?“
„Keine Ahnung.“ Er versuchte, sich an die Adresse auf der Visitenkarte zu erinnern. „Doch, Moment, irgendwo hier in der Nähe, glaube ich.“
„Was? Candrine Cook wohnt im Sauerland und ich weiß das nicht?!“ Laura war fassungslos. „Ist das eigentlich ihr richtiger Name?“, fragte sie neugierig,
„Nein, das ist ihr Künstlername. Er stand auf der Rückseite der Karte.“
„Du hast Candrine Cooks Visitenkarte in der Hand gehalten?“
„Yep!“ Wie sie ihn ansah! Als handelte es sich bei dem Fetzen bedruckten Karton um eine Reliquie! Es war, als würde ein wenig von dem Glanz dieser Schriftstellerin, an die er Nacht für Nacht seine Frau verlor, plötzlich auf ihn abfärben.
„Wow!“
„Yep!“ Laura musste ja nicht wissen, dass er eigentlich stinksauer auf die Frau war. Für die Bücher, die sie schrieb. Obwohl er noch nie eins davon gelesen hatte.
„Und?“
„Was und?“
„Wie heißt sie?“
„Catrin irgendwas.“
„Catrin irgendwas?“
„Ich kann mich nicht mehr genau erinnern.“
„Kannst du nicht oder willst du nicht?“
„Himmel, Laura! Sie hieß Catrin irgendwas.“
„Wo ein Catrin ist, da ist sicher noch mehr. Bitte!“
„Kannst du sie nicht einfach googeln?“
Laura sprang wortlos auf und eilte ins Haus.
Oh nein, nicht das auch noch! Wenn seine Frau am Rechner saß, dann wurde es meist teuer, weil sie irgendwann auch etwas online bestellte. Er sprang auf und eilte hinter ihr her. Sie hatte sich gerade hingesetzt und wollte den PC hochfahren, da ergriff er ihre Hände.
„Catrin Stechler.“ Das sollte ja wohl reichen.
Laura schüttelte ihn ab. „Super, so finde ich sie leichter.“
„Willst du mir allen Ernstes sagen, dass du seit Jahren die Bücher von ihr liest und dich noch nie dafür interessiert hast, wer dahinter steckt?“
„Naja“, sagte Laura aufgeregt, während das Windows-Kleeblatt über den Monitor flackerte und die Erkennungsmelodie erklang. „Ich hätte nie gedacht, dass sie eine Deutsche sein könnte. Normalerweise kommen doch die ganzen tollen Romane aus Amerika. Was soll ich auf einer englischen Webseite?“
„Jetzt tu nicht so, als könntest du kein Englisch.“
„Was regst du dich denn so auf, Ben? Ich hab mich nie drum gekümmert, aber jetzt kümmere ich mich. Wolf fand sie süß, das ist doch wohl Grund genug, oder? Stell dir vor, wir laden sie mal hierher ein und überraschen Wolf dann damit!“
Ben stöhnte auf. Das war sicher genau das, was sich sein Bruder wünschte: einen Abend mit seiner verheirateten Reisebegleitung … und deren Mann.
Laura klickte sich bereits durchs Internet. „Wow, sie ist bei Facebook, schau mal!“
Er riss die Arme hoch und rief laut: „Ein Skandal! Ruf die Kirchenältesten zusammen! Eine Autorin, die bei Facebook ist!“
„Blödmann!“ Laura vertiefte sich bereits in die Meldungen, die auf der Autorenseite von Candrine Cook erschienen.
Er dagegen starrte auf ihr Foto. Kein Wunder, dass sein Bruder gelächelt hatte. Die Frau war ja bezaubernd!
„Ach du Scheiße!“, murmelte Laura.
„Was ist?“
„Ich glaube, du solltest deinen Bruder anrufen. Sofort!“
Kapitel 11
Wenn der Anlass nicht so entsetzlich gewesen wäre, sie hätte die Fahrt beinahe genießen können. Die Landschaft war wirklich wunderschön, die Nachmittagssonne, die zwischen dichten Wolken immer wieder hervorblitzte, ließ die grünen, dicht bewaldeten Hügel wie gemalt erscheinen.
Mit einem Seufzer zwang sich Catrin, all ihre Aufmerksamkeit dem Verkehr zu widmen. Ihr Navi führte sie über kurvenreiche Straßen durch Ortschaften, die noch viel kleiner waren als die, in der sie lebte. Meine Güte, wer zog denn hier freiwillig hin? Sicher nur radikale Aussteiger, die von selbstgeerntetem Gemüse träumten.
Inzwischen fuhr sie längst nicht mehr so schnell, wie es vielleicht erlaubt gewesen wäre, sondern versuchte, links und rechts der Fahrbahn Ausschau zu halten nach einem schwarz-braunen Hund mit weißer Blässe auf der Brust. Konnte es sein, dass Diva hier in der Nähe umherirrte?
