Kitabı oxu: «Vom Leben und Sterben im Alter»

Der Autor
Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse, geboren 1955, verheiratet, zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Studium der Psychologie, Philosophie, Psychopathologie und Musik an den Universitäten Aachen und Bonn sowie an der Musikhochschule Köln. Promotion im Fach Psychologie mit der Note »Summa cum laude et egregia« an der Universität Bonn, Habilitation im Fach Psychologie an der Universität Heidelberg. 1993–1997 Gründungsdirektor und -professor des Instituts für Psychologie der Universität Greifswald, seit 1997 Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg. Zahlreiche internationale und nationale Auszeichnungen, darunter 1st Presidential Award of the International Association of Gerontology. Bundesverdienstkreuz, persönlich verliehen durch den Bundespräsidenten Prof. Köhler für die Beiträge zur Generationenforschung und zur internationalen und nationalen Politikberatung. 1999–2002 Mitglied der vom ehemaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, einberufenen Kommission zur Erstellung des International Plan of Action on Aging, 2010–2012 Koordinator im Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, seit 2003 Vorsitzender der Altersberichtskommission der Bundesregierung, seit 2016 Mitglied des Deutschen Ethikrates. Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück im Jahre 2010.
Andreas Kruse
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1. Auflage 2021
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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
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ISBN 978-3-17-040586-8
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Inhalt
1 Vorwort
2 1 Sterbensängste, Todesängste: Welche Antworten können wir auf diese geben?
3 1.1 Die verschiedenen Bereiche der Person im Prozess des Sterbens
4 1.2 Sterbensängste, Todesängste: Ein erstes Fazit
5 2 Die Vorbereitung des Menschen auf seinen Tod
6 2.1 Die erste theoretische Perspektive: »Lebensrückblick«
7 2.2 Die zweite theoretische Perspektive:»Ich-Integrität«
8 2.3 Die dritte theoretische Perspektive: »Verletzlichkeit und Reife in Sorgebeziehungen«
9 2.4 Perspektivenwechsel: Beispiele aus der Lyrik
10 3 Die Verarbeitung und Bewältigung einer schweren, zum Tode führenden Krankheit
11 3.1 Einflüsse auf Verarbeitung und Bewältigung
12 3.2 Das »Verhältnis zum Leben«: Lebensbewertung und Lebensbindung
13 3.3 Offenheit für Sinn, Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit
14 3.4 Kohärenzgefühl
15 3.5 Stufenmodelle der Belastungsbewältigung bzw. -verarbeitung
16 3.6 Das Phasenmodell von Elisabeth Kübler-Ross
17 3.7 Antwort auf Elisabeth Kübler-Ross: Eine Längsschnittstudie im Kontext der hausärztlichen Versorgung
18 3.8 Terror-Management-Theorie – eine kulturkritische Theorie des psychischen Umgangs mit eigener Endlichkeit
19 4 Begleitung am Lebensende: Drei Gestaltungskontexte
20 4.1 Einführung
21 4.2 Transzendentale Selbst- und Welterfahrung (Spiritualität) als erster Gestaltungskontext
22 4.3 Würde als zweiter Gestaltungskontext
23 4.4 Umfassende ärztlich-pflegerische Versorgung als dritter Gestaltungskontext
24 4.5 Das Sterben zulassen
25 5 Selbstverantwortung am Lebensende: Zehn Variationen über ein Thema
26 5.1 Selbstständigkeit
27 5.2 Autonomie in der Alltagsgestaltung
28 5.3 Sich auf das eigene Sterben einstellen
29 5.4 Gestaltung von Beziehungen
30 5.5 Fähigkeit, den Krankheitsprozess zu verstehen
31 5.6 Mitwirkung an den Entscheidungen, die die weitere Versorgungsplanung betreffen
32 5.7 Entscheidung für den Ort des Sterbens
33 5.8 Mitentscheidung im Hinblick auf den Zeitpunkt, zu dem Behandlungsmaßnahmen abgebrochen werden (»Sterben lassen«)
34 5.9 Artikulation des Wunsches, aus dem Leben zu scheiden
35 5.10 Entscheidung über die Art der spirituellen Begleitung
36 6 Leben und Sterben eines demenzkranken Menschen
37 6.1 Drei komplementäre Zugänge zum Erleben der demenzkranken Person
38 6.2 Person-Begriff
39 6.3 Aussagen zur Krankheit und zur Epidemiologie
40 6.4 Die Begleitung von Sterbenden mit dementieller Erkrankung
41 6.5 Inseln des Selbst und Prozesse der Selbstaktualisierung bei einer weit fortgeschrittenen Demenz
42 6.6 Was bedeutet das Antlitz eines Menschen mit Demenz für eine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben?
43 7 Abschluss (Coda)
44 Literatur
Vorwort
Das vorliegende Buch möchte dazu anregen, über die Gestaltung des Lebensendes nachzudenken – und zwar aus fachlicher, aus ethischer und aus persönlicher Sicht. Dabei ließ ich mich von der Annahme leiten, dass das Lebensende als eine Zeitspanne zu verstehen ist, in der das Leben zu einem vom sterbenden Menschen bewusst angenommenen Abschluss gelangen kann – kann und nicht muss, weil ein derartiger Abschluss an zahlreiche innere und äußere Bedingungen geknüpft ist, die in diesem Buch ausführlich erörtert werden. Sie zeigen in ihrer Gesamtheit, wie sehr die Entwicklung und Verwirklichung einer Abschiedskultur sowohl als Aufgabe des Individuums und seines Nahumfeldes als auch als Aufgabe der Gesellschaft zu begreifen ist. Der Gesellschaft kommt hier die Verpflichtung zu, Ressourcen bereitzustellen, die sicherstellen, dass alle Menschen (unabhängig von ihrem Stande) einen Ort und eine Art fachlicher und menschlicher Begleitung finden, die sie in die Lage versetzen, sich auf das eigene Sterben einzustellen und ihr Leben auch am Lebensende zu gestalten. Und auch dann, wenn es Menschen nicht vergönnt ist, ihr Leben am Lebensende bewusst zu gestalten, sind sie auf einen Ort sowie auf eine Begleitung angewiesen, an dem und in der sie tiefen Respekt vor ihrer Existenz sowie ein hohes Maß an Solidarität erfahren. Dies bedeutet, dass die gesellschaftliche und kulturelle Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit, Endlichkeit und Vergänglichkeit von Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit bestimmt sind – eine Forderung, die in ihren Konsequenzen die Identität der an der Versorgung beteiligten Disziplinen berührt: Eine gute Versorgung bedeutet eben nicht nur die Wiederherstellung von körperlicher und seelischer Gesundheit, sondern mit Blick auf unser Thema auch, den Menschen am Ausgang seines Lebens würdevoll und engagiert zu begleiten, diesen Ausgang fachlich und ethisch verantwortungsvoll zu gestalten; sich dabei nicht allein an fachlichen Standards, sondern immer auch an individuellen Kriterien einer »guten Behandlung« orientierend. Inwieweit ist also sichergestellt, dass sich das Individuum auch in seiner größten Verletzlichkeit vollumfänglich geachtet fühlt?
Dieses Thema einer hochgradig individuellen Versorgung am Lebensende wird in Zukunft noch deutlich an Gewicht gewinnen – schon allein deswegen, weil schwerkranke und sterbende Menschen in vielen Fällen nicht mehr auf jenes Ausmaß an familiärer Unterstützung zurückgreifen können, wie dies heute noch der Regelfall ist. Zudem führt uns die wachsende Anzahl hochbetagter Menschen einmalmehr die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz vor Augen: denn trotz aller seelisch-geistigen Entwicklungsschritte, die Menschen auch im hohen Alter tun können, sind die körperlichen, nicht selten auch die kognitiven Grenzen in dieser Lebensphase unübersehbar. Besonders sichtbar werden Verletzlichkeit und Vergänglichkeit im Falle der Demenz. Diese stellt den Kranken selbst, sein Nahumfeld, schließlich unsere Gesellschaft und Kultur vor besondere Anforderungen. Ich widme diesem Thema ein eigenes Kapitel, weil die Begleitung demenzkranker Menschen nicht nur erweiterte fachliche Anforderungen an die Palliativversorgung stellt, sondern auch besondere ethische Reflexionen erfordert. Zugleich gibt uns die Betrachtung demenzkranker Menschen einen Impuls, über unser Verständnis von »Person« nachzudenken und für die Zeichen der Personalität »im Anderen« auch dann empfänglich zu sein, wenn diese nur noch in Ansätzen erkennbar oder spürbar sind. Wie wichtig ist es, dass wir gerade in diesen Situationen einen Resonanzboden für das Erleben und Verhalten demenzkranker Menschen bilden!
Wie wichtig ist aber auch eine Anthropologie, deren Ausgangspunkt der bzw. die Andere bildet, eine Anthropologie also, die sich vom Antlitz der bzw. des Anderen berühren lässt, um hier mit Emmanuel Lévinas zu sprechen, dessen Philosophie vielen Stellen dieses Buches als Rahmen dient.
Eine Ethik, die mich persönlich leitet und in dem Buch ausführlich zu Wort kommt, verdankt sich Albert Schweitzer. Seine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist für mich essenziell, wenn ich zu dem (und nicht auf den) schwerkranken und sterbenden Menschen blicke. Um hier aber nicht falsch verstanden zu werden: Ich wäre der Letzte, der die Entscheidung eines Schwerkranken oder Sterbenden, mit Hilfe eines anderen Menschen seinem Leben ein Ende zu setzen, verurteilen würde; wer dies tut, hat von der Not, in der eine solche Entscheidung vielfach getroffen wird, nichts verstanden. Doch begreife ich mich selbst als einen Menschen, der sich angesichts dieser Not zuerst und vor allem vor die Frage gestellt sieht: Wie können wir diese lindern? Welche Aufgabe richtet diese Not an mich? Ich versuche – symbolisch gesprochen – mit einer Störfrage an den Anderen, an die Andere zu gelangen: Lassen sich nicht doch Lebensbindungen finden und im täglichen Leben verwirklichen, die dazu motivieren, trotz aller als unabänderlich erlebten Grenzen »Ja« zum Leben zu sagen? An verschiedenen Stellen des Buches gehe ich wiederholt auf das Changieren des Individuums zwischen Grenzen einerseits, Möglichkeitsräumen andererseits ein.
Ich habe Dank zu sagen.
Zunächst den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mehrerer empirischer Untersuchungen, die ich begleitend oder verantwortlich zur »inneren« Verarbeitung und »äußeren« Bewältigung schwerer körperlicher oder neurokognitiver Erkrankungen, schließlich zur Auseinandersetzung mit dem herannahenden Tod ausrichten durfte. Vielfach habe ich mich in der Situation eines »Lernenden« befunden, der in den Interviews nicht nur fachliche, sondern auch menschliche Bereicherung erfahren hat. Was mir oft deutlich wurde: die Psyche (oder in neuerer Terminologie: das Selbst) zeigt auch in solchen Grenzsituationen erhebliche schöpferische Kräfte. Diese konnte ich genauso wahrnehmen wie die nicht zu leugnenden Grenzen der Verarbeitung und Bewältigung.
Der Dank gilt weiterhin Kolleginnen und Kollegen – des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, aber auch anderer Einrichtungen – für die vielen Formen der Bereicherung im Hinblick auf ein vertieftes Verständnis des Lebens in den Grenzsituationen schwerer Erkrankung und des Sterbens. Besonders mein Kollege Prof. Dr. Eric Schmitt hat sich viel Zeit genommen, um mit mir die einzelnen Kapitel ausführlich zu erörtern; seine wertvollen Anregungen mündeten in neue Analyseperspektiven und neue thematische Aspekte. Ebenso danke ich meinen Kollegen Prof. Dr. Bartelmann, Dr. Matthias Mettner und Prof. Dr. Remmers für das Gegenlesen und konstruktive, ermutigende Kommentieren des Textes sowie Herrn Dr. Poensgen vom Kohlhammer Verlag für seine fundierte und von großem Verständnis bestimmte Beratung in der Endphase der Manuskripterstellung.
Mein besonderer Dank gilt meiner Frau, die in ihrem Beruf über Jahrzehnte auch schwerkranke und sterbende Menschen betreut und mir immer wieder die Möglichkeit gegeben hat, an ihren Erfahrungen und Erkenntnissen zu partizipieren: diese haben mich fachlich, ethisch und persönlich geprägt.
Heidelberg, im Oktober 2020
1
Sterbensängste, Todesängste: Welche Antworten können wir auf diese geben?
Aus der Perspektive chronisch kranker Patientinnen und Patienten beschreibt das Lebensende meist den Übergang von einer chronisch-progredienten Krankheit in ein präfinales und schließlich in ein finales Stadium. Gerade wenn wir auf das hohe Alter blicken, lassen sich derartige Übergänge beobachten, die mit einer kontinuierlich zunehmenden Schwächung der körperlichen, nicht selten auch der kognitiven Kräfte, mit einer immer weiter abnehmenden Selbstständigkeit, mit zunehmender körperlicher, vielfach auch emotionaler Erschöpfung, bisweilen mit Angst und Niedergeschlagenheit verbunden sind. Hinzu können Schmerzsymptome und zahlreiche weitere Körpersymptome treten, die ihrerseits die emotionale Verletzlichkeit noch einmal erhöhen. Das Lebensende ist für viele Patientinnen und Patienten, deren Bezugspersonen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des medizinisch-pflegerischen Versorgungssystems mit hohen Anforderungen verbunden – körperlichen, seelischen, sozialen, existenziellen. Diese Anforderungen nehmen möglicherweise noch einmal zu, wenn alte Menschen an einer der verschiedenen Demenzformen leiden oder im Vorfeld des Todes akute Zustände der Desorientierung, wenn nicht sogar der Verwirrtheit zeigen. Die hier in Kürze zusammengefassten, in diesem Buch ausführlich darzustellenden und zu erörternden Prozesse befürchten Menschen, wenn sie sagen, sie schrecke nicht der Tod, sie schrecke allein die Vorstellung, qualvoll sterben zu müssen.
Hier sei betont: Stationäre und ambulante Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in einem Maße entwickelt, dass es Ärzten, Pflegefachpersonen, Physiotherapeuten, Logopäden, Psychologen, Sozialarbeitern, Seelsorgern – um hier die wichtigsten Disziplinen in einem interdisziplinären palliativen Versorgungsteam zu nennen – zunehmend besser gelingt, die körperlichen und kognitiven Symptome erkennbar zu lindern, den Symptomverlauf zu kontrollieren, Ängste und Depressionen zu mildern, Phasen der Desorientierung und der Verwirrtheit ganz zu vermeiden oder wenigstens erheblich zu verkürzen und zudem in ihrer Symptomtiefe erkennbar zu verringern1. Dies sind große fachliche Erfolge, die sich in hohem Maße auch der Courage und dem Engagement von Menschen verdanken, die den Mut haben, sich auf das Sterben von Patientinnen und Patienten einzulassen (was ohne persönliches Berührt-Sein gar nicht möglich ist), ja, dabei auch dem Tod in die Augen zu schauen (Bausewein, 2015). Der weitere Ausbau stationärer und ambulanter palliativmedizinischer und -pflegerischer Versorgungsstrukturen wie auch stationärer und ambulanter Hospize ist in meinen Augen eine der wichtigsten Aufgaben, die sich unserem Gesundheitssystem stellen. Dies übrigens auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die familiäre Pflege alter Menschen in unserem Land – wie auch in unseren Nachbarländern – mehr und mehr zurückgehen wird: Der demografische Wandel mit einem veränderten Altersaufbau der Bevölkerung wie auch die deutlich erhöhte räumliche Mobilität der mittleren Generation sind bedeutende Ursachen für die zurückgehenden familiären Pflegeressourcen.
Mit den großen Erfolgen, die Palliativmedizin und Palliativpflege wie auch Hospizarbeit heute vorweisen können, ist aber nicht nur eine signifikante Linderung von körperlichen und psychischen Symptomen verbunden. Es kommt etwas hinzu, was in meinen Augen in den heutigen Diskussionen bisweilen vernachlässigt wird: Durch Symptomlinderung und -kontrolle kann dazu beigetragen werden, dass sich Patientinnen und Patienten sehr vielmehr auf das eigene Sterben einstellen, mithin die persönliche Situation sowie ihr soziales Nahumfeld – wenn auch nur eingeschränkt – mitgestalten können.
Damit ist eine psychologische und existenzielle Dimension des Sterbens angedeutet, die in diesem Buch besonders hervorgehoben werden soll. Das Sterben wird als natürlicher und für die Gesamtgestalt des Lebens bedeutsamer Prozess verstanden. Vielleicht ist das Sterben ein Übergang, wobei wir nicht wissen, auch nicht in Ansätzen angeben können, wohin dieser Übergang führt, mit welchen inneren Prozessen dieser verbunden ist.
Alles ist nur Übergang. Merke wohl die ernsten Worte:
Von der Stunde, von dem Orte treibt Dich eingepflanzter Drang.
Tod ist Leben, Sterben Pforte. Alles ist nur Übergang.
(Alte Brückeninschrift in Wien. Verfasser: unbekannt)
In diesem Buch möchte ich darlegen, wie wichtig es ist, dass Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit alles dafür tun, damit Menschen am Lebensende in die Lage versetzt werden, sich auf den herannahenden Tod innerlich einzustellen, diesem gefasst entgegenzugehen. Dieses Sich-Einstellen auf den Tod, dieses gefasste Entgegengehen ist dann unmöglich, wenn Patientinnen und Patienten an starken Schmerzen leiden und weitere Symptome zeigen, die sie als qualvoll erleben. In dem Maße, in dem Symptomlinderung und -kontrolle gelingen, wird die Grundlage für diese konzentrierte und gefasste Haltung gegenüber dem herannahenden Tod geschaffen. Diese Aussage treffe ich vor dem Hintergrund einer eigenen Studie zur hausärztlichen Sterbebegleitung, von der in diesem Buch noch ausführlich die Rede sein wird, vor allem aber vor dem Hintergrund zahlreicher Arbeiten auf dem Gebiet der Palliativmedizin, der Palliativpflege und der Hospizarbeit, auf die an späterer Stelle ausführlich Bezug genommen wird.
Es ist zu bedenken, dass man bei der Versorgung und Begleitung eines schwerkranken oder sterbenden Menschen wenigstens eine gewisse persönliche Vorstellung davon haben sollte, was im Prozess der schweren Krankheit und des Sterbens psychologisch und existenziell geschieht (von Scheliha, 2010; Roser, 2019): Nicht, um Patientinnen und Patienten Überzeugungen aufzudrängen, sondern um selbst eine Orientierung, einen Kompass zu besitzen, der das eigene psychologische und existenzielle Erleben und Handeln leitet, ohne dabei die Offenheit für alle Zeichen, Aussagen und Deutungen, die von den Patientinnen und Patienten ausgehen, zu verlieren. Es sei hier betont: Den Dreh- und Angelpunkt der Versorgung und Begleitung bilden neben fachlichen Standards die Werte, Überzeugungen und Bedürfnisse der Patientin bzw. des Patienten (Caspari, Lohne, Rehnsfeldt et al., 2014; Remmers, 2019).
Wenn Symptome gelindert und kontrolliert, wenn Werte, Überzeugungen und Bedürfnisse schwerkranker und sterbender Menschen verstanden und ausdrücklich aufgegriffen werden: Sind dann alle Ängste genommen? Hier möchte ich vor vorschnellen Annahmen und Vereinfachungen warnen. Nicht wenige Menschen neigen ja dazu, die Aussage zu treffen, sie hätten vor dem Sterben Angst, nicht aber vor dem Tod. Vielfach ist zu hören, dass man mit dem Tod »keine Probleme« habe – schließlich erlebe man diesen ja nicht an sich selbst –, wohl aber mit dem Sterben, da man Angst vor einem qualvollen Sterben habe. Ich stehe dieser Aussage skeptisch gegenüber. Das Leben aufzugeben, die engsten persönlichen Bezugspersonen zurückzulassen, von der Welt Abschied zu nehmen: Dies fällt zumindest jenem Menschen, der gerne lebt, der in und an der Welt Freude empfindet, der sich in der Welt und für die Welt engagiert, schwer. Es ist ein endgültiger Abschied. Diesen Abschied mag man Jahre vor dem Tod in seiner persönlichen Bedeutung diminuieren – der Abschiedsschmerz wird größer und größer, wenn man unmittelbar mit dem herannahenden Tod konfrontiert ist. Dies heißt nun nicht, dass der Mensch mitten im Leben niedergeschlagen oder verzweifelt sein und jegliche Initiative zur Selbst- und Weltgestaltung aufgeben müsste. Es heißt vielmehr, dass der Mensch »lernen« muss, sich auf das Faktum des eigenen Todes rechtzeitig einzustellen, dass er lernen muss, »anzusterben«, wie dies Michelangelo Buonarroti (1475–1564) in einem seiner 42 Sonette ausgedrückt hat.
Des Todes sicher, nicht der Stunde, wann.
Das Leben kurz, und wenig komm ich weiter;
den Sinnen zwar scheint diese Wohnung heiter,
der Seele nicht, sie bittet mich: stirb an.
Die Welt ist blind, auch Beispiel kam empor,
dem bessere Gebräuche unterlagen;
das Licht verlosch und mit ihm alles Wagen;
das Falsche frohlockt, Wahrheit dringt nicht vor.
Ach, wann, Herr, gibst du das, was die erhoffen,
die dir vertraun? Mehr Zögern ist verderblich,
es knickt die Hoffnung, macht die Seele sterblich.
Was hast du ihnen so viel Licht verheißen,
wenn doch der Tod kommt, um sie hinzureißen
in jenem Stand, in dem er sie betroffen.
(aus: Michelangelo Buonarroti, 2002, »Zweiundvierzig Sonette«;
übersetzt von Rainer Maria Rilke)
In diesem Sonett kommt die Bereitschaft zum Ausdruck, bereits viele Jahre vor Eintritt des Todes »anzusterben«, dies heißt, sich allmählich von der Welt zu lösen. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass wir weder die uns umgebende Welt noch unser Leben als »unseren Besitz« auffassen dürfen. Im Gegenteil: Wir sind dazu aufgerufen, uns in das Loslassen und Hergeben einzuüben und damit die Welt und unser Leben im Sinne von Gegebenem, das wir irgendwann zurückgeben müssen, zu deuten2. Mit der Loslösung von der Welt – und dies heißt in den Worten Michelangelos: mit dem »Ansterben« – stellt sich der Mensch auf den eigenen Tod ein.
Auch die von Notker Poeta (deutsch: Notker der Dichter, Notker der Stammler) (ca. 840–912) stammende Antiphon: »Media in vita in morte sumus« (dt.: Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen) erinnert uns daran, rechtzeitig mit der Vorbereitung auf unseren Tod zu beginnen, uns in die abschiedliche Existenz einzuüben – was nicht bedeutet, dass sich der Mensch aus dem Leben zurückzöge, seine Möglichkeiten zur Selbstgestaltung und Weltgestaltung ungenutzt ließe.
Zurück zum Titel des Buches: »Vom Leben und Sterben im Alter«. Dieser Titel dient als Metapher für das herannahende Lebensende, welches hier aus der Perspektive des chronisch erkrankten Menschen betrachtet wird, vor allem aus der Perspektive des alten Menschen. Mit diesem Titel wird der Übergang von einer schweren chronischen Erkrankung zu einem präfinalen und finalen Zustand überschrieben – ein Übergang, der in aller Regel kontinuierlich zunehmend (progredient) verläuft, was sich nicht nur mit Blick auf die physische, sondern auch mit Blick auf die psychische, die soziale und die existenzielle Situation von Patientinnen und Patienten zeigt.
1.1 Die verschiedenen Bereiche der Person im Prozess des Sterbens
Der körperliche Bereich
Im körperlichen Bereich dominiert ein stetiger Rückgang der Widerstandsfähigkeit (gegen interne und äußere Stressoren) und der Restitutionsfähigkeit: Infektionen können immer schlechter abgewehrt werden, nach einer akuten Verschlechterung der Gesundheit wird deren Wiederherstellung immer unwahrscheinlicher, das nach optimaler Therapie und Rehabilitation erreichte Leistungsniveau unterschreitet jenes, das vor der akuten Verschlechterung der Gesundheit bestanden hat. Da akute Krankheitsepisoden mehr und mehr zunehmen, bedeutet dies langfristig einen deutlichen Rückgang der Leistungsfähigkeit des Organismus; möglicherweise bis hin zu einer vita minima. Eingetretene Einbußen in einzelnen Organfunktionen lassen sich immer weniger kompensieren. Diese Veränderungen münden schließlich in einem deutlich erhöhten Auftreten von körperlichen (und in deren Folge: von kognitiven) Symptomen und in einer verringerten Selbstständigkeit, die bis hin zu einer ausgeprägten Hilfsbedürftigkeit oder sogar Pflegebedürftigkeit führt (Burkhardt, 2019). Die Patientinnen und Patienten zeigen nicht selten stark ausgeprägte Erschöpfungssymptome, die auch die Teilnahme an aktivierenden oder rehabilitativen Maßnahmen erschweren.
Die längsschnittliche Abbildung dieses kontinuierlich zurückgehenden körperlichen Leistungsniveaus lässt sich mit dem in der Geriatrie entwickelten Frailty-Konzept vornehmen, das auch als eine phänotypische Annäherung an die zunehmende körperliche Verletzlichkeit des Menschen verstanden werden kann. Nach Linda Fried, auf die dieses Konzept zurückgeht, ist den folgenden fünf klinischen Merkmalen – die in ihrer Gesamtheit das Frailty-Konzept konstituieren – besondere Beachtung zu schenken (Fried et al. 2001):
1. dem ungewollten Gewichtsverlust (über fünf Kilogramm im vergangenen Jahr),
2. der subjektiv erlebten körperlichen Erschöpfung,
3. der körperlichen Schwäche (bestimmt mit der Messung der Handkraft),
4. dem verlangsamten Gang,
5. der geringen physischen Aktivität.
