Kitabı oxu: «Introvision»

Şrift:


Die Autorinnen

Univ.-Prof. Dr. Angelika C. Wagner, Pädagogische Psychologie, Universität Hamburg, ist Begründerin der Methode der Introvision und leitet seit über 40 Jahren ein Langzeitforschungsprogramm zur Entstehung und Auflösung innerer Konflikte. Sie ist Autorin des Grundlagenwerkes »Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte«. Prof. Dr. Renate Kosuch (Diplom-Psychologin, TH Köln) und Prof. Dr. Telse Iwers (Pädagogische Psychologie in der Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg) tragen seit vielen Jahren zur Entwicklung, empirischen Forschung und Verbreitung der Introvision bei.

Angelika C. Wagner Renate Kosuch Telse Iwers

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2., überarbeitete Auflage 2020

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-037910-7

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pdf: ISBN 978-3-17-037911-4

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Abkürzungsverzeichnis

B Beraterin, Berater

EPiS Epistemisches Informationsverarbeitungssystem

ITA Imperativtheoretisches Textanalyseverfahren

K Klientin, Klient

KAW Konstatierendes Aufmerksames Wahrnehmen

KUS Konfliktumgehungsstrategie(n)

NLD Nachträgliches Lautes Denken

PT Psychotonus bzw. Psychotonusstufe

TMI Theorie der Mentalen Introferenz

Inhalt

1  Abkürzungsverzeichnis

2  Vorwort

3  Zur 2. Auflage

4  Danksagung

5  Lesehinweise

6  1 Problemen gelassen ins Auge schauen: Worum es in diesem Buch geht

7  1.1 Was Gelassenheit bedeutet: Die Psychotonusskala (PT-Skala)

8  1.2 Wie Gelassenheit entsteht: Lernen mit etwas aufzuhören

9  1.3 Die Geschichte dahinter: Wie Introvision entwickelt wurde

10  1.3.1 Das Langzeitforschungsprogramm zur »Entstehung und Auflösung innerer Konflikte«

11  1.3.2 »Ist das nicht dasselbe wie …?« Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Introvision und anderen Verfahren der mentalen Selbstregulation

12  1.4 Zusammenfassung

13  2 Was es ist, das im Zustand der Gelassenheit unterlassen wird: Die Theorie der mentalen Introferenz

14  2.1 Eine kurze Übersicht über Theorien der Entstehung von Gelassenheit

15  2.2 Eine kurze Übersicht über die Theorie der mentalen Introferenz

16  2.3 Das erste introferente Eingreifen an einer bestimmten Stelle: Der Wanderer – ein Gedankenexperiment

17  2.4 Die Theorie der mentalen Introferenz (TMI) – eine Übersicht

18  2.5 Wie die Wellen größer werden: Automatisierung und wiederholtes Eingreifen

19  2.6 Das »Auge des Wirbelsturms« und wie der Wirbelsturm sich wieder beruhigt: das KAW als die Grundlage der Introvision

20  2.7 Zusammenfassung

21  3 »Gelassen schauen«: Das Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmen

22  3.1 Konstatierendes Aufmerksames Wahrnehmen lernen

23  3.2 Das KAW-Übungsprogramm

24  3.2.1 Erster Schritt: Aufmerksam konstatierend, offen und konstant wahrnehmen, was ist (KAW-Übung 1)

25  3.2.2 Zweiter Schritt: Weitstellen (KAW-Übung 2)

26  3.2.3 Dritter Schritt: Weitgestellt mit konstantem Fokus (KAW-Übung 3)

27  3.2.4 Vierter Schritt: KAW auf das Zentrum des Angenehmen und das Zentrum des Unangenehmen (KAW-Übung 4)

28  3.2.5 Allgemeine Hinweise zum Üben

29  3.3 KAW für Fortgeschrittene

30  3.4 Wie sich Konstatierendes Aufmerksames Wahrnehmen auswirkt

31  3.5 Zusammenfassung

32  4 »Das Auge des Problems«: Den Kern des Konflikts finden

33  4.1 Muss/Darf-Nicht-Selbstalarm: Subjektive Imperative

34  4.2 Den Konflikt gezielt aktivieren: Das Nachträgliche Laute Denken

35  4.3 Dabeibleiben: Konfliktumgehungsstrategien erkennen

36  4.4 Den Kern finden: Imperativketten zurückverfolgen

37  4.5 Zusammenfassung

38  5 »Problemen gelassen ins Auge schauen«: Die Durchführung der Introvision zur Auflösung innerer Konflikte

