Kitabı oxu: «Pädagogische Psychologie»

Standards Psychologie
Begründet von
Theo W. Herrmann (†)
Werner H. Tack
Franz E. Weinert (†)
Weitergeführt von
Marcus Hasselhorn
Herbert Heuer
Frank Rösler
Herausgegeben von
Marcus Hasselhorn
Wilfried Kunde
Silvia Schneider
Marcus Hasselhorn
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5., überarbeitete Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039782-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039783-5
epub: ISBN 978-3-17-039784-2
Inhalt
1 Vorwort zur 3. Auflage
2 Vorwort zur 5. Auflage
3 Wie man mit diesem Buch arbeiten kann
4 Einleitung
5 Was ist Pädagogische Psychologie?
6 Womit beschäftigt sich die Pädagogische Psychologie?
7 Wie ist Pädagogische Psychologie zu dem geworden, was sie ist?
8 Aufbau des Lehrbuchs: Erfolgreiches Lernen und Lehren
9 Teil I Lernen
10 1 Auffassungen über Lernen
11 1.1 Lernen als Assoziationsbildung
12 1.2 Lernen als Verhaltensänderung
13 1.3 Lernen als Wissenserwerb
14 1.4 Lernen als Konstruktion von Wissen
15 2 Erfolgreiches Lernen als gute Informationsverarbeitung
16 2.1 Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis
17 2.2 Vorwissen
18 2.3 Lernstrategien und ihre metakognitive Regulation
19 2.4 Motivation und Selbstkonzept
20 2.5 Volition und lernbegleitende Emotionen
21 3 Ergebnisse erfolgreichen Lernens
22 3.1 Erwerb bereichsspezifischer Expertise
23 3.2 Erwerb bereichsübergreifender Kompetenzen
24 3.3 Lerntransfer
25 4 Besonderheiten des Lernens
26 4.1 Allgemeine Entwicklungsvoraussetzungen erfolgreichen Lernens
27 4.2 Lernschwierigkeiten
28 4.3 Lernbesonderheiten Hochbegabter
29 4.4 Lernen im (hohen) Erwachsenenalter
30 Teil II Lehren
31 5 Auffassungen über Lehren
32 5.1 Lehren und Lernen
33 5.2 Dimensionen der Unterrichtsqualität
34 5.3 Voraussetzungen erfolgreichen Lehrens
35 6 Methoden erfolgreichen Lehrens
36 6.1 Darstellende Methoden
37 6.2 Entdeckenlassende und problemorientierte Methoden
38 6.3 Kooperative Methoden
39 6.4 Lehren selbstregulierten Lernens
40 7 Rahmenbedingungen des Lehrens
41 7.1 Schulbereitschaft und Einschulung
42 7.2 Klassenführung und Klassenmanagement
43 7.3 Beurteilen und Bewerten schulischer Leistungen
44 7.4 Instruktionsmedien
45 7.5 Determinanten schulischer Leistungen
46 8 Besonderheiten des Lehrens
47 8.1 Kognitives Training
48 8.2 Förderung von Motivation und Interesse
49 8.3 Jungen und Mädchen im Bildungssystem
50 8.4 Instruktion bei besonderen Lernvoraussetzungen
51 Fragen zur Lernkontrolle
52 Literatur
53 Stichwortverzeichnis
Vorwort zur 3. Auflage
Neuauflagen eines Lehrbuchs sehen seine Autoren oft mit gemischten Gefühlen entgegen. Zum einen haben sich der Sachstand einer Disziplin und die Kenntnisse der Autoren weiterentwickelt, zum anderen hat sich die einst vorgelegte Konzeption offenbar bewährt. Ein ganz neues Buch möchte man also nicht schreiben – nur mit kleineren Korrekturen und Aktualisierungen ist es aber vielfach auch nicht getan. Wir haben für die 3. Auflage der Pädagogischen Psychologie grundlegende Überarbeitungen vorgenommen, die allerdings nicht alle Teilbereiche und Kapitel des Buches in gleicher Weise betreffen.
Beibehalten wurde die grundlegende Struktur des Lehrbuchs, also die Aufgliederung in die beiden Hauptteile »Lernen« und »Lehren« und die meist spiegelbildlich in diesen Hauptteilen jeweils angelegten vier inhaltlichen Kapitel. Beim »Lehren« ist ein Teilkapitel über Schulbereitschaft und Einschulung hinzugekommen. Ganz neu konzipiert wurde das fünfte Kapitel »Auffassungen über Lehren« – sehr viel mehr wissen wir inzwischen über die Dimensionen der Unterrichtsqualität und über Voraussetzungen erfolgreichen Lehrens. Auch die anderen Kapitel im Teil »Lehren« sind gründlicher überarbeitet worden.
Die Neuauflage ist um 50 Seiten umfangreicher geworden, das Literaturverzeichnis enthält mehr als 300 neue Belegquellen. Dennoch: Nicht alle Neuerungen und Weiterentwicklungen der Pädagogischen Psychologie konnten Berücksichtigung finden, um den Charakter eines einführenden Lehrbuchs nicht zu verlieren. Damit der umfängliche Zuwachs in Grenzen bleibt, haben wir auf den »Ausblick« verzichtet – das dort bislang angesprochene Thema »Beratung« hätte aufgrund seiner Bedeutsamkeit zusätzlichen Raum beansprucht, der nicht zur Verfügung stand.
Weil es beim Lernen und Lehren stets um männliche und weibliche Personen geht, musste mit Blick auf eine geschlechtergerechte Sprachverwendung eine Entscheidung getroffen werden. Da es sich beim vorliegenden Buch um ein Lehrbuch handelt, haben wir bei unserer Entscheidung das Kriterium der sprachlichen Einfachheit höher gewichtet als das der Gendergerechtigkeit der Sprache. Zugunsten einer leichteren Verständlichkeit und Behaltbarkeit der Ausführungen haben wir die verallgemeinernde grammatikalisch männliche Bezeichnung (Genus) gewählt, sofern sich im Einzelfall nicht andere, stilistisch ansprechende Alternativen finden ließen. Im Teilkapitel »Jungen und Mädchen im Bildungssystem« wird die generisch-männliche Form allerdings nicht verwendet, weil dort die Unterschiede zwischen den biologischen Geschlechtern (Sexus) im Zentrum der Darlegungen stehen. Dort ist also mit Absicht entweder von Schülerinnen oder von Schülern die Rede.
Seit Erscheinen der 1. und 2. Auflage des Lehrbuches haben wir viele – zumeist sehr ermutigende – Rückmeldungen von Lesern erhalten. Die häufigste Rückmeldung bezog sich dabei auf die gewählte Darstellung unseres heuristischen Modells der INdividuellen VOraussetzungen erfolgreichen Lernens (INVO-Modell,
Kap. 2,
Abb. 2.1). Dort haben wir die fünf wichtigsten Inhaltsbereiche individueller Lernvoraussetzungen als Zahnradwerk dargestellt, in dessen Mitte das erfolgreiche Lernen steht. Viele Male sind wir zu Recht darauf hingewiesen worden, dass diese Darstellung an eine Maschine erinnert, die nicht funktioniert. Versucht man eines der Zahnräder in Bewegung zu setzen, so blockiert die Mechanik. Wir haben auch konkrete Vorschläge erhalten, wie sich diese »Lernmaschine« so darstellen ließe, dass sie »funktioniere«. Diese guten Vorschläge haben wir mit Bedacht dennoch nicht aufgegriffen und sehr bewusst die ursprüngliche Form der Darstellung beibehalten. Dies hat vor allem einen didaktischen Grund: Solange beim Lesen die Assoziation entsteht, dass diese »Maschine« noch nicht richtig »funktioniere«, erleichtert dies das Verstehen und Behalten unserer Kernaussage, dass wir mittlerweile zwar viel über die relevanten individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens wissen und wie diese – jede für sich – den Lernprozess günstig beeinflussen, dass wir jedoch noch immer viel zu wenig darüber wissen, wie die individuellen Voraussetzungen in ihrem Zusammenwirken den Lernerfolg entstehen lassen.
Die Arbeit an der Neuauflage hat von Kommentaren und Anregungen unserer Leser ebenso profitiert wie von den Kritiken und Korrekturvorschlägen einiger Kollegen. Ein besonders herzlicher Dank für hilfreiche Anregungen beim Entstehen der hier vorgelegten 3. Auflage gilt Katrin Arens, Minja Dubowy, Dagmar Duzy, Lena Guderjahn, Julika Knopp, Mareike Kunter, Chantal Rietz und Cora Titz.
Frankfurt am Main, im Sommer 2012
Marcus Hasselhorn und Andreas Gold
Vorwort zur 5. Auflage
Die 2006 erstmals und 2009 in zweiter Auflage erschienene Pädagogische Psychologie war zuletzt für die 3. Auflage (2013) grundlegend überarbeitet und erweitert worden. Für die 4. Auflage (2017) war es mit einigen Aktualisierungen getan. Um der ungebremsten Entwicklungsdynamik im Bereich der Pädagogischen Psychologie des Lernens und Lehrens und in der Empirischen Bildungsforschung gerecht zu werden, waren für die 5. Auflage erneut erhebliche Aktualisierungen und Erweiterungen vorzunehmen. Sie betreffen alle Kapitel. Beibehalten wurde die grundlegende Struktur des Lehrbuchs, also die Aufgliederung in die beiden Hauptteile »Lernen« und »Lehren« und die meist spiegelbildlich in diesen Hauptteilen angelegten vier Hauptkapitel mit ihren Teilkapiteln. Beim »Lernen« sind die Neuerungen in den Teilkapiteln über die »Besonderheiten des Lernens« besonders augenfällig. Und auch beim »Lehren« sind die wichtigsten Neuerungen in den Teilkapiteln über die »Besonderheiten des Lehrens« zu finden, sowie bei den »Rahmenbedingungen des Lehrens«. Im letztgenannten Hauptkapitel wurde das vormalige Teilkapitel 7.2 ans Ende des Hauptkapitels verschoben.
Durch Kürzungen an anderen Stellen ist die Neuauflage nicht umfangreicher geworden. Das Literaturverzeichnis enthält mehr als 300 neue oder aktualisierte Belegquellen, dafür sind Verweise entfallen, die nicht mehr aktuell waren. Damit wesentliche Argumentationsmuster besser nachvollzogen und überprüft werden können, haben wir im Zweifelsfall den leichter zugänglichen Referenzquellen den Vorzug gegeben.
Frankfurt am Main, im Sommer 2021
Marcus Hasselhorn und Andreas Gold
Wie man mit diesem Buch arbeiten kann
Sie können das Buch von vorne bis hinten durchlesen. Aber Leserinnen und Leser unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Interessen und Absichten, ihre Vorkenntnisse und Vorerfahrungen und in Bezug auf die Fragen und Anliegen, mit denen sie an die Pädagogische Psychologie herantreten. Anhand des Inhaltsverzeichnisses und der einführenden Abschnitte zu den jeweiligen Hauptkapiteln können Sie eine Vorauswahl treffen, was Sie vordringlich lesen möchten. Um das Textverstehen zu erleichtern, haben wir uns um eine klare inhaltliche Strukturierung bemüht. Als besondere Strukturelemente werden Kästen verwendet, die gerahmt oder blau unterlegt sind. Davon gibt es drei unterschiedliche Typen. Zur Illustration sind sie hier aufgeführt. Zudem gibt es Leseempfehlungen am Ende der Kapitel.
Orientierungsfragen
Werden am Anfang der jeweiligen Teilkapitel gestellt. Auf welche Fragen soll ein Textabschnitt Antworten geben? Eine naheliegende Frage wäre im Moment etwa die folgende:
• Wie kann man am besten behalten, was man liest?
Studie/Beispiel/Definition/Fokus
Solche Kästen gibt es am häufigsten. Ein Konzept oder ein Begriff werden definiert oder beispielhaft beschrieben. Eine empirische Studie oder ein Sachverhalt werden exemplarisch dargestellt.
Zusammenfassung
Enthält die Kernaussagen eines Hauptkapitels. Zusammenfassungen gibt es jeweils am Ende der acht Hauptkapitel und am Ende der Einleitung.
Als Hilfe zur Selbstprüfung finden Sie im Anhang einige Fragen zu jedem Hauptkapitel. Sie sollten sie nach dem Lesen des Buches beantworten können.
Strukturierungshilfen können nur ein Angebot sein. Das Verstehen und Behalten eines Textes hängt nicht nur von seiner Schwierigkeit und von Merkmalen der Textgestaltung ab, sondern ganz entscheidend von Ihren eigenen Kompetenzen und von den Verstehens- und Behaltensstrategien, die Sie einsetzen. Ein Lehrbuch, das Sie sich erarbeiten, zeigt anschließend Spuren dieser Arbeit; und das soll es auch, zumindest, wenn es Ihr persönliches Exemplar ist (bei entliehenen Büchern finden sich diese Spuren idealerweise auf Zetteln oder Kärtchen und nicht im Buch selbst). Deshalb ist ein Lehrbuch auch keine bibliophile Kostbarkeit, sondern als hilfreiches Arbeitsmittel zum Aufbau individueller Wissensstrukturen gedacht. Der Inhalt einer Textseite gelangt nämlich leichter in Ihren Kopf, wenn Ihre Gedanken zugleich den Weg auf die Textseite finden.
Lernen durch Lesen. Textverstehen wird durch strategisches Lesen begünstigt. Aus kognitionspsychologischen Theorien lässt sich ableiten, welche Strategien besonders geeignet sind, die Informationsaufnahme aus Texten zu unterstützen. Dazu gehören reduktiv-organisierende Strategien, die dabei helfen, die Hauptgedanken eines Textes zu erfassen. Dazu gehören auch elaborierende Strategien, die eine Anbindung der Textinhalte an das bereits vorhandene Wissen befördern. Hinzu kommen metakognitive Strategien, die dabei helfen, die eingesetzten Lesestrategien den wechselnden Anforderungen und dem individuellen Leseziel anzupassen und den gesamten Leseprozess optimal zu planen, zu überwachen und zu regulieren.
Beispiel: Lesestrategien
• Sich Fragen zum Text stellen: Wozu muss/will ich das lesen? Was will ich wissen?
• Sich an der vorgegebenen Textstruktur orientieren oder den Text selbst strukturieren.
• Sich vorher einen Überblick verschaffen. Den Text durchblättern.
• Wichtige Informationen durch Markieren oder Herausschreiben hervorheben.
• Unwichtige Details übergehen und weglassen, um den Text zu kürzen.
• Überschriften beachten oder selbst passende Überschriften formulieren.
• Wichtiges in eigenen Worten zusammenfassen und wiederholen.
• Nach Anwendungsbeispielen suchen.
• Im Text Analogien zu bereits vorhandenem Wissen entdecken.
• Widersprüche entdecken. Textaussagen kritisch bewerten.
• Schwer verständliche Textstellen mehrmals lesen.
• Das Verstehen selbst überprüfen.
• Das Behalten selbst überprüfen.
Lernen durch Lesen heißt in zweifacher Hinsicht Lücken füllen. Zum einen soll ein Text Wissenslücken bei jenen schließen, die ihn lesen. Zum anderen müssen die Leserinnen und Leser Textlücken schließen, weil ein Text nie alle Informationen enthalten kann, die zu seinem Verständnis notwendig sind. Walter Kintsch (1996) hat das in seiner Theorie des Textverstehens formuliert und die Mechanismen benannt, die den Aufbau einer kohärenten Wissensrepräsentation begünstigen. Dazu später mehr. Die meisten der im Beispielkasten aufgeführten Aktivitäten lassen sich direkt aus der Theorie von Kintsch ableiten. In Trainingsprogrammen zur Förderung des Textverstehens werden solche Strategien vermittelt (zusammenfassend: Friedrich, 1995; Leopold, 2009; Metzger, 2013; Philipp, 2015). Im Kern geht es darum, das bereits vorhandene inhaltliche Vorwissen zu aktivieren, um eine tiefere Textverarbeitung auszulösen, die das Verstehen und Behalten des Gelesenen fördert.
Einleitung
»Pädagogische Psychologie ist das, was in Lehrbüchern, Handlexika und Wörterbüchern steht, die Pädagogische Psychologie im Titel führen« (Giesen, 2002). Sollte man daraus ableiten, dass es Buchautorinnen und Herausgeber sind, die den Inhaltsbereich der Pädagogischen Psychologie bestimmen? Das ist natürlich nicht der Fall. Eine wissenschaftliche Disziplin definiert sich über ihren Gegenstandsbereich und die Methoden, derer sie sich bedient. Der Gegenstandsbereich der Pädagogischen Psychologie ist das Verhalten und Erleben von Menschen in pädagogischen Situationen, die Methoden sind die der empirischen Verhaltenswissenschaften. Zwar verweist das Kompositum der Fachbezeichnung explizit auf die Nachbardisziplin Pädagogik, indes ist die Einordnung der Pädagogischen Psychologie unter die Teilgebiete der Psychologie eindeutig und unstrittig. Wissenschaftshistorisch betrachtet ist die Pädagogische Psychologie eines der Kerngebiete der akademischen Psychologie überhaupt (Burden, 2000; Reynolds & Miller, 2003).
Wer dieses Buch liest, hat bereits eigene pädagogisch-psychologische Erfahrungen gemacht, als handelnder Akteur in pädagogischen Situationen und als Adressat pädagogischer Maßnahmen. Unzählige Male sind Sie durch einen Lehrer oder durch eine Freundin, von den Eltern, durch ein Buch oder durch ein elektronisches Medium angeleitet oder unterrichtet worden, um etwas zu verstehen, zu behalten oder um eine Fertigkeit zu erwerben. Das Unterweisen hat entweder in der Schule oder im Elternhaus stattgefunden oder in anderen, alltäglichen und natürlichen Situationen. Zugleich haben Sie immer wieder die Seiten vom Lernen zum Lehren gewechselt, haben die Rolle des Lernenden mit der des Lehrenden getauscht, um selbst jemandem etwas in pädagogischer Absicht zu erklären, vorzuzeigen oder vorzumachen. Über das Lernen und Lehren – die beiden großen Themenbereiche der Pädagogischen Psychologie – wissen wir mithin alle aus eigener Anschauung bereits Bescheid. Es ist ein Ziel dieses Lehrbuchs, die aus eigener Erfahrung bereits vorhandenen Kenntnisse und Überzeugungen mit den Befunden und Erkenntnissen der wissenschaftlich betriebenen Pädagogischen Psychologie zu konfrontieren. Dies nicht, um die vorwissenschaftlichen Überzeugungen und das »pädagogische Brauchtum« schlicht zu widerlegen, indem kontraintuitive empirische Befunde präsentiert werden, sondern im Bestreben, die vorwissenschaftlichen Überzeugungen in geeigneter und auch notwendiger Weise zu präzisieren und zu modifizieren. Solcher Präzisierungen bedarf es schon deshalb, weil das sprichwörtliche Common-Sense-Wissen nicht selten widersprüchlich daherkommt, wie die beiden gegensätzlichen Redewendungen »Früh übt sich, … « und »Es ist nie zu spät …« illustrieren mögen. Was stimmt denn nun?
Die Widersprüchlichkeiten im Alltagswissen weisen darauf hin, dass sich Common-Sense-Überzeugungen eher auf die Haupteffekte von Variablen beziehen als auf ihre Wechselwirkungen. Dies stellt die wissenschaftliche Psychologie vor die wichtige Aufgabe, solche Widersprüche aufzulösen, indem sie zum einen die Bedingungen identifiziert, unter denen ein vorgeblicher Zusammenhang tatsächlich existiert und zum anderen diejenigen, unter denen der gegenteilige Effekt auftritt. (Kelley, 1992, S. 15)1
Wissenschaftlich überprüfen heißt, etwas in Frage stellen. Für eine anwendungsorientierte Disziplin wie die Pädagogische Psychologie, die nicht nur – wie die Psychologie insgesamt – mit dem allgemeinen Menschenverstand aller Beteiligten, dem sogenannten Großmutter-Wissen (Kelley, 1992), konkurriert, sondern zugleich mit dem tradierten pädagogischen Erfahrungswissen von Lehrerinnen und Erziehern, Belehrten und Erzogenen, ist die wissenschaftliche Dignität dieser Überprüfung von ganz entscheidender Bedeutung.
So gehört es zu den Zielen dieses Buches, auf die Notwendigkeit des Hinterfragens auch dann hinzuweisen, wenn einfache Antworten nicht zu erwarten sind. Kann man Lernen lernen? Was bewirkt Schule? Können Kinder auch ohne Lehrpersonen lernen? Kann man gleichzeitig Leistungsunterschiede zwischen den Lernenden verringern und dennoch alle an ihr Leistungsoptimum heranführen? Was spricht eigentlich dafür, Mädchen und Jungen gemeinsam zu unterrichten? Eignen sich Noten als Leistungsrückmeldungen an die Schülerinnen und Schüler? Wie können Erwachsene am besten lernen? Wie und wo sollen hochbegabte Kinder unterrichtet werden?
Solche und andere Fragen können neugierig machen auf Antworten, die die Pädagogische Psychologie anzubieten hat. Die meisten dieser Fragen beziehen sich auf Probleme der pädagogischen Praxis. Sie betreffen die Tätigkeit von Lehrerinnen und Erziehern und das administrative oder politische Handeln von Bildungsverantwortlichen. Den konkreten Praxisfragen vorgeordnet sind grundlegendere Fragen, die auf die psychologischen Prozesse zielen und auf die pädagogischen Möglichkeiten der Beeinflussung von Lehr-Lern-Prozessen. Diese Fragen lassen sich auf einen gemeinsamen Kern verdichten: Welches sind die Bedingungen erfolgreichen Lernens und Lehrens und wie kann man sie gezielt herbeiführen? Es geht also um das Lernen unter den Bedingungen des Lehrens – damit ist zugleich das Leitmotiv dieses Lehrbuchs benannt.
In diesem Lehrbuch wird eine thematische Abfolge und inhaltliche Verschränkung von »Lernen und Lehren« gewählt, der die Auffassung von Lernen als »erfolgreicher Informationsverarbeitung« zugrunde liegt. Und es wird eine Auffassung von Lehren vertreten, die unterschiedliche, aber nicht beliebige Vorgehensweisen zur Förderung solcher Lernprozesse zulässt. Den beiden thematischen Schwerpunkten sind die Hauptteile I (Lernen) und II (Lehren) des Buches gewidmet. Vorangestellt ist diese Einleitung.
Orientierungsfragen
• Was sind die Kerngebiete der Pädagogischen Psychologie?
• Ist die Pädagogische Psychologie eine theoretische oder eine praktische Wissenschaft?
• Wie ist das Verhältnis zur Pädagogik?
• Welches sind die wichtigsten Forschungsfelder?
Was ist Pädagogische Psychologie?
Je nach Temperament mag man die besondere Lage der Pädagogischen Psychologie zwischen den grundlagenwissenschaftlichen Ansprüchen auf der einen Seite und den Anwendungserfordernissen der erzieherischen und unterrichtlichen Praxis auf der anderen beklagen oder begrüßen. Oft wird diese »Zwischenlage« allerdings als besonders »spannend« oder als besonderes Privileg betrachtet: als Scharnierstelle zwischen dem theoretischen Wissen und der praktischen Anwendung dieses Wissens (Burden, 2000; Calfee & Berliner, 1996; Mayer, 1992; Reynolds & Miller, 2003). »Es ist nicht leicht, ein Pädagogischer Psychologe zu sein«, schreibt der US-Amerikaner Richard Mayer, einer der prominentesten Vertreter des Faches, und meint es aber nicht so:
Unsere Kollegen in der Psychologie diskreditieren uns als »zu pädagogisch« und meinen damit unser Interesse an pädagogisch relevanten Problemen, statt an künstlichen Laboruntersuchungen. Unsere Kollegen in der Pädagogik diskreditieren uns als »zu psychologisch« und meinen damit unser Bemühen, pädagogische Praxis auf wissenschaftlichen Forschungsmethoden und Theorien aufzubauen, statt auf populäre Überzeugungen und Lehrmeinungen zu vertrauen. Wir bringen Unruhe in die Psychologie, indem wir uns weigern, künstliche Laboruntersuchungen als Endpunkt psychologischer Forschung zu akzeptieren. Wir bringen Unruhe in die Pädagogik, indem wir uns weigern, gute Absichten, Expertenmeinungen und doktrinäre Forderungen als Begründungen für pädagogisches Handeln zu akzeptieren. Dennoch ist es gerade das Zusammentreffen dieser beiden Kritikpunkte, was das einzigartige Potenzial der Pädagogischen Psychologie ausmacht, sowohl die psychologische Theorie als auch die pädagogische Praxis gewinnbringend weiter zu entwickeln. (Mayer, 2001, S. 83)
Die Ansprüche und Fragen der pädagogischen Praxis bestimmen das Feld, auf dem pädagogisch-psychologische Forschung stattfindet. Sie markieren zugleich die hohen Erwartungen: Die Forschungsergebnisse sollen in der pädagogischen Praxis nutzbar sein! In der Pädagogischen Psychologie verbindet sich die pädagogische Praxis mit der wissenschaftlichen Psychologie, die eine wird zum Forschungsgegenstand der anderen. Die Pädagogische Psychologie lässt sich insoweit als »Theorie einer Praxis« (Ewert, 1979) bezeichnen. Franz Weinert charakterisierte sie prägnant als »theoretisch orientierte, empirisch betriebene und praktisch nutzbare Wissenschaft« (Weinert, 1996b, S. 98).
Diese Position war nicht unstrittig. Sie musste sich behaupten gegen Auffassungen, die in der Pädagogischen Psychologie vornehmlich eine Hilfswissenschaft für die Pädagogik sahen, eine auf die Erfordernisse von Erziehung und Unterricht Angewandte Psychologie der bloßen Erkenntnisübertragung, oder die ihr die Aufgabe zuwiesen, praktisch-technologische Handlungsregeln zu generieren (Ewert, 1979; Weinert, 1967).
Definitionen: Pädagogische Psychologie
Pädagogische Psychologie ist die wissenschaftliche Erforschung der psychischen Seite der Erziehung; sie setzt Erziehungen und Erziehung als gegebene Tatsache voraus und bemüht sich, diese eigenartige Realität, Erziehung genannt, auf ihre psychologischen Einschläge hin zu analysieren. In diesem Sinn handelt sie von den psychologischen Voraussetzungen, Grundlagen und Wirkungen aller Erziehungstechniken, von den psychischen Vorgängen in der erziehenden und in der Erziehung empfangenden Generation, von den psychischen Seiten aller dinglichen und institutionellen Erziehungsmittel … (Fischer, 1917, S. 116–117)
Pädagogische Psychologie ist in meinen Augen als Wissenschaft notwendigerweise eine reduktive, die Phänomene vereinfachende, nach Gesetzmäßigkeiten suchende, auf Wahrscheinlichkeitsaussagen gerichtete, also im besten Sinne des Wortes theoretische Disziplin – für welche das eigentliche, zwischenmenschliche, persönlich zu verantwortende, lebendige pädagogische Handeln immer eine »andere«, nie als solche erfassbare, in Grenzen aber wissenschaftlich beschreibbare und erklärbare Realität bildet. Pädagogisch-psychologische Forschung leistet damit einen prinzipiell beschränkten, aber unverzichtbaren Beitrag zum besseren Verständnis der psychologischen Prozesse im pädagogischen Geschehen, Handeln und Wirken. (Weinert, 1996b, S. 98–99)
Pädagogische Psychologie untersucht, wie und warum Menschen in und als Ergebnis von pädagogischen Interaktionen so denken, fühlen und handeln, wie sie es tun. Angewandte Pädagogische Psychologie stützt sich auf die Einsichten, die aus dieser Forschung entstehen, um so die Interaktionen zwischen den am pädagogischen Prozess Beteiligten zu fördern und notwendige Veränderungen im Bildungssystem zu ermöglichen. (Burden, 2000, S. 477–478)
Eine Wissenschaft für sich. Wenn sie keine bloße Hilfs-, Anwendungs- oder Anhangsdisziplin sein will, wodurch lässt sich die Eigenständigkeit der Pädagogischen Psychologie begründen? Letztlich durch die Fragestellungen, die sie bearbeitet und durch die speziellen Methoden, derer sie sich bedient. Schon Aloys Fischer (1917) hat die Pädagogische Psychologie über ihren Forschungsgegenstand als selbständiges Forschungsgebiet reklamiert, zur »Erforschung der psychischen Seite der Erziehung«. In einem Handbuch der Pädagogischen Psychologie klingt das 80 Jahre später so:
Pädagogische Psychologen bearbeiten einen eigenen Bereich wissenschaftlicher Probleme, für den sie eigene Theorien und Methoden entwickelt haben. Deswegen betrachten sie ihr Fachgebiet nicht einfach als einen angewandten Zweig oder eine angewandte Subdisziplin wissenschaftlicher Psychologie. (Calfee & Berliner, 1996, S. 6)
Der Verweis auf die eigenen Methoden ist hier besonders wichtig: Zur Erforschung der komplexen Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den Merkmalen der Lernenden und der Lehrenden in pädagogischen Situationen bedurfte es nämlich einer Erweiterung des experimental-psychologischen Methodeninventars der Allgemeinen Psychologie. Denn eine experimentell-reduktionistische Ausrichtung – das wurde bald deutlich – wird dem besonderen Untersuchungsgegenstand der Pädagogischen Psychologie nicht gerecht und führt leicht in die Sackgassen der Irrelevanz. Ernest Hilgard (1964) hat früh für einen Methodenpluralismus plädiert, um der Doppelaufgabe einer Grundlagen- und Anwendungsforschung gerecht zu werden. Zwar sind die laborexperimentellen Befunde der Lernforschung unverzichtbar und von großer Bedeutung, sie reichen aber nicht aus. Notwendig sind außerdem Feldexperimente und Feldstudien sowie kontrollierte Interventions- und Trainingsstudien. Solche Interventionsstudien müssen allerdings hohen methodischen Ansprüchen genügen. Levin, O'Donnell und Kratochwill (2003) verwenden das Akronym CAREful, um in Anlehnung an die Prinzipien psychologischer Versuchsplanung (Campbell & Stanley, 1963) daran zu erinnern:
C Comparison
A Again and again
R Relationship
E Eliminate
Eine wissenschaftlich fundierte pädagogische Interventionsmaßnahme muss demnach stets im Rahmen eines angemessenen Vergleichsgruppen-Designs (Comparison), in replizierbarer Weise (Again and again) substantielle Wirkungen im Hinblick auf ein erwünschtes Erfolgskriterium (Relationship) erbracht haben. Konkurrierende Alternativerklärungen, die für das Zustandekommen von Trainingserfolgen ebenfalls verantwortlich sein könnten, sind durch entsprechende Vorkehrungen auszuschließen (Eliminate). Randomisierte kontrollierte Studien (RCT: randomized controlled trial), wie sie in der medizinischen Forschung üblich sind, erfüllen diese Anforderungen. Es ist wichtig zu betonen, dass erst das Einhalten solcher Standards die wissenschaftliche Dignität der Erkenntnisgewinnung sichert (Köller, 2020; Souvignier & Dignath van Ewijk, 2010).
Angewandte oder Grundlagenforschung? Einen solchen Gegensatz halten wir für künstlich. Die Pädagogische Psychologie ist eine theoretische Wissenschaft, die sich mit dem Verhalten und Erleben der in pädagogischen Situationen Handelnden oder durch pädagogische Maßnahmen Behandelten befasst. Ihr Kerngebiet ist die Erforschung des menschlichen Lernens unter den Bedingungen des Lehrens: Wie Menschen lernen und wie man ihnen dabei helfen kann. Angewandt auf Fragen und Probleme aus der pädagogischen Praxis ist die Pädagogische Psychologie deshalb auch stets eine praktisch nutzbare Wissenschaft.
Besonders betont wird immer wieder und zu Recht die empirische Grundlegung der Pädagogischen Psychologie, dies nicht zuletzt mit Blick auf den Niedergang der empirisch orientierten Pädagogik im Verlauf des 20. Jahrhunderts. In großen Teilen der Erziehungswissenschaft ist der Empiriebezug deutlich weniger dominant. Dass aus den Erfordernissen und Ansprüchen der pädagogischen Praxis fast zwangsläufig Spannungen und Friktionen für eine theoretisch verankerte und empirisch verpflichtete, zugleich aber anwendungsorientierte Wissenschaft erwachsen würden, hat Franz Weinert – wie schon andere vor ihm – konzediert, ohne das Primat der theoriegeleiteten empirischen Forschung deshalb in Frage zu stellen. Im Gegenteil: Vor einem Verzicht auf die Grundlagenforschung hat Weinert dringlich gewarnt, weil das langfristig zur Entwissenschaftlichung der Disziplin führen würde. Die Pädagogische Psychologie werde sich ohne empirische Grundlagenforschung zu einer Fachdidaktik ohne Fach oder – wie Weinert es formuliert hat – zur »Ingenieurwissenschaft ohne Physik« entwickeln und damit zu einer »mehr oder minder erfolgreichen Handwerkelei« (Weinert, 1998a, S. 209).
Das Primat der Theorie ist also besonders hervorzuheben. Es kommt auch in anderen Wortschöpfungen zum Ausdruck, wenn es um die nähere Charakterisierung der Disziplin geht, so im Begriff der »angewandten Grundlagenforschung« (Weinert, 1974a), der »grundlagenorientierten Forschung« (Seidel, Prenzel & Krapp, 2014) oder in der bereits erwähnten »Theorie einer Praxis« (Ewert, 1979). Dabei hat die Anwendungsbezogenheit der Grundlagenforschung über Lehren und Lernen – das kann nicht oft genug betont werden – von jeher den besonderen Reiz der Pädagogischen Psychologie ausgemacht. Die Doppelrolle einer grundlagen- und anwendungsorientierten Disziplin hat aber eben auch von Beginn an zu anhaltenden Missverständnissen Anlass gegeben.
Enttäuschte Erwartungen. William James, einer der Gründungsväter der amerikanischen Psychologie, hat eine mit »Ansprachen an die Lehrer« überschriebene, einige Jahre zuvor durchgeführte Vortragsreihe am Ende des 19. Jahrhunderts in Buchform veröffentlicht. Dort warnt er schon in der Einleitung vor übertriebenen und unrealistischen Erwartungen, die an seine Ansprachen gerichtet sein könnten:
Mit Sicherheit sollte die Psychologie den Lehrern helfen. Aber dennoch gestehe ich, dass ich, da mir das Ausmaß mancher Ihrer Erwartungen bekannt ist, etwas ängstlich bin, dass am Ende meiner Vorträge nicht wenige von Ihnen eine gewisse Enttäuschung über die schlichten Ergebnisse empfinden könnten. In anderen Worten, ich bin nicht sicher, ob Sie sich nicht Erwartungen hingeben, die eine Spur übertrieben sind. (James, 1899, S. 5)
Prompt kam es wie von James vorhergesehen und befürchtet. Die enttäuschten Erwartungen derer, die sich von der Wissenschaft konkrete Handlungsanweisungen erhofften, lassen sich auch heute noch in den pädagogisch-psychologischen Vorlesungen und Seminaren in der Lehrerausbildung in gleicher Weise wie damals beobachten: Die hohen Erwartungen in Bezug auf die praktische Verwertbarkeit psychologischer Erkenntnisse bleiben unbefriedigt, weil sich die allgemeinen psychologischen Gesetzmäßigkeiten des Lehrens und Lernens nicht direkt für die Lösung dringlicher Probleme der alltäglichen pädagogischen Praxis nutzen lassen. Dieses Diskrepanzerleben irritiert. Aus der Enttäuschung kann eine Abwendung von sowie eine Entwertung der wissenschaftlichen Psychologie resultieren.
Gerade dann, wenn sich die Pädagogische Psychologie in die Lehrerbildung einbringt, liegen Glanz und Elend der Disziplin dicht beieinander. Hohe Erwartungen und große Enttäuschungen hat es gegeben. Für Lehrerinnen und Lehrer wurden die ersten Lehrbücher der Pädagogischen Psychologie geschrieben (z. B. James, 1899; Thorndike, 1903). Auf das Bestreben von Lehrervereinen ging in der Gründerzeit der Psychologie die Einrichtung von Lehrstühlen für Pädagogische Psychologie zurück. Der Oberlehrer Ferdinand Kemsies begründete 1899 die Zeitschrift für Pädagogische Psychologie und versprach sich Aufschlüsse über den »gesetzmäßige(n) Zusammenhang zwischen der erzieherischen Einwirkung und den […] Phänomenen der Kinderseele« durch Anwendung naturwissenschaftlicher Methodik (Kemsies, 1899, S. 2). Ernst Neumann und Wilhelm Lay gründeten 1905 die Zeitschrift Experimentelle Pädagogik, die später mit der von Kemsies herausgegebenen fusionierte. Bald wurde die Pädagogische Psychologie verbindliches Studienfach in der Lehrerbildung und ist es bis heute.
Dennoch scheiterte der hohe Anspruch einer Psychologie für Pädagogen im Sinne einer wissenschaftlichen Grundlegung der unterrichtlichen Praxis früh (Ewert, 1979; Ewert & Thomas, 1996). Dazu hat entscheidend beigetragen, dass sich die Erkenntnisse einer rasch prosperierenden, aber in ihren Untersuchungsinhalten und experimentellen Versuchsplänen zunehmend von den pädagogischen Praxisfeldern entfernenden experimentellen Pädagogischen Psychologie nur mit Mühe auf die unterrichtliche Praxis rückbeziehen ließen. Es resultierten oft eklektische, irrelevante oder triviale Empfehlungen für die Unterrichtsarbeit, die die Disziplin zunehmend in Misskredit brachten (Weinert, 1996a, 1996c). Erst am Ende der 1960er Jahre wurde der zunehmenden Belanglosigkeit solcher Erkenntnisse gegengesteuert (
Kap. 5.1).
Es ist nur allzu verständlich, neben wissenschaftlichen Erkenntnissen und Einsichten auch handfeste Hilfen und Anregungen für die pädagogische Praxis zu erwarten. Diese Erwartungen müssen aber enttäuscht werden. Statt rezeptartiger Handlungsanweisungen für pädagogische Situationen können nur Handlungsoptionen und allgemeine Prinzipien aufgezeigt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind stets allgemeiner Natur und können nicht ohne weiteres auf eine konkrete Unterrichtssituation oder auf eine bestimmte Person übertragen werden. Nachhaltig enttäuschen wird das nur den, »der von einer Wissenschaft vom Menschen Rezepte für dessen Behandlung erwartet und der den stets vorläufigen und approximativen Charakter jedes Forschungsergebnisses verkennt« (Weinert, 1967, S. 14). Stellt man diese prinzipielle Begrenztheit aber in Rechnung, lassen sich die Ergebnisse der empirischen Forschung gewinnbringend nutzen, um pädagogische Entscheidungen und Handlungen in einer rationalen Weise zu begründen.
Wozu kann die Pädagogische Psychologie beitragen? Sie stellt theoretisches Wissen bereit, das unser Verständnis von Lehr-Lern-Prozessen erweitert, und sie entwickelt und überprüft praxistaugliche Programme und Maßnahmen, um Lehr-Lern-Prozesse zu unterstützen bzw. zu optimieren. Sie ist damit als theoretische Wissenschaft anwendungsfähig und zugleich anwendungsorientiert. Die in pädagogischen Aufgabenfeldern praktisch Tätigen können ihre Erkenntnisse nutzen.
Von der empirischen Erforschung der pädagogischen Praxis mit Hilfe der Methoden der wissenschaftlichen Psychologie profitieren beide Seiten. Mayer (2001, S. 84) hat das primäre Erkenntnisinteresse der Pädagogischen Psychologie kurz und bündig so formuliert: »Verstehen, wie Menschen lernen und verstehen, wie man Menschen beim Lernen helfen kann«. Diese Auffassung schlägt sich auch im inhaltlichen Aufbau dieses Lehrbuchs nieder.
Hinzu kommt ein Weiteres: Erkenntnisse, wie sie z. B. aus nationalen und internationalen Schulleistungsstudien, aus der Forschung zur frühen Sprachförderung und zum kognitiven Training, aus den Studien zur Effektivität von Förderschulen oder zu den Auswirkungen einer auf sechs Jahre verlängerten Grundschulzeit gewonnen werden, können Entscheidungsgrundlagen für Bildungsadministration und -politik liefern. Das unerwartet mäßige Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler in den Schulleistungsstudien zu Beginn dieses Jahrhunderts (»PISA-Schock«) hat wissenschaftspolitisch einiges in Bewegung gesetzt und die unterrichtsbezogene Lehr-Lern-Forschung in hohem Maße stimuliert. Die Pädagogische Psychologie ist nun umso mehr gefordert, gemeinsam mit den Fachdidaktiken und der Erziehungswissenschaft zu einem besseren Verständnis von Lehren und Lernen und zur nachhaltigen Förderung der vorhandenen Lernpotenziale beizutragen. In einer interdisziplinär verstandenen Empirischen Bildungsforschung hat dies seinen Ausdruck gefunden.
Fokus: TIMSS, PISA, IGLU und Co.
Nationale und internationale Schulleistungsstudien haben in den vergangenen 20 Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Die ersten auf Deutschland bezogenen Ergebnisse von PISA 2000 (Programme for International Student Assessment) wurden im Dezember 2001 veröffentlicht, die Ergebnisse von PISA 2018 im Dezember 2019 (Baumert et al., 2001; Reiss, Weis, Klieme & Köller, 2019). Dazwischen lagen fünf weitere Erhebungswellen (Prenzel et al., 2004, 2007; Klieme et al., 2010; Prenzel, Sälzer, Klieme & Köller, 2013; Reiss, Sälzer, Schiepe-Tiska, Klieme & Köller, 2016). An den internationalen Grundschul-Lese-Untersuchungen PIRLS (Progress in International Reading Literacy Study) nahmen deutsche Grundschulen seit 2001 viermal teil, zuletzt im Jahr 2016. National bekannt geworden sind die Ergebnisse unter dem Akronym IGLU (Bos et al., 2003, 2007; Bos, Tarelli, Bremerich-Vos & Schwippert, 2012; Hußmann et al., 2017). An der Trends in International Mathematics and Science Study (TIMSS) hat Deutschland in den Schuljahren 1993 bis 1996 (damals: Third International Mathematics and Science Study) sowie in den Jahren 2007, 2011 und 2015 teilgenommen (Baumert et al., 1997; Bos et al., 2008; Bos, Wendt, Köller & Selter, 2012; Wendt et al., 2016). Erfasst wurden Leistungen in den zentralen Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften in einem Altersbereich von 9- bis 15-Jährigen. Oftmals wurden die Studien um ergänzende Untersuchungen erweitert.
Inzwischen gibt es auch regelmäßige nationale Vergleichsstudien in Deutschland, die sich an den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz orientieren (z. B. Köller, Knigge & Tesch, 2010; Stanat, Böhme, Schipolowski & Haag, 2016). Die nationalen und internationalen Schulleistungsstudien haben wichtige Erkenntnisse zum Kompetenzniveau der Schülerinnen und Schüler sowie zum Ausmaß der sozial- und migrationsbedingten Disparitäten erbracht. Solchen Bildungsmonitorings kommt im Sinne einer output-orientierten Steuerung eine wichtige qualitätssichernde Funktion zu. Nur in begrenztem Maße sind Schulleistungsstudien zur Beantwortung von Fragen geeignet, die sich auf die Weiterentwicklung von Unterricht beziehen (Drechsel, Prenzel & Seidel, 2020).
Womit beschäftigt sich die Pädagogische Psychologie?
Jahrgang 1, Heft 1, Seite 1 der Zeitschrift für Pädagogische Psychologie beginnt unter der Überschrift »Fragen und Aufgaben der pädagogischen Psychologie« mit dem Abdruck der Schriftfassung eines Vortrags des Berliner Oberlehrers Ferdinand Kemsies (Kemsies, 1899). Die Hauptaufgabe sieht Kemsies in der naturwissenschaftlichen Erforschung der »ursächlichen Beziehungen« der »psychologischen Erscheinungen« im erzieherischen Feld; genauer: der Auswirkungen der »erzieherischen Einwirkung« auf die kindliche Psyche. Wichtige Fragestellungen der Pädagogischen Psychologie seien die mit schul- und unterrichtsorganisatorischen Entscheidungen verbundenen, aber auch bildungsinhaltliche und allgemein-didaktische Themen. Wichtig sei auch, dass die entwicklungs- und differentialpsychologischen Lernvoraussetzungen der Kinder erforscht würden.
Genau an diesen Fragestellungen wird auch mehr als 100 Jahre später noch gearbeitet. Reynolds und Miller (2003) nennen fünf große Inhaltsbereiche pädagogisch-psychologischer Forschung:
• Lernen, Lehren und Entwicklung
• Soziokulturelle und interpersonale Prozesse und Bedingungen des Lernens
• Interindividuelle Unterschiede zwischen den Lernenden
• Lernen und Lehren in spezifischen Inhaltsbereichen
• Lehrerbildung und Bildungsplanung
Die ersten vier betreffen die Pädagogische Psychologie in ihrer erkenntnissuchenden Funktion als theoretische Wissenschaft. Der fünfte Inhaltsbereich signalisiert darüber hinaus den Anspruch, wissenschaftliche Erkenntnisse als rationale Entscheidungshilfen für curriculare und organisatorische Weichenstellungen verfügbar zu machen. Seidel, Prenzel und Krapp (2014) sprechen diesbezüglich von einer »praktischen«, Walberg und Haertel (1992) von einer »bildungspolitischen« Aufgabe der Pädagogischen Psychologie.
Alle wissenschaftlichen Fragestellungen der Pädagogischen Psychologie lassen sich thematisch den oben genannten großen Inhaltsbereichen zuordnen. Mit Blick auf ihre Hauptaufgaben ist es aber hilfreich, zwischen zwei Arten von wissenschaftlichen Ansprüchen zu unterscheiden: der Generierung von Grundlagenwissen und der Bereitstellung von Anwendungswissen. Der eine Anspruch – die Herstellung von Grundlagenwissen – ist bereits mehrfach formuliert worden: Pädagogische Psychologie als Theorie der erzieherischen und schulischen Praxis, als Erforschung des Praxisfeldes Erziehung und Unterricht und als Forschung über Lernen und Lehren mit den Methoden der empirischen Psychologie. Der zweite Anspruch – die Gewinnung handlungsrelevanten und praxistauglichen Wissens – definiert die Pädagogische Psychologie zusätzlich als Gestaltungs-, Optimierungs- oder Interventionswissenschaft (Levin et al., 2003; Seidel et al., 2014). Nichts ist nützlicher für die Praxis als eine gute Theorie. Die Pädagogische Psychologie erforscht theoriegeleitet und mit empirischer Methodik Phänomene der pädagogischen Praxis. Ihre Erkenntnisse lassen sich auf diese Praxis rückbeziehen. Inwieweit und unter welchen Bedingungen dies erfolgreich gelingt, ist seinerseits wiederum eine wissenschaftliche Fragestellung pädagogisch-psychologischer Forschung (Gräsel & Parchmann, 2004; Souvignier & Dignath van Ewijk, 2010). So verstanden ist Praxis – als Unterrichts- und Erziehungspraxis – ein Forschungsfeld einer anwendungsorientierten Pädagogischen Psychologie. Stokes (1997) hat ein solches Vorgehen als »Use-Inspired Basic Research« bezeichnet. Hartmann und Klieme (2017) machen darauf aufmerksam, dass die Wissenschaft dabei nicht einfach als Lieferant von Wissen und die pädagogische Praxis nicht nur als Wissensempfänger zu betrachten sei. Damit aus den Erkenntnissen empirischer Unterrichtsforschung evidenzbasierter Unterricht wird, braucht es einen Begegnungsraum des gleichberechtigten Austauschs zwischen Praxis und Forschung.
Inhaltsbereiche. Die Paradigmen und Begrifflichkeiten, unter denen zentrale Konzepte wie Lernen und Lehren, Entwicklung und Differenz oder Methode und Inhalt von Unterricht behandelt werden, haben sich immer wieder gewandelt. Einige Themenfelder wurden im Laufe der Zeit aufgegeben, andere kamen neu hinzu. Um einen Eindruck über die Forschungsaktivitäten der Pädagogischen Psychologie zu erhalten, bietet sich eine Inhaltsanalyse von Forschungsthemen in pädagogisch-psychologischen Fachzeitschriften an, wie sie beispielsweise von Hasselhorn (2000), Schiefele (2002), Brunstein und Spörer (2005), Leutner und Wirth (2007) sowie Möller, Retelsdorf und Südkamp (2010) für die Beiträge in der Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (ZPP) durchgeführt worden ist.
Fokus: Themenschwerpunkte Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (ZPP)
In einer Themenübersicht, die sich auf die Jahre 2008 bis 2010 bezieht, haben Möller, Retelsdorf und Südkamp (2010) die folgenden Themenschwerpunkte (in Klammern die Anzahl der Beiträge) identifiziert:
• Lehren und Lernen (22)
• Pädagogisch-psychologische Trainingsforschung (11)
• Selbstkonzept, Motivation und Emotion im Lernprozess (14)
• Entwicklung von Basiskompetenzen (7)
• Varia (6)
Brünken, Münzer und Spinath (2019) haben für ihr Lehrbuch weitere Jahrgänge gesichtet. Gemäß ihrer Schlagwortanalyse über die insgesamt 140 empirischen Originalarbeiten geht es am häufigsten um Schüler- und Lehrerkompetenzen, Unterricht, Motivation und Lernen. Auch in einschlägigen Hand- und Lehrbüchern sind »Lehren und Lernen« die zentralen Gliederungspunkte.
Mit einiger Verzögerung finden die Forschungsschwerpunkte ihren Niederschlag in Handbüchern sowie in enzyklopädischen Sammelbänden. In englischer Sprache ist der Wissenskanon der Pädagogischen Psychologie umfassend in der ersten, zweiten und dritten Auflage des Handbook of Educational Psychology (Berliner & Calfee, 1996; Alexander & Winne, 2006; Corno & Anderman, 2016) zusammengestellt sowie in der 5. Auflage des Handbook of Research on Teaching. Für die sich ändernden Auffassungen über Lehren und Lernen ist die Entwicklung der Themenauswahl in dem erstmals von Gage (1963), später von Travers (1973), von Wittrock (1986), von Richardson (2001) und schließlich in der 5. Auflage von Gitomer und Bell (2016) herausgegebenen Handbuch besonders illustrativ. Eine ausgezeichnete Bestandsaufnahme der Forschungsaktivitäten aus den letzten 20 Jahren findet sich darüber hinaus im Handbook of Research on Learning and Instruction (Mayer & Alexander, 2017). Als deutschsprachiges Pendant des amerikanischen Handbuchwissens konnten lange Zeit die vier Enzyklopädie-Bände zur Pädagogischen Psychologie gelten, die zwischen 1994 und 1997 erschienen sind – inzwischen bedürfen die dort dargestellten Sachstände einer Aktualisierung. Dies gilt mittlerweile auch für das Handbuch der Pädagogischen Psychologie (Schneider & Hasselhorn, 2008). Einen aktuellen Überblick zu den Inhaltsgebieten der Pädagogischen Psychologie erlaubt das von Rost, Sparfeldt und Buch (2018) in 5. Auflage herausgegebene Handwörterbuch Pädagogische Psychologie.
Lehrerbildung. Eine wichtige Aufgabe der Pädagogischen Psychologie besteht darin, das empirisch gewonnene Wissen an pädagogisch Handelnde weiterzugeben. Dabei kann zum Problem werden, dass die potenziellen Anwender dieses Wissens »fachfremde« Personen sind. Im Rahmen der Lehrerbildung an den Universitäten wird das fachliche Wissen der Pädagogischen Psychologie angehenden Lehrerinnen und Lehrern vermittelt. Schon Kemsies (1899) hatte das gefordert und eine Art Laborschule dazu – er nannte sie »Übungs- oder Musterschule« –, »um die Theorie sofort in die Praxis überzuführen und Lehramtskandidaten Gelegenheit zum Erwerb pädagogischer Kenntnisse und Fertigkeiten zu bieten« (S. 13). Wie viel Praxis allerdings in die universitäre Lehrerbildung gehört, wird durchaus kontrovers diskutiert. Denn in der Lehrerbildung an den Universitäten sollten nicht vordringlich Technologien des Lehrens eingeübt, sondern Theorien des Lehrens und Lernens vermittelt werden (Gage, 1964). Erst mit der Distanzierung von der unterrichtlichen Praxis schafft man den notwendigen Raum für ihre theoretische Analyse und ihre wissensgeleitete Veränderung. Eigenes praktisches Handeln wird stets subjektiv durchlebt – es kann in diesem Sinne nicht ohne weiteres zum Objekt einer notwendigen theoretischen Betrachtung werden. Allerdings muss das theoretische, distanzierte Wissen anschließend wieder praxistauglich gemacht werden.
Erst indem man Distanz zur Praxis schafft, ist es möglich, Wissen über die Praxis aufzubauen. Das praktische »gewusst wie« wird dabei in theoretisches Wissen umgewandelt. Die Schwierigkeit ist nun, wie man das theoretische Wissen wieder in die andere Richtung transformieren kann. Statt Distanz zur Praxis herzustellen, um theoretisches Wissen über die Praxis zu ermöglichen, müssen wir nun Distanz aus der Theorie entfernen, um wieder praktisches Wissen zu erhalten. (Bengtsson, 1993, S. 209–210)
Vorsicht ist deshalb geboten, wenn zu viel Praxis gefordert wird, denn es waren gerade die vorschnellen, häufig funktional-eklektischen Transformationen pädagogisch-psychologischen Wissens für die unterrichtliche Praxis, die einer unangemessenen Verkürzung der Pädagogischen Psychologie als einer vermeintlichen Psychologie für Pädagogen unfreiwillig Vorschub geleistet haben (Ewert & Thomas, 1996).
Bildungsplanung und Bildungspolitik. Oft werden die Erwartungen, die Bildungspolitik und Schulpraxis an die Pädagogische Psychologie herantragen, mit dem Begriff der Evidenzbasierung verbunden (Gold, 2018a). Welchen Beitrag kann die Pädagogische Psychologie zu einer wissenschafts- und evidenzbasierten Bildungsplanung und Unterrichtspraxis leisten? Wie bereits erwähnt, setzt diese Art von Transfer inhaltlich und methodisch anspruchsvolle Grundlagenforschung voraus, verlässliche Befunde aus dieser Forschung und zudem die Fähigkeit und die Bereitschaft, Forschungsergebnisse kompetent zu kommunizieren und für die praktische Anwendung nützlich zu machen. Möglicherweise braucht es dafür eigens »Verhaltensingenieure« als Zwischeninstanzen (Kaiser, 2011), zumindest aber einen geeigneten Theorie-Praxis-Begegnungsraum (Hartmann & Klieme, 2017). Wissenschaftliche Erkenntnis und anwendungsbezogene Nützlichkeit müssen sich nicht widersprechen. Auf Anwenderseite muss aber auch die Bereitschaft vorhanden sein, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu rezipieren.
In Deutschland ist nach den Bildungsmonitorings durch TIMSS, PISA und IGLU (s. o.) eine bildungspolitische Diskussion über Ziele und Qualität vorschulischer Bildung, Maßnahmen der Sprachförderung, Bildungsstandards und Kernkompetenzen sowie über Formen der Schul- und Unterrichtsorganisation in Gang gekommen, zu der auch die Pädagogische Psychologie beigetragen hat (zusammenfassend: Helmke, 2015; Reinders et al., 2015a, 2015b).
Zunehmend versteht sich die Pädagogische Psychologie (wie die wissenschaftliche Psychologie insgesamt) als Disziplin, die ihre Erkenntnisse in Gesellschaft und Politik tragen möchte, um zur Bewältigung von Problemen beizutragen (Gräsel, 2010, 2015; Prenzel, 2010; Spiel, Lösel & Wittmann, 2009; Spinath et al., 2012). Hasselhorn (2009) spricht sogar von einer »Bringschuld« der Psychologie im Hinblick auf diesen Transfer – bei allen Problemen, die damit verbunden sein können. Gerade im Bildungsbereich, wo tradierte Überzeugungen, Plausibilitäten und Ideologien besonders weit verbreitet sind, wird der Transfer evidenzbasierter Erkenntnisse in die politischen Entscheidungen und ihre praktischen Umsetzungen einen besonderen Zugewinn erwarten lassen. Als Arthur Graesser (2009) die Herausgeberschaft des Journal of Educational Psychology übernahm, hat er ebenfalls auf die Bringschuld der Pädagogischen Psychologie hingewiesen und auf die Notwendigkeit, theoretisch und empirisch fundierte Erkenntnisse der Lehr-Lern-Forschung in Empfehlungen für die unterrichtliche Praxis zu transformieren (»contributions from psychology to the real world«). Er hat beispielhaft einige bewährte Lernprinzipien aufgeführt, die sich leicht in der pädagogischen Praxis anwenden lassen: (1) verteiltes Lernen ermöglichen, (2) sprachliche und bildliche Informationen kombiniert darbieten, (3) auf Kontiguitäten achten, (4) interessante Aufgaben stellen, um kognitive Konflikte auszulösen, (5) geeignete Rückmeldungen geben. In den Kapiteln 5–8 dieses Lehrbuchs wird auf die Nützlichkeit dieser Prinzipien für das Lehren ausführlich eingegangen.
Reflexionen und Zweifel. In regelmäßigen Abständen wird die deutschsprachige Pädagogische Psychologie von fundamentalen Zweifeln an ihrer Daseinsberechtigung geplagt (z. B. Ewert, 1979; Krampen, 1996; Oerter, 1987; Weinert, 1996b). Dies wurde auch anlässlich der Diskussion der Frage deutlich, ob sie als Fach gänzlich verschwinden und in einer »Bildungspsychologie«aufgehen sollte (Spiel & Reimann, 2005). Eine Ursache des wenig gefestigten Selbstverständnisses mag der rasche Wandel von Forschungsthemen sein. Solche grundlegenden, oft mit Paradigmenwechseln verbundenen Veränderungen sind allerdings auch in anderen Teildisziplinen der Psychologie zu beobachten. Mehr fällt vermutlich das permanente Aufgeriebensein zwischen einer »anwendungsorientierten«, zugleich aber »theoretisch begründeten« Grundlagenforschung ins Gewicht.
Fokus: Bildungspsychologie
