Kitabı oxu: «KNUCKLEDUSTER»

Şrift:

KNUCKLEDUSTER
Andrew Post

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Frank Rosenbauer

»Bleibt bei den Pfeilen, ich wechsle zu den Kugeln!«, rief einer der gepanzerten Männer.

Das war für Brody das Zeichen, sich hinter die Wand der Bürozellen zu ducken. Er hörte das Klappern des Magazins, als die Wache auf scharfe Munition umstellte.

Thorp ignorierte das Gas und richtete sich mit Tränen, die seine Wangen hinunterliefen und vom Kinn tropften, auf, um zu schießen. Mit dem Arm wischte er über die geröteten Augen.

»Die schießen scharf!«, rief Brody Thorp zu. Eine Rauchgranate wirbelte in seine Richtung. Er trat sie weg und hörte sie bedrohlich zischend über den Boden gleiten.

Die gedämpften Gewehrsalven klangen auf einmal anders, dichter, fleischiger. Die Kugeln schlugen mit größerer Wucht in die Wände der Zellen ein. Über ihm war die Luft erfüllt von Sägespänen und Teilen halb verbrannter Wandbekleidung.

Brody blieb in seinem Versteck und fühlte sich nutzlos, während er seine Franklin-Johann in Händen hielt.

Thorp sah, wie er sich die tränenden Augen rieb. »Die werden uns verflucht noch mal töten! Du musst zurückschießen!«

Brody schüttelte den Kopf.

Thorp ging in Deckung und schrie ihn verzweifelt an: »Du nimmst jetzt deine verdammte Seitenwaffe und schießt, Soldat!«

»Ich kann nicht.«

This Translation is published by arrangement with Medallion Press

Title: KNUCKLEDUSTER. First Published by Medallion Press, 2013.

All rights reserved. No part of this book may be reproduced or transmitted in any form or by any electronic or mechanical means, including photocopying, recording, or by any information storage and retrieval system, without written permission of the publisher, except where permitted by law.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Impressum

zweite überarbeitete Ausgabe

Originaltitel: KNUCKLEDUSTER

Copyright Gesamtausgabe © 2020 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert

Übersetzung: Frank Rosenbauer

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2020) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-149-3

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

KNUCKLEDUSTER

Impressum

Danksagungen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Der Autor

Danksagungen

Lorie Jones, Emily Steele und das ganze Team von Medallion Press. Nie zuvor habe ich so engagierte Menschen getroffen, die solch Begeisterung und Liebe für das zeigen, was sie tun. Und meine Frau, die mich auf jedem Schritt und in jeder Phase begleitet hat.

—A

Kapitel 1

Künstliches Licht fiel durch ein dichtes Gewirr aus Kabeln und Leitungen auf den Mann mit den orange verfärbten Augen. Der Türsteher sah zu, wie er eine Zigarette nach der anderen rauchte, da es sonst nicht viel zu sehen gab. Als er auf die Uhr seines Handys schaute, tat der Türsteher dasselbe.

Um zehn vor elf steckte der Mann das Handy in die Tasche seiner Cabanjacke, trat seine Zigarette mit dem Stiefel aus und marschierte über die zugemüllte Allee. Es gab keine Schlange, darum ging er direkt zum Türsteher und rief über den markerschütternden Bass, der durch die Eingangstüren drang. Es war der Sound des Tages: einsame Cowboy-Countrymusik mit unpassend eingestreutem Schlagzeug. »Wie viel?«

»Zehn«, antwortete der stark tätowierte Türsteher zum hundertsten Mal an diesem Abend. Als der Mann seine ID-Karte hervorholte, musterte er ihn. Hoch aufgeschlossen, gebaut wie ein Basketballspieler. Kurz geschnittenes, schlammbraunes Haar mit einer Welle vorn, gekrümmt durch eine Tolle. Ein langes, schmales Gesicht mit grob gewachsenem Wochenbart. Vertraut.

Es dauerte einen Moment, bis sich der Türsteher an letzten Monat erinnerte. Der Mann war schon mal hier gewesen, hatte Fragen gestellt, einen Kampf begonnen und jemanden halb totgeprügelt. Welche Waffe benutzte er noch mal? Unter diesem Namen war sie allen bekannt. Totschläger? Reifenmontierhebel? Socke voller Münzen? Nein, er benutzte seine Faust, gepanzert mit schwarzem Metall über den Fingern, einen Schlagring. Aber er bildete auch den Mittelteil seines Namens, wie beim Spitznamen eines Schwergewichtskämpfers. Irgendwas ›Knuckleduster‹ irgendwas.

›Irgendwas Knuckleduster irgendwas‹ hielt ihm sichtlich ungeduldig seine ID-Karte hin.

Der Türsteher zog sie mit den tätowierten Händen durch sein Gerät und wartete, bis der Bildschirm etwas anderes, als eine Sanduhr anzeigte. Bevor ein Piepen die Abbuchung des Eintrittsgeldes bestätigte, traf ihn der Stoß einer Erinnerung.

Er sprang vor und versperrte dem Mann mit ausgestreckter Hand den Weg. »Hey, Kumpel, wir wollen heute Abend keinen Ärger. Hier sind eine ganze Reihe Typen, die nur abschalten und nicht gestört werden wollen, okay? Außerdem bist du nur einer und die sind Gott weiß wie viele. Glaubst du wirklich, es wär 'ne gute Idee hier Stress zu machen?«

Der Mann stand nur da. »Was hat Ihnen das Ding gesagt?«, fragte er kurz darauf und nickte in Richtung des Gerätes.

Der Türsteher blickte ihm in die Augen, die er nun aus der Nähe betrachten konnte. Er sah einen dunkelbraunen Farbton und noch etwas, bei dem er sich vorher nicht sicher gewesen war. Das Weiß erschien leicht in der Farbe einer Kürbisschale. Unheimlich.

Der Mann wiederholte seine Frage, was das Gerät ihm gesagt hätte, diesmal langsamer.

»G-Gar nichts«, stotterte er und wich den fixierenden Augen aus. »Der Boss wollte nicht die guten Geräte kaufen. Die hier ziehen nur Zehner ab und überprüfen, ob Sie mindestens einundzwanzig Jahre oder älter sind.« Er schüttelte das Gerät, als könnte er die Technik dadurch verbessern. »Und es sagt mir auch nicht, wer hier reingeht.« Er merkte, dass er zu viel redete und hielt die Klappe.

»Wenn ich wissen wollte, ob ein Freund von mir heute hier ist, könnten Sie es mir nicht sagen?«

»Nein.«

»Und wenn aus irgendeinem Grund heute was passiert …«

»Der Boss sagt, das ist ein Ort, an dem sich die Leute nicht beobachtet fühlen sollen«, antwortete der Türsteher und zitierte dabei den Barbesitzer und seine Vision für diesen speziellen Laden Wort für Wort. Er brauchte eine Sekunde, ehe er begriff, was der Mann mit der Frage angedeutet hatte. Er wollte gerade den Mund öffnen und eine Lüge ausspucken, um seine Spuren zu verwischen, da wurde er auch schon unterbrochen.

»Ich will nur einen Drink«, sagte der Mann mit tiefer, gleichmäßiger Stimme.

»Sie sind nicht hier, um jemanden aufzumischen? Sie haben den Kerl vor einem Monat fast getötet.« Er erinnerte sich an die blutige Szene, wie der Typ auf einer Liege herausgerollt wurde, Arm gebrochen, Kiefer zertrümmert. Hässliche Sache.

Er lächelte, zeigte dabei seine hohen, geraden Zähne und schüttelte den Kopf. »Nur ein kurzer Drink, dann bin ich weg. Pfadfinderehrenwort.«

Natürlich konnte der Türsteher jeden abweisen, den er nicht in der Bar haben wollte. Aber die Zeiten waren hart und sein Boss hatte ihm die Anweisung gegeben jeden reinzulassen, der nicht nackt war oder mit Glasscherben Symbole in den Körper ritzte. Zur Hölle, lasst auch die Bekloppten rein, die bringen Stimmung. Er gab dem Mann seine ID-Karte zurück.

»Na schön«, sagte er und ballte eine Faust mit ausgestrecktem Daumen. Er zeigte über seine Schulter und trat zur Seite. »Gehen Sie weiter. Aber wenn Sie hier irgendeinen Scheiß mit jemandem anfangen, wandern Ihre Schlagringe in meine Tasche.«

»Darauf können Sie einen lassen.« Wie-auch-immer-sein-Name-wargrinste und ging hinein.

Der Laden war voll und der Lärm überwältigend, konnte klaustrophobische Gefühle hervorrufen. Ohne Atempause ging ein Song in den anderen über. Schwere Klubmusik mit obszönen Texten, gefolgt von weiteren Country-Remixes.

Brody studierte die sich stetig verändernde Masse Tänzer unter den Stroboskoplichtern, farbigen Laserschwaden, die über ihre schweißnassen Körper schnitten. Die Lichter und konstanten Bewegungen der fuchtelnden Menge vermittelten den Eindruck eines schwankenden Gebäudes in einer endlosen Spirale der Schwerelosigkeit, in der die Leute nicht tanzten, sondern um Stabilität auf wackligem Untergrund kämpften.

Brody stand an der Rückwand, weitab der Tanzfläche, und sah der Menge fünfzehn ohrenbetäubende Minuten lang zu. Er machte sich mit der Örtlichkeit vertraut, schaute nach den Ausgängen, der Position des Personals. Von jedem Besucher nahm er so viele Details wie möglich auf und glich sie mit dem Wenigen ab, dass er über Jonah Billingsly wusste. Er hatte eine sehr grobe Beschreibung erhalten, irgendwas über ein altes Tattoo, das zu einem chaotischen Fleck verblichen war. Er kannte auch die Taten des Mannes, aber wer sah schon wie ein misshandelnder Freund aus?

Die Bar-KI musste Wind davon bekommen haben, dass sich hier jemand länger als zehn Minuten ohne ein bestelltes Getränk aufhielt. Eine Frau erschien in durchschimmerndem Blau und mit aggressiv entblößten Brüsten. Sie machte ihn an: »Hey, Süßer, wie wär's mit einem Tall Boy? Das wären nur fünfzehn Buckaroos für die nächsten zehn Minuten.«

Brody winkte dem Hologramm ab, woraufhin die Frau einklappte und verschwand, um vor jemand anderem belästigend aufzutauchen, dem sie etwas vorwackeln konnte.

Brodys Blick wanderte von einer Ecke zur anderen, vorbei an den tanzenden Transvestiten in ihren glitzernden Fummeln. Er nahm an, dass ein aggressiver Säufer, der seine Freundin jede Woche bewusstlos prügelte, nicht viel von einem Tänzer aufwies.

Brody beobachtete stattdessen die Gruppe an der Bar: Männer, gekleidet in schmutzige Overalls. Hafenarbeiter womöglich. Sie stießen mit dunklem Bier an und kippten Schnaps weg, der selbst dem stärksten Mann Tränen in die Augen trieb. Brody wusste nicht, welches Leben Jonah führte, denn Marcy hatte ihm nur vage Details gegeben. Aber es bestand eine gute Chance, dass er in dieser Gruppe stand.

Brody wollte sehen, wie viel sie preisgaben, wenn er sich als einsamer Betrunkener ausgab, der bloß ein wenig plaudern wollte. Schwankend ging er auf die verkleidete Gruppe zu. Dabei trat er absichtlich auf einen der Stahlkappenschuhe. Er entschuldigte sich überschwänglich und ließ seine Augen vergeblich nach einem Ziel suchen, um schwer betrunken zu wirken. »Hey, hey, tut mir echt leid«, lallte er.

Der Typ schob seine Strickmütze hoch, damit er den Störenfried besser sah. Als er sich in die Lichtimpulse drehte, erkannte Brody ein hartes Gesicht, aufgedunsen und rötlich, mit dicken Augenbrauen und engen Lippen, die so spröde waren, dass sie verbrannt wirkten. Er schien zu überlegen, ob er wegen des Trittes auf seinen Schuh eine Szene machen sollte, bis ein neues Bier hingestellt wurde und Brody seine ID-Karte auf die Bar klatschte, um dafür zu zahlen.

Der Barkeeper scannte sie mit seinem Handgerät und ging wieder, ohne sie berührt zu haben.

»Noch mal, tut mir leid, Mann. Wirklich.«

»Ist halb so wild. Sind sowieso alte Stiefel.« Der Hafenarbeiter klopfte Brody auf die Schulter, hob das Bier und nahm einen großen Schluck. Er ahnte nicht, dass er eindringlich beäugt wurde.

Marcy, die Frau mit dem zugeschwollenen Auge, die Brody kontaktiert hatte, erwähnte ein Tattoo am Handgelenk ihres Freundes, das einst ihren Namen beschrieben hatte, nun aber eher einem verschwommenen Strichcode gleichkam. Als der Mann erneut den Krug hob, um einen weiteren Schluck zu trinken, sah Brody das Tattoo flüchtig unter der Manschette des Overalls hervorblitzen.

Diesmal war es leicht. Kein Herumfragen, keine falschen Hinweise, kein Bezahlen für Informationen. Der erste Blödmann, den er angesprochen hatte, war der, wegen dem er hergeschickt worden war. Manchmal liefen die Dinge einfach. Es spielte keine Rolle, welches Paar Jonah und Marcy früher gewesen waren, wenn sie denn überhaupt je glücklich miteinander sein konnten. Es zählte einzig, was Jonah nun war: Ein gemeiner Säufer, der Frauen schlug.

Brody betrachtete sich manchmal als die Summe einer Gleichung. Das Plus entsprach ihm, der lebenden Summe schlechter Taten.

Er ließ die Maske des fröhlichen Betrunkenen fallen, richtete sich auf und spürte sein Herz in einem plötzlich wachen, schnellen Rhythmus schlagen.

Der Hafenarbeiter bemerkte, dass Brody immer noch dastand. Auch sein Gemüt wechselte und ging in offenkundige Feindseligkeit über. Er stellte seinen Krug mit den Schaumresten beiseite. »Nicht der richtige Laden, Nancy.«

»Bist du Jonah?«, fragte Brody, den Spott ignorierend.

Der Hafenarbeiter richtete seine Mütze. »Das ist richtig.«

»Geht dir dabei einer ab? Machst du es deswegen?«

»Wie bitte?«, entgegnete der Kerl und zog seine dicke Hand aus der gummierten Tasche des Overalls. Blaue Knöchel, geschwollenes Handgelenk; Indizien dafür, dass er kürzlich gegen etwas Hartes geschlagen hatte – wie einen Frauenschädel.

Es gab eine Boa constrictor, die von Brody lebte. Er trug sie Tag und Nacht. Beim Anblick von Jonahs verletzter Hand zog sie sich zusammen. Sie hing arglos um seine Schultern, wenn er Marcy oder andere Frauen im Gemeindezentrum traf. Wie eine Blumenkette um den Hals, ein Kuss auf der Wange, harmlos. Doch ganz langsam, als die misshandelte Freundin ihm mehr über diesen Mann erzählt hatte, war die kalte Haut der Wut um seinen Hals enger geworden.

Sein Siedepunkt war nun erreicht. Die ganze Woche hatte er von Jonah geträumt, während er geduldig auf Freitag wartete. Er wusste, dass dieser Typ nach der Arbeit mit seinen Jungs saufen ging. Solche Nächte hatten meist mit Faustschlägen in Marcys Gesicht geendet.

Dieses Mal nicht, beschloss Brody.

Er hatte Jonah trinken lassen, bis er locker und sein Blick trüb war. Bevor er seine Rechnung bezahlen und wütend heimgehen konnte, um die Frau, die er angeblich liebte, mit Hieben zu strafen, würde Brody ihn umdrehen, die Sache geraderücken und ihn auf einen neuen Kurs schicken. Statt in seiner beschissenen Wohnung seinen Rausch auszuschlafen, nachdem er seiner sterbenden Freundin ein paar Ohrfeigen verpasste, würde Jonah im Krankenhaus liegen und viel Zeit haben, über die Abwärtsspirale seines Lebens nachzudenken, die ihn dorthin gebracht hatte.

»Sie ist krank«, sagte Brody.

Jonahs Augen verengten sich. »Du kennst meine Freundin?«

»Hast du gemerkt, dass sie drei Tage lang weg war? Sie war im Gemeindezentrum, schlief auf einer Pritsche, aß kalte Suppe. Wir haben uns getroffen und geredet.«

»Bist du 'n Sozialarbeiter? Kommst hierher und willst mir sagen, dass ich zu viel trinke und meine Freundin nicht schlagen soll, obwohl mir die Schlampe mit ihrer gottverdammten Medizin die Haare vom Kopf frisst?«

»Nein. Sie hat mich gebeten, dir das zu geben.« In einer schnellen Bewegung zog Brody seine Faust aus der Manteltasche, die Finger in einem flachen Stück Metall steckend, und donnerte sie in Jonahs Wange.

Dessen Kopf wurde zurückgeworfen und die Mütze fiel herunter. Der Mann war benommen, seine Reflexe vom Alkohol betäubt. Er machte einen Schritt nach vorn und schwang seine Rechte.

Brody duckte sich und griff Jonahs Ellbogen. Er nutzte den Moment, um ihn von seinen Freunden wegzubekommen. Gewiss war ihnen das nicht entgangen, aber keiner eilte zuhilfe. Sie hielten die Griffe ihrer Bierkrüge fest und starrten wortlos vor sich hin. Als die Leute auf der Tanzfläche die Prügelei bemerkten, stellten sie ihre Rotationen ein und traten zur Seite. Manche tanzten in sicherer Entfernung weiter, offenbar zu ergriffen vom Song, um zwei betrunkenen Idioten Aufmerksamkeit zu schenken. Andere gafften ungeniert. Ein paar handelten mit hektischen Handbewegungen Wetten aus. Ein Finger auf Brody, eine offene Hand für Fünfziger.

Brody machte mit seinem Gegner kurzen Prozess und landete mit dem Messingschlagring mühelos einige Treffer. Jonah schwang wild umher. Seine weiten Schläge zogen ihn nach vorn und er stolperte in die Richtung, in der er Brody gerade vermutete. Er fluchte, zischte und sabberte. Wahrscheinlich wusste er, dass er nicht gewinnen konnte. Doch irgendetwas trieb ihn an, vielleicht tiefe Verachtung. Dabei konnte er keinen einzigen Gegenschlag landen.

Brody gab ihm einen rechten Haken, direkt auf den Mund. Der Klang von Metall auf Zähnen musste für seine Freunde deutlich hörbar gewesen sein.

Jonah nahm die Wucht auf wie jeder andere. Schläge gegen die Wange, den Bauch oder die Brust taten definitiv weh, waren aber kein Grund aufzugeben. Doch gegen die Zähne? Das streckte jeden Mann nieder. Er bedeckte seinen stark blutenden Mund und begann zu husten. Der rosa Nebel wurde vom flackernden Stroboskoplicht erleuchtet und sah aus wie die Zeitlupe einer gut platzierten Scharfschützenkugel.

Brody wartete, während Jonah sich krümmte und Zähne auf den Boden spuckte. Die anderen Hafenarbeiter sahen bloß zu, stießen einander mit dem Ellbogen an und blickten missmutig drein. Da war ein Zwiespalt in ihren Augen, als überlegten sie, einzugreifen. Aber keiner entfernte sich von der Bar und den Getränken. Brody konnte an ihren alkoholgeröteten Gesichtern ablesen, dass Jonah ein Arschloch war und diese Abreibung keineswegs überraschend kam.

»Tu das nie wieder«, befahl Brody deutlich. »Okay?«

»Ja, okay, schon gut … nur … schlag mich nicht wieder, okay?«, nuschelte er.

Dieser Schikaneur hatte seine eigene Medizin zu kosten bekommen und wiederholte jetzt die Worte seiner Opfer. Brody hätte am liebsten weitergemacht, bis Jonah bloß ein wimmernder Haufen gebrochener Knochen war, der sich seinen Bauch und das Gesicht mit Händen hielt, die nicht wussten, wohin sie als Nächstes fassen sollten, da alles wehtat.

Doch als Jonah gekrümmt seine Knie umfasste und Blut spuckte, bemerkte Brody den gelösten Würgegriff der Schlange. Ihr Hunger war gestillt. Sie hatte sich langsam entknotet und mit dem letzten Schlag abgelassen. Nun fort, hinterließ sie Leere durch den Drang zu schlagen und zu verletzen. Sie wurde gefüllt von einem Gewissen, das von irgendwo aus der Tiefe rief. Er sollte aufhören, innehalten, nachdenken, widerstehen.

Marcy wollte, dass du Jonah das antust, was er ihr angetan hat, erinnerte es. Nicht, dass du den Hurensohn umbringst.

Brody lockerte seine Faust. »Also, sind wir uns einig?«

»Ja«, würgte Jonah hervor. »Ich werde es nie wieder tun. Fuck, ichschwöre es!«

»Wunderbar.« Brody zog den klebrigen Schlagring von seinen wunden Fingern.

Als er in Richtung Ausgang lief, gingen ihm die Gäste aus dem Weg. Er verließ die Bar und zündete sich eine Zigarette an. 01:59:59 konnte er in kleinen, roten Ziffern im Augenwinkel erkennen, während er auf die Flamme zwischen seinen gewölbten Händen sah. Er musste bald nach Hause.

Brody vernahm den Türsteher, der mit verschränkten Armen und hochgezogener Augenbraue in seinem Stuhl saß. Er griff nach dem Stück Metall in seiner Tasche und bot es dem stämmigen jungen Mann an. Der Schlagring war blutverschmiert. »Schätze, ich schulde Ihnen mein Verdienstabzeichen.«

Der Türsteher starrte auf das Objekt in Brodys Hand, machte aber keine Anstalten es zu nehmen. »Nein, danke«, sagte er und schob sein Handy in die Jackentasche. »Aber ich habe Ihnen eine Mitfahrgelegenheit besorgt.«

In dem Moment vermischte sich der Schein des Barvordachs mit roten und blauen Blinklichtern. Brody blieb mit den Händen in den Taschen stehen und sah den Streifenwagen die heruntergekommene Straße entlangfahren.

Das Polizeiauto parkte. Auf der Beifahrerseite stieg ein Mann aus. Detective Nathan Pierce trug einen Fedora und einen schiefergrauen Nadelstreifenanzug. Er blickte Brody nur kopfschüttelnd an.

»Boss?«, fragte der andere Officer.

»Hol uns ein paar Aussagen.«

Detective Pierce kam lässig angelaufen, während sein Kollege die Bar betrat, und sagte: »Brody Knuckleduster Calhoun.«

Als der Ordnungshüter seinen Namen nannte, schnippte der Türsteher mit den Fingern. »Das war's! Wusst' ich's doch.«

Nathan ignorierte das und nahm die Handschellen vom Gürtel. »Nun?«

Brody seufzte und ließ die Zigarette zwischen den Lippen hängen, als er seine Handgelenke mit den blutigen Handflächen nach vorn hob.

