Kitabı oxu: «Scheinwelt»

Şrift:

Oliver Sanne

Andreas Reinhardt

Scheinwelt

Klartext zu Reality-TV und Influencern

Biografie

Diese Biografie wurde erlebt und erzählt von Oliver Sanne

und literarisch in Szene gesetzt von Andreas Reinhardt.

Impressum

© NIBE Media © Oliver Sanne

Andreas Reinhardt

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags und Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Created by NIBE Media

Bildnachweis

Copyright: PEN Fotografie / Peter Newels

(S. 117, S. 120)

Copyright: Lo&Go / Rolf Eisenmenger

(S. 122)

Privatarchiv O. Sanne:

(übrige Fotos)

Gestaltung Frontcover: Lichtbrenner / Mike Schiffer

NIBE Media

Broicher Straße 130

52146 Würselen

Telefon: +49 (0) 2405 4064447

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Inhaltsverzeichnis:

Danksagung

Widmung

Es war einmal …

Die frühen Jahre – von Warnungen, Übergewicht und Vorbildern

Vom Fitnessstudio zum studierten Fitnessökonomen

Der Weg zum „Mister Germany“ 2014

„Der Bachelor“ 2015 – Ein Reality-TV-Star wird gemacht

Manager – mehr Fluch als Segen

Als Quittung eine existenzbedrohende Verletzung

Finanzielle Sicherheit als angestellter Manager

Sanne-Galerie

„Bachelor in Paradise“ 2018 – Weibliche Retourkutsche

„Kampf der Realitystars“ 2020 – Ein Konzept zum Wundern

„Das große SAT.1 Promiboxen“ 2020 – Ehrlicher Wettkampf plus Verlobung

Jil – eine Hommage an die Liebe meines Lebens

„Die große Dschungelshow“ 2021 – Inszenierung versus Reality

Influencer oder Influenza, das ist hier die Frage

Mein geliebter Bruder Alex, Beschützer und Vorbild

Corona, Corona!

Echte Werte, wahres Glück

Danksagung

Ich möchte die Gunst der Stunde nutzen, um danke zu sagen. Doch wem soll dieser Dank gelten und warum? Klassisch würde man meinen: der Familie, der Partnerin, Freunden und Kollegen – oder? Ergibt Sinn.

Ich möchte mich jedoch bei allen bedanken, ob wir nun positiv oder negativ in Kontakt stehen oder gestanden haben. Im Verlauf der Zeit kann sich das Empfinden ja durchaus auch ändern. Aber warum der Dank an alle? Ganz einfach, weil für mich jede Erfahrung im Leben wertvoll ist, mich alle Erfahrungen geprägt und zu dem Typen gemacht haben, der ich heute bin.

Widmung

Widmen möchte ich dieses Buch den Menschen, die mir besonders nahestehen:

Dazu gehört meine wunderschöne, liebevolle und zudem baldige Ehefrau Jil, die mich tatsächlich (man kann es kaum glauben) so liebt und schätzt, wie ich bin.

Des Weiteren wäre da das Oberhaupt der kleinen, aber feinen Sanne-Familie, meine Mama Ingeborg. Sie ist die gute Seele und natürlich die allerbeste Mutter der Welt!

Mein „Vadda“ Jürgen gehört dazu, der stets die perfekte Symbiose aus „hart, aber herzlich“ vermittelt hat.

Und natürlich ist da noch mein kleiner großer Bruder Alex zu nennen – der Held meiner Jugend und ewige Armdrück-Champion unserer Familie.

Ich liebe und danke euch für alles was war, ist und kommen wird.

Euer Oli

Es war einmal …

… ein hässliches Entlein, das sich zum schönen stolzen Schwan entwickelte. – Wohl jeder kennt dieses Märchen vom hässlichen Entlein des dänischen Dichters und Schriftstellers Hans Christian Andersen. Ein einzelnes Schwanenei gerät unter Enteneier. Das vermeintlich siebte Entlein schlüpft als letztes, ist als einziges grau und mutet seltsam andersartig und unbeholfen an. So wird es zum Gespött seiner Umgebung, bis es davonläuft und sich versteckt. Der Sonderling ist von den wunderschönen Schwänen im Teich fasziniert, würde so gerne einer von ihnen sein. Dann, eines Tages, verlässt das hässliche Entlein seine Deckung und betrachtet überrascht das eigene Spiegelbild im Wasser. Und siehe da, es ist zu einem stattlichen Schwan herangereift, zu dem sich fortan all die anderen Schwäne gesellen.

Weshalb ich meine Biografie ausgerechnet mit diesem Märchen beginne? Sehr einfach, es bringt mein bisheriges Leben in gewisser Weise auf den Punkt. Ja, tatsächlich, ich war selbst einmal wie dieses hässliche Entlein – körperlich wenig attraktiv, von anderen verspottet und trotz liebender Familie irgendwie verloren. Nur wurde ich dann nicht durch die unsichtbar wirkenden Kräfte der Natur erlöst, sondern vor allem durch das mahnende Vorbild meines Vaters, meinen ausgeprägten Ehrgeiz und Wettbewerbsgeist sowie durch einen Mentor zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Sobald ich einen erfolgversprechenden Weg für mich erkannt hatte, gab der Freigeist und Kämpfer in mir Vollgas, bis der Schwan zu voller Pracht erblüht war und ich die Öffentlichkeit mehr und mehr in meinen Bann zog. Vor allem wollte ich mir und meiner Familie ein sorgenfreies Leben ermöglichen und den wenigen handverlesenen Freunden falls nötig unter die Arme greifen können. Dabei wollte ich unbedingt mein eigener Herr bleiben – selbstbestimmt und unbeugsam, gleichzeitig aber auch bodenständig und zugänglich. Barfuß oder Lackschuh, wie man so schön sagt, bloß keine halben Sachen oder zu viele Zugeständnisse an Dritte. Nur leider Gottes liegt es in der Natur der Sache, dass hohe Ambitionen und Ehrgeiz früher oder später mit den eigenen Schwächen kollidieren. Zwangsläufig wird man mit inneren Dämonen konfrontiert, die auch auf der Erfolgsleiter weiter an einem nagen.