Wenn mindestens drei dieser klinischen Merkmale vorliegen, wird von Frailty gesprochen. Nun ist Frailty aber nicht per se mit der stark ausgeprägten Verletzlichkeit – man könnte in diesem Krankheitsstadium auch sagen: Gebrechlichkeit – des Menschen am Ende seines Lebens gleichzusetzen; vielmehr ist die Gebrechlichkeit eine stark ausgeprägte Form von Frailty. Und doch eignet sich das Frailty-Konzept auch zur Charakterisierung des organismischen Zustandes des Menschen am Ende seines Lebens, denn in allen (und eben nicht nur einzelnen) Merkmalen, die unter Frailty subsumiert werden, zeigen sich so stark ausgeprägte Leistungseinbußen und Restitutionsdefizite, dass deutlich wird: die verbliebenen physischen Ressourcen werden ausschließlich für die Aufrechterhaltung grundlegender Lebensfunktionen benötigt (Clegg et al., 2013). Dies aber gelingt dem Individuum immer weniger, sodass wiederholt abrupte Verschlechterungen des allgemeinen Gesundheitszustandes auftreten, die sich immer weniger kompensieren lassen. Daraus resultiert – betrachtet man den gesamten Krankheitsverlauf in der letzten Lebensphase – eine zunehmend geringere physiologische Leistungs- und Restitutionskapazität, die schließlich in einen Finalzustand mündet. Der Altersmediziner Cornel Sieber (2005) versteht Frailty als Folge von Einbußen in mehreren physiologischen Merkmalen, die gerade aufgrund ihrer Häufung ein »ausbalanciertes System gefährden« können; im Falle von Einbußen in zahlreichen physiologischen Merkmalen, so kann gefolgert werden, ist dieses ausbalancierte System nicht nur gefährdet, sondern bricht zusammen (»Desorganisation«) und kann zunächst nur noch in Ansätzen, bald aber gar nicht mehr wiederhergestellt werden.
Zur stark ausgeprägten Frailty tritt häufig die Sarkopenie (Abnahme von Muskelmasse und Muskelkraft) hinzu, die von alten Menschen als besondere körperliche und emotionale Belastung erfahren wird (Cruz-Jentoft, Bahat, Bauer et al., 2019). Die Sarkopenie lässt sich bei über 30 Prozent der ab 80-jährigen Frauen und Männer beobachten (Buess & Kressig, 2013). Der Gewichtsverlust ist dabei mit einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko verbunden (Sieber, 2014). Gerade bei schwerkranken oder sterbenden alten Menschen bildet die Sarkopenie – neben einer stark ausgeprägten Frailty – ein häufig anzutreffendes Syndrom, das in dieser Gruppe durchaus auch als ein Leitsyndrom eingestuft werden kann.
Was folgt aus diesen Aussagen?
Diese zeigen uns, dass sich im hohen Alter der gesundheitliche Zustand nicht plötzlich, abrupt, sondern vielmehr kontinuierlich fortschreitend verschlechtert, was sich auch mit dem subjektiven Empfinden von Patientinnen und Patienten deckt, die häufig davon sprechen, dass es immer weniger werde, dass sie sich einer letzten Grenze näherten, dass die Phasen der Erschöpfung in immer kürzeren Abständen aufträten und dabei immer länger anhielten. Patientinnen und Patienten erfahren unmittelbar das Leben zum Tode hin, ein Leben, das Möglichkeiten der Selbstgestaltung und Weltgestaltung immer weiter verringert. Damit machen auch die für die Denomination der Palliativmedizin und Palliativpflege konstitutiven Begriffe »Pallium« (Mantel) bzw. »palliare« (den Mantel umlegen) einmalmehr Sinn. Denn es geht ja in der Tat darum, körperlich hochgradig geschwächte Patientinnen und Patienten zu schützen – vor bestimmten Symptombildungen ebenso wie vor weiteren Erkrankungen.
In einer für die medizinisch-pflegerische Versorgung am Lebensende wichtigen Studie wurde zwischen drei Krankheitsverläufen (»trajectories«) in der letzten Lebensphase differenziert (Murray, Kendall, Boyd et al., 2005):
1. Tumorerkrankungen: diese sind zunächst durch eine relativ lange Zeit mit vergleichsweise geringen Einschränkungen im Alltag charakterisiert; innerhalb weniger Monate treten körperlicher Abbau, Funktionsverlust und Tod ein;
2. Herz-, Lungen- oder Nierenerkrankungen: diese erstrecken sich über mehrere Jahre mit mehr oder minder stark ausgeprägten Einschränkungen im Alltag; gelegentlich treten akute Verschlechterungen ein, die einen Krankenhausaufenthalt notwendig machen; die sich anschließende Erholung erreicht das frühere Funktions- und Leistungsniveau nicht mehr;
3. Frailty: vielfach assoziiert mit kognitiven Störungen und einem über mehrere Jahre bestehenden, kontinuierlich steigenden Niveau der Hilfsbedürftigkeit oder Pflegebedürftigkeit.
Wie die Autoren dieser Studie hervorheben, sind für den Tod alter Menschen nur in geringem Maße die Tumorerkrankungen verantwortlich und in sehr viel stärkerem Maße Herz-, Lungen- und Nierenerkrankungen oder eine stark ausgeprägte Frailty, verbunden mit Sarkopenie.
Dies zeigt noch einmal, wie wichtig das vertiefte Verständnis eines kontinuierlichen Übergangs von einer chronisch progredienten Erkrankung zu einem präfinalen und schließlich einem finalen Zustand für die fachlich und ethisch überzeugende therapeutische und pflegerische, aber auch für die psychologische, soziale und seelsorgerische Begleitung ist. Denn es geht um die Frage, wann therapeutisch-rehabilitative Ziele und Schritte zugunsten palliativer Ziele und Schritte verringert und schließlich ganz aufgegeben werden sollten. Darüber hinaus ist es bei vielen Patientinnen und Patienten geboten, trotz Einleitung palliativmedizinischer und -pflegerischer Schritte therapeutische Ziele aufrechtzuerhalten, wenn nämlich zu der – zum Tode führenden – Grunderkrankung weitere akute Erkrankungen hinzutreten. Und schließlich kann es geboten sein, trotz einer primär palliativen Orientierung Elemente einer Rehabilitation oder einer rehabilitativen Pflege in den medizinisch-pflegerischen Versorgungsansatz zu integrieren, um die Selbstständigkeit und Mobilität, zudem kognitive Funktionen der Patientinnen und Patienten zu fördern, womit man dazu beiträgt, dass ein weitgehend oder zumindest in Teilen selbstgestaltetes Sterben möglich wird. Dabei sei konzediert: Ein weitgehend oder zumindest in Teilen selbstgestaltetes Sterben beschreibt einen Idealzustand, der nur bei einem Teil der Patientinnen und Patienten – und zudem nur über einen begrenzten Zeitraum – verwirklicht werden kann. Und doch wäre es ein Fehler, würde man von vornherein eine rehabilitative bzw. eine rehabilitativ-pflegerische Komponente aus dem palliativen Versorgungskonzept ausschließen. Denn dies bedeutete, dem Streben der Patientinnen und Patienten nach Erhaltung eines ihren Ressourcen entsprechenden Grades an Selbstständigkeit, Selbstverantwortung und sozialer Teilhabe nur noch eine untergeordnete Bedeutung beizumessen und damit deren Werthierarchie zu übergehen.
Im Kontext einer solchen Diskussion erweist sich das Frailty-Konzept als wertvoll, weil mit diesem ausdrücklich Rehabilitationspotenziale angesprochen sind: Inwieweit können durch eine vorsichtige, an den Ressourcen der Patientinnen und Patienten orientierte Aktivierung Verbesserungen in einzelnen körperlichen Merkmalen erzielt werden, die sich positiv auf die allgemeine Leistungsfähigkeit des Organismus wie auch auf die Selbstständigkeit, Selbstverantwortung und soziale Teilhabe auswirken?
Der psychische Bereich
Im psychischen Bereich finden sich eine Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit (in der Literatur mit dem Begriff des terminalen Rückgangs umschrieben: Hülür, Wolf, Riese et al., 2019; Wilson, Yu, Leurgans et al., 2020), bisweilen auch eine emotionale Erschöpfung (die sich vor allem in einem Interessenrückgang sowie in Niedergeschlagenheit äußert) sowie ein phasenweise auftretender Rückzug von anderen Menschen (Stolberg, 2017). Doch unterscheiden sich schwerkranke und sterbende Menschen erheblich in der Art und Weise, wie sie im präfinalen und finalen Stadium die Erkrankung und den herannahenden Tod erleben und diesen innerlich zu verarbeiten versuchen (in der Literatur mit dem Begriff coping umschrieben); diese stark ausgeprägten Unterschiede machen eine einheitliche Charakterisierung des Verarbeitungsprozesses unmöglich. Die Forschung konzentriert sich deshalb auf die Analyse der verschiedenartigen Verarbeitungsprozesse, wie sie sich in der Gruppe schwerkranker oder sterbender Menschen finden lassen. Sie geht nicht von einer für alle schwerkranken oder sterbenden Menschen charakteristischen Form und Entwicklung der Verarbeitung aus, sondern untersucht gezielt die interindividuellen und intraindividuellen Unterschiede in der Art der Verarbeitung sowie jene (körperlichen, psychischen, sozialen und kulturellen) Merkmale, die Einfluss auf die Art der Verarbeitung nehmen (Maxfield & Bevan, 2019). Dabei wird auch der Qualität sowohl der medizinischen als auch der pflegerischen Versorgung, zudem der Qualität der psychologischen, der sozialen und der seelsorgerischen Begleitung große Bedeutung beigemessen.
Die Verarbeitung der schweren Krankheit bzw. des herannahenden Todes ist zudem als ein Prozess zu begreifen, in dem sich erhebliche Veränderungen im Erleben und Verhalten des schwerkranken oder sterbenden Menschen ergeben können. In diesem Prozess lassen sich bei der einen Person Entwicklungs- und Reifungsprozesse (im Sinne einer gelungenen Auseinandersetzung) beobachten, bei der anderen hingegen ein immer deutlicher hervortretendes Scheitern der Verarbeitung. Das bekannteste »Phasenmodell« der Verarbeitung eigener Endlichkeit verdanken wir der Allgemeinmedizinerin und Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross, die in ihrem 1969 erschienenen Buch »On death and dying« (deutsch, 1971: »Interviews mit Sterbenden«) zwischen fünf aufeinander folgenden Phasen unterscheidet (1. Nicht-wahrhaben-Wollen; 2. Zorn und Ärger; 3. Verhandeln; 4. Depression; 5. Akzeptieren). Ich werde an späterer Stelle ausführlich auf dieses Phasenmodell eingehen. Es sei schon hier festgestellt, dass bei allem Wert der Arbeit von Elisabeth Kübler-Ross für die Entwicklung einer fachlich wie ethisch überzeugenden, interdisziplinären Sterbebegleitung deren Annahme einer allgemeingültigen Sequenz von Verarbeitungsphasen (ob diese bis zur fünften Phase durchlaufen wird oder nicht) empirisch nicht gestützt werden konnte; wird dieser unkritisch gefolgt, so kann sie die praktische Arbeit mit Schwerkranken und Sterbenden in Teilen sogar erschweren.
Weitere Merkmale des psychischen Bereichs, denen für das Verständnis des Erlebens und Verhaltens schwerkranker und sterbender Menschen große Bedeutung zukommt, sind Lebensbewertung und Lebensrückblick – zwei Merkmale, denen ich mich in dem Buch en detail widmen werde. Mit Blick auf die Lebensbewertung sind Arbeiten des US-amerikanischen Altersforschers M. Powell Lawton wichtig, der auf umfassender empirischer Basis den Nachweis erbringen konnte, dass sich in der aktuellen Lebensbewertung (»valuation of life«) auch persönliche Lebensbindungen widerspiegeln, die basaler (sensorischer, alltagspraktischer) wie auch ideeller (geistiger) Natur sein können (Lawton, Moss, Winter et al., 2002; Gitlin, Parisi, Huang et al., 2016; Lang & Rupprecht, 2019). Solche Bindungen bilden ihrerseits das Ergebnis seelisch-geistiger Ordnungen des Menschen, die sich im Lebenslauf ausgebildet haben und bis zum Lebensende fortwirken, ja, vielleicht gerade in der Grenzsituation einer schweren oder zum Tode führenden Erkrankung bewusst (»thematisch«) werden.
Die große Bedeutung des Lebensrückblicks für das Lebensgefühl von Menschen, die im hohen Alter stehen oder die mit dem herannahenden Tod konfrontiert sind, wurde vor allem von dem US-amerikanischen Psychiater Robert Butler (1927–2010) herausgearbeitet. Der erste Beitrag, den dieser im Jahre 1963 in der Zeitschrift Psychiatry zum Thema »Lebensrückblick« veröffentlicht hat (Butler, 1963), beeinflusst die Diskussionen in Gerontologie und Psychotherapie bis heute. Da in diesem Buch noch ausführlich auf den Lebensrückblick und die Beiträge von Robert Butler eingegangen werden wird, seien hier nur einige wenige Aussagen aus dem genannten Beitrag angeführt. Den Lebensrückblick im Alter wie auch im Falle der Konfrontation mit dem herannahenden Tod versteht Robert Butler als einen natürlichen, als einen universellen (das heißt, prinzipiell bei allen Menschen auftretenden) Prozess. Dieser zeichnet sich durch zunehmende Bewusstwerdung früherer Erlebnisse und Erfahrungen, vor allem aber durch das Thematisch-Werden ungelöster Konflikte aus. Dabei ist bei dem weit überwiegenden Teil der Menschen von der Fähigkeit und Bereitschaft auszugehen, die wiederauflebenden Erinnerungen wie auch die Konflikte zu bearbeiten und – so eine Formulierung von Robert Butler – in die Persönlichkeit zu integrieren (Butler, 1980). Probleme mit dem Lebensrückblick stellen sich vor allem bei jenen Menschen ein, die aufgrund einer eher narzisstischen Grundhaltung nicht fähig sind, persönliche Schuld oder Reue im Hinblick auf jene Stationen der persönlichen Biografie zu empfinden, in denen man anderen Menschen geschadet oder eigene Entwicklungsmöglichkeiten ungenutzt gelassen hat. Hier übrigens weist das Konzept des Lebensrückblicks Schnittmengen mit jenem der Ich-Integrität auf, das Joan und Erik Homburger Erikson in ihre Entwicklungstheorie integriert haben (Erikson, Erikson & Kivnick, 1986): die Herstellung von Ich-Integrität bildet danach eine zentrale psychologische Aufgabe des höheren und hohen Alters. Sie beinhaltet auch den Rückblick auf das Leben und die Fähigkeit, das eigene Leben nicht nur im Lichte positiv bewerteter, sondern auch negativ bewerteter, konfliktbesetzter Erlebnisse und Erfahrungen anzunehmen (Hendricks, 2019; Jeffers, Hill, Krumholz et al., 2020; van der Kaap-Deeder, Soenens, van Petegem et al., 2020).
Der Lebensrückblick, der im Prozess des Sterbens einmalmehr an Bedeutung gewinnt, wurde von Bronnie Ware, einer australischen Palliativpflegerin, in zwei Büchern anschaulich dargestellt; diese Bücher haben auch in Deutschland weite Verbreitung gefunden. Das erste Buch mit dem Titel »Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden« (Ware, 2012/2013), gründet auf zahlreichen Gesprächen von Bronnie Ware mit sterbenden Menschen, die zu Hause gepflegt wurden. Sie legt dar, wie wichtig die Reue und das Bedauern im Erleben vieler sterbender Menschen sind. Fünf Themen, um die sich die Reue und das Bedauern zentrierten, wurden von Bronnie Ware angeführt: »Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.« – »Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet.« – »Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen.« – »Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.« – »Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt.« In dem zweiten Buch mit dem Titel »Leben ohne Reue. 52 Impulse, die uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist« (Ware, 2014) leitet die Autorin aus dem von den Sterbenden vorgenommenen Lebensrückblick und den Inhalten der Reue sowie des Bedauerns Anregungen für ein persönlich sinnerfülltes, stimmiges Leben ab: Die Umsetzung dieser Anregungen soll letztlich dazu führen, am Ende des Lebens gelassen auf dieses zurückblicken und ohne Reue aus diesem gehen zu können. Unter den Anregungen (Impulsen) finden sich solche wie: »Veränderungen annehmen«, »flexibel sein«, »Freiheit«, »Dankbarkeit«, »Mut zur Aufrichtigkeit«, »Entscheidung zum Glücklichsein«, »vom richtigen Zeitpunkt«, »auf die Worte achten«. Die Arbeiten von Bronnie Ware mögen zwar in der Hinsicht kritisch betrachtet werden, dass in ihnen die persönliche – wenn auch auf zahlreichen Gesprächen beruhende – Sichtweise der Autorin dominiert; und entsprechende kritische Anmerkungen sind auch verschiedentlich vorgebracht worden. Doch wird in diesen Arbeiten, und dies macht sie aus meiner Sicht so wertvoll, auch ein Perspektivenwechsel sichtbar, der von nicht wenigen schwerkranken und sterbenden Menschen vorgenommen wird, wenn im Gespräch mit ihnen Fragen adressiert werden, die einen derartigen Perspektivenwechsel nahelegen. Was ist hier gemeint? Bronnie Ware hat Schwerkranke und Sterbende zu verschiedenen Aspekten des Lebensrückblicks befragt (Reue und Bedauern mit Blick auf das eigene Verhalten und Handeln im Lebenslauf sind dabei zwei bedeutsame Aspekte) und dies mit dem Hinweis darauf, von ihnen lernen, an ihren Erfahrungen teilhaben zu wollen. Wie sie an mehreren Stellen ihrer beiden Bücher hervorhebt, hätten die befragten Frauen und Männer keinerlei Probleme gehabt, auf entsprechende Fragen zu antworten. Im Gegenteil: Sie hätten in diesen Fragen Anstöße zur (kritischen) Selbstreflexion gesehen und weiterhin eine Möglichkeit, einen anderen Menschen zu bereichern. Die Bereicherung des anderen Menschen liegt ja eben darin, dass man diesem Hinweise darauf gibt, welche Dinge er in seinem Leben besonders beachten sollte, um am Ende des Lebens relativ frei von Reue und Bedauern zu sein.
In diesem Perspektivenwechsel kommt das mitverantwortliche Leben zum Ausdruck, das ich als durch das Bedürfnis geprägt verstehe, sich vom anderen Menschen berühren zu lassen, sich mitverantwortlich für dessen aktuelle Lebenssituation oder dessen Lebensweg zu fühlen, sich als Teil von Gemeinschaften zu begreifen, die man durch das eigene Engagement fördern möchte, wie auch als Teil der Gesellschaft und der Schöpfung, für deren weitere Entwicklung man Mitverantwortung trägt (Kruse, 2016). In der altgriechischen Dichtung findet sich ein eindrucksvolles Beispiel für diesen Perspektivenwechsel, für diese mitverantwortliche Lebensführung: Die auf den Geschichtsschreiber Herodot von Halikarnassos (ca. 490/480–430/420 v. Chr.) zurückgehende Aussage: »Leiden sind Lehren« (griechisch: pathemata mathemata) wurden von Dionysios von Halikarnassos (ca. 54–7 v. Chr.) wie folgt weitergeführt: »Meine Leiden werden zu Lehren werden für die anderen« (griechisch: pathemata paideumata genesetai tois allois). Damit wird die potenzielle Vorbildfunktion von Menschen, die in der Grenzsituation schwerer oder zum Tode führender Krankheit stehen, umschrieben.
Es sei noch ein weiteres Thema angesprochen, das mit Blick auf die psychische Situation im Prozess des Sterbens große Bedeutung gewinnt: Es ist dies die Erfahrung eigener Verletzlichkeit (Vulnerabilität) im Prozess einer schweren Erkrankung und des Sterbens, die im positiven Falle in der Erfahrung aufgehen kann, Teil eines umfassenden Ganzen zu sein, das über die materielle Existenz hinausgeht, diese aber hält oder trägt (Kruse, 2017). Die bereits genannten Autoren Joan und Erik Homburger Erikson charakterisieren diesen Prozess als Integration von Verletzlichkeits- und Transzendenzerfahrungen (Erikson, 1998; Tornstam, 2011; Jeffers, Hill, Krumholz et al., 2020). Die gelungene Verarbeitung der gerade im hohen Alter zunehmenden Verletzlichkeit gründet vor allem auf der Ausbildung eines neuartigen Vertrauens: und zwar sowohl in die eigenen Kräfte als auch in die (persönlichen und fachlichen) Bezugspersonen. Die in den ersten Lebensjahren dominierenden Aufgaben – nämlich Vertrauen in die engsten Bezugspersonen (»Urvertrauen«) sowie in die eigenen Kräfte (»Autonomie«) auszubilden, stellen sich auch am Ende des Lebens, wenn die körperliche und kognitive Verletzlichkeit subjektiv immer deutlicher erfahrbar werden.
Was folgt aus diesen Aussagen?
Die Erfassung der psychischen Situation eines schwerkranken oder sterbenden Menschen ist ebenso komplex wie die Erfassung der körperlichen Situation. Der Blick ist auf zahlreiche Merkmale zu richten, zu denen vor allem die verschiedenen Bereiche der kognitiven Leistungsfähigkeit, das Erleben der aktuellen Situation, die Versuche zur Verarbeitung der Grenzsituation, die Motivlage und Werthierarchie, schließlich die Lebensbewertung, die Lebensbindung und der Lebensrückblick gehören. Hinzu tritt die Analyse der Fähigkeit, der Bereitschaft und des Verlangens, mögliche Perspektivenwechsel vorzunehmen, so zum Beispiel von der eigenen Person auf nahestehende Menschen, von der aktuellen Situation auf die Vergangenheit und Zukunft, von der körperlichen Dimension auf die seelisch-geistige, von der irdischen Dimension auf eine kosmische.
Dabei ist es notwendig, die psychische genauso wie die körperliche Situation als einen Prozess, also als Ergebnis früherer und als Ausgangspunkt weiterer Veränderungen, zu begreifen und dies heißt: sich auf mögliche Veränderungen (intraindividuelle Variabilität) in den einzelnen Merkmalen einzustellen und mögliche (innere wie äußere) Einflüsse auf diesen Veränderungsprozess zu erfassen (Diehl & Wahl, 2020). Veränderungen können dabei eine Abnahme von Leistungsfähigkeit und Lebenszufriedenheit, eine Zunahme von Belastungen und Konflikten ebenso beschreiben wie eine Zunahme an Reflexionsfähigkeit und -bereitschaft, auch eine Zunahme an Widerstandsfähigkeit (Resilienz) oder eine Zunahme an bewusster innerer Auseinandersetzung mit der bestehenden Grenzsituation, verbunden mit einer Zunahme an Lebenswissen (Wettstein, Wahl, Siebert et al., 2019; Potter, Drewelies, Wagner et al., 2020; Staudinger, 2020). Und schließlich können sich in diesem Prozess die oben genannten Perspektiven verändern: So kann zum Beispiel eine zunehmende Abkehr von anderen Menschen ebenso eintreten wie eine zunehmende Anteilnahme an deren Lebenssituation. Erst eine derart differenzierte, prozessorientierte Betrachtung des psychischen Bereichs versetzt Mitglieder des Versorgungsteams in die Lage, schwerkranke oder sterbende Menschen mitfühlend, anteilnehmend, unterstützend, verstärkend und motivierend zu begleiten.
Der soziale Bereich
Mit dem sozialen Bereich sind zunächst Autonomie, soziale Integration und soziale Teilhabe des schwerkranken oder sterbenden Menschen angesprochen: Inwieweit ist in den verschiedenen Phasen der Krankheit – bis hin zum eintretenden Tod – sichergestellt, dass Patientinnen und Patienten in ihrer Autonomie (Willensfreiheit und Selbstverantwortung) respektiert und nicht beschnitten werden? Inwieweit ist gewährleistet, dass sich die Bezugspersonen (die persönlichen wie die fachlichen) intensiv und nach bestem Wissen und Gewissen darum bemühen, die Werthierarchie, die Motive, die Bedürfnisse und Präferenzen schwerkranker oder sterbender Menschen auch dann zu erfassen, wenn die Artikulation von Werten, Motiven, Bedürfnissen und Präferenzen erschwert oder gar nicht mehr möglich ist? In diesem Falle gewinnt die mimische und gestische Ausdrucksanalyse mehr und mehr an Bedeutung; dies ist zum Beispiel bei einer weit fortgeschrittenen Demenz der Fall. Inwieweit sind die persönlichen wie fachlichen Bezugspersonen bereit, durch ihr Verhalten, Entscheiden und Handeln den Patientinnen und Patienten Sicherheit zu geben, angenommen und geachtet zu sein, nicht alleine gelassen zu werden, Verständnis in Bezug auf die hohe Fluktuation von Kontaktwünschen (zum Beispiel im Sinne eines Wechsels von stärkerem Rückzug nach innen und vermehrter Öffnung nach außen) zu finden, Anregungen und Hilfen in Bezug auf eine persönlich sinnerfüllte und stimmige Tagesgestaltung zu erhalten, schließlich jene medizinische und pflegerische Versorgung, jene psychologische, soziale und seelsorgerische Begleitung zu erhalten, die im individuellen Falle geboten sind und von ihnen gewünscht werden?
Schon diese Fragen veranschaulichen, wie wichtig es ist, sich bei der gedanklichen und emotionalen Vorwegnahme der persönlichen Lebenssituation in schwerer Krankheit oder im Prozess des Sterbens mit dem Thema zu beschäftigen, in welchem sozialen Umfeld man versorgt, unterstützt und begleitet werden will, wie die Sorgestrukturen beschaffen sein sollten, wenn aufgrund schwerer Erkrankung oder des herannahenden Todes eine umfassende Angewiesenheit auf Betreuung besteht. In öffentlichen Diskussionen neigen wir dazu, mit der Begleitung in schwerer Krankheit oder im Prozess des Sterbens primär das Thema der Selbstbestimmung zu assoziieren, hingegen weniger oder gar nicht das Thema der sorgenden Gemeinschaft, in der wir leben, mit der wir uns austauschen, von der wir begleitet werden möchten (Heller & Wegleitner, 2017; Klie, 2015). Dies ist eine bedeutsame Aufgabe der gedanklichen und emotionalen Vorbereitung auf die persönliche Lebenssituation in schwerer Erkrankung oder im Prozess des Sterbens: Nämlich bewusst der Frage nachzugehen, mit wem man zusammenleben, von wem man begleitet und betreut, von wem man gepflegt (bzw. nicht gepflegt) werden möchte (Dörner, 2007; Gronemeyer & Heller, 2014; Keil & Scherf, 2016). Allein die Beschäftigung mit der Frage, wie man in diesen gesundheitlichen Grenzsituationen die eigene Autonomie bewahren und was man schon heute tun kann, um dieses Ziel zu erreichen, erscheint entsprechend zu eng.
