Kitabı oxu: «WattenAngst»

Şrift:

Für Susi

Du weißt schon warum.

Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher des Autors erschienen:

Tödlicher Schnappschuss

WeserTod

WattenMord

TodesDuft

HahnBlues

BlutGrab

Schmutziges Geheimnis

Blutiges Vergessen

WattenBrand

Höhentod

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

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eISBN 978-3-8271-8403-0

Andreas Schmidt

WattenAngst


Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

1. AKT

Mildstedtfeld, 19.10 Uhr

Es war zu einem kurzen und heftigen Handgemenge gekommen, dann hatte er sie besiegt. Eigentlich kein Wunder, war er ihr doch körperlich überlegen. Daran konnte auch der Umstand, dass sie sportlich und durchtrainiert war, nicht viel ändern. Kurz wehrte sie sich mit allen Kräften, musste aber schnell kapitulieren. Auch ihre Versuche, ihn mit Tritten in den Unterleib außer Gefecht zu setzen, fruchteten nicht. Sie grub ihre Fingernägel in seine Kleidung, spürte, wie sie brachen, stöhnte unter dem Schmerz und löste die Anspannung ein wenig.

Er lachte.

Sie war eine Kämpferin. Das imponierte ihm. Doch es änderte nichts an der Tatsache, dass sie ihm unterlegen war und schnell kapitulieren würde. Ihre spitzen Schreie verhallten ungehört im Wald.

Als er seine große Hand auf ihren Mund und die Nase presste, verstummte sie, rang nach Atem und röchelte. Er spürte, wie ihre Kräfte schwanden und die Gegenwehr verebbte. Gleich hatte er es geschafft. In der hereinbrechenden Dunkelheit des trüben Herbsttages war es ein Leichtes für ihn, sie unbemerkt zu seinem Wagen zu zerren.

Schnell machte er sich daran, sie zu entkleiden. Stoff riss mit einem hässlichen Geräusch. Er sah die Todesangst in ihren Augen und fühlte sich dadurch in seinem Treiben bestärkt. Er zog ihr die Jacke von den Schultern, zerriss ihr T-Shirt, griff nach dem BH und zerrte wie von Sinnen daran, bis der Stoff nachgab. Sie keuchte, versuchte, seine Hände abzuwehren, scheiterte im Ansatz.

Lüstern betrachtete er sie, ihre makellose Haut, ihre festen Brüste. Mit den Füßen streifte er ihre Schuhe von den Füßen, dann griff er zu ihrem Hosenbund, rollte ihn über die Hüften und ließ den Slip folgen. Zum Schluss riss er ihr die Socken herunter, dann hatte er sein Ziel erreicht. Kurz betrachtete er sie. Sie war wunderschön, der Traum zahlreicher Männer.

Jammerschade um sie.

Doch er hatte eine Mission, von der er sich nicht abbringen ließ. Sie gehörte ihm, nur ihm.

Von diesem Gedanken angetrieben, schob er sie in den Wagen. Sie war, am Rande einer Ohnmacht, nicht in der Lage, Gegenwehr zu leisten. Die Vorstellung, dass sie sich längst für ihn aufgegeben hatte, erregte ihn. Jetzt war sie ihm ausgeliefert. Für sie gab es kein Zurück mehr.

*

Mit seinen starken Armen hob er sie in die eiserne Wanne, schob ihren Körper zurecht, dass sie vor ihm lag wie auf einer Bahre. Angerichtet, nur für ihn. Ihre Beine und Arme hingen über den Rand der Wanne. Schnell nahm er ihre Gliedmaßen und legte sie an den Körper.

Wie gelähmt lag sie vor ihm. Sie schien zu keiner Bewegung mehr fähig zu sein. Sekundenlang hielt er inne und betrachtete sie. Dann senkte er den eisernen Deckel und ließ die Verschlüsse zuschnappen. Die pure Todesangst hatte zuletzt in ihrem Blick gelegen, fast so, als ahnte sie, was sie erwartete.

Es war, als würde sie sich ein letztes Mal aufbäumen, um ihr Leben in letzter Sekunde doch noch retten zu können.

Wild trommelte sie mit den Fäusten gegen die eisernen Wände und die Innenseite des Deckels.

Ihre Versuche, sich aus dem eisernen Sarg zu befreien, scheiterten kläglich. Das Klopfen ließ nach, ihre Schreie verstummten.

Zufrieden wandte er sich ab und trat an die Armaturen, die sich am Kopfende seiner Todesmaschine befanden. Mit wachsamem Blick betrachtete er das Rohrleitungssystem und warf einen Blick auf die Anzeigetafeln. Ein komplexes Schlauchsystem führte von den aufrecht stehenden Tanks zu der eisernen Wanne. Ein letztes Mal atmete er tief durch, dann streckte er die Hand aus und startete die Anlage. Zunächst ertönte das Summen einer elektrischen Pumpe, dann rauschte Flüssigkeit durch die Leitungen. Unaufhaltsam füllte sich die Wanne mit Säure. Das Zischen schwoll zu einem Rauschen an. Nach einem Blick auf die Instrumente wusste er, dass die Säure jetzt ihren zierlichen Körper umspülte, dass sie ihre Haut umschloss und ihr vernichtendes Werk begonnen hatte.

Drinnen brach ein aussichtsloser Überlebenskampf aus. Sie mobilisierte ihre letzten Kräfte, sie schrie in Todesangst und klopfte gegen die Wände ihres Sarges. Schnell wurden ihre panischen Schreie zu einem Wimmern, dann kehrte im Innern tödliche Stille ein. Sie kapitulierte.

Das letzte Lebenszeichen, das er durch die Wände des Eisensarges hörte, war ein gurgelnder Laut, die nur vom Glucksen der Säure unterwandert wurde. Zufrieden legte er die Hände flach auf den Deckel. Er spürte, wie sich das Eisen erwärmte. Mit einem Blick auf das Thermometer stellte er fest, dass alles richtig lief. Er drehte einen Hahn weiter auf. Jetzt rauschte die Säure mit voller Kraft in den Behälter.

Sie hatte den kurzen und ungleichen Kampf schnell verloren und wartete auf den Tod. Ein zufriedenes Grinsen huschte um seine Mundwinkel. Das Gefühl der Macht erfüllte ihn mit größter Zufriedenheit. Jetzt blieb zu hoffen, dass er die Säure richtig hergestellt hatte, dass sie das von ihm begonnene Werk vollendete. Erst nach dem Probelauf würde er die Maschine für seine Mission nutzen.

Doch noch war es nicht so weit.

Er war gut in der Zeit. Sie würde nun drei Stunden in ihrem eisernen Sarg liegen, bis es sie nicht mehr gab.

Wenn alles so funktionierte, wie er es geplant hatte, würde er ihre Überreste völlig unbemerkt in der Öffentlichkeit verschwinden lassen. Noch in dieser Nacht. Doch jetzt galt es, sich auf sein nächstes Vorhaben zu konzentrieren. Der Gedanke, dass er in dieser Nacht nicht viel Schlaf bekommen würde, ließ ihn nicht ermüden, im Gegenteil: Der Gedanke schärfte seine Sinne und brachte das Endorphin in ihm zum Kochen. Endlich war es so weit. Seine Mission hatte begonnen …

2. AKT

Hockensbüll, 00.40 Uhr

Es war eine ungewöhnlich milde Nacht. Der seichte Wind trug das entfernte Blöken einer Schafsherde auf dem nahen Deich an seine Ohren. Als er innehielt und durchatmete, vernahm er das Quaken der Kröten neben sich im Graben. Irgendwo in den Salzwiesen gluckste es. Es war, als würde der natürliche Übergang zwischen Meer und dem Festland leben.

Seine Sinne waren geschärft, die Nerven zum Zerreißen angespannt. Kurz hielt er inne, um sich zu sammeln. Nachdem er tief durchgeatmet und die Gedanken geordnet hatte, richtete er den Blick entschlossen nach vorn. Die Lastkräne und Speichergebäude des Husumer Außenhafens zeichneten sich als schwarze Silhouette vom Tiefblau des fast wolkenlosen Nachthimmels ab. Nach den ersten Schritten knirschte es hinter ihm. Ruckartig verharrte er in der Bewegung, lauschte, dann wirbelte er auf dem Absatz seiner leichten Schuhe herum. Niemand hielt sich in seiner Nähe auf. Trotzdem wurde er das dumpfe Gefühl nicht los, beobachtet zu werden.

Mit einer gleitenden Bewegung duckte er sich in den Schatten eines Forsythienstrauchs und wartete regungslos ab. Während die Sekunden zäh dahinrannen, beobachtete er die rot blinkenden Lichter der markanten Hafenbauten, die wie Irrlichter durch die Nacht zu geistern schienen. Das rhythmische Aufblitzen hatte etwas von den Leuchtfeuern moderner Leuchttürme.

Nachdem er sich vergewissert hatte, unbeobachtet zu sein, wagte er sich aus seinem Versteck.

Ein Blick auf das beleuchtete Ziffernblatt seiner Armbanduhr. Bis zwei Uhr musste er es hinter sich gebracht haben. Sein Herz schlug schneller, als er an sein Vorhaben dachte. Es würde klappen. Nichts würde schiefgehen, er hatte jeden Schritt penibel durchgeplant, hatte sich einen Plan ausgearbeitet und das nötige Equipment zusammengestellt.

Oft genug war er tagsüber hier gewesen, hatte die Gegend mit dem Fahrrad erkundet, sich sogar den Hund einer Nachbarin geliehen, um mit dem Retriever hier entlangspazieren zu können, ohne den Anwohnern aufzufallen.

Wochenlang hatte er das Haus observiert. Tag und Nacht. Jetzt war er bereit für den finalen Schritt. Mühsam bekämpfte er die aufkommende Nervosität.

Alles gut, beruhigte er sich. Linkerhand lagen jetzt die Häuser. Prächtige, mit Reet gedeckte Anwesen. Nichts für arme Schlucker. Wer hier wohnte, hatte keine finanziellen Probleme.

Um diese Uhrzeit brannte in den Fenstern längst kein Licht mehr. Ohne Eile setzte er seinen Weg fort. Ja, dachte er, alles wird gut. Ich habe alles gut vorbereitet, jeden Schritt durchdacht. Was kann schon schiefgehen?

Er schob die rechte Hand in die Tasche seiner dunklen Softshell-Jacke und spürte das kalte Metall der Pistole, die ihm ein Freund besorgt hatte. Freund war übertrieben.

Iwan war Russe und konnte alles beschaffen. Er war das lebende Darknet der Dinge, das behauptete er immer von sich selbst. Iwan arbeitete für die Russenmafia, er war eiskalt und skrupellos, doch er war ein wahres Organisationstalent.

Er wusste nicht einmal, ob Iwan sein richtiger Name war – oder nur Tarnung. Ihm war es egal, wie der Russe seinen Lebensunterhalt verdiente. Iwan hatte ihm die Knarre besorgt. Schnell und ohne lästige Fragen zu stellen. Für seine Leistungen hatte er den Russen fürstlich belohnt.

Er schulde Iwan jetzt einen Gefallen, das hatte der Russe gesagt, als er ihm die Waffe in die Hand gedrückt hatte.

Alles zu seiner Zeit.

Jetzt hatte er erst einmal seine Mission vor der Brust. Fester umschloss er den Griff der Waffe. Sie gab ihm Sicherheit, sorgte aber auch dafür, dass sich sein Puls beschleunigte.

Schnell machte er, dass er weiterkam. Das Rascheln seiner Kleidung bei jedem Schritt erschien ihm in der Stille der Nacht überlaut. Nach wenigen Metern erreichte er sein Ziel. Die Villa befand sich auf einem großzügig angelegten Grundstück hinter einer Hecke und einem strahlend weißen Holzzaun. Das mannshohe Tor war so angelegt, dass es ungebetene Gäste fernhalten konnte. Er würde es nicht erklimmen müssen, um an sein Ziel zu gelangen. Wieder hielt er inne, um sich davon zu überzeugen, dass er alleine hier draußen war. Währenddessen blickte er sich weiter um. Seitlich vom Holztor gab es ein vergoldetes Paneel mit Klingel und der Gegensprechanlage, daneben die integrierte Kamera der Videoüberwachung. Erwartungsgemäß hatte sich seit seinem letzten Besuch am Nachmittag nichts verändert. Vor einigen Tagen hatte er die Sicherheitstechnik des Anwesens analysiert, sich die Funktionsweise eingeprägt, im Internet recherchiert, um zu wissen, um welche Art von Überwachungsanlage es sich hier handelte. Alles war gut geplant, seine Vorbereitungen grenzten an Perfektion.

Natürlich wusste er, aus welchem Winkel er sich der Kamera nähern konnte, ohne vom Weitwinkel des Objektivs erfasst zu werden.

Auch hier hatte ihm der Russe geholfen. Iwan hatte ihm den kleinen Zauberkasten besorgt, den er jetzt aus der Tasche zog und in der Hand hielt. Das Gerät hatte die Größe einer Zigarettenschachtel, war aber wesentlich flacher und leichter. Anstelle der Horrorbilder auf den Zigarettenpackungen befand sich an der Oberfläche ein kleines Display, darunter einige winzige Tasten. Eine kleine grüne Leuchtdiode zeigte an, dass das Gerät einsatzbereit war. Seine Finger zitterten leicht, als er eine Tastenkombination eingab und den Anweisungen auf dem Display folgte. Im nächsten Moment erlosch über der Überwachungskamera ein kleines Kontrolllicht. Die Kamera war offline. Ein leises Klicken war zu hören und das elektronische Schloss des Holztores war deaktiviert.

Ein zufriedenes Grinsen schlich sich in sein markantes Gesicht.

Mit einem schnellen Griff in die Hosentasche zog er einen kleinen Stoffbeutel hervor, den er über die Glaskuppel der Kamera stülpte. Mit dem Gummi eines Einmachglases fixierte er den Beutel am Rand der Kuppel, dann trat er einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk mit zufriedenem Blick. Mit dem Gerät hatte er die Frequenz der Überwachungskamera ermittelt – und das Funksignal der kabellosen Kamera unterbrochen. Jetzt konnte er sich unsichtbar wie ein Phantom auf dem Grundstück bewegen. Sollte die Elektronik ihn wider Erwarten im Stich lassen, gab es immer noch den Stoff, der die Linse verhüllte.

Gute Vorbereitung ist eben alles, dachte er, während er tief Luft holte und sich auf den eigentlichen Anlass seines Besuches besann. Sein Blick schweifte über das weitläufige Grundstück. Der Landrover stand vor der großen Doppelgarage. Erwartungsgemäß war der Hausherr anwesend. Gut so.

Wachsam blickte er zum Haus mit den riesigen Fensterflächen. Niemals würde er in einem solchen Glaskasten wohnen wollen, da könnte er noch so reich sein. Die cremefarbenen Vorhänge waren zugezogen, nur einen Spalt von einem guten halben Meter klafften die Vorhänge auseinander. Das reichte ihm. Drinnen brannte Licht.

Seine Augen waren gut. Er sah, dass sich trotz später Stunde hinter den Vorhängen noch etwas rührte. Zwei Schatten bewegten sich im Wohnzimmer.

Zwei?, fragte er sich verunsichert. Warum ist er nicht alleine?

Seine Frau befand sich doch in Hamburg. Jedenfalls hatte er das so ausgekundschaftet. Warum also war seine Zielperson nicht alleine? Die neue Situation behagte ihm nicht. Sekundenlang war er versucht, die Aktion abzublasen. Die Gedanken rauschten durch seinen Kopf. Was hatte das da oben zu bedeuten?

War sie etwa bei ihm?

Sein Herz klopfte wie wild, als er daran dachte, dass sie bei ihm war, als er an das dachte, was sie getan hatten. Er war versucht, die Aktion abzubrechen, duckte sich in den Schatten der Hecke und dachte angestrengt nach. Dann entschloss er sich, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Es war sogar gut, dass sie bei ihm war. Dass sie sehen konnte, wie er starb, wie ihm ein Ende bereitet wurde für das, was er getan hatte.

Ja, es war gut, dass sie in den letzten Minuten seines elenden Lebens bei ihm war.

Und sie würde begreifen, dass er es ernst meinte.

Gut so.

Sie würde er leben lassen, schließlich war sein Tod heute der Beginn seiner Mission.

Bevor er den Gedanken vertiefen konnte, schlug beim Haus ein Hund an. Verdammt, der Köter, durchzuckte es ihn. Sein Herz klopfte bis zum Hals. Er versuchte, seinen Puls unter Kontrolle zu bringen, dann ordnete er seine Gedanken. Der Hund würde ihn nicht von seinem Vorhaben abhalten.

Tagsüber hielt ein großer Hund, der sich frei auf dem umzäunten Grundstück bewegen konnte, Wache. Die Töle sollte ungebetene Gäste fernhalten. In den Abendstunden sperrte man den großen Hund in den Zwinger rechts neben dem Haus. Dort schlug er jetzt zwar an, bedeutete aber keine Gefahr für den Eindringling.

Zielstrebig steuerte er auf die Einfahrt zu. Hinter den großen Fensterflächen brannte noch immer Licht. Die bodenlangen Vorhänge täuschten den Bewohnern des Hauses Sicherheit vor. Doch es gab kein Entkommen mehr für die Menschen, die sich jenseits der Stores aufhielten. Dafür würde er Sorge tragen. Jetzt tat sich im Haus etwas. Einer der Vorhänge glitt zur Seite. Eine hochgewachsene Silhouette tauchte auf und blickte in die Nacht hinaus, als hätte sie dort etwas Auffälliges gesehen.

Lange genug hatte er ihn studiert, um zu wissen, dass es sich bei der Gestalt am Fenster um seine Zielperson handelte. Wochenlang hatte er sich Fotos angeschaut, war ihm wie ein unsichtbarer Schatten gefolgt und hatte sich an seine Fersen geheftet. Jetzt war es an der Zeit für den Showdown.

Der Mann am Fenster blickte jetzt genau in seine Richtung. Sein Herz raste. Jetzt musste es schnell gehen. War er aufgeflogen? Gab es einen Bewegungsmelder, der ungebetene Gäste gleich anzeigte? Eine zweite Kamera existierte seines Wissens nicht.

Noch während der Besitzer der Villa ins Dunkel starrte, riss der ungebetene Gast die Hand, mit der er die Waffe umklammert hielt, in die Höhe. Noch in der gleitenden Bewegung entsicherte er und legte den Zeigefinger um den Abzug, zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, spürte den mechanischen Widerstand, dann zog er durch. Um den Rückschlag so gering wie möglich zu halten, stützte er den ausgestreckten Arm mit der Waffe ab, sah das Mündungsfeuer aufblitzen, dann ging die große Fensterscheibe mit einem ohrenbetäubenden Klirren zu Bruch. Das Glas bot dem Hausherrn keinerlei Schutz.

Unter das Prasseln des Scherbenregens mischte sich der Schmerzensschrei seines Opfers. Obwohl der Mann versucht hatte, sich mit einem Sprung nach hinten in Sicherheit zu bringen, gelang es ihm nicht, der tödlichen Kugel zu entgehen.

Der spitze Schrei der Frau ging im Lärm unter. Sie hatte also alles mitbekommen, war zur Zeugin geworden.

Gut so.

Als der Mann am Fenster die Arme hochriss und beide Hände flach vor die Brust presste, wusste der Schütze, dass er sein Ziel nicht verfehlt hatte. Er wich zurück und beobachtete das Schauspiel aus sicherer Deckung. Sein Opfer ruderte wild mit den Armen, verlor das Gleichgewicht und stürzte aus dem Fenster in die Tiefe.

Seine Knochen brachen mit einem hässlichen Geräusch, als er hart auf dem Pflaster der Einfahrt vor dem Haus aufkam und sich nicht mehr rührte. In wenigen Sekunden breitete sich eine große Blutlache um den leblosen Körper aus.

Der Schütze verzog angewidert das Gesicht. Eigentlich konnte er kein Blut sehen. In verrenkter Haltung lag der Mann da und rührte sich nicht mehr. Nachdem ein letztes Wimmern über seine Lippen gekommen war, kehrte bedrückende Stille ein, die erst durch den spitzen Angstschrei der Frau durchschnitten wurde. Sie kreischte, stürzte zum zerstörten Fenster, riskierte dabei, auch zur Zielscheibe für den Schützen zu werden, stand barfuß in dem Scherbenhaufen, hielt beide Hände vor das Gesicht und rief einen Namen.

Doch der, den sie rief, rührte sich nicht. Er würde nicht mehr aufstehen.