Im Jahr 2014 wurde ich zum „Mister Germany“ gekürt, „Der Bachelor“ war ich 2015 in der gleichnamigen TV-Show von RTL, gefolgt von „Bachelor in Paradise“ 2018. Gegen Yasin Cilingir stand ich meinen Mann im Jahr 2020 in „Das große SAT.1 Promiboxen“, direkt nach der TV-Reality-Show „Kampf der Realitystars – Schiffbruch am Traumstrand“ von RTL ZWEI, um ein Jahr darauf in „Die große Dschungelshow“ von RTL anzutreten. Die unterschwellige Angst vor dem Verlust des erlangten finanziellen Wohlstandes wollte trotzdem nie ganz das Feld räumen. Regelmäßig blickte mich im Spiegel noch dieses hässliche Entlein an, das ich einmal gewesen war. Meine verdammten Dämonen brachten mich noch eine ganze Weile dazu, wie ein Getriebener auf der Überholspur dahin zu rasen, bis Kritik vereinzelt sogar aus dem eigenen Bekannten- und Freundeskreis, selbst aus der Familie laut wurde. War ich wirklich dabei, mich zu meinem Nachteil zu verändern, meine Bodenständigkeit und Zugänglichkeit auf dem Altar des Showbusiness zu opfern? Dort hat man es ja besonders häufig mit missgünstigen Gesellen, Speichelleckern und falschen Freunden zu tun. – Apropos, kennen Sie den?:

Bist du ganz oben, dann wissen deine Freunde, wer du bist. Bist du aber ganz unten, dann weißt du, wer deine Freunde sind.

Also wann ist schlechte Kritik berechtigt, wann sind Lob und Respekt wahrhaftig? Kein Wunder, dass etliche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens paranoide Züge entwickeln.

Wie stand es also um mich? Dass ich von jeher schlecht mit nachteiliger Kritik umgehen kann, machte die Selbstreflexion nicht eben leicht. Auch nicht, dass ich in verschiedenen TV-Formaten sowie Print- und Onlinemedien gezielt in die Schublade des großmäuligen, unsensiblen Machos, Draufgängers und Egomanen gestopft worden bin. Bedingt virtuos bespielte man dort real existierende Charakterzüge wie die freche Schnauze, meinen Hang zu provokanter Ironie sowie den allzeit lauernden Rebellen und Kämpfer. Touché!

Zusammenfassend lässt sich sagen: Während der Aufstieg zum neudeutsch „Reality-TV-Star“ quasi über Nacht über längere Zeit eine große Herausforderung darstellte, lernte ich das „Spiel“ gleichwohl immer besser zu spielen, ohne mich darin zu verlieren. Es war wie ein ultimativer Charaktertest auf glattem Parkett, der mir da abverlangt worden ist. Immerhin bewegt man sich in einer Glitzerwelt der Extreme, in der Sein und Schein nahtlos ineinander übergehen, sogenannte Reality-TV-Stars und Influencer allzu häufig nur benutztes Produkt, will sagen gesteuerte, kurzweilige Vorbilder sind. In jener Welt sind Worte und Taten im Grunde ohne bleibende Relevanz oder tiefere Bedeutung – lediglich ausgeschlachtet zugunsten der schnellen Sensation. Im Prinzip funktioniert es wie ein kunterbunter Ballon, faszinierend, schillernd, groß und letztlich doch nur mit heißer Luft gefüllt.

Mit diesem Buch will ich ausdrücklich keine pauschale Attacke gegen Show-Kollegen, Reality-TV-Formate oder alle Influencer reiten, das wäre unfair und liegt ganz sicher nicht in meiner Absicht. Gleichwohl möchte ich das Prinzip „Influencer“ und „Reality-TV“ kritisch und mit sehr deutlichen Worten beleuchten, denn dafür gibt es aus meiner Sicht schwerwiegende Gründe, welche Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben, in der wir alle zusammenleben.

Tatsächlich sollte sich jeder Mensch als Original mit immens viel Potenzial begreifen. Die eigene innere Schönheit zu erkennen bedeutet, beklemmende Vergleiche mit anderen in die Wüste zu verabschieden. Denn was bringen solche Vergleiche schon hervor, außer Neid, Missgunst und Verunsicherung?!

Wenn meine Biografie denen Ratgeber, Anker und Motivation sein kann, die sich in der verwirrenden Welt aus Sein und Schein zu verlieren drohen oder die ihre eigene innere Stimme noch nicht gefunden haben – ob nun prominent oder als Privatperson – dann wäre ein wichtiger Zweck erfüllt.

Aber damit genug der Vorworte, ich lade Sie auf eine Reise durch mein bisheriges Leben ein, um mich besser, das heißt authentischer kennenzulernen. Wer oder was hat Oliver Sanne zu dem gemacht, der er heute ist? Mit welchen Hürden und Herausforderungen war er bisher konfrontiert?

Ich wünsche erhellendes, spannendes und amüsantes Vergnügen …

Die frühen Jahre – von Warnungen, Übergewicht und Vorbildern

Ganz unspektakulär wurde ich in eine Handwerkerfamilie mit Malereibetrieb hineingeboren, wobei meine Mutter mehr den geschäftsführenden Part innehatte, mein Vater den des ausführenden Handwerkers. Als ich zur Welt kam, waren meine Eltern nicht mehr die Jüngsten, womit sich wohl auch erklären lässt, dass ich mehr „passiert“ bin als geplant war – der letzte Schuss, wenn man so will. Papa war auch Vater zweier weiterer Kinder aus einer früheren Ehe. Für meinen zehn Jahre älteren Bruder Alexander und mich war es ein Leben ohne spürbare Entbehrungen, jedenfalls empfanden wir es nie so. Es gab das angesagteste Spielzeug und keine abgetragenen Klamotten. Tatsache war allerdings auch, dass die Familie zwar von Monat zu Monat halbwegs gut über die Runden kam, ohne jedoch erwähnenswerte Ersparnisse aufbauen zu können. Sicherlich wurde da die eine oder andere D-Mark beziehungsweise der eine oder andere Euro mehr als einmal umgedreht, aber welcher Familie ging es hinter vorgehaltener Hand nicht genauso, zumal mit zwei oder mehr Kindern? Viel entscheidender war, dass in unserem Elternhaus zwar ein strenges väterliches Regiment vorherrschte, jedoch weder geschlagen noch Stubenarrest als Strafmaßnahme eingesetzt wurde. Überhaupt lag die Erziehung vor allem in den Händen der Mama. Sie war die Chefin in den eigenen vier Wänden. Papa beschränkte sich auf die Rolle des regelmäßigen Mahners, der sich mit Gesten, Blicken und Worten Respekt verschaffte. Aufbrausend war er bisweilen auch, schlug schon mal wütend auf den Tisch und erhob die Stimme. Das war dann aber auch das Äußerste. Diesen Charakterzug habe ich zweifelsohne von ihm geerbt.

»Ihr müsst ums Verrecken die Schule vernünftig hinkriegen, damit euch alle Optionen im späteren Berufsleben offenstehen. Ich will, dass Ihr die Schule ernst nehmt. Ihr sollt nicht so arbeiten müssen wie ich, bis es euch körperlich kaputt macht«, pflegte er uns mit allem Nachdruck ins Gewissen zu reden.