Verschiedentlich wurde vorgeschlagen, die Pädagogische Psychologie in einer Bildungspsychologie aufgehen zu lassen, weil sich auf diese Weise die Lehr-Lern-Forschung auf der Mikroebene mit einer Erforschung der Strukturen und Organisationsformen auf der Meso- und Makroebene des Bildungswesens leichter verbinden ließe. Eine so verstandene Bildungspsychologie befasst sich (1) mit individuellen Bildungsprozessen im Verlauf der gesamten Bildungskarriere eines Individuums sowie (2) mit den Bedingungen und Maßnahmen, die auf den unterschiedlichen Handlungsebenen Bildungsprozesse beeinflussen können (Spiel, Schober, Wagner & Reimann, 2010). Anders als die Empirische Bildungsforschung, deren Anspruch und Sichtbarkeit 2012 in der Gründung einer interdisziplinären Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (GEBF) ihren Niederschlag fand, hat sich eine Bildungspsychologie allerdings nicht nachhaltig etablieren können.
So verständlich der Wunsch nach Klarheit und nach einer einheitsstiftenden Struktur auch sein mag, eine dynamische und erfolgreiche Pädagogische Psychologie zeichnet sich eben auch durch Vielfalt, Grenzüberschreitungen und Neuerungen aus. Aus diesem Grund scheint Weinerts doppelsinnige Umschreibung von einer Wissenschaft »auf der permanent erfolgreichen Suche nach ihrem Gegenstand – ohne ihn bisher gefunden zu haben« (Weinert, 1996b) genauso treffend wie die Zurückweisung der beständigen »Kritik an den vermeintlichen Unzulänglichkeiten der Pädagogischen Psychologie« (Krapp, 2001).
In den Anfängen der Disziplin waren die Pädagogischen Psychologen ohnehin zugleich Allgemeine Psychologen oder Entwicklungspsychologen: William James, Edward Thorndike und Alfred Binet sind nur einige Beispiele dafür. Wie Krapp (2001) zu Recht anmerkt, ist es auch heute nicht leicht, »eine eindeutige Grenze zwischen der Pädagogischen Psychologie und anderen Teildisziplinen der Psychologie zu ziehen« (S. 71). So lassen sich heute wenigstens vier Varianten grundlagenwissenschaftlicher Orientierungen erfolgreicher Pädagogischer Psychologie erkennen: eine allgemeinpsychologische, eine entwicklungspsychologische, eine differenzialpsychologische und eine sozialpsychologische. Pädagogische Psychologen sind jene Personen, die pädagogisch-psychologische Fragestellungen mit empirischen Methoden bearbeiten – am Ende mögen es die gleichen sein, die man anderswo als Kognitionswissenschaftler bezeichnet (Mayer, 2001). Eine stetige Weiterentwicklung der Pädagogischen Psychologie, verbunden mit einer Neuausrichtung, wo sinnvoll oder notwendig, ist jedenfalls zu begrüßen. Einen Anlass, jedes Mal »gleich an den Fundamenten der Disziplin (zu) rütteln« (Krapp, 2001, S. 72), können wir darin nicht erkennen.
Wie ist Pädagogische Psychologie zu dem geworden, was sie ist?
Die Pädagogische Psychologie hat eine Geschichte. In ihren Anfängen – etwa ab dem Jahr 1900 – fällt diese Geschichte in großen Teilen mit der Entwicklung der wissenschaftlichen Psychologie insgesamt zusammen, vor allem in der US-amerikanischen Geschichtsschreibung wird das so gesehen (Berliner, 2006; Burden, 2000; Hall, 2003; Reynolds & Miller, 2003). Zur historischen Entwicklung der Pädagogischen Psychologie gibt es eine Reihe von zusammenfassenden Abhandlungen, die, zusätzlich zu den oben genannten, auch ihren »deutschen Weg« und insbesondere ihr Verhältnis zur wissenschaftlichen Pädagogik beleuchten (z. B. Ewert, 1979; Krapp, 2014; Prenzel, 2006; Skowronek, 1979). Nach einer knappen Skizze der Entwicklung bis zum Ende der 1970er Jahre werden im Folgenden zwei Aspekte ausführlicher behandelt: die Thementrends der vergangenen 40 Jahre und die »großen«, zeitlos aktuellen Fragen.
Die ersten 80 Jahre
Die allgemeine Richtung für die ersten fünf Dekaden – also etwa von der Jahrhundertwende bis zum Ende der 1940er Jahre – stand stark unter dem Einfluss von Edward Thorndike (
Kap. 1.1). Daraus resultierte eine pragmatisch-induktive, labor-experimentelle (auch tierexperimentelle) lernpsychologische Grundlagenforschung behavioristischer Prägung. Die Frage, wie sich die vielfältigen Einzelergebnisse der Lernexperimente auf die praktischen Tätigkeiten des Lehrens und Erziehens im Einzelnen übertragen lassen, war dabei nachrangig – wenn sie überhaupt gestellt wurde. Von großer und überdauernder Bedeutsamkeit für die gesamte Lehr-Lern-Forschung war die von Thorndike vertretene Theorie des assoziativen, verknüpfenden Lernens (
Kap. 1.2). Thorndikes experimentelle Programmatik implizierte zugleich eine Abwendung von der durch John Dewey in der Pädagogik begründeten Tradition einer »fortschrittlichen Erziehung«, die Gesetzmäßigkeiten schulischen Lernens in sozialen, möglichst lebensechten Kontexten zu untersuchen trachtete, um daraus begründete Empfehlungen für das Unterrichten abzuleiten (Oelkers, 2010).
In der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg »vertiefte sich im deutschsprachigen Raum die Kluft zwischen […] (der) pädagogischen Psychologie und einer spekulativ-geisteswissenschaftlich orientierten Pädagogik immer mehr« (Weinert, 1967, S. 18), was zu einer allmählichen und anhaltenden Entfremdung zwischen den beiden Disziplinen beitrug (Terhart, 2002). Zwischen 1950 und 1980 folgte auf die expansive Gründungsphase der Pädagogischen Psychologie eine Phase der Konsolidierung und der Ausdifferenzierung des Faches. Dabei kam es auch zur Abtrennung und Verselbständigung von Teildisziplinen. Wichtig ist der Hinweis, dass ein beständiger Export von Konzepten und Personen in andere Bereiche der akademischen Psychologie stattfand – vornehmlich in die Entwicklungspsychologie sowie in die Differentielle und Diagnostische Psychologie. Viele methodologische und testpsychologische Entwicklungen haben in der Pädagogischen Psychologie ihren Ursprung (Glover & Ronning, 1987; Zimmerman & Schunk, 2003).
Inhaltlich-thematisch waren diese Jahre – im Hinblick auf den Kernbereich Lernen und Lehren – durch den Aufstieg und die Blütezeit, später durch den Niedergang der behavioristisch ausgerichteten Lehr-Lern-Forschung gekennzeichnet. Zunächst dominierten die experimentellen Arbeiten, später kamen zunehmend korrelative Studien hinzu. Wichtige Erkenntnisse über Gesetzmäßigkeiten des Lernens, über die Funktionsweise des Gedächtnisses und über die Wirksamkeit pädagogischer Interventionen sind dabei gewonnen worden. In dieser Zeit wurden viele amerikanische Standardwerke und Lehrbücher (z. B. Ausubel, 1968; Bloom, 1964; Bruner, Olver & Greenfield, 1966; Cronbach, 1954; Gage & Berliner, 1975; Gagné, 1965) ins Deutsche übertragen und intensiv rezipiert. Mitte der 1970er Jahre erschien in einer Phase der Bildungsreform und einer zunehmenden Akademisierung der Lehrerbildung das vierbändige Taschenbuch zum »Funkkolleg Pädagogische Psychologie« (Weinert, Graumann, Heckhausen & Hofer, 1974), das mit mehreren 100 000 verkauften Exemplaren auf große Resonanz stieß. Auch wurden außeruniversitäre Forschungsinstitute mit pädagogisch-psychologischer Schwerpunktsetzung gegründet, die zum bereits 1951 in Frankfurt eingerichteten Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (heute: DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation) hinzukamen: 1963 das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) in Berlin, 1966 das Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel, 1967 das Deutsche Institut für Fernstudien (DIFF) in Tübingen sowie 1981 das Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München mit einer explizit pädagogisch-psychologischen und entwicklungspsychologischen Ausrichtung. Am Ende dieser überaus prosperierenden Dekade haben Brandtstädter, Reinert und Schneewind (1979) den Sammelband Pädagogische Psychologie: Probleme und Perspektiven herausgegeben.
Entwicklungen seit 1980
In der US-amerikanischen Forschung sind die 1980er und 1990er Jahre durch die Dominanz kognitionspsychologischer Ansätze gekennzeichnet. Als inhaltliche Kernbereiche lassen sich die Forschungslinien zu Metakognition, Selbstregulation und Motivation identifizieren, aber auch zu den sozialen und kulturellen Kontextbedingungen von Lernen und Lehren, zu Geschlechterunterschieden und zur Frage der Koedukation, zur Psychologie und Didaktik der Unterrichtsfächer, zu den neuen Technologien und zum Lernen mit Medien insgesamt. Zunehmend ist auch die besondere Problematik der Lernstörung sowie der Hochbegabung betrachtet worden (Berliner, 2006; Calfee, 1992; Reynolds & Miller, 2003). Vor allem in Nordamerika hat sich die gewachsene gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Relevanz der Pädagogischen Psychologie auch darin niedergeschlagen, dass eine Reihe gesetzlicher Initiativen und Vorgaben – am bekanntesten ist sicherlich das »No Child Left Behind«-Gesetz von 2001 – unter ihrer maßgeblichen Mitwirkung auf den Weg gebracht wurden. Überhaupt wurden Maßnahmen zur Qualitätssicherung im Bildungssystem intensiviert (National Research Council, 2000).
Auch in der deutschen Forschungslandschaft hat die Kognitive Wende ihren Niederschlag gefunden. Die wissenschaftlich im Bereich der Pädagogischen Psychologie Tätigen arbeiten meist an Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen sowie an außeruniversitären Forschungsinstituten (s. o.). Viele sind in der 1986 gegründeten Fachgruppe Pädagogische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (www.dgps.de/fachgruppen/paedagogische-psychologie) oder in der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung (www.gebf-ev.de) organisiert. Zur Internationalisierung auf europäischer Ebene hat die Gründung der European Association for Research in Learning and Instruction (EARLI) beigetragen, mit der von ihr herausgegebenen Zeitschrift Learning and Instruction (seit 1991).
In jüngerer Zeit werden vermehrt Anstrengungen unternommen, fachübergreifend die Zusammenarbeit mit der empirisch arbeitenden Pädagogik und mit Fachdidaktiken der Unterrichtsfächer zu intensivieren. Die öffentliche und bildungspolitische Rezeption der Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien TIMSS und PISA hat dazu beigetragen. Sichtbarer Ausdruck solcher Zusammenarbeit waren das DFG-Schwerpunktprogramm »Bildungsqualität von Schule« (Prenzel & Doll, 2002) im Anschluss an TIMSS und die Einrichtung von DFG-Forschergruppen zur Empirischen Bildungsforschung (Mandl & Kopp, 2005) im Anschluss an PISA. Auch das DFG-Schwerpunktprogramm »Kompetenzmodelle zur Erfassung individueller Lernergebnisse und zur Bilanzierung von Bildungsprozessen« (Fleischer, Leutner & Klieme, 2012) ist in diesem Zusammenhang zu nennen.
Die Empirische Bildungsforschung darf allerdings nicht mit der Pädagogischen Psychologie gleichgesetzt oder verwechselt werden. Empirisch wird sie genannt, um eine Grenzlinie zum geisteswissenschaftlich-theoretischen Bildungsbegriff zu ziehen, der in der Pädagogik noch immer verbreitet ist. Die Empirische Bildungsforschung ist dagegen sozialwissenschaftlich orientiert und befasst sich mit den Bildungsprozessen im Verlauf der (institutionellen) Bildungskarriere von Individuen und mit Möglichkeiten der Beeinflussung solcher Prozesse (Ditton, 2015; Gräsel, 2015; Merkens, 2006). Wo sich das im engeren Sinne auf Lehr-Lern-Prozesse im Unterricht oder in vorschulischen Bildungsinstitutionen bezieht, sind das auch Fragestellungen der Pädagogischen Psychologie (Spinath, Hasselhorn, Artelt, Köller, Möller & Brünken, 2012). Verbindende Klammer ist also die Erforschung der individuellen, sozialen und institutionellen Determinanten von Lernprozessen. Es werden in der Pädagogischen Psychologie aber auch Themenbereiche bearbeitet, die sich nicht unter die Empirische Bildungsforschung subsumieren lassen, so etwa wenn es um die individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens geht oder um die Ursachen von Lern- und Entwicklungsstörungen.
Die großen Fragen
Die pädagogisch-psychologische Forschungslandschaft ist heterogen und gelegentlich etwas unübersichtlich. Früher ist der rasche Wandel von Forschungsthemen und Paradigmen und deren geringe Kontinuität als Anzeichen der Profillosigkeit der Disziplin beklagt worden (z. B. Weinert, 1996a, 1996b). Die Dynamik und die Vielfalt von Themen lassen sich aber positiv werten, als notwendige Anpassungen an sich ändernde Herausforderungen. Im Folgenden werden fünf Aspekte herausgehoben, die wir als Ankerpunkte einer auf das Lehr-Lern-Geschehen fokussierten Pädagogischen Psychologie ausgemacht haben: (1) den Theoriebezug und die Methodik, (2) den Schulbezug, (3) die Domänspezifität des Lernens, (4) die Rolle der Lehrenden und (5) der Umgang mit Differenz.
Theorien und Methoden. Der Ausgangspunkt pädagogisch-psychologischer Forschung ist durch Probleme der pädagogischen Praxis vorgegeben. Theorien und Modelle, die der empirischen Forschung zugrunde liegen, beziehen sich auf dieses Praxisfeld. Die Forschungsmethoden müssen sich den Besonderheiten des Forschungsgegenstandes anpassen. Mit der Ausweitung des experimentellen Methodenkanons darf allerdings kein Aufweichen der methodologischen Strenge einhergehen. Andererseits führt ein alleiniges Beharren auf den labor-experimentellen Forschungsansätzen zu einer Marginalisierung in der wissenschaftspolitischen Diskussion:
Viele Wissenschaftler in der Psychologie betrachten die auf pädagogische Fragen angewandte Forschung als weniger wertvoll als die angebliche »Grundlagen-Forschung« ohne klaren Anwendungsbezug, selbst dann, wenn die angewandte Forschung wissenschaftlich begründet und theoretisch motiviert ist […]. Daher werden möglicherweise manche der potentiell nützlichsten Forschungsvorhaben niemals realisiert werden, weil sie zu wenig Prestige zu versprechen scheinen. (Sternberg & Lyon, 2002, S. 76–77)
Die Schule nicht verlieren. Das wichtigste Feld der pädagogischen Praxis ist die Schule. »Schule und Psychologie sind in den letzten Jahren aufeinander zugegangen« (Ewert & Thomas, 1996, S. 112). Das war auch dringend notwendig, denn ohne die Schule fehlte der Pädagogischen Psychologie nicht nur ihr wichtigstes Anwendungsfeld, sondern vor allem auch die Möglichkeit der Theorienbildung und Hypothesenprüfung in diesem Praxisfeld.
Man mag dagegen einwenden, dass sich die Pädagogische Psychologie doch auch mit Fragen der vorschulischen Bildung, der Fort- und Weiterbildung im Erwachsenenalter und der außerschulischen Bildung befasst – und damit das Primat der Schule längst nicht mehr gegeben sei (Spinath et al., 2012). Dies ist aber keineswegs der Fall. Auch die pädagogisch-psychologischen Beiträge zur frühen Bildung, Fort- und Weiterbildung im Erwachsenenalter, ja sogar zur außerschulischen Bildung orientieren sich an den durch Schule vorgegebenen Zielen und Standards und der Analyse der individuellen, sozialen und institutionellen Bedingungen erfolgreichen Lernens.
Domänspezifität des Lernens. Die kognitionspsychologische Expertiseforschung hat den Blick auf die besondere Bedeutung der Lerninhalte (und des Vorwissens) für das Lernen gelenkt. Damit ist auch eine stärkere Beachtung der Unterrichtsfächer verbunden (Mayer, 2001, 2003a) und eine Abkehr von den inhaltsunabhängigen »großen« Theorien des Lernens und Lehrens. Es ist naheliegend, dass in diesem Zusammenhang eine (Wieder-)Annäherung an die Fachdidaktiken eingefordert wird (Weidenmann, 2000). Konsequent werden in den US-amerikanischen Handbüchern die wichtigsten schulischen Kompetenzbereiche des Lesens und Schreibens, der Mathematik und der Naturwissenschaften sowie des Zweitspracherwerbs ausführlich behandelt (Alexander & Winne, 2006; Mayer & Alexander, 2017). Das gilt auch für das Handbuch der Pädagogischen Psychologie von Schneider und Hasselhorn (2008).
Die Rolle der Lehrenden. Die Auffassung von der Rolle der Lehrenden hat sich gewandelt: von der Kontrolle und Steuerung des Lernprozesses über die Gestaltung von Lernumgebungen bis hin zur aktivierenden Lernbegleitung. Der Wandel spiegelt den Übergang von den behavioristischen zu den kognitivistischen und zu den konstruktivistischen Auffassungen von Lernen und Lehren wider. Unversöhnlich sind diese Auffassungen nicht (
Kap. 5.1).
»Teachers make a difference« hatten Good, Biddle und Brophy (1975) getitelt, denn Lehrerinnen und Lehrer können das Lernen ihrer Schülerinnen und Schüler tatsächlich durch geeignetes unterrichtliches Handeln in entscheidender Weise fördern. Dabei gilt: Für unterschiedliche Unterrichtsziele und -inhalte und in Abhängigkeit von den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen sind unterschiedliche Unterrichtsmethoden unterschiedlich gut geeignet. Untersuchungen über die professionelle Kompetenz von Lehrpersonen haben wichtige Erkenntnisse über die Dimensionen der Unterrichtsqualität und über individuelle Voraussetzungen erfolgreichen Lehrens erbracht.
Umgang mit Differenz. Das ist eine der zeitlos großen Fragen der pädagogischen Praxis: Wie geht man mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen um, wie mit individuellen Unterschieden in Herkunft, Kultur und Geschlecht? »Die Individuallage des Educandus im Unterricht berücksichtigen heißt, die Ziele und Methoden den interindividuellen Differenzen der Lernkapazität anpassen«, so Weinert (1967, S. 29) lapidar. Und Ausubel (1968) schreibt:
Wenn ich die gesamte Pädagogische Psychologie auf nur ein einziges Prinzip zu reduzieren hätte, würde ich folgendes sagen: der wichtigste Einzelfaktor, der das Lernen beeinflusst, ist das, was der Lernende bereits weiß. Ermittle dies und unterrichte ihn entsprechend. (Ausubel, 1968/1974, vi)
Was heißt »anpassen«, was heißt »entsprechend«? Beim Umgang mit Differenz lassen sich zwei grundsätzliche Vorgehensweisen unterscheiden: Eine integrative (inklusive) Behandlung und, dem entgegengesetzt, die leistungshomogenisierende (separative) Differenzierung der Lernenden. Beide Vorgehensweisen sind bei Leistungsabweichungen nach »oben« wie auch nach »unten« denkbar und üblich. In der US-amerikanischen Tradition wurde vornehmlich die Strategie der Inklusion verfolgt. Dann müssen unterschiedliche Formen des remedialen Lernens zum Einsatz kommen, etwa im Rahmen des sogenannten adaptiven Unterrichtens (
Kap. 6.1). Eine andere Möglichkeit, auf Differenz und Heterogenität zu reagieren, besteht in der Schul- bzw. Schulsystemdifferenzierung, wodurch die institutionellen Rahmenbedingungen des Lernens verändert werden. Weil diese Form der Differenzierung in Deutschland weit verbreitet war, hat es vor allem in den 1970er Jahren eine intensive bildungspolitische Debatte über das gegliederte Sekundarschulwesen gegeben (Fend, 1982; Helmke & Weinert, 1997a) – in der Folge der neueren internationalen Vergleichsstudien wird gelegentlich daran erinnert.
Aufbau des Lehrbuchs: Erfolgreiches Lernen und Lehren
Die 457 Textseiten des Lehrbuchs verteilen sich auf die beiden Hauptteile »Lernen« und »Lehren« sowie auf diese Einleitung. Dass das Lernen vor dem Lehren behandelt wird, erleichtert die Einordung und Bewertung der später vorgestellten Methoden und Prinzipien erfolgreichen Lehrens. Weil Lehren die Lernprozesse erst auslöst, wäre auch eine umgekehrte Reihung der beiden Hauptteile möglich gewesen – allerdings voraussetzungsvoller, weil sich das Lehren besser verstehen und bewerten lässt, wenn man weiß, wie Lernen funktioniert.
Lernen und Lehren. Erfolgreiches Lernen ist gute Informationsverarbeitung. Erfolgreiches Lehren umschreibt Tätigkeiten und Bedingungen, die diese Art des Lernens unterstützen. Im ersten Hauptteil werden unterschiedliche Auffassungen über das Lernen vorgestellt (
Kap. 1), die sich im Verlauf der mittlerweile mehr als 135-jährigen psychologischen Lernforschung herausgebildet haben. Die von uns bevorzugte Auffassung betrachtet erfolgreiches Lernen als »gute Informationsverarbeitung« (
Kap. 2). Gute Informationsverarbeitung setzt voraus, dass individuelle Voraussetzungen kognitiver, motivationaler und volitionaler Art gegeben sind, die ein zielführendes Aufnehmen, Verarbeiten und Behalten neuer Informationen möglich machen. Ergebnisse erfolgreichen Lernens manifestieren sich im Aufbau von Fertigkeiten und Kenntnissen, die bereichsspezifischer und inhaltsübergreifender Art sein können (
Kap. 3). Dass das Ausmaß des Lernerfolgs wie auch besondere Probleme, die beim Lernen auftreten können, durch individuelle Besonderheiten und Begabungen sowie durch allgemeine und spezifische Entwicklungsvoraussetzungen mitbestimmt werden, ist offensichtlich (
Kap. 4).
Im zweiten Hauptteil werden unterschiedliche Auffassungen über Lehren erörtert, die eine theoretische Einordnung der unterschiedlichen Lehrmethoden erleichtern (
Kap. 5). Erfolgreich sind Lehrmethoden vor allem dann, wenn sie den wichtigsten Dimensionen der Unterrichtsqualität Rechnung tragen. Bewährte Lehrmethoden sind z. B. die direkte Instruktion, Formen des entdeckenlassenden und problemorientierten Lehrens sowie die kooperativen Lernarrangements (
Kap. 6). Nicht jede Lehrmethode ist allerdings für jeden Lernenden und für jedes Lernziel gleich gut geeignet. Aussagen über die Wirksamkeit von Lehr-Lern-Prozessen müssen Rahmenbedingungen unterschiedlicher Art beachten (
Kap. 7). Besonderheiten des Lehrens ergeben sich beispielsweise daraus, dass sich die Lernenden voneinander unterscheiden, z. B. Jungen von Mädchen oder Kinder mit Lernstörungen von Kindern mit einer unauffälligen Lernentwicklung. Wie man durch unterrichtliche und unterrichtsergänzende Maßnahmen mit solchen Unterschieden, vor allem mit Lernschwächen und -störungen umgehen kann, lesen Sie in Kapitel 8 (
Kap. 8).
Was nicht behandelt wird. Es waren Entscheidungen zu treffen im Hinblick auf die Themenauswahl und die Gewichtung der einzelnen Inhaltsbereiche innerhalb dieser Auswahl. Die grundlegende Richtungsentscheidung ist bereits in der Inhaltsbeschreibung deutlich geworden: Lernen und Lehren werden als zentrale Inhalte der Pädagogischen Psychologie betrachtet. Nicht behandelt werden die wichtigen Bereiche des erzieherischen Handelns und der Sozialisation in außerschulischen, vornehmlich familiären Zusammenhängen. Auch Ausführungen über grundlegende Determinanten von Erziehungs- und Sozialisationsprozessen, wie Erbe und Umwelt oder Geschlecht und Kultur, werden Sie vermissen. Wenn von Lernen die Rede ist, sind vornehmlich die kognitiven Lerninhalte gemeint. Andere Inhaltsbereiche und Lernziele, wie das emotionale oder soziale Lernen oder die Übernahme von Überzeugungen, Einstellungen und Werturteilen, werden nur am Rande behandelt.
Weil in diesem Buch häufig Ergebnisse empirischer Studien berichtet werden, ist es hilfreich, zentrale statistische Begriffe zu kennen, um die Bedeutsamkeit der Ergebnisse besser einschätzen zu können. Solche Begriffe beziehen sich vor allem auf Maße der zentralen Tendenz und der Variabilität, auf Maße des Zusammenhangs von Messwertreihen sowie auf Maße der Effektstärke. Im folgenden Kasten werden sie in ihren Grundzügen definiert.
Fokus: Zentrale statistische Begriffe
In diesem Buch werden Ergebnisse empirischer Studien berichtet, in denen meist Gruppen von Personen hinsichtlich bestimmter Merkmale miteinander und zu verschiedenen Zeitpunkten verglichen werden, und es wird über die vergleichende Wirksamkeit pädagogischer Maßnahmen berichtet. Weil sich die Ergebnisse nicht auf einzelne Individuen, sondern auf aggregierte Daten beziehen, werden statistische Maße der zentralen Tendenz (vornehmlich der Mittelwert) und der Dispersion (die Varianz und die Standardabweichung) verwendet. Korrelationskoeffizienten, die Werte zwischen –1 und +1 annehmen können, beschreiben, wie eng einzelne Merkmale (Variablen) miteinander (ko-)variieren, wie eng also der statistische Zusammenhang zwischen ihnen ist. Je mehr sich ein Korrelationskoeffizient dem Wert +1 nähert, desto systematischer gehen höhere Ausprägungen auf der einen Variablen gleichsinnig mit höheren Ausprägungen auf einer anderen einher. Nähert sich der Korrelationskoeffizient dem Wert –1, ist das im Sinne eines gegenläufigen Zusammenhangs zu verstehen: Höhere Ausprägungen auf der einen Variablen gehen mit umso niedrigeren Ausprägungen auf der anderen einher. Ein Wert nahe 0 besagt, dass es einen systematischen Zusammenhang zwischen den beiden Variablen nicht gibt.
Der quadrierte Korrelationskoeffizient spielt oftmals eine wichtige Rolle bei der Abschätzung der praktischen Bedeutsamkeit eines Befundes. Er gibt den gemeinsamen Varianzanteil der beiden Variablen an, oder auch den Prozentsatz der durch die eine Variable aufgeklärten Varianz der anderen Variablen. Diese aufgeklärte Varianz wird häufig auch als Effektstärke oder Effektgröße bezeichnet.
Vor allem im Zusammenhang mit Metaanalysen werden häufig Effektstärken oder -größen berichtet, um jenseits der statistischen Signifikanz eines Unterschieds (zwischen Personengruppen, zwischen Lehrmethoden, zwischen Schulformen usw.) etwas über seine praktische Relevanz und relative Größe auszudrücken. Denn die statistische Signifikanz hängt ganz entscheidend von der Größe der untersuchten Stichprobe ab. Cohens d ist eine häufig verwendete Effektgröße zur Beurteilung der Größe von Mittelwertunterschieden zwischen zwei Gruppen. Ein d-Wert ab d = 0.20 gilt als kleiner und ab d = 0.50 als mittlerer Effekt. Ab Werten von d = 0.80 spricht man von einem großen Effekt. Mit der Betrachtung von Effektstärken (im Folgenden auch allgemein als ES bezeichnet) wird der Problematik Rechnung getragen, dass in hinreichend großen Stichproben auch sehr geringe Gruppenunterschiede schon zur Ablehnung einer Nullhypothese – und damit zur statistischen Signifikanz führen.
Auf besondere methodische Ansätze der Pädagogischen Psychologie wird nicht gesondert eingegangen. Als empirische Wissenschaft ist sie dem Methodenkanon der Sozialwissenschaften verpflichtet. Nur an einigen Stellen – so bei der Evaluation pädagogischer Interventionsmaßnahmen – werden forschungsmethodische Aspekte eigens angesprochen, selbst dort sind sie jedoch nicht spezifisch für pädagogisch-psychologische Fragestellungen.
Zusammenfassung
Nicht die Anwendung psychologischer Erkenntnisse auf Erziehung und Unterricht ist der Gegenstand der Pädagogischen Psychologie, sondern die Gewinnung solcher Erkenntnisse. Die erkenntnissuchende Funktion einer grundlagenorientierten, theoretischen Wissenschaft wird ergänzt um den Anspruch, handlungsrelevantes und praxistaugliches Anwendungswissen zu generieren. Die Pädagogische Psychologie betreibt also eine nutzungsinspirierte oder nutzenorientierte Grundlagenforschung.
Kerninhalte sind die Prozesse des Lernens und Lehrens, genauer: die Erforschung des Lernens unter den Bedingungen des Lehrens. Konkrete anwendungsbezogene Forschungsfragen zielen auf die Wirksamkeit pädagogischer Maßnahmen zur Unterstützung, Erleichterung oder Optimierung des Lernens.
In den Anfängen der Disziplin war die Pädagogische Psychologie eng mit der Allgemeinen Psychologie und der Entwicklungspsychologie verknüpft. Auch heute ist es nicht leicht, Grenzen zu anderen Teilgebieten der Psychologie zu markieren.
Literaturhinweis
Seidel, T., Prenzel, M. & Krapp, A. (2014). Grundlagen der Pädagogischen Psychologie. In T. Seidel & A. Krapp (Hrsg.), Pädagogische Psychologie (S. 21–36). Weinheim: Beltz.
Reynolds, W.M. & Miller, G. (2003). Current perspectives in educational psychology. In W.M. Reynolds & G.E. Miller (Eds.), Handbook of Psychology, Vol. 7, Educational Psychology (p. 3–20). Hoboken: Wiley.
1 Alle englischen Zitate sind von den Verfassern ins Deutsche übersetzt worden.
Teil I Lernen
Lernen gehört zweifelsohne zu den charakteristischen Aktivitäten des Menschen. Ohne das Erlernen kultureller Fertigkeiten, konsensfähiger Verhaltensnormen sowie spezifischer Sachverhalte und Überzeugungen wäre es dem Menschen nicht möglich, sich erfolgreich an die Erfordernisse einer Gesellschaft oder einer menschlichen Kultur anzupassen. Die Fähigkeit zum Lernen ist deshalb das entscheidende Potenzial des Menschen, sich aktiv mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Um dieses Potenzial zu nutzen und weiterzuentwickeln, haben nicht erst die modernen Industrienationen eigene Bildungssysteme geschaffen. Diese Systeme ermöglichen und optimieren das Erlernen der von der jeweiligen Kultur für notwendig erachteten Fertigkeiten, Kenntnisse, Normen und Überzeugungen.
Doch worin genau besteht die »Lernfähigkeit« des Menschen? Was ist Lernen? Welche individuellen Bedingungen sind für den Erfolg von Lernen verantwortlich? Was sind die Folgen gelungenen Lernens? Welches sind die Begabungs- und die Entwicklungsvoraussetzungen erfolgreichen Lernens?
All diese Fragen werden im ersten Teil dieses Buches aufgeworfen. Die Antworten erfolgen auf der Basis der Befunde einer weit über 100-jährigen psychologischen Lernforschung. Die Perspektive, aus der wir unsere Antworten entwickeln, ist dabei die der erfolgreich lernenden Person. Im Gegensatz zu traditionellen Darstellungen zum Thema Lernen wird den behavioristischen Grundlagentheorien (auch Konditionierungs- oder Reiz-Reaktions-Theorien genannt) vergleichsweise wenig Raum gegeben. Sie haben sich in der Vergangenheit zwar als nützlich erwiesen, um Lernen zu erklären, jedoch in einem viel bescheideneren Maße als lange Zeit angenommen zur Verbesserung des Lernens in Schule, Aus- und Weiterbildung beigetragen. In dieser Hinsicht sind kognitionspsychologische Ansätze sehr viel erfolgreicher. Sie sind geeignet, komplexe Lernleistungen und Prinzipien der Wissensorganisation und -nutzung in so vielfältigen Bereichen wie der Mathematik und den Naturwissenschaften sowie den Sprach- und Geisteswissenschaften so zu beschreiben und zu erklären, dass sich daraus Schlussfolgerungen auch für das Alltagslernen ergeben. Deshalb wird der Darstellung der kognitionspsychologischen Ansätze und der durch sie eröffneten Möglichkeiten deutlich mehr Platz eingeräumt als den sogenannten klassischen Lerntheorien.
Teil I dieses Lehrbuchs besteht aus vier Kapiteln:
1. Auffassungen über Lernen
2. Erfolgreiches Lernen als gute Informationsverarbeitung
3. Ergebnisse erfolgreichen Lernens
4. Besonderheiten des Lernens
In Kapitel 1 werden die einflussreichsten Antworten auf die Frage »Was ist Lernen?« nachgezeichnet. Trotz weitgehender Übereinstimmung, dass Lernen immer etwas mit der Veränderung von Verhalten oder von Verhaltensmöglichkeiten zu tun hat, wird zu zeigen sein, dass diese Frage sehr unterschiedlich beantwortet werden kann. So macht es beispielsweise einen Unterschied, ob wir uns für die direkt beobachtbaren Verhaltensänderungen oder aber für die nicht direkt beobachtbaren Veränderungen »im Kopf« von Lernenden interessieren und ob wir uns eher an den Inhalten oder an den Prozessen des Lernens, eher an den Gemeinsamkeiten oder eher an den Unterschieden zwischen Lernenden orientieren. In unserer Darstellung wird den nicht direkt beobachtbaren Veränderungen »im Kopf« der Lernenden und den Prozessen des Lernens unter Berücksichtigung interindividueller Unterschiede besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie sind für die Gestaltung und Optimierung des institutionellen Lernens in Schul- und Bildungssystemen von entscheidender Bedeutung.
Kapitel 2 kann als Schlüsselkapitel für die von uns vertretene Sichtweise des Lernens aufgefasst werden. Hier wird Lernen aus der Perspektive einer »guten Informationsverarbeitung« (Pressley, Borkowski & Schneider, 1989) beschrieben. Gute Informationsverarbeitung beruht auf einer Reihe individueller Voraussetzungen. Die wichtigsten dieser Voraussetzungen haben wir in einem Modell der INdividuellen VOraussetzungen erfolgreichen Lernens (kurz: INVO-Modell) beschrieben. Das INVO-Modell orientiert sich am erfolgreichen individuellen Lernen und fokussiert die dazu beitragenden individuellen Voraussetzungen. Es ist ein idealer Orientierungsrahmen zur Beschreibung, Erklärung und Optimierung von Lernprozessen.
Mit den Lernergebnissen, also den Konsequenzen und dem Nutzen eines erfolgreichen Lernens für den einzelnen Lernenden, beschäftigt sich Kapitel 3. Dabei wird herausgearbeitet, dass die Grundlagen und Ziele erfolgreichen Lernens, nämlich der Erwerb basaler Fertigkeiten und bereichsspezifischer Expertise sowie der Aufbau inhaltsübergreifender Kompetenzen, in systematischer Weise mit den Prinzipien guter Informationsverarbeitung zusammenhängen.
Das erreichbare Ausmaß erfolgreichen Lernens hängt von individuellen Besonderheiten der Begabungen und vom erreichten Entwicklungsstand ab. Mit einigen allgemeinen Entwicklungsvoraussetzungen und individuellen Lernbesonderheiten beschäftigt sich abschließend das Kapitel 4 dieses ersten Teils.
1 Auffassungen über Lernen
Die Einleitung zum ersten Teil dieses Lehrbuchs haben wir mit der Feststellung begonnen, dass die Lernfähigkeit ein wichtiges Wesensmerkmal des Menschen ist. Die Lernfähigkeit erlaubt es, regelhaft und adaptiv auf aktuelle, sich stetig ändernde Anforderungen und Umweltereignisse zu reagieren. Dieses besondere Potenzial ist angeboren (übrigens auch bei den meisten nicht-menschlichen Lebewesen), nicht jedoch das Ausmaß seiner Nutzung. Zwar lernen alle Menschen, aber nicht alle können ihre Lernpotenziale in der gleichen Weise nutzen. Individuelles Lernen ist also die Nutzung des angeborenen, durch biologische Reifungsprozesse sich erweiternden, aber auch durch die Nutzung von Lerngelegenheiten sich stetig weiter entwickelnden Lernpotenzials. Eine gänzliche Nichtnutzung des individuellen Lernpotenzials ist schlichtweg undenkbar. Deshalb findet Lernen im Leben jedes Menschen statt, auch wenn es häufig unbewusst und beiläufig (inzidentell) und seltener gezielt und absichtlich (intentional) erfolgt.
Menschen müssen lernen. Die Phänomene, die uns als Beispiele von Lernen in den Sinn kommen, sind äußerst vielfältig. Sie reichen vom Auswendiglernen eines Gedichts, dem Aneignen neuer Vokabeln, dem Erwerb spezieller Kenntnisse und Fertigkeiten zur Nutzung des Internets oder zur Bedienung eines Fahrkartenautomaten über die Herausbildung von Vorlieben und Abneigungen oder die Übernahme von Vorurteilen bis hin zur Verfestigung individueller Angewohnheiten und Besonderheiten, wie z. B. einem ständigen Räuspern. Allein die Aufzählung dieser Beispiele macht deutlich, wie unterschiedlich Lernen sein kann: Lernen kann absichtlich (Vokabeln lernen) oder beiläufig (Entstehen von Vorlieben) vor sich gehen; es kann durch intensives Üben und Wiederholen (Gedicht lernen) oder durch eine einmalige Beobachtung (wie man einen Zapfhahn an einer Tankstelle benutzt) zustande kommen; es kann als Bereicherung und als Zugewinn (ein Computerprogramm für Videokonferenzen beherrschen) oder als Verschlechterung (sich lästige Angewohnheiten aneignen) empfunden werden.
Doch was ist den mit diesen Phänomenen verbundenen Lernprozessen gemeinsam? Was ist Lernen? Was genau ist geschehen, wenn wir sagen, dass jemand etwas gelernt hat? Hier stehen wir vor einer der Kernfragen der Psychologie. Bei der Beschäftigung mit dieser Frage haben sich unterschiedliche Auffassungen darüber gebildet, was zum Auslösen von Lernprozessen führt bzw. welchen Gesetzmäßigkeiten Lernen unterliegt. Trotz dieser unterschiedlichen Auffassungen, von denen die wichtigsten in diesem Kapitel skizziert werden, lässt sich auf einer sehr allgemeinen Ebene eine gemeinsame Vorstellung, d. h. ein definitorischer Kern von Lernen identifizieren.
Definition: Lernen
Lernen ist ein Prozess, bei dem es zu überdauernden Änderungen im Verhaltenspotenzial als Folge von Erfahrungen kommt.
Lernen ist der Prozess, in dessen Folge es zu einer Änderung eines Verhaltenspotenzials kommt. Von einem Potenzial und nicht vom Verhalten selbst wird gesprochen, weil sich das Produkt des Lernens (das Lernergebnis) nicht notwendigerweise unmittelbar in einem konkret beobachtbaren Verhalten niederschlagen muss (obwohl ein solcher Niederschlag zur leichten Feststellung des sichtbaren Lernerfolgs sehr hilfreich ist). Dass gelernt wurde, kann sich auch in zukünftigen Handlungen oder Verhaltensweisen noch zeigen. Der Prozess des Lernens unterscheidet sich von anderen Veränderungsprozessen (wie z. B. Reifungs- oder Degenerationsvorgängen) wesentlich dadurch, dass er unmittelbar an Erfahrungen gebunden ist.
Uneinheitlich sind allerdings die Auffassungen darüber, was genau diesen Lernprozess ausmacht, was genau eine überdauernde Änderung von Verhaltenspotenzialen – also das Produkt oder Ergebnis des Lernprozesses – charakterisiert und welche Art von Erfahrungen geeignet sind, den Lernprozess auszulösen.
Ungeachtet der durchaus kontroversen Sichtweisen zu diesen Fragen ist der vorangestellten Definition des Lernens aber zu entnehmen, dass Lernen nicht denkbar ist ohne eine besondere Instanz, in der die Ergebnisse von Lernprozessen konserviert werden – also einem Gedächtnis. Obwohl in der Lernforschung zeitweise die Ansicht vertreten wurde, dass Lernen auch ohne Gedächtnis funktionieren könne (so z. B. von John B. Watson, dem Begründer der behavioristischen Lerntheorie), sind sich Lernforscher spätestens seit der sogenannten Kognitiven Wende darin einig, dass jeder Lernprozess auch von einer mentalen Veränderung begleitet wird, die in irgendeiner Form das Lernergebnis konserviert und dauerhaft sichert.
So weit zu den Gemeinsamkeiten psychologischer Vorstellungen darüber, was Lernen ist. In den folgenden Abschnitten dieses Kapitels sollen nun die wichtigsten und bis heute einflussreichen Auffassungen über Lernen dargestellt werden. Unsere Auswahl ist dabei notwendigerweise selektiv. Das ist schon allein aus Gründen der Darstellungsökonomie erforderlich. Bereits in den 1960er Jahren benötigten Hilgard und Bower (1966) für einen kompakten Überblick damals diskutierter Theorien des Lernens ein zweibändiges Werk, und seither sind eine Vielzahl neuer Erkenntnisse hinzugekommen (z. B. Anderson, 2000; Baddeley, 1998). Auf eine detaillierte Darstellung einzelner Lerntheorien wird deshalb völlig verzichtet. Stattdessen wird ein übergeordnetes Kategorienschema (Auffassungen über Lernen) gewählt, um zu beschreiben, welche Aspekte von Lerntheorien unter der Perspektive einer Nutzung in pädagogischen Situationen von besonderer Bedeutung sind. Vier grundlegende Auffassungen über Lernen werden dabei unterschieden: erstens, dass Lernen durch die Bildung von Assoziationen zwischen Sinneseindrücken und Handlungsimpulsen oder zwischen Reizinformationen zustande komme (
Kap. 1.1); zweitens, dass Lernen im Wesentlichen als Verhaltensänderung auf der Basis der operanten Konditionierungsgesetze zu beschreiben sei (
Kap. 1.2); drittens, dass Lernen im Wesentlichen als Erwerb deklarativen, prozeduralen und konditionalen Wissens als Folge mentaler Verarbeitungsprozesse im menschlichen Informationsverarbeitungssystem charakterisierbar sei (
Kap. 1.3); und viertens, dass sich Lernen am besten als eine individuelle Konstruktion von Wissen infolge des Entdeckens, Transformierens und Interpretierens komplexer Informationen durch den Lernenden selbst beschreiben lasse (
Kap. 1.4).
Um keine falschen Hoffnungen zu wecken: In den Teilabschnitten dieses Kapitels kann es nicht darum gehen, eine umfassende, für die Optimierung individuellen Lernens geeignete Theorie zu skizzieren. Eine solche Theorie haben wir nicht anzubieten. Denn trotz äußerst fruchtbarer Weiterentwicklungen der pädagogisch-psychologischen Lernforschung, die auch in den nachfolgenden Kapiteln 2 und 3 skizziert werden, gilt noch immer die von Hilgard und Bower vorgenommene Einschätzung:
Die Konstruktion einer völlig zufriedenstellenden Lerntheorie wird wahrscheinlich noch auf lange Zeit eine unvollendete Aufgabe bleiben. (Hilgard & Bower, 1966/1970, S. 29)
Orientierungsfragen
• Welches sind die philosophischen und historischen Wurzeln moderner Auffassungen über Lernen?
• Was sind die Grundideen der Auffassung vom Lernen als Verhaltensformung bzw. Verhaltensänderung und welche Lernprinzipien folgen daraus?
• Was sind die Grundideen und Lernprinzipien der Auffassung vom Lernen als Wissenserwerb?
• Welche Vorstellungen stecken hinter dem Ansatz, Lernen als Wissenskonstruktion aufzufassen?
1.1 Lernen als Assoziationsbildung
Mit dem Gedanken, dass sich alle Erkenntnis aus der Erfahrung ableitet, erlangte die in England ansässige philosophische Schule des Empirismus um Thomas Hobbes, John Locke und David Hume im 17. und 18. Jahrhundert Weltgeltung. Im 19. Jahrhundert war es John Stuart Mill, der die Erkenntnislehre des englischen Empirismus wieder in Erinnerung brachte. Unter Rückgriff auf Aristoteles entwickelten die Vertreter des englischen Empirismus die Assoziationstheorie. Erkenntnis basiert dieser Theorie zufolge auf den sinnlichen Erfahrungs- bzw. Vorstellungsassoziationen, deren elementarste Form die räumliche und zeitliche Berührung von Ereignissen (Kontiguität) darstellt, die aber auch durch wahrgenommene Gleichheit oder Ungleichheit (Gesetz der Ähnlichkeit bzw. des Kontrasts) und durch die Wahrnehmung einer zeitlichen Abfolge (Gesetz der Kausalität) zustande kommen können.
Als sich am Ende des 19. Jahrhunderts eine eigenständige physiologisch-naturwissenschaftliche Psychologie zu etablieren begann, wurde zur Beschreibung menschlicher Geistestätigkeiten auf das in der philosophischen Assoziationstheorie formulierte Prinzip der Kontiguität zurückgegriffen:
Wenn zwei elementare Hirnprozesse gleichzeitig oder in unmittelbarer Aufeinanderfolge aktiv gewesen sind, dann kommt es beim Wiederauftreten des einen tendenziell zu einer Erregungsübertragung auf den anderen. (James, 1890, S. 566)
Assoziationen zwischen Reizen und Reaktionsimpulsen
Edward L. Thorndike (1898, 1913a, 1913b) kam aufgrund seiner Lernexperimente mit Katzen zu der Auffassung, dass die Grundlage des Lernens die Verknüpfung bzw. Verbindung (Assoziation) zwischen Sinneseindrücken oder Reizen (engl. Stimuli, S) und Handlungs- oder Reaktionsimpulsen (engl. Responses, R) sei – und nicht nur die assoziative Verbindung zwischen zwei Sinneseindrücken. Durch die Betonung der Handlungsimpulse, aber auch im Bemühen um objektive Verhaltensbeschreibungen wurden Thorndikes tierexperimentelle Lernstudien zu wichtigen Vorläufern des amerikanischen Behaviorismus (
Kap. 1.2).
Thorndike (1913b, S. 23) zufolge vollzieht sich das menschliche Lernen – genau wie das Lernen von Tieren – als eine Art »assoziativer Mechanismus«, der einigen wenigen Gesetzen folgt. Die drei wichtigsten Lerngesetze in Thorndikes ursprünglicher Theorie sind (1) das Gesetz der Bereitschaft (Law of Readiness), (2) das Gesetz der Übung (Law of Exercise) und (3) das Gesetz des Effekts (Law of Effect).
(1) Das Gesetz der Bereitschaft beschreibt die Bedingungen, unter denen Assoziationen zwischen Sinneseindrücken und Reaktions- bzw. Handlungsimpulsen zu Empfindungen von Lust oder Unlust führen. Thorndike nahm an, dass alle Sinneseindrücke unspezifische Erregungen der beteiligten Nervenzellen zur Folge hätten und dass solche Erregungen an andere, mehr oder weniger aufnahmebereite Neurone weitergeleitet würden. Ein Handlungsimpuls (und damit die Bereitschaft zum Handeln) komme durch die Erregung einer ganzen Kette weiterer Neurone zustande. Die Gesamtheit dieser Kette hat Thorndike als »assoziationsfähige Einheit« bezeichnet.
1. Wenn eine assoziationsfähige Einheit zum Vollzug der Assoziation bereit ist, ist die entsprechende Erregungsleitung befriedigend (lustvoll) und es geschieht nichts, um sie in ihrem Ablauf zu behindern.
2. Kann eine Verknüpfungsbereitschaft nicht realisiert werden, führt dies zu Unlustempfindung und ruft eine naturgegebene Reaktion hervor, um den unbefriedigenden Unlustzustand zu beseitigen.
3. Auch das Erzwingen einer assoziativen Verknüpfung ohne entsprechende Bereitschaft führt zu einer Unlustempfindung. (Thorndike, 1913a, S. 128)
Mit dem Gesetz der Bereitschaft wird den wichtigen motivationalen Randbedingungen der Assoziationsbildung zwischen den Sinneseindrücken und den Handlungsimpulsen Rechnung getragen.
(2) Die ursprüngliche Fassung des Gesetzes der Übung begründet die Beobachtung, dass sich die einmal gebildeten Assoziationen in ihrer »Stärke« immer wieder verändern können. Die Intensität, mit der ein bestimmter Sinneseindruck einen mit ihm verknüpften Handlungsimpuls hervorruft (und damit die Auftretenswahrscheinlichkeit der entsprechenden Handlung bestimmt), ist also durchaus modifizierbar. Das Gesetz der Übung besagt, dass Assoziationen durch wiederholten Gebrauch gestärkt, durch Nichtgebrauch bzw. Nicht-Fortführung der Übung jedoch geschwächt werden (Vergessen).
(3) Das Gesetz des Effekts gilt als wichtigster Baustein in Thorndikes Theorie. Es bezieht sich auf die Stärkung oder Schwächung von Assoziationen als Folge von Handlungskonsequenzen. Hat ein Sinneseindruck bei einer Person eine assoziationsfähige Einheit für einen Handlungsimpuls erregt, und zwar so stark, dass der Handlungsimpuls tatsächlich in eine Reaktion umgesetzt wurde, und erfährt die Person nun Konsequenzen ihrer Handlung, die sie als befriedigend oder lustvoll (Belohnung) empfindet, so bewirkt dies eine Stärkung der ausgebildeten Assoziation. Löst die nach einer Handlung erfahrene Konsequenz hingegen nicht zufriedenstellende Empfindungen aus, kommt es zu einer Abnahme der Stärke der Assoziation. In seiner ursprünglichen Fassung des Effekt-Gesetzes ging Thorndike noch von einer Wirkungsparallelität von lustvollen und aversiven Empfindungen aus. Später (Thorndike, 1932) hat er diese Annahme revidiert. Die Ergebnisse seiner vornehmlich tierexperimentellen Untersuchungen hatten gezeigt, dass unter sonst gleichen Randbedingungen lustvolle Empfindungen verhaltenswirksamer sind als aversive.
Assoziationen zwischen Reizen (klassisches bzw. respondentes Konditionieren)
Das Prinzip der räumlich-zeitlichen Kontiguität zweier Sinneseindrücke wurde auch zum Erklärungsansatz für ein Lernphänomen, das erstmals 1899, also zeitgleich mit Thorndikes frühen Lernexperimenten, in einer von Iwan P. Pawlow betreuten Dissertation beschrieben und später als »konditionierter Reflex« (noch später als »konditionierte Reaktion«) bezeichnet wurde. Der experimentelle Nachweis des Phänomens besteht aus drei Phasen. (1) In der Kontrollphase wird zweierlei überprüft: zum einen, dass ein spezifischer Reiz (ein sogenannter unkonditionierter Stimulus US) tatsächlich eine spezifische Verhaltensweise (eine sogenannte unkonditionierte Reaktion UR) auslöst; zum anderen, dass ein beliebiger neutraler Reiz (ein sogenannter neutraler Stimulus NS) eben diese (unkonditionierte) Reaktion nicht hervorruft. (2) In der eigentlichen Konditionierungsphase kommt es so lange zu einer wiederholten zeitgleich oder zeitlich eng aufeinander folgenden Darbietung des neutralen und des unkonditionierten Reizes, bis die vormals unkonditionierte Reaktion auch durch die Darbietung des vormals neutralen Reizes ausgelöst wird. Um zu überprüfen, ob aus dem vormals neutralen nun tatsächlich ein sogenannter konditionierter Stimulus (CS) geworden ist, wird (3) in der Löschungsphase dieser Reiz wieder alleine dargeboten. Ist die klassische (respondente) Konditionierung gelungen, dann löst er die vormals unkonditionierte Reaktion nun alleine aus. Um zu unterstreichen, dass hierbei Lernen als Verhaltensänderung stattgefunden hat, wird diese nun als konditionierte Reaktion (CR) bezeichnet. Die Stärke der gelernten Verbindung wird allerdings zunehmend geringer, wenn die räumlich-zeitliche Nähe der Reizdarbietungen wieder aufgehoben wird. Die ersten Nachweise solch konditionierter Reaktionen erfolgten am Beispiel des Speichelflusses bei Hunden (Pawlow, 1927).
Fokus: Pawlows Hund
Pawlow und Mitarbeiter konnten im Labor beobachteten, dass der Anblick von Futter (US) bei einem Hund zur Produktion und Absonderung von Speichel (UR) führte, nicht aber der Ton, der durch das Anschlagen einer Stimmgabel erzeugt wurde (NS). Nach wiederholter Präsentation des Stimmgabeltones unmittelbar vor der Futterdarbietung (Konditionierungsphase) vermochte aber auch der Stimmgabelton (nun zum CS geworden) die Speichelsekretion (nun CR) auszulösen.
Eigentlich geht es beim klassischen Konditionieren darum, eine bereits im Verhaltensrepertoire vorhandene Reaktion auf bestimmte Reize auf einen anderen, neuartigen Reiz zu transferieren. Dies geschieht, indem in systematischer Weise eine neue Assoziation zwischen zwei Reizen (Stimuli) ausgebildet wird, mit dem Ergebnis, dass eine bereits vorhandene Reiz-Reaktions-Verknüpfung auf einen weiteren (Auslöser-)Reiz übertragen wird.
Kontiguität vs. Kontingenz. Lange Zeit glaubte man, dass die räumliche und zeitliche Nähe zwischen den Reizen für die Assoziationsbildung beim klassischen Konditionieren notwendig sei. Besonders radikal ist diese Position von Edwin R. Guthrie (1959) vertreten worden, der alle Lernvorgänge mit der Gleichzeitigkeit (Kontiguität) des ursprünglich neutralen Signalreizes und der bereits vorhandenen Reiz-Reaktionsverbindung zu erklären versuchte. Später hat man allerdings das Phänomen der klassischen Konditionierung auch bei größeren zeitlichen Abständen nachweisen können, ja selbst dann, wenn gar keine Kontiguität zwischen den zwei Reizen bestand (Anderson, 2000; Steiner, 2006). Möglicherweise ist also gar nicht die Kontiguität zweier Reize der entscheidende Wirkmechanismus, sondern es gibt einen anderen Faktor, der ausschlaggebend ist: die Kontingenz zwischen zwei Reizen. Von Kontingenz spricht man, wenn ein Reiz oder ein Ereignis das Auftreten eines zweiten Reizes oder Ereignisses zuverlässig vorhersagt, also signalisiert. Nehmen wir beispielsweise an, zwei Brüder streiten relativ häufig und zwar in allen möglichen Situationen. Bei genauer Beobachtung ließe sich aber feststellen, dass sie nur sporadisch miteinander streiten, wenn sie miteinander Fußball spielen, dass sie aber fast immer streiten, wenn sie gemeinsam im Fernsehen ein Fußballspiel verfolgen. Obwohl beide Verhaltensweisen (miteinander Fußball spielen und gemeinsam ein Fußballspiel im Fernsehen verfolgen) also zusammen mit dem Ereignis »Streit« auftreten (Kontiguität), besteht eine Kontingenz lediglich für die assoziative Verbindung »gemeinsam ein Fußballspiel im Fernsehen verfolgen« und nachfolgend »gibt es Streit«. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Brüder streiten werden, ist also beim Verfolgen eines Fußballspiels im Fernsehen bedeutsam größer als bei anderen gemeinsamen Aktivitäten, wie z. B. dem gemeinsamen Fußballspielen.
Rescorla (1988) vertritt eine mit modernen kognitiven Lerntheorien gut vereinbare Interpretation des respondenten Konditionierens, der zufolge nicht die Kontiguität von Reizen, sondern die Kontingenzinformation, die der konditionierte über den unkonditionierten Reiz enthält, von entscheidender Bedeutung sei. Diese Erklärung geht davon aus, dass nicht das gemeinsame Auftreten von konditionierten und unkonditionierten Stimuli entscheidend ist, sondern das Ausmaß und die Zuverlässigkeit, mit der der konditionierte das Auftreten des unkonditionierten Stimulus vorhersagt. Entscheidend ist also der Informationsgehalt, den ein Reiz über einen anderen Reiz liefert und weniger das räumliche und zeitliche Zusammentreffen der beiden Reize.
Konnektionismus. Das Interesse an der auf Thorndike und Pawlow zurückführbaren Grundauffassung des Lernens als Assoziationsbildung hat zu Beginn der 1950er Jahre merklich nachgelassen. Dies hat zweifelsohne mit dem damaligen weltweiten Siegeszug der Auffassung von Lernen als Verhaltensformung (
Kap. 1.2) zu tun. Als jedoch in den 1980er Jahren Lernen zunehmend als ein paralleles Verarbeiten von Informationen aufgefasst wurde, das über verschiedene neuronale Einheiten hinweg verteilt stattfindet, kam es zu einer Renaissance des »Konnektionismus«, wie Thorndike selbst seine Assoziationsgesetze genannt hatte. In sogenannten PDP-Modellen (Parallel Distributed Processing) simulierte man Lernen auf der Basis komplexer neuronaler Strukturen, wobei die bekannten Regeln der Assoziationsbildung als grundlegende Prinzipien der Informationsübertragung von Neuron zu Neuron herangezogen wurden. Wie Anderson (2000) sehr pointiert zusammenfasst, haben sich die konnektionistischen Modelle tatsächlich als geeignet erwiesen, um die vornehmlich kortikal lokalisierbaren höheren Lernprozesse abzubilden. Allerdings sind die meisten menschlichen Lernvorgänge zusätzlich mit einer Aktivierung subkortikaler Strukturen des limbischen Systems – vor allem des sogenannten Hippocampus – verbunden (
Abb. 1.1). Solche Prozesse werden aber in den konnektionistischen Ansätzen nicht modelliert.

