Kitabı oxu: «Sterben kann man jeden Tag Als Bundeswehrsoldat in Afghanistan»

Şrift:

Andreas Meyer

Sterben kann man jeden Tag

Als Bundeswehrsoldat in Afghanistan

Ein Erfahrungsbericht über Alltag, Freundschaft und Verlust in der Bundeswehr.


Alle Rechte vorbehalten © 2019 Andreas Meyer

Zweite Überarbeitete Auflage

Umschlag & Illustration: Miriam Haji

Lektorat: Jana Wochnik-Sachtleben & Therese Fahrni

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Paperback ISBN: 978-3-7497-1371-4

Hardcover ISBN: 978-3-7497-1372-1

e-Book ISBN: 978-3-7497-1373-8

Printed in Germany

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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Widmung

Dieses Buch ist allen Menschen gewidmet, die schmerzlich erfahren mussten, was Krieg in einem fremden Land bedeutet, und denjenigen, die nicht wissen, was die Soldaten im Einsatz alles leisten.

Insbesondere widme ich das Buch meinem Sohn Marco, der als kleiner Junge auf viel Liebe und Zuneigung verzichten musste.

Im Gedenken an alle Kameraden, die im Einsatz gefallen sind,

Und wer bin ich? Ein Stabsfeldwebel, der 1990 aus dem aktiven Dienst der Bundeswehr ausschied, aber nach einer sechsjährigen Pause erneut das Leben in Uniform wählte und sich als Reservist freiwillig für drei Einsätze in Afghanistan meldete. Zuvor war ich bereits acht Jahre lang ein, ja, ich kann sagen: ein pflichtbewusster Soldat. Trotz allem, das Gelernte wurde damals nicht in die Praxis umgesetzt, da es zu dieser Zeit noch keinen Auftrag für Auslandseinsätze für die Bundeswehr gab. Dann, nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, USA, am 11. September 2001, änderten sich die Umstände.

Ab diesem Zeitpunkt beteiligte sich auch die Bundeswehr an den Auslandseinsätzen der NATO-Truppen. Im Dezember 2014 endete der ISAF-Auftrag in Afghanistan und eine neue Beratungs- und Ausbildungsmission begann. Während der Dauer des Einsatzes von 2001 bis Ende 2014 kamen insgesamt 3.687 Soldaten, davon 54 deutsche Soldatinnen und Soldaten, ums Leben. Alle waren Kameraden, einige meine Freunde.

Das ist meine – und ihre – Geschichte.

Inhalt

Prolog 12

1 Januar 2005 13

2 Vorbereitungen 17

3 März 2005 19

4 Juni 2005, Einsatz 26

5 Lagerleben 33

6 September 2005, Unterstützung aus Österreich 39

7 Ein Bäcker und sein Fladenbrot 44

8 Im Sanitätsbereich 46

9 Erdbeben in Pakistan 50

10 Meine Zeit zwischen den Einsätzen 57

11 Zweiter Einsatz 60

12 Erneuter Flug nach Afghanistan 61

13 Vorbereitung zur Übergabe 67

14 Herausforderungen der Zelle IEB 69

15 Besuch beim Polizeichef am Airport 73

16 Erste Aufträge für die neue Abteilung 76

17 Spendenaktion im Camp für ein Kinderheim 82

18 Nach 13 Jahren trifft man sich im Einsatz wieder! 86

19 Die Blaue Moschee in Mazar-e Sharif 90

20 Der Kommandeur kommt auf Visite 93

21 Fahrt zum Teacher Training Center (TTC) 94

22 Religiöse Würdenträger im Camp Marmal 98

23 Die Neuankömmlinge landen... 103

24 Flugbekanntschaften medizinischer Art 106

25 Ein Tag im Camp mit fünf Studenten aus Herne 108

26 Afghanistan–Projekt „no más fronteras“ 116

27 US-amerikanischer Künstler trifft ein 118

28 Der große Tag des Experimentes ist gekommen 127

29 Fahrt an die Grenz- und Hafenstadt Hairatan 133

30 Erster Besuch bei der OCCR-Zentrale 137

31 Besuch des Gouverneurs von Samangan 141

32 Die erste Wache auf dem Wachturm 146

33 Unterstützung im Fahrdienst für OCCR 150

34 Peter Scholl-Latour zu Besuch im Camp Marmal 151

35 Mein dritter Einsatz 155

36 Und wieder zurück in Mazar-e Sharif 156

37 Nach 16 Tagen Camp Aufenthalt 161

38 Die ersten Tage in Amt und Würden als TVB 163

39 Unterstützung für den Pioniertrupp 166

40 Abendandacht für vier gefallene Kameraden 170

41 Das blaue Herz von Feyzabad 173

42 Besuch bei „Schoko“ zum Mittagessen 176

43 Ein Wiedersehn mit Nabil, Sultan und Soraya 180

44 Anschlag auf Bundeswehr in der Provinz Takhar 182

45 Vatertags-Lauf im Feldlager Feyzabad 186

46 Abflug 190

47 Zurück in der Heimat 193

Epilog 196

Anlage 1 Dienstgrad- Gruppen vom Heer 200

Anlage 2 Mongolischen Dienstgrade 201

Anlage 3 Aufgliederung eines Stabes 202

Anlage 4 Klassifizierungen der NATO Klassen 203

Anlage 5 Übersetzungen von Deutsch in Dari 204

in alphabetischer Reihenfolge 206

Abbildungsverzeichnis 210

Danksagung

F

ür die geduldige Unterstützung bei der Umsetzung dieses Buches, bedanke ich mich bei meiner ehemaligen Kollegin aus der Rettungshundestaffel Dr. Elke Präg. Ebenso bei Miriam Hadji für die Gestaltung des eindrucksvollen Buchcovers in Deutsch und Englisch. Für die Übersetzungen in die Sprache Dari danke ich sehr herzlich meinem Kameraden und Freund Nabil Azizi. Außerdem bedanke ich mich ganz besonders bei meiner besten Freundin, „Therese“ für ihre hervorragende Unterstützung während der ganzen Zeit. Ebenso bedanke ich mich für das Lektorat: bei Jana Wochnik-Sachtleben, meine Dozentin, Journalistin und Bekannte aus Berlin, ebenso Sprecherin des Hörbuches.

Danken möchte ich außerdem folgenden ehemaligen Führungsoffizieren und Zivilpersonen ebenso allen meinen ehemaligen Kameraden, die mit mir direkt und indirekt in den Einsätzen zu tun gehabt haben:

Brigadegeneral A., Luftlandebrigade 25,

Oberst B., ehemaliger Kompaniechef Fallschirmjägerbataillon 253, Nagold,

Brigadegeneral R., ehemaliger Kommandeur in Zentrum Operative Information in Mayen,

Peter Scholl-Latour deutsch-französischer Journalist und Publizist aus Bad Honnef,

Batuz, ein US-amerikanischer Künstler, Philosoph und Kulturaktivist,

meinen engsten Kameraden in der Zeit der Einsätze 2005, 2010, 2011, Rainer M., Thomas K., Tino M., Marcel G., Soraya A., Sultan A., Nabil A., Alexander B., Marc-Andre S., Tobias M., Stephan M., ChristianW.

Weiterhin danke ich den Kameraden in folgenden Institutionen: Panzergrenadierbataillon 294 aus Stetten am kalten Markt,

Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr (Op-Info BTL) 950 aus Koblenz.

Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr (ZOpKomBw) aus Mayen, Rheinland-Pfalz,

Panzerartilleriebataillon 215 aus der Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in Augustdorf, Nordrhein-Westfalen,

Fernmeldebataillon 270 Dillingen a.D.,

Fallschirmjägerbataillon 253 Nagold,

Heeresfliegerstaffel 10 in Neuhausen ob Eck,

Transportbataillon 270 in Nürnberg.

Und wer bin ich? Ein Stabsfeldwebel der Reserve, der 1990 aus dem aktiven Dienst der Bundeswehr ausschied, aber nach einer sechsjährigen Pause erneut das Leben in Uniform wählte und sich als Reservist freiwillig für drei Einsätze in Afghanistan meldete. Zuvor war ich bereits acht Jahre lang ein, ja, ich kann sagen ein pflichtbewusster Soldat. Trotz allem, das Gelernte wurde damals nicht in die Praxis umgesetzt, da es zu dieser Zeit noch keinen Auftrag für Auslandseinsätze für die Bundeswehr gab. Dann, nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, USA, am 11. September 2001 änderten sich die Umstände.