Die Straße, auf der Catrin nun schon seit einigen Kilometern fuhr, führte relativ steil bergauf. Sobald sie oben auf der Kuppe angekommen war, suchte sie einen Platz, an dem sie anhalten konnte. Ihr Navi sagte ihr, dass sie bald am Unfallort sein musste. Wenn Diva lebend aus dem Wrack entkommen und nicht zu schwer verletzt war, dann war nicht auszuschließen, dass sie sie von hier oben aus vielleicht sehen konnte.
Ihr Handy ignorierte sie. Sie hatte es so eingestellt, dass jede Nachricht, die über Facebook kam, nun mit einem Signal angekündigt wurde, aber das war keine gute Idee gewesen. Als sie von der Autobahn fuhr, hatte sie zum ersten Mal angehalten und die Nachrichten gelesen. Es konnte ja sein, dass jemand Diva bereits entdeckt hatte. Dann begriff sie jedoch, dass sie sich mit ihrem Hilfeschrei keinen Gefallen getan hatte. Ihre Fans waren vollkommen außer sich, ihre Seite wurde mit gut gemeinten aber belanglosen Postings überflutet.
„Wir lieben dich und sind bei dir!“
„Hier, ein Schutzengel für die liebe Fellnase!“
„Wir drücken dir so die Daumen!“
„Wie kann ich helfen?“
„Oh, du Arme! Ich sende dir alle Kraft, die ich habe!“
So ging es weiter und weiter. Hundertfach. Tausendfach. Unmöglich, aus all den Nachrichten vielleicht die eine herauszufiltern, die helfen konnte! Verdammt! Und wie oft ihr Aufruf geteilt worden war! Mehr als vierzig Mal!
Inzwischen ignorierte sie das ständige Klingeln.
Langsam drehte sich Catrin um die eigene Achse und ließ den Blick schweifen. Wälder, Wälder und noch mal Wälder, die bergauf und bergab nahtlos ineinander überzugehen schienen. Buchstäblich. Soweit das Auge reichte.
Eine bodenlose Verzweiflung wallte in ihr auf. Angesichts der endlosen Weite, in der ihre schwangere Hündin verlorengegangen war, überfiel sie tiefste Mutlosigkeit. Wie in Gottes Namen sollte sie, sollte überhaupt irgendjemand in diesem Meer aus endlosen Verstecken Diva finden?
Catrin lehnte sich an ihren Wagen und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Wenn Diva verletzt war und sich irgendwo in ein dichtes Gestrüpp zurückgezogen hatte, um sich die Wunden zu lecken, dann würden hundert, nein, tausend Menschen sie hier nicht aufspüren. Niemals! Und was, wenn der Schock des Unfalls die Wehen ausgelöst hatte?
Diese endlosen Felder! Erst jetzt fiel ihr auf, dass auf den Äckern dort unten im Tal die Hölle los war. Es wurde gemäht oder geerntet oder weiß der Geier was gemacht – und zwar mit riesigen Maschinen. Oh nein! Sie hatte schon so viel darüber gelesen, wie viele Kitze Jahr für Jahr starben, weil sie von den Mähdreschern gehäckselt wurden! Junge Rehe, oft erst wenige Tage alt, die ihre Mütter in dem Glauben, im hohen Gras seien sie in Sicherheit, dort ablegten, während sie Futter suchten.
Diva war zwar kein Rehkitz, aber sie war sicher völlig verwirrt und verängstigt. Unter Garantie spazierte sie nicht an einer Landstraße entlang, wenn sie überhaupt noch laufen konnte, sondern hatte sich versteckt. In einem der Wälder oder in einem der Felder. Beides wäre ihr Todesurteil.
Was sollte sie bloß tun?
Catrin stieg wieder in ihren Wagen, obwohl ihr das völlig verrückt vorkam. Wenn sie jetzt zur Unfallstelle fuhr, dann war sie an dem Ort, zu dem Diva niemals zurückkehren würde. Nicht nach dem Schock. Wie sollte sie bloß ihre Spur finden? In welche Richtung war sie gelaufen? Die Rettungskräfte hatten nicht einmal einen Hund am Unfallort gesehen und die waren sicher nur wenige Minuten nach dem Crash dort erschienen. Da war Diva wahrscheinlich schon weiß Gott wo!
Vielleicht hatte sich über Facebook längst jemand gemeldet, der hier in der Nähe wohnte und vielleicht sogar einen Hund hatte, der auf das Suchen anderer Hunde spezialisiert war? Catrin wusste, dass es solche Leute gab, und dass Suchhunde tolle Dinge hinbekamen, jedenfalls mit Menschen. Aber sie wusste auch, dass es viele Schwätzer gab, die sich zwar damit brüsteten, einen Suchhund an der Leine zu führen, vor Ort aber dann mehr Schaden anrichteten, als dass sie halfen. Erst letztens hatte sie irgendwo gelesen, wie so eine angebliche Suchhundestaffel einen entlaufenen Rüden verfolgte, bis dieser in seiner Not auf eine Autobahn rannte, wo er nach wenigen Sekunden überfahren wurde.