Mit einem zufriedenen Grinsen steckte der Schütze die Waffe zurück in die Jacke. Das Metall war warm. Schnell duckte er sich in den Schatten der Hecke, eilte in gebückter Haltung davon, verschwand um die nächste Häuserecke, sah im Augenwinkel, wie in einem der Nachbarhäuser Licht aufflammte. Die Nachbarn waren wach geworden. Jetzt war es höchste Zeit zu verschwinden. Seine Mission hatte begonnen.

EINS

Wenningstedt/Sylt, drei Monate zuvor

Er wusste nicht, wie lange er schon wach neben ihr lag. Müdigkeit verspürte er trotz der vorgerückten Stunde nicht, wahrscheinlich lag es daran, dass sein Körper von Endorphinen nur so strotzte. Er hielt kurz den Atem an und lauschte in die Nacht. Irgendwo an der Rückseite des reetgedeckten Hauses klapperte ein Fensterladen. Unheilvoll pfiff der Wind ums Haus, doch das schien sie nicht im Geringsten zu stören. Zusammengerollt wie ein Baby lag sie neben ihm und schlief tief und fest. Seine Blicke störten ihre Nachtruhe nicht, so nutzte er die Gelegenheit, um sie verliebt zu betrachten. Das Licht des Mondes drang durch den Spalt der bodentiefen, blauweiß gemusterten Vorhänge und ließ ihre Haut wie Samt wirken. Verzückt musterte er ihre wunderschöne Kehrseite, hätte am liebsten die Hand ausgestreckt, um sie zu berühren, um mit den Fingerkuppen zärtlich die Konturen ihres Körpers nachzuzeichnen. Es fiel ihm schwer, sie nicht zu streicheln, doch um nichts auf der Welt wollte er ihren tiefen Schlaf stören. Kurz schloss er die Augen und lauschte ihren gleichmäßigen Atemzügen. Sie war, nachdem sie leidenschaftlich miteinander geschlafen hatten, glücklich und erschöpft in seinem Arm vom Schlaf übermannt worden. Obwohl er selber müde gewesen war, hatte er den Moment ausgekostet, sie an seiner Schulter zu spüren, ihrem Atem zu lauschen und ihren Duft zu genießen. Irgendwann hatte sie sich zur Seite gedreht, um ihm den Rücken zuzuwenden. So lag er hinter ihr ebenfalls auf der Seite, den Kopf auf den linken Arm gestützt, und sah sie an.

Er war so glücklich wie nie zuvor in seinem Leben, war mit Anfang vierzig endlich angekommen, hatte die Frau gefunden, mit der er alt werden wollte. Zahlreiche Frauen hatte er in den letzten Jahren gehabt, kein Wunder bei seinem Aussehen und seiner offenen Art, die gut bei den Frauen ankam. Doch bisher hatte er die Richtige nicht gefunden. Jetzt war alles anders.

Angekommen, hallte es in seinem Kopf. Ich bin angekommen.

Er atmete tief durch und inhalierte ihren Duft. Sie roch nach Kokosnuss und exotischen Früchten. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte ihn, er hatte nie an die Liebe seines Lebens geglaubt, hatte stets gehofft, die Hoffnung an der Seite anderer Frauen aber schnell wieder verworfen. Wie sehr er sich geirrt hatte, dachte er jetzt.

Jetzt ist alles perfekt.

Im nächsten Moment legte sich ein Bleigürtel um seine Brust, eine undefinierbare Angst befiel ihn, als er an die Grausamkeiten, die das Leben mit sich brachte, dachte. Das glückliche Lächeln auf seinen Lippen gefror. Eine schwere Krankheit, ein Unfall, der sie aus seinem Leben riss und damit alles zunichtemachte, was den Sinn seines Daseins ausmachte. Er versuchte, die düsteren Gedanken zu verdrängen, doch es gelang ihm nur schwer. So nahm er sich vor, alle Gefahren, die ihr gemeinsames Glück zunichtemachen könnten, bis aufs Blut zu bekämpfen.

Ein Geräusch riss ihn aus den Gedanken. Erschrocken hielt er die Luft an und lauschte mit geneigtem Kopf ins Dunkel des Zimmers.

Es war ihr Haus, doch er wusste, dass das mit Reet gedeckte Gebäude in Sturmnächten eigenartige Laute abgab. Die Dielenböden knarzten, als würde sich jemand darauf bewegen, das Gebälk unter dem Reet knackte, all das machte ihm keine Angst.

Das Geräusch war anders gewesen.

Ein schrilles Poltern, fast, als würde Glas splittern. Unwillkürlich drängte sich ihm die Frage auf, ob im Haus eine Fensterscheibe zu Bruch gegangen war.

Sein Körper versteifte sich, als er den Atem anhielt und in die Stille lauschte. Besorgt streifte sein Blick ihren Körper. Doch sie schlief tief und fest.

Wieder riss ihn ein Geräusch aus seinen Beobachtungen. Es kam von unten, war schwer einzuordnen.

Jemand war im Haus.

Die Härchen auf den Unterarmen richteten sich auf. Er musste nach dem Rechten sehen, musste sie beschützen. Hastig stemmte er seinen Oberkörper in die Höhe. Seine Hände zitterten, als er die leichte Decke zur Seite schlug und sich auf die Bettkante setzte. Eilig erhob er sich, um mit der rechten Hand nach den Boxershorts zu fischen, die neben dem Bett lagen. Das leise Quietschen des Bettgestells klang überlaut. Er hoffte, dass sie nicht doch noch aufwachte. Jetzt verfluchte er den Umstand, dass sich die schwere Taschenlampe im Wagen befand. Schon zigmal hatte er sich vorgenommen, sie mit ins Haus zu nehmen, um sie für den Notfall auf dem Nachtschrank zu deponieren. Er hielt den Atem an und hörte das Blut in seinen Ohren rauschen.

Sie hatte einen festen Schlaf und nicht mitbekommen, dass er aufgestanden war und eilig in die dunkelblau karierten Boxershorts schlüpfte.

Gut so.

Ein wenig entspannten sich seine Gesichtszüge. Barfuß durchquerte er das Schlafzimmer, blieb an der Tür ein letztes Mal stehen, um nach ihr zu schauen. Sie schlief.

Im Zeitlupentempo drückte er die Türklinke nieder, öffnete die Schlafzimmertür einen Spalt und steckte den Kopf hinaus, um ins Dunkel des Hauses zu lauschen.

Wieder hörte er ein Geräusch, das er nicht zuordnen konnte. Es war aus der Küche im Erdgeschoss gekommen. Seine Hand zitterte, als er sie auf das hölzerne Geländer der kleinen Treppe legte. Er schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass die Stufen jetzt nicht knarrten, so, wie sie es sonst taten, wenn sich das Wetter änderte. Draußen pfiff ein eisiger Wind um die Mauern des alten Hauses. Schnell huschte er die Treppe hinab und stand jetzt im unteren Flur. Linkerhand befand sich die schwere Haustüre, daneben die Garderobe. Ihre gesteppten Jacken hingen unverändert an den gusseisernen Haken hinter der Tür. Wenn sich jemand im Haus befand, dann war er nicht durch die Haustür gekommen. Rechts lag die Tür zur Küche und zur Stube mit Blick in die Dünen.

Ein scharrendes Geräusch zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Jetzt war es eindeutig: Schritte in der Küche, vorsichtig gesetzt. Offensichtlich war der Fremde durch das Küchenfenster ins Haus eingedrungen. Das hatte also

das klirrende Geräusch verursacht, das ihn erschreckt hatte.

Er konnte hören, wie die Sohlen des Einbrechers über Glasscherben streiften und knirschende Geräusche erzeugten.

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Einbrecher waren auf der Insel eher selten anzutreffen – zu kompliziert war den Tätern die Flucht mit dem Sylt-Shuttle, zu groß die Gefahr, noch am Bahnhof in Westerland von der Polizei festgesetzt zu werden. Trotzdem gab es in letzter Zeit immer wieder Einbrecher, die sich in den verwaisten Dünenhäusern wertvolle Beute versprachen. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass ein Großteil der Immobilien auf der Insel nur während der Feriensaison bewohnt wurde. Jetzt, im Herbst, waren zahlreiche der prächtigen Häuser verlassen. Sie standen oft wochenlang leer und wurden nur von Hausmeistern betreut, die regelmäßig kamen, um nach dem Rechten zu sehen. Die Kriminalität auf Sylt hielt sich in Grenzen, von einer heilen Welt wollte hier trotzdem niemand reden.

Warum habe ich mir immer noch keinen Baseballschläger ans Bett gestellt?, fragte er sich mit einer Mischung aus Wut und Angst, als er eine Hand auf die Türklinke legte. Was, wenn der Einbrecher bewaffnet ist? Würde es ihm gelingen, den Fremden in die Flucht zu schlagen? Hektisch blickte er sich um. Sein Blick fiel auf ihren großen „Schietwetter“-Regenschirm, der am Haken der Garderobe hing.

Besser als nichts, dachte er und streckte die Hand nach dem Schirm aus. Mit beiden Händen umklammerte er den Griff, bereit, damit zuzuschlagen. Nachdem er ein letztes Mal tief durchgeatmet hatte, hob er das rechte Bein und trat mit voller Wucht die Küchentür auf. Sie würde ihm verzeihen, wenn er das Türblatt beschädigte, da war er sicher. Immerhin ging es darum, den Einbrecher zu stellen und sie zu schützen.

Mit einem Knall schlug die Tür an die dahinterliegende Wand. Spätestens jetzt ist sie aufgewacht, durchzuckte es ihn. Entgegen seiner Befürchtung regte sich oben nichts. Sie hatte einen festen Schlaf.

Das Holz des Türblatts scharrte über Glasscherben, um kurz darauf zurückzupendeln. Mit einem einzigen Satz sprang er in die Küche und hoffte, das Überraschungsmoment auf seiner Seite zu haben. Er registrierte das zerstörte Fenster, dann fiel sein Blick auf den Stein, der in der Mitte des Raums am Fußboden lag – die Tatwaffe. Im selben Moment tauchte der Schatten in seinem Augenwinkel auf. Jemand hatte sich versteckt, um jetzt mit einem Sprung seine Deckung zu verlassen.

Während er noch herumwirbelte, dabei den Arm mit dem Schirm nach oben riss, spürte er den entsetzlichen Schlag am Hinterkopf. Im Bruchteil einer Sekunde sah er grelle Blitze vor den Augen auftauchen, dann fühlte es sich an, als würde sein Körper von innen heraus explodieren. Ihm wurde es heiß und kalt, bevor er mit einem ächzenden Laut in die Knie ging. Dass er mit dem Gesicht in die Scherben auf dem Boden fiel, spürte er schon nicht mehr.

*

Als er zu sich kam, schmerzte ihm jeder Knochen. Im Mund einen pelzigen Geschmack, die Augenlider schwer wie Blei, wünschte er sich im ersten Moment zu sterben. Übelkeit stieg in ihm auf, eine Sekunde lang fürchtete er, dass er sich übergeben musste. Es dauerte einen Moment, bis die Erinnerung sich schmerzhaft in sein Bewusstsein brannte. Die durchwachte Nacht mit der Liebe seines Lebens, die eigenartigen Geräusche in der Küche, das eingeschlagene Fenster, der Überfall. Er öffnete die Augen, blinzelte und wurde vom grellen Licht der Küchenlampe geblendet.

Vom Täter keine Spur.

Sein Kopf fiel zur Seite. Als er die Muskeln anspannte, knirschte es unter ihm. Er lag mitten im Scherbenhaufen der eingeschlagenen Fensterscheibe.

Ein brennender Schmerz in der Stirn brachte ihn an den Rand des Wahnsinns. Vorsichtig tastete er nach der schmerzenden Stelle. Ein harter Gegenstand steckte wie die spitze Klinge eines winzigen Messers in seinem Kopf. Er fixierte die Scherbe mit Daumen und Zeigefinger, biss die Zähne zusammen und stöhnte auf, als der Schmerz an Intensität zunahm und drohte, ihm den Verstand zu rauben. Blut trat aus der Wunde aus und besudelte seine Finger. Doch es gab kein Zurück mehr. Wenn er wollte, dass die Qual aufhörte, musste der Fremdkörper aus seinem Körper verschwinden. Fest packte er zu, hielt die Luft an und spürte dennoch die Hitze, die sich schlagartig in ihm ausbreitete. Mit einer schnellen, ruckartigen Bewegung zog er an dem Splitter in der Stirn. Ein Schmerzensschrei entrang sich seiner Kehle, dann betrachtete er den Gegenstand in der blutverkrusteten Hand. Eine Glasscherbe, scharf wie ein Messer und spitz wie ein Dolch.Gut zwei mal drei Zentimeter groß. Wütend warf er die Scherbe zu Boden.

Sekundenlang schloss er die Augen und versuchte, sich zu sammeln.

Ein eisiger Luftzug wehte in die Küche, verfing sich in der weißblau karierten Tischdecke und blähte sie auf. Im Zeitlupentempo wandte er den Kopf und öffnete die Augen wieder. Das Stofftuch schien ein seltsames Eigenleben zu entwickeln. Ein unheimliches Schauspiel. Langsam gelang es ihm, seine Gedanken zu ordnen.

Der Schmerz wurde von seiner Sorge um sie verdrängt. War ihr etwas zugestoßen? Er versuchte, den Atem anzuhalten, lauschte. Im Haus herrschte Stille. Befand sich der Einbrecher noch hier, oder war er längst über alle Berge?

Ein gequälter Laut kam über seine Lippen. Mit schmerzverzerrter Miene richtete er sich auf. Vorsichtig tastete er über die dicke Beule an seinem Hinterkopf. Sofort spürte er eine klebrige Substanz zwischen den gespreizten Fingern. Sein eigenes Blut. Er verdrängte den Schmerz, so gut es ging. Die Angst um sie trieb ihn vorwärts. Er musste zu ihr, nach dem Rechten sehen. Schwerfällig richtete er sich auf. Jeder Muskel bereitete ihm Höllenqualen.

Sekundenlang kämpfte er gegen den Schwindel an, umklammerte die Lehne des Küchenstuhls, sammelte Kräfte und atmete tief durch.

Schwankend verließ er die Küche. Wenn ihr etwas zugestoßen war, würde er sich dafür die Schuld geben, dann würde er versagt haben. In seiner Angst spürte er gar nicht, dass er barfuß inmitten der Glasscherben gestanden hatte und jetzt mit jedem Schritt eine Blutspur durch das Haus zog. Mit zitternden Händen umschloss er das Treppengeländer. Mühsam zog er sich nach oben, jede Stufe ein Kampf. Übelkeit stieg wieder in ihm auf. Schwer kämpfte er gegen die drohende Ohnmacht an.

Noch eine Schwäche wollte er sich nicht erlauben. Er musste da sein für sie, wollte sie beschützen. Allein der Gedanke, dass er möglicherweise bereits zu spät kam, trieb ihn voran.

Dunkel lag der obere Flur jetzt vor ihm. Er hielt am Treppenabsatz inne, um zu lauschen. Kein Laut drang an seine Ohren. War der Einbrecher hier oben, war er bei ihr?

Der Gedanke trieb ihn an den Rand des Wahnsinns. So schnell es ging, setzte er seinen Weg zum Schlafzimmer fort. Hier überholte ihn das Grauen, denn der Anblick, der sich ihm bot, entlockte seiner Kehle einen dumpfen Laut.

Sie war da. Lag neben dem Bett, fast so, als wäre sie herausgefallen. Auf dem Rücken, den starren Blick an die Decke des Schlafzimmers gerichtet, der Mund einen Spalt breit geöffnet. In ihrem Blick lag die pure Todesangst. Grotesk standen Arme und Beine von ihrem Körper ab, die Beine gespreizt, die Arme angewinkelt, der rechte Oberarm nach unten, der linke nach oben.

Fast wie ein Hakenkreuz, durchzuckte es ihn. Wie gebannt blickte er in ihr Gesicht, versuchte, Leben in ihren gebrochenen Augen zu erkennen, eine Regung an ihrem Körper zu registrieren.

Vergeblich. Der Einbrecher war schneller gewesen, hatte es sich zunutze gemacht, dass er ihn außer Gefecht gesetzt hatte.

Alles, nur das nicht, schrie alles in ihm, während er sie aus tränenverschleierten Augen betrachtete.

Erst im zweiten Augenblick wurde ihm klar, dass sie inmitten einer Blutlache lag. Mit einem Schrei brach er zusammen.

Ich habe versagt.

Sie war gestorben, weil er sich von dem Angreifer hatte niederstrecken lassen. Wut mischte sich unter die Trauer über den Verlust, dann spürte er, wie seine Kräfte schwanden. Das Letzte, an das er dachte, war, dass sein Leben keinen Sinn mehr hatte, dann würgte er und konnte nicht verhindern, dass er sich auf dem Fußboden im Flur übergab.

ZWEI

Ostenfeld, 1.35 Uhr

Sie hatte schlecht geschlafen. Die Sache mit Eike machte Wiebke seit Wochen schon zu schaffen. Ihr Freund war als Frontmann der Band „Sleepless“ auf Deutschlandtournee und meldete sich seit Tagen nicht bei ihr. Auch ihre vergeblichen Anrufe und Wiebkes Textnachrichten ignorierte er hartnäckig. Gäbe es nicht das Profil seiner Band auf Facebook, Wiebke würde sich ernsthafte Sorgen machen, ob er überhaupt noch lebte. Seit einigen Monaten schon führten sie eine dieser „On/Off“-Beziehungen. Immer, wenn Eike bei ihr war, zeigte er sich als verständnisvoller, einfühlsamer Mann, als leidenschaftlicher Liebhaber, als guter Zuhörer und als bester Freund für die Kommissarin. Doch sobald er in den Tourbus stieg, schien er in eine andere Welt einzutauchen. In die eines Rockstars, der nur für die Bühne lebte und der kein Privatleben hatte. Wiebke wagte es nicht sich, auszumalen, was er nach den Auftritten im Hotelzimmer tat.

Alles um sich herum, sein bürgerliches Leben, seine kleine Tochter, seine Freundin, all das ließ er vor dem Bus zurück. Einmal auf Tour, war Eike Godemann ein anderer Mensch.

Wiebke war fast dankbar, als sie den Klingelton ihres Handys wahrnahm, der wie durch Watte an ihre Ohren drang und sie aus dem Halbschlaf weckte. Das Smartphone lag auf dem Ankleidestuhl neben dem Bett. Die Vibration des Akkus erinnerte Wiebke an eine wütende Hummel. Das Telefon wanderte über den Stuhl und drohte, zu Boden zu fallen.

Schnell richtete sich Wiebke auf, sie gähnte herzhaft und spürte einen stechenden Kopfschmerz in der Stirn. Ihr war, als hätte sie einen dicken Kloß in ihrem Hals, ihre Stimmbänder und ihre Mandeln schmerzten.

Oh nein, dachte sie. Eine Erkältung kann ich jetzt nicht gebrauchen.

Schlaftrunken fischte sie nach dem Handy, warf einen Blick auf das Display und erkannte, dass es sich bei dem Anrufer um Jan Petersen handelte. Es hatte sicher nichts Gutes zu bedeuten, wenn ihr Kollege sie zu dieser Zeit anrief.

„Moin“, sagte ihr Partner viel zu gut gelaunt, nachdem sie das Gespräch angenommen hatte. „Kannst dich flott aufhübschen und dann ausrücken. Wär nett, wenn du mich mitnimmst.“

„Was ist passiert?“, krächzte Wiebke in den Hörer. Sie gähnte herzhaft und fuhr sich mit der freien Hand durch das Gesicht.

„Mann Mädchen, ist alles gut bei dir? Du klingst, als hättest du eine Hafenkneipe leergetrunken.“ Petersen klang besorgt.

„Na danke auch“, erwiderte sie heiser und räusperte sich. „Ich glaube, ich hab mir was eingefangen.“ Wieder räusperte sie sich. „Wie dem auch sei – solange ich den Kopf nicht unter dem Arm trage, bin ich ansprechbar. Also, was ist los?“

„Es hat eine Schießerei draußen in Hockensbüll gegeben.“ Seine Stimme klang ebenfalls rau, was aber an zig Zigaretten und literweise Whisky lag – so klang es jedenfalls. Dabei trank er nicht. Auch das Rauchen hatte der geschiedene Endvierziger vor Jahren schon aufgegeben. Manchmal fragte Wiebke sich, was ihr Partner in seiner Freizeit trieb. Sie stellte fest, dass sie noch immer nicht viel von ihm wusste, und das, obwohl sie im Dienst Tag und Nacht zahlreiche Stunden Seite an Seite verbrachten.