Ab diesem Zeitpunkt beteiligte sich auch die Bundeswehr an den Auslandseinsätzen der NATO-Truppen. Im Dezember 2014 endete der ISAF-Auftrag in Afghanistan und eine neue Beratungs- und Ausbildungsmission begann. Während der Dauer des Einsatzes von 2001 bis Ende 2014 kamen insgesamt 3.687 Soldaten, davon 54 deutsche Soldatinnen und Soldaten, ums Leben. Alle waren Kameraden, einige meine Freunde.


Kartenausschnitt von Afghanistan, mit den Nachbarn Pakistan, Tadschikistan,

Dusanbe, Usbekistan, Turkmenistan und Iran

Prolog

A

n diesem Morgen sollte sich mein bis dahin recht geordnetes und im Großen und Ganzen eher ruhiges Leben ändern. Es war der 11. September 2001. Ich saß an meinem Schreibtisch in einem Logistikunternehmen, in dem ich seit der Bundeswehr als Sachbearbeiter und Brandschutzbeauftragter tätig war.

Ich arbeitete gern hier. Neben der eigentlichen Arbeit lag es in meiner Verantwortung, für die Sicherheit meiner Kollegen zu sorgen.

Ein Arbeitskollege rief mir plötzlich zu, ich solle schnell im Internet die Seite des Senders CNN aufrufen, es wäre ein Flugzeug in ein Hochhaus geflogen. Ich sah über Live-Ticker die Geschehnisse in Amerika und schaute ungläubig auf ein brennendes Inferno, das einmal das World Trade Center gewesen war. Ich traute meinen Augen nicht, als dann auch ein zweites Flugzeug in den benachbarten Tower flog. Im ersten Moment sah alles so gestellt aus, wie ein schlechter Film, aber die Tragweite dieser Ereignisse sollte sich auch auf mein Leben auswirken. Denn der Terror wurde nicht nur für die Welt, sondern einige Jahre nach diesen Ereignissen auch für mich persönlich zur greifbaren Wirklichkeit. Nicht in Amerika, sondern in Afghanistan.

„Ich trat erneut meinen Dienst als Soldat an

1 Januar 2005

A

m 10. Januar 2005 saß ich morgens an meinem Schreibtisch, als das Telefon klingelte und ich einen Anruf vom Kompaniefeldwebel meiner alten Einheit, dem Panzergrenadierbataillon 294 aus Stetten am kalten Markt bekam. Der „Spieß“ war auf der Suche nach einem Truppenversorgungsbearbeiter für den Auslandseinsatz im Juni. Ziel: Kunduz, Afghanistan. Spieß nennt man heute noch den Soldaten, der mit der gelben Kordel um die rechte Schulter durch das Kompaniegebäude läuft und die Jungs und Mädels auf Trab hält. Man nennt ihn auch Mutter der Kompanie, weil er für alle Sorgen und Nöten der Jungs ein offenes Ohr und meistens eine Lösung hat.

Zu dieser Zeit hatte ich einen guten Job und übernahm viel Verantwortung in der Firma, aber ich wollte trotzdem unbedingt mit. Während meiner aktiven Zeit als Zeitsoldat hatte ich mich für acht Jahre verpflichtet, aber wir fuhren ausschließlich Übungen und das Thema Einsatz gab es damals noch nicht. Das „Feindbild“ dieser Zeit war der Osten, weshalb während der freilaufenden Übungen die Parteien in „Rot Land“ und „Blau Land“ unterteilt wurden, wobei Rot meist der „Feind“ war. Dieses Feindbild hatte sich nach den Ereignissen in Amerika gravierend verändert.

Nach dem Telefonat mit meinem Spieß legte ich den Telefonhörer zurück und ging zu meinem damaligen Chef mit der Bitte, nach Afghanistan gehen zu können. Er war davon natürlich nicht begeistert, aber nach harten Verhandlungen stimmte er dennoch zu. Ein paar Tage später, als ich mit ihm und meiner Familie alles Notwendige abgeklärt hatte, sagte ich meinem Spieß verbindlich zu und die Vorbereitungen für den Einsatz begannen.

Damals hatte ich das Gefühl, endlich wieder etwas Sinnvolles und Nützliches zu leisten, für Menschen, die in den letzten Jahren nur eines kannten: Krieg, Unterdrückung und Leid. Während der Vorbereitungen für den Einsatz geht einem viel durch den Kopf, sodass man einige Zeit braucht, um das Ganze zu verstehen. Ich war verheiratet und mein Sohn war gerade sieben Jahre alt. Aber wie so oft siegte auch bei diesem Vorhaben mein Dickkopf. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, führe ich es auch durch. So schaffte ich es schließlich, meine Familie zu überzeugen nach Afghanistan zu gehen.

In meiner aktiven Zeit als Soldat habe ich gelernt, was Kameradschaft eigentlich bedeutet und wie es sich anfühlt, ein Kamerad und Mitglied eines solchen Teams zu sein. Ich hatte das Glück, mich durch meinen ersten Beruf als Koch relativ früh von Zuhause gelöst zu haben. Darum hatte ich bei der Bundeswehr mit dieser Situation auch keine Probleme.

Kameradschaft erlebte ich bei jedem Lehrgang, den ich besucht habe. Und auch später in meiner Kompanie als materialverantwortlicher Gruppenführer setzte sich diese Einstellung durch: Was ich nicht selbst leisten kann, erwarte ich auch nicht von meinen untergebenen Kameraden.

Wie heißt es so passend bei Alexandre Dumas´ Die Drei Musketiere: „Einer für alle, alle für einen“. So habe ich das Wort Kameradschaft bereits während meiner Anfangszeit als „Flieger“ gelernt.

Diese Zeit hat mir auch menschlich viel gebracht, denn das Thema Menschenführung wurde uns damals zu meiner Anfangszeit in den Lehrgängen zum Unteroffizier und Feldwebel „bis zum Erbrechen“ eingeflößt. Dieses Thema wurde in der freien Wirtschaft erst viel später angewandt, um Führungskräfte zu schulen.

In den 80er Jahren war die Einstellung der zivilen Bevölkerung gegenüber der Bundeswehr im Allgemeinen und den Soldaten im Besonderen noch um einiges positiver, als das heutzutage der Fall ist. Das erlebte ich vor allem bei den Übungen. Sehr oft reichten uns dann die Menschen vor Ort frischen Speck, Eier, Most, Kuchen oder auch selbst gebackenes Brot. Ab und zu kam es auch vor, dass die Bevölkerung mit einbezogen wurde. Besser gesagt waren es meist die Kinder, die durch ihre Neugier gern dazu bereit waren, mit anzupacken.

Als Feldkoch hatte ich immer viel zu tun. Es kam vor, dass Teile des Bataillons der Kompanie kurzfristig verlegt werden mussten. Weil diese Strecken nicht nur einige wenige Kilometer auseinander lagen, brauchten die Jungs ausreichend Marschverpflegung.

Glücklicherweise hatte ich in solchen Situationen immer meine kleinen Helfer vor Ort, die mir dabei halfen, die Marschverpflegung zusammenzupacken. Zum Dank gab es für jeden einen Aufkleber der Bundeswehr und Schokoriegel.

Zu dem Thema fällt mir noch eine Begebenheit ein, die sich auf einer Übung in der Nähe von Passau ereignete. Als junger Unteroffizier und Feldkochtruppführer bereitete ich gerade einen Mürbeteig für einen Apfelkuchen vor, den es außerplanmäßig am nächsten Morgen zum Frühstück für die Mannschaft geben sollte. Ich war immer dafür bekannt, dass ich den Speiseplan so umstellte, wie ich es für gut befand. Dafür durften meine Kameraden am Sonntagmorgen einen warmen, frisch gebacken Apfelkuchen genießen - und das sogar im Gelände fern der Heimat. Mein Motto war immer „Ohne Mampf kein Kampf“ und ich bin fest davon überzeugt, dass die Moral der Truppe auch mit gutem Essen hochgehalten werden kann. Damit lag ich nie falsch und würde auch heute immer wieder danach handeln.

Als ich auf meiner Emma einen 5 Tonnen LKW mit Küchenaufbau den Teig für den Apfelkuchen durchknetete, öffnete sich plötzlich die Tür und ein höherer Dienstgrad stand vor mir in der Feldküche. Normalerweise grüßt ein Soldat einen Vorgesetzten mit „Gruß – Meldung – Gruß“, nimmt Haltung an. Er sah mich aber nur kurz an und sagte mit einem fröhlichen Blick, den ich bis heute nicht vergessen habe: „Ohne Meldung Kamerad! Was gibt es denn Leckeres?“ Dabei kam er auf mich zu und steckte seinen Finger in die Schüssel, um den Teig zu probieren. „Und was meinen Sie dazu“ Fragte ich? Er lachte und sagte, wie schade, dass er am nächsten Morgen nicht mehr mitessen könne, denn er liebe Apfelkuchen.

