Kitabı oxu: «Für immer beste Freunde»


Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7386-5 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-5781-0 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book:
CPI books GmbH
© der deutschen Ausgabe 2017
SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
Internet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: info@scm-haenssler.de
Originally published in English under the title: The Awakening of HK Derryberry
© 2016 Jim Bradford
Published by arrangement with Thomas Nelson, a division of HarperCollins
Christian Publishing, Inc.
Cover art used by permission of Thomas Nelson Publishers
All rights reserved. This work published under license.
Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Übersetzung: Anja Schäfer
Umschlaggestaltung: Sophia Wald
Titelbild: © Thomas Nelson
Bilder im Innenteil: S. 1 rechts unten und S. 8 links unten © Michelle Morrow, restliche Bilder © Jim Bradford
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
INHALT
Über den Autor
Vorwort – Ein trauriges Dasein
1 Eine Tasse Kaffee für 25 Cent
2 Der kleine Taschendieb
3 Und täglich grüßt das Murmeltier
4 »Ich werde Sie mein Leben lang nie mehr vergessen«
5 Die wundervolle Pearl und ihr Stammbaum
6 Feierabend
7 Eine lebensrettende Entscheidung
8 Das Wunderbaby
9 Sonntagskind
10 Die Wirklichkeit kehrt ein
11 Mit meinen Augen sehen
12 Herausforderungen in der Schule
13 Brendas Überraschung
14 Kein Baum, kein Licht, kein Weihnachtsmann
15 »Mit Daten kenne ich mich einfach aus«
16 »Bleibst du noch hier, bis ich gebetet habe?«
17 »Keine Sorge, Mr Bradford ist ein guter Fahrer«
18 Bluegrass und Freunde
19 Die Titelstory
20 »Sie wissen ja, ich bin berühmt«
21 Der weltbeste blinde Pilot
22 Stolz, Rotarier zu sein
23 Göttliches Eingreifen
24 William kehrt zurück
25 Am Steuer und auf dem Pferderücken
26 Football-Rivalitäten
27 Das Spielertrikot
28 Große Träume
29 Der 16. Geburtstag
30 Auftritt vor großem Publikum
31 Die Flut
32 Die Erinnerungsgabe
33 König des Abschlussballs
34 »Ich glaube, sie hätte mich geliebt«
Nachwort – Zu neuem Leben erwacht
Danksagung
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Über den Autor

Dieses Buch erzählt die inspirierende Geschichte von Jim Bradford, der bereitwillig aus seinem komfortablen Leben trat, um die Welt von HK Derryberry zu teilen, einen kleinen Jungen mit mehrfachen Behinderungen und einer düsteren Zukunft. Es ist die Chronik ihrer Freundschaft und der Entdeckung von HKs herausragendem Gedächtnis.
Wirf dein Herz über den Zaun
und der Rest folgt von selbst.
Norman Vincent Peale
»Ich führe Blinde einen neuen Weg,
einen Weg, den sie nicht kannten, lasse ich sie gehen.
Ich werde die Dunkelheit vor ihnen hell machen
und den holprigen Weg vor ihnen ebnen.
Diese Dinge werde ich ausführen und nicht davon ablassen.«
Jesaja 42,16
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VORWORT – EIN TRAURIGES DASEIN
Der kleine neunjährige Junge saß dort, wo er jedes Wochenende saß: am immer selben Fenstertisch eines Fast-Food-Restaurants. Er hockte zusammengekauert da, sein Ohr an ein altes, kaputtes Radio gepresst, das mit drei Streifen silbernem Klebeband zusammengehalten wurde und einen von zwei Sendern spielte: entweder Sportnachrichten oder Predigten von Pfingstpastoren. Wie das Schlappohr eines alten Hundes ragte oben aus dem Gerät eine krumme Antenne heraus.
Pearl Derryberry, die Oma des Jungen, musste ihrer Teilzeitstelle bei Mrs Winner’s Chicken & Biscuits nachgehen, erst recht seitdem ihre Stelle im Gaswerk nach 31 Jahren einer Kürzung zum Opfer gefallen war. Die bescheidene Abfindung samt Sozialleistungen reichte gerade eben für sie und ihren Enkel, den sie alleine aufzog. HK war blind, litt an Zerebralparese, umgangssprachlich auch Kinderlähmung genannt, und konnte daher seine Gliedmaßen auf der rechten Seite nicht bewegen. Unter der Woche besuchte er die Blindenschule, aber ohne eine bezahlbare Betreuungsmöglichkeit am Wochenende blieb Pearl keine andere Wahl, als ihn mit in die Imbissstube zu nehmen.
In den Pausen ihrer Neun-Stunden-Schichten sah Pearl regelmäßig nach ihm und zwischendurch aßen sie meist zusammen, während Stammkunden und Fremde vorüberliefen und die beiden kaum eines Blickes würdigten. Der kleine blinde Junge, der da über seinem Radio hockte, blieb für die Welt unsichtbar und nur wenige nahmen Notiz von ihm. So sah sein Leben seit dem Unfall aus.
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1
EINE TASSE KAFFEE FÜR 25 CENT
Ich heiße Jim Bradford. Ich bin als mittleres von drei Kindern mitten auf dem Land im Norden Alabamas aufgewachsen. Niemals in meinen wildesten Träumen hätte ich mir ausgemalt, wie viel Segen ich in den 90er-Jahren erleben würde. Meine Frau Brenda und ich waren seit 35 Jahren verheiratet und stolze Eltern von zwei wunderbaren, gesunden Töchtern, Bridget und Julie. Ich war dankbar für meine – auch in finanzieller Hinsicht – erfolgreiche Vertriebskarriere in der Textilindustrie. Als dann die Mädchen zu unabhängigen jungen Frauen geworden waren und das Nest verließen, freuten Brenda und ich uns darauf, zu reisen und all das anzugehen, was wir nun seit Jahren aufgeschoben hatten. Rückblickend kann man sagen, dass wir unsere Idealvorstellung von einem erfolgreichen Leben erreicht hatten. Wir konnten uns beinahe alle materiellen Wünsche erfüllen und dachten ernsthaft über den Ruhestand nach.
Wegen einer Versetzung innerhalb der Firma waren wir 1975 aus Montgomery in Alabama nach Williamson County im Bundesstaat Tennessee gezogen. Williamson County taucht regelmäßig unter den wohlhabendsten Landkreisen der USA auf und gehört zu den am schnellsten wachsenden Vorortregionen. Vor allem im Norden, wo der Landkreis an den Großraum Nashville grenzt, sind große Pferde- und Rinderfarmen inzwischen bewachten Luxussiedlungen für Pendler, mehrstöckigen Bürogebäuden und ausladenden Einkaufszentren gewichen.
Unser Bungalow im Farmhaus-Stil mit Rotklinkerfassade und vier Schlafzimmern liegt in Brentwood, einem netten Pendlerstädtchen, 17 Kilometer von der Innenstadt Nashvilles entfernt. Dieses schattige, viertausend Quadratmeter große Grundstück gehörte vorher über mehrere Generationen zur Rinderfarm einer Familie, deren Geschichte bis zum Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert zurückreichte. Als wir dorthin zogen, stand weit oben auf meiner wöchentlichen Prioritätenliste, meinen restaurierten Oldtimer, einen Chevrolet Bel Air, Baujahr 1955, in Schuss zu halten – zusammen mit der Pflege des Gartens und unseres makellosen Rasens. Der Eigentümerverband kürte zwischen Mai und September jede Woche einen Garten zum schönsten der Region und mindestens einmal pro Sommer fand das Siegerschild seinen Weg auf unseren Rasen.
Wir hatten viel zu tun, aber nahmen uns Zeit, einmal pro Woche mit langjährigen Freunden Tennis zu spielen. Der Tennis- und Schwimmverein befand sich nur zwei Straßen weiter und zog uns als Familie jeden Sommer magnetisch an. In unserer Siedlung herrschte an den meisten Tagen praktisch keinerlei Verkehr, sodass Spaziergänger, Jogger, Fahrradfahrer und Mütter mit Kinderwagen die ganze Straße für sich allein hatten. Alle Hunde waren angeleint. In unserem idyllischen Vorort ohne Kriminalität hätte sich jeder Hilfssheriff wohlgefühlt.
Unser Lebensstil war schlicht und in keiner Weise ausschweifend. Wir fuhren ältere, gut gepflegte Autos. Unser Alltag drehte sich um die Gemeinde, wo man uns, wie so oft in den Südstaaten, mindestens dreimal pro Woche antraf, bei besonderen Anlässen auch häufiger. Ich hielt mich in jeglicher Hinsicht für völlig gewöhnlich, nicht besser und nicht schlechter als unsere Freunde und Nachbarn. Aber zweifellos hatte Gott unsere Familie reich gesegnet.
Mit sieben Grad Celsius war der 16. Oktober 1999 in meiner kleinen Ecke vom Paradies ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich kühler Samstag. Vermutlich sehnte ich mich deswegen an diesem Morgen plötzlich nach einer heißen Tasse Kaffee. Normalerweise begrenze ich meine tägliche Koffeinzufuhr auf eine Tasse und dieses Maß hatte ich dank »Goldenem M« bereits erreicht. Aber heute war es anders, heute brauchte ich mehr.
Unser morgendliches Tennismatch war zu Ende und meine Gedanken schweiften zur langen Liste meiner samstäglichen Pflichten. Daher verabschiedete ich mich rasch von meinen Tennispartnern. Ohne nachzudenken, nahm ich den zeit- und streckenmäßig längsten Rückweg nach Brentwood. Ich fuhr langsam und betrachtete die charmanten, alten Anwesen entlang des Tyne Boulevard. Mein gemütliches Tempo und die charakteristische Radiostimme von Moderator Garrison Keillor verstärkten mein Verlangen nach Kaffee und so bog ich südlich in die Hillsboro Street ein. Starbucks erschien als blinkende Vision vor meinem inneren Auge.
