Kitabı oxu: «Gestaltungsprinzipien für soziale Handlungsräume»

Şrift:

Andreas Wörndl

Gestaltungsprinzipien für soziale Handlungsräume


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Teil I – Einführendes

1 Einführendes

1.1 Stationäre Pflege und Betreuung in Niederösterreich

1.2 Bauliche Infrastruktur

1.3 Problemanalyse

1.4 Annäherungen

1.5 Zielsetzung

1.6 Methodisches Vorgehen

Teil II – Territorien, Konflikte und Raum

2 Territorien

2.1 Einleitung und Vorgehen

2.2 Begriffsbestimmung

2.3 Mensch-Umwelt-Beziehung

2.4 Privatheit

2.5 Persönlicher Raum – Personal space – Personale Sphäre

2.6 Territorialität und Territorialverhalten

2.7 Dichte und Beengtheit

2.8 Fazit

3 Konflikte

3.1 Einleitung und Vorgehen

3.2 Begriffsbestimmung

3.3 Totalitäre Institutionen

3.4 Strukturelle Gewalt

3.5 Sozialer Konflikt

3.6 Aggression und Gewalt

3.7 Fazit

4 Raum

4.1 Einleitung und Vorgehen

4.2 Begriffsbestimmung

4.3 Der Raum in der Architektur

4.4 Der Raum in der Philosophie

4.5 Der Raum der Architekten – eine atmosphärische Bestimmung

4.6 Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Raum

4.7 Der Mensch im beengten Raum

4.8 Das Wohnen

4.9 Häuslicher Maßstab und Kleinteiligkeit

4.10 Fazit

Teil III – Gestaltungsprinzipien für soziale Handlungsräume

5 Einführendes

6 Annäherungen

6.1 Der Mensch im Raum – eine wechselseitige Beziehung

6.2 Das Raumempfinden ist ein individueller Zustand

6.3 Das Konzept der Häuslichkeit

6.4 Wohnen als Form räumlicher Kleinteiligkeit

6.5 Gestaltung und Partizipation

6.6 Das Verlassen der häuslichen Umgebung

7 Gestaltungsprinzip 1: Optimum an Privatheit

7.1 Theoriebasierte Verdichtung

7.2 Empirische Erkenntnisse

7.3 Analyse und Interpretation

7.4 Folgerungen

7.5 Anwendung: Das Ein-Raum-Apartment als Ort optimaler Privatheit und häuslicher Vielfalt

8 Gestaltungsprinzip 2: Räumliche Kleinteiligkeit

8.1 Theoriebasierte Verdichtung

8.2 Empirische Erkenntnisse

8.3 Analyse und Interpretation

8.4 Folgerungen

8.5 Anwendung I: Institutionelles Wohnen in der Gruppe

8.6 Anwendung II: Institutionelles Wohnen für Menschen mit Demenz

9 Gestaltungsprinzip 3: Klare territoriale Abgrenzung

9.1 Theoriebasierte Verdichtung

9.2 Empirische Erkenntnisse

9.3 Analyse und Interpretation

9.4 Folgerungen

9.5 Anwendung I: Das Territoriale Lebensraum-Modell

9.6 Anwendung II: Territorialverhalten in Zwei- und Mehrbettzimmern

9.7 Anwendung III: Geteilte Räume – Das Zwillings-Apartment

10 Gestaltungsprinzip 4: Entflechtung von Funktionen

10.1 Theoriebasierte Verdichtung

10.2 Empirische Erkenntnisse

10.3 Analyse und Interpretation

10.4 Folgerungen

11 Gestaltungsprinzip 5: Angemessene Dichte

11.1 Theoriebasierte Verdichtung

11.2 Empirische Erkenntnisse

11.3 Analyse und Interpretation

11.4 Folgerungen

12 Gestaltungsprinzip 6: Konfliktprävention durch räumliche Interventionen

12.1 Theoriebasierte Verdichtung

12.2 Empirische Erkenntnisse

12.3 Analyse und Interpretation

12.4 Folgerungen

12.5 Anwendung: Funktionale Zonierung durch räumliche Interventionen

13 Gestaltungsprinzip 7: Individuelle Gestaltungsfreiheit

13.1 Theoriebasierte Verdichtung

13.2 Empirische Erkenntnisse

13.3 Analyse und Interpretation

13.4 Folgerungen

14 Gestaltungsprinzip 8: Schwellenräume für Handlungsalternativen

14.1 Theoriebasierte Verdichtung

14.2 Empirische Erkenntnisse

14.3 Analyse und Interpretation

14.4 Folgerungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Teil IV – Expertisen

Franz Kolland, Rebekka Rohner, Vera Gallistl

15 Affekte in stationären Pflegeeinrichtungen

Hanna Mayer, Martin Wallner, Sabine Köck-Hódi

16 Umgebungsgestaltung in der Stationären Langzeitpflege: Das Modell PeoPLe als Basis für eine personzentrierte Pflege

Ernst Beneder

17 Orte und Augenblicke. Zu räumlichen Wahrnehmungen zwischen Offenheit und Bestimmtheit

Andreas Wörndl

18 Räumliche Kleinteiligkeit in der Institution. Das Wohndorf „De Hogeweyk“ in Weesp und der Generationencampus Korneuburg in Niederösterreich

Autorinnen- und Autorenverzeichnis

Vorwort

Die individualisierte Gesellschaft sucht nach räumlichen Lösungen, die eine selbstbestimmte und autonome Lebensführung unterstützen. Im Wohnen finden Menschen eine vertraut-häusliche Umgebung, die der Mensch als Maßstab für die Proportion des Raumes selbst bestimmt. Räumliche Kleinteiligkeit ist ein Beispiel dafür, den individuellen Bedürfnissen und Ansprüchen gerecht zu werden. Immer mehr Menschen im Dritten und Vierten Lebensalter streben nach Wohnformen, die ihre Privatheitsbedürfnisse und Interaktionsansprüche bestmöglich verbinden und ein Verweilen in der gewohnten Lebensumgebung und im Generationenverband ermöglichen. Individuelle Grundrisslösungen und intelligente Gebäude- und Informationstechnologien helfen zwar dieses Ziel zu erreichen, sind jedoch nicht immer als ausreichend zu bewerten. Als Alternative zu individuellen Wohnformen bietet das institutionelle Wohnen für Menschen mit Unterstützungsbedarf einen sicheren und geschützten Rahmen.

Institutionelle Wohnformen, insbesondere in der stationären Altenhilfe, bedienen sich baulicher Strukturen, die nicht immer im Einklang mit den Privatheitsvorstellungen der Individuen stehen. Menschen haben eine besondere Beziehung zu ihren Räumen. In diesem Spannungsfeld verbringen gerade hochaltrige Personen ihren Alltag nahezu ausschließlich in geschlossenen und ritualisierten Räumen. Institutionalisierte Lebensräume brauchen im Einklang mit pflegefachlichen Expertisen innovativ und flexibel gestaltbare sowie klar lesbare Raumkonzepte.

Ein Umzug in eine Pflege- und Betreuungseinrichtung zeichnet nicht nur ein defizitäres Bild aus Ängsten und Unsicherheiten, sondern bedeutet für die Betroffenen eine komplexe emotionale Herausforderung, aber auch Erleichterung und Sicherheit. Fremde Regelungen und neue soziale Bedingungen stehen den gewohnten Ritualen und Lebensgewohnheiten gegenüber. Der Verlust der häuslichen Umgebung, die Einschränkung der Privatsphäre, soziale und räumliche Beengungs- und Konfliktsituationen sind im Pflegealltag bekannte Umstände. Menschen in institutionellen Lebensgemeinschaften brauchen eine sensible, emotional und atmosphärisch unterstützende und dem menschlichen Maß angepasste Lebensumgebung. Dabei gewinnt der Einfluss der Gestaltung auf die räumliche Umgebung immer mehr an Bedeutung.

Die Auseinandersetzung mit der wechselseitigen Wirkung zwischen Mensch und Raum sowie die Auswirkungen dieses Umstandes sind in der stationären Altenhilfe bzw. im gesellschaftsrelevanten Institutionsbau generell bislang auf wenig Interesse gestoßen. Die Aufmerksamkeit der Debatte liegt im Kontext der stationären Pflege und Betreuung in Niederösterreich.

Diese Publikation thematisiert den Einfluss gestalterischer Entscheidungen auf das Wohlbefinden der Menschen in institutionellen Lebensgemeinschaften und leistet einen Beitrag dazu, auf welche Art und Weise Raum als Komplementärstruktur in konflikthaften Interaktionen wirksam werden kann. Dabei stehen der Privatheitsbegriff, territoriale Rahmenbedingungen sowie räumliche und soziale Dichte- und Distanzverhältnisse im Fokus der Recherche. Ergänzt um konflikthafte Interaktionsformen, wird das Thema Raum aus einem emotional atmosphärischen Blickwinkel diskutiert. Empirisch gesammelte Daten führen gemeinsam mit einer theoriebasierten Verdichtung zu zentralen Ergebnissen, die in Form von Gestaltungsprinzipien dokumentiert werden.

Die Gestaltungsprinzipien sind eine Orientierungshilfe für die Umsetzung konkreter Projekte. Sie richten sich im interdisziplinären Zusammenwirken rund um das Thema Pflege und Betreuung an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, die auf Basis ihrer strategischen Handlungsfähigkeit großen Einfluss auf die Qualität bedarfs- und altersgerechter Lebensräume für Menschen mit Unterstützungsbedarf nehmen können, an Pflegepersonen, die durch ihre Expertisen wesentlich dazu beitragen, dass die Raumformung der geforderten Funktion entspricht, an Planende und alle Interessierten, die sich mit den Themen rund um das institutionelle Wohnen im Alter auseinandersetzen wollen.

Diese Arbeit gliedert sich in vier Teile. Nach dem ersten Teil der Einführung erfolgt in Teil II eine breitgefächerte Recherche, die aus der Gesamtheit der Leitthemen zentrale Inhalte verdichtet, die in weiterer Folge der empirischen Erhebung zu Grunde gelegt wurden. Im dritten Teil werden acht Gestaltungsprinzipien beschrieben, denen theoriebasierte Erkenntnisse und empirisch erhobene Daten eingeschrieben sind, um gemeinsam mit kategoriegebundenen Zitaten der Expertinnen und Experten Interpretationsspielräume zu öffnen. Um neue Denkräume zu erschließen, werden im vierten Teil erweiternde Expertisen aufgenommen. Franz Kolland, Rebekka Rohner und Vera Gallistl fokussieren Affekte, die in Räumen stationärer Pflegeeinrichtungen eingeschrieben sind, Hanna Mayer, Martin Wallner und Sabine Köck-Hódi bringen als Basis für eine personzentrierte Pflege das Modell PeoPLe mit der Umgebungsgestaltung in der Stationären Langzeitpflege in Beziehung, Ernst Beneder beschreibt die räumliche Wahrnehmung zwischen Offenheit und Bestimmtheit und der Autor stellt zwei Architekturbeispiele nebeneinander, die räumliche Kleinteiligkeit als Maßstab in die Institution integrieren.

Diese Publikation definiert den Wert der Privatheit, des Wohnens und den Maßstab häuslicher Proportionen, skizziert soziales Distanzverhalten, beschreibt Handlungsräume, in denen Privatheit gelebt, Gemeinschaft gefördert, Begegnung ermöglicht und Gesellschaft erlebt werden kann, und beschreitet einen Weg zwischen theoriegeleiteten Herangehensweisen und praxisnahen Beispielen.

Andreas Wörndl, Wien 2021

Teil I – Einführendes

1 Einführendes
1.1 Stationäre Pflege und Betreuung in Niederösterreich

Als soziale Verantwortung gegenüber jenen, die durch ihre Lebensumstände nicht oder vorübergehend nicht in ihrer gewohnten Umgebung leben können, stellt sich die stationäre Pflege und Betreuung in den Dienst der niederösterreichischen Bevölkerung. Landesweit werden unter Berücksichtigung laufend durchgeführter Evaluierungen Anpassungen an das Leistungsspektrum vorgenommen und innovative Weichen gestellt. Auf Basis von soliden wissenschaftlichen Daten und Prognosen, die in regelmäßigen Abständen durch einen Bedarfs- und Entwicklungsplan, den sogenannten Altersalmanach, angepasst werden, reagiert die Sozialplanung und Steuerung des Landes Niederösterreich auf Veränderungen der Altersstruktur oder auf besondere Ereignisse.

Das Land Niederösterreich bietet ein vielfältiges Pflege- und Betreuungsangebot. Die stationäre Versorgung wird durch soziale und sozialmedizinische Pflegedienste, Beratungseinrichtungen und durch die 24-Stunden-Betreuung ergänzt. Menschen, die sich auf Grund physischer, psychischer oder kognitiver Einschränkungen für einen stationären Aufenthalt in einer Pflege- und Betreuungseinrichtung entscheiden, erhalten entsprechend ihrer Bedürfnisse Hilfe, Betreuung oder Pflege. In vielen Einrichtungen arbeiten multiprofessionelle Teams nach den Grundsätzen der personzentrierten Pflege und Betreuung. Der Schwerpunkt liegt auf einer selbstbestimmten und eigenverantwortlich gestaltbaren Lebensführung, die gemeinsam mit der Einbindung der An- und Zugehörigen Unterstützung findet. Das Pflege- und Betreuungsspektrum reicht von der Langzeit-, Tages- und


Abbildung 1: Bevölkerungsstruktur in Niederösterreich 2019 nach Geschlecht und Alter (Quelle: eigene Darstellung, Datengrundlage: Land NÖ, 2020, p. 9)


Abbildung 2: Sozialhilfe-Ausgaben des Landes NÖ 2019 nach Aufgabenbereichen (Quelle: eigene Darstellung, Datengrundlage: Land NÖ, 2020, p. 29 f.)

Kurzzeitpflege über Sonderformen, wie beispielsweise Schwerst-, Hospiz- oder Palliativpflege, bis hin zu psychosozialen und gerontopsychiatrischen Betreuungsformen an ausgewählten Standorten. Die Übergangspflege ist ein Angebot an Menschen, die nach einer medizinischen Akutversorgung rehabilitative Unterstützung benötigen. Diese Unterstützungsleistung wird innerhalb eines Jahres bis zu 12 Wochen gewährt. Menschen mit Demenz erhalten spezielle Angebote. Der Schwerpunkt liegt auf der validierenden Pflege. Im Vordergrund steht der Aspekt eines lebensunterstützenden Umfeldes (Land NÖ, 2020).