39  5.1 Einfach, aber nicht immer leicht: das Vorgehen bei der Introvision in der Übersicht

40  5.2 Erläuterungen zu einzelnen Phasen der Introvision anhand von weiteren Praxisbeispielen

41  5.3 Die Auswirkungen der Introvision

42  5.3.1 »Wenn die Windböe plötzlich aufhört«: Die rasche Auflösung eines Konflikts

43  5.3.2 Die Auflösung eines Konflikts dauert länger an

44  5.4 Merkmale einer erfolgreichen Konfliktauflösung

45  5.5 Zusammenfassung

46  6 Zusammenfassung

47  Anhang: Das Gelassenheitsbarometer von Renate Kosuch

48  Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln

49  Vorwort

50  1 Problemen gelassen ins Auge schauen: Worum es in diesem Buch geht

51  2 Was es ist, das im Zustand der Gelassenheit unterlassen wird: Die Theorie der mentalen Introferenz

52  3 »Gelassen schauen«: Das Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmen

53  4 »Das Auge des Problems«: Den Kern des Konflikts finden

54  5 »Problemen gelassen ins Auge schauen«: Die Durchführung der Introvision zur Auflösung innerer Konflikte

55  Anhang: Das Gelassenheitsbarometer von Renate Kosuch

56  Literatur

57  Literaturverzeichnis

58  Literatur zum Weiterlesen

59  Stichwortverzeichnis

Vorwort

Gelassen auf Konflikte zu schauen, auch wenn die Wogen hoch gehen – sie sogar langfristig aufzulösen – das ist möglich mit Introvision. Um diese vergleichsweise neue Beratungs-, Coaching- und Selbsthilfemethode zur Förderung von Gelassenheit geht es in diesem Buch. Sie wurde über einen Zeitraum von 40 Jahren im Rahmen eines Langzeitforschungsprogramm unter der Leitung der Erstautorin, Angelika C. Wagner, in weit über sechzig empirischen Untersuchungen, zunächst an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen und seit 1985 an der Universität Hamburg, entwickelt, erprobt, methodisch weiterentwickelt und in vielen praktischen Anwendungsfeldern auf ihre Wirksamkeit hin untersucht. Seit das Buch »Gelassenheit durch Auflösung innerer Konflikte. Mentale Selbstregulation und Introvision« von Angelika C. Wagner 2007 (2. Aufl. 2011, 3. Aufl. in Vorb.) im Kohlhammer Verlag erschienen ist, hat das Interesse an Introvision in Wissenschaft und Praxis stark zugenommen.

Mit dieser alltagsnahen Einführung wollen wir eine breitere Leserschaft erreichen. Das Buch eignet sich für Menschen, die sich mit der Förderung von Gelassenheit in Selbstlektüre auseinandersetzen möchten und kann als Grundlagentext für Seminare, für Einführungskurse in Introvision und beim Training und Coaching in Introvision genutzt werden.

Dabei geht es darum,

(wieder) mit mehr Gelassenheit entscheiden und handeln zu können,

das Ausmaß psychischer Anspannung regulieren zu können,

sich mühelos(er) in eine gewünschte Richtung verändern zu können, ohne dieses Vorhaben dem eigenen Bewusstsein so aufzuzwingen, dass zwar der Druck steigt, die Änderung aber nicht eintritt, und

Konflikte von der Wurzel her aufzulösen.

In den letzten Jahren ist unter der Anleitung der Autorinnen eine Vielzahl von Kursen entwickelt und durchgeführt worden, an Hochschulen (Pädagogik, Psychologie, allgemeine berufsbildende Kompetenzen, Gesundheitsförderung, Sozialpädagogik und Soziale Arbeit), an Schulen (zur Verbesserung des Lernens und zum Abbau von Prüfungsangst), im Leistungssport, zum Stressabbau und zur Gesundheitsförderung von Führungskräften wie auch Langzeitarbeitslosen, um nur einige zu nennen. Daneben werden laufend weitere Forschungsprojekte zur Wirksamkeit von Introvision geplant und realisiert.

Die Forschungsgruppe Introvision an der Universität Hamburg (www.introvision.uni-hamburg.de), heute unter der Leitung von Prof. Dr. Angelika C. Wagner und Prof. Dr. Telse A. Iwers, bietet neben individuellen und Gruppen-Workshops zur Einführung in die Introvision für Interessierte seit April 2014 auch ein umfangreiches Weiterbildungsprogramm für Coaches, Trainerinnen und Trainer sowie Beraterinnen und Berater an, die in der professionellen Anwendung der Methode der Introvision ausgebildet und weiterqualifiziert werden.