Abb. 1.1: Neuroanatomische Lokalisierung des Hippocampus
Fokus: Biologische Grundlagen des Lernens
Seit den Anfängen der Lernforschung hat man sich für die Frage interessiert, welche biochemischen Prozesse und neuroanatomischen Strukturen für Lernprozesse verantwortlich sind. Mit den biologischen Grundlagen menschlichen Lernens beschäftigen sich mit großem Erfolg die modernen Neurowissenschaften. Man weiß inzwischen, dass Strukturen des limbischen Systems, vor allem der Hippocampus, bei der Aufnahme, Verarbeitung und Konsolidierung von episodischen Informationen (Daten, Fakten, Namen) eine wichtige Rolle spielen, zusammen mit den kortikalen Strukturen des medialen Temporallappens. Beim willentlichen Abrufen episodischer Informationen aus dem Gedächtnis sind Aktivierungen im rechten dorsolateralen und medialen Frontalkortex zu beobachten. Beim Abrufen allgemeinen Weltwissens, das nicht mehr mit spezifischen Lernepisoden verknüpft ist, scheinen dagegen unterschiedliche kortikale Regionen im Temporallappenbereich beteiligt zu sein. Die Lokalisierung spezifischer Gedächtnisinhalte im Gehirn hat sich allerdings als äußerst schwierig erwiesen, da Gedächtnisinhalte nicht in einer Region, sondern weit verteilt über viele neuronale Systeme repräsentiert sind (Squire & Kandel, 1999).
Generalisierung und Diskrimination. Mike Rinck (2016) hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die praktische Bedeutung des respondenten Konditionierens daher rührt, dass es nicht auf exakt die Reize beschränkt ist, mit denen konditioniert wird. Zu den konditionierten Reaktionen (CR) kommt es nach einer Phase hinreichender Kontingenz auch auf Reize, die dem ursprünglichen konditionierten Stimulus (CS) ähneln. Hier gilt das Prinzip der Stimulus-Generalisierung: Je ähnlicher ein Reiz dem ursprünglichen CS ist, desto eher und stärker wird auch er die CR auslösen können. Der Vollständigkeit halber weisen wir ausdrücklich darauf hin, dass die Reiz-Generalisierung auch Grenzen hat. Solche Grenzen rühren beispielsweise daher, dass Menschen (wie Tiere) grundsätzlich in der Lage sein müssen, überhaupt zwischen ähnlichen, aber nicht identischen Reizen unterscheiden zu können (Stimulus-Diskrimination).
1.2 Lernen als Verhaltensänderung
Durch gänzlich pragmatische Umsetzungen der assoziationstheoretischen Überlegungen Thorndikes begann in den 1920er Jahren eine neue, verhaltensorientierte (behavioristische) Auffassung des Lernens ihren weltweiten Siegeszug. Als Gründer dieser mit großem pädagogischen Optimismus betriebenen, jedoch dem Wesen nach eher atheoretischen Lernphilosophie gilt John B. Watson. Zu den Kernannahmen der behavioristischen Sichtweise zählen,
1. dass Lernen – wissenschaftlich verstanden – gleichzusetzen ist mit sichtbaren Verhaltensänderungen,
2. dass diese Verhaltensänderungen eine direkte, also nicht durch intrapsychische Zwischenprozesse vermittelte, Funktion der Verknüpfung von Umweltreizen (Stimuli) und Verhaltensweisen (Reaktionen) sind, und
3. dass der Aufbau von Verhaltensweisen in hohem Maße durch das Ausnutzen von Reiz-Reaktions-Kontingenzen beeinflussbar ist (Watson, 1919).
Schon früh wurde der behavioristische Verzicht auf Annahmen über die intrapsychischen Zwischenprozesse kritisiert. Dennoch dauerte es bis in die 1960er Jahre, bis sich Vorläufer der heute dominierenden Auffassungen von Lernen (
Kap. 1.3 und
Kap. 1.4) durchsetzen konnten. Wesentlich für den lang anhaltenden Erfolg behavioristischer Lernauffassungen waren die vornehmlich tierexperimentellen Arbeiten von Burrhus F. Skinner, der mit großem Geschick pädagogisch leicht umsetzbare Lernprinzipien der Verhaltensformung herausgearbeitet hat. Skinners Werk gilt nicht zuletzt wegen seiner Klarheit und des unmissverständlichen Anspruchs, Lernen als objektiv-beschreibende Verhaltenswissenschaft zu betreiben, als radikal-behavioristisch.
Verhaltensänderung durch Verstärkungskontingenzen (operantes Konditionieren)
Die Annahme, dass Lernen durch Kontingenz entsteht, war bereits zentraler Bestandteil des im vorigen Abschnitt beschriebenen klassischen Konditionierens: Dort gilt die Kontingenz zwischen zwei Reizen (NS–US) als Bedingung der Assoziationsbildung, indem eine ursprünglich nur auf den unkonditionierten Stimulus (US) hin gezeigte unkonditionierte Reaktion (UR) am Ende eines erfolgreichen Lernvorgangs auch auf den zuvor neutralen (NS), jetzt neu assoziierten Stimulus erfolgte. Dieser Grundgedanke wird in Skinners (1953) Konzept des operanten Konditionierens von einer Kontingenz zwischen zwei Komponenten zu einer mit dreien erweitert. Durch die sogenannte Verstärkungskontingenz wird nämlich »gelernt«, dass eine Reaktion (R), die im Anschluss an eine bestimmte Reizsituation (S) gezeigt wird, eine angenehme (Verstärkung) oder unangenehme Empfindung (Bestrafung) zur Folge haben kann. Als prinzipielle Möglichkeiten der Verhaltensformung durch die Anwendung von Verstärkungskontingenzen hat Skinner (1953) vier operante Lernprinzipien beschrieben. Sie unterscheiden sich danach, ob das Wirkverhalten durch pädagogische Konsequenzen verstärkt oder bestraft wird, und ob dies durch Hinzufügen oder durch den Entzug eines Folgereizes geschieht.
Fokus: Vier operante Lernprinzipien

Wertigkeit des Folgereizes
Kontingent applizierte positive und negative Verstärkungen (also das Hinzufügen eines angenehmen oder das Entfernen eines unangenehmen Folgereizes) führen zu einer Erhöhung der Auftretenswahrscheinlichkeit des zuvor gezeigten Verhaltens, während die beiden Formen der Bestrafung (also das Hinzufügen eines unangenehmen oder das Entfernen eines angenehmen Folgereizes) die Auftretenswahrscheinlichkeit des entsprechend kontingent betroffenen Verhaltens reduzieren.
Verstärkungspläne. Die naheliegende pädagogische Anwendung der operanten Lernprinzipien wären Maßnahmen der kontinuierlichen Verstärkung, bei denen systematisch jedes Auftreten einer erwünschten Verhaltensweise durch einen als angenehm empfundenen Folgereiz belohnt wird (positive Verstärkung). Ein klassisches Beispiel, das die Wirksamkeit einer so applizierten kontinuierlichen Verstärkung demonstriert, findet sich bei Etzel und Gewirtz (1967). Die Autoren wollten dem sechs Wochen alten William, der in einer Kindertagesstätte durch scheinbar grundlos häufiges und anhaltendes Schreien aufgefallen war, diese Verhaltensweise abgewöhnen. Zunächst wurde Williams Verhalten sorgfältig beobachtet. Dabei zeigte sich, dass er in einer festgelegten Zeiteinheit nur selten (elfmal) lächelte, aber überwiegend schrie. In einer daran anschließenden kontinuierlichen Verstärkungsphase wurde auf jedes Lächeln Williams’ sofort mit der freundlichen Redewendung »William ist ein guter Junge« und mit einem zwei Sekunden dauernden Zurücklächeln reagiert. Jedes Schreien Williams wurde in dieser Phase ignoriert. Nach Abschluss dieser kontinuierlichen Verstärkungsphase lächelte William viermal häufiger als zuvor und er schrie nicht mehr.
Solche Formen kontinuierlicher Verstärkung dürften sich im pädagogischen Alltag nur selten realisieren lassen. So kann z. B. eine (Tages-)Mutter, die sich gleichzeitig um mehrere Kinder kümmern muss, gar nicht jedes Lächeln eines häufig schreienden Kindes wahrnehmen und entsprechend durch Zuwendung verstärken. Realistischerweise wird sie also die erwünschten Verhaltensweisen auch nur eines einzelnen Kindes wahrscheinlich nur gelegentlich, d. h. partiell verstärken können, weil ihr vermutlich vieles entgeht. Selbst in den tierexperimentellen Laborversuchen Skinners kam es immer wieder zu partiellen bzw. intermittierenden anstelle von kontinuierlichen Verstärkungen, da es nicht immer gelang, jedes erwünschte Verhalten durch die stets gleiche Verstärkungsdosis (z. B. Anzahl der Futterpillen) zu belohnen. Überraschenderweise zeigte sich aber, dass es nach den gelegentlichen, intermittierenden Verstärkungen durchaus auch zum Aufbau des erwünschten Verhaltens kam, allerdings wurde dazu – was nicht weiter verwundert – mehr Zeit benötigt. Zwei interessante Beobachtungen sprechen dafür, dass die intermittierende Verstärkung der kontinuierlichen sogar vorzuziehen ist: Zwar dauert der Aufbau des erwünschten Verhaltens beim intermittierenden Verstärken länger, jedoch wird dieses Verhalten nach etwa der gleichen Anzahl von Verstärkergaben (Dosis) erreicht. Und es hat sich gezeigt, dass intermittierend verstärktes Verhalten im Vergleich zu kontinuierlich verstärktem löschungsresistenter ist, also nach Absetzen der Verstärker länger anhält und beibehalten wird (Robbins, 1971).
Ferster und Skinner (1957) haben die Langzeitwirkungen von ungefähr 20 unterschiedlichen Vorgehensweisen der systematischen intermittierenden Verstärkung im Tierversuch untersucht. In der Pädagogischen Psychologie des menschlichen Lernens sind vier Grundtypen dieser Vorgehensweisen – man bezeichnet sie auch als Verstärkungspläne – besonders verbreitet (Steiner, 2006). Sie lassen sich einem Vier-Felder-Schema zuordnen, je nachdem ob die intermittierende Applikation des Verstärkers an der verstrichenen Zeit oder an der Anzahl der bereits gezeigten erwünschten Verhaltensweisen ausgerichtet wird und ob sie in einem fixierten oder in einem variablen Rhythmus erfolgt.
Fokus: Verstärkungspläne

Rhythmus der Verstärkung
Beziehen sich die Verstärkungen auf die Anzahl der bereits gezeigten erwünschten Verhaltensweisen, so spricht man von einem Quotenplan. Wird regelmäßig im Sinne einer festgelegten Quote (z. B. jedes fünfte Mal nach dem Auftreten der erwünschten Verhaltensweise) verstärkt, liegt ein Festquotenplan vor; wird dagegen unregelmäßig, aber durchschnittlich jedes fünfte Mal nach dem Auftreten des erwünschten Zielverhaltens verstärkt, spricht man von einem variablen Quotenplan.
Entsprechend ist die Bezugsgröße für die Verstärkerapplikation bei den Intervallplänen die insgesamt verstrichene Zeit. Wird ein Verstärker z. B. regelmäßig auf die erste erwünschte Verhaltensreaktion in einem festgelegten 10-Minuten-Takt gegeben, handelt es sich um einen Festintervallplan. Wird dagegen der Takt der Zeitintervalle für die Verstärkung unterschiedlich gewählt (einmal wird nach fünf Minuten, einmal nach zehn Minuten, einmal nach 15 Minuten verstärkt) und nur im Durchschnitt der 10-Minuten-Takt eingehalten, dann liegt ein variabler Intervallplan vor. Insgesamt gelten die variablen Verstärkungspläne als besonders geeignet, da sie im Allgemeinen eine vergleichsweise höhere Frequenz der erwünschten Verhaltensreaktionen hervorrufen.
Beispiel: Variable Verstärkungspläne
Variable Quotenpläne findet man häufig im Schulalltag – z. B. wenn es um die Belohnung der freiwilligen Mitarbeit im Unterricht geht. Stellen Sie sich vor, in einer Klasse heben immer die gleichen 15 Kinder die Hand, wenn die Klassenlehrerin eine Frage stellt. Gelingt es der Lehrerin, keines der Kinder bevorzugt zu behandeln, dann beträgt für jedes Kind die Wahrscheinlichkeit des Aufgerufenwerdens (Verstärkung) 1:15. Geht die Lehrerin nun aber nicht alphabetisch oder in einer anderen Weise systematisch vor, dann wird die Wahrscheinlichkeit und damit die Auftretenshäufigkeit des Antwortgebens für ein beliebiges Kind in der einen Schulstunde vielleicht bei 1:5 liegen, in einer anderen bei 1:40, im Durchschnitt jedoch bei 1:15. Die Bekräftigung (Aufgerufenwerden) des Zielverhaltens (Mitarbeit) erfolgt hierbei nach der Logik eines variablen Quotenplanes und dürfte ziemlich »löschungsresistent« (s. u.) sein.
Und das Bestrafen? Ein pädagogisch ebenso zentrales wie kontrovers diskutiertes Thema ist die Frage der Wirksamkeit und der Auswirkungen von Strafe. Aus der Sicht der behavioristischen Lernpsychologie interessiert dabei vornehmlich die vergleichende Verhaltenswirksamkeit der Darbietung eines aversiven Reizes (z. B. Tadel oder Strafarbeit) oder des Entzugs eines angenehmen Reizes (z. B. Taschengeld einbehalten oder Fernsehverbot) in Folge eines unerwünschten Verhaltens. In Skinners frühen Arbeiten finden sich einige experimentelle Befunde hierzu. Deren unzulässige Übergeneralisierung hat häufig zu der Fehleinschätzung geführt, dass Bestrafungen grundsätzlich nicht geeignet seien, überdauernde Verhaltensänderungen hervorzurufen. Durch Strafe – so wurde kolportiert – ließe sich ein unerwünschtes Verhalten nur unterdrücken, nicht aber verändern, so dass es nach Absetzen der Strafe schon bald wieder in fast dem gleichen Maße auftrete wie zuvor. Seit den 1950er Jahren konnte jedoch in zahlreichen Studien nachgewiesen werden, dass Strafe dann ebenso effektiv sein kann wie Verstärkung, wenn sie vom Strafenden nur richtig angewandt und vom Bestraften subjektiv richtig verstanden und verarbeitet wird (Johnston, 1972; Steiner, 2006). Wie muss wirksame Strafe beschaffen sein? Azrin und Holz (1966, S. 426 f) haben darauf die folgenden Antworten gegeben:
1. Der Strafreiz sollte so gesetzt werden, dass ein Ausweichen nicht möglich ist.
2. Er sollte so intensiv wie möglich sein und kontinuierlich erfolgen.
3. Er sollte unmittelbar auf das unerwünschte Verhalten folgen und von Anfang an mit maximaler Intensität angewendet werden.
4. Ausgedehnte Bestrafungsphasen sollten vermieden werden.
5. Es ist darauf zu achten, dass der Strafreiz nicht differenziell mit einer Verstärkung assoziiert wird, damit die Bestrafung keine verstärkenden Eigenschaften erwirbt.
6. Bestrafung kann auch durch Entzug positiver Verstärkungen erreicht werden. Dies setzt allerdings voraus, dass bereits ein gewisses Niveau vorangegangener Verstärkungen erreicht wurde, da sonst ein wirksamer Entzug von Verstärkung nicht möglich ist.
Aus der prinzipiellen Wirksamkeit von Bestrafung folgt jedoch noch nicht, dass sie für den pädagogischen Einsatz besonders geeignet ist. Es besteht nämlich die Gefahr, dass Strafen unerwünschte Nebeneffekte nach sich ziehen. So kann Strafe Abneigung oder Angst gegenüber dem Strafenden hervorrufen und unerwünschtes Flucht- bzw. Vermeidungsverhalten oder gar Aggressionen auslösen. Smith und Smoll (1997) konnten beispielsweise zeigen, dass Kinder, die im Mannschaftssport während eines Spiels von ihrem Trainer permanent kritisiert wurden, in der Regel eine ablehnende Einstellung zu der ausgeübten Sportart entwickelten. Nicht selten führt dies zu Vermeidungsverhalten (»Ich höre mit dem Fußballspielen ganz auf!«).
Es gibt weitere unerwünschte Nebeneffekte, wie etwa das Auftreten psychosomatischer Beschwerden oder die Entwicklung und Verfestigung einer negativen Selbstwahrnehmung. Strafendes Verhalten von Lehrern und Erziehern kann zu einem »erfolgreichen« Modell aggressiven Verhaltens werden, das zur unerwünschten Nachahmung anstiftet (Strassberg, Dodge, Pettit & Bates, 1994; Straus & Kantor, 1994). Schließlich kann es zur Ausbildung einer »erlernten Hilflosigkeit« kommen, wenn nämlich ein alternatives Verhalten gar nicht möglich ist, durch das man dem Strafimpuls entgehen könnte.
Fokus: Erlernte Hilflosigkeit
Das Phänomen der erlernten Hilflosigkeit (Learned Helplessness) wurde erstmals in einem Tierexperiment von Seligman und Maier (1967) illustriert. Zu Beginn des Experimentes wurden einige Hunde in einem Netz festgehalten und schmerzhaften Stromstößen (elektrischen Schocks) ausgesetzt. Die Hälfte der Hunde ließ man aus dieser Pein entkommen, wenn sie eine entsprechende mechanische Vorrichtung betätigten. Die andere Hälfte bekam keine Möglichkeit zu fliehen.
Am nächsten Tag wurden die beiden Gruppen sowie eine dritte Gruppe, die am Vortag nicht mit Stromstößen gepeinigt worden war, einem Schockvermeidungstraining in einem Doppelkäfig unterzogen. Dort lernten sie, auf einen schrillen Ton hin (diskriminativer Hinweisreiz) über die Trennwand hinweg in den jeweils anderen Käfigteil zu fliehen, was den Ton zum Verschwinden brachte und den drohenden Stromstoß fernhielt, da die elektrischen Schocks nur in der einen Käfighälfte appliziert wurden. Die Hunde, die am Vortag durch eigenes Fluchtverhalten die Schocks hatten beenden können, lernten das Vermeidungsverhalten so schnell wie die bislang nicht geschockten Tiere der dritten Gruppe. Dagegen waren die Hunde, die in der ersten Versuchsphase unvermeidbare Stromstöße erhalten hatten, regelrecht hilflos: Nur selten sprangen sie in den geschützten Käfigteil hinüber; stattdessen kauerten sie still, ließen die Stromstöße über sich ergehen und winselten. Die Erfahrung mit nicht-kontingenten, unvermeidbaren und intensiven Strafreizen hatte sie offenkundig hilflos gemacht.
Hiroto und Seligman (1975) konnten zeigen, dass das Phänomen der erlernten Hilflosigkeit auch beim menschlichen Lernen ausgelöst werden kann: Musste zunächst eine ermüdend lange Reihe von Anagrammaufgaben, die gar nicht lösbar waren, bearbeitet werden, so war man anschließend auch zu einfachen Lernprozessen nicht mehr in der Lage.
Bisweilen täuschen sich Strafende auch hinsichtlich der Wirksamkeit ihres strafenden Handelns, weil sie das Ausbleiben des unerwünschten Verhaltens selbst gar nicht mehr kontrollieren. Nicht selten kommt es auch zu einer Art Kontrast-Phänomen, bei dem ein unerwünschtes Verhalten zwar in jenen Situationen nicht mehr gezeigt wird, in denen es systematisch bestraft wurde, dafür jedoch in anderen Situationen sogar noch zunimmt. So sind Eltern häufig erstaunt, wenn sie vom Lehrer ihres Kindes erfahren, dass es in der Schule noch immer ein unerwünschtes Problemverhalten zeigt, von dem sie glaubten, dass es aufgrund ihrer systematischen Bestrafungsaktivitäten in der Vergangenheit längst überwunden sei. Bisweilen stellt sich dann heraus, dass das betreffende Verhalten zwar im häuslichen Kontext gar nicht mehr vorkommt, dafür aber umso häufiger in der Schule.
Kommen wir noch einmal auf die oben aufgeworfene Frage zurück, ob Bestrafen zur Verhaltensformung weniger gut geeignet ist als Belohnen. Wie bereits erwähnt, hat der »späte« Thorndike (1932) diese Frage mit ja beantwortet, da er zeigen konnte, dass lustvolle Empfindungen (wie sie sich nach Belohnungen einstellen) verhaltenswirksamer sind als aversive oder unangenehme Empfindungen (wie sie nach Bestrafungen erlebt werden). Fasst man die Befunde zur Wirksamkeit von Bestrafung aus den letzten Jahrzehnten zusammen, so kann man Thorndike durchaus zustimmen: Strafe scheint weniger gut geeignet, um neuartige, erwünschte Verhaltensmuster zu erwerben; wird sie jedoch konsequent und angemessen (im Sinne der oben skizzierten Prinzipien) praktiziert, ist sie durchaus wirksam und effizient zur Reduktion unerwünschter Verhaltensweisen. Die Gefahr, dass etwas »schiefläuft« beim Bestrafen und dass die skizzierten unerwünschten Nebeneffekte eintreten, sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Gage und Berliner (1996) weisen außerdem darauf hin, dass es bei der Anwendung von Bestrafung im Kontext schulischen Lernens unbedingt »gerecht« zugehen muss. Schüler reagieren sehr sensibel auf die Gerechtigkeit von Bestrafungen. Alle, die aufgrund eines Regelverstoßes eine Strafe verdienen, müssen in der gleichen Weise und mit gleicher Intensität bestraft werden, sonst wird eine kaum mehr kontrollierbare Dynamik von Rechtfertigungen und Relativierungen in einer Lerngruppe ausgelöst, die die intendierte Wirkung der Bestrafung wieder zunichte machen kann.
Alternativen zur Bestrafung. Gelegentlich wird es in Erziehung und Unterricht darum gehen, unerwünschte Verhaltensweisen möglichst dauerhaft zu unterbinden. Im Rahmen der in diesem Abschnitt dargestellten Auffassung von Lernen als Verhaltensformung bieten sich dabei zwei Alternativen zum herkömmlichen Bestrafen – dem Hinzufügen eines unangenehmen Folgereizes – an: die Methode der Extinktion und die Methode der differenziellen Verstärkung. Betrachten wir zunächst die Extinktion. Hier wird der Umstand ausgenutzt, dass erlernte Verhaltensweisen nach dem Aussetzen oder Zurücknehmen einer Verstärkung ohnehin zunehmend seltener gezeigt werden.
Beispiel: Extinktion (Löschung)
Durch kontingente Verstärkung wird ein gewünschtes Verhalten aufgebaut, etwa indem eine Lehrerin Pluspunkte an die Schülerinnen und Schüler ihrer Klasse vergibt, die sich durch Melden am Unterricht beteiligen. Dies wird zu einer erhöhten Frequenz des freiwilligen Meldens führen. Setzt die Lehrerin den Verstärker der Pluspunkte nach einer Weile wieder ab, so sinkt auch die Rate der freiwilligen Meldungen wieder. Dieser Vorgang der allmählichen Löschung des neu erlernten Verhaltens wird als Extinktion bezeichnet – häufig (auch in diesem Fall) ist das unerwünscht.
Im Prinzip handelt es sich beim Ausnutzen des Extinktionsphänomens um eine »milde« Form der Bestrafung durch Entzug eines als positiv empfundenen, bislang gewährten Folgereizes. Die zuvor kontingente Vergabe des Verstärkerreizes wird abgesetzt, was über kurz oder lang zu einer geringeren Auftretenswahrscheinlichkeit des ursprünglich verstärkten Verhaltens führen wird. In pädagogischen Situationen haben sich vor allem zwei Formen dieser indirekten Bestrafung bewährt, die verordnete Auszeit und die auferlegten Folgekosten. Bei der Auszeit (Time Out) wird den Lernenden für eine bestimmte Zeitdauer eine sonst übliche Verstärkung vorenthalten. Dieses Verfahren ist besonders dann geeignet, wenn die Schüler ein eigentlich erwünschtes (und daher zu verstärkendes) Verhalten mit unerwünschten Verhaltenselementen mischen (z. B. wenn sie sich zwar freiwillig melden, dabei aber stets geräuschvoll mit den Fingern schnalzen). Hält die Auszeit so lange an, bis das erwünschte Verhalten wieder ohne die unerwünschten Beigaben gezeigt wird, ist das Ziel der Maßnahme erreicht. Nicht selten kommt es vor, dass unerwünschte Verhaltensweisen der Kinder von ihren Eltern oder Lehrern unabsichtlich verstärkt werden, weil nämlich ein Kind für ein unerwünschtes Verhalten jene Aufmerksamkeit bekommt, die ihm sonst verwehrt bliebe. Auch hier kann die Methode der Extinktion zum Einsatz kommen, indem das unerwünschte Verhalten künftig systematisch ignoriert wird.
In ähnlicher Weise funktioniert das Prinzip der Folgekosten (Response Costs). Im Fußball findet es Anwendung, um zu verhindern, dass ein torschussbereiter Spieler von der in Bedrängnis geratenen abwehrenden Mannschaft regelwidrig behindert wird. Lässt sich die Verteidigung dennoch zu einem Foul im Strafraum hinreißen, kommt es zu erheblichen Folgekosten für den Übeltäter und sein Team (Elfmeter, Platzverweis, ggf. sogar eine Sperre in nachfolgenden Spielen). Will man das Prinzip der Folgekosten auf die Schule übertragen, bedarf es eines klaren Regelwerkes zu den Unterrichtsabläufen. Erst wenn sich die Schüler des Ausmaßes der für sie unangenehmen Folgekosten bewusst sind, ist mit einem Unterlassen des unerwünschten Verhaltens zu rechnen.
Wie Kazdin (2001) ausführlich dargelegt hat, lassen sich auch die Skinner’schen Lernprinzipien der sogenannten differenziellen Verstärkung zur Verringerung unerwünschter Verhaltensweisen einsetzen. Auf den ersten Blick erscheint dies paradox; dient doch die Verstärkung dem Aufbau und der Stabilisierung von Verhalten und nicht dem Abbau bzw. seiner Elimination. Mit der Technik der differenziellen Verstärkung alternativen Verhaltens lässt sich ein unerwünschtes Verhalten tatsächlich reduzieren, indem nämlich grundsätzlich alle gezeigten Verhaltensweisen verstärkt werden, mit Ausnahme der unerwünschten, die man unterbinden möchte. Angewendet auf unser oben erwähntes Beispiel könnte das etwa folgendermaßen aussehen: Der üblicherweise beim Melden stets mit den Fingern schnalzende Schüler wird dann wieder durch Zuwendung (oder Pluspunkte) verstärkt, wenn er das Ausmaß des Schnalzens deutlich gedrosselt hat.
Neues Verhalten durch operante Konditionierung
Der Auffassung von Lernen als Verhaltensänderung wurde früh vorgeworfen, dass über operantes Konditionieren kein neues Verhalten erlernbar sei, da es ja mit seinen Prinzipien des Verstärkens und Bestrafens nur auf schon gezeigtes Verhalten reagieren könne. Allerdings können die operanten Lernprinzipien durchaus genutzt werden, um Neues zu erlernen. Dazu stehen zwei Techniken zur Verfügung (Rinck, 2016): das Shaping (Verhaltensformung), bei dem schrittweise Annäherungen an ein Zielverhalten verstärkt werden, und das Chaining (Verhaltensverkettung).
Shaping beginnt damit, alle Verhaltensweisen zu verstärken, die eine vage Ähnlichkeit mit dem gewünschten Zielverhalten haben. Sobald diese häufiger gezeigt werden, wird die Regel strenger: Jetzt werden nur noch Verhaltensweisen verstärkt, die eine große Ähnlichkeit mit dem Zielverhalten haben. Von Schritt zu Schritt werden die Ähnlichkeitsanforderungen für das zu verstärkende Verhalten immer größer, bis nur noch das gewünschte Verhalten selbst verstärkt wird. Diese schrittweise Annäherung an das gewünschte Verhalten bezeichnet man als »sukzessive Approximation«. Beispiele der in der Tierdressur häufig genutzten Shaping-Prozeduren finden sich bei Rinck (2016).
Das Chaining macht sich den Umstand zunutze, dass viele zu erlernende Verhaltensweisen komplexerer Natur sind und sich aus einer Sequenz von Einzelhandlungen zusammensetzen. Unter Nutzung von Verstärkerplänen werden die Einzelhandlungen nach und nach aufgebaut und in zunehmendem Maße in ihrer Verkettung verstärkt. Dabei hat sich vor allem eine Backward-Variante des Chaining als erfolgversprechend erwiesen, bei der man mit der letzten Einzelhandlung der zu erlernenden Sequenz beginnt und nach und nach die vorangehenden Handlungsschritte aufbaut.
Beispiel: Backward-Chaining
Beispielsweise können Kinder durch Chaining lernen, sich selbstständig anzuziehen. Dazu wird das Kind zunächst von jemand anderem so weit angezogen, bis es nur noch den letzten Schritt allein tun muss, beispielsweise die Mütze aufsetzen. Dieser letzte Schritt wird vom Lehrenden angeregt und dann verstärkt, beispielsweise durch Lob und Aufmerksamkeit oder durch den nachfolgenden, attraktiven Spaziergang. Sobald dies sicher gelingt, muss das Kind für die Verstärkung die letzten zwei Schritte selbst ausführen, dann die letzten drei, und so weiter bis zur Beherrschung der vollständigen Verhaltenskette (Rinck, 2016, S. 80 f).
Verhaltensänderung durch Beobachtung (Lernen am Modell)
Skinners operante Lerntheorie hat von Anfang an kritische Diskussionen ausgelöst. Zu den einflussreichsten Kritikern gehörte Albert Bandura, der bereits Anfang der 1960er Jahre einen sogenannten sozio-behavioristischen Ansatz entwickelte, um die eingeschränkte Nützlichkeit des radikalen Behaviorismus mit seiner Beschränkung auf Lernen in »Ein-Personen-Situationen« zu überwinden (Bandura & Walters, 1963). Als zentrales zusätzliches Lernprinzip führte Bandura das Konzept des Modell-Lernens (Lernen durch Beobachtung) ein. Mit dem Nachweis, dass sich neuartige Verhaltensmuster in sozialen Kontexten (wie z. B. Verhaltensregeln bei Tisch) leicht durch das Imitieren des Verhaltens von Modellpersonen (z. B. der Tischmanieren der Eltern oder Geschwister) erklären lassen, zeigte er auf, dass Lernen nicht nur über Verstärkungskontingenzen erfolgt (Stellen Sie sich etwa das Erlernen des Autofahrens nach den Prinzipien der operanten Konditionierung vor!). Sehr bekannt wurden Banduras Experimente zum Imitieren aggressiver Verhaltensweisen. In diesen Experimenten hat sich gezeigt, dass auch stellvertretende Verstärkungen (Vicarious Reinforcement) ausgesprochen lernwirksam sein können. Wenn ein Beobachter wahrnimmt, dass ein Anderer (ein Modell) für ein bestimmtes Verhalten verstärkt wird, dann ahmt er diese Verhaltensweisen mit großer Wahrscheinlichkeit nach, ohne selbst dafür verstärkt worden zu sein. Stellvertretende Verstärkung (analog gilt das auch für die stellvertretende Bestrafung) kann bisweilen sogar zu stärkeren und nachhaltigeren Effekten führen als eine direkte Verstärkung (wenn man sich z. B. darüber freut, einen anderen Menschen glücklich gemacht zu haben).
Studie: Aggressives Verhalten durch Lernen am Modell
Bandura (1965) zeigte Kindergartenkindern einen Film, in dem eine erwachsene Person (ein Modell) eine lebensgroße Puppe handgreiflich traktierte und beschimpfte. Per Zufall waren die Kinder drei verschiedenen Versuchsbedingungen zugeteilt. Die Kinder der ersten Gruppe sahen im Filmverlauf, wie das aggressive Modell durch einen zweiten Erwachsenen gelobt und beschenkt wurde (positive Verstärkung). Die Kinder der zweiten Gruppe sahen, wie das Modell für sein Verhalten getadelt wurde (Bestrafung). Die Kinder der dritten Gruppe sahen nur das aggressive Verhalten des Modells, ohne dass es positive oder negative Verhaltenskonsequenzen gab. Nach der Darbietung des Films wurden die Kinder einzeln in ein Spielzimmer geführt, in dem sich u. a. auch eine Puppe befand, die der im Film gezeigten ähnelte. Jedes Kind wurde nun 10 Minuten allein gelassen, verbunden mit dem Angebot, spielen zu können, womit es wolle. Es zeigte sich, dass die Kinder der ersten und der dritten Gruppe häufiger das aggressive Modellverhalten imitierten als die Kinder der zweiten Gruppe.
Abschließend bot der Versuchsleiter allen Kindern für jede noch erinnerte aggressive Verhaltensweise aus dem Film eine Belohnung an. Die Kinder aller drei Gruppen zeigten nun gleich häufig sehr viele der aggressiven Verhaltensweisen. Bandura schlussfolgert, dass die Kinder in allen Gruppen durch Beobachtung gelernt hatten, und zwar unabhängig von den Verhaltenskonsequenzen des beobachteten Verhaltens. Ob sie die aggressiven Verhaltensweisen aber auch offen zeigten, hing von den Konsequenzen ab, die sie im Film beobachtet hatten.
Hatte Bandura in den 1960er Jahren seinen Ansatz noch als »sozio-behavioristisch« bezeichnet, so entfernte er sich später zunehmend von der behavioristischen Sichtweise. Der Hauptgrund hierfür war seine Überzeugung, dass es weder ausreichend noch erforderlich sei, externe Konsequenzen als wesentliche Determinanten menschlichen Verhaltens anzunehmen.
Das weithin akzeptierte Diktum, demzufolge der Mensch von Reaktionskonsequenzen regiert wird, trifft besser auf antizipierte als auf tatsächliche Konsequenzen zu. (Bandura, 1974, S. 860)
Die Überzeugung, dass Verhalten vor allem durch Denken und durch andere mentale Prozesse und Repräsentationen determiniert wird, wurde zur Grundlage der sozial-kognitiven Lerntheorie, mit der Bandura (1977b) sich endgültig vom Behaviorismus löste. Neben den Prinzipien des Modell-Lernens sind für die sozial-kognitive Lerntheorie Annahmen zu zwei weiteren Prozessen charakteristisch, die auch für kognitive Theorien des Wissenserwerbs (
Kap. 1.3) typisch sind: Dies ist zum einen die Annahme, dass wir unser Verhalten durch selbst erzeugte Anreize und Konsequenzen steuern und verändern können, was die Vorstellung einer reziproken Determiniertheit des Lernens (Umwelt und Selbst) impliziert. Die zweite Annahme besteht darin, dass der lernende Mensch Beobachtungen, Ereignisse und Erfahrungen zu symbolisieren und zu abstrahieren versteht und dass er diese Erfahrungen in seinem Gedächtnis festhalten bzw. repräsentieren kann, wodurch es ihm letztendlich möglich wird, ganz unabhängig von den aktuellen Sinneseindrücken und Reizzuständen nachzudenken, neue Ereignisse und Handlungen mental zu planen und schöpferisch tätig zu sein.
1.3 Lernen als Wissenserwerb
Die im vorangegangenen Abschnitt skizzierte Auffassung von Lernen als Verhaltensänderung weist einige Begrenztheiten auf. Dazu gehört z. B. die Einschränkung, nur auf beobachtbares Verhalten zu fokussieren. Akademisches Lernen beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Erwerb spezifischer Fertigkeiten, die unmittelbar auf der Verhaltensebene sichtbar werden. Zu weit größeren Teilen besteht das schulische Lernen darin, sprachliche und mathematische Symbolsysteme zu verarbeiten und anzuwenden. In den 1960er Jahren wurden Modelle kognitiven Lernens entwickelt, in denen Annahmen über die inneren (mentalen) Prozesse und Mechanismen des Verstehens und Erinnerns von Informationen eine wichtige Rolle spielten. Man nennt diese Modelle auch Informationsverarbeitungsmodelle des menschlichen Gedächtnisses, weil sie neue Vorstellungen über die Strukturen und Funktionsweisen des menschlichen Gedächtnisses enthalten. Den mittlerweile zahlreichen Informationsverarbeitungsmodellen des menschlichen Gedächtnisses sind einige Grundannahmen gemein, die bereits in einem der ersten Modelle dieser Art von Atkinson und Shiffrin (1968) beschrieben wurden: Lernen beruht demnach auf einem Informationsfluss zwischen drei Hauptkomponenten des Gedächtnissystems – den sensorischen Registern, einem Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis und einem Langzeitgedächtnis (
Abb. 1.2).
Werden Umweltreize über die Sinnesorgane rezipiert und transformiert, dann werden sie über die Dauer der physikalischen Reizeinwirkung hinaus kurzzeitig in modalitätsspezifischen Sensorischen Registern (visuell, akustisch, haptisch, etc.) gehalten. Vermutlich werden bereits in diesem frühen Stadium der Reizrepräsentation bestimmte Merkmale dieser Reize (Informationen) extrahiert und auf der Grundlage der im Langzeitgedächtnis verfügbaren Wissensinhalte identifiziert und klassifiziert (zum Prozess der Musterkennung vgl. Crowder, 1976).

Abb. 1.2: Modell der menschlichen Informationsverarbeitung nach Atkinson und Shiffrin (1968)
Wird die so identifizierte Information im Weiteren beachtet, wird ihr also bewusst Aufmerksamkeit geschenkt, so gelangt sie in das Kurzzeitgedächtnis, das wegen seiner vielfältigen Funktionen bei komplexen Lernprozessen auch Arbeitsgedächtnis genannt wird. Im Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis wird die Information für kurze Zeit »festgehalten« und über mannigfaltige Verarbeitungs- und Kontrollprozesse im Abgleich mit den im Langzeitgedächtnis bereits vorhandenen Informationen bewertet, geordnet und transformiert. Wegen der engen Verzahnung von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis beim Erwerb neuen Wissens wird das Arbeitsgedächtnis bisweilen auch als aktivierter Teil des Langzeitgedächtnisses beschrieben (Cowan, 1988; Engle, Nations & Cantor, 1990).
Im Langzeitgedächtnis ist das überdauernde »Wissen über die Welt« gespeichert. Nach Tulving (1985) lassen sich wenigstens drei verschiedene Teile des Langzeitgedächtnisses unterscheiden, das semantische, das episodische und das prozedurale Gedächtnis. Das semantische Gedächtnis ist der Speicher, der das meiste schulisch erworbene Wissen enthält. Es besteht aus den Fakten, Konzepten, Prinzipien und Regeln, die wir kennen. Das episodische Gedächtnis bezieht sich dagegen auf die Erinnerungen an persönliche Erfahrungen. Man kann sich das vorstellen wie eine Art mentalen Film über Dinge, die wir gesehen und gehört haben. Das prozedurale Gedächtnis enthält Handlungswissen darüber, wie etwas gemacht wird. Es ist die Grundlage komplexer motorischer Fertigkeiten, wie sie z. B. beim Fahrradfahren, beim Tanzen oder beim Korbwurf im Basketballspiel ausgeführt werden.
Vor dem Hintergrund dieser Vorstellungen zur Struktur und Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses haben kognitive Lernforscher den Wissenserwerb beschrieben und erklärt. Die Grundideen ihrer Auffassungen von Lernen lassen sich anhand der Antworten auf die folgenden Fragen demonstrieren: Wie wird Wissen erworben? Wie ist erworbenes Wissen im Langzeitgedächtnis repräsentiert? Was erleichtert den Erwerb von Wissen? Was beeinträchtigt den Zugriff auf erworbenes Wissen? Wie lässt sich die Verfügbarkeit von Wissen erhöhen?
Wie wird Wissen erworben?
Im Rahmen des Informationsverarbeitungsansatzes lässt sich leicht beschreiben, unter welchen Bedingungen neue Informationen so verarbeitet werden, dass daraus Wissen entstehen kann. Sehen wir einmal davon ab, dass der Lernende zunächst mit der für den Wissenserwerb relevanten Information überhaupt konfrontiert werden muss und dass die Sinnessysteme soweit intakt sein müssen, dass sie die Reizinformationen aufnehmen können, lassen sich noch wenigstens vier allgemeine Prinzipien erfolgreichen Wissenserwerbs ausmachen: Erstens muss der Lernende der neuen Information genügend Beachtung bzw. Aufmerksamkeit zuwenden; zweitens bedarf es eines gewissen Ausmaßes an Wiederholung bzw. an Übung; drittens muss die neue Information mit dem bisher verfügbaren Wissen abgeglichen und kongruent gemacht werden; und viertens muss es zu einer Form der Konsolidierung des neuen Wissens kommen. Im Unterschied zu den drei erstgenannten Prinzipien stehen allerdings die letztgenannten Konsolidierungsprozesse nicht vollständig unter der direkten Kontrolle des Lernenden.
Streng genommen handelt es sich bei dieser Charakterisierung der notwendigen Bedingungen für den Erwerb von Wissen um die Beschreibung absichtlichen (intentionalen) Lernens. Das mag zu der Auffassung verleiten, dass dem so beschriebenen Lernen für viele Lernprozesse in unserem Leben gar keine Relevanz zukomme, da das unabsichtliche, beiläufige (inzidentelle) Lernen sehr viel häufiger geschieht. So plausibel diese Befürchtung auf den ersten Blick auch erscheinen mag, sie konnte durch empirische Studien ausgeräumt werden: Die Art und Weise, wie Informationen in unserem Gedächtnissystem verarbeitet werden, verläuft weitgehend unabhängig davon, ob wir mit oder ohne Lernabsicht mit neuen Informationen konfrontiert werden (Nelson, 1976).
Wie ist Wissen repräsentiert?
Informationsverarbeitungsmodelle des Gedächtnisses postulieren, dass die überdauernd erworbenen Wissensinhalte und Fertigkeiten im Langzeitgedächtnis gespeichert sind. Das Langzeitgedächtnis wird häufig mit einem großen Lexikon, einer Datenbank oder mit einer Bibliothek verglichen. Durch Lernen kommen ständig Neuerwerbungen, also neue Einträge, hinzu, die gespeichert, also eingearbeitet werden müssen. Zahlreiche Forschungsbefunde unterstreichen, dass die einmal erworbenen Wissenselemente eigentlich nicht mehr verloren gehen. Die Speicherkapazität des Langzeitgedächtnisses scheint nämlich nahezu unbegrenzt zu sein. Zu Gedächtnisproblemen kann es dennoch kommen, wenn nämlich die neuen Informationen beim Einordnen in die »Bibliothek« an eine falsche Stelle geraten sind und deshalb beim Abrufen nicht leicht gefunden werden.
Fokus: Bedeutung des Hippocampus
In der Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Resektion des medialen Temporallappens als geeigneter neurochirurgischer Eingriff zur Heilung schwerer Epilepsien. Bei diesem Eingriff wurden häufig große Teile des Hippocampus (
Abb. 1.1) mit entfernt. Wie der in der neuropsychologischen Literatur gut dokumentierte Fall des Patienten H.M. zeigt, kann jedoch die Schädigung des Hippocampus dazu führen, dass die Fähigkeit verloren geht, neue Wissensrepräsentationen aufzubauen.
H.M. wurden nach einer über 15-jährigen Krankheitsgeschichte im Jahre 1953 im Alter von 27 Jahren beidseitig große Teile des Hippocampus (sowie der benachbarten Amygdala) entfernt. Die Operation war insoweit erfolgreich, als die Häufigkeit und die Intensität der epileptischen Attacken deutlich nachließen. Allerdings kam es auch zu einem fast vollständigen Verlust der Fähigkeit, neue Informationen ins Langzeitgedächtnis aufzunehmen und zu erinnern. Tests zeigten, dass die überdurchschnittliche Intelligenz und die Arbeitsgedächtniskapazität von H.M. erhalten blieben, aber zu einer Repräsentation neuer Wissensinhalte im Langzeitgedächtnis kam es nicht mehr. Die Zeit blieb für ihn für immer stehen. Daraus lässt sich ableiten, dass den betroffenen Arealen eine zentrale Bedeutung bei der überdauernden Speicherung neuer Informationen zukommt.
Doch in welchem Format ist erworbenes Wissen überhaupt gespeichert? Gibt es ein einheitliches Format für alle Wissensinformationen, oder muss zwischen verbal-abstrakten und eher bildhaft-analogen sowie handlungsnahen Formaten unterschieden werden? Paivio (1971) hat hierzu eine Doppelkode - Theorie vorgeschlagen, wonach das, was wir visuell aufnehmen, bildhaft und das, was wir sprachlich wahrnehmen, verbal gespeichert wird. In seiner Sichtung der dazu durchgeführten Studien kommt Anderson (2000) zu der Schlussfolgerung, dass das Repräsentationsformat für visuelles Material tatsächlich räumlich-analoge Kodierungsmerkmale aufweise, während für die mentale Repräsentation verbalen Materials eine sequentiell-lineare Kodierung anzunehmen sei. Kritiker der Doppelkode-Theorie haben aber darauf hingewiesen, dass die Annahme zweier Repräsentationsformate gar nicht unbedingt erforderlich sei. Sinnvoller sei die Annahme eines einheitlichen, abstrakt-propositionalen Repräsentationsformats von Wissen, das es erlaube, beim Gedächtnisabruf sowohl bildhafte als auch verbale Erinnerungen zu rekonstruieren (Mayer, 1997; Schnotz, 2005;
Kap. 7.4).
Auch wenn die Frage, ob unser Langzeitgedächtnis unterschiedliche Repräsentationsformate für bildliche und sprachliche Information benötigt, nicht abschließend zu beantworten ist, lässt sich sowohl für das Lernen aus Texten, wie auch für das Verarbeiten von Bildinformationen leicht nachweisen, dass eher die Bedeutungen von Textinhalten bzw. die bedeutungshaltigen Interpretationen von Bildern im Gedächtnis repräsentiert werden als die konkreten Einzelinformationen.
Die am häufigsten herangezogenen Konzepte zur Umschreibung des Repräsentationsformats des im Langzeitgedächtnis gespeicherten Wissens sind Proposition, Schema und Skript. Propositionen sind kleine Wissenseinheiten, die eine selbstständige Aussage bilden. Sie eignen sich besonders gut, um die Repräsentation sprachlicher Inhalte auf der Bedeutungsebene zu beschreiben. Propositionen beinhalten eine Information über eine Gegebenheit oder über einen Gegenstand und geben Beziehungen zwischen einem oder mehreren Eigenschaften oder Relationen dieses Gegenstandes an. Der propositionalen Darstellung einer Episode sind in der Regel sowohl Informationen über ein Subjekt zu entnehmen, das etwas tut, als auch Informationen über Ziele oder Folgen einer Handlung oder auch über die Zeit, die während einer Handlung verstreicht.
Propositionen sind allerdings nicht die einzigen möglichen Beschreibungseinheiten von Gedächtnisrepräsentationen. Bildhafte Vorstellungen und hochautomatisierte Tätigkeiten (z. B. das Auto- oder Fahrradfahren) oder die Ablaufmuster vertrauter Szenarien (z. B. Familienfeiern oder eine Einschulung) lassen sich kaum mehr propositional repräsentieren. Hierzu sind komplexere Repräsentationsformate erforderlich, wie sie z. B. mit den Konzepten des Schemas und des Skripts vorliegen.
Eine weitere nützliche Unterscheidung bei der Beschreibung von Repräsentationsformen des menschlichen Wissens ist die zwischen einem deklarativen und einem nicht-deklarativen Gedächtnis (Markowitsch, 1992). Das deklarative Gedächtnis bezieht sich dabei auf die bewussten Repräsentationen für Fakten und Ereignisse und unterteilt sich weiter in episodische und semantische Gedächtnisinhalte (s. o.). Das nicht-deklarative Gedächtnis wird bisweilen auch als prozedurales Gedächtnis bezeichnet, da es zu einem großen Teil aus mechanisch erlernten motorischen Schemata
Studie: Bildrätsel
Bower, Karlin und Dueck (1975) haben in einer klassischen Studie gezeigt, dass die Erinnerung an bildliche Information ganz entscheidend durch die Fähigkeit des Lernenden determiniert wird, beim Einprägen eine bedeutungshaltige Repräsentation für ein Bild aufzubauen. Sie legten ihren Untersuchungsteilnehmern eine ganze Serie sogenannter Droodles – das sind einfache Bilderrätsel – vor (
Abb. 1.3).