Niederösterreich ist das flächengrößte Bundesland in Österreich. Mit einer Bevölkerungszahl von rund 1,68 Millionen Personen wächst Niederösterreich nach der Bundeshauptstadt Wien am zweitstärksten. 26,5 Prozent der Wohnbevölkerung sind über 60 Jahre alt (vgl. Land NÖ, 2020, p. 9). Für Menschen mit stationärem Pflegeund Betreuungsbedarf stehen insgesamt 9.359 Plätze (vgl. Land NÖ, 2020, p. 45) zur Verfügung, in denen im Jahr 2019 13.320 Menschen im Jahr 2019 (vgl. BMSGPK, 2020, p. 170) betreut wurden. Von den 894 im Bericht des Rechnungshofes „Pflege in Österreich“ erwähnten stationären Pflege- und Betreuungseinrichtungen befinden sich 106 Standorte in Niederösterreich (vgl. Rechnungshof Österreich, 2020, p. 31).

Das Sozialhilfebudget des Landes NÖ umfasst Maßnahmen und Leistungen nach dem NÖ Sozialhilfegesetz 2000. Mit etwa 1,04 Mrd. EUR brutto beträgt der Anteil der Sozialhilfeausgaben rund 9 % am Gesamtbudget. Mit der stationären Pflege und Betreuung (42,6 %), den ambulanten Diensten (10,8 %) und der 24-Stunden-Betreuung (4,1 %) nimmt die „Hilfe für alte Menschen“ mit 57,5 % den größten Teil des Sozialhilfebudgets in Anspruch. Der Anteil der stationären Versorgung beträgt nach Rechnungsabschluss 2019 rund 444 Mio. EUR (vgl. Land NÖ, 2020, p. 29 f.). Insgesamt erhalten in Niederösterreich per Stichtag 31.12.2019 92.935 anspruchsberechtigte Personen Pflegegeld, 62,5 % Frauen und 37,5 % Männer (vgl. BMSGPK, 2020, p. 132).


Abbildung 3: Stationäre Pflege- und Betreuungseinrichtungen in Österreich 2020 (Quelle: eigene Darstellung, Datengrundlage: Rechnungshof Österreich, 2020, p. 31)


Abbildung 4: Leistungserbringende nach Rechtsträgerschaft in Österreich 2020 (Quelle: eigene Darstellung, Datengrundlage: Rechnungshof Österreich, 2020, p. 31)

Die Leistungserbringung im Bereich der stationären Pflege und Betreuung erfolgt in den Bundesländern auf unterschiedliche Weise und in den meisten Fällen durch verschiedene Rechtsträgerschaften (Länder, Fonds, Sozialhilfeverbände, Gemeinden, private Betreiber). Von den für Niederösterreich genannten 106 Pflege- und Betreuungseinrichtungen werden 48 Einrichtungen durch das Land, 3 von Gemeinden und 55 von privaten Anbietern1 getragen (vgl. Rechnungshof Österreich, 2020, p. 31).


Abbildung 5: Entwicklung stationäre Pflegeplätze in Niederösterreich 2010 bis 2019 gesamt (Quelle: eigene Darstellung, Datengrundlage: Land NÖ, 2020, p. 45)


Abbildung 6: Entwicklung stationäre Pflegeplätze in Niederösterreich 2010 bis 2019 öffentlich/privat (Quelle: eigene Darstellung, Datengrundlage: Land NÖ, 2020, p. 45)

Ein wichtiger Teil des sozialen Netzwerks in Niederösterreich sind die NÖ Pflege- und Betreuungszentren. Mit 48 Standorten, 5.874 Pflege- und Betreuungsplätzen und 3.937,5 Dienstposten (= Vollzeitäquivalenten), die durch 1.640 ehrenamtlich tätige Personen begleitet und unterstützt werden, ist das Land Niederösterreich der größte Anbieter im stationären Segment. Vertraglich abgesicherte Pflege- und Betreuungsplätze stehen sowohl in NÖ Pflege- und Betreuungszentren als auch in privaten Einrichtungen Personen mit Sozialhilfeanspruch zur Verfügung (vgl. Land NÖ, 2020, p. 49).

1.2 Bauliche Infrastruktur

Gesamtheitlich betrachtet zeigt die bauliche Infrastruktur der stationären Altenhilfe in Niederösterreich vielschichtige Erscheinungsbilder und Ausdrucksformen mit generationstypologisch2 geprägten Merkmalen. Alle Einrichtungen stehen im Zeichen von Diversität und einer individualisierten Gesellschaft vor der Herausforderung, sowohl den Bewohnerinnen und Bewohnern als auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein zeitgemäßes Wohn- bzw. Arbeitsumfeld zu bieten. Die baulichen Strukturen werden laufend evaluiert und konsequent an räumliche und organisatorische Bedarfe herangeführt. Der Wandlungsprozess – weg von der Institution, hin zu einem Leben in Privatheit – wird weiter forciert. Die Implementierung zeitgemäßer Pflege- und Betreuungskonzepte führt in der Regel zu Veränderungen in den bestehenden Gebäudefunktionen. Anpassungen sind durch bauliche Maßnahmen zwar möglich, in der Praxis und unter Berücksichtigung betrieblicher Prozesse aber oft schwer durchzuführen und mit erheblichen Aufwendungen und logistischen Herausforderungen verknüpft. Baulich und organisatorisch inhomogene Strukturen wirken sich nicht nur auf das Wohlbefinden und Verhalten der Bewohnerinnen und Bewohner aus, sondern auch auf die Arbeitszufriedenheit des Pflegepersonals. Das räumliche Umfeld ist eng mit den Anforderungen aus der Pflege verbunden. Neue Konzepte folgen nicht nur pflegewissenschaftlichen Grundsätzen und praxisnahen Erkenntnissen, sie sind zunehmend unter räumlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Angesichts dieses Umstandes sowie des Forschungsinteresses werden wir zunächst versuchen, mögliche Problemlagen in der stationären Pflege und Betreuung zu identifizieren.

1.3 Problemanalyse

Problemlagen in der stationären Altenhilfe stützen sich auf eine multidimensionale Misere, die auf Grund eines Impulses/Auslösers, wie beispielsweise eines Umzugs in eine institutionelle Wohnform, ein defizitäres Bild bei den Betroffenen verursachen kann. Wir gehen davon aus, dass diese Mehrschichtigkeit sowohl auf verhaltensgebundenen Dimensionen (Verlust der Privatsphäre, Verlust sozialer Beziehungen und gewohnter Rituale, Rückzug aus der sozialen Interaktion, soziale Beengungssituationen, Verlust der Ortsidentität usw.) als auch auf raumgebundenen Dimensionen (Verlust der vertraut-häuslichen Umgebung, Verlust territorialer Raumbindungen, Verlust der individuellen Gestaltungsfreiheit, räumliche Beengungssituationen, Verlust der Ortsbindung usw.) beruht. Beide Perspektiven stehen in einer wechselseitigen Wirkung zueinander, die uns die Mensch-Raum-Beziehung verdeutlicht. Bevor wir uns dieser Beziehung widmen, wollen wir auf die Herausforderungen, die ein Umzug in eine Pflege- und Betreuungseinrichtung mit sich bringen kann, eingehen. Die Problemlagen werden vorrangig aus Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner vorgenommen. Auf die Perspektive der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird an dieser Stelle nicht näher eingegangen.

Ein Umzug in ein institutionelles Umfeld konfrontiert Betroffene mit dem Verlust grundlegender emotionaler und territorialer Bindungen3. Die vertraut-häusliche und soziale Umgebung wird verlassen, die neue Umgebung wirkt fremd. Der Verlust an Individualität, Privatsphäre und Selbstbestimmung führt – verbunden mit räumlichen und sozialen Beengungssituationen – zu unterschiedlichen Ausprägungen sozialer Konflikte. Territoriale Bedürfnisse, individuelle Privatheitsvorstellungen, soziale und räumliche Gefüge beeinflussen das zwischenmenschliche Handeln in der Institution. Verletzungen des privaten und intimen Raums führen vielfach zu Stress. Stress zu Aggressions- und Gewaltverhalten, Ruhelosigkeit und zum Rückzug aus der sozialen Interaktion. Pflegehandlungen sind besonders sensible Interaktionen, die in intime Distanzzonen eingreifen und bei unklarer Kommunikation zwischen den Beteiligten zu konflikthaften Situationen führen können. Im hybriden Geflecht der Institution entsteht ein Potenzial, das Verhalten formt. Neben sozialen Konflikten kommt es zu Angst, Orientierungslosigkeit und Unsicherheit und daraus folgend zu einem Mehraufwand in der Pflege und Betreuung. Insgesamt können wir von einer multidimensionalen Problemlage ausgehen, die sich im Wesentlichen auf Verhaltensweisen der Individuen zurückführen lässt. Neben dem Verhalten ist das räumliche Umfeld eine weitere Dimension, die eine bedeutende Rolle übernimmt. Soziale Interaktionen finden in Räumen statt. Insofern können wir die Annahme treffen, dass wir durch die räumliche Umgebung Einfluss darauf nehmen können, wie sich unser Zusammenleben gestaltet. Durch geeignete Interventionen kann Raum als Komplementärstruktur hilfreich sein.


Abbildung 7: Ablaufdiagramm Problemanalyse (Quelle: eigene Darstellung)

1.4 Annäherungen

Die diskutierten Problemlagen werden in weiterer Folge durch theoriegeleitete Ansätze verfestigt und in eine themenfokussierte Argumentation eingebettet. Insofern können wir die nachfolgenden Annäherungen als maßgeblich betrachten.

Territorien als Voraussetzung für Autonomie, Selbstbestimmtheit und Individualität

Das Verlassen der häuslichen Umgebung, der Entzug von Territorien (Lyman & Scott, 1967; Altman, 1970) und der Verlust von Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten (Welter, 1997; Sowinski, 2005; Radzey, 2014) auf die unmittelbare räumliche und soziale Umgebung kann in Zusammenhang mit einer verdichteten Alltagsrealität, wie am Beispiel stationärer Pflege- und Betreuungseinrichtungen deutlich wird, entweder zu sozialen Konflikten (Glasl, 2013) oder zur völligen sozialen Isolation und zum Rückzug aus der Gemeinschaft (Michell-Auli & Sowinski, 2013) führen. Territorien, der Einfluss interpersoneller Distanzen (Hall, 1966, 1976) sowie individuelle Privatheitsvorstellungen (Westin, 1970; Pastalan, 1970; Altman, 1975) manifestieren sich als identitätsbildende Strukturen (Flade, 2008) und schaffen die Voraussetzung für selbstbestimmtes Handeln. Die Entwicklung der individuellen Identität lässt sich unter anderem darauf zurückführen, wie und in welcher Art und Weise und Intensität Kontrolle (Altman, 1975) auf ein begrenztes und klar definiertes Territorium ausgeübt werden kann. In diesem Zusammenhang wird der Begriff des Wohnens genannt, der als Teil der Wesensbestimmung des Menschen (Bollnow, 2010) beschrieben wird.

Privatheit als Voraussetzung für Kontaktbereitschaft

Der Verlust sowie Verletzungen der Privatsphäre haben gravierende Auswirkungen auf gewohnte Rituale und persönliche Lebensgewohnheiten. Eine selbstbestimmte Lebensführung ist auch innerhalb institutioneller Strukturen essentiell und regelt das soziale Miteinander. Das Wesen von Privatheit ist Kontrolle, so die Privatheitstheoretiker der 1970er Jahre (Altman, 1975; Westin, 1970; Pastalan, 1970), Kontrolle darüber, wann, wie und in welchem Umfang persönliche Informationen öffentlich werden. Privatheit ist ein Prozess zwischen „für sich allein sein“ und „mit anderen gemeinsam sein“, daher braucht Privatheit ein ausgewogenes Verhältnis (Hellbrück & Fischer, 1999). Zu viel an Privatheit führt zu Vereinsamung, zu wenig zu Beengtheit (Altman, 1975). Der Verlust von Kontrolle über den eigenen Wirkungsbereich führt zu Konsequenzen im Zusammensein. Die Sicherstellung individueller Privatheitsansprüche ist in Verbindung mit territorialen Abgrenzungen die Voraussetzung für Kontaktbereitschaft und soziale Interaktion. Wohnen ist eine Möglichkeit, Privatheit zu erreichen (Flade, 2008). Daraus lässt sich erahnen, dass eine häusliche Wohnumgebung dem individuellen Privatheitsgedanken äußerst nahe kommt.

Konflikte, Aggression und Gewalt als Folge sozialer Verdichtung und räumlicher Enge

Die Missachtung der Privatsphäre, Verletzung von Territorien sowie der Verlust der Kontrolle über den persönlichen Wirkungsbereich stellen die Ursachen für soziale Konflikte (Glasl, 2013) dar. Konflikte treten in unterschiedlichen Ausprägungen auf, können entweder gegen sich selbst, gegen andere oder gegen die physische Umgebung gerichtet sein. Aggressionen und Gewalt in der Pflege (Zeh et al., 2009; Osterbrink & Andratsch, 2015) sind ursächlich auf die Tatsache zurückzuführen, dass zwischen den handelnden Personen sensible Interaktionen stattfinden. Soziale Konflikte stellen in der Regel eine ungünstige Ausgangslage für ein alltagstaugliches Miteinander dar. Institutionelle Strukturen lösen räumliche und soziale Dichteverhältnisse aus. Dieser Zustand führt zu Beengungssituationen, dem sogenannten Crowding (Schultz-Gambard, 1990; Hellbrück & Fischer, 1999; Hellbrück & Kals, 2012; Schönborn & Schumann, 2013). Beengungsgefühle rufen schädigende Wirkungen auf körperliche und seelische Prozesse hervor. Besonders betroffen sind Personengruppen mit eingeschränkten Handlungsalternativen, wie beispielsweise Kinder und alte Menschen (Schultz-Gambard, 1990). Beide Personengruppen werden im Anlass- bzw. Bedarfsfall institutionell betreut, sind also potenziell Betroffene.