Ich fuhr weitere fünf Kilometer und bog wie immer nach Osten in den Old Hickory Boulevard ein. An der Kreuzung Franklin Road war die Entscheidung eigentlich klar: rechts abbiegen, anderthalb Kilometer zum Starbucks fahren und zwei Dollar für eine Tasse Kaffee zahlen. Seltsamerweise bog ich spontan und ohne nachzudenken nach links ab und fuhr einen kurzen Weg über eine schmale Eisenbahnbrücke zu einer kleinen Imbissstube am Stadtrand von Brentwood. Bei Mrs Winner’s Chicken & Biscuits gab es vor allem frittiertes Hühnerfleisch, aber man konnte hier auch frühstücken. Ich hatte dort schon ein, zwei Mal etwas gegessen, kann mich aber nicht daran erinnern, dass ich jemals nur für einen Kaffee dorthin gefahren wäre.
Auf den kleinen Parkplatz passten nur wenige Autos, aber glücklicherweise fand ich einen Platz direkt gegenüber vom Eingang. Ich zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und huschte eilig nach drinnen in die Wärme, denn ein unablässiger Nordwind sorgte an diesem wolkenverhangenen Tag dafür, dass die gefühlte Temperatur noch niedriger war.
Zu meiner Überraschung war ich an diesem Samstagmorgen der einzige Gast, der sich etwas zum Mitnehmen holte. Als ich auf die Kassiererin zulief, fiel mir ein kleiner Junge auf, der allein an einem Fenstertisch saß. Ich wandte den Blick von ihm ab und konzentrierte mich auf meine Bestellung. Eine bunte Speisekarte hing hinter der Theke. Ein weiteres Schild über dem Eistee-Spender verkündete: »Maxwell-House-Kaffee hier! Lecker bis zum letzten Tropfen.«
»Ich hätte gerne eine Tasse Kaffee«, sagte ich.
»Sind Sie über 55?«, war die Antwort.
Eine reichlich merkwürdige Frage, dachte ich. Ich möchte schließlich keinen Alkohol kaufen, für den ich auf Volljährigkeit überprüft werden müsste. Dann erinnerte ich mich an Brendas häufige Bemerkungen, dass ich ein Hörgerät bräuchte, und fragte mich, ob ich sie richtig verstanden hatte. Etwas verwundert drehte ich mich um und sah nach, ob sie womöglich mit einer Person hinter mir gesprochen hatte. Aber ich war tatsächlich der einzige Kunde in der ansonsten leeren Imbissstube und sagte kleinlaut: »Ja.«
Die Bedienung, ein kleine, untersetzte Dame in meinem Alter mit kurzem, grauem Haar, erklärte mir, dass ich ab einem Alter von 55 Jahren laut Restaurantordnung zu den Senioren zähle. Die Zugehörigkeit zu diesem nicht allzu exklusiven Verein berechtige mich, so erläuterte sie mir, eine Tasse Kaffee für 25 Cent zu erwerben – plus Umsatzsteuer also satte 27 Cent! Ich erwog kurz, meine Zugehörigkeit doch zu leugnen, um mir mein jugendliches Selbstbild nicht zu zerstören, entschied dann aber, dass es an der Zeit wäre, nicht länger mit einer Illusion zu leben. Ich bedankte mich bei ihr und bezahlte meine erste Tasse Seniorenkaffee.
Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und heißen Buttermilchbrötchen wehte durch die Imbissstube. Als ich mich umwandte und gehen wollte, blieb mein Blick erneut an der kleinen Silhouette hängen, die ich vor zwei Minuten flüchtig wahrgenommen hatte. Von hier aus konnte ich deutlich erkennen, dass es sich um einen kleinen Jungen handelte. Er aß nichts. Beim näheren Hinsehen erkannte ich, dass sein Kopf auf einem schwarzen Plastikradio mit silbernen Knöpfen und kaputter Antenne ruhte. Drei Streifen Klebeband hielten das Batteriefach an seinem Platz. Neugierig betrachtete ich die langen, weißen Plastikschienen an seinen Beinen. Selbst aus der Distanz konnte ich erkennen, dass dieser Junge Probleme hatte.
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2
DER KLEINE TASCHENDIEB
Ich kann gar nicht genau sagen, warum, aber der Anblick dieses kleinen Jungen weckte ganz tiefe Gefühle in mir. Obwohl ich nie jemanden mit Behinderung persönlich kennengelernt hatte, waren mir behinderte Kinder in der Öffentlichkeit immer aufgefallen. Aber ich hatte nie den Mut gehabt, sie oder ihre Begleiter anzusprechen. Zuerst hatte ich immer Mitleid empfunden, dann Erleichterung und schließlich Dankbarkeit für meine gesunde Familie. Heute führten meine Gedanken mich in eine andere Richtung, die gar nicht typisch für mich war. Statt wie so viele Male zuvor einfach weiterzugehen, spürte ich diesmal einen leichten Drang, zu diesem kleinen Jungen hinzugehen.
Ich warf mein Rührstäbchen in den nächsten Mülleimer, und als ich mich umdrehte, sah ich eine weitere Imbissangestellte. Eine schmächtige junge Frau mit feuerroten Haaren stand hinter der Theke und füllte Plastikgeschirr in einen großen Pappkarton. Laut Namensschild an ihrem roten T-Shirt, auf dem ein großes, gelbes Huhn prangte, hieß sie Helen.
»Helen, wer ist der kleine Junge an dem Tisch dort drüben?«, fragte ich zögerlich.
Sie lächelte und erwiderte: »Ach, das ist HK; er ist unser kleiner Liebling, Pearls Enkel.«
»Und wer ist Pearl?«, hakte ich nach.
»Unsere Kassiererin«, sagte Helen und deutete auf die lächelnde Dame am anderen Ende der Theke – die Dame, die mir soeben meinen ersten Seniorenkaffee eingeschenkt hatte. Es ging mich ganz und gar nichts an, aber der Anblick des Jungen, der da allein in der leeren Imbissstube saß und Radio hörte, irritierte mich und ich musste mehr erfahren.
»Was macht denn ihr Enkel hier?«, fragte ich Helen leise.
»HK lebt bei Pearl. Sie hat am Wochenende niemanden, der auf ihn aufpasst, deshalb kommt er immer mit«, gab sie geduldig zurück.
»Und wie lange sitzt er dann da?«
»Ach, meist nur von acht bis fünf.«
Ohne nachzudenken stieß ich aus: »Sie machen wohl Witze! Er sitzt da jeden Tag neun Stunden lang?«
Helens Blick und ihre Antwort waren gereizt: »Wenn Pearl in der Woche arbeitet, geht er zur Schule; er sitzt da also nicht jeden Tag!«
Ihr nächster Satz traf mich völlig unerwartet und bis ins Mark: »Er ist blind und hat Kinderlähmung.«
Mein Kinn begann zu zittern und in meinem rechten Auge sammelte sich eine große Träne. Plötzlich war die Tasse Kaffee unwichtig. Langsam und bedächtig ging ich auf seinen Tisch zu, um ihn besser sehen zu können. Er sah noch kleiner aus als vorhin und gemessen an seiner Größe wirkte er nicht älter als fünf oder sechs Jahre. Sein Bürstenhaarschnitt war schon länger herausgewachsen und er trug ein schlichtes Baumwoll-T-Shirt, das vorne offenbar mit Frühstücksresten bekleckert war. Aber am meisten schockierte mich die verknitterte kurze Kaki-Hose, die er an diesem ungewöhnlich kalten Oktobermorgen trug.
Als ich näher kam, konnte ich die weißen Plastikschienen noch besser erkennen, die beide Unterschenkel stützten. Sie waren anders als die Schienen, die ich bisher gesehen hatte. Sie steckten fest in seinen Schuhen und endeten erst kurz unter dem Knie. Lange weiße Baumwollstrümpfe reichten ihm bis über seine Unterschenkel und endeten kurz vor den Schienenrändern.
»Hey, Kumpel«, sagte ich leise, als ich seinen Tisch erreichte.
»Wie heißen Sie?«, antwortete er.
»Jim. Und wie heißt du?«
»Ich bin HK.«
»Wofür steht denn HK?«
»Für nichts, ich heiße einfach HK.«
»HK, schön dich kennenzulernen.«
»Schön, Sie kennenzulernen. Wo wohnen Sie?«
»In Brentwood.«
»In welcher Straße?«
»Im Harpeth River Drive.«
»Von wo zweigt die Straße ab?«
»Vom Old Hickory Boulevard«, antwortete ich.
»Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?«, fragte HK.
»Um sechs«, erwiderte ich.
»Was haben Sie dann gemacht?«
»Ich habe geduscht.«
»Und dann?«
»Dann habe ich mich angezogen.«
»Und dann?«
»Dann habe ich mich bei McDonald’s mit meinen Tennispartnern getroffen.«
Wie ein hartnäckiger, erfahrener Polizeibeamter führte er das strikte Verhör weiter. Nachdem er mich ein paar Minuten lang ununterbrochen ausgehorcht hatte, dachte ich: Wow, das ist ja mal ein lustiges Kind!
Er traktierte mich weiter mit Fragen und ich antwortete. In einer kurzen Pause nahm er meine Hand und befühlte sie, als begutachtete er ein besonderes Kunstobjekt. Dann hob er sie an seine Nase, wie ein Welpe, der spielerisch seinen Besitzer beschnüffelt, und prägte sich meinen typischen Geruch ein. Eine Viertelstunde später wollte ich los.
»Ich habe mich gefreut, dich kennenzulernen, HK. Ich hab heute noch einiges zu erledigen und muss jetzt gehen.«
»Ich hoffe, ich sehe Sie bald wieder«, sagte er zögernd.