Kein Wunder also, dass auf unsere Erziehung und Schulbildung allergrößter Wert gelegt wurde. Mein Bruder Alex erfüllte die Anforderungen mehr oder weniger spielend, ging bei uns in Bonn auf eine angesehene Privatschule, wo er auch sein Abitur machte. Selbstredend sollte ich es ihm gleichtun, was daran scheiterte, dass ich schulisch gesehen zum Totalausfall tendierte. Die katholische Realschule stemmte ich noch gerade so – nach einer „Ehrenrunde“ in der 10. Klasse – aber für eine Empfehlung auf besagtes Gymnasium reichte es nicht. Meine Eltern entsandten mich dann zwar auf ein anderes, aber das war dasselbe, als würde man einen altersschwachen Esel einen steilen Bergpfad hinauftreiben. Meine Leistungen ließen immer mehr zu wünschen übrig, ich verkackte Prüfung um Prüfung, vor allem in den entscheidenden Fächern wie Mathematik, Deutsch und Physik.

Was mein Selbstvertrauen darüber hinaus jeden Tag aufs Neue pulverisierte, war mein Übergewicht. Mit 15 Jahren brachte ich schon satte 100 Kilo auf die Waage, ein Jahr darauf stolze 110 Kilo, und als 18-Jähriger kratzte ich sogar die 120-Kilo-Marke – höchst ungünstig verteilter Speck noch dazu. Dabei habe ich immer leidenschaftlich und viel Sport getrieben, von Taekwondo über Basketball bis hin zur Sport-AG der Schule. Das Dilemma bestand darin, dass ich daneben auch ein leidenschaftlicher Esser mit unbändigem Appetit war – nicht aus irgendeinem Frust heraus, sondern wirklich aus Lust am Essen. Ein typischer Wochentag sah für mich so aus, dass ich nach der Schule zu einem Klassenkameraden ging, um gemeinsam Hausaufgaben zu machen. Dort wurde dann auch warm zu Mittag gegessen. Danach ging es in die Innenstadt, wo nahezu zwanghaft McDonald's angesteuert wurde. Kam ich dann am frühen Abend nachhause, behauptete ich, noch nichts Warmes zu mir genommen zu haben und genoss auf die Art eine weitere deftige Speise. Mein wichtigstes Motto in dem Zusammenhang: Immer große Portionen und immer um Nachschlag bitten. – Meine Eltern hatten ihrerseits keinen Sinn für betont gesunde und vor allem maßvolle Ernährung. Sie entstammten noch einer Generation, deren Hauptaugenmerk darauf lag, dass alle in der Familie überreichlich zu Essen hatten, um im Umkehrschluss gut genährt und folglich gesund zu sein. Nichts anderes wurde mir vermittelt. Kurzum, die Sensibilität für wirklich gesunde Ernährung ging meinen Eltern vollständig ab. Wäre jemand meinem Vater – dem klassischen Handwerker – mit Fitness-Lifestyle, kalorienarmer oder gar Trennkost gekommen, hätte er womöglich Vertreter der städtischen Nervenheilanstalt zu Hilfe gerufen. Zumindest hätte er herzhaft über den vermeintlichen Witz gelacht. Für ihn war nun mal die gutbürgerlich deftige Küche meiner Mutter der einzig wahre Jakob.

Ich erzähle das über meinen Vater ohne jeden Anklang von Verständnislosigkeit oder Ironie. Im Gegenteil, bis zum heutigen Tag empfinde ich tiefsten Respekt und Hochachtung vor der Lebensleistung meines Vaters. Als Kind musste er noch beim Bauern auf dem Feld Kartoffeln stibitzen gehen, um zu einer halbwegs gehaltvollen Suppe zu kommen und satt zu werden. Bereits mit 14 Jahren hat er begonnen, körperlich zu arbeiten. Im Beruf hat er dann zeitlebens gesundheitsschädliche Lacke eingeatmet, ist ohne Knieschutz auf den Böden herumgerutscht, hat ganze Gebäude entkernt und renoviert. Bis ins Rentenalter hinein hieß das auf Baustellen zu schuften und sich so die Gesundheit zu ruinieren, um der Familie das Bestmögliche bieten zu können. Das wollte er seinen Jungs, also meinem Bruder und mir unbedingt ersparen. Und weil er von meinem Lerneifer nach wie vor nicht überzeugt war, nahm er mich nach dem Schulabschluss zum Malochen mit auf den Bau. Drei Monate lang hat er mich gnadenlos Dreck fressen lassen, um mir vor Augen zu führen, dass ein Leben als Handwerker an vorderster Front keinesfalls erstrebenswert war und ich mit meinen zwei linken Händen ohnehin in kürzester Zeit verhungert wäre. Am Ende sprach er einen Satz, der sich mir tief eingebrannt hat:

»Gut, dass du die Schule zu Ende gebracht hast, den Scheiß hier willst du nicht dein Leben lang machen müssen.«

Mittlerweile in den Siebzigern, ist mein Vater ein körperliches Wrack mit einer Krankengeschichte, die sich liest wie das Who is Who der verschiedensten Leiden und Gebrechen, was seine vielen Mahnungen und Appelle an mich im Nachhinein nur umso wertvoller erscheinen lässt. An seiner Seite meine ebenso standhafte Mutter, die in traditioneller Rollenverteilung den Haushalt stets liebevoll organisiert und ihrem Ehemann über all die Jahre hinweg auf bewundernswerte Weise den Rücken freigehalten hat. Für sie waren mein Bruder und ich auch nie fett, sondern lediglich kräftig gewesen. Gerade fällt mir auf, dass ich zumindest die Einstellung meiner Mama zu gesunder Ernährung ein Stück weit revidieren muss. Tatsächlich hat sie das Thema Trennkost und sonstige angesagte Diäten wiederholt an uns Kindern ausprobiert, wenngleich mit überschaubarem Enthusiasmus. Da wurde etliches angefangen und angetestet, jedoch nichts davon konsequent durchgezogen. Soweit ich mich erinnere, verwechselte sie auch gerne Kohlenhydrate mit Fetten und Proteinen. Ja nun, es gab noch kein Google, dem man online auf die Schnelle verschiedene kulinarische und ernährungswissenschaftliche Geheimnisse hätte entlocken können.

Zwar habe ich die Jahre meines massiven Übergewichtes gerade eher humorvoll beschrieben, aber es gab auch die andere Seite der Medaille, nämlich eine unterschwellige Form des Mobbings. In der Schule wurde ich selbst von Freunden so häufig mit „Qualle“, „Fetti“ oder „Dickerchen“ tituliert, als wären es meine regulären Namen. Immer machte ich gute Miene zum bösen Spiel, um nur nicht meine Position als akzeptiertes Gruppenmitglied zu gefährden. Wirklich böse meinten es die Wenigsten. Doch was wirklich in mir vorging, wusste auch niemand. Ich fraß den Frust still in mich hinein und kompensierte die Herabwürdigung, indem ich zum Klassenclown avancierte. Spöttische Kommentare und ironische Bemerkungen gegenüber Lehrern wurden zu meinem Markenzeichen, was regelmäßig für Lacher bei meinen Mitschülern sorgte. Es gefiel mir, ein applaudierendes Publikum zu haben und im Mittelpunkt zu stehen. Immer weiter markierte ich den Starken und Robusten. Irgendwann später verstand ich, dass ich nur ein trauriger und verletzter Clown war, der für Lacher sorgte, um die eigenen Tränen zu verbergen. Das Kuriose daran: Gerade diese harte Schule des Lebens schärfte meinen Sinn für Ironie und Sarkasmus, machte mich früh zu einem eloquenten Redner.