Wohnen als emotionale und atmosphärische Wirkungsebene

Das Verlassen der häuslichen Lebensumgebung sowie der Verlust der emotionalen und auf Erinnerungen aufgebauten Raumbindung (Feddersen, 2014) führen zu Unruhezuständen, zu Orientierungslosigkeit (Kaiser, 2012) und im schlechtesten Fall zum Rückzug aus der Gemeinschaft (Michell-Auli & Sowinski, 2013). Ein häuslicher Maßstab ist im Kontext institutionell vorherrschender Rahmenbedingungen oft schwer umsetzbar. Das Wohnen steht im Spannungsfeld zwischen den individuellen Privatheitsansprüchen der Individuen und den Anforderungen der Institution (Radzey, 2014). Der Wohnbegriff steht in direkter Verbindung mit der Identitätsbildung des Menschen (Flade, 2008), mit der Erfüllung des Lebens (Bollnow, 2010) und mit Lebensqualität (Michell-Auli & Sowinski, 2013) im Allgemeinen. Wohnen ist verbunden mit sozialer Gerechtigkeit ein anerkanntes Grundbedürfnis und ein Symbol für Wohlstand und gesellschaftliche Anerkennung. Die Wohnraumgestaltung für ältere Menschen erfordert eine den individuellen Bedürfnissen abgestimmte und alltagsunterstützende räumliche Umgebung. Unter Berücksichtigung altersbedingter Mobilitätseinschränkungen sowie fortschreitender Veränderungen der Sinne müssen wir darauf achten, dass eine den Lebensumständen entsprechende Gestaltung ermöglicht wird und eine Form der Mitgestaltung und Miteinbeziehung (Welter, 1997) gefunden wird. Wohnen ist also die Grundlage für menschliches Handeln und ein Maßstab für häusliche Qualität.

1.5 Zielsetzung

Menschen reagieren auf ihre Umgebung mit ihrem Verhalten. Dieses Verhalten kann auf mehreren Ursachen beruhen und unterschiedliche Ausprägungen hervorbringen, manche davon sind konflikthaft geprägt. Raum ist ein Medium, das Verhalten beeinflusst und formt. Gerade im institutionellen Wohnen müssen wir auf Basis unterschiedlicher Interessenlagen auf diese Wirkung Bezug nehmen und darauf reagieren, wie wir dieses Potenzial in die Institution integrieren. Insofern besteht das Interesse, die Frage zu klären, ob Raum in konflikthaften Situationen präventiv wirksam werden kann und welche Gestaltungsentscheidungen dazu führen, diesen Zustand zu erreichen. Das Ziel besteht darin, Handlungsempfehlungen zu generieren und diese in Form von Gestaltungsprinzipien zu dokumentieren.

1.6 Methodisches Vorgehen

Der Fokus des wissenschaftlichen Interesses liegt auf der Generierung von Handlungsempfehlungen, wobei die wissenschaftstheoretischen Grundlagen und Aufgaben darauf aufbauen, dass die Ergebnisse im Sinne von neuen Erkenntnisgewinnen und weiterer Gestaltung bearbeitet werden. Ziel ist es, anschlussfähige Botschaften zu generieren sowie Forschungsergebnisse und Erfahrungen weiterzugeben (Berger-Grabner, 2013). Die zentralen Ergebnisse basieren zum einen auf einer breitgefächerten, strukturierten und theoriegeleiteten Recherche, die aus der Gesamtheit des Materials zentrale Inhalte reduziert und hypothesenartige Grundsätze verdichtet, zum anderen fließen Erkenntnisse qualitativ erhobener Daten in den zentralen Verdichtungsprozess mit ein. Insgesamt stellt sich ein, dass wir in Summe komplexe Themenlagen erörtern, die wir nicht unabhängig voneinander betrachten können, da diese in einer wechselseitigen Beziehung zueinander stehen. Die theoriegeleitete Recherche bildet die Basis der empirischen Untersuchung. Hypothesenartige Grundsätze führen zu einer prozesshaften Auseinandersetzung und zur inhaltlichen Gestaltung des weiteren Forschungsdesigns. Aufbauend auf den Erläuterungen dieser Grundsätze werden Kategorien gebildet, die als Teil eines Kategoriensystems in den Analysetechniken der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) Anwendung finden.

Der gesamte und vollständige Prozess wird an dieser Stelle nicht näher im Detail verfolgt, dieser ist in der wissenschaftlichen Arbeit: Territorien, Konflikte und Raum (Wörndl, 2018) vertieft beschrieben, dennoch werden die Grundlagen des Vorgehens wie folgt zusammengefasst.

Theoriegeleitete Grundlagen

Die inhaltliche Zusammenfassung der Literaturrecherche lässt uns wiederholt erkennen, dass der Raum als konkrete physische Ausdehnung eine verhaltensverändernde Größe darstellt und auf das Aggressions- und Gewaltverhalten institutioneller Lebensgemeinschaften Wirkung zeigt. Ein Teil dieser Untersuchung bringt Aufschlüsse darüber, wie das Verhalten der Menschen im Raum auf die unterschiedlichen Privatheitsvorstellungen der Individuen reagiert. Soziale und strukturelle Konfliktbegriffe und deren Auswirkungen auf den Pflegealltag sind ebenso Teil der Diskussion wie der Raumbegriff selbst, den wir auf Basis eines emotional atmosphärischen Zugangs erörtern wollen. Rückschlüsse zeigen, wie häusliche Kleinteiligkeit, der Mensch als Maßstab des Raumes und das mitgebrachte Raumempfinden in ein institutionelles Umfeld integriert werden können. Neben diesen Gesichtspunkten sind die individuelle Gestaltungsfreiheit und die Miteinbeziehung Betroffener in gestalterische Prozesse weitere Kriterien der räumlichen Konfliktprävention.

Qualitative Inhaltsanalyse

Der Auswertung qualitativer Daten wird in den Wissenschaften häufig gegenüber quantitativen Verfahren ein geringer wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn zugesprochen. Die Kritik besteht darin, dass die Ergebnisse nicht überprüfbar und nachvollziehbar seien. Eine Möglichkeit bietet – wie auch die Grounded-Theory-Methodology – die qualitative Inhaltsanalyse (Mayring, 2015), die in Hinblick auf den Erkenntnisgewinn auf einer theorie- und regelgeleiteten und methodisch kontrollierten Auswertung qualitativer Daten beruht. Die Grundlage der qualitativen Inhaltsanalyse bildet Textmaterial, das durch qualitative Interviews erhoben wird. Als Voraussetzung für die Datenanalyse gilt, dass qualitative Daten in verschriftlichter Form zur Verfügung stehen müssen. Die qualitative Inhaltsanalyse beruht auf einem systematischen, regel- und theoriegeleiteten Vorgehen. Dieses Verfahren ermöglicht Kombinationen aus qualitativen und quantitativen Verfahren und schafft darüber hinaus anschlussfähige Verbindungen. In den Abhandlungen Mayrings finden wir Hinweise darauf, dass die qualitative Inhaltsanalyse keine statische Technik ist, sondern eine flexible Herangehensweise erlaubt, die an den konkreten Gegenstand der Analyse angepasst werden kann. Die Generierung des Datenmaterials erfolgt durch die Befragung von Expertinnen und Experten in Form von Interviews (Bogner et al., 2014). Die Auswahl der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner, die in unterschiedlichen Bereichen und Netzwerken der Pflege und Betreuung tätig sind und mehrdimensionale Sichtweisen mitbringen, erfolgte auf Basis ihrer beruflichen Herkunftsdisziplin.

Leitfadengestütztes qualitatives Interview mit Expertinnen und Experten

Das Interview mit Expertinnen und Experten ist in den sozialwissenschaftlichen Disziplinen als Forschungsinstrument von großer Bedeutung. Nachdem sich strukturanalytische Ansätze der 1960er Jahre aus dem sozialwissenschaftlichen Fokus zurückgezogen haben, wurde die Forschung konkreter Lebenswelten Anfang der 2000er Jahre ausgebaut. Dabei wurde die Expertin/der Experte als mehrdimensionale Möglichkeit begriffen, um Informationen zu gewinnen. Die methodologische und methodische Diskussion wird nach wie vor von der Frage begleitet, wer ist als Expertin/Experte geeignet und wer nicht und wer entscheidet über die Qualifikation einer Expertin/eines Experten. Bogner et al. (2014) beschreiben das Expertentum als praxisbezogene Zuschreibung, das heißt, die personenbezogenen Fähigkeiten sind keine Tatsache zur Kriterienerfüllung, sondern das spezifizierte Forschungsinteresse befähigt zur Expertise. Um Fachwissen zu erschließen, muss danach gefragt werden. Die Durchführung der Interviews erfolgt anhand eines strukturierten Leitfadens.

Interviewleitfaden

Als Basis der Interviewführung dient ein Interviewleitfaden. Für die Gestaltung des Interviewleitfadens integrieren wir die in der Literaturrecherche gewonnenen Kategorien und bündeln diese in vier Themenblöcke. Die Themenblöcke dienen einer strukturierten Gesprächsführung und beschreiben als Auswertungseinheit den Analyseumfang der qualitativen Inhaltsanalyse. Der Leitfaden dient im Interview der Orientierung und ist unterstützendes Mittel bei der Gesprächsführung.

Themenblöcke im Interview

Themenblock I – Privatheit, Wohnen und häusliche Umgebung – analysiert das Wesen der Privatheit, das Wohnen als Grundlage für die Entwicklung der Individuen sowie den Maßstab der häuslichen Umgebung, die in Form kleinteiliger Strukturen Raum für soziale Interaktionen schafft. Themenblock II – Territorien und Dichte – beschäftigt sich mit territorialen Aspekten innerhalb der Institution, mit Funktionsüberlagerungen und verdichteten Aktivitäten sowie mit Beengung und Stress. Im Besonderen wird dem Verlust der territorialen Bindung nachgegangen und nach Möglichkeiten gesucht, vergleichbare Strukturen in die Institution zu implementieren. Themenblock III – Konflikte, Aggression und Gewalt – betrachtet Konfliktsituationen als eine der großen Herausforderungen in der Pflege. Aggressions- und Gewalthandlungen gegen Pflegebedürftige und Pflegende basieren auf Ängsten, Überforderungen und unterschiedlichen Erwartungshaltungen. Pflege ist eine sensible Interaktion, bei der unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Themenblock IV – Kreativität und Gestaltung – versteht Raum nicht nur als technische Größe, sondern hebt den emotional atmosphärischen Aspekt der räumlichen Umgebung hervor. Menschen bringen individuelle Raumvorstellungen mit in die Institution. Dieses mitgebrachte Raumgefühl löst Gestaltungsbedürfnisse aus, die durch partizipative Prozesse in die Betreuungskonzepte integriert werden sollen.

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1 Der Bericht des Rechnungshofes „Pflege in Österreich“ (2020) unterscheidet für Niederösterreich drei Leistungserbringende: Land, Gemeinden, privat. Auch in Niederösterreich sind konfessionell geführte Einrichtungen Vertragspartner der Sozialplanung, diese wurden in der Statistik des Rechnungshofes in die Kategorie „privat“ integriert.

2 Der Begriff „generationstypologisch“ bezieht sich auf die bauliche Entwicklung des Institutionsbaus in der stationären Altenhilfe in Abhängigkeit von pflegefachlichen Konzepten der jeweiligen Zeit. Die Generationenabfolge wurde unter anderem von Gudrun Kaiser (2012) beschrieben und durch das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) publiziert.

Die generationstypologische Abfolge des Alten- und Pflegeheimbaus wird in Teil IV in einem Abschnitt der Expertise von Franz Kolland, Rebekka Rohner und Vera Gallistl „Affekte in stationären Pflegeeinrichtungen“ beschrieben.

3 Territoriale Bindungen beziehen sich auf erlernte, erworbene und verfestigte Beziehungen aus dem räumlichen und sozialen Umfeld der Individuen. Der Begriff wird durch den Autor eingeführt.

Teil II – Territorien, Konflikte und Raum

2 Territorien
2.1 Einleitung und Vorgehen

In diesem Teil der Publikation verdeutlichen wir die Zusammenhänge des menschlichen Verhaltens gegenüber der Umwelt. Die aus der Problemanalyse identifizierten Bezugspunkte bilden die Basis für die zu diskutierenden Inhalte. Die Beziehungsebenen des Menschen entfalten sich in Verhaltensweisen, die in unterschiedlichen Modellen gegenübergestellt werden. Verletzte Beziehungen bewirken bei den Individuen ein verändertes Verhalten. Konflikthafte Verhaltensweisen können nicht nur gegen die eigene Person oder gegen andere Personen gerichtet sein, sondern auch gegen die physische Umgebung. Dabei ist der territoriale Effekt mit konkreten räumlichen Konsequenzen und Forderungen verbunden. Der Schwerpunkt der theoretischen Auseinandersetzung liegt auf Merkmalen und Hinweisen der Gestaltung, die in unterschiedlichen Modellen und Diskussionsbeiträgen vorgestellt und mit anderen Themen vernetzt werden. Die Begriffsklärung stellt unterschiedliche Positionen zum Thema Territorien vor, wobei ein Bezug zum physisch Konkreten erkennbar wird.

Die Mensch-Umwelt-Beziehung involviert die Gestaltungsfähigkeit der Individuen als Kommunikationsmittel und Ausdrucksform ihrer selbst. Gestaltung als individuelle Form des Ausdrucks ist nicht nur in den Literaturgrundlagen eine bestimmende Größe, sondern wird auch in den Interviews mit Expertinnen und Experten deutlich und von diesen als wesentlicher Einflussfaktor in der institutionellen Lebensraumgestaltung gesehen. In einem Exkurs werden die Themen Ortsidentität und Ortsbindung spezifiziert, wobei hier eine räumlich emotionale Ebene erkennbar wird.

Ein spezieller Aspekt im Beziehungsgeflecht zwischen Mensch und Umwelt ist das Altern, das aus Sicht der ökologischen Gerontologie Einblicke verschafft. Ein Schwerpunkt dieses Abschnittes ist Privatheit. Der Begriff baut auf den Modellen und Theorien der Privatheitstheoretiker der 1970er Jahre auf. Die dargelegten Argumente bringen einen Einblick in kontrolltheoretische Ansätze und erläutern Privatheitszustände im Kontext des räumlichen Umfeldes.

Insgesamt stehen wir vor einer komplexen Themenlage, in der wir den Begriff Privatheit als Grundlage und Triebkraft für soziale Interaktionen zwischen den Individuen und deren räumlicher Umgebung stellen. In direkter Beziehung zu Privatheit steht das Wohnen, das als identitätsbildende Ressource sowohl in philosophischer als auch architekturpsychologischer Hinsicht Beachtung findet. Die soziotechnische Vernetzung unserer Zeit führt in einem Exkurs zu einer Diskussion, in der Privatheit eine andere Bedeutung bekommen muss.