»Ich auch«, antwortete ich mit einem gehörigen Knoten im Hals.
Als ich mich umwandte und meinen neuen Freund zurückließ, wurde ich Opfer des größten Diebes der Stadt. Wie ein Taschendieb, der unter ahnungslosen Touristen in den Kneipen Nashvilles sein heimliches Handwerk betreibt, hatte HK Derryberry das perfekte Verbrechen begangen: Er hatte mein Herz gestohlen.
In Gedanken ging ich die lange Liste mit Erledigungen durch, die mir an diesem Samstag bevorstanden. Die meisten davon hatte Brenda mir aufgetragen. Ich lief sehr viel langsamer als auf dem Hinweg. Das Wetter, der Verkehr, die Tageszeit traten in den Hintergrund. Ich rollte vom Parkplatz bei Mrs Winners, aber dieser kleine, blinde Junge ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Mir fiel ein, dass ich den verlockend heißen Becher Kaffee gar nicht angerührt hatte, aber das war nun egal.
Den ganzen restlichen Tag über gingen mir Fragen durch den Kopf. Beim Gedanken an das gründliche Verhör musste ich grinsen. Dabei hatte ich selbst auch so einige Fragen: Wo waren seine Eltern? Wie groß waren seine gesundheitlichen Probleme? Wo wohnte er? Ich merkte, dass ich beim Versuch, meine To-do-Liste abzuarbeiten, ziellos durch die Gegend fuhr. Der Gedanke an seinen leeren Blick, seine dreckige Kleidung und die weißen Beinschienen nagte an mir. In Ermangelung von Taschentüchern mussten die Ärmel meiner Trainingsjacke für meine tränenden Augen herhalten. Ich wusste absolut nichts über ihn oder sein Leben, außer dass er sein Wochenende im Fast-Food-Imbiss verbrachte.
Schließlich hatte ich alles erledigt und fuhr wieder nach Hause. Ich stellte die Einkaufstüten auf die Küchenarbeitsplatte und erzählte meiner Frau von der unerwarteten Begegnung. Ich schwärmte von dem lustigen, kleinen Jungen, erzählte von seinem traurigen Anblick und seinen bohrenden Fragen. Aber sie erkundigte sich nicht weiter nach ihm, also erwähnte ich ihn an diesem Wochenende nicht mehr. Die Predigt am Sonntagmorgen über tiefe Beziehungen im Leben schlug eine weitere Saite in meinem Gefühlsleben an und erneut hatte ich gegen Tränen zu kämpfen.
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3
UND TÄGLICH GRÜSST DAS MURMELTIER
In der Tennishalle des Belle Meade Country Club war von Oktober bis Februar Saison. Acht enge Freunde und ich trafen uns fast jeden Samstag um halb neun, um in wechselnder Besetzung im Doppel mit zwei Gewinnsätzen zu spielen. An einem Samstag im Monat war man jeweils nicht eingeteilt und an meinem nächsten freien Samstag wurde ich von grauem Himmel und kräftigem Nordwind begrüßt, der gefühlt noch kälter war, als das Thermometer in meinem Carport anzeigte. Nach einem späten Frühstück zog ich mehrere Schichten Kleidung übereinander, fand meine Arbeitshandschuhe und eine warme Mütze und ging raus, um mein Revier zurückzuerobern, das von einem ganzen Heer verwaister Blätter heimgesucht worden war, die mein tadelloses Eckgrundstück überfallen hatten.
Beim Zusammenharken gingen meine Gedanken zu HK – wie seit unserer Begegnung jeden Tag. Ich fragte mich, wie er zu Hause lebte, ob er gerade wieder allein bei Mrs Winner’s saß und wie viele unschuldige Opfer er wohl heute Morgen schon ausgefragt hatte. Ich erinnerte mich zurück, dass es für meine Töchter in seinem Alter undenkbar gewesen wäre, länger als fünf Minuten ohne Fernseher oder andere Ablenkung ruhig irgendwo zu sitzen. Genauso gut hätte ich zwölf Runden mit einem Schwergewichtsboxer überstehen können. Und trotzdem saß dieser unerschütterliche oder unfassbar geduldige Junge jeden Samstag und jeden Sonntag neun qualvolle Stunden lang in dieser trostlosen Imbissstube, weil seine Oma am Wochenende keine andere Möglichkeit hatte. Mein Hirn konnte sein Elend einfach nicht fassen.
Bis zum Nachmittag hatte ich 40 große Säcke mit Blättern gefüllt und ordentlich am Straßenrand aufgereiht. Vereinzelt lagen noch Blätter auf dem Rasen und trotzten mir, aber ich fror, war müde und hatte genug. Ich stellte den Rechen weg, zog mich um, tauschte die Mütze gegen meine blaue Baseballkappe der Auburn-Uni und sagte Brenda Bescheid, dass ich noch einen Kaffee trinken ging. Ich glaube nicht, dass ich Mrs Winner’s erwähnte.
Die Fahrt dorthin dauerte nur zehn Minuten. Als ich auf den Parkplatz fuhr, sah ich HK schon allein am Fenster sitzen, genau da, wo ich mich letzte Woche von ihm verabschiedet hatte. Allein nur seinen kleinen Kopf wiederzusehen, berührte mich schon innerlich. Ich war erleichtert, dass er da war, und seltsam aufgeregt bei dem Gedanken, ihn wiederzusehen. Was erwartete ich von diesem Besuch? Was war meine Absicht? Ich hatte keine wirkliche Ahnung. Ich wusste nur, dass es mich innerlich drängte, zu diesem Jungen zu fahren und ihn wiederzusehen. Aber ich beschloss, dass diesmal ich die Fragen stellen würde.
Ich eilte hinein, um einem weiteren kalten Windstoß zu entfliehen, bestellte meinen Seniorenkaffee und schlenderte zu den Tischen. Als ich HK näher kam, schien mir, dass er dieselbe Kleidung trug wie in der letzten Woche: ein ausgeleiertes weißes Baumwollshirt und ausgewaschene Cargo-Shorts, die eine Nummer zu klein waren. Vervollständigt wurde seine Garderobe von den weißen Plastikschienen und komischen schwarzen Schuhen, die aussahen, als stammten sie direkt aus dem Kleiderschrank meiner Großmutter.
Als ich mich näher heranpirschte, entdeckte ich einen feuchten, handbreit großen Fleck mitten auf seinem schmuddeligen T-Shirt, der zweifellos vom Mittagessen stammte. Er lauschte völlig gebannt seinem ramponierten Radio. Sein Oberkörper lag quer über dem Tisch, sein Kopf war zur Seite gedreht und er bemühte sich, mit einem Ohr Radio zu hören, während er mit dem anderen die Gespräche an den Nachbartischen verfolgte. Sein Radio war so leise, dass die Kunden nicht gestört wurden, aber als ich näher kam, erkannte ich den rhythmischen Singsang eines Pfingstpredigers. Diese typischen Geräuschwellen aus den Untiefen irgendeines Kellerstudios in Tennessee zogen den empfindsamen Jungen ganz in ihren Bann. Er wiegte sich im völligen Einklang mit dem Auf und Ab der Stimme des Evangelisten und verinnerlichte jedes »Preist den Herrn!« und »Halleluja!«, das aus dem Lautsprecher drang.
In dieser einen Woche war sein Haar so sehr gewachsen, dass sein winziges Gesicht noch kleiner wirkte, als ich es ihn Erinnerung hatte. Er hätte leicht als Fünfjähriger durchgehen können, obwohl er mir beim letzten Besuch erzählt hatte, dass er im Juli neun geworden war. Er hörte mich kommen, aber bevor ich etwas sagen konnte, begann mein Kinn zu beben, während ich tapfer gegen meine inneren Gefühlsstürme ankämpfte. Er hob den Kopf und schien mir in die Augen zu blicken.
»Wie heißen Sie?«, fragte er mit seiner hohen, piepsigen Stimme.
»Ich bin Jim«, antwortete ich.
»Der Jim, mit dem ich letzten Samstag gesprochen habe?«
»Ja genau, der bin ich; du hast aber ein gutes Gedächtnis.«
»Wo wohnen Sie?«
»In Brentwood.«
»In welcher Straße wohnen Sie?«
»Im Harpeth River Drive.«
»Von welcher Straße zweigt die ab?«
»Vom Old Hickory Boulevard.« (Später wurde mir klar, dass er, wenn er eine Straße nicht kannte, so lange nach Abzweigungen fragte, bis er eine erkannte. Erst dann wandte er sich den nächsten Fragen zu.)
»Wann sind Sie heute Morgen aufgestanden?«
»Um sechs.«
»Was haben Sie danach gemacht?«
»Geduscht.«
»Und dann?«
»Mich angezogen.«
»Und dann?«
»Dann habe ich in meinem Garten Blätter zusammengeharkt.«
»Und dann?«
Mein Vorhaben, dass diesmal ich die Rolle des Fragenstellers übernehmen könnte, löste sich in Luft auf. Jedes Mal, wenn wir uns trafen, wiederholte er dieselben grundlegenden Fragen. Ich fühlte mich wie Phil Connors in Und täglich grüßt das Murmeltier, der immer und immer wieder dieselben 24 Stunden erlebt. Genau wie Phil wusste ich schon bald, dass diese monotone Übung kommen würde, und war fest entschlossen, sie zu ändern. Nach meinem zweiten oder dritten Besuch begann ich deshalb zu antworten: »Diese Frage habe ich schon letzte Woche beantwortet und mein Tagesablauf verändert sich nicht sonderlich, lass uns über etwas anderes reden.« Ich versuchte, mit ihm ein ganz normales Gespräch zu führen, an dem beide beteiligt waren, aber ich scheiterte jedes Mal.