Mit dem sozialen Bereich ist weiterhin die soziale Lebenslage des Menschen angesprochen, die dessen Handlungsspielraum, das heißt, die objektiv gegebenen Möglichkeiten und Grenzen der Situationsgestaltung, auch im Krankheits- und Sterbensprozess mitbestimmt. Die soziale Lebenslage umfasst Merkmale wie Bildungsstand, Einkommen, Wohnqualität, Versorgungs- und Dienstleistungsangebot im näheren Wohnumfeld, Größe und Zusammenhalt des sozialen Netzwerks. Auch die Zugänglichkeit einer anspruchsvollen medizinischen und pflegerischen Versorgung ist als bedeutendes Merkmal der sozialen Lebenslage zu werten, da diese in hohem Maße von den materiellen Ressourcen und Bildungsressourcen eines Menschen bestimmt ist. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die innere Verarbeitung des herannahenden Todes nicht allein als ein individuelles Geschehen begriffen werden darf, sondern auch als ein soziales Geschehen verstanden werden muss, oder anders ausgedrückt: Nicht allein die körperliche und die seelisch-geistige Verfassung bestimmen mit, wie die eigene Endlichkeit erlebt und innerlich zu verarbeiten versucht wird, sondern auch die sozialen Bedingungen, unter denen die Person lebt – wobei die sozialen Bedingungen auch die Dienst- und Versorgungsleistungen mitdefinieren, die der schwerkranke oder sterbende Mensch erwarten kann und schließlich in Anspruch nimmt. Angehörige mittlerer, vor allem oberer Sozialschichten können auf ein ganz anderes Spektrum palliativmedizinischer und -pflegerischer Maßnahmen zurückgreifen als Menschen aus unteren Sozialschichten. Und es kommt hinzu: Die soziale Lebenslage bestimmt langfristig das Anspruchsniveau eines Menschen, das heißt, dessen Erwartungen (und Hoffnungen) mit Blick auf den Umfang und die Qualität der medizinisch-pflegerischen Versorgung mit. Patientinnen und Patienten, die sich schon in vorangegangenen Lebensphasen mit einem kleinen Spektrum an medizinischen und pflegerischen Leistungen begnügt haben, werden dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dann tun, wenn sie mit einer schweren oder zum Tode führenden Erkrankung konfrontiert sind.
Die große Bedeutung der sozialen Lebenslage für die Lebensqualität eines sterbenden Menschen hat der Heidelberger Internist Herbert Plügge – der auf einen großen palliativmedizinischen Erfahrungsschatz blicken konnte – schon zu Beginn der 1960er Jahre deutlich hervorgehoben. Er gab zu bedenken, dass sich auch im Prozess des Sterbens soziale Ungleichheiten widerspiegeln, die – je nach Richtung – die psychische Entwicklung unterstützen oder erschweren können. Eine in dieser Hinsicht wichtige Aussage von Herbert Plügge, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat, lautet:
»Vergleichsweise sanft (…) ist tatsächlich weitgehend identisch mit privilegiert. Sanft ist also von unzähligen Fällen von soziologischen Gegebenheiten abhängig. Abhängig vom Vermögen, das in die Lage versetzt, sich ein Einzelzimmer zu leisten, von der nur für die eine Kranke zur Verfügung stehenden Privatschwester, von der Häufigkeit der ärztlichen Visite, von individuell abgestimmter Besuchserlaubnis, vom häufigen Wechsel der Wäsche – das heißt von den Anderen, von dem Milieu, das die Anderen dem Kranken schaffen können. Abhängig von der Hilfserwartung, die die Anderen dem Schwerkranken vermitteln können. ›Sanft‹ ist also weniger gebunden an die Art des Verlaufs der Krankheit, als man gemeinhin glauben möchte und glaubt, sondern oft genug gewährleistet durch den Komfort, den materiellen und fürsorgerischen Komfort, den Angehörige mit ihren Mitteln zur Verfügung stellen.« (Plügge, 1960, S. 241)
Mit dem sozialen Bereich sind schließlich die kollektiven Bilder von Sterben und Tod, die kollektiven Praktiken des »Umgangs« mit schwerkranken und sterbenden Menschen, die Antworten, die unsere Gesellschaft und Kultur auf das Faktum der Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Endlichkeit des Menschen geben, angesprochen. In diesem Buch soll auch dieser Frage Raum gegeben werden. Als ein in dieser Hinsicht bedeutendes Werk ist die von dem deutsch-jüdischen Soziologen, Philosophen und Psychologen Norbert Elias (1897–1990) veröffentlichte Schrift »Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen« (Elias, 1983) zu werten, die auch heute noch hohe Aktualität beanspruchen darf. Wie Norbert Elias in diesem Buch hervorhebt, lassen sich moderne Gesellschaften dadurch kennzeichnen, dass einerseits überlieferte Konventionen des Umgangs mit Sterben und Tod nicht mehr angemessen erscheinen, dass andererseits neue Rituale, an denen Menschen ihr Verhalten gegenüber Sterbenden orientieren könnten, noch nicht entwickelt wurden. Damit stelle sich im Kontakt mit sterbenden Menschen mehr und mehr eine Sprachlosigkeit ein, da die persönlichen wie auch die fachlichen Bezugspersonen nicht mehr wüssten, wie sie mit dem Sterbenden kommunizieren sollten, wie ein Gespräch geführt werden sollte, das den Sterbenden tiefgehend berührt. Das Faktum der eigenen Endlichkeit erscheine, so Norbert Elias, im Selbstverständnis des modernen Menschen als Bedrohung. Entsprechend bestehe die Tendenz, Sterben und Tod aus dem gesellschaftlich-geselligen Leben zu verdrängen. Das Sterben des Anderen erscheine als mahnende Erinnerung an den eigenen Tod, löse entsprechend Unsicherheit aus und trage so dazu bei, dass die Menschen in modernen Gesellschaften nicht mehr in der Lage seien, Sterbenden das zu geben, was diese bräuchten. In seinem Hauptwerk »Über den Prozess der Zivilisation« (1976) hebt Norbert Elias hervor, dass im Zentrum der soziologischen Analyse die Beziehungen zwischen den Menschen stehen müssten; denn erst diese Beziehungen führten zu gesellschaftlichen Verflechtungen. Eine Aussage aus diesem Werk ist hier besonders wichtig, gibt sie doch die Analyseperspektive, die Norbert Elias einnimmt, sehr anschaulich wieder: »Die ›Umstände‹, die sich ändern, sind nichts, was gleichsam von ›außen‹ an den Menschen herankommt; die ›Umstände‹, die sich ändern, sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst.« (1976, S. 412) Eine dynamische Gesellschaftstheorie, wie Norbert Elias sie vertritt, setzt an den »Figurationen« an: Diese beschreiben die Beziehungen der Menschen untereinander, darüber hinaus die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft. Vor dem Hintergrund dieser »Figurationssoziologie« gewinnen die Aussagen von Norbert Elias zum Umgang unserer Gesellschaft mit sterbenden Menschen einmalmehr an Bedeutung: Weisen diese doch zum einen darauf hin, dass sich zwischen Sterbenden und ihren Bezugspersonen bestimmte Figurationen ergeben, nämlich dergestalt, dass Sterbende mehr und mehr aus Beziehungen ausgeschlossen, mehr und mehr an den Rand gedrängt werden, mithin nicht mehr im Zentrum von Beziehungen stehen – was zur Folge hat, dass sich die Kommunikation immer weiter »ausdünnt«. Zum anderen machen diese Aussagen deutlich, dass der Umgang mit Sterbenden einen bestimmten Entwicklungsstand unserer Gesellschaft (innerhalb eines dynamischen Entwicklungsprozesses) beschreibt. Die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft mit Sterbenden umgeht (»Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft«), sagt viel über ihren aktuellen Entwicklungsstand aus: Dieser lässt sich auch in der Hinsicht charakterisieren, dass Zeichen der Vergänglichkeit und Endlichkeit aus dem öffentlichen Raum, zudem aus Beziehungen zwischen den Menschen untereinander immer weiter »ausgeklammert«, »unsichtbar« gemacht werden – zum Beispiel dadurch, dass hochvulnerable Menschen bevorzugt in die Obhut von Institutionen gegeben werden.
Trotz aller individuellen Bemühungen, der fachlich und ethisch anspruchsvollen Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen den gebührenden Ort in unserer Gesellschaft zuzuweisen, schwerkranke und sterbende Menschen in die »Mitte der Gesellschaft« zu holen, beobachten wir auch heute noch eine ausgeprägte emotionale Reserviertheit gegenüber Menschen, die uns an unsere eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit erinnern. Wir beobachten auch heute noch die Sprachlosigkeit, das Fehlen von überzeugenden, emotional berührenden Ritualen im Kontakt mit schwerkranken und sterbenden Menschen. In dieser Hinsicht ist unsere Gesellschaft in ihrer Entwicklung über die verschiedenen Epochen tatsächlich ärmer geworden.
Und doch darf nicht übersehen werden, dass Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit wachsendes Interesse auf sich ziehen, in unserer Gesellschaft mehr und mehr eine erinnernde und mahnende Funktion einnehmen: Erinnernd in der Hinsicht, als sie uns an unsere eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit erinnern, mahnend in der Hinsicht, als sie uns ermahnen, rechtzeitig in einen innerpsychischen wie auch in einen sozialkommunikativen Prozess einzutreten, in dem unser Umgang mit der Ordnung des Todes seinen Platz und seinen Ausdruck findet. Neben allen großen, beeindruckenden fachlichen und menschlichen Hilfen, die Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit geben, sind auch die gesellschaftlichen und kulturellen Impulse, die von entsprechenden Initiativen ausgehen, zu würdigen. Diese können (und sollten!) mehr und mehr Einfluss auf den gesellschaftlichen Entwicklungsprozess nehmen.
Eine weitere soziologische Theorie, nämlich jene von der »Geschwätzigkeit des Todes« (Nassehi, 2004; Nassehi & Saake, 2005; Esser, 2019), sei hier angesprochen, weil sie eine andere, gleichfalls bedeutsame Sicht auf den gesellschaftlichen Umgang mit Endlichkeit entfaltet. Eine Todesverdrängung im Sinne eines psychologischen Prozesses wird in der von dem Soziologen Armin Nassehi entwickelten Theorie nicht postuliert. Vielmehr stimuliert gerade das Nicht-Fassbare des Todes, über den Tod zu reden. Somit entwickeln Gesellschaften vielfältige Vorstellungen, Bilder und Gedankengebäude, mit denen sie sich dem Nicht-Fassbaren nähern können. Diese vielfältigen Vorstellungen, Bilder, Gedankengebäude begründen die Geschwätzigkeit des Todes. Geschwätzigkeit meint nicht die tiefgreifende persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit und Endlichkeit, meint nicht die unmittelbar gefühlte, uns berührende Verarbeitung dieses zentralen Merkmals der Conditio humana, sondern ist eher ein unverbindliches Nachdenken und Reden über das Faktum des Todes, bedingt durch die Tatsache, dass sich der Tod unserer unmittelbaren Erfahrung entzieht. Menschen äußern, entsprechend ihrer familiären und kulturellen Herkunft, entsprechend ihrer beruflichen Herkunft, entsprechend ihrer biografischen Erfahrungen ganz unterschiedliche Gedanken zum Tod. Damit geht eine Vielfalt an Vorstellungen und Meinungen, die im öffentlichen Raum ausgetauscht werden, einher: Vielfach, dies sei noch einmal betont, sind diese unverbindlich. Damit erfährt der Begriff der »Todesverdrängung« eine besondere Konturierung, wie der Gerontologe Eric Schmitt – auf Armin Nassehi Bezug nehmend – in einem Beitrag zur »Soziologie des Todes« aufzeigt (Schmitt, 2012): Von einer Verdrängung des Todes, so Eric Schmitt, kann eigentlich nicht gesprochen werden, sondern nur von einer Überlagerung des Faktums eigener Endlichkeit durch Geschwätzigkeit.
Vor dem Hintergrund der Theorie von der »Geschwätzigkeit des Todes« stellt sich einmalmehr die Frage: Gibt es nicht doch einzelne Situationen oder Erlebnisse, in denen wir uns in einem Maße berührt sehen, dass wir in einer offenen, wahrhaftigen Art und Weise über unsere eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit sprechen? Mit dieser Frage stehen wir im Zentrum des existenziellen Bereichs.
Der existenzielle Bereich
Wenn von einem existenziellen Bereich gesprochen wird, dann ist es zunächst notwendig, eine Aussage darüber zu treffen, warum dieser von dem psychologischen Bereich abgegrenzt und als ein eigenständiger Analysebereich verstanden wird. Dabei ist zu konzedieren, dass die psychologische und die existenzielle Analyse bedeutsame Schnittmengen aufweisen (Coleman, Schröder-Butterfill & Spreadbury, 2016; Kruse & Schmitt, 2018; Schweda, Coors & Bozzaro, 2020). Diese liegen vor allem darin, dass sich Menschen in subjektiv bedeutsamen Situationen immer auch von Werten leiten lassen, die sowohl psychologische als auch existenzielle Bezüge aufweisen. Die psychologischen Bezüge liegen darin, dass Werte immer eine kognitive (erkennende), motivationale (Verhaltensziele setzende), emotionale (Gefühle auslösende) und verhaltens- oder handlungsbezogene (sich in den Reaktionen und Aktionen des Menschen widerspiegelnde) Komponente aufweisen – und diese vier genannten Komponenten bilden zentrale Gegenstandsbereiche der Psychologie. Zugleich sind mit Werten Ideen angesprochen, die den Kern unserer Existenz berühren. Wenn wir in einer Situation stehen, die tiefgreifende sittlich-moralische Bezüge aufweist, in der wir uns sittlich-moralisch herausgefordert fühlen, in der unser Gewissen angesprochen ist, dann geht dies, um begriffliche Anleihe an der »Philosophie« (1932/1973) des Heidelberger Philosophen und Psychiaters Karl Jaspers (1883–1969) zu nehmen, »auf das Ganze unserer Existenz«. Damit ist gemeint, dass wir uns in einer solchen Situation überhaupt erst vollumfänglich unserer Existenz bewusst werden und Erfahrungen mit uns selbst wie auch mit dem uns Umgreifenden machen, die sich nicht ausreichend mit einer wert-, persönlichkeits- und handlungspsychologischen Analyse abbilden lassen. Diese Erfahrungen lassen sich auch nicht immer sprachlich differenziert ausdrücken. Zudem sind sie eher punktueller Natur, sie treten in spezifischen Situationen – in denen unsere Werte zutiefst berührt und damit auch unsere Existenz angesprochen bzw. herausgefordert ist – auf.
Die Differenzierung zwischen einem psychologischen und einem existenziellen Bereich – bei Anerkennung der Schnittmengen zwischen diesen Bereichen – findet sich zum Beispiel in den Arbeiten des Wiener Psychiaters und Neurologen Viktor Frankl (1905–1997). Dieser belegte die von ihm begründete »Dritte Schule der Wiener Psychotherapie« mit den Begriffen »Logotherapie« und »Existenzanalyse« und entfaltete in seinen Schriften – so zum Beispiel in dem Buch »Der Wille zum Sinn« (1972/2016) – sowohl eine existenzphilosophische als auch eine existenzpsychologische Sicht auf den Menschen als ein wertverwirklichendes Wesen (auf zentrale Aussagen dieser Theorie werde ich an späterer Stelle des Buches zurückkommen). Die existenzphilosophische Sicht konzentriert sich dabei auf das Wesen des Menschen; es wird dargelegt, dass die menschliche Existenz ohne die Offenheit für Werte, ohne das Wertfühlen, ohne die Wertverwirklichung gar nicht gedacht werden kann. Weiterhin wendet sie sich den grundlegenden Aufgaben zu, die der menschlichen Existenz gestellt sind, wie auch der Freiheit und den mit der Freiheit gegebenen Gestaltungsmöglichkeiten, die sich dem Menschen bieten. Die existenzpsychologische Sicht zeigt auf, welche Bedeutung die Wertverwirklichung für die persönliche Sinnerfahrung, für das Gefühl der Stimmigkeit in der aktuell gegebenen Situation, schließlich für das gelingende Leben besitzt.
Wenn in diesem Buch vom existenziellen Bereich – oder existenziellen Erfahrungen – gesprochen wird, dann ist damit gemeint: a) das Individuum, das sich im Kern seiner Existenz angesprochen und herausgefordert sieht (hier ist auch der Begriff der »Erschütterung« wichtig), b) das Individuum, das sich mehr und mehr der Grenzen der eigenen Existenz bewusst wird und sich damit als in besonderem Maße auf sich selbst zurückgeworfen erlebt, c) das Individuum, das sich in diesem grundlegenden Angesprochen- und Herausgefordert-Sein wie auch in der Erfahrung der Grenzen zur Selbsttranszendenz aufgefordert sieht, das heißt zu einem Überschreiten früherer Arten und Weisen des Deutens einer Situation, des Umgangs mit dieser Situation.
Der existenzielle Bereich ist, folgen wir der bereits genannten Schrift »Philosophie« (1932/1973) des Philosophen und Psychiaters Karl Jaspers, vor allem in Grenzsituationen des menschlichen Lebens angesprochen, zu denen die Konfrontation mit eigener Vergänglichkeit und Endlichkeit gehört. Grenzsituationen versteht Karl Jaspers als Grundsituationen der Existenz, das heißt, als Situationen, die »mit dem Dasein selbst sind«. Sie zeichnen sich durch Endgültigkeit aus, oder in den Worten von Karl Jaspers: »Sie sind durch uns nicht zu verändern, sondern nur zur Klarheit zu bringen, ohne sie aus einem anderen erklären und ableiten zu können.« (Jaspers, 1973, Bd. II, S. 203) Das heißt, dass Grenzsituationen eine tiefgreifende Veränderung des Menschen erfordern, und zwar nicht nur in seiner Lebensgestaltung, sondern auch und vor allem in seiner Lebenshaltung oder Lebenseinstellung: »Auf Grenzsituationen reagieren wir nicht sinnvoll durch Plan und Berechnung, um sie zu überwinden, sondern durch eine ganz andere Aktivität, das Werden der in uns möglichen Existenz; wir werden wir selbst, indem wir in die Grenzsituationen offenen Auges eintreten.« (ebd., S. 204) Die von dem Philosophen Thomas Rentsch verwendete Charakterisierung des Alterns als »Werden zu sich selbst« (Rentsch, 2012; 2020) weist Ähnlichkeiten mit der hier angeführten Aussage von Karl Jaspers auf. Thomas Rentsch sieht in dem Altern des Menschen zunächst eine »Erfüllungsgestalt des Lebens«, in deren Verlauf sich dieser mehr und mehr der Einmaligkeit (Unverwechselbarkeit) seiner Existenz bewusst wird. Dabei werden aber die Grenzen der Selbst- und Weltgestaltung, mit denen der Alternsprozess in zunehmendem Maße konfrontiert, nicht geleugnet. Im Gegenteil, in diesen Grenzen wird der Mensch mehr und mehr auf sich zurückgeworfen, was auch bedeutet: Er bzw. sie spürt mehr und mehr, dass er, dass sie es ist, der bzw. die hier herausgefordert ist (Coors, 2020). Ähnlich wie Karl Jaspers sieht auch Thomas Rentsch in der wahrhaftigen Kommunikation eine zentrale Größe für einen reifungsorientierten Umgang mit Grenzen bzw. Grenzsituationen. Hier nähern wir uns wieder den kritischen Aussagen von Norbert Elias, dieses Mal aber in umgekehrter Weise: Wenn es nämlich gelingt, an die Stelle des Ausschlusses von schwerkranken oder sterbenden Menschen aus wahrhaftig geführter Kommunikation einen Einschluss in diese Art der Kommunikation treten zu lassen, dann können Menschen möglicherweise sogar im Prozess der Krankheit, ja sogar im Prozess des Sterbens Reifungsschritte tun.
In einer im Jahre 2017 erschienenen Schrift des Soziologen und Philosophen Hans Joas mit dem Titel »Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung« werden existenzielle Erfahrungen als »Erschütterungen der symbolischen Grenzziehungen, die das Selbst ausmachen«, gedeutet, wobei Hans Joas für Erschütterungen – sowohl im positiven als auch im negativen Fall – den Begriff der »Selbsttranszendenz« verwendet. Die damit verbundenen Herausforderungen des Selbst sind »nicht aktivisch«, wie dies Hans Joas nennt, zu bewältigen (siehe hier die Übereinstimmung mit der von Karl Jaspers vorgenommenen Charakterisierung des Umgangs mit Grenzsituationen). Es geht, so Hans Joas, »vielmehr um Erfahrungen, die eine fundamental passive Dimension aufweisen – um Erfahrungen nicht des Ergreifens von Handlungsmöglichkeiten, sondern des Ergriffenwerdens etwa durch Personen oder Ideale.« (2017, S. 431) Entsprechende Erfahrungen der Selbsttranszendenz können wir in der Liebe, im gelingenden Dialog ebenso wie im erschütternden Mitleid gewinnen. Auch religiöse Erfahrungen, von Hans Joas mit dem Begriff »sakrale Erfahrungen« umschrieben, sind hier anzuführen. Schließlich sind jene Erfahrungen zu nennen, die in diesem Buch im Zentrum stehen, nämlich »Erfahrungen der Angst, in denen ein Mensch sich seiner tiefen Verletzlichkeit und Endlichkeit bewusst wird durch eigene Krankheit und Todesangst oder durch das Leiden geliebter Menschen und deren Verlust; Erfahrungen, in denen die Welt für uns ihren Handlungsreiz verliert und wir in die Depression der Sinnlosigkeit unserer Existenz hineinfallen.« (ebd., S. 433).
1.2 Sterbensängste, Todesängste: Ein erstes Fazit
Zunächst wurde – mit Blick auf die Ängste des Menschen – eine Unterscheidung zwischen Sterben und Tod vorgenommen. Diese Unterscheidung wurde aber nicht in der Hinsicht getroffen, dass die von vielen Menschen getätigte Aussage, nämlich mit Sorgen auf ein qualvolles Sterben zu blicken, hingegen dem eigenen Tod eher gelassen gegenüberzustehen, bestätigt worden wäre. Zumindest für jenen Menschen, der mit Freude gelebt hat, ist auch der Tod selbst eine große Herausforderung, bedeutet er doch, endgültig Abschied zu nehmen von einer Welt, in der man sich zu Hause gefühlt hat. Sorgen vor einem qualvollen Sterben können – aufgrund der erkennbaren Erfolge von Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit – in vielen Fällen genommen werden. Nur ist es wichtig, dass diese Versorgungsbereiche institutionell deutlich ausgebaut werden. Ohne hier Intensivmedizin und Palliativmedizin gegeneinander ausspielen zu wollen: Es sollte auch von politischen Entscheidungsträgern zur Kenntnis genommen werden, dass für den Ausbau der Intensivmedizin ein Vielfaches der Mittel bereitgestellt wird, die in den Ausbau der Palliativmedizin und Palliativpflege fließen. Dabei werden diese – einschließlich der Hospizarbeit – in Zukunft noch wichtiger werden, als sie heute schon sind, gehen doch die familiären Pflegeressourcen mehr und mehr zurück.
Wenn über Sterben gesprochen wird, so bedeutet dies zumindest im hohen Lebensalter vielfach einen Übergang von einer chronisch-progredienten Erkrankung in einen präfinalen und schließlich in einen finalen Zustand; zum Teil verlaufen diese Übergänge diskret, von Patientinnen und Patienten wie auch von ihren persönlichen und fachlichen Bezugspersonen kaum bemerkt. Damit wird zum einen deutlich, dass die Palliativmedizin und Palliativpflege – ebenso wie die Hospizarbeit – sich nicht allein auf sterbende Menschen konzentrieren (sollten), sondern ausdrücklich auch Angebote für schwerkranke Menschen bereithalten (sollten). Die Differenzierung zwischen einer Palliative Care und einer End of Life Care (Remmers & Kruse, 2014) trägt der Tatsache Rechnung, dass im Kontext palliativmedizinischer und palliativpflegerischer Versorgung auch auf die Bedürfnisse schwerkranker Menschen zu achten ist, die noch nicht unmittelbar mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert sind. Mit den diskreten Übergängen wird aber auch noch etwas Anderes deutlich, nämlich die zum Teil viele Monate, wenn nicht sogar mehrere Jahre andauernde Konfrontation des schwerkranken und sterbenden alten Menschen mit der eigenen Vergänglichkeit. Der kontinuierlich zunehmende Verlust der körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit, die kontinuierlich wachsende Symptomvielfalt, Symptomtiefe und Symptomschwere, die kontinuierlich zunehmende Angewiesenheit auf umfassende Hilfe oder Pflege: Dies sind Prozesse, die dem Menschen mehr und mehr vor Augen führen, dass er verletzlich, dass er vergänglich ist (Bozzaro, Boldt & Schweda, 2018; Rüegger, 2020). Für die Psyche, für die innere Verarbeitungskapazität des Individuums sind damit hohe, zum Teil außerordentlich hohe Anforderungen verbunden. Hier gibt es nichts zu verklären oder schön zu reden. Hier ist vielmehr festzustellen und zu konstatieren.