Kapitel 2

Nathan Pierce atmete tief durch, ehe er das Blatt las, das er im dicken Ordner fand. Er blieb stehen, während Brody am Tisch eines kleinen, überhellen Raumes saß.

»Bereit? Okay, hier sind wir also wieder. Broadwell Alexander Calhoun, wohnhaft in Minneapolis, Minnesota. Ihre Strafakte lautet wie folgt: Elf Belästigungsanklagen. Zwei missachtete Unterlassungsurteile. Zehn unabhängige Beschwerden wegen böswilliger Androhungen. Siebzehn Körperverletzungsdelikte, alle begangen mit tödlichen Waffen, diesen gottverdammten Messingschlagringen, die wir jedes Mal bei Ihnen fanden«, sagte er. »Und noch ein paar weitere Vergehen, wie beispielsweise einen Mann in einen Postsammelkasten zu stecken. Ein anderer erzählte, Sie hätten jemanden während seiner Arbeit in Tofu Pagoda in die Brust geschlagen. Gebrochene Nasen, gebrochene Arme. Einmal haben Sie einem Mann beide Hände gebrochen …«, erzählte er immer weiter und weiter.

Brody hörte wortlos zu. Er konnte die Anschuldigungen und früheren Vergehen, für die er verurteilt worden war, ohnehin nicht widerlegen. Jedes Mal, wenn die Polizei zu irgendeinem Treffpunkt fuhr, an dem er diesen Kerlen ihre wohlverdiente Strafe verpasst hatte, ließ er sich widerstandslos verhaften. Er nahm die klassische Pose ein: Still die Handgelenke nach vorn, bereit für die Handschellen.

Jeder Aushilfscop konnte seine ID-Karte scannen und die geordnete Liste seiner Verfehlungen sehen. Aber sein Ruf eilte ihm voraus. Alle wussten, was es bedeutete, wenn Brody KnuckledusterCalhoun kam. Auch wenn sie dadurch selbst Teil des stadtweiten Problems der Teilnahmslosigkeit wurden, so wussten sie, dass sie ihn besser tun ließen, was er tat. Er war ein unerschütterliches Nein in der Norm widerwilliger Zustimmung. Anders als viele in der augenabgewandten Masse, blickte er standhaft in den leeren Abgrund, den sich die Menschheit gegraben hatte. Ihr starrender Wettstreit blieb ein unumstößlicher Patt.

Nathan warf den Ordner auf den Tisch. Der Inhalt rutschte vor Brody heraus – die Akten und alten Polizeifotos, auf denen er noch einen Bart trug. Der eng geschriebene, gebündelte Text, die Berichte, die Aussagen der Officers, die als Erste am Tatort gewesen waren und ihre Beobachtungen der Geschehnisse schilderten. Worte wie gewalttätigund kooperativ tauchten mehrfach auf, obwohl sie nicht zusammenpassten.

Eine der Seiten beinhaltete die vielen Sozialstunden, die er abgeleistet hatte. Brody war sich sicher, dass sie nie Beachtung fanden. Die Vergehen taugten eher zum Hofieren und Angaffen. Cops mochten keine Straftäter, die Wiedergutmachung leisteten, sondern bevorzugten jene, die davonliefen. Sie waren die fieberhaften Bluthunde der Stadt. Ihnen ging es nur um Verfolgungsjagden, auch wenn ihre Beschränkungen sie von mehr als einer höflichen Befragung in einem kleinen, fensterlosen Raum abhielten.

»Also, was halten Sie davon? Ich freue mich, Ihnen mitzuteilen, dass es bald ein paar Gesetzesänderungen gibt. Dann können wir endlich mit diesem verdammten Rumgeeiere aufhören, Sie in eine Box sperren, den Schlüssel wegwerfen und sayonara sagen. Wenn so etwas ab dem ersten Januar noch mal passiert, könnten wir das tun, wenn wir wollten«, sagte er in einem Atemzug, strich über seine grauen Schläfen und brachte sein Haar dabei leicht durcheinander. »Aber bis dahin … wie auch immer. Wir reden über heute Nacht, nicht wahr? Heute. Nummer achtzehn. Achtzehn für Sie in der Kategorie ›Männern-das-Gesicht-brechen‹, da man es nicht mehr Angriff nennen kann. Chiffon wird nicht erfreut sein.«

Brody schwieg, bekannt dafür, kein Wort zu sagen und schließlich seine Strafe zu akzeptieren, was sowieso nicht Sache der Cops war. Die Sozialarbeiter und der Bewährungsausschuss würden ihn am liebsten hinter Gittern behalten. Aber solange die Männer, die er besuchte, noch einen Puls hatten, mussten sie ihn gehen lassen und ihm sogar seine Messingschlagringe aushändigen. Denn persönliches Eigentum durfte nicht beschlagnahmt werden, wenn er die Rechnung aus der Tabakladen-Schlitzer-Faustkampf-Accessoire-Boutique vorweisen konnte. Und das konnte er.

Sowohl Brody als auch der Detective wussten, dass ihn selbst die laschen Richter mochten. Sie sahen in ihm keinen Ordnungshüter, sondern einen menschlichen Coupon. Auf monatlicher Basis tat er, was den Cops verwehrt blieb, bezahlt von der Regierung. So wurde auf Umwegen der Gerechtigkeit genüge getan. Den kleinen Bonus gab's für sie obendrauf. Die Anzahl misshandelter Frauen in der Notaufnahme hatte sich halbiert, seit Brody dieses praktische Schlupfloch entdeckt und im Gemeindezentrum seinen Job als temporärer Arbeitgeber begonnen hatte.

»Ich sag Ihnen mal was. Nicht nur Sie müssen sich ordentlich was anhören, wenn Sie diesen Mist bauen. Ich muss mir das nämlich auchanhören. Und nur, um mir Chiffon vom Arsch zu halten und es aussehen zu lassen, als versuchte ich etwas mit Ihnen, habe ich sie gebeten ihren monatlichen Besuch auf Freitag zu verlegen. Sie wird wissen, was mit Ihnen zu tun ist und wie viele Stunden es noch braucht, bis endlich die Botschaft bei Ihnen ankommt, mit dieser Scheiße aufzuhören.«

Brody dachte an seine Bewährungshelferin. Ihr beengtes kleines Büro, die ständige Gospelmusik. Die antike Süßigkeitenschale in der Ecke des Schreibtischs, die zwar zum Naschen einlud, aber nicht für ihre ›Kunden‹ gedacht war, sondern eher als Symbol der Selbstbeherrschung diente. Was würde sie wohl über Nummer achtzehn sagen? Einige weitere hundert Stunden Böden wischen? Oder schickte sie ihn mit ihrer überstrapazierten Geduld ein paar Monate in die Strafanstalt von Minneapolis, damit er eine neue Perspektive gewann, wie sie es immer androhte?

Im linken Augenwinkel erkannte Brody flüchtig 00:59:59 grellrot aufleuchten. In einer Stunde bräuchten seine Linsen eine neue Ladung. Dies drängte Brody, das Gespräch schnell zu beenden. Er räusperte sich und sprach das erste Mal, seit ihm die Handschellen angelegt worden waren. »Ich habe nichts zu sagen. Sie haben mich. Ich sitze hier freiwillig und mache Ihnen keinen Ärger. Ich habe nur getan, was ich für richtig …«

»Ja, ein edler Ritter sind Sie.« Nathan sammelte die Akte zusammen und klopfte das Ende gegen den Edelstahltisch, um die Seiten zu begradigen. Er nahm die Schlüssel aus seiner Westentasche, signalisierte Brody, die Arme zu heben, schloss die Handschellen auf und klaubte sie mit metallischem Geklapper vom Tisch. »Sie können sich nicht ewig hinter diesem Ehebrecher-Schlupfloch verstecken. Irgendwann werden wir Sie für biologische Beweise scannen müssen, um zu sehen, ob Sie diese Frauen tatsächlich gevögelt haben.«

»Vielleicht im Januar«, murmelte Brody herausfordernd.

Der Detective ignorierte den Kommentar, steckte die Handschellen ein und starrte ihn an. »Schon komisch, wie Sie behaupten, mit all den Frauen eine Beziehung zu führen, aber wenn wir Sie durchs Suchgerät schicken, kommen Sie immer sauber raus. Man sollte meinen, Sie hätten sich längst was eingefangen, seit Sie Ihre Treffen im Gemeindezentrum abhalten, der letzte Ort, an dem ich eine saubere Frau vermuten würde. Und Sie sagen mir immer, Sie hätten absolut keine Ahnung, dass Ihre neuen Freundinnen von ihren Ehemännern und Freunden geschlagen werden.«

Brody zwinkerte. »Es passiert einfach.«

Nathan verkniff sich grummelnd, was er als Nächstes sagen wollte, und beließ es dabei. »Ich weiß, dass Sie schon eine ganze Sammlung davon haben, aber ich gebe Ihnen noch eine, nur zum Spaß.« Er nahm seine Visitenkarte und schnippte sie auf den Tisch. »Wenn Sie das nächste Mal ein armes Mädchen bittet, einzuschreiten, sagen Sie ihr, sie kann mich anrufen. Überlassen Sie das den bezahlten Fachleuten, Prinz Eisenherz. Und jetzt verpissen Sie sich.«

Zurück im Bearbeitungsbereich ging Brody an einer Gruppe Huren und einer Schar lederbekleideter Buckliger vorbei, Schulter an Schulter an die Bank gekettet, sortiert nach ihren vermuteten Geschlechtern. Er ging an den Schalter, um seine Habseligkeiten abzuholen.

Der uniformierte Cop auf der anderen Seite der kugelsicheren Scheibe beendete sein Telefonat, nahm einen Schluck Kaffee und fragte Brody schließlich durch die Sprechanlage nach seinem vollständigen Namen.

Als der Cop die Sachen präsentierte und in die Metallschublade fallen ließ, zählte er auf: »Brieftasche: schwarzes Leder, silberne Kette. Inhalt: Führerschein, abgelaufene Militär-ID, ID-Geld- und Privatkontokarte, Mega-Deluxo-Megasparkarte, ebenfalls abgelaufen. Ein Butan-Feuerzeug. Sieh sich einer diese Antiquität an: ein Mobiltelefon. Eine Schachtel Zigaretten ausländischer Marke. Ein Kontaktlinsenbehälter … was hängt denn da dran?«

»Das Ladegerät«, antwortete Brody ungeduldig. Er wollte nach Hause.

»Warum zur Hölle brauchen Kontaktlinsen ein Ladegerät?«

Brody wackelte mit einem Finger neben seinem rechten Auge. »Carotin-Linsen.«

Ein bisschen schneller, wenn ich bitten darf.

»Alles klar, eine Carobin … Caritin … was auch immer. Ein Kontaktlinsenbehälter. Und ein paar Schlagringe, schwarz.« Der schwerste der Gegenstände fiel mit ungeheurem Lärm in die Schublade.

Einer der Männer hinter Brody, der von Kopf bis Fuß in einem glänzenden Lederoutfit steckte, öffnete den Reißverschluss vor seinem Mund. »Hey, Mann, das ist Bevorzugung. Bekomme ich etwa meine Peitsche wieder? Wohl kaum. Das ist Bullshit. Hören Sie mich? Das istBullshit!«

Der Beamte ignorierte die Proteste des Masochisten und knallte die Schublade unter die Trennwand. »Beschwerden über die Behandlung während Ihres Aufenthalts können Sie über unsere Webseite einreichen. Bitte denken Sie daran, dass eine Freilassung durch das St. Paul Police Department Sie nicht dazu ermutigt, das Gesetz in irgendeiner Weise zu brechen. Ihr spezieller Fall wurde zufriedenstellend geprüft, um Sie in die allgemeine Bevölkerung unter der Bedingung entlassen zu können, dass Sie fortan Ihr Bestmögliches versuchen, im Staate Minnesota keine weiteren Probleme zu verursachen oder Gesetze zu brechen. Durch das Passieren der Vordertüren stimmen Sie diesen Bedingungen zu. Danke und haben Sie noch einen schönen Tag.«

Außerhalb des Geländes, zwischen einer Reihe parkender Streifenwagen und dem Nachtverkehr, entdeckte Brody nahe eines Telefonmastes Marcy, eine Zigarette mit einem Schauder rauchend, der jeden Zentimeter ihrer kleinen, schlanken Gestalt erzitterte.

Sie begegneten sich in der Mitte des Gehwegs. Im schwachen Licht des Eingangsbereiches erschien Marcys Gesicht noch zugerichteter und geschwollener als in seiner Erinnerung. Beim ersten Treffen hatte sie frische Verletzungen getragen, aber nun, nach einer Woche Heilung, sah es irgendwie noch schlimmer aus. Eine tintenfarbene Grube verschluckte ihr gesamtes rechtes Auge, da die Haut ihrer Braue den zutagetretenden, grün-lilafarbenen Knoten nicht halten konnte. Er achtete darauf, dass Marcy seine Blicke darauf nicht bemerkte.

»Hey«, sagte sie leise und strich eine ihrer bunten Dreadlocks hinter das piercingüberladene Ohr. Sie sah ihn entschuldigend an, als sie seine geröteten Knöchel und Handgelenke bemerkte. »Ich hoffe, du bist nicht in zu große Schwierigkeiten geraten.«

»Schon okay.«

Nun folgte dieser schrecklich peinliche Moment. Der Job war getan, alles war erledigt, bis auf das kleine Detail mit der Bezahlung. Kerle für Frauen verprügeln, die er im Gemeindezentrum traf, war eine Sache. Er hatte sie aufgespürt und ihnen mit gewisser Begeisterung gegeben, was sie verdienten. Aber hinterher über Geld zu sprechen, nahm den Wind aus seinen Heldensegeln.

Ein Mann muss essen, erinnerte er sich.

Und die Batterien für die Linsen waren auch nicht gerade billig.

»Also, was haben wir ausgemacht … fünfzig?«, fragte sie, ihren Rechner im Taschenformat herausholend.

Brody nahm seine ID-Karte aus der Brieftasche und spürte, wie sich sein Magen verknotete. Es fühlte sich falsch an, doch gleichzeitig glich die Aussicht auf Geld einem Heroinschuss. Es war jedem stets willkommen, ganz egal, wo es herkam oder was jemand zu empfinden vorgab.

Er sah die Tabellen auf ihrem Touchscreen und beobachtete, wie ihre Finger, behangen mit kitschigem Modeschmuck, auf die Tasten drückten und das Menü rauf- und runterscrollten.

Als sie fertig war, blickte Marcy mit einem breiten, unnatürlich schiefen Lächeln auf, als wollte die traurigere linke Seite die rechte herunterziehen. Es tat ihr sicher weh, hielt sie aber nicht davon ab. »Ich habe dir sechzig gegeben.«

»Das hättest du nicht tun müssen«, meinte er und nahm die Karte sanft von ihrer Hand.

»Nein, ist okay. Ich habe heute meinen Lohn bekommen, und ohne Jonah zu leben, erspart mir einen Großteil der Lebensmittelkosten.« Sie lächelte wieder. »Du verdienst es für das, was du heute Nacht getan hast. Ich meine, Gewalt erzeugt Gegengewalt, richtig? Ich denke, es ist besser so. Mit wem auch immer Jonah das nächste Mal zusammenzieht, er wird es sich bestimmt zweimal überlegen, ob er wieder stockbesoffen und angepisst nach Hause kommt.«

»Wie laufen die Behandlungen?«

»Gut«, sagte sie mit spürbar neuem Auftrieb und steckte den Rechner zurück in ihre Handtasche. »Noch ein paar Sitzungen und ich bin durch. Sie mussten ein großes Stück meiner Bauchspeicheldrüse entfernen, aber ich glaube, sie haben jetzt alles. Also, ja, es läuft gut.« Sie klang dennoch zweifelnd.

Bevor Brody wusste, was geschah, trat Marcy einen Schritt vor und schlang fest ihre Arme um ihn. Sie drückte ihr Gesicht an seine Brust, die rauen Dreadlocks kitzelten sein Kinn. Ihre Wärme, sprichwörtlich und körperlich, überraschte ihn.

»Vielen, vielen Dank«, sagte sie. »Ich weiß, dass es schlecht ist, jemanden verletzen zu wollen, aber ich glaube, er hätte es sonst nie verstanden. Mir geht es besser und schlechter zugleich. Ergibt das einen Sinn?« Sie weinte. Nässe durchdrang sein Hemd und berührte ihn kühl in der Novemberluft.

Marcy löste sich von ihm und wirkte für einen Moment verlegen. Mit dem Handrücken wischte sie vorsichtig über ihr geschwollenes Auge. Sie sah ihn nicht an, stand nur da, scheinbar unsicher, was als Nächstes kam.

Aus Erfahrung ahnte Brody, dass Marcy den Wunsch verspürte, ihre Freundschaft zu vertiefen, ihn um ein gemeinsames Mittagessen zu bitten oder dergleichen. Immerhin hatten sie das Ehebrecher-Schlupfloch genutzt. Warum ihr also nicht den Gefallen tun und es offiziell machen? Doch er wusste, der Blick in ihre Augen würde ihn stets an Jonah erinnern, obwohl sie grundverschiedene Männer waren. Wie ein Lesezeichen markierte es auf ewig das schreckliche Kapitel ihres Lebens. Es könnten gute Zeiten vor ihnen liegen. Großartige sogar. Aber jedes Mal, wenn sie über die Geschichte ihres Kennenlernens gefragt würden oder selbst während ihrer Beziehung darüber reflektierten, bliebe es ein Schandfleck inmitten umgebender Schönheit. Brody entschied stattdessen, die Transaktion mit dem üblichen Satz zu beenden. »Pass auf dich auf.«

»Ja, du auch. Und danke noch mal.«

»Keine Ursache«, sagte er und drehte sich in Richtung der Stadtbahnhaltestelle um.

Als er in der Nähe seiner Wohnung aus der Bahn stieg, bog er um ein paar Ecken und spazierte durch die kalten Straßen von St. Paul. Er überquerte die Brücke nach Minneapolis und betrat die erste noch geöffnete Bodega, die ihm begegnete.

Die roten Ziffern auf seinen Linsen erinnerten ihn daran, dass ihm nur mehr zwanzig Minuten blieben, ehe er hilflos erblindete. Mit fehlender Sicht durch die Stadt zu navigieren, war unmöglich, und ein eingesetztes Sonar ohne ausreichend Schlaf, würde sein ermüdeter Geist mit Migräne bestrafen.

Er fand die richtigen Batterien am hinteren Ende des Ladens zwischen einer bunten Mischung anderer Elektronikartikel. Es waren zwei herkömmliche AA-Batterien, geschützt durch eine lange Sicherheitshalterung, zu breit für die Taschen eines Diebes. Er brachte sie zur Theke, und mit einem schnellen Wisch wurden ihm fünfzig der sechzig Credits wieder abgezogen, die er wenige Minuten zuvor erhalten hatte.

»Gute Nacht noch, oder eher Morgen, nehme ich an«, sagte der Verkäufer, auf die Uhr an der Wand schauend.

Wieder draußen, schaffte er es zur Vordertür seines Wohnblocks, ehe die letzten zehn Minuten seiner Linsen abzulaufen begannen.

Brodys Wohnung gegenüber des Fahrstuhls, die wegen der Betonverkleidung an eine Höhle erinnerte, war ein gänzlich undekorierter Raum. Fenster entlang einer Seite spendeten morgens ausreichend Licht. In einer Ecke standen ein Fernseher, eine schwarze Kunstledercouch und ein Tisch; in der Kochnische daneben Schränke ohne Türen mit einer mageren Sammlung Teller und Gläser in der Auslage, sauber und geordnet. Ein schäbiger Papiervorhang, den er auf einem Flohmarkt gekauft und mit Klebeband an der Decke befestigt hatte, trennte das Schlafzimmer von den übrigen Räumen. Es beinhaltete eine in die Ecke geworfene Matratze und einen als Mülleimer missbrauchten Nachttisch.

Brody hatte keine Lust fernzusehen oder seinen Anrufbeantworter abzuhören. Er wusste ihn ebenso leer wie den Briefkasten unten, denn er bekam nie etwas, bis auf eine monatliche Entschädigungszahlung von der Regierung mit einer netten, unpersönlichen Entschuldigung der Army auf gelbem Papier und einem beigefügten Scheck, den er nur allzu gern einlöste.

Den letzten hatte er allerdings schon ausgegeben und noch zwei Wochen bis zum Nächsten vor sich. Er dachte an die zehn verbliebenen Credits auf seinem Bankkonto. Zehn Credits. Er begann gedanklich Listen von Dingen anzufertigen, die er davon kaufen könnte, ähnlich einer geplanten Ein-Dollar-Menü-Bestellung in einem Schnellimbiss. Klopapier gehörte zur Grundausstattung wie der Softdrink beim Fast Food. Weitere grundlegende Dinge bildeten natürlich Lebensmittel, Zigaretten und Waschseife. Farbe war unwesentlich, fand aber dennoch den Weg auf seine Liste. Ein paar Flaschen Schwarz und Grau wären schön. Momentan mischte er aus den vorhandenen Farben sein eigenes Schwarz, das nach dem Trocknen wie Kobalt aussah. Das erinnerte ihn an ein frisches Gemälde draußen, links des Balkons.

Er ging zu den Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten, und öffnete sie, um frische Luft hereinzulassen. Die stickige Feuchtigkeit des Trockners, den er während seiner Abwesenheit hatte laufen lassen, beschlug jede Scheibe des Lofts.

Vom Balkon aus blickte er auf die Innenstadt von Minneapolis. Ein paar Monate, nachdem er den Mietvertrag unterschrieben hatte, war die Stadtbahn erweitert worden. Sie verlief nun direkt vor seinem Fenster und verdeckte einen Großteil der Aussicht.

Ein Trio Magnetschwebewaggons glitt lautlos über die erhöhte Fahrbahn. Nur in Kurven und Biegungen kreischte das Metall. Brody schnippte seine Zigarette über das Geländer und sah zu, wie sie langsam herunter auf den Asphalt fiel. Ein Hauch Glut stob empor und wurde von der leichten Brise fortgetragen.

Mit dem noch klebrigen Gemälde in der Hand, ging er wieder rein, bereitete sich eine Tasse grünen Tee und sank neben den offenen Fenstern auf die Couch. Brody verspürte den Wunsch nach einer anderen Sorte Lärm und befahl dem Fernseher, einen klassischen Musiksender zu suchen.

Dann entspannte er ein wenig auf dem angenehm kühlenden Kunstleder. Das Gemälde hereinzuholen und Tee zu machen, war eine automatisierte Routine, die er gedankenlos erledigte. Sein Puls blieb beschleunigt, sein Geist mit den nächtlichen Aktivitäten beschäftigt.

