Kitabı oxu: «Schleiermachers Philosophie»

Şrift:

Andreas Arndt

Schleiermachers Philosophie

Meiner

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eISBN (PDF) 978-3-7873-4051-4

eISBN (ePub) 978-3-7873-4085-9

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Inhalt

Vorwort

Teil I · Kontexte

Schleiermachers Auseinandersetzung mit Kant

Schleiermacher und Fichte

Schleiermachers Ironieverzicht

Schleiermacher und die Religionskritik der Aufklärung

Verdankte Subjektivität

Schleiermacher und die Französische Revolution

Teil II · System

Das systematische Reale und seine ideale Darstellung. Zum Systembegriff in Schleiermachers Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre

Schleiermachers Grundlegung der Philosophie in den Hallenser Vorlesungen

System bei Steffens und Schleiermacher

Teil III · Dialektik

Schleiermachers Dialektik und die Frage nach dem System

Schleiermachers Dialektik. Ein Projekt der Klassischen Deutschen Philosophie

Die Logik in Schleiermachers Dialektik

Teil IV · Ethik, Recht und Bildung

Der Begriff des Rechts in Schleiermachers Ethik-Vorlesungen

Gemeinschaft und Gesinnung. Schleiermachers rechtliche und politische Ausgrenzung des Judentums

»Verderblich, wenn die Universitäten nur fortgesetzte Schulen werden«. Schleiermachers Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinn

Teil V · Hermeneutik

Hermeneutik und Einbildungskraft

Teil VI · Anthropologie und Psychologie

Zwischen Natur und Vernunft. Zur systematischen Stellung der Anthropologie bei Schleiermacher

Hellsehen in preußischblauer Nacht. Schleiermacher über Spiritismus, Medien und Wahrsagekunst

Schleiermachers Psychologie. Eine Philosophie des subjektiven Geistes?

Nachweise

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die in dem vorliegenden Band versammelten Texte zu Schleiermachers Philosophie sind größtenteils im letzten Jahrzehnt entstanden; dass sie hier erneut bzw. erstmals veröffentlicht werden, verdankt sich einer Anregung des Verlages, der ich gern nachgekommen bin.

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834) war Theologe und Philosoph und hat in beiden Disziplinen zeitlebens literarisch und – seit 1804, dem Beginn seiner Hallenser Professur – auch als akademischer Lehrer gewirkt.1 Während sein Rang als Erneuerer der protestantischen Theologie im 19. Jahrhundert unumstritten ist, steht er als Philosoph weiterhin im Schatten seiner Zeitgenossen und auch sein Platz in der Geschichte der Klassischen Deutschen Philosophie nach Kant ist strittig. Teils wird er als »nachidealistischer« Denker angesehen (was immer das heißen mag),2 wogegen jedoch geltend gemacht wird, dass die Vereinigung des Idealismus und Realismus, die Schleiermacher erstrebte, auf der Linie der zu Unrecht als »Deutscher Idealismus« etikettierten Klassischen Deutschen Philosophie lag und keine Sonderstellung Schleiermachers begründet.3 Schleiermachers Philosophie, so die leitende These der folgenden Untersuchungen, ist integraler Bestandteil dieser Epoche und nur auf dem Boden der nachkantischen Philosophie angemessen zu verstehen.4

In alle Diskussionen über Schleiermachers Philosophie spielt seine Religionsauffassung und Theologie mit hinein – und umgekehrt. Zwar mag das Verhältnis von Philosophie und Theologie für Schleiermacher nicht ein Grundthema seines Denkens gewesen sein,5 jedoch nur deshalb, weil er dies im Sinne eines harmonischen Miteinanders meinte gelöst zu haben. In einem Brief an Friedrich Heinrich Jacobi vom 30. März 1818 schrieb Schleiermacher, er sei »mit dem Verstande ein Philosoph, denn das ist die unabhängige und ursprüngliche Thätigkeit des Verstandes«, aber »mit dem Gefühl […] ein Christ«, denn die Religiosität sei Sache des Gefühls, welches der Verstand gleichsam übersetzt (»verdolmetscht«).6 Daraus folge, dass Philosophie und Religion bzw. Theologie sich nicht widersprächen: »Meine Philosophie also und meine Dogmatik sind fest entschlossen sich nicht zu widersprechen«.7 Dies bedeutet, dass Philosophie und Theologie in keinem Begründungsverhältnis zueinander stehen; sie konvergieren, aber jede entwickelt und rechtfertigt sich auf ihrer eigenen Grundlage. Im Zweiten Sendschreiben an Lücke (1829) betont Schleiermacher daher, dass Philosophie und Theologie voneinander »frei geworden« seien (KGA I/10, 390).

Aus dieser Freiheit folgt, dass die Philosophie sich autonom zu begründen und ihre Verfahrensweisen ausschließlich selbst zu rechtfertigen habe. Das bedeutet vor allem, dass die Philosophie autonom ist, d. h., sie begründet und verantwortet ihre Verfahrensweisen und Resultate selbst. In diesem Sinne schreibt Schleiermacher in seiner Ausarbeitung zur Dialektik-Vorlesung 1814/15 im Zusammenhang mit dem religiösen Gefühl als Innewerden des transzendentalen Grundes: »Wenn nun das Gefühl von Gott das religiöse ist: so scheint deshalb die Religion über der Philosophie zu stehen […]. es ist aber nicht so. Wir sind hieher gekommen, ohne von dem Gefühl ausgegangen zu sein, auf rein philosophischem Wege.« (KGA II/10, 1, 143) Die Zusammenstimmung von Philosophie und Religion bzw. Theologie ist daher aus Schleiermachers Sicht Resultat einer rein philosophischen Gedankenentwicklung.

Die Unterscheidung von Philosophie und Religion bzw. Theologie, auf der Schleiermacher nach beiden Seiten hin beharrt, brachte er nach einer Nachschrift zur Dialektik-Vorlesung 1818/19 so zum Ausdruck: »Der Philosoph braucht also die Religion nicht für sein Geschäft, aber als Mensch, und der Religiöse braucht die Philosophie an und für sich nicht, sondern nur in der Mittheilung« (KGA II/10, 2, 242). Der Unterschied ist jedoch ein Unterschied innerhalb einer Einheit, denn die Religion ist für Schleiermacher, wie bereits in den Reden über die Religion (1799) behauptet, ein eigenständiges Gebiet neben der Philosophie (dort: Metaphysik und Moral). Dementsprechend begrenzen sich beide »Territorien« wechselseitig, ungeachtet dessen, dass sie sich autonom und nicht wechselseitig begründen. Dieser Typus des Gegensatzes entspricht Schleiermachers Denken – auch in der Dialektik: eine Differenz bzw. Entgegensetzung, die schon immer in einer übergreifenden Einheit ihre Auflösung gefunden hat. Es ist eine Dialektik ohne harte Widersprüche, die für Schleiermacher leitend ist und auch dieses Verhältnis bestimmt.

Eine Philosophie kann mit der Religion bzw. Theologie jedoch nur dann im Schleiermacherschen Sinne harmonisch zusammenstimmen, wenn sie die Grenze zum fremden Territorium akzeptiert und sich eine genuin philosophische Deutung etwa des von Schleiermacher für die Religion in Anspruch genommenen Gefühls versagt. Nur dann kann auch behauptet werden, dass es keinen »wahren Atheismus« geben könne, wie es in der Dialektik 1811 heißt (KGA II/10, 1, 38). Anders gesagt: Nur eine Philosophie des Schleiermacherschen Typus stimmt in der Konsequenz mit Schleiermachers Religionsauffassung und Theologie überein, nicht aber die Philosophie. Das war schon zu Schleiermachers Lebzeiten – wie etwa bei Hegel – nicht der Fall8 und die veränderte philosophische Diskussionslage im Ausgang der Klassischen Deutschen Philosophie und insbesondere die Religionskritik des 19. Jahrhunderts haben das von Schleiermacher angenommene Gleichgewicht beider Seiten nachhaltig erschüttert und schließlich zerstört. Dies führte dazu, dass seine Philosophie, trotz ihrer nachhaltigen Wirkungen auf die nachklassische Philosophie des 19. Jahrhunderts in Deutschland,9 zunehmend nur noch als Glaubens- und Religionsphilosophie wahrgenommen wurde, die »der Theologie einen philosophischen Grund« sichern sollte.10 Das freilich entspricht nicht Schleiermachers Auffassung, wie er sie etwa in dem zitierten Brief an Jacobi darlegt.

Zu fragen ist, welche Folgen dies für den Umgang mit Schleiermacher als Philosophen und mit seiner Philosophie hat. Unstrittig ist, dass Schleiermachers Philosophie in der Theologie der Gegenwart größere Aufmerksamkeit und Würdigung gefunden hat als in der Philosophie, und zwar auch und gerade in philosophisch kompetenten Interpretationen innerhalb eines theologischen Fragehorizonts.11 Die Philosophie bewegt sich jedoch außerhalb eines solchen Fragehorizonts und kann auch – kraft ihrer Autonomie, die auch Schleiermacher für selbstverständlich hält – nur Grenzen anerkennen, die sie selbst setzt, d. h. philosophisch begründet. Schleiermachers Behauptung, dass die Philosophie »auf rein philosophischem Wege« zur Übereinstimmung mit dem religiösen Bewusstsein komme, hat zur Konsequenz, dass ihm zufolge seine eigene Philosophie ausschließlich nach philosophischen Maßstäben zu beurteilen ist. Dagegen wird von theologischer Seite immer wieder geltend gemacht, dass dies eine einseitige und insofern nicht zu verantwortende Betrachtungsweise sei. So wurde mir jüngst vorgeworfen, im Blick auf Schleiermachers Philosophie die »religiöstheologische Fundierung von Schleiermachers Denken« durch eine »Marginalisierung des Theologen« ausgeblendet zu haben.12 Einer solchen Fundierung seiner Philosophie hätte Schleiermacher nach meiner Überzeugung widersprochen. Sie zur Maxime der Interpretation zu machen, hieße, Schleiermacher wieder auf die Rolle eines Glaubensphilosophen zu beschränken und damit letztlich aus dem Diskurs der Klassischen Deutschen Philosophie zu eskamotieren. Der hermeneutisch-kritische Umgang mit Schleiermachers Philosophie kann meines Erachtens nur darin bestehen, ihr Selbstverständnis als autonome Disziplin ernst zu nehmen und kritisch auf seine Durchführung hin zu überprüfen. Dies ist meines Erachtens die unabdingbare Voraussetzung dafür, Schleiermacher als Philosophen und seine Philosophie im Zusammenhang der Epoche überhaupt in den Blick zu bekommen. Dass der kritische Aspekt der Interpretation, der für jede Vergegenwärtigung einer Philosophie unverzichtbar ist,13 von Schleiermachers Denken nichts mehr übrig lässt, steht dabei nicht zu befürchten. Die folgenden Texte belegen dies hoffentlich zur Genüge.

Sie sind in sechs Gruppen eingeteilt. Am Beginn (Teil I) erfolgt eine philosophiehistorische und zeitgeschichtliche Kontextualisierung, die zugleich den Entwicklungsgang von Schleiermachers philosophischen Positionen beleuchtet. Im Mittelpunkt stehen Kant, Fichte, die Frühromantik, der Religionsbegriff, das Subjektivitätsverständnis und die Französische Revolution. Die zweite Gruppe versammelt Texte zur Problematik und zum Werden des Systems bei Schleiermacher (II), denen Aufsätze zur grundlegenden Disziplin der Dialektik folgen (III). Hieran schließen sich Texte zu den philosophischen Realwissenschaften an – mit Ausnahme der Naturphilosophie, die Schleiermacher selbst nicht bearbeitet hat. Hier geht es zunächst (IV) um Ethik, Recht und Bildung (namentlich Schleiermachers Universitätskonzeption), sodann um die Hermeneutik (V) und schließlich um die Anthropologie bzw. Psychologie, eine Disziplin, deren systematische Stellung Schleiermacher nicht eindeutig bestimmt hat (VI).

Dieses Buch schließt thematisch und chronologisch an meinen 2013 erschienenen Sammelband Friedrich Schleiermacher als Philosoph an, jedoch steht das vorliegende Buch für sich und soll einen Gesamteindruck von Schleiermachers Philosophie vermitteln, auch ohne die von Schleiermacher bearbeiteten Disziplinen vollständig thematisieren zu können. Die hier versammelten Aufsätze wurden im Vergleich zu den Erstpublikationen formal und stellenweise auch inhaltlich bearbeitet; mitunter kommt es zu Überschneidungen zwischen den Texten, insbesondre bei längeren Zitaten, die deshalb nicht getilgt wurden, damit die einzelnen Aufsätze für sich lesbar bleiben.


Berlin, im Juli 2021 Andreas Arndt

1 1 Zur Biographie siehe Kurt Nowak, Schleiermacher, Göttingen 2001.

2 2 Vgl. Michael Theunissen, Zehn Thesen über Schleiermacher heute, in: Schleiermacher’s Philosophy and the Philosophical Tradition, ed. S. Sorrentino, Lewiston u. a. 1992, IV; Manfred Frank, Auswege aus dem Deutschen Idealismus, Frankfurt/M. 2007.

3 3 Vgl. zusammenfassend Walter Jaeschke und Andreas Arndt, Die Klassische Deutsche Philosophie nach Kant. Systeme der reinen Vernunft und ihre Kritik 1785–1845, München 2012; zu Schleiermacher 254–305. – Zur Kritik der Rede vom »Deutschen Idealismus« vgl. Walter Jaeschke, Zur Genealogie des deutschen Idealismus. Konstitutionsgeschichtliche Bemerkungen in methodologischer Absicht, in: ders., Hegels Philosophie, Hamburg 2020, 393–415.

4 4 Eine solche Betrachtungsweise zeigt dann nach meiner Überzeugung bei allen Gegensätzen auch überraschende Schnittmengen mit Hegel; vgl. dazu Schleiermacher / Hegel. 250. Geburtstag Schleiermachers / 200 Jahre Hegel in Berlin, hg. v. Andreas Arndt und Tobias Rosefeldt, Berlin 2020.

5 5 Vgl. Hans-Joachim Birkner, Theologie und Philosophie. Einführung in Probleme der Schleiermacher-Interpretation, München 1974.

6 6 Schleiermacher an Jacobi, 30. März 1818, hg. v. Andreas Arndt und Wolfgang Virmond, in: Religionsphilosophie und spekulative Theologie. Quellenband, hg. v. Walter Jaeschke, Hamburg 1994, 394–398, hier 395.

7 7 Ebd., 396.

8 8 Vgl. Walter Jaeschke, ›Um 1800‹. Religionsphilosophische Sattelzeit der Moderne, in: Philosophisch-theologische Streitsachen. Pantheismusstreit – Atheismusstreit – Theismusstreit, hg. v. Georg Essen und Christian Danz, Darmstadt 2012, 1–92.

9 9 Vgl. dazu Klaus Christian Köhnke, Entstehung und Aufstieg des Neukantianismus, Frankfurt/M. 1993; Andreas Arndt, Einleitung, in: Schleiermacher, Dialektik (1811), Hamburg 1986, XXXVI ff.

10 10 So 1840 Schleiermachers Schüler, der Philosophiehistoriker Heinrich Ritter; vgl. Andreas Arndt, Friedrich Schleiermacher als Philosoph, Berlin und Boston 2013, 17.

11 11 Vgl. ebd., 17 f. – Exemplarisch sei verwiesen auf Ulrich Barth, Christentum und Selbstbewußtsein, Göttingen 1983; Günter Meckenstock, Deterministische Ethik und kritische Theologie. Die Auseinandersetzung des frühen Schleiermacher mit Kant und Spinoza 1789–1794, Berlin und New York 1988; Michael Dittmer, Schleiermachers Wissenschaftslehre als Entwurf einer prozessualen Metaphysik in semiotischer Perspektive. Triadizität im Werden; Berlin und New York 2001, Peter Grove, Deutungen des Subjekts. Schleiermachers Philosophie der Religion, Berlin und New York 2001.

12 12 Matthias Wolfes, Rezension zu Andreas Arndt, Die Reformation der Revolution. Friedrich Schleiermacher in seiner Zeit, in: Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung, 2020, 1, https://www.recensio.net/r/3852a0c59fb145e9894bfee3cb8675b4 (Aufruf 31. 01. 2021). – Eine »Marginalisierung der Theologie« hatte mir auch schon Michael Moxter (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. 10. 1996) im Blick auf meine Auswahl von Schleiermachers philosophischen Schriften (Frankfurt/M. 1996) vorgeworfen; vgl. Arndt, Friedrich Schleiermacher als Philosoph, 19 f.

13 13 Vgl. Andreas Arndt, Hermeneutik und Kritik im Denken der Aufklärung, in: Hermeneutik im Zeitalter der Aufklärung, hg. v. Manfred Beetz und Giuseppe Cacciatore, Köln, Weimar und Wien 2000, 211–236.

TEIL I

Schleiermachers Auseinandersetzung mit Kant

❶ Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834) wird als Philosoph kaum wahrgenommen. Mit dem schleichenden Abschied der hermeneutischen Philosophie hat Schleiermachers Philosophie, so scheint es, ihre Aktualität vollends eingebüßt. Daran haben auch die ungebrochene Präsenz Schleiermachers in der Theologie und alle editorischen Bemühungen im Zusammenhang mit der Kritischen Gesamtausgabe kaum etwas ändern können. Die Gründe dafür sind komplex. Dazu gehören sicher die bereits seit dem 19. Jahrhundert verbreitete Wahrnehmung, Schleiermacher sei eben doch in erster Linie Theologe, aber auch die mangelnde Aufmerksamkeit vieler in der akademischen Philosophie für die Resultate kritischer Editionen, die offenbar eher philologischen als philosophischen Bedürfnissen zugeordnet werden.1 Zudem haben scheinbare Nebenfiguren wie Schleiermacher in den Zeiten von Bologna nur wenig Chancen, im akademischen Studium der Philosophie Beachtung zu finden. Freilich ist auch Schleiermachers Philosophie alles andere als leicht zugänglich. Es gibt kein systematisch grundlegendes Hauptwerk, sondern nur einen Kosmos von Disziplinen, deren Gravitationszentrum schwer auszumachen ist und die Schleiermacher in immer neuen Anläufen bearbeitet, aber nicht in einer gültigen Gestalt hinterlassen hat. Überdies ist Schleiermacher ein ausgesprochener Selbstdenker: Er entwickelt sein philosophisches Denken weniger im Gespräch mit anderen als vielmehr im Selbstgespräch. Man kann sagen, dass Schleiermacher nach 1804, dem Antritt seiner Hallenser Professur, aus den zeitgenössischen philosophischen Debatten weitgehend aussteigt, obwohl er erst zu diesem Zeitpunkt damit beginnt, seine philosophischen Auffassungen in akademischen Vorlesungen umfassend darzustellen. Dies hat auch dazu geführt, dass Schleiermachers philosophischer Entwicklungsgang als ganz auf der Individualität und Einzigkeit Schleiermachers beruhend angesehen wurde.2

Nun soll nicht in Abrede gestellt werden, dass Schleiermacher ein origineller Denker ist; er ist dies jedoch nicht nur in Zeitgenossenschaft mit der, sondern auch auf dem Boden der nachkantischen Philosophie.3 Kant steht unübersehbar am Beginn seines philosophischen Bildungsganges. Schon als Student des »Seminariums« der Herrnhuter Brüdergemeine (1785–1787) hatte er Kant – dessen Schriften dort offiziell verboten waren – gelesen und mit Freunden darüber diskutiert (vgl. KGA V/1, XXVIII); in Halle, wo er nach seiner Glaubenskrise und dem Weggang von der Brüdergemeine von 1787 bis 1789 Theologie, vor allem aber Philosophie studierte, war Schleiermacher dann Hörer von Johann Heinrich Eberhard, dem Vertreter der Hallischen Schulphilosophie, der sich kritisch mit Kant auseinandersetzte, wobei Schleiermacher dieser Kritik nicht folgte. Nach Beendigung des Studiums im Mai 1789 siedelte Schleiermacher nach Drossen über, wo sein Onkel Samuel Ernst Timotheus Stubenrauch, vorher Rektor des reformierten Gymnasiums in Halle, der Schleiermacher schon während des Studiums in sein Haus aufgenommen hatte, inzwischen eine Landpfarre versah. In dieser Zeit entstanden seine ersten eigenständigen philosophischen Entwürfe, in denen vor allem zwei Themen im Vordergrund stehen: die Freiheitsproblematik und das Verhältnis von Philosophie und Religion. Für beide Themen ist die Auseinandersetzung mit Kant zentral;4 besonders die Freiheitsproblematik reflektiert aber auch das Zeitgeschehen. Schleiermachers erste große Abhandlung Über das höchste Gut, die er gegen Ende seiner Studienzeit verfasst, entsteht 1789, im Jahr der Französischen Revolution, die an seiner Philosophie nicht spurlos vorbei gegangen ist.5

❷ In seiner Abhandlung Über das höchste Gut (1789) schließt Schleiermacher sich in wesentlichen Punkten an Kant an. So verteidigt er die rein rationale Bestimmung des Sittengesetzes. Die Vernunft müsse »das, was bei der ganzen Sache sie unmittelbar angeht, auch allein und aus ihren eignen Mitteln in Richtigkeit bringen« (KGA I/1, 88); das höchste Gut ist daher »der vollkomne Inbegrif alles deßen was nach gewißen Regeln in einer gewißen Verfahrungsart nemlich der ungemischten rein rationalen zu erlangen möglich ist« (ebd., 90 f.). Verbindlichkeit für das praktische Verhalten der Menschen erhält das rein rationale Sittengesetz aber nicht unmittelbar, sondern erst dann, wenn der Wille »vermittelst subjektiver von dem Sittengesez abgeleiteter Bewegungsgründe durch dasselbe bestimmt werden kann« (KGA I/1, 100). Die Instanz, die reine praktische Vernunft und Empirie – d. h.: das Begehrungsvermögen – miteinander verbinde, sei das moralische Gefühl: »Sobald wir nemlich einsehn, daß das Sittengesez nicht anders als vermittelst des sich darauf beziehenden moralischen Gefühls auf unsern Willen wirksam seyn und denselben bestimmen kann, so wird es eine sich von selbst uns aufdringende Aufgabe, den praktischen Einfluß dieses Gefühls zu vermehren«; auf diese Weise »fließen Sitten und Glükseligkeitslehre zusammen« (KGA I/1, 124 f.).