Aber es ist schon ein großer Gewinn, wenn wir begreifen, dass am Ende des Lebens die Psyche besonderen Anforderungen ausgesetzt ist, dass diese in der Tat »Großes« leisten und eine hohe Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen muss, wenn die innere Verarbeitung der Verletzlichkeit und Vergänglichkeit gelingen soll. Dass diese gelingen kann, wurde unter dem Rubrum »psychischer Bereich« ausdrücklich festgestellt. Diese kann aber nicht gelingen, dies sei ebenfalls betont, wenn das Individuum mit seinen Krankheiten, Symptomen, Ängsten alleine gelassen wird und keine fachlich überzeugende medizinisch-pflegerische, psychologische, soziale und seelsorgerische Hilfe erhält. Wenn diese Hilfe sichergestellt ist und gegeben wird, kann es dem Individuum durchaus gelingen, sich bewusst auf den herannahenden Tod einzustellen und möglicherweise in diesem Verarbeitungsprozess seelisch-geistige Reifungsschritte zu tun. Zahlreiche Beiträge aus Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit zeigen uns, dass solche Reifungsschritte nicht nur Wunsch, sondern auch Wirklichkeit sind.
Palliativmedizin, Palliativpflege und Hospizarbeit sind deswegen so wichtig, weil sie Menschen eine bedeutsame Hilfe dabei sind, das Sterben innerlich zu »überstehen«, im Prozess des Sterbens nicht die personale Integrität zu verlieren, das eigene Leben wie auch das soziale Nahumfeld auch im Sterben wenigstens in Ansätzen gestalten zu können. Diese Angebote sind eben auch für die Psyche des schwerkranken und sterbenden Menschen wie auch für die Psyche seiner Bezugspersonen von größter Bedeutung.
Und in diesem Kontext ist es wichtig, dass wir auch über gesellschaftliche und kulturelle Aspekte des Sterbens nachdenken, wie dies unter dem Rubrum »sozialer Bereich« versucht wurde. Dieses Nachdenken, aus dem gesellschaftliches und politisches Handeln erwachsen muss, ist deswegen so wichtig, weil es dazu beitragen kann, dass wir die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit in die Mitte des öffentlichen Raumes holen, dass wir Schwerkranken und Sterbenden eine lebendige, wahrhaftige Kommunikation nicht vorenthalten. Und umgekehrt kann davon ausgegangen werden, dass die Entwicklung der Palliativmedizin und Palliativpflege, dass die Entwicklung der Hospizarbeit mit dazu beiträgt, dass sich ein überzeugender kultureller Umgang mit schwerer Krankheit und Sterben durchzusetzen beginnt.
Dieses erste und einführende Kapitel abschließend, möchte ich aus der ersten Auflage des von Stein Husebø und Eberhard Klaschik (1997a) herausgegebenen Buches »Palliativmedizin« die beiden Vorworte zitieren, eines von den Herausgebern selbst, eines von Cicely Saunders, der Nestorin der Palliativmedizin. In diesen beiden Vorworten werden die fachlichen, anthropologischen und ethischen Grundlagen angedeutet, die den Ausgangspunkt der Forschung und Praxis auf den Gebieten der Palliativmedizin, der Palliativpflege und der Hospizarbeit bildeten und die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Diese Grundlagen leiten auch die Überlegungen, die in den nachfolgenden Kapiteln vorgetragen und entfaltet werden.
»Die Patientengruppe, um die es hier geht, weist drei besondere Merkmale auf: Erstens ist sie die größte aller Patientengruppen (jeder Mensch muss sterben). Zweitens konnte in einer Reihe von Untersuchungen gezeigt werden, dass es kaum ein wichtigeres Thema für den einzelnen Menschen gibt als ein menschenwürdiges Sterben. Drittens gibt es keine Gruppe von Patienten, die schwächer und verletzbarer ist als die der Schwerkranken und Sterbenden; sie haben keine Kraft mehr, sich zur Wehr zu setzen. Gute Palliativmedizin und Hospizarbeit sind nicht möglich ohne menschliche und fachliche Kompetenz und ohne eine multidisziplinäre Zusammenarbeit der einzelnen Berufsgruppen. Diese Patienten brauchen fast täglich ärztliche Präsenz und Behandlung, sie brauchen Pflege, Verständnis, physische und psychische Stimulanz, Seelsorge, Nähe wie Distanz.« (Husebø & Klaschik, 1997b, S. XI f)
»Jeder Patient benötigt über den gesamten Verlauf der Erkrankung eine angemessene und individualisierte Behandlung. Nicht alle können geheilt werden und alle werden irgendwann sterben. Wie dies geschieht, ist nicht nur für ihre Würde als Individuum wichtig, sondern auch für sie als Mitglied eines Familiennetzwerks. Einem Leben, das mit viel unvollendetem Geschäft oder unkontrolliertem Leiden endete, wurde nicht mit gebührendem Respekt begegnet; dieses hinterlässt keine guten Erinnerungen. Zu akzeptieren, dass das Leben endet, kann Wert, Freiheit und Hoffnung vermitteln. Offenheit und eine von Respekt bestimmte Vermittlung ›schlechter Nachrichten‹ können zu Kreativität und zur Heilung von Beziehungen führen. Diejenigen von uns, die viele Menschen am Ende ihres Lebens begleitet haben, konnten nicht nur Ausdauer und Mut erleben, sondern auch viel Wachstum durch Verlust. All dies erfordert große Kompetenz in der Analyse und Entlastung der unterschiedlichen Formen des Leidens, die zusammen den gesamten Schmerz (›total pain‹) einer unheilbaren Krankheit ausmachen.« (Saunders, 1997, S. XV)
1 Aus der umfangreichen Literatur seien stellvertretend nur einige multidisziplinär konzipierte Monografien angeführt, die in ihrer Gesamtheit einen ausgezeichneten Überblick über den theoretisch-konzeptionellen, empirischen und praktischen Erkenntnisstand geben und auf die ich mich – neben anderen – in den weiteren Kapiteln wiederholt beziehen werde: Aulbert, Nauck & Radbruch, 2011; Anderheiden & Eckart, 2012; Maio, Bozzaro & Eichinger, 2015; Neuenschwander & Cina, 2015a; Husebø & Mathis, 2017; Schärer-Santschi, Steffen-Bürgi, Staudacher & Monteverde, 2017; Bausewein, Roller & Voltz, 2018; Kreutzer, Oetting-Roß & Schwermann, 2019; Mitscherlich-Schönherr, 2019b; Schnell & Schulz-Quach, 2019.
2 Siehe dazu auch die Schrift von Erich Fromm (1900-1980): »Haben oder Sein« (1976), in der diese Aussage ein zentrales Motiv bildet.
2
Die Vorbereitung des Menschen auf seinen Tod
In einer Schrift zum Leben und Sterben im Alter sind auch Aussagen zur inneren Vorbereitung des alten Menschen auf den eigenen Tod zu treffen. Die Art und Weise nämlich, wie Menschen eine schwere, zum Tode führende Erkrankung zu verarbeiten versuchen, ist nicht losgelöst von deren grundlegender Einstellung und Haltung zum eigenen Tod zu betrachten. In dieser spiegelt sich auch das Ausmaß, in dem sich Menschen auf den Tod vorbereiten, diesen also bewusst in ihr Leben hineingenommen haben, wider.
Die Analyse der Einstellung und Haltung zum eigenen Tod nehme ich zunächst vor dem Hintergrund von drei theoretischen Perspektiven vor, die von der Annahme ausgehen, dass die Art und Weise, wie Menschen den herannahenden Tod erleben und bewerten, in hohem Maße davon beeinflusst ist, welche Einstellung und Haltung sie zu ihrer Biografie ausgebildet haben, wie ihr Lebensrückblick ausfällt und inwieweit sie in der Lage sind, zu einer Neuorientierung zu finden – und zwar in der Hinsicht, dass es ihnen gelingt, über ihre irdische Existenz hinauszublicken und diese in umfassendere, »kosmische« Bezüge einzuordnen. Die drei theoretischen Perspektiven, die in diesem Kapitel erörtert werden sollen, lassen sich überschreiben mit »Lebensrückblick«, »Ich-Integrität«, »Verletzlichkeit und Reife in Sorgebeziehungen«. Diese Erörterung lässt uns besser verstehen, wie sich Einstellung und Haltung zur Biografie entwickeln und wie diese wiederum die Einstellung und Haltung zum Tod beeinflussen. In letzter Konsequenz bedeutet dies: Wie wir auf den herannahenden Tod blicken, inwieweit wir in der Lage sind, uns bewusst mit unserer eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen, entscheidet sich keinesfalls erst im letzten Lebensjahr oder in den letzten Lebensmonaten. Nein, schon in früheren Lebensabschnitten, vor allem aber im höheren und hohen Alter können wir seelisch-geistige Entwicklungsschritte vollziehen, die uns in die Lage versetzen, die eigene Endlichkeit gedanklich und emotional klarer vorwegzunehmen und – trotz allen Schmerzes, mit dem der Abschied von der Welt verbunden ist, trotz aller Ängste, die der bevorstehende Abschied in uns auslöst – eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit zu leisten.
Bei der Analyse der Einstellung zum eigenen Tod möchte ich mich jedoch nicht allein auf theoretische Perspektiven konzentrieren, sondern die Sicht noch einmal weiten: Es sollen auch Beiträge aus der Lyrik zu Wort kommen, die sich besonders dafür eignen, die in den theoretischen Perspektiven angesprochenen seelisch-geistigen Prozesse wie auch Entwicklungsmechanismen, die diesen zugrunde liegen, zu veranschaulichen und aus einer individuell-existenziellen Sicht zu beschreiben. Natürlich lässt sich einwenden, dass hier zwei unterschiedliche Ebenen angesprochen werden, die sich nicht unmittelbar aufeinander beziehen lassen, handelt es sich doch das eine Mal um eine Forschungsebene, das andere Mal um eine literarische Ebene. Diesem Einwand möchte ich entgegenhalten, dass letztere ebenfalls seelisch-geistige Prozesse beschreibt, die verwandt sind mit jenen, die die psychologische Analyse in den Blick nimmt und differenziert untersucht. Zudem gibt die literarische Ebene Auskunft über das innere Erleben der Verfasserin bzw. des Verfassers wie auch über die Art und Weise, in der diese bzw. dieser selbst auf die Grenzsituation der schweren Erkrankung oder des Sterbens blickt. Es sei nur eine sehr kleine Auswahl an literarischen Dokumenten getroffen, denn mir geht es hier ja vor allem um die Veranschaulichung psychologischer Prozesse sowie um die Abbildung der existenziellen Perspektive. Und hier treffen wir wieder auf das Individuum, das ja auch in den theoretischen Perspektiven Dreh- und Angelpunkt der Analyse bildet. Dabei soll deutlich werden, wie sehr sich Lyrik eignet, seelisch-geistige Vorgänge anschaulich zu beschreiben. Somit ergibt sich hier ein wertvolles Ergänzungsverhältnis.
2.1 Die erste theoretische Perspektive: »Lebensrückblick«
Robert Butler (1927–2010), US-amerikanischer Psychiater und Altersforscher, Gründer des National Institute on Aging, ist im Jahre 1963 mit einer Arbeit über den Lebensrückblick (life review) an die Öffentlichkeit getreten, die auch heute noch als richtungsweisend für ein tiefes psychologisches Verständnis des Lebensrückblicks gewertet wird (Butler, 1963; siehe auch Haight, Pierce, Elliott et al., 2018). Wie definiert Robert Butler den Lebensrückblick? Als einen natürlichen, universellen seelisch-geistigen Prozess, der sich im Sinne eines zunehmend stärkeren Bewusstseins vergangener Erfahrungen deuten lässt, wobei vor allem ungelöste Konflikte mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Bei den meisten Menschen ist das Potenzial erkennbar, diese Erfahrungen und Konflikte rückblickend besser zu verstehen und in die subjektiv erlebte Biografie zu integrieren. Der Lebensrückblick wird dabei durch zwei grundlegende Erfahrungen angestoßen: Zum einen durch die Bewusstwerdung des herannahenden Todes und der mit diesem verbundenen Auflösung der irdischen Existenz, zum anderen durch die mit dieser Bewusstwerdung verbundene Unmöglichkeit, die Vorstellung persönlicher Unverletzlichkeit (oder Unverwundbarkeit) aufrechtzuerhalten. Die Aussage, dass es sich bei dem Lebensrückblick um einen natürlichen, universellen seelisch-geistigen Prozess handelt, ist auch in der Hinsicht zu verstehen, dass diese eine charakteristische Entwicklungsaufgabe des hohen Alters beschreibt. Dies bedeutet, dass der Lebensrückblick im Leben aller alten Menschen zunehmend an Bedeutung gewinnt, wobei Robert Butler hinzufügt: Eher bewusst oder eher unbewusst. Alte Menschen können somit den Lebensrückblick ganz bewusst und innerlich engagiert vornehmen; es kann aber auch genauso gut vorkommen, dass sich der Lebensrückblick eher unbewusst einstellt und gegebenenfalls zu Veränderungen im Erleben und Verhalten führt, deren Ursprünge dem Individuum (zumindest zunächst) verborgen bleiben. Die von Robert Butler getroffene Aussage, wonach der herannahende Tod wie auch die Antizipation oder die Erfahrung eigener Verletzlichkeit Prozesse des Lebensrückblicks anstoßen, führt uns einmalmehr vor Augen, dass die »Ordnung des Lebens« und die »Ordnung des Todes« miteinander verschränkt sind. Das Bewusstwerden des herannahenden Todes bleibt nicht ohne Folgen für die Einstellung und Haltung zum Leben; vielmehr wird im Angesicht eigener Verletzlichkeit und Endlichkeit eine umfassende Betrachtung und Bewertung der eigenen Biografie vorgenommen (Butler, 1980). Erst diese umfassende Betrachtung und Bewertung – in ihrem bewussten und unbewussten (zum Teil nur in Träumen erfahrbaren) Anteil – verdient die Charakterisierung als »Lebensrückblick«. Wenn der Lebensrückblick in seiner Gesamtheit eher positiv ausfällt, dann ist das Individuum auch eher in der Lage, die eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit, den herannahenden Tod anzunehmen oder zumindest als etwas Unvermeidliches hinzunehmen. Erneut wird die Verschränkung der beiden Ordnungen – jener des Lebens, jener des Todes – erkennbar; dieses Mal aber in einer umgekehrten Richtung: Die Einstellung und Haltung zum Leben bestimmen die Einstellung und Haltung zum Tod mit.
Folgen wir Robert Butler, dann hat der Lebensrückblick eine bedeutsame Funktion für die Persönlichkeitsentwicklung des Individuums in den späten Phasen des Lebens: Denn durch diesen wird die Integration der Persönlichkeit gefördert, wobei »Integration« zum einen zu verstehen ist im Sinne der Lösung von bislang ungelösten Konflikten, zum anderen im Sinne von Differenzierung und Harmonie; letztere kann dabei durch erstere gefördert werden. Der Lebensrückblick stellt also mit Blick auf die Persönlichkeitsentwicklung eine Entwicklungschance dar. Hier übrigens weist der Ansatz eine bemerkenswerte Nähe zu dem Konzept der Individuation auf, von der der Analytische Psychologe Carl Gustav Jung (1972) spricht. Nach C. G. Jung ist von einem lebenslang bestehenden Entwicklungspotenzial auszugehen, dessen Verwirklichung auch im Sinne einer kontinuierlich fortschreitenden Individuation zu begreifen ist: Das Individuum wird in wachsendem Maße »einzigartig« (im Sinne von »unverwechselbar«), indem es mehr und mehr Seiten seiner Persönlichkeit integriert und damit lebendig werden lässt, die bis dahin unbewusst gewesen sind.
Robert Butler nimmt übrigens an, dass sich Menschen gerade im hohen Alter mehr und mehr von gesellschaftlichen Verpflichtungen zurückziehen und damit mehr Zeit für die Selbstreflexion besitzen, die ihrerseits zu persönlich wie auch kollektiv bedeutsamen Einsichten und Erkenntnissen über das Leben führen kann. Die These des gesellschaftlichen Rückzugs würde man heute in dieser Verallgemeinerung nicht mehr aufstellen, denn zahlreiche Befunde sprechen dafür, dass das Motiv der Teilhabe auch bei dem deutlich größeren Anteil alter Menschen erkennbar, wenn nicht sogar stark ausgeprägt ist (Ramia & Voicu, 2020). Allerdings tritt im hohen Alter die Vielzahl an Beziehungen zugunsten der Konzentration auf wenige Beziehungen zurück, in denen ein intensiver emotionaler und geistiger Austausch erfahren wird; zur Umschreibung dieser Konzentration wird treffend von »sozioemotionaler Selektivität« gesprochen (Carstensen & Lang, 2007). Und gerade im vertieften Engagement oder in emotional und geistig vertieften Beziehungen liegt ein bedeutsames Potenzial für die Kommunikation subjektiv bedeutsamer Einsichten und Erkenntnisse, wobei diese Kommunikation durchaus auch im Sinne der Selbstvergewisserung zu verstehen ist. Nicht selten werden einzelne Erinnerungen (im Sinne der Reminiszenz) mit anderen Menschen ausgetauscht, und in diesem Austausch kann durchaus eine Anregung zu einem umfassenderen, bewusst geführten Lebensrückblick gesehen werden.
Es lässt sich also feststellen: Der Lebensrückblick ist eine bedeutsame Entwicklungsaufgabe des hohen Alters, er ist das Ergebnis der zunehmenden Bewusstwerdung eigener Endlichkeit und Verletzlichkeit, er ist die Antwort des Lebens auf den immer näher rückenden Tod. Das Ausweichen vor einem Lebensrückblick wäre mit Blick auf die weitere Persönlichkeitsentwicklung, aber auch mit Blick auf die Annahme oder Hinnahme des Todes geradezu dysfunktional. Der intensiver betriebene Lebensrückblick und damit auch die Offenheit für neue Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse sind mit Blick auf die Persönlichkeitsentwicklung sowie mit Blick auf die Annahme oder Hinnahme des Todes dagegen hochfunktional. Robert Butler begreift somit den Lebensrückblick auch als eine Form der Vorbereitung auf den Tod.
Auch wenn sich die Entwicklungsaufgabe des Lebensrückblicks jedem alten Menschen stellt, so zeigt sich doch eine beachtliche Variation in den konkreten Formen dieses Rückblicks. Er kann, so Robert Butler, eine diskrete Form zeigen, das heißt, allein in der Auseinandersetzung des Individuums mit sich selbst erfolgen. Er kann aber auch Thema des Gesprächs mit anderen Menschen sein. Er kann eher bewusst oder eher unbewusst von statten gehen. Oftmals bildet er auch Thema von Träumen. Und schließlich, dies wurde ja eben schon angedeutet, kann das Gespräch mit anderen Menschen über spezifische, umgrenzte Themen mehr und mehr in einen umfassenderen Lebensrückblick münden (Butler, 1980).
Der Lebensrückblick bietet neben dem potenziellen Gewinn für die Persönlichkeitsentwicklung zwei weitere Gewinne. Zunächst ist die potenzielle therapeutische Wirkung zu nennen: Der Lebensrückblick konfrontiert das Individuum mit der Aufgabe, bislang nicht ausreichend reflektierte Lebensthemen, bislang nicht gelöste Konflikte zu bearbeiten; damit ist durchaus eine heilsame, therapeutische Wirkung angesprochen (Westerhof & Slatman, 2019). Zudem ist mit dem Lebensrückblick das Potenzial einer Botschaft an die nachfolgenden Generationen verbunden (Zimmermann & Forstmeier, 2020): Die aus dem Lebensrückblick hervorgehenden Erfahrungen und Erkenntnisse werden nämlich nicht selten im Sinne eines Vermächtnisses verstanden. Hier sei ein Beispiel aus der Palliativ- und Hospizarbeit genannt: Persönliche Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse und Einsichten werden auch mit dem Ziel thematisiert, Angehörige nachfolgender Generationen am eigenen Lebenswissen teilhaben zu lassen und ihnen etwas für ihr Leben mit auf den Weg zu geben. In dem Maße, in dem die Adressaten offen für diese Botschaft sind und dies auch entsprechend kommunizieren, helfen sie dem Schwerkranken oder Sterbenden, die Grenzsituation der Krankheit oder des Sterbens anzunehmen.
Der Lebensrückblick kann mit Grenzen konfrontieren. Das Individuum erkennt in diesem Rückblick, dass es in seinem Leben Situationen gab, in denen es moralisch nicht korrekt gehandelt, in denen es anderen Menschen vielleicht sogar Schaden zugefügt hat (Stevens, 2019). Es realisiert, dass diese Schuld in der verbleibenden Zeit nicht mehr abgetragen werden kann. Möglicherweise erkennt es, dass bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch bestimmte Werte nicht (ausreichend) verwirklicht wurden; und vor diesem Hintergrund wird das Leben vielleicht als ein Misserfolg, wenn nicht sogar als ein Versagen empfunden. In solchen Fällen können mit dem Lebensrückblick durchaus psychische Störungen und psychopathologische Symptome einhergehen, wie zum Beispiel Depressionen oder stark ausgeprägte und anhaltende Angstzustände. Die Beschäftigung mit der Vergangenheit kann gerade unter solchen interpretativen Bedingungen obsessiven Charakter annehmen: Die Vergangenheit verdrängt die Gegenwart und Zukunft aus dem Bewusstsein; damit stagniert jede Entwicklung, jede reife Auseinandersetzung mit neuen Aufgaben. Und schließlich kann die Erfahrung des herannahenden Todes – wie auch das Erleben einer schweren, mit Funktionseinbußen einhergehenden Erkrankung – eine narzisstische Kränkung gerade für jenen Menschen bedeuten, bei dem eine stärker ausgeprägte narzisstische Haltung (im Sinne einer übermäßigen Beschäftigung mit sich selbst und der Ausblendung von Bedürfnissen anderer Menschen) vorliegt. In allen diesen Fällen wird deutlich: Der Tod gewinnt einmalmehr etwas Bedrohliches. Er konfrontiert den Menschen mit jenen Seiten seines Lebens, die – sei es schicksalsbedingt, sei es durch persönlich ungenutzte Entwicklungsperspektiven – nicht zur Verwirklichung gelangten (Fuchs, 2019). Dies kann zu hoher Unzufriedenheit, zu Schuldgefühlen, zu Neid und Missgunst führen.
Eine wichtige Ergänzung zum Konzept des »Lebensrückblicks« bildet die von dem niederländischen Psychologen und Altersforscher Joep Mathieu Munnichs (1927–2000) vorgelegte Arbeit mit dem Titel »Alter und Endlichkeit« (Munnichs, 1966). In dieser Arbeit berichtet der Autor über eine von ihm durchgeführte Untersuchung, in der 100 Frauen und Männer (Altersbereich: 70 Jahre und älter) intensiv zu ihrer Einstellung und Haltung zum Tod, aber auch zu ihrer biografischen Entwicklung interviewt wurden. Joep M. Munnichs ging dabei der Frage nach, inwieweit die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie in ihrer Biografie Endlichkeitserfahrungen gemacht hatten, inwieweit sie mit gesundheitlichen Grenzsituationen konfrontiert waren und welche Einstellung und Haltung sie zu ihrer Biografie zeigten. Gerade im Hinblick auf den von Joep M. Munnichs angenommenen Zusammenhang zwischen der Deutung der Biografie und der Deutung der eigenen Endlichkeit weist diese Untersuchung enge Zusammenhänge mit dem von Robert Butler eingeführten Konzept des Lebensrückblicks auf.
Einstellungen und Haltungen zur Endlichkeit
In der Untersuchung ließen sich fünf unterschiedliche Einstellungen und Haltungen zur eigenen Endlichkeit identifizieren; jede Teilnehmerin bzw. jeder Teilnehmer konnte dabei einer dieser Einstellungsformen zugeordnet werden:
1. Annahme der Endlichkeit;
2. Hinnahme der Endlichkeit;
3. Ausweichen vor der Beschäftigung mit der Endlichkeit;
4. Negierung der Endlichkeit;
5. Flucht vor den Gedanken an die Endlichkeit.
Mit »Annahme der Endlichkeit« wird zum Ausdruck gebracht, dass die Vorstellung, sterben zu müssen, für jene Frauen und Männer, die sich dieser Einstellungsform zuordnen ließen, nichts Schreckendes hatte, dass sie vielmehr in die eigene Endlichkeit ausdrücklich »eingewilligt« hatten, dass sie den Tod als Teil des Lebens deuteten und als solchen antizipierten bzw. erwarteten. Mit »Hinnahme der Endlichkeit« wird eine etwas anders gelagerte Einstellungsform umschrieben: Die Frauen und Männer nahmen den Tod als etwas hin, was letztlich unvermeidlich ist, sie akzeptierten den Tod nicht, sondern »erduldeten« oder »ertrugen« die Vorstellung, einmal sterben zu müssen, und dies auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Endlichkeit ein Teil der Conditio humana ist, dem man sich nicht entziehen, den man nicht abschatten kann. Im Erleben dieser Frauen und Männer waren allerdings auch passager und wiederholt auftretende Unsicherheit und Ängstlichkeit erkennbar (und gerade darin liegt ja der Unterschied zur Annahme der Endlichkeit), die aber immer wieder der Überzeugung wichen, den Tod hinnehmen zu müssen und auch hinnehmen zu können. Mit »Ausweichen vor der Beschäftigung mit der Endlichkeit« umschreibt Joep M. Munnichs eine Einstellung und Haltung, die von hoher Rationalität bestimmt war und Emotionen weitgehend oder völlig ausblendete. Jene Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich dieser Einstellungsform zuordnen ließen, neigten dazu, sehr sachlich über den Tod (wie auch über das Sterben) zu sprechen und Fragen nach den Gefühlen, die die Vorstellung des eigenen Todes auslöse, auszuweichen. Der Gesprächsteil zum Thema »Endlichkeit« fiel in dieser Gruppe in aller Regel vergleichsweise kurz aus, weil es nach Auffassung dieser Frauen und Männer »nicht viel über Sterben und Tod zu reden« gab. Eine weitere Gruppe von Frauen und Männern, deren Einstellung und Haltung Joep M. Munnichs mit »Ausweichen vor der Beschäftigung mit der Endlichkeit« umschrieb, wollte und konnte nicht an den eigenen Tod denken, geschweige denn über diesen sprechen; dies auch aufgrund der Tatsache, dass das Nachdenken über die Endlichkeit »etwas Lähmendes« habe. Der Tod wurde nicht als Teil des eigenen Lebens betrachtet, sodass es auch nicht als notwendig oder gar als funktional erachtet wurde, über diesen nachzudenken. Diese Einstellungsform darf nicht mit jener der Annahme oder der Hinnahme des Todes verwechselt werden, denn sie trägt ja nichts von Annahme oder Hinnahme in sich; vielmehr wird jede intensivere Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit konsequent gemieden. Die vierte Einstellungsform, mit »Negierung der eigenen Endlichkeit« umschrieben, deutet auf eine noch stärkere Ausblendung oder Abschattung der Endlichkeitsthematik hin, als diese schon in der drittgenannten Einstellungsform sichtbar wurde. In den Interviews wurde die Endlichkeitsthematik in keiner Weise aufgegriffen; vielmehr konzentrierten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dieser Gruppe ganz auf die Gegenwart und die nahe Zukunft, die dicht mit Plänen und Vorhaben gefüllt waren. Das Thema der letzten Grenze verschwand geradezu hinter dieser Fülle an Plänen und Vorhaben. Die fünfte der von Joep M. Munnichs unterschiedenen Einstellungsformen zeichnet sich gegenüber den anderen Einstellungsformen durch obsessive Gedanken an den Tod aus. Die Frauen und Männer fühlten sich vom Tod geradezu verfolgt, sie berichteten über große Schwierigkeiten, Gedanken an den Tod zurückzudrängen, und sahen sich sozusagen auf der Flucht vor diesen Gedanken wie auch vor dem Faktum der eigenen Endlichkeit selbst. Das Thema war für sie hochbelastend, es reduzierte Lebensqualität und Wohlbefinden deutlich. Nicht selten strebten diese Frauen und Männer nach seelischer Entlastung in Gesprächen mit anderen Menschen. Depressionen und Angstzustände waren hier besonders häufig anzutreffen.