Der Begriff des Persönlichen Raumes wird dahingehend erläutert, dass im Modell der interpersonalen Raumdistanzen für den Persönlichen Raum eine personenzentrierte und das Individuum umgebende emotional gebundene Sphäre angenommen wird. In Verbindung mit den räumlich zonierten und konkret messbaren Distanzkategorien nach Hall (1966, 1976) wird der Kommunikationszustand zwischen den Individuen debattiert. Situationsbedingte Interpretationen und Verletzungen des Persönlichen Raumes zeigen Auswirkungen auf alle Beteiligten. Die Regulation der interpersonalen Distanzzonen erfolgt durch Verhaltensänderungen und räumliche Interventionen.

Die weitere Diskussion beschreibt das menschliche Territorialverhalten, die Zusammenhänge territorialer Bezüge und eine Gegenüberstellung der Territorialtypologien nach den Modellen von Altman (1970) sowie Lyman und Scott (1967). Beide Modelle gehen von einer Ortsgebundenheit aus, in der – abhängig von der Öffnung des territorialen Szenariums – die Auswirkungen auf das Verhalten der Individuen erläutert werden. Die Schwerpunkte liegen in der Zugangskontrolle nach außen und in der Verhaltenskontrolle nach innen. Territorialität drückt sich in der räumlichen Gestaltung eindeutig aus.

Abschließend betrachten wir die Unterschiede zwischen Dichte und Beengtheit und den Effekt auf das Verhalten durch enge-bedingte Stresssituationen. Während Dichte hinsichtlich der räumlichen und sozialen Dimension erfassbar und begreifbar ist, sind die Theorien und Erklärungsmodelle in der Crowdingforschung komplexer und vielfältiger. Die kontrolltheoretischen Ansätze der Privatheitstheoretiker zeigen, dass ein Verlust der Kontrolle über den eigenen Wirkungsbereich ein Auslöser für Stress und stressbedingtes Verhalten ist. Als Beitrag aus der Crowdingtheorie wird das Kontrollmodell von Baron und Rodin (1978) näher beschrieben. Im Mittelpunkt stehen benachteiligte Personengruppen mit eingeschränkten Handlungsspielräumen und reduzierten Verhaltensalternativen. Abschließend wird der räumliche Einfluss auf die Wirkung von Beengungssituationen beschrieben.

2.2 Begriffsbestimmung

„My home is my castle“ (englisches Sprichwort)

Der Begriff Territorialverhalten kann sowohl bei Tieren wie auch bei Menschen beobachtet werden. Der deutsche Psychologe Gerhard Kaminski (1990) stellt Menschen in Beziehung zur „Welt“, Tiere in Beziehung zur „Umwelt“, wobei Welt mit Offenheit und Umwelt mit (Orts-)Gebundenheit beschrieben wird. Flade (2008) deutet hier einen anderen Zugang an und verwendet den Begriff Ortsbindung in Zusammenhang mit der Beziehung des Menschen zu einem Ort. Beim Begriff Territorialität geht es um Abgrenzung und Kontrolle. Im Gegensatz zum körpernahen Begriff des Persönlichen Raumes ist das Territorium räumlich gebunden und physisch konkret.

„Territorialität bezeichnet das Phänomen, dass eine Person oder Gruppe gegenüber anderen Personen oder Gruppen die Verfügbarkeit über Räume für sich reklamiert“ (Flade, 2008, p. 127). Der Besitz von Raum impliziert Macht. Macht darüber, was wann und wie stattfindet oder eben nicht. Ein wesentlicher Aspekt dieser Macht ist Gestaltung. Gestaltung nach eigenen Vorstellungen und Interessen, welche die im Raum befindlichen Menschen, Ressourcen und Aktivitäten miteinschließen (Flade, 2008).

Altman (1970) versteht Territorialität als „[…] Aneignung des Raumes zum Zwecke der Zugangskontrolle gegenüber Außenstehenden und der Verhaltenskontrolle gegenüber Innenstehenden. Das heißt, der Besitzer des Territoriums bestimmt darüber, welche Personen es betreten und welche Verhaltensweisen sie dort zeigen dürfen“ (Richter & Christl, 2013, p. 237).

Der Mensch hat das Bedürfnis nach Markierung, Abgrenzung und Verteidigung. Dabei stehen Schutz, Intimität und Identitätsbildung im Vordergrund der Überlegungen, die in der Gestaltung sowohl im Innenraum als auch im Außenraum zum Ausdruck gebracht werden (Richter & Christl, 2013). Territoriale Verletzungen und die Missachtung der persönlichen Privatheitsbedürfnisse bilden ein Potenzial für Konflikte.

Den ethnologischen Ansatz zum Territorialverhalten verfolgen wir an dieser Stelle nicht weiter. Die konkrete Betrachtung bezieht sich auf die kulturell erworbene und überformte (Altman, 1970) Perspektive, wobei dem gestaltungsperspektivischen Ansatz – Markierung durch Gestaltung – ein besonderer Stellenwert eingeräumt wird.

2.3 Mensch-Umwelt-Beziehung
2.3.1 Mensch und Umwelt

Der Mensch steht im Kontext seiner Umwelt. Hellbrück und Fischer (1999) gliedern die Umwelten in die Kategorien: Natur, Kultur und Zivilisation. Der Begriff „Natur“ umfasst alle organischen und anorganischen Stoffe, die ohne menschliches Zutun existieren oder sich entwickelt haben. Als „Umwelt“ werden alle Prozesse und Räume in ihrer Gesamtheit bezeichnet, wobei eine Wechselwirkung zwischen Natur und Zivilisation als Voraussetzung gilt. Eine Trennung von Subjekt und Außenwelt ist nicht möglich. Umwelt kann daher nicht nur mit Außenwelt in Beziehung gesetzt werden, sondern bedarf eines konkreten Gegenübers.

Der Mensch ist Teil der Natur. Auf Grund seiner intellektuellen Fähigkeiten kann der Mensch in die Abläufe der Natur eingreifen und besitzt dadurch eine Sonderstellung. Durch seine Gestaltungsfähigkeit schafft der Mensch seine eigene Umwelt – sein kulturelles Umfeld. Kultur ist Ausdruck der menschlichen Weiterentwicklung. Natur und Kultur bilden gemeinsam die Existenzgrundlage des Menschen. Der im Plural verwendete Begriff „Kulturen“ weist auf eine Unterscheidung dieser Existenzgrundlage hin, die im Sinne eines territorial begrenzten Schaffens in Verbindung mit der geografischen Lage einer Gemeinschaft und deren Geschichte gesehen wird. Die Bezeichnung des Kulturbegriffes lässt sich in die Zeit datieren, in der die Menschen sesshaft wurden. Die Art des menschlichen Zusammenlebens, insbesondere die der sozialen und politischen Strukturen, in Verbindung mit der freien Gestaltung des gemeinschaftlichen Handelns, bildet als Gesamtheit der erreichten Veränderungen die Zivilisation. Eingebunden in die natürliche, kulturelle und soziale Umwelt ist der Mensch sowohl Gestalter als auch Opfer seines Schicksals (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 23 ff.).

Umwelten – gebaut oder sozial – lösen Emotionen, individuelle Gefühle und Reaktionen darauf aus. Diese Wahrnehmungen erfolgen emotional, spontan und kognitiv unkontrolliert oder unkontrollierbar. Je nach erlebter Umwelt führen Reaktionen zu Abwehr, wie beispielsweise Flucht, oder zu Sympathie, wie beispielsweise Nähe. Flade (2008) bezeichnet Umwelten als „[…] mehr oder weniger gefühlsmäßig erfahrene ‚gestimmte Orte‘“ (Flade, 2008, p. 108). In diesem Zusammenhang wird auf den „erlebten Raum“4 – also den wirklich konkreten Raum, in dem das Leben stattfindet (Bollnow, 2010) – verwiesen. Hingegen scheint eine Bezugnahme zum „erinnerten bzw. erlernten5 Raum“ (Zumthor, 1999; Feddersen, 2014) auf eine emotional gebundene Perspektive zu verweisen, bevor eine Konkretisierung des Raumes eintritt und dieser wirklich wird. Beide Raum- bzw. Umweltbegriffe – unabhängig davon, ob kognitiv oder emotional gespeichert – stehen in Verbindung mit emotional bedeutsamen Erfahrungen.

In diesem Zusammenhang erläutert beispielsweise Schmieder (2017) in seinen Ausführungen zum Thema „Demenz braucht kein Konzept“, dass im Verlauf einer demenziellen Erkrankung die kognitiv erworbenen Fähigkeiten verloren gehen und emotional gebundene Erfahrungen in den Verhaltensvordergrund treten. Diese Erfahrungen betreffen auch die räumliche Umgebung. Schmieder stellt fest, dass der Körper durch emotionale Erfahrungen geprägt wird und diese Erfahrungen speichert und dokumentiert. Im Fall einer demenziellen Erkrankung werden diese Prägungen aktiviert. Gerade bei den vielfältigen Krankheitsbildern der Demenz können wir diese emotionale Raumbindung beobachten und zum Vorteil der Betroffenen nutzen.

2.3.2 Ortsbindung und Ortsidentität

Flade (2008) erläutert, wie die Mensch-Umwelt-Beziehungen in der Identitätsbindung zum Ort sichtbar und wirksam werden. Voraussetzung für eine Ortsbindung bzw. Ortsidentität sind eine langfristige Aufenthaltsdauer und eine emotionale Bindung zur Umwelt. Der Begriff der Ortsbindung orientiert sich an geografisch fixierten Räumen und Orten, wie beispielsweise ein Zimmer, eine Wohnung, eine Stadt, ein Arbeitsplatz usw. Eine ausgeprägte Bindung zum Ort kann beispiels-weise durch ein ansprechendes Erscheinungsbild (Gestaltung) erreicht werden. Ortswechsel stellen Menschen vor einschneidende Erfahrungen. Das Phänomen der Ortsidentität stellt sich hingegen auf eine emotional gebundene Ebene, die sich im Kontext umfangreicher Beziehungen und Erlebnisse zu Personen und zur Umwelt entwickelt. Die Ortsidentität stellt eine von vier Teilidentitäten der Ich-Identität6 (vgl. Flade, 2008, p. 140 ff.) dar.

2.3.3 Umwelt und Alter

Das Altern an sich wird durch die Umweltbedingungen geprägt. Die entscheidenden Einflussfaktoren sind Ressourcen und Begrenzungen der umgebenden Umwelt. Dieser Zusammenhang wird im wissenschaftlichen Fachgebiet „Ökologische Gerontologie“ erforscht. Die in den USA entstandene Fachrichtung lässt sich auf Ende der 1960er datieren. Der Fokus besteht darin, dass das Alltagsleben von alten Menschen erforscht wird. Die Schwerpunkte liegen zum einen im Bereich der häuslichen Lebensumgebung, zum anderen werden institutionelle Wohnformen untersucht. Dabei bezieht sich das Forschungsinteresse im Wesentlichen darauf, inwieweit Verhaltensweisen der Menschen durch die umgebende Umwelt beeinflusst werden (vgl. Radzey, 2014, p. 81 f.).

In Zusammenhang mit den Aspekten institutioneller Wohnformen erkennen wir hier einen konkurrierenden Ansatz. „[Pflegeheime] [..] sind im Sinne Goffmans (1973, S. 23) soziale Mischgebilde (Hybride) aus Wohn- bzw. Lebensgemeinschaften und formalen Organisationen, bei denen die individuellen Bedürfnisse der Bewohner nach Privatheit, Kontrolle und Selbstbestimmung mit den institutionellen Ansprüchen an Fürsorge, Schutz und Pflege konkurrieren“ (Radzey, 2014, p. 98).

In der Aussage Goffmans lässt sich ein Spannungsverhältnis zwischen den kontrolltheoretischen Ansätzen der Privatheitsdiskussion, dem Territorialverhalten der Bewohnerinnen und Bewohner und den Interessen der Pflegepersonen erahnen. Während wir in der häuslichen Pflege und Betreuung beispielsweise durch Begriffe wie Privatheit, Autonomie und Selbstbestimmung geleitet sind, bildet die stationäre Versorgung ein Lebensumfeld, in dem eine Reduktion/eine Einschränkung privater Interessen den Alltag begleitet und prägt. Konflikte, Aggressionen und Gewalt sind als Folge von Kontrollverlust, von Verletzungen der Territorien und von Missachtungen des Persönlichen Raumes zu werten. Räumlich gestalterische Überlegungen zur Reduktion von Konfliktsituationen, die beispielsweise durch Enge und Dichte hervorgerufen werden, stellen eine reale Möglichkeit dar, emotional begründete Spannungsverhältnisse zu reduzieren.

2.3.4 Raumbezogenes Verhalten

Das Verhalten von Menschen in Räumen lässt sich auf unterschiedlichen Ebenen darstellen. Diese Ebenen stehen in enger Beziehung zueinander, eine Differenzierung ist kaum möglich, da eine wechselseitige Einflussnahme besteht (vgl. Radzey, 2014, p. 74). Die umfassende Themenstellung des raumbezogenen Verhaltens wird in der weiterführenden Diskussion durch modelltheoretische Ansätze hinterlegt. Grundsätzlich können wir jedoch davon ausgehen, dass diese Ansätze als identitätsstiftend (Flade, 2008) gelten und einen Einfluss auf das körperliche und seelische Wohlbefinden der Individuen ausüben.

Die maßgeblichen Modelle fokussieren die Vorstellung des räumlichen Verhaltens unter dem Aspekt kontrolltheoretischer Ansätze. Kontrolle darüber, wie der Mensch nach eigenem Ermessen seine Umwelt gestaltet und formt, eine Übereinstimmung seiner persönlichen Präferenzen und Vorstellungen durchsetzt und die eigene Wirksamkeit (Dieckmann, 1998) erlebt (vgl. Radzey, 2014, p. 73).

Ein wesentlicher Ansatz im raumbezogenen Verhalten ist Privatheit. Privatheit wirkt in Zusammenhang mit der individuellen Entwicklung der Individuen identitätsstiftend. Privatheit braucht konkrete Räume. Dabei manifestiert sich das Wohnen als stärkster Ausdruck der Privatheit. Dem Privatheitsbegriff werden wir uns im Folgenden aus unterschiedlichen Perspektiven annähern.