Schleiermacher bestreitet demnach nicht die transzendentalphilosophische Grundlegung des Sittengesetzes, sondern nur eine nicht gelungene Vermittlung mit der Empirie. Seine überlieferten Notizen zur Kritik der praktischen Vernunft beginnen mit Kants Begriff der transzendentalen Freiheit und kreisen dann um das Problem, wie das Sittengesetz durch das Begehrungsvermögen zur Wirkung gebracht werden könne. Hierfür referiert er auf ein »Gefühl der Lust«, bestreitet aber Kants These, dass dadurch das oberste Prinzip der praktischen Philosophie empirisch ausfallen müsse (vgl. KGA I/1, 130 f.).6 Dies ist nach Schleiermacher dann nicht der Fall, wenn das Gefühl der Lust nur der Auslöser für das Begehrungsvermögen sei, tatsächlich etwas Nicht-Sinnliches zu begehren. Der Gehalt und die Form des Sittengesetzes seien dann nicht von der Empirie affiziert. Voraussetzung hierfür sei nur, »daß es ein Gefühl der Lust gebe, welches sich uneingeschränkt auf das Gesez und die Funktion desselben beziehe und diese Voraussezung ist uns im reinen Selbstbewußtseyn gegeben.« (KGA I/1, 130)

Da man weiß, welche zentrale Rolle das reine oder unmittelbare Selbstbewusstsein beim späteren Schleiermacher spielt, ist man vielleicht geneigt, diesen Passus theoretisch stark zu gewichten. Tatsächlich aber bleibt Schleiermacher hier jede Erläuterung dafür schuldig, wie in einem reinen Selbstbewusstsein ein nur auf das Sittengesetz bezogenes Gefühl liegen könne. Sein Versuch, den moral sense gegen Kant zu rechtfertigen, führt auch zu keiner Klärung des Problems. Wichtig ist vor allem die grundlegende Fragerichtung Schleiermachers: er sucht eine Vermittlung zwischen vernünftiger Willensbestimmung und empirischem Handeln, ohne die Selbstgesetzgebung, d. h. Freiheit der Vernunft, zu beschädigen. Die gesuchte Lösung muss sich daher im Spannungsfeld von Freiheit und Determinismus bewähren.

In einem ebenfalls auf 1789 zu datierenden Freiheitsgespräch versucht Schleiermacher, die Vermittlung durch Kants Konzept der Einbildungskraft zu erklären. Damit das Gefühl der Lust bzw. Unlust auf das Sittengesetz der Vernunft bezogen werden kann, bedarf es eines Vermögens, das zwischen Sinnlichkeit und Vernunfteinsicht vermittelt. Die Einbildungskraft zeichnet sich in dieser Hinsicht dadurch aus, dass sie »eine ganze Reihe« deutlicher Vorstellungen »in einen einzigen Augenblik zu vereinigen« weiß; »sie preßt sie gleichsam in einer leicht übersehbaren Form zusammen und bei dieser Operation entfließt denselben der herrlichste Saft der Wonne und des Entzükens« (KGA I/1, 156). Die Einbildungskraft, die Schleiermacher auf das Gefühl bezieht, ist hier so etwas wie ein Supplement der reinrationalen Erkenntnis in praktischer Absicht und hat damit die Funktion der »ästhetikologischen« Erkenntnis in der Hallischen Schulphilosophie seit Baumgarten. Im Gefühl wird die praktische Vernunft gleichsam auf ästhetischem Wege zugänglich und kann über Lust bzw. Unlust das Verhalten bestimmen: »Das Vermögen nach vernünftigen Gründen zu handeln heißt nichts anders als das Vermögen durch ein Gefühl von Lust bestimt zu werden welches durch die moralischen Ideen der Vernunft bewirkt« (KGA I/1, 160).

Schleiermachers Abhandlung Über die Freiheit (1790–92) führt die bisherigen Überlegungen zur Vermittlung von vernünftiger Willensbestimmung und Empirie zusammen. Die Untersuchung soll ausdrücklich »zu einer nähern Beleuchtung der Kantischen Freiheitstheorie« (KGA I/1, 120) hinführen, und zwar in einer Diskussionssituation, die nach Schleiermacher durch eine Unentschiedenheit zwischen der »deterministische[n] Auflösung der Leibniz Wolfischen Schule« und der Kantischen Philosophie gekennzeichnet sei (KGA I/1, 219). Schleiermacher setzt hierbei wieder an dem Begriff des Begehrungsvermögens an, den er – im Anschluss an Karl Leonhard Reinhold – auf den Begriff des Triebes zurückführen will (KGA I/1, 222 f.).7 Dem einzelnen Begehren kann dabei Instinkt oder auch Willkür zugrunde liegen; Instinkt, sofern der Trieb zu einer einzelnen Tätigkeit durch ein Objekt, Willkür, sofern er durch Vergleichung mehrerer Objekte bestimmt wird. Wichtig für Schleiermacher ist nun, dass der Mensch sich der Willkür bewusst ist: »Wenn ein Wille in einem Subjekt mit Vernunft verbunden ist und diese sich als Princip desselben ansieht, so entsteht praktische Vernunft, welche eine ihrer Natur gemäße Einheit in der Totalität der Maximen hervorzubringen strebt« (KGA I/1, 227). Hieraus ergibt sich aber noch keine Verbindlichkeit, d. h. Allgemeingültigkeit von Handlungen in moralischer Hinsicht, so dass man sich auch gar nicht »auf die Aeußerungen eines äußerst unbestimmten und verworrenen Gefühls von Freiheit« berufen könne, welche bloß subjektiv und jedesmal einer neuen Auslegung bedürftig blieben (KGA I/1, 228).

Ein allgemeingültiges Gesetz, auf das Vernunft zielt, ist nun aber nicht Gesetz des Begehrungsvermögens (Beweggrund, Triebfeder), sondern »das hypothetische Naturgesez der Vernunft für den Willen« und Maßstab für die Beurteilung des Subjekts durch die Vernunft (KGA I/1, 230). Das Gesetz – in diesem Falle das Sittengesetz – ist seiner Natur nach allgemein und bezieht sich daher nur auf Maximen, die vom Begehrungsvermögen als Wille befolgt werden sollen. Dieser Wille muss in sich weder gut noch böse sein, sondern auf jede Art von Maxime gehen können. Schleiermacher spricht hier von einer »natürliche[n] Unbestimmtheit des Willens«, die notwendig sei, »wenn das durch die Idee der Verbindlichkeit gedachte Verhältniß des Gesezes zum Begehrungsvermögen möglich seyn soll« (KGA I/1, 233). Das meint, dass Verbindlichkeit nur dort greifen kann, wo das Vernunftgesetz weder von vornherein unmöglich noch bloßes Naturgesetz ist. Die entscheidende Frage der Vermittlung ist damit aber noch nicht beantwortet, denn Schleiermacher geht weiterhin davon aus, dass das Sittengesetz einen unmittelbaren Einfluss auf das Begehrungsvermögen nicht haben könne: »Dazu gehört ein Gefühl und vermittelst desselben ein Trieb, der sich unmittelbar und allein auf die praktische Vernunft bezieht und sie gleichsam im Begehrungsvermögen repräsentirt […] Auf dem Daseyn dieses Triebes beruht die ganze Möglichkeit der Idee von Verbindlichkeit, denn er ist es allein, wodurch die Vernunft mit dem Begehrungsvermögen zusammenhängt. In den ehemaligen Moralsistemen nannte man ihn moralischen Sinn; in den neueren heißt er Achtung fürs moralische Gesez« (ebd.).8

Die zentrale Rolle des Begehrungsvermögens ergibt sich für Schleiermacher auch daraus, dass für ihn alle Vermögen in der lebendigen Einheit des Individuums zu betrachten sind: »es ist umsonst den Menschen zu theilen, alles hängt an ihm zusammen, alles ist eins« (KGA I/1, 241). Das bedeutet aber auch, dass die Determiniertheit unserer Handlungen und unseres Seins durch Naturbedingungen dem dunklen Freiheitsgefühl ebenso wie der Idee sittlicher Autonomie in der praktischen Vernunft unvermittelt entgegensteht. Beides muss miteinander in Einklang gebracht werden, und Schleiermacher versucht dies nun von Seiten des Determinismus; er lasse sich, so Schleiermacher, »den Namen eines Deterministen gefallen, wenn man ihm nur verspricht, daß man ihm keinen Satz irgend eines Deterministen unterschieben wolle, wenn er nicht deutlich in dem, was er selbst gesagt hat und noch sagen wird enthalten ist.« (KGA I/1, 244)

Im Mittelpunkt seines Versuchs steht die Frage nach der Zurechnung von Handlungen, denn nach geläufiger Auffassung setzt Zurechenbarkeit einen freien Willen voraus. Auch Kant hatte die Möglichkeit der Zurechnung von der Geltung der transzendentalen Freiheit abhängig gemacht, »welche als Unabhängigkeit von allem Empirischen und also von der Natur überhaupt gedacht werden muß«,9 wenn er auch nicht der Ansicht war, die natürliche Determiniertheit einzelner Handlungen schließe diese Freiheit per se aus. In der letzteren Auffassung folgt ihm Schleiermacher. Nach ihm geht die Zurechnung nicht auf einzelne Handlungen oder Handlungssequenzen, denen ein freier Wille als Ursache unterstellt wird; vielmehr muss die Zurechnung im Blick auf das im höchsten Gut vorausgesetzte Sittengesetz der reinen Vernunft erfolgen, wobei die handelnde Person im Ganzen als Urheber der einzelnen Handlung anzusehen und zu bewerten ist. Die Zurechnung wertet nicht die einzelne Tat, sondern die Person nach ihrer Stellung zur Sittlichkeit. Sie bestimmt das Maß der Sittlichkeit, das ein Individuum repräsentiert: »die Zurechnung ist das Urtheil wodurch wir die Sittlichkeit einer Handlung auf denjenigen der sie gethan hat übertragen so daß das Urtheil über die Handlung einen Theil unseres Urtheils über seinen Werth ausmacht« (KGA I/1, 247). Ein solches Urteil beruht auf einer »Vergleichung mit dem moralischen Gesez« (KGA I/1, 249), welches den allgemeinen, in der Vernunft begründeten Maßstab abgibt. Demgemäß bringt auch die Beurteilung der Person im Ganzen, im Zusammenhang ihrer Handlungen, den Vernunftstandpunkt zur Geltung, indem sie das Individuum auf die Idee der Sittlichkeit bezieht. So steht auch das Strafgesetz unter der Forderung, die ganze Person im Zusammenhang der Entwicklung der Sittlichkeit zu bewerten, indem es sich von einem »Gefühl allgemeiner Liebe und Gleichheit« (KGA I/1, 271) leiten lässt; hierin finden die Losungen der Französischen Revolution ein unmittelbares Echo. Wie ist es aber mit der liberté bestellt? Um diese Frage zu beantworten, bedarf es noch weiterer Schritte.

Nicht anders als für Kant ist die Idee der Sittlichkeit für Schleiermacher nicht schon darum obsolet, weil sie kontrafaktisch, d. h. nicht-empirisch, sich begründet. Sie ist, wie auch aus der Vorgeschichte der Freiheitsabhandlung deutlich wurde, eine theoretische Leistung der auf Zusammenhang und Allgemeinheit zielenden Vernunft. Wenn ich es richtig sehe, löst Schleiermacher den Widerstreit von Vernunft und Empirie letztlich prozessual auf. Die Rückbindung des Zusammenhangs empirischer Handlungen an die Idee der Sittlichkeit lässt diese zum Grund und objektiven Ziel eines Bildungsprozesses zur Sittlichkeit werden, der am Zusammenhang der menschlichen Handlungen in den sittlichen Verhältnissen der Menschen gleichsam empirisch abgelesen werden kann. So erregt es »Entzükung […] wie sich unsre eigne Natur von der thierischen Rohigkeit des Kannibalen, der sich an dem Fleisch seiner Brüder weidet und von der schauderhaften Verderbtheit des ärgsten Bösewichts bis zu der erstaunenswürdigen Vollkommenheit des weisesten Sterblichen und bis zu der Gott ähnlichen Tugend eines Christus oder eines Sokrates ausdehnt« (KGA I/1, 281). Die hier genannten Heroen der Sittlichkeit stellen jedoch vor allem eine Aufforderung dar, die äußeren Verhältnisse, unter denen die Menschen handeln, so einzurichten, dass es keiner besonderen, heroischen Anstrengungen mehr bedarf, um einen höheren Grad von Sittlichkeit zu verwirklichen: »Man vergaß […] daß weder der künftige Zustand unserer Empfindungen noch der unserer Sittlichkeit allein und hinreichend in unserer gegenwärtigen sittlichen Verfaßung sondern immer auch in den äußern Verhältnißen gegründet ist. Wenn also diese überwiegend vortheilhaft eingerichtet werden, warum sollte es nicht möglich seyn, daß der hier lasterhafte ohnerachtet des unvollkomnen welches als die Folge seiner jezigen Beschaffenheit zurükbleibt seinen hier tugendhaften Bruder einst erreicht?« (KGA I/1, 276)

Diese Konsequenz unterstreicht, dass Schleiermacher nicht auf eine subjektive Sollensethik oder Individualethik, sondern auf einen Vernunftbegriff von Sittlichkeit zielt, in dem den allgemeinen Sphären als dem Rahmen einzelner sittlicher Handlungen besondere Bedeutung zukommt. Das Individuum ist Teil der sittlichen Verhältnisse und des fortschreitenden Prozesses der Bildung zur Sittlichkeit. Gleichwohl ist diese Sittlichkeit nur in der unendlichen Mannigfaltigkeit individueller Ausprägungen – sei es in Personen, sei es in Gemeinschaftssphären – greifbar, in welchen sich das Allgemeine darstellt. Im »Anschaun dieses Ganzen« wird diese »unendliche Verschiedenheit, diese unvollkommen scheinende Mannigfaltigkeit« zu »der höchst möglichen allgemeinen Vollkommenheit zu der sie hinführt«, in Beziehung gesetzt (KGA I/1, 281). Die Allgemeinheit wird hier realisiert durch die unendliche Mannigfaltigkeit des Individuellen.

Gerade darin aber liegt die Brechung eines allgemein determinierenden Prinzips im Sinne einer blinden, absoluten Notwendigkeit, der nicht zu entrinnen ist. Für Schleiermacher sind die geschichtlichen Veränderungen auf der Linie des Fortschritts und die individuelle Mannigfaltigkeit der Menschheit Beweise dafür, dass keine Festlegung auf einen bestimmten Zustand besteht. Auf dieser Grundlage können Determinismus und Freiheit miteinander in Einklang gebracht werden. Freiheit liegt nicht Willkür, sondern »Abwesenheit einer Nöthigung« (KGA I/1, 334) zugrunde; sie ist ein Sich-verhalten-Können im Rahmen des Determinierten und insofern auch Setzen von Determinationen.

An diesem Punkt ist nun das Freiheitsgefühl zu verorten und näher zu bestimmen. Es ist ein Gefühl, welches denjenigen Gefühlen verwandt ist, die »in uns bei der Zurechnung sittlicher Handlungen gegen andere entstehen«, mit dem wir aber »mehr bei unserm Ich stehn bleiben«; dieses Gefühl »erwacht unausbleiblich in uns, so oft wir uns unsrer selbst als moralischer Wesen ausdrüklich bewust werden«; es ist »Selbstgefühl« (KGA I/1, 282). Dies ist in einem emphatischen Sinne zu nehmen, denn das Selbst in diesem Kontext ist das Individuum in der Einheit seiner Vermögen; entsprechend ist das Selbstgefühl dem koordiniert, was Schleiermacher in Anlehnung an Kant als »reines Selbstbewußtsein« bestimmt hatte. Wir finden dieses Gefühl »ohne willkührliche Herbeirufung auch in Bezug auf einzelne Zeiten und Handlungen bei allen Gelegenheiten, es ist die einzige Voraussezung unter der wir sittlich zu handeln beschließen oder uns als sittlich handelnd zu irgend einer Zeit denken können ja es ist das, worauf alle die Gefühle, die das moralische Bewustseyn ausmachen, und die uns zu allen Zeiten bei unsern Handlungen leiten, sich beziehn können« (KGA I/1, 283). Das als Selbstgefühl verstandene Freiheitsgefühl wird damit nicht nur zum zentralen Bezugspunkt aller moralischen Gefühle, sondern tritt als kontinuierlich anwesend zugleich in die Funktion des Kantischen »Ich denke« ein, welches alle Vorstellungen muss begleiten können.10

Angesichts solch starker Thesen muss bezweifelt werden, dass Schleiermachers Apologie des Determinismus in der Freiheitsschrift eine deterministische Ethik begründe, wie dies einige Interpreten nahelegen. Viel eher vertritt Schleiermacher, wie Kant, eine kompatibilistische Position, die es erlaubt, Notwendigkeit und Freiheit zusammenzudenken. Dies geschieht auf mehreren Ebenen. Mit Kant verteidigt er die Vernunftbestimmtheit des Sittengesetzes, das aber eben darum von der Empirie – dem Reich der Notwendigkeit – nicht tingiert werde. Im Unterschied zu Kant ist mit dem Sittengesetz jedoch ein Gefühl der Lust verbunden, welches das Begehrungsvermögen zu empirischen Handlungen veranlassen können soll, so dass zwar nicht das Sittengesetz als solches, wohl aber das sich auf dieses Gesetz richtende moralische Gefühl zur Empirie vermitteln könne. Entscheidend aber ist, dass für Schleiermacher im Reich der Notwendigkeit selbst ein Ermöglichungsgrund der Freiheit darin liegt, dass die Totalität der Determinationen sich nicht zu einer blinden Notwendigkeit zusammenschließt, sondern auch reale Möglichkeiten determiniert, die Freiheit im Sinne von Handlungsalternativen und damit Abwesenheit von Zwang begründen.

❸ Schleiermacher selbst, so scheint es, gehörte um 1789 zu den aufgeklärten Verächtern der Religion.11 Im Oktober 1789 schrieb er an seinen Freund Brinckmann: »Meine Parthie […] ist unwiderruflich genommen, und wenn Wizenmann […] und Sokrates selbst zur Vertheidigung des Christenthums aufstehn […] so werden sie mich nicht zurükbringen« (KGA V/1, 156).12 In den zwischen 1789 und 1792/93 entstandenen Jugendschriften Schleiermachers spielt die Religion daher, selbst in der ganzheitlichen Sicht auf das Leben, keine eigenständige Rolle. Vielmehr wird, wie z. B. in der Freiheitsschrift, bereits das Gleichgewicht des Interesses an Religion und »Spekulation« zum Hindernis erklärt, die spekulative Position zu entwickeln (vgl. KGA I/1, 325). Das Christentum gilt Schleiermacher, hierin ist er sich mit seinem Freund Brinckmann einig, als »Volksreligion von reiner Moral« (Von Brinckmann, 26. 6. 1789, KGA V/1, 126); Schleiermacher nennt es »eine Sammlung von Sittenregeln für jedermann brauchbar […] vermischt mit einigen Lehrsäzen, die sich, da sie sich blos auf das Judenthum bezogen, auch nur unter den Juden und ihren Nachkommen erhalten haben würden« (An Brinckmann, 28. 9. 1789, KGA V/1, 153). 1789 hält Schleiermacher dafür, dass die Religion (und er spricht hier nur vom Christentum) eine Morallehre sei, die vorzugsweise durch die philosophische Vernunft begründet werden müsse. Diese Position unterscheidet sich von der späteren, nach der Vernunft und Religion, philosophischer und theologischer Gottesgedanke einander entsprechen, ohne sich wechselseitig zu begründen.

Schleiermacher kritisiert um 1789 aber nicht nur die christliche Dogmatik, wie aus den hierfür einschlägigen »Briefen« An Cecilie (1790) hervorgeht, die Günter Meckenstock zu Recht unter den Titel einer »Krisis des religiösen Bewußtseins« gestellt hat.13 Das Fragment bezieht sich auf den Gedankenaustausch zwischen Brinckmann und Schleiermacher, der in fiktiven Briefen des Ich-Erzählers Schleiermacher an eine junge, empfindsame Frau gespiegelt wird. Nur scheinbar findet die religiöse Krisis – mit der Schleiermacher seine eigene Glaubenskrise verhandelt – eine Lösung im Zusammenstimmen von »Herz und Vernunft« (KGA I/1, 211), indem, in Entsprechung zur Position Kants, die Sittlichkeit die Annahme der Ideen Gottes als des höchsten Wesens und die Annahme der Unsterblichkeit der Seele verlangt. Schleiermacher deutet zum Schluss des Fragments an, dass dies nur ein »Ruhepunkt für eine Weile« sei und man nicht »in dieser schöneren Gegend der Philosophie auf immer wohnen« könne (KGA I/1, 212). Damit zeichnet sich ab, dass er mit Kant die Ideen Gottes und der Unsterblichkeit der Seele als theoretische Gewissheiten kritisiert, über Kant hinausgehend aber auch – jedenfalls zu diesem Zeitpunkt – bereit ist, sie als Postulate der reinen praktischen Vernunft aufzugeben.