Neben meinen bescheidenen Schulnoten und dem Übergewicht kam mit dem Wechsel auf das Gymnasium noch eine dritte Komponente hinzu, die mir arg zusetzte: Mädchen! Dazu muss man wissen, dass meine katholische Realschule eine reine Jungenschule gewesen war. Das hatte die Begegnung mit Mädchen auf wenige Tanzabende und Feiern reduziert, die mit der nahen Partnerschule – eine reine Mädchenschule, von uns Jungs augenzwinkernd das „Nonnenkloster“ genannt – organisiert worden waren. Auf dem Gymnasium gab es nun überall um mich herum Mädchen, und mir wurde schmerzhaft bewusst, dass meine Freunde und Kumpels bereits seit ihrem 14. Lebensjahr mehr oder weniger feste Freundinnen hatten, teilweise sogar schon über die ersten sexuellen Erfahrungen zu berichten wussten. Nur ich stand da wie die Unschuld vom Lande. Das wurmte mich. Woran das bloß lag? Dabei musste man kein Einstein sein, um zu begreifen, weshalb die Mädels in mir nie mehr als einen guten Kumpel sahen. Ich erkannte es in der Badewanne, vor dem Spiegel, immer wenn ich mich auszog. Gefragt waren athletisch anmutende Jungs, die der holden Weiblichkeit mit der nötigen Portion „Macho“ entgegentraten, kein unförmiges Schwergewicht voller Hemmungen und Selbstzweifel.

Unterkriegen ließ ich mich dennoch nicht. Zu stark war der Rückhalt in der Familie, zu präsent schon damals meine Kämpfer-Mentalität. Belohnt wurde mein Durchhaltevermögen mit Myriam, meiner ersten richtigen Freundin, so mit allem Drum und Dran. Beide waren wir etwa ein Alter, auch für sie war ich der Erste. Neben meinem Bruder sollte sie die wichtigste Zeugin meiner zwei Jahre später einsetzenden Metamorphose werden. Als verliebtes Team harmonierten wir prächtig, blieben beinahe fünf Jahre zusammen, mit kurzen Unterbrechungen. Obwohl seit vielen Jahren nicht mehr liiert, sind Myriam und ich auch heute noch freundschaftlich verbunden.

Wie gut auch, dass es meinen Bruder Alexander gab. Wie schon gesagt war er zehn Jahre älter, und ich sah zu ihm als Vorbild und Helden auf. Früher hatte er für mich Kasperle-Theater gespielt, mir von seinem Taschengeld Figuren von He-Man bis Ninja Turtles nebst Ausrüstung gekauft oder im Sommer ein aufblasbares Schwimmbecken. Sogar im Kreis seiner Freunde war ich als kleiner Steppke geduldet gewesen. Zu Verstimmungen war es zwischen uns eigentlich nur gekommen, wenn er eine Freundin mit nachhause gebracht und vorübergehend das gesamte Zimmer für sich eingefordert hat. Wir haben uns nämlich eines mit Hochbett geteilt. Weshalb die Tür bei solchen Gelegenheiten von innen abgeschlossen und ich ins Wohnzimmer verbannt worden bin, war mir auch mit Engelszungen nicht zu vermitteln gewesen. Es ging zu der Zeit einfach noch über mein Fassungsvermögen. Aber noch etwas zum Thema Freundin. Mit einer war er sieben Jahre zusammen, und von beiden bin ich – ja man kann schon sagen – mit erzogen worden. Und als er mit 18 Jahren den Heavy-Metal-Fan mit verwegenem Bandana-Kopftuch gab und anfing, die Kneipen unsicher zu machen, waren die mitgehörten Geschichten über seine amourösen Eroberungen und irgendwelche Bierspiele für mich noch weitaus spannender, als die Abenteuer eines Robin Hood, Winnetou oder von „Tim & Struppi“. Als Krönung lebte Alex mir vor, wie man mit Biss und Disziplin von seinem Übergewicht herunterkommen konnte, ging dafür regelmäßig ins Fitnessstudio. Er hat es sozusagen vor meinen Augen geschafft, was eine ungeheure Motivation für mich war, mir Mut gab. Und es kam der Tag – ich war selber schon in der gymnasialen Oberstufe, zwölfte Klasse meine ich – da sprach er die entscheidenden Worte:

»Ey Oli, ganz ehrlich, wenn du noch was mehr von der Welt kennenlernen willst und dass dich die Leute anders wahrnehmen, dann komm doch einfach mal mit ins Fitnessstudio.«

He-Man, Hulk Hogan, der unglaubliche Hulk, schoss es mir durch den Kopf. Ich war eh ein großer Wrestling-Fan, wieso musste mich eigentlich erst mein Bruder darauf stoßen? Egal, jedenfalls rannte er damit offene Türen ein. Es sollte mir den Weg in eine viel größere Welt ebnen, meine Zukunft entscheidend definieren.

Einen weiteren Wendepunkt während meiner Jugendjahre sollte ich auch noch ansprechen. Im Alter von knapp 16 Jahren stand ich mit einem Kumpel am Busbahnhof, weil ich zu einer Geburtstagsparty eingeladen war. Zu jener Zeit lebte ich den Tick aus, meine Haare dunkler zu färben – weiß der Himmel wieso. Genau das war der Aufhänger für eine achtköpfige Gruppe von Jungtürken, die sich gezielt näherte.

»Was färbst du dir die Haare? Willst du Türke wie wir sein, oder was?«, provozierte mich der scheinbare Anführer, welcher mit einem zweiten Typen an seiner Seite die aggressive Vorhut bildete.

Auf mein »Nein« folgte direkt sein Fausthieb in mein Gesicht. Schon wurden aus den beiden vier und aus den Vieren schnell alle Acht. Wie ein Rudel Raubtiere umkreisten sie mich, schubsten und bespuckten mich, bevor ich kollektiv mit Fäusten und Tritten bearbeitet wurde. Mein Kumpel musste zwar auch Schläge einstecken, doch das Hauptziel blieb ich. Meine Überraschung, der Schock und die Angst waren zu groß, um mich zu wehren. Stattdessen hieß die Strategie stillhalten, damit es nicht noch schlimmer werden würde. Gegen diese Übermacht ist ohnehin jeder Widerstand wie Selbstmord, dachte ich damals nur, sofern ich überhaupt imstande war zu denken. Dann war der Spuk plötzlich vorbei, die Schläger verschwunden.