Ich hatte ehrlich gesagt ziemlich die Hosen voll, denn bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich von den höheren Rängen nur meinen direkten Kommandeur und der war Oberstleutnant. Da ich zu dieser Zeit noch nicht wusste, wer er war, hinterließ dieser Oberst nichtsdestotrotz bei mir ein herausragendes Bild in Menschenführung und Kameradschaft. Jahre später sahen wir uns wieder - allerdings nicht in Deutschland, sondern in Afghanistan im Einsatz. Da wusste ich dann natürlich gleich, wer er war. Es war der Brigadegeneral und Kommandeur des 8. Deutschen Einsatzkontingents ISAF, General a.D. Ammon (außer Dienst).

Während meiner Laufbahn als Zeitsoldat lernte ich noch einen weiteren solchen Mann kennen und schätzen, Oberst a.D. Baur. Er war damals Major und wurde 1987 mein Kompaniechef in Nagold, in der Eisbergkaserne. Nach 41 Dienstjahren diente er zuletzt als Kommandeur der Luftlande- und Lufttransport-Schule in Altenstadt und wurde Ende 2013 in den Ruhestand verabschiedet.

Diese zwei Männer haben meinen weiteren militärischen Werdegang entscheidend geprägt, wofür ich ihnen noch heute sehr dankbar bin.

2 Vorbereitungen

D

ie Vorbereitungen für meinen ersten Auslandseinsatz begannen mit den üblichen medizinischen Voruntersuchungen und Impfungen. Von Tetanus über Hepatitis A und B bis hin zu Tollwut war alles enthalten.

Für jedes Einsatzland gab es die dafür vorgesehenen Impfungen. Danach folgten die einsatzspezifische Grundlagenausbildung und zentrale Truppenausbildung in Stetten am kalten Markt und in Hammelburg. Wer in den Einsatz geht wird gründlich vorbereitet, beginnend bei der Minensuche und Minenkunde bis hin zur gestellten Entführung eines Busses durch Terroristen mit Geiselnahme,wobei das Stammpersonal die Rollen übernahm. Landeskunde war ebenfalls ein Punkt, der versucht wurde, den Soldaten zu vermitteln, ebenso wie die Sprache in Grundzügen.

Durch Handbücher und ein Vokabelbuch, Deutsch-Paschtu und Deutsch-Dari, den beiden Amtssprachen in Afghanistan.

Was mir bis heute in Erinnerung geblieben ist, ist ein Foto während einer Einweisung, auf dem ein Terrorist eine Düngemittel-Bombe baute und dazu einen gelben Kanister benutzte. Der Hauptmann, der diesen Vortrag hielt, gab uns den Rat, immer aufmerksam und wachsam durch die Gegend zu laufen. Den Blick auf derartige gelbe Kanister zu richten. Ein gut gemeinter, aber wie sich bald herausstellen sollte völlig unnützer Rat. Dazu später mehr.

Nach der Vorausbildung kam die Vorbereitung des Einsatzes. Viele Meetings mit dem Chef der Versorgung und Logistik und dem Kommandeur des Bataillons. Vom Thema Material bis Personal wurde alles bis ins kleinste Detail geplant.

Vor dem eigentlichen Einsatz musste ich für einige Tage nach Afghanistan, zur Erkundung der Gegebenheiten direkt vor Ort. Zu diesem Zweck sollte sich eine Abordnung bestehend aus vier Offizieren und zwei Feldwebeldienstgraden auf den Weg nach Kunduz machen. Die Aufgabe lautete: Alle aktuellen Informationen unserer Vorgänger, die aktuelle Lage vor Ort zu erkunden und sich dadurch einen Überblick zu verschaffen, wie es im Lager und der Umgebung aussah.

Ich wurde als TVB, das heißt Truppenversorgungsbearbeiter, in den Einsatz geschickt, um vor Ort mit meinem Chef die Versorgung der Kameraden im Lager und an den Außenposten aufrechtzuerhalten.

Das war natürlich etwas völlig anderes, als in der Heimat im Bataillon zu arbeiten. Im Einsatzland kannst Du nicht mal schnell rausfahren zum Autohaus und ein Ersatzteil für deinen Daimler Benz holen. Nein, in einem Kriegsgebiet sind die Beschaffungswege um einiges länger.

Eine Stabs-und Versorgungskompanie kann man sich als vergleichbares Logistik-Unternehmen vorstellen, mit unterschiedlichen Abteilungen und Bereichen. Ein Bereich ist die Truppenküche, in der die Verpflegung für alle Soldaten und das Zivilpersonal im Lager ausgegeben wird. Der Nachschubzug ist für den Nachschub von Lebensmitteln und Ersatzteilen wie auch Betriebsstoffen für die Fahrzeuge des Verbandes zuständig, ebenso für die Rücklieferung defekter Teile. Die Materialgruppe ist verantwortlich für die Verteilung des Materials an alle Abteilungen. Ebenso hat sie die Aufgabe, das defekte Material zur Rücklieferung vom Einsatzland nach Deutschland vorzubereiten.

Die Instandsetzungsgruppe hat die Aufgabe, alle Fahrzeuge einsatzbereit zu halten. Der Luftumschlagszug hat die Aufgabe das Material für den Lufttransport vorzubereiten und alle dafür benötigte Liefer- und Transportpapiere zu erstellen, sowie die Be- und Entladung der Flugzeuge am Flugplatz, welche aus Termez und Mazar-e Sharif ankommen. Man sieht also, dass viele Leute nötig sind, damit das große Rad im Lager Kunduz sauber läuft.

Sonnenuntergang im Camp

3 März 2005

A

m 15. März 2005 gegen 12.30 Uhr starteten wir vom Flughafen Köln/Bonn mit einem Airbus der Luftwaffe in Richtung Termez, Usbekistan (/اوزبيكيستان ترمز).

Gegen 21.30 Uhr landeten wir auf dem Airport Termez, doch wer jetzt dachte, dass es gleich aus der Maschine ging, hatte sich schwer getäuscht. Die Tür ging auf und ein usbekischer Beamter kam ins Flugzeug. Zusammen mit einem deutschen Hauptfeldwebel des Bodenpersonals sammelten sie unsere Truppenausweise ein. Begründung: Kontrolle und Abgleich der angemeldeten Personen, die ins Land kommen. Wir würden die Ausweise am nächsten Morgen vor dem Weiterflug zurückbekommen. Einer der Kameraden, der bereits das zweite Mal im Einsatz war, meinte, dass unsere Truppenausweise jetzt kopiert und die Daten an die Russen weitergeleitet würden. Ich schaute ihn verwundert an.


„Das ist jetzt aber ein Scherz, oder?“

Er lachte mich an und meinte „Nein, bestimmt nicht.“

Als unsere Truppenausweise eingesammelt waren, konnten wir aussteigen und zu Fuß ins Übergangslager laufen. Es lag gerade mal 200 Meter vom Flieger entfernt. Die Luft war schwül-Warm in der dunklen Nacht. Wir wurden in ein Zeltlager geführt, wo wir uns noch eine warme Wurst und eine Büchse Cola zum Abendessen kaufen konnten. Dann gingen wir in unsere zugewiesenen Zelte, glücklicherweise mit Klimaanlage, und versuchten, noch ein paar Stunden zu schlafen. Es war schon 1 Uhr nachts usbekischer Zeit, als wir es uns auf den Feldbetten gemütlich machten. Allerdings blieb es eine kurze Nacht, denn bereits um 4.30 Uhr ging es mit einer C-160 Transall weiter direkt nach Kunduz. Es war notwendig so früh zu fliegen, denn am Morgen steigen die Temperaturen zu unerträglichen Ausmaßen an. Es wäre dann schlichtweg zu heiß, um zu fliegen, sagte man uns.

Gegen fünf Uhr afghanischer Zeit landeten wir auf dem Airport Kunduz – oder was man dort so als Airport bezeichnete. Ein zerfallenes Gebäude und ein Tower, der nicht sehr vertrauenswürdig aussah. Das erste was mir auffiel, als ich aus der Transall ausstieg, waren die Sonnenstrahlen über dem Tower, und zwei alte Hubschrauberwracks, die die Russen nach ihrem Abzug 1989 hiergelassen hatten.

Wir wurden von Kameraden mit Transportfahrzeugen, Mungos und Jeeps, abgeholt und ins Lager gefahren. Die ersten Eindrücke von diesem Land waren umwerfend. Ich saß auf dem Beifahrersitz des Mungos und schaute auf die Straße, wie das Leben in und um Kunduz seinen Lauf nahm.