Abb. 1.3: Ein Droodle der Art, wie es in der Studie von Bower, Karlin und Dueck (1975) verwendet wurde
Es zeigte sich, dass die Wiedererkennensleistung für die Droodles sehr viel besser ausfiel, wenn bereits während der Darbietung die für die jeweiligen Droodles sinnhaften Beschreibungen der Bilder mit genannt wurden (im Beispiel von Abbildung 1.3 lautet sie »ein Mexikaner auf einem Fahrrad«).
(Fertigkeiten) besteht. Allerdings werden dem nicht-deklarativen Gedächtnis auch die repräsentationalen Spuren der Voraktivierung von Konzepten (Priming) und der durch Konditionierung erworbenen Verhaltensmuster zugeschrieben (Markowitsch, 1992). Nicht-deklarative Repräsentationen sind im Wesentlichen unbewusst und können daher im Vergleich zu deklarativen Repräsentationen weit weniger gut expliziert werden (z. B. fällt es viel leichter zu beschreiben, wie ein Kindergeburtstag abläuft, als zu erläutern, wie man Auto fährt).
Die Repräsentationen des deklarativen Wissens im Langzeitgedächtnis sind in komplexer Weise miteinander verknüpft. In den kognitionspsychologischen Modellen spricht man von semantischen, propositionalen oder neuronalen Netzwerken, um diese Verknüpfungen zu beschreiben. Konzepte, bildliche Vorstellungen und Skripte sind in diese Netzwerke eingebunden und werden als »Knoten« eines Netzes beschrieben. Zwischen den Knoten gibt es vielfältigste Verbindungen (Relationen) unterschiedlichster Qualität und Stärke. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt ist die Mehrheit der Knoten und ihrer Relationen inaktiv. Aktiviert ist lediglich das, was einem gerade »durch den Kopf geht« und dadurch zum Inhalt des Arbeitsgedächtnisses wird. Bei der Aktivierung eines Teilbereiches des Netzwerkes gilt das erstmals von Collins und Loftus (1975) beschriebene Prinzip der Aktivierungsausbreitung (»Spreading Activation«). Es besagt, dass die Aktivierung eines Knotens automatisch zu einer Aktivierung der mit ihm verbundenen Knoten führt, wobei die Stärke dieser weiterführenden Aktivierung von der Qualität und Stärke der Relationen abhängig ist.
Definition: Proposition, Schema, Skript
Der Begriff der Proposition stammt aus dem formalen System der Prädikatenlogik. Es handelt sich dabei um die kleinste Bedeutung, den Sinn oder die eine Eigenschaft zuweisende Informationseinheit, die ein Urteil darüber zulässt, ob eine Aussage richtig oder falsch ist. Propositionen werden durch Notationen wie E (x) oder R (x, y) dargestellt, die symbolisieren sollen, dass x die Eigenschaft E zugesprochen wird (z. B. »Der Schüler ist fleißig«) bzw. dass x zu y in einer Beziehung R steht (z. B. »Tom liebt Mary«).
Schemata sind Wissenspakete, die als organisierte Wissenskomplexe typische Zusammenhänge eines Realitätsbereiches charakterisieren. Schemata repräsentieren nicht einfach logische Definitionen für bestimmte Sachverhalte, sondern verallgemeinerte Erfahrungen, die mit Gegenständen oder Ereignissen gemacht worden sind. Schemata (z. B. ORCHESTER) können ihrerseits Subschemata (z. B. STREICHER, BLÄSER) enthalten und selbst in übergeordnete Schemata (z. B. MUSIK) eingebettet sein.
Spezielle Formen sehr komplexer Schemata werden in Anlehnung an Schank und Abelson (1977) als Skripte bezeichnet. Sie repräsentieren verallgemeinertes Wissen über Handlungsmuster und Ereignisabfolgen in wohldefinierten Situationen (z. B. KINDERGEBURTSTAG), stellen also eine Art mentales Regie- oder Drehbuch für typische Szenarien dar.
So entsteht eine Kaskade von Aktivierungen im Wissensnetzwerk. Beispielsweise kann die Aktivierung des Konzeptes OSTERN zur Aktivierung von HASE, EI, FRÜHLING, SCHULFERIEN etc. führen, aber auch akustische (z. B. Klänge der Bachschen Johannespassion) oder olfaktorische Repräsentationen (z. B. den Duft von Osterglocken oder den Geschmack von Schokoladenosterhasen) und die damit verbundenen Emotionen aktivieren.
Was erleichtert den Erwerb von Wissen?
Drei der vier allgemeinen Prinzipien der Informationsverarbeitung (Aufmerksamkeit zuwenden, hinreichende Wiederholung und Übung, Abgleich mit vorhandenem Wissen) sind Ausgangspunkt vieler Ansätze der angewandten Lernforschung geworden, in denen nach erleichternden Bedingungen des Erwerbs von Wissen gesucht wurde. Um Lernende dazu zu bringen, der dargebotenen Information erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden, findet sich in der einschlägigen Literatur eine Reihe von Empfehlungen. Sie reichen von einander widersprechenden Aufforderungen wie »hin und wieder etwas Unerwartetes zu tun«, bei der Verwendung von Beispielen zur Vertiefung eines Lerngegenstandes aber »stets auf bereits Bekanntes zurückzugreifen« (Gage & Berliner, 1996, S. 383 f), bis hin zum Ratschlag, möglichst viele Modalitäten der Informationsdarbietung und -verarbeitung zu nutzen.
Eine hinreichende Wiederholung und Übung der relevanten Information wird am ehesten durch Formen des aktiven Lernens erzielt. Zu den schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als empirisch erfolgreich belegten Einprägungshilfen gehört das laute Aufsagen (Rezitieren), das nochmalige Durcharbeiten und Wiederholen von bereits Gelerntem (Überlernen) und die Anwendung spezifischer Erinnerungshilfen beim Enkodieren (Mnemotechniken). Bei den Mnemotechniken handelt es sich um besondere Methoden zur Förderung des Erlernens und Behaltens von Lerninhalten, die auf den ersten Blick nicht leicht zu behalten sind (z. B. eine Telefon- oder eine Kontonummer, ein Name, eine Formel oder ein fremdsprachliches Wort). Viele dieser Techniken wurden schon in der Antike benutzt (z. B. die Loci-Methode) und werden auch von Gedächtniskünstlern unserer Tage noch angewandt und weiterentwickelt. Die meisten Mnemotechniken basieren auf Verknüpfungen bildhafter Vorstellungen (zum Überblick: Metzig & Schuster, 2016).
In der wissensorientierten Lernforschung am ausführlichsten untersucht sind jedoch Hilfen, die das Verknüpfen neuer Wissenselemente mit bereits vorhandenem Wissen befördern, um den Wissenserwerb zu optimieren. Die bekanntesten Techniken dieser Art sind die Vorstrukturierung des Lernstoffs durch eine geeignete vorangestellte Zusammenfassung, die Bedeutungsanreicherung des Lernmaterials durch das gezielte Anbieten von Assoziationen (
Kap. 1.1) sowie die hierarchische Gliederung von Lernmaterial und Lernabfolge (vom Einfachen zum Komplexen).
Die Anregung, neue Lernprozesse durch eine »erzwungene« Aktivierung bereits vorhandener Wissensinhalte zu optimieren, stammt von David Ausubel (1960). Er plädierte für die Verwendung sogenannter Einordnungshilfen vor der Lektüre eines neuen Textes. Diese Einordnungshilfen führten zu besseren Verstehens- und Behaltensleistungen. Da es Ausubel versäumte, das Konzept der Einordnungshilfen (Advance Organizer) genauer auszuführen und deren Wirkmechanismen theoretisch zu präzisieren, ist es zu verschiedenen Irritationen im Zusammenhang mit der Frage gekommen, wie eine für den Wissenserwerb besonders günstige Vorstrukturierung oder Einordnungshilfe auszusehen habe. Eine eher triviale Fehlauffassung entstand z. B. dadurch, dass Ausubels Begriff des »Advance Organizer« bei manchen Autoren zum »Advanced Organizer« mutierte, also zu einer fortgeschrittenen, anstelle einer vorangestellten Ordnungshilfe. Dies trug zu der irrigen Überzeugung bei, dass vorangestellte Zusammenfassungen des Lehrstoffs auf einem hohen Abstraktionsniveau besonders lernförderlich seien. Kurzum, es entstand ein Wildwuchs an pädagogischen Überzeugungen über die Art geeigneter vorangestellter Einordnungshilfen, so dass es nicht allzu sehr überrascht, dass Barnes und Clawsen (1975) bei einer kritischen Auswertung vorliegender Wirksamkeitsstudien zu dem Schluss gelangten, die lernförderliche Wirkung der Advance Organizer sei vernachlässigbar gering.
Mayer (1979) griff das Konzept des Advance Organizer wieder auf und brachte es mit schematheoretischen Erklärungen des Textverstehens in Zusammenhang. Er wies darauf hin, dass vorangestellte Einordnungshilfen wirksam sind, wenn sie beim Lernenden die verfügbaren Vorkenntnisse (geeignete Schemata) aktivieren, die es ermöglichen, die neuen Informationen an diese Schemata anzupassen (zu assimilieren) oder – wie Derry (1984) zu Recht hinzufügte – die vorhandenen Schemata korrigierend zu erweitern (akkommodieren). So verstandene Advance Organizer sind also wichtige »Überbrückungshilfen«. Sie sind lernförderlich, wenn sie
• Beziehungen zwischen dem neu zu lernenden Material und bereits Bekanntem herstellen,
• die Aufmerksamkeit des Lernenden wecken und
• eher konkret als abstrakt formuliert sind.
Corkill (1992) hat eine zusammenfassende Übersicht zur Wirksamkeit vorstrukturierender Hinweise sensu Ausubel vorgelegt. Besonders effektive Formen der Vorstrukturierung sind danach solche, die vornehmlich Begriffe und Konzepte verwenden, mit denen die Lernenden mit großer Wahrscheinlichkeit bereits vertraut sind. Hattie (2009) identifizierte 11 Metaanalysen und 577 Studien zur Wirksamkeit von Advance Organizers, die einen mittlereren Effekt (ES = .41) von vorangestellten Einordnungshilfen auf die Lernleistung belegen.
Beispiel: Advance Organizer
Eggen und Kauchak (2004) haben für den Physikunterricht vorgeschlagen, folgende Analogie als Einordnungshilfe einer Unterrichtseinheit zum Ohm’schen Gesetz voranzustellen: Das Ohm’sche Gesetz lässt sich mit einem Schüler vergleichen, der eine Schubkarre über eine schlammige Straße zu schieben hat. Die Schubkraft, die er dabei aufzuwenden hat, ist mit dem elektrischen Strom vergleichbar. Die Tiefe des Schlammes auf der Straße entspricht der Stärke des Wiederstandes. Die Geschwindigkeit der Schubkarre in Abhängigkeit von Schubkraft und Schlammtiefe hat Ähnlichkeiten mit den Wirkmechanismen im elektrischen Stromkreislauf.
Es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass über Effekte vorangestellter Einordnungshilfen bei Lernprozessen im Primarstufenalter bislang nur wenig bekannt ist. Pressley und McCormick (1995) vermuten, dass die Effekte solcher Hilfen bei jüngeren Kindern weniger stark ausgeprägt sind.
Was beeinträchtigt den längerfristigen Zugriff auf erworbenes Wissen?
Wir hatten bereits darauf hingewiesen, dass einmal erworbenes Wissen in der »Bibliothek« unseres Langzeitgedächtnisses kaum mehr verloren geht. Allerdings wird es in einer die Zugänglichkeit beeinträchtigenden Weise deaktiviert, je länger wir es nicht mehr benutzt haben. Die Folge davon ist, dass wir immer wieder in Situationen geraten, in denen der Zugriff (Accessibility) auf einmal erworbenes und prinzipiell vorhandenes Wissen (Availability) nicht mehr gelingt. In solchen Situationen sprechen wir umgangssprachlich davon, die relevante Information vergessen zu haben. Was aber ist Vergessen? Weshalb gelingt es mit zunehmendem Zeitabstand zum Lernen immer weniger gut, die einmal gelernten Sachverhalte zu erinnern?
Dass sich der Zugriff auf einmal erworbene Wissenselemente mit der Zeit verschlechtert, ist schon seit den Anfängen der experimentellen Gedächtnisforschung im 19. Jahrhundert bekannt. Bereits im ersten erfahrungswissenschaftlichen Buch über das Gedächtnis berichtete Hermann Ebbinghaus (1885) über Selbstversuche, in deren Verlauf er lange Listen sinnarmer Silben lernte, bis er sie korrekt reproduzieren konnte. In unterschiedlichen Zeitabständen von 21 Minuten bis zu 31 Tagen versuchte er die Silbenlisten erneut aufzusagen und stellte fest, dass ihm dies fehlerfrei kaum mehr gelang. Die Erinnerungseinbußen waren anfangs sehr groß und wurden mit zunehmender Zeit immer geringer. Wie in Abbildung 1.4 dargestellt, ließ sich das Verhältnis von noch erinnerbarer Information und verstrichener Zeit durch eine Exponentialfunktion beschreiben: Die Geschwindigkeit des Vergessens folgt einer logarithmischen Funktion zur Basis ½. Seit den Pionierarbeiten von Ebbinghaus sind immer wieder aufs Neue Vergessenskurven für unterschiedliche Gedächtnisinhalte und über unterschiedlich lange Zeitintervalle sowie mit verschiedenen Methoden der Behaltensprüfung ermittelt worden. Obwohl Ebbinghaus offenkundig ein vergleichsweise stark ausgeprägtes Vergessensverhalten aufzeigte, bestätigen die Folgeversuche immer wieder den gleichen Verlaufstyp des Vergessens mit der Zeit.
Wodurch aber kommt es zu Vergessen? In der empirischen Gedächtnisforschung geht man davon aus, dass es wenigstens drei Arten von Mechanismen gibt, die zum Vergessen beitragen können. Dabei handelt es sich a) um den Zerfall von Gedächtnisspuren im Langzeitgedächtnis, b) um die wechselseitige Hemmung von Gedächtnisinhalten durch Überlagerung sowie c) um das Scheitern des Zugriffs beim versuchten Abruf mangels geeigneter Hinweisreize.

Abb. 1.4: Die klassische Vergessenskurve nach Ebbinghaus (1885), modifiziert nach Baddeley (1986)
Die Theorie des Spurenzerfalls (Trace Decay) kommt dem naiven Alltagsverständnis des Vergessens wahrscheinlich am nächsten. Muskeln, die nicht benutzt werden, atrophieren, das heißt, sie verlieren an Umfang und an Kraftpotenzial. Tierspuren auf dem Waldboden werden von Tag zu Tag weniger deutlich zu sehen sein – und eine starke Sonneneinstrahlung bleicht farbliche Strukturen aus. Genau so können auch die Repräsentationen erworbenen Wissens mit der Zeit undeutlicher und schwächer werden. Obwohl derzeit weder die physikalischen, noch die biochemischen Mechanismen, die einen derartigen Spurenzerfall von Repräsentationen im Gedächtnis auslösen könnten, hinreichend bekannt sind, ist es doch denkbar, dass es aufgrund neuronaler Prozesse zu einem zeitabhängigen Verblassen mentaler Repräsentationen kommen kann.
Darüber hinaus ist seit den Arbeiten von McGeogh (1932) bekannt, dass Ausmaß und zeitlicher Verlauf des Vergessens auch davon abhängig sind, was direkt vor oder nach der kritischen (d. h. nicht mehr erinnerbaren) Wissenseinheit gelernt wurde. Diese Erkenntnis ist die Grundlage der sogenannten Interferenz- bzw. Überlagerungstheorie (Interference) des Vergessens. Durch Prozesse des Wissensabgleichs bei der Verarbeitung neuer Informationen kann es zu wechselseitig hemmenden Einflüssen schon vorhandenen Wissens auf die neue Information (proaktive Hemmung bzw. Interferenz) kommen. Es können aber auch die neuen Informationen Irritationen verursachen, indem sie die bereits vorhandenen Wissensrepräsentationen beeinträchtigen (retroaktive Hemmung bzw. Interferenz). Indem wir ständig neue Informationen verarbeiten, sind derartige Überlagerungs- oder Hemmungsprozesse auch ständig am Werk. Um diese Formen des Vergessens modellhaft zu erklären, ist ein Rückgriff auf biochemische Prozesse gar nicht unbedingt erforderlich. Einen guten Überblick über die kognitionspsychologischen Erklärungsansätze solcher Interferenzprozesse gibt Anderson (2000).
Wenn wir ein einmal erworbenes Wissen nicht mehr abrufen können, muss dies nicht unbedingt die Folge von Spurenzerfall oder Interferenz sein. Möglicherweise fehlt uns nur der notwendige Schlüssel (die Signatur), also ein geeigneter Abrufhinweis, um die relevanten Repräsentationen hinreichend stark zu aktivieren, damit sie im Arbeitsgedächtnis bewusst werden. Dies ist die Grundannahme der Theorie des fehlenden Abrufhinweises (Retrieval Cue), die auf dem von Tulving und Thomson (1973) erstmals beschriebenen Prinzip der Enkodierungsspezifität basiert:
Was gespeichert wird, ist determiniert durch das, was wahrgenommen wurde und wie es enkodiert wurde; gleichzeitig wird dadurch auch bestimmt, welche Abrufhinweise effektiv sind, um später Zugriff auf das zu erlangen, was gespeichert ist. (Tulving & Thomson, 1973, S. 353)
Daraus folgt, dass der Zugriff auf erworbenes Wissen umso besser gelingt, je mehr Hinweise aus der Lernsituation, in der das Wissen einstmals erworben wurde, auch in der Abrufsituation verfügbar sind. Ein gutes Beispiel für das Prinzip der Enkodierungsspezifität ist die von Lehrpersonen nicht selten berichtete Beobachtung, dass ihre Schülerinnen und Schüler in Prüfungen dann bessere Leistungen zeigen, wenn diese auch in dem Raum stattfinden, in dem der Prüfungsstoff erarbeitet wurde. Offenkundig bieten Merkmale des räumlichen Kontexts einer Lernepisode bereits Hinweisreize, die beim späteren Wissensabruf hilfreich sind (Herz, 1997).
Wie lässt sich die Verfügbarkeit von Wissen erhöhen?
»Übung macht den Meister«, sagt ein altes Sprichwort. Es ist Ausdruck der Binsenweisheit, dass häufiges Wiederholen zu einer zunehmend besseren Verfügbarkeit von Kenntnissen und vor allem von Fertigkeiten führt. Das wiederholte Durchgehen des kleinen Einmaleins im Mathematikunterricht der Grundschule, das wiederholte Spielen einer Etüde beim Instrumentalunterricht oder das wiederholte Aufsagen der Strophen einer Ballade basieren auf dieser Einsicht.
Die einfache Regel, dass die Menge des erworbenen Wissens linear von der für das Lernen aufgewendeten Zeit abhängig ist, hatte bereits Ebbinghaus (1885) in seinen zahlreichen Selbstversuchen herausgefunden. Aber lässt sich die Lerneffizienz der Übungszeit noch optimieren? Eine gute Möglichkeit, die Effizienz von Lernzeit zu erhöhen, besteht darin, geeignete Lernstrategien oder Mnemotechniken einzusetzen (
Kap. 2.3). Gelingt es nämlich, Informationen möglichst multipel und elaborativ zu kodieren und nach unterschiedlichen Gesichtspunkten mehrfach mit dem bereits vorhandenen Wissensnetz zu verknüpfen, dann erhöht sich nach dem Prinzip der Enkodierungsspezifität (s. o.) auch die Wahrscheinlichkeit, dieses Wissen langfristig und in unterschiedlichen Kontexten verfügbar zu haben. Mit der Qualität des Lernens steigt die Wahrscheinlichkeit des Behaltens und damit des Vermögens, das gelernte Wissen zu erinnern.
Die Effizienz der Übungszeit lässt sich aber auch auf andere Weise weiter verbessern, wie vor allem Baddeley (1998) systematisch aufgezeigt hat. Bereits dem Frühwerk von Ebbinghaus (1885) konnte er Hinweise entnehmen, dass es wirkungsvoller zu sein scheint, die Lernzeit auf verschiedene Lerngelegenheiten innerhalb eines längeren Zeitraums zu verteilen, als sie in einen einzigen Lernblock zusammenzufassen. Diese Erkenntnis ist auch als Effekt der verteilten Übung bekannt.
In den 1970er Jahren ist man der Frage nachgegangen, welche Zeitintervalle zwischen den Lernwiederholungen beim verteilten Üben besonders vorteilhaft sind. Die dabei zusammengetragenen Befunde veranlassten Landauer und Bjork (1978) dazu, eine entsprechende Empfehlung auszusprechen. Die optimale Strategie besteht demnach darin, die erste Wiederholungsphase nach einem möglichst großen (aber nicht zu großen) Zeitintervall einzuplanen – also zu einem Zeitpunkt, wo die neu gelernten Informationseinheiten gerade noch korrekt erinnert werden können. Das Zeitintervall bis zur zweiten Wiederholungsphase kann dann nach dem gleichen Grundprinzip sogar noch etwas größer sein. Von Wiederholung zu Wiederholung werden die Zeitintervalle zwischen den Lerndurchgängen dann immer größer gewählt (Expanding Rehearsal Strategy).
Studie: Die Wirksamkeit verteilter Übung
Anfang der 1970er Jahre wurden Baddeley und Kollegen vom britischen Postministerium beauftragt, ein Programm für einen Lehrgang auszuarbeiten, um den Postbeamten möglichst gut und schnell das Schreiben mit einer neuen Kodiermaschine zu vermitteln. Die Maschinen waren angeschafft worden, um die damals neu eingeführte Postleitzahlsystematik leichter bewältigen zu können. Die Postämter standen vor der Wahl, ihre Beamten entweder für einen Intensivkurs vollständig aus der regulären Arbeit herauszunehmen oder begleitend zur regulären Arbeitszeit kurze Übungsphasen einzurichten. Baddeley und Mitarbeiter boten vier geeignet erscheinende Ausbildungspläne an: (a) einen Intensivkurs von zweimal zwei Übungsstunden, d. h. insgesamt vier Stunden pro Tag; (b) einen Kurs mit einmal zwei Übungsstunden pro Tag; (c) einen Kurs mit zweimal einer Übungsstunde pro Tag und schließlich (d) einen Kurs mit einer einzigen Übungsstunde pro Tag.
Ergebnis: Wer nur eine Stunde pro Tag übte, benötigte für das Erlernen der neuen Fertigkeit insgesamt weniger Lernzeit als diejenigen, die zwei Stunden geblockt gelernt hatten und diese wiederum lernten schneller als diejenigen mit den vier Übungsstunden pro Tag. Nach insgesamt 55 Trainingsstunden hatten diejenigen mit nur einer Übungsstunde pro Tag so viel gelernt, wie die anderen mit ihren vier Trainingsstunden pro Tag erst nach 80 Übungsstunden (Baddeley & Longman, 1978).
Rawson und Kintsch (2005) gingen der Frage nach, ob sich der Vorteil des verteilten Lernens auch beim Lernen durch Lesen nachweisen lässt. Sie ließen Studienanfängerinnen und -anfänger wissenschaftliche Texte lesen, deren Inhalt später abgefragt wurde. Eine Gruppe las den Text zwei Mal hintereinander (massiertes Lernen), eine andere las ihn zwei Mal im Abstand von sieben Tagen (verteiltes Lernen). Die Abfrage der Inhalte erfolgte in zwei Varianten: entweder unmittelbar nach dem zweiten Lesen des Textes oder aber mit zwei Tagen Verzögerung. Bei der unmittelbaren Behaltensprüfung zeigte sich ein Vorteil des massierten Lernens, nicht aber bei der um zwei Tage verzögerten Testung. Bei der verzögerten Behaltensprüfung war die Leistung besser, wenn verteilt statt masssiert gelernt worden war.
1.4 Lernen als Konstruktion von Wissen
Unsere Darstellung der Auffassungen von Lernen als Erwerb von Wissen wäre nicht vollständig, wenn wir nicht auf eine wichtige Differenzierung in der Vorstellung darüber, was genau Wissenserwerb eigentlich ist, aufmerksam machten. Kognitionspsychologisch betrachtet wird Wissen erworben, indem mentale Abbilder (Repräsentationen) des Reizmaterials als Resultate der Informationsverarbeitung in Form von Regeln und Konzepten produziert und gespeichert werden. Aber erfolgt aller Wissenserwerb nach dem mechanischen Regelwerk unseres Informationsverarbeitungssystems? Ist unser Wissen tatsächlich ein abgeleitetes Produkt, das sich aus den objektiven Reizinformationen, die wir wahrnehmen und verarbeiten, und aus den Mechanismen des Gedächtnisses eindeutig vorhersagen lässt? Sind wir den äußeren Reizen und den inneren Verarbeitungsmechanismen »hilflos« ausgeliefert?
Viele kognitive Lerntheoretiker haben darauf aufmerksam gemacht, dass die informationstheoretische Lernvorstellung alleine nicht ausreicht, um das behavioristische Erbe eines »passiven Menschenbildes« zu überwinden. In der Tradition der Gestaltpsychologie, wie sie von Max Wertheimer, Wolfgang Köhler und Kurt Lewin vertreten wurde, der Schematheorie von Frederic Bartlett mit der Betonung des rekonstruktiven Charakters unserer Erinnerungen sowie der strukturgenetischen Sichtweise Jean Piagets zur ontogenetischen Entwicklung der Erkenntnismöglichkeiten des Menschen, verwiesen Lerntheoretiker zu allen Zeiten stets auch auf den aktiven und vom lernenden Individuum selbst kontrollierten Charakter des Wissenserwerbs. Um das damit verbundene »aktive« und selbsttätige Menschenbild besonders hervorzuheben, spricht man in diesem Zusammenhang von einem konstruktivistischen Lernverständnis.
Obwohl die Auffassung vom Lernen als Konstruktion individuellen Wissens eher eine Variante denn eine Alternative zur Auffassung vom Lernen als Wissenserwerb (
Kap. 1.3) darstellt, hat die mit ihr verbundene Grundauffassung des Konstruktivismus in der Psychologie eine weitaus längere Tradition. Im Folgenden skizzieren wir zunächst diese Tradition über die Gestaltpsychologie und die Schematheorie Bartletts bis hin zur strukturgenetischen Sichtweise Piagets. Es folgen eine beispielhafte Darstellung konstruktivistischer Vorstellungen des Wissenserwerbs anhand der von Hans Aebli (1980, 1981) vertretenen Auffassung sowie einige abschließenden Anmerkungen über die Kernannahmen der Auffassung vom Lernen als Konstruktion von Wissen.
Wissenserwerb aus der Perspektive der Gestaltpsychologie
Wissenserwerb, Lernen und Vergessen gehören eigentlich nicht zu den zentralen Themen der Gestaltpsychologie, die vor allem im Bereich der Wahrnehmung wichtige Beiträge geleistet hat. Besonders bekannt sind die gestaltpsychologischen Gesetze zur Wahrnehmungsorganisation, die besagen, dass wir Reizanordnungen ganzheitlich wahrnehmen und dass wir in Abhängigkeit vom Kontext und der Organisation von Reizen dazu tendieren, »gute« Gestalten bzw. Figuren wahrzunehmen (Wertheimer, 1923).
Die Vorstellung, dass unsere Wahrnehmung in ganzheitlicher und interpretierender Form erfolgt, ist aber nicht ohne Auswirkungen auf die Überlegungen zur Natur des Lernens geblieben. Den Gedanken nämlich, dass Lernen nicht nur durch eine kontinuierliche Bildung von Assoziationen vonstatten gehe, wie es Thorndike (1913b) postuliert hatte, sondern auch durch eine schlagartig entstehende Einsicht in sogenannte Feldstrukturen, formulierte schon Köhler (1921) aufgrund seiner berühmt gewordenen Experimente zum Problemlöseverhalten von Menschenaffen. Das Konzept des Lernens durch Einsicht oder – wie es Wertheimer (1945) in seinem Spätwerk formulierte – durch produktives Denken, bei dem das Üben und Wiederholen weniger der Konsolidierung von Gedächtnisrepräsentationen dient als vielmehr Gelegenheit bietet, neue Beziehungen oder Strukturen überhaupt erst entdecken zu können, ist ein gestaltpsychologischer Vorläufer der konstruktivistischen Auffassung von Lernen.
Die Schematheorie von Bartlett
Der im Zusammenhang mit den Repräsentationsformaten unseres Wissens im Langzeitgedächtnis bereits erwähnte Begriff des Schemas wurde ursprünglich von dem der Gestaltpsychologie nahestehenden Briten Frederic Bartlett (1932) eingeführt.
Unter einem Schema ist die aktive Organisation vergangener Reaktionen oder Erfahrungen zu verstehen, die dem Organismus eine gute Anpassung ermöglicht. […] Schemata sind seriell organisiert, wirken jedoch nicht unabhängig voneinander, sondern als einheitliche Masse. (Bartlett, 1932, S. 201)
Bartlett legt zwar keine Theorie des Wissenserwerbs vor, seine Ausführungen über die aktiven, hierarchisch organisierten Schemata, die sich aus den Reaktionen und Erfahrungen der Vergangenheit zusammensetzen, deuten jedoch bereits die konstruktivistische Natur des erworbenen Wissens an. Zu den bekanntesten empirischen Untersuchungen von Bartlett gehören seine Demonstrationen des rekonstruktiven Charakters des Verstehens und Behaltens von Texten. So gab Bartlett seinen Probanden z. B. einen Text vor, der von einer indianischen Sage handelt und einige Ereignisse enthält, die den Teilnehmern der Untersuchung fremd und unverständlich erscheinen mussten. Die anschließenden Wiedergaben des Textes durch die Untersuchungsteilnehmer wiesen deutliche quantitative und vor allem qualitative Unterschiede zum Original auf. Randständige und unpassend erscheinende Details wurden häufig weggelassen, andere wurden umgedeutet. Auf diese Weise wurde der unvertraute Inhalt »sinnvoller« gemacht. Bartlett nahm das als Beleg dafür, dass das Erinnern komplexer Textinformationen eher durch Rekonstruktions- als durch Reproduktionsprozesse geprägt sei. Die Interpretation und Repräsentation wahrgenommener Ereignisse und Sachverhalte werde wesentlich durch die bereits vorhandenen Schemata und Einstellungen bestimmt und geformt. Reizinformationen werden also nach Bartletts Vorstellungen nicht passiv aufgenommen, repräsentiert und verarbeitet. Sie werden vielmehr schemageleitet von Beginn an aktiv verarbeitet und in sehr subjektiver Weise transformiert.
Die strukturgenetische Sichtweise von Piaget
Bereits einige Jahre vor dem Erscheinen von Bartletts (1932) Buch »Remembering« hat Piaget ebenfalls einen Schemabegriff verwendet. Bei seinen Versuchen, die Entwicklung der Lernfähigkeit und die Entstehung des Weltbildes beim Kinde zu erklären, führte er zunächst den Begriff des Verhaltensschemas ein, um die sensomotorischen Verhaltenskompetenzen des Kleinkindes zu beschreiben. Angeborene Reflexe – so Piaget – werden durch Wiederholung (sogenannte Kreis- bzw. Zirkulärreaktionen) zu schematischen Mittel-Ziel-Repräsentationen ausgebaut (z. B. zu einem Saugschema: »Wenn ich Hunger habe, muss ich an etwas saugen, um satt zu werden«). Später führte Piaget den Begriff der Operationen ein, um deutlich zu machen, dass mit zunehmendem Lebensalter des Kindes Schemata mehr sind als bloße Verhaltensmuster. Operationen sind gedankliche Probehandlungen, die den Schemabegriff auf der Ebene des inneren Handelns fortsetzen.
In seinen Arbeiten über das kindliche Weltbild hat Piaget dargelegt, dass von Anfang an Schemata die Erkenntnisinstrumente des Kindes sind. Neue Informationen, die nicht in ein Schema passen, werden durch Uminterpretationen »passend gemacht« (Assimilation). Im Laufe der Entwicklung kommt es jedoch immer wieder zu größeren Diskrepanzen zwischen vorhandenen Schemata und neuen Informationen bzw. Erfahrungen, so dass die vorhandenen Schemata verändert und angepasst werden müssen (Akkommodation), um ein Gleichgewicht zwischen den sinnlichen Erfahrungen und den mentalen Repräsentationen von der Welt wiederherzustellen.
Piaget (1937) bringt den Aufbau des kindlichen Weltwissens mit dem Erlernen früher Handlungsschemata in Verbindung: In dem Maße, in dem das Kind z. B. die Fähigkeit entwickelt, versteckte Gegenstände wiederzufinden, entwickelt es sein Schema von der überdauernden Existenz von Gegenständen (Objektpermanenz); über die Erfahrung, bestimmte Ziele über bestimmte Handlungen erreichen zu können, entwickelt sich sein Begriff von Kausalität; in dem Maße, wie es im Hause oder in der Wohnung lernt, vorhandene Wege in alle möglichen Richtungen zu beschreiten, entwickelt sich eine individuelle »kognitive Landkarte« der Räumlichkeit sowie seine Raumvorstellung überhaupt. In diesem Sinne wird die Beschreibung der kognitiven Entwicklung beim Kinde zum Prototypen des Verständnisses vom Lernen als selbsttätige Konstruktion eines eigenen Weltwissens.
Der Aufbau von Wissensstrukturen nach Aebli
Der aus der Tradition Piagets kommende Berner Erziehungswissenschaftler und Psychologe Hans Aebli hat in seinem Spätwerk »Denken: Das Ordnen des Tuns« (1980, 1981) ein Modell für den Aufbau begrifflichen Wissens vorgelegt. Dieses Modell ist eher deskriptiv und phänomenbezogen als empirisch fundiert. Aebli postuliert drei zentrale Mechanismen, die den Verstehensprozessen zugrunde liegen:
1. Verknüpfen und wieder Zerlegen
2. Verdichten (Objektivieren) und wieder Auseinanderfalten (Dekomponieren)
3. Strukturieren und Restrukturieren
Beispiel: Verknüpfen, Verdichten und Strukturieren
Steiner (2006, S. 167 ff) hat die Vorstellungen Aeblis zum Zusammenspiel dieser drei interagierenden Prozesspaare anhand des Erlernens des (noch unbekannten) Begriffs »Zeuge« mit Hilfe der folgenden Satzfolge veranschaulicht:
»Ein junger Mann (1) raubt (3) einer alten Frau die Handtasche (2). Peter (4), der gerade zur Schule geht, beobachtet (5) diesen Raub (6). Er (4) berichtet (8) seine Beobachtung (7) der Polizei (9). Dieser Peter ist ein Zeuge (10).«
Wichtig für die Konstruktion des Begriffs »Zeuge« in diesem Beispiel sind nun Aebli zufolge erstens das Verknüpfen von begrifflichen Elementen durch Relationen (z. B. die Verknüpfung von JUNGER MANN und HANDTASCHE DER ALTEN FRAU durch das Verb RAUBEN oder die Verknüpfung von PETER und SCHULE durch das Verb GEHEN) und zweitens das Verdichten der Ketten verknüpfter Elemente zu Elementen oder Objekten höherer Ordnung (z. B. Verdichten der beiden gebildeten Verknüpfungen »junger Mann – rauben – Handtasche der alten Frau« und »Peter – gehen – Schule« durch RAUB [der Handtasche der alten Frau durch jungen Mann] wird von PETER [gehen zur Schule] BEOBACHTET). Aebli nennt diesen Verdichtungsprozess Objektivierung, da durch ihn neue Objekte des Denkens gebildet werden, die dann auch wieder für weitere Verknüpfungen zur Verfügung stehen.
Die weiterführenden Verknüpfungen führen beim Textlesen zum Fortschreiten der Sinn- oder Bedeutungsfindung. Die Prozesse des Verknüpfens und Verdichtens treten dabei abwechselnd in einem Umfang auf, wie es die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses des Lernenden zulässt, und in Abhängigkeit von der bereits vorhandenen Wissensstruktur. Für das im Kasten oben geschilderte Beispiel heißt das: Kannte der Lernende vorher den Begriff »Zeuge« noch nicht, dann kann er diesen neuen Begriff in das Netzwerk seiner Wissensstruktur nun leicht mit aufnehmen (Strukturieren) oder aber er wird bislang vorhandene Misskonzepte (z. B. wenn er bisher dachte, ein Zeuge sei eine Person, die von Haustür zu Haustür geht, um ihre religiöse Überzeugung an andere weiter zu geben) präzisieren, erweitern oder korrigieren (Restrukturieren).
Dem ausgeführten Beispiel lässt sich entnehmen, dass der Aufbau von Wissensstrukturen durch eine Art »denkendes Lernen« erfolgt. Es gibt aber in Hans Aeblis Vorstellungen zum Begriffserwerb auch ein Pendant zum Üben und Wiederholen der verhaltensorientierten Lerntheorie, nämlich den Prozess der Konsolidierung:
Damit meinen wir, dass es einen Vorgang gibt, in dessen Verlauf eine neu entstandene Verhaltensstruktur, ein Handlungsablauf, eine Operation, eine Art des Sehens oder Deutens eines Gegenstandes, aber auch ein kognitiver Metaprozess wie derjenige des Problemlösens, »solider« werde, also prompter, sicherer und geläufiger ablaufe. (Aebli, 1981, S. 350)
Kernannahmen der konstruktivistischen Auffassung von Lernen
Aus den bisherigen Ausführungen dürfte bereits deutlich geworden sein, dass die konstruktivistische Auffassung von Wissenserwerb von einem individuellen Aufbauprozess (im Unterschied zu einem mechanischen Abbildungsprozess) ausgeht. Der Fokus liegt mehr auf dem Verstehen als auf dem Behalten von Information. Durch die Betonung des Verstehens stehen auch eher die Prozesse des Wissenserwerbs als die Formate der Wissensrepräsentation im Vordergrund des Interesses. Der lernende Mensch wird als zielgerichtet Handelnder aufgefasst, der aktiv nach Informationen sucht, diese vor dem Hintergrund seines Vorwissens interpretiert und daraus neue Konzepte und Auffassungen über die Wirklichkeit ableitet.
Auch in der kognitiv-konstruktivistischen Sichtweise wird Lernen als Informationsverarbeitung verstanden. Zugleich wird jedoch der individuelle und konstruktive Charakter des Wissensaufbaus hervorgehoben. Wissen wird nicht passiv aufgenommen oder erworben, sondern aktiv konstruiert. Durch seine Eigenaktivität konstruiert die lernende Person eine mentale (und notwendigerweise subjektive) Repräsentation der neuen Informationen. Subjektiv ist diese Wissenskonstruktion insofern, als es sich dabei stets um eine Interpretation und Bedeutungszuschreibung auf der Basis bereits bestehender Wissenselemente und Lernintentionen handelt. Die Hervorhebung des konstruktiven Elements lässt den Unterschied zu den frühen kognitionspsychologischen Lerntheorien deutlich werden: Dort wird Wissenserwerb eher im Sinne einer passiv-rezeptiven Aufzeichnung oder als kumulative Anhäufung von Informationsbausteinen verstanden. Gemäß der kognitiv-konstruktivistischen Vorstellung von Lernprozessen ist der Wissensaufbau aber ein aktiver Prozess, in dessen Verlauf Informationen interpretiert und akzentuiert werden. Subjektive Vorerfahrungen und Intentionen von Lernenden sind deshalb wesentliche Rahmenbedingungen des Wissensaufbaus.
In konstruktivistischen Ansätzen zum Lernen wird außerdem die Bedeutung der selbstverantwortlichen Überwachung und Kontrolle des eigenen Lernens betont. Solche unterstützenden Prozesse des aktiven Lernens werden seit den 1970er Jahren auch unter der Überschrift »Metakognition« erforscht. Unter Metakognition versteht man
eine Reihe von Phänomenen, Aktivitäten und Erfahrungen, die mit dem Wissen und der Kontrolle über eigene kognitive Funktionen (z. B. Lernen, Gedächtnis, Verstehen, Denken) zu tun haben. […] Metakognition hebt sich von anderen kognitiven Phänomenen insofern ab, als dass kognitive Zustände oder Funktionen die Objekte sind, über die reflektiert wird. Metakognitionen spielen im Lernprozess eine wesentliche Rolle, da sie […] auch Kontrollfunktionen übernehmen können, insbesondere die der Überwachung, der Steuerung und der Regulation. Die Fähigkeit über eigene Gedanken und eigenes Verhalten zu reflektieren spielt eine wichtige Rolle für ein planvolles und selbstregulatives Lernen. (Hasselhorn & Artelt, 2018, S. 520)
Van Kesteren und Meeter (2020) haben darauf hingewiesen, dass konstruierte Wissensstrukturen jede Form der Verarbeitung und Konsolidierung von Informationen unterstützen. Sie erlauben nicht nur, sich an Vergangenes zu erinnern, sondern leiten auch das aktuelle Verhalten und ermöglichen es uns, zukünftige Ereignisse vorherzusagen. Allerdings kommt es bei stark ausgebildeten Schemata auch immer wieder zu unerwünschten Nebeneffekten wie Fehlerinnerungen oder Fehlkonzepten. Van Kesteren und Meeter (2020) plädieren daher dafür, in pädagogischen Kontexten darauf zu achten, dass vorhandene Schemata immer wieder mit episodischen Wissensdetails abgeglichen werden, damit sie immer leistungsfähiger für das Begreifen der Welt und ihrer Bezüge werden.
Fokus: Prinzipien optimaler Wissenskonstruktion nach van Kesteren und Meeter (2020)
(1) Elaboriere wann immer es geht beim Verarbeiten wie beim Abrufen von Informationen. Nutze dabei all dein Wissen und deine Sinne, um eine möglichst lebendige Erinnerung zu erzeugen, die mit deinem bisherigen Vorwissen verknüpft ist.
(2) Benutze dein Vorwissen nicht nur, um neue und alte Informationen miteinander zu verknüpfen, sondern auch, um auf spätere Abrufmöglichkeiten vorzubereiten, indem du viele Wege zwischen alter und neuer Information entdeckst.
(3) Mache klugen Gebrauch vom Prinzip des verteilten Lernens. Durch wiederholtes Abrufen an verschiedenen Tagen werden die konstruierten Schemata immer leistungsfähiger.
(4) Achte beim Abrufen darauf, welche Details du nicht mehr erinnerst. Da Details gerade in Bildungskontexten oftmals wichtig sind, solltest du solche nicht mehr erinnerten Details auflisten und separat wiederholen.
(5) Mache Fehlerinnerungen und Fehlkonzepte ausfindig. Jede Fehlvorstellung, die dir auffällt, solltest du zum Anlass nehmen, die Prinzipien (1) und (4) zu wiederholen, bis die Fehlvorstellungen überschrieben sind.
Die Auffassung vom Lernen als Konstruktion von Wissen findet ihren Niederschlag auch in den Auffassungen über Lehren und in den Methoden erfolgreichen Lehrens (
Kap. 5 und
Kap. 6). Es sei bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass sich viele Phänomene des Lerntransfers (ausführlicher
Kap. 3.3) ohne den konstruktivistischen Charakter von Lernen kaum erklären ließen.
Zusammenfassung
Unter Lernen versteht man überdauernde Änderungen im Verhaltenspotenzial als Folge von Erfahrungen. Antworten auf die Frage, welche Prozesse diesen Änderungen zugrunde liegen und durch welche Art von Erfahrungen sie ausgelöst werden, fallen je nach theoretischer Position recht unterschiedlich aus.
Aus assoziationstheoretischer bzw. konnektionistischer Sicht liegen den lernbasierten Änderungen des Verhaltenspotenzials durch Kontingenz entstandene Assoziationen zwischen Reizen und Reaktionsimpulsen bzw. zwischen verschiedenen Reizinformationen zugrunde. Sie werden ausgelöst durch raum-zeitliche Nähe oder andere Beziehungen mit Vorhersagegehalt.
Aus radikal-behavioristischer Sicht sind die dem Lernen zugrunde liegenden Prozesse nicht von Interesse. Interessant sind lediglich die Reizbedingungen, die die Verhaltensänderungen auslösen. Durch Kontrolle der für den Lernenden attraktiven Reize, etwa nach den Prinzipien variabler Verstärkungspläne, lässt sich Verhalten gezielt formen.
Kognitive Lerntheorien sehen im Aufbau und der Änderung von Wissen den zentralen Prozess des Lernens. Als Beschreibungsrahmen für diesen Prozess wird auf Modelle der menschlichen Informationsverarbeitung zurückgegriffen. Auf der Grundlage dieser Modelle hat man differenzierte Beschreibungen der zum Wissenserwerb führenden Mechanismen des Gedächtnisses vorgelegt. Das schließt Vorstellungen, die den konstruktivistischen Charakter des individuellen Wissensaufbaus betonen, mit ein.
Literaturhinweis
Steiner, G. (2007). Lernen (4. Aufl.). Bern: Huber.
2 Erfolgreiches Lernen als gute Informationsverarbeitung
Welche der in Kapitel 1 dargestellten Auffassungen vom Lernen man auch bevorzugt, sie implizieren, dass Lernen ein allgegenwärtiges Phänomen ist: Wir alle lernen vom Beginn unseres Lebens an; ein Leben ohne Lernen ist schlichtweg nicht möglich. Denken wir allerdings an das Lernen in Schule, Aus- und Weiterbildung, so interessiert weniger die Tatsache, dass dort Lernen stattfindet, sondern eher die Frage, wie bzw. unter welchen Bedingungen dieses Lernen erfolgreich verläuft.
Der Begriff des erfolgreichen Lernens weckt unmittelbar die Vorstellung, dass sich lernende Personen in ihren Lernaktivitäten und im Erfolg dieser Aktivitäten voneinander unterscheiden (interindividuelle Differenzen). Hinzu kommt, dass eine einzelne Person nicht immer gleich erfolgreich in ihren Lernbemühungen ist (intraindividuelle Variabilität). Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Thema »Erfolgreiches Lernen« im Folgenden aus einer differenziellen Perspektive bearbeitet wird. In der Differentiellen Psychologie geht es um die Beantwortung der Frage, warum es zwischen Personen systematische interindividuelle Unterschiede gibt und warum einzelne Personen von Situation zu Situation in ihren Verhaltensweisen mehr oder weniger stark variieren. Im Unterschied zu einer allgemeinpsychologischen Betrachtung von Lernen (
Kap. 1), bei der die Frage im Vordergrund steht, was Lernen im Allgemeinen ist und wie es prinzipiell funktioniert, wechseln wir in diesem Kapitel also von einer allgemeinen zu einer differenziellen Perspektive. Trotz oder vielleicht gerade wegen der häufig geäußerten Unzufriedenheit mit dem schulisch-institutionellen Lernen sind wir davon überzeugt, aufgrund der Theorien und Befunde der pädagogisch-psychologischen Lehr-Lern-Forschung ein hoffnungsvolles Bild des Lernens skizzieren zu können. Es gibt durchaus Grund zum Optimismus. Wir wissen nämlich mittlerweile recht viel – wenn auch bei weitem noch nicht alles – darüber, wie erfolgreiches Lernen möglich wird.
Die Frage nach den Prinzipien erfolgreichen Lernens lässt sich in der Pädagogischen Psychologie grundsätzlich aus zwei verschiedenen Perspektiven heraus beantworten: aus der des Lehrenden und aus der des Lernenden. Die Perspektive des Lehrenden führt zu Instruktionsmethoden und zu Lehrprinzipien, die besonders günstig für ein zielorientiertes Lernen sind. Solche Konzepte und Prinzipien werden im zweiten Teil dieses Lehrbuches (insbesondere in
Kap. 5 und
Kap. 6) vorgestellt. Im vorliegenden Kapitel wird die Frage nach dem erfolgreichen Lernen aus der Perspektive des Lernenden beantwortet. Hierzu ist es zunächst hilfreich, die wichtigsten individuellen Voraussetzungen darzulegen, die zum erfolgreichen Lernen gehören.
Als Ausgangspunkt bietet sich das Ende der 1980er Jahre von Pressley, Borkowski und Schneider (1989) skizzierte Modell der »guten Informationsverarbeitung« an, das sogenannte GIV-Modell (im Folgenden wird auch von den Guten Informationsverarbeitenden als GIVs gesprochen). Auf der Basis der Informationsverarbeitungsmodelle des menschlichen Gedächtnisses (
Kap. 1.3) haben die Autoren das strategische und reflexive Verhalten der Lernenden als Grundlage allen erfolgreichen Lernens bezeichnet. Sie sind der Überzeugung, dass ein planvolles und selbstgesteuertes, also selbstreguliertes Lernverhalten, Voraussetzung für das Erlernen aller bedeutungshaltigen Inhalte ist (Pressley & McCormick, 1995).
Das Modell der guten Informationsverarbeitung. Beim GIV-Modell handelt es sich um eine Art Merkmals- oder Checkliste erfolgreich Lernender. Mit dieser Liste wird ein integrativer Rahmen bereitgestellt, der die unterschiedlichen Befunde aus der kognitiven und der motivationalen Forschungstradition bündelt, in Form einer Beschreibung kompetenten Lernverhaltens. Pressley et al. (1989) schreiben den »guten Informationsverarbeitenden« die folgenden Merkmale zu:
• Sie planen ihr Lernverhalten.
• Sie nutzen effiziente Lernstrategien.
• Sie wissen, wie, wann und warum solche Strategien einzusetzen sind.
• Sie sind motiviert, diese Strategien einzusetzen.
• Sie nutzen Lernstrategien zunehmend automatisch.
• Sie überwachen ihre Lern- und Leistungsfortschritte.
• Sie reflektieren ihr Lernverhalten.
• Sie verfügen über ein Kurzzeitgedächtnis mit hoher Kapazität.
• Sie verfügen über ein reichhaltiges Weltwissen.
• Sie vertrauen ihren Lernfähigkeiten.
• Sie sind davon überzeugt, dass sie sich stets weiter verbessern können und halten dies auch für wünschenswert.
• Sie stellen sich immer wieder neue(n) Anforderungen.
Die aufgelisteten Vorzüge der GIVs bringen weitere Vorteile für die individuelle Lern- und Leistungsentwicklung mit sich. Pressley et al. (1989) sprechen davon, dass die »guten Informationsverarbeitenden« zudem häufiger die Gelegenheit bekommen, sich in »günstigen« Lernumgebungen zu bewähren.
Besondere Bildungsressourcen, wie sie z. B. Eliteschulen bieten, werden vornehmlich jenen zugewiesen, von denen man erwartet, dass sie am meisten davon profitieren. Auch haben jene, die ihr Examen mit einer Auszeichnung bestehen, weitaus größere Chancen, nachfolgend eine Stelle in Forschungsprojekten der Fakultät angeboten zu bekommen als solche mit einem durchschnittlichen Examen. Es gibt aber noch subtilere Selektionsmechanismen. Erfolgreiche Personen werden bevorzugt von anderen erfolgreichen Personen als Mitarbeiter ausgewählt. So kommt es dann dazu, dass GIVs mehr Gelegenheit zur Kooperation mit anderen GIVs erhalten, was zusätzlich ihren intellektuellen Fortschritt stimuliert. (Pressley et al., 1989, S. 862)
Die im GIV-Modell aufgelisteten Charakteristika erfolgreich Lernender lassen sich im wesentlichen vier Bereichen individueller Voraussetzungen des Lernens zuordnen: den Aufmerksamkeits- und Arbeitsgedächtnisfunktionen bei der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, dem Umfang und der Qualität des im Langzeitgedächtnis verfügbaren Vorwissens, der Nutzung und metakognitiven Regulation von Lernstrategien sowie den motivationalen Dispositionen und Selbstkonzepten mit ihren spezifischen Auswirkungen auf die Intensität und Aufrechterhaltung von Lernprozessen. In enger Anlehnung an das GIV-Modell werden im Folgenden diese vier Bereiche individueller Voraussetzungen erfolgreichen Lernens näher dargestellt.
Das Lernen von GIVs ist zwar in der Regel erfolgreicher als das Lernen von Lernenden mit weniger guten individuellen Voraussetzungen. Aber es gibt durchaus auch bei den GIVs intraindividuelle Schwankungen in der Qualität guten Lernens, für deren angemessene Erklärung die vier im GIV-Modell angesprochenen Merkmalsbereiche nicht ausreichen. Deshalb erweitern wir unsere Darstellung der wichtigsten individuellen Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen um die Bereiche der Willensbildung (Volition) und die den Lernprozess begleitenden Emotionen. Grundlage unserer Ausführungen in diesem Kapitel ist daher ein heuristisches Modell, das die fünf Merkmalsbereiche individueller Voraussetzungen erfolgreichen Lernens miteinander verzahnt. Wir nennen es das INVO-Modell (INdividuelle VOraussetzungen) erfolgreichen Lernens (
Abb. 2.1). Die Darstellungsform über miteinander verbundene – so aber nicht zum Laufen kommende – Zahnräder wurde aus didaktischen Gründen bewusst gewählt. Sie macht nämlich auf einen Blick deutlich, dass wir bei aller Detailkenntnis über die relevanten individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens derzeit noch nicht genügend darüber wissen, wie denn die Voraussetzungen erfolgreichen Lernens genau zusammenwirken müssen, um den Lernerfolg zu garantieren.