Meinem Versprechen treu bleibend, schleppte ich mich trotzdem zur Geburtstagsparty. Im Bus dorthin sprach ich andere Fahrgäste an, ob jemand etwas zur Hand hätte, womit ich meine Wunden kühlen könne. Erst am Zielort konnte ich meine zerbeulte Visage richtig in Augenschein nehmen – einäugig wohlgemerkt. Das andere war nämlich zugeschwollen. Genau wie die Unterlippe auch, dazu eine Platzwunde über dem Auge und diverse sonstige Schwellungen und Schürfwunden. Wenigstens das Nasenbluten hatte ich zwischenzeitlich in den Griff bekommen. Man hätte mich leicht für einen Preisboxer halten können, der seine besten Tage längst hinter sich hatte.

Pikanterweise geschah es ausgerechnet am Wochenende vor meiner zweiten Praktikumswoche in einem Drogeriemarkt. Dort haben mich die schockierten Kolleginnen erst einmal mit Abdeckcreme, Make-up und was weiß ich noch alles bearbeitet, damit ich wenigstens einigermaßen vorzeigbar war. Blaumachen wäre mir nie in den Sinn gekommen. Das war schon damals nicht meine Art, und die Eltern hätten es ohnehin nicht geduldet.

Mein Vater fand sehr deutliche Worte: »Sohn, du darfst dich nie wieder so verprügeln lassen. Du musst immer vorbereitet sein und mit allem was du hast zurückschlagen. Vergiss die Konsequenzen. Sei ein Mann.«

Auch mein Bruder brachte es ähnlich auf den Punkt. Von diesem Tag an war meine ganze Körperhaltung ein andere. Es gab nur noch zwei Optionen: Beim kleinsten Anzeichen von Ärger das Feld zu räumen oder wenn das nicht möglich war, zuzuschlagen, bevor es der Aggressor tun konnte. Würde ich das nächste Mal einstecken müssen, dann der oder die Gegner mindestens genauso hart und reichlich. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Ich hatte meine Lektion gelernt, gab nie wieder das wehrlose Opfer, kassierte nie wieder Schläge. Hinzu kam zwei Jahre später noch die abschreckende Wirkung meiner Körpermaße: einen Meter 95 groß und über 100 muskulöse Kilo schwer.

Vom Fitnessstudio zum studierten Fitnessökonomen

Als mein Bruder Alexander mich das erste Mal ins Fitnessstudio mitnahm, wurde das zum denkwürdigen Ereignis mit vor allem schmerzhaftem Ausgang. Überspitzt gesagt war es Training ohne Plan. Da wurden kreuz und quer verschiedenste Muskelpartien an unterschiedlichen Geräten malträtiert. Noch entging mir völlig, dass Alex offensichtlich keine wirkliche Ahnung von dem hatte, was er da tat. Ich hatte eine rosarote Brille auf, sah mich schon mit wohl definierten, stählernen Muskeln als Superman reihenweise die Mädels zum Dahinschmelzen bringen. Es sprach das Testosteron eines 18-Jährigen gepaart mit in die Wiege gelegtem Erfolgs- und Wettkampfgen. Endlich war ich an einem Ort, der meinen Ehrgeiz beflügelte. Ich schien meinen Körper in jeder einzelnen Zelle zu spüren, zu hören, wie er nach immer mehr lechzte. Es war einfach nur geil, ihn zu testen und alles herauszuholen. Erst unter der Dusche erhielt die Begeisterung einen Dämpfer. Warum? Weil es mir unmöglich war, die Arme zu heben, um meine Haare einzuschäumen. Arme, Brust und Schultern hätten gut einen Feuerlöscher gebrauchen können, dermaßen brannten die Muskeln. Schlimmer konnte es sich auch nicht anfühlen, wenn man ohne Sonnenschutz am Strand unweit des Äquators einschlief – und das über Stunden. Schreckte mich das ab? Woher denn, es spornte mich an, hielt mir meinen Nachholbedarf vor Augen.

Wahrscheinlich hätten die Trainingskünste meines Bruders mir auf Dauer so zugesetzt, dass ich genauso gut auch Steine hätte kloppen können. Dass es anders kam, verdankte ich einem dortigen Fitnesstrainer, der zwar lediglich drei Jahre älter war als ich, aber schon einen Körperbau wie Arnold Schwarzenegger in jungen Jahren vorzuweisen hatte. Ich sah ihn, wir wechselten ein paar Worte und mir war klar: So wollte ich auch sein. Also machte ich Patrick Moritz zu meinem Vorbild. Umgekehrt nahm er mich wie selbstverständlich unter seine Fittiche – weil er meine Begeisterungsfähigkeit spürte, den unbedingten Willen zum Erfolg und großes Potenzial erkannte. Für ihn war ich wie ein Bruder im Geiste, den anzuleiten er als seine Pflicht ansah. Völlig kostenlos erstellte er einen individuellen Trainings- und Ernährungsplan und coachte mich bei den Trainingseinheiten. Anleitung und Tipps wurden für mich wie Auszüge aus der Bibel. In spätestens drei Jahren wollte ich so aussehen wie Patrick. Eindeutig zu weit aus dem Fenster gelehnt – schaffen sollte ich das sowohl zeitlich als auch körperlich nicht annähernd, was aber nicht gegen mich sondern vielmehr für Patricks exzellente mentale wie körperliche Konstitution sprach. Daneben bereitete er sich auch auf seine eigenen Bodybuilding-Wettbewerbe vor. Mit ihm hatte ich einen großartigen Mentor gewonnen. Meinen Körper zu modellieren wurde harte, bis ins Kleinste durchorganisierte Arbeit, die maximale Disziplin erforderte. Doch wo andere die Segel gestrichen hätten, lief ich zur Höchstform auf. Innerhalb von nur 14 Wochen verlor ich rund 30 Kilo Gewicht. Der Unterschied vor und nach den Sommerferien – gerade mal sechs Wochen – war optisch schon so gravierend, dass mein eigener Klassenlehrer mich nicht mehr auf Anhieb erkannte und fragte, wer ich denn eigentlich sei.

»Oliver Sanne, ich sitze hier schon was länger.«

Ungläubig sah er mich an: »Das gibt‘s doch gar nicht, wie hast du das denn gemacht?«

Daraufhin sprach ich von harter Arbeit und eiserner Disziplin, was diesen studierten Pädagogen noch ungläubiger aus der Wäsche gucken ließ. Offensichtlich brachte er Disziplin und Fleiß eher nicht mit meiner Person in Verbindung. Tja, ich hatte den Pauker also eines Besseren belehrt. Ein Zaubertrank war jedenfalls nicht im Spiel gewesen. Man könnte sagen, ein optimierter Stoffwechsel hatte mich zu einem neuen Menschen gemacht – zumindest äußerlich.