Einmal überkam mich ein ungutes Gefühl, als ich Kinder beobachtete, die mit Schubkarren am Straßenrand entlangliefen, welche mit gelben Kanistern beladen waren. Mir fiel spontan der Satz des Offiziers bei der Vorausbildung ein und ich dachte, das kann doch nicht sein, dass diese Kinder mit ihren gelben Kanistern Attentäter sein sollen? Doch nicht nur die Kinder besaßen solche Kanister. Hier gab es gelbe Kanister ohne Ende. An jeder Ecke stand ein Holzstand, in dem sich gelbe Kanister befanden.

Was mir außerdem auffiel war, dass auf den Äckern viele Kinder arbeiteten und dass bei der Hitze. Später erfuhr ich, dass die Kinder schon früh morgens gemeinsam mit ihren Eltern auf die Felder gehen, um dort zu arbeiten, dann später die Schule besuchen und am Abend wieder mit auf den Feldern helfen. Wie es auch früher in Deutschland üblich war, unterstützen die Kinder ihre Eltern bei der Feldarbeit, um der Familie den Lebensunterhalt zu sichern. Heute wäre das für die meisten Kinder bei uns nicht mehr vorstellbar, zumindest, wenn sie nicht in einem bäuerlichen Betrieb aufgewachsen sind.

Seit Oktober 2003 hatte die Bundeswehr das von den Vereinigten Staaten von Amerika ins Leben gerufene „Provinzial Rekonstruktion Team“ - kurz PRT - in der nordafghanischen Provinzhauptstadt Kunduz übernommen. Die Aufgabe des deutschen PRT Kunduz lautete: Unterstützung der afghanischen Zentralregierung in den Provinzen Kunduz und Takhar. Neu bei diesem Einsatz war, dass sich im Lager nicht nur Soldaten aufhielten, sondern auch Vertreter des Auswärtigen Amtes, des Bundesministeriums des Inneren und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die eng mit der Bundeswehr kooperierten. Im Lager angekommen, wurden wir von unseren Vorgängern am sogenannten „Marktplatz“, dem Zentrum des Lagers, abgeholt und in unsere vorläufigen Unterkünfte, den Gästehäusern gebracht, wo wir die acht Tage unseres Aufenthaltes schlafen sollten.

Das Lager wurde von afghanischen Sicherheitskräften bewacht und kontrolliert.

Wir hatten unser Gepäck, das zum Glück nur aus einem Rucksack bestand, auf die Feldbetten gelegt, und gingen dann erst einmal ins Verpflegungszelt, um zu frühstücken. Vor dem Zelt stand eine Handwaschanlage, an der man sich die Hände waschen konnte, bevor man das Zelt betrat, denn Hygiene wurde im Lager sehr großgeschrieben besonders in diesem Land, in dem es oft nur unzureichende sanitäre Anlagen gab, sodass der Fäkalienstaub ständig in der Luft lag.

Am schlimmsten war es um die Mittagszeit, wenn die Sonne am heißesten schien und in ihrem Zenit stand. Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Ein guter Schutz war ein Halstuch, das ich mit Zitronen- oder Orangen-Duft einsprühte und mir um den Hals bzw. über die Nase band, um den Fäkalienstaub nicht einatmen zu müssen. Klar hat es sich nicht ganz vermeiden lassen, aber auf diese Weise war es zumindest halbwegs erträglich.

Im Verpflegungszelt waren wir sehr überrascht, was uns alles zum Frühstück angeboten wurde. Das war sogar besser als zu Hause! Angefangen von frischem Obst über Wurst und frisch zubereitetes Müsli bis hin zum Rührei, selbst gebackenem Brot und frisch aufgebrühtem Kaffee. Nach dem Frühstück machten wir eine Einführungsrunde durchs Lager.

Der Kompaniechef führte uns herum und zeigte uns das Stabsgebäude, die einzelnen Abteilungen. Später gingen wir zur Schutzkompanie. Auf dem Weg dorthin besichtigten wir die Material- und Transport-Gruppe und sogar Ecolog ließ er nicht aus, einem Dienstleister, der für die Bundeswehr die Wäsche in den Auslandseinsätzen wäscht und später auch für die Müllentsorgung und Toilettenwartung zuständig war. Mit dem als „Honigsauger“ bezeichneten LKW wurden täglich die Toiletten geleert und der Inhalt außerhalb des Lagers auf Felder verbracht. Am zweiten Tag im Lager lernte ich einen Oberfeldwebel der Schutzkompanie kennen. Sein Name war Christian, ein Oberfeldwebel, der mich in das Lagerleben einführte.

Christian und ich, wir verstanden uns von Anfang an sehr gut. Es hat einfach gepasst. Wir hatten ziemlich ähnliche Interessen und Hobbies, die uns schnell verbanden. Über die Tage, die ich in Kunduz verbrachte, entwickelte sich aus der Bekanntschaft schnell eine richtig gute Freundschaft und entsprechend viel Zeit verbrachten wir miteinander. Ich hatte einfach das Gefühl, als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Die nächsten Tage verliefen mit vielen Gesprächen und Schreibarbeit. Wir schauten uns die Teileinheiten der Stabs- und Versorgungskompanie genauer an. Der Weg führte über die Materialgruppe, in der wir die Verfahren der Warenannahme und -ausgabe im Einzelnen überprüften. Im Anschluss gingen wir zum Luftumschlagszug, um uns die genauen Zahlen der Tonnage pro Tag, pro Woche und pro Monat geben zu lassen, damit wir uns mit diesen Zahlen ein aktuelles Bild der Lage machen konnten. In der nächsten Zeit sollte noch mehr Material von Deutschland ins Einsatzland geliefert werden, weshalb eine genaue Bestandsliste notwendig wurde.

Am letzten Abend meines Aufenthaltes gingen Christian und ich nochmals zusammen in das Betreuungszelt und tranken auf meinen anstehenden Heimflug am nächsten Morgen. Und natürlich auch auf das baldige Wiedersehen am 27. Juni in Kunduz, an dem mein offizieller Einsatz beginnen sollte. Am folgenden Morgen verabschiedeten wir uns am Flughafen und ich stieg mit meinen anderen Kameraden in den wartenden Hubschrauber CH53. Mit Zwischenstopp in Termez, wo wir in einen Airbus umstiegen, und zurück nach Köln flogen. Zuhause angekommen, ging ich am nächsten Tag wieder meiner normalen, zivilen Arbeit nach. Ich saß am Schreibtisch und erzählte meinen Arbeitskollegen von der Woche in Afghanistan, von den Eindrücken und Bildern, die sich mir eingeprägt hatten. Mit Christian hielt ich per Email ständigen Kontakt, so dass ich immer auf dem neuesten Stand war, was sich im Lager in Kunduz gerade so abspielte. Diese Informationen wurden vertraulich behandelt, denn es ging ja auch niemanden etwas an. Wichtig war nur, dass mein Kamerad Christian und ich in Kontakt blieben, falls noch irgendwelche Fragen und Wünsche aufkommen sollten, damit ich bzw. das Bataillon schnell auf Änderungen reagieren konnten.


Afghanischen Sicherheitskräften bei der Arbeit


Einsteigen in die CH-53 für den Flug nach Termez

4 Juni 2005, Einsatz

I

m Geschäft gab es noch einiges zu tun bis zu meinem Abflug. Meine Sonderaufgaben wurden an mehrere Vertretungspersonen übergeben.

Normalerweise hat ein Soldat, bevor er in den Einsatz geht, eine Woche vor Abflug dienstfrei, um diese Zeit mit der Familie zu verbringen, die sogenannte „Kuschelwoche“. Bei mir hat sich das allerdings ein bisschen anders zugetragen. Auch in der letzten Woche vor dem Abflug musste ich noch in der Firma arbeiten und konnte mich nicht, wie meine Kameraden, um meine Familie kümmern. Natürlich unternahmen wir trotzdem abends nach der Arbeit etwas zusammen. Mein Sohn half mir schließlich auch beim Packen meiner Einsatzkiste. Sie fiel sofort ins Auge, da ich sie mit vielen Aufklebern aus meiner Zeit beim Team Gerolsteiner beklebt habe, von der Tour de France, der Spanienrundfahrt, auch mit Aufklebern der Ein-Tages-Rennen in Belgien, Frankreich und in der Schweiz. Ich hatte den Vorteil, dass ich als Reservist mit Vollgepäck fliegen konnte. Die anderen Kameraden mussten ihre Kisten und Seesäcke schon Wochen vorher aufgeben.

Schweres Gerät wurde durch ukrainische Chartermaschinen des Typs Antonov und Ilyushin transportiert, da die Luftwaffe keine eigenen Großraumtransporter hatte.