Er beschloss, die letzten Minuten seines Sehvermögens zu nutzen, um die über Jonah Billingsly gesammelten Dokumente auf seinem veralteten Mobiltelefon zu löschen. Das half ihm meist, mit einem verrichteten Job abzuschließen. Brody war kein Polizist, er durfte keine Ermittlungsaufträge auf seinem Handy haben, doch er hatte eigene angefertigt, die fast genauso gut, aber illegal waren. Jonah bekam, was er verdiente, und Brody konnte seine Hausaufgaben zu dem Mann nun im Vertrauen löschen, dass er den Typen nie wieder würde ausfindig machen müssen. Er wusste, seine präzise Art der Gerechtigkeit bedurfte selten einer Wiederholung.

Während der Einführung der Teilnehmer in der Wiederholung der Sendung Prize Mountain, döste Brody allmählich ein. Die blinkende Anzeige in seinem rechten Augenwinkel zeigte 00:00:59 und riss ihn sogleich aus dem eintretenden Schlummer. Die letzte Minute seiner Linsen nutzte er, um den Fernseher auszuschalten, eine Flasche mit Wasser zu füllen und ins Badezimmer zu trotten, dem einzigen Raum mit einer Tür und eigenen Wänden. Er näherte sich dem Spiegel.

00:00:32. Jonah hatte ihn tatsächlich erwischt. An seinem Jochbein waren drei winzige Kratzer, wahrscheinlich von einem Reißverschluss oder einem Ring. Er betupfte sie mit Salbe.

00:00:15. Er beugte sich über das Waschbecken, öffnete die Lider weit mit seinen Fingern und fischte mit der anderen Hand die Membran von der Oberfläche seines Auges. In den verbleibenden Sekunden, bevor das sichtspendende Carotinkonzentrat nachließ und die Welt vor ihm verschwand, starrte er sein Spiegelbild an. Gleich hätte sein Körper die künstlichen Vitamine aus den Linsen abgebaut und sein Augenlicht würde in die Finsternis entgleiten.

Brody sah jemanden, der ihm so vertraut wie fremd erschien. Er sah sein Alter, seine Narben. Mit jedem müden Blinzeln wichen die orangefarbenen Verfärbungen im Weiß seiner Augen blutunterlaufener Abgekämpftheit. Danach verschwanden sie allmählich im Dunkel. Natürlich hatte er seine Blindheit nie gesehen, aber in einer betrunkenen Nacht voll Selbstmitleid ein Foto gemacht, um zu schauen, wie ein blinder Mann aussah und ob er den Blitz erkennen könnte. Am nächsten Morgen hatte er die Linsen wieder eingesetzt und das Bild betrachtet. Es zeigte statt brauner Iriden nur zwei weiße Scheiben, ähnlich der Augen einer unfertigen Puppe.

Das Ladegerät der Linsen klickte unter den neu eingelegten Batterien und bestrahlte sie mit starkem UV-Licht. Es half, sie zu desinfizieren und die mikroskopischen Carotinkraftwerke wiederherzustellen, aus der die Membran bestand.

Mit Schatten begann seine Sehkraft zu schwinden. Er hörte über das Summen der Leuchtstoffröhren hinweg drei lange Töne, die den Beginn des Aufladens signalisierten, und sah auf zwei Schalen hinab, die in Blindenschrift mit L und R gekennzeichnet waren. Die Ladeanzeige blinkte einen Moment, bevor Schwärze den verbliebenen Teil seiner Sicht verschlang, wie bei einer sich schließenden Blende.

Brody tastete nach dem Sonarbehälter, doch er lag nicht an seinem gewohnten Platz. Er überprüfte die Regale des Medizinschranks. Nichts. Brody fluchte und drehte sich um. Nun vollends in Blindheit gehüllt, streckte er seine Hände zur Badezimmerwand aus. Klatschend und greifend führten sie ihn hinaus. Der frankensteinartige Gang musste aussehen wie die grausamen Pantomimen eines Blinden.

Seine Knie stießen an die Matratze. Er ließ sich auf sie fallen und suchte mit den Fingern den kalten Betonboden nach dem Sonar ab. Auch nichts. Er stand wieder auf und ging vorsichtig durch den Raum in den Wohnbereich; dann um die Couch zum Tisch. Wieder nichts.

Brody folgte dem leitenden Summen des Kühlschranks zur Küchentheke. Es ärgerte ihn, das Gerät nicht zurückgelegt oder zur Hand genommen zu haben, bevor er die Linsen auflud.

Nachdem er die ganze Wohnung abgesucht hatte, fand er das Sonar dort, wo er mit seiner Suche hätte beginnen sollen: in seiner Manteltasche. Er öffnete die Hülle mit dem Durchmesser einer Getränkedose, nahm das münzgroße, fast fleischfarbene Gerät heraus und drückte es mit der ewig klebenden Unterseite an die Stirn. Dann schaltete er es an und die Welt kehrte wieder, wenn auch anders.

Das Gerät sendete mit einem Ping Sonarwellen im Ultraschallbereich aus. Sie stimulierten die zerstörten Sehnerven und das Gehirn, das daraus einen geistig erfassbaren Strom verschwommener Umrisse und grober Details formte. Doch Farben, nützlich, um beispielsweise das Herrenklo zu finden, konnte das Echolot nicht illustrieren. Alles war lediglich ein Meer fluktuierender Pixel und Polygone, vereinfacht zu Grundelementen und klobigen Formen, besonders aus der Entfernung. Je näher er einem Objekt kam, desto detaillierter erschien es. Die Kurven einer üppigen Frau wurden zu einer kastenförmigen, schlecht gerenderten und insgesamt langweiligen Darstellung dessen, was er eigentlich vor sich hatte. Zeit zum Fokussieren, ein klarer Verstand, vielleicht etwas Alkohol, und die Details würden schärfer und Gesichter deutlicher aussehen wie … Gesichter.

Brody ging zu den offenen Fenstern und schloss eines nach dem anderen. Das Sonar sendete einen Ping, als das letzte halb zu war. Er konnte die Stadt hinter dem Balkon sehen. Die groben Formen verwandelten die versammelten Fahrzeuge an der Kreuzung in Seifenkistenrennwagen. Gebäude glichen riesigen Würfeln in einem Muster entlang der Straße. Strukturen, wie der brüchige Asphalt oder die stickerbeklebten Telefonmasten, wurden zu einfachsten, dreidimensionalen Formen geebnet. Zettel konnten nicht gelesen werden, es sei denn ihr Aufdruck wäre in Blindenschrift geprägt. Noch kleinere Objekte, wie die Fruchtfliegen, die immer einen Weg in die Wohnung fanden, waren winzige, huschende Bewegungssignaturen, die das Sonar aufnahm und für Brody zu schwebenden Pixeln codierte. Alles war ein einziges, lebensgroßes Netzgitter-Diorama.

Er schaltete das Sonar aus, ehe sein Gehirn vollends ermüdete. Wie ein Kind, das seinen Kaugummi für den nächsten Tag aufsparte, klebte er es an die Wand und legte sich auf die nackte Matratze, um zu schlafen, was ihm kaum gelang.

Brody blinzelte in der Dunkelheit seiner zerstörten Augen und lauschte den Klängen der Stadt durch die geschlossenen Fenster, die sie nie ganz aussperren konnten. Das ständige Rauschen der Autobahn, das Quietschen der Stadtbahn, die Heizkörper der Nachbarwohnungen, das Surren der Luftfiltersysteme an jeder Ecke der Straße. Er horchte nach dem Geräusch, das ihm am nächsten war: Gegen Glas stoßende Exoskelette von Käfern in ihren vergeblichen Versuchen das wärmende Innere der versehentlich angelassenen Lampen zu erreichen. Er würde am nächsten Morgen aufwachen und sehen, dass sie die ganze Nacht gebrannt hatten und den weiteren Stapel Credits auf seiner Stromrechnung verfluchen, die er nicht bezahlen konnte.

Er musste wohl eine weitere Auftraggeberin unter den Frauen im Gemeindezentrum suchen, die nirgends anders hingehen und mit niemandem reden konnte, und die Brodys Namen, Beinamen und das alles kannte. Ein weiterer Faustwurf, ein weiterer Credit-Transfer, ein weiterer Tag im Kalender markiert, an dem er genau das tat, was er nicht tun wollte, zu dem er sich aber gezwungen fühlte.

Kapitel 3

Es war Samstag, der einzige Tag in Brodys ruheloser Woche, der nicht für das Lungern in Bars und Klubs, sondern dem Malen vorbehalten war. Er nahm die Staffelei aus der Ecke und stellte sie vor der Fensterfront auf.

Das Gemälde, an dem er arbeitete, war eine Mischung aus Acryl- und Ölfarben und zeigte eine Momentaufnahme der Stadt hinter seinen Fenstern: wehende, rote Vorhänge im Vordergrund, die Metropole bei Tageslicht im Hintergrund. Ein seltener Anblick für ihn. Sobald es fertig würde, wollte er es in die Wohnung hängen, sein einziges Stück Dekor. Alle seine früheren Malversuche verschwanden unter der neuen Farbschicht. Bei diesem hier hatte er aber ein gutes Gefühl. Dank der aufgeladenen Linsen konnte er wieder sehen. Das Bild erinnerte ihn nicht nur an seine künstlerische Ader, sondern ebenso an die Tatsache, dass die Twin Cities auch am Tage existierten.

In verschlissener Jeans und einem T-Shirt malte er knapp zwei Stunden, bevor der Hunger seine Hände schüttelte. Er machte einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk, um es mit der Realität dahinter zu vergleichen. Es sah gut aus. Er bemerkte ein paar rote und schwarze Kleckse auf dem Boden, aber er hatte den Mietvertrag für die kommenden zwei Jahre unterschrieben, also blieb genügend Zeit, sie wegzuschrubben.

Sein Mittagessen bestand aus einem Salat mit thunfischaromatisierten Sojabällchen und hydroponischen Cocktailzwiebeln, der Beweis, dass sich der Inhalt seiner Speisekammer leerte. Während er aß, stand er vor der Leinwand. In wenigen Minuten würden sich die Lichtstimmungen angleichen und dann könnte er es sehen: seine gemalte Ansicht der Stadt bei Tag.

09:59:59 blinkte es in diesem schrecklichen Signalrot auf, das nur eine Maschine produzieren konnte. Mehr gaben die neuen Batterien offenbar nicht her. Er seufzte und ging ins Bad, um die Linsen zu entfernen, da er den letzten Rest Ladung aufsparen wollte. Er schaltete sein Sonar an und drückte es gegen die Stirn.

Beim Verlassen des Badezimmers blickte er auf die Staffelei. Nur ein flaches, farbloses Quadrat. Es hätte auch eine nasse, schwarze Leinwand sein können. Er schaltete das Sonar aus und entschied, in völliger Dunkelheit durch die Wohnung zu navigieren. Er roch Farbe und falschen Thunfisch und hörte sein Handy klingeln. Ein Fall wäre schön, eine Frau, die ihn am anderen Ende anflehte, etwas gegen ihren furchtbaren Ehemann zu tun. Er wünschte niemandem etwas Schlechtes, doch er musste tun, was getan werden musste, wenn sein Gemälde fertig werden sollte.

In der wochenlangen Einsamkeit seiner Wohnung hatte Brody oft über einen ehrlichen Bürojob nachgedacht, damit er sich so viele Batterien leisten konnte, wie er wollte. Doch es ging ihm besser als freiberuflicher Problemlöser. Es erschien ihm passend für einen Kriegsveteranen mit erstaunlich kurzer Sicherung. Aber je länger er in der Stille der Wohnung mit seinen Erinnerungen an die weinenden Frauen aus dem Gemeindezentrum und ihren aufgequollenen Gesichtern war, desto erdrückter fühlte er sich, wie in den Händen eines erbarmungslosen Riesen.

Er konnte zwei Tage in der Isolation verbringen. Nicht mehr. Dann musste er raus, leistete seine Bewährungsstunden im Gemeindezentrum ab und traf dabei wieder eine Frau, die seine Hilfe benötigte. Anschließend war er unterwegs, mit einer anderen Schlange um den Hals, deren Würgegriff sein Leben zu einem Tunnelblick verengte. Dieses Mal ging es schneller. Zwar hatte er sich erst die Nacht zuvor um Jonah gekümmert, aber er spürte bereits diese Ablenkung, diese Enge.

Im Badezimmerschrank unter dem Waschbecken kramte Brody durch einen Schuhkarton mit alten Batterien für das Linsenladegerät. Er schüttelte eine nach der anderen und horchte nach den Säulenzylindern. Schwappten sie in der alkalischen Flüssigkeit, waren sie noch gut. Blieben sie fest, bedeutete das: trocken und verbraucht. Er fand schließlich eine mit halb geronnener Flüssigkeit, setzte sie in die Unterseite des Gehäuses und schaute, ob das Licht aufblinkte. Ach ja, richtig. Blind. Seltsam wie leicht er das vergaß.

Mit dem Sonar auf der Stirn ging er zurück und reinigte die Staffelei. Er stellte das Gemälde in die Ecke neben das Fenster, damit es in der Nachmittagssonne trocknen konnte. Er nahm eine Zigarette und beschloss, die Linsen einzusetzen, ohne zu wissen, ob sie eine ausreichende Ladung abbekommen hatten. Als er den Zeigefinger vom Auge nahm, sprang die Anzeige nach oben. 10:59:59. Elf Stunden. Nicht mal ein halber Tag.

Er seufzte. »Besser als nichts.«

Brody ging durch den Vordereingang des Gemeindezentrums. Es war fast leer. Nur ein einsamer, älterer Herr spielte auf beiden Seiten eines Kickers. Brody näherte sich dem Betonglas und klopfte.

Samantha, die rüstige Angestellte, die ihn immer an den Wochenenden für seine Gemeindearbeit eintrug, sah vom Rechner in ihrer Hand auf. Sie lächelte und schob die Trennwand beiseite. Ein pudriger, saurer Schwall Chanel No. 5 wehte ihm entgegen.

»Guten Morgen, Hübscher. Was verschafft mir das Vergnügen?«

»Dachte, ich schlendere mal vorbei und leiste ein paar Stunden ab.«

»Mal sehen, was ich für Sie habe.« Samantha legte das Gerät mit dem angefangenen Kreuzworträtsel beiseite und griff nach der ausgedruckten Liste mit den Aufgaben.

Brody bemerkte, wie neu und glänzend der Rechner war. Nicht wie sein Handy mit dem gebrochenen Display und den abgeriebenen Tasten. Er musste fragen. »Haben Sie einen neuen Ordi bekommen?«

»Wie bitte?« Samantha schaute mit dolchartigem Blick über ihre dicke Halbbrille. Korrektive Chirurgie wurde immer billiger, aber sie trug nach wie vor eine Lesehilfe.

»Ordi. Ordinateur«, erklärte Brody zu ihrer Verwirrung. »Äh, Minicomputer? Neumodischer Abakus?«

Samantha schaute zum Hand-Rechner auf dem Tresen. »Oh, dieses Ding? Pete hat es mir zum Geburtstag geschenkt.« Sie blätterte zur nächsten Seite im Klemmbrett.

Brody sah, dass die meisten einfachen Arbeiten, wie Staubwischen oder Wetterschutz an die Fenster anbringen, bereits von anderen erledigt worden waren, von denen er aber noch keinen hier je gesehen hatte.

»Alles, was ich mit dem verdammten Ding machen kann, sind Anrufe und Kreuzworträtsel. Aber was braucht man in meinem Alter auch anderes? Wie haben Sie es genannt?«

»Ordinateur. Kann ich mal sehen?«, fragte er auf das Klemmbrett zeigend.

Sie reichte ihm die Liste. »Ist das französisch?«

»Ich glaube schon.«

»Warum benutzen Sie französisch? Ist das jetzt cool oder so was?«

»Nicht, dass ich wüsste. Wer immer das Teil baut, hat entschieden, dass es so heißt.« Er deutete auf eine Zeile. »Was muss auf dem Basketballfeld gemacht werden?«

»Wischen und bohnern.« Sie runzelte die Stirn, in ihren Gedanken offensichtlich noch bei den Ordis. »Die Franzosen machen die Dinger?«

»Eigentlich die Kanadier. Und das Basketballfeld würde ich gern übernehmen.« Brody lächelte und gab ihr die Liste zurück. Er legte Schlüssel, Handy und Brieftasche auf den Tresen. So lauteten die Regeln: Während der Sozialstunden mussten alle persönlichen Gegenstände abgegeben werden. Es war nicht leicht, sich in einer Bar vor den Stunden zu drücken, ohne eine ID-Karte zum Bezahlen.

Sie hob ihren Ordi, trug drei Buchstaben in ein senkrechtes Kreuzworträtselfeld ein und fragte: »Also, das ist das Wort, was man heutzutage für Telefon benutzt?«

»Und alle anderen elektronischen Geräte.«

»Alle anderen? Was ist mit dem anderen Scheiß passiert?«

Brody grinste. »Wie bitte?«

»Sie wissen schon, Laptops, PCs, Tablets, E-Books, Festplatten, USB-Sticks und was nicht alles. Die Sachen, die jeder unbedingt haben musste, weil er sonst mit zwei Dosen an einer Schnur oder mit Rauchsignalen seinen Nachbarn hätte anrufen müssen. Der ganze Scheiß eben.«

»Die sind jetzt alle in einer glücklichen Familie vereint namens Ordinateur.«

»Das ist verwirrend. Ich sag Ihnen, was ich davon halte: gar nichts.«

Brody lachte. »Ich werde es weitergeben, schließlich bin ich für den umgangssprachlichen Ausdruck technologischer Geräte verantwortlich.«

»Und schon wieder reden Sie Unsinn.« Samantha sammelte seine Sachen vom Tresen und legte sie beiseite, bis auf seine ID-Karte. Die steckte sie in den allgegenwärtigen Nautilus-Kartenleser, einer großen, schwarzen Muschel, die im Gemeindezentrum und jeder Einrichtung zu finden war: Regierung, Restaurants und so weiter.

Sie winkte ihn zum Körperscanner rechts des Bürofensters. »Ich weiß, dass Sie nichts haben, aber als ich Sie das letzte Mal einfach habe durchgehen lassen, wurde ich ziemlich ausgeschimpft.«

»Schon in Ordnung.« Brody passierte den Kunststoffdurchgang und löste keinen Alarm aus. Von der anderen Seite ging er noch mal durch. Wieder kein Alarm. Er breitete die Arme aus und sah Samantha an, als wollte er fragen: Gut?

»Okay, gehen Sie durch.«

Als sich Brody dem Aufzug näherte, sprach er über die Schulter: »Sie sollten nicht so hart mit sich sein. Sehen Sie mein Handy? Das ist uralt.«

»Das Telefon, das ich vor diesem Ding hatte, besaß noch eine Drehscheibe, Schätzchen. Versuchen Sie es mal damit, wenn Sie schon alten Trödel vergleichen wollen.«

Er lachte und drückte auf die Ruftaste. »Steht die Bohnermaschine immer noch oben in der Dienstkammer?«

»Wissen Sie doch. Sie wird sein, wo Sie sie gelassen haben. Danke, Süßer. Sie sind der Einzige, der keinen halbherzigen Job macht.«

»Oh, ist mir ein Vergnügen.«

Die Tür glitt zur Seite.

»Und dem Justizsystem auch«, stichelte Samantha kurz, bevor der Aufzug schloss.

Brody war nicht in der Lage einen anständigen Konter zu geben. Er fluchte, aber mit einem Lächeln.

Die Sporthalle war verlassen. Sie erinnerte Brody an die gähnende Leere seiner Wohnung. Auch hier hallte jeder Schritt auf dem knarrenden Holzboden von den Wänden. Die Decke bestand aus getäfelten, getönten Dachfenstern, die den Großteil des Sonnenlichts aussperrten und jeden darunter in kränkliches Gelb tauchten.

Nach einer Stunde hatte er den kompletten Boden gewischt. Er rollte die Bohnermaschine heraus und steuerte sie geduldig in kreisenden Bewegungen durch die Halle.

Das Dröhnen der Maschine und das Zischen des Schrubbers auf der lackierten Holzoberfläche zwangen Brody, an etwas anderes zu denken. Er hielt den Gashebel gedrückt und bewegte das Gerät langsam nach rechts, nach links und dann wieder nach rechts. Die Geräusche bohrten sich in seinen Kopf und erinnerten ihn an einen ähnlichen Klang.

Die Zeit spulte zurück und nahm ihn zehn Jahre in die Vergangenheit mit.

Kapitel 4

Brennendes Fleisch. Zischen und Brutzeln wie Steak auf einer Garplatte. Es hören, es riechen, aber niemals sehen. Um Brody jubelten die Menschen, lachten sogar. Jemand schrie in einer fremden Sprache, überall Siegesfanfaren. Inmitten des Lärms und der Verwirrung lehnte Brody gegen die Wand des Busdepots, die Augen tot in ihren Höhlen. Seine Beine waren schwer verbrannt. Erschüttert von Terror und Schmerz, erblindet und mit einem Pfeifen in den Ohren, aber am Leben.

Stunden zuvor bewegte er sich noch mit seiner Einheit durch einen Busbahnhof in Kairos Innenstadt. Sie hatten einen Anruf von einer anderen Einheit bekommen, dass eine Bombe dort lokalisiert und entschärft werden und sie das Gelände überprüfen sollten, nachdem das gesamte Depot geräumt worden war, bis auf einen kleinen Schlafraum im hinteren Teil. Feldbettreihen, Ventilatoren, Töpfe mit eisgekühltem Wasser und Schöpfkellen. Solche Orte konnten auch Aufständischen gehören, die von einer Geheimbasis zur nächsten zogen.

Brody erinnerte sich, dass der Bereich, den sie erkunden sollten, neben einer Reihe Telefonkabinen um die Ecke einer Bank lag. Die Einheit marschierte schnell und geordnet. Brody blieb immer ganz hinten, darum lief er meist rückwärts. Sie stoppten und gingen neben der Tür in die Hocke. Alle Zivilisten lagen auf dem Boden, duckten sich hinter Schaltern, Topfpflanzen und Fahrplantafeln. Brody klopfte auf die Schulter seines Vordermanns, der den Klaps an den Späher weitergab. Wortlos verschwand dieser um die Ecke.

Als der Mann vor ihm aufstand, tat Brody es auch. Kurz drehte er sich nach vorn, um seine Position zu checken, und erblickte sie: eine in Klebeband eingewickelte Milchkanne zwischen zwei Mülleimern. Ein Stück Angelschnur. Er hatte kaum Zeit, seinen Gedanken zu beenden, geschweige denn etwas zu rufen, bevor das Schienbein des Spähers die Schnur berührte. Das Klicken des gezogenen Stifts hallte.

Die Soldaten verharrten zunächst erschrocken. Dann brach die Formation auf. Die Männer verstreuten sich und einige unzusammenhängende Schreie drangen über ihre Lippen, als der selbst gebastelte Sprengsatz detonierte. Brody rechnete mit einer Schockwelle, umherfliegenden Fragmenten, Schlackeklumpen, Kugellagern, Holzschrauben. Aber nichts dergleichen geschah. Die anfängliche Explosion war nur eine grausame, demütigende Wand entzündeten Phosphors, blendend wie der Blitz eines Zaubertricks. Danach folgte das Herz der Bombe. Er konnte sie nur hören: ein Knall, ein wütendes Zischen. Hitze schlug ihm ins Gesicht. Dann ertönte Geschrei.