„So kann die Woche ja anfangen“, murmelte Wiebke schlaftrunken. Es war Montag. Hinter ihr lag ein ruhiges Wochenende, das sie einmal mehr ohne Eike verbracht hatte. Wiebke verdrängte die düsteren Gedanken und konzentrierte sich auf Jan Petersens Anruf. „Weiß man schon mehr?“

„Mord. Ein Heckenschütze hat den Geschäftsführer der Messegesellschaft in seinem Haus erschossen.“

„Ein Anschlag auf den Fürsten von Husum?“ Wiebke war auf der Stelle hellwach. „Hans Olaf Berger ist tot?“ Der Unternehmer war in Nordfriesland bekannt wie ein bunter Hund. Da ihm nachgesagt wurde, die Finger in allen Geschäften zu haben und dass seine Macht auch bis in die Politik reichte, bezeichnete man ihn als den „Fürst von Husum“.

„Jo“, machte Petersen. „Berger ist am Fenster seiner Villa abgeknallt worden.“

„Um diese Uhrzeit?“ Wiebke runzelte die Stirn. „Was gibt es da am Fenster zu sehen?“ Die rot glühenden Ziffern ihres Weckers zeigten, dass es fast zwei Uhr morgens war. Hinter dem Dachfenster ihres kleinen Schlafzimmers herrschte Dunkelheit, nicht einmal der Mond und Sterne hatten es in den letzten Stunden geschafft, die tief hängenden Wolken zu verdrängen.

„Wann wäre es dir denn lieber?“ Petersen lachte. „Am helllichten Tage geschieht so etwas eher selten.“

„Also ein gezieltes Attentat?“ Wiebke versuchte vergeblich, ihre Gedanken zu ordnen.

„Klar. So was ist ja kein Zufall“, schnaubte Petersen.

Wiebke begab sich durch den langen Flur ihrer Dachgeschosswohnung in Richtung Küche. „Sind die Flensburger schon im Boot?“

„Die Kollegen von der Bezirkskriminalinspektion wissen Bescheid und sind im Anmarsch.“ Petersen räusperte sich. „Aber wenn du schnell bist, sind wir die Ersten, Mädchen.“

„Ich bin immer schnell.“ Wiebke lächelte, was Petersen am anderen Ende der Leitung nicht sah. Sie klemmte das Telefon zwischen Schulter und Kinn und schaltete das Küchenlicht ein, um die Kaffeepadmaschine startklar zu machen. Sie rief sich in Erinnerung, was sie über das Mordopfer wusste. Hans Olaf Berger war in Husum beliebt und gefürchtet zugleich. Seine Kritiker sagten ihm nach, dass er seine Hände überall dort im Spiel hatte, wo große Geschäfte gemacht wurden. Immer wieder wurde Berger hinter vorgehaltener Hand mit dem Begriff Korruption in Verbindung gebracht. Seine Freunde hingegen attestierten dem Unternehmer ein glückliches Händchen, wenn es darum ging, den Umsatz zu steigern und Kohle zu machen, wo es ging. Berger war prominenter als der Bürgermeister der grauen Stadt – er lächelte überall dort in die Kameras der Reporter, wo ein neues Gebäude feierlich und damit pressewirksam eröffnet wurde. Ihm gehörten Kaufhäuser, Gastronomiebetriebe, zwei Hotels in Büsum und Sankt Peter-Ording, ein Golfplatz auf Sylt und die Messe von Husum. Zusätzlich war er an privat geführten Krankenhäusern und einem Altenheim beteiligt gewesen.

„Bring mich auf Stand, Jan – was ist genau passiert?“

„Nachbarn sind vom Klirren der Scheibe aufgewacht, das muss einen Höllenlärm gemacht haben.“

„Ich bin in zwanzig Minuten da“, versprach Wiebke, während sie das blinkende Licht der Kaffeemaschine beobachtete. Sie nahm eine Tasse aus dem Regal über dem kleinen Tisch, schob sie unter den Ausguss und drückte den Knopf, als das Lämpchen dauerhaft leuchtete.

„Ich nehm auch einen Kaffee“, bemerkte Petersen, der das sonore Brummen der Maschine am anderen Ende der Leitung richtig deutete.

„Bring ich dir mit.“

„Zwei Stück Zucker und viel Milch – wie immer.“

„Kriegst du.“ Wiebke lachte. „Du bist mir ein Heini.“

„Danke, dann spring ich jetzt auch mal in die Buchse.“ Petersen beendete das Gespräch. Wiebke legte das Smartphone auf den Tisch, nahm zwei Thermobecher aus dem Hängeschrank, füllte den Kaffee um und bereitete gleich einen zweiten vor. Dann überlegte sie es sich anders und setzte den Wasserkocher in Gang. Ein heißer Tee mit einer Portion Honig würde gegen die Heiserkeit und die Halsschmerzen besser helfen als der Kaffee. Sie verschwand im Bad, um sich eine Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht zu werfen. Es gab Arbeit – vielleicht war das gut so, um ein wenig Ablenkung von ihren Beziehungsproblemen zu bekommen.

DREI

Wenningstedt/Sylt, drei Monate zuvor

„Was starrst du mich denn so an?“, fragte sie lächelnd, als sie seinen angsterfüllten Blick sah. Noch immer toste der Sturm um die Mauern des reetgedeckten Hauses. Irgendwo klapperte ein Fensterladen.

„Du lebst?“ Er konnte es nicht fassen, hatte sie doch eben noch blutüberströmt und regungslos dagelegen. Jetzt richtete sie sich im Bett auf und nahm im Schneidersitz vor ihm Platz. Die Laken waren zerwühlt, was aber nicht der Attacke eines Einbrechers zuzuschreiben war, sondern ihrer leidenschaftlichen Liebesnacht, die hinter ihnen lag.

„Annika, ich …“

„Ja?“ Mit fragender Miene legte sie den Kopf schräg, blies sich eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn und streckte die Hand aus, um ihn zu berühren.

Er benötigte einen Moment, bis er in der Realität angelangt war und registrierte, dass er die schreckliche Szene, die er eben erlebt hatte, offenbar nur geträumt hatte. Alles war so real gewesen, so grausam. Sein Herz raste, sein Mund war trocken. Er schluckte, dann rang er sich ein Lächeln ab.

„Ich glaube, ich hatte einen schrecklichen Albtraum“, stammelte er tonlos. Er starrte sie an wie einen Geist, konnte nicht glauben, dass sie lebte.

„Das glaube ich auch“, sagte sie einfühlsam, krabbelte an den Bettrand und zog ihn zu sich. „Ich lebe“, hauchte sie ihm zwischen zwei Küssen ins Ohr. „Und wie ich lebe.“ Sie schickte ihre Hände auf Wanderschaft, zog mit ihren Fingerkuppen größer werdende Kreise auf seinem Oberkörper, hauchte ihm Küsse auf die Haut und sorgte dafür, dass der Albtraum verblasste. „Was auch immer es war, ich bin lebendig, sehr lebendig sogar, und ich habe Lust auf dich.“

Er spürte, wie die Hitze in seine Lenden stieg, umarmte sie, genoss ihre Nähe und erwiderte ihre Küsse. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte ihn eine Frau derart um den Verstand gebracht, nie zuvor hatte er eine solche Leidenschaft gespürt. Es war, als hätten sie sich gesucht und gefunden, es schien, als wären sie füreinander gebaut.

Als sie ihren Kopf in seinen Schoß sinken ließ und ihn mit ihren Lippen umschloss, war der Albtraum schon fast nicht mehr greifbar. Er legte den Kopf in den Nacken und gab sich ihren Liebkosungen hin. Als sie zurück ins Laken sank und ihm fordernd das Becken entgegenstreckte, war es ihm, als hätte er diesen schrecklichen Albtraum nie zu zuvor gehabt. Es gab nur noch sie beide in dieser Nacht, es schien, als wäre die ganze Welt um sie herum versunken. Als ihrer Körper miteinander verschmolzen, hatte er längst vergessen, warum er kurz vorher aufgewacht war.

VIER

Husum, Süderstraße

„Weißt du“, sagte Petersen, als er eine Viertelstunde später in Wiebkes kleinen Fiat stieg und ihr die Adresse des Einsatzortes genannt hatte, „was mir am meisten stinkt?“ Umständlich schnallte er sich an und nahm dankbar den Thermobecher mit Kaffee entgegen, den sie ihm reichte. Wiebke beantwortete die Frage ihres Partners nicht. Sie steuerte den Panda durch die nächtlichen Straßen von Husum und ließ Petersen reden.

„Mir stinkt es, dass wir aus dem Bett geklingelt werden, die Drecksarbeit machen dürfen und nur die Vorhut für die Kollegen aus Flensburg sind.“

„Das ist nun mal unser Job“, erwiderte sie und gab ihm in Gedanken recht. Wiebke wusste, wovon ihr Partner sprach. Es würde keine zwei Stunden dauern, bis ihre Kollegen vom K 1 aus Flensburg anrollten und sich den Mordfall unter den Nagel rissen. Seitdem die Kriminalpolizei Husum und Flensburg vor Jahren fusioniert wurden, galt es, Hand in Hand zu arbeiten. „Aber wir sind schon vor Ort, und wir kennen uns hier aus.“

„Ja ja, die Ortskenntnisse.“ Petersen winkte ab, nahm einen Schluck von seinem Kaffee, verbrannte sich prompt die Lippen und fluchte ungestüm. „Dabei kennen wir unser Opfer – im Gegensatz zu den Flensburgern. Wir wissen, wer Hans Olaf Berger war und was er für Husum bedeutet hat.“

„Und wir wissen, dass er nicht überall beliebt war“, stimmte Wiebke ihm zu. Sie beobachtete im Augenwinkel, wie Jan Petersen das Smartphone aus der Tasche seiner Lederjacke zog und den Namen des Mordopfers in eine Suchmaschine eingab. Im Widerschein des Handy-Displays schimmerte sein unrasiertes Gesicht bläulich.

„Da“, sagte Petersen triumphierend und hielt das Handy hoch. „Die Mäuler hat man sich über ihn zerrissen, weil er angeblich in krumme Geschäfte verwickelt war, weil er immer wieder mit Korruption in Verbindung gebracht wurde und weiß der Geier was.“

„Das sind doch alles Halbwahrheiten“, entgegnete Wiebke. „Was wissen wir wirklich über Berger?“ Sie dachte einen Moment lang nach und gab sich dann selbst die Antwort. „Er war ein einflussreicher

Geschäftsmann. Ihm gehörte eine Baufirma, zahlreiche Geschäfte, und er saß im Vorstand von einem Altenheim. Ach ja, er war Geschäftsführer der Messegesellschaft, die sich vor einigen Jahren mit der Hamburger Messe um die Windkraft-Ausstellung gestritten hat.“

„Und er wurde schon öfters wegen Steuerhinterziehung angeklagt, ihm wurden wechselnde Damenbekanntschaften nachgesagt, und man munkelt von Bestechung, um Geschäfte durchsetzen zu können.“

„Nachweisen konnte ihm niemand etwas“, nickte Wiebke, die sich an die Berichte in den Husumer Nachrichten erinnerte. Sie überlegte, was sie von seinem Privatleben wusste. Viel war es allerdings nicht. „Soweit ich weiß, war Berger verheiratet, Kinder gibt es aber wohl keine“, fasste Wiebke zusammen. Sie ließ den Panda über das Kopfsteinpflaster der verlassenen Norderstraße und den Markt rollen. Der Tine-Brunnen und die Marienkirche waren angeleuchtet, der Marktplatz lag verwaist zu ihrer linken Seite.

„Da“, machte Petersen und deutete nach rechts, als sie das Einkaufszentrum auf der rechten Seite passierten. „Das würde wohl auch nicht existieren, wenn Berger nicht seine schmutzigen Hände im Spiel gehabt hätte.“

Wiebke seufzte. „Fakt ist, dass Berger seinerzeit als einer der Investoren viel Geld in das Bauvorhaben gesteckt hat. Ob da alles mit rechten Dingen zuging, weiß wohl kaum jemand.“

„Fakt ist aber auch, dass Hans Olaf Berger eine schillernde Person im Husumer Geschäftsleben war, die nicht nur Freunde hatte“, resümierte Jan Petersen und nippte an seinem Kaffee.

„Was die Suche nach dem oder den Tätern nicht gerade leichter macht“, stimmte Wiebke ihrem Partner zu.

„Meine Rede“, nickte Petersen.

„Damit können sich dann die Kollegen aus Flensburg beschäftigen“, erwiderte Wiebke. Fast war sie ein wenig erleichtert darüber, denn sicherlich würde niemand aus Bergers Dunstkreis erfreut sein, wenn die Polizei unbequeme Fragen stellte. Einflussreiche Menschen konnten sich die besten Anwälte leisten, die den Ermittlern die Arbeit unnötig erschwerten.

Wiebke bog kurz, nachdem die Schobüller Straße zur Nordseestraße wurde, nach links in einen schmalen Weg ab. Als der kleine Fiat durch ein Schlagloch rumpelte, rutschte Petersen das Smartphone aus der Hand. Fluchend bückte er sich in den Fußraum, um nach dem Handy zu suchen. „Verdammt – wo wohnt Berger denn hier? Das ist ja voll in der Pampa“, bemerkte er.

Wiebke musste grinsen. „Fast so, als müsse er sich in seiner Freizeit verstecken.“ Jetzt verlief der Westerweg fast schnurgerade auf die Salzwiesen zu. Den Einsatz-

ort sahen sie von Weitem. Das Blaulicht der Streifenwagen zuckte gespenstisch durch die Nacht. Am Ende der Straße hielt sich Wiebke links. Die Straße wurde schmaler und führte parallel an der Salzwiese entlang. Einzelne Häuser und ein heruntergekommener Bauernhof, weiter hinten reetgedeckte Häuschen mit Backsteinfassaden.

Das Haus der Bergers befand sich auf der linken Seite. Es strahlte auf den ersten Blick schon den Reichtum und die Macht seines Besitzers aus. In der Einfahrt standen zwei Rettungswagen, ein Streifenwagen und der Sprinter der Kriminaltechnik. Trotz der nachtschlafenden Stunde hatten sich zahlreiche Schaulustige am Absperrband versammelt. Es hatten sich Gruppen gebildet, die in teils heftige Diskussionen verwickelt waren. Einige hielten ihre Smartphones hoch, um zu fotografieren und zu filmen.

„Ich kotz gleich im Kreis“, brummte Petersen.

Wiebke spürte auch eine gewisse Abneigung gegen die Gaffer. „Das ist unsere schöne multimediale Zeit“, versuchte sie, sich diplomatisch auszudrücken.

„Da ist der Mord an Berger schon auf YouTube, bevor wir die ersten Zeugen befragen können“, ächzte Petersen kopfschüttelnd.

„Die Kollegen vom Streifendienst halten die Gaffer ja schon auf Distanz.“

„Platzverweise sollten sie erteilen, damit wir in Ruhe unsere Arbeit machen können“, maulte Petersen. Wiebke gab ihm in Gedanken recht. Sie griff nach dem Thermobecher mit dem Tee, dann stiegen sie aus. Wiebke fröstelte, als der kühle Nordseewind ihr ins Gesicht wehte. Sie schlug den Kragen ihrer gesteppten Jacke hoch und zog den Reißverschluss zu. Zwei Kollegen vom Streifendienst hielten an der Absperrlinie Stellung. Die Schaulustigen tuschelten leise, als sich Wiebke und Petersen einen Weg durch die Menge bahnten.

„Moin“, sagte Wiebke und nahm einen Schluck Tee. Der Honig schmeichelte ihrem Hals. Der Polizist, der ihnen am nächsten stand, nickte ihnen zu. Wiebke kannte den uniformierten Kollegen flüchtig. Jens Carstensen, ein strohblonder, hagerer Typ mit wachen blauen Augen. Wiebke registrierte mit einem einzigen Blick, dass der Kollege ihm viel zu ausgeschlafen erschien. Sie schmunzelte. „Und?“

Der Kollege vom Streifendienst winkte Wiebke und Petersen über das Absperrband außerhalb der Hörweite aller Schaulustigen. „Warum ihr hier seid, wisst ihr ja“, erklärte er. „Attentat auf Hans Olaf Berger. Er hat am Fenster gestanden, als ihn der tödliche Schuss traf, stürzte in die Tiefe und war sofort tot.“

Wiebke folgte seinem Blick. Unter dem großen Fenster glitzerten Scherben. Eine Gestalt lag darunter in einem Meer aus Glassplittern und Scherben. Arme und Beine standen in verrenkter Haltung vom Körper ab. Man hatte eine dunkle Folie über dem Leichnam ausgebreitet.

„Warum steht man mitten in der Nacht am Fenster?“, brummte Petersen und kratzte sich am Hinterkopf.

„Womöglich, weil der Hund angeschlagen hat“, erklärte Carstensen. „Das haben Nachbarn berichtet: Erst das Hundegebell, dann der Schuss und das Klirren der großen Fensterscheibe und dann der Schrei einer Frau.“

„Also gibt es eine Zeugin?“ Wiebke warf Petersen einen schnellen Blick zu.

„Ja, Berger war wohl nicht alleine zum Zeitpunkt des Attentates.“

„Seine Frau muss unter Schock stehen“, vermutete Wiebke.

Carstensen schüttelte mit säuerlicher Miene den Kopf. „Nee, die wird wohl eher vor Wut schäumen, wenn sie davon erfährt. Es war die Geliebte von Hans Olaf Berger, die mit ansehen musste, wie ihr Lover erschossen wurde. Eine gewisse Annika Rüther.“

„Sieh einer an“, bemerkte Petersen. „Vielleicht war es sogar die gehörnte Ehefrau, die sich so rächen wollte.“

„Das herauszufinden ist euer Part, Kollegen“, grinste der Streifenpolizist.

„Das werden wir tun, worauf du dich verlassen kannst“, nickte Petersen. Er wandte sich Wiebke zu. „Dann mal los, lass uns mal nach dem Rechten schauen.“

Wiebke zögerte. „Wie geht es der Geliebten von Berger?“, fragte sie.

„Annika Rüther hat Schnittwunden an den Füßen, weil sie wohl barfuß in den Scherben gestanden hat. Prellungen an Knien und Ellbogen, weil sie sich mit einem Satz nach hinten in Sicherheit bringen wollte. Und sie steht natürlich unter Schock, wird vom Notarzt und Seelsorger im RTW versorgt.“ Der junge Polizist zeigte auf einen der beiden Rettungswagen. Wiebke schaute an Carstensen vorbei und ließ die Szenerie auf sich wirken. Eine mannshohe, blickdichte Hecke schützte die Hausbesitzer vor neugierigen Blicken. Nur durch das offen stehende Tor konnte man vom Weg aus einen Blick vom großzügig angelegten Grundstück der Bergers erhaschen. Der Rasen war penibel kurz geschoren, eine breite, gepflasterte Einfahrt führte vom Tor aus vor das Portal. Das Haus von Hans Olaf Berger war zweigeschossig. Der modern anmutende Bau wurde von großen Fensterflächen beherrscht. Vor dem Eingang gab es ein Vordach, das von zwei massiven Steinsäulen gestützt wurde. Darüber befand sich eine Art Balkon, daneben eine große Fensterfront, die zerstört worden war. Der Wind verfing sich in den bodentiefen Vorhängen. Im Haus selber brannte trügerisch anheimelndes, dezentes Licht. Wiebke vermutete, dass man von dort aus über die Salzwiesen auf das Meer blicken konnte.

„Zeugen?“, fragte sie, ohne sich von dem Anblick loszureißen.

„Indirekt“, antwortete Carstensen. „Barbara Gerlach bewohnt eines der benachbarten Ferienhäuser. Gesehen hat sie wohl nichts, aber sie wurde vom Lärm geweckt, als das große Fenster zu Bruch ging.“

„Kein Auto, das sich mit hohem Tempo entfernt hat, nichts?“, versuchte es Petersen.

„Nein, absolut nichts Auffälliges.“ Carstensen schüttelte den Kopf. „Womöglich befindet sich der Schütze noch in der Nähe.“

„Wir sollten einen Heli kommen lassen“, schlug Petersen vor.

„Schon dabei.“ Wiebke zückte das Handy und forderte einen Hubschrauber an, der die Gegend mit einer Wärmebildkamera absuchte. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Täter so auf der Flucht gestellt wurde. „Und wir brauchen Verstärkung, die sich um die Anwohner kümmert“, sagte sie an Carstensen gewandt.