Der enge Zusammenhang einzelner Einstellungsformen mit biografischen Erlebnissen wie auch mit der Einstellung und Haltung zur Biografie war in dieser Untersuchung eindeutig nachweisbar (Munnichs, 1995). Vier Ergebnisse erscheinen mir hier wichtig.
Erstens: Jene Frauen und Männer, die in ihrer Biografie Endlichkeitserfahrungen gemacht hatten, waren eher in der Lage, die eigene Endlichkeit anzunehmen oder hinzunehmen. Solche Erfahrungen wurden vor allem durch die Begleitung schwerkranker oder sterbender Menschen, durch den Tod nahestehender Menschen sowie durch eigene Erkrankungen vermittelt. Die Konfrontation mit derartigen Grenzsituationen schien die Menschen auf die eigene Endlichkeit vorzubereiten, sie in Teilen auf diese »einzustimmen«. Ganz ähnlich hat übrigens der Schweizer Kardiologe Frank Nager (1929–2018) in seinem Buch »Gesundheit, Krankheit, Heilung, Tod – Betrachtungen eines Arztes« (Nager, 1999) argumentiert.
Zweitens: Jene Frauen und Männer, die sich bereits in früheren Lebensphasen reflektiert mit den »Unvollkommenheiten und Begrenzungen des eigenen Lebens« auseinandergesetzt und diese angenommen hatten, zeigten mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit eine annehmende oder hinnehmende Einstellung und Haltung zur eigenen Endlichkeit. Auch hier scheint die reflektierte Auseinandersetzung mit erfahrenen Grenzen in der Biografie eine gewisse Einstimmung auf die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit darzustellen.
Drittens: Ein positiver Lebensrückblick, nämlich im Sinne einer bejahenden Einstellung und Haltung zu dem bisher zurückgelegten Leben (auch im Falle erfahrener Rückschläge und Verluste), erwies sich als bedeutsame Grundlage für die Annahme oder Hinnahme des Todes; hier werden die engen Bezüge zur Konzept des »Lebensrückblicks« besonders deutlich sichtbar.
Viertens: Jene Frauen und Männer, für die »Erfolg« und »Ansehen« die entscheidende Kategorie eines »gelingenden Lebens« bildeten, neigten mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit dazu, die eigene Endlichkeit zu negieren oder aber vor den Gedanken an die eigene Endlichkeit zu fliehen. Hier fühlen wir uns erinnert an jene Aussagen, die Robert Butler zur »narzisstischen Kränkung« aufgrund der nicht mehr zu leugnenden Verletzlichkeit wie auch aufgrund der erlebten Endlichkeit getroffen hat – diese Kränkung ist seinen Aussagen zufolge vor allem bei jenen Menschen erkennbar, die eine narzisstische Einstellung und Haltung dem Leben und anderen Menschen gegenüber entwickelt haben.
Die Lebensgeschichte in erzählten Geschichten
Eine weitere bedeutsame Ergänzung der Aussagen Robert Butlers zum »Lebensrückblick« bildet in meinen Augen das »story-Konzept«, das der Schweizer Theologe und Philosoph Dietrich Ritschl (1929–2018) in die Theologie, in die Medizinische Ethik und in die Psychotherapie eingeführt hat (Ritschl, 2004; Ritschl & Jones, 1976). Dietrich Ritschl begreift das Individuum von den einzelnen Geschichten (stories) her, die dieses erzählt. In der Gesamtheit aller Geschichten drückt sich schließlich die Geschichte des Individuums, drückt sich die Gesamtsicht seines Lebens aus (Metastory). Anders formuliert: Das Individuum erzählt seine Geschichte, indem es Geschichten erzählt. Diese Geschichten geben Auskunft über verschiedene Aspekte seines Lebens und über die Bedeutung, die es diesen Aspekten zuweist. In den erzählten Geschichten gibt sich das Individuum anderen Menschen gegenüber zu erkennen – und dies auf höchst anschauliche Art und Weise. »Anstatt meine Frau oder meinen Freund zu definieren oder das Wesen der Ehe darzulegen, erzähle ich die story, die wir gemeinsam haben und die zum Teil das ausmacht, was wir sind.« (Ritschl & Jones, 1976, S. 15) »Durch das Erzählen meiner Gesamtstory und der einzelnen stories gebe ich anderen Teil an meinem Leben, durch das Nicht-Erzählen bewahre ich meine Privatheit oder achte die Privatheit anderer.« (Ebd.) – In dem Erzählen von Geschichten gestaltet die Erzählerin bzw. der Erzähler Wirklichkeit. Geschichten beschreiben also nicht nur Wirklichkeit; sie stellen auch Wirklichkeit her (Schwartz, 2009). Die Vielfalt der miteinander verknüpften Geschichten macht dabei das Gesamt der Wirklichkeit aus.
Dabei sind die einzelnen Geschichten schon für sich genommen bedeutungshaltig, verweisen schon für sich genommen auf Aspekte des Lebens, die das Individuum als bedeutsam erachtet. Im Prozess des Erzählens entfalten die einzelnen Geschichten aber auch in der Hinsicht Wirkung, dass sie Aspekte der Identität konstituieren, in ihrer Gesamtheit die Identität, wobei die Identität grundsätzlich Veränderungen unterliegt, die sich wiederum in den erzählten Einzelgeschichten (stories) wie auch in der Gesamtgeschichte (Metastory) niederschlagen.
Die erzählten Geschichten sind als Rekonstruktion dessen zu begreifen, was gewesen ist. Sie beschreiben somit eine stilisierte Vergangenheit und treffen mit dem zusammen, was das Individuum erwartet, was das Individuum in Zukunftsstories berichtet (Ebd.). Aus Vergangenheits- und Zukunftsstories bildet sich schließlich die Gesamtstory oder die Gesamtvision des Lebens. Allerdings darf nicht übersehen werden: Diese Gesamtstory, diese Gesamtvision kann nicht wirklich erzählt werden; sie kann im Kern nur aus den Vergangenheits- und Zukunftsstories erschlossen werden.
Wir fügen einzelne Geschichten zusammen, wir nehmen in dieser Zusammenfügung bestimmte Akzentuierungen und Präzisierungen vor. Die Zusammenfügung einzelner stories kann und soll uns dazu dienen, etwas auf den Punkt zu bringen, eine zentrale Botschaft über uns zu vermitteln. Die Zusammenfügung und Akzentuierung bedeuten aber immer auch Aufgabe, Verlust von Details. Dies ist eine ganz natürliche Folge und auch nicht weiter zu beklagen. Problematisch wird dieser Prozess dann, wenn die Vielfalt der Einzelstories (und damit der Aspekte der Identität) verlorengeht, wenn das Individuum diese Vielzahl so stark reduziert, dass sich das Leben in den erinnerten und berichteten stories nur noch sehr unvollständig ausdrückt, in seiner Vielfalt nicht mehr zum Ausdruck kommt. In diesem Fall besteht die Gefahr der seelischen Verkümmerung und schließlich der psychischen Störung.
Eine bedeutende Aufgabe der psychotherapeutischen Behandlung ist darin zu sehen, die Offenheit des Menschen für die vielfältigen Einzelstories zu fördern und auf diesem Wege zu einer deutlich lebendigeren, reichhaltigeren Gesamtschau des eigenen Lebens zu gelangen. Da Geschichten ja nicht nur im Sinne von (stilisierten) Beschreibungen der Vergangenheit zu deuten sind, sondern auch im Sinne von Erwartungen und Hoffnungen (Ritschl, 2004), besitzt die psychotherapeutische Intervention auch das Potenzial, über die Förderung von Offenheit für die Vielfalt persönlicher Geschichten auch die lebendige, differenzierte Antizipation der persönlichen Zukunft zu fördern – mit allen positiven Folgen für die Nutzung der Entwicklungsmöglichkeiten, die die Zukunft bietet, wie auch für die Auseinandersetzung mit Grenzen, die in der Zukunft (allmählich) sichtbar werden. Vor allem aber kann die Wiedergewinnung einer lebendigen, reichhaltigen Identität dazu beitragen, dass das Individuum zu einer Neubewertung seines Lebens gelangt und damit die Grundlage für den reiferen Umgang mit der eigenen Endlichkeit schafft.
2.2 Die zweite theoretische Perspektive: »Ich-Integrität«
Die Aussagen zum Lebensrückblick führen vor Augen, wie wichtig die Entwicklung der Persönlichkeit – und zwar über den gesamten Lebenslauf – für die Art und Weise ist, wie Menschen ihre Verletzlichkeit und Endlichkeit, wie sie den Tod deuten. Sie führen weiterhin vor Augen, dass Entwicklung der Persönlichkeit auch meint: Innerpsychische und zwischenmenschliche Konflikte auszuhalten, diese bewusst und verantwortlich auszutragen, sich um deren Lösung zu bemühen. Dabei ist allerdings auch zu bedenken und wurde in den Aussagen zum Lebensrückblick hervorgehoben: Es gibt Konflikte, die das Individuum zum Zeitpunkt ihres Auftretens vielleicht gar nicht bewusst und verantwortlich austragen konnte, weil diese als so bedrohlich wahrgenommen wurden, dass ein Ausweichen, ein Fliehen, ein Verleugnen die einzige »Antwort« war, die dem Individuum offenstand. Man denke nur an familiäre Konflikte im Kindes- und Jugendalter oder an große seelische Belastungen, die durch Demütigungen, durch Unterdrückung, durch Vernachlässigung, schließlich durch körperliche oder seelische Gewalt bedingt waren. Das Ausweichen, das Fliehen machen diese Konflikte nicht ungeschehen. Sie führen nicht zu einer Lösung der Konflikte. Vielmehr bestehen diese fort, ohne dass sich das Individuum dessen bewusst sein muss. Es sind zwei Annahmen, die die Aussagen zum Lebensrückblick so bedeutsam machen: Zum einen die Annahme, dass gerade im hohen Alter, bedingt durch die als »bedrängend«, wenn nicht sogar als »bedrohlich« erlebte Verletzlichkeit und Endlichkeit, abgewehrte (und damit ungelöste) Konflikte wieder thematisch werden, das heißt in das Zentrum des Bewusstseins treten; ganz ähnliches gilt für die seelischen Verletzungen, denen das Individuum im Lebenslauf ausgesetzt war und die es zum Zeitpunkt ihres Auftretens nicht innerlich verarbeiten konnte (Radebold, 2015a,b). Zum anderen die Annahme, dass auch im hohen Alter das Potenzial besteht, derartige Konflikte und Verletzungen auch nachträglich zu verarbeiten, diese auch im Rückblick auf das Leben innerlich zu überwinden. In dieser Annahme, die sich auch durch die Psychotherapieforschung eindrucksvoll belegen lässt (Heuft, Kruse & Radebold, 2006; Maercker, 2014), drückt sich die Bedeutung aus, die psychische Prozesse im hohen Alter für die Gesamtgestalt des Lebens besitzen. Und wenn ich hier von Gesamtgestalt des Lebens spreche, so meine ich damit auch die Einstellung und Haltung zum Tod: Denn diese bestimmt die Gesamtgestalt des Lebens mit – ob dies dem Individuum bewusst ist oder nicht.
Entwicklung der Persönlichkeit
Wenn es heißt, dass die Entwicklung der Persönlichkeit über den gesamten Lebenslauf für deren Deutung von Verletzlichkeit, Endlichkeit und Tod von zentraler Bedeutung sei, so erwächst daraus eine weiterführende Frage: Was genau ist eigentlich unter Entwicklung der Persönlichkeit zu verstehen? Die Psychologie der Lebensspanne kann auf mehrere Modelle der Persönlichkeitsentwicklung blicken, die ausdrücklich auch von Entwicklungspotenzialen im hohen Alter ausgehen (Kessler, Kruse & Wahl, 2014). Aus diesen Modellen sei eines ausgewählt, das für ein tiefes Verständnis der Einstellung und Haltung des Menschen zum Tod besonders fruchtbar ist und dabei in der (Fach-)Öffentlichkeit auf großes Interesse stieß und stößt. Gemeint ist hier das von dem (deutsch-)US-amerikanischen Ehepaar Erik Homburger Erikson (1902–1994) und Joan Mowat Erikson (1903–1997) erarbeitete Entwicklungsmodell (Erikson, 1998; Erikson, Erikson & Kivnick, 1986).
Diesem Modell zufolge durchläuft (oder vielleicht besser: durchlebt) das Individuum in seinem Leben acht psychosoziale Krisen, wobei jeder Lebensphase eine spezifische Krise zuzuordnen ist. Die Tatsache, dass das Ehepaar Erikson von Krisen und nicht von Entwicklungsaufgaben spricht (wie dies andere Autorinnen und Autoren tun), weist auf die erste Besonderheit dieses Modells hin. Diese lässt sich dann eher verstehen, wenn man die Herkunft des Wortes »Krise« bedenkt: Dessen Ursprung liegt in dem altgriechischen Wort krinein (κρίνειν), was übersetzt bedeutet: scheiden, entscheiden. Das heißt: In den einzelnen Lebensphasen scheiden sich zwei mögliche Entwicklungspfade voneinander, und dem Individuum ist die Aufgabe gestellt, jenen Entwicklungspfad zu beschreiten (man könnte auch sagen: sich für jenen Entwicklungspfad zu »entscheiden«), der eine weitere Differenzierung der eigenen Persönlichkeit beschreibt. Die Umschreibung der acht psychosozialen Krisen ist demnach so angelegt, dass ein positiver, der weiteren Differenzierung der Persönlichkeit förderlicher Entwicklungspfad einem negativen, der weiteren Differenzierung der Persönlichkeit abträglicher Entwicklungspfad gegenübergestellt wird. Die zweite Besonderheit dieses Entwicklungsmodells liegt in der Annahme, dass die Krisen im Lebenslauf immer auch als psychosoziale zu verstehen sind. Das heißt, neben den biologisch-genetischen Entwicklungseinflüssen sind auch soziale Einflüsse zu berücksichtigen, wie sich diese in Erziehungs-, Lern- und Bildungsprozessen sowie in gesellschaftlichen Vorstellungen »gelungener Entwicklung« in den einzelnen Lebensphasen niederschlagen. Natürlich liegt hier die Frage nahe, ob ein derartiges Entwicklungsmodell kulturübergreifende Bedeutung beanspruchen kann und zudem unabhängig von den Zeitperioden ist, in denen sich die Entwicklung eines Individuums vollzieht. Doch gehen wir einmal davon aus, dass ein derartiges Entwicklungsmodell für den westlichen Kulturkreis – und sogar noch über diesen hinaus – wie auch für die heutige Zeit Gültigkeit beanspruchen kann (Dunkel & Harbke, 2017), dann ist es sinnvoll, in diesem Modell auch eine bedeutende entwicklungspsychologische und lebensgeschichtliche Rahmung für die Einstellung und Haltung des Individuums zu Verletzlichkeit, Endlichkeit und Tod zu sehen.
Psychosoziale Krisen
Wie lauten nun die acht psychosozialen Krisen mit ihren jeweils zwei entgegengesetzten Polen (die auch unterschiedliche Entwicklungspfade beschreiben) und den ihnen zugeordneten Leitsätzen (in Klammern angefügt)?
1. Urvertrauen vs. Urmisstrauen (»Ich bin, was man mir gibt.«);
2. Autonomie vs. Scham und Zweifel (»Ich bin, was ich will.«);
3. Initiative vs. Schuldgefühl (»Ich bin, was ich mir vorstellen kann zu werden.«);
4. Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl (»Ich bin, was ich lerne.«);
5. Identität vs. Identitätsdiffusion (»Ich bin, was ich bin.«);
6. Intimität und Solidarität vs. Isolation (»Wir sind, was wir lieben.«);
7. Generativität vs. Stagnation (»Ich bin, was ich bereit bin zu geben.«);
8. Integrität vs. Verzweiflung (»Ich bin, was ich mir angeeignet habe.«).
Auch wenn die möglichen Entwicklungspfade in jeder psychosozialen Krise jeweils entgegengesetzt sind (aus diesem Grunde ja auch von »Polen« gesprochen wird), so bedeutet dies nicht, dass sie einander ausschlössen. Die beiden Pole, die eine psychosoziale Krise konstituieren (zum Beispiel Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen, Autonomie vs. Scham und Zweifel oder Ich-Integrität vs. Verzweiflung), müssen integriert werden, das Individuum muss zu einer Balance zwischen den beiden Polen finden. Es gibt in jeder Krise Zeiten, in denen sich das Individuum weniger in Richtung auf den entwicklungsförderlichen Pol zubewegt, sondern vielmehr auf den seine Persönlichkeitsentwicklung potenziell blockierenden Pol. Auch wenn es das Ziel ist, dass zum Abschluss der einzelnen psychosozialen Krisen der entwicklungsförderliche Pol dominiert (zum Beispiel Ur-Vertrauen, Autonomie, Ich-Integrität), so gehört doch zu einer gelingenden Entwicklung ausdrücklich dazu, dass auch Aspekte des entgegengesetzten Pols in die Persönlichkeit integriert sind. Dass sich also Menschen in allen psychosozialen Krisen immer auch auf jenen Pol zubewegen, der Persönlichkeitsentwicklung potenziell blockiert, ist für sich genommen überhaupt nicht negativ zu bewerten; es drückt vielmehr das Krisenhafte von Entwicklung aus. Entscheidend für die Ausbildung einer »gesunden, voll funktionsfähigen Persönlichkeit« (ein von Erik H. Erikson häufig verwendeter Begriff) ist die Tatsache, dass das Individuum im Verlaufe der einzelnen Krisen zu einer tragfähigen Konfliktlösung, das heißt zu einer Integration der beiden Pole findet, wobei in dieser Integration oder Balance der entwicklungsförderliche Pol dominieren sollte, zugleich aber Aspekte des entgegengesetzten Pols erkennbar sind – und in gewisser Hinsicht auch sein sollten. Um dies an Beispielen zu veranschaulichen: Ein Individuum hat nicht generell zu anderen Menschen Vertrauen und sollte dieses auch nicht haben. Eine »gesunde Portion Misstrauen« kann in einzelnen Beziehungen nicht schaden (in Liebes- und Freundschaftsbeziehungen hingegen schon). Aber das Vertrauen und nicht das Misstrauen sollte die dominierende Haltung gegenüber anderen Menschen prägen, ansonsten die weitere Persönlichkeitsentwicklung mit Risiken behaftet, wenn nicht sogar gestört wäre. Und weiter: Ein Individuum erlebt sich nicht in allen Situationen als »autonom«, frei von jeglichem Zweifel – und sollte dies auch nicht, da sich ansonsten eine Überheblichkeit einstellen kann, in der sich zugleich Naivität ausdrückt. Ein »gesunder Selbstzweifel« ist in vielen Situationen angebracht. Aber dieser Selbstzweifel darf eben nicht die Haltung des Individuums dominieren, sonst ist er nicht mehr »gesund«, sondern vielmehr dysfunktional für die weitere Entwicklung. Das Individuum sollte sich generell als autonom, auch als leistungsfähig erleben, dabei aber auch immer für den gesunden Selbstzweifel (wie sich dieser zum Beispiel in der kritischen Selbstreflexion ausdrückt) offen sein. Und schließlich: Das Individuum gelangt »nicht einfach« zur Ich-Integrität, kann »nicht einfach« alle im Rückblick als belastend oder konflikthaft erlebten Erfahrungen, Handlungen und Unterlassungen als notwendig und gut wahrnehmen und annehmen. Es bleiben immer Reue, Trauer, wenn nicht sogar Selbstvorwürfe und Schuld zurück; auch dies ist nichts Besorgniserregendes, sondern etwas ganz Natürliches – solange Reue, Trauer, Selbstvorwürfe nicht zur dominierenden Haltung werden. Mit anderen Worten: Die gelingende Konfliktlösung, die gelingende Integration, die immer wieder aufs Neue hergestellte Balance sind die psychologischen Aspekte, die in dem Modell des Ehepaars Erikson besonders hervorgehoben werden und dieses so wertvoll erscheinen lassen. Für das Konflikt- und Krisenhafte in der Entwicklung zu sensibilisieren und das Individuum darin zu unterstützen, Konflikte zu lösen und Krisen zu bewältigen: Dies ist eine entscheidende Botschaft, die in und mit dem Modell vermittelt wird.
Inwieweit dem Individuum diese Konfliktlösung, diese Krisenbewältigung in den einzelnen psychosozialen Krisen gelingt, ist davon abhängig, inwieweit es in seinem sozialen Nahumfeld Anregung und Unterstützung erhält, inwieweit seine sozialen und materiellen Lebensbedingungen die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstgestaltung und Weltgestaltung fördern, in welchem Maße die gesellschaftlichen Institutionen Sicherheit vermitteln, inwieweit sich schließlich das Individuum selbst engagiert, Verantwortung für seine eigene Entwicklung wie auch für die Zukunft von Gemeinschaft, Gesellschaft und Welt erlebt und zu verwirklichen versucht.
Wenden wir uns jenen »Konfliktlösungen« (im oben genannten Sinne) zu, die für das mittlere Erwachsenenalter und Alter angenommen werden: Generativität und Ich-Integrität. Eine genauere Betrachtung ebendieser beiden Entwicklungsziele ist für unser Verständnis der Einstellung und Haltung zu Verletzlichkeit, Endlichkeit und Tod wichtig.
Generativität und Ich-Integrität
Generativität beschreibt die Fähigkeit und Bereitschaft des Individuums, Mitverantwortung für die Entwicklung nachfolgender Generationen zu übernehmen, sich für die nachfolgenden Generationen zu engagieren, diesen eigene Erfahrungen und Erkenntnisse, eigenes (Lebens-)Wissen bereitzustellen, um damit einen Beitrag zu deren gelingender Entwicklung zu leisten. Erik H. Erikson ging in vielen Beiträgen von der Annahme aus, dass die Generativität vor allem ein Entwicklungsziel des mittleren Erwachsenenalters darstelle. Doch vor dem Hintergrund umfangreicher Forschung zur Generativität lässt sich konstatieren: Diese bildet ein bedeutendes Thema bis in das höchste Lebensalter. Dies zeigen empirische Studien aus der Arbeitsgruppe des US-amerikanischen Psychologen Dan McAdams (McAdams, 2018; McAdams & St. Aubin, 1992) ebenso wie Arbeiten aus dem Heidelberger Institut für Gerontologie (Kruse & Schmitt, 2016). Mit anderen Worten: Alte Menschen suchen nach Möglichkeiten, die von anderen Menschen empfangene Sorge zu erwidern, sich mithin nicht allein als Sorgeempfangende, sondern auch als Sorgegebende zu erfahren. Diese Reziprozität in den Sorgeleistungen ist für das emotionale (und über dieses vermittelt: gesundheitliche) Wohlergehen von großer Bedeutung. Dabei ist auch zu bedenken, und dies ist für die Deutung von Sorge durch alte Menschen selbst wichtig: In der Sorge für und um andere Menschen wird auch die Grundlage für symbolische Unsterblichkeit gelegt: Wir leben auch nach unserem Tod in anderen Menschen weiter; was wir in unserem Leben getan haben, bleibt auch nach unserem Tod bestehen. Dies heißt aber auch: Damit sich die Reziprozität in den Sorgeleistungen, damit sich das Gefühl symbolischer Unsterblichkeit einstellen kann, ist es notwendig, dass alte Menschen auf eine soziale Umwelt und eine Kultur treffen, die die seelisch-geistigen Kräfte des Alters erkennt, die Interesse an alten Menschen hat und dieses Interesse auch artikuliert. Hier sind soziale und kulturelle Gelegenheitsstrukturen angesprochen, die eine zentrale Bedingung für die Generativität im Alter bilden.