Abb. 2.1: Modell der individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens (INVO-Modell)
Die individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens unterliegen zum Teil deutlichen Entwicklungsveränderungen und bisweilen kommt es in dem einen oder anderen Bereich auch zu massiven Störungen oder Entwicklungsverzögerungen, die die Lernmöglichkeiten im Einzelfall gravierend einschränken können. Auf diese Entwicklungsabhängigkeiten und individuellen Besonderheiten des Lernens gehen wir in diesem Kapitel nicht ein. Sie sind aber für das Verstehen und Optimieren des Lernens im pädagogischen Alltag von solch großer Bedeutung, dass ihnen ein eigenes Kapitel gewidmet ist (
Kap. 4.1).
Orientierungsfragen
• Welche Funktionen der Aufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses sind Voraussetzungen für den Erfolg von Lernen?
• Welche Rolle spielt das Vorwissen für erfolgreiches Lernen?
• Was sind Lernstrategien und wie wird ihre effektive Nutzung durch Metakognitionen reguliert?
• Welches sind die für Lern- und Leistungssituationen relevanten motivationalen Prozesse und wie werden sie durch die individuelle Ausprägung dispositioneller motivationaler Merkmale, wie das Selbstkonzept, moderiert?
• Welche Rolle spielen Mechanismen der willensabhängigen hartnäckigen Zielverfolgung und begleitende Emotionen für erfolgreiches Lernen?
2.1 Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis
Die Beschreibung erfolgreichen Lernens als »gute Informationsverarbeitung« legt es nahe, das in Kapitel 1 vorgestellte modale Grundmodell der Informationsverarbeitung (
Abb. 1.2) zum Ausgangspunkt der weiterführenden Überlegungen zu den individuellen Voraussetzungen des Lernens zu wählen. Lernen wird dabei als Kette von Prozessen der Informationsaufnahme, -transformation und -organisation beschrieben. Beim absichtlichen und gezielten Lernen wird der Lernende in systematischer Weise mit Reizinformationen konfrontiert. Diese werden in modalitätsspezifischen sensorischen Registern für wenige Millisekunden festgehalten, aber noch nicht bewusst wahrgenommen. Folgt man beispielsweise einem Vortrag oder liest einen Text, dann wird die gehörte oder die gelesene Sprache zunächst einmal sensorisch-analog im Sinne einer Repräsentation ihrer physikalischen Merkmale enkodiert. Erst im weiteren Verlauf der Informationsverarbeitung erfolgen sinngebende Interpretationen, die aus den sensorischen Registrierungen Informationen für den Lernenden werden lassen. Funktional intakte sensorische Register sind mithin notwendige Voraussetzung dafür, dass sinnstiftendes inhaltsbezogenes Lernen und die Konstruktion von Wissensstrukturen überhaupt stattfinden kann.
Der Lernprozess im engeren Sinne beginnt erst dann, wenn die lernende Person einer Auswahl der in den sensorischen Registern »festgehaltenen« Reizinformationen ihre Aufmerksamkeit zuwendet. Diese Aufmerksamkeitszuwendung kann gezielt oder auch unwillkürlich erfolgen. Entscheidend für die weitere Verarbeitung ist jedoch, dass nur die mit Aufmerksamkeit bedachten Informationselemente in das Kurzzeitgedächtnis gelangen, das wegen seiner zentralen Funktionen für die komplexen Lernprozesse häufig auch als Arbeitsgedächtnis bezeichnet wird. Das Arbeitsgedächtnis hat in Bezug auf die verarbeitbare Informationsmenge und hinsichtlich der Möglichkeit ihrer zeitüberdauernden Aufbewahrung allerdings nur eine begrenzte Kapazität. Weil aber neue Informationen permanent in das Arbeitsgedächtnis »nachdrängen«, besteht für die im Arbeitsgedächtnis befindliche Information beständig die Gefahr, wieder verloren zu gehen.
Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Vorstellungen zum Informationsfluss wird die Auffassung verständlich, dass die Qualität der dem Lernen zugrunde liegenden Informationsverarbeitung zuallererst von der Steuerung und Qualität der Aufmerksamkeitsprozesse und von der Funktionstüchtigkeit des Arbeitsgedächtnisses abhängig ist. Tatsächlich haben Forschungsarbeiten gezeigt, dass spezifische Funktionen der Aufmerksamkeitszuwendung und des Arbeitsgedächtnisses bei verschiedenen Personen durchaus unterschiedlich gut ausgebildet sind und damit der Effektivität individueller Lernprozesse mehr oder weniger enge Grenzen setzen. Mit anderen Worten: Es gibt systematische interindividuelle Differenzen.
Insbesondere bei den Aufmerksamkeitsfunktionen sind aber zudem starke situative Variabilitäten zu beobachten. Ein und derselbe Lernende ist einmal wach und aufnahmebereit, so dass er etwa im Unterricht den dargebotenen Stoffinhalten seine volle Aufmerksamkeit zuwendet, und ein anderes Mal ist er weniger lernbereit, so dass auch entsprechend wenig lehrstoffbezogene Information im Arbeitsgedächtnis ankommt. Solche situativen Schwankungen werden auch als intraindividuelle Variabilität bezeichnet. Im Folgenden werden einige der für die Erklärung interindividueller Differenzen und intraindividueller Variabilität des Lernerfolgs relevanten Facetten der Aufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses näher betrachtet.
Selektive Aufmerksamkeit
Der Engländer Donald Broadbent hat sich bereits früh mit der Frage beschäftigt, wie unser Informationsverarbeitungssystem die ständige Überflutung durch sensorisch registrierte Informationsmerkmale bewältigt. Dabei inspirierte ihn eine Aufmerksamkeitsleistung der für die Radarüberwachung von Flugzeugen zuständigen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Diesen gelang es nämlich, mit verschiedenen Piloten gleichzeitig zu kommunizieren, obgleich deren Stimmen nur über einen einzigen Lautsprecher zu hören waren. Auf der Basis zahlreicher Experimente formulierte Broadbent (1958) die sogenannte Filtertheorie der Aufmerksamkeit, die von einer grundsätzlich beschränkten Informationsverarbeitungskapazität des Menschen ausgeht. Danach reguliert die Aufmerksamkeit den Informationsfluss von den sensorischen Registern zum Arbeitsgedächtnis. Die Aufmerksamkeit bzw. die Aufmerksamkeitszuwendung hat die Funktion eines Filters und wirkt wie ein früher Engpass oder Flaschenhals, der dafür verantwortlich ist, dass nur einige wenige Informationen im kognitiven System weitergeleitet werden.
Broadbents Filtertheorie der Aufmerksamkeit besagt nun, dass die Auswahl der weiter zu verarbeitenden Informationen bereits sehr früh im Prozess der Informationsverarbeitung stattfindet. Die Frage, wann genau die Selektion aufgrund von Informationsmerkmalen geschieht und welche ihrer Bestandteile in welchem Umfang »voranalysiert« werden, hat zu zahlreichen experimentellen Analysen und theoretischen Auseinandersetzungen geführt (Lamy, Leber & Egeth, 2012; Yantis, 2000). Dabei hat sich herausgestellt, dass es wohl unterschiedliche Filter gibt, die für den Flaschenhalseffekt verantwortlich sind. Ihre Funktionsweise wird sowohl von den Reizmerkmalen selbst (Bottom-up) als auch von den Zielen und dem Vorwissen der die Informationen verarbeitenden Person (Top-down) beeinflusst.
Eine hilfreiche Klassifikation der für die Aufmerksamkeitszuwendung beim absichtlichen Lernen relevanten Prozesse stammt von Neisser (1967). In seiner Zwei-Prozess-Theorie der selektiven Aufmerksamkeit unterscheidet Neisser zwischen einem Diskriminationsprozess, in dessen Verlauf die in den sensorischen Registern festgehaltenen Informationsmerkmale danach beurteilt werden, ob sie relevant sind oder nicht, und einem Prozess der Zuweisung der vorhandenen (und begrenzten) Aufmerksamkeitskapazität auf die als relevant erkannten Informationsmerkmale (Fokussierung). Die Effizienz beider Prozesse hinterlässt deutliche Spuren schon bei einfachen Lernanforderungen, wie am Beispiel des Cocktailparty-Phänomens und seiner Wirkungen deutlich wird.
Fokus: Das Cocktailparty-Phänomen
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf einer Party. Der Geräuschpegel ist relativ hoch und überall im Raum stehen kleine Grüppchen beisammen, die sich lautstark unterhalten. Auch Sie sind in ein solches Gespräch einbezogen. Plötzlich hören Sie, dass in einer der anderen Gesprächsgruppen Ihr Name fällt und schon wandert Ihre Aufmerksamkeit zu dem Gespräch der anderen Gruppe, das sie vorher gar nicht wahrgenommen haben.
Diese Veränderung der Aufmerksamkeitsfokussierung ist als Cocktailparty-Phänomen bekannt geworden (Cherry, 1953). Wood und Cowan (1995) haben sie in einer experimentellen Untersuchung etwas genauer unter die Lupe genommen. Die Teilnehmer an ihrem Experiment bekamen einen Kopfhörer aufgesetzt, der das sogenannte dichotische Hören ermöglicht: Sie hörten auf jedem Ohr eine andere Stimme. Beide Stimmen lasen einsilbige Wörter vor. Die Aufgabe der Versuchsteilnehmer bestand nun darin, nur auf das rechte Ohr zu achten und so genau wie möglich die über das rechte Ohr gehörten Wörter nachzusprechen (man nennt das »Beschatten«). Irgendwann nannte die Stimme auf dem eigentlich nicht zu beachtenden linken Ohr den Namen des Versuchsteilnehmers. Etwa ein Drittel der Teilnehmer hörte dies – andere Namen als der eigene wurden hingegen nicht wahrgenommen. Die Leistung in der Beschattungsaufgabe war natürlich währenddessen kurzeitig beeinträchtigt.
Die Befunde der Untersuchung von Wood und Cowan (1995) zum Cocktailparty-Phänomen zeigen, dass die Diskrimination von relevanter und irrelevanter Information und die Fokussierung der relevanten Information entscheidend sind für die Leistung bei einer recht einfachen kognitiven Anforderung. Sie zeigen aber auch, dass sich Personen sehr wohl darin unterscheiden, ob und wie leicht sie sich von aufgabenirrelevanten Informationen ablenken lassen. Etwa ein Drittel der untersuchten Personen ließ sich durch das Hören des eigenen Namens von der vorher vereinbarten Aufgabe ablenken. Man kann sich leicht vorstellen, dass auch für das schulische Lernen interindividuelle Unterschiede im Bereich der Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeitskontrolle von großer Bedeutsamkeit sind. Die bekannten Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwierigkeiten von Schülerinnen und Schülern (Berg, Imhof & Baadte, 2018) und die mit ihnen häufig einhergehenden Verhaltensauffälligkeiten (Döpfner, 2008; Gawrilow, 2012) sind auch auf Probleme bei der Diskrimination und Fokussierung der Aufmerksamkeit zurückzuführen.
Die Prozesse der selektiven Aufmerksamkeit sind jedoch nicht nur eine wichtige Voraussetzung erfolgreichen Lernens. Sie sind gleichzeitig ein Ergebnis vorangegangener Lernerfolge. Wie in Kapitel 2.2 noch ausführlicher dargestellt wird, ist die Effizienz, mit der relevante von irrelevanter Information unterschieden wird, in erheblicher Weise von den einschlägigen Vorkenntnissen des Lernenden abhängig. Wer sich in einem Lernbereich inhaltlich bereits sehr gut auskennt, ist im Vergleich zu Laien oder Nichtexperten nämlich sehr viel besser in der Lage, innerhalb von Sekundenbruchteilen zwischen relevanten und weniger relevanten Informationsmerkmalen zu unterscheiden (National Research Council, 2000).
Überhaupt stellt sich die Frage, ob interindividuelle Unterschiede in der Effizienz selektiver Aufmerksamkeit unabhängig von den »hierarchiehöheren« Voraussetzungen erfolgreichen Lernens auftreten. Unterschiede in der Ablenkungsanfälligkeit des Aufmerksamkeitsfokus durch aufgabenirrelevante Informationen lassen sich nämlich auch über Unterschiede in der Kapazität des Arbeitsgedächtnisses erklären (Bleckley, Durso, Crutchfield, Engle & Khanna, 2003). Bei einer Wiederholung der oben beschriebenen Untersuchung zum Cocktailparty-Phänomen wurden die Untersuchungsteilnehmer im Nachhinein danach unterteilt, ob sie – ausweislich eines entsprechenden Testverfahrens – über eine überdurchschnittliche oder über eine unterdurchschnittliche Arbeitsgedächtniskapazität verfügten. Es zeigte sich, dass lediglich eine von fünf Personen mit hoher Arbeitsgedächtniskapazität ablenkbar war, aber fast jeder dritte Versuchsteilnehmer mit einer eher niedrigen Gedächtniskapazität hörte seinen eigenen Namen auf dem eigentlich nicht zu beachtenden Ohr (Conway, Cowan & Bunting, 2001; Röer & Cowan, 2021). Dies führt uns zu der Frage, was es mit dem Arbeitsgedächtnis auf sich hat und inwiefern seine Merkmale und Besonderheiten wichtige individuelle Voraussetzungen erfolgreichen Lernens sind.
Was versteht man unter Arbeitsgedächtnis?
In den frühen Modellen der Informationsverarbeitung ging man davon aus, dass die mit Aufmerksamkeit bedachte Information in eine Art Kurzzeitspeicher gelangt, der von begrenzter Kapazität ist und – wie der Name schon sagt – die Information für kurze Zeit im »Bewusstseinsstrom« des Lernenden hält (Atkinson & Shiffrin, 1968). Die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses wurde lange Zeit mit Verweis auf die klassische Abhandlung von Miller (1956) auf sieben plus/minus zwei Informationseinheiten geschätzt. Bereits im 19. Jahrhundert wurde von Jacobs (1887) der Grundtyp einer Methode zur Bestimmung der individuellen Gedächtniskapazität vorgelegt, die bis heute weit verbreitet ist und auch in vielen Intelligenztests Verwendung findet: Die Prüfung der Gedächtnisspanne.
Definition: Gedächtnisspanne
Die individuelle Gedächtnisspanne einer Person ist definiert als die maximale Anzahl von Items (meist Ziffern oder Wörter), die im Anschluss an eine einmalige Darbietung (meist akustisch im Sekundenrhythmus) in der vorgegebenen Reihenfolge korrekt wiedergegeben werden kann.
Schon Atkinson und Shiffrin (1968) haben darauf hingewiesen, dass der Kurzzeitspeicher beim Verarbeiten von Informationen die Funktion eines Arbeitsgedächtnisses übernimmt. Typische Arbeitsgedächtnisfunktionen bestehen etwa in der Nutzung von Strategien und Kontrollprozessen, um den Lernfortschritt zu optimieren und den späteren Abruf von Informationen aus dem Gedächtnis zu erleichtern. Das Arbeitsgedächtnis (working memory) ist demnach ein internes kognitives System, das es ermöglicht, mehrere Informationen vorübergehend bewusst zu halten und zueinander in Beziehung zu setzen. Die klassische Vorstellung eines Speichers mit fünf bis neun Speicherplätzen erscheint zu statisch, um ein solch multi-funktionales System wie das Arbeitsgedächtnis angemessen zu beschreiben.
Interindividuelle Unterschiede in der oben beschriebenen Gedächtnisspanne hängen auch von der Geschwindigkeit ab, mit der die dargebotenen Informationseinheiten identifiziert bzw. innerlich nachgesprochen werden können (Dempster, 1981; Hasselhorn, 1988). Dies weist darauf hin, dass nicht nur strukturelle, sondern auch prozessuale Kapazitätsaspekte von Bedeutung sind. Man spricht daher heute vielfach auch von der funktionalen bzw. funktional verfügbaren Kapazität des Arbeitsgedächtnisses.
Theoretische Modelle zur Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses sind so zahlreich wie unterschiedlich (Logie, Camos & Cowan, 2021). Neben den Vorstellungen vom Arbeitsgedächtnis als einer einheitlichen (eigenen) Ressource, die flexibel und adaptiv bei der Bewältigung unterschiedlicher Aufgabenanforderungen Verwendung findet (z. B. Case, 1995; Daneman & Carpenter, 1980), gibt es die Auffassung, dass die Aufmerksamkeit, das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis ohnehin sehr eng miteinander verknüpft seien. Cowan (2005) hat diese Auffassung sehr pointiert formuliert: Das Arbeitsgedächtnis sei nichts anderes als jene Teilmenge des Langzeitgedächtnisses, die durch Aufmerksamkeitsfokussierung temporär gerade aktiviert ist.
Für die Beschreibung und Erklärung der Funktionen des Arbeitsgedächtnisses beim intentionalen Lernen komplexer Inhalte hat sich in der europäischen Tradition eine mehrsystemige Modellvorstellung durchgesetzt, die seit Anfang der 1970er Jahre von der britischen Arbeitsgruppe um Alan Baddeley immer weiter ausgearbeitet wurde. Frühe experimentelle Arbeiten führten Baddeley und Hitch (1974) zu der Einsicht, dass die damals verbreitete Annahme eines eindimensionalen Arbeitsgedächtnisses unangemessen sei. Bei der gleichzeitigen Bearbeitung von Anforderungen unterschiedlicher Modalitäten (z. B. Hören und Sehen) zeigten die Untersuchungsteilnehmer zwar Leistungseinbußen; diese fielen aber weit geringer aus, als man es bei einer generell begrenzten Arbeitsgedächtnis-Ressource erwarten sollte.
Baddeley (1986) beschrieb daher das Arbeitsgedächtnis als komplexes Systemgefüge, in dem einer Leitzentrale (zentrale Exekutive) spezifische Hilfssysteme für die separate Verarbeitung visuell-räumlicher bzw. sprachlich-akustischer Informationen untergeordnet sind (
Abb. 2.2). Zusätzlich postulierte Baddeley (2000) einen Verbindungsmechanismus (episodischer Puffer) zwischen den beiden Hilfssystemen, der Leitzentrale und dem Langzeitgedächtnis. Auch dieser Mechanismus hat aber wiederum nur eine begrenzte Kapazität. Seine Aufgabe ist es, die funktionale Kapazität des Arbeitsgedächtnisses zu optimieren, und zwar durch die Integration der Informationen aus den Hilfssystemen und aus dem Langzeitgedächtnis.

Abb. 2.2: Modell des Arbeitsgedächtnisses nach Baddeley (1986, 2000)
Mit Gedächtnisspannenaufgaben der oben beschriebenen Art (serielle Reproduktion von Ziffern- oder Wortlisten) lässt sich die Funktionstüchtigkeit des für die Verarbeitung von sprachlich-akustischer Information zuständigen Hilfssystems gut erfassen. Das Arbeitsgedächtnis als Gesamtsystem ist aber nicht nur für das Speichern und Abrufen von Reihenfolgeinformationen zuständig, sondern auch für die darüber hinaus gehenden Transformationsprozesse. Deshalb werden heute komplexere Aufgaben verwendet, um etwas über die Funktionstüchtigkeit des gesamten Arbeitsgedächtnisses zu erfahren. Die einfachste Form einer komplexen Anforderung an das Arbeitsgedächtnis ist eine Aufgabe zur Erfassung der sogenannten Rückwärtsspanne. Wie bei der Erfassung der »Gedächtnisspanne vorwärts« werden Sequenzen von Items dargeboten. Die Leistungsanforderung besteht allerdings darin, die dargebotenen Sequenzen in der umgekehrten Reihenfolge zu reproduzieren. Verbreitet ist die Aufgabe »Ziffern nachsprechen, rückwärts«, wobei die Ziffern im Sekundenrhythmus dargeboten werden (z. B. 6 – 4 – 2 – 5) und anschließend in umgekehrter Reihenfolge wiederzugeben sind (5 – 2 – 4 – 6).
Fokus: Erfassung der Arbeitsgedächtnisspanne
Komplexe Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis beinhalten die Durchführung vielfältiger Speicher- und Transformationsprozesse. In Aufgaben dieser Art werden Personen beispielsweise aufgefordert, ein Set unzusammenhängender Sätze zu lesen und den Wahrheitsgehalt eines jeden Satzes zu bewerten (z. B. »Der März ist der erste Monat im Jahr, der 30 Tage hat.« oder »Die Sprachen Englisch und Deutsch gehen auf die gleichen Wurzeln zurück.« oder »Der Mensch gehört zu den Primaten, weil er aufrecht geht.«). Anschließend müssen die jeweils letzten Wörter dieser Sätze in der Reihenfolge der Satzdarbietung wiedergegeben werden (also »hat – zurück – geht«). Bei einer anderen Aufgabe müssen einfache Rechenaufgaben auf ihre Richtigkeit geprüft werden (z. B. »(2 × 3) – 2 = 4« oder »(6/3) + 2 = 8« oder »(4 × 2) – 5 = 3«). Anschließend sind die vorgegebenen Lösungen in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben (also »4 – 8 – 3«).
Die auf Teilsystemen fußende Grundkonzeption des Arbeitsgedächtnisses nach Baddeley (1986, 2000) eröffnet Möglichkeiten für eine sehr anschauliche und differenzierte Beschreibung der Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses beim Bearbeiten komplexer Lernanforderungen. Dies wird mittlerweile auch für die Praxis der Diagnostik individueller Lernpotenziale genutzt. So liegt im deutschen Sprachraum eine dieser Grundkonzeption verpflichtete computergestützte und adaptive Arbeitsgedächtnistestbatterie für Kinder von 5 bis 12 Jahren vor (AGTB 5–12, Hasselhorn, Schumann-Hengsteler et al., 2012), mit deren Hilfe individuelle Besonderheiten der Funktionstüchtigkeit der unterschiedlichen Arbeitsgedächtnissysteme erfasst werden können. Auch neuropsychologische Befunde stützen die Annahme getrennter und damit partiell unabhängiger Teilsysteme für die Verarbeitung verbaler und visuell-räumlicher Informationsmerkmale (Jonides et al., 1996).
Visuell-räumliches Arbeitsgedächtnis
In der neuropsychologischen Literatur finden sich Evidenzen für die Annahme, dass die Verarbeitung sprachlicher und visuell-räumlicher Informationen in partiell unabhängigen Teilsystemen erfolgt (Chai, Abd Hamid & Abdullah, 2018). Auch das Generieren visueller Vorstellungen und das kurzfristige Behalten visuell-räumlicher Informationen haben sich nach Erkenntnissen aus Studien an Patienten mit Kopfverletzungen als voneinander unabhängige Funktionen erwiesen (Morton & Morris, 1995). Während spezifische Schädigungen in der linken Hirnhälfte mit Defiziten beim Generieren von und Operieren mit anschaulichen Vorstellungsbildern einher zu gehen scheinen (Farah, 1984), findet man eher Zusammenhänge mit Schädigungen im rechten posterioren parietalen Cortex, wenn Repräsentations- und Behaltensprobleme für visuell-räumliche Informationen vorliegen (Beschin, Cocchini, Della Salla & Logie, 1997). Selbst die Verarbeitung visueller und räumlicher Informationsmerkmale scheint allerdings durch unterschiedliche Bereiche des Cortex geleistet zu werden (Courtney, Ungerleider, Keil & Haxby, 1996).
Experimentelle Analysen zum visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnis basieren im Wesentlichen auf zwei Typen von Anforderungen: dem Behalten räumlicher Bewegungen und dem Behalten visueller Muster. Typische Varianten dieser unterschiedlichen Anforderungen sind die Corsi-Block-Aufgabe für räumliche Bewegungen und die sogenannte Muster-Rekonstruktionsaufgabe. Bei der Corsi-Block-Aufgabe handelt es sich um eine Gedächtnisspannenaufgabe für räumlich-sequentielle Information. Vorgegeben wird in der Standardversion ein graues Brett, auf dem neun Blöcke in einer unregelmäßigen Anordnung positioniert sind (
Abb. 2.3). Die Blöcke unterscheiden sich nicht voneinander. Der Untersuchungsleiter tippt einzelne Blöcke in einer bestimmten Reihenfolge im Sekundenrhythmus an. Die Versuchsteilnehmer müssen die vorgegebene Sequenz unmittelbar danach durch Nachtippen replizieren. Die Anzahl der in einer Sequenz enthaltenen Blöcke wird sukzessive gesteigert, bis eine fehlerfreie Wiedergabe nicht mehr gelingt. Erwachsene können im Durchschnitt Sequenzen von etwa sechs bis sieben Blöcken richtig antippen.

Abb. 2.3: Standardversion der Corsi-Block-Aufgabe
Bei der Muster-Rekonstruktionsaufgabe werden in der Regel quadratische Matrizenanordnungen dargeboten, auf denen einzelne Felder schwarz eingefärbt sind, so dass sich ein Muster ergibt. Häufig wird dabei die Komplexität der Muster variiert (
Abb. 2.4). Die Darbietungszeit der Muster steigt mit zunehmender Anzahl der schwarzen Felder linear an. Unmittelbar nach der Musterpräsentation muss auf einer Matrizenvorlage mit ausschließlich weißen Feldern gezeigt werden, welche Felder bei der zuvor gezeigten Musteranordnung schwarz waren. Analog zum Vorgehen bei der Corsi-Block-Aufgabe wird die Anzahl der schwarzen Felder so lange gesteigert, bis das Muster nicht mehr korrekt wiedergegeben werden kann. Die durchschnittliche Leistung junger Erwachsener liegt bei Mustern mit neun schwarzen Feldern.
Experimentelle Analysen der Leistungen bei Corsi-Block- und Muster-Rekonstruktionsaufgaben haben die Entwicklung der Modellvorstellungen über das visuell-räumliche Hilfssystem nachhaltig beeinflusst. Es zeigte sich, dass die Kapazität für das Behalten visueller Muster und die Kapazität für das Behalten von Bewegungssequenzen im Raum relativ unabhängig voneinander sind. Versucht man nämlich, die Leistungen bei Aufgaben dieser Art zu beeinträchtigen, indem man zeitgleich eine zweite Aufgabe bearbeiten lässt, so findet sich ein interessanter Unterschied: Besteht die Zweitaufgabe z. B. im Ausführen einer Armbewegung, dann werden dadurch die dynamischen visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisleistungen, wie sie bei den Corsi-Blocks zu erbringen sind, gestört, jedoch nicht die Leistungen bei der Standardvariante der Muster-Rekonstruktionsaufgabe, die eher Anforderungen an eine statische Repräsentation im Arbeitsgedächtnis stellt (z. B. Logie, Zucco & Baddeley, 1990). Umgekehrt wird das Behalten visueller Muster, nicht aber das von räumlichen Sequenzen, durch irrelevante visuelle Zusatzinformationen (z. B. Wechsel in der Farbgestaltung der Mustervorlagen) beeinträchtigt (z. B. Logie, 1986).

Abb. 2.4: Beispiel für die Vorlage eines einfachen (links) und komplexen Musters (rechts) bei der Muster-Rekonstruktionsaufgabe
Logie (1995) unterscheidet daher zwischen zwei Komponenten des visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisses: einem visuellen Speicher (Visual Cache) und einem Mechanismus für die Aufnahme räumlicher Bewegungssequenzen, den er über die Metapher eines inneren Schreibprozesses (Inner Scribe) beschreibt. Im visuellen Speicher werden vor allem Merkmale der Form und der Farbe repräsentiert – sein Repräsentationsformat ist statisch. Der räumliche Mechanismus besitzt hingegen ein dynamisches Repräsentationsformat und ist auch dafür zuständig, Informationen des visuellen Speichers durch eine Art mentalen Abschreibens zu wiederholen und damit längerfristig verfügbar zu halten.
Phonologisches Arbeitsgedächtnis
Wiederum unabhängig von der Verarbeitung visuell-räumlicher Informationen werden sprachliche und akustische Informationen verarbeitet. Das hierfür zuständige Hilfssystem des Arbeitsgedächtnisses wird phonologisches Arbeitsgedächtnis genannt. Baddeley (1986) hat dieses System als eine »phonologische Schleife« bezeichnet. Ähnlich wie beim visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnis besteht die Schleife aus zwei Komponenten, einem phonetischen Speicher (Phonological Store) und einem subvokalen Kontrollprozess (Subvocal Rehearsal).
Der phonetische Speicher kann klangliche und sprachliche Informationsmerkmale für etwa eineinhalb bis zwei Sekunden repräsentieren. Die entscheidende Kapazitätsdimension ist weniger die Anzahl verarbeiteter Informationen – wie in Anlehnung an Millers (1956) Ausführungen zur »magischen Sieben« lange Zeit angenommen wurde –, als vielmehr die Zeitdauer, für die eine gespeicherte Information verfügbar ist. Man kann sich den phonetischen Speicher wie eine Tonbandendlosschleife mit sehr kurzer Aufnahmekapazität vorstellen. Die Schleife ist im aufmerksamen Zustand permanent auf Empfang geschaltet. Informationen, die nicht in weiterführende Verarbeitungsprozesse eingebunden sind, werden allerdings nach etwa zwei Sekunden wieder »überschrieben« und damit dem Zugriff für weiterführende Verarbeitungen entzogen. Für viele Sätze unserer gesprochenen Sprache ist dies ein sehr knappes Zeitfenster – umso problematischer, wenn es nicht effizient genutzt wird. Um vor allem beim Hören längerer Sätze am Ende eines Satzes noch zu wissen, wovon am Anfang des Satzes die Rede war, müssen wir wichtige Informationen länger verfügbar halten als nur für zwei Sekunden.
Dies leistet der subvokale Kontrollprozess. Durch eine Art »inneres Sprechen« bzw. »inneres Wiederholen« wird die Repräsentation im phonetischen Speicher immer wieder neu aufgefrischt, so dass wichtige Informationen durchaus über einen längeren Zeitraum für die weitere Verarbeitung präsent bleiben. Als Beleg dafür, dass es sich bei diesem Kontrollprozess um ein »inneres Sprechen« handelt, gilt das Phänomen des Wortlängeneffektes: Die Leistung bei der oben beschriebenen einfachen Gedächtnisspannen-Aufgabe fällt bei der Darbietung von Sequenzen kurzer Wörter besser aus als bei Sequenzen langer Wörter.
Studie: Wortlängeneffekt und Artikulationsdauer
Baddeley, Thomson und Buchanan (1975) untersuchten den Effekt der Wortlänge auf die Leistung bei einer Gedächtnisspannenaufgabe. Mit ansteigender Silbenzahl der verwendeten Wörter sank die Gedächtnisspannenleistung der untersuchten jungen Erwachsenen. Der Befund tritt auf, wenn die Wortsequenzen akustisch präsentiert werden, er zeigt sich aber auch bei einer Darbietung von Abbildungen der durch die Wörter bezeichneten Objekte. Als entscheidend für den Effekt erwies sich die zur Aussprache der Begriffe benötigte Zeit. Es zeigte sich nämlich, dass selbst bei konstant gehaltener Silben- und Phonemzahl die Gedächtnisspanne für Wörter mit kürzerer Artikulationsdauer größer ist als für Wörter mit längerer Aussprechdauer.
In einem weiteren Experiment fanden die Autoren, dass die Gedächtnisspanne in etwa der Anzahl von Items entspricht, die eine Person in 1,87 Sekunden aussprechen kann. Zu ähnlichen Schätzwerten der Kapazität des phonetischen Speichers kommen auch Schweickert und Boruff (1986) sowie Hasselhorn (1988).
Der hier beschriebene subvokale Kontrollprozess erfolgt schon im Schulalter automatisch. Er dient dem »Auffrischen« von Informationen, die bereits in den phonetischen Speicher gelangt sind, erfüllt jedoch noch weitere Funktionen. So dient er der Übersetzung von bildlicher Information in sprachliche durch das phonetische Umkodieren des visuell dargebotenen Materials. Dies gilt nicht nur für bedeutungshaltige Bilder (Baddeley et al., 1975), sondern auch für das Dekodieren von Graphemen beim leisen Lesen (Daneman & Stainton, 1991). Insgesamt bieten die Mechanismen des phonologischen Arbeitsgedächtnisses eine hervorragende Basis für die Verarbeitung von Reihenfolgeinformation, und zwar nicht nur für verbales Material, sondern auch für die Verarbeitung zeitlicher Muster, wie es sich etwa beim Reproduzieren akustisch dargebotener Zeitintervalle im Sekundenbereich zeigt (Grube, 1996).
Die Gedächtnisspanne kann auch als Indikator für die funktional verfügbare Gesamtkapazität des phonologischen Arbeitsgedächtnisses insgesamt herangezogen werden. Für die indirekte Abschätzung der Geschwindigkeit des in der Regel automatisch einsetzenden subvokalen Kontrollprozesses wird häufig die Artikulationsdauer bzw. die Sprechrate für das in der jeweiligen Gedächtnisspannenaufgabe verwendete Item-Material benutzt. Eine verbreitete Methode zur Erfassung der Sprechrate wurde von Hulme, Thomson, Muir und Lawrence (1984) eingeführt. Die Autoren schlugen vor, einfache Wort-Tripel (z. B. »Fisch – Ball – Stern«) vorzugeben und diese dann zehn Mal hintereinander so schnell wie möglich nachsprechen zu lassen. Aus der dafür benötigten Zeit lässt sich dann die für das Artikulieren eines Wortes im Durchschnitt benötigte Zeit ermitteln.
Die Funktionstüchtigkeit des phonetischen Speichers lässt sich nach Ansicht von Gathercole und Baddeley (1993) anhand eines weiteren Phänomens erkennen, des sogenannten akustischen Ähnlichkeitseffekts: Gibt man bei einer Gedächtnisspannenaufgabe klangähnliche Items vor (z. B. »Schwan, Krahn, Bahn, Zahn«) anstelle der im Standardverfahren üblichen klangunähnlichen (z. B. »Topf, Schuh, Baum, Zahn«), so fällt die Gedächtnisspannenleistung schlechter aus. Anders als der auf subvokales inneres Sprechen zurückgeführte Wortlängeneffekt bleibt der Effekt der akustischen Ähnlichkeit durch eine belanglose sprachliche Zweitanforderung (z. B. während der Item-Darbietung permanent den Laut »bla« zu wiederholen) übrigens unbeeinflusst (Baddeley, 1986).
Zur Messung der individuellen Kapazität des phonetischen Speichers haben Gathercole, Willis, Baddeley und Emslie (1994) das Nachsprechen von Kunstwörtern (Nonword Repetition) vorgeschlagen. Beim Kunstwörternachsprechen handelt es sich um eine Aufgabenanforderung, bei der eine akustisch dargebotene Lautfolge nachzusprechen ist, die zwar Ähnlichkeiten zu »richtigen« Wörtern aufweist, jedoch ohne sinnhafte muttersprachliche Bedeutung ist (z. B. »wuralten«, »kalibritzen«). Das Grundprinzip solcher Aufgaben wurde bereits in den 1950er Jahren von der Schweizer Logopädin Greta Mottier (1951) verwendet, um die »akustische Differenzierungsfähigkeit« von Kindern zu erfassen. Die Kapazität des phonetischen Speichers lässt sich so, unbeeinflusst vom »semantischen Lexikon« einer Person, über die Länge der Kunstwörter erschließen, bei denen das Nachsprechen noch weitgehend fehlerfrei gelingt.
Fokus: Das phonologische Arbeitsgedächtnis
Die folgenden Merkmale beschreiben die Funktionsweise des phonologischen Arbeitsgedächtnisses (nach Grube, 1999):
• Es ist sprachbasiert.
• Funktionale Gesamtkapazität ist begrenzt.
• Phonetischer Speicher ist zeitlich begrenzt (strukturelle Kapazität).
• Subvokaler artikulatorischer Kontrollprozess ist geschwindigkeitsbegrenzt (prozessuale Kapazität).
• Speicherformat ist akustisch-phonetisch.
• Sprache hat unmittelbaren Speicherzugang.
• Unabhängige simultane Speicherinhalte stören einander (interferieren).
• Vokale Artikulation (Sprechen) beeinträchtigt die subvokale artikulatorische Kontrolle.
Das von Baddeley (1986) skizzierte Zwei-Komponenten-Modell des phonologischen Arbeitsgedächtnisses ist empirisch gut abgesichert. Dennoch lassen sich bisweilen Dissoziationen empirischer Phänomene beobachten, die eigentlich der gleichen Komponente des phonologischen Arbeitsgedächtnisses zugeschrieben werden (Hasselhorn, Grube & Mähler, 2000). Durch eine Ausdifferenzierung verschiedener Funktionsaspekte der Speicherkomponente sowie der Komponente des subvokalen Kontrollprozesses lassen sich auch solche Dissoziationen oftmals erklären. Hasselhorn et al. (2000) schlagen vor, beim phonetischen Speicher zwischen der Größe, also der individuellen Kapazität (so macht es einen Unterschied, ob die zeitliche Begrenzung 150 oder 200 Millisekunden beträgt) und der Verarbeitungspräzision (Wie »klar« ist das phonetische Sprachmuster repräsentiert?) zu unterscheiden. Bei dem subvokalen Kontrollprozess des inneren Sprechens unterscheiden sie zwischen der Geschwindigkeit des Prozesses (erfassbar über die Artikulations- bzw. Sprechrate, s. o.) und dem Automatisierungsgrad seiner Aktivierung. Der bereits erwähnte Wortlängeneffekt kann nämlich mit der automatischen Aktivierung des subvokalen Kontrollprozesses erklärt werden. Tritt er nicht auf, was bei Kindern im Vorschulalter (Gathercole & Hitch, 1993; Jarrold & Tam, 2011) und bei lernbehinderten Grundschulkindern (Mähler & Hasselhorn, 2003) durchaus der Fall ist, dann ist dies ein wichtiger Hinweis darauf, dass dieser Prozess noch nicht automatisiert verfügbar ist (
Abb. 2.5).

Abb. 2.5: Zwei-Komponenten-Modell des phonologischen Arbeitsgedächtnisses nach Hasselhorn, Grube und Mähler (2000)
Zentral-exekutive Funktionen
Die beschriebenen Hilfssysteme des Arbeitsgedächtnisses ermöglichen eine differenzierte modalitätsspezifische Verarbeitung von Informationen. Sie bilden damit eine notwendige Voraussetzung der »guten Informationsverarbeitung«. Erfolgreiches Lernen erfordert jedoch auch eine intelligente Nutzung dieser Hilfssysteme und ihrer Verarbeitungsmöglichkeiten. Dazu ist eine Überwachung und Kontrolle der Inhalte und Verfügungskapazitäten des gesamten Arbeitsgedächtnisses ebenso erforderlich wie die Anpassung und Steuerung der darin ablaufenden Verarbeitungsprozesse. Im Modell des Arbeitsgedächtnisses von Baddeley (1986, 2000) werden diese Funktionen einer zentralen Exekutiven zugeschrieben. Die neuroanatomisch der Region des Frontallappens zugeordnete zentrale Exekutive wird dabei als ein Supervisions- und Kontrollsystem der eigenen Aufmerksamkeit angesehen. Sie überwacht die in den Hilfssystemen aktivierten Inhalte und verantwortet, welche Informationen bewusst gemacht oder in irgendeiner Form zur Verarbeitung transformiert werden sollen. Verarbeitungs- und Handlungspläne werden hier entworfen, umgesetzt, überwacht und modifiziert. Dazu koordiniert die zentrale Exekutive Informationen aus verschiedenen Quellen, stellt ausgewählte Informationen gezielt in den Fokus der Aufmerksamkeit, aktiviert Wissen aus dem Langzeitgedächtnis und sorgt während des Lernprozesses dafür, dass sich aufdrängende, aufgabenirrelevante Handlungsimpulse unterdrückt werden (Baddeley, 1996).
Einem Vorschlag von Baddeley (1996) zufolge sollten wenigsten vier verschiedene zentral-exekutive Funktionen voneinander abgegrenzt werden. Neben der Koordinationskapazität bei der gleichzeitigen Bearbeitung zweier Anforderungen sind das drei weitere Teilfunktionen: die Flexibilität beim Wechsel von Abrufstrategien, die selektive Fokussierung relevanter bei Ausblendung irrelevanter Informationen und die selektive Aktivierung von Wissensinhalten aus dem Langzeitgedächtnis. Diese Funktionen weisen eine enge Verwandtschaft mit den oben beschriebenen Mechanismen der selektiven Aufmerksamkeit auf.
Die Vorstellung, eine überschaubare Anzahl kognitiver Mechanismen zu identifizieren, um damit ein brauchbares und empirisch abgesichertes Modell für die Funktionsweise der zentralen Exekutiven zu erhalten, hat etwas Faszinierendes. Versuche, die unterschiedlichen Funktionen der zentralen Exekutiven empirisch fassbar zu machen, um so im Einzelfall feststellen zu können, was dies im Hinblick auf die individuellen Lernvoraussetzungen bedeutet, stehen allerdings vor einem Problem: Die komplexen Gedächtnisspannenmaße zur Abschätzung der funktionalen Gesamtkapazität des Arbeitsgedächtnisses weisen nämlich nur geringe Zusammenhänge zu den Leistungen bei verschiedenen Aufgaben zur Erfassung der Aufmerksamkeitsfunktionen auf (z. B. Miyake, Friedman, Emerson, Witzki, Howerter & Wager, 2000), wohl aber zu den Leistungen in herkömmlichen Tests der allgemeinen Intelligenz (Oberauer, Süß, Wilhelm & Wittmann, 2003).
Miyake et al. (2000) haben eine viel beachtete faktorenanalytisch abgesicherte Klassifikation exekutiver Funktionen vorgelegt, in der die drei basalen Funktionen Hemmung (Inhibition), flexibler Aufgabenwechsel (Shifting bzw. Set Shifting) und Aktualisierung des Arbeitsgedächtnisses (Updating) unterschieden werden. Der einzige Aufgabentyp in der umfangreichen Testbatterie von Miyake und Kollegen, der keiner dieser drei Funktionstypen zugeordnet werden konnte, waren die sog. Doppelaufgaben (Dual Tasks), bei denen simultan zwei verschiedene Anforderungen zu bearbeiten sind. Strobach (2020) hat daher vorgeschlagen, zusätzlich zu den drei exekutiven Funktionen des Shifting, Updating und Inhibition auch das Dual Tasking als eigenständige exekutive Funktion zu begreifen.
Insgesamt sind wir noch weit davon entfernt, die Funktionsmechanismen der zentralen Exekutiven so zu verstehen, dass sich ein kohärentes funktionales Modell hiervon skizzieren ließe. Unstrittig ist allerdings, dass erfolgreiches Lernen die Folge »guter« und »intelligenter« Informationsverarbeitung ist und dass der Nutzung der exekutiven Funktionen zur Überwachung und Kontrolle der Informationsverarbeitung hierbei entscheidende Bedeutung zukommt. Diesem Gedanken werden wir im Zusammenhang mit den in Kapitel 2.3 vorgestellten metakognitiven Regulationsmechanismen des Lernens erneut begegnen.
2.2 Vorwissen
Die Vorstellung vom Lernen als Wissenserwerb bzw. als Konstruktion von Wissen ist zentral für die modernen Lerntheorien. In Kapitel 1.3 wurde dargelegt, wie Wissen erworben und wie es repräsentiert, also im Langzeitgedächtnis dauerhaft aufbewahrt wird, was den Erwerb von Wissen erleichtert und was den Zugriff auf erworbenes Wissen beeinträchtigen, aber auch befördern kann. Wissen ist das Ziel von Lernen. Das Wissen, über das wir bereits verfügen, ist aber nicht lediglich zum Repräsentationsinhalt unseres Langzeitgedächtnisses geworden – es ist zugleich eine der wesentlichen individuellen Voraussetzungen bzw. Bedingungen für weiteres Lernen. Was Sie schon heute über Lernen und Gedächtnis wissen, beeinflusst in entscheidender Weise die Qualität und Schnelligkeit Ihrer Informationsaufnahme und -verarbeitung beim Lesen dieser Zeilen. Bereits verfügbares Wissen bezeichnen wir als Vorwissen. In der Regel sind wir beim Lernen umso erfolgreicher, je mehr relevantes, d. h. inhaltsbezogenes Vorwissen zur Verfügung steht.
Das Ausmaß und die Qualität inhaltsbezogenen Vorwissens sind für einen Großteil interindividueller Unterschiede des sichtbaren Lernerfolgs verantwortlich. Für Schulpädagogen ist dies eine Binsenweisheit, denn schulisches Lernen geht mit fortschreitender Schulzeit immer stärker mit der Anforderung einher, neue Informationen mit bereits Bekanntem zu verknüpfen. Da dies umso besser gelingt, je mehr Vorwissen bereits zu Beginn eines Lernprozesses vorhanden ist, ist der systematische Aufbau von Vorwissen zu Recht eines der zentralen Anliegen schulischen Unterrichtens. Erfolgreiches Lernen ist der Aufbau oder Erwerb einer inhaltlichen Expertise im Hinblick auf einen Lerngegenstand. In diesem Abschnitt wird die besondere Rolle des Vorwissens für erfolgreiches Lernen in vier Schritten erläutert. Zunächst wird anhand der Ergebnisse der sogenannten Expertiseforschung und am Beispiel der Frage, ob denn Vorwissen bei hoher Intelligenz nicht eigentlich entbehrlich sei, illustriert, dass Vorwissen von zentraler Bedeutung für erfolgreiches Lernen ist. Anschließend werden Antworten auf die weiterführenden Fragen gegeben, wann Vorwissen das Lernen besonders begünstigt und wie genau es das Lernen beeinflusst.
Expertiseforschung
Eine verbreitete Methode zur Analyse von Vorwissenseffekten beim Lernen und Behalten neuer Informationen ist der Vergleich von Experten und Novizen in einer definierten Wissensdomäne (gemeint sind natürlich »Wissensnovizen« in Bezug auf einen spezifischen Inhaltsbereich und nicht Mönche oder Nonnen in der klösterlichen Probezeit). Experten unterscheiden sich von Novizen in der Regel darin, dass sie auf dem Gebiet ihrer Expertise über ein umfangreiches und wohlgeordnetes Wissen sowie über reichhaltige Erfahrungen verfügen.
Zu den ältesten Belegen für Informationsverarbeitungsvorteile von Experten gehören Untersuchungen mit Schachspielern (Djakow, Petrowski & Rudik, 1927; de Groot, 1965; Gruber, 1994). Die Überlegenheit von Schachmeistern gegenüber weniger geübten Schachspielern und Anfängern bei der Rekonstruktion von nur kurz dargebotenen Schachkonstellationen aus dem Gedächtnis zeigt eindrucksvoll den Einfluss des Vorwissens auf das Behalten. Chase und Simon (1973) konnten zeigen, dass die Leistungsunterschiede zwischen Schachexperten und -novizen von der Bedeutungshaltigkeit der Schachkonstellation abhängig sind. Schachmeister, erfahrene Schachspieler und Spielanfänger (Novizen) unterscheiden sich in ihren Leistungen deutlich, wenn sie sinnvolle, d. h. tatsächlich mögliche Schachkonstellationen nach nur fünf Sekunden Darbietungszeit rekonstruieren sollen. Dagegen finden sich nur geringe oder gar keine Leistungsunterschiede für Konstellationen, in denen zwar die gleichen Positionen des Feldes belegt sind, jedoch mit Figuren, die den Feldern per Zufall zugeordnet werden.
Studie: Expertisevorteil und Lebensalter
Schneider, Gruber, Gold und Opwis (1993) untersuchten Kinder und Erwachsene, die jeweils entweder Schachexperten oder Schachnovizen waren, und ließen sie drei Aufgaben bearbeiten. Die beiden ersten Aufgaben bestanden darin, eine nur kurz dargebotene Schachstellung aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Es handelte sich dabei einmal um eine sinnvolle (tatsächlich mögliche) und einmal um eine zufällige (den Schachspielregeln widersprechende) Stellung. Bei der dritten Aufgabe war eine »Klötzchenlandschaft« auf einem Brett mit unregelmäßiger Spielfeldstruktur nachzustellen. Mit dieser Aufgabe sollte geprüft werden, ob die Schachexperten generell über ein besseres visuell-räumliches Arbeitsgedächtnis verfügen.
Die größten Unterschiede zwischen den Experten und den Novizen gab es bei der Rekonstruktion der sinnvollen Schachstellung, hier kam der Vorwissensvorteil der Experten besonders zum Tragen. Das Alter spielte keine Rolle, d. h. Kinder- und Erwachsenenexperten zeigten das gleiche Leistungsniveau und auch Kindernovizen und erwachsene Novizen unterschieden sich nicht wesentlich in ihrer Leistung. Der Expertisevorteil verringerte sich bei der Zufallsstellung und verschwand völlig bei der Klötzchenaufgabe.
Dass Experten im Bereich ihrer Domäne nicht nur über mehr Wissen verfügen als andere, sondern auch über ein qualitativ höherwertiges Wissen, scheint unumstritten. Aber wie lässt sich die mit der Expertise einhergehende Qualität von Vorwissen näher beschreiben? De Jong und Ferguson-Hessler (1996) haben ein hierfür hilfreiches Klassifikationsmodell vorgelegt. Darin unterscheiden sie vier Wissensarten, nämlich Wissen über Situationen (situationales Wissen), über Fakten (konzeptuelles Wissen), über Handlungen (prozedurales Wissen) und über die Möglichkeiten, eigene Handlungen kontrollieren zu können (strategisches Wissen). Diese vier Wissensarten lassen sich jeweils durch fünf verschiedene Wissensqualitäten charakterisieren: Das erste Qualitätsmerkmal ist der hierarchische Status von Wissen, der von »sehr oberflächlich« bis »sehr tief« variieren kann; die damit eng verwandte Eingebundenheit von Wissen charakterisiert dessen innere Struktur und hat die Endpole »isoliert« und »vernetzt«. Drittes Qualitätsmerkmal ist der Automatisierungsgrad von Wissen, der sich darauf bezieht, wie viel bewusste Anstrengung (und damit Arbeitsgedächtniskapazität) erforderlich ist, um das Wissen zu aktivieren und zu nutzen. Beim vierten Qualitätsmerkmal, der Modalität, geht es um das Repräsentationsformat von Wissen (vor allem um das Gegensatzpaar »bildhaft-ganzheitlich« vs. »propositional-analytisch«), und mit dem Allgemeinheitsgrad von Wissen ist gemeint, ob Wissen eher »genereller« Natur ist oder eher »bereichsspezifisch« begrenzt.
Das skizzierte Klassifikationsmodell der Qualitätsmerkmale von (Vor-)Wissen erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch bietet es eine nützliche Orientierung, wenn es darum geht, die Komplexität und die Besonderheit der Vorwissensqualität von Experten zu umschreiben.
Expertise-Effekte auf das Verstehen und Behalten neuer Informationen sind mittlerweile in einer Vielzahl von Domänen (z. B. Physik, Radiologie, Tennis, Fußball, Stenographie, Mathematik, Geschichte, Musik) nachgewiesen worden. In einer Bilanzierung der Befunde dieser Forschung identifizierte der National Research Council (2000) die folgenden sechs Prinzipien der bereichsspezifischen Wissensqualität von Experten und des damit verbundenen besonderen Lernpotenzials:
• Experten bemerken Merkmale und Bedeutungsmuster des Lernmaterials, die von Novizen gar nicht entdeckt werden.
• Experten haben ein umfangreiches domänenspezifisches Wissen erworben und auf einem sehr hohen Verstehensniveau sinnvoll organisiert.
• Das Vorwissen von Experten lässt sich nicht auf isolierte Fakten, Konzepte oder Handlungsmuster reduzieren, es spiegelt vielmehr zugleich eine Vielzahl von Anwendungskontexten wider.
• Experten können wichtige Aspekte ihres Wissens ohne große Anstrengung abrufen und scheinbar automatisch nutzen.
• Experten verfügen über variable und flexible Reaktionsmuster im Umgang mit neuen Situationen.
• Wie gut Experten ihre besonderen Kenntnisse auch an andere Personen weitergeben können, hat mit ihrem Expertisestatus allerdings nichts zu tun.
Kann Intelligenz Vorwissen ersetzen?
Vor dem Siegeszug der Informationsverarbeitungsmodelle zur Beschreibung und Erklärung erfolgreichen Lernens galt die allgemeine Intelligenz als bedeutsamste individuelle kognitive Voraussetzung des Lernerfolgs und sie wird daher in vielen einschlägigen Lehrbüchern der Pädagogischen Psychologie noch immer als solche beschrieben (z. B. Gage & Berliner, 1996; Ormrod, 2011; Slavin, 2014; Sternberg & Williams, 2002; Woolfolk, 2008). In vielen Wissensdomänen findet man nun tatsächlich einen überzufälligen, wenn auch eher geringen statistischen Zusammenhang zwischen dem Vorwissen und der allgemeinen Intelligenz: Inhaltliche Experten in so unterschiedlichen Bereichen wie z. B. in der Physik, der Geschichte oder der Musik weisen im Vergleich zu einer Zufallsauswahl von Novizen zumeist auch bessere Intelligenztestwerte auf (Sternberg & Wagner, 1985). Dies legt die Vermutung nahe, dass die berichteten Vorteile von Experten weniger die Folge ihres höheren Vorwissens als vielmehr die Konsequenz ihrer ohnehin höheren intellektuellen Fähigkeiten sein mögen. Möglicherweise werden nämlich nur die intelligenteren Personen zu Experten in irgendeiner Domäne.
Um die Frage zu klären, ob die vielfältigen empirischen Belege des Lern- und Leistungsvorteils bei ausgeprägtem bereichsspezifischem Vorwissen in Wirklichkeit lediglich die Wirksamkeit von Intelligenzunterschieden widerspiegeln, sind unterschiedliche empirische Analysen denkbar. Eine besteht darin, eine Wissensdomäne zu untersuchen, bei der das Vorwissen nicht von vornherein mit der allgemeinen Intelligenz kovariiert. In einer solchen Domäne könnte man jeweils Experten und Novizen mit einer hohen wie mit einer niedrigen Intelligenz finden und anhand ihrer jeweiligen Lernerfolge ließe sich die Bedeutsamkeit des Vorwissens im Vergleich zum Einfluss der Intelligenz beurteilen.
Definition: Intelligenz
Unter Intelligenz versteht man die allgemeine Fähigkeit zum Lernen, Denken oder Problemlösen, die sich insbesondere in jenen Situationen zeigt, die für eine Person neu bzw. unvertraut sind.
Gemessen wird die allgemeine Intelligenz über standardisierte und normierte Testverfahren, in denen bei vorgegebener Zeitbegrenzung Aufgaben zu bearbeiten sind, die von entsprechenden Experten, den Testentwicklern, als besonders kritisch für die Bewertung vorhandener Intelligenz betrachtet werden. Die individuell gemessene Intelligenz wird im Sinne einer Relativierung auf eine Vergleichsgruppe als Intelligenzquotient (IQ) angegeben. Ein IQ von 100 entspricht in einem normierten Intelligenztest der erwarteten Durchschnittsleistung der Gleichaltrigen in dem jeweiligen Testverfahren.
Schneider, Körkel und Weinert (1989, 1990) gingen diesen Weg. Dazu wählten sie die Inhaltsdomäne »Wissen über Fußball« aus, bei der das Ausmaß des Vorwissens nicht in einem statistisch bedeutsamen Zusammenhang (auch nicht negativ!) zur allgemeinen Intelligenz steht. In ihrer umfangreichen Untersuchung erfassten die Autoren zunächst das spezifische Fußballwissen und die allgemeine Intelligenz von mehr als 500 Schülerinnen und Schülern der 3., 5. und 7. Klassenstufe. Den Kindern wurde dann eine Geschichte vorgelesen, die vom Verlauf eines Fußballspiels handelte und deren Inhalt sie später wiedergeben sollten. Selbst für die jüngeren Kinder und für die Fußballunkundigen war die Geschichte in weiten Teilen gut zu verstehen, sie enthielt jedoch einige Auslassungen, Widersprüche und Ungereimtheiten, die den fußballkundigen Experten auffallen müssten. Bei der Behaltensprüfung zeigte sich der erwartete Alterseffekt: Mit zunehmendem Alter konnten die Kinder die Geschichte vollständiger reproduzieren, mehr angemessene Schlussfolgerungen aus den Textinhalten ziehen und mehr von den »eingebauten« Widersprüchen und Ungereimtheiten entdecken. Unabhängig vom Lebensalter zeigten aber die »Fußballexperten« stets bessere Leistungen als jene Kinder, die über wenig oder gar kein Fußballwissen verfügten (
Abb. 2.6).
Die Tatsache, dass dem bereichspezifischen Vorwissen der Kinder ein deutlich stärkerer Einfluss auf die Behaltensleistung zukam als dem Alter (Klassenstufe) und vor allem der Intelligenz, weist auf die große Bedeutung bereichsspezifischen Vorwissens für erfolgreiches Lernen hin. Auch bei hoher Intelligenz ist gutes Vorwissen demnach nicht entbehrlich, wenn es darum geht, möglichst gute Lernleistungen in einem Inhaltsbereich zu erzielen. Die Studie von Schneider et al. (1989, 1990) legt sogar den umgekehrten Schluss nahe, dass nämlich ein reichhaltiges Vorwissen bisweilen einen Mangel an allgemeiner Intelligenz bis zu einem gewissen Grade kompensieren kann (Ericsson, Krampe & Tesch-Römer, 1993). Eine solche kompensatorische Wirkung hat natürlich ihre Grenzen. Die bereits erwähnte Tatsache, dass in vielen Wissensdomänen tatsächlich korrelative Zusammenhänge zwischen dem inhaltlichen Vorwissen und der allgemeinen Intelligenz gefunden werden, zeigt nämlich an, dass der Erwerb von Vorwissen in der Regel den intelligenteren Personen leichter fällt (Schneider, 1997).