Die Zeit bis zum Einsatz verging sehr schnell und der Tag des Abflugs nach Afghanistan kam immer näher. Dieses Mal flogen wir nicht von Köln, sondern aus Stuttgart ab, weil die meisten Soldaten des 8. Deutschen Einsatzkontingentes aus dem süddeutschen Raum kamen. Meine damalige Frau und mein Sohn brachten mich zum Flughafen und blieben solange bei mir, bis ich eingecheckt hatte. Trotz des Abschieds hatten wir alle gute Laune, obwohl wir wussten, dass wir jetzt fast sechs Monate voneinander getrennt sein werden. Marco mit seinen sieben Jahren fand es großartig, so viele Soldaten in coolen Uniformen zu sehen. Ganz begeistert ließ er sich mit mir und anderen Kameraden fotografieren. Er tobte mit Thomas und Rainer, meinen beiden Unterstützern herum. Marco kannte sie bereits von gemeinsamen Treffen in der Vorbereitung für den Einsatz.

Es war schon ein komisches Gefühl, die Familie allein zu lassen. Ich war die nächsten Wochen weit entfernt und würde nicht für sie da sein können. Im Vordergrund stand nun zuerst einmal der Einsatz, erst am Abend kamen die Gedanken an die Familie zurück. Ich hatte mich für den Einsatz trotz aller Gefahren und Entbehrungen entschieden, weil ich es als meine Pflicht und Verantwortung meinem Land gegenüber ansah, einem bedrohten Land und besonders den Menschen dort zu helfen. Ich weiß nicht, ob es den anderen Kameraden genauso erging wie mir oder ob sie sich in diesem Moment anders fühlten.

Kurz vor dem Check-In verabschiedete ich mich von meiner Frau und meinem Sohnemann. Es war eigentlich, als ob ich mit meinen Kumpels in den Urlaub flog, was ich bis dahin zwar noch nie gemacht hatte, aber wie ich es mir so vorstellte. Komisch irgendwie… Weniger hatte ich das Gefühl, dass ich mit Kameraden in den Einsatz zog und durchaus auch die Möglichkeit bestand, dass ich nicht wieder lebend zurückkehren würde.

Ich brachte meine Kiste und meinen Seesack zum Check-In Schalter, um sie aufzugeben. Der freundliche Mitarbeiter des Bodenpersonals bot mir einen guten Platz im Flugzeug an, woraufhin er die Bordkarten ausstellte. Im Wartesaal vor dem Boarding konnte man auf das Flugfeld hinausblicken. Es regnete ununterbrochen, aber das hat unserer guten Laune keinen Abbruch getan.

Dann ist es soweit. Das Boarding hat begonnen, wir fahren mit dem Shuttle-Bus zum Flugzeug. Im Airbus setze ich mich gleich an meinen Fensterplatz, an dem ich auch meine langen Beine schön bequem ausstrecken kann. Als ich aus dem Fenster schaue, regnet es immer noch wie aus Kübeln. Zur gleichen Zeit in Kunduz sind es bestimmt 45 Grad im Schatten, also Sonne pur. Ich kann aber nur daran denken, dass jetzt mein Einsatz beginnt. Morgen werde ich bereits wieder in Kunduz sein, mich mit Christian am Abend über den Tag unterhalten und mit meinen Kameraden versuchen, den Menschen in Afghanistan ein besseres Leben zu ermöglichen.

Nach all der Vorbereitung, den Übungen geht es also endlich los Richtung Afghanistan. Ich mache es mir erst einmal gemütlich und schaue dabei zu, wie sich der Flieger füllt. Die Maschine fährt langsam über das Rollfeld in Richtung Startposition. Ich merke, wie Ruhe einkehrt. Alle Kameraden sitzen auf ihren Plätzen. Die einen setzen ihre Kopfhörer auf und hören Musik, die anderen machen mit ihren Handys oder Fotoapparaten noch ein paar Aufnahmen von sich und den Kameraden. Alle sind entspannt. Wir starten pünktlich.

Was ich in diesem Moment noch nicht weiß ist, dass mein Freund und Kamerad Christian an diesem Tag durch einen tragischen Unfall ums Leben kommen wird. Zu der Zeit, als das Unglück geschieht, sitze ich im Flieger und überquere gerade Polen in Richtung Russland bei strahlendem Sonnenschein. Und keiner denkt daran, dass an einem so schönen Tag zwei Kameraden sterben werden.

Wir landen gegen 22 Uhr 30 Uhr in Termez. Für die wenigen Stunden, die wir hier bis zum Weiterflug nach Kunduz verbringen, bekommt jeder ein paar warme Würstchen und Tee zur Stärkung und dann ein Feldbett in einem Zelt zugewiesen.

Am anderen Morgen um 4 Uhr geht es weiter. Es ist noch dunkel, als wir von der Startbahn abheben, doch bereits eine Stunde später schießen wir fast senkrecht durch eine Wolkenlücke auf den Airport Kunduz zu. Dazu muss gesagt werden, dass in Afghanistan die Piloten nach Sicht mit Karte und Kompass fliegen müssen, sodass derartige Flugmanöver nicht unüblich sind. So werden wir an diesem Morgen von einem Augenblick auf den anderen aus dem Schlaf gerissen.

Nach der Landung lacht uns die Sonne an, doch die Hitze ist fast schon unerträglich. Ein Gefühl, als wenn man ein Brett vor den Kopf geschlagen bekommt.

Nun bin ich zurück in Kunduz. Wie schon sechs Wochen zuvor werden wir mit den Mungos und Jeeps abgeholt und ins Lager gebracht. Später stellt sich mir die Frage, wie man sich in ein Land verlieben kann, das man ja eigentlich noch gar nicht kennt. Es ist ja nicht so, als wenn ich mal kurz in die Schweiz in die Berge fahre und mich dort in die schöne Landschaft verliebe. Doch dieses Land übt einen Zauber auf mich aus, dem ich mich nicht entziehen kann. Die Menschen, die Umgebung, die exotischen Gerüche auf den Märkten, ja sogar die Hitze ist eine Mischung, der ich sehr schnell verfallen bin. Besonders fasziniert mich der Wechsel der Tageszeiten. Gerade war es noch dunkel und innerhalb kürzester Zeit steigt die Sonne am Himmel auf. Es fühlt sich an, als würde jemand einen Schalter umlegen und das Licht anschalten. Auch die Freundlichkeit der Menschen und ihre grenzenlose Gastfreundschaft beeindrucken mich sehr.

Angekommen im Lager werden wir wie üblich am Marktplatz empfangen, aber diesmal ist etwas anders als sechs Wochen zuvor.

Der Spieß und der Kompaniechef der Vorgänger holen uns ab und bringen uns zu unseren vorläufigen Unterkünften. Es ist so üblich, dass man so lange im Zelt lebt, bis der Vorgänger- Dienstposten das Lager verlässt. Erst dann zieht man in die permanente Unterkunft um. Etwas später holen wir unser Gepäck beim Luftumschlagszug ab, der sich am anderen Ende des Lagers befindet. Ich habe ja auch noch meine Kiste und den Seesack dabei und muss deshalb kurz die Hilfe eines Kameraden in Anspruch nehmen.

Das Lager befindet sich auf einer großen Obstplantage; das heißt, wir haben auf dem Gelände Bäume mit vielen verschiedenen Arten von Früchten: Zitronen, Orangen und Feigen, deren Bewässerung durch Gräben aufrechterhalten wird. Man fühlt sich fast wie im Urlaub. Gemeinsam mit meinen Kameraden trage ich meine Kiste, den Seesack und den Rucksack in das Zelt, in dem ich die nächsten 14 Tage verbringen werde.

Durch die kurze Nacht und den langen Flug am Vortag sind wir alle sehr erschöpft. Das Einzige, was ich am Rande wahrnehme, sind die Flaggen, die alle auf Halbmast gesetzt sind. Das bringt mich aber in diesem Moment nicht wirklich aus der Fassung, denn auch gefallene Kameraden aus anderen Nationen werden auf diese Art geehrt. Ich habe meinen Kopf schon bei der Einschleusung, einer Prozedur, die jeder Soldat bei seiner Ankunft durchlaufen muss. Man bekommt die dafür vorgesehenen Papiere an die Hand, in denen der Empfang der Splitterschutzweste der Pistole, dem G 36 und ein Waffenreinigungsgerät sowie die Munition zu jeder Waffe im Detail festgehalten werden. Zudem gibt es Bettwäsche, zwei Wäschesäcke, Erste-Hilfe-Ausstattung, zwei Morphin-Spritzen, die jeder Soldat immer am Mann haben muss, falls ihm außerhalb des Lagers was passieren würde, sei es bei einem Anschlag eines Selbstmordattentäters, bei einem Verkehrsunfall oder bei einem Schusswechsel mit aufständischen Gruppierungen. Zur Schmerzlinderung werden dann die Morphin-Spritzen des verwundeten Kameraden genommen und durch einen Kameraden ihm in den Oberschenkel gespritzt. Außerdem gab es noch weitere Ausrüstungsgegenstände, die man für die Zeit im Lande benötigt.