2.4 Privatheit

Historisch betrachtet ist Privatheit in unserer Gesellschaft ein relativ junger Begriff. Die Erfahrung des „Privat-sein-Könnens“ konnte weder auf Basis kultureller und gesellschaftlicher Stellung und Herkunft realisiert, noch auf vorhandenen räumlichen Ressourcen begründet werden. Die Sehnsucht nach Privatheit nimmt in unserer individualisierten Gesellschaft stetig zu. Selbstbestimmung, der Wunsch, ein unabhängiges Leben zu führen und Rückzugsmöglichkeiten aus der sozialen Interaktion zu erreichen, bilden einen Rahmen für die persönliche Identität des Individuums. Die klare Definition von Grenzen und die Macht der Kontrolle über diese Grenzen verleihen, unterstützt durch die räumliche Umgebung, emotionale Stabilität und einen Ort der uneingesehenen Entspannung (vgl. Flade, 2008, p. 132 f.).

Erstmals wurde der Privatheitsbegriff in einer 1890 verfassten Veröffentlichung dokumentiert. Die US-amerikanischen Rechtswissenschaftler Samuel Warren und Louis Brandeis reagierten auf die zunehmende Belästigung ihrer Familien durch Paparazzi und versuchten aus der amerikanischen Verfassung ihr Recht auf Privatheit abzuleiten. Im Artikel „Die Kontrolle ist tot – lang lebe die Kontrolle“ beschreibt Carsten Ochs (2015), „[…] dass damit bereits der Grundstein für ein individualistisch-dichotomes[7] Privatheitsverständnis gelegt wurde. Warren und Brandeis nennen Privatheit in einem Atemzug mit ‚solitude‘[8], und beschreiben sie als essentiell für das Individuum“ (Ochs, 2015, p. 5). Die sich gegenüberstehenden und sich ergänzenden Dimensionen Privatheit und Sozialität wurden in den 1970er Jahren durch Alan Westin (1970) und Irwin Altman (1975) vertieft. Westin erweitert den Begriff „Privatheit“ um die Dimension „Gesellschaft“ (Individualität – Sozialität). Altman kommt dem Grunde nach zum selben Ergebnis: „Hier das Selbst, das Individuum, dort die anderen; soziale Interaktion steht in Spannung zu individueller Privatheit“ (Ochs, 2015, p. 8).

Richter und Christl (2013) beschreiben Privatheit als subjektiven Raum. „Privatheit ergibt sich aus der Art und Weise, in der einem realen Raum menschliche und soziale Qualitäten zugesprochen werden können. Die Privatsphäre dient durch Öffnung zur bzw. Rückzug von der Außenwelt ebenfalls sozialer Regulation“ (Richter & Christl, 2013, p. 248). In dieser Darlegung wird deutlich, dass im Rahmen der sozialen Interaktion sowohl der Wunsch nach sozialem Rückzug als auch der Wunsch nach Teilhabe am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben vorhanden ist, um – wie im Privatheitsmodell von Altman veranschaulicht wird – ein Optimum an Privatheit (Altman, 1975) zu erreichen.

Altman (1975) untersucht in seiner Monographie zu Umwelt und Sozialverhalten als zentrales Thema das Phänomen der Privatheitsregulation. Als zentrale Herangehensweise dieser Thematik diagnostiziert Altman, dass innerhalb sozialer Interaktionen – unabhängig davon, welche Interessen die jeweilige Interaktionspartnerin/der jeweilige Interaktionspartner verfolgt – Kontrolle ausgeübt wird. Dazu sind zwei Positionen bekannt: Zum einen betrifft es die Informationen über die eigene Person – was wird preisgegeben –, zum anderen stellt sich die Frage, inwieweit einer anderen Person die Möglichkeit eingeräumt wird, sich zu öffnen. Im gegenseitigen Austausch wird durch die beteiligten Personen versucht ein bestimmtes Privatheitsniveau zu erreichen. Die Mittel der Privatheitsregulation dienen einerseits der Verteidigung des privaten Raumes, andererseits der Definition und dem Abstecken von Territorien. Die Empfindung von Beengtheit im Raum (räumliche Dichte) bzw. gegenüber anderen Personen (soziale Dichte) ist beispielsweise eine Folge einer nicht gelungenen Privatheitsregulation (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 298). Im Folgenden werden drei Privatheitstypologien vorgestellt:

• Grundtypen nach Westin (1970)

• Privatheitsmodell nach Altman (1975)

• Privatheit nach Pastalan (1970)

Die Privatheitsmodelle vertreten als gemeinsames Grundkonzept das Konzept der Kontrolle. Das Modell Westins beschreibt Kontrolle in Zusammenhang mit persönlicher Information, wann, wie und in welchem Umfang persönliche Informationen öffentlich werden. Altman verfolgt einen kontrolltheoretischen Ansatz, wobei der Prozess zwischen Öffnen und Schließen des eigenen Selbst gegenüber anderen Personen erforscht wurde (vgl. Flade, 2008, p. 133 f.), und Pastalan verbindet die Hauptfunktionen von Privatheit mit einer räumlich materiellen Umgebung (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 250). Flade (2008) vertritt die Position, dass die Kontrollfunktion sozialer Interaktionen durch räumliche Interventionen so weit unterstützt werden kann, dass damit die Funktion der Kontrolle erreicht werden kann.

2.4.1 Die vier Dimensionen von Privatheit nach Westin

Das Modell von Westin unterscheidet vier Dimensionen von Privatheit, die Definition lautet: „Anspruch von Individuen, Gruppen oder Institutionen, zu entscheiden, wann, wie und in welchem Ausmaß Informationen über sie an andere weitergegeben werden. Hinsichtlich des Verhältnisses des einzelnen zu sozialem Engagement ist Privatheit der freiwillige und zeitweilige Rückzug eines Individuums aus der allgemeinen Gesellschaft, sei es als Alleinsein oder Kleingruppenintimität, sei es – bei größeren Gruppen – als Anonymität oder Zurückhaltung“ (Westin, 1970, zit. nach Hellbrück & Fischer, 1999, p. 299).

Westin geht von einem vollkommenen Privatheitszustand aus. In den vier Typologien Alleinsein, Intimität, Anonymität und Reserviertheit nimmt Privatheit immer mehr ab. Das Alleinsein9 beschreibt eine Situation, von anderen Personen unbeobachtet und getrennt zu sein, einen Ort der emotionalen Stabilität, erreicht durch Selbstreflexion und Entspannung, sowie einen Zustand der selbstgewählten Kommunikationslosigkeit. Als Intimität beschreibt Westin den Privatheitszustand in einer Kleingruppe, eines engen oder begrenzten Personenkreises (z. B. Familie, Freunde), der sich gegenüber der Umwelt zurückzieht und eine bedeutsame Beziehung und eine Kommunikationskultur miteinander pflegt. Der Privatheitszustand der Anonymität bedeutet einerseits, in der Öffentlichkeit unerkannt zu bleiben, andererseits frei von Konventionen und Regeln in soziale Interaktion treten zu können, die nicht möglich wäre, wenn die Identität bekannt wäre. Reserviertheit ist ein Zustand, der eintritt, wenn eine psychologische Distanz aufgebaut wird, um dem Wunsch zu entsprechen, keine Kommunikation mit der Umwelt aufzubauen, und dieser von Dritten auch respektiert wird. Im Gegensatz zu den drei anderen Zustandsformen wird hier ein Verhaltenszustand hervorgerufen, der die Kommunikation begrenzt oder verhindert (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 299 f.).


Abbildung 8: Die vier Grundtypen von Privatheit (Quelle: eigene Darstellung nach Westin (1970); Hellbrück & Fischer, 1999, p. 299 f.)

Gehen wir der Vorstellung nach, dass – wie von Westin beschrieben – das Ausmaß an Privatheit in Zusammenhang mit immer öffentlich werdenden Beziehungen und Interaktionen geringer wird, so können wir eine territoriale Zuordnung treffen, die im Sinne von Altman (1970) sowie Lyman und Scott (1967) eine Differenzierung entsprechend der räumlichen Entfernung zur Person vornimmt. Das primäre Territorium ordnet sich demnach den Grundtypen des Alleinseins und der Intimität zu, sekundäre und öffentliche Territorien stehen im Kontext von Anonymität und Reserviertheit. Des Weiteren können wir annehmen, dass sich verschiedene/mehrere Privatheitszustände mit einer räumlich örtlichen Komponente durchmischen können, dazu erörtert Flade (2008), dass „[…] man auch allein sein kann, wenn andere Menschen räumlich nah sind […]“ (Flade, 2008, p. 133).

Im Kontext institutioneller Lebensgemeinschaften können wir im Blickwinkel des Modells von Westin (1970) sowie der territorialen Zuordnung nach Altman (1970) und Lyman und Scott (1967) nachfolgende Rückschlüsse ziehen. Ergänzend dazu müssen wir allerdings berücksichtigen, dass, wie von Flade (2008) dargelegt, eine Durchmischung der Privatheitszustände in ein und derselben Raumszene erfolgen kann. Westin verdeutlicht, dass die Privatheitszustände mit der Öffnung der Territorien in Zusammenhang zu setzen sind. Verbinden wir die Vorstellung, dass Privatheit mit der Öffnung der Territorien abnimmt, können wir in der stationären Altenhilfe einerseits Wohnmodelle entwickeln, welche die Privatheitszustände in Verbindung mit der räumlichen Komponente klar differenzieren, andererseits aber ein territoriales Umfeld schaffen, in dem vielschichtige Möglichkeiten entstehen, Privatheit erleben zu können. Jedenfalls ist sicherzustellen, dass in allen Raumsequenzen – unabhängig davon, ob klar differenziert oder vielschichtig – ein Privatheitszustand erreicht werden kann, der einen optimalen Zustand (Altman, 1975) beschreibt, wobei an dieser Stelle anzumerken ist, dass dieser Zustand für das jeweilige Individuum separat betrachtet werden muss.

2.4.2 Privatheitsmodell nach Altman

Die Privatheitsdefinitionen nach Irwin Altman (1975) gehören seit den 1970er Jahren aus dem Bereich der Sozial- und Umweltpsychologie zu den bedeutendsten Modellen zu diesem Thema. Als Grundgedanke gilt, dass Privatheit als Kontrolle gesehen wird, also einen kontrolltheoretischen Ansatz verfolgt (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 303). „Privatheit ist der Prozess der Kontrolle der Grenze zwischen dem eigenen Selbst und den anderen, bei dem ein Mensch gegenüber anderen zugänglich oder unzugänglich ist“ (Altman, 1977, zit. nach Flade, 2008, p. 134).

Das Privatheitsmodell nach Altman setzt verhaltens- und raumbezogene Aspekte in Beziehung zueinander. Privatheit wird als zentraler Prozess gesehen. Territorialität und Persönlicher Raum sind Parameter, die helfen, den gewünschten Privatheitsgrad zu erreichen. Besteht beispielsweise ein negativ empfundener Privatheitszustand durch soziale Verdichtung, kommt es zu Folgeerscheinungen wie Engeempfinden und Stress (vgl. Radzey, 2014, p. 74 f.). Im Gegensatz dazu führt zu viel an Privatheit zur sozialen Isolation, das heißt, dass die erreichte Privatheit größer ist als gewünscht. Das Optimum an Privatheit stellt, im Sinne einer ausgewogenen Bilanz zwischen erreichter und gewünschter Privatheit, ein anzustrebendes Maß an Privatheit her.


Abbildung 9: Privatheit als zentraler Prozess raumbezogener Verhaltenskonzepte (Quelle: Übersetzung Radzey, 2014, p. 75 nach Altman (1975))

Privatheit wird von Altman als dreistufiger Prozess erklärt. Die Positionen bewegen sich dabei zwischen Alleinsein und Zusammensein (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 303 ff.).

• Kontrolle interpersonaler Grenzen

Hellbrück und Fischer (1999) beschreiben diesen Prozess der Privatheit als „[…] ein fortwährendes Wechselspiel [...] zwischen Kontaktaufnahme und Kontaktbeendigung, zwischen Alleinsein und Zusammensein, zwischen Sich-Öffnen und Sich-Verschließen, zwischen Zugänglichkeit und Unzugänglichkeit“ (Hellbrück & Fischer, 1999, p. 303). Soziale Interaktion steht in einem wechselseitigen Spannungsverhältnis zur individuellen Privatheit.

• Optimierungsprozess

Innerhalb sozialer Interaktionen wird durch das Individuum ein definierter Umfang an Privatheit festgelegt. Wird kein zufriedenstellendes Ausmaß an Privatheit erreicht und stellt sich die Situation als ungenügend heraus, wir ein Ausgleich angestrebt. Altman geht davon aus, dass ein reduziertes Maß an Privatheit zu Crowding (Beengungszustand) und ein zu hohes Ausmaß zur sozialen Vereinsamung führt. Eine zu hohe Dichte an Menschen führt nicht zwangsläufig zu Beengtheit, es kommt nicht darauf an, wie viele Menschen einen anderen umgeben, sondern wie viele Menschen ein Individuum in seiner Umgebung haben möchte.

• Multimechanismen-Prozess

Individuen und Kulturen verwenden vielfältige Mechanismen, um den Privatheitszustand zu optimieren (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 305). In unterschiedlichen Kulturen entwickeln deren Mitglieder erfolgreiche Mechanismen, Privatheit leben und erleben zu können, um möglichst einen Gleichklang zwischen erreichter und erwünschter Privatheit herzustellen.

2.4.3 Privatheit nach Pastalan

Im dritten vorgestellten Privatheitsmodell unterteilt Pastalan (1970) Privatsphäre in drei Hauptfunktionen (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 250):

• Ausbildung der eigenen Identität

• Schutz der Individualität

• Regulation von Emotionen

Das Zurückziehen aus der sozialen Interaktion, das Erreichen emotionaler Stabilität und die Möglichkeit der Regeneration aus der Vielschichtigkeit des gesellschaftlichen Lebens bedürfen einer physischen Ausdehnung (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 350). Betrachten wir das Wohnen10 als eine Möglichkeit, um Privatheit zu erreichen (Flade, 2008), so stellen wir fest, dass das primäre Territorium als dafür geeignet erscheint.

Emotionen stehen in Abhängigkeit von den Territorien. Je öffentlicher die Territorien, desto weniger werden im Normalfall Emotionen gelebt. Öffentliche Emotionen werden öffentlich sanktioniert. Die Regulierung erfolgt daher in der Privatheit. So wie bei Westin (1970) beschrieben, nimmt Privatheit innerhalb der vier Privatheitstypologien (Alleinsein, Intimität, Anonymität, Reserviertheit) immer mehr ab. In der Öffentlichkeit überwiegt das rationale Handeln. Privat sein bedeutet, den Emotionen freien Lauf lassen zu können.