Ich-Integrität beschreibt die Fähigkeit des Individuums, das eigene Leben, wie es sich im Rückblick darstellt, anzunehmen – und zwar sowohl in seinen Höhen wie auch in seinen Tiefen, in den gelebten wie auch in den nicht gelebten Seiten der Existenz (Fuchs, 2019). Hier ist eine Integration notwendig: Nämlich von Erfolgen und Misserfolgen, von Sinn- und Stimmigkeitserfahrungen wie auch von Sinnkrisen, von Hilfen, die man anderen Menschen zuteilwerden ließ, und von Schuld, die man in der Beziehung zu anderen Menschen auf sich geladen hat. Im Prozess der Ausbildung von Ich-Integrität spielt der Lebensrückblick eine hervorgehobene Rolle; dieser treibt zur Auseinandersetzung mit ungelösten Konflikten an, aber auch zur Herstellung einer inneren Ordnung, in die einzelne biografische Ereignisse und Erlebnisse eingefügt werden. Diese Integrationsleistung wird dadurch gefördert, dass das Individuum zentrale Geschichten (zu verstehen im Sinne des dargestellten story-Konzepts) aufschreibt oder erzählt. Dabei ist es durchaus möglich, dass immer und immer wieder die gleichen Geschichten (stories) erzählt werden. Dies ist erstens als Akt der Selbstvergewisserung zu begreifen, zweitens als Ausdruck der Tatsache, dass das Individuum an einzelnen Lebensthemen und Lebensfragen noch immer »arbeitet«, drittens als Hinweis darauf, dass das Individuum der Mit- und Nachwelt Wichtiges mit auf den Weg geben möchte. Hier bestehen wichtige Parallelen zum Lebensrückblick, wie dieser von Robert Butler (1980) konzeptualisiert wurde.
Transzendenzleistungen
Drei Weiterungen der Ich-Integrität seien an dieser Stelle angesprochen, weil sie den seelisch-geistigen Entwicklungsprozess, der mit dem Begriff der Ich-Integrität angesprochen ist, besonders gut verdeutlichen und auch mit der Lebenswirklichkeit alter Menschen sehr gut übereinstimmen. Zudem verdeutlichen sie die Beziehung zwischen der Entwicklung im hohen Alter und der Einstellung und Haltung alter Menschen zu Verletzlichkeit, Endlichkeit und Tod.
Die erste Weiterung verdankt sich den Arbeiten des US-amerikanischen Psychologen Robert Peck (1977), der sich intensiv mit dem Entwicklungsmodell von Erik H. Erikson und Joan Erikson auseinandergesetzt hat und dieses gerade mit Blick auf die Ich-Integrität weiter ausbauen wollte. Für Robert Peck spielt der Aspekt der »Transzendierung« – im Sinne eines Überwindens von Grenzen – eine wichtige Rolle bei seiner Betrachtung des höheren und hohen Alters. Robert Peck zeigt auf, dass das Individuum im höheren und hohen Alter eine dreifache Transzendierung zu leisten hat. Die erste Transzendierung: Es muss lernen, die starke Konzentration auf den Körper aufzugeben und seelisch-geistigen Prozessen eine deutlich größere Stellung einzuräumen. Nicht wenige Menschen, so Robert Peck, identifizieren sich primär mit ihrem Körper, so auch mit ihrer körperlichen Attraktivität, und vernachlässigen darüber möglicherweise ihre seelisch-geistigen Qualitäten. Diese machen sich im höheren und hohen Alter immer mehr als Entwicklungsangebote (zum Beispiel in Träumen) bemerkbar; diese Entwicklungsangebote müssen aufgegriffen und lebendig gehalten werden. Das heißt, dass sich das Individuum auch, wenn nicht sogar primär über seine seelisch-geistigen Qualitäten definiert – eine für die weitere Differenzierung der Identität wichtige Aufgabe. Die zweite Transzendierung: Das Individuum muss lernen, die stark ausgeprägte, wenn nicht sogar einseitige Identifikation mit seinen beruflichen Leistungen (oder Misserfolgen) nach und nach aufzugeben. Dies fällt natürlich in einer Gesellschaft, die ein »Immer-Weiter« propagiert und Menschen vor allem an ihren beruflichen Leistungen misst, nicht leicht. Robert Peck zeigt auf, dass die Psyche (das Selbst) auch nach der Verwirklichung neuer Qualitäten strebt (im Denken, im Handeln, in den Interessen), dass sich gerade im höheren und hohen Alter ein Resonanzboden für seelisch-geistige Qualitäten ausbildet, die über das berufliche Interessenspektrum deutlich hinausweisen. Auf diese neuen Qualitäten als Entwicklungsangebote sollte sich, Robert Peck zufolge, das Individuum sehr viel stärker konzentrieren – damit vermitteln die »zugezählten Jahre« noch einmal ganz neue Stimmigkeits- und Aufbruchserlebnisse. Die dritte Transzendierung: Die starke Konzentration auf das Ich – die sich gar nicht so selten in einer hypochondrischen Haltung ausdrückt – muss im hohen Alter überwunden werden zugunsten einer Einfügung der eigenen Existenz in eine umfassendere, kosmische Ordnung (Verres, 2011): Hier sind vor allem Fragen der Spiritualität und Religiosität angesprochen. In dem Maße, in dem Menschen diese Transzendierung gelingt, wachsen auch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich mit der eigenen Verletzlichkeit und Endlichkeit auseinanderzusetzen, diese allmählich an- oder hinzunehmen, ohne zu resignieren.
Es sei eine zweite Weiterung des Konzepts der Ich-Integrität genannt, die von Erik H. Erikson und Joan Erikson selbst stammt. Joan Erikson hat im Nachwort zu einem von Erik H. Erikson (1998) verfassten Buch hervorgehoben, dass sie vor dem Hintergrund der Verletzlichkeit, mit der ihr Mann in den letzten Lebensjahren konfrontiert gewesen war, wie auch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erlebnisse und Erfahrungen im hohen Alter eigentlich eine neunte psychosoziale Krise annehmen müsse. Das Alter in den 80er- und 90er-Jahren berge neue Anforderungen, Alltagsprobleme und Belastungen; die damit verbundene Aufgabe der Neubewertung des Lebens könne nur angemessen eingeordnet werden, wenn eine neue, neunte Entwicklungsphase angenommen werde. Joan Erikson hebt hervor, dass in dieser neunten psychosozialen Krise noch einmal Themen bedeutsam werden, die eigentlich am Anfang des Lebens standen: Die Ausbildung von Vertrauen wie auch die Ausbildung eines Autonomiegefühls. Dies habe damit zu tun, dass die Erfahrung von Verletzlichkeit die Frage auslöse, inwieweit man anderen Menschen vertrauen könne – vor allem dann, wenn man auf deren Hilfe und Beistand angewiesen sei – und inwieweit man sich seine Autonomie auch dann bewahren könne, wenn man Einbußen in seiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit wahrnehme. Hier ist zu fragen: Gesteht auch die Nahumwelt in solchen Fällen dem Individuum Autonomie zu, unterstützt diese das Individuum in seinem Bemühen um Erhaltung von Autonomie? Die Fähigkeit, im Angesichte eigener Verletzlichkeit einen neuen seelisch-geistigen Entwicklungsschritt zu tun, spricht für die hohe Anpassungsfähigkeit der Psyche auch im hohen Alter. Wobei ich hinzufügen möchte: Es besteht auch eine hohe Anpassungs- und Entwicklungsnotwendigkeit (Heuft, 2018; Kruse, 2020). Denn ohne die schöpferische Anpassung an die erlebte Verletzlichkeit, ohne die Fähigkeit, auch in dieser Grenzsituation seelisch-geistige Entwicklungsschritte zu tun, ist – um es pointiert auszudrücken – die Psyche, ist das Selbst vom Untergang bedroht.
Ich komme nun zu einer dritten Weiterung, die sich den Arbeiten des Schwedischen Soziologen und Altersforschers Lars Tornstam (2005, 2011) verdankt und von Joan Erikson ausdrücklich aufgegriffen wurde, als sie an der Konzeptualisierung der (oben beschriebenen) neunten psychosozialen Krise arbeitete. Lars Tornstam postuliert in seiner Theorie der Gerotranszendenz (gerotranscendence), dass Transzendenzleistungen im hohen Alter auf drei Ebenen stattfinden: Der kosmischen Ebene, der Ebene des Selbst, der Ebene sozialer Beziehungen. Mit Blick auf die kosmische Ebene geht die Theorie von einem veränderten Weltverständnis aus, das sich in einer stärkeren Integration von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in einer als intensiver empfundenen Verbundenheit mit nachfolgenden Generationen, in verminderter Todesfurcht, in größerer Empfänglichkeit für vermeintlich Bedeutungsloses und in einer allgemein erhöhten Akzeptanz der mystischen Dimension des Lebens widerspiegelt. Auf der Ebene des Selbst ist, so wird weiter postuliert, eine erhöhte Empfänglichkeit für jene Seiten der Persönlichkeit erkennbar, die bislang nicht wahrgenommen oder ausreichend beachtet wurden, zugleich die wachsende Fähigkeit, Errungenschaften und Versäumnisse im Leben zu integrieren. Es besteht zudem die Tendenz, sich vermehrt den eigenen Wurzeln in Kindheit und Jugend zuzuwenden. Auf der Ebene der sozialen Beziehungen nennt Lars Tornstam die stärkere Konzentration alter Menschen auf emotional bedeutsame Beziehungen und das Aufgeben oberflächlicher Beziehungen. Er postuliert weiterhin ein vertieftes Verständnis der Differenz zwischen Selbst und gesellschaftlicher Rolle. Die Einstellung und Haltung zu anderen Menschen ist von einem stärkeren Altruismus bestimmt. – Zur Gerotranszendenz gehören schließlich die Überwindung der Körperlichkeit, die abnehmende Bedeutung materieller Werte, reifere Urteile in Fragen des täglichen Lebens und die Ausbildung einer Zukunftsperspektive, die sich nicht allein auf die eigene Person konzentriert, sondern ausdrücklich auch die Zukunft nachfolgender Generationen, der Gesellschaft, der Kultur mit in den Blick nimmt. Derartige seelisch-geistige Wachstumsprozesse gehen einher mit geringerer Ichorientierung und in Zurückgezogenheit vorgenommener Reflexion. Und es sind gerade diese seelisch-geistigen Wachstumsprozesse, die der Endlichkeit der eigenen Existenz ihren bedrohlichen Charakter nehmen.
Mit Blick auf diese Transzendenzleistungen gilt: Ob sie erbracht werden oder nicht, ist zunächst von der Persönlichkeitsentwicklung im Lebenslauf und hier vor allem von der Offenheit des Individuums für neue Entwicklungsmöglichkeiten abhängig: Entwicklung im Alter vollzieht sich keinesfalls losgelöst von Entwicklungsprozessen in früheren Lebensabschnitten. Die Transzendenzleistungen sind weiterhin von der Einstellung und Haltung bedeutsamer Bezugspersonen zum alten Menschen (wie auch zum hohen Alter allgemein) beeinflusst. Orientieren sich die Bezugspersonen an negativen Stereotypen des Alters, bewerten sie das Bemühen des Menschen um Sinnfindung vorschnell als Ausdruck von Selbstbezogenheit oder übertriebener Vergangenheitsorientierung und gehen sie an dem Bedürfnis des alten Menschen vorbei, über die eigene Entwicklung und über die eigene Zukunft zu reflektieren (dies auch im Sinne der inneren Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit), so behindern sie Gerotranszendenz.
Lars Tornstam versteht seine Theorie auch als Neubewertung der Disengagement-Theorie, die zu Beginn der 1960er Jahre erarbeitet wurde (Cumming & Henry, 1961) und die postuliert, dass im hohen Alter ein gegenseitiger Rückzug von Individuum und Gesellschaft erkennbar sei, der deswegen für die weitere Entwicklung »funktional« sei, weil er die Vorbereitung des Individuums auf den eigenen Tod fördere. Die vielfach vorgebrachte Kritik an der Disengagement-Theorie konzentrierte sich vor allem darauf, dass diese das Bedürfnis vieler alter Menschen nach Fortsetzung einer sinnerfüllten, stimmigen Aktivität vernachlässige. Lars Tornstam rückt die Disengagement-Theorie in die Nähe von Transzendenzleistungen: Die Erschließung neuer Seiten der Persönlichkeit, die zunehmende Betonung der Geistigkeit, die Auseinandersetzung mit eigener Endlichkeit binden nicht nur seelisch-geistige Kräfte, sondern legen auch eine stärkere Beschäftigung mit sich selbst nahe – wobei diese, wie bereits betont, keinesfalls im Sinne von zunehmender Ichzentrierung verstanden werden darf. Die von Ernst Bloch in seiner Schrift »Prinzip Hoffnung« (1959/1985) getroffene Aussage, wonach alte Menschen »den Lärm meiden« und mehr und mehr »nach Ruhe suchen«, veranschaulicht diesen Rückzug nach Innen sehr gut.
Lars Tornstam hat auf die Implikationen seiner Theorie für die praktische Arbeit mit alten Menschen hingewiesen und kann sich dabei auf eigene empirische Befunde stützen. Er hat aufgezeigt, dass dann, wenn Pflegefachpersonen und Sozialarbeitern anschaulich dargelegt wird, dass der phasenweise zu erkennende innere Rückzug alter Menschen nicht Ausdruck von Niedergedrücktheit, Desinteresse oder sogar Aggression ist, sondern vielmehr Ausdruck vermehrter Konzentration auf sich selbst, eine deutlich sensiblere Pflege und Begleitung verwirklicht wird. Diese veränderte Pflege und Begleitung hat dabei nicht nur positive Folgen für die Lebensqualität und das Wohlbefinden alter Menschen, sondern auch für die Zufriedenheit und das Stimmigkeitserleben der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst.
Pflege und Betreuung wie auch Therapie und Rehabilitation sollten sich – folgt man diesen Befunden – auch von der Frage leiten lassen, inwieweit sie dem alten Menschen die Möglichkeit bieten, sich – passager – vermehrt auf sich selbst zurückzuziehen und dabei nicht durch Aktivitäten abgelenkt zu werden, die von außen an ihn herangetragen oder sogar oktroyiert werden. Aber in allen Phasen des Rückzugs sollten die Bezugspersonen immer wieder signalisieren, dass sie für Unterhaltungen, dass sie für gemeinsame Unternehmungen zur Verfügung stehen.
Die sich wandelnde Ich-Identität im Lebenslauf
Auch wenn die Ausbildung von Ich-Identität als eine spezifische Leistung des Jugendalters gedeutet wird, so darf nicht unbeachtet bleiben, dass in der von Erik H. Erikson & Joan Erikson erarbeiteten Theorie die Persönlichkeitsentwicklung über den gesamten Lebenslauf unter dem Aspekt der Ich-Identität betrachtet wird: Die einzelnen Entwicklungsphasen sowie die ihnen zugeordneten Entwicklungsziele bilden Varianten der Ich-Identität. Das heißt: Die Identität muss im Laufe des Lebens immer wieder neu erworben werden – und dies vor dem Hintergrund des jeweils neuen Entwicklungsziels, das sich mit Erreichen einer neuen Lebensphase stellt. Diese Aussage ist nun alles andere als trivial. Sie macht in besonderer Weise deutlich, dass in allen Phasen unseres Lebens Entwicklungsnotwendigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Vor deren Hintergrund differenziert sich unsere Ich-Identität, werden neue Aspekte der Identität thematisch. Besonders wichtig erscheint mir nun die Tatsache, dass auch im hohen Alter – ebenso wie in früheren Lebensabschnitten – Entwicklungsnotwendigkeiten und Entwicklungspotenziale gegeben sind, dass sich auch im hohen Alter die Aufgabe einer weiteren Differenzierung der Identität stellt: So zum Beispiel in dem Sinne, dass das Individuum über Erfahrungen, Erkenntnisse und Wissen verfügt, die an nachfolgende Generationen weitergegeben werden können und somit über die eigene irdische Existenz hinausweisen – ein zentrales Beispiel für symbolische Unsterblichkeit. So aber auch in dem Sinne, dass die wachsende Bedeutung des Lebensendes einen Lebensrückblick anstößt, in dessen Verlauf bestimmte biografische Ereignisse und Prozesse noch einmal eine neue Bewertung erfahren. So schließlich in dem Sinne, dass neben der Endlichkeit auch die Verletzlichkeit immer deutlicher in das Zentrum des Erlebens tritt und damit auch Wandlungen (im Sinne von Differenzierungen) der Ich-Identität erfordert. Auf diese psychischen Prozesse muss das soziale Nahumfeld, müssen aber auch unsere Gesellschaft (hier vor allem die gesellschaftlichen Institutionen) sowie unsere Kultur sensibel reagieren. Eine sensible Reaktion ist dann nicht gegeben, wenn die Annahme vorherrscht, im hohen Alter verändere sich die Persönlichkeit nicht mehr, und wenn: dann nur im Sinne von Verlusten und Defiziten (zum Beispiel in der Anpassungsfähigkeit oder Kreativität). Nein, eine ganz andere Reaktion ist notwendig: Nämlich mit alten Menschen in einer tiefgehenden Art und Weise darüber zu kommunizieren, welche seelisch-geistigen Prozesse sie an sich selbst wahrnehmen, inwieweit sie bei der Betrachtung des Lebens, aber auch in der Kommunikation mit anderen Menschen zu neuen Einsichten und Erkenntnissen gelangen (Introspektion), inwieweit sie sich – trotz aller Verluste und Einbußen – auch weiterhin an das Leben gebunden fühlen (Lawton, Moss, Hoffman et al., 1999). Diese Art der Kommunikation ist von größter Bedeutung für die notwendige Differenzierung der Identität. Und sie kann letzten Endes auch helfen, Verletzlichkeit, Endlichkeit und Tod als bedeutende Aspekte ebendieser Identität zu begreifen und zu leben. Um es pointiert auszudrücken: Unsere Einstellung und Haltung zum Tod, die Art und Weise, mit welchen Gedanken und Gefühlen wir unsere Verletzlichkeit und Endlichkeit verbinden, ist auch (natürlich nicht nur) das Ergebnis der Kommunikation mit anderen Menschen, vor allem mit Menschen, die uns sehr nahestehen, die wir als »Stabilisatoren« (Herbert Plessner) wahrnehmen: In dem Maße, in dem sich diese Kommunikation »wahrhaftig« gestaltet (Karl Jaspers), in dem wir uns in dieser Kommunikation »aus der Hand geben« und uns »in unserer Einzigartigkeit zeigen« können (Hannah Arendt), wird es uns eher gelingen, bewusst auf unser Ende zu blicken und dieses – soweit uns dies vergönnt ist – mitzugestalten.
Bleiben wir noch kurz bei der Ich-Identität stehen. Blicken wir auf das Werk von Erik H. Erikson und Joan Erikson, so werden wir in drei Aspekte von Ich-Identität eingeführt, die wir im Hinblick auf den Umgang des Menschen mit Verletzlichkeit, Endlichkeit und Tod gar nicht hoch genug einschätzen können. Diese drei Aspekte mögen auf den ersten Blick trivial anmuten. Wenn man sie allerdings etwas genauer betrachtet, dann verraten sie uns viel über ein tiefgehendes Verständnis von Entwicklung wie auch über die Bedeutung unseres sozialen und kulturellen Umfeldes für Entwicklung. Um welche Aspekte handelt es sich?
1. Identität ist eine in allen Lebensphasen immer wieder neu zu erbringende und deshalb prinzipiell eine immer nur vorläufige Integrationsleistung;
2. Identität ist wesentlich von den angenommenen oder tatsächlichen Sichtweisen und Bewertungen anderer Menschen mitgeprägt;
3. Identität hat nicht allein privaten, sondern immer auch gemeinschaftsbezogenen Charakter.
Was ist damit ausgesagt? Bis in das hohe Alter, ja, bis zu unserem Lebensende ist uns die Aufgabe gestellt, an unserer Identität zu arbeiten: Sei dies durch den nach innen gerichteten Blick (Introversion), der in neue Einsichten und Erkenntnisse mündet, sei dies durch den Lebensrückblick, zum Beispiel in Form von Lebensgeschichten, die wir aufschreiben oder anderen Menschen in Gesprächen mitteilen, sei dies durch alte Interessengebiete, die wir neu aufleben lassen, sei dies durch ganz neue Interessengebiete, sei dies durch den intensiven Austausch mit nahestehenden Menschen der eigenen Generation oder nachfolgender Generationen, oder sei dies durch vertraute bzw. neue Formen spiritueller bzw. religiöser Aktivität. Entscheidend ist: Wir sollten das hohe Alter nicht mit einem seelisch-geistigen Stillstand gleichsetzen, dabei auch nicht dem Fehler verfallen, die größere Gelassenheit im Alter mit fehlendem Interesse an anderen Menschen bzw. an der Welt oder mit geringem Engagement für andere Menschen bzw. für die Welt gleichzusetzen. Nichts davon ist richtig. Vielmehr ist die Annahme korrekt, dass sich unsere Psyche (unser Selbst) im hohen Alter in besonderem Maße gefordert und herausgefordert sieht, was auch bedeutet, dass diese (bzw. dieses) ein hohes Maß an seelisch-geistiger Entwicklungsarbeit leisten muss. Und leisten kann, wenn die entsprechenden kognitiven und emotionalen Ressourcen gegeben sind, wenn das soziale Nahumfeld anregt, unterstützt, erwidert. Und damit ist der zweite Aspekt angesprochen: Nämlich jener der Einstellungen und Haltungen, die wir alten Menschen gegenüber (versteckt oder offen) zeigen: Wenn wir das hohe Alter diskreditieren, wenn wir alte Menschen diskriminieren: Dann fühlen sich diese in der Welt fremd, dann haben sie das Gefühl, »aus der Welt gefallen zu sein« (Else Lasker-Schüler). Sie fühlen sich mit und in ihrer Verletzlichkeit und Endlichkeit alleingelassen. Unter einer solchen Bedingung kann sich die Identität nicht mehr differenzieren, kann sich das Interesse an der Welt nicht mehr erhalten. Und dies bedeutet eben auch einen Verlust für die Welt. Hier füge ich meine (in vielen empirischen Untersuchungen gewachsene) Überzeugung an, dass der lebendige, fruchtbare Austausch mit alten Menschen – und dabei auch mit jenen, bei denen die Verletzlichkeit und Endlichkeit nicht nur nach innen fühlbar, sondern auch nach außen hin erkennbar ist – eine wirkliche Bereicherung bedeuten kann. Wenn aber alte Menschen das Interesse an der Welt aufgeben, dann ist damit eine Form der bereichernden Kommunikation dahin. Wir sehen: Die Identität, die Identitätsentwicklung hat immer auch gemeinschaftsbezogenen Charakter: Sie wird von der Gemeinschaft beeinflusst wie sie auch auf die Gemeinschaft einwirkt.
2.3 Die dritte theoretische Perspektive: »Verletzlichkeit und Reife in Sorgebeziehungen«
Die Analyse der persönlichen Einstellung und Haltung zum eigenen Tod kann an der Art und Weise, wie das Individuum versucht, Verletzlichkeitserfahrungen innerlich zu verarbeiten, nicht vorbeigehen. In den Verletzlichkeitserfahrungen – vor allem, wenn diese eine erhebliche Tiefe aufweisen und über lange Zeiträume bestehen oder gar nicht mehr abnehmen – klingen nicht selten Endlichkeitserfahrungen an: Denn das Individuum spürt und realisiert, dass es hier mit Grenzen konfrontiert ist, die es im günstigen Falle innerlich besser ertragen (»verarbeiten«) und äußerlich besser bewältigen (»lindern«), aber nicht mehr gänzlich aufheben kann. Gerade Patientinnen und Patienten, die an schweren Krankheiten leiden, die in Tiefe und Symptomschwere kontinuierlich zunehmen, assoziieren mit diesen Krankheiten Endgültigkeits- und Endlichkeitserfahrungen, sodass die Annahme einer thematischen Nähe zwischen Verletzlichkeit und Tod auch von daher naheliegend ist (siehe Kapitel 3). Dabei ist allerdings auch zu bedenken, dass diese thematische Nähe im Erleben des Individuums vielfach punktueller Natur ist, das heißt, dass nur zu einzelnen Zeitpunkten oder Zeiträumen Verletzlichkeit mit endgültigen Grenzen und über diese mit Tod assoziiert wird. Das heißt: In der inneren Auseinandersetzung (»Verarbeitung«) mit der erfahrenen Verletzlichkeit, in der daraus resultierenden Fähigkeit, diese allmählich besser ertragen zu können, findet sich eine seelisch-geistige und existenzielle Grundlage für die gefasste Einstellung und Haltung gegenüber dem eigenen Tod.
Eine derartige Annahme lässt sich zumindest implizit in der von Viktor Frankl erarbeiteten Existenzpsychologie finden, in der ausdrücklich von der Wertform des homo patiens gesprochen wird (Frankl, 2016, 2018). Es handelt sich nach Viktor Frankl bei dieser Wertform um einen Einstellungswert, dessen Ausbildung auf Prozessen intensiver innerer Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben gründet wie auch auf einer Anpassung der Vorstellungen, Erwartungen und Hoffnungen, die an das Leben gerichtet werden, an die gegebene Situation. In einem solchen Prozess der inneren Auseinandersetzung und schöpferischen Anpassung kann sich nach und nach die Einstellung herausschälen, dass ein »Trotzdem!« oder »Gerade jetzt!« notwendig und auch möglich ist. Dem Individuum wächst also die Fähigkeit zu, das eigene Leben trotz endgültiger Grenzen anzunehmen, zu bejahen und auszukosten.
In der Erfahrung eigener Verletzlichkeit kann das Individuum vielleicht sogar deutlich erkennen, welche Interessen, welche Erlebnisse und Erfahrungen, welche Menschen sein Leben bisher getragen haben und auch heute tragen. Früher waren ihm diese als Fundament seines Lebens nicht wirklich, nicht vollumfänglich bewusst. Durch die Erfahrung der Verletzlichkeit aber kann ein derartiger Bewusstwerdungsprozess angestoßen werden (Gadamer, 2000/2010). In einem derartigen Einstellungswandel spiegelt sich die Wertform des homo patiens wider. Für Viktor Frankl ist diese die »höchste« der von ihm unterschiedenen drei Wertformen (homo faber: der schaffende Mensch; homo amans: der liebende und erlebende Mensch; homo patiens: der leidende und sein Leiden annehmende Mensch), da sie in besonderer Weise auf psychologischer und existenzieller Arbeit und einer aus dieser Arbeit resultierenden Einstellungs- und Haltungsänderung gründet.