Abb. 2.6: Leistung beim Nacherzählen einer Fußballgeschichte in Abhängigkeit von Vorwissen (hoch: VW+; niedrig: VW–), Intelligenz (hoch: IQ+; niedrig: IQ–) und Klassenstufe (Daten aus Schneider, Körkel & Weinert, 1989, Exp. 2)
Wann begünstigt Vorwissen das Lernen?
Relevantes Vorwissen kann nur dann die Lernleistung verbessern, wenn es tatsächlich aktiviert wird (was durchaus nicht selbstverständlich ist) und wenn es mit der zur Verarbeitung anstehenden Information kompatibel ist. Dies ließ sich in einer Vielzahl empirischer Untersuchungen finden. So konnte etwa Peeck (1982) die behaltensförderliche Bedeutung des Vorwissens in seiner aktuell aktivierten Form experimentell sehr anschaulich aufzeigen. Zunächst »mobilisierte« er bei seinen Versuchsteilnehmern bestimmte Bereiche ihres Vorwissens, und zwar durch die Aufforderung, alle ihnen einfallenden Exemplare einer vorgegebenen Kategorie rasch aufzuzählen. Jeweils ein Drittel der teilnehmenden Personen sollte Namen amerikanischer Präsidenten benennen, die amerikanischen Bundesstaaten aufzählen oder alle Tierarten, die ihnen einfielen, aus dem Gedächtnis aufsagen. In einer anschließenden Darbietungs- und Lernphase wurden die Namen aller amerikanischen Präsidenten und alle Bundesstaaten zum Einprägen präsentiert. Einen Tag später sollten die Versuchsteilnehmer alle Präsidenten und Bundesstaaten Amerikas aufzählen, an die sie sich erinnern konnten. Dabei zeigte sich, dass stets mehr Exemplare aus der jeweils zu Beginn des Lernexperiments aktivierten Kategorie wiedergegeben werden konnten und zwar unabhängig davon, ob die nun erinnerten Namen während dieser ersten Phase bereits aufgezählt worden waren oder nicht.
In einer anderen Untersuchung ließen Pressley und Brewster (1990) Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klassenstufe Bilder von Sehenswürdigkeiten bestimmter Landstriche als Hintergrundwissen so lange lernen, bis sie diese Gegenden den Bildern leicht zuordnen konnten (also z. B. die Paulskirche und Frankfurt oder der Rhein und die Loreley). Anschließend sollte eine Reihe von Detailinformationen über diese Landstriche gelernt werden. Im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die solches Hintergrundwissen über die Sehenswürdigkeiten der Landstriche zuvor nicht erworben hatte, zeigte sich beim Lernen der Detailinformationen keine Überlegenheit der Vorwissensgruppe. Diejenigen allerdings, die aufgefordert wurden, sich die neuen Fakten mithilfe visueller Vorstellungen einzuprägen, profitierten von dem früher erworbenen Hintergrundwissen. Dieses Experiment weist darauf hin, dass Vorwissen genutzt werden kann, um die Behaltensleistung zu erhöhen, dass es jedoch nicht unbedingt in jedem Fall auch spontan genutzt wird.
Weiteren Aufschluss über die Auswirkungen von Vorwissen auf die Lernleistungen gibt eine Studie von Alvermann, Smith und Readence (1985), in der Sechstklässler einen kurz zuvor gelesenen Text nacherzählen sollten. Ob die Schüler vor dem Lesen des Textes bereits einen Aufsatz darüber geschrieben hatten, was sie über das Thema schon wussten, hatte Einfluss auf die spätere Behaltensleistung. Die Aktualisierung des Vorwissens wirkte sich in diesem Fall allerdings nachteilig aus, da die naiven Annahmen und Vorkenntnisse der Kinder über das Thema des Textes (Sonnenlicht und Temperaturen) mit den präsentierten Textinhalten, wie sich herausstellen sollte, in Konflikt standen. Ob es zu einem positiven Effekt des Vorwissens auf die Verstehens- und Behaltensleistung kommt, ist demnach nicht nur von der inhaltlichen Bezogenheit und von der Aktivierung des relevanten Vorwissens abhängig, sondern auch von der Kompatibilität dieses Vorwissens mit den neu zu lernenden Informationen.
Insbesondere wenn man sich in die Rolle des Lehrenden versetzt, der sich bemüht, durch geeignete Hilfestellungen die ihm anvertrauten Lernenden zum Lernerfolg zu führen, sollte man sich vergegenwärtigen, dass keinesfalls immer ein linearer Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Vorwissens und dem späteren Lernerfolg besteht. So hat z. B. Seufert (2003) im Rahmen eines computerbasierten multimedialen Lernszenarios zeigen können, dass eine Steigerung von Verstehensleistungen durch das Bereitstellen von Lernhilfen (z. B. graphische Veranschaulichungen beschriebener Zusammenhänge) nur bei Personen mit einer mittleren Ausprägung an bereichsspezifischem Vorwissen möglich war. Personen mit geringen oder besonders hohen Vorkenntnissen profitierten dagegen nicht von den bereitgestellten Verstehenshilfen. Die Beziehung zwischen dem Ausmaß des Vorwissens und der Wirksamkeit von Lernhilfen scheint demnach im Sinne einer umgekehrten U-Funktion beschreibbar (
Abb. 2.7). Das aber ist ein pädagogisches Dilemma: Mit zunehmendem Vorwissen wächst zwar die Fähigkeit, angebotene Lernhilfen angemessen nutzen zu können, zugleich nimmt aber die Notwendigkeit ab, solche Hilfen überhaupt in Anspruch zu nehmen. Offensichtlich resultiert aus diesem Sachverhalt für das individuelle Lernverhalten eine Art »multiplikativer Zusammenhang«, der zu dem oben beschriebenen Umstand führt, dass die Lernenden mit einem mittleren Vorkenntnisniveau vergleichsweise am meisten von den instruktional angebotenen Lern- und Verstehenshilfen profitieren.
Wie beeinflusst Vorwissen das Lernen?
Die Frage, welche Wirkmechanismen dazu führen, dass Lernende vom inhaltlichen Vorwissen profitieren, ist nicht leicht zu beantworten. Die meisten Erklärungen haben ihre theoretischen Wurzeln in der erstmals von Bartlett (1932, S. 204 f) im Rahmen seiner Schematheorie formulierten Konstruktionshypothese. Kerngedanke dieser Hypothese ist, dass das menschliche Gedächtnis bei der Konstruktion neuen Wissens die neuerlich zum Lernen vorgelegte Information nicht einfach »fotografisch« abbildet, sondern auf der Basis des vorhandenen Vorwissens interpretiert und dabei durchaus in sehr subjektiver Weise verändert. Bartlett demonstrierte die vorwissensbasierten Rekonstruktionen, indem er bestimmte Geschichten vorlegte und nacherzählen ließ. Die Inhalte und der sprachliche Stil der von ihm verwendeten Geschichten entstammten einer für die Teilnehmenden der Untersuchung sehr fremden Kultur. In den Nacherzählungen fand Bartlett eine Reihe von Verzerrungen, die er auf drei Arten vorwissensbasierter rekonstruktiver Prozesse zurückführte:
1. ein Vereinfachen von Sachverhalten (Nivellierung)
2. ein Hervorheben und Überbetonen bestimmter Details (Akzentuierung)
3. ein Verändern von Details, was zu einer besseren Übereinstimmung des Gehörten oder Gelesenen mit dem eigenen Vorwissen führt (Assimilation)
Die von Bartlett (1932) beschriebenen konstruktiven Prozesse könnten den Eindruck erwecken, Vorwissen behindere Lernen eher als es zu befördern. In der Tat kann das auch passieren. Lernen kann tatsächlich durch verfügbares Vorwissen beeinträchtigt werden. Je nach Art der Lernanforderung und des Gegenstandsbereichs, über den gelernt werden soll, können die vorwissensbasierten Nivellierungs-, Akzentuierungs- und Assimilationsprozesse unter Umständen Fehl- bzw. Misskonzepte in der Vorstellung der Lernenden zur Folge haben. So berichten z. B. Spiro, Feltovich, Coulson und Anderson (1989), dass bei der Ausbildung medizinischen Fachpersonals bisweilen Fehlvorstellungen über die Druckeigenschaften des cardio-vaskulären Systems entstehen, wenn die Lernenden durch vorherige Ausbildungsphasen Expertise über die Funktionsweise von Wasserleitungen und deren Druckeigenschaften erworben haben. Sie scheinen dann nämlich ihr Vorwissen aus der anderen Domäne als (irreführende) Analogie für das Verstehen der noch unbekannten Domäne zu nutzen.

Abb. 2.7: Hypothetischer Zusammenhang zwischen dem Ausmaß bereichsspezifischen Vorwissens und der Wirksamkeit von Lernhilfen
Grundsätzlich ist die Nutzung von Analogien beim Lernen komplexer Sachverhalte jedoch von Vorteil. Diskrepanzen zwischen vertrauten und neu zu lernenden Konzepten können nämlich auch in lernförderlicher Weise erkannt und für ein erfolgreiches Lernen genutzt werden. Analoges Zuordnen wird bisweilen als ein kognitiver Grundprozess aufgefasst, der notwendig ist, um neue Sachverhalte überhaupt zu verstehen (Hasselhorn, 2001). Man spricht daher auch von analogem Verstehen, wenn ein bekannter Sachverhalt (Vorwissen) das Verstehen eines neuen Sachverhaltes erst ermöglicht oder zumindest erleichtert. Analoges Verstehen ist übrigens auch dann möglich, wenn sich die Eigenschaften und Beziehungen eines vertrauten Sachverhaltes nur teilweise auf den neuen Sachverhalt übertragen lassen. In Kapitel 3.3 werden wir uns ausführlicher mit dem wichtigen Thema des Lerntransfers auseinandersetzen.
Beispiel: Lernen durch analoges Verstehen
Ein Schüler beschäftigt sich mit dem »Stromfluss« in einem elektrischen Stromkreis. Um sich über die Eigenschaften des Stromflusses klar zu werden, nimmt er eine Analogiebildung vor, indem er die ihm vertraute Vorstellung des Wasserflusses in einem Röhrensystem zu Hilfe nimmt. Er entdeckt gewisse Gemeinsamkeiten bzw. Korrespondenzbeziehungen. So erhöht sich z. B. der Wasserdruck, wenn mehr Wasser ins Röhrensystem gepumpt wird, was seine Entsprechung bei der Zunahme der Spannung bei erhöhter Elektrizitätsmenge im Stromkreis findet. Eine andere Gemeinsamkeit ist die Funktionsweise des Ventils im Röhrensystem, das seine Entsprechung im Schalter des Stromkreises hat.
Die Analogie zwischen Röhrensystem und Stromkreis stößt allerdings auf Grenzen. So bleibt z. B. die magnetische Wirkung des elektrischen Stroms ohne Entsprechung beim Wasserfluss. Dennoch ist der Schüler durch die Nutzung der Wasser-Analogie zu einem tieferen Verständnis des neuen Inhaltsbereiches gelangt. Er hat durch analoges Verstehen Neues gelernt (Slotta, Chi & Joram, 1995).
Die Frage, wie das Vorwissen das Lernen beeinflusst, lässt sich mit Blick auf das INVO-Modell erfolgreichen Lernens zusammenfassend auch so beantworten: Vorwissen über die neu zu lernenden Inhalte fördert die Qualität der Informationsverarbeitung über wenigstens die folgenden drei Prozesse:
1. Es erleichtert die Entscheidung über die Relevanz von Informationen und unterstützt damit die Prozesse der selektiven Aufmerksamkeit.
2. Es entlastet das Arbeitsgedächtnis durch eine schnellere Aktivierung von Konzepten und eine leichtere Verknüpfung dieser Konzepte untereinander.
3. Es steigert das Interesse am Lerngegenstand und erhöht somit die Bereitschaft, weitere Ressourcen für den Lernprozess zu mobilisieren.
Hinzu kommt ein weiterer Vorteil, der eng mit der im nächsten Abschnitt behandelten, dritten individuellen Voraussetzung erfolgreichen Lernens zusammenhängt: Inhaltliches Vorwissen fördert und erleichtert nämlich auch die Nutzung von Lernstrategien und ihre metakognitive Regulation.
2.3 Lernstrategien und ihre metakognitive Regulation
Nicht nur die funktional verfügbare selektive Aufmerksamkeit, die Arbeitsgedächtniskapazität und das bereits vorhandene Vorwissen sind bedeutsam für die Qualität und Intensität, mit der Informationen im Lernprozess zu neuem Wissen verarbeitet werden. Von entscheidender Bedeutung sind auch Techniken bzw. Strategien des Lernens und der Informationsverarbeitung. Schon in den 1960er Jahren konnte man die Bedeutung strategischer Aktivitäten für die Lernleistung bei einfachen Gedächtnisanforderungen nachweisen. Beispielsweise las man Personen Wortlisten der folgenden Art vor, mit der Aufforderung, sich die Wörter gut zu merken, um sie später in beliebiger Reihenfolge reproduzieren zu können: Tisch – Hund – Roller – Jacke – Stuhl – Bus – Hose – Lampe – Vogel – Fahrrad – Socke – Schwein – Zug – Kommode – Pferd – Pullover.
Um eine solche Behaltensanforderung möglichst gut zu bewältigen, kann man ganz unterschiedlich vorgehen. Erwachsene setzen in der Regel eine oder mehrere der folgenden Strategien ein: Sie memorieren die Liste, indem sie die gehörten Wörter möglichst mehrmals leise oder lautlos (innerlich) nachsprechen; sie malen sich (innerlich) ein Bild aus oder stellen sich eine Szene bzw. eine Szenenfolge vor, in der die in der Liste vorkommenden Objekte enthalten sind oder sie entdecken die kategoriale Ordnungsmöglichkeit der Liste – nämlich dass darin vier Einrichtungsgegenstände, vier Tiere, vier Fahrzeuge und vier Kleidungsstücke enthalten waren – und organisieren die Begriffe entsprechend beim Einprägen und Wiedergeben der Liste.
Wer die kategoriale Ordnungssystematik beim Lernen einer Liste von Wörtern nutzt, wer beim Durcharbeiten eines Lehrbuches die besonders wichtig erscheinenden Begriffe unterstreicht und für jedes gelesene Kapitel eine kurze Zusammenfassung schreibt, der zeigt strategisches Lernverhalten. Was aber sind eigentlich Strategien?
Eine Strategie besteht aus einer kognitiven Operation oder einer Sequenz unabhängiger kognitiver Operationen, die den zwangsläufig beim Bearbeiten einer Aufgabe stattfindenden Prozessen übergeordnet sind und auf diese zurückgreifen. Strategien dienen kognitiven Zielen (z. B. dem Verstehen oder Behalten) und sind potentiell bewusste und kontrollierbare Aktivitäten. (Pressley, Forrest-Pressley, Elliott-Faust & Miller, 1985, S. 4)
Die Definition von Pressley et al. (1985) trifft schon die beiden Hauptmerkmale, die in späteren Präzisierungen des Strategiebegriffs als notwendige Bestandteile identifiziert wurden: die Zielgerichtetheit und die Tatsache, dass es sich bei Strategien stets um mehr handeln muss als nur um die obligatorischen Vorgänge und Erfordernisse bei der Bearbeitung von Reizinformationen. Nach einer Sichtung der einschlägigen Literatur konnte Hasselhorn (1996) sechs weitere häufig angeführte Merkmale von Strategien identifizieren: dass Strategien (1) absichtlich, (2) bewusst und (3) spontan eingesetzt werden, dass sie vom Lernenden (4) ausgewählt und (5) kontrolliert werden und dass der Strategieeinsatz (6) Anteile der begrenzten Kapazität des Arbeitsgedächtnisses verbraucht.
Nahezu alle diese Bestimmungsmerkmale von Strategien sind bei der Strategienutzung in Lern- oder Behaltenskontexten anzutreffen, sind aber nicht zwingend notwendig. Gegen die Merkmale der Absichtlichkeit und der Bewusstheit lässt sich einwenden, dass Lernende oftmals unbewusst und nahezu intuitiv Strategien hervorbringen, die sich dann als ausgesprochen effektiv erweisen. Führt beispielsweise eine Lehrperson im Mathematikunterricht die Technik des Zerlegens bei der Addition zweistelliger Zahlen ein (41+16 = 41+10+6), so wird sie gelegentlich feststellen, dass einige Schüler diese Technik bereits beherrschen und anwenden, ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne dass sie sich darüber jemals Gedanken gemacht hätten.
Wollte man hingegen nur spontanes strategisches Verhalten als Strategie klassifizieren, so handelte man sich das Folgeproblem ein, dass eine Lerntechnik, die erst aufgrund einer expliziten Aufforderung von den Lernenden gezeigt wird, nicht mehr als Strategie gelten könnte. Das Merkmal der Selektivität impliziert die Auswahl zwischen alternativen Verhaltensoptionen. Da es aber durchaus auch Lernanforderungen gibt, bei denen solche Optionen entweder nicht vorhanden oder nicht sinnvoll sind und in denen eine angemessene Strategieanwendung nur darin besteht, die obligatorischen (und automatisch ablaufenden) Verarbeitungsprozesse einfach zu unterbinden, ist eine Auswahl zwischen alternativen Vorgehensweisen gelegentlich gar nicht notwendig.
Ähnliche Argumente sprechen dafür, dass auch die Merkmale der Kontrolle und der Kapazitätsbelastung nicht notwendigerweise auf strategisches Verhalten zutreffen müssen. So kann z. B. bei sehr vertrauten und oft geübten Strategien auf die Kontrolle verzichtet werden. Und das Merkmal der Kapazitätsbelastung scheint eher auf das Anfangsstadium einer neu erworbenen Strategie zuzutreffen. Je routinierter eine Strategie eingesetzt werden kann, desto weniger Kapazität des Arbeitsgedächtnisses wird durch ihre Ausführung verbraucht werden.
Definition: Lernstrategien
Unter Lernstrategien versteht man Prozesse bzw. Aktivitäten, die auf ein Lern- oder Behaltensziel ausgerichtet sind und die über die obligatorischen Vorgänge bei der Bearbeitung einer Lernanforderung hinausgehen. Lernstrategien weisen wenigstens eine zusätzliche Eigenschaft auf, indem sie entweder intentional, bewusst, spontan, selektiv, kontrolliert und/oder kapazitätsbelastend sind bzw. eingesetzt werden.
Schon die sehr allgemeine definitorische Umschreibung von Strategien lässt erahnen, dass die Qualität verfügbarer Strategien zu den entscheidenden individuellen Bedingungen erfolgreichen Lernens gehört. Im GIV-Modell von Pressley et al. (1989) steht das strategische Lernverhalten im Zentrum. Um die Vielzahl der bereits untersuchten Lernstrategien zu ordnen, ist es hilfreich, sie weiter zu klassifizieren (was im Übrigen zugleich eine effiziente Verstehensstrategie darstellt, s. u.).
Zu den prominentesten Taxonomien von Lernstrategien gehört die Unterscheidung zwischen kognitiven Strategien, metakognitiven Strategien und Stützstrategien des externen Ressourcenmanagements (Dansereau, 1985; Weinstein & Mayer, 1986). Als externes Ressourcenmanagement bezeichnet man alle Bemühungen zur Optimierung der Lernumwelt, z. B. durch eine angemessene Gestaltung des Arbeits- und Lernplatzes, durch die Nutzung institutioneller Gegebenheiten wie z. B. Sprachlabore, Büchereien oder Computerräume sowie durch die Bildung von Arbeits- bzw. Lerngruppen. Auf diese, das Lernarrangement betreffenden Stützstrategien (man nennt sie auch sekundäre »Studying Strategies« im Unterschied zu den primären »Learning Strategies« der Informationsverarbeitung) gehen wir im Folgenden nicht weiter ein, da wir in diesem Kapitel die internen Bedingungen erfolgreichen Lernens fokussieren. Um hierzu ein möglichst differenziertes Bild zu zeichnen, erläutern wir zunächst, was unter kognitiven Strategien und was unter metakognitiven Strategien zu verstehen ist. Die effektive Nutzung kognitiver und metakognitiver Strategien setzt weitere metakognitive Kompetenzen voraus, die wir in einem dritten Schritt vorstellen. Vor diesem Hintergrund gehen wir anschließend der Frage nach, wie Strategien erworben werden und ob es dispositionelle strategische Präferenzen beim Lernen (Lerntypen bzw. Lernstile) gibt.
Kognitive Strategien
Kognitive Strategien werden üblicherweise gemäß ihrer besonderen Funktionen im Lernprozess unterteilt. Die Bezeichnungen fallen dabei eher phänomenologisch aus, indem zwischen Memorier- oder Wiederholungs- sowie Organisations- und Elaborationsstrategien unterschieden wird (z. B. Friedrich & Mandl, 1992). In Anlehnung an Mayer (2003a) bevorzugen wir eine funktionale Beschreibung der unterschiedlichen Kategorien kognitiver Strategien und schlagen vor, von mnemonischen Strategien, strukturierenden Strategien und von generativen Strategien zu sprechen.
Mnemonische Strategien oder Mnemotechniken sind Techniken, die dabei helfen, neue Informationen im Arbeitsgedächtnis zu halten, um eine Verknüpfung mit dem bereits vorhandenen (aber nicht spontan aktivierten) Vorwissen zu unterstützen. Ein typisches Beispiel für eine einfache mnemonische Strategie ist das pure Wiederholen von Informationen, was sich insbesondere beim Auswendiglernen von Fakten als hilfreich erweist. Durch das stetige Wiederholen erfolgt eine leichtere Informationsübertragung in den Langzeitspeicher. Die neuen Informationen werden so zum Bestandteil des (Vor-)Wissens, auf das wir später zurückgreifen können, ohne dafür Arbeitsgedächtniskapazitäten erneut im nennenswerten Umfang zu benötigen. Das Erlernen des kleinen Einmaleins ist hierfür ein gutes Beispiel.
Ihr besonderes Anwendungsgebiet finden die Mnemotechniken dort, wo es um das Einprägen isolierter Fakten geht. In der angewandten Gedächtnispsychologie gibt es eine lange Tradition der Erforschung effektiver Behaltensstrategien bzw. Mnemotechniken für das Einprägen sinnarmer Informationen. Besonders effektive Behaltensstrategien nutzen eine Kombination der Funktionsmechanismen der unterschiedlichen Hilfssysteme des Arbeitsgedächtnisses, indem sie klanglich-sprachliche und bildliche Kodierungsformen miteinander verknüpfen. Ein prominentes Beispiel einer insbesondere für das Erlernen fremdsprachiger Vokabeln langfristig auch effektiven Behaltensstrategie ist die Schlüsselwortmethode, die von Atkinson und Raugh (1975; Raugh & Atkinson, 1975) entwickelt wurde. Wichtig zu wissen: Mit Hilfe der Schlüsselwortmethode sollte man sich nur die besonders »hartnäckigen« Vokabeln einprägen.
Beispiel: Die Schlüsselwortmethode
Bei der Schlüsselwortmethode geht es darum, das Erlernen der Verknüpfung zwischen einer Fremdsprachenvokabel und ihrer muttersprachlichen Bedeutung zu erleichtern. Sie besteht aus zwei »Brücken«, einer akustischen und einer bildlichen.
Angenommen, es soll die englische Vokabel »Bean« (Bohne) gelernt werden. Der erste Schritt bei der Schlüsselwortmethode besteht nun darin, ein sogenanntes Schlüsselwort zu finden, d. h. ein Wort der Muttersprache, das eine hohe Klangähnlichkeit mit der englischen Vokabel aufweist. Für »Bean« ließe sich z. B. das klangähnliche deutsche Wort »Biene« hierfür auswählen. Ist ein solches Schlüsselwort als akustische Brücke zwischen englischer Vokabel und deutscher Bedeutung gefunden, dann wird im zweiten Schritt eine bildhafte Vorstellung zwischen Schlüsselwort und der Wortbedeutung (der Sematik) des Fremdwortes hergestellt. In unserem Falle kann man sich das Bild einer Biene ausmalen, die vergnüglich auf einer Bohne sitzt. Das ist die bildliche Brücke.
In der Prüfsituation »Was heißt ›Bean‹?« wird über die Klangassoziation zur Biene das Vorstellungsbild einer Biene und damit die bildliche Brücke aktualisiert und genau das, was an dem Bild »merkwürdig« ist – also, dass die Biene auf einer Bohne sitzt – ist die gesuchte Übersetzung. Die Behaltenserleichterung ergibt sich daraus, dass die imaginale, die bildhafte Repräsentation der auf einer Bohne sitzenden Biene, zur verbalen hinzukommt.
Die strukturierenden Strategien (Mayer, 2003a) zielen auf die internen Verknüpfungen und Strukturen des Lernmaterials. Dabei geht es darum, aus der Vielzahl von Informationen die relevanten herauszusuchen und in einer verstehens- und behaltensförderlichen Weise aufeinander zu beziehen. Strukturierungsstrategien dienen der Reduktion der zu lernenden Inhalte auf das Wesentliche und führen dadurch zu einer besseren Organisation der Lerninhalte. Durch derartige Strategien werden die oft unverbundenen oder nur schwach strukturierten Informationsfluten bei komplexen Lernanforderungen zu größeren Sinneinheiten zusammengefasst und gruppiert, was ihre Bearbeitung angesichts der nur begrenzt verfügbaren Arbeitsgedächtniskapazität erheblich erleichtert.
Eine in der Grundlagenforschung häufig untersuchte Strukturierungsstrategie ist das Kategorisieren von Informationen nach semantischen Merkmalen (Hasselhorn, 1996). Aus angewandter Perspektive sind die besonders beim Textlernen erfolgreichen Strategien der Konstruktion mentaler Modelle bzw. netzartig geordneter Wissensstrukturen (Mapping) oder des Anfertigens zusammenfassender Exzerpte (Outlining) zu erwähnen. Bei diesen Strategien geht es darum, die Informationen eines gelesenen Textes (oder eines gehörten Vortrages) in Form von Flussdiagrammen oder anderer Skizzen in ihren hierarchischen, zeitlichen und/oder funktionalen Beziehungen darzustellen.
Studie: Wirksamkeit von Strukturierungsstrategien
Chmielewski und Dansereau (1998) stellten die Aufgabe, einen Text über das menschliche Nervensystem zu lesen und sich die Inhalte zu merken. Es war nicht gestattet, während des Lesens irgendwelche Notizen anzufertigen. Erst nach fünf Tagen sollte man aufschreiben, was man behalten hatte. Wenn vor der Aufgabenstellung ausführlich über mentale Modellierungstechniken und deren Anwendung informiert worden war, konnten mehr als doppelt so viele Informationen erinnert werden.
Wittrock (1974) hat Lernen als eine »generative Aktivität« bezeichnet, weil der Lernende aktiv Beziehungen zwischen Ideen bzw. Informationen herstellen muss. Solche Aktivitäten bezeichnen wir in Anlehnung an einen Vorschlag Mayers (2003a) als generative Strategien. Sie haben zum Ziel, ein tieferes Verständnis zu erzeugen. Im Gegensatz zu den Strukturierungsstrategien geht es dabei nicht um eine Reduktion der Informationsvielfalt, sondern um eine Elaboration relevanter Informationen und um Maßnahmen der Verknüpfung mit dem bereits verfügbaren Vorwissen.
Generative Strategien gründen auf der Sicht vom Lernen als Konstruktion von Wissen (
Kap. 1.4). Eine generative Strategie wäre z. B. die Analogienbildung. Analogien können hilfreich sein, um bestimmte Merkmale des neu zu Erlernenden besser zu verdeutlichen (z. B. die zuvor beschriebene Analogie zwischen dem Röhrensystem der Wasserleitung und dem Blutkreislauf). Eine weitere wirksame Strategie dieser Art ist die Selbstbefragung. Generiert der Lernende Fragen an den Text und versucht diese unter Rückgriff auf den Text und auf sein verfügbares Vorwissen zu beantworten, so führt dies zu besseren Verstehens- und Behaltensleistungen (z. B. Singer, 1978). Ob es sich allerdings bei der Selbstbefragung noch um eine kognitive oder schon um eine metakognitive Strategie handelt, ist zumindest fraglich.
Generative Strategien wurden in vielen Lernkontexten entwickelt und evaluiert (z. B. Fiorella & Mayer, 2016). Sie gelten als besonders wirksam für den Aufbau und die Erweiterung von Wissen. Brod (2021) hat für sechs der besonders häufig untersuchten generativen Lernstrategien untersucht, ob sie auf allen Altersstufen des Bildungssystems gleichermaßen nützlich sind. Die genauer betrachteten Strategien waren das Kartieren von Konzepten (concept mapping), das Generieren von Erklärungen (explaining), das Generieren von Vorhersagen (predicting), das Stellen von Fragen (questioning), das Generieren von Antworten (testing) sowie das Generieren von Zeichnungen (drawing). Während sich alle sechs Strategien als effektiv bei erwachsenen Lernenden mit hohem Bildungsniveau erwiesen, waren im Grundschulalter nur für das Generieren von Vorhersagen und von Antworten positive Lerneffekte festzustellen. Erst ab dem Ende der Grundschulzeit war auch das Kartieren von Konzepten nachweislich wirksam.
Metakognitive Strategien
Je höher die Ansprüche und Anforderungen des Lernens ausfallen und je anspruchsvoller die damit verbundenen Lernziele sind, desto schneller stößt die Nutzung der beschriebenen kognitiven Strategien an ihre Grenzen. Der flexible, kritische und reflektierte Umgang mit kognitiven Strategien gewinnt mit zunehmender Komplexität der Lernanforderung an Bedeutung. Als Schlüssel eines kritisch-reflektierten Lernens gelten übergeordnete Strategien der Planung, Überwachung, Bewertung und der darauf basierenden Regulation des eigenen Lernprozesses. Diese werden als metakognitive Strategien bezeichnet, da sie auf die Steuerung und Kontrolle der kognitiven Strategien ausgerichtet sind (Brown, 1978; Borkowski & Turner, 1990;
Kap. 6.4). Kritisch-reflexivem Lernen liegt ein Wechselspiel metakognitiver Prozesse zugrunde, das sich je nach Phase des Lernprozesses, in dem sich die lernende Person gerade befindet, unterschiedlich ausgestaltet.
Die Planung steht am Beginn einer Aufgabe, ist also essentiell für die frühen Phasen eines Lernprozesses. Dazu gehört zum einen die Feststellung, welches Ziel überhaupt angestrebt wird, und zum anderen, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Karl Christof Klauer (2000) hat eine hilfreiche Unterscheidung für die Zielfestlegung vorgeschlagen, indem er zwischen den eigentlichen Planungszielen (primäre Ziele) und den sogenannten Effizienzzielen des Lernens (sekundäre Ziele) differenziert. Effizient ist, wer mit den vorhandenen Ressourcen so schonend wie möglich umgeht, indem er Pläne verfolgt, die möglichst viele primäre Ziele auf einmal fördern. So könnte ein primäres Ziel z. B. darin bestehen, einen Text über den Niedergang der Weimarer Republik für eine angekündigte Klausur im Fach Geschichte durchzuarbeiten, während ein assoziiertes sekundäres Ziel sein mag, dafür nicht mehr als drei Stunden Arbeitszeit investieren zu müssen und (dennoch) eine gute Benotung zu erhalten. Günstig ist es, seine Ziele möglichst konkret zu fassen, also Kriterien für die Zielerreichung bzw. für deren relativen Ausprägungsgrad festzulegen. So macht es einen Unterschied, ob ein Leseziel schon als erreicht gilt, wenn alle Seiten gelesen wurden oder erst dann, wenn man die Inhalte eines Textes mit eigenen Worten wiedergeben kann.
Ebenso gehört zur Planung eine Vorstellung darüber, wie das gesetzte Ziel erreicht werden kann. Dazu bedarf es einer Auswahl von Strategien und der Festlegung einer bestimmten Reihenfolge des strategischen Vorgehens (»Erst werde ich den Text überfliegen, dann werde ich ihn abschnittsweise lesen und mir Notizen machen, anschließend …«). Genauso müssen die eigenen Ressourcen eingeschätzt und geplant werden. Eine lernende Person kann sich z. B. überlegen, wie viel Zeit ihr zur Verfügung steht oder wie lange ihre Konzentration erfahrungsgemäß reicht. Beim Planen geht es also darum, sowohl das Ziel als auch die Aufgabenanforderungen zu antizipieren und dementsprechend einen Handlungsplan zu entwerfen.
Überwachung bezieht sich nicht nur auf die Feststellung von Ist-Soll-Diskrepanzen, sondern auch auf die Korrektur einer Aufgabenbearbeitung bzw. auf das kritische Begleiten des eigenen Bearbeitungsfortschritts. Hacker (1998) sieht eine wesentliche Funktion der Überwachung darin, Informationen über den bereits erreichten Lernstand bzw. das erreichte Verständnisniveau zu sammeln. Dazu gehört auch, die zu bearbeitende Aufgabe in ihrer Zielvorgabe genau zu identifizieren, die Weiterentwicklung bei der Aufgabenlösung zu beobachten und vorherzusagen, welches Ergebnis wohl erzielt werden wird, wenn der Arbeitsprozess so wie bisher fortschreitet. Durch die Überwachung angeregt, werden Prozesse der Regulation ausgelöst, die das Verstehen und Behalten steuern. Im Ergebnis tragen diese Regulationsprozesse dazu bei, die Ressourcen für eine Aufgabenbearbeitung klarer zu definieren, eine konkrete Abfolge von Schritten für die Bearbeitung festzulegen und die Intensität und Geschwindigkeit des strategischen Vorgehens genauer zu bestimmen (Hacker, 1998). Es leuchtet ein, dass die Handlungsüberwachung und die Handlungssteuerung sehr eng zusammenhängen und auch voneinander abhängig sind. Nur wem beim Lesen überhaupt auffällt, dass die eigenen Gedanken ständig vom Text abschweifen, kann sich bewusst vornehmen, konzentrierter zu arbeiten, oder aber dazu entschließen, eine Aufgabenbearbeitung abzubrechen bzw. auf später zu verschieben.
Die Bewertung erfolgt nach Beendigung einer Lernaufgabe. In enger Bezugnahme auf den vorangegangenen Planungsprozess wird nun beurteilt, ob die Ergebnisse mit den gesetzten Zielen übereinstimmen. Gleichzeitig ist auch von Relevanz, ob der Lernprozess so wie vorgestellt abgelaufen ist. Waren die vorher ausgewählten Strategien wirklich hilfreich gewesen oder zeigte es sich schon während der Aufgabenbearbeitung, dass einige Strategien nicht zum erwünschten Effekt führten? Konnte der selbst gesetzte Zeitplan eingehalten werden, oder war die eingeplante Zeit gar zu großzügig bemessen? Schraw und Moshman (1995) haben darauf hingewiesen, dass die Reflexion solcher Fragen auch Auswirkungen auf die Art der Bearbeitung zukünftiger Aufgaben hat. So trägt auch das Bewerten zu einer ständigen Verbesserung und Verfeinerung des Lernprozesses und zur strategischen Expertise bei.
Klassifikation metakognitiver Kompetenzen
Metakognitive Strategien gehören zu den Metakognitionen. Diese umfassen Phänomene, Aktivitäten und Erfahrungen, die mit dem Wissen und der Kontrolle über eigene kognitive Funktionen (z. B. Wahrnehmen, Lernen, Verstehen, Denken) zu tun haben. Von den übrigen mentalen Phänomenen, Aktivitäten und Erfahrungen, den sogenannten Kognitionen, heben sich Metakognitionen dadurch ab, dass die kognitiven Zustände oder Funktionen selbst zu den Objekten der Reflexion werden. Metakognitionen übernehmen sozusagen die Kommandofunktionen der Kontrolle, Steuerung und Regulation während des Lernens. Somit weisen sie eine funktionale Überlappung zur zentralen Exekutive des Arbeitsgedächtnisses auf (
Kap. 2.1).
Schon die frühen Definitionen des Begriffs (z. B. Flavell, 1976) enthalten die bis heute verbreitete Zwei-Komponenten-Sichtweise der Metakognition, der zufolge zwischen dem Wissen über eigene kognitive Funktionen (den deklarativen Metakognitionen) und andererseits der Kontrolle der eigenen kognitiven Aktivitäten (den prozeduralen Metakognitionen), unterschieden wird. So sinnvoll die Unterscheidung zwischen metakognitivem Wissen und metakognitiver Kontrolle auch ist, so unzureichend ist sie für die Beschreibung der Vielfalt der Metakognitionsforschung. Hierfür bedarf es einer detaillierteren Unterscheidung zwischen nicht weniger als fünf verschiedenen Subkategorien der Metakognition, wie sie bspw. Hasselhorn in seiner Klassifikation metakognitiver Komponenten (1992) vorgenommen hat:
1. Systemisches Wissen
a) Wissen über das eigene kognitive System und seine Funktionsgesetze
b) Wissen über Lernanforderungen
c) Wissen über Strategien
2. Epistemisches Wissen
a) Wissen über eigene aktuelle Gedächtniszustände bzw. Lernbereitschaften
b) Wissen über die Inhalte und Grenzen eigenen Wissens
c) Wissen über die Verwendungsmöglichkeiten eigenen Wissens
3. Exekutive Prozesse (Kontrolle)
a) Planung eigener Lernprozesse
b) Überwachung eigener Lernprozesse
c) Steuerung eigener Lernprozesse
4. Sensitivität für die Möglichkeiten kognitiver Aktivitäten
a) Erfahrungswissen
b) Intuition
5. Metakognitive Erfahrungen bezüglich der eigenen kognitiven Aktivität
a) bewusste kognitive Empfindungen
b) bewusste affektive Zustände
Die ersten beiden Subkategorien weisen auf zwei voneinander abzugrenzende Facetten der wissensbezogenen Metakognition hin. In Anlehnung an einen Vorschlag von Cavanaugh (1989) kann nämlich zwischen systemischem Wissen und epistemischem Wissen unterschieden werden. Die systemische Wissensdomäne umfasst das Wissen über die Gesetzmäßigkeiten, Einflussfaktoren sowie Stärken und Schwächen eigener kognitiver Funktionen. Wenn ich weiß, unter welchen Bedingungen ich welche Inhalte besonders gut lernen kann, dann spricht dies für die Qualität des systemischen Wissens.
Davon unabhängig ist das Wissen über den eigenen Wissensbestand und über seine Lücken, über den Erwerb des eigenen Wissens und über seine Verwendungsmöglichkeiten sowie das Wissen über die aktuelle kognitive Verfassung und Lernbereitschaft. Dieses Wissen darüber, was ich (über mich und meine Wissensbestände) weiß, ist die epistemische Wissensdomäne der Metakognition.
Eine dritte Subkategorie bilden die exekutiven Metakognitionen, die identisch sind mit der Kontrollkomponente der traditionellen Zwei-Komponenten-Sichtweise Flavells. In diese Subkategorie gehören die bereits beschriebenen metakognitiven Strategien der Planung, Überwachung, Bewertung und Steuerung eigener Lernprozesse.
Bereits Flavell war von der Bedeutung zweier weiterer Facetten der Metakognition überzeugt, deren Erforschung sich allerdings als vergleichsweise schwierig erwiesen hat. Dabei handelt es sich zum einen um die Sensitivität, zum anderen um die metakognitive Erfahrung. Unter Sensitivität versteht man das Gespür für die derzeit verfügbaren Möglichkeiten eigener kognitiver Aktivitäten. Das ist für eine effiziente Nutzung exekutiver Überwachungsprozesse unerlässlich. Vermutlich kann dieses Gespür sowohl die Folge eines hinreichenden Erfahrungswissens sein als auch der Ausdruck einer »intuitiven« Sensitivität.
Während diese Sensitivität keineswegs bewusst sein muss, versteht man unter den metakognitiven Erfahrungen bewusste kognitive Empfindungen (z. B. »verwirrt sein« über eine scheinbar widersprüchliche Information) oder affektive Zustände bezüglich der eigenen kognitiven Aktivität (z. B. »bedrückt sein« darüber, dass man eine neue Information nicht versteht).
Im Verlauf eines Lernprozesses kommt es zu einer komplizierten Vernetzung der verschiedenen Subkategorien der Metakognition. Aufgrund dieser Vernetzung ist es oft kaum möglich, die theoretisch unterscheidbaren Aspekte der Metakognition empirisch auseinanderzuhalten. Dennoch erscheint uns die vorgelegte differenzierte Klassifikation sinnvoll und notwendig. Denn erstens kann man nur so den Versuch unternehmen, die Metakognitionen von anderen Konzepten abgrenzen. Und zweitens macht erst eine solche Differenzierung die Beschreibung und Erklärung der mannigfaltigen Einflussnahme von Metakognitionen auf das Lernverhalten möglich.
Noch Anfang der 1980er Jahre war man skeptisch, ob es überhaupt einen Zusammenhang zwischen Metakognitionen und Lern- und Behaltensleistungen gibt. Dies änderte sich erst, als Schneider (1985) eine erste Metaanalyse vorlegte. Aus 27 Publikationen mit statistischen Zusammenhangsanalysen zwischen Metakognition und Leistungen destillierte er einen mittleren Zusammenhang von r =.41 – ein Ergebnis, das die Zweifel an der Bedeutsamkeit der Metakognitionen für den Lernerfolg auszuräumen vermochte.
Doch wie nehmen Metakognitionen Einfluss auf das Lerngeschehen? Man geht davon aus, dass es nicht nur einen einzigen Wirkmechanismus gibt. Komponenten der verschiedenen Subkategorien von Metakognition können dafür verantwortlich sein, dass beim Bearbeiten einer Lernanforderung eine Reflexion über den eigenen Lernprozess, über den erreichten Wissensstand und über die strategischen Lernmöglichkeiten in Gang gesetzt wird. So kann z. B. beim Lesen eines Textes eine metakognitive Erfahrung bewusst werden, weil man Inkonsistenzen zwischen verschiedenen Textabschnitten empfindet. Oder man bemerkt bei dem Versuch, die Inhalte des gelesenen Textes zusammenzufassen, dass man einen Textabschnitt doch noch nicht verstanden hat und beginnt deshalb von neuem mit der Planung und Ausführung von Aktivitäten, um das Verständnisproblem zu überwinden. Bei aller Unterschiedlichkeit der Auslöser und der metakognitiven Komponenten, die an derartigen Lernprozessen beteiligt sind, lassen sich zwei Merkmale von Lernprozessen hervorheben, bei denen Metakognitionen offenbar eine zentrale Rolle spielen: Zum einen ist das die Reflexion über den eigenen Lernprozess und zum anderen sind es die durch diese Reflexion ausgelösten strategischen Aktivitäten.
Die Reflexion kann dabei sowohl vergangenheitsbezogen als auch gegenwartsbezogen sein: vergangenheitsbezogen als Nachdenken über Handlungen, gegenwartsbezogen als Nachdenken während des Handelns. Beide Formen der Reflexion sind gleichermaßen Ursprung wie Folge von Metakognitionen. So ist etwa das Nachdenken über Handlungen gleichzeitig die Folge exekutiver Metakognitionen und der Ursprung metakognitiver Erfahrungen und systemischen Wissens. In ähnlicher Weise zeugt auch die metakognitive Aktivität des Nachdenkens während einer Lernhandlung von metakognitiver Sensitivität und erzeugt gleichzeitig epistemisches Wissen. Die Reflexion ist somit Bindeglied zwischen verschiedenen metakognitiven Kompetenzen einerseits und zwischen Metakognitionen und Lernerfolg bzw. Lernleistung andererseits. Gleichzeitig macht sie den Lernprozess bewusst und sorgt dafür, dass verfügbare Strategien auch tatsächlich genutzt werden. So tragen die metakognitiven Kompetenzen des Lernenden zum effizienten Ablauf von Lernprozessen und damit zum erfolgreichen Lernen bei. Dies wirft die Frage auf, wann und wie solche Strategien als individuelle Voraussetzungen erfolgreichen Lernens eigentlich erworben werden.
Wie werden Strategien erworben?
Der Erwerb von Strategien ist ein mühsames Geschäft. In den wenigsten Fällen kommt es beiläufig und zufällig zum Strategieerwerb, wie es mit vielen Bausteinen unseres Vorwissens geschieht. Auch einfache biologische Reifungsmechanismen bringen keine kognitiven Strategien hervor. Sie sind bestenfalls geeignet, die Genese basaler strategischer Verhaltensmöglichkeiten zu erklären. Komplexe Lernstrategien werden in der Regel erst ab der Sekundarstufe erworben. Baumert und Köller (1996) berichten, dass sich ein Repertoire differenziert einsetzbarer Lernstrategien überhaupt erst im Alter von 15 bis 16 Jahren ausbildet. Diese Einschätzung gilt sicherlich für komplexe und vor allem metakognitive Lernstrategien. Einzelne Behaltensstrategien werden aber schon von Kindern im Grundschulalter spontan gezeigt. Die Frage, wann Strategien erworben werden, lässt sich nicht leicht beantworten, weil dies in hohem Maße von der Art und Komplexität der Strategien sowie von den instruktionalen Rahmenbedingungen einer Lernsituation abhängig ist.
Dennoch weiß man einiges darüber, wie Strategien überhaupt erworben werden. Besonders gut erforscht ist die Entwicklung basaler Behaltensstrategien im Grundschulalter, z. B. des Wiederholens und Kategorisierens von Informationen. Im ersten Stadium des Strategieerwerbs bringen die Kinder eine Strategie weder spontan hervor, noch sind sie in der Lage, eine durch ein kompetentes Modell demonstrierte Strategie selbst zu übernehmen. Es scheint ihnen an den notwendigen kognitiven Voraussetzungen bzw. an den zur Strategieanwendung notwendigen vermittelnden Vorbedingungen (den sogenannten Mediatoren) zu mangeln. Denn selbst wenn ein kompetentes Modell die in Frage stehende Strategie demonstriert und wenn die Kinder aufgefordert werden, die so demonstrierte Strategie selbst zu nutzen, sind sie dazu nicht in der Lage. Dieses Stadium wird in der Entwicklungspsychologie mit dem Begriff des Mediationsdefizits umschrieben – es ist in der Regel nur bei sehr jungen Kindern anzutreffen.
Anders sieht es bei Kindern aus, die zwar spontan eine bestimmte Strategie nicht einsetzen oder nutzen, aber nach entsprechenden hilfreichen Hinweisen dazu in der Lage sind und dann auch davon profitieren. Sie befinden sich im zweiten Stadium des Strategieerwerbs, dem Stadium des sogenannten Produktionsdefizits. Hier verfügen die Kinder zwar im Prinzip über die zur Umsetzung der Strategie notwendigen Prozeduren bzw. Mediatoren, sie übernehmen eine Strategie aber nicht in ihr spontanes Verhaltensrepertoire. Dass ihnen die Nachahmung der Strategien noch schwerfällt, lässt sich daran beobachten, dass sie eine Strategie wieder aufgeben, sobald sie nicht mehr explizit dazu aufgefordert werden, sie zu nutzen. Vermutlich liegt das Produktionsdefizit darin begründet, dass das Wissen über die Nützlichkeit einer Strategie (als Teil des deklarativen systemischen Metagedächtnisses) noch nicht hinreichend ausgebildet ist (Hasselhorn, 1996). Mit anderen Worten: Die Kinder sind noch nicht hinreichend davon überzeugt, dass sich ein (zunächst aufwendiger) Strategieeinsatz später einmal auszahlen wird.
Miller (1990) hat darauf hingewiesen, dass mit dem Übergang vom Produktionsdefizit zum effektiven Strategiegebrauch in der Regel noch ein weiteres Stadium zu beobachten ist, das mit den Begriffen Nutzungsdefizit (Miller, 1994) bzw. Nutzungsineffizienz (Hasselhorn, 1996) umschrieben wird. In diesem Stadium bringen die Kinder zwar die betreffende Strategie spontan hervor, jedoch wirkt sich die Strategienutzung noch nicht in der zu erwartenden Weise günstig auf die entsprechende Lernleistung aus. Miller und Seier (1994) vermuten, dass diese (vorübergehende) Ineffizienz der Strategienutzung hauptsächlich auf zwei Mechanismen zurückzuführen ist: auf die unzureichende Automatisierung der Strategie und/oder auf die mangelnde Sensitivität dafür, wann und wie die Strategie wirkungsvoll einsetzbar ist. Eine unzureichende Automatisierung der Strategienutzung hat auch zur Konsequenz, dass zu viel Kapazität des Arbeitsgedächtnisses (s. o.) für die Ausführung der strategischen Prozeduren benötigt wird. Die mangelnde Sensitivität für den wirkungsvollen Einsatz der Strategie zeigt einmal mehr die Bedeutung metakognitiver Kompetenzen für erfolgreiches strategisches Lernen.
Auch wenn in der entwicklungspsychologischen Grundlagenforschung mittlerweile mit guten Argumenten bezweifelt wird, dass das Stadium der Nutzungsineffizienz beim Strategieerwerb notwendigerweise auftreten muss (Sodian & Schneider, 1999), so dürfte dieses Stadium beim Erwerb komplexer Lernstrategien, wie sie in Schule und Unterricht vermittelt werden sollen, eher die Regel sein. Will man solche Strategien im Unterricht vermitteln, muss also damit gerechnet werden, dass beim Erlernen einer neuen Strategie erhebliche motivationale Probleme auftreten können. Da nämlich die ersten Anwendungen der neuen Strategie oftmals keineswegs zu den erhofften Leistungssteigerungen führen, ist zunächst eine Durststrecke, ein »Motivationstal« zu überwinden, weil sich der erhoffte Nutzen nicht gleich realisieren lässt (
Abb. 2.8). Oft ist es so, dass der anfängliche Einsatz einer neuen Strategie derart viel Arbeitsgedächtniskapazität erfordert, dass nicht nur kein neuer Nutzen entsteht, sondern die Leistungsresultate gegenüber dem Lernen mit Hilfe der alten Strategie sogar ungünstiger ausfallen. Erst wenn die neue (mächtigere) Strategie hinreichend automatisiert ist, erlebt der Lernende den erwünschten Leistungsvorteil.