In diesem Überschritt über Kant liegt Schleiermachers Radikalisierung der aufklärerischen Religionskritik. Dabei bleibt jedoch weitgehend in der Schwebe, inwieweit Schleiermacher Religion als solche kritisiert oder inwieweit er nur eine Religion kritisiert, die meint, sich dogmatisch und philosophisch absichern zu müssen. Für das Erstere sprich immerhin nicht nur seine (wenn auch temporäre) Absage an das Christentum, sondern auch, dass Religion inhaltlich nur als Sittenlehre vorkommt, die allein aus der Vernunft zu begründen sei. Auf der anderen Seite lassen aber die Briefe An Cecilie erkennen, dass die Seite des Herzens in den »unfruchtbare[n] und trostlose[n] Provinzen« (KGA I/1, 212) der Philosophie, in welche die Vernunft uns treibt, keine Befriedigung findet. Dagegen steht aber wiederum die Einsicht in der Schrift Über den Werth des Lebens, dass erst im Verzicht auf den großen Enthusiasmus Verstand und moralischer Sinn »Spuren von Glükseligkeit« finden können, die nicht illusionär sind und die mit dem Schicksal versöhnen (vgl. KGA I/1, 470 f.).

Schleiermacher, dies macht bereits seine Abhandlung Über das höchste Gut (1789) deutlich, geht mit Kant sogleich über Kant hinaus. Er sieht das Christentum ausdrücklich als eine Philosophie[!] an, welche – nach Unterdrückung der (neu-)platonischen Schwärmerei – »allein die Stelle aller Sittenlehre vertreten« habe (KGA I/1, 118 f.). Im Praktischen liege das Christentum der Kantischen Philosophie nahe, im Theoretischen jedoch seien beide einander »fast gänzlich entgegengesezt«, weil »ein jedes von beiden da anfängt wo das andre aufgehört hat, und da aufhört, wo das andre anfing«: das Christentum beginne mit dem Willen Gottes, um daraus das höchste Gut abzuleiten, während Kant vom Begriff des höchsten Gutes ausgehend das Dasein Gottes postuliere (KGA I/1, 119).

Der Grundfehler bestehe vor allem darin, dass beide, Kant und die christliche Sittenlehre, die »Glükseligkeit als Theil des höchsten Guts« (KGA I/1, 119) ansehen, auch wenn diese bei Kant ins Jenseits verlagert werde, weil wir im irdischen Leben nur Glückswürdigkeit erwerben können, aber keine unmittelbare Relation zwischen Sittlichkeit und Glückseligkeit bestehe. Nach Schleiermacher ändert diese Verschiebung jedoch nichts, da unter den Bedingungen fortdauernder Sinnlichkeit auch der Hiatus zwischen Tugend und Glückseligkeit fortbestehe oder, unter den Bedingungen eines nichtsinnlichen Jenseits, die Glückseligkeit obsolet bleibe (KGA I/1, 102). Dagegen möchte Schleiermacher die Glückseligkeit und mit ihr die Sinnlichkeit aus dem Begriff des höchsten Gutes ausschließen, denn erst durch diese Vermischung von Sittengesetz und Empirie werde es nötig, im ethischen Kontext zum Gottesbegriff Zuflucht zu nehmen. Die Vernunft aber müsse autonom bleiben und »das, was bei der ganzen Sache sie unmittelbar angeht, auch allein und aus ihren eignen Mitteln in Richtigkeit bringen« (KGA I/1, 88). Das höchste Gut sei kein empirisch zu realisierender Zweck; es sei vielmehr »der vollkomne Inbegrif alles deßen was nach gewißen Regeln in einer gewißen Verfahrungsart nemlich der ungemischten rein rationalen zu erlangen möglich ist« (KGA I/1, 90 f.).

Damit wirft Schleiermacher Kant Inkonsequenz vor, nämlich das Verlassen einer rein rationalen, im Bereich der intelligiblen Welt bleibenden Begründung der Sittlichkeit; er mobilisiert gewissermaßen die Kantische Unterscheidung von intelligibler und sinnlicher Welt gegen Kants Festhalten an der Verbindung von Sittlichkeit und Glückserwartung, aus welcher sich das Postulat der Existenz Gottes ableitet.

❹ Tatsächlich geht Schleiermacher gerade in der Frage der reinrationalen Begründung des Sittengesetzes sehr bald einen anderen Weg als Kant. Bereits in der Abhandlung Über die Freiheit (ca. 1790–1792) wendet sich Schleiermacher gegen die Kantische Theorie intellektueller Vermögen und gegen die Trennung von mundus intelligibilis und mundus sensibilis, indem er den Gedanken der lebendigen, unteilbaren Individualität betont: »es ist umsonst den Menschen zu teilen, alles hängt an ihm zusammen, alles ist eins« (KGA I/1, 241). Indem das Individuum Schnittpunkt von theoretischer und praktischer Vernunft, Verstand und Sinnlichkeit, Sittengesetz und Naturgesetz, Freiheit und Notwendigkeit ist, müssen diese Gegensätze in der Philosophie auch überwunden werden. Schleiermacher überwindet damit die Perspektive der Sollensethik und begründet Ethik als eine Theorie der individuellen Realisierung von Sittlichkeit im geschichtlichen Prozess. Dieser Ansatz wird in der zur Publikation verfassten, dann aber doch ungedruckten Abhandlung Über den Wert des Lebens (1792/93) weiter ausgeführt, in der die Französische Revolution und Rousseau ein starkes Echo finden. Der Mensch sei »der freigelassene des Schicksals« (KGA I/1, 429), findet sich aber der Natur entfremdet und von anderen Menschen unterdrückt. Erst in der Gleichheit, die jetzt in das Freiheitsgefühl mit eingetragen wird, könne Freiheit realisiert werden.

Einen weiteren Schritt in der Ausarbeitung seiner philosophischen Positionen geht Schleiermacher, indem er – vermittelt durch Friedrich Heinrich Jacobi – Kant mit Spinoza konfrontiert und ergänzt. In den 1793/94 entstandenen Manuskripten Spinozismus und Kurze Darstellung des Spinozistischen Systems schließt er – unabhängig von entsprechenden Versuchen in den Jenaer frühidealistischen und frühromantischen Diskursen – die kritische Philosophie mit Spinozas Metaphysik zusammen. In dem Manuskript Kurze Darstellung des Spinozistischen Systems heißt es hierzu, der Kantianismus scheine, »wenn er sich selbst versteht, auf Spinozas Seite zu seyn« (KGA I/1, 570). Begründet wird dies damit, dass das Verhältnis des Unendlichen zum Endlichen bei Spinoza insoweit mit dem Verhältnis von Noumenon und Phänomenon bei Kant zusammenstimme, als beide in dem Bedürfnis übereinkommen, »den Dingen unsrer Wahrnehmung ein anderes Daseyn unterzulegen welches außer unserer Wahrnehmung liegt« (KGA I/1, 573). Spinozas Fehler, auf dem »die einzige Differenz zwischen ihm und Kant« (KGA I/1, 575) beruhe, bestehe darin, »eine positive Einheit und Unendlichkeit zu behaupten« (KGA I/1, 574), obwohl die uns einsehbaren Attribute Gottes oder des Unendlichen auch bei ihm letztlich nur unserem eigentümlichen Vorstellungsvermögen entsprächen. Diese Konfrontation läuft auf eine wechselseitige Korrektur beider Positionen aneinander hinaus: Spinoza macht dem kritischen Idealismus Kants die unabdingbare Voraussetzung eines bewusstseinstranszendenten Seins und damit einer objektiven Philosophie deutlich; Kant hingegen macht dem Spinozismus deutlich, dass dieses Sein für uns nur im Rahmen begrenzter subjektiver Erkenntnisvermögen und nicht an und für sich thematisierbar ist. Im Ergebnis wird der transzendentale Gedanke einer vernunftkritisch gebrochenen Substanzmetaphysik eingeordnet. Schleiermacher versteht seither den Erkenntnisprozess ontologisch als ein Entsprechungsverhältnis von Denken und Sein, hält aber zugleich an der wissensmäßigen Unerkennbarkeit des Unbedingten oder Absoluten fest.

Einen bedeutenden Raum nimmt das Problem der Individuation ein; gegen Jacobis Behauptung, Spinoza könne Individuation nicht wirklich denken, da nach ihm nur die einzige Substanz Bestand habe, versucht Schleiermacher den Nachweis, dass in Spinozas Philosophie ein »Princip der Trennung der Objecte« (KGA I/1, 553) vorhanden sei und »ein jedes einzelnes Ding seine eigene verschiedene Lebenskraft habe« (KGA I/1, 554). Hiermit ist der Spinozismus für Schleiermacher erst anschlussfähig für die ethischen Überlegungen, die im Zentrum seines philosophischen Interesses stehen und in denen es um die empirischen, endlichen Subjekte und ihre Freiheit geht.

Mit der Kombination von Kant und Spinoza ebenso wie mit seinem besonderen Interesse an der Individualität im Rahmen einer geschichtlichen Vermittlung von Natur und Freiheit und seinem Enthusiasmus für die Französische Revolution gerät Schleiermacher in eine Entsprechung zur frühromantischen Philosophie, wie sie sich nahezu zeitgleich bei Friedrich Schlegel und Friedrich von Hardenberg (Novalis) herausbildet. Die Begegnung mit Friedrich Schlegel in Berlin 1796 erfolgte daher auf Augenhöhe und ihr ›Symphilosophieren‹ war gegenseitiger Austausch und nicht einseitige Abhängigkeit.

❺ Mit der Formierung seiner philosophischen Grundpositionen in der Auseinandersetzung mit Kant und Spinoza scheint die Kantische Philosophie für Schleiermacher nur noch ein negativer Abstoßungspunkt zu sein. In einem Brief an Henriette Herz vom 10. August 1802 schreibt Schleiermacher: »Wie wenig habe ich den Platon, als ich ihn zuerst auf Universitäten las, im ganzen verstanden […], und wie habe ich über Kant, den ich damals auch etwa mit ebensoviel Glück und Kraft studirte, ganz dasselbe Gefühl gehabt von seiner Halbheit, seinen Verwirrungen, seinem Nichtverstehen Anderer und seiner selbst, wie jetzt bei der reifsten Einsicht« (KGA V/6, 70). Ausdruck dieser Position ist bereits Schleiermachers Rezension der Kantischen Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798), die 1799 anonym im Athenaeum der Brüder Schlegel erschien. Sie kommt zu dem Ergebnis, Kants Werk sei »vortreflich […], nicht als Anthropologie, sondern als Negation aller Anthropologie, als Behauptung und Beweis zugleich, daß so etwas nach der von Kant aufgestellten Idee durch ihn und bei seiner Denkungsart gar nicht möglich ist« (KGA I/2, 366). Woran Schleiermacher sich vor allem stößt, ist die Unterscheidung von physiologischer und pragmatischer Anthropologie, wie Kant sie in seiner Vorrede in Übereinstimmung mit der überkommenen von »anthropologia physica« und »anthropologia moralis« vorgenommen hatte.14 Schleiermacher sieht darin einen Gegensatz aufgestellt, der ganz »in Kants Denkart« gründe (ebd.). Die physiologische Frage, »was die Natur aus dem Menschen macht«, und die pragmatische, was er, als freihandelndes Wesen, aus sich selber macht«,15 lösen sich für Schleiermacher von vornherein in eine auf: »alle Willkühr im Menschen ist Natur, […] alle Natur im Menschen ist Willkühr; aber Anthropologie soll eben die Vereinigung beider seyn, und kann nicht anders als durch sie existiren; physiologische und pragmatische ist Eins und dasselbe, nur in verschiedener Richtung« (ebd.).

Die Kritik an Kant (und zugleich an Fichte) in Bezug auf die Fragen der Ethik findet ihren Höhepunkt und Abschluss in den 1803 publizierten Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre (KGA I/4, 27–357). Hier versucht Schleiermacher durchgängig zu zeigen, dass sich auf der Grundlage der Kantischen Philosophie eine Ethik systematisch nicht begründen lässt;16 die zum Teil ätzende Polemik speziell gegen Kant forderte viele Zeitgenossen und auch Freunde Schleiermachers zur Kritik heraus.17

Was Schleiermacher gegenüber Kant anmahnt, ist die Einheit von Natur- und Sittengesetz, physischer und moralischer Welt, theoretischer und praktischer Vernunft, kurz: von Philosophie und Leben. Dieses Programm verbindet ihn mit Jacobi und der Frühromantik und bringt ihn in Gegensatz zu Kant und vor allem zu Fichte.18 In einem Begleitbrief zur Übersendung seiner 1800 erschienenen Schrift Monologen an seinen Studienfreund C. G. von Brinckmann heißt es, er – Schleiermacher – wolle sich im Rahmen des Idealismus »die wirkliche Welt […] warlich nicht nehmen laßen« (4. 1. 1800; KGA V/3, 316). Im ›Leben‹ sind für Schleiermacher der Idealismus der Freiheit und die ›wirkliche Welt‹ des Realismus vereint, und diese »Vereinigung des Idealismus und Realismus ist das, worauf mein ganzes Streben gerichtet ist […] Schlegel, der schon so viel dahin Abzielendes gesagt hat, wird nicht verstanden […] Man kann innerhalb des Idealismus […] nicht stärker entgegengesetzt sein als er [Fichte] und ich. […] Bei dieser großen Verschiedenheit hat es mir immer für die Philosophie leid getan, daß auch vertrautere Schüler von Fichte das Meinige für das Seinige halten konnten […] Indes ist doch der Hauptpunkt unserer Verschiedenheit, daß ich nämlich die von Fichte so oft festgestellte und so dringend postulierte gänzliche Trennung des Lebens vom Philosophieren nicht anerkenne, auch im ersten Monologen schon stark genug angedeutet« (an F. H. C. Schwarz, 28. 3. 1801; KGA V/5, 73–76).

Die »wirkliche Welt« – das ist für Schleiermacher das Leben und nur durch das Leben selbst und nicht durch eine von ihm abgesonderte Transzendentalphilosophie erschließt sich die Welt für uns. In diesem Sinne heißt es in den Notizen zur Hallenser Ethik-Vorlesung 1805/06, es müsse »die Idee des objectiven Wissens selbst als eines irdischen individuell aufgefaßt« werden, »als Identität eines Allgemeinen und eines Besonderen«.19 Und er fügt hinzu: »Hievon weichen gänzlich ab die gewöhnlichen Formeln der Transcendental-Philosophie, die ein allgemeines objectives Wissens abstrahirt von aller Individualität sezen will, aber auf diese Art nur eine gehaltlose und unbestimmte Form erhalten kann«.20

Was, so ist nun abschließend zu fragen, bedeutet dies für die theoretische Philosophie? Wie eigentlich verhält sich der spätere Schleiermacher zur Kritik der reinen Vernunft, die der Herrnhuter Zögling zwar schon studiert hatte, mit der sich aber die frühen Entwürfe nie auseinandersetzen?

In Schleiermachers Schriften und Entwürfen bis etwa 1808 nimmt die praktische Philosophie Kants einen breiten Raum ein; über seine Auseinandersetzung mit der Kritik der reinen Vernunft wissen wir aus dieser Zeit hingegen kaum etwas; im Blick auf die Kritik der Urteilskraft ist nicht einmal bekannt, ob Schleiermacher sie je gelesen hat. Mit den Vorlesungen über die Dialektik kommt dann seit 1811 Kants Kritik der reinen Vernunft stärker in den Blick, obwohl auch dort die explizite Auseinandersetzung mit Kant auf den ersten Blick nicht zentral zu sein scheint. Es gibt nur wenige ausdrückliche Bezugnahmen.

Dies darf jedoch nicht darüber täuschen, dass Schleiermachers Projekt in seiner Struktur auf Kants Programm einer transzendentalen Logik in der Kritik der reinen Vernunft zurückgeht, die ja in der Analytik die vormalige metaphysica generalis (Ontologie) thematisiert, in der Dialektik die vormalige metaphysica specialis (rationale Psychologie, Kosmologie und rationale Theologie). Entsprechend versteht Schleiermacher seine Dialektik auch als Einheit von Logik und Metaphysik. So heißt es in Schleiermachers Entwurf zur Dialektik-Vorlesung 1814/15: »Logik, formale Philosophie, ohne Metaphysik, transcendentale Philosophie ist keine Wissenschaft und Metaphysik ohne Logik kann keine Gestalt gewinnen als eine willkührliche und fantastische.« (KGA II/10, 1, 77, § 16) Auch der Aufbau des ersten, transzendentalen Teils der Dialektik lehnt sich offenkundig an Kant an: parallel zur Kantischen Analytik wird zunächst in der Theorie des Begriffs und des Urteils, welche sich auf das wissbare Sein bezieht, die Ontologie thematisiert, sodann kommen mit der Präsenz des transzendentalen Grundes im (unmittelbaren) Selbstbewusstsein und mit den Ideen der Welt und Gottes die traditionellen Vernunftgegenstände ins Spiel. Hierbei erfolgt eine tiefgreifende Revision, sofern Schleiermacher der rationalen Psychologie – der Theorie des Selbstbewusstseins – als Innewerden des transzendentalen Grundes einen systematischen Primat zuspricht. Sie subsumiert auch die Ontologie, »weil uns nur in der Grundbedingung unseres Seins diese Construction des endlichen Seins überhaupt gegeben ist.« (KGA II/10, 1, 152 f., § 228) Gegenstand der rationalen Psychologie ist »die Entwiklung der Idee des Wissens und der Idee des Handelns wie beide auf die Idee Gottes und der Welt als constitutive Principien des menschlichen Daseins hinführen.« (KGA II/10, 1, 77, § 16) Auch Kosmologie und Theologie werden somit der rationalen Psychologie zugeordnet.

Schleiermacher kritisiert jedoch, dass den Denkbestimmungen bei Kant nur subjektive Bedeutung für unsere Erkenntnisart der »Dinge« zukommt, sie selbst aber keine objektive Bedeutung haben sollen. »Kants Polemik gegen die ehemalige Metaphysik«, so sagt er, sei »durch Mißverständnisse« verunreinigt (KGA II/10, 1, 153). Die »Idee der Gottheit« als der transzendentale Grund alles Wissens und Handelns könne nicht nur regulativ sein, d. h. »Princip des formalen« – also unserer Form der Konstitution von Objektivität im Erkennen –, sondern sie müsse zugleich konstitutiv sein, nämlich unser Sein konstituierend. Dahinter steht die Auffassung, es komme beim Wissen, welches auf Wahrheit des Erkennens zielt, nicht auf einen Inhalt überhaupt, sondern auf die Übereinstimmung des Denkens mit dem Gedachten an, und diese Übereinstimmung habe der transzendentale Grund zu sichern. Auch Schleiermacher wendet sich demnach gegen die bloße Subjektivität der Denkbestimmungen und spricht ihnen selbst objektive Bedeutung zu. Wenn er gleichwohl auf die Konstitution unseres Seins (und nicht des Seins überhaupt) abhebt, dann deshalb, weil unser Sein, wie es uns im reflektierten Selbstbewusstsein gegeben ist, der ausgezeichnete Ort der Wissens- und Handlungsvollzüge ist, in denen wir nach Schleiermachers Auffassung schon immer die Zusammengehörigkeit von Denken und Sein (und damit die Objektivität der Denkbestimmungen) voraussetzen.21

Den Mangel der vormaligen Metaphysik sieht Schleiermacher darin, dass sie sich nicht unter der Form der Logik verstanden und begründet habe. In den Notizen zur Dialektik-Vorlesung 1818/19 heißt es: »Identität von Logik und Metaphysik unter der Form der Logik« (KGA II/10, 1, 211). Dies bedeutet, dass wir es in der Dialektik zunächst mit Denkbestimmungen zu tun haben. Die Dialektik ist »das System der Anweisungen, nach welchen das Denken erzeugt wird«; d. h. aber, sie fragt zugleich danach, »wie wir überhaupt zu einem Wissen auf dem realen Gebiet in uns kommen« (KGA II/10, 1, 125). Hierbei kommt es im Blick auf die logische Form auf das »in uns« an. Entsprechend sind die transzendentallogischen Formen in ihrer metaphysischen Bedeutung nichts anderes als die Denkformen, unter denen wir ein Wissen vollziehen. Damit diese Denkformen aber ein Wissen sind, müssen sie zugleich auch objektive Bedeutung haben, d. h.: sie müssen einem Sein entsprechen. In dieser Hinsicht ist die Logik dann zugleich Metaphysik, d. h. die metaphysische Bedeutung der logischen Formen hängt an dem Begriff des Wissens. Hierzu heißt es in der Dialektik-Vorlesung 1818/19: »die Einsicht von der Bewährung des Zusammenhanges zwischen dem Denken und Sein überhaupt ist die sogenannte Metaphysik.« (KGA II/10, 1, 110)

Da Wissen Beziehung des Denkens auf das Sein ist, bilden Denken und Sein bzw. Ideales und Reales für das Wissen einen unhintergehbaren »höchsten Gegensaz«, der als Denkgrenze nach »oben« anzusehen und für Schleiermacher auf ein ungeteiltes Sein zurückzuführen ist, »welches ihn und mit ihm alle zusammengesezten Gegensäze aus sich entwikelt«; dies ist die »Idee des Seins« als Idee einer nichtrelationalen Identität (vgl. KGA II/10, 1, 101). Da alles Denken und Wissen jedoch relational verfasst ist, bedeutet dies notwendig, dass die Idee des Seins nicht gewusst werden kann; das Wissen ist auf den Bereich der Entgegensetzung beschränkt. Als solches steht es unter den Formen des Begriffs und des Urteils.22 Die Grenzen des Begriffs und des Urteils markieren die Grenzen des Wissens. Der Syllogismus dagegen wird von Schleiermacher nicht als eine eigenständige logische Form anerkannt, sondern nur als eine Komplexion von Urteilen im Sinne eines abgeleiteten Wissens, dessen Gehalt allein in den Urteilen liegt (vgl. KGA II/10, 1, 102 und KGA II/10, 2, 167 f.).23 Wie in der Analytik von Kants Kritik der reinen Vernunft wird der Bereich des objektiv gültigen Wissens auf Begriff und Urteil beschränkt; der Schluss jedoch, der in Kants transzendentaler Dialektik der vergeblich auf das Unbedingte ausgreifenden Vernunft zugehört, hat bei Schleiermacher keine eigenständige Bedeutung mehr. An die Stelle des Schlusses und der transzendentalen Dialektik insgesamt muss daher etwas Anderes treten, um die Idee des Seins als den im Wissen in Anspruch genommenen Grund der Einheit von Denken und Sein plausibel zu machen. Dies ist das unmittelbare Selbstbewusstsein, das mit einem »Gefühl« verknüpft und als Analogon des transzendentalen Grundes, der Idee Gottes, verstanden wird.