Schließlich dämmerte es mir: HK hatte außer Pearl kaum soziale Kontakte und daher war seine Fähigkeit zur normalen Kommunikation stark unterentwickelt. In schlichten Worten: In sozialer Hinsicht war er völlig verkümmert und konnte nur über Themen reden, die Pearl in seinem Beisein besprochen oder über die er im Radio oder Fernsehen gehört hatte. Gott schien mir eine leere Leinwand zu geben und überließ es mir, ein Bild zu malen.
Wie beim ersten Mal nahm er auch bei diesem zweiten Besuch vorsichtig meine Hand, hielt sie sich nahe ans Gesicht, schnüffelte an jedem Finger, als wolle er sich meinen Duft einprägen. Mit seinem ausgeprägten Geruchssinn konnte er mich und andere Bekannte schon aus einiger Entfernung erkennen. Nervös erwartete ich schon eine ähnliche Untersuchung meines Gesichts, aber sie kam nie.
Nach kurzer Zeit erkannte er mich, sobald ich in die Nähe der Tische kam, und begrüßte mich mit: »Hi, Mr Bradford!«, bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte. Mir fiel auf, dass er mich seit unserem ersten Treffen »Mr Bradford« nannte. Alle anderen nannte er beim Vornamen, mich nicht. Ich habe keine Ahnung, warum.
Bei meinen folgenden Besuchen stellte ich fest, dass ich offenbar nicht der einzige Gast bei Mrs Winner’s war, den die Anwesenheit des kleinen blinden Jungen rührte. Hin und wieder entdeckte ich Geld, meist einen Zehn- oder Zwanzig-Dollar-Schein, den jemand sorgfältig gefaltet unter sein ramponiertes Radio geschoben hatte. Wenn ich ihn danach fragte, sagte er: »Davon weiß ich nichts. Dass da Geld auf meinem Tisch liegt, wusste ich nicht. Wie viel ist es?«
Offenbar hatten nette Menschen bemerkt, dass sich der kleine Junge hier vor aller Augen zu verstecken versuchte, und wollten ein wenig helfen. Ich fragte mich, wie viele ihn wohl sahen und weitergingen, ohne etwas zu tun. Ich gestehe sofort, dass ich selbst in dieser Hinsicht überhaupt nichts vorzuweisen hatte, bevor ich HK kennenlernte. Ich könnte die endlosen Male gar nicht zählen, die ich meinen Blick von den Obdachlosen, die in der Stadt um Geld für Essen baten, abgewandt hatte, oder an den ungepflegten Veteranen vorbeigefahren war, die mitten auf einer belebten Kreuzung in Nashville ein Schild hochhielten: »Arbeit gegen Essen«. Glauben Sie mir, ich weiß, wie es ist, die Armen zu ignorieren und meine Augen vor den Randgruppen zu verschließen, die unter uns im Verborgenen leben. Aber Gott hat mir eine zweite Chance eingeräumt und diesmal hatte ich etwas zu geben: Interesse, Unterstützung und sehr viel Zeit.
HKs trübselige Wochenenden in der Imbissstube und sein monotoner Alltag gingen mir nicht mehr aus dem Kopf und trübten die Gemütlichkeit unseres heimeligen Fleckchens Erde. Ich spürte, wie eine Hand mich behutsam anstupste, anschob und vorantrieb. Gott hatte mich genau da, wo er mich haben wollte.
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4
»ICH WERDE SIE MEIN LEBEN LANG NIE MEHR VERGESSEN«
Meine Freundschaft mit dem behinderten blinden Jungen blühte trotz unseres Altersunterschieds von 47 Jahren schnell auf. Bei unseren regelmäßigen Treffen an dem mittlerweile vertrauten Fenstertisch wirkten wir wie zwei mürrische alte Farmer, die im Fast-Food-Restaurant ein Schwätzchen hielten.
Einmal ergriff HK mit der linken Hand vorsichtig meine rechte und sagte leise und ohne Vorwarnung: »Mr Bradford, ich habe Sie lieb. Sie sind mein bester Freund. Wenn Sie sterben, werde ich Sie mein Leben lang nie mehr vergessen.«
Ich wünschte, ich wüsste, wodurch diese plötzliche Bekundung ausgelöst worden war, aber sie traf mich völlig unvorbereitet. Ich war nur noch ein einziger Tränenstrom, und nachdem ich mich geräuspert hatte, antwortete ich: »Danke, HK. Ich habe dich auch lieb. Ich hoffe, dass ich noch lange lebe und wir noch viele, viele Jahre lang gute Freunde bleiben können.«
Er drehte sich und wandte mir sein Gesicht zu, auf dem sich das strahlendste, breiteste und herzerwärmendste Lächeln ausbreitete, das ich je gesehen hatte. Vielleicht spürte er, dass er zum ersten Mal in seinem Leben außer seiner Oma einen echten Freund gefunden hatte. Von da an nannte mich HK immer wieder seinen besten Freund und fügte manchmal hinzu: »Ich habe Sie lieb, Mr Bradford.«
Bald fuhr ich jeden Samstag und jeden Sonntag die vertraute Strecke und rollte auf den Parkplatz bei Mrs Winner’s. Wenn ich sein Gesicht nicht hinter der Scheibe sah, fuhr ich weiter, verzichtete auf meinen Kaffee und kehrte nach Hause zurück. Mir war klar, warum HK manchmal nicht da war: Pearl hatte nicht jedes Wochenende Dienst. Diese seltenen Tage hinterließen bei mir in mehrfacher Hinsicht ein Loch.
Wenn ich dagegen seine unverkennbare Silhouette sah, war ich beglückt. Ich freute mich immer auf unsere gemeinsame Zeit. Bei einer Tasse Seniorenkaffee für mich und süßem Eistee für ihn unterhielten wir uns über meinen Beruf, meine Reisen und meine Familie, während ich kleine persönliche Details über seine Schule, seine Freunde und Familie und seine Vorlieben erfuhr. Er erzählte beispielsweise, dass sein Lieblingsgericht bei Mrs Winner’s ein gut gebuttertes Brötchen mit Würstchen und Soße war. Normalerweise bekam man es nur während der Frühstückszeiten, aber dank seiner guten Beziehungen zur Küche konnte er sein Lieblingsgericht jederzeit bestellen. In der Folge unserer zunehmend beiderseitigen Gespräche sah ich ermutigende Zeichen in seiner Persönlichkeitsentwicklung. Je mehr wir miteinander redeten, desto mehr verbesserten sich seine kommunikativen Fähigkeiten.
Bei meinen Wochenendbesuchen vertiefte sich unsere Freundschaft und ich lernte die ganze Bandbreite seines emotionalen Spektrums kennen. Eines Samstagnachmittags erlebte ich eine Szene, wie sie vermutlich viele arbeitende Elternteile schon durchgemacht haben. Sich vor einer langen Dienstreise voneinander verabschieden und trennen zu müssen, kann brutal sein, vor allem für kleine Kinder. Manchmal lösen solche Abschiede einen emotionalen Zusammenbruch von tragischem Ausmaß aus.
Jedes Mal, wenn ich die Imbissstube verließ, umarmte ich HK fest und sagte ihm, wie sehr ich unsere gemeinsame Zeit genossen hatte. Er erwiderte diese Geste jedes Mal, aber an diesem Nachmittag schlang er seine kleinen Arme um meinen Hals und bat mich unter Tränen, nicht wegzufahren. Seine plötzliche, verzweifelte Reaktion war kaum auszuhalten und mir schossen die Tränen in die Augen. Er war untröstlich – und zwar so sehr, dass es für die Gäste an den Nachbartischen schon störend wurde. Er machte eine so herzzerreißende Szene, dass Pearl hinter ihrer Kasse hervorkommen und mir zu Hilfe eilen musste. Sie versprach ihm geduldig, dass ich nicht für immer fortging: »Mr Bradford muss jetzt los, aber er kommt bald wieder und besucht dich.«
Pearls Schicht war beinahe um, daher blieb ich noch so lange bei ihm, bis sie Feierabend hatte. Auf dem Weg nach draußen nahm ich seine linke Hand und begleitete ihn zu Pearls Pick-up, der hinter der Imbissstube parkte. Ich öffnete die Tür, hob seine knapp 25 Kilo auf den Beifahrersitz und schnallte ihn an. Da endlich ebbte seine Verzweiflung ab, als versichere ihm das Klickgeräusch, dass nicht nur seine Sicherheit gewährleistet war, sondern auch der Bestand unserer Freundschaft.
In der darauffolgenden Woche wollte Pearl mir unbedingt erklären, was hinter seinem Trotzanfall stand. »Bevor HK Sie kennenlernte, ist jeder, den er im Restaurant kennenlernte – oder überhaupt jeder –, der ihm auch nur ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit schenkte, plötzlich verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Dazu zählen auch sein Vater und sein Großvater. Jetzt sind Sie sein bester Freund und ich glaube, er hat Angst, dass ihm mit Ihnen eines Tages dasselbe passiert.«
Das half mir, den traumatischen Vorfall zu verstehen, aber es löschte nicht die Erinnerung daran, wie ich mich gefühlt hatte, als er mich nicht gehen lassen wollte. Bis heute ist es auffällig, dass das Wort »Tschüss« in seinem Wortschatz fehlt. Seine Standardantwort beim Verabschieden lautet stattdessen immer: »Mach’s gut!«
Nun hatte ich in gewisser Weise den Boden unter den Füßen verloren. Es kam nicht infrage, die Sorge meines kleinen Kumpels, dass ich mich irgendwann von ihm abwenden könnte, auch noch zu bestätigen. Ich konnte mich nicht mehr von ihm zurückziehen, ebenso wenig wie ich meine amerikanische Staatsbürgerschaft hätte aufgeben können. Mein Dilemma war nur, dass ich bereits eine wunderbare und treue Familie hatte, die ich liebte. Ich bat um Gottes Führung und suchte von ganzem Herzen nach Antworten.