2016 wurde ein Verband gegründet unter dem Namen »Introvision e. V. – Gesellschaft zur Förderung der Introvision als Methode der mentalen Selbstregulation«, der es sich zur Aufgabe macht, die Weiterentwicklung und Verbreitung der Introvisionsberatung zu fördern (www. introvision.de).

Für all diese Zwecke legen wir diese leicht verständliche, praxisorientierte und zugleich wissenschaftlich fundierte Einführung als Ergänzung und Erweiterung des grundlegenden »Gelassenheitsbuchs« vor. Sie wurde von uns drei Autorinnen gemeinsam verfasst.

Univ.-Prof. Angelika C. Wagner, Ph. D. (University of Michigan) ist emeritierte Professorin für Pädagogische Psychologie, Begründerin des Ansatzes der Introvision und Leiterin der »Forschungsgruppe Mentale Selbstregulation und Introvision« an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Die Entwicklung der Introvision ist ihr Lebenswerk ( Kap. 1.3).

Die Entstehung dieses Buches geht auf die Initiative und auf Vorarbeiten von Prof. Dr. Renate Kosuch im Rahmen ihres Forschungssemesters im Jahr 2013 an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln zurück. Zudem hat sie innere Konflikte im Berufsalltag analysiert und dabei auf der Grundlage der Methode des Nachträglichen Lauten Denkens die Methode des konfliktfokussierten Interviews zur Erfassung subjektiver Imperative entwickelt, in einer empirischen Untersuchung von Konflikten von Männern und Frauen im Bereich der Naturwissenschaften angewandt und die Ergebnisse empirisch ausgewertet1. Sie setzt Introvision ein bei der Gestaltung von Veränderungsprozessen in Organisationen2, im Kontext der Vermeidung von freiheitsentziehenden Maßnahmen in der häuslichen Pflege und zur Erleichterung des Erlernens von Beratungsmethoden3.

Prof. Dr. MHEd. Telse Iwers lehrt Pädagogische Psychologie an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Seit 25 Jahren befasst sie sich mit der Auflösung innerer Konflikte in Beratungs- und Supervisionsprozessen sowie im Kontext von Interkulturalität und pädagogischer Professionalität. Ihr Verdienst ist es u. a., 2001 den Begriff Introvision dafür erfunden zu haben.

Alle Autorinnen verfügen über umfangreiche Erfahrungen sowohl in der Forschung und Entwicklung als auch in der praktischen Vermittlung der Introvision.

Zur 2. Auflage

Die hier vorgelegte zweite, überarbeitete Auflage dieses Praxisbuchs spiegelt die kontinuierliche Weiterentwicklung der Introvision in Theorie, Forschung und Praxis wider. Die Theorie der mentalen Introferenz wurde seit 2015 von der Erstautorin, Angelika C. Wagner4, zu einer Grundlagentheorie der Entstehung von Gelassenheit weiterentwickelt; in diesem Zusammenhang wurde Kapitel 2 von ihr weitgehend neu geschrieben.

Weiterführende Forschungsergebnisse (so z. B. das Gelassenheitsbarometer von Prof. Dr. Renate Kosuch im Anhang dieses Buchs) sowie neue Impulse für die Praxis und die gelingende Anwendung von Introvision kommen aus der laufenden Forschung, aus der Praxis, von Teilnehmenden und Veranstalterinnen der Weiterbildungskurse ebenso wie aus hochschulbegleiteten Transferprojekten.

Prof. Dr. Angelika C. Wagner hat neben der Weiterentwicklung der Theorie der mentalen Introferenz zu einer allgemeinen Theorie der Gelassenheit seit März 2014 ein Promotionsvorhaben initiiert und betreut, das von Kamala Klebanova durchgeführt wird. Es handelt sich um ein Interventionsforschungsprojekt zur Wirksamkeit der Introvision bei der Verringerung von Prüfungsangst und zur Verbesserung der Gedächtnisleistung bei Oberstufenschülerinnen und -schülern, in enger Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich »Plastizität des Gehirns«5 an der Universität Lübeck. Darüber hinaus hat sie die Entwicklung weiterer, derzeit laufender empirischer drittmittelgeförderter Untersuchungen (u. a. Introvision bei Migräne sowie Introvision im betrieblichen Gesundheitsmanagement) konzeptionell begleitet. Parallel dazu treibt sie die Entwicklung der Praxis der Introvision weiter voran: durch die Entwicklung neuer KAW-Übungen, durch Vorträge und Workshops zur Einführung in die Introvision für unterschiedliche Zielgruppen, sowie durch Aufbaumodule zur Weiterbildung von in Hamburg ausgebildeten Introvisionsberaterinnen und -beratern.