„Das habe ich bereits veranlasst, Kollegen. Müsste jeden Moment eintreffen.“

„Sehr gut“, lobte Wiebke. „Dann würde ich jetzt gern ins Haus.“

„Sprich das mit Piet ab, dazu kann ich euch nichts sagen.“

„Wird gemacht.“ Wiebke nickte Petersen zu. Seite an Seite marschierten sie die Auffahrt zum Haus hinauf. Sie ließen Carstensen zurück. Wiebke erhoffte sich einen vorläufigen Bericht von dem schrulligen Kriminaltechniker, fürchtete aber, dass er noch nicht viel zum Geschehen sagen konnte.

„Piet wird sich bedanken, wenn wir ihm jetzt schon auf den Sack gehen“, raunte Petersen und sprach Wiebkes Gedanken aus.

„Da muss er durch, fürchte ich.“ Sie hatte zuerst die offen stehende Haustür erreicht, Petersen stand einen Schritt hinter ihr und überließ ihr den Vortritt. Wiebke blieb an der Schwelle stehen und rief nach Piet Johannsen, dem Leiter der Husumer Kriminaltechnik.

„Wer stört?“, ertönte eine dumpfe Stimme aus dem Obergeschoss.

„Sabbel nich‘, trau dich runter“, rief Petersen nach oben. Einen Moment später kam Johannsen die Treppe herunter. Er trug einen weißen, faserfreien Overall.

„Ausgeschlafen?“

„Abgebrochen.“ Wiebke hatte keine Lust auf Sprüche. „Hast du schon was für uns?“

„Zwei Weingläser, eine fast geleerte Pulle Rotwein, eine verrammelte Wolldecke auf dem Sofa und unzählige Scherben.“

Wiebke hatte Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Dürfen wir trotzdem gucken? Ich würde mir gern einen Überblick vom Tatort verschaffen.“

„Wenn ihr auf dem Trampelpfad bleibt und nichts anfasst.“

„Wie lange sind wir bei dem Trachtenverein, für wie blöd hältst du uns, Piet?“ Petersen hob eine Augenbraue.

„Kommt schon, damit ich weitermachen kann.“ Johannsen gab ihnen ein Zeichen. Sie folgten ihm in den quadratischen Flur des Hauses. Wiebke fiel der kühle Einrichtungsstil sofort auf. Die typischen Dekoelemente anderer Wohnhäuser gab es hier nicht – keine Buddelschiffe auf der Fensterbank, keine hölzernen Möwen und keine großen Bilder mit Leuchttürmen, nichts. Stattdessen neben der Tür und an der Treppe ins Obergeschoss übergroße Gemälde mit abstrakten Motiven, die Wiebke nicht zuordnen konnte. Sie war keine Kunstkennerin, konnte einen farbenfrohen Kandinsky kaum von den Werken eines Marc Chagall unterscheiden. Kurz schloss sie die Augen und sog die Luft durch die Nase ein. Es roch nach Reinigungsmitteln.

„Hier – anziehen bitte.“ Johannsen war vor einer Alukiste in die Hocke gegangen und fischte zwei Einmalanzüge, Handschuhe und Überzieher für die Schuhe heraus. Beides hielt er Petersen und Wiebke hin.

„Muss das sein?“, maulte Petersen.

Anstelle einer Antwort stöhnte Piet Johannsen gequält auf.

Petersen zwängte sich umständlich in den Overall. Wiebke konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Nachdem sie in die dünnen Overalls geschlüpft waren und die Überzieher über den Schuhen trugen, folgten sie Johannsen über die breite Treppe in das Obergeschoss des luxuriösen Hauses.

Der kühle Einrichtungsstil aus dem Erdgeschoss setzte sich hier oben fort. Berger schien die kühle Eleganz geschätzt zu haben. Wiebke stellte die Wertigkeit der Einrichtung nicht infrage, war aber sicher, dass sie sich in diesem Haus niemals hätte wohlfühlen können. Für ihren Geschmack durfte die Einrichtung etwas wohnlicher sein. Aufmerksam blickte sie sich um und ließ die Atmosphäre auf sich wirken. Seite an Seite stand sie mit Johannsen und Jan Petersen an der Schwelle zu einem Wohnraum, der fast so groß war wie ihre ganze Wohnung im beschaulichen Ostenfeld.

„Leck mich fett, muss der Kohle gehabt haben“, tuschelte Petersen sichtlich beeindruckt. „Das ist mal ’ne Stube.“

„Stube?“ Johannsen lachte. „Du untertreibst, Jan.“

Wiebke blendete das Geplänkel ihrer Kollegen aus. Ihr Blick schweifte über die Einrichtung. Es gab ein Bücherregal, eine unfassbar große Wohnlandschaft, auf der sich unzählige Kissen und eine zerwühlte Wolldecke befanden. Davor ein niedriger Tisch, auf dem ein Kerzenhalter stand, zwei Gläser und die Flasche Wein, die Johannsen schon erwähnt hatte. Ein kleines Sideboard und an der Wand ein Flatscreen, der zu WM-Zeiten als Public-Viewing-tauglich durchgegangen wäre. Auf dem Boden lagen Kleidungsstücke, die davon zeugten, dass sich die beiden vor dem Attentat vergnügt hatten.

Ein leises, metallisches Klackern lenkte Wiebkes Aufmerksamkeit auf die große Fensterfront. Scherben, soweit das Auge reichte, bedeckten den Parkettboden. Der Wind der nahen See wehte in den Raum, verfing sich in den Vorhängen und erzeugte ein leises Klackern. Wiebke war versucht, den Raum zu durchschreiten, an das Fenster zu treten, um einen Blick in die Tiefe zu wagen. Etwas hielt sie ab.

So schloss sie die Augen und versuchte, sich vorzustellen, was kurz vor dem Attentat hier geschehen war.

Ein Schäferstündchen zwischen Berger und seiner Geliebten. Wahrscheinlich in aller Heimlichkeit. Wiebke fragte sich, ob Bergers Frau wusste, dass er sich die Zeit mit einer anderen vertrieb. Hier, in ihrem Haus, in ihrem Refugium. Kurz dachte Wiebke an ihre eigene Beziehung. Sie wusste auch nicht, was Eike tat, wenn er mit der Band durch die Republik tourte. Sekundenlang legte sich ein schwerer Bleigürtel um ihre Brust. Wiebke atmete tief durch, verdrängte die privaten Sorgen um Eike und nahm einmal mehr den Duft nach chemischen Reinigungsmitteln wahr.

Sie stellte sich vor, wie die beiden gestört worden waren. Was hatte die Zweisamkeit gestört?

Hatte der Täter geklingelt? Hatte er sich an die Einfahrt gestellt und gerufen, bevor der Hund angeschlagen hatte?

Berger war, von der Störung verunsichert, aufgestanden, um nach dem Rechten zu sehen. Natürlich hatte er wegen des Seitensprungs mit Annika Rüther ein schlechtes Gewissen. Womöglich hatte er befürchtet, dass seine Ehefrau früher als erwartet heimkehrte, um ihn hier in flagranti zu erwischen.

Vielleicht konnte ihnen die Zeugin dazu später mehr berichten. Ich werde es herausfinden.

Wiebke legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. Es war, als würde sie die tragische Geschichte des Hauses inhalieren.

Das Auftauchen von Hans Olaf Berger am Fenster des hell erleuchteten Wohnzimmers hier oben war für den Schützen die Gelegenheit gewesen, sein Opfer mit einem einzigen Schuss aus dem Verkehr zu ziehen. So eine Gelegenheit bot sich einem potenziellen Mörder kein zweites Mal.

Oder hatte es zum Plan gehört, dass Berger sich an der großen Fensterfront zeigte und sich dem Schützen wie auf dem Silbertablett servierte?

Fest stand, dass das Opfer seinen Peiniger im Dunkel der Nacht nicht hatte sehen können. Wiebke stellte sich vor, wie in der Dunkelheit das Mündungsfeuer aufblitzte, im nächsten Augenblick die Scheibe zerstört wurde und die Patrone Berger traf.

Ein einziger Schuss, der Bergers Schicksal besiegelt hatte. Das Klirren der großen Scheibe musste die ganze Nachbarschaft geweckt haben. Wie also konnte der Schütze dann unerkannt entkommen?

Ein Fahrzeug, das sich schnell vom Tatort entfernte, hätte von Nachbarn gesehen werden müssen. Oder war der Schütze zu Fuß gekommen – und versteckte sich noch in den Weiten der Salzwiesen? Wiebke hoffte, dass der Hubschrauber bald hier war, um die Gegend abzusuchen.

„Träumst du?“, riss Petersens Stimme sie aus den Gedanken.

Wiebke schlug die Augen auf und rang sich ein Lächeln ab. Dass ihr dabei das Blut ins Gesicht schoss, ließ sich nicht vermeiden. „Nein“, sagte sie. „Ich habe meditiert.“

„Mach ich auch immer so, wenn ich einen Mörder suche“, behauptete Petersen bierernst und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Mal im Ernst, Wiebke: Ich glaube nicht an diesen esoterischen Scheiß.“

„Ich hab auch nur nachgedacht, mir vorgestellt, wie es passiert sein könnte“, verteidigte sich Wiebke. Ihr Partner kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich gern in einen neuen Fall „einfühlte“, wie sie das nannte.

„Hier hat er wohl gestanden“, mischte sich jetzt Piet Johannsen ein. Er stand an der Fensterfront und blickte sich zu den Kollegen um. „Seine Freundin anderthalb, vielleicht zwei Meter versetzt schräg hinter ihm. Ich könnte mir vorstellen, dass der Schütze sie gesehen hat.“

„Und dann hat er nur ein einziges Mal geschossen?“, zweifelte Petersen. „Sie ist doch eine Zeugin und könnte uns die Hinweise liefern, die ihn zu Fall bringen. Es wäre ein Leichtes gewesen, sie auch zu töten.“

„Jo, schon. Auf der anderen Seite …“ Johannsen winkte Petersen zu sich. Zögernd durchschritt er den Raum. Bei jedem Schritt knirschten Glassplitter unter seinen Schuhen. „Guck mal raus, du Meisterschnüffler.“ Johannsen machte eine ausladende Geste.

Jan Petersen blickte in die Nacht und runzelte die Stirn.

„Ich sehe Krankenwagen, Peterwagen, Gaffer mit Smartphones …“

„Weil die Kameraden vom Technischen Hilfswerk gerade eingetroffen sind und Scheinwerfer aufgestellt haben.“

„Sicher.“

„Kann man das abstellen?“, fragte Wiebke und trat neben die Männer. Der Nachtwind kühlte ihre erhitzte Stirn.

Johannsen betrachtete sie mit einem zweifelnden Gesichtsausdruck. „Wozu soll das gut sein?“

„Ich will es so sehen, wie es Berger vor seinem Tod gesehen hat“, erwiderte Wiebke.

„Tu, was sie sagt“, brummte Petersen.

„Ich fass es nicht.“ Piet Johannsen zückte ein Funkgerät „Macht mal alles aus“, sprach er hinein. Es dauerte keine zwei Sekunden, und die leistungsstarken Scheinwerfer vor dem Haus erloschen. Gleichzeitig herrschte draußen eine gespenstische Stille, die nur vom Rattern der Stromaggregate überlagert wurde.

„Und nu?“, fragte Petersen.

„Sei leise“, bat Wiebke ihn. Sie blickte hinaus in die Nacht. Das Grundstück tauchte ins Schwarz ab, die Salzwiesen ließen sich nur erahnen, in der Ferne glaubte sie das Meer im schwachen Mondlicht glitzern zu sehen.

„Du siehst nichts da draußen“, murmelte Wiebke.

„Ist ja auch dunkel wie im Bärenarsch.“

„Manchmal bist du echt anstrengend, Jan.“ Wiebke betrachtete ihren Partner mit vorwurfsvollem Blick. „Guck selber raus – wenn da einer steht und eine Kanone auf dich hält, den siehst du nicht!“

Petersen folgte ihrer ausgestreckten Hand und zog die Mundwinkel nach unten. „Nee, da muss sich der Typ nicht großartig verstecken.“

„Die Aufzeichnung der Überwachungskameras habt ihr morgen früh auf dem Schreibtisch“, mischte sich Johannsen ein.

„Wann?“ Petersen blickte sich mit erhobener Augenbraue zu ihm um.

„In drei, vier Stunden“, verbesserte sich der Kriminaltechniker schnell. „Die Festplatte mit den Aufzeichnungen habe ich schon sichergestellt.“

„So ist’s brav“, grinste Petersen. „Also“, sagte er dann zu Wiebke. „Worauf willst du hinaus, Mädchen?“

„Dass der Schütze keine Angst haben musste, erkannt zu werden. Es war dunkel, als er geschossen hat. Und ich bin mir sicher, dass er es ausschließlich auf Hans Olaf Berger abgesehen hatte.“

„Und?“

„Nichts – und. Das ist Stand der Dinge. Berger war das gesuchte – und gefundene – Opfer. Der Killer kam, tötete ihn und verschwand in der Nacht.“

„Also ein Auftragskiller?“

„Möglich.“

„Meinst du, der Mord an der Frau neben ihm hätte extra gekostet?“

„Kann doch sein.“

„Gut“, nickte Petersen. „Also gehen wir davon aus, dass der Mörder Berger aus dem Weg räumen sollte. Möglicherweise also ein Motiv aus dem bewegten Geschäftsleben unseres Opfers, das ja, wie wir wissen, nicht nur Freunde hatte.“

„Oder ein Mord, der von einer enttäuschten Ehefrau in Auftrag gegeben wurde.“

„Mord aus Eifersucht – gefällt mir“, grinste Petersen. „Immerhin ist das eines der häufigsten Mordmotive.“

„Ich bin sicher, ihr werdet es herausfinden“, behauptete Johannsen. „Jetzt würde ich aber gern weitermachen.“

„Klar, wir sind schon weg“, nickte Wiebke. Sie gab Petersen das Zeichen zum Rückzug. Die Zeit drängte.

*

Eine knappe Stunde vorher

Er hatte es nicht sonderlich eilig. Nachdem er den Schuss abgegeben hatte, war die große Fensterscheibe im Obergeschoss in tausend Stücke gesprungen. Er hatte sein Ziel getroffen – Berger war, von der Kugel getroffen, strauchelnd nach vorn und durch die zerborstene Scheibe in die Tiefe gestürzt, wo er regungslos liegengeblieben war.

Treffer versenkt.

Ein Arschloch weniger auf dieser Welt.

Eigentlich war alles gut gelaufen, wäre da nicht ihr gellender Schrei gewesen, den sie in Todesangst ausgestoßen hatte. Dieser Schrei hatte ihn kurz zweifeln lassen, ob alles richtig gewesen war. Doch nachdem er den toten Berger in seinem Blut und dem Meer aus winzigen Scherben hatte liegen sehen, wusste er, dass alles richtig gelaufen war.

Sekundenlang hatte er sie am Fenster stehen sehen, beide Hände vor das Gesicht gepresst. Wohl erst im zweiten Moment war sie sich darüber klar geworden, dass er sie sehen konnte. Einmal die Waffe ansetzen, den Abzug durchziehen, und – bäng, wäre es auch für sie vorbei gewesen. Doch das hatte er nicht vor. Trotzdem hatte er sie dabei beobachtet, wie sie sich schnell in Sicherheit brachte. Weinend suchte sie Schutz im hinteren Teil des Hauses. Wahrscheinlich, so dachte er sich, würde sie jetzt die Bullen rufen.

Höchste Zeit, sich vom Acker zu machen.

Ohne Hast ließ er die Pistole in seiner Jackentasche verschwinden. Der Lauf war noch warm. Sorgfältig zog er den Reißverschluss zu, dann wandte er sich um, duckte sich in die Dunkelheit und sah zu, dass er verschwand.

Gerade rechtzeitig, denn jetzt gingen in den umliegenden Häusern die Lichter an. Kein Wunder, der Schuss, das Klirren der großen Scheibe und ihr markerschütternder Schrei hatten alle Nachbarn aus dem Schlaf gerissen. Mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen wandte er sich ab und lief los, bevor hier das Chaos ausbrach.

*

Annika Rüther war kreidebleich. Obwohl sie ihre feingliedrigen Hände im Schoß gefaltet hatte, zitterten sie. Das blonde Haar fiel ihr strähnig ins Gesicht. Ihr Make-

up war verwischt. Unter der Decke, die ihr der Sanitäter im Rettungswagen über die Schultern gelegt hatte, blitzte der spitzenbesetzte Ansatz eines weißen Negligees hervor.

Erst als Wiebke die Schiebetür des Rettungswagens hinter sich zuzog, erwachte die Frau aus ihrer Lethargie und betrachtete die Polizisten mit starrem Blick.

„Frau Rüther?“, fragte Wiebke leise und setzte ein freundliches Lächeln auf.

Anstelle einer Antwort erhielt sie ein stummes Nicken.

„Mein Name ist Ulbricht, Wiebke Ulbricht, von der Kripo in Husum.“ Sie legte eine Pause ein und achtete auf jede Regung im Gesicht ihres Gegenübers. Wiebke war klar, dass die Frau Schreckliches erlebt hatte. Sie gab ihr die nötige Zeit, über das Erlebte zu reden.

„Sie wollen wissen, was passiert ist?“ Annika Rüthers Stimme klang tränenerstickt.

Wiebke nickte. „Wie haben Sie es erlebt?“

„Wir hatten es uns auf dem Sofa gemütlich gemacht, Olaf und ich. Kerzenschein, eine Flasche Wein. Zu zwei die Nacht zum Tag gemacht, wenn Sie verstehen?“

„Ja, ich verstehe.“ Wiebke konnte sich bildhaft vorstellen, warum die beiden nicht geschlafen hatten, als der Schütze aufgetaucht war. Sie betrachtete Annika Rüther so unauffällig wie möglich. Die Geliebte von Hans Olaf Berger war hübsch, Wiebke schätzte sie auf Mitte dreißig. Ihre Augen waren strahlend blau, die Lippen voll und geschwungen. Die Nase war gerade und nicht zu groß, wenn sie den Mund verzog, bildeten sich Grübchen auf ihren Wangen. Kein Zweifel – Annika Rüther war eine hübsche Frau.

„Wir waren alleine und haben den Abend und die Nacht genossen.“

„Weiß Frau Berger, dass Sie …“

„Dass wir eine Affäre haben?“ Ihr Kopf ruckte hoch. Sekundenlang schien Annika Rüther durch Wiebke hindurchschauen zu können. Schließlich zuckte sie mit den Schultern. „Er hat behauptet, dass sie es weiß. Seine Ehe mit Karen bestand angeblich nur noch auf dem Papier.“

„Warum hat er sich dann nicht – Ihnen zuliebe – von ihr scheiden lassen?“, wagte Wiebke einen Vorstoß.

„Was wissen Sie schon … es geht bei Olaf um Geld, um sehr viel Geld. Er ist … er war ein einflussreicher Mann in Nordfriesland. Karen immer die Frau an seiner Seite, jedenfalls offiziell. Jeder Fleck auf seiner weißen Weste wäre fatal gewesen. Keine Ahnung, warum er sich nicht hat von ihr scheiden lassen. Fest steht, dass es vieles einfacher gemacht hätte.“

„Ist es nicht riskant, sich im Haus eines verheirateten Mannes blicken zu lassen, um die Nacht mit ihm zu verbringen?“, fragte Wiebke provokant.

„Ach“, Annika Rüther machte eine wegwerfende Handbewegung. „Karen hat doch selber einen Stecher.“ Sie lachte humorlos auf. „Wissen Sie, wenn man so lange verheiratet ist wie die beiden, dann toleriert man einiges.“

„Ist das so?“

„Natürlich. Es läuft nichts mehr zwischen den beiden. Sie suchen sich außerhalb der Ehe das, was sie vermissen.“

Wiebke versuchte, sich auf den Mord zu konzentrieren. „Was ist heute Nacht geschehen?“

„Wir waren oben im Wohnraum, sind wohl eingeschlafen auf dem Sofa, nachdem wir miteinander geschlafen hatten.“

Wiebke schwieg und ließ Annika Rüther reden.