Natürlich muss ich mich auch noch einmal vom Truppenarzt im Lager untersuchen lassen. Ein kurzer Ist-Check bestätigt auf diese Weise die derzeitige Gesundheitslage des Soldaten.

Spät am Nachmittag habe ich etwas Leerlauf und gehe hinüber zur Schutzkompanie, um zu schauen, ob Christian da ist. Ich gehe ins Kompaniezelt und frage den nächsten Kameraden, der auf mich zukommt, ob er weiß, wo sich Christian aufhält. Der Geschäftszimmer-Soldat schaut mich ganz verwundert an und sagt im ersten Augenblick gar nichts. Er zeigt nur stumm auf einen Bilderrahmen mit einer schwarzen Schärpe, in dem sich das Bild von Christian befindet. In diesem Augenblick denke ich nur: „Will der mich verarschen?“ Das wäre aber ein makabrer Scherz. Doch der Soldat nickt nur und erzählt dann, dass Christian vorgestern bei dem Unglück mit den Munitions-LKWs in Rustak ums Leben gekommen ist.

In diesem Moment bin ich sprachlos – gefühllos – leer.

Ich kann es nicht glauben. Christian soll nicht mehr da sein? Keine gemeinsamen Gespräche mehr, keine abendlichen Treffen vor dem Betreuungszelt? Zusammen etwas trinken oder nur vor dem Zelt in den afghanischen Nachthimmel, schauen und den riesigen Grillen zuhören. Das alles soll es nicht mehr geben?

Um hier geistig und körperlich gesund zu bleiben, muss jeder für sich einen Weg finden, mit den Verlusten fertig zu werden. Daher geht für mich jetzt der Einsatz erst einmal weiter, die Trauerarbeit wird auf später verschoben. Jetzt heißt es, die Konzentration auf die vor mir liegende Arbeit zu richten.

Ich verabschiede mich und gehe auf direktem Weg in meine Unterkunft, um das Erfahrene zu verarbeiten. Erst dort kommt zum ersten Mal in meiner Zeit als Soldat das Gefühl von Angst und Hilflosigkeit in mir auf. Ich kann es nicht länger verbergen und die ersten Tränen fließen.

Ich bin allein im Zelt. Nach einiger Zeit reibe ich mir die Tränen aus den Augen und richte meine Unterlagen zusammen.

Eine Stunde später treffe ich mich mit meinem Chef im Betreuungszelt. Wir gehen einige Punkte durch wegen der Übergabe der Dienstgeschäfte mit dem Vorgängerkontingent. Ich habe in der Zeit, als wir uns über die Dienstgeschäfte unterhielten, kein Wort über den Tod von Christian über meine Lippen gebracht. Ich kann nicht, weil ich immer noch nicht glauben kann, dass er tot ist. Irgendwie kann ich das alles noch nicht richtig begreifen. Er ist der zweite Mensch in meinem Leben, den ich verloren habe, ohne dass ich dabei sein konnte oder dabei war. Zuerst meine Großmutter, mit der ich sehr eng verbunden war. Auch bei ihrem Tod konnte ich nicht bei ihr sein. Und jetzt war auch Christian gestorben, ohne dass ich mich verabschieden konnte. Wie viele Kameraden und Freunde werde ich noch verlieren?

Trauer schon in den ersten Stunden

5 Lagerleben

I

n den kommenden Wochen werden wir von den Vorgängern die Dienstgeschäfte übernehmen. Meine Hauptaufgabe ist bei diesem Einsatz die Versorgung, Umschlag und Beschaffung von Versorgungsgütern. Nebenbei aber auch die Führung der Versorgungsdienste als Truppenversorgungsbearbeiter. Diese Aufgabe, werde ich zum größten Teil vom Schreibtisch ausführen.

Ich habe auch die Verantwortung für das Personal und führe Dienstaufsicht in den Teileinheiten durch. Das bedeutet, ich löse Probleme, die mit Material und Personal zu tun haben. Was die Materialbeschaffung angeht, da halten wir uns an die Abläufe, die das Vorgängerkontingent praktiziert hat. Deren Struktur hat uns überzeugt,

Im Bereich Betriebsstoffe wie zum Beispiel beim Diesel, werden wir einige Veränderungen im Beschaffungsbereich, der Lagerung als auch beim Verteilen an die ganzen Außen-Stellen Änderungen im Ablauf vornehmen müssen. Wir haben in den aktuellen Unterlagen Differenzen bemerkt, die Mengen an Betriebsstoff stimmte nicht mit den in den Büchern angegebenen Mengen überein. Es gibt Ungenauigkeiten zu klären. Dieses Problem setzen wir auf unserer Agenda an erste Stelle.

In dieser Zeit lerne ich auch einen Oberstleutnant der Civil Military Cooperation – CIMIC – kennen, sein Name war Armin. Er ist nur für ein paar Wochen von Kabul nach Kunduz versetzt worden, um eine Urlaubsvertretung für einen Kameraden von CIMIC zu übernehmen. Gleich am ersten Tag, als wir uns im Lager treffen, verstehen wir uns sehr gut, sind sozusagen auf der gleichen Wellenlänge. Armin ist auch ein Reservist wie ich und wir stellen schnell fest, dass wir zu Hause sogar im gleichen Bataillon stationiert sind. Ich habe bei Armin das gleiche Gefühl, wie zuvor bei Christian. Wir verstehen uns von Anfang an super.

Da Armin tagsüber seinen Job außerhalb des Lagers macht und ich ausschließlich im Lager meinen Tätigkeiten nachgehe, treffen wir uns meistens am Abend im Betreuungszelt. Wir trinken und reden darüber, was der Tag so gebracht hat. Armin hat einen interessanten Job bei CIMIC und ich verstehe sehr schnell, was seine Hauptaufgaben dort sind und wofür wir eigentlich hier in Afghanistan stationiert sind. Nämlich, um der Bevölkerung mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Von Armin erfahre ich, wo unsere Außenposten liegen und damit auch, wo die Stromaggregate in Betrieb genommen wurden, die ebenfalls mit unserem Diesel betankt werden. Ich vereinbare mit Armin, dass wir zusammen zu den Außenlagern fahren, damit ich mir vor Ort ein Bild machen kann. Das wird mein erster Außeneinsatz.

Wenn man mit einem Fahrzeug das Lager verlassen will, braucht man einen Fahrauftrag mit genauer Wegbeschreibung und Zweck der Fahrt. Das ist wichtig, damit man jederzeit weiß, wo sich die Fahrzeuge mit welcher Besatzung aufhalten. Hierzu muss man sich stündlich bei der Operationszentrale per Funk melden. Armin ist mit seinem eigenen Dienstauto; einem Fahrer und zwei Sicherungssoldaten und einem Sprachmittler unterwegs, einem Afghanen mit guten Englisch-Kenntnissen, der sicherheitstechnisch überprüft wurde. Ich kann mich als zweites Fahrzeug ohne Probleme in die Kolonne einklinken. Bevor wir das Lager verlassen, besprechen wir ausführlich den Streckenplan. Als erstes Ziel wird das Außenlager in Aliabad festgesetzt, wo die Bundeswehr mit der afghanischen Polizei zusammenarbeitet. An diesem Ort wird bereits das erste Notstrom-Aggregat betrieben. Danach soll der Weg weiter nach Pol-e-Khomri zu einer Druckerei gehen, in der die Flyer für die in nächster Zukunft folgenden Wahlen des neuen afghanischen Parlaments gedruckt werden sollen. Von dort aus werden wir wieder in Richtung Kunduz zurückkehren.