Oberflächlich betrachtet könnte man diese aufkeimende Freundschaft zweifellos ein wenig ungewöhnlich finden. Das war auch die ausdrückliche Meinung einer Person, die viel mehr war als nur eine gelegentliche Beobachterin. Als HK und ich immer vertrauter miteinander wurden, stellte meine Frau meine Zurechnungsfähigkeit infrage und hatte mehr als nur ein paar kleinere Einwände. Sie sah einen 56-jährigen Mann und Vater zweier erwachsener Töchter, der sich von Herzen auf das nächste Treffen mit einem neunjährigen Jungen freute, der mehrfach behindert und weder sein Sohn noch ein anderer Verwandter war. Brenda wusste, dass ich tagsüber oft an ihn dachte. Auch unser Freundeskreis hörte häufig Geschichten über HK; kein Ereignis war zu klein, um es ihnen zu erzählen. Ich konnte einfach nicht aufhören, jedem von ihm zu berichten, der es hören wollte. Brenda nahm wachsam meine zunehmende Versessenheit wahr und gab mir zu verstehen, dass ich sehr schnell eine viel zu enge Beziehung zu diesem süßen Fratz aufgebaut hatte.
Meine ständige Beschäftigung mit HK hatte Auswirkungen auf unsere Ehe und unsere Freundschaften. Sie ließ nur wenig Freiraum für irgendjemanden oder irgendetwas sonst – Brenda und unsere Freunde eingeschlossen. Ihre extrovertierte Persönlichkeit sehnte sich nach gemeinsamen Wochenenden als Paar, Kartenspielen mit Freunden, Bootstouren und gesellschaftlichen Ereignissen. Als ich ihr Anliegen hörte – und ihr vor allem zuhörte – sah ich ein, dass ihr Vorwurf berechtigt war. Es musste sich etwas ändern. Brenda und ich brauchten gemeinsame Zeiten und dazu gehörten auch Unternehmungen mit Freunden. Deshalb beschlossen wir, uns an den Freitagabenden Zeit füreinander zu nehmen.
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5
DIE WUNDERVOLLE PEARL UND IHR STAMMBAUM
Pearl Derryberry – Grammy, wie HK sie nennt – beteiligte sich in ihren Pausen gelegentlich an unseren Tischgesprächen. Nach und nach erfuhr ich wichtige Teile der Familiengeschichte von HK und seiner Oma. Freunde und Bekannte konnten sie an einer Hand abzählen. Ihr nicht vorhandenes soziales Netz bestand aus zufälligen Gesprächen mit Stammgästen.
Ich bin sicher, dass Pearl unsere sporadische Gemeinschaft ebenso sehr genoss wie HK. Sie hatte herzzerreißende Geschichten eines ganzen Lebens zu erzählen, aber niemanden, der sie hören wollte. Sie war eine hervorragende Erzählerin und ich ein aufmerksamer Zuhörer. Oft reichten ihre Geschichten in die Zeit ihrer eigenen Kindheit zurück oder nahmen eine düstere Wendung, wenn sie »den Unfall« erwähnte – ein Ereignis, das offenbar alles verändert hatte. Als ihr Vertrauen wuchs, redete meistens sie, während ich zuhörte und die Puzzleteile ihrer Geschichte zusammenfügte. Sie erzählte Trauriges über ihre Eltern, über ihre eigene verheerende Ehe und ihre beiden Söhne. Ich lauschte ihren Kindheitserinnerungen auf der Farm, erfuhr von ihren letzten Arbeitsstellen und hörte eine ganze Geschichtensammlung über HK. Natürlich fragte ich mich, was HKs Eltern zugestoßen war, und als an einem Samstagnachmittag die Mittagsgäste gegangen waren und Pearl eine lange Pause bevorstand, kam der Zeitpunkt, an dem sie die Bombe platzen ließ, auf die ich schon lange gewartet hatte. Es war still in der Imbissstube und sie hatte einen aufmerksamen Zuhörer vor sich.
Ich lauschte ihrer bewegenden Erzählung. Zum Teil konnte sie die Geschichte aus ihrer eigenen Erinnerung wiedergeben, andere Teile hatte sie sich aus den Bruchstücken zusammengereimt, die ihr Sohn William im Laufe der Zeit erzählt hatte. Auch sie kannte noch immer nicht alle Einzelheiten des Geschehens, da sie selbst nicht dabei gewesen war, aber das hielt sie nicht davon ab, alles detailliert zu schildern.
Als Einzelkind und »Landei« wusste Pearl, was harte Arbeit bedeutete, vor allem wenn ihr Vater Hilfe auf der Farm benötigte. Sie konnte es gar nicht erwarten, das triste Landleben in Maury County in Tennessee hinter sich zu lassen und eine bessere Zukunft in der Großstadt Nashville zu beginnen. Sie war eine ausgezeichnete Schülerin und entwickelte sich zu einer kleinen, stämmigen Frau, deren Proportionen zwar perfekt für die Landwirtschaft waren, dabei allerdings weniger attraktiv für das andere Geschlecht.
Sie erzählte von der Rastlosigkeit, die die Gene ihres Familienstammbaums von der Wurzel bis zur Krone durchzog. Entgegen des vehementen Einspruchs ihrer Eltern brannte sie mit dem ersten Mann durch, mit dem sie je zusammen war – John –, und ging prompt mit 19 Jahren in Illinois die Ehe ein. Schon damals war sie sich ihrer Gutgläubigkeit bewusst und dass sie für Männer leichte Beute war. Beim Nachdenken über ihre falschen Entscheidungen im Leben gebrauchte sie eine interessante philosophische Formulierung: »Ich habe mit 19 einen Kredit aufgenommen, für den ich noch immer Zinsen zahle.« Man könnte es »Pearls Perle der Weisheit« nennen.
Ihre Ehe hielt zwei Jahre und drei Tage, von denen sie vielleicht sechs Monate mit John gemeinsam verbrachte. Er war ein Fernfahrer mit Abenteuerdrang und aufbrausendem Temperament. Trotz der seltenen gemeinsamen Stunden entsprangen ihrer Ehe im Abstand von dreizehn Monaten zwei Söhne: William, der Erstgeborene, war ein genaues Abbild seines flatterhaften, unzuverlässigen Vaters. Sie war bloß dankbar, dass Jimmy, ihr Nesthäkchen, mehr nach seiner Mama kam.
Als die zum Scheitern verurteilte Ehe schließlich auseinanderging, kehrte Pearl mit ihren Jungs nach Tennessee zurück. Fest entschlossen, jede Erinnerung an ihr gescheitertes Leben mit John auszulöschen, ging sie den ungewöhnlichen Schritt, für ihren Nachwuchs eine Namensänderung in Derryberry zu beantragen. Sie fand beim damaligen Gaswerk in Nashville eine einfache Stelle in der Buchhaltung und zog allein in die Stadt, während ihre Jungs mehr als eine Stunde Fahrt entfernt auf der Farm ihrer Großeltern lebten. Ihr Ex-Gatte hatte ihr bei einem vergeblichen Versöhnungsversuch mit seinen Söhnen das Auto gestohlen. So blieb ihr keine andere Wahl, als jedes Wochenende mit dem Bus zu ihren Jungs zu fahren. 25 Jahre würden vergehen, bevor sie John wiedersahen.
Jimmy kam gut mit dem Farmleben und unter einem Dach mit den Großeltern zurecht und brachte die Schule offenbar unbeschadet von seiner Familiengeschichte hinter sich. Aber Williams Ruf als ebensolcher Satansbraten, wie sein Vater einer gewesen war, blieb für immer bestehen.
Williams rebellisches Jugendalter brachte ihn mit Sprüche klopfenden Außenseitern zusammen und endete schließlich auf der falschen Seite des Gesetzes. Schon früh im Leben entwickelte er einen Hang zu Drogen und Alkohol. In betrunkenem Zustand wurde er so prahlerisch und arrogant, dass er die ungeheuerlichen Märchen vermutlich selbst glaubte, die er seinen Freunden auftischte. Für die Schule brachte er keinerlei Interesse auf und brach sie vor Ende der zehnten Klasse ab.
Zehn Jahre später, nach einem 19-monatigen Zwischenstopp beim Militär, einer gescheiterten Ehe und einem Gefängnisaufenthalt, lernten sich William Howard Derryberry und Mary Kay Moon Davidson kennen und ihm gefiel sehr, was er sah. Ihr familiärer Hintergrund war nicht besser als sein eigener. Marys hart schuftende Eltern fuhren in vielen Überstunden Güter durchs Land, waren tagelang nicht zu Hause und hatten viel zu wenig Zeit, um das frühreife Mädchen zu erziehen. Eine liebevolle und fürsorgliche Familie oder auch nur enge Familienbeziehungen hatte sie nie erlebt.
Mary hatte überlebt, indem sie sich als Frau verkleidete, die im Körper eines Kindes steckte. Sie entwickelte sich körperlich viel früher als andere Mädchen ihres Alters und zog schon in der Grundschule die Blicke der Männer auf sich. Wie die meisten Mädchen sehnte sich Mary zutiefst nach der Zuneigung, Aufmerksamkeit und Bestätigung ihrer Eltern, vor allem ihres Vaters. Mit ihrem dunklen Haar, ihrem olivfarbenen Teint und dem strahlenden Lächeln konnte sie Männern leicht den Kopf verdrehen – und sie beherrschte diese Kunst. Mary hatte nur wenige Freundinnen, nichts mit ihnen gemeinsam und Gleichaltrige schlossen sie aus. Wie zu befürchten war, schmiss sie die Schule vor Ende der siebten Klasse, ohne dass ihre kaum anwesenden Eltern eingeschritten wären. Mit 14 wurde sie schwanger und gab ihr erstes Kind zur Adoption frei.