„Plötzlich wachten wir auf – der Hund im Zwinger hatte angeschlagen. Tagsüber bewegt er sich frei auf dem Gelände, nachts bringt Olaf ihn in den Zwinger. Der Hund hat wie gesagt angeschlagen. Olaf ging zum Fenster, um nachzusehen, ob sich Einbrecher auf dem Gelände befinden. Ich stand gleich neben ihm, als der Schuss die Scheibe zerstörte und Olaf mit einem Schrei nach draußen fiel. Es ging alles so schnell.“ Annika Rüther brach ab, barg das Gesicht in den Händen und schluchzte. „Ich stand direkt neben Olaf und konnte ihm nicht helfen. Das Fenster ging zu Bruch, Olaf stürzte, und ich habe einen Moment gebraucht, um zu verstehen, dass ich mich im Fadenkreuz des Schützen befand. Ich habe mich dann fallen lassen, hab mir ein paar Schnittwunden zugezogen und bin nach hinten ins Haus gerobbt. Von dort aus habe ich die Polizei angerufen.“

„Haben Sie etwas gesehen, als Sie neben Herrn Berger standen, bevor geschossen wurde?“

„Nein, nichts. Es war stockfinster. Nicht einmal das Mündungsfeuer habe ich gesehen.“

Ein Schalldämpfer, durchzuckte es Wiebke. Er hat einen Schalldämpfer benutzt. Eigentlich sinnlos, bei dem lauten Klirren des Fensters.

„Haben Sie jemanden gesehen, der flüchtete?“

„Sie hören mir nicht zu, Frau Ulbricht.“ Jetzt hatte Annika Rüthers Stimme einen schneidenden Unterton bekommen. „Ich sagte doch, dass ich nichts, aber auch gar nichts gesehen habe.“

„Danke.“ Wiebke erhob sich von dem Hocker, auf dem sie gesessen hatte. Sie überreichte der Frau eine Visitenkarte. „Hier“, sagte sie. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, kontaktieren Sie mich.“ Wiebke verließ den Rettungswagen und stand im nächsten Moment im gleißenden Licht der Scheinwerfer. Kurz war sie geblendet, dann sah sie ihren Partner, der gerade mit einer älteren Frau sprach. Als Petersen sie sah, verabschiedete er sich von der Frau und kam zu Wiebke.

„Wer war das?“, fragte sie.

„Das war Barbara Gerlach. Sie hat uns gerufen, nachdem seltsame Geräusche ihre Nachtruhe gestört haben. Erst hat wohl der Wachhund der Bergers Lärm gemacht, dann ein Knall und das Klirren von Glas, gefolgt von einem Schrei.“

„Moment“, sagte Wiebke und massierte sich die Schläfen. „Die Geliebte des Toten sagte, sie hätte uns alarmiert.“

„Ich kenne auch die Version, dass Barbara Gerlach den Notruf abgesetzt hat“, stimmte Petersen ihr zu. „Aber das lässt sich klären. Carstensen hat schon die Kontaktdaten der Zeugen notiert.“

„Gut.“ Wiebke schaute auf, als ein ziviler Dienstwagen aus Flensburg vorfuhr. Hauke Jensen, der Leiter des Flensburger K 1, stieg aus und nickte den beiden zu.

„Moin“, sagte er. Trotz früher Stunde wirkte Jensen wie aus dem Ei gepellt. Sein Anzug saß perfekt, sogar die dunkelblaue Krawatte korrespondierte mit der Farbe des Hemdes. Eine feine Duftwolke von seinem Aftershave umgab ihn. „Und?“

Wiebke und Petersen brachten ihn mit wenigen Sätzen über das Geschehene auf Stand. Hauke Jensen hörte aufmerksam zu und unterbrach Wiebke kein einziges Mal. Erst als sie ihre Ausführungen beendet hatte, räusperte er sich.

„Kollegen“, sagte er gedehnt, „es sieht aus, als hätten wir es mit einem sehr komplexen Fall zu tun – der Bekanntheitsgrad des Opfers spricht für sich. Wir werden die nächsten Tage wohl bei euch in Husum verbringen.“ Jetzt rang er sich ein schmallippiges Lächeln ab. „Ich nehme an, unsere Büros sind geheizt?“

„Nicht nur das“, grinste Petersen. Wiebke stellte erleichtert fest, dass sich sein Argwohn gegen die Kollegen aus Flensburg in Luft aufgelöst hatte. „Wir haben sogar eine neue Kaffeemaschine – falls es mal länger dauert.“

Hauke Jensen wollte eben etwas erwidern, als sich das Geräusch von Rotorblättern aus der Luft näherte. Sie legten die Köpfe in den Nacken und sahen den Helikopter, der mit eingeschalteten Suchscheinwerfern über dem Anwesen der Bergers kreiste.

„Wer hat den denn gerufen?“, wunderte sich Jensen.

„Ich war das“, sagte Wiebke. Ihre Befürchtung, dass sie dem Leiter der Kripo weitere unbequeme Fragen beantworten musste, zerschlug sich, als ihr Handy klingelte. Der Pilot des Helikopters wartete auf Anweisungen.

FÜNF

Wenningstedt, in der Vergangenheit

„Ich will ein Kind von dir.“ Sie lächelte ihn verliebt an und ließ ihre Fingerkuppen sanft über seine Brust kreisen.

Er erschauderte, dann schlug er die Augen auf. „Was?“

„Ich will ein Kind von dir“, wiederholte sie sanft.

Hastig richtete er sich im Bett auf. „Wie stellst du dir das vor?“

Jetzt musste sie lachen. „Du weißt ganz genau, wie das geht.“

„Das meine ich nicht.“ Er teilte ihren Humor nicht. „Was soll das heißen, du willst ein Kind von mir?“

„Was genau verstehst du nicht daran?“

Sekundenlang herrschte Stille im halbdunklen Schlafzimmer, nur der Sturm brauste noch immer ums Haus. Die nahe See zeigte sich heute von ihrer unwirtlichen Seite. Er wandte den Kopf ab und schaute zum Fenster. Die dunkelblauen Vorhänge standen offen. Der Wind trieb schwere Wolkenberge über den Nachthimmel über Sylt. Doch er hatte keine Augen für die wilden Schönheiten der Natur. Gedanken schossen ungeordnet durch seinen Kopf. Wie gern hätte er ihr diesen Wunsch erfüllt … Sie war seine Traumfrau, die Person, an deren Seite er alt werden wollte. Solange sie an seiner Seite war, würde er ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Nur diesen einen Wunsch, der offenbar schon seit Tagen ihr Denken beherrschte … wie sollte er ihn umsetzen?

„Ich denke, wir wären gute Eltern“, flüsterte sie und lehnte sich an seine Schulter. Wie gern hätte er jetzt den Arm um sie gelegt, ihre Nähe gespürt, um sich ihr zu erklären. Doch er wagte es nicht, sie zu berühren, nicht jetzt. Keinen einzigen Ton brachte er über die Lippen. Er riss sich vom Blick aus dem Fenster los und stierte sekundenlang ins Leere.

„Warum sagst du nichts?“, riss ihn ihre sanfte Stimme aus den Überlegungen.

„Ich … ich weiß nicht“, antwortete er tonlos.

„Aber wir wollen doch heiraten, irgendwann“, sagte sie, und es klang fast verzweifelt, als sie fortfuhr: „Dazu gehört doch auch ein Kind. Ein Baby würde unser Glück vollkommen machen.“ Sie löste sich von ihm und schaute ihm tief in die Augen.

„Ja“, antwortete er nur, und er schalt sich einen Narren, sich nicht zu ihrem Wunsch zu äußern. Stattdessen schlug er die Bettdecke fort und erhob sich aus dem Bett. Gleich würde die Sonne aufgehen. Er musste aufs Festland, um dort einen wichtigen Termin wahrzunehmen. Vielleicht fand er auf der Autofahrt ein wenig Zeit, um sich Gedanken über ihren Wunsch zu machen. Als er in den flauschigen Morgenmantel schlüpfte, um sich in die Küche zu begeben, sah er, dass Tränen in ihren Augen standen.

Schweigend verließ er das Schlafzimmer.

SECHS

Im Morgengrauen erreichte er Glücksburg. Hier, an der Ostseeküste, würde man nicht nach ihm suchen. In Ruhe konnte er den Tag hier beginnen, um die nächsten Schritte zu planen. Es fühlte sich gut an, endlich begonnen zu haben. Mit entspannten Gesichtszügen ließ er den Wagen durch die menschenleeren Straßen rollen. Ruhig lagen seine Hände auf dem Lenkrad, er hatte das Fenster einen Spalt breit geöffnet und genoss die frische Morgenluft, die in den Wagen wehte. Aus dem Autoradio erklang leise Musik. Sämtliche Radiosender, Radio RSH, der NDR und sogar Delta Radio hatten in den Nachrichten vom grausamen Mord an dem berühmten Unternehmer Hans Olaf Berger berichtet.

Für ihn fühlte es sich seltsam an. Irgendwie war er nicht stolz auf das, was er getan hatte. Und trotzdem konnte er mit dem Ergebnis zufrieden sein. Er hatte ein Zeichen gesetzt, das in ganz Schleswig-Holstein Gesprächsthema war. Und er war sicher, dass sich die Polizei im ganzen Land mit dem kaltblütigen Mord an Berger beschäftigte. Auch das spielte ihm in die Karten, denn so konnte er mit seiner eigentlichen Mission beginnen. Die Polizisten hatten anderes zu tun, als sich weiter um ihn zu kümmern.

Hinter Schleswig hatte er auf einem Parkplatz angehalten und die Nachrichten online gecheckt. Auch in den sozialen Netzwerken war der Tod von Hans Olaf Berger die Meldung, die alle bewegte. In der Facebook-Gruppe „Nordfriesland on Facebook“ war ein wahrer Shitstorm über den fragwürdigen Millionär losgebrochen. Alle Menschen, die irgendwann einmal mit Berger zu tun gehabt hatten, posteten mehr oder weniger sinnfreie Kommentare. Selten wurde ein gutes Haar an dem Mordopfer gelassen.

Jetzt war es höchste Zeit, die Knarre verschwinden zu lassen. Sie hatte ausgedient. Als linkerhand das Glücksburger Wasserschloss lag, atmete er auf. Stimmungsvoll war das strahlend weiße Gemäuer angeleuchtet. Die markante Fassade des geschichtsträchtigen Gebäudes spiegelte sich auf der Wasseroberfläche des Schlossteichs. Für ihn war es ein Etappenziel, nicht mehr und nicht weniger. Sein Weg führte ihn weiter in nordöstliche Richtung.

Die Straßen wurden schmaler und kurvenreicher, immer wieder musste er die Geschwindigkeit drosseln. In gemächlichem Tempo rollte er durch eine verwunschene Landschaft. Nebelschwaden waberten über die Felder und durch die Wälder. Umrisse von Scheunen und kleineren Häusern verwischten im grauen Dunst, der von der Ostsee ins Landesinnere kroch.

Er steuerte den Wagen weiter auf die Halbinsel Holnis. Dies war ein guter Ort für sein Vorhaben. Um diese Zeit einsam und verlassen. Zeugen konnte er keine gebrauchen.

Nachdem er den Wagen auf dem großen Parkplatz unweit des Fährhauses abgestellt hatte, stieg er aus. Die Luft hier oben roch salzig, und wenn er den Kopf lauschend schräglegte, glaubte er, das Rauschen der Ostseewellen zu hören.

Er blieb neben dem Wagen stehen und ließ den Blick schweifen. Wie im Dornröschenschlaf lag das Fährhaus um diese Zeit da. Wenige Fahrzeuge parkten auf dem Platz, wahrscheinlich Übernachtungsgäste der historischen Hofanlage.

Ohne Hast legte er den Fußweg zur Landzunge zurück und überlegte kurz, ob er die Pistole am Seemannsgrab oder an der Nordspitze entsorgen sollte. Schließlich entschied er sich für die zweite Lösung und schlug den Weg zu seiner Rechten ein. Wiesen und Hecken säumten seinen Weg. Nach gut sechshundert Metern hatte er die Küste erreicht. Ein eisiger Wind streifte sein Gesicht. Fluchend schlug er den Kragen seiner Jacke hoch und versenkte die Hände in den Taschen.

Sekundenlang stand er einfach da und betrachtete die wilde Landschaft von Deutschlands nördlichstem Fjord. Der Wind trieb schwere Wolkenberge über den Himmel. Er atmete tief durch und sog die würzige Luft der Ostsee tief in seine Lungen ein. Als er die Augen zu schmalen Schlitzen verengte, glaubte er, auf der gegenüberliegenden Seite des Fjords die Lichter des Yachthafens von Gråsten zu sehen. Weiter rechts erkannte er die markanten Zwillingstürme der Kirche von Broager. Majestätisch erhoben sich die grauen Spitzen über der strahlend weißen Fassade in den Morgenhimmel. Sie schienen die Wolkendecke durchbohren zu wollen.

Während er einfach so dastand und auf den Fjord blickte, rückte seine Mission in unendlich weite Ferne. Hier fühlte er sich zum ersten Mal seit Wochen frei.

Er sehnte sich nach Ruhe und Harmonie, nach Normalität in seinem Leben. Im Grunde genommen wollte er nur glücklich sein. Doch diese Ruhe war ihm nicht gegönnt. Je länger er über sein armseliges Leben nachdachte, umso klarer wurde ihm, dass er immer auf der Schattenseite gestanden hatte. Seine Schulkameraden hatten gute Noten geschrieben. Sie hatten ihre ersten Freundinnen am Wochenende ins Kino nach Westerland ausgeführt, sie hatten wilde Partys mit ihren Mädchen am Strand von Kampen gefeiert, während er alleine auf den Holzstegen am Strand gestanden und stundenlang auf die Nordsee geblickt hatte. Einsam. Melancholisch. Doch damals war ihm nicht bewusst gewesen, dass er anders war als die Jungs aus der Nachbarschaft. Auch später, als sie längst im Berufsleben standen, war der Alltag bei ihm anders verlaufen. Viele seiner Freunde hatten die Insel verlassen. Sie hatten Probleme gehabt, einen vernünftigen Job zu bekommen. Auch der bezahlbare Wohnraum auf Sylt war von Jahr zu Jahr knapper geworden. Die Touristen und die Saisonarbeiter hatten die Einwohner von Sylt aufs Festland vertrieben.

Auch er flüchtete irgendwann auf das nordfriesische Festland, um hier neu anzufangen. Doch wirklich glücklich gewesen war er damit nie. Vertrieben von der eigenen Insel … wie sich das anhörte!

Wut keimte in ihm auf, je länger er darüber nachdachte. Dass er die rechte Hand zu einer Faust geballt hatte, bemerkte er erst, als sich die Fingernägel in den Handballen gruben und dort rote Stellen hinterließen. Schnell lockerte er den Griff. Er atmete ein paar Mal tief durch und beruhigte sich. Jetzt spürte er sie wieder, die Freiheit.

Doch es war eine trügerische Freiheit, denn er war noch lange nicht am Ziel angelangt. Der Tod von Berger sollte erst der Auftakt seiner Mission sein.

Die rechte Hand in der Tasche strich über das glatte Metall der Waffe. Es herrschte Ostwind, ein Umstand, der ihm in die Karten spielte. Mit einer gleitenden Bewegung zog er die Waffe aus der Tasche und wog sie in der Hand. Beinahe liebevoll glitten seine Fingerkuppen über das glatte Metall.

Zeit, Abschied zu nehmen, dachte er, holte weit aus und schleuderte die Pistole in weitem Bogen ins Meer. Es gluckste leise, dann sank die Waffe auf den Grund. Nachdem er einmal tief durchgeatmet hatte, versenkte er die Hände wieder in den Taschen, wandte sich um und trat den Rückweg an. Er nutzte die Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Die nächsten Schritte wollten gut geplant sein. Eigentlich, so dachte er sich, war alles gut verlaufen. So sollte es bleiben.

Dass er auf dem Rückweg beobachtet worden war, hatte er nicht bemerkt. Das junge Pärchen, das sich in die Einsamkeit der Nordspitze zurückgezogen hatte, wunderte sich, weil der Mann einen Gegenstand ins Wasser geworfen hatte. Doch genauso schnell, wie es den Fremden gesehen hatte, war er auch schon wieder vergessen. Die jungen Leute beschäftigten sich wieder mit sich selbst …

SIEBEN

„Wir sind den Fall los“, begrüße Kai Christensen Wiebke, als sie gut zwei Stunden später das Revier an der Poggenburgstraße erreichten. Petersen war wortkarg im Büro verschwunden, das er sich seit Jahren mit Wiebke teilte.

Eigentlich hatte sie sich nur kurz im Büro ihres Vorgesetzten zurückmelden wollen, den Kopf durch die Tür stecken. Doch in Anbetracht dieser Nachricht trat Wiebke ein. Leise drückte sie die Tür hinter sich zu. Sie wunderte sich ein wenig über Kai Christensens betroffene Miene.

„Jetzt schon?“ Wiebke runzelte die Stirn.

Christensen seufzte. „Die Kollegen aus Flensburg haben den Berger-Mord nun ganz offiziell übernommen.“

Wiebke betrachtete ihren Vorgesetzten. Wie immer trug er einen Anzug. Eine feine Note seines After-

shaves hing im Raum. Dennoch sah er müde und schwach aus.

Jetzt lächelte er matt zu ihr auf. „Trotzdem gibt es Arbeit für uns.“

„Immerhin kann sich die Mordkommission jetzt mit der Staatsanwaltschaft herumärgern, nehme ich an?“ Der Ansatz eines schadenfrohen Grinsens stahl sich in ihr Gesicht.

Der Kripochef nickte. „Sowieso. Hast du mit Jan die ersten Erkenntnisse in Hockensbüll zusammengetragen?“

Wiebke nickte. „Allerdings ist das in Anbetracht der kurzen Zeit vor Ort nicht allzu viel, fürchte ich.“

„Wie dem auch sei, ich bin sicher, dass ihr gute Vorarbeit geleistet habt, danke. In einer Stunde gibt es ein Meeting mit den Kollegen im Konferenzraum. Ich habe die Büros oben schon herrichten lassen.“

„In Ordnung. Ich werde Jan berichten, vielleicht ist er dann ein wenig motivierter.“

Kai Christensen schien Petersens ablehnende Haltung gut nachvollziehen zu können. „Es geht ihm gegen den Strich, dass die Kollegen des K 1 ihm die Arbeit abnehmen, was?“

„Es geht ihm sogar gewaltig gegen den Strich“, stimmte Wiebke ihm zu.

„Er soll nicht traurig sein, ich habe schon neue Arbeit“, wiederholte Kai Christensen.

„Ein Fahrraddiebstahl?“ Wiebke konnte sich den Sarkasmus nicht verkneifen, doch der Kripochef ging nicht darauf ein.

„Eine vermisste Person“, eröffnete Christensen ihr. Er beugte sich vor und faltete die Hände auf dem Schreibtisch, fast so, als wolle er beten. „Kerstin Möller, 36 Jahre alt, ledig, aus Husum. Sie kam gestern Abend vom Joggen nicht nach Hause.“

„Meldet wer?“ Wiebke zog sich den Besucherstuhl heran und ließ sich darauf sinken. Sie zückte ihren Block und einen Stift.

„Ihre Vermieterin, eine alte Dame. Sie zeigte sich äußerst besorgt, da sie Kerstin Möller als sehr zuverlässige Person beschrieben hat.“ Christensen nestelte an der dunkelblauen Krawatte, die hervorragend mit seinem himmelblauen Hemd korrespondierte, herum. Er nahm einen Schnellhefter aus der Schreibtischschublade und hielt ihn hoch. „Hier steht alles drin, musst also nicht mitschreiben.“

Wiebke legte den Stift neben den Block und lehnte sich entspannt zurück. „Wo können wir bei der Suche nach Kerstin Möller ansetzen?“

„Spaziergänger haben heute Morgen in einem Waldstückchen bei Mildstedt herrenlose Sportbekleidung gefunden. Die Kleidung stammt von einer weiblichen Person, Konfektionsgröße 38.“ Christensen blätterte in den Unterlagen, während er redete. „Und auf dem angrenzenden Parkplatz steht ein Kleinwagen, Marke Kia. Die Halteranfrage hat bereits ergeben, dass das Fahrzeug auf die vermisste Kerstin Möller zugelassen ist.“

Für Wiebke gab der Fall nicht allzu viele Rätsel

auf. „Vermutlich ein Sexualdelikt“, vermutete sie spontan.

Christensen zuckte die Schultern. „Möglich. Von der Besitzerin der Bekleidungsstücke fehlt jede Spur. Es gibt wohl Schleifspuren im Morast. Möglicherweise hat jemand auf die Frau gewartet und sie außer Gefecht gesetzt und entführt.“

„Dann sehe ich mir das gleich mal vor Ort an.“

Christensen erhob sich und trat an das Bürofenster. Auf der gegenüberliegenden Seite rollte ein Güterzug in gemächlichem Tempo in Richtung Bahnhof vorbei. Die Eisenbahnbrücke wirkte trist an diesem Morgen, fand Wiebke, die dem Blick ihres Vorgesetzten folgte.