Prof. Dr. Renate Kosuch hat seit 2015 an der Förderung von Gelassenheit als einen bedeutsamen Aspekt in der rechtlichen Betreuung – insbesondere im Prozess der Unterstützung von Menschen mit behinderungs- oder krankheitsbedingten Einschränkungen in ihrer Entscheidungsfähigkeit gearbeitet6 und damit ihren Themenschwerpunkt der Bedeutung von Gelassenheit in sozialen Interaktionen weiter ausgebaut. Im Rahmen der Gelassenheitsförderung für pflegende Angehörige von an Alzheimer erkrankten Menschen hat sie7das hier vorgelegte Gelassenheitsbarometer8 zur Selbstreflexion in vielfältigen Kontexten entwickelt ( Anhang). Neuere Veröffentlichungen dazu finden sich im Literaturverzeichnis.

Prof. Dr. Telse A. Iwers hat seit 2015 neben verschiedenen Vortragstätigkeiten Forschungsprojekte zur Untersuchung des Zusammenhanges von Introvision und antinomischen Spannungen ebenso wie des Zusammenhanges zwischen Introvision und Achtsamkeit durchgeführt und begleitet. Zu dem zweiten Themengebiet hat sie eine Ringvorlesung organisiert und arbeitet aktuell an der Weiterentwicklung von Achtsamkeitsförderung durch Introvision im Rahmen pädagogischer Professionalisierung. Ebenso bietet sie in interkulturellen Lehrprojekten gemeinsam mit der University of Education Winneba (Ghana) introvisionsbasierte Trainingseinheiten zur Dekonstruktion und Rekonstruktion subjektiver Theorien von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit und zum Umgang mit Ungewissheit an. Als Sprecherin der Kommission Pädagogik und Humanistische Psychologie der DGFE hat sie eine Tagung zum Thema ›Vielfalt thematisieren‹ organisiert, auf der u. a. Fragen der Auflösung innerer Konflikte mit Situationen von Ungewissheit und Fremdheit diskutiert wurden.

Anlässlich des Jubiläums zu 40 Jahren Forschung und Praxis der Introvision fand im September 2017 eine zweitägige Tagung an der Universität Hamburg statt. Deutlich wurde dabei auch wie gesellschaftlich bedeutsam die Förderung von Gelassenheit heute ist9.

Danksagung

Wir bedanken uns bei den folgenden Personen und Institutionen, die für die Entstehung dieses Buches (1. und 2. Auflage) wichtig waren: Malin Hildebrandt für die gemeinsam mit A. C. Wagner entwickelten Abbildungen, Alina Laskowski für die Unterstützung bei der Erstellung des Manuskriptes, der ersten Auflage, all den Personen, die uns erlaubt haben, aus ihren Erfahrungsberichten zu zitieren sowie dem Kohlhammer Verlag für die sehr gute, intensive Unterstützung und Betreuung, insbesondere Ruprecht Poensgen (1. und 2. Aufl.), Joachim Walter, Celestina Filbrandt, Carina Eckert (1. Aufl.) und Annika Grupp (2. Aufl.). Dank gilt auch der TH Köln für die Gewährung eines Forschungssemesters (Renate Kosuch). Darüber hinaus danken wir unseren Familien, Freundinnen und Freunden für ihre Geduld, Gesprächsbereitschaft und Rückenstärkung, den Mitgliedern der Forschungsgruppe Introvision sowie des Vereins für Introvision und – last but not least – den vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern unserer Seminare und Workshops, deren Nachfragen und Erfahrungen uns herausgefordert haben, die Vermittlung der Introvision zugleich differenziert, zugänglicher und alltagstauglich zu machen.

Lesehinweise

Dieses Buch ist als Einführungskurs aufgebaut. Es ist zugleich ein wissenschaftliches Fachbuch, in dem Leserinnen und Leser auch auf theoretischer Basis in die wissenschaftlichen Zusammenhänge der Introvision eingeführt werden. Damit das Buch sich möglichst flüssig liest, haben wir uns dafür entschieden, Literatur- und sonstige weiterführende wissenschaftliche Hinweise als »Anmerkungen« am Ende des Buches aufzuführen. In einer Reihe von Fällen werden Berichte von Introvisionsanwenderinnen und -anwendern wiedergegeben. Zur Wahrung der Anonymität erfolgt der Quellennachweis hier über eine Nummer am Ende des Zitats. Nähere Hinweise hierzu finden sich am Ende des Literaturverzeichnisses. Wir empfehlen, das Buch chronologisch zu lesen, denn die Kapitel bauen aufeinander auf. Sie sind Bestandteil eines umfangreichen Kurses in Gelassenheit – egal ob theoretische Hintergrundinformation oder praktische Übung im Vordergrund stehen. Alles zusammen bildet die Grundlage der Selbstanwendung und Beratung.