Wie von Flade (2008) erläutert, ist Privatheit nicht unmittelbar von einer bestimmten räumlichen Umgebung abhängig. Wie wir wissen, können wir beispielsweise in verschiedenen Situationen in der Öffentlichkeit Privatheit erleben. Dass führt uns zum Schluss, dass die Privatheitszustände von einer räumlichen Umgebung unabhängig erscheinen und im sozialen Zusammenleben unabhängig voneinander funktionieren können. Dem gegenüber steht die Forderung nach einer klaren räumlichen Differenzierung, die es ermöglicht, Privatheit zu erleben und das wahre Wesen (Bollnow, 2010) zu erlangen.

In Zusammenhang mit dieser Feststellung erkennen wir, dass basierend auf dem Verlust territorialer Bindungen Maßnahmen zur Wiedererlangung der Privatheit im stationären Umfeld benötigt werden. Maßnahmen dieser Art können beispielsweise klare räumliche Formulierungen sein, die mit einer sphärendifferenzierten Zonierung des räumlichen und sozialen Distanzverhaltens (privat, halböffentlich, öffentlich) arbeiten.

2.4.4 Privatheit in der soziotechnischen Vernetzung

Die zeitgenössische Privatheitsdiskussion bringt in Bezug auf die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche neue Fragestellungen. Die in den 1960er Jahren entwickelten Privatheitstheorien des bürgerlichen Privatheitsverständnisses können demnach nicht mehr als vollständig betrachtet werden. Carsten Ochs (2015) definiert ein nach-bürgerliches Privatheitsverständnis, in dem als Arbeitshypothese Folgendes festgelegt ist: „Während der Privatheitsdiskurs der letzten 125 Jahre maßgeblich von Subjektvorstelllungen der bürgerlichen Subjektkultur geprägt war, haben die soziotechnischen Praktiken, die die empirisch beobachtbare Praktizierung der Unterscheidung öffentlich/privat formen, mehrfach tiefgreifende Veränderungen erfahren, folgen der Logik der bürgerlichen Kultur also schon lange nicht mehr“ (Ochs, 2015, p. 21).

Dieser Exkurs verdeutlicht, dass die Definition von Privatheit über die räumlichen und soziologischen Vorstellungen hinaus in der Digitaltechnologie eine andere Bedeutung erfährt und ein erweiterter Diskussionsprozess in der Gesellschaft notwendig geworden ist. Um an dieser Stelle wieder auf Westin (1970) zurückzukommen, stellt sich auch hier die Frage, wann, wie und in welchem Umfang Informationen über das Individuum öffentlich werden sollen oder dürfen. Der individuelle Privatheitszustand und der Umgang damit wird in Eigenverantwortung bestimmt und durch das Ausmaß der Information an die soziotechnische Öffentlichkeit maßgeblich geprägt. In der aktuellen Diskussion ist zu prüfen, ob die Verwendung digitaler Hilfstechnologien das individuelle Privatheitsstreben der Menschen ausreichend berücksichtigt oder eine Entwicklung entsteht, die diesen Anforderungen nicht mehr gerecht werden kann. Die Auswirkung auf die Digitalisierung altersgerechter Assistenzsysteme und die damit verbundene soziotechnische Vernetzungsmöglichkeit stellen die Gesellschaft einerseits vor neue Möglichkeiten, andererseits aber auch vor neue Reglementierungen, die sowohl für das häusliche als auch das stationäre Umfeld beantwortet werden müssen. Auch hier müssen wir entscheiden, in welchem vertretbaren Ausmaß Privatsphäre öffentlich werden darf, wobei die datenschutzrechtlichen Fragen einen entscheidenden Rahmen vorgeben werden. In Anbetracht der Tatsache, dass sich in der soziotechnischen Gesellschaft eine Dimension unkontrollierter und unkontrollierbarer Privatheit manifestiert, führt dies – zurückkommend auf die kontrolltheoretischen Ansätze der Privatheitstheoretiker Altman, Westin und Pastalan – zu einer Diskrepanz und zu einem Missverhältnis darüber, wer, wann und wie viel an persönlicher Information veröffentlicht. Die bisher gültigen Kontrollmechanismen sind im räumlich sozialen Umfeld nach wie vor gültig, zumindest dort, wo Menschen physisch konkret miteinander interagieren.

2.5 Persönlicher Raum – Personal space – Personale Sphäre

Der Persönliche Raum ist körpereigen und körpergebunden. Im Gegensatz zur geografischen Bindung der Territorien kann dieser Raum nicht verlassen werden (Richter & Christl, 2013). Flade (2008) spezifiziert, dass der personal space eine den menschlichen Körper umgebende emotional aufgeladene Zone bildet. Die Grenzen sind also als solche nicht festzulegen, individuell unterschiedlich und personenbezogen zu betrachten. Die Tatsache, dass Menschen von anderen Menschen einen bestimmten Abstand einhalten, beschreibt Flade wie folgt: „Menschen sind bestrebt, einen bestimmten Abstand gegenüber anderen Personen einzuhalten. Weil der personal space die interpersonalen Raumdistanzen im Sozialkontakt steuert, kann man denselben durch Beobachten des Abstandsverhaltens sichtbar machen. Abhängig von der gewünschten Interaktionsart werden unterschiedlich große räumliche Distanzen gewählt“ (Flade, 2008, p. 123). Zusammenfassend sei veranschaulicht, dass der Persönliche Raum eine personenzentrierte, eine das Individuum umgebende emotional gebundene Sphäre umschreibt, die im Kontext kultureller Werte und gesellschaftlich geprägter Haltungen räumlich subjektiv empfundene Abstandsregelungen erzeugt.

Folgen wir den unterschiedlichen Definitionen und Begriffsbestimmungen des Persönlichen Raumes, so erkennen wir, dass die daraus interpretierte Verbindung zu räumlicher Gebundenheit verwirrend erscheint. Angesichts der Vorstellung, dass der Persönliche Raum eine Art „Blase“ (Richter & Christl, 2013, p. 244) um den Körper des Individuums bildet, werden wir in der weiteren Diskussion die Bezeichnung „Personale Sphäre“11 verwenden.

Folgende Funktionen bzw. Merkmale sind für die Personale Sphäre von Bedeutung (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 244 f.):

• Regulation der interpersonellen Distanz

• Ortsungebundenheit

• Körperverbundenheit

• Subjektive das Individuum umgebende „Blase“

• Keine physische Grenze

• Interaktionsabstand zwischen den Individuen

• Personen- und Situationsgebundenheit

• Interpersonelle Distanzzonen nach Hall

Hall (1966, 1976) belegt, dass die jeweils passende Distanz zu einem anderen Individuum in Abhängigkeit von der Situation und der Art der Beziehung steht. Dieses Verhältnis wird in vier Zonen unterschieden, wobei die jeweilige Distanzzone in eine nahe Phase und in eine weite Phase gegliedert wird.

So wie Hall (1966, 1976) die intime und persönliche Distanzzone innerhalb der „Grenze der körperlichen Herrschaft“ ansiedelt, beschreiben Lyman und Scott (1967) dieselbe Sphäre als Leibesterritorien, die wiederum mit dem Begriff der Personalen Sphäre – also der dem Körper anhaftenden Sphäre – vergleichbar sind, und erkennen demnach Verbindungen auf unterschiedlichen Ebenen.

Die von Hall (1966, 1976) ausgeführten Distanzregeln erscheinen hinsichtlich ihrer kulturellen Zuordnung für Europa und Nordamerika als geeignet und zutreffend. Kulturell bedingt anderes Distanzverhalten finden wir etwa in Indien, Südamerika oder auch im Nahen Osten. Die körpernahe Kommunikation beispielsweise südamerikanischer Kulturen (verringerte Distanz) bedeutet für einen europäisch geprägten Menschen bereits eine Verletzung der Personalen Sphäre. Diese Distanzüberschreitung hat eine Wirkung in unterschiedlicher Art und Weise auf das Verhalten der Individuen (zurückweichen, abrücken).

Im Modell von Hall (1966, 1976) wird die „Kommunikationsfunktion“ (Hellbrück & Fischer, 1999, p. 323) der Personalen Sphäre hervorgehoben. Die Distanzzonen stellen die Beziehungen (intim, persönlich, sozial, öffentlich), die Menschen miteinander eingehen, dar und in welcher Intensität die Interaktion aufeinander-trifft. Der Symbolcharakter der Distanzzonen zeigt in der nachfolgenden Abbildung sowohl den Interaktionspersonen (Individuum 1 und 2) als auch den außenstehenden Personen (Individuum 3 und 4) den Zustand der Kommunikation. Die Beziehung zwischen den Interaktionspersonen definiert sich für Außenstehende über das körperliche Distanzverhalten. Hellbrück und Fischer (1999) veranschaulichen, dass den Distanzzonen in Abhängigkeit vom Standpunkt (Interaktionspersonen oder Beobachtende) symbolische und kommunikationstechnische Funktionen zugeordnet werden können. Das heißt, dass verbunden mit der kulturellen Herkunft, dem Alter und dem Geschlecht der Kommunikationszustand ablesbar wird.


Abbildung 10: Interpersonelle Distanzzonen (Quelle: eigene Darstellung nach Hall (1966, 1976); Hellbrück & Fischer, 1999, p. 324)

Im Kontext institutioneller Wohnformen, die beispielsweise in unterschiedlichen Modellen umgesetzt werden, scheinen die interpersonellen Distanzen sowie die Darstellung der jeweiligen Beziehung zueinander von Bedeutung zu sein. Pflegehandlungen sind sensible Interaktionen, bei denen laufend Grenzen überschritten werden und Kommunikationszustände neu interpretiert werden müssen. Diese Überschreitungen werden im nächsten Abschnitt beleuchtet.


Abbildung 11: Kommunikationsfunktion der Personalen Sphäre (Quelle: eigene Darstellung nach Hall (1966, 1976); Hellbrück & Fischer, 1999, p. 323)

2.5.2 Verletzungen der Personalen Sphäre

Verletzungen der Personalen Sphäre werden sowohl aus Sicht der verletzten Person als auch aus Sicht der verletzenden Person als Beeinträchtigung empfunden. Diese Verletzung führt zu situationsbedingten Veränderungen der interpersonellen Distanz und zu veränderten Kommunikationsstrategien zwischen den Interaktionspartnerinnen und Interaktionspartnern. Die Reaktion (Flucht oder Rückzug) führt zu einem Ausgleich in der räumlichen Distanz. Beide Interaktionspersonen einigen sich subjektiv auf ein angemessenes und für die Regulation erforderliches Distanzverhältnis (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 246).

Als Beispiel für Distanzverhalten zitieren Hellbrück und Fischer (1999) eine Studie von DeLong (1970). In dieser Studie wurden in einem Altenzentrum in Philadelphia alltägliche soziale Interaktionen erfasst. Die Untersuchung erfolgte durch systematische Beobachtung und informelle Interviews. Im Mittelpunkt der Beobachtungen standen die Bedingungen sozialer Konflikte zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern mit unterschiedlichem Pflegebedarf sowie den Bewohnerinnen und Bewohnern mit dem Pflegepersonal. DeLong (1970) orientierte sich an den Distanztypologien nach Hall und kam zum Ergebnis, dass konfliktauslösende Faktoren in Abhängigkeit jener Sichtweisen standen, in denen durch Interpretation der Situation unterschiedliche Bedeutungen zugewiesen wurden. So interpretierten beispielsweise Bewohnerinnen und Bewohner die Anwesenheit der Pflegepersonen innerhalb ihrer intimen Distanzzone als Aufforderung zur intimen Kommunikation. Das Pflegepersonal hingegen beurteilte die Konfrontation mit der intimen Situation als Widerspruch zum professionellen Auftrag. Dieser Widerspruch wurde durch die Veränderung der Körpersprache, wie beispielsweise Abwenden des Kopfes, Versteifung der Körperhaltung, Blick in die Ferne usw., zum Ausdruck gebracht (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 327 f.).

Die Studie von DeLong (1970) zeigt deutlich, dass Verletzungen der interpersonellen Distanzen zu sozialen Konflikten auf unterschiedlichen Interaktionsebenen führen können. Auf Grund dieser Erkenntnisse können wir daraus schließen, dass zwischen den Interaktionspersonen ein Konsens über die Situation und die damit verbundenen Handlungen hergestellt werden muss. Die spezielle Situation zwischen pflegender und gepflegter Person erfordert eine offene Diskussion darüber, welche Distanzverstöße im Rahmen sind und welche zu Verletzungen der Personalen Sphäre und/oder der Privatheit führen. Ist ein Konsens darüber hergestellt, sind Missverständnisse und in weiterer Folge Konflikte vermeidbar. Der Schlüssel dafür ist Kommunikation.

2.5.3 Distanzregulation durch Verhaltensänderung und räumliche Interventionen

In der weiteren Diskussion werden wir darauf eingehen, wie räumliche Interventionen die Distanzregulation beeinflussen bzw. welche Verhaltensänderungen durch Verletzungen der Distanzzonen ausgelöst werden können. Gestalterische Entscheidungen sind jedenfalls ein Kriterium dafür, wie sich das Verhältnis zwischen Distanz und Verhalten darstellen kann.

In Bezug auf die Distanzzonen kommen Richter und Christl (2013) zum Ergebnis, dass Verhaltensänderungen und räumliche Interventionen sowohl Verletzungen der Distanzregeln als auch Verstöße dagegen kompensieren. So werden beispielsweise in den sozialen und öffentlichen Distanzen Reglementierungen/ Markierungen durch Möbel (Rezeption zwischen Gast und Kunden) oder technische Einrichtungen (Videowall bei Veranstaltungen) gesetzt, welche die gewünschten Distanzen erhalten und Verstöße kompensieren. Verletzungen der intimen und persönlichen Distanzen werden durch Verhaltensänderungen (zurückweichen, schweigen) oder durch die Verwendung von Gegenständen (z. B. Buch, Mobiltelefon usw. als visualisierte Barriere) signalisiert und weniger durch räumliche Maßnahmen reguliert (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 247 f.).

Tabelle 1: Distanzzonen und Kompensationsmaßnahmen (Quelle: eigene Darstellung nach Richter & Christl, 2013, p. 247 f.)