Während die Kombination von Kant und Spinoza Schleiermacher mit der Philosophie um 1800 überhaupt und besonders mit der Frühromantik in eine Entsprechung bringt, nähert ihn seine spätere Auseinandersetzung mit der Kritik der reinen Vernunft in den Vorlesungen über die Dialektik der Hegelschen Philosophie an: mit gleicher Intensität hat nur Hegel im Rückgang auf Kant das Programm einer Einheit von Logik und Metaphysik unter der Form der Logik vertreten. Kant jedenfalls ist für Schleiermacher nicht irgendein Philosoph, mit dem er sich auch auseinandersetzt, sondern der Philosoph, an dem er sich seit seiner Jugend abarbeitet. Gerade deshalb gehört Schleiermacher auch auf den Boden der nachkantischen Klassischen Deutschen Philosophie und repräsentiert weder ein vorkritisches noch ein »nachidealistisches« Denken.

1 1 Man vergleiche z. B. die Artikel Hermeneutics (Andrew Bowie) und Dialectics (Claudia Wirsing) in The Oxford Handbook of German Philosophy in the Nineteenth Century, ed. Michael N. Forster and Kristin Gjesdal, Oxford 2015, 416–435 und 651–673, wo unbekümmert die neuen kritischen Ausgaben der Hermeneutik und Dialektik ignoriert werden.

2 2 Diese, vor allem von der Familie und den Schülern Schleiermachers gepflegte Auffassung hatte schon der junge Wilhelm Dilthey als Forschungshindernis angesehen; vgl. Der junge Dilthey. Ein Lebensbild in Briefen und Tagebüchern 1852–1870, hg. v. C. Misch, Leipzig und Berlin 1933, 158 f. – Rudolf Odebrecht hat in diesem Sinne eine »Abhängigkeitsschnüffelei« bei Schleiermacher beklagt (ders., Einleitung des Herausgebers, in: Friedrich Schleiermacher, Dialektik, hg. v. R. Odebrecht, Leipzig 1942, XII).

3 3 Vgl. Walter Jaeschke und Andreas Arndt, Die Klassische Deutsche Philosophie nach Kant. Systeme der reinen Vernunft und ihre Kritik 1785–1845, München 2012, 254–305.

4 4 Die Entwicklung des jungen Schleiermacher auf Basis der erstmals im Rahmen der KGA vollständig edierten Manuskripte behandeln Günter Meckenstock, Deterministische Ethik und kritische Theologie. Die Auseinandersetzung des frühen Schleiermacher mit Kant und Spinoza 1789–1794, Berlin und New York 1988; Peter Grove, Deutungen des Subjekts. Schleiermachers Philosophie der Religion, Berlin und New York 2004.

5 5 Vgl. Kurt Nowak, Die Französische Revolution in Leben und Werk des jungen Schleiermacher. Forschungsgeschichtliche Probleme und Perspektiven, in: Internationaler Schleiermacher-Kongreß Berlin 1984, hg. v. Kurt-Victor Selge, Berlin und New York 1985, 103–125; Miriam Rose, Schleiermachers Staatslehre, Tübingen 2012, 30–106; Andreas Arndt, Die Reformation der Revolution. Friedrich Schleiermacher in seiner Zeit, Berlin 2019.

6 6 Vgl. KpV 16, AA 5, 9.

7 7 Zu Reinhold vgl. Grove, Deutungen des Subjekts, 59–72.

8 8 Vgl. KpV 126–142, AA 5, 71–80; auch Johann August Eberhard, Sittenlehre der Vernunft, Berlin 1781, 46–53.

9 9 KpV 173, AA 5, 97.

10 10 Vgl. KrV B 131 f., AA 3, 108; auf diese Parallele zu Kant hat Meckenstock, Deterministische Ethik, 91 f., erstmals hingewiesen.

11 11 Die folgenden Ausführungen stellen im Wesentlichen eine Zusammenfassung meines unten abgedruckten Aufsatzes Schleiermacher und die Religionskritik der Aufklärung dar.

12 12 Schleiermacher bezieht sich auf Thomas Witzenmann, Die Geschichte Jesu nach dem Matthäus als Selbstbeweis ihrer Zuverläßigkeit betrachtet, Leipzig 1789; Johann Konrad Pfenninger (Anonym), Sokratische Unterhaltungen über das Aelteste und Neueste aus der christlichen Welt, 3 Teile, Leipzig 1786–1792.

13 13 Meckenstock, Deterministische Ethik, 132–147; vgl. auch Bernd Oberdorfer, Geselligkeit und Realisierung von Sittlichkeit, 167–180.

14 14 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, AA 7, 119. – Vgl. Johann Georg Walch, Anthropologie, in: Philosophisches Lexicon, Leipzig 41775, 173 f.

15 15 Friedrich Schleiermacher, Pädagogische Schriften, Bd. 1, Frankfurt/M. u. a. 1983, 41.

16 16 Vgl. Eilert Herms, Herkunft, Entfaltung und erste Gestalt des Systems der Wissenschaften bei Schleiermacher, Gütersloh 1974; Herms zeigt, wie die philosophischen Entwicklungslinien Schleiermachers – auch in Bezug auf die Auseinandersetzung mit Kant – in den Grundlinien zusammenlaufen.

17 17 Vgl. Andreas Arndt, Kommentar, in: Friedrich Schleiermacher, Schriften, hg. v. Andreas Arndt, Frankfurt/M. 1996, 1170 f.

18 18 »Fichte […] habe ich freilich kennen gelernt – er hat mich aber nicht sehr afficirt. Philosophie und Leben sind bei ihm – wie er es auch als Theorie aufstellt – ganz getrennt« (an C. G. von Brinckmann, Ende 1799; KGA V/3, 313 f.).

19 19 Friedrich Schleiermacher, Entwürfe zu einem System der Sittenlehre, hg. von Otto Braun, in: ders., Werke. Auswahl in vier Bänden, Bd. 2, Leipzig 21927, 175.

20 20 Ebd.

21 21 Im reflektierten Selbstbewusstsein ist uns dreierlei gegeben: (1) »daß wir beides Denken sind und Gedachtes und unser Leben haben im Zusammenstimmen beider«, (2) dass »das Wissen selbst [...] uns [...] nur im Sein gegeben« sei, »aber als ein von ihm verschiedenes«, und (3), dass »ein gegenseitiges Werden« von Denken und Sein »durch einander in der Reflexion und im Willen gegeben« sei und niemand glauben könne, »daß beide beziehungslos neben einander hingehen«. (KGA II/10, 1, 93)

22 22 Der Schluss gilt Schleiermacher, anders als in der traditionellen formalen Logik, nicht als eine eigenständige Form, sondern nur als Kombination von Urteilen; hierzu vgl. Friedrich Ueberweg, System der Logik und Geschichte der logischen Lehren, Bonn 41882, 61–63.

23 23 Überwegs Behauptung, Schleiermacher spreche dem Syllogismus im technischen Teil durchaus Bedeutung zu, trifft nicht zu (Ueberweg, System der Logik, 63; dagegen. KGA II/10, 1, 194).

Schleiermacher und Fichte

»Ich halte mich mehr an die angenehmen als an die gelehrten Gesellschaften. Die Philosophie liegt freylich hier im Argen. Doch habe ich einen Prediger Schleyermacher gefunden, der Fichtes Schriften studirt und das Journal mit einem andern Interesse als dem der Neugier und Persönlichkeit liest.« (KFSA 24, 12) Was Friedrich Schlegel am 26. August 1797, knapp einen Monat nach seiner Ankunft in Berlin, an Friedrich Immanuel Niethammer berichtet, markiert den Beginn eines einzigartigen »Symphilosophierens« und damit den Beginn der philosophischen Berliner Frühromantik. Bereits am 21. Dezember zieht Schlegel in Schleiermachers provisorische Predigerwohnung vor dem Oranienburger Tor, die dieser für die Zeit des Umbaus der Charité zugewiesen bekommen hatte. Das Zusammenleben, das von den Freunden scherzhaft als »Ehe« bezeichnet wird, in der Schleiermacher die Rolle der Frau einnehme,1 dauert bis zu Schlegels Wegzug nach Jena im September 1799. Für Schlegel war Schleiermacher, wie er bereits 1797 an den Bruder August Wilhelm schrieb, derjenige, mit dem er seine »Ideen von Symphilosophie« realisieren konnte (28. 11. 1797; KFSA 24, 31). Umgekehrt hatte auch Schleiermacher in dem Freund einen Geistesverwandten gefunden, dem er seine »philosophischen Ideen so recht mittheilen konnte und der in die tiefsten Abstraktionen mit mir hineinging […]. Kurz für mein Daseyn in der philosophischen und litterarischen Welt geht seit meiner nähern Bekanntschaft mit ihm gleichsam eine neue Periode an« (an Ch. Schleiermacher, 22. 10. 1797, KGA V/2, 177).

Am Beginn dieser neuen Periode stand offenbar das gemeinsame Interesse an Fichtes Philosophie, und so traf sich Schlegel schon im September 1797 mit Schleiermacher, um – wie er schreibt – »mit ihm zu Fichtisiren« (an C. G. von Brinckmann, KGA V/2, 23). Dies scheint die in der Forschung seit langem verbreitete und bis heute weithin akzeptierte These zu stützen, Fichtes Philosophie habe auf die Formierung der frühromantischen und besonders der Friedrich Schlegelschen Philosophie einen entscheidenden Einfluss ausgeübt.2 Demnach habe Schlegel sich während seines ersten Jenaer Aufenthaltes (ab Sommer 1796) zunehmend an Fichte orientiert und die dabei gewonnene Konzeption dann unter dem Einfluss Schleiermachers durch dessen Moralkritik und die Einbeziehung der Religionsthematik modifiziert. Für Schleiermacher dagegen ist das für Friedrich Schlegel postulierte Fichte-Erlebnis nicht nachweisbar; sein Denkweg vor der Begegnung mit Schlegel stellte sich, wie bereits Wilhelm Dilthey treffend schrieb, »als eine Combination von Kant und Spinoza« dar (Dilthey 1870, 298). Auch in der Zeit des Symphilosophierens mit Schlegel finden sich bei Schleiermacher, bei allem Respekt gegenüber Fichte, eher distanzierende Bemerkungen zu dessen Philosophie; ein Fichte-Erlebnis lässt sich hier nicht ausmachen. In den symphilosophischen Projekten der Berliner Frühromantik spielt Fichte keine besondere Rolle; sie beziehen sich auf einen »Anti-Leibniz« (zu dem es immerhin Vorarbeiten gibt, KGA I/1, 75–103), auf die Herausgabe eines »Philosophischen Journals«, das die Freunde mit eigenen Beiträgen bestreiten wollten, und natürlich auf die gemeinsame Übersetzung des Platon.

Was also, so ist zu fragen, hat es angesichts dessen mit dem »Fichtisieren« auf sich? Schleiermachers Denkweg nimmt seinen Ausgang bei Kant, allerdings in einem aristotelisch orientierten ethischen Kontext; im Mittelpunkt steht der Freiheitsbegriff in der Kritik der praktischen Vernunft. Mit dem Studium Spinozas anhand der zweiten Auflage der Jacobischen Spinoza-Schrift in den Jahren 1793/94 wird dann aber die kritische Philosophie Kants insgesamt mit Spinoza rekombiniert. Im Ergebnis wird der transzendentale Gedanke einer vernunftkritisch gebrochenen Substanzmetaphysik eingeordnet.3 In dieser Hinsicht optiert Schleiermacher wie Friedrich Schlegel für eine objektive Philosophie. Durch die Orientierung auf den Kantischen Freiheitsbegriff verfügt Schleiermacher dabei auch schon vor der Begegnung mit Fichte über ein Konzept von Subjektivität und Individualität. Dieses Konzept auf dem Boden eines objektiv gerichteten Philosophierens zu entfalten, dürfte eines der Themen beim gemeinsamen »Fichtisieren« von Schleiermacher und Schlegel gewesen sein.4

Gegenüber Fichte wahrt Schleiermacher dabei durchgängig eine kritische Distanz. An ihm vermisst er vor allem die Einheit von Philosophie und Leben, an der ihm – mit Friedrich Heinrich Jacobi – besonders gelegen war.5 Die angestrebte Vereinigung von Philosophie und Leben bedeutet für Schleiermacher die Vereinigung von Idealismus und Realismus, aber nicht im Sinne Fichtes als Einholen der »natürlichen«, realistischen Einstellung durch den vollendeten kritischen Idealismus,6 sondern im Sinne eines aus Spinoza abgeleiteten Objektivismus. Fichte wird von Schleiermacher im Rahmen seiner vorgängigen Kritik an Kants Freiheitsbegriff als ein konsequenter Idealismus der Freiheit rezipiert, die Begründung dieses Idealismus jedoch für defizitär gehalten. Fichte nähme die Natur und das alltäglich gelebte moralische Leben nicht in ihrer eigenen, positiven Bedeutung ernst, sondern betrachte sie als ein bloß negatives, vom Ich Gesetztes und zu Überwindendes.

In seiner im Athenaeum erschienenen Rezension der Fichteschen Schrift Die Bestimmung des Menschen (1800) argumentiert Schleiermacher, dass weder der Idealismus noch der Realismus die Selbstbestimmung aus Freiheit darlegen könnten; diese Einsicht könne nur »aus der innern Stimme des Gewissens unmittelbar« hervorgehen (KGA I/3, 242). Wenn, so heißt es, »der theoretische Idealismus für den, der sich außer der Schule befindet, nur dient, um die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, welche die realistische Spekulation seinem Gelangen zum Bewußtsein der Freiheit verursachen könnte: so ist er ihm warlich überall nicht brauchbar, weil ja jene Spekulation nur eine Verkünstelung des Verstandes ist, und außer der Schule ebenfalls nicht vorkommen kann. Sollte aber nicht Fichte seiner theoretischen Philosophie Unrecht thun unter uns Unphilosophen, oder Naturphilosophen, wenn er sie für uns nur auf diesen Gesichtspunkt stellt? Sollte man nicht vom Moralismus aus, sobald man nur über ihn denken will, auch nothwendig auf den Idealismus kommen müßen?« (KGA I/3, 242 f.) Der nicht aus dem lebendigen Moralismus, der Stimme des Gewissens, abgeleitete Idealismus der Freiheit ist für Schleiermacher – wie auch sein Gegenpart, der theoretische Realismus – nur eine Abstraktion oder »Verkünstelung« des Verstandes.

Mit seiner Kritik repliziert Schleiermacher auf einen Angriff Fichtes, denn im ersten Teil seiner Schrift nimmt Fichte in der Charakteristik des Determinismus offenkundig auf Schleiermachers Reden über die Religion (1799) Bezug. Seine Quintessenz lautet: »Ich bin eine durch das Universum bestimmte Aeußerung einer durch sich selbst bestimmten Naturkraft« (FGA I, 6, 207). Was, so fragt Fichte weiter, sei gegen diese Vorstellung überhaupt einzuwenden? »Begebe ich mich auf ihren Grund und Boden, auf den so gerühmten Standpunkt einer Uebersicht des Universum, so muß ich ohne Zweifel mit Erröthen verstummen. Es ist also die Frage, ob ich überhaupt auf diesen Standpunkt mich stellen, oder in dem Umfange des unmittelbaren Selbst-Bewußtseyns mich halten; ob der Erkenntniß die Liebe, oder der Liebe die Erkenntniß untergeordnet werden solle« (FGA I, 6, 214).7

In seinen Monologen (1800), die fast zeitgleich mit Fichtes Bestimmung des Menschen erschienen waren, hatte Schleiermacher ausdrücklich den Standpunkt der »Unphilosophie« als Zugang zur moralischen Weltansicht bezogen, welche mit dem Standpunkt des Idealismus übereinkommen soll. Diese anonym erschienene Schrift, die von einigen Zeitgenossen zunächst als Produkt Fichtes angesehen wurde und in der Forschung vielfach als Beleg für den Fichteschen Einfluss auf Schleiermacher galt, ist in Wahrheit ebenso ein Manifest für den Idealismus der Freiheit wie gegen den Begründungszusammenhang der Fichteschen Philosophie selbst. Am deutlichsten wird dies in Schleiermachers Selbstanzeige: »Dieses Büchlein enthält die Aeußerungen eines Idealisten über die wichtigsten Verhältnisse des Menschen, und macht mit der eigenthümlichen Denkungsart bekannt, welche diese Philosophie, in dem Verfasser wenigstens, begründet hat«; dies ermögliche es, »Gegenstände mit denen Jeder zu thun hat, aus dem Gesichtspunkt des Verfassers zu betrachten, und die Lehre zu welcher er sich bekennt von einer andern als der gewöhnlichen Seite in ihrem Einfluß auf den Charakter und das Leben kennen zu lernen«.8 Man vergleiche damit Fichtes Aussage in der Zweiten Einleitung in die Wissenschaftslehre (1797), wo es explizit heißt: »Der Idealismus kann nie Denkart seyn, sondern er ist nur Speculation.« (FGA I, 3, 210 f.) Schleiermacher hat seine Worte offenbar sehr bewusst gewählt, um seine Distanz zu Fichte deutlich zu machen. Diese besteht darin, dass er, wie es unter dem 4. 1. 1800 in einem Begleitbrief zur Übersendung der Monologen an C. G. von Brinckmann heißt, im Rahmen des Idealismus »die wirkliche Welt« sich »warlich nicht nehmen laßen« wolle (KGA V/3, 316).

Seine Position gegenüber Fichte fasst Schleiermacher am 28. 3. 1801 in einem Brief an F. H. C. Schwarz prägnant zusammen: »Die Vereinigung des Idealismus und Realismus ist das, worauf mein ganzes Streben gerichtet ist […] Schlegel, der schon so viel dahin Abzielendes gesagt hat, wird nicht verstanden […] Man kann innerhalb des Idealismus […] nicht stärker entgegengesetzt sein als er [Fichte] und ich. […] Bei dieser großen Verschiedenheit hat es mir immer für die Philosophie leid getan, daß auch vertrautere Schüler von Fichte das Meinige für das Seinige halten konnten […] Indes ist doch der Hauptpunkt unserer Verschiedenheit, daß ich nämlich die von Fichte so oft festgestellte und so dringend postulierte gänzliche Trennung des Lebens vom Philosophieren nicht anerkenne, auch im ersten Monologen schon stark genug angedeutet« (KGA V/5, 73–76).

Ein durchschlagender Einfluss Fichtes ist bei Schleiermacher nicht zu erkennen. Schleiermacher respektiert Fichte als einen dialektischen Virtuosen,9 der aber – so der immer wiederkehrende Vorwurf – dabei vom »Leben« abstrahiere. Die Idee einer Wissenschaftslehre als oberster »Wissenschaft von den Gründen und dem Zusammenhang aller Wissenschaften« (KGA I/4, 48), wie es in den Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre (1803) heißt, teilt Schleiermacher mit Fichte, meint aber, dass die »Erfindung« des Namens »Wissenschaftslehre« »vielleicht für ein größeres Verdienst zu halten ist, als das unter diesem Namen zuerst aufgestellte System« (ebd.). Der Grund liegt darin, dass Schleiermacher mit Schlegel der Philosophie aus einem obersten Grundsatz eine Absage erteilt. Die oberste Wissenschaft »darf selbst nicht wiederum, wie jene einzelnen Wissenschaften, auf einem obersten Grundsaz beruhen; sondern nur als ein Ganzes, in welchem jedes der Anfang sein kann, und alles einzelne gegenseitig einander bestimmend nur auf dem Ganzen beruht, ist sie zu denken, und so daß sie nur angenommen oder verworfen, nicht aber begründet und bewiesen werden kann« (KGA I/4, 48). Eine solche Alternative zur Fichteschen Wissenschaftslehre entwickelt Schleiermacher dann seit 1811 in bewusster Konkurrenz zu Fichte in seinen Vorlesungen über die Dialektik.10

1 1 Vgl. Schleiermacher an Charlotte Schleiermacher, 31. 12. 1797, KGA V/2,

2 2 Vgl. zuletzt Bärbel Frischmann, Vom transzendentalen zum frühromantischen Idealismus, Paderborn u. a. 2005, 17 ff.