Und sie hatte den Leuten auch noch genau gesagt, wo sie hin sollten! Ihr wurde siedend heiß bei dem Gedanken, was alles schon an sicher gut gemeinten Aktionen angelaufen war und was sie jetzt nicht mehr bremsen konnte, weil sie einfach keine Zeit hatte, sich einzuloggen und das zu steuern. Nein, sie musste zum Unfallort, so schnell wie möglich. Vor allem aber musste sie vor irgendwelchen Helfern dort eintreffen. Ach, hätte sie doch eben nur mal kurz überlegt und nicht schon wieder so impulsiv gehandelt! Würde sie das denn nie lernen?
Sie startete den Wagen und nahm die Fahrt wieder auf, überließ es dem Navi, Entscheidungen für sie zu treffen, und zermarterte sich das Hirn. Verdammt, wen kannte sie hier? Außer Norbert niemanden und den hatte sie ja bereits informiert. Es musste doch noch jemanden geben, sie hatte doch erst letztens noch …
Die Vollbremsung, die sie machte, ließ ihren Wagen ausbrechen, nur mit Mühe konnte Catrin ihn abfangen.
Sie kannte jemanden, der hier lebte. Jemanden, der ihr seinen Vorrat an Papiertaschentüchern überlassen hatte, als ihr die Tränen kamen. Jemanden, der ihr mit leiser Stimme einen Kaffee gebracht und dann kilometerweit mit ihr geschwiegen hatte. Jemanden, dem sie zum ersten Mal seit langer Zeit mal wieder eine Visitenkarte in die Hand gedrückt hatte, weil etwas in ihr hoffte, ihn wiederzusehen. Irgendwann.
Und der ihr seine gegeben hatte, ehe er aus ihrem Leben verschwand.
Kapitel 12
„Ränger!“
Catrin erschrak. Die Frau klang aber streng.
„Guten Tag, hier spricht Catrin Stechler. Ich bin auf der Suche nach Herrn Wolf Ränger, aber ich habe nur seine Hamburger Nummer, vielleicht können Sie mir weiterhelfen? Es handelt sich um einen Notfall.“
„Wer spricht denn da?“
„Catrin Stechler“, wiederholte sie.
„Woher kennen Sie denn meinen Exmann? Sind Sie eine Mandantin?“
Ups. „Ja, wir haben beruflich miteinander zu tun“, log Catrin.
„Und da gibt er Ihnen diese Privatnummer?“ Die Frau lachte hämisch auf. „Na, der ist ja drollig!“
„Er hat mir seine Karte gegeben, da steht leider nur diese eine Nummer drauf“, sagte Catrin. „Ich brauche seine Handynummer.“
„Seine Handynummer?“ Wieder hörte sie die Frau lachen, aber es klang wirklich alles andere als freundlich, sondern eher so, als habe sie noch ein Hühnchen mit ihrem Mann zu rupfen. Vielleicht war es besser, wenn sie einfach wieder auflegte. Mit so einem Mist verschwendete sie nur kostbare Zeit.
„Herzchen! Er hat dort, wohin er gefahren ist, meistens keinen Empfang. Nicht mal Strom, um genau zu sein. Nichts eigentlich, außer Mücken und anderes Ungeziefer.“
„Haben Sie dann vielleicht eine Adresse für mich?“ Eine Chance würde sie der Schnepfe noch geben. Catrin wühlte im Handschuhfach nach einem Kugelschreiber.
„Eine Adresse? Vergeben die dort inzwischen Adressen?“ Wieder dieses böse Lachen.
Kein Wunder, dass Wolf Ränger im Zug so unglücklich gewirkt hatte. Seine Ehe musste die Hölle gewesen sein.
„Also, haben Sie eine oder nicht?“, fragte Catrin ungeduldig.
„Nun werden Sie mal nicht frech, Fräulein!“
Wenn Catrin eins nicht leiden konnte, dann waren es Menschen, die sie Fräulein nannten.
„Frau Ränger“, sie gab ihrer Stimme, die vorher unsicher geklungen hatte, etwas von der schneidenden Schärfe, die gelegentlich Türen öffnete, welche vorher verschlossen gewesen waren. „Es geht hier um Leben und Tod, und wenn Sie nicht möchten, dass ich Sie wegen unterlassener Hilfeleistung belange, dann bitte ich jetzt in aller Höflichkeit ein letztes Mal um Ihre Kooperation. Wir müssen Herrn Ränger sprechen, so schnell wie möglich.“
Das Wir suggerierte starke männliche Partner, das wusste sie, und es verfehlte auch jetzt seine Wirkung nicht.