Was aber folgt aus diesen Aussagen? Ich stelle die Annahme auf, dass jene Menschen, die gelernt haben, ihre Verletzlichkeit anzunehmen und in oder trotz der Verletzlichkeitserfahrung ein sinnerfülltes, stimmiges Leben zu führen, auch eine gefasstere Einstellung und Haltung zum Tod zeigen; hier erkenne ich übrigens Gemeinsamkeiten mit der schon ausführlich beschriebenen Studie von Joep M. Munnichs.
Nur stellt sich die Frage: Wie kann es einem Menschen gelingen, seine Verletzlichkeit anzunehmen, in und trotz ausgeprägter Verletzlichkeit ein sinnerfülltes, stimmiges Leben zu führen? Mit dieser Frage habe ich mich intensiv in dem Buch »Lebensphase hohes Alter – Verletzlichkeit und Reife« beschäftigt (Kruse, 2017). Da die Beantwortung dieser Frage auch für ein tiefes Verständnis der Einstellung und Haltung zum eigenen Tod wichtig ist, sei ihr an dieser Stelle Platz eingeräumt.
Ich differenziere – vor dem theoretisch-konzeptionellen Hintergrund der Gerontologie wie auch auf der Grundlage eigener empirischer Studien zum hohen Alter (Kruse & Schmitt, 2015a, b) – zwischen vier seelisch-geistigen Entwicklungspotenzialen im hohen Alter, die in ihrer Gesamtheit ein Entwicklungsniveau ergeben, das mit dem Begriff »Reife« umschrieben werden kann. Der Begriff der Reife dient mir dabei allerdings eher als Metapher, die ausdrücken soll, dass das Individuum in einer geistig konzentrierten, emotional gefestigten, von einem Selbst- und Weltgestaltungswillen bestimmten Art und Weise mit neuen Eindrücken, Herausforderungen und Anforderungen umzugehen vermag. Welche Entwicklungspotenziale aber sind gemeint? Erstens: Die Introversion mit Introspektion, die ich im Sinne einer vertieften Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst verstehe. Dabei gehe ich davon aus, dass mit zunehmendem Alter die Tendenz zur seelisch-geistigen Vertiefung eine immer stärkere Ausprägung erfährt (Introversion) und die vertiefte Auseinandersetzung mit sich selbst zu Erkenntnissen und Einsichten führt, die für die eigene Lebensführung funktional und bedeutsam sind (Introspektion). Zweitens: Offenheit, und zwar im Sinne der Empfänglichkeit für neue Eindrücke, Erlebnisse und Erkenntnisse, die aus dem Blick auf sich selbst wie auch aus dem Blick auf die umgebende soziale, natürliche und räumliche Welt erwachsen. Drittens: Sorge, und zwar im Sinne der Bereitschaft, für andere Menschen zu sorgen, sich um die Welt zu sorgen. Viertens: Wissensweitergabe, und zwar im Sinne des Motivs, Teil einer Generationenfolge zu sein und durch die Weitergabe von Wissen an nachfolgende Generationen Kontinuität zu erzeugen und Verantwortung zu übernehmen.
Auch hier sei betont: Es handelt sich um Entwicklungspotenziale, somit also nicht um Entwicklungsprozesse, die wir bei allen alten Menschen finden können. Vielmehr müssen innere und äußere Rahmenbedingungen gegeben sein, damit (a) überhaupt solche Potenziale im hohen Alter erkennbar sind, damit sich (b) solche Potenziale, wenn sie denn gegeben sind, verwirklichen können.
Um mit (a) zu beginnen: In ihrer Biografie muss die Person entwicklungsförderliche Lebensbedingungen erfahren und genutzt haben, zu denen vor allem der lebendige, von Vertrauen und Nähe bestimmte Austausch mit anderen Menschen gehört, darüber hinaus eine anregende Umwelt sowie Lebensbedingungen, die Initiative, Engagement, Offenheit und Neugierde fördern. Gemeint ist hier nicht, dass die Person vor Belastungen und Konflikten verschont geblieben wäre. Gemeint ist vielmehr, dass sie immer wieder die Möglichkeit gefunden hat, solche Belastungen und Konflikte (innerlich) zu verarbeiten und (äußerlich) zu bewältigen. Und wenn sie mit Grenzsituationen konfrontiert war (zu denen Erfahrungen zu zählen sind, die im Sinne von persönlichen Traumata gewirkt haben), so schließt auch diese Konfrontation eine positive Entwicklung nicht aus, wie vor allem die Resilienzforschung zeigt (Rutter, 2008, 2012; Werner & Smith, 2001): Es geht nun darum, mit emotionaler und geistiger Unterstützung der engsten Bezugspersonen, möglicherweise auch mit therapeutischer Hilfe zur Erkenntnis und Fähigkeit zu gelangen, trotz solcher Traumata eine bejahende, engagierte und couragierte Lebenseinstellung, Lebenshaltung zu entwickeln und über die dafür notwendigen Ressourcen zu verfügen. (Einen Überblick über deren Theorien und Befunde habe ich in dem angesprochenen Buch »Lebensphase hohes Alter – Verletzlichkeit und Reife« [Kruse, 2017] wie auch in dem Buch »Resilienz – Was wir von Johann Sebastian Bach lernen können« [Kruse, 2015] gegeben.) Wenn ich von entwicklungsförderlicher Umwelt, von entwicklungsförderlichen Lebensbedingungen spreche, dann ist damit zugleich der Hinweis auf Merkmale wie Bildung, materielle Bedingungen, Eingebundensein in soziale Netzwerke, Arbeitsbedingungen, gesundheitliche Versorgung gegeben. Denn diese Merkmale können in ihrem Einfluss auf die Entwicklung im Lebenslauf nicht hoch genug gewertet werden.
Um mit (b) fortzusetzen: Im günstigen Falle sind die von mir beschriebenen vier Entwicklungspotenziale im hohen Alter zwar gegeben; aber sie sind damit noch nicht verwirklicht. Es müssen auch im hohen Alter positive Rahmenbedingungen gegeben sein, damit diese Potenziale tatsächlich verwirklicht werden. Eine bedeutsame Rahmenbedingung bildet dabei die seelisch-geistige Gesundheit: Sie ist die conditio sine qua non nicht nur des Aufbaus von Entwicklungspotenzialen im Lebenslauf, sondern auch ihrer Verwirklichung im hohen Alter. Aus diesem Grunde ist bei der Thematisierung von Gesundheit und gesundheitlicher Versorgung auf die seelisch-geistige Gesundheit ganz ähnliches Gewicht zu legen wie auf die körperliche Gesundheit. Als weitere positive Rahmenbedingung ist eine anregende, teilhabeförderliche Umwelt zu nennen, die die Motivation sowohl für die Selbstgestaltung als auch für die Weltgestaltung stärkt. Hier nun ist auf einen Aspekt hinzuweisen, den wir in eigenen Studien zur Lebenssituation von alten Menschen finden konnten: Nämlich der Austausch von gegebener und empfangener Hilfe in Sorgebeziehungen (Kruse, 2017; Kruse & Schmitt, 2016).
Was ist damit gemeint? Ich erfahre Sorge von anderen Menschen, aber ich schenke auch anderen Menschen Sorge. Ich habe die Möglichkeit, genauso Sorge zu empfangen wie Sorge zu geben. Damit ist der Austausch von Sorgeleistungen angesprochen. Sorgebeziehungen, in denen ich nur Sorge oder Hilfe empfange, sind für mein Wohlbefinden, sind für meine Lebensqualität nicht (unbedingt) funktional oder sogar optimal. Denn in solchen Beziehungen kann ich mich rasch als »abhängig« erleben, was sich negativ auf mein Bild von mir selbst auswirkt. Entscheidend ist, dass ich immer wieder Gelegenheiten finde, die empfangene Sorge und Hilfe zu erwidern, sei es Menschen gegenüber, von denen ich diese Sorge und Hilfe erhalte, sei es anderen Menschen gegenüber. In unseren Studien konnten wir nun den Nachweis erbringen, dass alte Menschen vor allem dann Entwicklungspotenziale verwirklichen, dass es ihnen vor allem dann gelingt, in und trotz der Erfahrung eigener Verletzlichkeit Entwicklungs- oder Reifungsschritte in dem oben genannten Sinne zu tun, wenn sie in Sorgebeziehungen stehen, in denen sie Sorge empfangen, aber gleichzeitig auch Sorge geben. Die gegebene Sorge haben wir dann noch einmal differenziert in sorgen für und sich sorgen um. Vor dem Hintergrund der in diesen Studien gewonnenen Erkenntnisse lässt sich konstatieren, dass seelisch-geistige Reifung bei Verletzlichkeit ohne die Wechselseitigkeit von empfangener und gegebener Sorge überhaupt nicht denkbar ist (ausführlich in Kruse, 2017). Das heißt: Die Verbindung von Verletzlichkeit und Reife ist grundsätzlich vor dem Hintergrund der Qualität der Beziehungen im sozialen Netzwerk zu betrachten. Inwieweit bietet sich in diesen Beziehungen die Gelegenheit zum Austausch von Sorge und Hilfe?
Mit diesem Aspekt spreche ich eine enge Beziehung zu Erkenntnissen und Erfahrungen an, die in der Palliativversorgung (Palliative Care) und in der Hospizarbeit immer wieder gewonnen werden. Es ist zu beobachten, dass schwerkranke, ja, dass selbst sterbende Menschen das Bedürfnis zeigen, etwas für jene Menschen zu tun, die sie in der Krankheit und im Sterben begleiten. Besonders deutlich wird dies, wenn die therapeutischen, pflegerischen, sozialen, seelsorgerischen und ehrenamtlichen Begleiterinnen und Begleiter von einem schwerkranken oder sterbenden Menschen gefragt werden: »Und wie ist Ihnen zumute? Wie geht es eigentlich Ihnen? Wollen Sie nicht auch von sich erzählen?« und dabei spüren, wie stark sich dieser mit ihrer Situation identifiziert. Oder die Bereitschaft, andere Menschen am eigenen Sterben teilhaben zu lassen, um ihnen die Sorge oder Angst vor der eigenen Endlichkeit zu nehmen: Auch diese ist Ausdruck der Sorge, die man anderen Menschen zuteilwerden lässt und die von diesen in aller Regel als eine Bereicherung empfunden werden.
»Sorge« ist in der deutschen Sprache eher negativ konnotiert (»besetzt«). Mit Sorge wird etwas Schweres, Belastendes, wenn nicht sogar eine eher niedergedrückte Stimmung assoziiert. Dabei zeigt uns der Blick in die Literatur – von so unterschiedlichen Autoren wie Martin Heidegger (»Sein und Zeit« [1927]), Albert Camus (»Der Mythos des Sisyphos« [1942]), Hannah Arendt (»Vita activa oder vom tätigen Leben« [1960]) –, dass Selbstgestaltung und Weltgestaltung, dass die Entscheidung für das Leben, dass das gesellschaftliche und politische Engagement des Menschen ohne das Motiv der Sorge eigentlich gar nicht denkbar sind. Natürlich gibt es Situationen, in denen wir den Eindruck gewinnen: Die Sorge um andere Menschen ist Ausdruck von Niedergeschlagenheit, Niedergedrücktheit. Diese Sorge ist hier aber nicht gemeint. Gemeint ist die Sorge, die von einem wirklichen Interesse an einem anderen Menschen (oder an anderen Menschen bzw. an der Menschheit überhaupt) getrieben ist, die immer auch bei den Anderen und nicht nur bei einem selbst ist.
Um zusammenzufassen: Die Einstellung und Haltung zum eigenen Tod sehe ich auch in ihrer Abhängigkeit von der Tiefe, in der Menschen die Verbindung von Verletzlichkeit, Sorge und Reife verwirklichen. Ich gehe von der Annahme aus, dass im Falle einer geglückten Verbindung dieser drei Merkmale – nämlich in dem Sinne: Menschen leben in produktiven, reziproken Sorgebeziehungen und in diesen Beziehungen gelingt es ihnen, trotz und in der Verletzlichkeit Entwicklungs- oder Reifungsschritte zu tun – die eigene Endlichkeit eher angenommen oder hingenommen werden kann. Wobei nicht vergessen werden darf: Der eigene Tod ist im Kern gar nicht denkbar, nicht wirklich zu antizipieren. Aber wir nähern uns der Erfahrung eigener Endlichkeit immer weiter an und dies vor allem in den Verletzlichkeitserfahrungen. Wenn wir in Sorgebeziehungen der oben genannten Art stehen und uns seelisch-geistig weiterentwickeln: Dann können und werden wir diese Annäherung eher wagen und die mit ihr verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen eher »aushalten«.
2.4 Perspektivenwechsel: Beispiele aus der Lyrik
Wie schon zu Beginn des Kapitels angekündigt, möchte ich nun auf einige wenige lyrische Beiträge eingehen, die sich in besonderer Weise eignen, einzelne Aussagen der eben dargestellten theoretisch-konzeptionellen und empirischen Beiträge aus der Perspektive dreier Schriftstellerinnen und eines Schriftstellers zu betrachten. Ich wähle Gedichte aus, deren Gehalt mit Aussagen verwandt ist, die in den Theorien und empirischen Studien getroffen werden, Gedichte der Schriftstellerinnen Else Lasker-Schüler, Marie Luise Kaschnitz und Rose Ausländer sowie des Schriftstellers Paul Celan. Natürlich ließen sich an dieser Stelle ungleich mehr Gedichte und zudem solche auch anderer Schriftstellerinnen und Schriftsteller anführen. Die hier vorgenommene Auswahl ist nicht nur im beschränkten Platz dieses Abschnitts begründet, sondern erklärt sich auch aus der besonderen psychologischen Aussagekraft, die diesen Gedichten – beispielhaft für viele weitere lyrische Werke – zur Vorbereitung auf Sterben und Tod innewohnt. Die nachfolgend angeführten Gedichte weisen zudem einen ganz individuellen Bezug zur persönlichen Biografie ihrer Verfasser auf.
Ich beginne mit drei Gedichten der Schriftstellerin Else Lasker-Schüler, geboren im Jahre 1869 in Wuppertal-Elberfeld, gestorben im Jahre 1945 in Jerusalem. Am 19. April 1933 verließ die Dichterin Deutschland, emigrierte in die Schweiz und ließ sich in Zürich nieder. Im Jahre 1938 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. In den Jahren 1934, 1937 und 1939 reiste sie nach Palästina; von der letzten Reise kehrte sie nicht mehr in die Schweiz zurück; zum einen hinderte sie der Kriegsausbruch daran, zum anderen verweigerten ihr die Schweizer Behörden ein Rückreisevisum. Im Jahre 1927 hatte die Schriftstellerin ihren Sohn Paul durch die Folgen einer Tuberkuloseerkrankung verloren.
Das erste Gedicht, das ich zitiere, trägt den Titel »Mein blaues Klavier« und ist im Jahre 1937 in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen. Warum führe ich dieses Gedicht an? Es handelt sich in gewisser Hinsicht um ein biografisches Achsengedicht. Zum einen nimmt die Schriftstellerin in diesem einen Rückblick auf ihre persönliche Geschichte vor – das »zu Hause« beschreibt das frühere Zuhause –, zum anderen diente ihr der Titel dieses Gedichts als Titel für den im Jahre 1943 erschienenen Poesieband »Mein blaues Klavier«, ihre letzte Buchveröffentlichung. Die Tatsache, dass dieser bedeutende Poesieband (mit der Widmung: »An meine Freunde«) einen sechs Jahre zuvor gewählten Titel trägt, lässt uns (bei allen »äußeren« Diskontinuitäten) die Kontinuität der Biografie im Lebensrückblick besser verstehen. Zunächst führe ich das Gedicht »Mein blaues Klavier« an und dann das Gedicht »Ich weiß« aus dem Poesieband.3 Ersteres schildert den Verlust der Heimat, letzteres die Antizipation und innere Vorbereitung auf den Tod.
Mein blaues Klavier
(Else Lasker-Schüler)
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.
Es spielten Sternenhände vier –
– Die Mondfrau sang im Boote –
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
Zerbrochen ist die Klaviatür…
Ich beweine die blaue Tote.
Ach liebe Engel öffnet mir –
Ich aß vom bitteren Brote –
Mir lebend schon die Himmelstür –
Auch wider dem Verbote.
In dem Gedicht »Ich weiß« werden ihre Todesahnungen deutlich, wobei der Prozess der zunehmenden körperlichen Schwäche und des abnehmenden seelisch-geistigen Antriebs in das Zentrum tritt: dies im Sinne eines langsamen Verlöschens. Zugleich schält sich in der drittletzten Zeile eine Transzendenz-Orientierung heraus, die in den beiden letzten Zeilen vollumfänglich thematisch wird: in diesen drückt sich die Hoffnung auf eine metaphysische Heimstatt aus, zudem der innere Weg zu dieser.
Ich weiß
(Else Lasker-Schüler)
Ich weiß, dass ich bald sterben muss
Es leuchten doch alle Bäume
Nach langersehntem Julikuss
Fahl werden meine Träume
Nie dichtete ich einen trüberen Schluss
In den Büchern meiner Reime. Eine Blume brichst du mir zum Gruß
Ich liebte sie schon im Keime.
Doch ich weiß, dass ich bald sterben muss. Mein Odem schwebt über Gottes Fluss
Ich setze leise meinen Fuß
Auf den Pfad zum ewigen Heime.
Wenige Monate vor ihrem Tod gibt sie in ihrem letzten Gedicht (»Man muss so müde sein«) Einblick in ihre Liebe zu dem drei Jahrzehnte jüngeren Wissenschaftler Ernst Simon, zeigt aber zugleich auf, wie sie sich von dieser Liebe – wie auch von der ganzen äußeren Welt – immer mehr nach innen hin zurückzieht.4 Aus dieser Aussage lässt sich eine bedeutende Anforderung an die Begleitung eines schwerkranken und sterbenden Menschen ableiten, nämlich den Rückzug nach innen zu erkennen, anzunehmen und hochsensibel auf diesen zu antworten.
Man muss so müde sein
(Else Lasker-Schüler)
Man muss so müde sein
Wie ich es bin
Es schwindet kühl-entzaubert meine Welt aus meinem Sinn
Und es zerrinnen alle Wünsche tief im Herzen
Gejagt und wüsste auch nicht mehr wohin
Verglimmen in den Winden alle Kerzen
Und meine Augen sehen alles dünn.
Dich lasse ich zurück mein einziger Gewinn
Und bin zu müde, dich zu küssen und zu herzen
Ich setze fort mit drei Gedichten der Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz, geboren im Jahre 1901 in Karlsruhe, gestorben im Jahre 1974 in Rom. Die Lyrik zu Sterben und Tod dieser Schriftstellerin verdankt sich vor allem ihrer inneren Auseinandersetzung mit dem Tod ihres geliebten Mannes Guido Kaschnitz, bei dem 1956 ein Hirntumor diagnostiziert wurde, an dem er im Jahre 1958 verstarb. Für Marie Luise Kaschnitz bedeutete dieser Tod eine tiefgreifende Veränderung in ihrem Leben; ihre reiche Lyrik zu Sterben und Tod ging aus intensiven inneren Zwiegesprächen mit ihrem verstorbenen Mann hervor. Der Gedichtband »Dein Schweigen – meine Stimme« (1962) enthält zahlreiche Gedichte zu dem Topos »Sterben, Tod, Trauer«, aus dem nachfolgend eines – das »Requiem« – angeführt werden soll.5 Dieses Gedicht beginnt wie folgt:
Requiem
(Marie Luise Kaschnitz)
Mit dem Tod muss ich umgehn
Dem schwarzen Hengst,
der sprengt mit der Schulter
Die sicheren Wände…
Hier wird die existenzielle Erschütterung unmittelbar erlebbar; der Tod scheint die innere Ordnung nicht nur zu erschüttern, sondern sogar vollends zu zerstören. Zugleich wird der Prozess der Verarbeitung des Verlusts als eine bedeutende seelisch-geistige Aufgabe charakterisiert: »Mit dem Tod muss (!) ich umgehn«.
Dieses »Requiem« wird nun wie folgt abgeschlossen:
Abgesang
(Marie Luise Kaschnitz)
Fährfrau mit dem runden Hut
Hast du ihn gesehen?
Ja, sagt die Fährfrau.
Hirte mit dem toten Lamm
Hast du ihn gesehen?
Ja, sagt der Hirte.
Bergmann mit dem weißen Licht
Hast du ihn gesehen?
Ja, sagt der Bergmann.
Welchen Weges ging er, Fährfrau?
Übers Wasser trocknen Fußes.
Welchen Weges ging er, Hirte?
Berghinüber leichten Atems.
Welchen Weges ging er, Bergmann?
In der Erde lag er still.
Was stand auf seinem Gesicht geschrieben?
Frieden, sagten alle. Frieden.
Drei Aspekte treten deutlich hervor: Erstens die Integration des gesamten Geschehens – des erlittenen Verlusts ebenso wie der eigenen inneren Verarbeitung – in eine umfassende »Naturordnung«; darauf deuten die gewählten Metaphern hin. Zweitens die Verbindung von Natur und Geist, die ebenfalls mit Metaphern ausgedrückt wird: »Über Wasser trocknen Fußes«, »Berghinüber leichten Atems«. Drittens der »Friede«, den der Verstorbene gefunden hat, der zugleich auf den eigenen inneren Frieden deutet: Soweit dies überhaupt möglich ist, ist ein bedeutender Teil der inneren Verarbeitung vollzogen. Der geliebte Verstorbene ist in das eigene Selbst »inkorporiert«.
Dem Gedichtband »Dein Schweigen – meine Stimme« ist auch das folgende Gedicht »Auferstehung« entnommen, in dem Marie Luise Kaschnitz den christlich-theologischen Mythos der »Auferstehung« ganz aus der Jenseitigkeit in die Diesseitigkeit holt (»Nur das Gewohnte ist um uns«; »Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken«), in dem sie aber zugleich eine »geheimnisvolle Ordnung« andeutet, in die unsere Existenz hineingestellt ist.6
Auferstehung
(Marie Luise Kaschnitz)
Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zur Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut
Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.
Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.
Zwei Jahre vor ihrem Tod entsteht das Gedicht »Nicht mutig«, veröffentlicht in dem Gedichtband »Zauberspruch« (1972),7 in dem sie ihre ambivalente Haltung gegenüber der »geheimnisvollen Ordnung« deutlich zum Ausdruck bringt: Die metaphysische Heimstatt, von der oben bei Else Lasker-Schüler die Rede war, wird als das Ergebnis einer Angst vor dem Endgültigen, das der Tod setzt, gedeutet; zugleich aber vermag diese Heimstatt zu trösten und zu beruhigen.
Nicht mutig
(Marie Luise Kaschnitz)
Die Mutigen wissen
Daß sie nicht auferstehen
Daß kein Fleisch um sie wächst
Am jüngsten Morgen
Daß sie nichts mehr erinnern
Niemandem wiederbegegnen
Daß nichts ihrer wartet
Keine Seligkeit
Keine Folter
Ich
Bin nicht mutig.
Nun gilt meine Aufmerksamkeit der Schriftstellerin Rose Ausländer, einer aus der Bukowina stammenden deutsch- und englischsprachigen Lyrikerin, geboren 1901 in Czernowitz, gestorben 1988 in Düsseldorf. 1921 wanderte sie in die USA aus und erhielt im Jahre 1926 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. 1931 kehrte sie nach Czernowitz zurück. 1937 wurde ihr die US-amerikanische Staatsbürgerschaft wegen dreijähriger Abwesenheit aus den USA aberkannt; somit war eine Rückkehr in die USA unmöglich. Im Jahre 1940 wurde sie in Czernowitz vom sowjetischen Inlandsgeheimdienst verhaftet und für vier Monate interniert. 1941 besetzten die mit Deutschland verbündeten rumänischen Truppen die Stadt; Rose Ausländer musste als Jüdin im Ghetto der Stadt leben und entging der Deportation nur durch den Schutz in einem Kellerversteck. Im Ghetto lernte sie Paul Celan kennen. Rose Ausländer zog 1972 in ein jüdisches Altenheim in Düsseldorf, das sie aufgrund von Pflegebedürftigkeit zwischen 1977 und 1988, ihrem Todesjahr, nicht mehr verließ. Trotz ihrer schweren Erkrankung bewahrte sie sich eine ausgeprägte seelisch-geistige Offenheit für »Neues«, eine ausgeprägte »Liebe zur Welt«. – In dem ersten der beiden nachfolgend angeführten Gedichte (»Noch bist du da«)8 steht das Auskosten des Augenblicks auch in der Todesahnung im Zentrum; dabei zeigt sich dieses Auskosten zum einen in der fortgesetzten Bindung an die Natur, zum anderen in der Liebe, weiterhin in der »gelebten« Identität (»Sei was du bist«) und schließlich in der »gelebten« Generativität (»Gib was du hast«).
Noch bist du da
(Rose Ausländer)
Noch bist du da
Wirf deine Angst
in die Luft
Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends
Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da
Sei was du bist
Gib was du hast
In dem zweiten Gedicht (»Wenn ich vergehe«)9 wird das Motiv der »symbolischen Immortalität«, im Sinne des Fortlebens in anderen Menschen angesprochen. Das »Fortgehen« von der Erde, das »Vergehen« wird schmerzlich antizipiert. Die »Weltkörper« werden sich weiter bewegen; der Tod der eigenen Person ändert daran nichts. Denn die Erde ist »vergesslich«. Das Gedächtnis nahestehender Menschen aber kann vielleicht Trost schenken: wenn diese nämlich die Verstorbene im Gespräch in ihre Mitte nehmen (»Wirst du mein Wort ein Weilchen für mich sprechen?«). Das Motiv der symbolischen Immortalität erweist sich, dies sei hier noch einmal hervorgehoben, in der Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen vielfach als ein zentrales.
Wenn ich vergehe
(Rose Ausländer)
Wenn ich vergehe
wird die Sonne weiter brennen
Die Weltkörper werden sich
bewegen nach ihren Gesetzen
um einen Mittelpunkt
den keiner kennt
Süß duften wird immer
der Flieder
weiße Blitze ausstrahlen der Schnee
Wenn ich fortgehe
von unsrer vergesslichen Erde
wirst du mein Wort
ein Weilchen
für mich sprechen?