Zwar wohnten sie nur wenige Kilometer auseinander, aber Mary hatte William vor ihrem 18. Geburtstag noch nie getroffen. Ihre kurze Beziehung war nur ein weiterer Zwischenhalt auf ihrem kurvenreichen Weg ins Erwachsenenleben. Sie zogen zusammen, ohne zu heiraten, und landeten in einem Teufelskreis, der tief in ihren Stammbäumen wurzelte. Sie zogen in ein kleines, heruntergekommenes Mietshaus auf dem Land, das fast am Ende einer schmalen Landstraße in einem verlassenen Winkel in Maury County lag.
Maury County ist übersät mit Orten, die Namen haben wie Fly, Santa Fe (das »Santa Fi« ausgesprochen wird), Culleoka, Sawdust und Hampshire, und war Heimat von Generationen ärmlicher Farmer, die Tabakanbau und Viehwirtschaft betrieben. Sie bewirtschafteten dasselbe fruchtbare Land, das 125 Jahre zuvor als Schlachtfeld im Bürgerkrieg so viel Tod und Zerstörung mitansehen musste. Nicht einmal 30 Minuten südlich von Nashville gelegen, hat Maury County der Countrymusik reichlich Anschauungsmaterial geboten. Ein Besuch in jedem beliebigen dieser verschlafenen Nester genügt, um festzustellen, dass kein Klischee aus den echten Countrysongs erfunden ist. Es ist die Realität, wie man sie in Hunderten solcher Ortschaften antrifft.
Genau wie ihr Freund hatte Mary schon früh im Leben mit dem Trinken begonnen. Vielleicht gab der Alkohol ihr Hoffnung und linderte den Schmerz, vielleicht war er Medizin gegen ihre aktuelle Situation und ihre schrecklichen Kindheitserinnerungen. Vielleicht beruhigte er auch vorübergehend ihre Sehnsucht nach Glück. Jedenfalls geriet Marys Leben erneut außer Kontrolle, als sie 19 war. Nur zwei Wochen nachdem sie den 26-jährigen Erntehelfer kennengelernt hatte, verriet ihr ein Schwangerschaftstest, was sie ohnehin schon wusste: Es war wieder ein Kind unterwegs. Und ohne Williams Versprechen, dauerhaft für sie da zu sein, sah Marys Zukunft düsterer aus als je zuvor.
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6
FEIERABEND
Am Nachmittag des 7. Juli 1990, einem Samstag, kletterten die Temperaturen über die 37-Grad-Marke. Im Mittleren Tennessee ist der Juli ein Monat mit schwülheißen Tagen und feuchtwarmen Nächten; ein Monat, in dem saftig-grüne Wiesen ohne Bewässerung verdorren und sich erst im Frühjahr danach wieder erholen; ein Monat, in dem die Kirchgänger unter den Farmern noch leidenschaftlicher als sonst für ihre welkenden Feldfrüchte beten; ein Monat, in dem sich die Hunde in der Stadt nach drinnen ins Kühle und auf dem Land unters Haus verkriechen.
William und seine Farmkolonne hatten seit den frühen Morgenstunden Heu eingefahren. Es war beinahe Feierabend. Für ihn und die jüngeren Arbeiter, die sich keinerlei Gedanken ums Geld machten, war der Tageslohn der Eintritt zu einem zügellosen Abend mit Drinks und Billard in der örtlichen Kneipe. Verglichen mit anderen Stammgästen katapultierten zwei Zwanziger und ein Zehner diese Arbeiter in die oberste Einkommensliga. So eine Samstagabend-Rechnung leerte für gewöhnlich die Portemonnaies lange vor dem nächsten Zahltag – und manchmal auch schon vor Ende des Abends. Für William und seine Kumpel war ein solches Leben – von Woche zu Woche, von Zahltag zu Zahltag – trotzdem vertretbar. Man könnte es als das Erbe ihrer Väter bezeichnen.
Die Schwangerschaft machte Mary zu schaffen, weshalb sie diesen Samstagvormittag größtenteils im Bett verbrachte. Aber schließlich stand sie auf und schleppte sich in die Dusche. Sie würde pflichtbewusst mit dem Auto am Feldrand stehen und warten, bis William Feierabend hatte. Doch ihr größter Wunsch war, abends mit ihm auszugehen. Sie lief durch die Küche, in der mindestens ein Dutzend Limo- und Bierdosen verstreut auf der Ablage lagen, wie fast überall in ihrem verwahrlosten Mietshaus. Auf dem Weg nach draußen nahm sie die Kühlbox mit. Sie öffnete den Kofferraum und warf eine bunte Ansammlung aus leeren und zerknüllten Dosen heraus, um Platz für die Kühlbox zu schaffen. Mary lächelte. Sie wusste, dass ein kurzer Abstecher, bei dem sie Bier und Eiswürfel besorgte, das größte Geschenk sein würde, das sie William heute machen konnte.
Der ramponierte Hyundai hatte schon bessere Zeiten gesehen, aber immerhin fuhr er. Nur vier Wochen zuvor hatte Mary Williams neueren Wagen bei einem Unfall zu Schrott gefahren und sich dabei blaue Flecke, kleinere Kratzer und eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. Glücklicherweise war ihrem ungeborenen Kind nichts passiert. Sie erinnerte sich schwach, dass sie den Notarzt hatte sagen hören, ihr Kind sei vermutlich deshalb mit dem Leben davongekommen, weil sie nicht angeschnallt war. Seit dem Unfall hatte sie den Gurt nicht mehr angelegt.
Sie fuhr den staubigen Kiesweg entlang und bog nach links auf die asphaltierte Hauptstraße ab. Der Tacho zeigte mehr als hundert Sachen und sie fuhr gegen die Sonne. Die Klimaanlage funktionierte nicht, weshalb alle vier Fenster offen waren. Die Vorderreifen waren nahezu abgefahren und es war eine Unwucht zu spüren, durch die das Lenkrad etwas vibrierte. Aber Mary kümmerte das nicht. Sie freute sich einfach auf einen netten Abend in der Stadt.
Normalerweise war man eine halbe Stunde unterwegs, aber heute schaffte sie es in 20 Minuten. Sie parkte unter zwei großen Platanen, öffnete die Fahrertür und wartete. Ein leichter Wind blies durch die Bäume. Sie drehte Merle Haggard im Radio auf volle Lautstärke und plante innerlich den aufregenden Abend, der vor ihr lag. William kam hundemüde zum Auto. Seine Wrangler-Jeans und sein langärmliges Arbeitshemd waren dreckig und verschwitzt. Schließlich hatte er seit frühmorgens 30 Kilo schwere Heuballen hochgewuchtet. Er hatte zehn volle Stunden geackert, Anhänger für Anhänger mit den rechteckigen Heuquadern beladen und sie in einer stickig heißen, staubigen Scheune aufgestapelt. Nun Mary und ihren wachsenden Bauch zu sehen, bedeutete für ihn das reinste Glück. Die eiskalte Fuhre, die im Kofferraum auf ihn wartete, erzielte den erwünschten Effekt. Er war durch und durch zufrieden.
Sein Mittagessen hatte nur aus einer Scheibe Salami auf zwei Scheiben Weißbrot, zwei Fertigbiskuits und einer Limonade bestanden. Jetzt, fünf Stunden später, war er erschöpft, ausgedörrt und hungrig. Wie schon unzählige Male erprobt, stellte Bier einen annehmbaren Nahrungsersatz dar, der ihn sättigte – eine gekühlte Dose nach der nächsten.
Bald standen nur noch wenige ungeöffnete Bierdosen in der Kühlbox, aber weder William noch Mary machten sich Gedanken darum. Jedes Zischen und Schäumen linderte Williams Schmerzen und ließ ihn die Arbeit in der sengenden Hitze vergessen. Es war ein Leichtes für Mary, ihn zu überreden, auswärts essen und feiern zu gehen. Aber vorher musste er duschen und sich umziehen und sie machten sich auf den Heimweg. Mary kuschelte sich beim Fahren eng an ihn und legte ihre Hand auf seinen rechten Oberschenkel. Ihr Gurt blieb unangetastet.
Die Geschwindigkeitsbegrenzung lag auf dieser Strecke bei 80 km/h, aber da weder Verkehr noch Polizei in Sicht waren, drückte William auf die Tube, bis der Tacho 120 anzeigte. Abgelenkt von Marys Hand, von der Vorfreude auf den bevorstehenden Abend und durch seine vom Alkohol eingeschränkten Reflexe war er der kurvenreichen Straße vor ihnen nicht gewachsen.
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7
EINE LEBENSRETTENDE ENTSCHEIDUNG
Newtons Gesetze von Kraft und Bewegung taten ihr Übriges, dass das rasende Auto die zweite Kurve nicht schaffte. Der Hyundai kam unkontrolliert ins Schleudern, rotierte heftig und rammte mit der Hinterseite mit voller Wucht eine alte Weißeiche. Der ausgeblichene Kofferraum und die rostigen Kotflügel wurden zusammengedrückt wie die platten Dosen, die Mary kurz zuvor aus dem Kofferraum geworfen hatte. Die Scheiben zerbarsten in Tausende winzige Scherben wie kleine Diamanten. Die Türen wurden verbogen und sprangen auf und Mary flog ungesichert wie von einer Schleuder katapultiert nach draußen. Die mächtige Eiche stand unbeschadet mitten in den zerbeulten Blechtrümmern. Zischende Geräusche verklangen in der Stille.