„Schon gut. Ich gebe Ihnen die Nummer. Haben Sie etwas zu schreiben?“
„Ja, habe ich. Ich höre?“
Sie schrieb mit. „Vielen Dank, Frau Ränger. Und nun eine Adresse, wenn ich bitten darf.“ Sie sah durch das Seitenfenster ihres Autos. „Wenn wir Ihren Mann telefonisch nicht erreichen, dann muss einer von unseren Leuten zu ihm fahren.“
Es konnte nicht schaden, wenn Frau Ränger das Gefühl hatte, als stünde hinter ihr und ihrem Anliegen eine Armee an einflussreichen Helfern.
„Versuchen Sie es mal bei seinem Bruder. Eine andere Adresse haben wir nicht.“
Aha, Frau Ränger war nun auch im Plural unterwegs. Zeit, das Gespräch zu beenden, ehe es zu voll in der Leitung wurde. Schnell notierte sich Catrin die Adresse.
„Herzlichen Dank, Frau Ränger.“
„Darf ich fragen, worum es geht?“
„Das werden Sie aus der Presse erfahren. Auf Wiederhören.“
Catrin legte auf und musste trotz ihrer Anspannung lächeln. Schön, dann würde die Hexe in den nächsten Tagen wenigstens etwas zu tun haben, wenn sie die Zeitungen durchwühlte, auf der Suche nach einem Skandal, in den ihr Exmann verwickelt war.
Sie legte den Gang ein und gab Gas. Gleichzeitig wählte sie.
„Komm schon, geh ans Telefon“, murmelte sie und hatte Mühe, die engen Kurven einhändig zu nehmen.
The person you have called is temporarily not available.
“Mist!”, fluchte Catrin.
Sie haben Ihr Ziel erreicht, nuschelte ihr Navi plötzlich.
„Das sehe ich“, murmelte Catrin und fuhr rechts ran. „O mein Gott, das sehe ich!“
Kapitel 13
Es ließ ihr einfach keine Ruhe. Was hatte die Frau am Telefon gesagt? Sie würde aus der Presse erfahren, in was für eine Klemme sich Wolf wieder hineingeritten hatte?
Meine Güte, sie war so froh, ihn los zu sein! Er war ja kein Schlechter, aber …
In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte Karolin geglaubt, einen Sechser im Lotto gezogen zu haben. Wirklich. Wie Wolf vor Gericht brillierte! Mit welcher Hingabe er sich in seine Fälle verbiss! Atemberaubend! Sie hatte es genossen, mehr als sie sich zugestehen wollte. Selbst ihr Vater war hingerissen gewesen und hatte Wolf sofort die Partnerschaft angeboten.
Karolin lief unruhig in ihrer Küche auf und ab. Das Küchenfenster hatte sie sperrangelweit geöffnet, damit wenigstens etwas Luft hereinkam und der Qualm ihrer Zigarette besser abziehen konnte.
Gestern, als ihre Scheidung für rechtskräftig erklärt worden war, da hatte er seine allerletzten Sachen abgeholt und wortkarg noch einen Kaffee mit ihr getrunken. Er sah erschöpft aus und ein wenig tat er ihr sogar leid, aber er hatte einen Weg gewählt, den sie nicht bereit war, weiter mit ihm zu gehen.
Das ganze Elend hatte vor drei Jahren begonnen, als er diesen Fall von der Tierschützerin übernahm. Wie hieß sie noch gleich? Svenja Müller? Und nannte sich River? Wie albern!
Karolin wusste noch genau, worum es gegangen war. Das Mädchen, das Wolfs Tochter hätte sein können, hatte die Scheibe eines Wagens eingeschlagen und einen hechelnden Köter aus einem überhitzten Auto befreit. Na gut, das war ja ehrenhaft, aber musste sie denn gleich an beiden Seiten der Edellimousine die Fenster zertrümmern? Und dann auch noch den Besitzer des Wagens anspringen wie ein tollwütiger Hund?
Im Flur ging die Tür. Tobias. Ach herrje, der hatte ihr gerade noch gefehlt. Schön wie ein griechischer Gott, vor allem, wenn er nackt war, aber ein klein wenig … Naja, man konnte offensichtlich nicht alles haben.
„Ich bin zurück!“
„Das höre ich.“
Er kam in die Küche und legte mit einem Stöhnen, als hätte er zwei Sack Zement geschleppt, die Zeitungen auf den Tisch. „Was willst du mit dem ganzen Altpapier?“, fragte er und nahm sie in den Arm.
„Nichts Besonderes“, sagte sie so beiläufig wie möglich. „Nur mal schauen, was so los ist in der Welt.“
Es war unwahrscheinlich, dass sie jetzt schon etwas über Wolf in der Presse fand, aber man konnte ja nie wissen. Nicht Wolf, korrigierte sie sich. Über Rock Wood natürlich. Wenn Frauen am Telefon nach ihrem Mann fragten, dann waren es ausnahmslos verknallte Internetjunkies, die ihn anbettelten, sie doch bitte-bitte mitzunehmen, wenn er das nächste Mal aufbrach, um irgendwelchen Viechern zu helfen.