Der Corporal erzählte ihm später, dass es das Innere einer Blendgranate mit einem halben Liter Feuerzeugbenzin und Lampenöl gewesen war. Eine Molotow-Stolperfalle. Alle Männer waren bei lebendigem Leibe verbrannt, blind und unfähig wegzulaufen. Als Schlusslicht des Trupps hatte Brody den Korridor noch nicht ganz erreicht und so als Einziger überlebt. Alle anderen waren vor Ort gestorben, die Haut verkohlt, die Hirne in den Schädeln gekocht.

»Sie haben Glück, dass Sie blind geworden sind, mein Sohn«, sagte der Corporal. »Sie hätten die Jungs todsicher nicht sehen wollen, als wir Sie fanden.«

Es machte keinen Unterschied. Zu hören, wie sie brannten, als er eilig die Handschuhe auszog und seine Augen rieb, während sie ihn brauchten, war gleichermaßen grausam. Er hatte nicht mehr tun können, als dasitzen und in ihre Richtung zu starren, ohne etwas in der Schwärze seiner Sicht zu erkennen.

Einer hatte nach seiner Mutter geschrien, ein anderer nach seiner Frau Helen. Ein weiterer rief zu Gott. Trotz seiner Verletzungen dankte Brody dem Schicksal, dass sein bester Freund die Einheit eine Woche zuvor verlassen hatte. Er wäre an der Spitze der Truppe gewesen und ganz sicher gestorben.

Bald darauf wurde es ruhig, doch das Zischen hielt noch lange an.

Die Bohnermaschine stieß gegen die Wand und riss Brody aus seinen Erinnerungen. Er begrub die fürchterlichen Bilder in seinem Kopf und hielt einen Moment inne, bevor er seine Arbeit fortsetzte. Sie kamen alle paar Tage, vor allem, wenn er seine Linsen und das Sonar nicht trug. Wenn es keine visuelle Ablenkung gab, funktionierte seine Vorstellungskraft am besten. Der Filmvorführer seiner Erinnerungen war immer glücklich, wenn er die Rolle mit dem schlechten Zeug für eine Nachmittagsvorstellung fand.

Brody warf einen Blick zurück auf die längst abgeriebene Politur. Er scheuerte bloß die Seele aus dem Klarlack. Er stellte das Gerät ab und sah auf die drei Meter Turnhallenboden, die er ausbessern musste, bevor er gehen konnte.

Nachdem er den Schaden mit einer neuen Lackschicht bedeckt hatte, stellte er das Frisch-gewischt-Schild auf und ging wieder nach unten.

Samantha dankte ihm für seine Arbeit und teilte ihm die Anzahl seiner verbleibenden Stunden mit: 295. »Na bitte, Sie kommen voran«, kommentierte sie und hing das Register wieder an den Nagel. Sie legte seine Sachen auf den Tresen und er steckte sie ein.

»Was ist los?«, fragte er im Wissen, dass sie irgendeine Lebensweisheit äußern würde, egal ob er danach fragte oder nicht.

»Nur Sie«, seufzte Samantha. »Alle paar Tage kommen Sie hierher und arbeiten Ihr Stundenprotokoll ab. Ich frage mich, was Sie täten, wenn Sie nicht laufend Ärger hätten. Ob Sie dann auch noch kommen würden.«

»Ich denke, das würde ich«, sagte Brody. Die Gespräche mit ihr taten gut. Er fühlte eine Verbindung zu der freundlichen alten Dame, die er schwer greifen konnte. War sie wie eine ältere Schwester für ihn? Oder eine weise Großmutterfigur, die Lebenshilfe ausspuckte wie ein Automat, dessen Rat stets zum Empfänger passte, der nie darum bat, ihn aber immer brauchte?

»Ich frage mich, warum Sie immer die Probleme aller lösen wollen und sich nicht um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Ich meine, die Dinge, die Sie für die Leute tun, den Ärger, in den Sie sich verstricken … man könnte meinen, Sie seien lebensmüde oder so was.«

Zufrieden, dass seine Sachen in den richtigen Taschen lagen, knöpfte Brody seinen Mantel zu. »Ich bin nicht lebensmüde«, murmelte er.

Sie warf ihm einen Ich-weiß-dass-Sie-mir-Lügengeschichten-erzählen-junger-Mann-Blick zu, den er noch von seiner Großmutter kannte.

»Was? Ehrlich nicht.«

Sie nahm einen tiefen Atemzug und veranschaulichte ihre folgenden Sätze mit großen, überdeutlichen Gesten. »Es ist ein ewiger Kreislauf. Sie geraten in Schwierigkeiten, weil Sie jemanden verprügeln, dann werden Sie hergeschickt, um Ihre Arbeit zu machen, Sie treffen eine traurige Seele, die will, dass Sie ihr helfen, was Sie auch tun, geraten innoch mehr Schwierigkeiten, belügen die Polizei, sagen, dass Sie die Mädchen im romantischen Sinne treffen, obwohl die Wahrheit offensichtlich ist, und so beginnt es wieder von vorn und geht immer weiter und weiter.« Sie kreiste mit einem Finger in der Luft. »Was haben Sie davon?«

»Was haben Sie davon?«, fragte er unbeabsichtigt barsch.

»Ich bleibe auf dieser Seite des Schreibtischs. Sicher, manchmal mache ich jemandem ein Bett oder ich schiebe einem Kind einen Hotdog in die Mikrowelle, wenn seine nichtsnutzigen Eltern es hier absetzen, aber ich laufe nicht herum und suche Ärger. Dieses Geschäft wird Sie umbringen. Sie sollten sich ein nettes Mädchen angeln und mit dem Schwindel aufhören. Sagen Sie mir nur, warum Sie sich so viel Schmerz aussetzen. Sagen Sie mir, was Brody davon hat.«

»Ich weiß es nicht, Samantha«, entgegnete er und benutzte ihren Namen, um seinen Ernst auszudrücken. »Wahrscheinlich habe ich gar nichts davon. Aber das ist okay für mich.«

Der Automat war nun leer und Samantha schüttelte den Kopf. »Denken Sie daran, was ich gesagt habe.«

»Werd ich.«

»Kommen Sie diese Woche noch mal?«, rief sie ihm nach.

Als die Glastüren beiseiteglitten und die ganzjährig angebrachte Weihnachtsdekoration klingelte, sagte Brody über die Schulter: »Wahrscheinlich. Wenn ich mich nicht vorher umgebracht habe.« Er lächelte. Die hydraulischen Türen schlossen sich und sperrten ihn in die kalte Luft aus.

Als Brody in eiligem Tempo lief, um den 3:45-Uhr-Zug zu erwischen, vibrierte sein Handy gegen den Oberschenkel. Auf dem Display erschien: Du steckst in Schwierigkeiten. Eine selbst gewählte Überschrift, die er seiner Bewährungshelferin zugeteilt hatte.

Zähneknirschend ging er ran und sah sich nach dem Zug um, in der Hoffnung, eine Ausrede zum Auflegen zu bekommen.

»Ich habe heute viel zu tun, also bekommen Sie die Kurzfassung: Ich bin enttäuscht. Das ist Punkt eins. Punkt zwei: Ich dachte, wir hätten über die Mitternachtfaustschlagstelldicheins gesprochen.«

»Es war nicht so schlimm, wie es sich anhört …«

»Punkt drei«, fuhr Chiffon fort, ohne seine Unterbrechung zu beachten, »weitere hundert Stunden wurden auf Ihre Registerkarte gesetzt.«

»Okay.« Brodys Schultern sanken. Was sollte er auch tun? Ablehnen? Der Zug kam um die Ecke gefahren und er atmete erleichtert auf. »Ich steige gleich in den Zug und i…«

»Sie haben Glück. Im Ernst. Läge es in meiner Hand, würde ich dafür sorgen, dass Sie Zeit bekämen, Ihren Hitzkopf in den Haftanstalten von Minnesota zu kühlen. Aber nach derzeitigem Stand kleben die Beschränkungen wie Tipp-Ex am Kapitolgebäude, daher mein Geschenk an Sie: Hundert kleine Gelegenheiten, das Leben in den Twin Cities zu verbessern und eine erhöhte Dosis dessen, was ich bereits verschrieben habe – Perspektive.«

»Danke, Chiffon«, zwang er sich zu sagen.

»Miss Doyle ist korrekt«, korrigierte sie. »Detective Pierce hat mich gebeten, Ihren Termin nach oben zu verschieben, also streichen Sie sich's im Kalender an. Diesen Freitag, der Tag nach Thanksgiving. In aller Früh. Mein Büro. Ist das klar? Angekommen?«

»Ja. Klingt gut. Danke sehr.«

»Wir sehen uns. Bis bald.«

Brody legte leise fluchend auf. Er fluchte ein zweites Mal, als er in die Bahn stieg und keinen freien Sitzplatz fand. Er hielt sich an einer Stange fest und ließ den Ruck der anfahrenden Bahn in einem übelkeiterregenden Geschwindigkeitsrausch an seinem Körper zerren.

Er dachte daran, was Nathan ihm letzte Nacht erzählt hatte, dass Anfang nächsten Jahres das Schlupfloch-Gesetz geändert würde. Er wusste, was Chiffon, Miss Doyle, von ihm und seinen Taten hielt. Viele ihrer Kunden waren die Männer, denen er in Kneipen Besuche abstattete. Ließe er im Januar immer noch die Fäuste fliegen, würde er sicher im Gefängnis landen. Äußerst unwahrscheinlich, dass er vom Lohn als Nummernschild-Presser in einer Bodega Batterien für sein Linsenladegerät kaufen könnte.

Natürlich wäre es möglich, dass sie am Freitag beschloss, den Hebel einer Falltür zu ziehen und ihn in eine Zelle fallen zu lassen. Dann bekäme der Begriff Black Friday eine ganz neue Bedeutung.

Kapitel 5

Als Brody wieder in seiner Wohnung war, ging er sofort unter die Dusche, um den Geruch von Bohnerwachs und Industrieseife abzuwaschen. Außerdem schlugen ihm Chiffons Anrufe immer aufs Gemüt. Die Frau konnte angsteinflößend sein, ihn vergitterte Wände und unbequeme Gefängnismatratzen sehen, ihn das Feuer eines Gefangenenaufstands riechen lassen, bei dem er geliefert wäre, wenn die Wachen beschäftigt waren. Eine Dusche blieb das einzige Heilmittel. Linsen raus, Sonar aus. Nur diese improvisierte Sinnesentzugskammer erinnerte ihn daran, dass das Gesetz noch auf seiner Seite stand.

Als er sich abtrocknete und wieder anzog, sah er durch den Raum ein Licht auf dem Bildschirm des Anrufbeantworters blinken.

Konnte es sein, dass sich etwas in der letzten Stunde geändert hatte und Chiffon ihm gleich höhnisch mitteilte, dass er doch bald einige Zeit auf drei mal vier Metern verbringen würde? Für einen Herzschlag roch er wieder den Qualm des Gefängnisaufstands und hatte einen buckligen Mann vor Augen, der böswilligen Gedankens mit einem Klappmesser in der Hand aus der Düsternis trat, in freudiger Erwartung ihm die Kehle aufzuschneiden.

Er ging zum Bildschirm und las die Anzeige: Thorp Ashbury. Als er auf den schwarzen Schriftzug starrte, taumelte sein Verstand zurück in staubige Wüstenhitze, in der er schwer gepanzert mit diesem Mann auf der Ladefläche des Truppentransporters lachte. Miss Doyles Drohungen wichen einer Freude, die er längst vergessen glaubte. »Nachricht abspielen«, befahl er.

Thorps Stimme drang über die Lautsprecher in Brodys Wohnung. »Hey, hier ist Thorp. Wollte wissen, ob du ein paar Tage Zeit hättest. Vielleicht möchtest du mal raus und ein bisschen angeln. Bald ist Thanksgiving und wenn du bleiben willst, könnte ich was einrichten; also, wenn du noch nichts vorhast. Oder wir besorgen uns unseren eigenen Vogel. Fasane haben Saison. Zur Zeit. So oder so, äh, ruf mich an. Und wir … du weißt schon … stellen was auf die Beine. Pass auf dich auf, Kumpel. Wir sprechen uns bald. Ciao.«

Brody bat den Bildschirm, die Nachricht zu wiederholen. Beim ersten Mal hörte er, was Thorp sagte, jetzt wollte er hören, wie er es sagte. Der Kerl sprach sonst nie so abgehackt. Er war charismatisch und selbstbewusst, weil er in seiner kleinen Provinz als ehemaliger High-School-Football-Champion den Platzhirsch verkörperte. Offensichtlich sorgte ihn etwas.

Doch dann dachte Brody daran, was sie zusammen durchgemacht hatten. Die Orte, Katastrophen und Grausamkeiten, die ihre Augen sahen. Wieder reiste er zehn Jahre zurück nach Ägypten. Sie waren nur Friedenswächter gewesen, wie die Polizei, allerdings mit besserer Feuerkraft. Ihnen war gesagt worden, dass sie ihre Waffen nicht benutzen sollten und ihre Anwesenheit allein genügte, um die Bürger zu beruhigen.

Sie sind eine Erinnerung daran, mit wem man sich besser nicht anlegt, hatte ihnen der kommandierende Offizier gesagt.

Brody erinnerte sich, wie sie einem alten Mann helfen wollten, dessen Arm in einer Bärenfalle steckte, mitten in den Gassen Kairos. Er beschloss, sein Gedächtnis voranzutreiben und den schwierigeren Momenten auszuweichen. Er übersprang, was mit Thorp geschah, was der Kerl durchmachen musste, und den Rest der Friedensmission, bei der Brody schließlich erblindete und auf dieselbe Liste kam wie sein Freund. Invaliden, innerhalb eines Monats, wenn auch aus völlig verschiedenen Gründen.

Doch dabei beließ es der Filmvorführer nicht. Das Geschehen in der Gasse wurde ohne Umschweife abgespielt. Stückchenweise drang es zu ihm durch. Er bog um die Ecke, sah den gebeugten Mann, seinen Arm im metallenen Biss der Falle, mit zittriger Stimme um Hilfe flehend, die Augen weit aufgerissen, die Lippen voll Schmerz von den Zähnen gezogen.

Was danach geschah, übersprang Brodys Verstand, und er kam zum Teil, in dem Thorp introvertiert wurde und selten mehr mit jemandem über etwas sprach. Sein Wagemut war amputiert und durch eine unerschütterliche Ruhe ersetzt worden.

Es überraschte Brody, nun einen Anruf von ihm zu bekommen. All die Jahre, die sie wieder in den Staaten waren, hatten sie nie mehr als eine simple Karte um die Feiertage ausgetauscht. Und jetzt lud er ihn zum Thanksgiving-Essen ein? Warum? Er legte seinen Argwohn beiseite. Es spielte keine Rolle, wie lange es her war. Er entschied, einfach dankbar zu sein, dass es überhaupt jemanden gab, der Zeit mit ihm verbringen wollte.

»Rückruf«, befahl Brody dem Bildschirm und Thorps Nummer wurde gewählt.

Nach dem sechsten Klingeln antwortete er mit einem müden »Hallo.«

»Hier ist Brody. Wie geht's dir, Mann?«

»Hey«, antwortete Thorp träge, als wäre er gerade aufgewacht. »Wie läuft's?«

»Wollte mich nur zurückmelden. Klingt nach einem Plan für mich. Ich könnte mal eine Weile aus der Stadt raus. Wo wohnst du zur Zeit?«

Thorp machte grummelnde Laute, als er sich streckte, und sprach dann mit höherer Geschwindigkeit und Leichtigkeit weiter. »Chicago. Na ja, nicht direkt in Chicago. Ist ein gutes Stück Fahrt von dort. Ich kann es zumindest ein bisschen sehen, sagen wir mal so. Es ist keine Wanderung.«

Da war sie wieder, diese abgehackte Art zu sprechen. Vielleicht war er jetzt einfach so. Vielleicht hatte er Medikamente oder die Nachkriegstherapiesitzungen des Militärs in Anspruch genommen. Brody konnte es sich kaum vorstellen, der große Football-Star in einem engen Büro mit einem Psychiater oder beim Sortieren seiner wöchentlichen Pillenration in einen dieser Plastikbehälter. Aber man wusste ja nie.

»Angeln, hä? Klingt paradiesisch.«

»Ja, weißt du, ich hab mir ein gutes Stück Land gekauft mit ordentlichen Wäldern zum Herumwandern. Es ist altes Ackerland und ich dachte mir: Wieso nicht? Jetzt versuche ich das Ding mit den Cranberrys. Schließlich könnte ich die an die Firma Ocean Spray verkaufen, wenn ich es mal durch eine Saison schaffe, ohne meine gesamte Ernte zu killen.«

Brody lachte. Es fühlte sich gut an. Am Anfang war es ihm peinlich gewesen mit Thorp zu reden, wahrscheinlich weil er ihn so gut kannte oder eben nicht. Bei Fremden und seinen anderen Kontakten fühlte er nie so etwas. Aber sie beide fielen schnell zurück in ihre brüderliche Beziehung, die sie vor Jahren pflegten. Brody merkte, wie sehr er die Kameradschaft von Freunden wirklich vermisste, von Menschen, denen er Dinge anvertrauen konnte, die nur sie wissen durften und die sie verbanden.

»Welcher Tag passt dir?«, fragte Thorp.

Nächste Woche musste er bei Miss Doyle erscheinen. Eventuell würde er noch in der Nacht von Thanksgiving abreisen, um rechtzeitig zurück zu sein. Er verschränkte die Arme und sprach zum Mikrofon in der leeren Wohnung: »Wann immer es dir passt. Du bist der Gastgeber.«

»Alles klar, dann sagen wir morgen. Passt das? Ich halte ein Zimmer für dich bereit. Es sei denn, du willst in der Scheune schlafen.«

»Nein«, kicherte er. »Ist mir recht.«

Sie verabschiedeten sich und beendeten das Gespräch.

Brody rief die schönen Erinnerungen an seinen Freund wach, die alle vor den Ereignissen in der Gasse stattfanden. Thorp war immer ein Unruhestifter und Witzbold gewesen, der Glanz einer Party, auf der Resignation und Heimweh die Gedanken durchlöcherten. Wann immer ihre Kompanie in einen Terrapin-Geländewagen gezwängt wurde oder in einem Truppentransporter von einem staubigen Ort zum nächsten fuhr, erhellte Thorp den Trip mit einem derben oder richtig vulgären Witz. Brody erinnerte sich daran, wie er mal einen besonders fiesen raushaute, dabei in der Mitte zweier Truppenreihen stand, mit einem Gürtel schwingend die Luft rammelte und dabei wie ein Verrückter gackerte.

Er freute sich auf seine Reise.

Der Zug rollte pünktlich in den Bahnhof von Minneapolis ein. Brody hatte einen Sitzplatz am Fenster ausgemacht. Bevor er einstieg, sog er ein letztes Mal die Stadtluft ein. Er hoffte, die Abgase und das pausenlose Rauschen der Autobahn lange genug vergessen zu können.

Da es Sonntag war, fuhren nicht viele Menschen nach Chicago. Im Speisewagen fand er eine Sitzecke für sich allein und genoss einen Kaffee, während der Zug mit weit über zweihundert Sachen über die erhöhten Schienen in Richtung Südosten summte, wie bei einer Einschienenbahn-Zoo-Tour im Schnelldurchlauf, auch wenn es nichts Exotisches zu sehen gab. Nur Rinder und ein paar Pferde, dazwischen weites Ackerland, ab und zu ein herbstlich verfärbter Hügel und magere Baumareale, wild und unberührt. Leben, das nicht der Bewirtschaftung diente, sondern wuchs, weil es immer schon dort existierte.

Der Fernseher über der Bar fand unter den Fahrgästen kaum Beachtung. Die Nachrichten berichteten über den Sieg der Vikings letzte Nacht. Brody hörte abwesend hin, bis eine ernstere Meldung die Sportergebnisse ablöste. Ein Bericht über die freudlose Enthüllung eines Denkmals in einem Einkaufszentrum in Minneapolis. Es war ein Gedenken an die Opfer des 20. Oktobers letztens Monats, als der pensionierte Soldat Alton Noel zehn Menschen erschoss, bevor er sich selbst richtete. Das Midtown-Massaker, wie der Nachrichtensprecher es nannte, war eine der schlimmsten Tragödien der letzten Jahrzehnte in Minneapolis gewesen und schob ein neues Gesetz zur Durchführung einer Waffenkontrolle an.

Brody hörte die Geschichte zum ersten Mal. Er ging die Liste der Männer durch, mit denen er in Kairo stationiert war, kannte aber keinen Alton Noel. Dennoch blieben es deprimierende Nachrichten, die ihn traurigerweise an den Mann erinnerten, den er besuchen wollte, den einsamen Ex-Soldaten. Sofort schämte er sich für den Vergleich mit seinem Freund.

Das Nachrichten-Team wechselte zu einer sonnigeren Geschichte über den hohen Gewinn eines Paares in der Sendung Prize Mountainam vergangenen Abend.

Brody begrüßte den Themenwechsel, nippte an seinem Kaffee und sah Wisconsin am Fenster vorbeiziehen, wie eine Landschaft auf einem rollenden Banner.

Nach rund zwei Stunden Fahrt erreichte der Zug sein Ziel. Brody stieg am überfüllten Bahnhof aus und wusste sofort, dass er in Chicago war. Kein Zweifel. Die vielen Kulturen unterschieden die Stadt von Minneapolis. Frauen trugen Schleier und Abendkleider aus hauchdünnen Glasfasern. Lauftexte und Bilder schwimmender Meerestiere umspülten ihre eleganten, kegelförmigen Körper.

Nach dem Verlassen des Bahnhofs sah er auf dem Gehweg die Obdachlosen mit ihrer provozierenden Kleidung: Kettenmaschige Tuniken mit ausgeschnittenen Fenstern, um ihre prallen, künstlichen Brüste und tätowierten Ärsche zu präsentieren. Sie flitzten wie Insekten in altmodischen, weißledrigen Rollschuhen vorbei, auf die einige Schimpfwörter gekritzelt waren. Einer klatschte Brody gegen die Schulter und rief ihm auf Russisch zu: »Pass auf, Stück Scheiße!«

In Minneapolis würde so etwas niemand hören. Dort kam der beunruhigendste ausländische Slang von Norwegern.

Der Rest der Menschen trug meist Anzüge, und jeder Dritte eine Papiermaske oder ein Beatmungsgerät im Gesicht.

Brody schlängelte sich durch die vorbeiziehende Menschenwand, die so mit ihren Ordis beschäftigt war, dass jeder Passant einen Zusammenstoß riskierte. Er wusste nicht, ob er gegen den Strom lief, also bog er in eine Seitenstraße, in der es weniger Fußgängerverkehr gab. Tatsächlich musste er hier kaum jemandem mehr ausweichen.