„Ich schau mir das an und fahre dann weiter zur Vermieterin der Frau.“

Christensen nickte, ohne sich zu ihr umzudrehen. „Versuch mal, einen DNA-Abgleich zu bekommen, Piet ist schon vor Ort.“

„Wird gemacht.“

Der Kripochef wandte sich um, trat an den Schreibtisch und reiche Wiebke den Schnellhefter. „Hier steht alles drin“, sagte er.

Wiebke schob Block und Stift zurück in die Jackentasche und erhob sich. Sie freute sich, dass es einen neuen Fall gab, und hatte nicht vor, dass sich die Flensburger Mordkommission noch einmal einmischte. Noch war Kerstin Möller nur als vermisst gemeldet. „Bin schon unterwegs.“

Als das Telefon auf Christensens Schreibtisch klingelte, nutzte sie die Gelegenheit, das Chefbüro zu verlassen.

*

Es waren knapp fünfzehn Beamte der Kripo Husum und der Kollegen aus Flensburg, die sich eine Stunde später unter dem Dach des Polizeireviers zusammengefunden hatten, um ihre Erkenntnisse auszutauschen. Vor Kopf des langen Besprechungstisches unter der Schräge hatte sich Kai Christensen eingerichtet, neben ihm Hauke Jensen. Er hatte vorgeschlagen, dass sich die Kollegen des K 1 mit denen aus Husum austauschen sollten. Für Wiebke konnte das bedeuten, dass auch der Leiter der Flensburger Mordkommission einen Zusammenhang aller Fälle nicht ausschloss.

„Was haben wir am Tatort des Attentates an brauchbaren Spuren sichern können?“, fragte Jensen, nachdem er und Christensen die Runde eröffnet hatten.

Piet Johannsen räusperte sich. Die Blicke der Anwesenden waren erwartungsvoll auf den Kriminaltechniker gerichtet. „Ein erstes ballistisches Gutachten hat hervorgebracht, aus welcher Richtung geschossen wurde.“ Johannsen machte eine kleine Pause. „Nach unseren Erkenntnissen stand der Todesschütze an der linken der beiden Torsäulen. Die Überwachungskamera hat er mithilfe eines Tuchs unbrauchbar gemacht – die Glaskuppel des Objektivs wurde mit einem Tuch und einem Einmachgummi verhüllt.“

Jan Petersen, der Wiebke gegenübersaß, zwinkerte ihr verschwörerisch zu. Er freute sich diebisch, dass seine ersten Vermutungen bei ihrem Eintreffen am Tatort sich bewahrheiteten.

„Ein einziger Schuss genügte, um das Opfer zu treffen“, fuhr Johannsen fort. „Es stand zum Tatzeitpunkt am Fenster, wohl, um nach dem Rechten zu sehen, wurde von einem Projektil getroffen und stürzte durch das Fenster in die Tiefe, die Falltiefe beträgt knapp viereinhalb Meter.“

„War der Schuss oder die Verletzungen infolge des Sturzes todesursächlich?“, hakte Christensen nach.

„Der Abschlussbericht der Kieler Rechtsmedizin steht noch aus“, bedauerte Johannsen. Er nahm die Nickelbrille von der Nase, zupfte ein Taschentuch hervor und reinigte umständlich die Gläser. „Aber wenn man sich das Gutachten des Notarztes ansieht, deutet viel darauf hin, dass der Schuss als Todesursache infrage kommt: Der Arzt stellte eine Schussverletzung in Brust-

höhe fest, unmittelbar neben dem Herz. Er geht davon aus, dass Berger verblutet ist – über die weiteren Verletzungen, die er sich beim Sturz zuzog, ist noch nichts bekannt. Ich gehe aber davon aus, dass wir den Obduktionsbericht noch heute vorliegen haben werden.“

„Gut“, nickte Jensen. „Bitte bleiben Sie dran.“

„Alles klar.“

„Gibt es weitere Spuren?“ Christensen hatte sich erhoben. Er war an das Flipchart getreten und kritzelte mit einem Edding darauf herum.

„Fingerabdrücke auf dem Einmachgummi oder dem Tuch, das die Kamera verhüllt hat – negativ.“ Johannsen setzte eine bedauernde Miene auf. „Aber ich konnte Fußabdrücke an der Stelle sichern, von der mit großer Wahrscheinlichkeit der Schuss abgegeben wurde. Es handelt sich um ein relativ grobes Profil einer Sohle der Schuhgröße 45.“

„Na toll“, entfuhr es Petersen. „Eine Allerweltsgröße. Das wird die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.“

„Langsam mit den jungen Pferden“, bremste Johannsen ihn aus. „Anhand des Profils konnte ich eine BKA-Datenbank zurate ziehen. Demnach gehört die Sohle zu einem hochwertigen Schuh, der in unserer Gegend nicht allzu oft verkauft wird.“

„Also kein Schuhdiscount?“, schaltete sich Wiebke ein. Ihre Neugier war erwacht.

„Nein, Wiebke.“ Johannsen schüttelte den Kopf. „Offenbar stammt der Schuh aus einem recht exklusiven Laden in Kampen auf Sylt.“

Petersen pfiff anerkennend durch die Zähne. „Also haben wir es mit einem wohlhabenden Schützen zu tun?“

„Wenn eine unserer Theorien darin besteht, dass es sich bei der Tat um einen Auftragsmord handelt, dann wissen wir, dass diese Täter oft fürstlich bezahlt werden“, gab Christensen zu bedenken. Wiebke wunderte sich ein wenig darüber, dass der Husumer Kripochef eine derart kühne Theorie zu verfolgen schien. Sie fragte sich, ob es dafür einen Anhaltspunkt gab.

„Am Schuhgeschäft sind die Kollegen auf Sylt“, bemerkte Johannsen. „Ich habe Nele Paulsen darauf angesetzt. Sie war schon dort und hat versucht, eine Art Kundenkartei zu bekommen. Wenn uns das gelingt, dann führt uns das möglicherweise zum Täter.“

„Was kann man zur Tatwaffe sagen?“, fragte Jensen.

„Die Patronenhülse konnte bereits sichergestellt werden, die Herkunft von Munition und Waffe ist unklar, aber ich werde gleich nach dem Meeting die Datenbanken durchforschen. Möglicherweise trat die Waffe bereits in der Vergangenheit bei einer Straftat in Erscheinung.“

„Bis jetzt hat es den Anschein, dass es sich um eine nicht registrierte Waffe handelt. Sie taucht nicht in unseren Datenbanken auf, aber ich bleib dran. Es ist ein Kinderspiel, sich eine Waffe aus dem Darknet zu beschaffen und sie mit Bitcoins zu bezahlen“, brummte Tadsen, ein wortkarger Kriminaltechniker vom K 6 in Flensburg. „Ich stehe bereits mit dem BKA in Kontakt und versuche, die Herkunft der Tatwaffe zu rekonstruieren.“

Jensen nickte zustimmend.

„Wer sagt denn, dass es sich um einen Auftragsmord handelt?“, wagte Wiebke einen Einspruch. Sie warf Christensen einen Blick zu. Der Kripochef hob dezent den Daumen.

„Der Backgroundcheck von Hans Olaf Berger gestaltet sich äußerst komplex“, bemerkte der Strohblonde, der sich vorhin knapp als Rick vorgestellt hatte. Wiebke wusste nicht, ob das sein Vorname war oder ein Familienname. „Wir alle wissen, dass unser Opfer“, Wiebke fand, dass er das unser Opfer seltsam betonte, „kein unbeschriebenes Blatt in der Gesellschaft war. Er war ein äußerst erfolgreicher und wohlhabender Geschäftsmann, nicht umsonst nannte man ihn den Fürsten von Husum. Möglicherweise war er nicht überall beliebt.“

„Reicht das für einen Auftragsmord?“, warf Tamme Gerdes ein. Der Ostfriesenbulle richtete sich im Stuhl auf. Er legte die mächtigen Pranken auf die Tischplatte. „Könnt ihr euch vorstellen, dass es sich bei dem Auftraggeber unseres angenommenen Killers um einen Mitbewerber handelt?“

„Möglicherweise auch um jemanden, der sich von ihm betrogen fühlte“, erwiderte Rick schnell. „Wie wir wissen, hat er in letzter Zeit zunehmend Grundstückeigentümer mit harten Bandagen bekämpft, hat sie mit Hilfe der Behörden enteignet, um an ihre Flächen zu kommen.“

„Da tun sich möglicherweise Abgründe auf“, stimmte Jensen seinem Mitarbeiter zu. „Unter Umständen haben sich im Zuge dieser Enteignungen Tragödien abgespielt.“

„Das werde ich prüfen“, versprach Rick und machte sich mit dienstbeflissener Miene Notizen.

„Er hat seine Frau hintergangen“, warf Petersen in den Raum. „Dass er sie betrogen hat, ist kein Geheimnis mehr. Und dass sich zum Tatzeitpunkt nicht seine Ehefrau, sondern die Geliebte bei ihm befand, dürftet sogar ihr Schlafmützen auf dem Schirm haben.“ Jan Petersen musterte die Flensburger Kollegen feindselig.

„Was wollen Sie uns damit sagen?“, erkundigte sich Jensen. Eine steile Sorgenfalte hatte sich auf seiner Stirn gebildet.

„Drei Möglichkeiten“, sagte Petersen. „Möglichkeit eins: Der Killer wurde von der gehörnten Ehefrau beauftragt, um den notorischen Fremdgänger aus dem Weg zu räumen. Die Ehe bestand nur noch auf dem Papier, und Karen Berger wollte endlich an das Erbe des Mannes, der sie bloßstellte, indem er sich mit anderen Frauen vergnügte.“

Niemand am Tisch hatte Einwände. Rick schrieb eifrig mit und unterbrach Petersen kein einziges Mal.

„Möglichkeit zwei: Der Schütze wurde ebenfalls von Karen Berger beauftragt, er sollte allerdings die lästige Geliebte aus dem Weg räumen. Wie wir wissen, ging das in die Hose.“

„Das ist eine gewagte Theorie“, warf Jensen jetzt ein. „Aber gut, wir sollten nichts außer Acht lassen.“ Er setzte sich, trommelte auf dem Tisch herum. „Und: Möglichkeit drei?“

„Möglichkeit drei wäre, dass der Mörder, wenn wir weiter davon ausgehen, dass es sich um einen Auftragsmord handelt, von der Geliebten des Opfers beauftragt wurde.“

„Das Motiv erschließt sich mir nicht“, kritisierte Jensen.

„Wenn es eins gibt, werden wir es herausfinden“, mischte sich jetzt Kai Christensen ein. „Was wissen wir denn über die Affäre des Opfers?“

„Annika Rüther, 38 Jahre, ledig“, sagte Wiebke, die sich mit der Vita der Geliebten von Hans Olaf Berger beschäftigt hatte. „Sie betreibt eine Wassersportschule in Westerland.“

„Wir sollten Klaus mit ins Boot holen“, schlug Christensen vor. Gemeint war Klaus Thomsen, der sympathische Kripochef auf Sylt. „Vielleicht können Nele und Peer der Dame mal auf den Zahn fühlen.“

Wiebke nickte und notierte sich ein paar Sätze. Spontan kam ihr die Idee, die Kollegen in Westerland erst dann ins Boot zu holen, wenn sie selber sich einen Überblick vor Ort verschafft hatte. „Die Saison ist ja vorbei“, sagte sie. „Annika Rüther dürfte die freie Zeit nutzen, um sich anderen Dingen zu widmen. Oder sie hält sich mit Aushilfsjobs über die Monate, bis die Kitesurfschule am Strand wieder öffnet.“

Petersen nickte ihr zu. Wiebke ahnte, dass er ihre Gedanken längst erraten hatte.

Kai Christensen nickte Jensen zu. „Das soziale Umfeld von Hans Olaf Berger habt ihr im Blick?“

„Wir sind dran“, meldete sich jetzt Tadsen zu Wort. „Ich habe mir die Rechner zur Brust genommen und checke gerade seine Kontakte. Das kann aber im Hinblick auf die lange Liste der Leute, mit denen er zu tun hatte, dauern.“

„Parallel haben bereits die ersten Befragungen begonnen“, berichtete sein Partner, Uli Baumann. Er hielt plakativ eine dicke Akte in die Höhe. „Wir arbeiten uns wacker hier durch.“

ACHT

Vergangenheit, Wenningstedt/Sylt

„Ich bin schwanger.“ Sie sagte das mit so einem zauberhaften Lächeln, dass er nicht wusste, ob sie sich wirklich freute. Hastig erhob er sich vom Tisch, nahm den dunkelblauen Kaffeepott und trat an die Arbeitsplatte, um die Kaffeemaschine einzuschalten. Er stierte mit klopfendem Herzen ins Leere. Sie kann nicht schwanger sein, schoss es ihm durch den Kopf. Schwer legte er seine Hände auf die Arbeitsplatte, umklammerte den Rand so fest, bis die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten. Er atmete durch, rang um Fassung und versuchte, seine Gedanken zu ordnen, indem er aus dem Küchenfenster hinaus in die Dünenlandschaft hinter dem Haus blickte. Möwenrufe drangen durch das auf Kipp stehende Fenster an seine Ohren. In der Ferne sah er eine Handvoll Tiere durch die Luft taumeln.

„Freust du dich denn gar nicht?“, wagte sie hinter ihm einen zaghaften Versuch.

Am liebsten hätte er ihr den schweren Kaffeepott an den Kopf geschleudert. Doch er beherrschte sich. Schwieg und wartete darauf, was sie ihm noch zu sagen hatte.

„Doch, total“, antwortete er schließlich tonlos in das eisige Schweigen hinein. Draußen ging eine Familie mit Kindern vorbei. Der Vater zog einen hölzernen Bollerwagen hinter sich her. Wahrscheinlich machten sich die vier einen schönen Tag am Strand. Eine heile Welt, dachte er verbittert, als das unbeschwerte Kinderlachen erklang. Warum ist mir das nicht vergönnt?

Sie erhob sich vom Tisch, an dem sie bis eben noch gemeinsam gesessen hatten. Der Holzstuhl erzeugte ein hässliches schabendes Geräusch auf den Fliesen, das ihm einen Schauer über den Rücken jagte.

„Wir wollten doch unbedingt ein Kind“, flüsterte sie, nachdem sie von hinten an ihn herangetreten war.

„Ja, das wollten wir“, stimmte er ihr zu, ohne sich zu ihr umzudrehen. „Das war unser Traum.“

Ihm wurde übel. Er spürte, wie sich seine Kehle zuzog, schaffte es nicht, sich zu ihr umzudrehen. Es war, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.

Warum?, schrie alles in ihm. Warum nur?

„Eben. Und jetzt hat es geklappt. Ich bin schwanger“, wiederholte sie den alles entscheidenden Satz mit einem feierlichen Unterton in der Stimme.

Langsam schüttelte er den Kopf. „Das kann nicht sein.“

„Es ist aber so.“ Sie legte die Hände um seine Hüften und schmiegte sich von hinten an ihn. Er war versucht, ihre Hände fortzustoßen und sich aus der Umarmung zu lösen.

„Wir bekommen ein Baby. Ist das nicht wundervoll?“

Nein, ist es nicht, hätte er ihr am liebsten an den Kopf geworfen. Doch er sagte nichts, schüttelte nur den Kopf.

„Warum sagst du denn nichts?“, fragte sie jetzt. Ihre Stimme klang energischer, vorwurfsvoller.

Jetzt nahm er ihre Hände und schob sie fort. Er drückte sie von sich fort und wandte sich zu ihr um. Erschrocken blickte sie zu ihm auf, sah sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Von wem das Kind auch immer ist …“, setzte er an, doch sie unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

„Natürlich ist es von dir – wie kommst du darauf?“ In ihrer Stimme mischte sich Verzweiflung unter die aufkommende Wut. Mit einem unsteten Blick schaute sie zu ihm auf. Ihre Pupillen zuckten, Tränen sammelten sich in ihren Augen. „Wir wollten ein Baby, und jetzt bekommen wir eines.“ Fast klang sie trotzig.

Er schüttelte langsam den massigen Schädel. Die Lippen hatte er zu schmalen Strichen zusammengepresst. „Nein“, sagte er verbittert. „Wir bekommen kein Baby. Du bekommst ein Kind.“

„Was soll das?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme. Ihr zierlicher Körper bebte.

„Es ist nicht unser Kind.“

„Warum nicht?“

„Weil ich keine Kinder bekommen kann.“ Er grinste. „Ich habe mich vor zwei Jahren schon sterilisieren lassen. Vasektomie, falls dir das etwas sagt. Ich wollte nie Kinder haben, mit dir hat sich das geändert, und insgeheim habe ich diesen Schritt damals längst bereut. Hilft uns jetzt aber auch nicht mehr. Mit wem auch immer du gevögelt hast, werd glücklich mit ihm.“ Seine Stimme hatte einen drohenden Unterton angenommen. „Und jetzt pack deine Sachen und verschwinde.“

*

Mildstedt, Gegenwart:

Der Ort, an dem Spaziergänger die Bekleidung gefunden hatten, lag am Rande des Wanderparkplatzes an der Straße nach Ostenfeld. Schon von Weitem sah Wiebke die Einsatzstelle. Die Zufahrt zum Parkplatz war mit blauweiß schraffiertem Absperrband gesichert, im Einfahrtsbereich standen zwei Streifenwagen und der Kastenwagen der Kriminaltechnik. Wiebke parkte den zivilen Dienstwagen am unbefestigten Rand der Landstraße. Das Waldstück, von dem Christensen gesprochen hatte, befand sich an ihrem Heimweg. Mehrmals täglich fuhr Wiebke hier vorbei. Umso betroffener war sie jetzt, dass sich hier ein Verbrechen abgespielt hatte.

Schnell war Wiebke versucht gewesen, durchzufahren, um kurz eine heiße Dusche zu nehmen, doch ihr Pflichtgefühl hatte überwogen.

Petersen war im Polizeirevier geblieben, um den lästigen Bericht zu schreiben. Er war frustriert, weil er nicht mehr aktiv in die Ermittlungen im Mordfall eingebunden war, und hatte schlechte Laune.

Fröstelnd zog Wiebke den Reißverschluss ihrer dick gefütterten Jack-Wolfskin-Jacke hoch und versenkte die Hände in den Taschen. Aus Richtung Ostenfeld näherte sich einer dieser großen Hightech-Traktoren. Eilig überquerte Wiebke die Landstraße und nickte dem uniformierten Beamten, der an der Absperrung Wache schob, zu. Man kannte sich vom Sehen.

Wiebke war gespannt, was Johannsen ihr sagen konnte. Ein mulmiges Gefühl beschlich sie. Alles deutete darauf hin, dass Kerstin Möller einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen war. Offensichtlich fehlte von ihr jede Spur. Was sollte sie der Vermieterin von Kerstin Möller später sagen?

„Allein unterwegs?“ Johannsen blickte auf, als er sah, dass Wiebke den schlammigen Parkplatz überquerte. Vom Regen in der Nacht hatten sich zahlreiche Pfützen in dem Schotterbelag gebildet.

„Jan ist mucksig“, nickte sie.

„Wegen der Konkurrenz aus Flensburg“, griente Johannsen.

„Das K 1 ist keine Konkurrenz, es ist der Auftrag der Kollegen, Mörder zu überführen“, murmelte Wiebke.

„Ich weiß das, ich weiß das“, nickte Johannsen. „Manchmal kommt man sich wie die zweite Wahl vor, wenn wir vorgeschickt werden, um die Drecksarbeit zu machen. Dann kommen die Kollegen, krempeln die Ärmel hoch und schieben uns aufs Abstellgleis – das ist frustrierend.“ Piet Johannsen nickte. „Ich kann Jan gut verstehen.“

„Ich ja auch“, räumte Wiebke ein, „trotzdem müssen wir weiter unsere Arbeit machen.“

„Apropos“, hakte der Kriminaltechniker ein. „Willst du dir den Fundort der Klamotten angucken?“

„Ja.“ Wiebke nickte und folgte dem Kollegen zu dem alten Hünengrab am Rande des Parkplatzes. Massive Steine waren zu einer historischen Grabstätte aufgeschichtet worden. Wiebke erinnerte sich daran, dass die Grabstätte in früheren Zeiten in der Nähe von Voßberg an der Landstraße nach Ostenfeld gestanden hatte. Doch das war lange vor ihrer Zeit gewesen. Vor rund vierzig Jahren hatte man das Hünengrab an diesem Parkplatz wiedererrichtet. Fünf massige Steinblöcke trugen einen sechsten Stein, der als Dach diente. Grünspan hatte die tonnenschweren Blöcke überzogen. Ein muffiger Geruch drang in Wiebkes Nase, als sie am Eingang in die Hocke ging, um einen Blick ins Innere des Grabes zu werfen.