2.6 Territorialität und Territorialverhalten

Bevor wir auf die inhaltliche Diskussion dieses Abschnitts eingehen, wollen wir die unterschiedlichen Positionen zwischen Personaler Sphäre und Territorialität erläutern. Wie schon in der Begriffsbestimmung definiert, sind Territorien – mit Ausnahme des Leibes- bzw. Körperterritoriums – geografisch räumlich fixiert, während die Personale Sphäre an den Körper des Individuums gebunden ist (Flade, 2008). Diese räumliche Fixierung ist real – im Sinne von wirklich (Bollnow, 2010) – und stellt ein Potenzial an Macht über Andere, die Ressourcen des Raumes und die damit verbundene Entscheidungs- und Gestaltungsgewalt dar. Der Unterschied zwischen Personaler Sphäre und Territorialität wird von Hellbrück und Fischer (1999) folgendermaßen beschrieben: „Während über den Persönlichen Raum reguliert wird, wie eng Individuen miteinander interagieren, wird über Ter-ritorialverhalten bestimmt, wer [innerhalb eines bestimmten Raumes12] miteinander interagiert“ (Hellbrück & Fischer, 1999, p. 335). Die Personale Sphäre erfordert die Präsenz anderer Personen und reguliert durch das Nähe- und Distanzverhalten die Art der Interaktion (intim, persönlich, sozial, öffentlich), die Personen stehen fest. Im Territorialverhalten bestimmt die Auswahl der Personen – wer mit wem interagiert – die Kommunikation.


Abbildung 12: Personale Sphäre versus Territorialverhalten (Quelle: eigene Darstellung nach Hellbrück & Fischer, 1999, p. 335)

Die Ursache für territoriales Verhalten definiert Brown (1987) an Hand von zwei Motiven:

Das biologische Motiv beinhaltet die Kontrolle von Ressourcen durch Abstecken, Markieren und Verteidigen von Raum. Das psychosoziale Motiv leitet sich aus der Stärkung des Selbstwertgefühls ab. Die Regulierung sozialer Beziehungen zwischen den Interaktionspersonen erfolgt durch formale Mittel13 (vgl. Flade, 2008, p. 127). In Verbindung zum geografisch fixierten Raum (kulturell, sozial) werden die von Altman (1970) ausgeführten Territorialtypologien im nächsten Abschnitt diskutiert und um die Perspektive des Leibes- bzw. Körperterritoriums von Lyman und Scott (1967) erweitert.

2.6.1 Territorien nach Altman, Lyman und Scott

Beziehen wir uns auf die Begriffsbestimmung nach Altman, so können wir festhalten, dass Kontrolle über den Raum sowohl in Bezug auf den Zugang als auch über das Verhalten besteht. Altman (1970) unterscheidet primäre, sekundäre und öffentliche Territorien. Diese basieren auf dem Ausmaß an ausgeübter Kontrolle und dem Nutzungsrecht der jeweiligen Territorien (Radzey, 2014). Eine weitere Unterscheidung beruht auf der Dauer der Besetzung und dem Ausmaß der Personalisierung und der damit verbundenen Bereitschaft auf Verteidigung (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 336 f.).

Tabelle 2: Territorialtypologien und Verhalten (Quelle: eigene Bearbeitung, Hellbrück & Fischer, 1999, p. 337)


Dauer der Besetzung Ausmaß von einer Person und anderen perzipierter Eigentümerschaft Ausmaß der Personalisierung Wahrscheinlichkeit der Verteidigung im Falle einer Verletzung
Primäres Territorium(z. B. Wohnung, Büro) Hoch. Als relativ permanentes Eigentum vom Besetzer und anderen wahrgenommen Extensive Personalisierung. Besetzer übt vollständige Kontrolle aus; Eindringen anderer wird als schwerwiegender Verstoß gegen Normen bewertet
Sekundäres Territorium(z. B. Klassenzimmer) Gemäßigt. Keine Eigentümerschaft. Besetzer wird als einer aus einer Reihe zugelassener Personen betrachtet Kann in gewissem Grade während der Periode legitimierter Besetzung personalisiert werden; gewisses Maß an Kontrolle für legitimierte Besetzer
Öffentliches Territorium(z. B. Teilbereich eines Strandes) Gering. Keine Eigentümerschaft; Kontrolle auszuüben, ist schwierig. Besetzer wird von anderen als einer aus einer großen Anzahl potenzieller Nutzer angesehen Manchmal zeitlich begrenzt personalisiert; geringe Wahrscheinlichkeit der Verteidigung

Lyman und Scott (1967) unterscheiden im Gegensatz zu Altman vier Arten von Territorien. Die Unterscheidung erfolgt nach dem Ausmaß an Zugangs- und Handlungsfreiheit (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 242).

Tabelle 3: Gegenüberstellung der Territorialtypologien (Quelle: eigene Darstellung nach Altman (1970); Lyman & Scott (1967))


Altman (1970) Lyman und Scott (1967) Beispiel
Leibesterritorium Körper (= Personale Sphäre)
Primäres Territorium Interaktionsterritorium Zimmer
Sekundäres Territorium Gruppenterritorium Stammtisch
Öffentliches Territorium Öffentliches Territorium Parkanlage

2.6.1.1 Leibes- oder Körperterritorien

Das Leibesterritorium ist mit dem Begriff der Personalen Sphäre gleichzusetzen. Richter und Christl (2013) verwenden hier im direkten Vergleich den Begriff Privatsphäre14 und erörtern, dass das Leibesterritorium im Sinne der kontrolltheoretischen Ansätze von Altman (1975) als Raum der größtmöglichen Kontrolle bezeichnet werden kann (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 242). Die Bezeichnung „Körperterritorium“ wird von Hellbrück und Fischer (1999) verwendet und bezieht sich, wie auch bei Richter und Christl (2013), auf das von Lyman und Scott (1967) definierte Leibesterritorium.

Wie in der Begriffsbestimmung bereits ersichtlich wurde, ist die Voraussetzung für ein Territorium eine räumliche Gebundenheit. Das Merkmal des Leibes- oder Körperterritoriums besteht jedoch darin, dass das Territorium an den Körper gebunden ist und als individuelle Hülle „tragbar“ – also mobil – ist. Lyman und Scott (1967) nehmen also eine andere bzw. erweiterte Kategorisierung vor. Während Altman (1970) die räumlich geografisch fixierten Territorien beschreibt, ergänzen Lyman und Scott diese um das körpergebundene, dem menschlichen Körper anhaftende Territorium. Diese Unterscheidung führt dazu, dass bei Lyman und Scott eine Erweiterung um eine ortunabhängige Perspektive besteht. Daraus entwickelt sich ein Modell eines „Doppelterritoriums“, das sowohl aus einer räumlichen als auch einer nichträumlichen Dimension besteht. Das heißt, das Individuum befindet sich gleichzeitig in zwei Territorien, dem körpereigenen und dem ortsgebundenen, das in unterschiedlicher Art und Weise temporär genutzt wird. Mit der Bewegung des Menschen im Raum verändert sich das Territorium (primär, sekundär, öffentlich). Das körpereigene Territorium bleibt hingegen gleich.

2.6.1.2 Primäre Territorien – Interaktionsterritorien

Primäre Territorien sind von anderen Territorialtypologien klar zu unterscheiden und stehen in direkter Verbindung zum privat genutzten Raum. Das Wohlbefinden und die Entwicklung der Menschen, ausgehend von einer dauerhaft möglichen Kontrolle eines Raumes/Raumverbandes (z. B. Zimmer, Wohnung, Grundstück, Gestaltung des Schreibtisches im Büro), sind im täglichen Leben der Besitzenden von zentraler Bedeutung (vgl. Hellbrück & Fischer, 1999, p. 337; Sowinski, 2005, p. 13; Flade, 2008, p. 127). Die ausgeprägte und individuelle Gestaltungsmöglichkeit der primären Territorien schafft Identität. „Der Mensch verortet sich in der Welt durch die Inbesitznahme eines Eigenraums. Das heißt, um zu wohnen, wird zunächst vorausgesetzt, dass der wohnende Mensch einen Platz einnimmt“ (Radzey, 2014, p. 79). Das Merkmal der Kennzeichnung (Maßnahme) und der Respekt über die Kennzeichnung (Verhalten) durch Andere schaffen einen Ort, der nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen einen persönlichen Charakter erhält. Lyman und Scott (1967) bezeichnen beispielsweise die Wohnung als Interaktionsterritorium, das durch eine strenge Zugangskontrolle gekennzeichnet ist (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 242).

2.6.1.3 Sekundäre Territorien – Gruppenterritorien – Halböffentliche Territorien

Sekundäre Territorien sind von unterschiedlichen Personengruppen aus der Öffentlichkeit zugänglich. Die Nutzung erfolgt temporär eingegrenzt, in gewisser Weise kontrolliert und für einen bestimmten Zweck (z. B. Gemeinschaftsbereiche in Pflege- und Betreuungseinrichtungen, Kindertagesstätten usw.). Sekundäre Territorien sind für Personengruppen wie beispielsweise für Kinder oder alte Menschen besonders wichtig, da diese noch keinen Zugang oder keinen Zugang mehr zu öffentlichen Räumen haben. Sekundäre Territorien haben eine Schwellenfunktion. Eine temporäre und funktionsoffene Nutzung erlaubt einen ressourcenschonenden Umgang mit Raum (Mehrfachnutzungen). Raumeffiziente Lösungen fordern zwar ein konkretes Zeitmanagement, führen jedoch zur Entlastung räumlicher Engpässe (vgl. Flade, 2008, p. 128). Im sekundären Territorium besteht kein Eigentum. Die temporäre Besetzung personalisiert und gestaltet den Raum (vgl. Hellbrück & Kals, 2012, p. 80). Nach dem Ende der Besetzung ist der Raum wieder frei, die Personalisierung aufgehoben und die Gestaltungsmerkmale entfernt. Richter und Christl (2013) beschreiben sekundäre Territorien auch als halböffentliche Territorien, in denen durch das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Personenkreise Interaktionskonflikte möglich sind. Lyman und Scott (1967) schreiben den Gruppenterritorien ein höheres Maß an Handlungsfreiheit zu, als es in öffentlichen Territorien der Fall sein kann (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 242).

2.6.1.4 Öffentliche Territorien – Tertiäre Territorien

Öffentliche bzw. tertiäre (vgl. Flade, 2008, p. 129) Territorien sind Innen- oder Außenräume (z. B. Kaufhäuser, Parkanlagen, Plätze und Straßen usw.), die von allen Menschen gleichermaßen meist für eine kurze Dauer aufgesucht und genutzt werden. Auch das öffentliche Territorium bedingt klare Nutzungs- und Verhaltensregeln (vgl. Radzey, 2014, p. 80). Sind diese Voraussetzungen formeller und informeller Regelungen und Normen nicht gegeben, sind unerwünschte Verhaltensweisen im öffentlichen Raum die Folge. Durch geeignete Verhaltensangebote (z. B. Möblierungen im öffentlichen Raum, wie beispielsweise Bänke, Abfallsammler, usw.) lässt sich das Verhalten korrigieren (vgl. Flade, 2008, p. 129). Markierungen in öffentlichen Territorien stehen in unmittelbarer Beziehung zur Person, die diese Markierung (Besetzung) vornimmt. So beschreiben beispielsweise Richter und Christl (2013), dass Gegenstände (z. B. Liegestuhl am Strand) mit einem hohen Grad an Personalisierung (z. B. Handtuch) mehr respektiert werden als jene mit geringer Personalisierung (vgl. Richter & Christl, 2013, p. 241). Die freie Zugänglichkeit öffentlicher Territorien geht zu Lasten von Verhaltensbeschränkungen (Lyman & Scott, 1967). Je freier der Zugang, desto mehr Beschränkungen im Verhalten – Reglementierungen des öffentlichen Raumes sind eine Folge davon.

Am Beispiel einer differenzierten, territorial eindeutig geregelten Bodengestaltung im öffentlichen Raum zeigen sich funktionale Trennungen unterschiedlicher Nutzungstypen und die damit verbundene Reglementierung. Sehen wir diese territoriale Markierung als Besetzung der jeweiligen Nutzungsgruppe, so können wir annehmen, dass diese – wenn auch temporäre Besetzung – eine Verteidigung dieses Territoriums mit sich bringt. Im Fall einer Auflösung dieser Markierungen stellt sich die Frage, wie sich das Verhalten der Benutzerinnen und Benutzer verändert. Als Beispiel für aufgelöste Markierungen werden an dieser Stelle die Shared-Space-Modelle im öffentlichen Raum genannt. Ein Erfolg oder Misserfolg dieser Modelle steht nicht nur in Zusammenhang mit kulturellen Wertehaltungen, sondern im besten Fall mit einer konkreten Kommunikationsstrategie.

2.6.2 Veränderungen im Territorialgefüge durch räumliche Interventionen

Flade (2008) beschreibt, dass Veränderungen im territorialen Gefüge durch räumliche Interventionen herbeigeführt werden können. Beispielsweise werden abgesperrte Passagen oder Parkplätze in Abhängigkeit von der Nutzungszeit von öffentlichen zu sekundären Territorien. Flade führt des Weiteren fort, dass die Einschränkung des Territoriums nicht nur durch physische Mittel erreicht werden kann, sondern dass durch subtil wahrgenommene Symbole, wie beispielsweise durch luxuriöse Ausstattungen, eine psychologische Barriere (Hemmschwelle beim Betreten, soziale Abgrenzung usw.) gebildet wird. Umgekehrt besteht die Möglichkeit, sekundäre Territorien zu öffentlichen Territorien zu transformieren. Mischnutzungen im Sinne von „gemeinsam geteilten Räumen“ (Shared Space) werden heute besonders im öffentlichen Raum umgesetzt. Speziell in der Zonierung von Gärten (Privatgarten, Gemeinschaftsgarten, öffentliche Parks) lassen sich territoriale Beziehungen durch mobile Markierungen leicht verändern und verschieben, wobei insbesondere Gemeinschaftsgärten durch unterschiedliche nachbarschaftliche Vorstellungen zu Konfliktzonen werden können. Markierungen führen zu Personalisierung und zu Besitzanspruch. Beispielsweise wird der besagte Liegestuhl am Strand durch das Handtuch der Besetzenden vom öffentlichen zum sekundären Territorium. Dieser territoriale Wechsel lässt einen Spielraum in der räumlichen Interpretation zu. Das Wechselspiel zwischen offen und geschlossen wird erst durch regulierende Maßnahmen möglich, so Flade (2008). Nutzungsdifferenzierungen schaffen konfliktreduzierte Beziehungen (vgl. Flade, 2008, p. 131). „Die Wahrscheinlichkeit aggressiven territorialen Verhaltens ist auch erhöht, wenn Territorien nicht klar gegeneinander abgegrenzt sind“ (Hellbrück & Fischer, 1999, p. 355). Zur Erfüllung von orientierungs- und sicherheitsrelevanten Aspekten ist eine Nutzungsdifferenzierung von Funktionen (Flade, 2008) in Kombination mit einem räumlichen Schwellenangebot von Vorteil. Wir brauchen gerade im institutionellen Wohnen klare räumliche Botschaften, die in Form territorialer Abgrenzungen Möglichkeiten schaffen, differenzierte Privatheitszustände (Westin, 1970) erleben zu können.