Es schüttelte sie. Den Gestank von schlecht gelüfteten Ställen würde sie bis an ihr Lebensende nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Und die Bilder vom Schlachthof erst recht nicht. Wie hatte sich Wolf damals nur erdreisten können, sie mit dorthin zu schleppen? An dem Abend hatten sie den ersten Streit in einer langen Reihe von wütenden Auseinandersetzungen. Sie drohte, ihn zu verlassen, und was tat er? Sie mit seinem Hundeblick anschauen, gleichzeitig Blue streicheln und dann den einen Satz sagen, der ihr zeigte, dass er allmählich den Verstand verlor: „Du hast gewusst, wen du heiratest.“
So ein Unfug! Sie war mit einem völlig normalen Mann vor den Altar getreten, einem, der Hugo Boss Anzüge wie eine zweite Haut trug, der schnelle Wagen liebte und tanzte wie ein Champion. Ein Mann, um den sie ihre Freundinnen so sehr beneideten, dass sie grün anliefen, wenn Wolf und sie gemeinsam irgendwo auftauchten.
„Verdammt, ist das warm draußen“, jammerte Tobias und zog sein Oberteil aus. Sein Sixpack glänzte vor Schweiß, die nur knapp auf den Hüften sitzende Jeans gab den Blick auf seine Boxer Shorts frei.
„Ist dir nicht auch warm?“, fragte er mit einem lüsternen Unterton und nestelte an ihrem Top.
„Nein“, sagte sie barsch. „Geh doch ein wenig Fernsehen gucken, ich komme gleich.“
„Na gut, aber lass mich nicht zu lange warten!“ Noch während er die Küche verließ, begann er, seine Jeans aufzuknöpfen.
Nein, niemand konnte ihr einen Vorwurf machen, dass sie sich von Wolf getrennt hatte. Sie war erst Anfang dreißig, sie brauchte einen Partner, der zu schätzen wusste, dass ihr die Karriere wichtiger war, als sich die Figur zu ruinieren und schreiende Bälger in die Welt zu setzen, ein Tick, der Wolf überfiel, als Blue starb. An wohlverdienter Altersschwäche.
Statt sich einfach einen neuen Hund zuzulegen, begann Wolf plötzlich, sie mit seinem völlig irrationalen Kinderwunsch zu belästigen. Wenn die Welt wirklich so scheiße war, wie er meinte, warum war er plötzlich so versessen darauf, sie mit eigenem Nachwuchs zu bevölkern? Dann schon lieber diese verdammten Hundehaare, die sich überall festsetzten, ehrlich.
Sie hätte gewusst, wen sie heiratete? Ha! Was für ein Witz! Nach Blues Tod war Wolf über Nacht von einem coolen Karrieretyp zu einer Art körnerfressendem Hunde-Batman mutiert, der mit ihr plötzlich lauter kleine Robins zeugen wollte.
Egal, dachte sie müde. Jetzt war das Drama ja vorbei. Sollte er doch in seiner Hütte bei Kerzenlicht mit dieser militanten River, seinem langweiligen Bruder Ben und dessen noch langweiligeren Frau Laura glücklich werden.
Das war ein angenehmer Nebeneffekt einer Scheidung. Man wurde damit auch gleich die ganze buckelige angeheiratete Verwandtschaft wieder los, mit der man eh nie warmgeworden war. Wie auch? Hockten ihr Leben lang in einem erbärmlich öden Nest östlich von Nirgendwo und taten so, als wären sie glücklich. Ihretwegen konnten Wolf und seine Bagage dort nun in aller Stille verrotten.
Diese neugierige Frau jedoch, die war ein ganz anderes Thema. Das Problem war nämlich, dass jeder Dreck, den diese Katharina oder wie sie hieß, über Wolf ausbuddelte, auch auf die Kanzlei zurückfallen würde.
Karolin war sicher, dass eine Journalistin hinter Wolf her war.
Sie würde mal mit ihrem Vater sprechen, ob es nicht sinnvoll war, selbst ein wenig zu recherchieren und ans Licht zu zerren, worin Wolf in seiner Rolle als Rock verwickelt war. Angriff war manchmal die beste Verteidigung.
Leicht würde das allerdings nicht werden. Immerhin hatten sie und ihr Vater in den letzten Jahren mehr als eine Klage gegen Rock abgeschmettert. Das musste man ihm nämlich lassen, er war zwar kompromisslos bis hin zur Militanz, aber so was von ehrlich, dass es fast nicht auszuhalten war.
Dass er dauernd so unter Beschuss stand, half ihr sogar, als sie die Scheidung einreichte. Niemand konnte von ihr verlangen, mit einem Mann zusammenzubleiben, der immer wieder und mit offensichtlichem Vergnügen die halbe durchgeknallte Tierschützerwelt gegen sich aufbrachte. Bis hin zu Drohbriefen war das eskaliert, die man ihnen unfrankiert in den Briefkasten am Haus warf. Von wegen, sein Pseudonym würde ihn schützen! Blödsinn! Es gab immer irgendwelche Irren, die ein Profil hacken konnten und herausfanden, wer dahintersteckte.