Er konnte nicht anders, er musste sich umschauen, auch wenn er dadurch einem Touristen glich. Vor Jahren war Brody das letzte Mal hier gewesen. Er konnte nicht sagen, dass alles anders aussah, hatte jedoch vergessen, welch seltsamer Ort Chicago sein konnte, unabhängig vom Viertel.

Wie diesem.

Tentakel gebündelter Kabel verbanden die Gebäude, als wären die Bauten von einer riesigen Kreatur umschlungen. Manche wurden zu Laternenmasten mit Lichtern an horizontalen Säulen aus Leitungen und Rohren umfunktioniert. Wo die Ranken vor Geschäften verliefen, nagelten die Besitzer einfach ihre Schilder dran.

Brody hatte online mal einen Zeitungscomic über Chicagos Kabelproblem gesehen. Es zeigte einen Mann in Safari-Kleidung mit Machete und Aktenkoffer in den Händen, der sich seinen Weg zur Arbeit freischlug. Nun ergab es Sinn für ihn.

Als Brodys Vater jung war, dachte er, durch kabellose Technologie verschwänden alle Telefonmasten, Techniker bräuchten nur noch einen Computer, um Verbindungsprobleme zu lösen, und Schraubenschlüssel sowie Schraubenzieher würden aussterben wie Dodos und Hummer. Doch so schön die Fortschritte waren, sie bedeuteten viel Aufwand. Und mehr drahtlose Netzwerke machten mehr Technik hinter der Drahtlosigkeit notwendig, was ironischerweise zu mehr Kabeln führte.

In Minneapolis gab es auch viele davon, aber nicht in diesem Ausmaß. Auch sonst waren die Unterschiede beider Städte groß. Vereinzelt hingen alte Markisen an den Läden. Bei anderen, die das nötige Kleingeld besaßen, ersetzten Hologramme die Schilder. Wie zu Hause standen hier an jeder Straßenecke Luftreiniger, so allgegenwärtig wie Hydranten.

Erneut verspürte Brody das Bedürfnis, der Flut Passanten zu entkommen und noch weiter abseits zu laufen. Er fürchtete, rechts in den Lake Michigan gespült zu werden, wenn er weiter mit diesem Strom schwamm. Er blickte hinauf in den Himmel, zwischen die Wolkenkratzer mit ihren Kabelbrücken. Über dem schwarzen Netz patrouillierten unbemannte Polizeiflugzeuge, die wie an Schnüren befestigte Papierflieger aussahen. Er war erst fünfzehn Minuten in der Stadt und wollte sie schon wieder verlassen.

Taxi. Ich brauche ein Taxi, damit ich aus dieser Hölle rauskomme.

Nachdem ihn vier ignoriert hatten, reagierte endlich eines auf sein Winken. Er rutschte auf die Rückbank, froh, den Lärm aussperren zu können. Als die Tür geschlossen war, fragte ihn der Autopilot mit nüchterner Stimme nach seinem Ziel. Die Frage schien bereits vor Jahren aufgenommen.

Brody las die Adresse aus Thorps E-Mail vor.

»Bitte legen Sie die ID-Karte zur Kontoüberprüfung ein.«

Er kannte sich mit fahrerlosen Taxis nicht aus und suchte an der Glastrennwand nach einem Kartenleser. Er fand ihn und schob sie in die Anordnung schwarz-weißer Punkte und Striche, die nur mechanische Augen entziffern konnten.

Nach einer Pause hörte er: »Wir sind sehr erfreut, Sie heute an ihr Ziel bringen zu dürfen. Aber beachten Sie, dass Ihr Bankkonto derzeit im Minus ist. Ihr Bankinstitut war so freundlich, Ihnen die notwendigen Mittel für diese Fahrt zur Verfügung zu stellen. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Sie nicht weiter befördern können, als zu Ihrem gewünschten Ziel.«

»Okay«, sagte Brody in seinen Nasenrücken kneifend. Die Nachricht kam nicht überraschend. Das Zugticket hatte die letzten zehn Credits verschlungen und nun langte die Hand des Taxis in seine Notreserven. »Danke für die Mitteilung.«

»Ja, Sir.«

Brody erblickte durch das Glas die automatischen Drehungen des Lenkrads. Mit einem Ruck beschleunigte der Wagen und reihte sich in den Stadtverkehr ein.

Auf der anderen Seite Chicagos fiel Brodys Anspannung langsam ab. Das Taxi ruckelte auf der öden, zweispurigen Landstraße. Ausgedehnte Farmen und landwirtschaftliche Camps blühten unter dem grauen Schirm der Umweltverschmutzung.

Auf den Feldern suchten Bauern die Böden nach großen Steinen ab, die das Anpflanzen erschweren würden und warfen sie in Jutesäcke auf ihren Rücken. Einmal näher, bemerkte Brody, dass es keine Menschen waren. Sie liefen auf spitz zulaufenden, dünnen Beinen, elegant und schwerelos wie Flamingos. Schmale Torsos und Hälse, Köpfe mit einem Satz Glasaugen und runden Lautsprechern anstelle des Mundes. Artificials waren nicht üblich in der Stadt, was jeden bei ihrer Markteinführung gewundert hatte. Sie dienten harter Arbeit, kamen manchmal beim Kochen und Putzen oder bei der häuslichen Krankenpflege zum Einsatz, verrichteten aber hauptsächlich Hausmeistertätigkeiten und hielten Parks, Friedhöfe sowie Straßenränder in Ordnung.

Die Artificials, oder Arties, standen aufrecht und drehten sich nach dem vorbeifahrenden Taxi um. Sonderbar wie leicht sie abgelenkt wurden, aber Brody glaubte, dass sie als heiße Ware in der Landwirtschaftsindustrie oft gestohlen wurden. Er stellte sich vor, wie sie ihn umzingelten und alle Knochen brachen, wenn er sie ansprach oder ihnen zu nahe kam. Brody erschauderte bei dem Gedanken, als er die Roboter-Farmer passierte und in ihre spiegelnden Glaslinsen blickte, nicht wissend, was sie dabei dachten.

Nachdem sie bemerkten, dass das Taxi weder langsamer wurde, noch anhielt, senkten sie kollektiv ihre Köpfe und schufteten stumm weiter.

Der Wagen überfuhr versehentlich das Stoppschild einer Kreuzung und bog von der rissigen Asphaltstraße in einen steinigen, zweispurigen Feldweg mit gegenüberliegenden Furchen für ankommende und abfahrende Fahrzeuge.

Brody kurbelte das Fenster herunter und zündete sich eine Zigarette an. Er wartete auf die Bitte des Taxis, sie auszumachen, aber sie kam nicht. Offensichtlich ein älteres Modell. Sie holperten noch ein paar Meilen über den Weg, bis sie schließlich Thorps lange Kieseinfahrt erreichten, auf dem ein zweistöckiges, rostrotes Bauernhaus mit Gaubenfenstern stand. Die ganze Anlage hätte einen neuen Anstrich nötig.

Sanft stoppte das Taxi an und rastete knirschend die Handbremse ein. Die Rechnung zeigte Brody einen neuen Dispo-Negativrekord von 4098 Credits. Er schnappte seine Tasche und näherte sich dem Haus, während das Fahrzeug seine einsame Reise zurück in die Stadt antrat.

Brody nahm einen tiefen Atemzug. Die Luft roch so anders. Es hatte etwas, ohne das konstante Stoßen und Ziehen der Luft auf den Straßen mit ihren hypoallergenen Filtern und dem Gestank der Abwässer zu leben. Sein Hals kratzte und seine Augen tränten, doch es fühlte sich gut an. Das erste Mal seit Jahren atmete er Allergene und Staub. Es war eine willkommene Reizung.

Brody klingelte an der Tür und hörte Schritte auf hohlem Hartholz.

Sie öffnete sich, und Thorp, um Mund und Augen sichtlich gealtert, lächelte ihn warm an. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf. Übrig blieb nur eine zottelige, heufarbene Masse, die seitlich der Ohren herunterhing und im Kragen seines Flanellhemdes verschwand. Seine sommersprossige Platte reflektierte die Nachmittagssonne mit schimmerndem Glanz.

»Hey, hey, sieh einer an, wer da ist!«, äußerte er freudig und schob die Fliegengittertür beiseite.

Sie nahmen sich einen Moment zum Händeschütteln und für Smalltalk über die Anreise auf dem Weg nach drinnen. Thorps Haus roch, als hätte er erst Sekunden vor seiner Ankunft den Staubsauger ausgeschaltet. Jenseits der staubsaugerrecycelten Luft, vernahm Brody das berauschende Aroma gekochten Schinkens. Echtes Fleisch. Es war Jahre her, dass er etwas gegessen hatte, das nicht aus Plastikfolien oder Aludosen kam. Selbst die America's-Favorite-Automat-Läden, die überall in Minneapolis und St. Paul standen, boten nur Lebensmittel an, die anderenorts hergestellt, gefriergetrocknet und vakuumverpackt wurden, bereit für die Mikrowelle. Wie früher bei Muttern. Klar. Aber das hier war etwas anderes, etwas Erstaunliches. Er fühlte sich davon magisch angezogen.

»Was ist das für ein Geruch?«, fragte Brody mit großen Augen.

Sein Freund grinste und sagte, es wäre Schinken. Brody fragte sicherheitshalber noch mal nach, ob es nicht diese künstliche Pampe war, die gehackten Pilze und das Sojazeug, zusammengepresst wie Spanplatten, um daraus falschen Schinken zu machen. Es roch zu gut, fügte er hinzu.

»Nee, ist echter Schinken. Ein Typ die Straße runter züchtet Schweine.«

Brody glaubte, nicht nur in einen anderen Bundesstaat, sondern auch in eine andere Zeit gereist zu sein. Eine, von der ihm seine Großeltern erzählt hatten.

»Und, wie war das gute alte Chicago?«, fragte Thorp, als er ihn nach oben führte.

»Überfüllt«, meinte Brody. »Laut. Du weißt ja, wie es halt immer ist.«

»Tja, Großstadt eben. Du solltest dir überlegen auch hier rauszukommen und eines dieser Grundstücke zu kaufen, bevor die Bauunternehmer alles mit Highways zupflastern. Vielleicht hast du Glück wie ich, und jemand baut Leitungen darüber. Dann bist du ein gemachter Mann, mein Freund. Hark Telecom zahlt mir zehn Riesen im Monat, nur damit diese Kabel über meinem Grund verlaufen.«

»Im Ernst?« Er hatte keine Stromleitungen oder Kabel über dem Grundstück bemerkt und musste kurz nachdenken, da er sich eigentlich für einen guten Beobachter hielt. Doch oberirdisch verlaufende Stromleitungen waren in Minneapolis und Chicago ein zu normaler Anblick.

Thorp öffnete die Tür zu einem kleinen Schlafzimmer mit einem Bett und einer dreitürigen Kommode. Mit einladender Geste bat er ihn hinein.

Brody schaute sich um und stellte seinen Koffer ab.

»Kaffee?«, fragte Thorp.

Er nickte.

»Ich setz welchen auf. Fühl dich wie zu Hause. Ich führe dich herum, sobald du angekommen bist«, sagte er und stapfte wieder nach unten.

Brody legte seine Cabanjacke ab und wechselte zu Jeans und Sweatshirt.

Im Badezimmer zeigten rote Ziffern ihr hässliches Antlitz. 02:59:59. Er seufzte. Die Linsen musste er früher aufladen als erwartet. Er hatte einige, fast leere Batterien dabei. Brody wusste, er würde den Urlaub genießen, allerdings mit ständiger Sorge um Geld und die Frage, ob er erst in ein paar Monaten wieder Farbe sähe. Er entschied, die Linsen bis zur letzten Sekunde zu tragen. Er hatte Thorp lange nicht gesehen und wollte seinen Aufenthalt mit all den Farben so lange wie möglich auskosten.

Er ging die Treppe runter, um Schinken und frischen Kaffee zu riechen. Als er in die Küche kam, sah er, wie sein Freund mit einem Handschuh die Kaffeekanne vom Ofen nahm und in einen Dreifuß auf den Tresen stellte.

»Hast ein echt schönes Haus hier.«

»Danke«, sagte Thorp, offensichtlich abgelenkt durch die Pfanne, von deren Oberfläche er fleißig Schinken kratzte.

Brody blickte zu den Wänden. An ihren Seidenbändern festgenagelte Orden, ein paar gerahmte Plaketten, einige Fotos ihrer Einheit. Er sah sich und Thorp nebeneinander in der Mitte, die Arme um die Schulter des anderen gelegt, Zigarren in den Mundwinkeln. Die Bilder waren auf herkömmlichem Papier gedruckt, die Ränder verpixelt und die Farben durch offenkundig zu wenig blaue Tinte verfälscht. Die Männer auf dem Foto schienen gelbe Tarnkleidung zu tragen und ihre Gesichter waren röter, als die ägyptische Sonne es je hätte schaffen können, ohne sie buchstäblich … zu grillen.

Der Gedanke kam hoch, bevor er ihn abfangen konnte, und er zwang sich an etwas anderes zu denken. Brody richtete seinen Fokus auf das Bild, auf die Männer, bevor sie bei lebendigen Leib verbrannten, auf die Menschen, die sie einst waren. Es wurde am Tag vor dem Hinterhalt in einer Gasse aufgenommen. Sie hatten die Nachricht erhalten, dass sie nach ihrem letzten Einsatz in diesem Stadtviertel nach Hause könnten. Sie feierten zu früh, unwissend, blind für das Schicksal, das ihnen den kommenden Tag auf ewig ins Gedächtnis brannte. Für Brody war es doppelt schlimm gewesen, denn seine Blindheit hatte auch Wochen nach der Tragödie angehalten.

Er musterte sein Abbild. Jung, Bürstenschnitt, lächelnd mit einer Zigarre, als hätte er einen Grund zur Freude gehabt, einen Sieg errungen. Er wollte nähertreten und sein vergangenes Selbst einen Narren nennen. Dieses Kind mit der Körperpanzerung, das sein Sturmgewehr hielt wie ein Held, nichts ahnend des Unglücks, das es wenige Stunden später ereilen würde.

Brody wollte Thorp fragen, ob er jemals über diesen Tag nachgedacht hatte, ließ es aber bleiben. Es war eine dumme Frage. Natürlich hatte er das. Brody wusste, dass ihn die Ereignisse wahrscheinlich mehr beschäftigten als ihn. Er ging von dem Foto weg und blinzelte die Erinnerungen fort.

»Ganz allein hier draußen?« Brody nahm am Küchentisch Platz. Es war keine schwere Einschätzung. Das Haus war eindeutig von einem Mann eingerichtet worden. Keine Vorhänge, nur Jalousien, keine gerahmten Bilder, außer die der Soldaten. Bis auf einen Hirschkopf an der Wand gab es im Wohnzimmer keine Dekoration.

»Ja«, sagte Thorp, noch immer mit dem Schinken kämpfend, der in der Pfanne festklebte. »Ich hab ein Profil auf ein paar Websites, in dem steht, dass ich Single mit einem großen Gehöft nur für mich und einem festen Einkommen bin. Aber keine beißt an. Ich denke, die jungen Frauen wollen sich erst in der Stadt austoben, bevor sie mit einem alten Sabbelkopf wie mir in den Ruhestand gehen.«

Brody lächelte. »Stört's dich, wenn ich rauche?«

»Überhaupt nicht. Scheiße, du kannst sogar eine von meinen Zigarren haben, wenn du willst. Das Gute an Illinois ist, hier darf man noch rauchen. Ich weiß nicht, wie du es in Minnesota aushältst mit dieser gottverdammten Nichtraucher-Initiative«, sagte er, in einer Hand die Pfanne haltend, mit der anderen den Pfannenheber unters Fleisch keilend. Mit Schweiß auf den Augenbrauen blickte er über seine Schulter. »Kann man wenigstens auf dem Bürgersteig rauchen?«

»Kann man, aber wenn ein Bulle vorbeikommt, kassiert man böse Blicke.« Brody verzichtete auf die Zigarren seines Freundes und rauchte lieber eine seiner Zigaretten. »Die warten nur auf dieses Gesetz, dann können sie dir eins über den Schädel ziehen, sobald du dir eine ansteckst.«

Thorp bekam den Schinken endlich frei, der beinahe aus der Pfanne flutschte. »Brr!«, äußerte er laut, als sattelte er ein ungehorsames Pferd. Er legte die dampfende Scheibe echten Fleisches auf einen Keramikteller und brachte ihn zum Tisch. Dann öffnete er den Kühlschrank und belud seine Arme mit drei Sorten Senf, einer Salzmühle, einem Becher Margarine und einen Stapel Brotscheiben. »Bier?«

»Ja, bitte. Soll ich dir was abnehmen?«, fragte Brody und stand auf, als er sah, dass die vielen Sachen vor Thorps Brust fast runterfielen.

»Nein, nein, du bist hier Gast. Ich hab's schon.« Er legte alles auf den Tisch und setzte sich.

Sie aßen gebratenen Schinken und Brody probierte alle drei Senfsorten, die Thorp selbst gemacht hatte. Die meiste Zeit schwiegen sie dabei.

Nach dem Essen nahm Brody seine Bierflasche und sah aus dem Fenster hinter Thorp. Die Artificials arbeiteten nun auf dem Stück Land direkt vor der Straße. »Hast du welche von denen?«

Thorp legte seinen Arm über die Rückenlehne und drehte sich kurz um. »Nein. Und der Besitzer dieser gottverdammten Dinger sollte lernen, seine Grundstücksgrenzen besser zu programmieren. Vergangene Woche ging ich vor die Tür und sah, wie die meinen Garten auseinanderpflücken. Ich musste zu ihm nach Hause und ihn die Dinger abstellen lassen, denn als ich auf sie zulief, auf meinem Grundstück wohlgemerkt, drehten sie sich alle um und hoben die Arme, als wollten sie mich zu einem Ringkampf herausfordern.« Thorp nahm einen großen Schluck seines Flaschenbiers, das er offenbar auch selbst gebraut hatte. »Wenn er nicht Schweinekoteletts und Schinken liefern würde, hätte ich mir diesen Kerl vorgenommen. Vielleicht gehe ich morgen mal vorbei und frage, ob er ein paar Vögel loswerden will.«

»Was baust du da draußen eigentlich alles an?«

»Cranberrys, hauptsächlich. Auch ein paar Karotten. Kartoffeln, Erdbeeren, Sonnenblumen. Worauf ich dieses Jahr Lust hab. Das meiste baue ich für mich selber an, auch wenn ich nicht alles verbrauchen kann, bevor es verdirbt.« Er langte nach dem Zigarrenbefeuchter auf dem Tresen und nahm eine dicke Zigarre heraus. »Hier, ich will dir was zeigen.« Er öffnete die stark getönte Glasschiebetür, die zum hinteren Garten führte.

Was Brody zunächst für Metallskulpturen hielt, waren umgedrehte Wracks alter Militärfahrzeuge, aufgereiht wie Hecken. Er erkannte bestimmte Modelle der Darter-Truppentransporter und der Terrapin-Geländewagen. Große Löcher klafften in ihnen, als hätte ein Hai in ihr metallenes Fleisch gebissen. Teile fehlten, und anstelle der Ruder zierten rußige, amputierte Noppen die Darter. Brody empfand Mitleid für seinen Freund, als er ihn durch den Garten führte und seine Kollektion präsentierte.

»An den hier erinnerst du dich noch, oder?«, fragte Thorp und deutete auf einen Darter.

Benannt nach den Arten der Heidelibellen, ähnelte das Fluggerät an manchen Stellen einem überproportionierten Insekt. Knolliger Kopf mit vier Sitzen für zwei Piloten und zwei Schützen. Der Bauch konnte zehn Meter für eine Einheit Soldaten ausgefahren und wie ein Akkordeon zusammengezogen werden, um ein kleineres Ziel darzustellen. Die vier hinteren Flügel aus einer leichten Titanmembran fungierten als Solarzellen, wenn das mechanische Tier ruhte. Die beiden Plätze für die Wachposten waren bei der Stilllegung mit Metallplatten zugeschweißt worden.

Die Heckrampe des Rumpfes stand offen und Brody bückte sich, um hineinzuschauen. Der beengte Innenraum war kleiner, als er es in Erinnerung hatte. Die Schoßbügel ragten hoch, die Sicherheitsgurte baumelten im Wind. Es roch nach Desinfektionsmittel, Schlamm und Schießpulver. Er stand auf und versuchte, einen Seufzer zu ersticken. Das war nicht, was er sich unter dem Besuch eines alten Freundes vorstellte. Er fühlte Phantomschmerzen an Rücken und Brust, den schrecklichen Schlag eines entflammenden Körpers, spürbar selbst durch eine Panzerung, das Rattern und die Hitze eines Gewehrs, das in seinen Armen vibrierte und gegen seine Schulter schlug. Ein unvorstellbares Blutbad.

»Hab ich nach dem Krieg bekommen. Die haben es online für einem Spottpreis verkauft. Das da ist größtenteils noch intakt und das andere hier war noch günstiger, weil es, wie du siehst, nicht ganz so gut in Schuss ist. Ist eine Art Hobby von mir.«

»Beeindruckend«, meinte Brody, wissend, dass sein Freund Bestätigung suchte.

Thorp deutete mit dem Bier in Richtung der Hügel auf der anderen Seite des Grundstücks. Sie schlenderten unter die Schatten der Weiden und liefen an einer Scheune vorbei. Durch die offenen Tore bemerkte Brody ein paar Pferde in ihren Ställen. Am Ende des Hügels konnte er Thorps Felder überblicken. Er sah auf den fruchtbaren braunen Boden, der kürzlich umgepflügt worden war.

Das Land war in verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Nutzpflanzen aufgeteilt. Die langen Sonnenblumenhälse stießen in der Brise des Windes gegeneinander. Hinter den ersten Feldern lag das Moor mit den Cranberrys. Es schien ein gewöhnlicher Teich zu sein, doch an einer Seite entdeckte Brody karminrote Perlen. Die Beeren wurden von einem Pferch zusammengeschraubter Bretter gehalten und wirkten wie eine Koralle.

Selbst aus dieser Entfernung konnte Brody die Karotten in den umgedrehten Glaspflanzgefäßen am äußeren Rand des Grundstücks erkennen. Ihre helle Haut erinnerte ihn an das Weiß seiner Augen. Trotz seiner Bemühungen dachte er daran, dass er den Großteil seines Besuchs nur schwarz-weiße Polygone und Pixel wahrnehmen würde. Er betrachtete die wunderschöne Szene der Kulturpflanzen und versuchte, sich so viel Landschaft und Farbe einzuprägen wie möglich.