Die Bekleidung wirkte modern und hochwertig. Ein pinkfarbenes Laufshirt, eine leichte Windjacke in Schwarz, die an den Ärmeln pinkfarbene Streifen aufwies, eine Art Leggins in Schwarz. Die modischen Sportschuhe in knalligem Pink, dazu weiße Socken, ein schwarzer Slip und ein Sport-BH, ebenfalls in Schwarz. Socken und die Unterhose waren auf links gedreht. „Sie scheint eine Vorliebe für Pink zu haben.“

Johannsen grinste schief. „Haben das nicht viele Mädchen und Frauen?“

„Ich nicht.“ Wiebke schüttelte den Kopf. „Blau ist meine Lieblingsfarbe.“ Sie zückte das Smartphone und fotografierte das seltsame Ensemble.

„Wie schön, das hebt dich von der Masse ab“, bemerkte Johannsen hinter ihr. „Ich habe das schon fotografiert.“

„Kann ich mir denken.“ Wiebke ließ das Handy verschwinden und stand auf. Sie beugte sich in die Grab-

stätte und überlegte, was hier passiert sein könnte. Alles deutete auf eine Entführung hin – oder ein sexuell motiviertes Gewaltdelikt. Beides gefiel ihr nicht.

Wiebke bemerkte, dass es am Ärmel der Windjacke ein Fach für das Smartphone gab. Die kleine, aufgenähte Tasche stand offen, das Fach war leer.

„Ein Smartphone hast du nicht gefunden?“, fragte Wiebke, ohne sich zu Johannsen umzublicken.

„Das hätte ich dir längst gesagt.“ Er wirkte ein wenig gekränkt. „Entweder hat sie es verloren, oder der große Unbekannte hat es mitgehen lassen.“

„Die Gegend muss abgesucht werden.“

„Dann veranlassen wir das.“

„In Ordnung.“ Alles wirkte, als hätte es jemand achtlos in die Grabstätte geworfen. Als hätte es jemand eilig gehabt, die Kleidung zu entsorgen. Von einem Versteck wollte Wiebke nicht reden – dafür hatte sich der Unbekannte zu wenig Mühe gemacht. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Kleidung mit dem herumliegenden Laub abzudecken und so auf den ersten Blick unsichtbar werden zu lassen. Wiebke schloss kurz die Augen und dachte nach. Es hatte den Anschein, als habe der Unbekannte geplant, dass die Sportsachen schnell gefunden wurden. Oder er wollte auf sich aufmerksam machen.

„Er hat sich keine Mühe gemacht, die Klamotten zu verstecken“, murmelte sie und stand auf. „Fragt sich, warum. War er in Eile, oder will er Aufmerksamkeit erregen?“

„Das herauszufinden ist dein Part“, grinste Johannsen schulterzuckend. „Ich werde die Dinge sicherstellen und einen DNA-Test im Labor machen.“

„Hast du etwas Auffälliges im näheren Umkreis der Fundstelle entdeckt?“, fragte Wiebke. „Was ist mit den Schleifspuren, die der Chef angesprochen hat?“

„Ich kann dir nicht sagen, ob hier wirklich ein Kampf stattgefunden hat“, räumte Johannsen ein. „Theoretisch könnte es auch sein, dass jemand einen Müllsack oder so etwas über den Boden gezogen hat. Wären da nicht diese Fußabdrücke.“ Seine Augen funkelten unternehmungslustig hinter den Gläsern der Nickelbrille. „Aber mit denen werde ich mich noch beschäftigen, vielleicht wissen wir dann mehr.“ Er deutete auf das Hünengrab. „Derzeit hat es den Anschein, als hätte der Täter die Kleidung einfach hier reingeworfen, um sich mit dem Opfer aus dem Staub zu machen – warum auch immer.“

„Ich will sämtliche Reifenspuren auf diesem Parkplatz haben“, sagte Wiebke.

„Das sind viele“, behauptete der Kriminaltechniker.

„Da musst du durch, fürchte ich.“ Wiebke versuchte sich vorzustellen, was hier passiert sein könnte.

„Auf diesem Parkplatz herrscht ständiges Kommen und Gehen: Spaziergänger, Hundebesitzer, Geschäftsleute, die hier im Gebüsch pinkeln gehen, was weiß ich. Man kann doch mit dem Auto fast bis an die Grabstätte heranfahren.“

„Vielleicht beabsichtigte unser Täter ja, dass die Bekleidung schnell gefunden wird.“

„Das spricht nicht gerade für seine Intelligenz.“ Wiebke betrachtete den Kriminaltechniker mit einem zweifelnden Blick. Piet Johannsen zuckten die Schultern. Er nahm die markante Nickelbrille ab und polierte sie umständlich, hauchte auf die Gläser und putzte mit einem Tuch darüber. „Oder wir haben es sogar mit einem sehr intelligenten Täter zu tun, der uns an der Nase herumführen will.“

„Dann wäre es ein gefährlicher Gegner“, bemerkte Wiebke.

Piet Johannsen nickte. Er setzte die Brille auf und betrachtete Wiebke lange. „Und genau das ist es, was mir Sorge bereitet, Wiebke.“

„Hast du persönliche Gegenstände gefunden?“

Kopfschütteln. „Nichts. Kein Portemonnaie, kein Handy, kein Schlüssel.“ Johannsen deutete auf den Kia. „Vielleicht hat sie alles im Auto gelassen. Schade nur, dass auch der Wagenschlüssel noch nicht aufgetaucht ist.“

„Wir werden ihn öffnen müssen.“

„Ist schon eingestielt“, sagte Johannsen. „Der Schlüsseldienst ist unterwegs, ein Richter hat den nötigen Beschluss ausgestellt.“

„Sehr schön“, lobte Wiebke. Es war selten, dass ein diensthabender Richter so schnell reagierte. Vermutlich waren die Behörden nach dem Mord an Hans Olaf Berger aufgescheucht und legten an Tempo weiter zu.

Wiebke warf einen Blick auf die Uhr. Erika Brütsch erwartete sie sicher schon. „Ich muss los“, sagte sie. „Mal sehen, was die Vermieterin uns über Kerstin Möller erzählen kann.“

NEUN

Husum, Lundweg

Eine Nachbarin, die auf dem Bürgersteig mehr schlecht als recht das nasse Laub zusammenkehrte, bedachte Wiebke mit einem misstrauischen Blick. Wiebke nickte der alten Frau freundlich zu, dann stand sie vor dem Haus von Erika Brütsch. Es handelte sich um ein unauffälliges Reihenhaus mit geklinkerter Fassade und einem auffallend hohen Spitzdach. Von Grünspan überzogene Waschbetonplatten führten durch einen kleinen Vorgarten zum Eingang des Hauses, das aus den frühen 1960er-Jahren stammte und sich nicht von denen in der direkten Nachbarschaft unterschied.

Inzwischen hatte ein feiner Nieselregen eingesetzt, der Wiebkes Kleidung und das Haar innerhalb weniger Minuten durchnässt hatte. Sie fröstelte. Seit einigen Tagen versuchte Wiebke, die ersten Anzeichen einer Erkältung zu verdrängen. Doch die Halsschmerzen ließen sich nicht verleugnen. Später würde sie sich Schmerztabletten aus der Apotheke und Zitronen aus dem Supermarkt besorgen.

Doch jetzt gab es Arbeit. Wiebke wollte keine Zeit verlieren, denn alles deutete darauf hin, dass Kerstin Möller entführt worden war.

Eilig durchschritt sie den Vorgarten, nahm die drei breiten Stufen und fand sich unter einem schmalen Vordach wieder, das sie mehr schlecht als recht vor dem Nieselregen schützte. Fröstelnd schlug Wiebke den Kragen ihrer hüftlangen Jacke hoch und versenkte die Hände tief in den Taschen, während sie sich orientierte. Es gab ein in die Fassade eingearbeitetes Klingelbrett. „Brütsch“ stand in vergilbten Lettern darauf. Darunter befand sich eine nachträglich montierte Funkklingel mit der Aufschrift „K. Möller“.

Wiebke betätigte den oberen Knopf und lauschte dem tiefen Gong, der drinnen ertönte.

Die anderthalb Minuten, die Wiebke wartete, fühlten sich an wie eine Ewigkeit, dann wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet.

„Ja bitte?“ Misstrauen lag im Blick der alten Dame, die durch den Spalt spähte. Eine Panzerkette zwischen Tür und Rahmen verhinderte, dass ungebetene Gäste sich Zugang zum Haus verschaffen konnten.

„Frau Brütsch? Erika Brütsch?“ Wiebke blickte in das rundliche Gesicht einer älteren Dame, die sie auf Ende siebzig, vielleicht sogar auf Anfang achtzig schätzte. Die blauen Augen der Frau waren wachsam auf die Besucherin gerichtet.

Wiebke zog den Dienstausweis hervor und stellte sich vor.

„Polizei?“ Die Miene der alten Dame hellte sich auf. Die Tür wurde geschlossen. Wiebke hörte innen das Rasseln der Kette, dann wurde ihr die Haustür wieder geöffnet.

Wiebke ließ den Ausweis verschwinden und lächelte die alte Dame freundlich an. „Sie haben uns angerufen.“

„Weil ich mir große Sorgen um Frau Möller mache.“

Wiebke folgte der Frau in einen schummrigen Flur. Eine altmodische Deckenlampe mit rauchigem Glas verbreitete einen diffusen Lichtschein. Neben der Haustür gab es eine antiquierte Garderobe mit wetterfesten Jacken, überwiegend in Grau- und Brauntönen, daneben ein ovaler Ankleidespiegel. Auf einer Hutablage entdeckte Wiebke einen dunkelbraunen Cordhut, der von einer feinen Staubschicht überzogen war.

„Der gehörte Knut, meinem Mann“, sagte Erika Brütsch, die Wiebkes Blick gefolgt war. Ein wehmütiges Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihn dort wegzunehmen, nachdem er …“ Die alte Dame brach ab und senkte den Blick, dann machte sie eine wegwerfende Handbewegung, so, als könne sie die Erinnerung an ihren verstorbenen Mann damit zu Seite schieben. „Kommen Sie.“

Nacheinander betraten sie die Stube des kleinen Hauses. Wiebke blickte sich um. Auch hier alte, schwere Möbel, die den nicht allzu großen Raum förmlich erdrückten.

Eine Fensterfront in den Garten hinter dem Haus sorgte bei dem trüben Wetter mehr schlecht als recht für Licht.

„Nehmen Sie Platz.“ Erika Brütsch deutete auf den großen Sessel vor dem gekachelten Sofatisch.

Wiebke nahm die Einladung an und beobachtete die alte Dame, die gedankenverloren an das große Fenster trat und hinausblickte. Eine hölzerne Pergola mit Plexi-

glasdach bot einen Freisitz auch bei schlechtem Wetter. Die Terrasse selbst bestand aus einer rissigen Betonplatte, die an den Rändern mit Grünspan bedeckt war.

„Sie haben uns angerufen, weil Sie Ihre Mieterin vermissen“, begann Wiebke das Gespräch.

Die alte Dame nickte, ohne sich zu ihrer Besucherin umzudrehen. „Das kenne ich von ihr nicht. Frau Möller ist eine sehr ordentliche und eine höfliche Frau. Sie meldet sich immer kurz ab, wenn sie das Haus verlässt. So auch gestern Abend. Jeden Abend geht sie joggen, auch sonntags.“

Wiebke schwieg. Sie wollte den Redefluss der alten Dame nicht unterbrechen. Erst als Erika Brütsch verstummte, hakte sie nach: „Immer dieselbe Strecke?“

„Meistens. Entweder in dem Wäldchen bei Mild-

stedtfeld oder draußen, am Dockkoog.“

„Wann ist sie gestern aufgebrochen?“

„Gegen sechs Uhr abends.“

„Gibt es eine gute Freundin, einen Freund oder Familienangehörige, zu denen sie anschließend gefahren sein könnte?“ Obwohl Wiebke wusste, dass der Wagen von Kerstin Möller auf dem Wanderparkplatz stand, stellte sie diese Fragen. Sie erhoffte sich einen Hinweis auf das soziale Umfeld der jungen Frau.

„Es gibt eine gute Freundin, ja. Und seit einigen Wochen sogar einen Mann in ihrem Leben.“ Jetzt drehte sich Erika Brütsch zu Wiebke um. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen. „Die junge Liebe ist so schön“, schwärmte sie mit geröteten Wangen. „Aber ich denke nicht, dass Frau Möller einfach so zu ihm gefahren ist. Sie wollte einkaufen – abgesehen davon hätte sie angerufen, um mir Bescheid zu sagen.“

Wiebke zog einen Notizblick aus der Tasche und machte sich Notizen. „Sicher haben Sie den Namen der Freundin und des jungen Mannes?“

„Aber sicher.“ Erika Brütsch trat an ein Beistelltischchen neben dem großen Sofa. Ihre Hände zitterten, als sie ein kleines, altmodisches Telefonregister nahm und darin blätterte. „Hier“, sagte sie schließlich und zeigte Wiebke ihre krakeligen Notizen. „Sven Gerissen heißt der junge Mann. Er wohnt wohl in der Husumer Neustadt, arbeitet als Verkäufer in einem Autohaus im Industriegebiet.“ Erika Brütsch nannte Wiebke Gerissens Adresse und die Nummer sowie den Namen des Autohauses, bei dem er arbeitete, danach blätterte sie weiter und fand den Eintrag von Kerstin Möllers bester Freundin. „Das ist Christiane Vollmer, sie wohnt in Treia.“ Auch hier diktierte sie Wiebke Adresse und Telefonnummer.

„Haben Sie schon versucht, dort anzurufen?“

„Aber sicher.“ Erika Brütsch nickte. „Leider vergeblich. Sie hat sich weder bei Christiane Vollmer, noch bei ihrem Freund gemeldet. Auch die beiden sind in größter Sorge, haben mich aber gebeten, noch abzuwarten, bevor ich die Polizei einschalte.“

Wiebke horchte auf. „Warum das?“

„Nun ja …“ Die alte Dame legte das Telefonbüchlein zurück und druckste herum. „Weil ich mir wohl zu oft und zu schnell Sorgen mache.“

„Sie haben alles richtig gemacht, als Sie uns angerufen haben“, versicherte Wiebke ihr und deutete auf das Telefonbuch. „Bestimmt haben Sie auch die Nummer von Kerstin Möller notiert?“

„Aber ja.“ Erika Brütsch nahm das Register wieder in die Hände und nannte Wiebke die Nummer. Wiebke zückte das Smartphone und wählte die Nummer. Schon nach dem ersten Freizeichen meldete sich die Mailbox. Wiebke unterbrach den Anruf, erhob sich aus dem bequemen Fernsehsessel und rief die Galerie ihres Handys auf. Schweigend zeigte sie Erika Brütsch das Bild, das sie bei der Grabstätte aufgenommen hatte.

„Ist das ihre Kleidung?“

Die alte Dame betrachtete das Bild auf dem Display. Ihre Augen schimmerten feucht, als sie Wiebke ansah und langsam nickte. „Ja“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Das sind ihre Sachen.“ Sie räusperte sich. „Wurde sie vergewaltigt?“

Wiebke fand, dass die alte Dame bei aller Emotionalität abgeklärt klang. „Das wissen wir nicht. Spaziergänger fanden die Kleidung bei der Grabstätte bei Mildstedtfeld, von Kerstin Möller fehlt uns jede Spur. Um sicherzugehen, würde ich gern einen DNA-Vergleich anordnen“, erklärte Wiebke. „Dürfte ich mich in Kerstin Möllers Wohnung umsehen?“

„Aber sicher doch.“ Sie ging voran zum Flur. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen ihr Apartment.“

ZEHN

Bundesstraße 201 bei Schuby

Es war ein Kinderspiel gewesen, die Überreste von Kers-

tin Möller zu entsorgen. Niemand beobachtete ihn dabei. Obwohl, wenn man es ganz genau nahm, dann sahen ihm sogar Gott und die Welt dabei zu – ohne auf dem Schirm zu haben, was hier, auf der Bundesstraße in Richtung Westen, überhaupt abging. Ein siegessicheres Grinsen stahl sich auf seine Mundwinkel.

Ich bin gut, sagte er sich immer wieder. Verdammt gut.

Seine Hand zitterte ein wenig, als er den unauffälligen Schalter unter dem Armaturenbrett betätigte, ohne den Blick von der Landstraße zu nehmen. Ein gelbes Lämpchen im Armaturenbrett zeigte ihm, dass seine Erfindung funktionierte. Durch den Knopfdruck hatte sich ein geheimes Ventil im Wagenboden geöffnet, durch das die unbrauchbar gewordene Flüssigkeit ins Freie rann.

Zwei Stunden waren vergangen, seitdem er die Anlage erstmals in Betrieb genommen hatte. Bisher hatte sie tadellos funktioniert. Die Brühe, die durch das komplexe Rohrleitungssystem unter dem fahrenden Wagen auf die Straße sickerte, war farb- und geruchsneutral. Und sie war biologisch abbaubar und nicht nachzuweisen. Kein noch so abgedrehter Umweltfreak konnte ihm etwas ans Zeug flicken – vorausgesetzt, sie hatten überhaupt auf dem Schirm, was hier gerade vor sich ging.

Ich bin gut …

Unter anderen Umständen hätte er sich für die geniale Erfindung feiern lassen. Doch dann wäre er für den Rest seines Lebens in den Bau gewandert. Und er hatte noch ganz andere Pläne. Nein, der Knast war keine Option für ihn.

Erst einmal musste er seine Mission fortsetzen.

Ein Zeichen setzen, ihr zeigen, wie mächtig er sein konnte, und ihr beweisen, wie sehr er sie liebte. Doch noch war es nicht so weit. Er musste sich in Geduld üben, um sie zu überzeugen. Doch je länger er darüber nachdachte, umso sicherer wurde er, auf dem richtigen Weg zu sein. Abgesehen davon gab es keinen Weg zurück mehr. Jetzt galt es, aufs Ganze zu gehen.

Die Nachrichten überschlugen sich förmlich: Zu dem rätselhaften Mord an Hans Olaf Berger war eine vermisste Frau gekommen – die Polizei hatte reichlich Arbeit. Da würde ihm so schnell niemand auf die Schliche kommen.

Ein Lichtreflex im Rückspiegel riss ihn aus den Gedanken. Er beugte sich vor und sah einen silbernen VW Passat, der ihm dicht auffuhr und immer wieder die Lichthupe betätigte.

Sein Herzschlag schien einen Moment lang auszusetzen. Die Gedanken in seinem Kopf überschlugen sich. Stimmte etwas mit der Maschine nicht? War man ihm doch auf die Schliche gekommen?

Das war unmöglich, denn er hatte alles gut vorbereitet.

Doch was wollte der verdammte Typ in der Vertreterkarre, der ihm seit einigen Kilometern schon im Kofferraum hing?

„Überhol doch, du Arschloch“, zischte er, nahm den Fuß vom Gas und zog den Wagen so weit an den rechten Fahrbahnrand wie möglich.

Der Fahrer hinter ihm nutzte die Gelegenheit, um noch dichter aufzufahren. Doch er überholte nicht.

Jetzt drang das Dröhnen einer Hupe an seine Ohren.

„Fahr vorbei“, brüllte er wütend. Ich muss cool bleiben, mahnte er sich. Was will der blöde Arsch von mir?, fuhr es ihm durch den Kopf.

Kurz spürte er Unsicherheit aufkommen. Er war versucht, das Ventil im Fahrzeugboden zu schießen, entschied sich aber dagegen. Der nervige Passat-Fahrer konnte unmöglich bemerkt haben, was hier gerade abging. Während er den Wagen mit knapp hundert Stundenkilometern über die Bundesstraße in Richtung Westen rollen ließ, entsorgte er, völlig unbemerkt von der Außenwelt, die Altlasten. Dabei spielte ihm der Nieselregen sogar in die Karten, denn er spülte die Flüssigkeit im Nu von der Fahrbahn.

Bleib locker, mahnte er sich zur Ruhe. Der Typ hat keine Ahnung, was hier gerade läuft. Er warf einen irritierten Blick in den Außenspiegel. Doch nichts wies darauf hin, was gerade passierte, keine auffällige Spur, die er hinter sich herzog, nichts. Wer auch immer ihm da bis auf die Stoßstange aufrückte, er konnte nicht ahnen, was hier gerade geschah. Langsam beruhigten sich seine Nerven. Er atmete zwei-, dreimal tief durch und lehnte sich entspannt im Fahrersitz zurück.