Am nächsten Morgen machen wir uns zur Abfahrt bereit. Ich ziehe meine Schutzweste über, setze den Helm auf, lade meine Kurz- und Langwaffen und sichere sie, überprüfe mein Handfunkgerät auf Funktion, dann geht’s los. Die afghanische Lagerwache öffnet uns das Tor und wir fahren aus dem Lager Richtung Hauptstraße. Die Schlaglöcher der Nebenstraße sind so groß wie LKW-Reifen, man muss sie vorsichtig umfahren, damit wir die Hauptstraße (Airport-Route) erreichen. Die Straßen sind hier sehr belebt, mit vielen Autos wie man jetzt denken könnte. Nein, es sind hauptsächlich Eselwagen voll mit Mörtel, der zum Bau von Häusern und Hütten verwendet wird. Kleine Kinder spielen am Straßenrand in den Schlaglöchern, die sich mit Regenwasser gefüllt haben. In diesem Moment schießt mir ein etwas ironischer Gedanke durch den Kopf: „Wow, cooles Freibad!“, Im gleichen Moment „Wie schade es für diese Kinder ist, dass sie keine schöneren Spielplätze haben“. Andere Kinder wiederum spielen an einer Mauer mit kaputten Holzspielzeugen, einem Roller, Holzpferd mit Wagen wie zu meiner Kinderzeit.

Die Tour verläuft unauffällig ruhig, das soll heißen: es gibt keine Verzögerungen auf dem Weg zu den Polizeistationen, die wir heute noch alle besuchen wollen. Zum Glück keine Anschläge auf ISAF-Truppen oder auf ANA-Kräfte. Jedes Strom-Aggregat vor Ort wird von uns frisch betankt und kann somit wieder die nächsten Tage durchlaufen. Die letzte Station ist auf einer Anhöhe in der Nähe von Taloqan, eine Funkantenne ist hier aufgebaut als Verstärker. Auch hier werden wir von den Sicherheitskräften herzlich empfangen, und auch auf eine Tasse heißen Grüntee eingeladen.

Wir kehren am Abend ohne jegliche Vorkommnisse in das Lager zurück. Alle Informationen, wie Verbrauchsdaten von Betriebsstoff und Anzahl der Aggregate, die im Einsatz sind, habe ich erhalten.

Die darauffolgenden Tage werden wir mit Arbeit überflutet. Durch die anstehenden Parlamentswahlen im Land wird unser Kontingent personell wie materiell aufgestockt. Um diese Menge an zusätzlichen Ressourcen im Lager unterbringen zu können, müssen wir gewisse Teile des Lagers umstrukturieren. In naher Zukunft wird das kein Problem mehr sein, denn der Bau des neuen Lagers am Flugplatz befindet sich schon in den letzten Zügen. Der Umzug steht zur Jahreswende 2005/2006 an.

Damit die Vorbereitungen des Umzuges besser koordiniert werden können, müssen wir erst einmal wissen, was sich alles an Material und Containern im Lager befindet. Was an sich schon eine große Herausforderung darstellt.

Angefangen von Liegenschaftsmaterial wie Sanitätscontainern, Wohncontainern, Waffenkammercontainern, über Toiletten- und Duschcontainern bis hin zum Verbrauchsmaterial, Büromaterial und eben alles was man zum Leben und Arbeiten benötigt.

Ich bin noch zuständig für Schadensbearbeitungen jeglicher Art, vom Verlust persönlicher Ausrüstung, Bearbeitung der Material-Disposition über das Heimatland, und die Bearbeitung von Versorgungsarbeiten innerhalb des Lagers wie zum Beispiel externe Auftragsverteilung an Einheimische Unternehmen.

Zusätzlich bekommen wir noch Aufgaben aus dem Einsatzführungskommando aus Potsdam, eine davon ist eine sehr lange Liste von unterschiedlichstem Container mit Material aus dem Heimatland zu kontrollieren.

Es war aber nicht gesagt das auch alle Container bei uns im Lager standen. Das war jetzt meine Zusatzaufgabe, herauszufinden wo welcher Container im Augenblick stehen könnte. Zum Glück gab es ja noch mehrere Lager in Afghanistan.

Um alles aufnehmen zu können musste ich bis ins hinterste Eck des Lagers laufen. Alle diese Daten wurden dann in einer gesonderten Liste aufgenommen, um sie dann später mit der Bestandsliste abzugleichen. Es kommt vor, dass Container, die eigentlich für Kabul bestimmt waren, bei uns auf dem Hof stehen oder Container, die für uns bestimmt sind, nach Feyzabad geliefert wurden. Da die Container zum größten Teil per Schiff und danach mit den einheimischen Dschungel-Truck-Unternehmen transportiert werden, kann es schon einmal passieren, dass die Container nicht an den richtigen Bestimmungsort gelangen, wie sich später auch in mehreren Fällen herausstellen wird.

Mit dieser Arbeit beschäftigt, vergehen die Tage, Wochen und Monate wie im Flug. Und die Arbeit wird nicht weniger.

Ein zufälliges Treffen mit dem Brigadegeneral vor dem Stabsgebäude, hat mir ein Grinsen ins Gesicht gemogelt. Er ist der aktuelle Kommandeur des 8. Deutschen Einsatzkontingents ISAF mit Sitz in Kabul. Ich staune nicht schlecht, als ich ihn wiedererkannte, den Mann den ich zu meiner Anfangszeit als junger Unteroffizier zum ersten Mal kennen und schätzen gelernt habe, beim Kuchen backen in meiner „EMMA“ dem Küchen- fünf Tonner.

Ab und zu darf ich mit dem Transportzug auf das Rollfeld hinausfahren und dabei helfen, die ankommenden Maschinen zu be- und entladen. Dafür sind wir einen halben Tag lang unterwegs, da der Flughafen gut acht Kilometer entfernt liegt.

Fast jeden Tag kommen Maschinen aus Termez oder Mazar-e Sharif mit Material und Post an. Da auch die Dienstaufsicht in der Materialgruppe und dem Luftumschlagstrupp ebenso beim Transportzug zu meinen Aufgaben gehört, nutze ich diese Zeit, um mit den Jungs mal aus dem Lager zu kommen. Es ist nur eine kleine Abwechslung, aber besser als gar keine. Übrigens: Der Postversand wird ausschließlich über Darmstadt erledigt. Dort ist das Zentrallager, von wo die ganze Feldpost sowohl ins als auch aus dem Einsatzland bearbeitet wird. Auch die Zollabwicklung findet in Darmstadt statt. Meistens sind die Kameraden, die in der Poststelle Dienst tun, Reservisten, die auch im zivilen Leben bei der Post angestellt sind und von dort die Erfahrung im Umgang mit Briefen und Päckchen bereits mitbringen. Es sind einige Tage vergangen und heute steht ein Begleitflug mit dem Transporthubschrauber Sikorsky CH-53 nach Feyzabad an. Feyzabad ist die Hauptstadt der Provinz Badachschan. Sie liegt im Norden von Afghanistan auf 1.200 Metern Höhe.

Normalerweise werden gewöhnliche Transporte über Land mit den Dschungel-Trucks gefahren. Für die 240 Kilometer sind die LKWs dann ungefähr acht bis zehn Stunden unterwegs, da die Straßen nicht wie in Deutschland geteert sind, sondern im besten Fall als Schotterpisten bezeichnet werden können.

Auf solchen Wegen ist es jedoch zu gefährlich, Gefahrgut zu bewegen, weshalb dieses per Luftfracht transportiert wird. Da wir für die Organisation zuständig sind, melde ich mich als Begleitschutz auf dem Hubschrauber an, denn meine letzter CH-53 –Flug liegt jetzt schon ein paar Jahre zurück und fand in Norwegen statt. Ich darf mit dem Doorgunner, dem Türschützen, in der Heckklappe des Hubschraubers sitzen und den Bereich nach hinten und nach unten absichern. Der Hubschrauber fliegt sehr tief über die Felder und Berggipfel des Hindukusch, was uns eine atemberaubend schöne Aussicht während des Fluges gewährt. Nach ca. 50 Minuten Flug erreichen wir den Landeplatz im Lager Feyzabad. Kurz ausladen und betanken der Hubschrauber und wieder geht’s zurück nach Kunduz.

Zurück im Lager habe ich meinen Kameraden viel zu erzählen darüber, was ich alles gesehen habe während des Fluges. Wir flogen über Dörfer, grüne Wiesen, an Flüssen entlang durch Täler, sahen Hirten mit ihren Ziegen in Sanddünen laufen. Obstplantagen soweit das Auge reicht. Das Wechselspiel von unterschiedlicher Vegetation auf dem Flug nach Feyzabad wiederholte sich mehrmals. Und das Sonnenlicht spiegelte sich im Wasser bei den Überflügen der Flüsse und Bäche. Und auch an diesem Abend war Armin wieder in unserer Runde. Zu dieser Zeit denke ich noch nicht daran, dass ich sechs Jahre später noch einmal nach Feyzabad kommen werde.