Abb. 2.8: Motivationstal der Nutzungsineffizienz beim Erwerb einer Strategie nach Miller und Seier (1994)
Lerntypen und Lernstile: Individuelle Präferenzen in der Art strategischen Lernens?
Seit langem weit verbreitet ist die im Lichte vorliegender empirischer Befunde weitgehend kritisch zu hinterfragende Annahme, dass sich Lernende systematisch darin unterscheiden, welche Lernstrategien sie besonders effektiv und erfolgreich einsetzen können. Der französische Nervenarzt Charcot legte in den 1880er Jahren eine erste Taxonomie verschiedener Vorstellungs- bzw. Gedächtnistypen vor, indem er zwischen einem visuellen, einem akustischen, einem motorischen und einem indifferenten Typus unterschied. Je nach Typus – so glaubte er – würden eher visuelle, eher akustische oder eher motorisch-enaktive Inhalte bzw. Materialien besser gelernt werden. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Gedanke der individuellen Lerntypen in pädagogischen Kreisen lebhaft diskutiert.
Das seinerzeit viel gelesene Lehrbuch von Offner (1924) fasst die wesentlichen Ergebnisse dieser Diskussionen zusammen. Danach unterschied man zwischen formalen und materialen Lerntypen. Zu den materialen Lerntypen gehören z. B. die in der Taxonomie von Charcot beschriebenen, da hier die individuellen Unterschiede am bevorzugten Inhalt bzw. am Material des Lernstoffs festgemacht werden. Die besonderen Lern- und Gedächtnisleistungen mancher Maler, Musiker oder Sportler und das – zumindest im Erwachsenenalter höchst selten auftretende – Phänomen eines überaus stark und lange anhaltenden Nachbildes sensorisch wahrnehmbarer Ereignisse (Eidetik) waren beliebte Belege für die vermeintliche Existenz der materialen Lerntypen. Doch schon Offner (1924) musste feststellen, dass »ein ganz einseitiger Typus […] eine Ausnahme [ist] […]. Vorherrschend sind gemischte Disponibilitätstypen« (S. 174).
Unter dem formalen Lerntyp verstand man die Präferenz für eine bestimmte Art des Lernens, also den von einer Person bevorzugten Lernstil. Offner (1924) unterscheidet zwischen »mechanischen«, »logischen« und »mnemotechnischen« Lernstilen. Einige Jahre zuvor hatte Meumann (1911, S. 231) bereits zwischen »analytischen« und »synthetischen Lernern« unterschieden. Aber auch die Differenzierungen nach formalen Lerntypen erwiesen sich als problematisch und ließen sich empirisch nicht stützen. Das Aufkommen faktorenanalytischer Untersuchungsmethoden führte schon bald dazu, individuelle Differenzen im Lernverhalten bzw. in den Lernleistungen als Folge unterschiedlicher Ausprägungen einer Vielzahl von Fähigkeiten (z. B. mechanisches Denken, logisches Denken) zu beschreiben. Erst zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts griff man unter dem Stichwort kognitive Stile ein den formalen Lerntypen ähnelndes Konzept wieder auf.
Im Unterschied zu den eher unipolaren und eindimensionalen Fähigkeitskonzepten (z. B. Intelligenz) versteht man unter kognitiven Stilen bipolar beschreibbare intraindividuell stabile Präferenzen der Informationsverarbeitung. Nach Messick (1994) handelt es sich dabei um persönlichkeitsabhängige Vorlieben des Wahrnehmens, Erinnerns, Denkens und Problemlösens, die relativ unabhängig sind von der allgemeinen Intelligenz. Die bekanntesten empirisch untersuchten kognitiven Stile sind die »Impulsivität vs. Reflexivität« und die »Feldabhängigkeit vs. Feldunabhängigkeit«. Die Erwartung, dass die bipolare Differenzierung dieser kognitiven Stile vor allem mit qualitativen, nicht jedoch mit quantitativen Leistungsunterschieden beim Lernen einhergehe und dass diese Unterschiede intelligenzunabhängig seien, hat sich jedoch empirisch nicht bestätigen lassen (McKenna, 1990; Tiedemann, 1983). Am Beispiel der Feldabhängigkeit/Feldunabhängigkeit lässt sich gut zeigen, dass die sogenannten kognitive Stile eher intelligenzverwandte Fähigkeiten darstellen als individuelle und intelligenzunabhängige Strategiepräferenzen beim Lernen.
Fokus: Feldabhängigkeit vs. Feldunabhängigkeit
Um 1940 herum beobachtete der Psychologe Herman Witkin, dass einige Flugzeugpiloten, wenn sie in eine Wolkenbank hineinflogen, häufig mit ihrem Flieger in gekippter Lage aus der Wolkenbank wieder herauskamen, ohne zwischenzeitlich die Änderung der Lage des Flugzeugs realisiert zu haben. Bei der Untersuchung dieses und anderer Phänomene der Wahrnehmung einzelner Faktoren in einem visuellen Gesamtfeld, stieß Witkin auf systematische interindividuelle Unterschiede, die er als Feldabhängigkeit vs. Feldunabhängigkeit beschrieb (Witkin, Moore, Goodenough & Cox, 1977).
Feldabhängige Personen tendieren dazu, (visuelle) Muster ganzheitlich wahrzunehmen. Sie haben Schwierigkeiten, wichtige Details aus einer Situation herauszulösen und zu fokussieren und es fällt ihnen schwerer, beim Lernen den Einsatz von Lernstrategien selbst zu überwachen. Diese Personen arbeiten gut in Gruppen, haben ein gutes Gedächtnis für soziale Informationen und interessieren sich häufiger für Literatur und Geschichte. Im Gegensatz dazu überwachen feldunabhängige Personen in höherem Maße ihre eigenen Informationsverarbeitungsprozesse. Sie können die unterschiedlichen Teile eines Gesamtmusters leichter wahrnehmen und separieren und sie können ein Muster komponentenweise analysieren. Ihre Interessen liegen eher in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften.
Bereits Davis und Frank (1979) wiesen darauf hin, dass sich Feldabhängige und Feldunabhängige nicht nur in der Art, sondern auch in der Quantität ihrer Lernleistungen unterscheiden. Die Annahme, dass Feldunabhängige Informationen flexibler verarbeiten und deshalb auch weniger kontextgebunden mental verfügbar haben, prüfte Frank (1983) im Rahmen eines Experiments zum Paarassoziationslernen. Die Versuchsteilnehmer mussten Wortpaare auswendig lernen, die aus einem mit Großbuchstaben geschriebenen Zielwort und einem assoziativ damit verknüpften Hinweiswort bestanden (z. B. Pilz – SCHIMMEL). Als Zielwörter wurden Homographen, also Wörter mit zwei unterschiedlichen Bedeutungen gewählt. Die spätere Verfügbarkeit des Gelernten wurde entweder unter Vorgabe der in der Lernphase dargebotenen Hinweiswörter (z. B. Pilz) oder unter Vorgabe von Wörtern, die mit der anderen Bedeutung des Homographen assoziativ verknüpft waren (z. B. Pferd) oder aber ganz ohne Vorgabe eines Hinweiswortes erfasst. Während sich die Behaltensleistung von Feldunabhängigen und Feldabhängigen bei Vorgabe des Original-Hinweiswortes nicht voneinander unterschieden, waren die Feldunabhängigen in den beiden anderen Experimentalbedingungen den Feldabhängigen überlegen. Die Überlegenheit der Feldunabhängigen war besonders deutlich bei der schwierigsten Bedingung, der ohne Hinweiswort.
Die größere Kontextunabhängigkeit des Informationserwerbs Feldunabhängiger legt die Vermutung nahe, dass sie Lernstrategien flexibler nutzen als Feldabhängige. Nach Cochran und Davis (1987) basiert die Überlegenheit feldunabhängiger Personen aber auch auf einer vergleichsweise größeren Arbeitsgedächtniskapazität, die sich z. B. in einer größeren Gedächtnisspanne für Sätze niederschlägt. Entsprechend konnten Morris, Farran und Dumontheil (2019) bei einer Stichprobe von Kindern im Grundschulalter zeigen, dass der Zusammenhang ziwschen Feldunabhängigkeit und schulischen Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften zu einem großen Teil (wenn auch nicht vollständig) durch Intelligenz und phonologisches Arbeitsgedächtnis erklärbar ist.
Ein im Vergleich zum Konzept der kognitiven Stile weniger genereller Erklärungsanspruch ist mit dem Begriff der Lernstile verbunden. Im Gegensatz zu dem bereits dargelegten Konzept der Lernstrategien umfassen Lernstile nämlich die Präferenzen für unterschiedliche Lernsituationen (z. B. Vortrag, Diskussion, Projekt), für Merkmale der Lernumgebung (z. B. Temperatur, Geräuschpegel) sowie für das Ausmaß an sozialer Unterstützung (z. B. Tutorien, Arbeitsgruppen). Schmeck (1988) unterscheidet z. B. drei Muster von Informationsverarbeitungsaktivitäten, die er als Lernstile oder -präferenzen bezeichnet: eine tiefe, eine elaborative und eine oberflächliche Verarbeitungspräferenz. Personen mit einer »tiefen« Verarbeitungspräferenz gehen beim Erwerb neuen Wissens kritisch prüfend vor und bevorzugen konzeptuell-organisierende Strategien, »elaborative« Informationsverarbeiter sind bemüht, beim Enkodieren eine Verknüpfung der neuen Lerninhalte mit persönlichen Erfahrungen herzustellen, und »oberflächlich« Lernende bedienen sich überwiegend einfacher Memorierstrategien.
In ähnlicher Weise haben andere Arbeitsgruppen in den 1980er Jahren vom Oberflächen- und Tiefenlernen gesprochen, von extrinsisch motiviert Lernenden mit einer »Reproducing Orientation« und von einer intrinsisch motivierten »Meaning Orientation« (Dinsmore, Peterson & Dumas, 2017). Lernende mit einer Präferenz zur tiefen Verarbeitung haben Interesse am Lernen um des Lerngegenstandes willen und machen sich daher wenig Gedanken darum, wie ihre Lernleistungen bewertet werden. Bevorzugt oberflächlich verarbeitende Personen lassen sich in ihrem Lernverhalten eher durch die in Aussicht stehenden Belohnungen, wie gute Noten, beeinflussen und es ist ihnen wichtiger als anderen, dass sie positiv bewertet werden.
Es wurden auch etliche Fragebögen entwickelt, mit deren Hilfe Lernstile und Lernpräferenzen diagnostiziert werden sollten. Sie sind jedoch aus pädagogisch-psychologischer Sicht nur von begrenztem Nutzen. Einerseits findet man nämlich enge Zusammenhänge zwischen dem »tiefen Verarbeiten« und der allgemeinen und verbalen Intelligenz sowie zwischen dem »elaborierten Verarbeiten« und dem Vorstellungsvermögen bzw. der räumlich-visuellen Intelligenz. Andererseits ist die Zuverlässigkeit (Reliabilität) und Gültigkeit (Validität) der Instrumente für eine individuelle Lernstildiagnostik in der Regel nicht ausreichend (Stahl, 2002). Unklar bleibt auch, was aus einer Lernstildiagnostik eigentlich folgen würde:
Menschen sind verschieden und es gehört zur guten pädagogischen Praxis, individuelle Unterschiede zu erkennen und sich darauf einzustellen. Ebenfalls gute Praxis ist es, neue Informationen auf unterschiedliche Weise und in verschiedenen Modalitäten darzubieten. Aber es ist nicht klug, Lernende einfach zu klassifizieren und die Lernmethoden einzig auf der Grundlage von Testverfahren mit fragwürdiger Güte festzulegen. […] Die Idee der Lernstile ist verlockend, aber eine kritische Prüfung dieses Ansatzes sollte Lehrende skeptisch machen. (Snider, 1990, S. 53)
Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die nach wie vor große Popularität von Lerntypen-Klassifikationen in der einschlägigen empirischen Befundlage eigentlich keine Entsprechung findet und dass die häufig propagierten Lerntypen offenbar gar nicht existent sind (Pashler, McDaniel, Rohrer & Bjork, 2009; Rogowsky, Calhoun & Tallal, 2015). Es mag zwar sein, dass manche Personen davon überzeugt sind, dass sie eher von visuellen oder eher von akustischen Unterstützungen ihrer Lernprozesse profitieren. In der Regel wird dies jedoch die Folge von gewohnheitsbedingten Präferenzen von Modi der Informationsverarbeitung sein und nicht die Folge entsprechender typologisierbarer Dispositionen.
2.4 Motivation und Selbstkonzept
Es scheint zu den Binsenweisheiten des pädagogischen Alltags zu gehören, dass motivationale Voraussetzungen zu den wichtigsten Determinanten erfolgreichen Lernens zählen. Die Bereitschaft, sich Lernanforderungen zu stellen, sich diesen gezielt und ausdauernd zu widmen und sich dabei anzustrengen, gilt als Anzeichen für eine günstige motivationale Voraussetzung des Lernens. Überraschenderweise fallen jedoch die empirisch ermittelten Zusammenhänge zwischen derartigen motivationalen Parametern und der beobachtbaren Lernleistung eher bescheiden aus. In einer Metaanalyse über die Daten aus 355 empirischen Studien fanden Fraser, Walberg, Welch und Hattie (1987) einen durchschnittlichen Zusammenhang von r =.12 zwischen Motivation und Leistung; d. h. weniger als 2 % der Leistungsvarianz ließ sich durch motivationale Unterschiede zwischen den Lernenden erklären.
Hieraus den Schluss zu ziehen, dass der Lernmotivation beim Lernen eine weitaus geringere Rolle zukommt, als es dem pädagogischen Überzeugungswissen vieler Praktiker entspricht, wäre allerdings voreilig. Weinert (1990) hat dargelegt, dass der Einfluss motivationaler Faktoren aufgrund vielfältiger Probleme bei ihrer angemessenen methodischen Analyse notorisch unterschätzt wird. Eines dieser Probleme kommt dadurch zustande, dass motivationale Voraussetzungen mit den zuvor behandelten kognitiven Voraussetzungen des Lernens – je nach Schwierigkeitsgrad der Lernanforderung – einmal verzahnt, d. h. gekoppelt sind und einmal nicht. Bei schwierigen Lernaufgaben scheint eher ein Kopplungsmodell zu greifen, was nichts anderes heißt, als dass sowohl eine hohe Ausprägung kognitiver Kompetenzen als auch große Anstrengung für erfolgreiches Lernen notwendig ist. Bei leichteren Aufgaben hingegen wird ein Kompensationsmodell unterstellt (geringere kognitive Fähigkeiten können durch große Anstrengungen kompensiert werden und umgekehrt).
Zu den wichtigsten motivationalen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens gehört die Qualität des eigenen Lern- und Leistungsmotivsystems, das sich durch Erfolgsorientierung bzw. Misserfolgsängstlichkeit, den eng damit verknüpften Attributionsstil sowie durch das leistungsbezogene Selbstvertrauen bzw. durch die lern- und leistungsrelevanten Selbstkonzepte gut charakterisieren lässt. Bevor wir einige interindividuelle Unterschiede des Lern- und Leistungsmotivsystems skizzieren, ist es aber notwendig, auf die Rolle des Interesses bzw. der intrinsischen Motivation für den Lernerfolg einzugehen.
Definition: Motivation und Motiv
Unter Motivation oder Motiviertheit versteht man die Bereitschaft einer Person, sich intensiv und anhaltend mit einem Gegenstand auseinanderzusetzen. Motivation kann als Prozess aufgefasst werden, in dessen Verlauf zwischen Handlungsalternativen auswählt wird. Das spätere Handeln wird dann auf die ausgewählten Ziele ausgerichtet und auf dem Weg dorthin in Gang gehalten, also mit psychischer Energie versorgt.
Von Motiv sprechen wir, wenn es um individuelle zeitüberdauernde Vorlieben für bestimmte Klassen von Zuständen geht. So sprechen wir vom Anschlussmotiv, wenn es jemand besonders attraktiv findet, sich in sozialen Gruppen aufzuhalten, vom Machtmotiv, wenn die Beeinflussung anderer Menschen als besonders anziehend erlebt wird, und vom Leistungsmotiv, wenn man sich gerne im Lösen herausfordernder Aufgaben als kompetent und tüchtig erlebt.
Greifen wir nur ein einziges Motiv, wie z. B. das Lern- und Leistungsmotiv heraus, so findet man systematische interindividuelle Unterschiede (Dispositionen) in der Art und Stärke der Annäherung an einen angestrebten (motivbezogenen) Zielzustand. Um diesen Sachverhalt zu charakterisieren, sprechen wir vom individuellen Motivsystem (Rheinberg & Vollmeyer, 2019).
Interesse und intrinsische Motivation
Interessante Tätigkeiten gehen uns leicht von der Hand. Das Interesse an einer Fragestellung bringt uns dazu, ein einschlägiges Buch darüber zu lesen, ohne dass uns jemand dazu anhält oder dafür belohnt. Beobachtungen dieser Art sprechen dafür, dass das Interesse an einer Sache ein wichtiger Bestandteil der motivationalen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens ist. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschäftigte man sich daher mit dem Interesse als motivationalem Faktor des Lernens (z. B. Dewey, 1913; Kerschensteiner, 1922). Eine systematische Interessenforschung und eine Untersuchung der motivationalen Auswirkungen von Interessen für das Lernen setzte jedoch erst im letzten Quartal des 20. Jahrhunderts ein (Krapp & Prenzel, 1992).
Aber was ist Interesse und wie wirkt es sich auf das Lerngeschehen aus? Mit Prenzel, Krapp und Schiefele (1986) lässt sich Interesse auffassen als eine besondere Beziehung einer Person zu einem Gegenstand. Ein solcher Gegenstand kann ein Objekt, ein Thema oder eine Tätigkeit sein.
Die Besonderheit einer interessenthematischen Beziehung äußert sich im subjektiven Erleben durch die Verbindung von positiven emotionalen Zuständen während der Interessenhandlung und einer hohen subjektiven Wertschätzung des Interessengegenstandes (emotionale und wertbezogene Valenz). (Krapp, 2018, S. 287)
Interesse führt zu einer »epistemischen Orientierung« (Prenzel, 1988), die sich vor allem für komplexe Lernziele als außerordentlich hilfreich erweist: Dem Interesse an einer Sache folgt der Wunsch, mehr über diese Sache zu erfahren, sich ausführlicher zu informieren und das eigene Wissen immer wieder zu aktualisieren. Nicht selten geht mit diesem Wunsch eine Identifikation mit dem Gegenstand des Interesses einher, was nicht ohne Auswirkungen auf die Ausformung des Bildes bleibt, das Personen von sich selbst haben (Hannover, 1998).
Krapp (2018) beschreibt in der pädagogisch-psychologischen Interessenforschung zwei unterschiedliche Forschungstraditionen. In der einen Tradition werden vorrangig situationsspezifische Prozesse fokussiert. Streng genommen handelt es sich dabei um die Analyse von Interessantheit (situationales Interesse). Empfindet eine lernende Person ein Thema oder eine Situation, in der ein Lernstoff dargeboten wird (z. B. eine bestimmte Unterrichtsstunde) als interessant, so hat das den Vorteil, dass sich sein kognitives System auf einem optimalen Funktionsniveau befindet. Vor allem die Mechanismen der Aufmerksamkeitssteuerung und des Arbeitsgedächtnisses (
Kap. 2.1) funktionieren dann »auf hohem Niveau«, da die starke Valenz der Lernanforderung potenziellen Ablenkungen durch aufgabenirrelevante Reizinformationen wenig Raum lässt. Im Zusammenhang mit dem Unterrichtsmerkmal der »Klassenführung« (
Kap. 7.2) werden wir darauf zurückkommen.
Die zweite von Krapp (1998, 2018) beschriebene Linie der Interessenforschung beschäftigt sich mit situationsübergreifenden interindividuellen Differenzen. Dort werden Interessen als individuelle Dispositionen betrachtet. Im Kontext akademischen Lernens sind hier vor allem thematische Interessen angesprochen. Diese haben sich unabhängig von allgemeinen kognitiven Fähigkeiten der Lernenden als bedeutsame Prädiktoren erfolgreichen Lernens erwiesen (Evans, 1971). Schiefele, Krapp und Schreyer (1993) trugen die empirischen Daten aus 21 einschlägigen Studien im Zeitraum zwischen 1965 und 1990 zusammen und fanden einen durchschnittlichen Zusammenhang von r = .30 zwischen Interesse und Lernleistung. Es zeigten sich dabei allerdings beträchtliche Unterschiede zwischen den Fächern: Während das thematische Interesse relativ viel zum Lernerfolg in Mathematik, Physik, Chemie und in den Fremdsprachen beizutragen scheint, ist seine Rolle sehr viel bescheidener in Fächern wie Biologie, Sozialkunde und im Literaturunterricht. Interessanterweise fiel der Zusammenhang zwischen Interesse und Lernerfolg für Jungen generell höher aus als für Mädchen, was vielleicht ein Hinweis darauf ist, dass Mädchen eher als Jungen bereit sind, sich ungeachtet ihrer Interessen in allen Fächern anzustrengen.
Beispiel: Interessanter Unterricht
Der Wunsch lernwilliger Schüler nach »interessantem« Unterricht ist angesichts der positiven Auswirkungen auf die Informationsverarbeitung durchaus verständlich. Die Forderung nach interessantem Unterricht ist jedoch leichter formuliert als umgesetzt. Zwar gibt es vielfältige didaktische Konzepte, um Unterricht interessant zu machen, aber Interessantheit ist nur in begrenztem Maße objektivierbar. So unterscheiden sich Lernende darin, ob sie eine Lernsituation für interessant halten oder nicht. Ein und dieselbe Unterrichtssituation kann von manchen Lernenden als interessant, von anderen aber als uninteressant empfunden werden.
Die Ergebnisse einer Längsschnittstudie von Köller, Baumert und Schnabel (2001) zum Zusammenhang zwischen Interesse an Mathematik und den Mathematikleistungen vom Ende der 7. bis Mitte der 12. Klasse sprechen dafür, dass sich der leistungsförderliche Einfluss des Interesses während der Sekundarstufe verändert: Ist das mathematische Interesse in der Sekundarstufe I eher geringfügig mit der Mathematikleistung assoziiert, nimmt die Stärke der Beziehung in der Sekundarstufe II deutlich zu, was sich vor allem an den Kurswahlen in der gymnasialen Oberstufe zeigt. Die Autoren vermuten, dass das Lernverhalten der Jüngeren noch vorrangig durch von außen gesetzte Anreize (z. B. durch häufige schriftliche Leistungsproben) reguliert wird, während in der Oberstufe die extrinsischen Anreize an Bedeutung verlieren und das Streben nach Selbstbestimmungsmöglichkeiten zunimmt. Ein höherer Grad an Selbstbestimmung lässt auch den Einfluss des Interesses auf die Regulation des eigenen Lernverhaltens ansteigen.
Möglicherweise wird der Einfluss des Interesses auf den Lernerfolg über die vermehrte Nutzung strukturierender und generativer Lernstrategien vermittelt (
Kap. 2.3). Der empirische Nachweis dieser Annahme ist zwar bisher nur in Teilen gelungen (z. B. Schiefele, Wild & Winteler, 1995). Man vermutet jedoch, dass vor allem dann, wenn den Lernenden relativ große Spielräume bei der Auswahl und Bearbeitung eines Lerngegenstandes eingeräumt werden, das vorhandene Sachinteresse die Qualität der Strategienutzung mit beeinflussen wird (Krapp, 1998).
Die thematischen Interessen sind eng verknüpft mit dem auch in der Umgangssprache mittlerweile weit verbreiteten Begriff der intrinsischen Motivation bzw. der intrinsischen Handlungsvalenz. Intrinsisch motiviert sind solche Verhaltensweisen, die kein offensichtliches Ziel außerhalb der Handlung selbst besitzen (Koch, 1956). Dabei kann der Wunsch, ein Verhalten auszuführen, durch Eigenschaften des Gegenstandes ausgelöst sein (gegenstandszentrierte intrinsische Motivation) oder aber durch die Freude an der Ausführung einer Handlung (tätigkeitszentrierte intrinsische Motivation). Sportliche Aktivitäten liefern bisweilen ein gutes Beispiel für das Phänomen der tätigkeitszentrierten intrinsischen Motivation: Der Jogger fühlt sich beim regelmäßigen Laufen gut; der Hobby-Fußballer erfreut sich am Balltreten auch dann, wenn es gar keinen Wettkampfcharakter hat.
Beim akademischen Lernen spielt vermutlich vor allem die gegenstandszentrierte intrinsische Motivation eine Rolle. Das Interesse am Thema führt dazu, dass der Lernende die Beschäftigung mit dem Lernstoff als etwas Angenehmes, ja sogar Lustvolles erlebt. Warum es zu diesen motivierenden Empfindungen kommt, wird in der Motivationsforschung durchaus kontrovers diskutiert (Heckhausen, 1989). Als Antrieb gegenstandszentrierter intrinsischer Motivation im Bereich schulischen und akademischen Lernens hat deCharms (1968) das Streben des Menschen nach einem persönlichen Verursachungserleben des eigenen Handelns genannt: Wo immer eigenes Handeln nicht als fremdbestimmt, sondern in hohem Maße als selbst verursacht und selbst gewollt erlebt wird, entsteht ein innerer Belohnungsmechanismus, der das Verhalten (intrinsisch) motiviert. Deci und Ryan (1985) haben diesen Grundgedanken weiterentwickelt und dabei herausgearbeitet, dass Lernen insbesondere in jenen Bereichen intrinsisch motiviert erfolgt, in denen man sich als selbstbestimmt, also autonom und kompetent wahrnimmt.
Intrinsische Motivation basiert auf den angeborenen, organismischen Bedürfnissen nach Kompetenz und Selbstbestimmung. Sie versorgt eine Vielzahl von Verhaltensweisen und psychischen Prozessen mit Energie, wobei als primäre Verstärker die erlebte eigene Wirksamkeit und Autonomie fungieren. (Deci & Ryan, 1985, S. 32)
Aus seiner Theorie der Selbstverursachung als Leitprinzip intrinsischer Motivation hat DeCharms (1968) abgeleitet, dass die intrinsische Motivation geschwächt wird, wenn das, was man aus freien Stücken gerne tut, zusätzlich von außen belohnt wird (extrinsischer Anreiz). Als Erklärung für dieses Phänomen wird auf die wahrgenommene Überveranlassung (Overjustification) des eigenen Handelns verwiesen (Greene & Lepper, 1977). Wird man für etwas, was man ohnehin gerne tut (intrinsische Motivierung), zusätzlich auch noch belohnt (extrinsische Motivierung), so nimmt man das eigene Verhalten als »überveranlasst« wahr. Man wird unsicher in der Frage, was eigentlich der Grund des eigenen Handelns ist (Ist es der eigene Antrieb oder doch die Belohnung?) und beginnt zu zweifeln, dass man aus freien Stücken gehandelt hat. Als Folge davon nimmt die Stärke der intrinsischen Motivation ab.
Ein solcher Korrumpierungseffekt der intrinsischen Motivation durch Belohnungen für Lernleistungen widerspricht den Annahmen der in Kapitel 1.2 dargestellten behavioristischen Lerntheorien, die im pädagogischen Alltag weit verbreitet sind. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Frage, was die experimentell nachweisbaren negativen Effekte von Belohnung für die Praxis akademischen Lernens bedeuten, Gegenstand heftiger Diskussionen geworden ist (Cameron & Pierce, 1994; Ryan & Deci, 1996).
Fokus: Korrumpiert Belohnung?
Edward Deci und Richard Ryan als Hauptvertreter der Korrumpierungsthese haben sich mit Judy Cameron zu dieser Frage heftige Diskussionen geliefert (Cameron, 2001; Deci, Koestner & Ryan, 1999, 2001; Eisenberger, Pierce & Cameron, 1999). Beide Seiten bedienen sich des statistischen Verfahrens der Metaanalyse, um ihre Argumentation zu stützen. Inhaltlich scheint uns das Anliegen beider Positionen berechtigt zu sein: Extrinsische Belohnungen können tatsächlich die intrinsische Motivation schwächen, was Anlass genug sein sollte, über die Praxis von Belohnungsstrategien im Bildungssystem nachzudenken. Andererseits sind auch extrinsische Lernanreize häufig wirksam und können sich am Ende sogar förderlich auf die intrinsische Motivation auswirken.
In ihrer Selbstbestimmungstheorie gehen Deci und Ryan (1985; Ryan & Deci, 2000) davon aus, dass uns Menschen eine angeborene Tendenz zu Lernen und Entwicklung innewohnt. Diese angeborene Tendenz wird in intrinsisch motiviertem Verhalten deutlich, wie man es etwa beim kindlichen Spielen beobachten kann. Drei grundlegende universelle Bedürfnisse müssen der Theorie zufolge beachtet werden, damit diese angeborene Tendenz zur Entfaltung kommen kann: das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, nach Kompetenzerleben und nach sozialer Eingebundenheit. Entscheidend für das Lernverhalten einer Person ist dabei weniger die Stärke als vielmehr die Art der Motivation. Ryan und Deci (2000) postulieren verschiedene Arten oder Qualitäten der Motivation, die sich darin unterscheiden, wie weit dem Grad nach Selbstbestimmung Rechnung getragen ist. Dabei werden neben der reinen Form der intrinsischen Motivation vier Formen der extrinischen Motivation unterschieden. Die strikte Trennung in intrinsische und extrinsische Motivation wird dabei aufgegeben.
Die am wenigsten selbstbestimmte Form der Motivation wird demnach als externale Lernmotivation bezeichnet, weil Verhaltensweisen nur ausgeführt werden, um eine Belohnung zu erhalten (z. B. eine gute Note) oder um eine Bestrafung zu vermeiden (z. B. einen Tadel). Ein Gefühl der Selbstbestimmung bleibt dabei aus. Eine zweite verbreitete Variante extrinsischer Motivation ist die introjizierte Lernmotivation. Sie ist dadurch charakterisiert, dass die lernende Person das äußere Belohnungssystem weitgehend verinnerlicht hat und z. B. durch ein schlechtes Gewissen oder aus einem Pflichtgefühl heraus lernt, oder um Angst bzw. Scham zu vermeiden. Diese beiden Formen der extrinischen Motivation werden auch als »kontrollierte« Formen der extrinsischen Motivation bezeichnet, weil sie durch die Umwelt veranlasst werden.
In autonomen Formen der extrinsischen Motivation nimmt die Selbstbestimmung zu. Dazu gehört zunächst die identifizierte Lernmotivation. Die Person lernt dabei stärker von sich aus, weil sie die damit verbundenen Ziele selbst für wichtig erachtet. Dies trifft etwa auf Schüler zu, die sich sehr intensiv auf die Abiturprüfungen vorbereiten (was ggf. nicht immer Freude bereitet), um später einen Platz in ihrem Traumstudiengang zu erhalten. Die Person lernt also, weil sie es wichtig für die Erfüllung persönlich relevanter Ziele und Wünsche findet. Die am stärksten selbstbestimmte Form der extrinsischen Motivation ist die integrierte Motivation. Diese Art der Motivation ist empirisch kaum von der intrinsischen Motivation in Reinform abzugrenzen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die so motivierten Lernhandlungen durchgeführt werden, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen und nicht (wie bei der intrinsischen Motivation) aus der reinen Freude an der Tätigkeit selbst.
Wie gelangt man nun zu autonomen Formen der extrinsischen Motivation, zu denen die identifizierte und die intregierte Motivation zählen? Neben dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung müssen nach Ryan und Deci (2000) auch die beiden Grundbedürfnisse nach Kompetenzerleben und sozialer Eingebundenheit erfüllt sein. Diese Annahme deckt sich mit Ergebnissen von Untersuchungen, die gezeigt haben, dass eine erhöhte Wahrnehmung von Selbstbestimmtheit und eigener Kompetenz zu einem stärkeren Lernengagement, einem tieferen Verständnis und zu einem erhöhten subjektiven Wohlbefinden führt (Ryan & Deci, 2009). Der oben beschriebene Korrumpierungseffekt verdeutlicht, dass das selbstbestimmte Lernen auch unterminiert oder »beschädigt« werden kann: Wird bei einem ursprünglich stark selbstbestimmt motivierten Verhalten der Grad der Selbstbestimmung, des Kompetenzerlebens und/oder der sozialen Eingebundenheit reduziert (etwa durch das Einführen externaler Belohnungssysteme), dann kann eine verminderte Anstrengungsbereitschaft die unerwünschte Folge sein (Ryan & Deci, 2000).
Lern- und Leistungsmotivation
Neben den thematischen Interessen, die den Lernerfolg in themenspezifischen Kontexten oder bei themenspezifischen Inhalten begünstigen, haben Motivationspsychologen auch themenunspezifische dispositionelle Merkmale identifiziert, die die Herangehensweise an Lern- und Leistungssituationen prägen. Diese relativ zeitstabilen interindividuellen Unterschiede hängen mit dem Lern- und Leistungsmotivsystem einer Person zusammen. Rheinberg und Vollmeyer (2019) haben zu Recht darauf hingewiesen, dass umgangssprachliche Begriffe wie »Fleiß«, »Anstrengung« oder »Strebsamkeit« zwar etwas Ähnliches ausdrücken, nicht aber deckungsgleich sind mit einem günstig ausgeprägten Leistungsmotivsystem.
Leistungsmotiviert im psychologischen Sinne ist ein Verhalten nur dann, wenn es auf die Selbstbewertung eigener Tüchtigkeit zielt und zwar in Auseinandersetzung mit einem Gütemaßstab, den es zu erreichen oder zu übertreffen gilt. Man will wissen, was einem in einem Aufgabenfeld gerade noch gelingt und was nicht, und strengt sich deshalb besonders an. (Rheinberg & Vollmeyer, 2019, S. 65)
Die Motivation, sich mit einer vorgegebenen Lernanforderung auseinanderzusetzen, hängt also ab von einem subjektiv akzeptierten Gütemaßstab, der die Messlatte dafür liefert, wann ich mich als tüchtig wahrnehme. Dieser Gütemaßstab ist durchaus situationsabhängig definiert: Wenn ich z. B. aus Krankheitsgründen nur an der Hälfte des auf eine Prüfung vorbereitenden Unterrichts teilnehmen konnte, wird der subjektive Gütemaßstab niedriger angelegt, als wenn ich nicht krank gewesen wäre. Ob die eigene Leistung in einer Prüfung subjektiv als Erfolg oder als Misserfolg erlebt wird, hängt also auch davon ab, was man sich vorgenommen hatte. Dieser subjektive und situationsabhängige Gütemaßstab wird in der Motivationspsychologie als Anspruchsniveau bezeichnet.
Eine gute Beschreibung dessen, wovon die individuelle Anspruchsniveausetzung abhängt, hat Atkinson (1957) in seinem Risiko-Wahl-Modell geleistet, das als Prototyp moderner Erwartungs-mal-Wert-Theorien der Motivation gilt (
Abb. 2.9). Dieses Modell basiert auf der Annahme, dass die Anspruchsniveausetzung von der Erfolgswahrscheinlichkeit (Erwartungskomponente) und vom Erfolgsanreiz (Wertkomponente) abhängt. Eine subjektiv schwierige Anforderung besitzt zwar einen sehr hohen Erfolgsanreiz, da allerdings die Erfolgswahrscheinlichkeit extrem niedrig ist, motiviert sie nicht zum Leistungshandeln. Umgekehrt motiviert auch eine subjektiv als sehr leicht wahrgenommene Aufgabenanforderung trotz extrem hoher Erfolgswahrscheinlichkeit nicht unbedingt zum Handeln, weil kein besonderer Erfolgsanreiz gegeben ist. Besonders motivierend sind dagegen subjektiv als mittelschwer erlebte Aufgaben, weil bei ihnen das Zusammenspiel (das Produkt) aus Erfolgswahrscheinlichkeit und Erfolgsanreiz (Erwartung mal Wert) maximalen Gewinn verspricht.
Fokus: Die situative Erwartungs-mal-Wert-Theorie der Motivation von Eccles und Wigfield (2020)
Jacquelynne Eccles (1983) hat die Wertkomponente des Atkinson’schen Risiko-Wahl-Modells weiter ausdifferenziert und damit eine der weltweit attraktivsten Theorien der Lern- und Leistungsmotivation vorgelegt. Die für das Lernhandeln funktionale Motivation wird darin durch die Erfolgserwartung und durch die verschiedenen aufgaben- und situationsbezogenen Wertüberzeugungen bestimmt: (a) die Wichtigkeit einer guten Leistung bei einer gegebenen Aufgabe für wichtige Aspekte des eigenen Selbst, (b) das intrinsische Interesse an der Bearbeitung der Aufgabe, (c) die Nützlichkeit einer erfolgreichen Aufgabenbearbeitung für das Erreichen eigener Ziele, und (d) die subjektiven Kosten der Aufgabenbearbeitung.
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich diese Theorievariante in der Motivationsforschung weltweit durchgesetzt. Eccles und Wigfield (2020; Wigfield & Ecces, 2020) sprechen davon, dass es sich bei dieser Theorie um eine »situative« (situated) Erwartungs-mal-Wert-Theorie der Motivation handele, da sie die Vorrangigkeit des aktuellen situativen Kontextes bei der individuellen Aktualisierung motivationaler Prozesse betone.
So plausibel das Atkinson’sche Risiko-Wahl-Modell auch ist, in der Empirie ist zu beobachten, dass sich nicht alle Personen modellgemäß verhalten und sich bevorzugt den Anforderungen einer subjektiv als mittelschwierig erlebten Aufgabe stellen. Manche Personen scheinen generell Aufgaben mittleren Schwierigkeitsniveaus zu meiden und stattdessen – wenn sie frei wählen dürfen – sehr leichte (bisweilen auch sehr schwere) Aufgaben zu bevorzugen. Offensichtlich gibt es systematische interindividuelle Unterschiede im Leistungsmotiv bzw. im Lern- und Leistungsmotivsystem. Diese können aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven beschrieben werden, von denen drei der einflussreichsten im Folgenden etwas näher betrachtet werden.
Erfolgsmotivierte vs. Misserfolgsängstliche
Um die interindividuellen Unterschiede im Leistungsmotiv zu erklären, postulierte Atkinson (1957), dass das individuelle Leistungsmotiv aus zwei unabhängigen Anteilen bestehe: dem sogenannten Erfolgsmotiv (Me) und dem sogenannten Misserfolgsmotiv (Mm). Unter Erfolgsmotiv verstand er dabei die Tendenz, Anforderungssituationen eher erfolgszuversichtlich anzugehen, unter Misserfolgsmotiv die Tendenz, sie aus Furcht vor Misserfolg eher zu meiden. Obwohl beide Motivanteile grundsätzlich bei jedem Menschen vorhanden seien, komme es zur relativ zeitstabilen und situationsübergreifenden Dominanz der einen oder der anderen Tendenz. Bei klarer Dominanz des Erfolgsmotivs über das Misserfolgsmotiv werden Aufgaben mittlerer Schwierigkeit bevorzugt, wie es das Risiko-Wahl-Modell auch vorhersagt (
Abb. 2.9). Bei Dominanz des Misserfolgsmotivs kommt es dagegen zu einer Meidungstendenz für Aufgaben mittlerer subjektiver Schwierigkeit. Das Misserfolgsmotiv lässt eine Person defensiv agieren. Sie denkt eher an die negativen Konsequenzen eines Misserfolgs als an die positiven Konsequenzen eines (für unwahrscheinlich gehaltenen) Erfolgs. Wenn sie könnte, würde sie der Anforderungssituation ganz aus dem Weg gehen. Drängt man eine misserfolgsängstliche Person, eine Aufgabe zu bearbeiten und lässt ihr dabei die freie Wahl des Schwierigkeitsniveaus, so wird sie entweder sehr leichte oder sehr schwere Aufgabenanforderungen wählen. Die eigentlich angemessenen Aufgaben eines subjektiv mittelschweren Anforderungsniveaus sind für Personen mit dominierendem Misserfolgsmotiv am bedrohlichsten, weil sie am ehesten ihre eigene Tüchtigkeit erkennbar werden lassen. Da ihre Gedanken aber vom möglichen Misserfolg gefesselt sind, fürchten sie, bei der Bearbeitung solcher Aufgaben die eigene Inkompetenz aufgezeigt zu bekommen. Sie wählen also entweder sehr leichte Aufgaben, weil dabei der Misserfolg so gut wie ausgeschlossen ist, oder aber sehr schwere Aufgaben, weil dort das Scheitern keine Schlussfolgerung auf die eigene Tüchtigkeit erlaubt: Man muss nicht inkompetent sein, wenn man bei einer sehr schweren Aufgabe versagt.

Abb. 2.9: Abhängigkeit der Lern- und Leistungsmotivierung von der subjektiven Aufgabenschwierigkeit (Erfolgswahrscheinlichkeit) und dem Erfolgsanreiz gemäß dem Risiko-Wahl-Modell von Atkinson (1957)
Heckhausen (1963, 1989) hat darauf hingewiesen, dass es sich beim Atkinson’schen Leistungsmotiv nicht um ein typologisch trennscharfes Entweder-Oder-Konzept handelt, sondern um ein Kontinuum zwischen Erfolgszuversichtlichkeit und Misserfolgsängstlichkeit. Um die Auswirkungen der individuellen Motivausprägung auf das Verhalten in Lern- und Leistungssituationen besser zu verstehen, wurden in der Regel Extremgruppenvergleiche durchgeführt, d. h. Personen mit überwiegender Erfolgszuversicht wurden mit solchen verglichen, bei denen die Misserfolgsängstlichkeit überwog. Dabei zeigte sich, dass sich auch die Erfolgszuversichtlichen nicht exakt nach dem Risiko-Wahl-Modell verhielten, sondern dass sie tendenziell etwas riskanter agierten und eher höhere Aufgabenschwierigkeiten wählten. Die Misserfolgsmotivierten zeigten sich in den empirischen Studien insgesamt als weniger konsistente Gruppe. Wie von Atkinson vermutet wählten einige von ihnen eher zu leichte, andere eher zu schwere Aufgaben.
Aber nicht nur bei der Wahl unterschiedlich schwieriger Aufgaben unterscheiden sich Erfolgszuversichtliche und Misserfolgsängstliche. Auch hinsichtlich der Ausdauer, mit der sie vorgelegte Aufgaben bearbeiten, zeigen sich systematische Unterschiede: Erfolgsmotivierte sind insgesamt ausdauernder als Misserfolgsängstliche. Zusätzlich zeigt sich jedoch ein differenzielles Befundmuster: Während Erfolgsmotivierte besonders ausdauernd sind, wenn sie mit einer als leicht eingestuften, jedoch bislang nicht gelösten Aufgabe konfrontiert werden, zeigen Misserfolgsängstliche eine größere Ausdauer, wenn die bislang noch nicht gelöste Aufgabe als extrem schwer eingestuft war.
Angesichts der (dem Modell nach optimalen) Bevorzugung mittelschwerer Anforderungen, eines realistischeren Anspruchsniveaus und den damit verbundenen »vernünftigeren« Zielsetzungen und der zusätzlich größeren Ausdauer von Lernenden mit dominanter Erfolgszuversicht, sollte man nun erwarten, dass die Erfolgsmotivierten auch erfolgreicher lernen. In experimentellen Studien zum kurzfristigen Behalten von Informationen fand sich jedoch nur selten ein Leistungsvorteil Erfolgsmotivierter. Heckhausen (1989) und Rheinberg (1996) diskutieren verschiedene Gründe für diese Befundlage: Zum einen ist ein Zusammenhang zwischen dem Erfolgsmotiv und der Lernleistung nur bei einem hinreichenden Anregungsgehalt der Lernsituation zu erwarten. Nur wenn eine Lernsituationen überhaupt als ernsthafte Prüfsituationen der persönlichen Tüchtigkeit eingeschätzt wird und nur wenn die Lernenden meinen, ein mögliches Handlungsergebnis sei ausschließlich von ihrem persönlichen Einsatz und/oder von ihrer eigenen Kompetenz abhängig, können Unterschiede im Leistungsmotiv zum Tragen kommen. Zum anderen ist für das Ausmaß der investierten Anstrengung nicht nur die Dominanz des erfolgszuversichtlichen Leistungsmotivs, sondern auch die Motivationsstärke entscheidend. So unterscheiden sich Erfolgsmotivierte in der Stärke ihres Leistungsmotivs zum Teil erheblich voneinander und die Intensität und Ausdauer ihrer Bemühungen hängen von der Motivstärke ab. Schließlich ist zu beachten, dass vermehrte Lernanstrengungen und eine erhöhte Ausdauer nicht zwangsläufig auch zu einer besseren Lernleistung führen müssen. Ein Schüler mit stark ausgeprägtem Leistungsmotiv mag viel Zeit und Anstrengung in die Vorbereitung einer Klausur investieren und dabei viele Seiten im Schulbuch lesen. Das garantiert aber nicht, dass die Inhalte auch so gründlich verarbeitet werden, wie es für das Beantworten der Klausurfragen erforderlich wäre. Der Umfang, also das zeitliche Ausmaß des motivierten Lernverhaltens und seine Qualität können also durchaus auseinanderklaffen.
Betrachtet man anstelle der kurzzeitigen Lernergebnisse aus den laborexperimentellen Studien die Resultate langfristiger kumulativer Lernprozesse, so werden die Vorteile eines erfolgszuversichtlichen Leistungsmotivs eher deutlich. Ruhland, Gold und Feld (1978) berichteten über bessere Schulleistungen der Erfolgsmotivierten – zumindest dann, wenn sie bei ihrem Lernverhalten nicht in Rollenkonflikte verwickelt und in ihren Klassen sozial gut integriert waren. Zu Rollenkonflikten kann es für die erfolgreich Lernenden kommen, wenn ihr »vorbildliches« Lern- und Leistungsverhalten von den Lehrpersonen (positiv) und von Mitschülern davon abweichend (zurückhaltend) bewertet wird. In einer retrospektiven Befragung von Studentinnen und Studenten fand Ludwig (1982) Leistungsvorteile der Erfolgsmotivierten. Durch das Ausmaß der Erfolgszuversicht ließen sich 36 % der Varianz selbst berichteter Lernaktivitäten während des Studiums vorhersagen, 17 % der Varianz der Studienleistungen und immerhin noch 12 % der Varianz des Abiturdurchschnitts.
Studie: Auswirkungen des Leistungsmotivs auf die Leistung bei komplexen Lernanforderungen
Bei komplexen Lernanforderungen geht es oft darum, Probleme zu lösen, bei denen eine Vielzahl von Parametern zu berücksichtigen sind. Ein didaktisch beliebtes Instrument zum Einüben komplexen Problemlösens stellen Computersimulationen dar. Hesse, Spies und Lüer (1983) setzten ihre Versuchspersonen vor ein computersimuliertes Problem, das sie lösen sollten. Es handelte sich dabei um den Ausbruch einer Epidemie in einer kleinen Stadt. Die Anforderung bestand darin, als Leiter der Gesundheitsbehörde der Stadt innerhalb von 20 simulierten Wochen die Zahl der erkrankten Personen so weit wie möglich zu reduzieren. Experimentell variiert wurde die »Stärke der persönlichen Betroffenheit« über die Gefährlichkeit der Epidemie, die Realitätsnähe mit der die Situation vorgestellt wurde und die Betonung der persönlichen Verantwortung. Während bei geringer persönlicher Betroffenheit die Lösungsgüte von Erfolgsmotivierten und Misserfolgsmotivierten vergleichbar war, erzielten die Erfolgszuversichtlichen bei hoher persönlicher Betroffenheit eine weitaus bessere Leistung.
Attributionsstile
Dass wir nach Gründen und Ursachen für die Ereignisse um uns herum suchen, scheint zur Natur des Menschen zu gehören. In der Psychologie spricht man von Kausalattributionen, wenn wir Ereignissen, die wir wahrnehmen, Ursachen zuschreiben. Zu solchen Ursachenzuschreibungen kommt es auch im Zusammenhang mit Leistungsergebnissen in Lern- und Leistungssituationen, insbesondere in Folge von Leistungsbewertungen durch Benotung. Erlebt man z. B. das Resultat in der letzten Klausur als einen persönlichen Erfolg, dann hat man dafür ebenso schnell eine Erklärung parat (z. B. »Die Klausur war nicht besonders schwer«) wie im Falle eines subjektiv erlebten Misserfolgs (z. B. »Ausgerechnet das Thema, das behandelt wurde, als ich krank war, kam dran«).
Weiner (z. B. 1979, 1992) hat Kausalattributionen in Leistungssituationen systematisch erforscht und auf schulisches Lernen bezogen. Er stellte dabei fest, dass unterschiedliche Arten der Ursachenzuschreibung einen Einfluss darauf haben, ob wir bei der nächsten Lernanforderung eher einen Erfolg oder einen Misserfolg erwarten, welche emotionalen Befindlichkeiten wir gegenüber Lernanforderungen entwickeln und wie wir uns in nachfolgenden Lern- und Leistungssituationen verhalten.
Weiner (1992) unterscheidet drei Dimensionen der Ursachenzuschreibung: die Lokation (den Ort der vermeintlichen Ursache), ihre zeitliche Stabilität und ihre subjektive Kontrollierbarkeit. Die Lokationsdimension ist für die erlebten Selbstbewertungsaffekte entscheidend. Der Ort einer Ursache kann entweder internal, d. h. in der Person selbst, oder external, d. h. in äußeren Gegebenheiten liegen. Internale Ursachenzuschreibungen (z. B. die eigene Fähigkeit oder die investierte Anstrengung) führen bei Erfolgserlebnissen zu Stolz, bei erlebtem Misserfolg zu Beschämung. Die wahrgenommene zeitliche Stabilität einer Ursache beeinflusst dagegen die Erwartungen darüber, wie man künftig abschneiden wird. Glaubt man, dass ein erlebter Misserfolg auf zeitlich stabile Faktoren (z. B. auf eine geringe eigene Fähigkeit) zurückzuführen ist, reduziert sich die Erwartung, beim nächsten Versuch eine entsprechende Aufgabe erfolgreich lösen zu können. Erklärt man das Scheitern bei einer Aufgabe eher mit zeitlich variablen Ursachen (wie z. B. störendem Lärm oder großer Hitze), führt das eher zu der Erwartung, bei einem weiteren Versuch, besser abzuschneiden.
Die Dimension der Kontrollierbarkeit ist für die Intensität der Affekte und Erwartungen verantwortlich. Handelt es sich bei den Attributionen nach erlebtem Erfolg um selbst kontrollierbare Ursachen (z. B. die investierte Anstrengung), dann werden der erlebte Stolz sowie die zuversichtliche Erwartung für künftige Leistungen umso intensiver ausfallen. Einige typische Ursachenzuschreibungen nach einem erlebten Misserfolg in einer Klassenarbeit sind in
Abbildung 2.10 dargestellt.
Abb. 2.10: Typische Ursachenzuschreibung nach Misserfolg im Rahmen des Klassifikationsschemas nach Weiner (1992)
Eher erfolgsmotivierte Personen unterscheiden sich von den eher misserfolgsängstlichen Personen in systematischer Weise in ihren Kausalattributionen nach Erfolg und Misserfolg (Meyer, 1973), so dass man in der Literatur von Attributionsstilen spricht.
Danach haben Erfolgsmotivierte die Tendenz, eigene Erfolge internalen Faktoren, insbesondere der eigenen Fähigkeit zuzuschreiben. Bei Misserfolg ist dagegen die Stabilitätsdimension entscheidend. Erfolgszuversichtliche schreiben Misserfolge zeitvariablen Faktoren (z. B. mangelnder Anstrengung, Pech) zu. Diese Voreingenommenheit der Ursachenerklärung macht Leistungssituationen zu Gelegenheiten, bei denen man im Erfolgsfall hoch positive Selbstbewertungsaffekte erlebt. Im Misserfolgsfall kann zwar auch Ärger auftreten. Wegen der Zeitvariabilität der Attribution bleibt aber die Aussicht auf Erfolg bei einem erneuten Versuch. Dieses Attributionsmuster wirkt also auf Erwartung und Anreiz motivational ausgesprochen günstig.
Die typische Ursachenerklärung von Misserfolgsängstlichen fällt dagegen deutlich ungünstiger aus. Im Vergleich zu Erfolgszuversichtlichen erklären sie eigene Misserfolge häufiger mit einem Mangel an Fähigkeit. Eigene Erfolge werden dagegen häufiger dem Glück oder der Aufgabenleichtigkeit zugeschrieben. Damit haben Leistungssituationen im Erfolgsfall geringen Belohnungswert. Im Misserfolgsfall führt dagegen dieses Attributionsmuster zu starker Betroffenheit und nimmt zugleich die Hoffnung auf künftig besseres Abschneiden. (Rheinberg & Vollmeyer, 2019, S. 93)
Man unterscheidet zwischen selbstwertunterstützenden und motivationsfördernden Attributionen. Als selbstwertunterstützend gelten Attributionen, die Leistungserfolge eher internal, Misserfolge external attribuieren. Als motivationsförderlich gilt es darüber hinaus, einen erlebten Misserfolg internal-variabel, d. h. durch eine zu geringe eigene Anstrengung zu erklären.
Lernrelevante Selbstkonzepte
Vergleicht man die Unterschiede in den Attributionsstilen von Erfolgsmotivierten und Misserfolgsängstlichen, so wird deutlich, dass die Attributionen erfolgszuversichtlicher Personen günstiger für die Selbstbewertung sind: Die internale Attribuierung von Erfolgserlebnissen erhöht mit jedem Erfolgserlebnis zugleich das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Glücklicherweise tendieren Menschen häufig zu einer selbstwertdienlichen Verzerrung bei der Ursachenzuschreibung nach Erfolg. So analysierten Möller und Köller (1999) die spontanen Attributionen nach Examensprüfungen und nach der Rückgabe von Klassenarbeiten. Vor allem erwartungswidrige Noten führten zu vermehrter Ursachensuche. Selbst Schülerinnen und Schüler mit einem eher geringen Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit begründeten eine erwartungswidrig gute Leistung häufig spontan mit der eigenen Fähigkeit. Solche Ursachenzuschreibungen sind geeignet, das Selbstkonzept der eigenen Fähigkeiten zu erhöhen.
Es ist wenig verwunderlich, dass bei Erfolgsmotivierten im Vergleich zu Misserfolgsängstlichen in der Regel ein günstigeres Fähigkeitsselbstkonzept zu finden ist. Wir haben oben dargelegt, dass das Anspruchsniveau und die subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit in entscheidender Weise für die Motivierung in Lern- und Leistungssituationen verantwortlich sind. Diese individuelle Erwartungskomponente der Leistungsmotivation hängt unmittelbar davon ab, inwieweit sich eine Person im aktuellen Anforderungskontext als begabt oder fähig einschätzt. Wer sich für sehr kompetent hält, setzt sich auch hohe Ziele.
Die asymmetrischen Attributionsstile Erfolgsmotivierter und Misserfolgsängstlicher lassen vermuten, dass sich letztere als weniger kompetent erleben. Tatsächlich finden sich in der Mehrzahl einschlägiger Studien auch entsprechende Zusammenhänge zwischen dem Leistungsmotiv und der Einschätzung der eigenen Fähigkeit. Interessanterweise deuten zudem die Befunde der von Meyer (1984) zusammengetragenen Untersuchungen darauf hin, dass Erfolgsmotivierte im Vergleich zu Misserfolgsängstlichen auch dann ein besseres und realistischeres Fähigkeitsselbstkonzept zeigen, wenn sich beide Gruppen nicht in ihrem tatsächlichen Fähigkeitsniveau unterscheiden.
Beispiel: Fähigkeitsselbstkonzept als Abbild der eigenen Fähigkeit?
Individuelle Einschätzungen der eigenen Begabungen und Fähigkeiten entsprechen nicht immer den tatsächlichen Begabungen und Fähigkeiten. Häufig kommt es zu Über- oder Unterschätzungen. Dennis glaubt z. B. ein guter Fußballspieler zu sein, obwohl ein (sozialer) Vergleich mit den Klassenkameraden im Sportunterricht diese Selbsteinschätzung leicht widerlegen könnte. Dennoch hat die (positive) Selbsteinschätzung Konsequenzen, indem Dennis einem Fußballverein beitritt und mit der Zeit seine Spielstärke tatsächlich verbessert. Andere glauben, nicht singen zu können, obwohl sie es nie richtig ausprobiert haben. Aber das negative Selbstkonzept bewirkt, dass sie sich nicht zutrauen, im Schulchor mitzusingen, obwohl sie es wegen der netten Leute gerne täten.
Das Fähigkeitsselbstkonzept ist in der Regel zeitlich recht stabil. Dennoch verändert es sich bisweilen erstaunlich schnell und deutlich, wenn sich der schulische Kontext verändert und das mit ihm verbundene Leistungsniveau der Lerngruppe. In einer Längsschnittuntersuchung zum Wechsel von der Grundschule zur Sekundarschule mit über 600 Schülerinnen und Schülern fanden Jerusalem und Schwarzer (1992), dass sich das schulbezogene Fähigkeitsselbstkonzept der leistungsschwächeren Viertklässler beim Wechsel auf die Hauptschule innerhalb weniger Monate deutlich verbesserte. Mit Marsh (1987, 2005) lässt sich dieses Phänomen auf den »Big-Fish-Little-Pond«-Effekt (BFLPE) zurückführen: Zwei Lernende mit gleichem Leistungsniveau besuchen Schulen mit unterschiedlichem Leistungsanspruch. Der Lernende in der Schule mit dem niedrigeren Leistungsniveau zieht einen für den Selbstwert günstigeren sozialen Vergleich, da er zu den Leistungsstarken in seiner Klasse gehört (großer Fisch im kleinen Teich). Sein Fähigkeitsselbstkonzept entwickelt sich deshalb positiv. Der andere, grundsätzlich gleich Leistungsfähige, der die leistungsstärkere Schule besucht, gehört eher zu den Leistungsschwächeren seiner Klasse (kleiner Fisch im großen Teich); entsprechend wird sich sein Fähigkeitsselbstkonzept aufgrund der sozialen Vergleiche negativ entwickeln.
Dem auf sozialen Vergleichen basierenden negativen Bezugsgruppeneffekt kann bisweilen die positive Tendenz entgegenwirken, das eigene Selbstkonzept deshalb höher einzustufen, weil man sich des anspruchsvollen Kontextes bewusst ist, innerhalb dessen man sich bewegt (»Basking-In-Reflected-Glory«-Effekt). Dieser Effekt könnte beispielsweise in Eliteschulen oder -universitäten auftreten. In vielen Fällen wird es vermutlich zu einer Konfundierung von BFLP-Effekten mit Effekten der »ruhmreichen Umgebung« kommen. In seiner Bedeutsamkeit für die schulische Leistungsentwicklung scheint allerdings der BFLP-Effekt der stärkere zu sein (Marsh, Kong & Hau, 2000; Trautwein & Lüdtke, 2005).
Überschrieben haben wir dieses Teilkapitel mit »Motivation und Selbstkonzept«, da dem Selbstkonzept eigener Fähigkeiten für ein motiviertes Lernverhalten eine entscheidende Rolle zukommt. Sowohl in der Selbstbestimmungstheorie als auch in der Theorie der Leistungsmotivation spielt der Grundgedanke eine zentrale Rolle, dass die Initiierung von Lernhandlungen etwas mit den Vorstellungen, Einschätzungen und Bewertungen zu tun hat, die die eigene Person betreffen. Seit Mitte der 1970er Jahre hat sich daher eine eigene Forschungstradition zum Thema Selbstkonzept etabliert. Als Selbstkonzept bezeichnet man die Wahrnehmung und Einschätzung eigener Fähigkeiten und Eigenschaften. Von Beginn an wurde angenommen, dass das Selbstkonzept eine multidimensionale und hierarchische Struktur aufweist. Das Selbstbild einer Person differenziert sich demnach zunächst einmal in verschiedene Inhaltsbereiche (Shavelson, Hubner & Stanton, 1976), vor allem in einen akademischen und einen nicht-akademischen Bereich. Wo der akademische Bereich angesprochen ist, geht es um die Selbstwahrnehmung eigener schulischer Fähigkeiten. Das nicht-akademische Selbstkonzept umfasst hingegen körperbezogene und soziale Aspekte der Selbstwahrnehmung, wie z. B. ein Selbstkonzept der eigenen Sportlichkeit, ein Selbstkonzept des Aussehens, ein Selbstkonzept für die Beziehungen zu Peers und eines für die Beziehung zu den Eltern (Marsh, 1990). Eine hierarchische Struktur des Selbstkonzepts impliziert, dass sich Selbstkonzepte verschiedener Inhaltsbereiche zu übergeordneten Dimensionen zusammenfassen lassen. Die Multidimensionalität des Selbstkonzepts hat sich im Vergleich zum hierarchischen Struktur-Charakter als das prägendere Merkmal erwiesen. So differenziert sich das akademische Selbstkonzept schon im frühen Schulalter aus und umfasst die Einschätzung und Bewertung so unterschiedlicher Inhaltsbereiche wie des Rechnens sowie des Lesens und des Schreibens (Byrne, 1996). In späteren Schuljahren zeigen Schülerinnen und Schüler separate Selbstkonzepte für verschiedene Schulfächer. Marsh, Craven und Debus (1999) warfen darüber hinaus die Frage auf, ob nicht die Bereichsspezifität des akademischen Selbstkonzepts noch weiter ausdifferenziert werden müsste, indem jeweils zwischen einer Kompetenz- (wie gut meine ich etwas zu können) und einer Affektdimension der Selbsteinschätzung (wie gerne mag ich etwas) unterschieden wird. So haben Arens, Yeung, Craven und Hasselhorn (2011) eine Studie vorgelegt, deren Ergebnisse tatsächlich in diesem Sinne für eine »zweifache Multidimensionalität« des akademischen Selbstkonzeptes sprechen. Dass es funktional angemessen ist, zwischen einer Kompetenz- und einer Affektdimension der Selbsteinschätzung zu unterscheiden, zeigte sich nämlich daran, dass allein die Kompetenz- und nicht die Affektdimension des Selbstkonzepts mit dem Leistungsverhalten der Schüler kovariierte.
Fokus: Selbstkonzept als Wertkomponente in der Erwartungs-mal-Wert-Theorie von Eccles und Wigfield (2020)
Die Trennung in eine Kompetenz- und Affektdimension akademischen Selbstkonzepts entspricht auch der oben beschriebenen sehr verbreiteten Weiterentwicklung des Risiko-Wahl-Modells durch Eccles und Wigfield (2020). Hier wird die schulische Motivation in eine Erwartungs- und in eine Wertkomponente unterteilt. Die Erwartungskomponente beinhaltet Selbstwahrnehmungen eigener Fähigkeiten und Erfolgserwartungen und wird in empirischen Untersuchungen entsprechend häufig durch das akademische Selbstkonzept erfasst. Die Wertkomponente bildet den Anreizaspekt von Tätigkeiten ab und kann ihrerseits in vier Unterfacetten aufgeteilt werden: intrinische Motivation (Freude, Interesse), Nützlichkeit (Passung zu zukünftigen Plänen und Zielen der eigenen Person), Relevanz (subjektive Bedeutsamkeit guter Leistungen und Erfolge für die eigene Person) und Kosten (die zu investierende Anstrengung und die Opportunitätskosten).
Für die Genese des akademischen Selbstkonzepts sind vor allem Leistungsrückmeldungen signifikanter Anderer (z. B. von Lehrpersonen) sowie soziale und dimensionale Vergleiche bedeutsam. So vergleichen Kinder und Jugendliche ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen nicht nur mit denen der Anderen (sozialer Vergleich), sondern sie vergleichen auch ihre eigenen Leistungen in den verschiedenen Lernbereichen miteinander, z. B. ihre Leistungen in den sprachlichen mit ihren Leistungen in den naturwissenschaftlichen Fächern (dimensionaler Vergleich).
Fokus: Das Modell des »Internal vs. External Frame of Reference« (I/E-Modell)
Das I/E-Modell von Marsh (1990) erklärt, wie es zur Ausdifferenzierung des akademischen Selbstkonzepts in einen mathematischen und verbalen Bereich kommt. Grundlage ist das Zusammenspiel von zwei simultan ablaufenden Vergleichsprozessen. In einem sozialen (externalen) Vergleich vergleichen Schülerinnen und Schüler ihre eigenen fachlichen Leistungen mit den Leistungen der anderen ihrer Klasse im gleichen Fach. Da Schülerinnen und Schüler, die gut in Deutsch sind, oft auch gut in Mathematik sind, sollte der soziale Vergleichsprozess dazu führen, dass diejenigen mit einem positiven verbalen Selbstkonzept auch über ein eher positives mathematisches Selbstkonzept verfügen. Wenn diese Annahme stimmt, sollte es also positive Korrelationen zwischen dem verbalen und dem mathematischen Selbstkonzept geben.
Die Empirie sieht jedoch anders aus. Zumeist finden sich keine bedeutsamen Korrelationen zwischen dem verbalen und dem mathematischen Selbstkonzept. Verantwortlich ist dafür ein zweiter Vergleichsprozess. Beim dimensionalen (internalen) Vergleich werden die eigenen Leistungen in einem Fach den eigenen Leistungen in einem anderen Fach gegenübergestellt. Dieser Vergleichsprozess bewirkt einen Kontrasteffekt, wodurch das Selbstkonzept für den akademischen Bereich gestärkt wird, für den die individuell besten Leistungen wahrgenommen werden. Nimmt ein Schüler z. B. wahr, dass er besser in Mathematik ist als in Deutsch, so wird sein mathematisches Selbstkonzept gestärkt, sein verbales Selbstkonzept jedoch geschwächt. Somit führt der dimensionale Vergleich am Ende dazu, dass es zu einem negativen Zusammenhang zwischen dem mathematischen und verbalen Selbstkonzept kommt. Durch das Zusammenspiel des externalen und des internalen Vergleichsprozesses kommt es letztlich zu einer Unabhängigkeit des mathematischen vom verbalen Selbstkonzept, da sich der positive Zusammenhang nach dem sozialen Vergleichsprozess und der negative Zusammenhang nach dem dimensionalen Vergleichsprozess ausgleichen.
Das Zusammenspiel von sozialen und dimensionalen Vergleichsprozessen erklärt auch die Bereichsspezifität des Einflusses der Schulleistung auf das Selbstkonzept (Marsh & Craven, 2006). So konnte gezeigt werden, dass gute Mathematikleistungen sich positiv auf das Selbstkonzept in Mathematik, aber negativ auf das verbale Selbstkonzept auswirken. Ebenso beeinflussen gute verbale Leistungen das verbale Selbstkonzept positiv, das mathematische Selbstkonzept jedoch negativ. Der positive Einfluss von Leistung auf das Selbstkonzept innerhalb eines Inhaltsbereichs lässt sich auf den vom I/E-Modell angenommenen sozialen Vergleichsprozess zurückführen, während der negative Einfluss auf das Selbstkonzept in anderen Inhaltsbereichen durch den dimensionalen Vergleichsprozess bedingt zu sein scheint.
Das I/E Modell hat die Forschung zu dimensionalen Vergleichen vorangetrieben und zu einer Theorie dimensionaler Vergleiche geführt, die sich mit den Determinanten und Auswirkungen dimensionaler Vergleiche befasst. In diesem Zuge wurde das »Generalized Internal/External Frame of Reference« (GI/E) Modell entworfen (Möller, Müller-Kalthoff, Helm, Nagy & Marsh, 2016). In diesem Modell wird das klassische I/E-Modell weiterentwickelt: Nun wird berücksichtigt, dass nicht nur Leistungen Gegenstand dimensionaler Vergleiche sein können und dass sich dimensionale Vergleiche nicht nur auf Selbstkonzepte, sondern auch auf andere motivationale und emotionale Merkmale auswirken können. Auch wird die im klassischen I/E-Modell fokussierte Kontrastierung zwischen dem mathematischen und verbalen Bereich durch die Hinzunahme weiterer Schulfächer ergänzt. Wolff et al. (2019) haben zusätzlich das Zusammenspiel sozialer und dimensionaler Vergleiche um das Wirken temporaler Vergleiche (Vergleich der eigenen aktuellen Leistungen mit eigenen früheren Leistungen) ergänzt.
Für den individuellen Lernerfolg ist das Selbstkonzept von hoher Relevanz. Dies belegt vor allem der empirisch gesicherte Zusammenhang zwischen Selbstkonzept und schulischer Leistung (Guay, Ratelle, Roy & Litalien, 2010; Marsh & Craven, 2006). Für die Erklärung des Zusammenhangs von Selbstkonzept und Leistung findet man zwei gegensätzliche theoretische Erklärungsansätze. Nach dem Self-Enhancement-Ansatz stellt das Selbstkonzept eine Determinante der schulischen Leistung dar, während der Skill-Development-Ansatz davon ausgeht, dass es die schulische Leistung ist, die das Selbstkonzept beeinflusst (Guay, Marsh & Boivin, 2003). Die Unterscheidung dieser beiden Ansätze ist nicht nur von theoretischer, sondern auch von praktischer Relevanz. So geht der Self-Enhancement-Ansatz davon aus, dass sich eine Verbesserung des Selbstkonzepts direkt in einer Verbesserung des individuellen Lernzuwachses niederschlägt (Haney & Durlak, 1998). Von einer gezielten Förderung des Selbstkonzepts wären demnach positive Effekte auf die schulische Entwicklung zu erwarten. Auf der Grundlage des Skill-Development-Ansatzes wäre aufgrund der hypothetisch gegenteiligen Wirkrichtung die pädagogische Konsequenz jedoch eine andere. Da beide Ansätze in der Literatur vielfach Untermauerung gefunden haben (Valentine, DuBois & Cooper, 2004), wird mittlerweile davon ausgegangen, dass sowohl die schulische Leistung einen Einfluss auf das Selbstkonzept ausübt, als auch das Selbstkonzept die Leistungsentwicklung beeinflusst (Wu, Guo, Yang, Zhao & Guo, 2021).
Studie: Ist der Entwicklungszusammenhang zwischen Selbstkonzept und Leistung tatsächlich reziprok?
Die vielen empirischen Bestätigungen einer bidirektionalen Beziehung zwischen Selbstkonzept und Leistung basieren zumeist auf Variationen des klassischen Cross-Lagged-Panel-Modells. Anhand eines Längsschnittdatensatzes mit mehr als 2.000 Grundschulkindern, von denen zwischen Ende der 1. und Mitte der 4. Klasse das Lese-Selbstkonzept und die Leseleistung erhoben wurden, prüften Ehm, Hasselhorn und Schmiedek (2019) den Entwicklungszusammenhang zwischen Selbstkonzept und Leistung mit einer Reihe neuerer statistischer Modelle, etwa dem Random-Intercept Cross-Lagged Panel Model. Es ergaben sich deutliche Unterschiede in den Ergebnissen in Abhängigkeit davon, ob die klassische oder eine neuere Analysemethode gewählt wurde. Während Effekte von der Leistung auf das Selbstkonzept in allen Modellierungen nachgewiesen werden konnten, fand sich für den umgekehrten Effekt unter Anwendung der neueren statistischen Modelle kaum Evidenz. Übereinstimmend damit kommen Wu et al. (2021) in ihrer Metaanlyse zu der Schlussfolgerung, dass im Grundschulalter wohl vor allem der Skill-Development-Ansatz zutreffend sein sollte und dass die Annahme des reziproken Wirkzusammenhangs erst für ältere Jahrgangsstufen gültig ist.
Aber kommen wir abschließend noch einmal auf das Verhältnis von Leistungsmotiv und Fähigkeitsselbstkonzept zurück. Ob das Leistungsmotiv das Fähigkeitsselbstkonzept determiniert oder ob sich der Kausalzusammenhang gerade anders herum darstellt, ist genauso schwer zu beantworten wie das berüchtigte Henne-Ei-Problem. Da allerdings die theoretischen Modellvorstellungen zum Leistungsmotiv im Vergleich zu denen des Selbstkonzepts elaborierter ausfallen, scheint uns die Konzeption des Leistungsmotivs besser geeignet, interindividuelle Unterschiede individueller motivationaler Voraussetzungen des Lernens zu umschreiben. Um deutlich zu machen, dass das Selbstkonzept (oder auch das verwandte Konzept der Selbstwirksamkeitserwartungen) nicht schon vollständig in der motivationspsychologischen Theorie des Leistungsmotivs enthalten sind, sprechen wir vom Lern- und Leistungsmotivsystem als einem relativ zeitstabilen Personmerkmal, das durch die Einschätzungen der eigenen Fähigkeiten, durch differenzielle Attribuierungstendenzen nach Erfolgs- bzw. Misserfolgserlebnissen und durch die assoziierten Zielsetzungen, Selbstbewertungen und damit verbundenen emotionalen Empfindungen näher charakterisiert ist.
2.5 Volition und lernbegleitende Emotionen
Jahrzehntelang hat sich die Motivationspsychologie mit den individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens beschäftigt, die dazu führen, dass überhaupt Lernabsichten gebildet werden. Interesse an den spezifischen Inhalten einer Lernanforderung, die Hoffnung auf Lernerfolg und eine gute Leistung sowie der damit verbundene Wunsch, sich ein weiteres Mal in seinem eigenen Leistungsvermögen bestätigt zu sehen, motiviert zum Lernen. Diese Motive können dazu antreiben, eine Lernabsicht auszubilden und Anstrengungen in die Bewältigung von Lernaufgaben zu investieren. Die Absicht, ein Ziel zu erreichen, ist jedoch bekanntlich nicht identisch mit ihrer Realisierung. Hierfür bedarf es der Initiierung und Ausführung geeigneter Handlungen, die – weil sie ja gewollt sind – als volitional bezeichnet werden (Heckhausen & Kuhl, 1985).
Damit wird eine Thematik wieder aufgegriffen, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Narziß Ach (1905) unter der Bezeichnung »Willenstätigkeit« bzw. »Willensbetätigung« untersucht worden war. Um die Volition einerseits von der Motivation abzugrenzen und andererseits deutlich zu machen, dass beide im Handlungsablauf eng aufeinander bezogen sind, haben Heckhausen, Gollwitzer und Weinert (1987) das Rubikon-Modell zielgerichteter Handlungen formuliert (
Abb. 2.11). Der Grundgedanke dieses Modells ist, dass in dem Moment der Entscheidung für das Umsetzen einer Handlung die Grenzlinie zwischen Motivation und Volition überschritten wird. Heckhausen et al. (1987) haben die Bezeichnung Rubikon-Modell gewählt, um an die folgenreiche Entscheidung Caesars zur bewaffneten Überquerung des Grenzflusses Rubikon zwischen Gallia Cisalpina und Rom (im Jahr 49 v. Chr.) zu erinnern. Das war ein Staatsstreich. Caesar kam damit seiner geplanten Entmachtung durch den römischen Senat zuvor. Von dem Moment an, in dem Caesar seine Absicht zum Überschreiten des Rubikon gefasst hatte, gab es kein Zurück mehr.