Im Sommer des Jahres 2006 – noch während der Fußball-WM in Deutschland – feierte ich meinen Schulabschluss, indem ich mit einer Handvoll Kumpels nach Mallorca flog, genauer an den „Ballermann“. Eine Woche Partyurlaub war angesagt, aber irgendwie sah ich in mir noch immer das hässliche Entlein ohne Erfolg bei den Frauen. Dass ich mittlerweile vom grauen Entlein zum weißen Schwan geworden war, ignorierte meine Psyche genauso wie die Tatsache, dass niemand vor Ort mich und meine Vorgeschichte kannte. Dementsprechend schlich ich die ersten Meter mehr über den Strand, als dass ich dort entlangspazierte. Wie an einer Perlenschnur aufgereiht, sonnten sich Mädels in engen Bikinis, tanzten und feierten ausgelassen. Von denen ließen nicht wenige ihre Blicke zu mir wandern, um nach kurzem Körpercheck ein verlockendes Lächeln aufzusetzen. Schnell war ich in prickelnde Gespräche vertieft. So als hätte man einen seit Jahrhunderten wartenden Geist endlich aus der Flasche befreit, agierte ich urplötzlich ungehemmt und nach Vergnügungen dürstend. Da wurde geflirtet was das Zeug hielt und Gelegenheiten genutzt. Von über den Strand schleichen konnte keine Rede mehr sein. Aufrecht stolzierte ich durch die Reihen der Schönen. Endlich gehörte ich dazu, ließ im wahrsten Sinne des Wortes meine Muskeln spielen. Oliver Sanne war eine kleine Sensation, den die Leute mit und ohne Anhang auf Foto bannen wollten. Sie fotografierten, ich spannte an und lächelte smart. Schon verrückt, was für Szenen sich da abspielten. Meine erste Erfahrung in puncto Kokettieren mit der Öffentlichkeit.

Und wenn ich es recht bedenke, dann ist der spätere „Mister Remscheid“ nicht meine erste Teilnahme dieser Art gewesen. Tatsächlich habe ich seinerzeit am „Ballermann“ schon bei der Wahl zum „Mister Oberbayern“ geglänzt. Wie, Sie sind verwirrt – wegen eines Stückes Bayern auf Mallorca? Das ist schnell aufgeklärt, „Oberbayern“ ist eine Diskothek. Und die geforderten Prüfungen waren schon kurios zu nennen. T-Shirt ausziehen, okay, geschenkt. Aber eine 0,3-Liter-Flasche mit hochprozentigem Alkohol wegputzen, das war heftig. Weiß der Teufel, was für eine Mixtur da drin war. Auf Autolack hätte das Gesöff bestimmt Blasen geschlagen. Als Nächstes galt es, möglichst viele BHs der anwesenden Ladys einzusammeln. Je mehr BHs, desto mehr Punkte. Im Anschluss daran musste man eine Polonäse mit interessierten Mädchen durch die Lokalität anführen, welche sich für einen entschieden hatten. Die längste Schlange brachte die meisten Punkte. Ganz am Schluss gab es dann die größte Ausbeute an Punkten dafür, komplett blankzuziehen. Da ich mein bestes Stück aber nicht öffentlich herumzeigen und den Helikopter geben wollte, wurde ich knapp auf den zweiten Platz verwiesen.

Zurück in Deutschland, begleitete ich Alex jetzt in die Kneipen, die er selbst schon mit 19 oder 20 Jahren besucht hatte. Keiner seiner alten Kumpels erkannte den kleinen Bruder auf Anhieb wieder. Endlich war ich einer von ihnen, genauso trinkfest und körperlich sogar noch beeindruckender. Von meinen eigenen früheren Weggefährten bezeichnete mich niemand mehr als „Qualle“ oder „Dickerchen“, stattdessen begegnete man mir mit Respekt und Hochachtung. Kein Wunder, die Sportskanonen und begehrten Machos aus Realschulzeiten waren überwiegend zu aufgedunsenen Couch-Potatoes mit erstem Haarausfall mutiert.

Aber auch wenn ich in Aufmerksamkeit und Komplimenten badete, Größenwahn ergriff keinen Besitz von mir. Was mich erdete war die schlichte Erkenntnis, dass Oberflächlichkeiten und schöner Schein die Welt regierten. Das machte mich nachdenklich. Ich war noch derselbe humorvolle, hilfsbereite, verletzliche und streitbare Mensch. Aber wer man war, was in einem vorging und einen wirklich auszeichnete, das interessierte anscheinend keine Sau. Hauptsache, man entsprach einem optischen Schönheitsideal, als Mann also einem Adonis. Dieser Aspekt meiner körperlichen Veränderung gefiel mit ganz und gar nicht. Ich lernte damit umzugehen, es für mein weiteres Leben zu nutzen, natürlich. Aber umso mehr versuchte ich auch, an meiner eigentlichen Wesensart, meinen Prinzipien und Überzeugungen festzuhalten.

Es stellte sich die große Frage, welchen beruflichen Weg ich denn nun einschlagen sollte. Vor dem geistigen Auge sah ich das besorgte Gesicht meines Vaters, hörte dazu seine mahnenden Worte, die mich beschworen, unbedingt einen sicheren Beruf, ohne schwere körperliche Arbeit zu wählen. Dem würde ich nur zu gerne folgen – meine zwei linken Hände habe ich ja schon erwähnt. Nun wollte es der Zufall, dass der Vater einer Mitschülerin ausgerechnet der Polizeipräsident von Bonn war. Er verschaffte mir einen Beratungstermin zwecks Einstellung in den gehobenen Dienst der Polizei. Mich reizte das, denn mein eigener Papa hatte für kurze Zeit beim Bundesgrenzschutz gearbeitet und immer wieder bereut, den Dienst quittiert zu haben. Uns Söhnen hatte er bei solchen Gelegenheiten nahegelegt, doch zur Polizei zu gehen, weil es ein sicherer Arbeitsplatz sei und gute Karrieremöglichkeiten bestünden. Ich meisterte also alle erforderlichen Tests bis auf den Sehtest. Die schlechten Augen machten mir einen Strich durch die Rechnung. Ich wurde aussortiert, was selbst ein Polizeipräsident nicht verhindern konnte. Meinem Bruder war es zuvor genauso ergangen, denn auch seine Sehschärfe ließ schon damals zu wünschen übrig. Nun war guter Rat teuer. Keine Polizei, kein Handwerk – wo also konnte ich genug Geld verdienen und gleichzeitig viel Spaß haben, außerdem Erfüllung finden? Eigentlich dachte ich an viel Geld, denn nach meiner Vorstellung bedeutete mehr Geld weniger Sorgen. Außerdem schwebten mir für die Zukunft konkrete Ausgaben vor. Mit der Familie hatten wir uns nie einen gemeinsamen Urlaub gegönnt. Aufgrund des eigenen Handwerksbetriebes, der am Laufen gehalten werden musste, hatten meine Eltern bestenfalls getrennt in Urlaub fahren können. Wir Kinder waren also entweder einige Tage mit Papa oder Mama weggefahren. Öfters hatte mich auch meine innig geliebte Tante mütterlicherseits – für mich wie eine zweite Mama – in den Urlaub mitgenommen. Lange Rede, kurzer Sinn, in Zukunft wollte ich für gemeinsame Familienurlaube sorgen, in denen es keinem an etwas fehlen sollte. Darüber hinaus wollte ich vor allem meinen Eltern Gutes tun, die sich für meinen Bruder und mich so viele Jahre aufgeopfert hatten.