3 3 Vgl. dazu oben Schleiermachers Auseinandersetzung mit Kant.

4 4 Wie bereits Wilhelm Dilthey, Leben Schleiermachers, Berlin 1870, 320, gesehen hat, übernimmt – unter dem Einfluss Schlegels – bei Schleiermacher zunehmend Platon die Stelle Spinozas, während Schlegel den zunächst auf Platon bezogenen Enthusiasmus nun auch mit dem pantheistisch gedeuteten Spinozismus in Verbindung bringt.

5 5 »Fichte […] habe ich freilich kennen gelernt – er hat mich aber nicht sehr afficirt. Philosophie und Leben sind bei ihm – wie er es auch als Theorie aufstellt – ganz getrennt« (an C. G. von Brinckmann, Ende 1799; KGA V/3, 313 f.).

6 6 »Demnach ist der tiefere Sinn der obigen Synthesis folgender: Ideal- und Real-Grund sind im Begriffe der Wirksamkeit (mithin überall, denn nur im Begriffe der Wirksamkeit kommt ein Real-Grund vor) Eins und eben dasselbe. Dieser Saz, der den kritischen Idealismus begründet, und durch ihn Idealismus und Realismus vereinigt, will den Menschen nicht eingehen; und daß er ihnen nicht eingehen will, liegt am Mangel der Abstraktion.« (Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre, FGA I, 2, 326).

7 7 Fichtes Anspielung auf Schleiermachers in den Reden gebrauchtes Bild für die ursprüngliche Einheit von Anschauung und Gefühl – die bräutliche Umarmung des Universums mit dem anschließenden Erröten des Jünglings – scheint mir evident zu sein: »Die geringste Erschütterung, und es verweht die heilige Umarmung, und nun erst steht die Anschauung vor mir als eine abgesonderte Gestalt, ich meße sie, und sie spiegelt sich in der offenen Seele wie das Bild der sich entwindenden Geliebten in dem aufgeschlagenen Auge des Jünglings, und nun erst arbeitet sich das Gefühl aus dem Innern empor, und verbreitet sich wie die Röthe der Schaam und der Lust auf seiner Wange«. (KGA I/2, 221 f.)

8 8 Berlinische Zeitung vom 28. 12. 1799, zitiert in: KGA V/3, XXXVIf.

9 9 Vgl. an C. G. von Brinckmann, 14. 12. 1803, KGA V/7, 158.

10 10 KGA II/10, 1.2; vgl. besonders die Historische Einführung, VIII–X.

Schleiermachers Ironieverzicht

❶ Friedrich Schlegel, so eine nicht unumstrittene These, habe die Abkehr vom frühromantischen Denken durch Ironieverzicht vollzogen.1 Schlegels Weggefährte Friedrich Schleiermacher, selbst einer der Protagonisten der Frühromantik und zugleich derjenige, der die frühromantischen Konzeptionen in eine systematische Form transformiert hat,2 hatte sich dagegen schon immer einer affirmativen Verwendung des Ironiebegriffs enthalten. Bereits Ingrid Strohschneider-Kohrs musste in ihrem umfassenden Werk über die romantische Ironie feststellen, Schleiermacher zeige das Bild »eines fast gänzlichen Mangels von Resonanz auf den Ironie-Begriff Schlegels«:3 »Alle […] Zeugnisse Schleiermachers lassen nichts erkennen von der hohen Begeisterung, mit der in der Romantik das Prinzip der Ironie als Ausdruck eines tiefgreifenden geistigen und künstlerisch wirksamen Geheimnisses neuentdeckt und als besondere Möglichkeit künstlerischer Spontaneität und Besonnenheit proklamiert wird.«4

Seit 1960, als dies gedruckt wurde, hat sich an diesem Befund auch durch die inzwischen zahlreich erschienen Bände der Kritischen Schleiermacher-Gesamtausgabe nichts geändert. Im Gegenteil, wir wissen jetzt, dass Schleiermacher spätestens in seiner Hallenser Vorlesung zur Philosophischen Ethik 1805/06 ausgesprochen kritisch zum Ironiekonzept der Frühromantik Stellung nahm. Eine solche ausdrückliche Bezugnahme war bisher nicht bekannt; sie findet sich in einer Nachschrift der Vorlesung durch den aus Bremen stammenden Medizinstudenten Adolf (bzw. Adolph) Wilhelm Müller (1784–1811). In den anderen zu diesem Kolleg überlieferten studentischen Nachschriften findet sich diese Formulierung nicht:

»Jedes Handeln was ein Aneignen muß zugleich wieder in die Gemeinschaft übergehen, also kein Handeln was auch Bildung, was nicht zugleich als Stiften der Liebe und persönlichen Verbindung. Die Individualität als sittlich gebildet darf sich am wenigsten isoliren. Wer noch nicht ethisch individualisirt ist nicht fähig für die größere Sphäre da ihr Gehalt leer, sobald nicht diese Bildung voraus. Daher die jetzige Denkungsart: die übrige Welt sei zu schlecht für einen individuell gebildeten und nur für die Persiflage gut und nur durch Ironie sei die Gemeinschaft der Gebildeten möglich. In dem Maaß einer individuell gebildet, ist er der Bildende und überlegen für die Gemeinschaft. Je lebendiger er sich seiner Individualität bewußt, desto mehr der Trieb sich zu offenbaren. Dies Handeln in der Zeit angesehen zerlegt sich in bestimmte Momente, als Besitzergreifen, und Bilden des in Besitz genommenen. Es gibt nicht Besitzergreifen ohne Bilden in die Individualität und umgekehrt: kein Bilden für die Individualität was nicht wieder ein Anbilden. Dies bestimmt das Maaß der Sittlichkeit für den einzelnen und die Masse die zu bilden, oft Fehlen dieser sittlichen Maxime: Anhäufung von Eigenthümlichem zum Bilden, dessen Masse aber zu groß, wodurch dies für das Bilden der andern verloren geht; von idealer Seite aber das Überladen von Planen in die Ferne die alles Bilden verderben. Oft Anweisung der Mäßigung, was bedeutet ein richtiges Verhältniß des realen wie idealen Eigenthümlichen zur bildenden Kraft; wenn diese hinter der bildbaren Masse zurückbleibt Trägheit.«5

Deutlicher lässt sich kaum sagen, dass Schleiermacher das frühromantische Ironiekonzept für verfehlt hält, und es ist offenkundig, dass er hier auf seinen ehemaligen Freund und Weggefährten Friedrich Schlegel anspielt, dem er sich zu dieser Zeit schon entfremdet, mit dem er aber noch nicht gebrochen hatte.

Weshalb aber hat Schleiermacher von Anfang an das Ironiekonzept des Freundes nicht übernommen, sondern weitgehend ignoriert? Strohschneider-Kohrs legt nahe, dies habe daran gelegen, dass für Schleiermacher »Fragen der ästhetischen Formung und das Problem des künstlerischen Schaffens« in der Zeit der engen Gemeinschaft mit Friedrich Schlegel keine große Relevanz hatten.6 Das gilt jedoch nur sehr eingeschränkt, denn Schleiermacher diskutierte, wie aus dem Briefwechsel hervorgeht, mit dem Freund eingehend auch Fragen des literarischen Stils seiner eigenen Schriften – wie der Reden über die Religion (1799) und der Monologen (1800) – und unternahm darüber hinaus Versuche auf dem Feld der Poesie.7 Eine Erklärung für Schleiermachers Ironieverzicht, so meine These, hat vor allem an der philosophischen Bedeutung der Ironie-Figur anzusetzen, denn hier gibt es – trotz aller sonstigen, sehr weitgehenden Übereinstimmungen – von Anfang an eine fundamentale Differenz zwischen Schleiermacher und Friedrich Schlegel. Kurz gesagt: Für Schlegel ist die Ironie eine Reflexionsfigur der Beziehung auf das Absolute, während Schleiermacher die Beziehung auf das Absolute im Modus der Unmittelbarkeit denkt.

❷ Die philosophische Figur der Ironie bezieht sich auf eine Problematik der Kantischen Philosophie, die vor allem durch Friedrich Heinrich Jacobi als deren Begründungsdefizit ausgesprochen worden war. Es geht im Kern um die in der transzendentalen Dialektik der Kritik der reinen Vernunft dargelegte Unmöglichkeit, das Unbedingte denkend zu bestimmen und damit dem Verstandesdenken Grundlage und Halt zu verschaffen. Wir könnten, so heißt es in Jacobis Spinoza-Buch, nur »Ähnlichkeiten (Übereinstimmungen, bedingt nothwendige Wahrheiten) demonstrieren, fortschreitend in identischen Sätzen. Jeder Erweis setzt etwas schon Erwiesenes zum voraus«; und Jacobi fügt dem im Blick auf seine eigene Position hinzu: das »Principium« des Erwiesenen sei »Offenbarung«.8 Organ zum Empfangen dieser Offenbarung ist nach Jacobi schließlich das Gefühl, welches »das Wissen im Glauben begründet«.9 Dessen Unmittelbarkeit gelte, so Jacobi, »in Absicht auf uns, weil wir das eigentliche Mittelbare davon nicht erkennen«.10

Friedrich Schlegel ist aus dem Letztbegründungsprogramm Jacobi-Reinhold-Fichtescher Prägung ausgestiegen. Die Berührung des Unendlichen und des Endlichen, an dem die Ironie ihren Ort hat, steht daher innerhalb eines anderen Begründungsversuchs von Philosophie. In seiner Rezension von F. H. Jacobis Roman Woldemar (1796) spricht Schlegel von einem Wechselerweis. Es sei, so heißt es dort, ein »von außen unbedingter, gegenseitig aber bedingter und sich bedingender Wechselerweis der Grund der Philosophie« (KFSA 2, 74).11 Das bedeutet zunächst und vor allem, dass die Wechselwirkung des Bedingten in sich den Grund der Philosophie bildet und nicht ein Unbedingtes, das von dem Bedingten unterschieden wäre; das Unbedingte ist vielmehr die Totalität der Wechselerweise und damit des Bedingten selbst. An die Stelle der Deduktion aus dem Unbedingten (bei Fichte: den Grundsätzen der Wissenschaftslehre) tritt dann ein rückläufiges Begründen des Unbedingten aus dem Bedingten. Diese Struktur beschreibt Schlegel in seinem Republikanismus-Aufsatz (1796) im Zusammenhang mit der Frage, dass »jede Negationen eine Position, jede Bedingung etwas Bedingtes voraussetzt«, wie folgt: »Alle Negationen sind Schranken einer Position, und die Deduktion ihrer [der Negationen] Gültigkeit ist der Beweis, daß die höhere Position, von welcher die durch sie limitierte Position abgeleitet ist, ohne diese Bedingung sich selbst aufheben würde.« (KFSA 7, 11 f.) Das Bedingte beglaubigt das Bedingende und beide bedingen sich wechselseitig in einer Struktur, die Schlegel ausdrücklich als »Zirkel« beschreibt (KFSA 7, 12). Schlegel ist sich des Gegensatzes zu Fichte in dieser Frage voll bewusst: »Die Cyklisazion ist wie eine Totalisazion von unten herauf. Bey Fichte doch ein Herabsteigen.« (KFSA 16, 68)12

Das Theorem des Wechselerweises verweist auf zwei Philosophien, deren vielfältige Kombination – nicht zuletzt durch Jacobis polemische Intervention, Transzendentalphilosophie sei umgestülpter Spinozismus – das Denken der nachkantischen Philosophie nachhaltig bestimmt hat: Spinoza und Kant. Dass Bestimmtheit Negation sei, diesen Satz hatte Schlegel wohl aus Jacobis Spinoza-Buch als Grundthese Spinozas kennen gelernt. Er verbindet sich offenbar mit dem der All-Einheit als Totalität des Bedingten, das als das Bedingende nur durch das Bedingte affirmierbar ist. Der Wechselerweis besteht dann näher darin, dass sich (a) das Bedingte wechselseitig stützt, d. h. eine systematisch gerichtete Totalität darstellt (und nicht eine bloße Kette von Folgerungen aus einem Bedingten), und (b) darin, dass die Totalität als das Bedingende zum Bedingten durch letzteres affirmiert wird und zugleich das Bedingte stützt. Der letztere Punkt bezeichnet, wie wir noch sehen werden, den Einsatzpunkt der Ironie.

Der zweite Referenzpunkt für das Theorem des Wechselerweises ist, wie bereits erwähnt, Kant. Schlegel zielt hier auf die in der transzendentalen Dialektik vorgetragene Auffassung, die Totalität der Bedingungen selbst sei das Unbedingte. Der transzendentale Vernunftbegriff sei, so Kant, »der von der Totalität der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten«, welche Totalität nur durch ein Unbedingtes möglich sei: »Da nun das Unbedingte allein die Totalität der Bedingungen möglich macht, und umgekehrt die Totalität der Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist: so kann ein reiner Vernunftbegriff überhaupt durch den Begriff des Unbedingten, sofern er einen Grund der Synthesis des Bedingten enthält, erklärt werden.«13 Das Unbedingte ist jedoch für Kant durch die Vernunft begrifflich nicht zu bestimmen, sondern die Vernunft verstrickt sich bei dem Versuch einer solchen Bestimmung unvermeidlich in dialektische Oppositionen, welche die Form des Widerspruchs haben.14 Damit ist der Einsatzpunkt der Ironie weitergehend bestimmt: in den Totalisierungen des begreifenden Denkens – der Suche nach der Totalität der Bedingungen – kommt das Bedingte mit dem Unbedingten so in Berührung, dass das begreifende Denken unvermeidlich die Form einer absoluten Widersprüchlichkeit annimmt. Ironie, so lässt sich vorgreifend sagen, ist die Form, worin diese Widersprüchlichkeit bewältigt werden soll. Ihr Einsatzpunkt ist also die Totalität unter der Form absoluter Gegensätzlichkeit als Aporie des begrifflichen Denkens.

Zu betonen ist dabei jedoch, dass Schlegel das Begründungsverfahren der Philosophie nicht von einem vorausgesetzten und der Reflexion entzogenen Absoluten respektive Unbedingten abhängig macht. Dies wird auch daran deutlich, dass er die Setzung eines Absoluten, das nicht mit der Welt des Bedingten (und damit auch der bedingten Bedingungen) vermittelt ist, als einseitige und falsche »Abart« der Philosophie ansieht, als »Mystizismus« (KFSA 18, 6, Nr. 22.23).15 Die vom mystischen Denken intendierte Einheit – als Hauptexponenten des Mystizismus gelten ihm Jacobi und Fichte – bleibt für sich genommen eine leere Abstraktion. Eine gegenläufige Tendenz zur Allheit des Wissens verfolgt der Empirismus, dem jedoch die Richtung auf die absolute Einheit fehlt, d. h., der die Totalität des Empirischen verfehlt. Die dritte Abart der Philosophie schließlich ist der Skeptizismus, der nach Schlegel »eine unendliche Menge, eine Allheit von Widersprüchen« setzt und damit eine negative Totalität konstituiert (KFSA 18, 4, Nr. 9). Diese »drei Abarten vernichten sich nicht nur gegenseitig sondern auch jede selbst« (ebd., Nr. 6). Festzuhalten ist jedoch, dass für Schlegel ein für sich gestelltes Absolutes nicht die Alternative darstellt, sondern ein, wie sich in Anlehnung an Hegel sagen ließe, sich vollbringender Skeptizismus, denn die Form der Totalität ist ja die der Widersprüchlichkeit als »absolute Synthesis absoluter Antithesen«.

In diesem Zusammenhang ist, ohne dass ich hier näher darauf eingehen will, daran zu erinnern, dass Schlegel im Rückgang auf Platon und Kant bereits 1796 eine eigene Konzeption von Dialektik begründet und als erster in der nachkantischen Philosophie die Dialektik als Organon des Findens und Mitteilens der Wahrheit versteht.16 Der dialektische Prozess überwindet die Einseitigkeiten der genannten drei Abarten der Philosophie und verbindet fortschreitend Spekulation (Mystizismus) und Empirie in einem polemischskeptischen Verfahren der Vernichtung des Irrtums, wie es dann in der Jenaer Vorlesung zur Transcendentalphilosophie (1800/01) näher ausgeführt wird. Der dialektische Prozess als totalisierendes Verfahren findet seine Grenze dort, wo Totalität nicht abschließend bestimmt werden kann. Das Setzen des Absoluten17 führt, analog zu den dialektischen Oppositionen Kants, zu einem »unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und Bedingten«; dies nennt Schlegel in den Lyceum-Fragmenten Ironie (KFSA 2, 160). In der Ironie ist die Grenze des Erkennens als Grenze des Begriffs erreicht: »Eine Idee«, so heißt es im Athenaeum-Fragment 121, »ist ein bis zur Ironie vollendeter Begriff, eine absolute Synthesis absoluter Antithesen, der stets sich selbst erzeugende Wechsel zwei streitender Gedanken.« (KFSA 2, 184) Sie bringt den »unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und Bedingten« (KFSA 2, 160) zum Ausdruck. Dieser Widerstreit ist die antinomische Form des Wechselerweises, in dem das Bedingte und das Unbedingte sich gegenseitig stützen und voraussetzen, deren Vereinigung aber begrifflich nicht vollzogen werden kann. Die antinomische Form der Idee als höchste Erkenntnis ist die Erkenntnis der Grenze des Erkennens selbst, aber wir können sie – so betont Schlegel in Vorwegnahme eines später von Hegel gebrauchten Arguments – als Grenze nur erkennen, indem wir »auf irgend eine Weise (wenn gleich nicht erkennend)« schon immer über sie hinaus sind (KFSA 18, 521, Nr. 23). Dies geschieht, wie es im Abschluß des Lessing-Aufsatzes heißt, »durch Allegorie, durch Symbole«, durch welche »überall der Schein des Endlichen mit der Wahrheit des Ewigen in Beziehung gesetzt und eben dadurch in sie aufgelöst wird« und »an die Stelle der Täuschung die Bedeutung tritt« (KFSA 2, 414). Schlegel definiert die Ironie daher im »Lyceum«-Fragment 42 mit einem gewagten Ausdruck auch als »logische Schönheit« (KFSA 2, 152), die den absoluten Widerspruch ästhetisch überspielt, indem sie ihn als Schein (Täuschung) entlarvt und ihm dadurch die Bedeutung seines Gegenteils gibt.

Philosophisch ist Ironie die Konsequenz eines Begründungsverfahrens, das auf ein unvermitteltes Absolutes oder Unbedingtes als Grund des Bedingten Verzicht leistet, wie es bereits in dem Theorem des Wechselerweises liegt. Ironie ist nicht die Form des Innewerdens einer Unmittelbarkeit, sondern sie gibt dem notwendigen Scheitern der totalisierenden Reflexion an den Antinomien eine Bedeutung über das negative Resultat und damit die Grenzen des begreifenden Erkennens hinaus. Sie ist, sozusagen, Fortsetzung der Reflexion mit anderen Mitteln und verliert diesen Bezug auf die Reflexion auch nicht, denn der Enthusiasmus, mit dem die Ironie die Grenze überschreitet, wird durch den Skeptizismus sogleich wieder ernüchtert: das Totalisieren mündet in das Verstehen der »Welt«, und beides – Totalisieren und Verstehen – ist unendlich, solange die Welt im Werden ist.

❸ Friedrich Schleiermacher kennt Vergleichbares nicht. Der Grund dafür ist, dass Schleiermacher mit Jacobi an der Figur der unvermittelten Unmittelbarkeit festhält. Dies kennzeichnet bereits die Position der Reden über die Religion (1799), wo die Religion von der Metaphysik und Moral geschieden und als gleichursprüngliches Vermögen proklamiert wird. Sie sei, so Schleiermacher, wesentlich »Anschauen des Universums, ich bitte befreundet Euch mit diesem Begriff, er ist der Angel meiner ganzen Rede, er ist die allgemeinste und höchste Formel der Religion« (KGA I/2, 213). Diese Anschauung ist unmittelbar, ebenso wie ihr subjektives Innewerden im Gefühl; sie kann daher in ihrer Ursprünglichkeit nicht begrifflich vermittelt dargestellt werden.

Von Jacobi – und insoweit folgt er Friedrich Schlegel – unterscheidet sich Schleiermacher dadurch, dass die ursprüngliche Anschauung nicht für ein Prinzip steht; in Abgrenzung zu Fichtes Wissenschaftslehre heißt es in den 1803 erschienenen Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre, eine »Wissenschaft von den Gründen und dem Zusammenhang aller Wissenschaften« dürfe »selbst nicht wiederum, wie jene einzelnen Wissenschaften, auf einem obersten Grundsaz beruhen«. Sie sei vielmehr »als ein Ganzes« zu denken, »in welchem jedes der Anfang sein kann, und alles einzelne gegenseitig einander bestimmend nur auf dem Ganzen beruht […], und so daß sie nur angenommen oder verworfen, nicht aber begründet und bewiesen werden kann« (KGA I/4, 48). Hierin ist unschwer Schlegels Konzeption des Wechselerweises wiederzuerkennen.

Im Unterschied zu Schlegel geht Schleiermacher jedoch von einer vorgängigen Präsenz der Totalität als Einheit in einer ursprünglichen Anschauung aus. Da diese aller Reflexion vorausliegende Einheit auch im Akt der Reflexion präsent ist, kommt es für Schleiermacher im Zuge des totalisierenden Verfahrens nicht, wie bei Schlegel, zu Antinomien, die aufgelöst und überspielt werden müssten, sondern indem man in der Anschauung bleibt, bleibt man auch in der durch sie verbürgten Identität.