Abb. 2.11: Das Rubikonmodell des Handelns nach Heckhausen (1989; modifiziert übernommen aus Rheinberg & Vollmeyer, 2019, S. 223)
Verspürt eine Person einen hinreichend ernsthaften Wunsch, etwas zu tun, so beginnt sie damit, die Machbarkeit und die Konsequenzen seiner Umsetzung und die Wünschbarkeit dieser Konsequenzen zu beurteilen. Dem Rubikon-Modell zufolge befindet sich die Person dabei zunächst in einer realitätsorientierten motivationalen Phase, in der sie offen für alle entscheidungsrelevanten Informationen ist. Insbesondere werden auch negative Informationen sondiert, geradezu so, als wolle die Person sich selbst davon überzeugen, dass es sich nicht lohne, dem Wunsche folgend zu handeln. Nur wenn sich die Überzeugung einstellt, dass die Folgen einer Nicht-Realisierung des Wunsches im Vergleich zu den Folgen seiner Realisierung unannehmbar sind, kommt es zur Intentionsbildung: Aus dem Wunsch wird eine Absicht. Das ist der entscheidende Punkt.
Mit der Absichtsbildung ist der Rubikon überschritten, so dass sich die Bewusstseinslage der Person schlagartig ändert. Die Person tritt in eine realisierungsorientierte Volitionsphase ein, in der vorzugsweise solche Informationen beachtet werden, die für die Realisierung der Absicht relevant sind. Wenn die Absicht etwa darin besteht, einen bestimmten schulischen Bildungsabschluss zu erreichen, dann gewinnen in der Volitionsphase jene psychischen Kräfte an Bedeutung, die über das notwendige »Motiviertsein« und über die notwendige Bereitschaft, Anstrengung zu investieren, hinausgehen. Erst die volitionalen Kräfte ermöglichen es, die Umsetzung der gebildeten Absicht unbeirrt und hartnäckig zu verfolgen. Sie äußern sich z. B. in protektiv-handlungsleitenden Einstellungen und Überzeugungen, so etwa in der Überzeugung, die bevorstehenden Ereignisse und Handlungen selbst vollständig kontrollieren zu können (Gollwitzer, 1991). Erst wenn das eigene Handeln zur Realisierung der Absicht geführt hat, lässt der volitionale Bewusstseinszustand nach. Es kommt dann zur Deaktivierung der Intention und die Person kehrt zurück in einen realitätsorientierten Bewusstseinszustand. In der motivationalen Phase konkurrieren dann erneut die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnislagen, bevor es zu einer neuen Absichtsbildung kommen mag.
Die volitionalen Kräfte zeigen sich in besonderen Verhaltensweisen, die wir gemeinhin als Hinweise auf ein diszipliniertes und gewissenhaftes Lernen werten. Gewissenhaftigkeit wird übrigens auch in der Persönlichkeitspsychologie als eine der zentralen Dispositionen angesehen, in der sich Menschen systematisch voneinander unterscheiden (McCrae & Costa, 1999).
Beispiel: Gewissenhaftigkeit
Seit einiger Zeit hat man sich um eine Klärung der Prädiktionskraft nicht-kognitiver Persönlichkeitsmerkmale für berufliche Leistungen bemüht. Barrick und Mount (1991) kommen nach einer Sichtung vorliegender Daten zu den von McCrae und Costa (1999) postulierten fünf Hauptfaktoren der menschlichen Persönlichkeit (Extraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Erfahrungen) zu folgendem Befund: Nur die Gewissenhaftigkeit ist ein valider Prädiktor der Performanz über alle Stichproben und Berufsgruppen hinweg. Vermutlich handelt es sich bei diesem Konstrukt um ein Konglomerat motivationaler und volitionaler Dispositionen.
Hoch ausgeprägte volitionale Kompetenzen erhöhen die Selbstkontrolle und das Selbstregulationspotenzial. Dies kommt dem Lernenden insbesondere in solchen Lernsituationen zu Gute, in denen die Lernziele relativ global und vage sind.
Angemessen eingesetzte volitionale Kontrolle hilft Personen, das zu tun, was sie tun wollen, indem sie ihre kognitiven, motivationalen und emotionalen Prozesse zielführend regulieren. (Corno & Kanfer, 1993, S. 303)
Der funktionalen Beschreibung von Corno und Kanfer (1993) ist zu entnehmen, dass die Kontrolle unterschiedlichster Prozesse während des Lernens den Kern der Volition ausmacht. Insofern hat das Konzept der Volition große Ähnlichkeiten mit dem in Kapitel 2.3 dargestellten Konzept der Metakognition, das die Potenziale zur Kontrolle und Regulation kognitiver Prozesse beschreibt. Folgt man der Terminologie von Corno und Kanfer (1993), dann ließen sich Metakognitionen auch als Teilmenge der Volition auffassen, denn Volition bezieht sich sowohl auf die Kontrolle der kognitiven als auch auf die Kontrolle der motivationalen und emotionalen Prozesse.
Während wir kognitive und motivationale Prozesse in den vorangehenden Abschnitten dieses Kapitels bereits kennengelernt haben, war von emotionalen Prozessen bisher noch nicht die Rede. Dies wird am Ende dieses Kapitels nachgeholt mit einer kurzen Skizze der bei Lernleistungen relevanten Emotionen. Zunächst führen wir aus, worin die volitionalen Probleme beim Lernen bestehen können, welche Handlungskontrollfunktionen durch volitionale Prozesse erfüllt werden und welche stabilen interindividuellen Differenzen (volitionale Stile) dabei zu beachten sind.
Volitionale Probleme
In der Willenspsychologie werden vor allem drei Arten von Volitionsproblemen unterschieden (Heckhausen, 1989): die Initiierung einer Handlung, ihre Persistenz und, damit eng verknüpft, die Überwindung von Handlungshindernissen. Viele Motivationstheorien gehen implizit davon aus, dass eine Handlung automatisch initiiert wird, wenn nur eine hinreichend starke Motivationstendenz entstanden ist. Häufig ist dies jedoch nicht der Fall, da erst der »richtige Zeitpunkt« zur Realisierung einer eigenen Absicht kommen muss. Motivationstendenzen erhöhen allerdings die Bereitschaft, eine beabsichtigte Handlung auszuführen.
Beispiel: Handlungsinitiierung
Ein durchaus begabter Schüler hat in den letzten Monaten in seinen schulischen Leistungen so deutlich nachgelassen, dass seine Versetzung gefährdet ist. Nach einem klärenden Gespräch mit seinen Eltern entscheidet er sich, die Rückstände in den besonders kritischen Fächern systematisch aufzuarbeiten. Er lässt sich von den Lehrern einen Stoffplan aufstellen und nimmt sich vor, diesen Plan abzuarbeiten. Aber die Nachmittage vergehen, ohne dass er in sein Lernprogramm einsteigt. Irgendwie »steht er sich auf dem Fuß«; es gibt immer irgendwelche Umstände, warum es jetzt gerade nicht gut passt und der Beginn immer wieder verschoben wird. Die Initiierung der ersten Lernschritte, um den Entschluss umzusetzen, wird zum Problem.
Ist die Handlungsinitiierung gelungen, indem beispielsweise der Einstieg in einen komplexen Lernprozess vollzogen wurde, können jedoch weitere volitionale Probleme hinzukommen: Vor allem muss die Handlungstendenz andauern, d. h. sie muss so lange das Handeln leiten, bis das Ziel einer Handlung erreicht ist. In dem oben skizzierten Beispiel wird das Erreichen des Lernzieles vermutlich Wochen oder gar Monate in Anspruch nehmen. In dieser Zeit wird der betroffene Schüler immer wieder neue Probleme der Handlungsinitiierung erleben, wenn es darum geht, einen nächsten Lernschritt zu realisieren. Auch werden sich Hindernisse unterschiedlichster Art auftun (z. B. Ärger, dass ein intensiv bearbeiteter Sachverhalt doch nicht verstanden wurde; Einladung zum Kinobesuch), um eine initiierte Handlungstendenz zu blockieren. Lernende unterscheiden sich in ihrer Fähigkeit, einmal gefasste Lernentschlüsse gegen konkurrierende Handlungsimpulse abzuschirmen und Persistenz im Lernverhalten zu zeigen (»Warum sitze ich eigentlich hier und lerne, wenn ich doch nichts verstehe?«).
Auf einer ersten Stufe besteht Persistenz nur in der Fähigkeit einer unerledigten Handlungstendenz, sich wieder zu melden, wenn die Situation die Aufmerksamkeit nicht anderweitig in Beschlag nimmt und wenn keine andere Handlungstendenz stärker ist. Höhere Anforderungen an Persistenz werden erfüllt, wenn die unerledigte Handlungstendenz die Anregungswirkung starker Stimuli der umgebenden Situation ausblenden kann. Diese Persistenz auf zweiter Stufe könnte noch von einer Persistenz auf dritter Stufe übertroffen werden, wenn es gelänge, einer Handlungstendenz selbst gegen konkurrierende Handlungstendenzen von größerer Stärke zeitweiligen Vorrang zu geben. (Heckhausen, 1989, S. 192)
Volition als Handlungskontrolle
Die Frage, wie es gelingen kann, Handlungsabsichten tatsächlich zu realisieren, zielführende Handlungen zu beginnen und sie allen konkurrierenden Handlungsimpulsen zum Trotz bis zur Zielerreichung andauern zu lassen, ist Gegenstand von Theorien der Selbstregulation bzw. der Handlungskontrolle. Kanfer (1996) hat in seinem Selbstregulationsmodell die Schritte eines selbstregulativen Zyklus am Beispiel des Auftretens von Handlungshindernissen folgendermaßen beschrieben: Wenn es zur Unterbrechung einer Lernhandlung gekommen ist, so wird die Situation (1) zunächst daraufhin beurteilt, ob sie überhaupt noch unter der Kontrolle des Handelnden steht. Ist dies nicht mehr der Fall, wird der Selbstregulationsprozess abgebrochen. Erscheint die Situation hingegen als prinzipiell kontrollierbar, so wird (2) geprüft, ob es sich bei dem aufgetretenen Hindernis um ein wichtiges Anliegen der Person handelt. Ist das der Fall, dann kommt es (3) zu einer Prüfung des erreichten Standes der unterbrochenen Handlung. Dabei wird die Diskrepanz zum Handlungsziel festgestellt und es wird geprüft, inwieweit man sich selbst in der Lage sieht, diese Diskrepanz durch fortgesetzte Handlungen zu verringern. Sieht man die Möglichkeit, die Diskrepanz durch eigenes Tun merklich verringern zu können, werden (4) die notwendigen Bewältigungstätigkeiten initiiert. Bei großer wahrgenommenen Diskrepanz und geringer Kompetenzüberzeugung, diese durch eigenes Tun merklich verringern zu können, wird der Zyklus der Selbstregulation allerdings abgebrochen.
Eine eher funktionale Klassifikation der unterschiedlichen Prozesse der volitionalen Handlungskontrolle stammt von Julius Kuhl (1987, 1996). Kuhl unterscheidet sechs Arten von Strategien, die ein Lernender mit günstigen volitionalen Voraussetzungen einsetzt, wenn sich innere oder äußere Hindernisse der Absichtsrealisierung in den Weg stellen oder wenn die der Handlungsabsicht zugrunde liegende Motivation zu schwach ist und gegen andere, stärkere Tendenzen abgeschirmt werden soll.
Fokus: Strategien der Handlungskontrolle (nach Kuhl, 1996)
1. Aufmerksamkeitskontrolle: Ausblenden von Informationen, die absichtswidrige Motivationstendenzen stärken.
2. Enkodierungskontrolle: Fokussieren der Verarbeitungsfunktionen auf zielrelevante Informationen.
3. Motivationskontrolle: Steigerung der eigenen Motivation, die beabsichtigte Handlung auszuführen.
4. Emotionskontrolle: Beeinflussung eigener Gefühlslagen zur Steigerung der Handlungseffizienz.
5. Misserfolgs- bzw. Aktivierungskontrolle: Unterbinden von Tendenzen, einem Misserfolg lange in Gedanken nachzuhängen und Abstandnehmen von unerreichbaren Zielen.
6. Initiierungskontrolle: Vermeiden übermäßig langen Abwägens von Handlungsalternativen.
Die Anwendung solcher Handlungskontrollstrategien ist hilfreich, aber nicht einfach. Leicht vorstellbar ist, dass es zu mancherlei »Störungen« der Handlungskontrolle kommen kann. Versagt etwa die Emotionskontrolle, dann kann es dazu kommen, dass etwa ein Gefühl der Verärgerung über eine Bemerkung eines Lehrers oder auch ein lähmendes Gefühl, das sich nach einer unangenehmen Nachricht einstellt, nachfolgend zu einer fortgesetzten Unaufmerksamkeit im Unterricht führt, obwohl eigentlich die Absicht bestand, heute besonders gut aufzupassen.
Volitionale Stile
Aus Alltagsbeobachtungen gewinnt man bisweilen den Eindruck, dass sich Menschen systematisch in der Art und Weise unterscheiden, wie sie mit Störungen bei der Umsetzung beabsichtigter Handlungen umgehen. Die Niedergeschlagenheit, die eine unangenehme Nachricht auslösen kann, beeinträchtigt das Lernverhalten der einen Person nur für wenige Stunden, das einer anderen aber für Tage und Wochen. Bei ihr hält das lähmende Gefühl fortwährend an, so dass sie nur noch über ihre missliche Lage nachdenken kann und ihr jeglicher Schwung fehlt, sich auf die neu anstehenden Lernaufgaben zu konzentrieren. Kuhl (1981) hat aufgrund von Beobachtungen dieser Art auf stabile Persönlichkeitsunterschiede in der Herangehensweise an beabsichtigte Handlungen geschlossen. Er unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen lageorientierten und handlungsorientierten Personen.
Der Begriff der Handlungsorientierung bezeichnet eine Disposition, die die erfolgreiche Umsetzung von Absichten in die Tat begünstigt. Handlungsorientierten gelingt die Handlungskontrolle in der Regel besonders gut (Kuhl & Kazen, 2003): Eine missliche Lage führt bei ihnen nicht zu einem übermäßig langen Nachgrübeln darüber, wie es dazu gekommen ist oder wer daran Schuld habe. Stattdessen beginnen sie sehr bald wieder damit, verschiedene Handlungsmöglichkeiten zu generieren. Lageorientierte Personen dagegen verharren in einer Fixierung auf eine eingetretene oder vorgestellte missliche Lage, was ein Verhalten hervorbringt, das wir in Kapitel 1.2 als Phänomen der »erlernten Hilflosigkeit« beschrieben haben.
Die Forschung hat zunächst gezeigt, dass Lageorientierung eigentlich durchaus etwas Positives sein kann: Zögern und Nachdenken kann gegenüber einem allzu schnellen Handeln Vorteile haben, besonders in komplexen Situationen, die zahlreiche, oft gar nicht sofort erkennbare Risiken bergen. Lageorientierte zeigen in der Tat auch bei [komplexeren] Alltagsaufgaben […] (z. B. Erarbeitung eines Lehrbuchtextes) gegenüber Handlungsorientierten Leistungsvorteile, wenn sie nicht unter Zeitdruck gesetzt werden und sich überhaupt in einer relativ entspannten Situation befinden. […] Lageorientierung bringt erst dann mehr Nachteile als Vorteile, wenn der Wechsel zur Handlungsorientierung auch dann nicht mehr gelingt, wenn es wirklich Zeit ist zu handeln. (Kuhl & Kazen, 2003, S. 205 f)
Individuelle Unterschiede in der Handlungs- versus Lageorientierung lassen sich anhand des Fragebogens HAKEMP erfassen (Kuhl & Beckmann, 1994). Dabei werden drei Facetten des volitionalen Stils unterschieden, die von den Autoren als prospektive Handlungs- vs. Lageorientierung (HOP-LOP), als Handlungs- vs. Lageorientierung nach Misserfolg (HOM-LOM) und als Handlungs- vs. Lageorientierung während der Tätigkeitsausführung (HOT-LOT) bezeichnet werden. Diese drei Facetten beziehen sich auf die Initiierung von Handlungen, die man sich vorgenommen hat (d. h. auf die generelle Handlungsbereitschaft), auf die Fähigkeit zur Misserfolgskontrolle (d. h. auf die »erschwerte« Handlungsbereitschaft, nachdem man bereits mit Misserfolgen oder anderen aversiven Ereignissen konfrontiert wurde) sowie auf die Persistenz des Handelns (d. h. auf die Bereitschaft, an einer Tätigkeit festzuhalten).
Beispiel: Der Fragebogen HAKEMP (nach Kuhl & Beckmann, 1994)
Wenn meine Arbeit als völlig unzureichend bezeichnet wird, dann
a. lasse ich mich davon nicht lange beirren (HOM)
b. bin ich zuerst wie gelähmt (LOM)
Wenn ich sehr viele Dinge zu erledigen habe, dann
a. überlege ich oft, wo ich anfangen soll (LOP)
b. fällt es mir leicht, einen Plan zu machen und ihn auszuführen (HOP)
Wenn ich mit einem Nachbarn über ein interessantes Thema rede, dann
a. entwickelt sich leicht ein ausgedehntes Gespräch (HOT)
b. habe ich bald wieder Lust, etwas anderes zu tun (LOT)
Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass der volitionale Stil der Handlungsorientierung an die motivationale Disposition der Erfolgszuversichtlichkeit erinnert und dass auch Ähnlichkeiten zwischen der Lageorientierung und der Misserfolgsängstlichkeit bestehen. Offenkundig besteht ein enger Zusammenhang zwischen den motivationalen und den volitionalen Voraussetzungen des Lernens. Bei aller Ähnlichkeit gibt es jedoch einen entscheidenden Unterschied: Während motivationale Dispositionen entscheidend sind für die vom Lernenden bevorzugten Zielsetzungen und die Auswahl von Aktivitäten, wird die konkrete Realisierung motivierten Verhaltens durch die volitionale Orientierung determiniert. Handlungsorientierte verfügen in der Regel über vollständig und angemessen ausgebildete Absichten, indem ihnen vier Aspekte der Verhaltensplanung gleichermaßen deutlich sind (Kuhl & Beckmann, 1994):
1. der angestrebte zukünftige Zustand,
2. der zu verändernde gegenwärtige Zustand,
3. die zu überwindende Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand und
4. die beabsichtigte Handlung, mit der die Diskrepanz reduziert werden soll.
Bei Lageorientierten findet man demgegenüber häufig sogenannte degenerierte Absichten (Kuhl, 1987) durch eine unausgewogene Präsenz der skizzierten Aspekte. Nach einem Misserfolgserlebnis kreisen z. B. ihre Gedanken nur um den gegenwärtigen Zustand (also den 2. Aspekt). Mit einigem zeitlichen Abstand kommt vielleicht auch der Gedanke ins Spiel, wie schön doch ein Erfolg gewesen wäre (1. Aspekt). Solange jedoch nicht darüber nachgedacht wird, worin die aktuelle Diskrepanz zwischen dem erreichten und dem erwünschten Zustand besteht (3. Aspekt) und vor allem, was man tun könnte, um sie zu überwinden (4. Aspekt), wird es in der aktuellen Lernsituation nur schwerlich zur Realisierung einer notwendigen Handlung kommen.
Die bis hierhin beschriebenen Mechanismen und Prozesse der volitionalen Komponenten des Lernens mögen dem kritischen Leser erstaunlich rational, kühl und in gewisser Weise distanziert erscheinen. Aber entspricht das der von Lernenden subjektiv erlebten Realität? Vermutlich nicht ganz, denn auch Emotionen spielen eine wichtige Rolle für den Erfolg von Lernprozessen. Da ohne die Berücksichtigung der oft mit dem erlebten Erfolg oder Misserfolg in Lernsituationen einhergehenden Emotionen die Betrachtung der nicht-kognitiven individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens unvollständig wäre, wird im Folgenden der Frage nach der Rolle der Emotionen nachgegangen.
Studie: Handlungsorientierung mediiert den Effekt der Gewissenhaftigkeit auf schulische Lernleistungen
Schlüter et al. (2018) untersuchten bei Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe, ob sich ein Einfluss volitionaler Kompetenzen auf schulische Leistungen zeigt, der unabhängig ist von den allgemeinen kognitiven Fähigkeiten und dem oben bereits erwähnten Persönlichkeitsmerkmal der Gewissenhaftigkeit. In multiplen Regressionsanalysen konnte ein bedeutsamer Effekt der Handlungsorientierung nach Misserfolg sowie der prospektiven Handlungsorientierung auf schulische Leistungen nachgewiesen werden, der unabhängig ist von den allgemeinen kognitiven Fähigkeiten und der Ausprägung der Gewissenhaftigkeit bei den Schülerinnen und Schülern. Der Einfluss des Persönlichkeitsmerkmals Gewissenhaftigkeit auf die schulischen Leistungen zeigte sich nur bei hoher Ausprägung der Handlungsorientierung.
Welche Emotionen sind für Lernleistungen relevant?
Man stelle sich einmal vor, wie es wäre, wenn man zwar denken und rational handeln, aber nicht fühlen könnte. Man würde dann keine Angst, keine Wut und keine Traurigkeit mehr verspüren, aber auch keine Freude, keine Hoffnung, keine Zufriedenheit und keine Leidenschaft. Mit anderen Worten: Man lebte ohne Emotionen.
Definition: Emotionen
Unter Emotionen versteht man komplexe Muster körperlicher und mentaler Veränderungen. Sie umfassen physiologische Erregungen, Gefühle, kognitive Prozesse und Reaktionen im Verhalten als Antworten auf eine Situation, die als persönlich bedeutsam wahrgenommen wurde. Diese Muster können relativ überdauernder, dispositioneller Art sein oder aber auch intraindividuell sehr variabel ausfallen. Im letzteren Fall spricht man häufig auch von Stimmungen und ihren Schwankungen.
Auch wenn man sich gelegentlich darüber ärgern kann, dass negative Emotionen erfolgreiches Handeln behindern mögen, so übernehmen Emotionen in unserem Leben doch viele wichtige und nützliche Funktionen. Gefühle ermöglichen, dass wir rasch und flexibel auf wichtige und gefährliche Ereignisse reagieren können. Emotionen und Gestimmtheiten befördern auch die kognitiven Funktionen, indem sie sehr frühzeitig im Prozess der Informationsverarbeitung Einfluss darauf nehmen, worauf wir achten (selektive Aufmerksamkeit) oder wie wir uns selbst wahrnehmen (Selbstkonzept).
Wichtige Überlegungen zur Rolle von Emotionen bei der Informationsverarbeitung hat Gordon H. Bower (1981, 1991) angestellt. In seinem Modell geht er davon aus, dass ein Gefühlszustand, den eine Person in einer bestimmten Situation erlebt, zusammen mit den anderen in dieser Situation wahrgenommenen Ereignissen und Sachverhalten als kontextgebundene Episode im Gedächtnis gespeichert wird. Durch die Einbindung einer Emotion in die Gedächtnisrepräsentation kommt es zu einer stimmungskongruenten Verarbeitung von Informationen und in der Folge auch zur Stimmungsabhängigkeit der Erinnerungsleistung. Unter stimmungskongruenter Verarbeitung versteht man das Phänomen, dass Lernende selektiv solche Informationen verarbeiten (und später abrufen können), die zu ihrer gegenwärtigen Gestimmtheit passen. Stimmungskongruenter Information wird mit größerer Wahrscheinlichkeit Aufmerksamkeit zugewandt, so dass es für diese Information zu einer gründlicheren und tieferen Verarbeitung kommt. Wer in trauriger Stimmung einen Film anschaut, wird sich später eher an das Verhalten einer im Film ebenfalls traurig gestimmten Person und an traurige Details der Filmhandlung erinnern.
Fokus: Neuroanatomie, Emotionen und Lernen
Der besondere Einfluss von Emotionen auf das Lernen und Behalten von Informationen basiert auch darauf, dass in emotional gefärbten Situationen zusätzliche neuronale Strukturen aktiviert sind. In Kapitel 1 wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Hirnstruktur des Hippocampus (
Abb. 1.1) am Lernen durch Konditionierung, aber auch bei der Aktivierung deklarativer Gedächtnisinhalte beteiligt ist. Emotional bedeutsame Reize (z. B. angstbesetzte Ereignisse) führen zu einem »Durchschalten« des Signals in die direkt an den Hippocampus angrenzende Amygdala (Mandelkern). Eine zentrale Unterstruktur des Mandelkerns (Nucleus centralis) leitet die emotionale Information breitgefächert an weitere Systeme des Organismus weiter. Die Amygdala ist an der Enkodierung und beim Abruf von emotionsbesetzten Erinnerungen maßgeblich beteiligt, ob sie auch den Speicherort für solche Gedächtnisinhalte darstellt, ist ungeklärt.
Obwohl die Amygdala bei den nicht-deklarativen emotionalen Erinnerungen und der Hippocampus bei den deklarativen Erinnerungen eine Rolle spielt, arbeiten beide Systeme zusammen, was dazu führen kann, dass lernbegleitende Emotionen das Erinnerungsvermögen verbessern. Dies zeigte sich z. B. in Untersuchungen mit hirngeschädigten Patienten, denen Geschichten erzählt wurden, die durch die Präsentation von Bildern unterstützt wurden. In einer der Geschichten ging es um einen Jungen, der von einem Auto angefahren wurde und notoperiert werden muss. Patienten mit spezifischen Verletzungen der Amygdala erinnerten sich an die nicht-emotionalen Teile der Geschichte genau so gut wie unverletzte Personen. Anders als diese erinnerten sie aber die gefühlsbeladenen Teile der Geschichte nicht besser als die übrigen Inhalte. Patienten mit Verletzungen des Hippocampus bei intakter Amygdala erinnerten sich insgesamt an sehr viel weniger Details der Geschichte, zeigten aber die auch bei den unverletzten Personen gefundene Tendenz, sich an die emotional besetzten Inhalte der Geschichte besser zu erinnern als an die neutralen (Cahill & McGaugh, 1998; Hamann, Cahill, McGaugh & Squire, 1997).
Eine systematische empirische Analyse der Wirkmechanismen, die für den Beitrag der Emotionen zum erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Lernen verantwortlich sind, steht noch aus. Pekrun und Schiefele (1996) nehmen jedoch an, dass sich Emotionen auf wenigstens vier Arten von kognitiven Prozessen auswirken: (1) auf die Auswahl und Nutzung von Strategien, (2) auf die Prozesse der Informationsspeicherung im Langzeitgedächtnis und des Abrufs von Vorwissen, (3) auf die Transformationsprozesse im Arbeitsgedächtnis und (4) auf die Prozesse und Zustände der lern- und leistungsrelevanten Motivationen. Dabei ist davon auszugehen, dass unterschiedliche Emotionen in durchaus unterschiedlicher Weise auf das Lern- und Leistungsverhalten einwirken. Pekrun und Schiefele (1996) unterscheiden diesbezüglich zwischen drei Sorten von Emotionen: positiven, aktivierend negativen und desaktivierend negativen.
Positive Emotionen wie Lernfreude, leistungsbezogene Hoffnungen oder Stolz wirken sich günstig auf die intrinsische Handlungsmotivation aus. Obgleich sie – so wie auch negative Emotionen – das Arbeitsgedächtnis belasten können, dürfte der motivationsfördernde Effekt positiver Emotionen den Nachteil einer zusätzlichen Kapazitätsbelastung mehr als ausgleichen.
Zu den aktivierenden negativen Emotionen gehören Angst und Ärger. Diese stimulieren die psychische und physische Handlungsbereitschaft und damit auch die Nutzung von Lernstrategien. Dennoch sind sie in ihrer Auswirkung oftmals eher schädlich für die resultierende Lernleistung, da sie zugleich Anteile der aufgabenbezogenen Aufmerksamkeit abziehen und damit jene Lernprozesse beeinträchtigen, die eigentlich einer optimalen Kapazitätsausnutzung des Arbeitsgedächtnisses bedürften. Zusätzlich ist bei Zuständen von Angst und Ärger mit einer Reduktion der intrinsischen Motivation zu rechnen.
Hoffnungslosigkeit oder Langeweile fallen in die Gruppe der desaktivierenden negativen Emotionen, weil sie einer tieferen Verarbeitung von Informationen entgegenstehen und die intrinsische (wie auch die extrinsische) aufgabenbezogene Motivation reduzieren. Ebenso wie die aktivierenden negativen Emotionen beeinträchtigen auch die desaktivierenden die notwendige Aufmerksamkeitszuwendung bei der Aufgabenbearbeitung.
Allgemein ist anzunehmen, dass Emotionen wie Langeweile beim Lernen oder auch Angst vor einer bevorstehenden Prüfung Aufmerksamkeit auf aufgabenexterne Aspekte lenken und dadurch kognitive Ressourcen verbrauchen, die für die Bearbeitung von Lernaufgaben benötigt werden. Positive, aufgabenbezogene Emotionen wie Lernfreude sollten hingegen fokussiertes Lernen und Aufmerksamkeit auf aktuelle Tätigkeiten begünstigen und dadurch leistungsfördernd wirken […]. Allerdings deuten Studien […] darauf hin, dass das intensive Erleben sowohl negativer als auch positiver Emotionen ablenkende und dadurch leistungsmindernde Auswirkungen haben kann. […]
Positiv aktivierende Emotionen können Motivation und Anstrengungsbereitschaft steigern. Insbesondere Lernfreude kann dazu beitragen, dass Lernende intrinsisch motiviert arbeiten und sich dabei intensiv mit Inhalten befassen. […] Aber auch ergebnisbezogene Emotionen wie Stolz über eine bestandene Prüfung können dazu führen, dass Lernende zuversichtlich an künftige Aufgaben herantreten und Anstrengung als Mittel zum Zweck, für gute Leistung und deren Konsequenzen, aufbringen. Extrinsische Motivation, wie sie in diesem Falle entsteht, kann zudem durch soziale Leistungsemotionen wie Bewunderung der Erfolge anderer genährt werden.
Im Kontrast hierzu wirken sich negativ deaktivierende Emotionen wie Langeweile oder Hoffnungslosigkeit negativ auf intrinsische wie auch extrinsische leistungsbezogene Motivation Lernender aus […]. Aus dieser reduzierten Motivation kann sich wiederum ein Vermeidungsdrang entwickeln, der Lernende dazu verleitet, angenehmen Alternativbeschäftigungen nachzugehen. (Loderer, Pekrun, Vogl & Schubert, 2021, S. 29 f)
Die in Kapitel 2.3 begonnene Diskussion über Lernstile lässt sich vor dem Hintergrund von Theorien und Befunden zum Einfluss von Stimmungen (d. h. zeitlich variablen Emotionen) auf Lernleistungen fortführen. Es gibt einige Hinweise darauf, dass individuelle Stimmungen und Gestimmtheiten wie eine Art mentaler Schalter dafür verantwortlich sind, ob und wenn ja, auf welche Art und Weise, Information verarbeitet wird (Abele, 1996). So geht z. B. Kuhl (1983) davon aus, dass Informationen je nach Stimmungslage unterschiedlich verarbeitet werden. Negative Emotionen sollen demzufolge eher zu einer detailgenauen und systematischen, sequentiell-analytischen, also »vorsichtigeren« Informationsverarbeitung führen. Positive Emotionen sollen demgegenüber eher eine globale, intuitiv-holistische Verarbeitung auslösen, deren Vorteil darin bestehen soll, dass eine simultane Verarbeitung komplexer Informationen besser gelingt. Wenn sich negative Emotionen in intraindividuell stabilen Dispositionen niederschlagen (z. B. im Sinne einer manifesten Prüfungsangst) und wenn dadurch die Möglichkeiten der Informationsverarbeitung beim Lernen quasi habituell eingeschränkt sind, kann diese Einschränkung durch Maßnahmen volitionaler Kontrolle relativiert werden.
Zusammenfassung
Erfolgreiches Lernen wird durch eine Reihe individueller Voraussetzungen erleichtert. Zu den relevanten individuellen Voraussetzungen gehört die Funktionstüchtigkeit kognitiver (selektive Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis, Vorwissen, Strategien und deren metakognitive Regulation), motivationaler und volitionaler Merkmale.
Die Funktionen der (selektiven) Aufmerksamkeit und der verschiedenen Teilsysteme des Arbeitsgedächtnisses begrenzen die in einer Zeiteinheit verarbeitbaren Informationen. Ein umfangreiches und elaboriertes Vorwissen kann diesen Flaschenhals weiten. Auch mit Hilfe unterschiedlicher kognitiver und metakognitiver Strategien lässt sich die Informationsverarbeitung optimieren.
Günstige motivationale Voraussetzungen sind für den Erfolg des Lernens wichtig. Als dispositionelle Merkmale gelten das Ausmaß an Erfolgszuversicht bzw. Misserfolgsängstlichkeit. Aber auch typische Ursachenzuschreibungen (Attributionen) nach Erfolg und Misserfolg und die spezifischen Selbstkonzepte eigener Begabung sind bedeutsame Einflußfaktoren der Leistungsentwicklung.
Werden aus Wünschen Absichten, dann verändert sich der Bewusstseinszustand einer Person von einer motivationalen Realitätsorientierung zu einer volitionalen Realisierungsorientierung, die psychische Kräfte der hartnäckigen Zielverfolgung mobilisiert.
Auch die den Lernprozess begleitenden Emotionen nehmen Einfluss auf die Art und auf den Erfolg des Lernens, indem sie die Aktivierung der kognitiven und motivationalen Mechanismen begünstigen oder behindern. Sie können auch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass eine Lernabsicht tatsächlich umgesetzt wird. Dieser Einfluss der Emotionen wird wiederum durch einen dispositionellen Rahmen begrenzt, der u. a. durch die volitionalen Besonderheiten der Lernenden vorgegeben ist: die Handlungsorientierung oder die Lageorientierung.
Literaturhinweis
Forsberg, A., Adams, E. & Cowan, N. (2021). The role of working memory in long-term learning: Implications for childhood development. In K.D. Federmeier (Ed.), The psychology of learning and motivation (Vol. 74, pp. 1–45). San Diego: Academic Press.
Loderer, K., Pekrun, R., Vogl, E. & Schubert, S. (2021). Leistungsemotionen in der Schule. Theoretische Grundlagen und aktuelle Befunde. In C. Rubach & R. Lazirides (Hrsg.), Emotionen in Schule und Unterricht: Bedingungen und Auswirkungen von Emotionen bei Lehrkräften und Lernenden (S. 18–44). Opladen: Budrich.
Pressley, M. & Harris, K.R. (2006). Cognitive strategies instruction: From basic research to classroom instruction. In P.A. Alexander & P.E. Winne (Eds.), Handbook of educational psychology (pp. 265–286). Mahwah, NJ: Erlbaum.
Rheinberg, F. & Vollmeyer, R. (2019). Motivation (9. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
3 Ergebnisse erfolgreichen Lernens
Im vorangegangenen Kapitel haben wir erfolgreiches Lernen aus der Perspektive der individuellen Voraussetzungen auf der Seite der lernenden Person beschrieben. Die Frage nach den Folgen bzw. Ergebnissen erfolgreichen Lernens wurde dabei vergleichsweise wenig thematisiert. Sicherlich: Der Erfolg des Lernens macht sich daran fest, wie gut etwas verstanden und wie vollständig es behalten wurde. Betrachtet man einen einzelnen isolierten Lernprozess, so mag es nicht sonderlich schwerfallen, den Grad des Lernerfolgs zu bestimmen. Doch schulisches wie auch außerschulisches Lernen lässt sich nur bedingt als Summe isolierter Lernprozesse beschreiben. Zum Wesen menschlicher Lernvorgänge gehört ihr kumulativer Charakter. Die lernende Person verändert sich in diesem kumulativen Lerngeschehen. Der Erfolg des kumulativen Lernens zeigt sich am Ende darin, dass neue Kompetenzen entstehen. Doch wie sehen solche Kompetenzen aus, die sich als Produkte eines längerfristig erfolgreichen Lernens beschreiben lassen?
In der modernen Lernforschung lassen sich wenigstens drei, nicht ganz voneinander unabhängige Forschungstraditionen identifizieren, in denen die resultierenden Kompetenzen erfolgreicher kumulativer Lernprozesse analysiert und beschrieben werden. Es handelt sich dabei um die Expertiseforschung, um die Erforschung der bereichsübergreifenden Schlüsselkompetenzen und schließlich um die Rekonstruktion gelungenen Lerntransfers. In der Expertiseforschung geht es um die naheliegende Frage, nach welchen Gesetzmäßigkeiten der Erwerb bereichsspezifischen Wissens und Könnens vonstattengeht (
Kap. 3.1). Das Komplement zu dieser Fragestellung ist die Suche nach bereichsübergreifenden Qualifikationen bzw. Kompetenzen als Resultate erfolgreichen Lernens (
Kap. 3.2). Um zu verstehen, wie neu erlernte Kenntnisse und Fertigkeiten in gänzlich anderen Bewährungs- und Anforderungssituationen genutzt werden können, wird abschließend der Begriff des Lerntransfers behandelt (
Kap. 3.3).
Orientierungsfragen
• Was ist eine »bereichsspezifische Expertise«? In welchen Inhaltsbereichen kann man Expertise erwerben?
• Wie kann man zum Experten in einem Inhaltsbereich werden?
• Was versteht man unter bereichsübergreifenden Schlüsselkompetenzen und wie kann man sie erwerben?
• Wann und wodurch kommt es zur Übertragung (zum Transfer) der erlernten Kenntnisse und Fertigkeiten auf neue Anforderungen?
3.1 Erwerb bereichsspezifischer Expertise
Wenn Personen viel über einen Gegenstandsbereich wissen, ist eine notwendige Voraussetzung für eine bereichsspezifische Expertise erfüllt. Hinreichend ist das allerdings noch nicht, denn nicht selten kommt es vor, dass jemand zwar viel weiß, nicht jedoch in der Lage ist, dieses Wissen auch anzuwenden. Man bezeichnet solches Wissen auch als »träge« (Renkl, 1996).
Bereits in Kapitel 2.2 hatten wir darauf hingewiesen, dass Expertenwissen nicht allein durch ein umfangreiches Wissen in einem Bereich charakterisiert ist, sondern dass dieses Wissen auch wohlgeordnet und in umfangreiche Erfahrungen einbettet sein muss. Dort wurde auch auf die Prinzipien eingegangen, anhand derer der National Research Council (2000) die spezifische Wissensqualität von Experten umschrieben hat (z. B. das Erkennen übergeordneter Bedeutungsmuster im Lernmaterial, die Verknüpfung mit einer Vielzahl von Anwendungskontexten, der flexible Wissensabruf ohne große Anstrengung, die variablen und flexiblen Reaktionsmuster in unvertrauten Situationen). Der Begriff der Expertise wird oft so verstanden, dass es sich um ganz außergewöhnliche Leistungen handeln muss. Dabei fallen uns beispielhaft herausragende Experten bzw. Könner für spezifische Inhaltsbereiche ein: so etwa Serena Williams im Tennis oder Mario Götze im Fußball, Herbert von Karajan oder Sir Simon Rattle in der Musik, Bobby Fischer oder Magnus Carlsen im Schach oder Peter Grünberg, der für seine besonderen Leistungen bei der Entdeckung des Riesenmagnetwiderstands (GMR) den Nobelpreis für Physik im Jahr 2007 erhielt. Alle diese Experten haben exzellente Leistungen in ihren Bereichen vorzuweisen. Aber wer wird schon siebenmal Wimbledon-Siegerin, wer gleichzeitig Leiter der Berliner Philharmoniker und der Wiener Staatsoper, wer schon in jungen Jahren Schach- oder Fußballweltmeister und wer Nobelpreisträger?
Die Beschäftigung mit Expertise verleitet leicht zu dem Gedanken, dass dieses Thema nur wenige Auserwählte betrifft. Dies ist aber keineswegs der Fall. Wir fassen den Expertisebegriff breiter. Zu den Zielen von Schule und Bildung gehört es, vielfältige bereichsspezifische Expertisen aufzubauen. Nicht nur wenige, sondern die Mehrzahl der Absolventen westlicher Schulsysteme sind – so betrachtet – Experten in den Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens. In völlig unvertrauten Situationen und Kontexten sind sie nämlich in der Lage, ohne große Anstrengung die Botschaft eines Textes zu entschlüsseln, eine unerwartete Beobachtung schriftlich festzuhalten oder zu beurteilen, ob ein Produkt, das ihnen etwa im Urlaubsland zum Kauf angeboten wird, dort günstiger als zu Hause erworben werden kann.
Um einen Eindruck darüber zu vermitteln, wie breit das Spektrum der bereichsspezifischen Expertisen sein kann, die sich aufgrund kumulativ-erfolgreicher Lernprozesse einstellen, skizzieren wir zunächst, wie die Kompetenzen in den grundlegenden Kulturtechniken des Lesens und Rechnens erworben werden. Dann gehen wir der Frage nach, wie es überhaupt dazu kommt, dass Lernende in einem bestimmten Bereich zu Experten werden. Sind solche Kompetenzen angeboren oder erlernt? Wie viel Zeit benötigt man zum Erwerb einer Expertise? Welche Rolle spielt dabei die gezielte Übung?
Lesen
Um die Inhalte dieses Lehrbuchs verstehen zu können, müssen Sie zunächst einmal Experte im Lesen sein. Lesen zu können mag Ihnen trivial vorkommen. Schließlich können Sie ja lesen – und nicht nur Sie, sondern die meisten Personen, die Sie kennen, ebenfalls. Dennoch ist der Erwerb der Lesefertigkeit alles andere als trivial. Flüssiges und verstehendes Lesen ist die Folge einer langen Kette von Lernprozessen und intensiver Übungszeiten. Nicht immer wird Lesen erfolgreich gelernt – obwohl es eine allgemeine Schulpflicht gibt und der Erwerb schriftsprachlicher Kompetenzen zu den grundlegenden schulischen Lernzielen gehört. Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Anke Grotlüschen kommt in einer 2010 durchgeführten Untersuchung zu dem Ergebnis, dass gut 4 % der Erwerbstätigen in Deutschland Analphabeten sind. Verwendet man die von der UNESCO vorgeschlagene Kategorie des »funktionalen Analphabetismus«, so wären sogar 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland (das sind mehr als 14 %) davon betroffen (Grotlüschen, Riekmann & Bonna, 2010). Eine Wiederholung der Untersuchung zur Literalität der Erwachsenen in Deutschland im Jahr 2018 ergab eine nur leicht geringere Quote von 12 % (Grotlüschen, Buddeberg, Dutz, Heilmann & Stammer, 2020). Vom funktionalen Analphabetismus (oder geringer Literalität) wird gesprochen, wenn Personen nicht in der Lage sind, den Sinn einfachster Texte zu erschließen. In den USA wird die Quote der funktionalen Analphabeten unter den Erwachsenen sogar auf 20 % geschätzt (Adams, 1990).
Lesen ist ein komplexer Prozess. Beim Erwerb der Lesefertigkeit und des Leseverständnisses lassen sich unterschiedliche Stufen bzw. Niveaus identifizieren und es gibt unterschiedliche Komponenten der Lesekompetenz (Scheerer-Neumann, 1997, 2018). Das angestrebte Ziel des Leseunterrichts im Primarschulalter ist zunächst einmal das »flüssige Lesen«. Um dieses Ziel zu erreichen, sind eine Reihe grundlegender Teilkompetenzen zu erwerben. Zu den wichtigsten Teilkompetenzen des flüssigen Lesens gehören das rasche und sichere Erkennen bzw. Wiedererkennen von Wörtern (Dekodieren) sowie das sichere Unterscheiden von Phonemen und die Kenntnis der Graphem-Phonem-Zuordnungsregeln (Rekodieren), die das Erkennen von Wortbedeutungen, das Aussprechen der Wörter und das Integrieren von Wörtern zu einem Satz ermöglicht.
Das Erkennen von Phonemen gilt seit den 1980er Jahren als wichtigste Basiskompetenz des gelingenden Schriftspracherwerbs. Um Phoneme erkennen und verarbeiten zu können, bedarf es der sogenannten phonologischen Bewusstheit, also der Bewusstheit der klanglichen Segmentierung von Sprache (Blachman, 2000). Zur phonologischen Bewusstheit gehört das Wissen, dass Wörter aus Klangeinheiten bestehen und dass über die unterschiedliche Kombination solcher Klangeinheiten Wörter gebildet werden. Eine Sichtung damals vorliegender Längsschnittstudien wies schon in den 1980er Jahren auf einen engen Zusammenhang zwischen Indikatoren der phonologischen Bewusstheit und den späteren Leseleistungen hin (Wagner & Torgesen, 1987). Dieser Zusammenhang bestand unabhängig von Intelligenzunterschieden zwischen den untersuchten Schülern.
Pulsuz fraqment bitdi.