Hilfe nahte in Form eines Autofahrers, der noch außer Sichtweite und anderthalb Kilometer entfernt war. Als der schockierte Unfallhelfer den Horrorschauplatz erreichte, fand er Mary reglos auf der Erde, ihren Kopf in einer anschwellenden Blutlache. William saß sicher angeschnallt hinter dem Lenkrad, benommen, aber nicht ernsthaft verletzt. Blut rann ihm am Kinn herunter, weil er sich am Lenkrad die Lippe aufgeschlagen hatte.
Marys Leben hing an einem seidenen Faden, als der Autofahrer auf seinem Motorola-Handy hektisch den Notarzt rief. Innerhalb einer Viertelstunde war ein Rettungswagen aus dem nahe gelegenen Columbia vor Ort und stellte gleich fest, dass Mary ein schweres Schädeltrauma erlitten hatte und dringend intensivmedizinische Hilfe brauchte. William wurde ins Kreiskrankenhaus gebracht, wo er behandelt und mit kleineren Verletzungen wieder entlassen wurde. Mary wurde in die Vanderbilt-Uniklinik geflogen, wo sie ein Krankenhaus von Weltrang und hochausgebildete Spezialisten empfingen. Das erfahrene Trauma-Team der Hubschrauberbesatzung stabilisierte sie für den 23-minütigen Flug zum Helikopterlandeplatz des Krankenhauses.
Die Familienangehörigen wurden informiert und beide Mütter eilten mit William zur Vanderbilt-Klinik in der Innenstadt von Nashville. Die Ärzte machten Marys Familie kaum Hoffnung, dass sie die Nacht überleben würde. Ein einfühlsamer Arzt kümmerte sich um die schockierte Familie und bereitete sie auf das Schlimmste vor. Reaktionen des Gehirns waren kaum mehr vorhanden, und ohne die immense Anzahl medizinischer Geräte um sie herum, die Leben in ihren Körper pumpten, wäre sie bereits tot gewesen. Da durch Marys schwere Kopfverletzungen praktisch keine Hoffnung blieb, dass sie überlebte, lenkte der Arzt den Blick der Familie behutsam auf den ungeborenen und noch immer lebensfähigen Fötus.
In einfachen Worten erklärte der Arzt, dass selbst ein Kind, das ohne einen Unfall drei Monate zu früh auf die Welt kommt, ungleich geringere Chancen hat. Zudem war zu befürchten, dass Syndrome, die auf Marys Alkoholkonsum zurückzuführen waren, und die mangelnde Vorsorge gegen die Gesundheit des Kindes sprachen. Ein zweiter Arzt gesellte sich hinzu und gemeinsam erläuterten sie viele denkbare Erkrankungen, die diesem Baby möglicherweise drohten. Die umfangreiche Liste umfasste eine mangelnde Entwicklung von Herz und Lungen, zudem Hirnschlag, Blindheit und Hirnschäden. Jeder Punkt bedeutete, dass das Kind sein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein würde – vorausgesetzt es überlebte. Sie fügten hinzu, dass die Wahrscheinlichkeit gering war, dass das Kind länger als ein paar Tage leben würde. Trotz all dieser denkbaren Szenarien sah Marys mitgenommene Mutter den Ärzten verzweifelt in die Augen und wies sie an, alles zu unternehmen, um den Säugling zu retten.
Das auf neonatale Intensivmedizin spezialisierte Team bereitete den Kreißsaal fieberhaft für einen Notkaiserschnitt vor. Am Sonntagmorgen, dem 8. Juli 1990, um 6.01 Uhr, wurde der kleine Sohn von William Derryberry und Mary Davidson auf die Welt geholt. Zwei Stunden und 29 Minuten später schaltete man das lebenserhaltende Gerät ab, das Marys verwundeten und angeschwollenen Körper mit den letzten Überresten ihres Lebens verbunden hatte. Ihr Schädeltrauma und weitere innere Verletzungen waren zu schwerwiegend, als dass Hoffnung auf eine Genesung bestanden hätte. William streichelte ihre weiche, geschwollene Hand ein letztes Mal und schluchzte unkontrolliert bei Marys letztem Atemzug.
Auf demselben Flur klammerte sich ihr noch namenloser Sohn an sein eigenes, labiles Leben. Draußen erfüllten Kirchenglocken der Belmont United Methodistengemeinde die schwüle Luft dieses Julisonntags – ernste und doch fröhliche Klänge, die den Tod betrauerten und die Geburt feierten.
Der kleine Junge, der 13 Wochen zu früh zur Welt gekommen war und weniger als ein Kilo wog, rang um seinen ersten Atemzug. Für seinen erbitterten Kampf ums Leben hätte man ihn gut Rocky nennen können, aber nach drei Tagen bekam er den ersten Vornamen seines Vaters William. Sein Zweitname bestand aus den Anfangsbuchstaben der Zweitnamen seiner Eltern. Im Standesamt wurde er offiziell als »William HK Derryberry« registriert, aber anschließend einfach HK genannt.
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8
DAS WUNDERBABY
Solange Pearl erzählte, saß ich auf der Stuhlkante, gebannt und erschüttert von der Tragik, die HKs verhängnisvollen Start ins Leben umgab. Aber das war erst der Anfang. Seine Geschichte bestand nicht nur aus Herkunft und Geburt.
Über mehrere Samstagstreffen hinweg räumte Pearl ein ganzes Lager an Erinnerungen aus, und ich erfuhr, wie es kam, dass dieser kleine, blinde Wunderjunge an jenem Tag, als ich die Imbissstube betrat, an genau diesem Tisch saß.
Das Überleben des Frühchens war von Beginn an ein täglicher Kampf und stand ständig auf der Kippe. Pearl wusste, dass William nie in der Lage sein würde, ein Kind aufzuziehen, vor allem keines, das ständige Pflege und Fürsorge brauchte. Sein Leben war ein Hin und Her aus Gelegenheitsjobs und Gefängnis. So wurde Pearl mit 45 Jahren der Vormund ihres Enkelsohns.
Allein einen Enkel mit Behinderungen großzuziehen und gleichzeitig für ihren Lebensunterhalt sorgen zu müssen, war kaum das Leben, das Pearl Derryberry sich erträumt hatte. Aber sie übernahm die Aufgabe in der festen Absicht, ihrem winzigen, geschwächten Enkel eine bessere Mutter zu sein als ihren beiden Söhnen. Sie empfand den Unfall als Chance für einen Neuanfang und packte mit beiden Händen zu.
In weiser Voraussicht hatte Pearl 1986 nach einer unerwarteten Beförderung im Gaswerk ein kleines, weißes Holzhaus mit zwei Schlafzimmern gekauft, das in der Innenstadt von Nashville lag. Es war elf Kilometer von der Vanderbilt-Uniklinik entfernt, wo HK die ersten drei Monate auf der Intensivstation für Frühgeborene verbrachte. Laut Klinikordnung musste das wachhabende Pflegepersonal genau notieren, wann und um welche Uhrzeit welcher Besucher die Intensivstation betrat und verließ: Pearl Derryberrys Name ist an jedem der 96 Tage vermerkt, an denen ihr Enkel ums Überleben kämpfte.
An manchen Tagen schaute sie auf dem Hin- oder Rückweg von der Arbeit vorbei. An Tagen, an denen sich HKs Zustand verschlechterte und sie nicht freibekam, nutzte sie ihre verlängerte Mittagspause, um nach ihm zu sehen. In den einsamen, rastlosen Nächten, in denen sie die Wand anstarrte, statt zu schlafen, verschaffte ihr ein kurzer Krankenhausbesuch Trost und beruhigte die ständige Angst.
Pearl kannte nur eine Handvoll Leute in Nashville, allesamt Angestellte im Gaswerk. Ihre Mutter, die selbst alt und gesundheitlich nicht auf der Höhe war, fuhr gelegentlich von der Farm her, um Nachtwache zu halten. Sporadisch erschien auch William auf der Bildfläche, blieb aber meist fern. Seit dem Unfall hatte er mit seinen eigenen tiefen Abgründen zu kämpfen. Die traurige Realität war, dass Pearl den Berg, der unbezwingbar vor ihr aufragte, auf eigene Faust überwinden musste: Sie bewältigte das alles einsam und ohne soziales Netz, ohne Familie und Freunde – eine Stunde, einen Tag und einen Schritt nach dem anderen.
Als Pearl einmal frühmorgens, nur wenige Tage nach HKs Geburt, die Kinderstation betrat, winkte eine Schwester sie wortlos auf den Flur. Pearl war schon aufgefallen, dass mehr als der übliche Pulk aus Medizinern HKs Bettchen umgaben. Die Schwester teilte ihr mit, worauf sie nicht vorbereitet war: In der Nacht war in seinem Gehirn eine Blutung aufgetreten – eine Blutung vierten Grades, der schlimmsten Form. Eine OP war zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen und es bestand so oder so nur geringe Hoffnung, dass HK überlebte. Daher stopften sie ihn mit Antibiotika voll, untersuchten ihn mehrmals täglich per Ultraschall und warteten ab. Pearl hoffte und betete für einen guten Ausgang, aber ihr Bauchgefühl ließ sie anderes befürchten. In den vier Tagen darauf fuhr sie nur nach Hause, um zu duschen und sich umzuziehen. Am fünften Tag zeigte die Computertomografie, dass die Blutung gestillt war und das ausgetretene Blut zurückging. Pearl verbuchte es als Wunder. Später sagte man allerdings, dass diese schlaganfallähnliche Episode wahrscheinlich die Ursache für die Lähmung und die mangelnde Entwicklung der rechten Körperhälfte ihres Enkels war, was schließlich als Zerebralparese – Kinderlähmung – diagnostiziert wurde.
Nachdem das Frühchen diesen Rückschlag überlebt hatte, verbesserte sich sein Zustand auf ungeahnte Weise, ließ Ärzte, Schwestern und Pearl ein wenig durchatmen und füllte das helle Krankenhauszimmer mit vorsichtigem Optimismus. Nachdem die Krise überstanden war, stellten die Ärzte die intravenöse Antibiotikazufuhr ein. Aber zwei Tage später litt HK unter schwerer Atemnot und die Hoffnung auf eine schnelle Genesung verblasste wie eine neue Jeans.