Eine Weile standen sie still da und schweiften mit ihren Blicken über das Land. Bald merkte Brody, dass Thorp in eine nachdenkliche Stimmung geriet. Er ging darauf ein, auch wenn er nicht ausführlich über das Militär reden wollte. Er nahm einen Schluck Bier, ließ es auf der Zunge prickeln und wartete auf das unvermeidliche Gespräch.

»Es ist eine Schande, was wir durchmachen mussten. Und wie es das ist.«

»Ja«, sagte Brody und trat gegen unsichtbare Steine.

»Wir hätten diese Dinge nicht sehen sollen. Besonders in unserem Alter. Mann, wir waren echt jung. Haben den Scheiß da drüben gemacht und Befehle von Typen entgegengenommen, die wahrscheinlich selbst keine Ahnung hatten, was zur Hölle sie taten.« Thorp machte eine nachdenkliche Pause. »Kompletter Schwachsinn«, meinte er dann in einer Konversation mit sich selbst.

Brody blieb still und nickte an den richtigen Stellen.

Nachdem Thorp bis zur Erschöpfung über den Militärdienst gequatscht hatte und allmählich ruhiger wurde, fühlte sich Brody unhöflich und wollte etwas beitragen. »Ich bin froh, dass das alles hinter uns liegt.«

Thorp antwortete nicht, nickte nicht, tat für einen Moment gar nichts. Er wandte sich ihm zu, die Augen durch die untergehende Sonne verengt.

Brody schwante Unangenehmes. Zweifellos würde sein Freund jetzt etwas ansprechen, das ihm schon lange auf dem Herzen lag und sie würden weinen oder eine stundenlange Unterhaltung über ihre Erlebnisse führen. Brody hatte weder Lust auf das eine noch das andere. Er wollte etwas Zeit außerhalb der Stadt verbringen, vielleicht fischen oder jagen, wie im Telefonat versprochen, und nicht die Geister seiner Probleme besuchen.

Thorp kaute auf seiner Lippe. Ein paar Sekunden starrten sie einander an, während die Grillen um sie herum ihr zirpendes Konzert spielten. Brody wartete. So gut er konnte, versuchte er, ruhig zu bleiben.

Dann sagte Thorp: »Meine Schwester ist zum Militär gegangen.«

Kapitel 6

»Nectar?«

Sie war zehn Jahre jünger als Thorp und sehr zierlich, elfengleich. Sie hatte rotblondes, golden glänzendes Haar und funkelnde grüne Augen, die sofort alle Blicke auf sich zogen. Brody war ihr nur einmal begegnet und hatte das Mädchen völlig vergessen, bis zu genau diesem Augenblick im Garten beim Cranberrymoor.

Thorp und er waren praktisch selbst noch Kinder gewesen, hatten die Grundausbildung gerade abgeschlossen. Brody begleitete ihn damals im ländlichen Illinois auf ein Familienpicknick. Er erinnerte sich daran, dass Thorp Nectar von der Schaukel herbeirief. Als sie vor ihm stand, wusste Brody nicht recht, was er tun sollte und streckte ihr die Hand entgegen. Zögerlich und verwirrt nahm sie diese an. Das war vor der Brandbombe gewesen, die ihn blendete, und vor den zehn Jahren Tätigkeit als Vergütung-bei-Gebrauch-Ordnungshüter. Er war dreiundzwanzig gewesen, Thorp vierundzwanzig, und beide auf dem Sprung in das Boot eines ruderlosen Lebens.

Nun standen sie wieder in einem ländlichen Garten und sprachen über ein Mädchen, an das er nicht mehr gedacht hatte, obwohl er vieles andere lieber vergessen hätte.

»Ja. Sie ist völlig …«, Thorp wedelte mit der Hand um seinen Kopf, »… verwirrt … und so 'nen Scheiß. Ich meine, der Dienst ist eine gute Sache, wenn man jung ist. Aber wie man uns behandelt hat, als wir nach Hause kamen und alle sauer auf uns waren, obwohl wir nur getan hatten, was uns befohlen wurde. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie das überstehen soll, wie sie da drüben überleben soll.«

»Es ist eine andere Zeit heute, ein neues Kuba. Das ganze Chaos wird sich wahrscheinlich erst in ein paar Wochen zeigen. Wir sind nicht mehr in Ägypten. Die Einstellung der Menschen hat sich geändert, gegenüber dem Militär, der Uniform. Ich glaube nicht, dass sie dasselbe durchmachen wird wie wir.«

Thorp wandte sich ab. »Ich will nicht, dass sie daran beteiligt ist.«

»Weißt du noch, wie sich dein Umfeld gegen deinen Beitritt stellte? Du hast mir erzählt, du hättest dich mit deinem Vater darüber gestritten und dich trotzdem eingeschrieben. Dasselbe wird mit Nectar sein. Da bin ich mir sicher. Je mehr du ihr sagst, sie soll es nicht machen, desto mehr wird sie es wollen.«

»Ich dachte, dass gerade du auf meiner Seite stehst. Himmel. Hier sind wir, beide abgefuckt von all dem Bullshit, den sie uns angetan haben. Du blind, ich verkorkst im Kopf. Und du redest, als hättest du noch die beschissene Uniform an.«

»Ich sag nur, dass deine Schwester ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Auch wenn sie dir nicht gefallen, es sind ihre. Ginge es nach mir, würde ich auch nicht wollen, dass sie geht. Aber wir können nicht viel dagegen tun, oder?«

»Der heilige Brody«, spottete Thorp. »Gegrüßt seist du, Sankt Brody, Schutzpatron des Bullshits. Herrgott. Was ist eigentlich los mit dir? Nie hattest du eine gottverdammte Meinung zu irgendwas. Wann immer der kommandierende Offizier uns irgendwohin befohlen hat, hast du nie gefragt. Du bist einfach geradeaus marschiert. Und was machst du jetzt? Verprügelst Frauenschläger und Drogendealer in Minneapolis? Jesus.«

»Du hast meine Akte gelesen?« Brody dachte nicht mal, dass Thorp einen Fernseher besaß, geschweige denn sich die Mühe machte, Geld für die Suche nach öffentlichen Dokumenten auszugeben und in Polizeiberichten zu wühlen. Er spürte, wie seine Wangen erröteten und seine Stimme wankte. »Ich weiß, dass es öffentliche Akten sind, aber denkst du nicht, du warst ein wenig zu neugierig? Besonders als Freund?«

»Freund«, spie Thorp. »Der war gut. Wie viele Jahre hab ich nicht mit dir geredet? Und spiel nicht den Aufgebrachten. Deine Akte ist für jeden einsehbar. Wen interessiert's? Willst du meine Akte hören? Seit unserer Entlassung dreimal Trunkenheit am Steuer und Führerscheinentzug. Ein paar Kneipenschlägereien. Und ich hab vor eineinhalb Jahren einen Cop verprügelt. Trotzdem sperren die mich nicht weg, da ich als ›Problemfall‹ gelte, wegen dem, was da drüben verfickt noch mal passiert ist. Weißt du, wie es ist, wenn man nicht mal in 'ne Ausnüchterungszelle kommt und einen alle mit Samthandschuhen anfassen, weil man ja offensichtlichemotionale Probleme hat? Du Arschloch nennst mich Freund? Nenn mich noch mal so und ich schwör bei Gott, ich schlag dir die Zähne ein.«

»Halt mal die Luft an«, entgegnete Brody, der das Gespräch gern zurückgespult hätte. »Ich will nur wissen, was zur Hölle los ist. Klar, du bist verärgert wegen Nectars Einschreibung. Aber hast du ihr die Geschichten erzählt? Sie kann nicht wissen, wie du dich fühlst.«

»Oh, ich hab es ihr gesagt. Ich habe ihr alles darüber erzählt. Sie hört nicht zu. Sie hat keine Vorstellung davon, wie es sein wird. Ich meine, sie ist zerbrechlich, sie ist nur ein Kind. Sie glaubt, sie spielt die Schülerlotsin für ein paar koreanische Kinder, aber es wird Gewehrfeuer und Flächenbombardements geben und das ganze verfickte Zeug. Was, wenn sie nicht mehr zurückkommt?«

Brody führte Thorps Gedankengang fort. Wenn er seine Schaltkreise jetzt schon für verkorkst hielt, wie wäre es dann erst, wenn sie sterben würde oder gelähmt nach Hause käme und den Rest ihres Lebens über Schläuche ernährt und beatmet werden müsste? Er dachte wieder an die Nachrichten im Zug über den Ex-Soldaten, der all die Leute im Einkaufszentrum erschossen hatte, und gab sich sofort eine mentale Ohrfeige für diesen neuerlichen Vergleich.

Er wollte Thorp fragen, ob er für ihn mit seiner Schwester reden sollte, und erkannte, dass genau dies wohl auch der Hauptgrund für die Einladung gewesen war. Er hatte schon mit etwas gerechnet, aber Nectars Einschreibung hatte er nicht kommen sehen.

Brody blickte Thorp an, der nun völlig aufgelöst wirkte. Er stand da, gealtert, mit schütterem Haar und geröteten Wangen, seine Flasche hausgemachtes Bier vor die Brust haltend, während die andere Hand über seinen Nasenrücken strich.

Tröstend legte er eine Hand auf die Schulter seines Freundes.

»Ich kann dich bezahlen. Was immer du verlangst.« Thorp sah auf, die Augen mit Tränen durchnässt. »Ich habe Geld. Wie gesagt, Hark Telecommunications. Die zahlen ganze Schiffsladungen für diese Leitungen.« Er zeigte nach oben und Brody sah endlich die isolierten Kabel, dick wie Handgelenke. »So viel du willst, solange es dir nur gelingt, sie umzustimmen.«

»Ist sie schon in der Grundausbildung oder bleibt noch Zeit?«

»Sie muss erst durch die Theorie. In Fort Reagan. Erinnerst du dich? Bitte geh nach Chicago und rede mit ihr.«

Als Thorp die nahegelegene Stadt erwähnte, in die Brody eigentlich nicht so bald zurückkehren wollte, blinkte 00:09:59 unübersehbar in seinem Augenwinkel auf. Wie durch das Schicksal bestimmt, half es ihm bei seiner Entscheidung.

»Ja«, antwortete er und zwang sich zum Augenkontakt mit Thorp. »Ich rede mit ihr.«

Brody lauschte den Grillen vor dem Fenster. Ab und zu wieherte ein Pferd im Stall und alarmierte ihn. Er war das Schlafen in völliger Stille nicht gewohnt. Es überraschte ihn, dass es auch ein zu leise gab. Darüber hinaus konnte er nur in seinem eigenen Bett schlafen und hatte jetzt auch noch Nectar Ashbury im Kopf.

Alle paar Minuten hörte er den Piepton des Linsenladegeräts. Es wies ihn darauf hin, dass die Linsen so weit aufgeladen wurden, wie es die schwachen Batterien erlaubten. Er wollte keinesfalls mit dem Sonar nach Chicago, denn er hielt es für die Steilvorlage einer Katastrophe. Er würde Nectar nämlich nicht mal erkennen, wenn sie direkt vor ihm stünde, da alles in einem farblosen Netzgitter erschien.

Brody überlegte, ob er Thorp nach einem Vorschuss fragen sollte, um eine neue Batterie zu kaufen. Doch das käme nicht gut rüber und war ihm unangenehm, also entschied er sich dagegen. Er würde das Sonar auf der Fahrt nach Chicago tragen, die Linsen bei Ankunft in einer Tankstellentoilette einsetzen, mit der Restladung so viel wie möglich erledigen, mit dem Mädchen plaudern und auf der nächtlichen Rückfahrt wieder das Sonar aufsetzen. Zeitlich käme es hin, da er den Standort der Basis und des Gebäudes kannte, in dem die Frischlinge unterrichtet wurden.

Brody wusste nicht, was er Nectar sagen oder wie er an sie herantreten sollte. Sicher erkannte sie ihn nicht wieder. Er würde ihr Gedächtnis auffrischen müssen und dann langsam den Grund seines Besuchs ansprechen. Außerdem hoffte er auf ihre Bereitschaft, für das Gespräch an einen anderen Ort zu gehen, denn wer mit neuen Rekruten sprach, ob Veteran oder nicht, galt als feindlich.

Er konnte sich noch gut daran erinnern, als er selbst unterrichtet wurde und ein Vater kam, um seinem Sohn ins Gewissen zu reden, aber alle hatten nur den versprochenen Krieg im Kopf. Der Ausbilder hatte ihn hochkant rausgeworfen. Ein paar Rekruten schubsten den Mann sogar durch das Eingangstor und riefen ihm Beleidigungen nach. Kommunistnannte ihn einer, Pazifisten-Arschloch ein anderer.

Brody stellte sich vor, wie er von muskulösen, jungen Männern umzingelt wurde, mit denen er nicht kämpfen wollte.

Tief in der Nacht, als es ihm endlich gelungen war, einzuschlafen, hörte er Schüsse. Er schreckte auf, griff nach seinem Sonar und befestigte es an der Stirn. Die Umrisse des Schafzimmers erschienen, dann die des Flurs und der Treppe. Er saß im Bett und horchte wachsam. Dann nahm er seinen Schlagring aus der Gesäßtasche seiner Jeans auf dem Boden. Er könnte Feuerstößen nichts entgegensetzen, aber es war besser, als unbewaffnet zu sein.

Brody ging die knarrende Treppe hinunter und spähte mit dem Sonar ins Wohnzimmer. Er sah die Form eines gespreizten, menschlichen Körpers auf der Couch. Gemessen an der Form des Schädels, der dicken Augenbrauen und des langen, breiten Kinns, war es Thorp, bequem vor einem Ordi sitzend, der auf einem Stapel alter Field-&-Stream-Magazine ruhte. Es war ein neueres, teures Modell, ein Canon Gizumoshingu, wörtlich: Gizmo-Ding.

»Oh, scheiße, tut mir wirklich leid«, sagte Thorp und richtete sich auf, als er ihn bemerkte. Er rückte nach vorn, schaltete den Monitor ab und zog das Kabel aus einem kleinen Zylinder, den Brody sofort erkannte.

»Nein, schon okay. Ich hab gehört, was immer du dir angesehen hast, und war nur überrascht. Das ist alles. Ich hab hier vorher keinen Fernseher oder irgendwas gesehen.«

Thorp wickelte das Kabel um die zylindrische Einheit, steckte sie unter das Couchkissen und klappte den Deckel des Ordis zu. »Ich hab nur das Gerät hier. Manchmal montier ich es an die Wand. Ich hab Angst, ausgeraubt zu werden, wenn ich hier ganz allein bin und alles ausgeschaltet ist.«

»Was hast du dir angesehen?«, fragte Brody, obwohl er die Antwort bereits kannte.

»Ein paar der alten Gewehrkamera-Aufnahmen vom Schießstand und solche Sachen.«

Brody wusste, dass die Schüsse nicht vom Schießstand kamen. Sie klangen zu verstreut und es gab keine Zeit zwischen den Feuerstößen für sorgfältiges Zielen. Es waren Aufnahmen vom Krieg. In den Selbsthilfe-Hörbüchern, die er sich auf der Flucht vor seinen eigenen Erinnerungen gekauft hatte, wurde das Anschauen solcher Videos nicht empfohlen.

»Die haben dich deine Gewehrkamera-Aufnahmen behalten lassen?«

»Ich hab darum gebeten«, sagte Thorp wieder zurückgelehnt. »Es hat eine Weile gedauert, aber sie haben sie mir vor ein paar Wochen geschickt.«

Brody lehnte gegen den Türrahmen. Das Wohnzimmer war kalt, die Hartholzdielen betäubten seine Füße. Das Sonar erfasste verkohlte Scheite durch die Schlitze der Ofentür. »Haben sie dir das ganze Material gegeben?«

Thorp zögerte. »Ja, ist alles drauf.«

Brody erinnerte sich, als ihm selbst ein solcher Zylinder übergeben wurde. Der Techniker hinter der Glaswand in der Waffenausgabe musste es ihm erklären.

Die Unterseite des Laufs … ja, die Befestigung da … japp, genau so. Jedes Mal, wenn Sie die Waffe entsichern, startet die Kamera. Alles, worauf Sie schießen, wird in diesem Zylinder festgehalten, Ihrer Gewehr-Black-Box. Nur für den Fall, dass etwas schiefgeht.

Brody wollte weiter nachhaken, noch mehr auf das Thema eingehen. Als er daran dachte, was Thorp während des Einsatzes in Kairo mit der Waffe getan hatte, fragte er sich, ob die Bilder überprüft worden waren, ehe sie in die Welt gesendet wurden. So konnte sie jeder sehen, vervielfältigen, ins Internet stellen und den Verdacht derer bestätigen, die diesen unpopulären Krieg in Ägypten verabscheuten. Er entschied, nicht zu fragen. Es war spät und die aufgekratzten Erinnerungen machten ihnen den Schlaf ohnehin schon schwer.

Thorp fühlte Scham, weil er beim Anschauen der Gewehrkamera-Aufnahmen erwischt worden war. Alte Gewohnheiten blieben hartnäckig und er war keine Gesellschaft gewohnt. Etwas in ihm verstand wohl nicht mehr, dass sich Geräusche ausbreiteten, oder aber sein Gehör ließ nach. Er dachte nicht, dass Brody sie bis oben hören konnte. Es musste laut gewesen sein, denn er hatte ihn erst nicht bemerkt. Jetzt wirkte Brody im Wohnzimmer wie ein Psychiater, der einfach nur dastand und nichts sagte, damit er immer weiter redete und sein ganzes Herz ausschüttete. Doch Thorp wusste es besser. Er hielt den Mund und wartete, dass Brody zuerst etwas sagte.

»Ich würde mir keine Sorgen um sie machen.«

»Wie könnte ich nicht?« Thorp sprach in die Dunkelheit, geradeheraus in Richtung Ofen. Brody hatte dieses Ding auf, das Sonar, und wenn er es trug, verdunkelte sich seine Sicht und wurde erst wieder klar, wenn er die Linsen einsetzte. Es fiel Thorp schwer, ihn so zu sehen, seine Lider blinzelnd über nutzlosen Kugeln in einem gespannt horchenden Kopf. Konnte er nicht einfach die Augen schließen? Nach einem flüchtigen Blick schaute Thorp von Brody und den toten Dingern weg.

Etwas klopfte gegen seine Gedanken, wie der Rumpf eines Bootes, der gegen metallenes Treibgut stieß. Wäre er nur ein paar Monate länger geblieben, hätte er womöglich dieses gottverdammte Teil, das Brody blendete, rechtzeitig entdeckt. Vielleicht könnte sein Freund heute ohne Linsen und dieses Sonar-Ding sehen, wenn er es verflucht noch mal einfach durchgezogen hätte.

Brody antwortete nicht.

»Sorry. Ich werde jetzt leise sein. Geh wieder ins Bett.«

Brody blieb. Das Geräusch, wenn er von einem Bein aufs andere stieg und seine nackten Sohlen am lackierten Holz klebten und sich wieder lösten, dauerte noch ein paar stille Momente an. Jetzt mit ihm in diesem Raum zu sein, war gleichermaßen schwer, wie ihn um Hilfe zu bitten. Geradezu quälend.

»Wir kriegen das schon hin«, meinte Brody, aber erst auf halber Strecke nach oben, als wollte er weiteren Debatten entgehen.

Brody konnte ewig diskutieren und war schnell aufgebracht. So sehr Thorp ihn auch hinterhersprinten und ihn zu den Plänen mit seiner Schwester befragen wollte, er ließ es.

Thorp wartete, bis er die Tür des Schlafzimmers und das Quietschen der Bettfedern hörte, bevor er nach dem Zylinder unter dem Kissen griff. Er entrollte das Kabel, steckte es in die Seite seines Ordis und schaute weiter. Wie ein Sporttrainer, der das letzte Spiel auf Fehler analysierte. Er pausierte ab und zu, um sicherzustellen, dass wahrgenommene Geräusche draußen vom Wind kamen. Nie ging er ohne Waffe aus dem Haus.

Die Nacht war wie jede andere, nur dass diesmal ein Gast im oberen Stockwerk zu schlafen versuchte und er leise sein musste.

Kapitel 7

Der Morgen brach an und Brody stopfte das Ladegerät in seine Tasche, ohne zu wissen, wie viel Energie seine Linsen über Nacht abbekommen hatten. Er entfernte die Batterie aus dem Gehäuse und schüttelte sie nahe des Ohrs. Fest. Er warf sie in den Müll im Badezimmer, bevor er nach unten ging. Bereits auf dem halben Weg wusste Brody von Kaffee auf dem Ofen sowie Speck und Eiern in der Pfanne. Der Geruch verriet, dass es keine Imitate waren. Trotz des vor ihm liegenden Tages, an dem er in der Kälte Chicagos umherlaufen und eine junge Frau davon überzeugen musste, aus dem Militär auszutreten, war ihm ein wenig Freude vergönnt.

In der verpixelten Darstellung der Küche erspähte er Thorp in seinem Morgenmantel. Mit der brutzelnden Pfanne in der Hand drehte dieser sich um und hielt inne. »Das musst du also tragen, hä? Verdammte Scheiße, sieh sich einer dieses Ding an. Gott, siehst du dämlich aus.«

Thorp hatte es letzte Nacht schon gesehen oder vielmehr vor ein paar Stunden, schließlich war es fast drei Uhr gewesen, als Brody vom längst vergangenen Gewehrfeuer aus den blechernen Ordi-Lautsprechern geweckt wurde. Doch offenbar wollte er das Sonar erst jetzt kommentieren. Seltsam, wie verändert er seit letzter Nacht wirkte. Hinter der Fassade munterer Kontaktfreudigkeit meinte Brody, einen Freund seines Vaters zu erkennen, der gefühlsstabilisierende Medikamente schluckte. Einem Moment die Hände in den Taschen, schroff und geknickt, nur um eine Pille und ein Glas Wasser später über alles zu lachen. Vielleicht war es dasselbe mit Thorp. Womöglich nahm er beruhigende Tabletten. Oder aber sein Freund war jetzt einfach so und er musste sich erst daran gewöhnen.

»Danke«, spottete Brody, ging zum Tisch und nahm vorsichtig Platz. Er hatte beschlossen, die gleiche Kleidung zu tragen wie gestern im Zug: gestärktes Button-down-Hemd, Krawatte und eine lockere Hose. Wenn er eine Krawatte trug, reagierten die Menschen umgänglicher. Und in Fort Reagan erhielten selbst die bestgekleideten Männer nur schwer Antworten, darum wollte er sein Möglichstes versuchen.

Thorp legte zwei Schinkenstreifen auf Brodys Teller. »Es macht mich wirklich fertig, dich dieses Ding tragen zu sehen.«

»Ich kann es auch abnehmen. Nur, dass würde mit das Frühstücken nicht einfach machen«, lächelte er.