Beim Stichwort Geld fällt mir wieder ein, dass meine Eltern zeitweise davon ausgegangen sind, dass ich einmal Bänker werden würde, weil ich immer so gerne Geldscheine gezählt habe. Aber das konnte ich mir nun beim besten Willen nicht vorstellen – zu langweilig, noch dazu „zwangsuniformiert“ im Anzug. Nein, es sollte mir um Nichts in der Welt so ergehen wie meinem Papa, der jahrzehntelang ohne Freude und Leidenschaft zur Arbeit gegangen war, alleine von dem Impuls angetrieben, die Familie satt zu bekommen. Dass hatte er mir sehr erfolgreich eingeimpft.

Ich entschied mich für ein dreijähriges duales Studium mit der Bezeichnung Fitnessökonomie an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Köln – weil es mit Sport zu tun hatte und mir viel Gutes darüber zu Ohren gekommen war. Vielleicht konnte ich mir sogar einen Namen als Promi-Trainer machen. Der Studiengang wurde neuerdings mit Abschluss Bachelor angeboten, also Diplom-Fitnessökonom (BA). Den praktischen Teil habe ich in einer großen deutschen Fitnesskette absolviert, bei „Fitness First“ in Bonn, wo mir eine tolle Ausbildungszeit in einem genialen Team und mit der denkbar besten Chefin geboten worden ist. Diese charismatische und herzliche Frau hat mich von der Pike auf in die Künste des Vertriebs und Marketings eingeführt. Wenn ich an die gemeinsame Zeit zurückdenke, dann als erstes an unser denkwürdiges Vorstellungsgespräch. Mittelpunkt dabei war ein ganz ordinärer gelber Textmarker, den sie vor mir auf den Tisch legte:

»So, lieber Oliver, danke für deine Bewerbung. Wir machen es ganz kurz und knapp. In unserem Geschäft geht es um den Verkauf von Mitgliedschaften, also vor allem um dein verkäuferisches Talent. Bitte verkauf mir diesen Stift. Wenn du mich überzeugen kannst, bekommst du die Ausbildungsstelle.«

Ich dachte kurz nach und begann damit, ergonomische Vorzüge zu preisen, die es in Wahrheit gar nicht gab. Anschließend führte ich aus: »Mit diesem Stift kann man wichtige Stellen in Texten gelb markieren, man kann aber auch in rot und blau schreiben.« Zur Demonstration schrieb ich zwei Buchstaben auf einen leeren weißen Zettel – natürlich in Gelb, ich definierte es aber kurzerhand als rot und blau.

Jetzt kam meine Kreativität erst so richtig in Fahrt, doch kurz darauf winkte meine Gesprächspartnerin lächelnd ab: »Die Spontanität und Schlagfertigkeit gefällt mir. Wir hatten uns grundsätzlich auch schon für dich entschieden und würden uns freuen, wenn du bei uns startest.«

So erhielt ich einen Vertrag mit 30 Ausbildungsstunden pro Woche im Fitnessstudio, die Studiengebühren wurden übernommen, und neben einem kleinen Ausbildungsgehalt waren auch Provisionen für verkaufte Mitgliedschaften vorgesehen. Zusammen mit dem Job im Drogeriemarkt kam ich finanziell ganz gut über die Runden, zumal ich ja noch zuhause wohnte. Es wurde eine großartige Zeit. So dermaßen wohl habe ich mich später selbst als Spitzenverdiener nur selten gefühlt. Zwar war ich auf dem Papier Azubi, an der Vertriebsfront nach kurzer Zeit aber schon ein Macher, der mit seiner überzeugenden Art und dem Konzept von Willen und Disziplin teilweise mehr Mitgliedschaften generierte als die Festangestellten. Während des letzten Ausbildungsjahres fand eine Neueröffnung in Düsseldorf statt, die ich mit organisieren sollte. Mit Abschluss des Studiums wurde ich dort dann in die erste Festanstellung übernommen – als Personal Trainer und Fitnessmanager. Das passte wunderbar, denn ich hatte auf einer Düsseldorfer Fitness-Surf-Party ein Mädchen kennengelernt, mit dem ich kurzentschlossen zusammenzog. 23 Jahren war ich alt und endgültig flügge geworden, noch dazu in einer anderen Stadt. Ein Jahr lang baute ich mit praktischer und akademischer Kompetenz einen Personalstamm auf, der am Ende allerdings mehr verdiente als ich. Das ließ mich kritisch nachfragen:

»Leute, ich habe mittlerweile über 20 Trainer zu verantworten, die ich aufgebaut, geschult und gecoacht habe. Alle verdienen als Personal Trainer gutes Geld, nur ich bekomme nach wie vor nicht viel mehr als ein Berufsanfänger. Wie kann das sein?«

Ich hätte dafür ja eine Neueröffnung mitorganisieren und wertvolle Erfahrungen sammeln dürfen, außerdem würde sich die leitende Position gut im Lebenslauf machen, hielt man mir entgegen. Die nächsten Monate habe ich vergeblich versucht, eine Gehaltserhöhung für mich durchzusetzen. Während eines Grillnachmittags im Kreis der Familie machte ich mir Luft:

»Mich kotzen diese vorgeschriebenen Arbeitszeiten an! Man ist nur dafür da, die Taschen des Chefs vollzumachen! Ich coache die Leute, weiß viel mehr als die, werde aber trotzdem nur mit einem Hungerlohn abgespeist! Ich muss mich unbedingt selbständig machen. Ich schaffe mehr, kann mehr und traue mir viel mehr zu, bin zu mehr berufen. Zum Angestellten bin ich einfach nicht geboren.«

Verunsichert setzten meine Eltern auf Nummer sicher: »Ach Oli, ob das wirklich so gut ist? Dir geht es doch ganz gut. Denk an den Papa, was die Selbständigkeit für Risiken mit sich bringt.«

Aber vermutlich kam ich auch in diesem Punkt einfach zu sehr nach meinem Vater, denn ich kündigte kurz darauf, um mich als Franchisenehmer direkt wieder einzukaufen. Von jetzt an war ich Personal Trainer auf eigene Rechnung. Das bedeutete vor allem keine Personalverantwortung mehr sowie die Zahlung eines monatlichen Mietzinses, um in den Räumen von Fitness First meine Dienste anbieten zu dürfen. Ein Risiko war es allemal, denn ich hatte gerade mal knapp 2.000 Euro auf dem Konto. In der Übergangszeit zwischen Weihnachten und Neujahr konnte sich das Ganze durchaus noch als fataler Griff ins Klo erweisen, als ich ein an sich unschlagbar günstiges Angebotspaket schnürte. Würden genügend Kunden anbeißen? Sie bissen auf Anhieb so zahlreich an, dass ich die nächsten zwei bis drei Monate sicher über die Runden kommen würde. Schnell wurde ich auch zu Standardkonditionen gut und mit steigender Tendenz gebucht – für Training und Beratung. Ich hatte auf der ganzen Linie gewonnen. Der Verdienst war jetzt deutlich höher und ich freiberuflich tätig, also mein eigener Herr.