In Schleiermachers Manuskript zur zweiten Hallenser Ethik-Vorlesung 1805/06 schließt Schleiermacher auf die »Frage, was man an die Spize der Sittenlehre stellen soll«, eine »Behandlung in Grundsäzen und Säzen« ausdrücklich aus und verweist auf eine »ursprüngliche Anschauung«, welche man »nicht in einem Saz zusammenfassen« könne, weshalb man »also unmittelbar in der Anschauung haften bleiben« müsse.18 Das bedeutet in der Konsequenz, wie Schleiermacher erläutert, dass »Denken und Anschauen […] gegeneinander irrational« bleiben: »Die Begriffe sind nichts als Repräsentanten des Anschauens. Muß man am Ende damit aufhören, daß Princip auf eine Anschauung zu beziehen, so kann dies nicht als Fundament der Wissenschaft angesehen werden, da es der Anschauung gehört«.19

Es versteht sich, dass die Anschauung nicht die Anschauung von Gegenständen der Erfahrung im Kantischen Sinne ist, sondern eine eher intellektuelle Anschauung der Totalität im Sinne der Anschauung des Universums in den Reden über die Religion von 1799. Irrational im Verhältnis zum (begrifflichen) Denken ist die ursprüngliche Anschauung deshalb, weil sie dem Begriff nicht zugänglich ist, wobei sie, als etwas Nichtbegriffliches, das begriffliche Erkennen allererst begründen soll. Diese Position, das sei hier nur am Rande erwähnt, gilt auch für die späteren Vorlesungen über die Dialektik, in denen das wissenschaftliche Verfahren einen transzendenten Grund – die Idee Gottes – als Ausgangspunkt nimmt, der als Einheit ohne Gegensatz im unmittelbaren Selbstbewusstsein präsent ist und die Einheit des Idealen und Realen und damit das Wissen als Einheit von Denken und Sein verbürgt.

Von diesem Standpunkt aus kann die Ironie nur als subjektives Spiel mit willkürlichen Entgegensetzungen erscheinen, weil sie die ursprüngliche Anschauung und damit den Grund des Wissens preisgibt. Dies erklärt, weshalb Schleiermacher in der eingangs zitierten Passage aus der Vorlesungsnachschrift zum Ethik-Kolleg 1805/06 das (Vor-)Urteil der Gegner der Frühromantik, die Ironie sei das frivole Spiel sich selbst ermächtigender Subjektivität, in der Sache weitgehend übernehmen kann. In dieser Hinsicht war er nie mit Schlegel konform gegangen, auch wenn er bis dahin jeden polemischen Akzent vermieden hatte. Dass er 1805/06 weniger Rücksicht nimmt, ist wohl dem sich abzeichnenden Zerwürfnis mit Schlegel geschuldet.

1 1 Matthias Schöningh, Ironieverzicht. Friedrich Schlegels theoretische Konzepte zwischen ›Athenäum‹ und Philosophie des Lebens‹, Paderborn u. a. 2002.

2 2 Vgl. Jaeschke und Arndt, Die Klassische Deutsche Philosophie nach Kant, 254 ff.

3 3 Ingrid Strohschneider-Kohrs, Die romantische Ironie in Theorie und Gestaltung, Tübingen 32002 (11960), 97.

4 4 Ebd., 100.

5 5 Schleiermacher, Ethik 1805/06, Nachschrift Müller (Winter 5/6. / Ethik. / Adolf Müller, Stadtbibliothek Bremen 134738, Bremen b. 652 Nr. 21), 128.

6 6 Strohschneider-Kohrs, Die romantische Ironie, 98.

7 7 Hermann Patsch, Alle Menschen sind Künstler. Friedrich Schleiermachers poetische Versuche, Berlin und New York 1986.

8 8 Friedrich Heinrich Jacobi, Werke. Gesamtausgabe, hg. v. K. Hammacher und W. Jaeschke, Hamburg und Stuttgart-Bad Cannstatt 1998 ff., Bd. 1, 1, 124.

9 9 Jacobi, Werke, Bd. 2, 1, 403.

10 10 Ebd., 33.

11 11 Gegen Tendenzen, den Wechselerweis als einen Schlüssel als Quasi-Prinzip von Schlegels Philosophie anzusehen, vgl. Frischmann, Vom transzendentalen zum frühromantischen Idealismus, 149.

12 12 Diese Methode nimmt Schlegel unabhängig von Fichte in Anspruch: »Auch die Methode der materialen Alterthumslehre erkannte ich selbst, lange ehe ich von Fichte wußte, für cyklisch.« (KFSA 16, 66, Nr. 62)

13 13 KrV B 379, AA 3, 251.

14 14 Vgl. Andreas Arndt, Widerstreit und Widerspruch. Gegensatzbeziehungen in frühromantischen Diskursen, in: Romantik/Romanticism. Internationales Jahrbuch des Deutschen Idealismus / International Yearbook of German Idealism 2008, hg. v. K. P. Ameriks u. a., Berlin und New York 2009, 80–100.

15 15 Vgl. hierzu Andreas Arndt, Mystizismus, Spinozismus und Grenzen der Philosophie. Jacobi im Spannungsfeld von F. Schlegel und Schleiermacher, in: Friedrich Heinrich Jacobi. Ein Wendepunkt der geistigen Bildung der Zeit, hg. v. B. Sandkaulen und W. Jaeschke, Hamburg 2004, 126–141.

16 16 Vgl. Andreas Arndt, Perspektiven frühromantischer Dialektik, in: Das neue Licht der Frühromantik. Innovation und Aktualität frühromantischer Philosophie, hg. v. Bärbel Frischmann und Elizabeth Millán-Zaibert, Paderborn u.a 2009, 53–64. – Zum Zusammenhang von Dialektik und Ironie vgl. auch die Einleitung von Andreas Arndt und Jure Zovko in: Friedrich Schlegel, Schriften zur Kritischen Philosophie 1795–1805, hg. v. A. Arndt und J. Zovko, Hamburg 2007, XVIII–XXVII.

17 17 Das ›Setzen‹ des Absoluten ist nach Walter Benjamin eine Konstitution des Absoluten durch die Reflexion, die sich damit ein Medium schafft, um Kontinuitäten bzw. Identitäten zu reflektieren. Vgl. Walter Benjamin, Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik (1919), Frankfurt/M. 1973, 32.; Winfried Menninghaus, Unendliche Verdopplung. Die frühromantische Grundlegung der Kunsttheorie im Begriff absoluter Selbstreflexion, Frankfurt/M. 1987.

18 18 Schleiermacher, Entwürfe zu einem System der Sittenlehre, 82.

19 19 Schleiermacher, Ethik 1805/06, Nachschrift Müller, 4.

Schleiermacher und die Religionskritik der Aufklärung

Mit seinen Reden über die Religion – so stand es im Frühjahr 1799 im Leipziger Messkatalog und auch noch in der Buchhändleranzeige vom September desselben Jahres1 – wandte sich Schleiermacher »an die aufgeklärten Verächter derselben« bzw. »die Aufgeklärten unter ihren Verächtern«. Auf dem Titelblatt war dann von den »Gebildeten« die Rede, wohl vor allem aus Rücksicht auf den Atheismusstreit um Fichte. Der Blick in das Buch selbst belehrt jedoch ohnehin darüber, dass mit den »Verächtern« eher die Indifferenten als die ausgesprochenen Religionskritiker gemeint waren, also jene, die sich nicht um die Provinz in ihrem Gemüt kümmerten, die nach Schleiermacher zur conditio humana gehört: die Religion. Tatsächlich richtet sich Schleiermachers Kritik vor allem gegen Übergriffe von beiden Seiten: von Seiten der Philosophie auf die Religion, von Seiten der Religion auf die Philosophie. Indem Schleiermacher die daraus entstehenden trüben Mischungen aus Metaphysik, Moral und Religion – gleich unter welchen Vorzeichen – kritisiert, betreibt er selbst Aufklärung durch Kritik.

Schon hieran wird deutlich, dass das Verhältnis von Philosophie und Religion bzw. Theologie, auch wenn es für Schleiermachers Denken im allgemeinen nicht die »Würde des Grundthemas« haben mag,2 für unsere Thematik grundlegend ist. Ich werde daher dieses Verhältnis im Blick auf ausgewählte Stationen des Schleiermacherschen Denkweges in den Mittelpunkt stellen, wobei ich mich – da es nicht um den Religionsbegriff an sich, sondern um die Religionskritik geht – vor allem auf den frühen Schleiermacher beziehen werde. Die Betrachtung ist aber über Schleiermacher selbst hinaus zu erweitern, denn Schleiermachers Denken hat, wie abschließend gezeigt werden soll, eine konstitutive Bedeutung für die Radikalisierung der Religionskritik im Ausgang der Klassischen Deutschen Philosophie bei Ludwig Feuerbach.

❶ Schleiermacher selbst, so scheint es, gehörte um 1789 zu den aufgeklärten Verächtern der Religion. Im Oktober 1789 schrieb er an seinen Freund Brinckmann: »Meine Parthie […] ist unwiderruflich genommen, und wenn Wizenmann […] und Sokrates selbst zur Vertheidigung des Christenthums aufstehn […] so werden sie mich nicht zurükbringen.« (KGA V/1, 156)3 In den zwischen 1789 und 1792/93 entstandenen Jugendschriften Schleiermachers spielt die Religion daher, selbst in der ganzheitlichen Sicht auf das Leben, keine eigenständige Rolle. Vielmehr wird, wie z. B. in der Freiheitsschrift, bereits das Gleichgewicht des Interesses an Religion und »Spekulation« zum Hindernis erklärt, die spekulative Position zu entwickeln (KGA I/1, 325). Das Christentum gilt Schleiermacher, hierin ist er sich mit seinem Freund Brinckmann einig, als »Volksreligion von reiner Moral« (von Brinckmann, 26. 6. 1789, KGA V/1, 126); Schleiermacher nennt es »eine Sammlung von Sittenregeln für jedermann brauchbar […] vermischt mit einigen Lehrsäzen, die sich, da sie sich blos auf das Judenthum bezogen, auch nur unter den Juden und ihren Nachkommen erhalten haben würden.« (An Brinckmann, 28. 9. 1789, KGA V/1, 153) Die Parallelen zu den Überlegungen des jungen Hegel über Volksreligion und Christentum sind unübersehbar.4

Hervorzuheben ist, dass Brinckmann seine Überlegungen in Bezug auf die Dogmatiken der Wittenberger und Hallenser Aufklärungstheologie vorträgt; der »fromme Christ«, so seine Schlussfolgerung, »braucht dies alles nicht, und der philosophische Kopf geht einen andern Weg« (KGA V/1, 126). In seiner Antwort stimmt Schleiermacher zu, erinnert aber zugleich daran, dass es noch etwas Drittes gebe, nämlich den »philosophischen Christen« (KGA V/153).5 Auf diese Spezies ist er jedoch nicht gut zu sprechen, denn von ihr rühre jene trübe Mischung her, welche den Geist des Christentums als Sittenlehre verdorben habe: sie wollen »ihre Vorurtheile und gewiße mißverstandene Winke ihres Herzens mit ihren Einsichten vereinigen«, woraus die Dogmatik entstanden sei, an der »zu zimmern und zu hämmern« die philosophischen Christen nicht aufhören werden, während »die jenseits des Rubikons«, zu denen Schleiermacher sich selbst auch zählt, solche Dogmatik »als ein leeres und unnüzes Gebäude verachten werden«. Die Entmischung von Philosophie und Religion ist bereits hier der Grundtenor von Schleiermachers Stellungnahme und er hält diese Position von da an auch durch; in seiner Dialektik-Vorlesung 1818/19 heißt es prägnant: »Der Philosoph braucht […] die Religion nicht für sein Geschäft, aber als Mensch, und der Religiöse braucht die Philosophie an und für sich nicht, sondern nur in der Mittheilung« (KGA II/10, 2, 242).

Was sich ändert, ist freilich die Grundlage dieser Entmischung. 1789 hält Schleiermacher dafür, dass die Religion (und er spricht hier nur vom Christentum) eine Morallehre sei, die vorzugsweise durch die philosophische Vernunft begründet werden müsse. Der Gedanke der Aufklärungsphilosophie von der Seligkeit der Heiden, wie ihn Christian Wolff in seiner Prorektoratsrede von 1721 de Sinarum philosophia practica und auch Schleiermachers Lehrer Eberhard in seiner Neue[n] Apologie des Sokrates 1776 vertreten hatten,6 wird hier gewissermaßen auf das Christentum rückprojiziert: die Philosophie der »Heiden« enthält nicht eine der christlichen Sittenlehre adäquate Moral, sondern das Christentum enthält eine vernünftig zu begründende Auffassung von Sittlichkeit. Diese Position unterscheidet sich von der späteren, nach der Vernunft und Religion, philosophischer und theologischer Gottesgedanke einander entsprechen, ohne sich wechselseitig zu begründen.

Schleiermacher kritisiert um 1789 aber nicht nur die christliche Dogmatik, wie aus den hierfür einschlägigen »Briefen« An Cecilie (1790) hervorgeht, die Günter Meckenstock zu Recht unter den Titel einer »Krisis des religiösen Bewußtseins« gestellt hat.7 Das Fragment bezieht sich auf den Gedankenaustausch zwischen Brinckmann und Schleiermacher, der in fiktiven Briefen des Ich-Erzählers Schleiermacher an eine junge, empfindsame Frau gespiegelt wird. Nur scheinbar findet die religiöse Krisis – mit der Schleiermacher seine eigene Glaubenskrise verhandelt – eine Lösung im Zusammenstimmen von »Herz und Vernunft« (KGA I/1, 211), indem, in Entsprechung zur Position Kants, die Sittlichkeit die Annahme der Ideen Gottes als des höchsten Wesens und die Annahme der Unsterblichkeit der Seele verlangt. Schleiermacher deutet zum Schluss des Fragments an, dass dies nur ein »Ruhepunkt für eine Weile« sei und man nicht »in dieser schöneren Gegend der Philosophie auf immer wohnen« könne (KGA I/1, 212). Damit zeichnet sich ab, dass er mit Kant die Ideen Gottes und der Unsterblichkeit der Seele als theoretische Gewissheiten kritisiert, über Kant hinausgehend aber auch – jedenfalls zu diesem Zeitpunkt – bereit ist, sie als Postulate der reinen praktischen Vernunft aufzugeben.

In diesem Überschritt über Kant liegt Schleiermachers Radikalisierung der aufklärerischen Religionskritik. Dabei, das muss hier ausdrücklich angemerkt werden, bleibt jedoch weitgehend in der Schwebe, inwieweit Schleiermacher Religion als solche kritisiert oder inwieweit er nur eine Religion kritisiert, die meint, sich dogmatisch und philosophisch absichern zu müssen. Für das Erstere sprich immerhin nicht nur seine (wenn auch temporäre) Absage an das Christentum, sondern auch, dass Religion inhaltlich nur als Sittenlehre vorkommt, die allein aus der Vernunft zu begründen sei. Auf der anderen Seite lassen aber die Briefe An Cecilie erkennen, dass die Seite des Herzens in den »unfruchtbare[n] und trostlose[n] Provinzen« (KGA I/1, 212) der Philosophie, in welche die Vernunft uns treibt, keine Befriedigung findet. Dagegen steht aber wiederum die Einsicht in der Schrift Über den Werth des Lebens, dass erst im Verzicht auf den großen Enthusiasmus Verstand und moralischer Sinn »Spuren von Glükseligkeit« finden können, die nicht illusionär sind und die mit dem Schicksal versöhnen (KGA I/1, 470 f.).

❷ Schleiermacher, dies macht seine Abhandlung Über das höchste Gut deutlich, geht mit Kant sogleich über Kant hinaus. Er sieht das Christentum ausdrücklich als eine Philosophie[!] an, welche – nach Unterdrückung der (neu-)platonischen Schwärmerei – »allein die Stelle aller Sittenlehre vertreten« habe (KGA I/1, 118 f.). Im Praktischen liege das Christentum der Kantischen Philosophie nahe, im Theoretischen jedoch seien beide einander »fast gänzlich entgegengesezt«, weil »ein jedes von beiden da anfängt wo das andre aufgehört hat, und da aufhört, wo das andre anfing«: das Christentum beginne mit dem Willen Gottes, um daraus das höchste Gut abzuleiten, während Kant vom Begriff des höchsten Gutes ausgehend das Dasein Gottes postuliere (KGA I/1, 119).

Der Grundfehler bestehe vor allem darin, dass beide, Kant und die christliche Sittenlehre, die »Glükseligkeit als Theil des höchsten Guts« (ebd.) ansehen, auch wenn diese bei Kant ins Jenseits verlagert werde, weil wir im irdischen Leben nur Glückswürdigkeit erwerben können, aber keine unmittelbare Relation zwischen Sittlichkeit und Glückseligkeit bestehe. Nach Schleiermacher ändert diese Verschiebung jedoch nichts, da unter den Bedingungen fortdauernder Sinnlichkeit auch der Hiatus zwischen Tugend und Glückseligkeit fortbestehe oder, unter den Bedingungen eines nichtsinnlichen Jenseits, die Glückseligkeit obsolet bleibe (KGA I/1, 102). Dagegen möchte Schleiermacher die Glückseligkeit und mit ihr die Sinnlichkeit aus dem Begriff des höchsten Gutes ausschließen, denn erst durch diese Vermischung von Sittengesetz und Empirie werde es nötig, im ethischen Kontext zum Gottesbegriff Zuflucht zu nehmen. Die Vernunft aber müsse autonom bleiben und »das, was bei der ganzen Sache sie unmittelbar angeht, auch allein und aus ihren eignen Mitteln in Richtigkeit bringen« (KGA I/1, 88). Das höchste Gut sei kein empirisch zu realisierender Zweck; es sei vielmehr »der vollkomne Inbegrif alles deßen was nach gewißen Regeln in einer gewißen Verfahrungsart nemlich der ungemischten rein rationalen zu erlangen möglich ist« (KGA I/1, 90 f.).

Damit wirft Schleiermacher Kant Inkonsequenz vor, nämlich das Verlassen einer rein rationalen, im Bereich der intelligiblen Welt bleibenden Begründung der Sittlichkeit; er mobilisiert gewissermaßen die Kantische Unterscheidung von intelligibler und sinnlicher Welt gegen Kants Festhalten an der Verbindung von Sittlichkeit und Glückserwartung, aus welcher sich das Postulat der Existenz Gottes ableitet. Und auch in anderen Hinsichten mobilisiert Schleiermacher Kant gegen Kant, wie es Peter Grove prägnant zusammengefasst hat: »Er argumentiert mit der Analytik der zweiten Kritik gegen ihre Dialektik, mit der ersten Kritik gegen ihre praktisch-philosophische Transformation der Metaphysik in der zweiten Kritik.«8

❸ Ich kann dies hier nicht im Einzelnen erörtern und auch nicht der von Grove aufgeworfenen Frage nachgehen, ob Schleiermachers Abhandlung über das höchste Gut letztlich in Anknüpfung an Rehberg in einen »undogmatische[n] metaphysische[n] Atheismus« münde.9 Die bereits angesprochene Uneindeutigkeit, wie weit Schleiermacher mit seiner Religionskritik geht bzw. gehen will, lässt sich m.E. nicht eindeutig auflösen. Seine über Kant hinausgehende Kritik der philosophischen Theologie muss nicht als Kritik der Religion selbst, sondern kann auch als Kritik an der Vermischung von Philosophie und Religion verstanden werden, die durch die Stellvertreterfunktion des Christentums für die Sittenlehre zustande gekommen sei. Deutlich wird nur, dass Schleiermacher auf eine autonome – und d. h. rein rationale – Begründung des Sittengesetzes zielt. Ob die Religion daneben noch eine Rolle spielen könnte, in der sie sich nicht auf trübe Weise mit der Philosophie vermischt, bleibt weitgehend offen.

Auf welche Weise beides – Kritik der philosophischen Theologie und Affirmation der Religion – bei Schleiermacher zusammen bestehen könnte, führt ansatzweise die wohl an Wilhelm Dohna gerichtete briefliche Abhandlung über Wissen, Glauben und Meinen vor, die freilich nicht genau zu datieren und insofern schwer zu den anderen Frühschriften ins Verhältnis zu setzen ist (KGA V/1, 424–428).10 Hier geht es, kurz gesagt, darum, die Religion vom (philosophischen) Wissen so zu trennen, dass sie gleichwohl mehr ist als ein bloßes Meinen, welches immer »mit dem Bewußtseyn der Unzulänglichkeit der Gründe begleitet« wird (KGA V/1, 425). Die Religion als Glaube ist ein Fürwahrhalten aus subjektiven Gründen, welches sich nicht auf ein äußeres Objekt, »sondern auf das fürwahrhaltende Subjekt selbst bezieht« (KGA V/1, 424). Schleiermacher bezeichnet diese Form des Selbstbezugs als »das unmittelbare Selbstbewußtseyn« (ebd.). Auf diese Weise »entsagt« die Religion dem Wissen, um sich auf den Glauben »einzuschränken« (KGA V/1, 426); – eine bemerkenswerte Akzentverschiebung gegenüber Kant, der ja das Wissen beschränken wollte, um dem Glauben Platz zu machen.11 Schleiermacher kritisiert auch hier, auf Positionen verweisend, die er in der Abhandlung über das höchste Gut vorgetragen hatte, dass Kant mit seiner Postulatenlehre so etwas wie einen »nothwendige[n] Glaube[n]« (ebd.) konstruieren wolle, während er sich nur auf das Selbstverhältnis des Subjekts beziehen könne, welches sich in Hinsicht auf die Religion für Schleiermacher nicht auf die menschlichen Natur überhaupt, sondern die Modifikation der menschlichen Natur im Individuum bezieht und insofern gerade nicht notwendig ist (KGA V/1, 424).