»Schreib dich ein, diene deinem Land, werde ein Held. Am Arsch. Wohl eher: Schreib dich ein, dir wird Schreckliches widerfahren, werde nach Hause geschickt mit jeder erdenklichen Sorte Scheiße, die dich verkorkst hat, und …«

Brody hob die Hand. »Schon gut. Versteh mich nicht falsch, mich schmerzt es auch, was geschehen ist, aber lass uns nicht wieder mit dem Scheiß anfangen. Lass uns einfach nur frühstücken, und dann mach ich mich auf den Weg, um mit deiner Schwester zu reden, okay?«

»Tut mir leid«, sagte Thorp und stellte die Pfanne auf die Ofenplatte. »Ich will keine Wunden aufkratzen, aber das mit dir macht mich einfach fertig. Ich hätte dort sein sollen. Ich hätte mich zusammenreißen, mich, du weißt schon, behandeln lassen und mit dir gehen sollen, einfach warten, bis der Mist abgekühlt ist, bevor ich anfange, von posttraumatischem Stress zu faseln.«

»Vergiss es«, entgegnete Brody streng und nahm seine Gabel.

Thorp stand neben dem Tisch und beobachtete ihn Speck und Eier über den Teller nachjagen. Plötzlich nahm er seinen Mantel und ging mit einer Zigarre vor die Tür.

Brody blieb am Küchentisch sitzen und aß, was er erwischte. Er schaute nach Thorp, doch mit dem Sonar konnte er nicht mal durch sauber poliertes Glas blicken. Er leerte seinen Kaffee, schmeckte die bittersüße Schlacke aus halb geschmolzenem Zucker am Grund des Bechers, und nahm sein Handy, um ein Taxi zu rufen.

Als er nach seinem Namen und der ID-Kartennummer gefragt wurde, legte er auf. Er hatte vergessen, dass er völlig pleite war. Er ging nach draußen und schlurfte durch das feuchte Gras, dessen stiefeldurchnässender Tau erst nach einer Weile kalt seine Zehen berührte. Er näherte sich Thorp, der neben einem Baum auf dem Hügelkamm stand und die Felder überblickte.

»Hey, Kumpel«, sagte Brody seinen Mantel enger ziehend. Es war ein kühler Morgen und er fragte sich, ob Frost oder Tau das Gras bedeckte.

»Tut mir leid wegen gerade«, meinte Thorp. »Manchmal dreh ich ein bisschen am Rad wegen der ganzen Sache. Du bist der Erste und Einzige aus dem Dienst, den ich hier draußen habe, und ich glaube, ich war noch nicht bereit dafür. Normalerweise komme ich damit ganz gut klar. Es ist nur wegen Nectar und dir hier ziemlich schwer, nicht an diese elenden Tage zu denken.«

»Verständlich«, meinte Brody. Er sah auf seine Füße und dann in Thorps Augen, sich vorstellend, wie grün sie außerhalb der pulsierenden weißen Kugeln der Sonarbilder aussahen.

»Was ist los?«, fragte Thorp.

»Weißt du was?«, begann er. »Ich sag einfach, wie es ist, denn es führt ja eh kein Weg daran vorbei: Ich bin komplett blank. Und ich brauche ein Taxi nach Chicago, wenn ich mit Nectar reden soll. Könntest du mir eine Fahrt spendieren?«

»Ja, ja. Natürlich, kein Problem.« Thorp holte sein Handy heraus und rief die Taxigesellschaft an.

Sie liefen wieder ins Haus zurück und warteten im Wohnzimmer auf die Ankunft des Wagens. Brody stand am Fenster, starrend auf den Rasen, den er nicht sehen konnte. Wenn er schon ertragen musste, seinen Freund nach nicht mal einen Tag um Geld zu bitten, könnte das Schicksal doch wenigstens einen menschlichen Fahrer schicken.

Gib mir wenigstens das.

Brody war nicht besonders glücklich. Als das Taxi in die Kieseinfahrt einbog, erkannte er, dass es von keinem echten Fahrer gesteuert wurde. Er musste dafür nicht mal durch die Windschutzscheibe sehen. Die verdammten Dinger bremsten schleichend und wendeten so sorgfältig wie ein kleiner Hund, der nachts unschlüssig eine Treppe hinunterstieg, als könnte ihm jeder Schritt zum Verhängnis werden. Er seufzte.

Nachdem er eingestiegen war, hörte er die lässige elektronische Frage: »Wo möchten Sie gern hin, Sir oder Madam?«

»Chicago«, antwortete Brody mit deutlichem Widerwillen, hoffend, das Taxi mochte dies erkennen und ihm den Gefallen tun, aus Versehenwoanders hinzufahren. Es wäre das erste Mal gewesen, dass er sich über eine unkooperative Technik gefreut hätte.

Während der Fahrt schaltete er sein Handy wieder an. Eine Reihe von Pieptönen teilte ihm mit, dass eine Fülle Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter waren. Sie kamen alle von seiner Bewährungshelferin. Er rief sie sofort an.

»Mr. Calhoun«, sprach Chiffon, als hätte sie stundenlang gewartet. Und wahrscheinlich hatte sie das auch. Ihre Stimme war angenehm und optimistisch, trotz des ungeduldigen Untertons.

»Ich wollte nur zurückrufen.« Brody biss sich, das Schlimmste erwartend, in die Faust.

Es folgte ein Moment bitteren Schweigens.

»Ich sehe, Sie haben den Bundesstaat verlassen«, betonte sie.

»Einen Freund besuchen.«

Zu schnell, schimpfte er. Du hast das viel zu schnell gesagt.

»Es geschieht hoffentlich nicht wieder dasselbe wie bei den meisten Ihrer Freunde. Sie scheinen eine Menge davon zu haben, die Sie ständig um Gefallen bitten. Ich hoffe ehrlich, dass Sie nicht gegen Ihre Bewährungsauflagen verstoßen, indem Sie den Staat verlassen, umsolch einen Freund zu besuchen.«

»Ich hätte Ihnen sagen sollen, dass ich den Staat verlasse. Tut mir leid. Ich treffe mich mit einem Freund aus dem Dienst, aber es ist bloß Illinois und ich meide große Städte.«

»Lügen Sie mich nicht an. Ich sehe, dass Sie gerade in Chicago sind, während wir hier reden.«

»Ich weiß, aber es gibt kein Lebensmittelgeschäft in der Nähe. Ein Mann muss essen, oder?«

Wieder zu schnell. Willst du im Gefängnis landen?

Chiffon seufzte. »Hören Sie mir zu. Habe ich Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit? Wir könnten dieses Gespräch auch von Angesicht zu Angesicht führen, zum Beispiel in einer Arrestzelle.«

»Sie haben meine ungeteilte Aufmerksamkeit, das versichere ich Ihnen.«

»Und ich habe einen Riecher für Kinkerlitzchen. Die Sachen, die Sie mir verklickern wollen, stinken zum Himmel. Wir haben eine Abmachung. Was das Gesetz betrifft, ist seine Geduld mit Ihnen überspannt. Für alle Nasen, die Sie buchstäblich zertrümmert haben, und alle Zehen, auf die Sie bildlich getreten sind, sollten Sie jetzt im Knast sitzen. Immer und immer wieder lasse ich Sie davonkommen, was nicht heißt, dass es richtig ist, was Sie tun. Nein. Aber wenn Sie sich während Ihres Aufenthaltes nicht benehmen, habe ich keine andere Wahl, als Ihren Fall neu zu bewerten. Der Januar naht, ich erinnere Sie nur daran.«

»Ich verstehe«, sagte Brody, bevor er die Freisprechfunktion anschaltete und das Handy auf den Sitz warf. Er zog das Sonar von der Stirn und steckte es in die Kartentasche seiner Cabanjacke. Er setzte eine Linse ein und blinzelte die Farbe in die Welt zurück. Dann setzte er die zweite ein und wartete, bis er mit beiden Augen richtig sehen konnte. Unmittelbar danach blinkte die Ladeanzeige so hell und schrecklich, wie ein umgestürztes, brennendes Fahrzeug. 01:59:59.

»Sagen Sie mir nicht, was Sie vorhaben, wohin Sie wollen oder warum Sie in Chicago sind. Ich will es nicht wissen. Besuchen Sie einfach Ihren Freund, gehen Sie auf die Aussichtsplattform des Willis Towers, essen Sie einen Hotdog und schauen Sie sich ein Baseballspiel an. Machen Sie sich einen schönen Tag, wenn Sie wollen, aber fahren Sie mit dem ersten Zug nach Hause und hinterlassen Sie alle Bürger der Stadt wie sie sind, nämlich unversehrt. Verstanden?«

»Ja, Ma'am.«

»Alles klar. Wir haben einen Termin … wann?«

»Freitag«, antwortete er. »Ich werde da sein. Keine Sorge.«

»Bleiben Sie anständig. Bis bald, Mr. Calhoun.«

»Ja. Danke. Auf Wiedersehen.« Brody klappte sein Handy zu und spürte wieder diese Anspannung, der er durch das anständige Frühstück kurz entkommen war. Er hasste die Anrufe seiner Bewährungshelferin, aber heute klang jedes Wort dieser Frau wie eine schlechte Diagnose nach der anderen, jede Silbe und kurze Pause wie ein Schnitt über die Kehle. Er hielt das Handy an sein Kinn und kaute gedankenverloren an einer Ecke. Da er glaubte, es bräche ein Zahn, wenn er noch fester zubiss, legte er es weg und rang seine Hände.

Als schrie sein Gewissen nicht schon laut genug, plagte ihn nun auch eine unbestreitbare Tatsache: Wenn er wieder in Schwierigkeiten geriet, war es das. Er hätte keine Optionen mehr. Kein Gemeindezentrum, keine Samantha, keine aufgeladenen Linsen. Er wäre ein blinder Mann in einem Gefängnis mit einem ernsten Mangel an Freunden.

Brody ignorierte das Rauchverbot, das ihm ins Gesicht starrte, und zündete sich eine Zigarette an. Das Taxi hielt am Straßenrand vor der eingezäunten, in zwei Hochhäusern eingebetteten Militärbasis. Er setzte eine Sonnenbrille auf, da das Carotin noch juckte und seine Augen selbst im sanften Schein des Morgenlichts tränten.

»Wir hoffen, Sie genießen Ihr Ziel.«

Brody wusste nicht, wie er zurückkommen sollte, aber darüber würde er später nachdenken. Er stieg aus und der Wagen reihte sich wieder in den dichten Verkehr der Rushhour ein.

Brody stand ein paar Minuten vor der hohen Betonmauer Fort Reagans, rauchte seine Zigarette zu Ende und ging dann zum Tor. Er hatte gehofft, dass die Sicherheitsmaßnahmen seit seinem letzten Aufenthalt gelockert worden waren und es kein Wachhäuschen mit Schranke für Fahrzeuge mehr gab. Doch alles sah aus wie vor zehn Jahren. Er klopfte ans Glas.

Der behelmte Wachmann sah vom Bildschirm auf. Seine Augen verengten sich bei Brodys Anblick mit der dunklen Kleidung und der wehenden, schwarzen Seidenkrawatte.

Aus Höflichkeit nahm Brody die Sonnenbrille ab. Er erinnerte sich, dass es beim Militär ein Muss war, bei Gesprächen die Brille herunterzunehmen, ob Zivilist oder nicht. Ganz gleich wie sehr die Sonne blendete, Anstand hatte Vorrang. Er zuckte im Morgenlicht zusammen. Jeder Strahl schien sich mit einer Klaue in seinen Schädel zu graben.

»Hi, ich bin hier, um eine Freundin zu sprechen. Sie ist eine neue Rekrutin.«

»Besuchszeit für Zivilisten ist von Mittag bis drei, Sir.«

»Ja, aber das hier ist ein Notfall. Ihr Bruder ist krank«, sagte er, und glaubte nicht mal zu lügen.

Der Wachmann musterte Brody erneut von Kopf bis Fuß, lehnte sich in seinen Klappstuhl zurück und drückte den Knopf einer Gegensprechanlage. Mit gedämpfter Stimme sprach er hinein und erhielt beinahe augenblicklich eine Antwort. Als er sich wieder nach vorn lehnte, schlugen die Vorderbeine seines Stuhls gegen den Boden seiner winzigen Kabine. Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und fragte: »Wie lautet der Name der neuen Rekrutin?«

»Nectar Ashbury.«

Er klickte ein paarmal auf seinem Bildschirm, schloss den Film, den er angesehen hatte, öffnete das Verzeichnis der neuen Rekruten und bat Brody, den Nachnamen zu buchstabieren, was er auch tat. Ein zweites und drittes Mal ging er die Liste durch. »Sorry, keine neuen Rekruten hier unter diesem Namen. Ist sie verheiratet oder hat sie ihren Namen geändert? Kommt häufig vor, vor allem wenn sie nicht wollen, dass jemand sie findet und versucht, sie umzustimmen.« Er funkelte ihn an.

»Ist schon in Ordnung. Wahrscheinlich nur ein Missverständnis meinerseits. Vielen Dank für Ihre Bemühungen.« Brody steckte seine tauben Hände in die Manteltaschen und schlenderte davon. Er war sich sicher, auch noch einen Block entfernt von den Kameras der Basis beobachtet zu werden.

Er bog um die Ecke, dann um eine andere, lief eine kurze Gasse entlang und betrat ein Café. Er hatte kein Geld für eine Bestellung, ging nur in die Herrentoilette und verriegelte die Tür. Das konnten sie ihm nicht verbieten. Klobrille und Deckel klapperten unerwartet laut, als sie auf die Schüssel fielen. Er zog seinen Mantel fest um sich, damit er nichts Schmutziges berührte, was in diesem Raum alles hätte sein können, setzte sich und rieb die Hände über das Gesicht. Zwischen den blinkenden Lichtern und schreienden Menschenmassen um ihn herum, alles laut, stinkend und lärmend in dieser unvertrauten Welt, brauchte er einen Ort, an dem er sich beruhigen konnte hier in Chicago. Diese beengte Kabine bot etwas Behaglichkeit, doch sie reichte nicht. Das Summen der Leuchtstoffröhren, die Gespräche der Leute im Café und der sanfte Jazz, der in solchen Lokalen stets gespielt wurde … er musste einen spontanen Schutz vor alledem erschaffen, hier und jetzt.

Brody stand auf und schaltete das Licht aus. Der Klang summender Lichter verschwand aus der stickigen Luft des Lärms, doch die übrigen Schichten blieben. Er ging zurück in die Kabine, legte die Hände auf die Ohren und kniff die Augen so fest zusammen, dass sie beinahe schmerzten.

Nun konnte er denken, verarbeiten.

Mit seiner Aktion hatte Brody wahrscheinlich die Sicherheitsleute in Fort Reagan aufgescheucht. Ob die Polizei benachrichtigt worden war? Vielleicht hingen vorne Holo-Capture-Einheiten und Kameras, die nicht nur filmten, sondern auch Größe und Körperform erfassten. Es war bei Banken und bestimmten Regierungsgebäuden üblich. Warum nicht auch hier? Brody sah sich bereits von den Cops in Thorps Haus abgeholt, was seinen Freund auf die Palme brächte und noch mehr Chaos stiften würde. Genügten nicht schon die Kameras der Stadt, um ihn zu verfolgen? In diese Straße, dieses Café, diese Toilette? Was dann? Und woher kamen auf einmal diese Gedanken?

Brody nahm die Hände von den Ohren. Er trat zur Wand und tastete nach dem Lichtschalter. Nie hatte er sich als sonderlich paranoid betrachtet, also wo kam das plötzlich her? Hatte Chicago einen derartigen Einfluss auf ihn?

Er spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht. Ungeachtet seiner panischen Empfindungen, verließ er die Toilette, überquerte den Gastraum und ging hinaus in die Kälte. Aber mit jedem Schritt, den er machte, wurde er das Gefühl nicht los, dass jedes Detail, jeder Schwung seiner Beine, jede Bewegung seiner Krawatte beobachtet wurde. Was immer diese Gedanken hervorrief, er befahl ihnen, damit aufzuhören.

Kapitel 8

Mithilfe seines Spiegelbildes in einem Schaufenster, das mit Weihnachtsbäumen und anderer roter, goldener und grüner Dekoration beladen war, nahm Brody vorsichtig die Linsen aus den Augen, als die verbleibende Zeit eine Stunde und vierzig Minuten anzeigte. Er heftete sich das Sonar an die Stirn und marschierte die Straße hinab. Aus einem unerfindlichen Grund gab es ihm ein besseres Gefühl, in Bewegung zu sein.

Nach ein paar Schritten in Dunkelheit konnte er wieder etwas sehen. Zuerst erschien ein kubisches, dumpf erscheinendes Gebäude, dann der Bürgersteig und schließlich der Strom der Passanten. Er setzte seine Sonnenbrille auf, um mit den milchigen Augen keine Blicke anzuziehen. Als er ein Bushaltestellenhäuschen aus Glasfaser erreichte, nahm er sie wieder ab und ließ das Sonar in Ruhe die Umgebung berechnen. Er konnte einfach dort sitzen und alles erfassen, sofern die Bewegungen nicht zu schnell waren.

Brody holte sein Handy heraus, konnte aber nichts auf dem Bildschirm erkennen, bloß die leere Fläche eines Bedienfelds. Doch mithilfe der individuellen Tastenpieptöne gelang es ihm, das Teil zu bedienen. Er hoffte, Thorps Nummer richtig gewählt zu haben, und hielt sich das Handy ans Ohr. Das Freizeichen war unter den Windgeräuschen im offenen Wartehäuschen kaum zu hören. Auf ein Klingeln folgte das nächste und das nächste. Als er bereits ans Trampen dachte, ging Thorp ran.

»Sorry, dass es so lang gedauert hat. Ich war im Garten.«

Brody stellte sich ihn im rußgeschwärzten Cockpit des Darters vor, fröhlich am Gewehr seiner gewalttätigen Rückblenden sitzend und den Klang der Schüsse imitierend: Ratatatat, Ratatatat, Ratatatat.

»Hör zu, Nectar ist nicht auf der Liste der neuen Rekruten in Fort Reagan. Bist du sicher, dass sie sich dort eingeschrieben hat?«

»Als ich das letzte Mal mit ihr gesprochen hab, sagte sie, sie wollte sich dort anmelden. Ich hatte mich da angemeldet, also wollte sie es auch.«

»Jetzt sei ehrlich zu mir. Hast du wirklich mit ihr geredet oder ist es dir nur zu Ohren gekommen?«, fuhr Brody ihn an, den die Anwesenheit in Chicago allein schon nervte. Halb blind war er erst recht nicht in der Stimmung, um den heißen Brei zu reden.

Ein langer Kasten schob sich vor das Häuschen, gurgelnd wie ein in eine Kaffeekanne gestopfter Wal. Brody winkte den Bus weiter und konnte Thorp erst ein paar Augenblicke später wieder hören.

»… bin ehrlich zu dir, Mann. Sie sagte mir, dass sie sich in Fort Reagan eingeschrieben hat. Ich verscheißere dich nicht. Das würde ich nicht machen.«

»Tja, die haben mir gesagt, sie ist nicht auf der Liste. Soll ich noch woanders suchen? Nebenbei habe ich kein Geld, um zu dir zurückzukommen.«

»Wo bist du? Ich schick dir ein bezahltes Taxi.«

»Vergiss es. Jetzt bin ich schon mal hier und will zumindest ein wenigFortschritte machen.«

Er spürte den Griff enger werden. Brody spürte ihn oft erst, wenn er eine Spur verfolgte. Diesmal erwischte er ihn früher, womöglich wegen der persönlichen Umstände. Er sah seine Zukunft: eine Wand seines Gästezimmers in Thorps Haus, überall Fotos von Nectar, seitenweise Notizen, mitgeschnittene Telefonate. Normalerweise waren seine Fälle schnell erledigt, doch er wusste, dass dieser anders war.

»Was hast du vor?«, fragte Thorp.

»Ich weiß es nicht. Sag du es mir. Wo wohnt sie?«

»Anscheinend im Wicker Park.«

Brody schloss die Augen, konnte aber noch alles sehen. Klotzige Darstellungen der Cafékunden liefen durch ein weißes Netzgitter auf schwarzem Grund, eine bestenfalls veraltete Videospielgrafik. Er rieb seine Schläfen. Als er die Fingerspitzen herunternahm, normalisierte sich das verzerrte Bild wieder. »Hast du eine Adresse oder soll ich an jede Wohnungstür des Wicker Parks klopfen?«

Nach zwanzig Minuten Warten mit laufender Nase und immer tauber werdenden Fingern, erschien das Taxi endlich. Brody hatte Thorp gestattet, dafür zu zahlen, da er gewiss nicht bis zum Wicker Park laufen würde. Und wenn er eines über Chicago wusste, dann, dass er nie den Zug nehmen durfte, es sei denn, er wollte unbedingt scharfe Gegenstände in den Körper gestochen bekommen.

Brody war erleichtert, einen lebendigen Fahrer zu sehen.

Dieser sah ihn im Rückspiegel an. »Wohin, Kumpel?«

Er wiederholte die Adresse aus dem Gedächtnis, die Thorp ihm gegeben hatte.

»Alles klar«, sagte der Fahrer und fluchte, als er fast einen Lieferwagen streifte. Er musste das Fahrzeug gegen den Bordstein lenken, wobei er fast einen Print-on-Demand-Zeitungskiosk rammte.

Brody zündete sich eine Zigarette an und sah zu, wie der verpixelte Rauch in die Kälte gesogen wurde. Es dauerte fast eine Stunde, um zum Wohnblock am anderen Ende der Stadt zu gelangen. Der Verkehr in Chicago ließ niemals nach. Brody kam es vor, als wollten sich alle Autofahrer bewusst an Kreuzungen für ein dissonantes Orchester anhupen. Der Taxifahrer schien ähnlich musikalischer Natur zu sein, denn er trug mit einem Sopran-Geblöke zur Kakofonie bei und erzählte bei jeder Kreuzungsüberquerung zwischen seinem Hup-Stakkato, dass die Montage am schlimmsten wären.

»Wissen Sie«, meinte der Fahrer bei der Ankunft, »ich kann diese reichen Typen nicht ab, die ihr Taxi im Voraus bezahlen, weil ich dann nie ein gottverdammtes Trinkgeld kriege. Geht alles an die beschissene Taxigesellschaft.«

Nach einer unaufrichtigen Entschuldigung stieg Brody aus und knallte die Tür zu.

Nectars Wohnblock war riesig, bestimmt dreißig Stockwerke hoch, und es dauerte ein paar Sekunden, bis die Schallwellen es vollständig erfassten. Er stand einen Moment davor und ließ das Sonar nach Menschen auf der Treppe suchen. Niemand da.

Brody erklomm die Stufen und fand das Klingelbrett, aber nichts in Blindenschrift. Die Namen standen auf bedruckten Schildern ohne Textur. Er erwog, die Linsen einzusetzen, doch er hatte mit blanken Händen Türgriff, Anschnallgurt und Sitz des Taxis angefasst. Gott wusste, wie dreckig sie nun waren. Spaßeshalber zog er an der Tür.

Verschlossen.