2.6.3 Das Territorialgefüge im Kontext der Pflege und Betreuung

Wenn wir innerhalb institutioneller Lebensräume der Pflege und Betreuung idealerweise von einem Abbild eines alltagsgerechten sozialen und räumlichen Gefüges ausgehen, so können wir in Bezug auf die Gesamtheit der räumlichen Umgebung territoriale Einflüsse feststellen. Hinsichtlich der beschriebenen Territorialtypologien nach Altman (1970) sowie Lyman und Scott (1967) können wir eine differenzierte territoriale Abstufung zwischen privat und öffentlich skizzieren. Das sich öffnende Raumszenario15 steht in engem Zusammenhang mit den Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner nach einem vielfältig gestaltbaren, aber klar differenzierten Umfeld und den organisatorischen und funktionalen Anforderun-gen der Institution. Die Abstufung der territorialen Öffnung bildet die Grundlage eines räumlichen Privatheitsmodells, das soziale Handlungsräume beschreibt und raumsphärische Zuordnungen trifft. Das Territoriale Lebensraum-Modell – ein Modell des Autors – wird in Teil III dieser Publikation vorgestellt.


Abbildung 13: Territoriale Öffnungsstufen (Quelle: eigene Darstellung)

Wie von Lyman und Scott (1967) verdeutlicht, ist das Leibes- oder Körperterritorium das am stärksten kontrollierte Territorium des menschlichen Seins und mit der Personalen Sphäre vergleichbar. Wie wir wissen, beschreiben Richter und Christl (2013) die Personale Sphäre als ein körpernahes Territorium, das durch die Bewegung des Menschen im Raum als mobil betrachtet werden muss. In der Pflege und Betreuung stellt sich durch die abnehmende Mobilität eine Situation ein, die ein Verschmelzen zwischen dem Leibesterritorium und dem primären Territorium erzwingt. Pflege – insbesondere Körperpflege – ist grundsätzlich privat. Pflegehandlungen sind sensible Interaktionen zwischen Menschen, bei denen die Grenzen der Privatsphäre überschritten werden und situationsbedingt „fremde“ Personen diese Tätigkeit durchführen und bei dieser Handlung in das Körperterritorium eingedrungen werden muss. Bei Menschen mit hohem Pflegebedarf wird das Primärterritorium stark eingeschränkt und letztendlich reduziert sich das Ausmaß des verbleibenden Lebensraumes auf das Bett (Scholz-Weinrich & Graber-Dünow, 2015). Der Kontrollverlust über den privaten Raum ist ein Zustand, mit dem die Betroffenen nur schwer umgehen können (Sowinski, 2005). Die Verletzung der Privatsphäre und der Verlust an Gestaltungsmöglichkeit im eigenen Wirkungsbereich führen zu Konfliktsituationen.

Primäre Territorien konzentrieren sich auf den Lebensbereich, in dem der private und familiär gemeinschaftliche Alltag, wie beispielsweise das Leben in einer Wohngruppe/einem Wohnbereich, stattfindet. Diese Raumsequenz bietet in ihrer örtlichen Ausdehnung einen maßstabsgerechten Lebensraum für die körperliche und seelische Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen, dient der sozialen Entwicklung (Flade, 2008) sowie der Aufrechterhaltung der kognitiven Fähigkeiten. Primäre Territorien sind insbesondere im institutionellen Umfeld durch strenge Zugangskontrollen (Richter & Christl, 2013) gekennzeichnet, ständig kontrolliert und von anderen Territorialtypen eindeutig unterscheidbar (Sowinski, 2005). Die zentrale Bedeutung der primären Territorien wird durch die individuelle Gestaltungsfreiheit der Bewohnerinnen und Bewohner gestärkt. Funktionsund Territorialüberschneidungen, wie sie beispielsweise in Zwei- und Mehrbettzimmern stattfinden, sind die Ursache für Verhaltensänderungen und beeinflussen das Konfliktverhalten nachhaltig. Ein Mehraufwand in der Pflege und Betreuung (Sowinski, 2005) ist die Folge.

Sekundäre Territorien schaffen innerhalb einer in sich abgeschlossenen Funktionseinheit Spielräume für Handlungsalternativen und dienen als räumliches Angebot, in dem das Sozialleben der Bewohnerinnen und Bewohner sowohl mit internen als auch externen Personengruppen interaktiv erlebbar wird. Unter bestimmten Voraussetzungen der Kontrolle ist diese Raumsequenz für die Öffentlichkeit zugänglich (Sowinski, 2005). Sekundäre Territorien haben im territorialen Öffnungsszenario eine Schwellenfunktion zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und erschließen einen Aktionsraum für physische und psychische Aktivitäten.

Öffentliche Territorien und die damit verbundenen Möglichkeiten sind für die soziale Öffnung und die Integration der Institution in die nachbarschaftliche Umgebung unerlässlich. Wie von Flade (2008) definiert, sind in öffentlichen Territorien klare Nutzungs- und Verhaltensregeln erforderlich, die durch räumliche Interventionen unterstützt, aber auch verhindert werden können. Sowinski (2005) geht von einer Öffentlichkeit aus, die durch die Einhaltung sozialer Regelungen zeitlich begrenzt genutzt werden kann. Öffentliche Territorien werden beispielsweise in Form von Cafés, Restaurants oder Parkanlagen in das territoriale Innenwie Außenraumgefüge der Institution integriert. Öffentliche Territorien schaffen als Treffpunkt einen Lebensraum für Teilhabe und sozialen Austausch.

2.7 Dichte und Beengtheit

Die Situation, dass viele Menschen zumindest für eine gewisse Zeit auf einem begrenzten Raum miteinander auskommen müssen, kennt jeder von uns. Von Schönborn und Schumann (2013) werden beispielsweise zwei unterschiedliche Situationen beschrieben, in denen Menschen in eine Engesituation geraten. Der Unterschied besteht darin, dass im ersten Beispiel (Busfahrt) die Situation unfreiwillig eingegangen wird und im zweiten Beispiel (Konzert) eine Zustimmung darüber besteht, die Engesituation freiwillig einzugehen. Die Auswirkung ist allerdings unterschiedlich. Während das Eine als unangenehm empfunden wird, wird das Andere als angenehm erlebt. Wie in den Schilderungen ersichtlich wird, löst Dichte oder Enge nicht zwangsläufig ein Gefühl von Beengtheit aus. Dabei stellt sich die Frage, welchen Einfluss das physische Umfeld haben kann, um das Erleben von Dichte oder Enge in die eine oder andere Richtung zu lenken (vgl. Schönborn & Schumann, 2013, p. 261 f.).

Das Gefühl und das Erleben von Beengtheit wird in der deutschsprachigen Umweltpsychologie unter dem Sammelbegriff „Crowding“ beschrieben. Hellbrück und Kals (2012) beschreiben Crowding als, „[…] das Erleben von Beengung bzw. Überfüllung [...], verbunden mit dem Gefühl von Belastung und Stress“ (Hellbrück & Kals, 2012, p. 75). Dichte beschreibt den Zusammenhang zwischen der Anzahl von Menschen und dem verfügbaren Raum. Dichte wird in zwei Dimensionen unterschieden, der räumlichen und der sozialen Dichte. Räumliche Dichte ist Veränderung des Raumes beispielsweise durch Raumtrennungen bei gleichbleibender Anzahl an Menschen. Soziale Dichte ist konstanter Raum und veränderte Personenanzahl bei gleichem Flächenangebot (vgl. Schönborn & Schumann, 2013, p. 265 f.). Mehrere Menschen in einem Raum führen zu sozialer Dichte. Im Alltag wird ein ständiges Wechselspiel zwischen räumlicher und sozialer Dichte erlebt und subjektiv unterschiedlich empfunden. Dabei stellt sich in der Crowdingforschung immer wieder die Frage, welche Auswirkungen räumliche und soziale Dichteverhältnisse auf das Verhalten der Individuen haben (vgl. Radzey, 2014, p. 80).

Soziale und räumliche Dichte kommen im Alltag institutioneller Lebensgemeinschaften – unabhängig von den Zielgruppen – in den unterschiedlichsten Ausprägungen vor. In der stationären Altenhilfe treffen Menschen mit verschiedensten Lebensgeschichten und Bedürfnissen aufeinander, die für eine gewisse Zeit – in der Regel in der letzten Lebensphase – miteinander auskommen müssen. Diese Situation löst nicht nur soziale und räumliche Dichte aus, sondern, daraus resultierend, auch subjektiv empfundene Stresssituationen.

2.7.1 Erklärungsmodelle

In der Crowdingforschung finden sich zahlreiche Theorien und Erklärungsmodelle, die das Phänomen der Beengtheit thematisieren. Speziell in der Mensch-Umwelt-Beziehung stellt sich die Frage, welche Auswirkungen auf das menschliche Verhalten vorhanden sind. Diese Modelle versuchen einen Ansatz zu beschreiben, ab welchem Ausmaß an Dichte ein Gefühl von Enge und Beengtheit entsteht. Schönborn und Schumann (vgl. 2013, p. 268 ff.) erläutern dazu fünf ausgewählte Erklärungsmodelle:

• Überlastungsmodell

• Störungsmodell

• Verletzung normativer Erwartungen

• Überbesetzungsmodell

• Kontrollverlust

Nachdem der Begriff Privatheit untrennbar mit dem Begriff Kontrolle verbunden ist und wir diese Diskussion bereits intensivieren konnten, folgen wir in der weiteren Erläuterung dem Erklärungsmodell des Kontrollverlustes. Kontrollverlust wird beispielsweise von Flade (2008) folgendermaßen zusammengefasst: „Beengungsstress kommt zustande, wenn Verhaltensspielräume eingeschränkt oder Handlungen durch die Anwesenheit anderer Personen behindert werden. Hinzu kommt, dass die verfügbaren Ressourcen geteilt werden müssen“ (Flade, 2008, p. 148 f.). Diese Aussage untermauert die Tatsache, dass institutioneller Lebensraum mit Handlungseinschränkungen konfrontiert ist. Sekundäre Territorien sind ein Beispiel dafür, wie im Verband institutioneller Verhältnisse räumliche Alternativen und Schwellen- oder Optionsräume geschaffen werden können und dabei eine Entlastung der von Beengungsstress betroffenen Situation herbeigeführt werden kann.

Das Kontrollmodell von Baron und Rodin (1978) wird von Schönborn und Schumann (2013) in vier Phasen

• Entstehungsphase

• antizipatorische Bewältigungsphase

• verändernde Bewältigungsphase

• Phase nach der Konfrontation

dargestellt. Die Ausgangslage dieses Modells legt fest, dass Beengungsstress dann auftritt, wenn hohe soziale Dichte und/oder räumliche Dichte vorhanden sind und die Kontrolle des Individuums – innerhalb der individuellen Handlungssphäre – verloren geht. Schönborn und Schumann beschreiben Kontrollverlust wie folgt: „Unter Kontrollverlust versteht man in diesem Modell die Fähigkeit, zwischen den eigenen Intentionen und den umweltbezogenen und umweltbeeinflussten Konsequenzen des eigenen Verhaltens einen Zusammenhang herzustellen“ (Schönborn & Schumann, 2013, p. 276).

Die Entstehungsphase basiert auf einer Veränderung der Dichteverhältnisse, die zu einer Veränderung der Umweltfaktoren führt und die Erreichung eines Ziels erschwert. Die Kontrollanforderungen des Individuums werden verändert. Die Situation bedingt nicht zwangsläufig einen Beengungsstress. Das Individuum nimmt eine vergleichende Einschätzung vor. Besteht in der Wahrnehmung ein Verlust an Kontrolle tritt ein Gefühl der Enge auf.

Die antizipatorische Bewältigungsphase entsteht dann, wenn nach nochmaliger Prüfung der Situation ein Bedrohungsszenarium wahrgenommen wird. Dabei geht es um die Abwägung der Einflüsse. Sind diese beispielsweise absichtlich oder unabsichtlich herbeigeführt worden bzw. von welcher Dauer werden diese geprägt.

In der veränderten Bewältigungsphase hat das Individuum zwei Handlungsmöglichkeiten. Ist es nicht möglich, die Kontrolle aufrechtzuerhalten, werden entweder die umweltrelevanten Einflussfaktoren reduziert (Rückzug) oder das eigene Verhalten verändert (Beziehungsaufbau zu anderen Personen).

Die Phase nach der Konfrontation mit der Dichteerhöhung stellt sowohl das erfolgreiche Verhalten zur Bewältigung als auch den nötigen Aufwand zur Bewältigung der Dichtesituation in Zusammenhang und gibt Auskunft darüber, wie viele negative Folgeeffekte (z. B. kognitive Defizite, psychologische Funktionsstörungen) entstehen.

Baron und Rodin (1978) erläutern, dass räumliche Dichte auf Grund ihrer materiellen Fixierung als weniger bedrohlich wahrgenommen wird als soziale Dichte. Soziale Dichte wird zwar persönlich als bedrohlicher wahrgenommen, nimmt im Handlungsspielraum zur Bewältigung der Dichteverhältnisse jedoch eine größere Flexibilität ein (vgl. Schönborn & Schumann, 2013, p. 276 f.).

Die Phasen des Kontrollmodells zeigen erhebliche Einschränkungen, die nicht nur in einer Pflege- und Betreuungssituation entstehen können, sondern auch in anderen Abhängigkeitssituationen mitbedacht werden müssen. Gerade im Umfeld der Institution entstehen sowohl räumliche als auch soziale Dichteszenarien. Diese Szenarien führen zu Dichtestress, der durch physische und psychische Veränderungen der Bewohnerinnen und Bewohner im Alltag erkennbar wird. Die Auswirkungen von Dichte und Beengung werden im nachfolgenden Abschnitt beschrieben.

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9783706561945
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