Nahegelegt wird die religiöse Selbstdeutung nach Schleiermacher durch das »Bedürfniß […] dem bei uns von innen so sehr angefochtnen Sittengesetz eine äußre Stütze zu verschaffen« (KGA V/1, 426). Entgegen dem ersten Anschein ist diese Äußerlichkeit nicht objektiv zu verstehen, sondern beruht allein darauf, dass eine »allgemein als nothwendig erkannte Idee« – gemeint ist m. E. das Sittengesetz – gegen die individuell gegebenen »Widersprüche der Sinnlichkeit« autorisiert werden kann (KGA V/1, 427). Dies geschieht so, dass die Möglichkeit einer praktischen Bestimmung allein durch Vernunft, wie sie das Sittengesetz fordert, durch die Annahme Gottes als eines entsprechenden praktischen Ideals »anschaulich gemacht wird« (ebd.). Ich kann hierin, anders als Peter Grove, keine Schleiermachersche Postulatenlehre erkennen. Schleiermacher legitimiert lediglich die Möglichkeit einer anschaulichen, d. h. nicht rein intelligiblen individuellen religiösen Selbstdeutung im praktischen Zusammenhang. Dass diese nur im praktischen Zusammenhang möglich ist, ergibt sich allein daraus, dass jede Begründung der Religion im Kontext der theoretischen Vernunft ein bloßes Meinen wäre. Von der Postulatenlehre indes unterscheidet sich Schleiermacher dadurch, dass er der religiösen Selbstdeutung jede Beimischung von Objektivität und damit jede begründende Funktion nehmen will, welche sie zu einem notwendigen Glauben machen würde. So bleibt nur die reine Selbstbezüglichkeit in praktischer Hinsicht als Ort eines legitimen Glaubens und damit der Religion übrig – das insofern »unmittelbare«, d. h.: nicht auf Gegenstände bezogene – Selbstbewusstsein. Es trifft daher zu, dass Schleiermacher in der brieflichen Abhandlung »die Religion im unmittelbaren Selbstbewußtsein« verankert.12 Sie ist dadurch aber weder notwendig (sondern vielmehr kontingent) noch allgemein (sondern individuell), weshalb die autonome, notwendig-allgemeine und wissensmäßig vollzogene Begründung des Sittengesetzes sowie die theoretische Vernunft davon ganz unberührt bleiben.

In der Folge rückt Schleiermacher sowohl von der moraltheoretischen Interpretation des Christentums als auch von der Begründung von Religion im Kontext praktischer Philosophie ab. Am deutlichsten wird dies in der Trennung von Metaphysik und Moral auf der einen und Religion auf der anderen Seite, wie sie in den Reden vollzogen wird. Was bleibt, ist jedoch die Bindung der Religion nicht nur an die Subjektivität, sondern auch an die Sinnlichkeit qua Anschauung, wie sie – anknüpfend an die vermittelnde Funktion der Religion bei Kant – zuerst in der brieflichen Abhandlung über Wissen, Glauben und Meinen hervortritt. Die spätere Verlagerung von der Anschauung zum Gefühlsbegriff ändert hieran grundsätzlich nichts; die sinnliche Komponente bleibt bis hin in die Bestimmung der Religion (parallel zur Kunst) als individuellem Symbolisieren erhalten.

Auf der anderen Seite gibt Schleiermacher bereits in seinen Jugendschriften die von Kant übernommene Trennung von sinnlicher und intelligibler Welt auf, was auch zu einer Neuausrichtung des Verhältnisses von Philosophie und Religion führt. Die individuellen Vermittlungsleistungen der Religion müssen jetzt auch eine philosophische Entsprechung finden und beide, Wissen und Handeln (Philosophie) sowie Religion, sind notwendige Bestandteile der Totalität des Lebens. Ihr gemeinsamer Grund ist jetzt ein Absolutes, das im Gefolge der Jacobi- und Spinoza-Studien in Schleiermachers Blickfeld tritt und den Blick auf Kant entscheidend verändert. Die Verankerung beider in einem Absoluten erlaubt es, Philosophie und Religion zu trennen, zugleich aber aufeinander beziehbar zu halten. Die Religionskritik Schleiermachers vollendet sich als Entmischung, die zugleich Affirmation sowohl der Selbständigkeit der Philosophie als auch der Religion ist. Wenn immer eine grundsätzliche Kritik der Religion selbst auf Schleiermachers Denkweg gelegen haben mag, so ist sie jetzt für ihn nicht mehr möglich.

❹ Mit der Position einer Parallelität von Religion und Philosophie setzt Schleiermacher voraus, dass Religion eine Tatsache des menschlichen Bewusstseins darstellt, die nicht nur zu den historischen Beständen des menschlichen Geistes, sondern gleichsam zur Naturausstattung des menschlichen Gemüts gehört. Sie ist ein Vermögen, das man ignorieren, aber nicht vertilgen kann. Eine radikale Religionskritik mit atheistischen Konsequenzen, wie sie vor allem die Französische Aufklärungsphilosophie hervorgebracht hatte,13 ist für Schleiermacher in jedem Falle haltlos und beruht auf einer Verkennung der menschlichen Natur und der Natur des Universums. Die radikale Religionskritik erwächst für ihn, so scheint es, aus einer Nationaleigentümlichkeit der Franzosen, die in der ersten Rede wie folgt charakterisiert wird: »frivole Gleichgültigkeit mit der Millionen des Volks, der wizige Leichtsinn mit dem einzelne glänzende Geister der erhabensten That des Universums zusehen, die nicht nur unter ihren Augen vorgeht, sondern sie alle ergreift und jede Bewegung ihres Lebens bestimmt« KGA I/2, 169). Mit anderen Worten: Der Atheismus ist für Schleiermacher immer nur Schein, der auf einem Selbstmissverständnis beruht, wie es auch später noch in der Glaubenslehre14 und in den Vorlesungen über die Dialektik bekräftigt wird, nach denen es »wahren Atheismus« nicht geben könne (KGA II/10, 1, 38).

Aus dieser Perspektive ist Atheismus nicht ein theoretisches, sondern vielmehr ein praktisches Problem, eben ein Problem der Verächter der Religion. Schleiermacher befindet sich damit im mainstream der Aufklärungsphilosophie, welche vor allem einen praktischen Atheismus kannte; erst durch den Spinoza-Streit erfolgte eine Wendung, sofern nun die Frage im Raum stand, ob eine Philosophie aufgrund ihrer Prinzipien atheistisch sein könne. Siegmund Jakob Baumgarten etwa hatte in seiner einflussreichen, von Semler herausgegebenen Geschichte der Religionspartheyen die These vertreten, sofern Religionsspötter und ungläubige Freigeister Atheisten genannt werden könnten, seien sie dies in der Regel deshalb, weil sie unter »diejenigen begriffen« werden, »deren Verhalten der Ueberzeugung von GOtt widerspricht; welche auch practische Atheisten, d. i. thätige Gottesverleugner heissen, im Gegensatz der theoretischen oder der atheorum speculativorum.«15 Zu letzteren zählt vor allem Spinoza, den Schleiermacher freilich gerade für das religiöse Bewusstsein in Anspruch nehmen will. Auch hiermit befindet er sich in bester Gesellschaft. Seitdem Jacobi 1785 seine Version des Wolfenbütteler Gesprächs mit Lessings Bekenntnis zu Spinoza veröffentlicht hatte,16 galt Spinoza vielen – mit Ausnahme vor allem Kants und Jacobis selbst – als »theissimus« und »christianissimus«, wie Goethe es formulierte.17

Das Schleiermacher nicht unter die spekulativen Atheisten gerechnet werden kann und vielleicht – dies bleibt eine offene Frage – nie gerechnet werden konnte, stellt ihn nicht ins Abseits der vorherrschenden aufklärerischen Religionskritik, deren Begriff ja wesentlich von Kant her datiert und darauf zielt, ungerechtfertigte Geltungsansprüche der Religion gegenüber der Philosophie abzuweisen. Dem wird Schleiermacher durch sein Programm der Entmischung gerecht, das letztlich darauf beruht, der Religion als nicht-reflexiver individueller Selbstdeutung der Subjektivität einen Platz anzuweisen, an dem sie in keine Konkurrenz zu philosophischen und wissenschaftlichen Selbst- und Weltdeutungen tritt.

❺ Die Subjektivierung der Religion, auf der Schleiermachers aufgeklärter Religionsbegriff beruht, ist für sich genommen freilich nicht dagegen gefeit, zum Ansatzpunkt einer radikalen Religionskritik gemacht zu werden. Feuerbach inszeniert in diesem Sinne ein kunstvolles Spiel, in dem er Hegelsche und Schleiermachersche Positionen sich wechselseitig kritisieren lässt. In seinem Aufsatz Zur Beurteilung der Schrift »Das Wesen des Christentums« (Anfang 1842) erklärt er sich näher darüber.18 Hierbei stilisiert Feuerbach sich zunächst in polemischer Absicht, d. h. gewiss in übertriebener Weise, als Anti-Hegelianer.19 »Hegel«, so heißt es, »identifiziert die Religion mit der Philosophie, ich hebe ihre spezifische Differenz hervor; […] Hegel objektiviert das Subjektive, ich subjektiviere das Objektive; […] Hegel unterscheidet, ja, trennt den Inhalt, den Gegenstand der Religion von der Form, von dem Organ, ich identifiziere Form und Inhalt, Organ und Gegenstand; Hegel geht vom Unendlichen, ich vom Endlichen aus; Hegel setzt das Endliche in das Unendliche […]; ich setze das Unendliche in das Endliche«.20

Die entscheidenden Stichworte sind »Subjektivierung« und »Verendlichung«. Hierauf basiert Feuerbach sein grundlegendes Einverständnis mit Schleiermacher: »Ich tadle Schleiermacher nicht deswegen, wie Hegel, daß er die Religion zu einer Gefühlssache machte, sondern nur deswegen […], daß er nicht den Mut hatte, einzusehen und einzugestehen, daß objektiv Gott selbst nichts andres ist als das Wesen des Gefühls, wenn subjektiv das Gefühl die Hauptsache der Religion ist. Ich bin in dieser Beziehung so wenig gegen Schleiermacher, daß er vielmehr eine wesentliche Stütze, die tatsächliche Bestätigung meiner aus der Natur des Gefühls gefolgerten Behauptungen ist.«21

Tatsächlich aber ist die Feuerbachsche Konsequenz aus Schleiermachers Gefühlsbegriff, wie Walter Jaeschke gezeigt hat, »eine Hegelsche«,22 denn in ihr wird das Gefühl wiederum als subjektive Form eines objektiven Inhalts verstanden. Gleichzeitig jedoch wird diese Objektivität ihrem Wesen nach als subjektiv bestimmt, sofern es sich dabei um die Selbstobjektivierung des fühlenden Subjekts handelt. In diesem Sinne hatte Feuerbach bereits im Wesen des Christentums auf Hegel und Schleiermacher verwiesen.23 Gleich der Beginn der Einleitung über das »Wesen des Menschen im allgemeinen« führt die Religion auf die differentia specifica von Mensch und Tier zurück: Tiere haben keine Religion, weil sie kein Gattungsbewusstsein haben.24 Damit wird auf Hegels Polemik gegen Schleiermachers Gefühlstheologie angespielt, wo es hieß: »Soll das Gefühl die Grundbestimmung des Wesens des Menschen ausmachen, so ist er dem Thiere gleichgesetzt«.25 Feuerbach, so scheint es, stimmt dieser Konsequenz zu, wenn er schreibt, »daß da, wo das Gefühl zum Organ des Unendlichen, zum subjektiven Wesen der Religion gemacht wird, der Gegenstand derselben seinen objektiven Wert verliert«.26 Das freilich ist für Feuerbach gerade der Kern der Sache. Hegels Schleiermacher-Kritik ist für ihn Bestätigung und Bekräftigung seiner Lesart des Schleiermacherschen Gefühlskonzepts. Mehr noch. Weil Hegel Religion nicht radikal subjektivieren wollte, habe er ihren Begriff verfehlt; er sei »ebendeswegen nicht in das eigentümliche Wesen der Religion eingedrungen, weil er als abstrakter Denker nicht in das Wesen des Gefühls eingedrungen ist«.27 Die Subjektivierung der Religion bedeutet jedoch für Feuerbach, dass die menschliche Subjektivität als solche den objektiven Gefühlsinhalt ausmacht: die Religion »ist identisch mit dem Selbstbewußtsein, mit dem Bewußtsein des Menschen von seinem Wesen «.28

Diese Subjektivierung versteht Feuerbach, durchaus an Schleiermacher anknüpfend, als Individualisierung. Hierin liege jedoch eine Täuschung, welche der Religion eigentümlich sei. Mache, so heißt es, das Individuum »seine Schranken zu Schranken der Gattung, so beruht dies auf der Täuschung, daß es sich mit der Gattung unmittelbar identifiziert«.29 Das religiöse Bewusstsein ist somit ein defizitäres Selbstbewusstsein, denn das wahre Selbstbewusstsein ist für Feuerbach reflexiv: »An dem Gegenstande wird […] der Mensch seiner selbst bewußt: das Bewußtsein des Gegenstands ist das Selbstbewußtsein des Menschen.«30 Dagegen solle das Individuum »sich als beschränkt fühlen und erkennen«, indem »ihm die Vollkommenheit, die Unendlichkeit der Gattung Gegenstand ist, sei es nun als Gegenstand des Gefühls oder des Gewissens oder des denkenden Bewußtseins.«31

Indem Schleiermachers Subjektivierung der Religion nach Feuerbach für die Religion nichts anderes zurückbehält als das individuelle Selbstverhältnis des Subjekts, wird Schleiermacher zum »letzten Theologen des Christentums«.32 Er übernimmt dessen Bestimmung des Gefühls als Organ des Religiösen, um darzutun, dass das Gefühl seinem Wesen nach »sich selbst Gott« sei und die Theologie selbst insofern auf einen »religiösen Atheismus« des Herzens hinauslaufe.33

1 1 Staats- und gelehrten Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten, 7. 9. 1799, Nr. 144, 6.

2 2 Hans-Joachim Birkner, Theologie und Philosophie. Einführung in Probleme der Schleiermacher-Interpretation, München 1974, 43. Gerhard Ebeling sah im Unterschied zu Birkner in dem Verhältnis von Philosophie und Theologie »das Kernproblem der Schleiermacherinterpretation« (Gerhard Ebeling, Theologie und Philosophie, in: Religion in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 31957–1962, Bd. 6, Sp. 813 f.).

3 3 Schleiermacher bezieht sich auf Thomas Witzenmann, Die Geschichte Jesu nach dem Matthäus und Johann Konrad Pfenniger (Anonym), Sokratische Unterhaltungen.

4 4 Vgl. Walter Jaeschke, Die Religionsphilosophie Hegels, Darmstadt 1983, 42 ff.

5 5 Es ist unverständlich, dass Uwe Glatz, Religion und Frömmigkeit bei Friedrich Schleiermacher, Stuttgart 2010, 81, dies so verstehen will, als ob Schleiermacher diese Position affirmieren wolle.

6 6 Christian Wolff, Oratio de Sinarum philosophia practica. Rede über die praktische Philosophie der Chinesen, hrsg. v. M. Albrecht, Hamburg 1985 (zuerst 1722); Johann August Eberhard, Neue Apologie des Sokrates oder Untersuchung der Lehre von der Seligkeit der Heiden, Berlin und Stettin 1776.

7 7 Günter Meckenstock, Deterministische Ethik, 132–147; vgl. auch Bernd Oberdorfer, Geselligkeit und Realisierung von Sittlichkeit. Die Theorieentwicklung Friedrich Schleiermachers bis 1799, Berlin und New York 1995, 167–180.

8 8 Peter Grove, Deutungen des Subjekts, 124.

9 9 Ebd., 125.

10 10 Ebd., 126 ff.

11 11 KrV B XXX, AA 3, 19.

12 12 Meckenstock, Deterministische Ethik, 157; Grove, Deutungen des Subjekts, 131 möchte dagegen individuelles und unmittelbares Selbstbewusstsein unterscheiden. Mir scheint, dass in dem Brief beides gerade als identisch aufgefasst ist.

13 13 Vgl. Winfried Schröder, Ursprünge des Atheismus. Untersuchungen zur Metaphysik- und Religionskritik des 17. und 18. Jahrhunderts, Stuttgart-Bad Cannstatt 1998.

14 14 Vgl. KGA I/7,1, 124: »Will man [...] das auf Gott sich beziehende Selbstbewußtsein mißkennen, als sei es kein anderes als das auf die Welt Bezug nehmende: so kann dies mit einigem Scheine nur geschehen, wenn man in diesem lezteren selbst die Seite des Freiheitsgefühls aufhebt.«

15 15 Siegmund Jacob Baumgarten, Geschichte der Religionspartheyen, hg. v. Johann Salomon Semler, Halle 1766, 25.

16 16 Vgl. Jacobi, Werke. Gesamtausgabe, Bd. 1, 1, 16–30.

17 17 Goethe an Jacobi, 9. 6. 1785, in: Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Heinrich Jacobi, Briefwechsel, hg. v. Max Jacobi, Leipzig 1846, 85.

18 18 Ludwig Feuerbach, Gesammelte Werke, hg. v. W Schuffenhauer, Berlin 1967 ff., Bd. 9, 229–242.

19 19 Zum Kontext der Feuerbachschen Stellungnahme in den religionsphilosophischen Diskussionen der Zeit vgl. Walter Jaeschke, Die Vernunft in der Religion. Studien zur Grundlegung der Religionsphilosophie Hegels, Stuttgart-Bad Cannstatt 1986, Kap. IV, bes. 396 ff.

20 20 Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 9, 231.

21 21 Ebd., 230.

22 22 Jaeschke, Die Vernunft in der Religion, 398.

23 23 Ein Einfluss Schleiermachers wird vorher – auch literarisch – kaum greifbar; zwar begründete Feuerbach 1824 seinen Wechsel von Heidelberg nach Berlin auch damit, dass dort der »große Schleiermacher« lehre, wobei er ihn auffälligerweise vor allem als Kanzelredner und Exegeten und nicht als Systematiker erwähnt (an den Vater, 8. 1. 1824, in: Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 18, 41), aber tatsächlich muss gerade der Exeget Schleiermacher für Feuerbach eine Enttäuschung gewesen sein, denn der Besuch einer Vorlesung über die Paulinischen Briefe – der einzigen von Schleiermacher gehaltenen, die Feuerbach belegt hatte – wurde abgebrochen (vgl. die Erläuterungen ebd., 401 und 407).

24 24 Vgl. Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 5, 28 f.

25 25 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorwort zu: H. F. W. Hinrichs: Die Religion, in: GW 15, 137.

26 26 Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 5, 41.

27 27 Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 9, 230.

28 28 Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 5, 29.

29 29 Ebd., 37.

30 30 Ebd., 34.

31 31 Ebd., 37.

32 32 Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 9, 230.

33 33 Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 5, 42 f.

Verdankte Subjektivität

Am 21. November 2018 konnte der 250. Wiederkehr des Geburtstages von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher gedacht werden. Dieses Gedenken fand nicht nur im Rahmen der akademischen Welt statt. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) hatte aus diesem Anlass ein Magazin herausgegeben, in dem kurze Essays und Veranstaltungshinweise versammelt sind. Es trägt den einprägsamen Titel »Alles mit Gefühl«. Auch kritische Anfragen sind darin zu lesen. In einem Beitrag des seinerzeitigen Pfarrers und Propstes Christian Stäblein, jetzt Bischof der EKBO, hieß es: »Ach! Glaube bloß frommes Bewusstsein. Alles mit Gefühl. Alles Erfahrung im Vollzug für das Subjekt im Mittelpunkt. Wie soll da noch irgendetwas dazukommen, das nicht schon vorher im Subjekt war?« Hier wird auf den Punkt gebracht, was über Schleiermacher an scheinbaren Gewissheiten kursiert: alles nur Subjektivität und Gefühl. Ich möchte diese Gewissheit im Folgenden in Zweifel ziehen. Zwar ist es unstreitig richtig, dass Schleiermacher, wie alle Vertreter der Klassischen Deutschen Philosophie nach Kant, der Subjektivität einen hohen Stellenwert einräumt, aber er reduziert nicht alles auf Subjektivität. Meine Gegenthese lautet: bei Schleiermacher handelt es sich um eine bedingte Subjektivität, die sich nicht durch einen Akt der Selbstsetzung bzw. Selbstermächtigung konstituiert, sondern sich – als Subjektivität – einem sie Bedingenden verdankt. Dies ist nicht schöpfungstheologisch zu verstehen, sondern im strikten Sinne des Schleiermacherschen Begriffs dessen, was gewöhnlich unter dem Titel »Subjektivität« behandelt wird.

Im Folgenden möchte ich diese These in zwei Schritten näher begründen. Zunächst ① werfe ich einen Blick auf den frühen Schleiermacher und besonders die Struktur des religiösen Bewusstseins in den Reden über die Religion von 1799. Sodann ② verfolge ich die Ausgestaltung dieser Position in philosophischer Hinsicht bis hin zu den an der Berliner Universität gehaltenen Vorlesungen.