Brody ging zum Bürgersteig zurück und blickte die Straße entlang. Autos, Menschen, Dampf aus den Gullys. Er hatte seine Zigarette noch an und ließ sie am Mundwinkel baumeln, damit seine Hände in den Taschen bleiben konnten.

Er stand in der Wärme der Sonne vor dem Wohnblock und überlegte, was zum Teufel er hier eigentlich machte. Während der Bewährung den Staat zu verlassen, konnte ihn ins Gefängnis bringen. Brody verdankte es großem Glück, dass sich Chiffon so verständnisvoll zeigte. Nun ja,verständnisvoll war ein wenig großzügig formuliert, aber dennoch, er saß nicht im Knast. Das war schon mal was. Wäre ihm ein anderer Bewährungshelfer zugeteilt worden, hätte der ihn längst dem System überlassen und mit blassblauer JVA-Kleidung ausgestattet. Für einen kurzen, schrecklichen Moment spürte er den Hieb einer Klinge im Bauch.

Januar. Nicht mehr lange. Allein der Name des Monats brachte seine Beine in Bewegung. Er warf die Zigarette in den Rinnstein, ging zurück ans Klingelbrett und drückte willkürlich einen Knopf. Niemand antworte. Er versuchte einen anderen, dann einen weiteren. Nichts. Es war Montag und die meisten Leute wahrscheinlich auf der Arbeit. Er überlegte, alle Knöpfe gleichzeitig zu drücken, doch er wollte lieber eine Spalte nach der anderen durchgehen. Schließlich antwortete jemand. Die Stimme ertönte überraschend laut und schmerzte ihm in den Ohren.

»Ja? Was wollen Sie?«

Brody gab sich als Handwerker aus und wurde hereingelassen. Er hastete ins Innere und blies in seine Hände, um sie zu wärmen.

In der spartanisch eingerichteten Lobby gab es nur einen künstlichen Baum und eine Reihe Fahrstühle. Er ging zu einem kunststoffbeschichteten Rahmen zwischen zwei Aufzugtüren und erfasste mit dem Sonar die glatte Oberfläche. Es hätte ebenso gut ein Anus statt der Mieterliste dahinter sein können.

Fluchend ging er zu einem Lüftungsschacht und stellte sich über den warmen Luftzug. Es blieb lächerlich, mit einem mangelhaften Gerät für Sehbehinderte nach jemandem »Ausschau« zu halten. Er hätte auch einfach den Bürgersteig entlanggehen und jeden einzelnen Passanten nach dem Namen fragen können. Das wäre gleichermaßen hilfreich gewesen, wie in der Lobby eines Wohnblocks rumzuhängen, in dem Nectar Ashbury vielleicht wohnte. Er verfluchte Thorps benebelten Geist. Brody dachte an sein Zuhause. Geschlossene Fenster, aufgedrehte Heizkörper, seine Farben, die Hose ausgezogen und eine Pfanne mit Fertiglasagne im Ofen, die er mit niemandem teilen musste.

Plötzlich hörte er Schlüssel klimpern. Die Eingangstür öffnete sich. Schnell entfernte er das Sonar, steckte es in die Tasche und stellte sich mit traurigem Blick in die ungefähre Richtung der eintretenten Person. Er fragte die Dunkelheit vor seinen Augen: »Können Sie mir helfen? Ich suche meine Tochter. Sie wohnt hier, aber ich bin blind und es gibt keine Blindenschrift auf den Klingelschildern.«

»Wie heißt Ihre Tochter denn?« Die Frau hatte eine liebliche Stimme und er wusste, dass sie ihm helfen würde. Ihre Stiefel klackten in Richtung Mieterliste.

Er folgte ihr, hielt aber respektvollen Abstand. Sie roch wie eine Bäckerei, süßlich und angenehm. »Nectar Ashbury.« Bei all seinem Glück – was, wenn er gerade mit Nectar sprach? Wie würde sie auf einen Blinden mit schlechtem Haarschnitt und veralteten Mantel reagieren, der nach ihr fragte? Würde sie womöglich ihre neu erlernten Nahkampftechniken anwenden und ihm einen Absatz ins Gesicht rammen, den er niemals würde kommen sehen?

Die Frau murmelte immer und immer wieder den Namen, während ihr Finger über das Plastik quietschte. »Wohnung 644.«

»Sechs, vier, vier.« Brody spielte weiterhin den Hilflosen, denn die Aufzüge besaßen wahrscheinlich ebenfalls keine Blindenaufschrift. Er hoffte, die Frau würde ihm noch ein wenig mehr helfen.

Sie bot ihm tatsächlich an, ihn dorthin zu bringen, und er grinste breit.

Still fuhren sie mit dem Aufzug in den sechsten Stock. Er hielt sich am Geländer fest und hörte das Klicken der Tasten auf ihrem Ordi.

Die Türen glitten auf und sie wünschte ihm alles Gute. Ihre Hilfsbereitschaft endete hier. Das war in Ordnung. Er wollte sowieso keine Begleitung auf den letzten Metern. Sobald die Fahrstuhltüren geschlossen waren, setzte er das Sonar wieder auf. Der Hausflur verlief in zwei Richtungen. Er blickte zur nächstgelegenen Wohnung, neben der ein kleines Schild mit erhabenen Zahlen hing, die das Gerät lesen konnte. Dort klopfte er ein paarmal, trat einen Schritt zurück und wartete.

Nichts.

Er versuchte es erneut und drehte sein Ohr zur Tür. Ein schwaches Summen drang nach außen, vielleicht ein Kühlschrank oder ein Heizlüfter. Er bückte sich und ließ das Sonar die Außenbereiche der Tür abtasten. Sie passte genau in den Rahmen, darum konnte er nur wenige Meter drunter durchsehen. Der Boden war ein Wirrwarr nebulöser, wild zusammengewürfelter Formen. Entweder bedeckte ihn Sägemehl oder da lag ein zotteliger Teppich.

Er stand wieder auf und fragte sich, warum er einen Einbruch erwog.

Du tust nur einem Freund einen Gefallen, erinnerte er sich.

Nectar war keine Flüchtige. Verdammt, sie wusste wahrscheinlich nicht mal, dass jemand nach ihr suchte. Bestimmt war sie im Supermarkt, ging ihrem alltäglichen Leben nach und dachte kaum an die Einschreibung beim Militär. Vielleicht wurde sie bloß von den Abenteuerversprechen der Werbung eingelullt, so wie er selbst einst.

Brody zog sein Handy raus und rief Thorp an.

Wie vorhin dauerte es eine Weile, bis er ranging. »Na? Hast du was gefunden?«, fragte er eilig, ohne auch nur Hallo zu sagen.

»Ich stehe vor ihrer Wohnung, aber es macht niemand auf.«

»Scheiße, dann ist sie schon in Übersee.«

»Sie ist nicht mal eingeschrieben. Ehrlich gesagt ist die ganze Sache ziemlich dämlich. Würdest du mir noch ein Taxi rufen, wenn es dir nichts ausmacht?«

»Kannst du das Schloss aufbrechen?«

»Meinst du das ernst?«, fragte Brody. »Willst du, dass ich im Knast lande? Ist das ein groß angelegter Scherz von dir? Ich weiß, du warst schon damals für leicht riskanten Schabernack zu haben, aber selbst für dich geht das ein wenig über eine brennende Tüte Hundescheiße hinaus.«

»Komm schon. Das hier ist wichtig. Wenn Nectar nicht eingeschrieben und nicht zu Hause ist, wo zum Teufel ist sie dann?«

»Hast du schon mal versucht anzurufen? Oder ihr eine E-Mail zu schicken?«, fragte Brody mit zusammengebissenen Zähnen. »Nur weil sie nicht in diesem Moment zu Hause ist und nicht auf irgendeiner Liste steht, heißt das noch lange nicht, dass sie entführt oder nach Übersee geschickt wurde.«

»Entführt«, wiederholte Thorp. »Daran hab ich noch gar nichtgedacht.«

Brody stöhnte. »Hör mir mal zu. Wir sind Freunde, aber du stellst meine Geduld echt auf die Probe. Jedem anderen hätte ich sein Geld zurückgegeben und gesagt: Vergiss es.«

»Ich hab dich doch noch gar nicht bezahlt«, meinte Thorp ruhig.

»Ich weiß. Das ändert den Umstand. Wenn ich zurückkomme, wirst du mich bezahlen und ich werde es nicht zurückerstatten, wie ich es bei jedem anderen machen würde, dessen Problem sich als riesige Verschwendung meiner Zeit herausstellt.« Brody lief zum Aufzug und schlug gegen den Rufknopf. »Ich mein's ernst. Das alles geht mir gewaltig auf den Sack.«

Thorp blieb stumm.

»Hallo?«, fragte Brody und schaute auf den Bildschirm. Einen Moment vergaß er, dass er nichts erkennen konnte. Er wusste nicht, ob Thorp aufgelegt hatte. Brody beendete das Gespräch und wählte die Nummer erneut, doch diesmal ging Thorp nicht ran. Auf dem Weg zur Lobby probierte er es erneut.

Ich hätte mir die Tirade aufsparen sollen, bis er mir ein Taxi bezahlt hat.

Wie vor wenigen Minuten stellte er sich über den warmen Lüftungsschacht und versuchte es ein drittes und letztes Mal. Wieder nichts.

Brody steckte sein Handy in die Tasche und starrte auf etwas, dass er für ein Fenster hielt, in seiner Wahrnehmung aber bloß als schwarze Fläche erschien. Die Schlinge um seinen Hals wurde eng wie ein Schraubstock. Es war immer noch da, kein Zweifel. Die Fragen, die Möglichkeiten und der endlose Drang zu wissen, zu suchen, zu finden, zu beenden, der Spur zu folgen.

»Scheiße.« Er zog am Kragen seines Hemdes, in der Hoffnung das erdrosselnde Gefühl lockern zu können. Aber es gab nicht nach. Nicht im Geringsten.

Kapitel 9

Brody wusste, dass er nicht mehr zurück in Nectars Wohnblock konnte, wenn er ihn erst einmal verlassen hatte. Die Leute waren übervorsichtig, meist zurecht. Und dass jemand einen angeblichen Handwerker ins Haus ließ, stellte eine seltene Lücke in der Barriere des Misstrauens dar, welche die Menschen um sich aufgebaut hatten, besonders in Chicago. Brody wollte keine Polizei riskieren.

Er ging wieder hinaus in die Kälte, hörte, wie die Tür sanft ins Schloss fiel und elektronisch verriegelte. Er stand auf dem obersten Treppenabsatz und schaute sich nach Orten zur Rast um, bis Thorp wieder ans Handy ging. Die Schilder der Geschäfte in seiner Nähe waren zumeist Lauftexte, die er nicht lesen konnte. Doch direkt auf der anderen Straßenseite erblickte er die altmodischen, eckigen Neonbuchstaben einer America's-Favorite-Automat-Filiale. Also gab es sie in Chicago.

Für einen Junggesellen, der nichts vom Kochen verstand, war AFA, eine Kette rund um die Uhr geöffneter Cafeterias, ein zweites Zuhause. Darin bekam er Mahlzeiten, die ein wenig selbstgemacht schmeckten, auch wenn er seine Geschmacksknospen nicht zum Narren halten konnte, denn als Kind kannte er nur frisch zubereitetes Essen von seiner Mutter.

Ein AFA so nah an Nectars Wohnblock glich einem zugeworfenen Krumen des Schicksals. Er sah mehrmals in beide Richtungen nach Fahrzeugen, sprintete über die Straße und betrat das Lokal. Beruhigend, dass es ihn überhaupt hereinließ. Schon oft war es vorgekommen, dass die Türen von Burgerläden verschlossen blieben, sobald er die Hand aufs Glas legte und eine sanfte Stimme sagte: Es tut uns leid, aber unsere Dienste stehen Personen mit negativer Kontobilanz leider nicht zur Verfügung. Bitte beehren Sie uns wieder, sobald Ihre finanziellen Probleme behoben wurden. Vielen Dank und einen schönen Tag.

Es war eine Sache, von einer Frau abgewiesen zu werden, aber eine andere, von einer ganzen Burgerladen-Kette abgewiesen zu werden.

Wie üblich in AFAs, waren kaum Gäste da. Die meisten bestellten nur einen Kaffee für unterwegs oder ein Stück Kuchen mitten in der Nacht, wenn Schlaf ein ausweichender kleiner Scheißer war.

Er setzte sich an den Tresen und sofort kam eine Frau auf weichen Sohlen angeschlendert, die ihn mit einem warmen Lächeln beehrte. Die berechneten Schritte der Dame in Sommerkleid und Schürze erinnerten Brody an die Wanduhr in der Küche seiner Großmutter. Jede Stunde öffneten sich zwei Türen und kleine Figuren glitten auf Schienen heraus, trafen sich bei einer Glocke in der Mitte und schlugen sie abwechselnd mit ihren Holzhämmerchen. Die flüssigen Bewegungen und die leicht beunruhigende Art ihres unumstößlichen Augenkontaktes sagten Brody, dass die Frau ein Artie war. Sein Sonar erfasste weiches Gummi um ihre mechanische Gesichtsmuskulatur. Klickende Lidschläge simulierten das Zwinkern.

»Hallöchen, Herzchen«, grüßte sie mit einer eingespeicherten Stimme, die ihn an die zahllosen Fernsehmütter seiner Kindheit erinnerte. »Willkommen bei America's Favorite Automat. Was wäre gut für Sie an diesem kalten, kalten Tag?«

»Äh, nur eine Tasse Kaffee, bitte.«

»Prima. Wollen Sie ihn mit Sahne und Zucker, nur mit Sahne, nur mit Zucker oder schwarz?«

»Schwarz, bitte.«

»Möchten Sie einen unserer aromatisierten, milchfreien Kaffeeweißer probieren?« Sie rasselte eine Liste einheimischer und importierter Marken herunter. Von manchen hatte Brody noch nie gehört.

»Nein, danke.«

»Okidoki. Ich bin in Nullkommanichts zurück.« Sie lächelte, drehte sich um, ging weg und stieß die Doppeltüren zur Küche ungerührt mit ihrem Gesicht auf.

Die Abwicklung hatte Brody ein wenig verstört. Er bestellte nicht gern bei Artificials. Wer wusste schon, was sie in der Küche taten? Er hoffte, dass alles organisiert und sterilisiert war, denn es könnte auch eine aufgedunsene, verrottende Leiche auf dem Boden liegen, ein Artie würde sie nicht bemerken und an ihr vorbeiflanieren, sofern er nicht auf das Erkennen dieser programmiert wurde.

Brody schüttelte den Gedanken ab und sah sich nach einer Toilette um. Er wollte seine Linsen einsetzen, damit er auf der anderen Straßenseite ankommende Personen erkennen konnte, die einer erwachsenen Version von Nectar glichen. Im hinteren Bereich, neben durchsichtigen Plastikregalen mit Desserts, waren einige Türen. Da über ihnen Schilder hingen, mussten es wohl die Toiletten sein. Er stand auf, ging hin und knöpfte seinen Mantel auf. Er hielt inne und fragte sich, ob die Bedienung dachte, er wäre gegangen, wenn sie seinen Kaffee rausbrachte. Besaß dieses Ding den Verstand zu wissen, dass Menschen von Zeit zu Zeit mal mussten? Er überlegte, ihr in die Küche zu rufen, wohin er wollte, ließ es aber bleiben, da er Verwirrung und die Verzögerung seines Kaffees befürchtete.

Am hinteren Ende des Ladens fand er die Tür zum Herrenklo. Er bemerkte ein Urinal und war stolz, richtig geraten zu haben. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass er versehentlich bei den Damen landete.

Als er seine Hände so gründlich gewaschen hatte, dass er mit ihnen eine Herzoperation durchführen könnte, entfernte er das Sonar und setzte die Linsen ein. Ein Spiegelbild tauchte in der Dunkelheit auf. Er schaute in seine braunen Augen und blinzelte die Reste seiner Blindheit fort. Für ein paar Sekunden genoss er eine perfekte Sicht, bevor grelle Zahlen aufleuchteten und ihn an die Stunde und eine Handvoll Minuten erinnerten, die noch blieben.

Er steckte das Sonar sowie den Linsenbehälter in seine Tasche und ging wieder in den Gastraum. Die Bedienung stand mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand da, ihr Gesicht fragend, als hätte er sich für einen bösen Streich unsichtbar gemacht. Sie entdeckte ihn und drehte sich um. Mit den Linsen sah er das aufgemalte, entwaffnende Himmelblau ihrer Augen. Sie lächelte wieder und er konnte die Mechanik dahinter deutlich hören.

»Oh, da sind Sie ja. Dachte schon, Sie wären mir abgehauen.«

»Nee, hab nur die Toilette benutzt.« Brody legte seinen Mantel auf den nächsten Hocker und nahm am Tresen Platz.

Mit überraschender Anmut stellte sie die Tasse hin. Sie löste den Griff, streckte ihre Finger aus und zog sie aus dem Keramikhenkel, ohne auch nur einmal anzustoßen. Nachdem sie ihre Schürze gerichtet hatte, stemmte sie die Hände in die Hüften und neigte den Kopf, wie ein Hund, der ein fernes Pfeifen vernahm. »Sie kommen mir bekannt vor. Waren Sie schon mal hier?«

Brody zischte. Der Kaffee war kochend heiß. Er tupfte seine verbrannte Oberlippe mit einer Serviette ab. »Nicht in diesem Laden, nein«, brachte er gerade noch heraus.

»Also haben Sie schon mal eine andere Filiale der America's-Favorite-Automat-Familie besucht? Denn wir haben Niederlassungen auf der ganzen Welt, selbst in Tibet. Der Kaffee könnte übrigens heiß sein.«

Er kannte den Grund ihrer Nachfrage. AFA begann damals als futuristische Restaurantkette mit Artificials in der Bedienung, was allein schon ein Novum darstellte, und löste damit einen Aufschrei nach personalisiertem Service aus. Bestellungen, sofern sie mit einer ID-Karte bezahlt wurden, leitete AFA an die Firmenzentrale weiter. Die Daten konnten in jeder Filiale abgerufen werden und die Bedienungen schlugen dann stets die letzte Bestellung vor. Da Brody aber gerne bar zahlte und die AFAs in den Twin Citys überwiegend menschliche Bedienungen beschäftigten, war der Artie vor ihm verwirrt. Mit ihren unvollständigen Daten wusste sie zwar von seinen Besuchen, kannte jedoch nicht seine letzten Bestellungen.

»Ja, ich war schon in anderen AFAs«, antwortete Brody und machte das Spielchen so lange mit, wie es seine Geduld erlaubte. Ihm schwirrte zu viel im Kopf herum. Außerdem war er mittellos und erst mal in Chicago gestrandet.

»Wie würden Sie den allgemeinen Service in America's Favorite Automat auf einer Skala von eins bis zehn bewerten?«

»Was soll das?«, wollte Brody wissen.

»Tut mir leid, das habe ich nicht verstanden.«

»Warum fragen Sie mich das?«, wiederholte er etwas langsamer.

»Wir möchten nur wissen, wie wir unseren ohnehin schon renommierten Service bei America's Favorite Automat noch weiter verbessern können, um Ihnen das bestmögliche Erlebnis zu bieten.«

»Wollen Sie wissen, ob ich menschliche Bedienungen den Artificials vorziehe? Ist es das, worum es geht?«, fragte er mit der Tasse vor seiner verbrannten Lippe. Er war in Spiellaune – einer böswilligen Spiellaune. Ein beschissener Tag lag hinter ihm, und einen Roboter zu ärgern half ihm, Dampf abzulassen. Was sollte sie schon tun? Im schlimmsten Fall reduzierte sie den Freundlichkeitsfaktor ihrer Persönlichkeitsmatrix und verpisste sich in die Küche zum schmutzigen Geschirr.

»Wir als Familienunternehmen wollen nur jedermanns Meinung hören. Wir möchten wissen, wie wir den besten Service bieten können und …«

Brody unterbrach sie. »Wenn Sie das in mein Kundenprofil aufnehmen möchten und ich nie wieder einen AFA betreten darf, fein. Oder wie Sie es nennen würden: Prima. Aber ich will hier nur meinen Kaffee trinken und einen Moment abschalten. Alles klar?«

Die Mechaniken in ihren Wangen surrten und ihr Lächeln kehrte zurück. »Sicher doch, Herzchen.« Sie drehte sich um und ging weg, wieder mit dem Gesicht voraus gegen die Doppeltüren.

Nach einigem Pusten nahm Brody endlich den zweiten Schluck. Erst jetzt bemerkte er die Musik im Hintergrund. What a Wonderful World ertönte aus den umgebenden Lautsprechern. Er bemühte sich, den Song zu ignorieren, weil er ihm gerade nicht zustimmte.

Brody zündete sich eine Zigarette an, drehte seinen Hocker und blickte zu den langsam rotierenden Desserts. Jetzt konnte er die Farben der Kuchen sehen, nicht nur grobe Formen aus Netzgittern. Er sah sie langsam vorbeifahren … dunkel, den blauen Sirup-Kern eines Heidelbeerstücks. Das blutige Rot einer Erdbeere à la mode. Die zart gebräunten Baiserspitzen auf einem Limettenkuchen. Diese unvergleichlichen Desserts konnte nur ein Roboter kreieren.

Plötzlich klingelte sein Handy und er ging ran, ohne die Augen vom ewigen Tanz der Kuchen abzuwenden.

»Hey«, sagte Thorp mit träger Stimme.

»Danke für den Rückruf. Ich dachte schon, ich muss mich hier bei der Suppenküche anstellen.«

»Sorry wegen eben. Ich kann keine ernsten Gespräche mehr vertragen.« Eine Sekunde später fragte er: »Hast du es am Schloss probiert?«

»Tatsächlich nicht«, antwortete Brody mit gespielter Leichtigkeit, als er das Stück Blaubeerkuchen zum dritten Mal vorbeifahren sah. Drei Credits. Ein Königreich für drei Credits. Der Zuckerrausch würde Monate andauern.

»Nicht?«

Brody drehte seinen Hocker und blickte durch die Fensterfront der Filiale zu den Treppen auf der anderen Straßenseite. Keine Aktivität. »Nein, ich bin nicht in die Wohnung deiner Schwester eingebrochen. Weil das gegen das Gesetz ist, und das weißt du ganz genau. Der Knast rangiert ganz oben auf meiner Liste der Orte, die ich so selten wie möglich besuchen möchte, noch vor dem Straßenverkehrsamt.«

Thorp seufzte. »Ich will einfach nur wissen, was los ist.«

»Ist mir klar, aber ich glaube wirklich, du musst dir keine Sorgen machen. Nectar war wahrscheinlich da, hat ein paar Bögen ausgefüllt, die ärztliche Untersuchung gemacht, ist nach Hause und hat sich umentschieden. Als ich mich damals eingeschrieben habe und diese furchtbare Untersuchung ertragen musste, bei dem der Typ mir an den Nüssen gezerrt hat, war ich mir verdammt sicher, nicht mehr wiederzukommen.«

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29 mart 2022
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9783958351493
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