Warten auf die Maschine aus Termez mit Material


Flug mit CH53 nach Feyzabad

6 September 2005, Unterstützung aus Österreich

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usätzlich zu unserer Vorbereitung für den Umzug ins neue Lager Kunduz kommt im September eine weitere, große Herausforderung auf uns zu: Die Parlamentswahl in Afghanistan am 18. September. Es sind die ersten freien Wahlen seit 1988 in diesem Land, in denen die 249 Sitze des Parlaments und die Provinzräte gewählt werden sollen. Zum ersten Mal haben bei dieser Wahl auch Frauen das Recht, sich aufstellen zu lassen, sodass von insgesamt 2.800 Kandidaten auch 330 Frauen zur Wahl stehen. Aber weil die Taliban mit Anschlägen drohen, müssen die ISAF-Truppen die Wahlen bewachen.

Am Ende gingen schließlich 6,8 Millionen Afghanen zu den Wahlurnen, was einer Wahlbeteiligung von 54 % entspricht. Die Wahl findet für die Wolesi Dschirga, dem „Haus des Volkes“ und die 34 Provinzräte des Landes statt. Für insgesamt 249 Sitze des Parlaments.

Zur Vorbereitung und Durchführung der Wahlen bekommen wir aktive Unterstützung von dem AUSTRIAN RESPONSE FORCES -TEAM. Das österreichische Kontingent mit einer Stärke von 85 Mann steht unter dem deutschen ISAF-Kommando. Sie werden für die Zeit ihres Aufenthalts in Kunduz bei uns im Lager untergebracht, dafür werden extra Holzhütten und Parkmöglichkeiten für die Fahrzeuge im hinteren Bereich des Lagers erstellt. Die Zusammenarbeit mit den Kameraden aus Österreich läuft sehr harmonisch und professionell ab. Das bestätigt auch Armin, der täglich die Arbeit außerhalb des Lagers mit den österreichischen Kameraden mitbekommt. Ich selbst habe auch einmal die Möglichkeit, bei einer Patrouille zu Fuß mit den Kameraden aus Österreich durch die Stadt Kunduz zu laufen. Wir beginnen den Weg vom Lager aus in Richtung Atzbeigi-Moschee, an der Firma Spinzar vorbei, die zu dieser Zeit Afghanistans größter Anbieter von Baumwolle ist.

Wir werden von der afghanischen Bevölkerung, insbesondere von den Kindern und Jugendlichen, sehr herzlich aufgenommen. Es ist ein schönes, aber auch irgendwie komisches Gefühl, was sich in diesem Moment in meinem Körper ausbreitet, denn in der Vorausbildung wurden uns diese ersten Begegnungen mit der Bevölkerung ganz anders vermittelt. Ich muss erwähnen, dass es jetzt noch möglich ist, zu Fuß durch Kunduz zu laufen, was in späteren Jahren leider nicht mehr der Fall sein wird.

Was mich überaus fasziniert, ist die Aufteilung der Straßenzüge, in denen die Waren verkauft werden. Nicht wie bei uns, wenn man auf den Wochenmarkt geht und an einem Stand Gemüse und Obst erhält und an einem anderen Stand Fleisch, Fisch oder Käse. Hier in Afghanistan gibt es in den Großstädten ganze Straßenzüge, die ausschließlich ihre speziellen Waren anbieten. In der einen Straße bekommt man nur Seidenstoffe in allen Farben, in der Straße gegenüber nur Kohle und andere Brennstoffe, wieder eine Straße weiter nur Fleisch. Es reiht sich ein Metzger an den anderen. Es ist nicht mit Europa vergleichbar.

Hier hängen die frisch geschlachteten Rinderköpfe vor dem Eingang einer Holzhütte oder liegen auf dem Präsentiertisch aus. Ich finde das sehr interessant und es funktioniert auch auf diese einfachere Weise, wie man hier sehen kann. Gekühlt wird mit Eiswürfeln, die man ebenfalls kaufen kann. Obwohl es auch Kühlschränke gibt, mangeltes aber am Strom, sodass die Kühlschränke nicht betrieben werden können.

Als gelernter Koch schlägt mein Herz höher, als wir an einem Gewürzstand vorbeigehen und ich traue meinen Augen nicht, was dort alles angeboten wird. Sicher hundert verschiedene Gewürze, die zusammen einen Geruch in die Luft verströmen, wie man es sich aus Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“ vorstellen kann.

Der pakistanisch-indische Einfluss ist bei den Gewürzen deutlich spürbar. Eine beliebte Gewürzmischung ist Garam Masala, ein Mix aus Safran, Zimt, Nelken, Paprika und Chili. Andere Gewürze wie Kardamom, Dill, Minze, Kreuzkümmel und Koriander lassen den persischen und arabischen Einfluss erkennen. Es wäre das reinste Schlaraffenland, hätte mein Besuch in diesem Land nicht einen so ernsten Hintergrund.

Ein paar Tage später ergibt sich die Möglichkeit für mich, mit unserem afghanischen Sprachmittler in die Stadt zum Einkaufen zu fahren. Wir müssen nach Bauholz für das Lager schauen und wandern zwischen den einzelnen Straßenzügen durch enge Gassen, bis wir zu einem Holzhändler gelangen. Der Durchgang zum Holzhändler ist ziemlich eng und verwinkelt. Wir müssen hintereinander laufen.

Der Sprachmittler in seiner Landestracht, ich in meiner Uniform, deutlich als Soldat erkennbar. Mehr als offensichtlich bin ich der Fremde und werde von den Menschen hier vielleicht auch als Eindringling betrachtet?

In diesem Moment bekomme ich doch einen Moment lang Angst, dass mir etwas passieren könnte. Die unbekannten dunklen Gesichter mit den langen Bärten schauen mich ganz komisch an.

Die momentane Sicherheitslage ist sehr ungewiss, weshalb mein Aufenthalt auf diesem Markt nur von kurzer Dauer sein wird. Zwei Tage später sprengt sich ein Selbstmordattentäter in der Nähe meines jetzigen Standortes in die Luft. Doch heute bleibt es bei meinem flauen Gefühl im Magen.

Und im Nachhinein muss ich wohl auch noch eingestehen, dass sicher auch meine eigene Vorstellungskraft etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Es wird der einzige Augenblick in meiner ganzen Zeit in Afghanistan bleiben, in dem ich einen Anflug von Angst verspürt habe.

Die Eindrücke von diesem Tag bleiben in meinem Gedächtnis in allen Einzelheiten haften. Ich werde in den noch kommenden Einsätzen andere Situationen erleben, die ähnlich bedrohlich sein werden, aber die ich nicht so stark empfinden werde wie beim Einkauf an diesem Morgen. Generell denke ich aber, dass man in Tunesien oder anderen vergleichbaren Ländern derartige Situationen auch als Tourist auf dem Markt erleben kann.

Doch solche Gedanken an mögliche Gefahren sollte man im Einsatz gleich wieder vergessen und einfach nur mit gesundem Menschenverstand und offenen Augen durch die Straßen laufen. Selbst, wenn man keine Uniform trägt.

Das Erstaunliche an diesem Land ist, dass die Menschen hier in Afghanistan Fremden gegenüber überaus gastfreundlich und zuvorkommend sind und die Anschläge genauso verurteilen wie der Rest der Welt. Es ist sehr schade, dass es der Bevölkerung durch den Krieg nicht möglich ist, mehr aus diesem Land zu machen, wie zum Beispiel in der Landwirtschaft oder im Tourismus. Denn sowohl das Land als auch die Freundlichkeit der Bevölkerung würden es meiner Meinung nach hergeben.

Kameraden aus Österreich auf Patrouille


Der Gewürzmarkt in Kunduz: Ein wahres Paradies für Köche

7 Ein Bäcker und sein Fladenbrot

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n der Nähe des Lagers gibt es einen afghanischen Bäcker, bei dem man täglich - außer freitags - frisches Fladenbrot kaufen kann. Dabei kosten ein Fladenbrot 1 Afghani, zwölf einen US Dollar Bei einer Patrouille habe ich die Möglichkeit, einem alten Mann bei der Herstellung von Broten zuzuschauen. Es ist schon sehr interessant, mit welchen Mitteln er das Brot zubereitet. In einem einfachen Ton- Ofen werden die Brote gebacken, bis der Bäcker sie herausholt.

In der Zeit, in der die Fladenbrote in Ofen sind, werden sie öfters mit grünem Tee befeuchtet. Das passiert ganz unkompliziert, indem der Bäcker einige Schlucke von dem heißen Tee in seinen Mund nimmt und diesen direkt aus dem Mund in den Ofen spuckt, womit die für das Fladenbrot benötigte Luftfeuchtigkeit erzeugt wird. Zum krönenden Abschluss wird das Brot noch mit Salz bestreut, was dem Ganzen eine würzige Note verleiht.

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