Bezeichnenderweise hatte meine Bachelor-Thesis zum Thema gehabt: „Entwicklung und Marketingstrategien für einen Personal Trainer, zur Ermittlung und Erschließung von Zielgruppen im lokalen Absatzmarkt.“ Die Kurse an der Hochschule wurden von mir mit großer Leidenschaft besucht, in der ersten Sitzreihe, unter reger Beteiligung und mit ordentlichen Punktzahlen in den Prüfungen. Anders als früher im Physik- oder Chemieunterricht, bei mathematischen Formeln oder verstaubten Novellen irgendwelcher toten Literaten, war ich während des Studiums interessiert und motiviert, weil mich die behandelten Themen nachvollziehbar weiterbringen konnten. Man stelle sich nur mal vor, als Dozenten für das Fach Ernährungslehre hatte ich Clive Salz, den ehemaligen Mister Universum, der als Ernährungsberater schon mit Sportlern wie den Profiboxern Manuel Charr oder Felix Sturm zusammengearbeitet hatte. Mich holte er gerne als positives Anschauungsobjekt für das optimale Zusammenspiel von Ernährung und Muskelaufbau zu sich nach vorne – ein unbezahlbarer Motivationsschub.

Ganz sicher bin ich meinem Bruder und anderen besonders in der letzten Phase des Studiums gewaltig auf den Sack gegangen. Andauernd spielte ich provokant mit meinen Muckis, wollte partout beim Bankdrücken auftrumpfen. Alex' „Intellekt-Keule“ ließ meist nicht lange auf sich warten, wenigstens auf dem Feld durfte er sich noch immer unschlagbar fühlen. Was für ein amüsantes Kasperle-Theater zwischen uns, das nach wie vor stattfindet, wenn auch ohne Muskelspiel und mit mehr Augenzwinkern.

In der Praxis war ich zu keinem Zeitpunkt mehr darauf aus, vorwiegend oder ausschließlich die Schönen und Erfolgreichen des Showbusiness fit zu machen und mich in deren Erfolg zu sonnen. Vielmehr ging es mir darum, mit spezialisierter Kompetenz – Abnehmen, gesteigerte Fitness, für die Damen Bauch, Beine, Po und für die Herren Brust, Bizeps, Waschbrettbauch – sowie Empathie und Geselligkeit jeden weiterzubringen, der sich an mich wandte. Was mich dabei besonders motivierte waren Menschen gleich welchen Berufes, Geschlechtes oder sozialen Ranges, die das von mir individuell erstellte Trainingsprogramm ehrgeizig und diszipliniert umsetzen wollten. Denn nur denen konnte ich wirklich helfen, ihre gesteckten Ziele zu erreichen. Und mal ehrlich: Es ging ja auch um meine Zeit, mein Engagement. Nicht ohne Grund führte ich eingangs immer kostenlose Beratungsgespräche. Natürlich um festzustellen, wer den nötigen Biss mitbrachte. Als mit zunehmenden Buchungen ein kostendeckendes Einkommen erreicht war, ging ich sogar dazu über, den einen oder anderen potenziellen oder tatsächlichen Klienten an andere talentierte Personal Trainer zu verweisen. Dabei spielte der Aspekt Selbstvermarktung eine gewichtige Rolle. Meinen Erfolg verdankte ich ganz entscheidend der Mundpropaganda. Ein zufriedener Kunde mit sichtbaren Ergebnissen war ein nicht zu übersehendes Plus, die beste Visitenkarte überhaupt. Kunden, die sich nicht voll einbrachten, sich also nicht wirklich von mir helfen lassen wollten und deshalb scheiterten, warfen hingegen auch auf mich ein schlechtes Licht. Nein, ich wollte für diejenigen zur Verfügung stehen und Termine vorhalten, die meine Trainingsphilosophie teilten und ihr folgten. Ich wollte sehen, wie sich ein zahlender Klient weiterentwickelte, engagiert an sich arbeitete und dabei glücklich war.

Wo ich meine letzten Gedanken jetzt geschrieben vor mir sehe wird mir klar, dass ich ähnlich klinge und als Personal Trainer denselben Ansatz verfolge wie mein einstiger Fitnesstrainer und Mentor Patrick Moritz. Auch er hat Spaß daran gehabt, wenn seine Tipps umgesetzt worden sind und Ratschläge gefruchtet haben. In meinem persönlichen Erfolg hat er seinen Erfolg gesehen. Mein Mentor vergangener Tage ist auch in dieser Hinsicht nach wir vor ein wichtiges Vorbild. Ich denke, es wird Patrick sehr freuen, dass ich seinen Staffelstab im Bereich Personal Training übernommen habe. – Mittlerweile lebt er als erfolgreicher Geschäftsmann in Dubai und jettet außerdem als Model durch die Weltgeschichte. Er hat es sich wirklich verdient – Respekt!

Der Vollständigkeit halber möchte ich ergänzen, dass ich noch bis zum Studienabschluss nebenbei in einem Drogeriemarkt gearbeitet habe – dieser wurde von mir bereits erwähnt. Angefangen hatte es mit einem Praktikum in der neunten Klasse, empfohlen durch meinen Bruder. Und während mich die Kundinnen mit meinen pummeligen 16 Jahren beim Einsortieren der Ware noch nicht wirklich zur Kenntnis genommen haben, wendete sich das Blatt zwei Jahre später grundlegend. Jetzt – mit 18 Jahren – waren die Schlangen an meiner Kasse spürbar die längsten, garniert mit dem Lächeln attraktiver Damen verschiedener Altersgruppen. Drei Jahre hielt ich die Stellung an der Kasse. Als mein Kreuz der Filialleitung breit genug erschien und Bedarf bestand, wurde ich noch ein Jahr als Ladendetektiv eingesetzt. Damit folgte ich einmal mehr meinem Bruder, der während seines Studiums dort auch schon den einen oder anderen Ladendieb in die Auslagen befördert hatte. Ich behaupte jetzt einfach mal, an der Stelle weniger rabiat gewesen zu sein. Na jedenfalls hatte ich bei Kollegen und Chefs ein Stein im Brett, weil ich über die Jahre immer lustig, hilfsbereit und fleißig gewesen bin.

Genau genommen habe ich schon als Junge gearbeitet, was so möglich gewesen ist: Prospekte verteilt, irgendwelche Flyer in die Briefkästen geworfen.

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