Diese Journalistin war irgendeiner Sache auf der Spur und sie wollte verdammt sein, wenn sie nicht herausbekam, worum es ging!
Karolin setzte sich an den Küchentisch und begann, die Zeitungen durchzublättern.
Aus dem Wohnzimmer hörte sie Tobias lachen, während das Gequäke irgendeines albernen Comics, den er so liebte, durch die Wohnung hallte.
Als sie die letzte Zeitung ergebnislos zusammenfaltete, war sie ratlos. Nichts. Aber irgendetwas musste los sein, dafür hatte sie ein Gespür.
Sie stand auf und holte ihr Handy. Irgendwann hatte sie die Nummer dieser River eingespeichert, damals, als sie noch von ihrer Kanzlei vertreten wurde. Ob die Göre noch darunter zu erreichen war, das wusste sie nicht. Diese Spinner waren ja meistens arm wie Kirchenmäuse. Es würde sie nicht wundern, wenn man River den Handy-Vertrag längst gekündigt hatte. Wolf und die Kanzlei hatten ja auch nie einen Pfennig Honorar gesehen, jedenfalls nicht aus der Tasche dieser River. Im Gegenteil. Wenn sie es genau nahm, dann hatte nicht nur Wolf das Mädchen gesponsert, sondern auch sie. Das hieß, dass River ihr einen Gefallen schuldete, noch immer. Und den würde sie nun einfordern. Sie hatte auch schon eine Idee wie.
Kapitel 14
„Wer spricht da?“
„Karolin Ränger, Sie erinnern sich, Frau Müller? Die Frau Ihres Anwalts? Unsere Kanzlei hat Sie damals vertreten.“
Die Ränger? Was wollte die denn plötzlich von ihr? War was mit Rock?
River schälte sich aus dem Sofa und ging hinüber zum Radio, stellte es leiser.
„Frau Ränger. Ich … mit Ihrem Anruf habe ich weiß Gott nicht gerechnet.“
River hob die Augenbrauen und zuckte die Schultern, als ihre Freundin Julia ihr einen fragenden Blick zuwarf.
Sie hatte nicht den blassesten Schimmer, warum diese aufgetakelte Anwältin anrief. War die nicht gerade erst von Rock geschieden worden? Was konnte sie bloß wollen? Doch nicht etwa das Honorar für den Fall von damals, oder? Rock hatte ihr versichert, dass da nichts mehr nachkäme.
„Sind Sie noch dran, Frau Müller?“
Noch so etwas, was sie an dieser Frau hasste. Dass sie sich hartnäckig weigerte, sie mit dem Namen anzusprechen, unter dem sie jeder kannte.
„Ja, ich bin noch dran“, seufzte sie. „Was kann ich für Sie tun?“ Lieber höflich bleiben und erst mal hören, was sie von ihr wollte.
„Frau Müller, ich will gar nicht lange um den heißen Brei reden. Es geht um Wolf ... ähm, ich meine Rock.“
River konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Ränger die Augen verdrehte. Sie mit River anzusprechen, brachte sie nicht übers Herz, aber ihren Ex Rock zu nennen schon. Meine Güte, die musste wirklich sehr an Informationen interessiert sein.
„Ist was mit Rock passiert?“ River spürte, wie ihr eine Gänsehaut über die Arme lief, als sie sich vorstellte, dass Rock in der Klemme war. Wenn die Ränger sie extra seinetwegen anrief, dann musste es ernst sein.
„Das weiß ich nicht“, fuhr ihre Gesprächspartnerin fort. „Heute hat eine Journalistin angerufen und wollte ihn dringend sprechen. Angeblich geht es um Leben und Tod. Wissen Sie vielleicht, was sie meinte?“
River runzelte die Stirn und sah Julia an, die sie konzentriert beobachtete. Damit ihre Freundin dem Gespräch etwas besser folgen konnte, schaltete River in den Papageien-Modus.
„Eine Journalistin hat angerufen? Und komische Fragen über Rock gestellt?“
„Nein, nicht direkt Fragen gestellt, aber es klang sehr dringlich, dass sie ihn sprechen müsse. Was läuft da, Frau Müller?“
„Woher soll ich das wissen, Frau Ränger? Hat er denn nichts erzählt, als Sie ihn das letzte Mal sahen?“
„Wenn er was gesagt hätte, dann würde ich Sie kaum damit belästigen“, schnippte die Ränger zurück. „Also, was ist los?“
„Ich weiß es nicht“, sagte River und meinte das auch so. „Meines Wissens ist alles in Ordnung.“ Naja, soweit eine Welt in Ordnung sein konnte, die durch den letzten Internet Shitstorm vor ein paar Tagen noch einmal so richtig schön durchgewirbelt worden war. Der übliche Sturm im Wasserglas, weil Rock mal wieder jemandem auf die Füße getreten war.