❶ Schleiermacher, das mag angesichts der erwähnten Etikettierungen erstaunen, gebraucht den Begriff »Subjekt« relativ sparsam. In seinen von ihm selbst in den Druck gegebenen Schriften kommt er, soweit ich sehe, gar nicht vor; die wenigen Stellen in seinen frühen Manuskripten sind Kant-Zitate bzw. Paraphrasen von Kant bzw. Fichte.1 Nicht viel anders sieht es in den eigenhändigen Vorlesungsmanuskripten aus: in denen zur Philosophischen Ethik etwa findet sich nur dreimal die Formulierung »Subject« bzw. »Subjectivität«,2 in der Dialektik kommt der Terminus vor allem im Kontext der Verbindung Subjekt-Objekt bzw. Subjekt-Prädikat vor. Einen systematisch herausragenden Status also, so viel wird an diesem Befund deutlich, hat die Rede vom Subjekt bzw. der Subjektivität bei Schleiermacher nicht.

Ein Blick in die Entwicklungsgeschichte des Schleiermacherschen Denkens macht deutlich, warum das so ist. Nach einer Phase, in der er sich vorzugsweise an Kant abarbeitet,3 gerät er in den Sog des Spinozismusstreits und versucht im Ergebnis seiner Lektüre des Jacobischen ›Spinoza-Büchleins‹ 1793/94 eine Kombination von Kant und Spinoza.4 Diese läuft darauf hinaus, dass Spinoza Kants transzendentalen Idealismus durch die Voraussetzung eines bewusstseinstranszendenten Seins jenseits der Entgegensetzung von Subjekt und Objekt ergänzt; Kant hingegen macht dem Spinozismus deutlich, dass dieses Sein nur als Objekt, für uns, im Rahmen der subjektiven Erkenntnisvermögen, und nicht als Sein an und für sich thematisierbar ist. Damit wird begründet, was Schleiermacher im Unterschied zu Kants (und später auch zu Fichtes) Fokussierung auf das Transzendentalsubjekt ein objektives Philosophieren nennen wird. Schleiermacher geht seither davon aus, dass unsere Begriffe und Urteile nicht nur ein objektiv gültiges Wissen im Sinne Kants begründen, sondern tatsächlich der Objektivität entsprechen. Denken und Sein sind parallel anzusetzen und stehen in einem Entsprechungsverhältnis – wie bei Spinoza Denken und Ausdehnung. Das All-Eine, Absolute oder Unbedingte jedoch ist, so Schleiermacher, als absolute Einheit jenseits aller Entgegensetzungen nicht innerhalb dieser Entgegensetzung von Denken und Sein zu erfassen, die damit so etwas wie eine Grenze der rationalen Erkenntnisvermögen markiert.

Es ist offenkundig, dass mit dieser Verschiebung der transzendentalphilosophischen Problematik das Subjekt einen anderen Status erhält und depotenziert wird. Es wird nicht nur die transzendentale Objektivität aufgewertet und in ein anderes Verhältnis zum Subjekt gesetzt, es wird auch ein Unbedingtes als absolute Einheit beider Seiten statuiert, das zwar nicht rational erkennbar ist, aber Subjektivität und Objektivität in sich fasst. Diese sind jetzt als Verendlichungen eines unendlichen Seins, der spinozistischen Substanz, zu verstehen. In Schleiermachers Spinoza-Studien nimmt daher das Problem der Individuation einen bedeutenden Raum ein; gegen Jacobis Behauptung, Spinoza könne Individuation nicht wirklich denken, da nach ihm nur die einzige Substanz Bestand habe, versucht Schleiermacher den Nachweis, dass in Spinozas Philosophie ein »Princip der Trennung der Objecte« vorhanden sei und »ein jedes einzelnes Ding seine eigene verschiedene Lebenskraft habe« (KGA I/1, 553 f.). Das, was als Subjektivität bezeichnet werden kann, ist für Schleiermacher ein Fall von Individuation; Individualität aber bezieht sich nicht nur auf die Seite der Subjektivität, sondern ebenso auf die Seite der Objektivität.

Mit seiner spinozistischen Reinterpretation der Transzendentalphilosophie befindet sich Schleiermacher auf Augenhöhe mit der nachkantischen Philosophie, obwohl er von den philosophischen Debatten weitgehend abgeschnitten war und sich als »Selbstdenker« in die Schrift Jacobis vertiefte. Nur vor diesem Hintergrund konnte Schleiermacher wenig später, nachdem er 1796 in Berlin die Stelle als reformierter Prediger an der Charité übernommen hatte, aufgrund der Begegnung mit Friedrich Schlegel unmittelbar Anschluss an die frühromantischen Diskurse gewinnen und zu einem der Protagonisten der Frühromantik werden. Dies und auch die Begegnung mit Fichtes Schriften verändert nicht Schleiermachers grundlegende Position. In einer wohl 1798 niedergeschriebenen Notiz übersetzt er Fichte in seine spinozistische Grundstruktur: »Subiect, Obiect und Subiect-Obiect als Betrachtungsarten des Ich sind nur Anwendungen der Kategorien von Eins Vieles und Alles.« (KGA I/2, 23)5 Für Schleiermacher ist das absolute Ich Fichtes das »Alles« im Sinne der spinozistischen All-Einheit. Im Unterschied zu Fichte und dem frühen Schelling6 versteht er diese jedoch nicht wiederum subjektiv, als Ich, sondern als Einheit jenseits der Entgegensetzung von Subjekt-Objekt bzw. Ich und Nicht-Ich. Nur eine solche Position kann für Schleiermacher gewährleisten, dass ein Standpunkt auch jenseits der Entgegensetzung von Idealismus und Realismus gewonnen wird. Einerseits will Schleiermacher, wie er Anfang 1800 im Blick auf Fichte schreibt, sich im Rahmen des Idealismus »die wirkliche Welt […] warlich nicht nehmen laßen« (an Carl Gustav v. Brinckmann, 4. 1. 1800, KGA V/3, 316); andererseits will er aber auch den Gegensatz des Idealen und Realen überhaupt überwinden: »Die Vereinigung des Idealismus und Realismus ist das, worauf mein ganzes Streben gerichtet ist […] Man kann innerhalb des Idealismus […] nicht stärker entgegengesetzt sein als er [Fichte] und ich.« (an F. H. C. Schwarz, 28. 3. 1801; KGA V/5, 73–76) Eine doppelte Brechung der Subjektivität also: sie wird erstens zugunsten der »wirklichen Welt« – d. h.: der Objektivität – depotenziert, indem sie nicht mehr nur negativ bestimmt und damit dem Ich untergeordnet wird; und zweitens wird das Absolute weder unter der Form des Subjekts noch unter der Form des Objekts gefasst, indem es als Einheit des Idealen und Realen jeder Entgegensetzung überhoben wird.

Diese Auffassung prägt auch Schleiermachers wohl bekannteste Schrift der Berliner Zeit 1796–1802, die 1799 anonym publizierten Reden über die Religion. Die Depotenzierung der Subjektivität oder des Idealen wird hier so vollzogen, dass Schleiermacher gegen Fichte auf einen »höheren Realismus« (KGA I/2, 213) verweist, der den Absolutheitsanspruch des Ich bricht; hierfür steht Spinoza ein, der von Schleiermacher zum Kronzeugen eines religiösen Bewusstseins gemacht wird. Wir haben also zwei Ebenen zu unterscheiden: einmal den ›gewöhnlichen‹ Realismus, den sich, Schleiermacher zufolge, Fichtes Idealismus zu Recht unterordnet – gemeint ist offenbar eine deterministische Ansicht der ›Welt‹ –, zum anderen den ›höheren‹ Realismus, der, so Schleiermachers Formel, im ›Anschauen des Universums‹ besteht: Das Wesen der Religion, so heißt es, sei »weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. Anschauen will sie das Universum, in seinen eigenen Darstellungen und Handlungen will sie es andächtig belauschen, von seinen unmittelbaren Einflüßen will sie sich in kindlicher Paßivität ergreifen und erfüllen laßen.« (KGA I/2, 211) Das religiöse Bewusstsein wird hier als Passivität bestimmt. Die Aktivität geht von dem Angeschauten aus, einem »Handeln« des Universums auf uns, welches von dem Anschauenden »seiner Natur gemäß aufgenommen, zusammengefaßt und begriffen wird« (KGA I/2, 213 f.). Das Universum ist wesentlich eine ununterbrochene Tätigkeit und Offenbarung, d. h. Selbstmanifestation.7

Hierbei darf nicht vergessen werden, dass sowohl die Aktivität des Universums als auch die passive Hingabe an das Universum sich im Rahmen der Entgegensetzung von Subjekt und Objekt, von Idealem und Realem bewegen; nur deshalb kann Schleiermacher auch von einem ›höheren Realismus‹ sprechen. Anders gesagt: auch das religiöse Bewusstsein ist, wie jedes Bewusstsein, nur ein uneigentliches Innewerden des Absoluten. Nicht das Universum selbst, sondern seine Wirkung auf uns ist demnach Gegenstand der Anschauung. Das Universum selbst liegt jenseits aller Vorstellung, die immer schon so etwas wie Objektivität bezeichnet, und kann daher nicht angeschaut werden. Angeschaut werden vielmehr die Manifestationen des Universums in den Subjekten und ihrer ›Welt‹; genauer: wir schauen sie an als Manifestationen des Universums. In der Passivität des Bewusstseins, der Anschauung, transzendieren wir unsere Subjektivität in Richtung auf einen höheren Realismus; im Anschauen aber verhalten wir uns aktiv zum Universum. Die ursprüngliche Anschauung ist demnach nicht die Einheit des Subjekts und des Objekts, des Idealen und Realen, sondern eine Einheit von Rezeptivität und Spontaneität. Es handelt sich um ein Einheitserlebnis, in dem wir mit dem Universum verschmelzen und zwischen ihm und unserem Anschauen nicht unterscheiden können: »Die geringste Erschütterung, und es verweht die heilige Umarmung, und nun erst steht die Anschauung vor mir als eine abgesonderte Gestalt, ich meße sie, und sie spiegelt sich in der offenen Seele wie das Bild der sich entwindenden Geliebten in dem aufgeschlagenen Auge des Jünglings, und nun erst arbeitet sich das Gefühl aus dem Innern empor, und verbreitet sich wie die Röthe der Schaam und der Lust auf seiner Wange«. (KGA I/2, 221 f.) Die Fixierung der Anschauung, die mit dem Anschauen als unserer Aktivität ursprünglich eins ist, ermöglicht eine andere, nicht mehr anschauende Aktivität in Bezug auf das Angeschaute, nämlich die Reflexion (hier: das Messen). Sie wird aber begleitet von einem subjektiven Innewerden der ursprünglichen Anschauung, die hier eine Transformation ins Subjektive erfährt; das Gefühl ist als Fühlen »Sinn und Geschmack fürs Unendliche« (KGA I/2, 212), zugleich aber auch Aktivität, denn es arbeitet sich aus dem Inneren (des Subjekts) empor und ist Hingabe im aktiven ebenso wie im passiven Sinne.

Beim religiösen Bewusstsein der Reden handelt es sich um ein komplexes Spiel von Instanzen, das im Rückgang auf den Begriff der Subjektivität überhaupt nicht mehr beschreibbar ist, da dieser nur als Moment eines Ganzen ins Spiel kommt. Das Höchste ist weder das Subjekt noch das Objekt, weder das Ideale noch das Reale, sondern auch für Schleiermacher gilt: das Wahre ist das Ganze: »Nun laßt uns höher steigen, dahin wo alles streitende sich wieder vereinigt, wo das Universum sich als Totalität, als Einheit in der Vielheit, als System darstellt, und so erst seinen Namen verdient; sollte nicht der, der es so anschaut als Eins und Alles, auch ohne die Idee eines Gottes mehr Religion haben, als der gebildetste Polytheist? Sollte nicht Spinoza eben so weit über einem frommen Römer stehen, als Lukrez über einem Gözendiener?« (KGA I/2, 245)

❷ Auch wenn Schleiermacher in den Reden Religion und Philosophie strikt auseinanderhalten will, ist das religiöse Bewusstsein qua Bewusstsein von dem philosophischen Bewusstsein nicht grundsätzlich geschieden. Vielmehr handelt es sich um eine andere Auslegung derselben Strukturen; in der späteren philosophischen Ethik bestimmt Schleiermacher das Religiöse (und Künstlerische) auch als individuelles Symbolisieren, das Wissenschaftliche als identisches Symbolisieren. Auch in Schleiermachers Philosophie begegnet uns daher das Spiel der Instanzen, in dem Subjektivität nur ein Moment ist. Dies gilt selbst für diejenige der frühromantischen Schriften, in der das Subjekt als Ich schon vom Titel her ins Zentrum gesetzt wird: die 1800 anonym publizierten Monologen. Eigentlich wollte Schleiermacher, wie er in einem Brief bekannte, »etwas ganz objectives machen, nicht ohne viel Polemik, und das Subjective sollte nur die Einleitung sein. Aber im Entwerfen des Plans wuchs mir das Subjective so über den Kopf, daß auf einmal die Sache wie sie jetzt ist vor mir stand« (an Henriette Herz, 16. 9. 1802, KGA V/6, 151 f.). Das bedeutet jedoch nicht, dass Schleiermacher dem Subjekt auch systematisch eine grundlegende Stelle einräumt, obwohl der Text von manchen Zeitgenossen in die Nähe Fichtes gerückt wurde.8 Fluchtpunkt der Transzendierung von Subjektivität in den Monologen ist nicht, wie in den Reden, das Universum, sondern die ›Welt‹; sie bleiben daher innerhalb der Entgegensetzung von Subjektivität und Objektivität. Gleichwohl gilt auch hier: das Individuum ist Individuation eines Allgemeinen, nämlich der Menschheit. Die »höchste Anschauung« besteht darin, »daß jeder Mensch auf eigne Art die Menschheit darstellen soll, in einer eignen Mischung ihrer Elemente, damit auf jede Weise sie sich offenbare, und wirklich werde in der Fülle der Unendlichkeit Alles was aus ihrem Schooße hervorgehen kann« (KGA I/3, 18). Die Ausbildung der eigenen Individualität ist zugleich die Individuation der Menschheit als ganzer, die sich darin in einer ihrer unendlichen Möglichkeiten darstellt. Diese Position schließt ein, dass die anderen Individuen ebenso als Darstellungen des Unendlichen erkannt und anerkannt werden müssen, dass das Individuelle gleich gilt und als solches schon immer Darstellung des Allgemeinen, der unendlichen Menschheit ist. Das Individuum kann unter dieser Voraussetzung nur dann zureichend beschrieben und begrifflich erfasst werden, wenn es sowohl in seiner Eigentümlichkeit als auch in seiner Gemeinschaft mit Anderen als integraler Teil der Menschheit bestimmt wird: »Nur wenn der Mensch im gegenwärtigen Handeln sich seiner Eigenheit bewußt ist, kann er sicher sein, sie auch im Nächsten nicht zu verlezen; und nur wenn er von sich beständig fordert die ganze Menschheit anzuschaun, und jeder andern Darstellung von ihr sich und die seinige entgegen zu sezen, kann er das Bewußtsein seiner Eigenheit erhalten« (KGA I/3, 22).

Hieran wird deutlich, weshalb Schleiermacher in seinen 1803 publizierten Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre eine wissenschaftliche Ethik nur dann für möglich erklärt, wenn von einer obersten Wissenschaft ausgegangen und dabei »objectiv philosophirt«, d. h. »von dem Unendlichen als dem einzigen nothwendigen Gegenstande ausgegangen« werde (KGA I/4, 66). Der Rekurs auf die unendliche Menschheit bedeutet demnach keine anthropologische Grundlegung der Ethik, sondern bezieht die Subjekte auf das bereits Individuierte, dessen Grund dann im Unendlichen bzw. Absoluten selbst zu suchen ist, den die oberste Wissenschaft thematisiert. Das Grundverhältnis von Eigentümlichkeit und Gemeinschaft hat Schleiermacher sowohl in seiner philosophischen Ethik als auch in seiner Psychologie in verschiedenen Formulierungsvarianten als »Absondern« und »In-Gemeinschaft-Treten« beschrieben, wobei dies, wie immer bei Schleiermacher, nur relative Gegensätze sind, da sie sich auf einen absoluten Einheitsgrund zurückbeziehen, der in den späteren Fassungen der Ethik seit 1811 aus der Dialektik vorausgesetzt wird.

Die philosophische Ethik trägt intern der Forderung nach einem objektiven Philosophieren insofern Rechnung, als sie nicht vom Einzelnen, dem Individuum oder der einzelnen Handlung, sondern vom Allgemeinen, der Lehre vom höchsten Gut, ausgeht. Gegenstand dieser Lehre ist der (geschichtlich verstandene) Prozess der Einigung von Natur und Vernunft durch die Bildung der Natur zum Organ der Vernunft und den Gebrauch dieses Organs zur Darstellung der Vernunft. In dieser Darstellung werden, Schleiermacher zufolge, Produzieren und Produkt als Einheit betrachtet, so dass es nicht um individuelle, sondern um gesellschaftliche Handlungsprozesse geht. Wie Hegel geht Schleiermacher mit Aristoteles von der Gesellschaftlichkeit des Menschen als grundlegendem Faktum aus und kritisiert alle Theorien einer vertragsförmigen Vergesellschaftung atomisierter Individuen. Zugleich macht die Priorität der Lehre vom höchsten Gut gegenüber der Tugend- und Pflichtenlehre deutlich, dass Schleiermacher die Ethik nicht im Rückgang auf einzelne moralische Subjekte aufbaut, sondern im Rückgang auf die gemeinschaftliche Sittlichkeit. Erst die Tugendlehre betrachtet dann »die Vernunft in dem einzelnen Menschen« als individualisierte Vernunft in dem Sinne, daß sie im Einzelnen eine lebendige Einheit von Sinnlichkeit und Vernunft bildet, die letztlich in einer ethischen Gesinnung hervortritt.9 Durch die Vernunft ist aber auch hier das sittliche Individuum von vornherein auf das Universelle bezogen. Die Pflichtenlehre schließlich betrachtet das Individuelle nicht von der Gesinnung her, sondern vom wirklichen Handeln der Individuen. Sie zeigt die Dynamik in den einzelnen sittlichen Handlungen selbst auf und ist »Darstellung des ethischen Prozesses als Bewegung, und die Einheit also der Moment und die That«.10 Die einzelne Handlung vermittelt zwischen der individuellen Einheit von Vernunft und Natur (Tugend) und der Gesamtheit des menschlichgeschichtlichen Vernunft-Verhältnisses zur Natur (höchstes Gut). Insgesamt bestätigt die Ethik, dass das Subjekt und das Subjektive bzw. das Individuelle für Schleiermacher – in seiner Terminologie – nur den einen Pol im Verhältnis zum Objektiven bzw. Allgemeinen darstellt und zwischen ihnen eine Wechselwirkung (Schleiermacher spricht auch vom Oszillieren) statthat.11

Nun ist, wie wir bereits aus der Betrachtung der Reden wissen, diese Wechselwirkung nicht das Letzte. Die Wechselwirkung findet im Endlichen statt, d. h. innerhalb einer relativen Entgegensetzung; relativ deshalb, weil der Gegensatz überhaupt für Schleiermacher unter einer absoluten Einheit steht. Diese Figur wird theologischdogmatisch als frommes Selbstbewusstsein (Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit) ausgelegt,12 philosophisch als unmittelbares Selbstbewusstsein (Gefühl) in der Dialektik, auf die ich mich im Folgenden beziehe. Hierbei ist zunächst festzuhalten, dass Schleiermacher zwischen einem reflektierten und dem unmittelbaren Selbstbewusstsein unterscheidet. Das reflektierte Selbstbewusstsein ist »Ich« und sagt »nur die Identität des Subjects in der Differenz der Momente« aus (KGA II/10, 1, 266). Diese Differenz besteht im Verhältnis zur Objektivität überhaupt als auch im Verhältnis zu raum-zeitlich wechselnden Objekten. Es geht dabei jedoch nicht nur um die Identität des Ich, sondern auch und vor allem um die Identität des Denkens und Seins, denn anders als Kant geht Schleiermacher davon aus, dass unsere Begriffe und Urteile dem gedachten Sein auch tatsächlich entsprechen. Die Überzeugung, dass diese Entsprechung gegeben ist, liegt für Schleiermacher im reflektierten Selbstbewusstsein; er beschreibt dies in drei Hinsichten: (1) »daß wir beides Denken sind und Gedachtes und unser Leben haben im Zusammenstimmen beider«, (2) dass »das Wissen selbst […] uns […] nur im Sein gegeben« sei, »aber als ein von ihm verschiedenes«, und (3), dass »ein gegenseitiges Werden« von Denken und Sein »durch einander in der Reflexion und im Willen gegeben« sei und niemand glauben könne, »daß beide beziehungslos neben einander hingehen« (KGA II/10, 1, 93). Zugleich ist aber für Schleiermacher diese Überzeugung grundlos in dem Sinne, dass sie zwar unseren theoretischen und praktischen Umgang mit der ›Welt‹ leitet, jedoch im Reflexionsverhältnis, d. h. innerhalb der Differenz von Subjekt und Objekt, nicht begründet werden kann. Da Wissen Beziehung des Denkens auf das Sein ist, bilden Denken und Sein bzw. Ideales und Reales für das Wissen einen unhintergehbaren »höchsten Gegensaz«, der als Denkgrenze nach »oben« anzusehen und für Schleiermacher auf ein ungeteiltes Sein zurückzuführen ist, »welches ihn und mit ihm alle zusammengesezten Gegensäze aus sich entwikelt«; dies ist die »Idee des Seins« als Idee einer nichtrelationalen Identität (KGA II/10, 1, 101). Anders gesagt: wir können den Grund der Einheit nicht wissen.

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