Gut so, dachte er zufrieden. Ich befinde mich mitten unter euch, und ihr bemerkt nicht die Blutspur, die ich durchs Land ziehe. Gut so.

Der Regen tat sein Übriges: Durch die nasse Fahrbahn war der Flüssigkeitsfilm, den er hinterließ, unsichtbar für den Rest der Welt.

Er war so unendlich gut. Zufrieden lehnte er sich im Fahrersitz zurück, als er im Rückspiegel sah, wie der Passat noch dichter aufschloss. Jetzt würde es genügen, den Fuß vom Gas zu nehmen, und der Heini fuhr ihm in die Karre.

„Dann überhol mich, du Arschloch!“, zischte er wütend und ließ den Wagen am rechten Fahrbahnrand weiterrollen. Es war, als hätte ihn der nervige Typ gehört, denn obwohl sich von vorn ein mächtiger Sattelzug näherte, setzte der Passatfahrer zu einem waghalsigen Überholmanöver an. Der Lkw-Fahrer von vorn blendete die Scheinwerfer auf und hupte. Das Quietschen der Bremsen überlagerte das Hupkonzert, dann war der Spuk vorüber.

Im Augenwinkel konnte er noch sehen, wie der Lastwagenfahrer wild gestikulierte und ihm den Scheibenwischer zeigte, dann war er schon vorbei.

Er atmete tief durch und sah, wie sich der Passat Variant in waghalsigem Tempo entfernte. Es war noch einmal gut gegangen. Jetzt wurde er sich darüber klar, dass ein Unfall, in den er, egal ob verschuldet oder unverschuldet, geriet, das Aus bedeuten würde. Doch es war noch lange nicht aus, denn jetzt würde er seine Mission fortsetzen. Davon konnte ihn auch der Typ in der Vertreterkarre von eben nicht abhalten. Gut so.

Es dauerte ein paar Kilometer, bis sich sein Puls normalisiert hatte und er das Lied, das aus den Lautsprechern des Radios an seine Ohren drang, laut mitsang. Die Welt war in Ordnung, und bis er die Küste erreicht hatte, würde auch der Tank seiner Erfindung leergesickert sein. Ja, er war ein Genie.

*

Husum, Lundweg

Das Apartment von Kerstin Möller war modern eingerichtet und sehr sauber. Auf wenigen Quadratmetern hatte sich die junge Frau ein kleines, gemütliches Nest unter dem Dach eingerichtet. In der aufgeräumten Küche befand sich nur eine einzige benutzte Teetasse in der Spüle.

Im Schlafzimmer gab es einen zwei Meter breiten Schrank, in dem sich jedoch nur Frauenkleidung befand. Erst im Bad wurde Wiebke fündig: Auf der Ablage standen zwei Zahnputzbecher mit einer pinkfarbenen und einer tiefblauen Bürste, ein Nassrasierer mit Schaum, daneben zwei Haarbürsten und zwei Deos, einer mit dem Zusatz „For Men“ auf dem Etikett. Zufrieden zog sie Asservatenbeutel aus der Tasche und tütete die Zahn- und die Haarbürste ein.

Auf dem Rückweg zur Diele machte Wiebke am Spiegel der Garderobe halt. Hier hingen einige Fotos, auf denen die Vermisste zu sehen war. Die Bilder zeigten eine lebensfrohe zierliche Frau mit schulterlangen blonden Haaren und lustigen Grübchen. Ihre blauen Augen strahlten Lebensfreude pur aus. Wiebke trat näher, um die Aufnahmen zu betrachten. Auf einigen Bildern, sah sie die Vermisste in Begleitung eines attraktiven Mannes mit einem Lächeln, das für den Werbespot einer Zahnpastamarke taugte. Er war braun gebrannt und breitschultrig, auf manchen Fotos betonte er sein maskulines Äußeres mit einem Dreitagebart.

„Das ist ihr Freund“, kommentierte Erika Brütsch, die ihre Besucherin sehr aufmerksam beobachtete, „der Herr Gerissen. Ein netter junger Mann.“ Jetzt tippte die alte Dame auf ein Bild, auf dem eine dunkelhaarige Schönheit zu sehen war. „Und das hier“, sagte sie, „ist die beste Freundin von Frau Möller, Christiane Vollmer.“

„Sicher darf ich die Bilder mitnehmen?“, fragte Wiebke.

„Aber sicher.“ Erika Brütsch nickte. „Vielleicht erleichtern Ihnen die Fotos die Arbeit.“

Die Zeit drängte, so musste Wiebke Erika Brütsch versprechen, sich zu melden, falls es eine Spur zu Kerstin Möller gab. Nachdem Wiebke sich bei Erika Brütsch für die Zusammenarbeit bedankt hatte, verabschiedete sie sich von der alten Dame. Die Nachbarin, die Wiebke bei ihrer Ankunft misstrauisch beobachtet hatte, war im Haus verschwunden. Jetzt stand sie hinter der Gardine ihres Küchenfensters. Wiebke ignorierte die neugierigen Blicke und wählte Jan Petersens Nummer, nachdem sich ihr Smartphone mit der Freisprech-

einrichtung des Dienstwagens verbunden hatte. Mit wenigen Sätzen schilderte sie ihrem Partner die Situation. „Der Abgleich der DNA-Spuren wird beweisen, dass es sich bei der verschwundenen Besitzerin der Sportbekleidung um Kerstin Möller handelt“, schloss sie ihre Ausführungen.

„Na Mahlzeit“, brummte Petersen am anderen Ende der Leitung. „Dann werd ich mal den ganzen Apparat in Bewegung setzen.“

„Suchhunde, wieder der Hubschrauber und eine Wärmebildkamera“, stimmte Wiebke ihm zu. „Und sieh mal zu, wie schnell wir eine Hundertschaft von der Bereitschaftspolizei bekommen. Und ich brauche eine Handyortung, die Nummer schicke ich dir gleich. Kannst du das veranlassen?“

„Wird gemacht, Christensen kann schon mal mit dem Staatsanwalt telefonieren wegen der Anordnung. Kommst du gleich rein?“

„Bin schon auf dem Weg.“ Wiebke unterbrach die Verbindung, dann wählte sie die Nummer von Sven Gerissen. Erwartungsgemäß meldete sich nach drei Freizeichen die freundlich klingelnde Stimme eines jungen Mannes, der dem Anrufer beschied, nicht anwesend zu sein, aber wer mochte, konnte ihm eine Nachricht hinterlassen.

Wiebke mochte nicht. An einer roten Ampel tickerte sie Petersen eine WhatsApp, dass sie etwas später zum Polizeirevier komme, dann machte sie einen kleinen Umweg zum Industriegebiet.

ELF

Bundesstraße 201 Richtung Husum

Er hatte alles gut vorbereitet. Im Nachhinein ärgerte er sich darüber, dass er sie vor Ort entkleidet und die Sachen nur halbherzig entsorgt hatte. Doch es konnte nur besser werden. Ein teuflisches Grinsen schlich um seine Mundwinkel, als er das Smartphone in den Ruhestand versetzte und in die Ablage im Armaturenbrett legte. Diese kleinen digitalen Zauberkästen waren ein Segen. Sie erleichterten ihm die Arbeit auf seiner Mission.

Er fand, wonach er suchte.

Immer und überall.

Als er den Motor startete, konnte er nicht gleich losfahren. Bei dem kurzen Stopp waren die Scheiben beschlagen. So ließ er den Diesel einen Moment im Leerlauf tuckern und schaltete das Gebläse auf volle Leistung. Er nutzte die Zeit, um den nächsten Schritt zu planen. Sein nächstes Opfer stand bereits fest.

Als er freie Sicht hatte, drosselte er die Leistung des Gebläses, legte einen Gang ein und fuhr langsam vom Parkplatz herunter. Die Fahrt nach Husum dauerte keine zwanzig Minuten. Ein Blick auf die Uhr im Armaturenbrett sagte ihm, dass er gut in der Zeit war. Alles lief nach Plan.

Er würde die Zeit für einen kleinen Spaziergang durch die graue Stadt am Meer nutzen. Der Lesestoff war ihm ausgegangen. Ohne Buch fühlte er sich unvollständig. Gleich würde er sich in der Buchhandlung mit Nachschub versorgen. Und ihr dabei einen kleinen Besuch abstatten.

Er atmete tief durch, als er das Seitenfenster einen Spaltbreit öffnete und die frische Luft tief in die Lungen einsog. Der Wind trieb graue, unheilvolle Wolken ins Landesinnere und tauchte das flache Land links und rechts der Straße in ein bizarres Licht. Nordfriesland war seine Heimat, hier fühlte er sich wohl. Mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen lauschte er der leisen Musik aus dem Autoradio und summte mit. Als er Husum erreichte, spürte er eine undefinierbare Spannung in sich aufsteigen.

Er hatte Glück und fand einen Parkplatz an der Deichstraße. Ein kühler Wind fegte ins Landesinnere, immerhin hatte der fiese Herbstregen nachgelassen. Er warf eine Münze in den Parkscheinautomaten und löste das Ticket, um es hinter die große Windschutzscheibe zu klemmen. Ein Strafzettel wäre jetzt fatal, denn es galt, nicht aufzufallen in der Masse. Nachdem er sich gründlich versichert hatte, den Wagen abgeschlossen zu haben, zog er den Reißverschluss seiner Jacke hoch, setzte die Pudelmütze auf, versenkte die Hände in den Taschen seiner Jeans und schlenderte am Fischhaus Loof vorbei über die Hafenstraße in Richtung Innenstadt. Ein Lieferwagen parkte vor dem Kulturspeicher. Zwei Männer in Overalls entluden Kisten und schleppten sie in das alte Gebäude. Sie schenkten ihm keine Beachtung. Um diese Zeit herrschte nicht allzu viel Betrieb in der grauen Stadt am Meer. Es war keine Saison, die bunt gekleideten Touristen, die Husum im Sommer bevölkerten, waren im Alltag gefangen und gingen ihren Berufen nach. Er atmete tief durch. Eigentlich ging es ihm gut. Er lebte dort, wo andere Urlaub machten. Er war sein eigener Chef und hatte sein Leben fest in der Hand. Lange war das nicht der Fall gewesen, doch er war gerade im Begriff, die Schieflage wieder zu richten. Und der Anfang war gemacht.

Als er Hunger verspürte, überlegte er, wo er zu Mittag einkehren konnte. An Kneipen, Bars und Restaurants mangelte es nicht. Er entschied sich für einen Abstecher auf das Restaurantschiff „Nordertor“, das seit einigen Jahren unter neuer Flagge an seinem Standort im Binnenhafen lag. Claude Bruhn, der kultige Kapitän, war vor Längerem schon von Bord gegangen, um den wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Touristen und waschechte Nordfriesen hatten ihm lange hinterhergetrauert. Claudes Nachfolger führten die alte Tradition auf dem ehemaligen Fahrgastschiff fort, hatten frischen Wind in die Institution gebracht, ohne dem Konzept des Restaurantschiffes untreu zu werden.

Ohne Eile nahm er die leicht schwankende Gangway und fand sich im Vorderdeck des alten Schiffes wieder. Eine kleine Tür führte in den Gastraum, er musste den Kopf einziehen, um sich nicht zu stoßen. Drinnen schlug ihm eine wohlige Wärme entgegen, als er sich an einen freien Tisch setzte, von dem aus er den Blick auf das Hafenbecken und den Tonnenleger „Hildegard“, der als Touristenattraktion seit vielen Jahren auf der stillgelegten Slipanlage vor dem Rathaus ruhte, genießen konnte.

Im Innern der „Nordertor“ herrschte nicht viel Betrieb, und so dauerte es nicht lange, bis ihm die Bedienung die Speisekarte brachte und er eine Apfelschorle bestellte. Eher desinteressiert blätterte er durch die Karte und entschied sich schließlich für eine Portion Backfisch im Bierteig und Bratkartoffeln.

Die Bedienung brachte ihm die Apfelschorle. Er bedankte sich höflich, erwischte sich dabei, der jungen Frau im Weggehen auf den Hintern zu starren, und trank einen Schluck. Dann setzte er das Glas auf dem Untersetzer ab. Schließlich wollte er keine unansehnlichen Ränder auf der Tischdecke hinterlassen.

Während er auf das Essen wartete, das in Deutschlands wohl kleinster Restaurantküche zubereitet wurde, zog er sein Smartphone aus der Tasche und stöberte ein wenig in den sozialen Netzwerken. Dann fand er ihr Foto. Er spürte, wie sich sein Herzschlag bei ihrem Anblick beschleunigte. Es schien, als würde er sie schon seit Ewigkeiten kennen. Da waren diese Vertrautheit, dieses angenehme Lächeln und die Grübchen in ihrem Gesicht, wenn sie lachte. Dass er selber lächelte, bemerkte er nicht.

Bald gehörst du mir. Fast zärtlich strich seine Daumenkuppe über eines ihrer zahlreichen Bilder im Netz.

„So“, riss ihn die Stimme der jungen Kellnerin aus den Gedanken. „Einmal Backfisch und Bratkartoffeln.“

Schnell ließ er das Handy verschwinden und betrachtete das Essen. Erst jetzt spürte er, wie sein Magen knurrte. Höchste Zeit, dass er sich eine warme Mahlzeit gönnte. Hungrig rollte er das Besteck aus der Serviette und machte sich über den Fisch her. Gleich nach dem Essen würde er sie aufsuchen.

Ich habe eine gute Auswahl getroffen, dachte er zufrieden, als ihr Lächeln wieder vor seinem geistigen Auge auftauchte.

Und damit meinte er nicht das Essen, sondern sein nächstes Opfer. Bald schon würde er sie sich holen. Doch ein paar Stunden musste er sich noch gedulden.

*

Husum, Autohaus Reiners, 11.50 Uhr

Es roch nach Reifen und Polierwachs. Der Verkaufsraum mit großer Fensterfront zur Flensburger Chaussee war vollgestellt mit den Neuwagen, die der Hersteller auf der letzten Automobilmesse in Frankfurt erst präsentiert hatte. Auf Plakaten warb man mit „satten Rabatten“ und günstigen Finanzierungen für den Kauf eines neuen Autos. Wiebke schlenderte durch die Reihen der blitzblanken Fahrzeuge und schielte unauffällig zu den gläsernen Büros im hinteren Bereich der Neuwagenausstellung.

Für Wiebke war ein Auto nichts als ein Fortbewegungsmittel, mit dem man – je nach Modell – mehr oder weniger komfortabel von A nach B kam. Sie verstand nicht, dass ein Auto für viele Mitmenschen ein Statussymbol war. Genauso wenig wie sie die Leute verstand, die samstagvormittags Stunden damit verbrachten, den fahrbaren Untersatz zu putzen und zu polieren.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Die freundliche Stimme riss Wiebke aus den Überlegungen. Ohne sich umzudrehen, erkannte sie die Stimme des Mannes, die sie eben schon auf dem Anrufbeantworter gehört hatte. Hinter ihr stand der Mann, den sie von den Bildern an Kerstin Möllers Garderobenspiegel kannte.

Nahezu lautlos war der attraktive Mittdreißiger in gut sitzendem Anzug und einer farblich zum Jackett passenden Jacke hinter ihr aufgetaucht. Der Duft seines Aftershaves umgab ihn wie eine unsichtbare Wolke. Wiebke ertappte sich dabei, genießerisch die Luft durch die verschnupfte Nase einzuziehen.

Sie überlegte, ob sie gleich mit der Tür ins Haus fallen sollte, entschloss sich aber dagegen, sich gleich als Polizistin zu outen. „Ich würde gern mit Herrn Gerissen sprechen.“

Das Lächeln um das kantige Kinn ihres Gegenübers wurde eine Spur breiter. „Da haben Sie großes Glück, ich stehe zur Verfügung.“ Gerissen hielt ihr die Hand hin. Wiebke nahm sie und stellte fest, dass sein Händedruck angenehm fest, aber nicht wie ein Schraubstock war. „Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Wiebke Ulbricht, ich bin Polizistin.“ Sie blickte sich im Verkaufsraum um. „Können wir irgendwo ungestört reden?“

„Aber sicher.“ Das Lächeln auf seinen Lippen erlosch. „Sie kommen wegen Kerstin, nehme ich an?“

„Ja. Ich habe ein paar Fragen an Sie.“

„Natürlich.“ Sven Gerissen machte eine auslandende Bewegung und deutete in Richtung der beiden gläsernen Büros. „Kommen Sie.“

Wiebke folgte ihm in das kleine Büro und nahm vor dem ebenfalls gläsernen Schreibtisch Platz. Während Gerissen den Schreibtisch umrundete, um sich zu setzen, schaute Wiebke sich um. Das Büro war höchstens fünf Quadratmeter groß und recht spartanisch eingerichtet. Es gab einen Schlüsselkasten, in dem sich unzählige Autoschlüssel befanden, einen großen Kalender mit den aktuellen Modellen des Autoherstellers und ein halbhohes, offenes Aktenregal. Auf dem Schreibtisch die Nachbildung eines Autoreifens, die als Stifteköcher diente, daneben eine Zettelbox, die aus einem Miniatur-Motorblock bestand. Darauf erkannte Wiebke das Logo des Autohauses. Auf der linken Ecke stand ein flacher Monitor, zu dem sich Maus und Tastatur gesellten. Ein stehender Bilderrahmen war das einzige persönliche Einrichtungsmerkmal an Gerissens Arbeitsplatz. Wiebke bedauerte, aus ihrem Blickwinkel nur die Rückseite des Rahmens sehen zu können. Es hätte sie interessiert, ob Sven Gerissen das Bild seiner Freundin auf dem Schreibtisch stehen hatte.

„Kerstins Vermieterin ist außer sich vor Sorge“, begann Gerissen das Gespräch, während er die fein manikürten Hände auf der gläsernen Tischplatte faltete.

„Sind Sie nicht in Sorge?“, konterte Wiebke.

„Doch, natürlich.“ Gerissens Antwort kam zu schnell, zu spontan. Sein Blick wurde unstet, während er mit den feingliedrigen Händen rang. „Was denken Sie denn?“ Als er zu Wiebke aufblickte, hatte er die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.

Wiebke sparte sich eine Antwort. Sie wollte den Freund der Vermissten aus der Reserve locken.

„Haben Sie denn schon eine Spur?“, riss Gerissen sie aus den Beobachtungen.

„Leider nein.“ Wiebke schüttelte den Kopf. „Wie lange sind Sie schon ein Paar?“

„Seit einem halben Jahr etwa.“ Er lachte trocken auf, als würde er ihr die Vorzüge eines neuen Automodells vorstellen. „Aber Paar, das klingt so hochtrabend.“

Wiebke runzelte die Stirn. „Wie würden Sie es dann bezeichnen?“

„Auch wenn wir zusammen sind, achten wir beide darauf, unsere Freiheit zu behalten.“ Das selbstgefällige Lächeln in seinem Gesicht war wie ausgelöscht.

„Wie muss ich mir das vorstellen?“

„Wir lassen uns unsere Freiräume und legen uns nicht in Ketten. Manchmal haben wir ein paar Tage lang gar keinen Kontakt, an anderen Tagen hängen wir aufeinander wie ein frisch verliebtes Paar.“ Jetzt rang er sich wieder ein Lächeln ab, doch es wirkte aufgesetzt.

„Sie haben eine eigene Wohnung, nehme ich an?“

„Aber sicher. Und die werde ich auch behalten. Mir ist ein Rückzugsort sehr wichtig.“

„Ich verstehe.“ Wiebke machte sich Notizen. Etwas an Sven Gerissen gefiel ihr nicht, doch sie konnte nicht beschreiben, was ihr an ihm missfiel. Unwillkürlich dachte Wiebke an ihre Beziehung zu Eike. Ihr Freund machte auch keinen Hehl daraus, dass er ein eigenständiger Mensch bleiben wollte. Und momentan nutzte er das, was Gerissen eben als Rückzugsmöglichkeit bezeichnet hatte, für sich. Wiebke fragte sich, warum Eike, sobald er mit seiner Band auf Tour war, zu einem ganz anderen Menschen wurde. Sie ertappte sich bei der Frage, wie lange sie es noch an seiner Seite aushielt.

Sie verdrängte die düsteren Gedanken und konzentrierte sich auf den Fall. „Wann haben Sie Ihre Freundin zuletzt gesehen?“

„Vorgestern Abend“, kam Sven Gerissens Antwort wie aus der Pistole geschossen. „Wir waren eine Kleinigkeit essen und haben geredet. Kerstin war müde und wollte früh zu Bett gehen.“

Pulsuz fraqment bitdi.

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26 may 2021
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9783827184030
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