„Na gut.“ Die Ränger schien zu überlegen. „Wenn Sie etwas hören, rufen Sie mich bitte an? Sie sind mir noch einen Gefallen schuldig. Wolf mag Ihnen zwar damals versprochen haben, er würde das mit dem Honorar, das Sie uns schulden, regeln, aber vergessen Sie eins nicht, Frau Müller: Sie kostenlos vertreten zu haben, ging zu Lasten unseres Privatkontos. Nicht nur seines. Unseres. Verstehen Sie?“
„Ja, ich verstehe“, antwortete River. „Die paar hundert Euro, die Rock mir damals erlassen hat, haben Sie an den Bettelstab gebracht. Alles klar.“
„Nicht so patzig, junge Dame!“ Die Stimme der Ränger klang mit einem Mal rasiermesserscharf. „Wenn Wolf in der Scheiße steckt, dann habe ich ein Recht darauf, es zu erfahren. Versuchen Sie bitte, ihn zu erreichen, und sagen Sie ihm, er soll mit mir in Kontakt treten.“
„Ignoriert er Ihre Anrufe?“, konnte sich River einfach nicht verkneifen zu fragen.
„Nein, das tut er nicht. Ich habe nur erst mit Ihnen Kontakt aufgenommen, weil ich wissen wollte, wie ernst es ist. Sie mögen es mir vielleicht nicht abnehmen, aber ich würde … ich wäre bereit, ihm zu helfen, ehe die Presse über ihn und unsere Familie herfällt.“
„Aha“, sagte River und war sicher, dass ihre Gesprächspartnerin die Skepsis in ihrer Stimme genau registrierte.
„Glauben Sie es oder lassen Sie es sein. Wenn Sie so loyal sind, wie er immer behauptet hat, dann werden Sie versuchen, herauszufinden, was da los ist. Und wenn Sie mir Bescheid geben, dann kann ich vielleicht etwas für ihn tun.“
Eigenartig, wie diese Frau es immer wieder schaffte, sie zu verunsichern, dachte River. Sie wurde einfach nicht schlau aus Karolin Ränger. Entweder gab es doch irgendwo in ihrer schmalen Brust ein Herz, oder sie war die begnadetste Schauspielerin, der River je begegnet war.
„Ich höre mich mal um, Frau Ränger, aber versprechen kann ich nichts. Und nur, damit das ein für alle Mal klar ist: Meine Loyalität gilt Rock, nicht Ihnen, und es interessiert mich nicht, ob Sie damals fünfzig Euro zu meinem Fall dazugetan haben oder fünfzigtausend, okay?“
„Sie dürfen Ihre kostbare sogenannte Loyalität ausschütten über wen Sie wollen, Kindchen“, schnappte Karolin Ränger. „Aber ich erwarte, dass Sie Wolf erreichen. Und richten Sie ihm Folgendes aus: Bringt er mich oder meine Familie noch einmal durch eine seiner fanatischen Spinnereien ins Gerede, dann lernt er unsere Kanzlei von einer ganz anderen Seite kennen. Und Sie auch. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“
„Sie drohen mir?“ River konnte es nicht fassen und straffte unwillkürlich die Schultern. Jetzt hörte der Spaß aber allmählich auf. „Ich dachte, Sie wollten ihm helfen?“
„Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich warte auf Ihren Rückruf.“ Dann legte sie auf.
„Ist das denn zu fassen?“ Ratlos sah sie Julia an, die nun aufstand und das Radio wieder lauter stellte.
„Rock steckt also in Schwierigkeiten?“, fragte Julia und ging zum Rechner.
„Nicht, dass ich wüsste. Oder besser gesagt: Nicht mehr als sonst.“ River schüttelte den Kopf, dann strich sie sich mit der Hand durch die kurzgeschnittenen schwarzgefärbten Haare.
Julia ließ inzwischen ihren Computer hochfahren, dann loggte sie sich schnell bei Facebook ein.
River griff nach ihrem Laptop. Zu blöd, dass sie vergessen hatte, die Ränger nach dem Namen der Journalistin zu fragen. „Ich google mal ein wenig, vielleicht finde ich was“, murmelte sie.
„Und ich schau mal, was in unseren Gruppen so los ist“, sagte Julia.
River nickte, griff nach ihrem Handy und schickte Rock eine SMS.
Was ist los? Deine Ex macht hier Telefonterror, eine Journalistin würde deinetwegen nerven, angeblich gehts um Leben und Tod. Melde dich.
„Er hat seit drei Tagen nichts mehr gepostet“, murmelte Julia. „Naja, dass er off bleiben würde, hat er ja schon angedeutet.“ Sie las sich durch die Meldungen, die irgendwelche Leute auf Rocks Seite gepostet hatten.
„Und? Haben sich alle wieder beruhigt?“, fragte River, während sie sich auf die Google Abfrage konzentrierte.