Paul Celan (eigentlicher Name: Paul Antschel), im Jahre 1920 als einziger Sohn deutschsprachiger Juden in Czernowitz geboren, gestorben 1970 in Paris, wird als einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts angesehen. Nach dem Abitur beginnt Paul Celan 1938 ein Medizinstudium im französischen Tours, das er jedoch wegen des beginnenden Krieges bald wieder abbrechen muss. Nach Czernowitz zurückgekehrt, entscheidet er sich für ein Romanistikstudium. Paul Celan wird zur Zwangsarbeit verpflichtet; er muss die Deportation seiner Eltern in ein Lager in Transnistrien miterleben. Seine Eltern verlieren im Lager (durch Genickschuss) ihr Leben. Die innere Auseinandersetzung mit Grenzerfahrungen, unter denen der Holocaust ganz entscheidende Bedeutung besaß, bestimmte einen Großteil seiner Literatur; stellvertretend sei hier die »Todesfuge« (mit dem Motiv: »der Tod ist ein Meister aus Deutschland«) genannt, die Paul Celan im Jahre 1952 auf der Tagung der »Gruppe 47« vorträgt. Ab 1962/63 muss er sich mehrfach in psychiatrische Behandlung begeben. Am 20. April 1970 sucht er den Freitod in der Seine. – Das nachfolgend angeführte Gedicht »Ich lotse dich hinter die Welt« stammt aus seinem Nachlass.10
Ich lotse dich hinter die Welt
(Paul Celan)
Ich lotse dich hinter die Welt,
da bist du bei dir –
unbeirrbar, heiter.
Vermessen die Stare den Tod,
das Schilf winkt dem Stein ab,
Du hast alles für heut Abend.
Mit der Aussage »Ich lotse dich hinter die Welt« wird eine seelisch-geistige Dimension angesprochen, die jenseits aller unmittelbaren Wahrnehmung, jenseits aller unmittelbaren Selbsterfahrung liegt. Die Person wird mehr und mehr in ihr Zentrum, in das Zentrum ihres Selbst geführt. Wenn sie dieses erreicht, dann kann sie nichts mehr »schrecken«, dann entwickelt sie die Haltung einer tiefen Heiterkeit. Zugleich wird deutlich: Dieser Prozess vollzieht sich im Angesicht des Todes, der sehr bewusst antizipiert wird. »Carpe diem«, nutze den Tag, koste den Augenblick aus, so möchte man sagen. Die Antizipation des eigenen Todes birgt auch ein Potenzial: das Potenzial des bewussten Lebens.
3 Aus: »Else Lasker-Schüler – Mein blaues Klavier, Gedichte. Adlima – Die grüne Reihe, Band 31«, BookRiX Verlag, München, 2015, S. 11 u. 26.
4 Aus: »Else Lasker-Schüler. Sämtliche Gedichte«, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2016, S. 377.
5 Aus: »Marie Luise Kaschnitz, Dein Schweigen – meine Stimme, Gedichte 1958-1961«, CLAASSEN VERLAG, 1962, Auszüge der Seiten 14–17, 17–19, 19–22; © mit freundlicher Genehmigung der MLK-Erbengemeinschaft Berlin/München.
6 Aus: »Marie Luise Kaschnitz, Dein Schweigen – meine Stimme, Gedichte 1958-1961«, CLAASSEN VERLAG, 1962, Auszug, Seite 13; © mit freundlicher Genehmigung der MLK-Erbengemeinschaft Berlin/München.
7 »Nicht mutig«, aus: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in sieben Bänden, Band 5: Die Gedichte. © Insel Verlag, Frankfurt am Main 1985. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Insel Verlag Berlin.
8 Aus: Rose Ausländer. Gesammelte Werke / Band 5: Ich höre das Herz des Oleanders, Gedichte 1977–1979, by Ausländer, Rose / Herausgegeben von Braun, Helmut, S. 86; © 1984, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.
9 Aus: Rose Ausländer. Gesammelte Werke / Band 6: Wieder ein Tag aus Glut und Wind, by Ausländer, Rose / Herausgegeben von Braun, Helmut, S. 19; © 1986, S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.
10 »Ich lotse« aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Mit 25 Radierungen von Gisèle Celan-Lestrange. Herausgegeben von Barbara Wiedemann. © Suhrkamp Verlag Berlin 2018.
3
Die Verarbeitung und Bewältigung einer schweren, zum Tode führenden Krankheit
3.1 Einflüsse auf Verarbeitung und Bewältigung
Wie gelingt es schwerkranken oder sterbenden Menschen, die mit der Krankheit verbundenen Verluste (bis hin zum völligen Verlust einer tragfähigen Lebensperspektive) zu verarbeiten und zu bewältigen? Wenn ich hier von Verarbeitung spreche, dann meine ich damit innerseelische Prozesse, die darauf gerichtet sind, sich an die eingetretene Situation in einer schöpferischen, das Individuum selbst überzeugenden Art und Weise anzupassen und damit zu einer Neubewertung der verschiedenen Aspekte einer Situation zu gelangen. Ein Beispiel für diese Neubewertung ist darin zu sehen, dass dem Individuum in der Konfrontation mit den eingetretenen Verlusten vielleicht das erste Mal seit langer Zeit wieder bewusst wird, über welche Ressourcen – Fähigkeiten, Fertigkeiten, Interessen, Werte, Empfindungen, Gefühle, Denkvermögen, körperliche Leistungsfähigkeit, Partnerschaft, Familie, weitere Bezugspersonen, weitere Unterstützungssysteme, materielle Sicherung – es verfügt. Es ist durchaus möglich, dass es diese Ressourcen früher, also vor Eintritt der Erkrankung, als etwas »Selbstverständliches« eingeschätzt hat, während es nun, nach den erlittenen Verlusten, diese Ressourcen als etwas Wertvolles betrachtet, von dem eine hohe Bindung an das Leben ausgeht.
In einer ganz ähnlichen Weise argumentiert der Philosoph Hans-Georg Gadamer (1900–2002) in seinem Buch »Schmerz. Einschätzungen aus medizinischer, philosophischer und therapeutischer Sicht« (2000/2010), wenn er schreibt, dass wir den Schmerz nur dadurch »verwinden« können, dass wir diesem all das entgegensetzen, was uns emotional und geistig in besonderer Weise bindet und antreibt. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass Hans-Georg Gadamer auch von einem persönlichen Erfahrungshorizont aus argumentiert, litt er doch zeitlebens an den Folgen einer Kinderlähmung. Den Schmerz deutet er in dem genannten Buch (das auf seiner Ansprache anlässlich eines schmerztherapeutischen Kolloquiums in Heidelberg im Jahre 2000 gründet) als eine »lebenslange Aufgabe« des Menschen, in deren Verarbeitung und Bewältigung das Individuum mehr und mehr von sich selbst entdecke – vor allem das, was sein Leben eigentlich trage.
Wenn ich von »Bewältigung« spreche, dann meine ich Verhaltensprozesse, die darauf zielen, die eingetretene Situation in ihren »äußeren« Aspekten zu modifizieren, sodass die Verluste und deren Folgen abgemildert werden. Ein für das Thema dieses Buches wichtiges Beispiel ist die Suche und Inanspruchnahme einer fachlich und ethisch überzeugenden medizinischen, rehabilitativen und pflegerischen Versorgung, einer unterstützenden und motivierenden psychosozialen Begleitung, personaler und technischer Unterstützung bei der Ausführung von Aktivitäten des täglichen Lebens; hinzu treten eigene Verhaltensweisen, mit denen ein höheres Maß an körperlicher, kognitiver, verhaltensbezogener und sozialkommunikativer Kompetenz erreicht wird.
Auch wenn in der psychologischen Literatur nicht immer zwischen den beiden Begriffen »Verarbeitung« und »Bewältigung« differenziert wird – meist wird von »Bewältigung« gesprochen, mit der innerseelische und verhaltensbezogene Prozesse umschrieben werden –, so möchte ich doch an dieser Differenzierung festhalten, weil sie auf zwei mögliche Schwerpunkte der Auseinandersetzung mit eingetretenen Verlusten abhebt: auf einen kognitiv-emotionalen und auf einen verhaltensbezogenen. Dabei ist mir bewusst, dass diese Schwerpunkte nicht immer sauber voneinander zu trennen sind, dass sie sich in vielen Fällen überlagern. Doch kann diese Differenzierung helfen, gerade die kognitiv-emotionale Art der Auseinandersetzung, das heißt die »Verarbeitung« noch deutlicher in den Blick zu nehmen und schwerkranke oder sterbende Patientinnen und Patienten dafür zu sensibilisieren, sich auch auf Denkprozesse (Kognition), auf Gefühle (Emotion), auf deren Interaktion zu konzentrieren und nicht alleine auf Verhalten. Dies erscheint vor dem Hintergrund von unabänderlichen Verlusten besonders wichtig.
Bevor ich mich einer Auswahl von wissenschaftlichen Beiträgen zur Verarbeitung und Bewältigung von Belastungen zuwende, möchte ich noch einer weiteren Frage nachgehen. Welche Merkmale sind zu beachten, wenn es um die Erfassung potenzieller Einflüsse auf die Verarbeitung und Bewältigung geht? Fasst man Ergebnisse psychologischer Studien zusammen, so kristallisieren sich grosso modo folgende Merkmale heraus, die in »internale« und »externale« differenziert werden können:
Zu den internalen Merkmalen zählt die Fähigkeit, (a) Emotionen, Affekte und Impulse zu kontrollieren, (b) die eingetretene Situation in ihrem kognitiven Anregungsgehalt (»Was genau ist geschehen; was folgt unmittelbar daraus für mich; was kann weiterhin daraus für mich folgen?«) wie auch in ihrem emotionalen Anregungsgehalt (»Wie bewerte ich das Geschehene, die unmittelbaren und mittelbaren Folgen?«) differenziert wahrzunehmen und zu bewerten, (c) die eigenen Verarbeitungs- und Bewältigungsressourcen mit Blick auf diese Situation differenziert einzuschätzen, (d) dabei auch frühere Bewältigungs- und Verarbeitungsversuche, die sich als erfolgreich erwiesen haben, zu erinnern und (e) aus diesen Optimismus für den Umgang mit der aktuellen Belastung zu schöpfen. Zu diesem Fähigkeitsbündel, das im Kern die Selbstregulation in einer eingetretenen Belastungssituation beschreibt, treten noch weitere psychische Qualitäten hinzu, die sich positiv auf den Prozess der Selbstregulation auswirken. Zu nennen sind (a) eine differenzierte Wahrnehmung des eigenen Selbst (in seinen Stärken wie in seinen Schwächen), (b) relativ stabile Selbstwirksamkeits- und Kontrollüberzeugungen des Individuums, (c) Problemlösungskompetenzen und Persönlichkeitseigenschaften, zu denen vor allem emotionale Stabilität und Offenheit zu zählen sind, (d) eine Vielfalt an Quellen der Sinnerfahrung wie auch des Stimmigkeitserlebens, schließlich (e) die Fähigkeit zur intrinsischen (also von den eigenen Bedürfnissen und Werten abgeleiteten) Zieldefinition.
Zu den externalen Merkmalen sind (a) das soziale Netzwerk eines Menschen (nicht nur in seinem Umfang, sondern auch in seiner emotionalen Qualität), (b) Ausmaß und Qualität sozialer Unterstützung in der eingetretenen Belastungssituation, (c) die Zugänglichkeit institutioneller (fachlicher) Unterstützungssysteme sowie (d) Ausmaß und Qualität faktisch geleisteter Unterstützung durch diese Systeme zu zählen.
Internale und externale Merkmale sind ihrerseits durch Sozialschicht, Bildung, Gesundheit und Wohnsituation, weiterhin durch Gesellschaft und Kultur – mit ihren materiellen und ideellen Gütern wie auch mit ihren Menschenbildern – beeinflusst.
Schon aus dieser Nennung zentraler Merkmale und Einflussgrößen geht hervor, wie umfassend der Prozess der Verarbeitung oder Bewältigung zu konzeptualisieren ist. Es genügt in der wissenschaftlichen wie auch in der praktischen Arbeit nicht, nur zu fragen, wie das Individuum eine Belastung zu verarbeiten und zu bewältigen versucht, sondern es sollte darüber hinaus versucht werden, Einblick in die oben genannten Merkmale und Einflussgrößen zu erhalten.
Neben den Ressourcen des Individuums ist dessen Verletzlichkeit (Vulnerabilität) zu berücksichtigen, die nicht alleine aus der schweren oder zum Tode führenden Krankheit erwachsen muss, sondern auch aus jenen Merkmalen der Person, ihrer Lebenslage und ihrer Umwelt, die dazu beitragen, dass die Verarbeitung und Bewältigung einer Belastung erkennbar erschwert ist und die Belastung zudem noch gravierendere Folgen hat, als sie ohne diese Merkmale schon hätte. Mit anderen Worten: Das Individuum tritt möglicherweise »potenziell geschwächt« in die Auseinandersetzung mit einer schweren oder zum Tode führenden Krankheit ein, es ist in erhöhtem Maße von den negativen Folgen dieser Krankheit betroffen und entwickelt psychische Auffälligkeiten oder Störungen, die bei einer anderen Person – die diese spezifische Vulnerabilitätskonstellation nicht aufweist – ausbleiben. Wenn hier von »potenziell geschwächt« gesprochen wird, dann ist damit nicht eine Verletzlichkeit in Bezug auf alle möglichen belastenden Situationen gemeint, sondern vielmehr die Verletzlichkeit in Bezug auf jene spezifische Belastungssituation, mit der das Individuum aktuell konfrontiert ist: in unserem Falle die schwere oder zum Tode führende Krankheit.
Auch wenn die subjektive Deutung einer Belastung großen Einfluss auf die Art ihrer Verarbeitung und Bewältigung hat, so ist die subjektive Perspektive (»Wie deutet das Individuum die Situation?«) nicht unabhängig von gegebenen vs. fehlenden Ressourcen. Schon Richard Lazarus, einer der bedeutendsten psychologischen Stressforscher der letzten Jahrzehnte, hat in seinem Modell der Stressbewältigung (Lazarus, 1966, 1990) hervorgehoben, dass eine objektiv gegebene Situation subjektiv in dreifacher Hinsicht gedeutet wird: (1) Nimmt die Person das Ereignis als positiv, irrelevant oder potenziell gefährlich wahr? Ist bereits ein Schaden eingetreten? Hier wird von einer »ersten kognitiven Bewertung« gesprochen. (2) Ordnet sich das Individuum die für die Bewältigung der Situation notwendigen Eigenschaften und Kompetenzen zu oder nicht? Hier wird von einer »zweiten kognitiven Bewertung« gesprochen. (3) Auf der Grundlage der nun in Gang gesetzten Bewältigung (problemorientierte Bewältigung: das Problem soll überwunden werden; emotionsorientierte Bewältigung: die emotionale Reaktion soll kontrolliert, die emotionale Erregung soll abgebaut werden; bewertungsorientierte Bewältigung: die Situation soll neu bewertet werden) und ihres Erfolgs vs. Misserfolgs wird eine »Neubewertung der Situation« vorgenommen. Was vorher als Belastung erschien, ist nun in der Sicht des Individuums möglicherweise nur noch Herausforderung, oder aber die Belastung kann angesichts eines nicht erfolgreichen Bewältigungsversuchs einmal mehr als Gefahr gedeutet werden. Der zweite Schritt (»Ordnet sich das Individuum die für die Bewältigung der Situation notwendigen Eigenschaften und Kompetenzen zu oder nicht?«) deutet auf den Einfluss hin, den die gegebenen vs. fehlenden Ressourcen auf die subjektive Deutung wie auch auf den Ausgang der Verarbeitung und Bewältigung ausüben.
Nach diesen Vorüberlegungen wende ich mich nun der Verarbeitung und Bewältigung von Belastungen im engeren Sinne zu und konzentriere mich dabei auf solche Belastungen, die das Individuum in hohem oder höchstem Maße fordern. Mehr und mehr werde ich mich dabei auf die schwere oder die zum Tode führende Krankheit konzentrieren.
Ich beginne mit einer für das Verständnis der Belastungsverarbeitung im Alter wichtigen Frage: ist angesichts der verrinnenden Zeit in diesem Lebensabschnitt generell von einer größeren Angst vor dem Tode auszugehen als in früheren Lebensabschnitten? Oder ist dies nicht der Fall? Hier dienen mir Aussagen aus einem Buch der französischen Soziologin und Philosophin Simone de Beauvoir sowie empirische Befunde aus einer Forschergruppe um den US-amerikanischen Psychologen M. Powell Lawton als Grundlage. – In einem weiteren Schritt wende ich mich einem zentralen Beitrag aus der »Positiven Psychologie«, die nach den Stärken und Kräften des Menschen fragt, zu, in dem Offenheit für Sinn, Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit im Zentrum stehen. Es mag angesichts des Themas »Schwere, zum Tode führende Krankheit« überraschen, dass für dessen Bearbeitung die Forschungsrichtung der Positiven Psychologie aufgerufen wird. Im Prozess der Verarbeitung und Bewältigung von Belastungen (auch von schweren und schwersten Belastungen) können wir nicht selten schöpferische Qualitäten des Selbst beobachten, auf deren Analyse die Positive Psychologie besonderen Wert legt. Der in dem entsprechenden Abschnitt ausführlich dargelegte Beitrag des Psychologen Jochen Brandtstädter ist in meinen Augen besonders geeignet, unser Verständnis der schöpferischen Kräfte auch am Lebensende zu vertiefen. – Es ist kein weiter inhaltlicher Weg von diesem Beitrag zu jenem, der sich der Forschung des israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonovsky verdankt: denn in dessen Konzept der Salutogenese und des Kohärenzgefühls werden die schöpferischen Kräfte in der Deutung (und dieser folgend: in der Verarbeitung und Bewältigung) einer Belastung sowie der persönlichen Gesamtsituation ebenfalls akzentuiert. Die Kategorie des Sinns und der Stimmigkeit, die in diesem Buch schon vielfach thematisiert wurde, treffen wir auch in diesem Konzept an. Und es ist vielleicht im Angesicht des herannahenden Todes in positiver Hinsicht »provokativ«, von einem Kohärenzgefühl zu sprechen. Wenn wir aber die innere Auseinandersetzung mit dem herannahenden Tod in den Kontext des Lebensrückblicks stellen, wie dies in Kapitel 2 geschehen ist, dann erscheint diese Überlegung vielleicht gar nicht provokativ. Denn im Falle eines Lebensrückblicks, der im großen Ganzen positiv ausfällt, kann (muss aber nicht) ein Kohärenzgefühl entstehen, das die Person motiviert, sich bewusst auf den herannahenden Tod einzustellen und das eigene Sterben – soweit dies möglich ist – mitzugestalten. Ich werde dabei ein Beispiel für dieses Kohärenzgefühl anführen, das sich Aussagen des US-amerikanischen Psychologen und Gerontologen James Birren (1918–2016) zu den Themen »Alter«, »Sterben« und »Tod« verdankt; James Birren, einer der bedeutendsten Alternsforscher des letzten Jahrhunderts, legt dar, wie wichtig die erlebte Stimmigkeit und die Sinnerfahrung – die auch in der Weitergabe von Lebenswissen an junge Menschen gefunden werden kann – für eine gefasste Haltung gegenüber Sterben und Tod sind; auf der Grundlage einer derartigen Haltung erscheint dem Individuum auch die bewusste innere Auseinandersetzung mit der letzten Grenzsituation des Lebens als bedeutende Aufgabe. Mit dieser Aussage ist eine thematische Nähe zum Kohärenzgefühl geschaffen. – In einem weiteren Schritt rücken Modelle der Bewältigungsforschung in das Zentrum der Überlegungen, denen große Bedeutung für die Verarbeitung und Bewältigung einer schweren oder zum Tode führenden Erkrankung zukommt. Ich führe beispielhaft die beiden Stufenmodelle der Belastungsverarbeitung bzw. -bewältigung des US-amerikanischen Psychiaters Mardi J. Horowitz sowie der Psychologin Sigrun-Heide Filipp an. Es geht in diesen Modellen nicht um »alltägliche«, sondern vielmehr um tiefgreifende Belastungen, die die innere Ordnung eines Individuums stören oder in Frage stellen können und damit eine Neuorientierung erfordern. Das Modell von Sigrun-Heide Filipp wurde in einer von ihr ausgerichteten Längsschnittstudie zur Verarbeitung bzw. Bewältigung von Erkrankungen mit infauster Prognose als theoretisch-konzeptionelle Grundlage gewählt; diese Studie werde ich vorstellen. – Nach Abschluss dieses Abschnittes gilt meine Aufmerksamkeit dem Phasenmodell der Auseinandersetzung mit dem herannahenden Tod, welches sich den Interviews mit N= 220 Sterbenden verdankt, die die schweizerisch-US-amerikanische Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004) geführt und 1969 in ihrem Buch »On Death and Dying« veröffentlicht bzw. interpretiert hat. Dieses Buch kann in seiner Bedeutung für die Thanatologie (Wissenschaft vom Sterben und Tod) nicht hoch genug geschätzt werden. Es hat viele Impulse für die intensive psychologische und seelsorgerische Arbeit mit sterbenden Patientinnen und Patienten zu geben vermocht. Allerdings hat Frau Kübler-Ross mit ihrem Phasenmodell der psychologischen Auseinandersetzung mit Sterben und Tod auch viel Kritik auf sich gezogen. Sowohl das Phasenmodell als auch die Kritik werde ich ausführlich darstellen – und dies aus dem Motiv heraus, Leserinnen und Leser, die die Arbeiten von Kübler-Ross nicht im Original studiert haben, mit den Gedanken dieser Autorin vertraut zu machen, sowie die kritischen Anmerkungen als Grundlage für eine Weiterführung der psychologischen Forschung und Praxis auf dem Gebiet der Thanatologie und der Palliativversorgung zu nutzen. – Nach der Darstellung des Phasenmodells und seiner Kritik wende ich mich einer eigenen Untersuchung zu, die ich Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre zur hausärztlichen Begleitung sterbender Menschen durchführen konnte. Auch wenn in dieser Untersuchung nur eine kleine Stichprobe erfasst wurde (N= 50 Frauen und Männer), so bestand doch die Möglichkeit, die Patientinnen und Patienten längsschnittlich bis zum Zeitpunkt ihres Todes zu besuchen und zu interviewen. Es handelte sich dabei um Tumorpatientinnen und -patienten, die – aufgrund ausgeschöpfter Therapiemaßnahmen – aus der Klinik entlassen wurden und in das häusliche Umfeld zurückkehrten; fortan lag die ärztliche Verantwortung bei den Hausärztinnen und Hausärzten, die – da es sich um ein Modellprojekt handelte – von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterschiedlicher Disziplinen (Schmerztherapie, Physiotherapie, Pflege, Seelsorge, Psychologie und Sozialarbeit) unterstützt wurden. Warum wird hier ein schon lange zurückliegendes Projekt noch einmal aufgerufen und ausführlicher dargestellt? Es sind drei Gründe. Der erste Grund: Dieses Projekt macht deutlich, dass eine generalisierende Phasenlehre mit Blick auf die Verarbeitung des herannahenden Todes empirisch nicht gestützt werden kann und auch nicht hilfreich ist. Es finden sich sehr verschiedenartige Formen der Verarbeitung, zu denen seelische Reaktionen gehören, die in der Phasenlehre von Elisabeth Kübler-Ross zwar angesprochen werden, die aber – den Ergebnissen der hier angeführten Studie zufolge – nicht in einer allgemeinverbindlichen Sequenz zusammengeführt werden können; diese häufig geäußerte Kritik an der Phasenlehre von Frau Kübler-Ross musste auch auf der Grundlage dieser Studienergebnisse geübt werden. Der zweite Grund: Eine intensive längsschnittliche Betrachtung zeigt uns, dass es Menschen durchaus gelingen kann, den Tod vollumfänglich zu akzeptieren, ja, dass es ihnen auch gelingen kann, in der letzten Lebensphase Stimmigkeit zu erleben und Sinn zu erfahren. Genauso muss aber damit gerechnet werden, dass Menschen mit tiefgreifender Niedergeschlagenheit, Angst und Verzweiflung antworten, die ihnen trotz guter Begleitung nicht genommen werden können. Auf diese Vielfalt, auch auf den möglichen »Misserfolg« der Begleitung muss man sich einstellen. Der dritte Grund: Ich möchte Einblick in die Art und Weise geben, wie ich selbst Forschung zur psychischen Situation sterbender Menschen betrieben habe. – Schließlich wende ich mich einem ganz anderen Modell zu, dessen Wurzeln in einer sehr umfassenden Anthropologie liegen: Gemeint ist hier die Terror-Management-Theorie, die sich die Frage vorlegt, inwieweit alle Ängste des Menschen auf eine, man könnte sagen: fundamentale Angst rückführbar sind – die Angst vor dem Tod. In dieser Theorie wird postuliert, dass kulturelle Produkte ebenso wie Transzendenzerwartungen im Kern dem Bemühen geschuldet sind, der eigenen Endlichkeit »etwas entgegenzusetzen«, die Angst vor dem Tod zu überwinden. Mit dieser Theorie wird auch noch einmal der Bogen zum Eröffnungskapitel dieses Buches geschlagen, in dem ich die Annahme aufgestellt habe, dass es vielleicht weniger die Angst vor dem Sterben und mehr die Angst vor dem Tod ist, die den Menschen zutiefst erfüllt (auch wenn ihm dies nicht bewusst ist). Die persönliche Erkenntnis, dass das eigene Leben in Zukunft ausgelöscht sein wird, kann den Menschen nicht unberührt lassen. Sie muss Ängste hervorrufen. Wie geht das Individuum mit diesen Ängsten um, wie versucht es diese zu verarbeiten und zu bewältigen? Wodurch wird die Richtung der Verarbeitungs- und Bewältigungsversuche beeinflusst? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Terror-Management-Theorie, und einige ihrer Antworten möchte ich in dem entsprechenden Abschnitt darlegen.
Pulsuz fraqment bitdi.