Die Ärzte diagnostizierten einen »persistierenden Ductus arteriosus«, kurz PDA, eine lebensbedrohliche Fehlbildung des Herzens und das häufigste Problem bei Frühchen. Die Kinderspezialisten erklärten HKs jüngstes Leiden umständlich damit, dass sich ein nur im Mutterleib notwendiger Durchfluss zwischen zwei Adern nicht wie vorgesehen geschlossen hatte. Dadurch konnte das Blut nicht normal in seine neu entwickelten Lungen fließen. Wieder waren alle Möglichkeiten für eine OP vom Tisch und seine Überlebenschance sank von Stunde zu Stunde.
Die Ärzte legten HK erneut an den Antibiotika-Tropf und unter ein Sauerstoffzelt in der Hoffnung, seinem geschwächten Körper Zeit zu verschaffen, damit er die heikle Herzklappenoperation überstehen konnte. Ihr medizinisches Gespür half ihm über den Berg und nach einem Monat war er stabil genug für den Eingriff. Die Herz-OP verlief erfolgreich, aber später stellten die Ärzte fest, dass die monatelange erhöhte Sauerstoffzufuhr eine sogenannte Frühgeborenen-Retinopathie zur Folge hatte, eine gestörte Blutgefäßentwicklung im Auge, die zu Netzhautablösung und Erblindung führen kann.
Am 11. Oktober 1990 nahm Pearl ihren winzigen Enkel endlich mit nach Hause. Ihr verständnisvoller Vorgesetzter im Gaswerk gestand ihr flexible Arbeitszeiten zu, lange bevor dieses Konzept verbreitet war. Aber arbeiten musste sie dennoch und daher brauchte sie dringend zusätzliche Hilfe bei der Pflege des Säuglings. Jimmy, ihr jüngerer Sohn, war wie sein Vater Fernfahrer geworden und ständig auf Achse. Außerdem war seiner Ansicht nach sein älterer Bruder dafür verantwortlich, sich zu Hause um seinen kleinen Sohn zu kümmern. William fand schließlich eine Anstellung bei einer Firma, die Parkplätze an Flughäfen anbot, und konnte nach Nashville ziehen, war aber keine große Unterstützung. Mit seinem unberechenbaren Jähzorn und seiner nahezu manisch-depressiven Persönlichkeit konnte er gerade einmal gelegentlich die Windeln wechseln oder Babynahrung aus dem Kühlschrank holen. Zusätzliche Unterstützung kam, als Pearls kränkliche Mutter für eine Woche nach Nashville fuhr. Sie blieb schlussendlich zwei Jahre lang.
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9
SONNTAGSKIND
Einen Monat nachdem HK die Klinik verlassen hatte, kam Pearls Alltag wieder in eine erträgliche Balance. Doch die beiden blieben auch weiterhin vertraute Gesichter auf der Kinder-Intensivstation. HKs schwache Lungen konnten Bronchitis, Lungenentzündung und Asthma nicht allein bewältigen. Eine Weile lang aß er nichts, war matt und bekam Gelbsucht. Nach einer Reihe von Tests diagnostizierten die Endokrinologen schließlich eine gefährliche Schilddrüsenunterfunktion, gegen die er sein Leben lang Medikamente einnehmen muss. Während seines gesamten Aufenthalts in der neonatalen Intensivstation, bei etlichen Operationen, anschließenden Klinikaufenthalten, in Physiotherapie und intensiver Beratung genoss HK eine medizinische Spitzenbehandlung durch die Spezialisten der Vanderbilt-Uniklinik und des Kinderkrankenhauses. Ohne ihr außerordentlich hohes Maß an Betreuung hätte er schlichtweg nicht überlebt und Pearl war enorm dankbar dafür, dass fast alle der immens hohen medizinischen Ausgaben von staatlichen Gesundheitsfonds bezahlt wurden.
Mit achtzehn Monaten, wenn die meisten Kinder schon ihre ersten tapsigen Schritte machen, bemühte sich HK, mobil zu werden. Wegen seiner rechtsseitigen Lähmung konnte er nicht normal krabbeln, doch er ließ sich nicht beirren und entwickelte eine Rutschtechnik ähnlich einer zur Seite schlängelnden Klapperschlange. Es funktionierte perfekt. Wie jedes Krabbelkind kam er, wohin er wollte, nur ein wenig langsamer und mit seiner eigenen, unverwechselbaren Technik.
Über den Hartholzboden zu rutschen, und sei es auch nur eine kurze Strecke, war allerdings nicht gut für seine empfindliche Haut. Deshalb schuf Pearl eine Spielfläche, die 1,20 mal 3 Meter maß und aus einer Gummimatte von etwa fünf Zentimetern Dicke bestand, weich war wie ein Kissen und viel Platz zum Bewegen bot. Auf den Boden daneben stellte sie drei weiße Plastikbehälter mit Windeln, Hautlotion, Puder und anderem Babyzubehör.
Eines Abends wuschen Pearl und ihre Mutter gemeinsam das Geschirr vom Abendessen ab und ihre Mutter wollte sie ein wenig aufmuntern. Unter ihren Weisheiten gab es eine, die Hoffnung mit einer Portion Realismus vermischte: »Das Leben ist nie so gut, wie es aussieht, oder so schlecht, wie es scheint.« In Pearls Ohren klang das sehr wahr. Als sie sich weiter über ihr jeweiliges Leben mit allen Schwierigkeiten unterhielten, merkten sie plötzlich, dass es ungewöhnlich still geworden war im Haus.
Voller Sorge, dass dem Kleinkind etwas zugestoßen sein könnte, stürzten sie ins Wohnzimmer. Was sie dort vorfanden, vergaßen sie anschließend nie wieder: HK war um den Spielbereich herumgerutscht und hatte in einer der weißen Plastikkisten ein geheimnisvolles Gefäß gefunden. Irgendwie war es ihm gelungen, die Kiste zu öffnen, und er hatte darin zu seiner maßlosen Freude eine große Dose Vaseline entdeckt.
Beide Frauen verharrten stumm bei diesem Anblick: HK hatte die Vaseline nicht nur gefunden, sondern es auch geschafft, den Deckel zu öffnen und sich von Kopf bis Fuß mit der herrlichen Schmiere zu überziehen! Das ungewohnte Gefühl auf der Haut musste er als besonders angenehm empfunden haben, denn er hatte seine winzige Hand immer wieder in die Cremedose getaucht, bis sie leer war. Mutter und Tochter begannen laut zu lachen, bis ihnen die Tränen kamen. Jeder Versuch, etwas zu sagen, endete nur in weiteren unkontrollierbaren Lachanfällen. Eine Aufmunterung war genau das, was sie gebraucht hatten, und an diesem Abend bekamen sie sogar eine besonders große Portion davon. Pearl beschrieb die Szenerie mit den Worten: »Er sah aus wie eine riesige geschmolzene Kerze mitten im Laufstall.« Um solch seltene glückliche Momente neben den Bergen von Sorgen nicht zu vergessen, holte sie ihre alte Polaroidkamera hervor und hielt die geschmolzene Kerze fest, die einen unvergessenen Abend lang den Wohnzimmerboden zierte.
Trotz solcher humorvoller Augenblicke war das Leben weiterhin alles andere als leicht. Nach ihrer schwierigen Vergangenheit – und verstärkt durch die Tatsache, dass sie morgens nur schwer aus dem Bett kam – war sie immer schon der Meinung gewesen, dass ein neuer Morgen nichts Gutes bereithalten konnte. Und nun sah ihre Zukunft ebenso düster aus wie ihre Vergangenheit.
Ein Kinderreim der Märchenfigur Mutter Gans beschrieb Pearls Zukunft so:
Montagskinder haben ein hübsches Gesicht
Dienstagskindern fehlt die Anmut nicht
Mittwochskinder tragen viel Leid
Donnerstagskinder haben’s noch weit
Freitagskinder lieben gern und geben
Samstagskinder rackern sich ab im Leben
Und die Kinder geboren am Tag des Herrn
sind munter und fröhlich und lachen gern.
Sie erklärte mir, wie sie den kleinen Reim verstand: »HK ist ein Sonntagskind und ich bin ein Mittwochskind. Ich muss mich jeden Tag bemühen, meine negative Haltung zu überwinden.«
Und das schaffte sie. Von HKs erstem Tag zu Hause an vermied sie es bewusst, dunkle Wolken über ihrem Enkel aufziehen zu lassen. Stattdessen entschied sie sich für das warme Sonnenlicht aus positiver Bestärkung und unaufhörlicher Ermutigung. »Tu als ob, bis du so bist« wurde zu ihrem ständigen Motto. Jeden Morgen begrüßte sie ihn mit den Worten: »Guten Morgen! Ist heute nicht ein wundervoller Tag?« Sie zauberte Glück und Optimismus herbei, selbst wenn die Welt um sie herum zusammenbrach.
Pearl schaffte es, ein Leben zu bewältigen, das sie sich nie gewünscht hatte, indem sie die Zukunft so anging, wie sie es immer getan hatte: einen Tag nach dem anderen. Und sie tat es mit ungebrochenem Mut und fester Entschlossenheit. Fragte man sie im Vorübergehen, wie es ihr gehe, gab sie immer ihre Standardantwort, belegt mit einer dicken Scheibe reinem Sarkasmus: »Bestens, bestens, bestens!« Aber Pearl Derryberry hatte etwas, das keine Fassade und kein Versteckspiel erforderte: Sie hatte Grips, und zwar eine Menge davon.
Pulsuz fraqment bitdi.