„Keine Ahnung. Wir beide kommen ja in die Gruppen, in denen sie ihn zerfleischen, nicht mehr rein.“ Julia grinste. „Wir sind gebrandmarkt. Als Rock Wood Groupies, schon vergessen?“
River schüttelte den Kopf. Vielleicht war Rock ihnen allen einfach nur einen Schritt voraus. War endlich und endgültig offline gegangen, um Tierschutz künftig dort zu praktizieren, wo er stattfinden musste: in der realen Welt, als unmittelbaren Dienst am Tier. Das, was hier im Internet und vor allem bei Facebook als Tierschutz verkauft wurde, war in den meisten Fällen nichts anderes mehr als eine gigantische Schlammschlacht. Als wenn es wirklich DEN EINEN richtigen Weg gäbe, um zu helfen. Zum Kotzen, wie die sich gegenseitig an die Gurgel gingen. Von einigen sehr seltenen Ausnahmen abgesehen.
So ganz unschuldig war Rock natürlich nicht daran, dass ihn so viele Leute hassten. Diplomatie war alles, nur nicht eine seiner Stärken. Manchmal provozierte er so aggressiv, dass sie sich selbst schon gefragt hatte, ob er noch alle Tassen im Schrank hatte. Rock hielt einfach nie mit seiner Meinung hinterm Berg. Er nannte das authentisch. Sie nannte das riskant. Aber wer war sie, Rock Wood zu kritisieren?
„Und?“, fragte sie Julia nach einer Weile, in der sie beide nur fieberhaft nach irgendwelchen Infos gesucht hatten, die in irgendeiner Form mit Rock zu tun haben konnten.
„Tja, eigentlich war am Wochenende alles ruhig. Lag vielleicht am Fußball. Eine Menge Leute haben eine entlaufene Hündin geteilt, die muss irgendwo in der Nähe von dort abgehauen sein, wo Rock wohnt. Aber sonst …?“
„Wer hat das reingestellt?“
„Irgend so eine Autorin. Der Hund war in einen Unfall verwickelt, in der Nähe der Sorpe. Sind wir nicht mit Rock sogar schon mal da gewesen?“
River horchte auf. „Wie heißt die Autorin?“
„Warte, ich geh mal drauf … ja, hier ist es. Candrine Cook. Was ist das denn für ein blöder Name?“
„Candrine Cook“, murmelte River und gab den Namen bei Google ein. Sie klickte sich zur Webseite der Schriftstellerin durch. Der Name war wirklich komisch. Bestimmt ein Pseudonym. Im Impressum der Seite wurde sie schließlich fündig. „Catrin Stechler“, murmelte sie.
„Was?“
„Die Frau heißt in Wirklichkeit Catrin Stechler“, sagte sie. „Und die Ränger sagte, die Journalistin habe Katharina geheißen oder so ähnlich. Das kann ein Zufall sein …“
„Seit wann glaubst du an Zufälle?“
„Tue ich nicht“, murmelte River und überlegte. Die Frau wohnte in der Nähe von Iserlohn – ihr Hund war an der Sorpe entlaufen. Wenn sie Rock kannte, dann war es naheliegend, dass sie versuchte, ihn zu erreichen. Aber wieso rief sie dann bei seiner Exfrau an? Wie war sie an die Nummer gekommen? Wieso hatte sie nicht versucht, Rock über Facebook zu erreichen? Wusste sie womöglich gar nicht, wer er im Internet war? Kannte sie vielleicht nur den echten Wolf Ränger?
Typisch!, dachte River und schüttelte den Kopf. Und Rocks Frau vermutete gleich wieder einen Skandal dahinter.
River konnte sich nicht vorstellen, dass diese Catrin sich als Journalistin ausgegeben hatte, als sie sagte, es ginge um Leben und Tod. Das hatte sich Karolin selbst zusammengereimt. In ihrer egozentrischen kleinen Welt gab es eh nur die, die sie vergötterten oder die ihr schaden wollten.
„Lass uns mal überprüfen, wer das alles geteilt hat und was da los ist“, bat River und öffnete nun ebenfalls ihr Facebook Konto. „Vielleicht sind wir danach schlauer.“
* * *
Nach einer Stunde waren sie schlauer. Rock hatte sich bisher in die Suche nach der in seiner Nähe entlaufenen Hündin nicht eingeschaltet. Und River hatte ein ausgesprochen unangenehmes Telefonat mit einem Betrunkenen namens Felix geführt, vermutlich Catrin Stechlers Mann.
Ganz dicht konnte der nicht sein. Er lallte wie verrückt, nannte sich selbst dauernd König und drohte damit, seiner Frau das Leben zur Hölle zu machen, wenn sie nicht bald mit den Schlüsseln wieder auftauchte. Im Hintergrund hatte eine hysterische Frauenstimme wegen ihres toten Bruders geheult.
Als sie es kaum noch ertragen konnte, legte River einfach auf. Meine Güte, was war denn da los? Und was hatte das alles mit Rock zu tun?
Pulsuz fraqment bitdi.