Ziel der Introvision ist es, Problemen gelassen ins Auge zu schauen – und so wieder gelassen zu werden in Situationen, in denen einem das schwerfällt. In diesem Buch geht es also in erster Linie um innere Probleme, um diejenigen Konflikte, Ängste, Ärger, Blockaden, die es uns schwer machen, im Alltag gelassen zu bleiben. Bei der Introvision geht es darum, diese inneren Konflikte nicht nur abzumildern, sondern von der Wurzel her aufzulösen. In diesem Buch wird erklärt, wie das geht: was Gelassenheit bedeutet ( Kap. 1), wieso es sinnvoll ist, Problemen »gelassen ins Auge zu schauen« ( Kap. 2), wie sich das praktisch üben lässt ( Kap. 3), wie sich das »Auge des Problems«, sprich: der Kern des Konflikts finden lässt ( Kap. 2. und Kap. 4) und wie man diesen tatsächlich gelassen betrachten kann ( Kap. 5).

Die Lern- und Trainingsziele im Einzelnen sind:

Das Ausmaß der eigenen Gelassenheit anhand der siebenstufigen Psychotonusskala einschätzen zu können ( Kap. 1).

Zu verstehen, wie zunehmende Nicht-Gelassenheit entsteht, welche Rolle dabei das introferente (»hineintragende«) Eingreifen in mentale Abläufe spielt. Ziel ist, zwischen der mentalen Selbstregulation auf Basis des »Erkennens-Was-Ist« (epistemische Informationsverarbeitung) und den Auswirkungen des Überschreibens gültiger durch ungültige Kognitionen (»Eingreifen-In-Das-Was-Ist«) unterscheiden zu können (Theorie der Mentalen Introferenz, TMI, Kap. 2), und auf diesem Hintergrund das Grundprinzip des konstatierenden Wahrnehmens und der Introvision zu verstehen.

Das »gelassene Schauen«, sprich das Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmen einzuüben und anzuwenden, zur Förderung von mehr Gelassenheit im Alltag und als Grundlage der Introvision zur Auflösung innerer Konflikte ( Kap. 3).

Zu verstehen, was es bedeutet, sich bestimmte Kognitionen zu befehlen und sich selber aufzuzwingen (subjektive Imperative) und welche Schlimmgefühle (Muss/Darf-Nicht-Syndrom) mit der Erkenntnis, was ist oder sein kann (Subkognitionen), verbunden sind.

Es geht darum, den Zugang zu verschiedenartigen inneren Konflikten durch Nachträgliches Lautes Denken zu bekommen und diese Qualität des »Live-Erlebens« unterscheiden zu können vom Nachdenken über eine Sache.

Dabei wird auch sensibilisiert für die vielfältigen mentalen Strategien, einen Konflikt loszuwerden (Konfliktumgehungsstrategien), die das Konstatierende Aufmerksame Wahrnehmen des Zentrums des Unangenehmen behindern können ( Kap. 4). Ziel ist es, zu lernen, wie sich das »Auge des Problems« finden lässt, das es bei der Introvision dann gelassen anzuschauen gilt.

Den Ablauf einer Introvision zu kennen sowie die Methode der Introvision zur Auflösung von inneren Konflikten, mentalen Blockaden und Affekten (Angst, Ärger, Wut) einsetzen zu können ( Kap. 5).

Am Schluss fassen wir das Wichtigste noch einmal zusammen ( Kap. 6).

Dieses Buch ist als Einführung in die Introvision gedacht. Der Schwerpunkt liegt hier in erster Linie auf der praktischen Durchführung und Anwendung der Introvision. Wer sich darüber hinaus stärker in die theoretischen, empirischen und praktischen Grundlagen der Introvision vertiefen möchte, sei an dieser Stelle ausdrücklich auf das Buch von Wagner (2011) verwiesen.

Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern gutes Gelingen.

1
Problemen gelassen ins Auge schauen: Worum es in diesem Buch geht

Wie ist es möglich, gelassen mit schwierigen Situationen umzugehen? Diese Frage bewegt uns insbesondere dann, wenn wir uns akut in einer schwierigen Situation befinden. Die in dieser Situation auftretenden inneren Konflikte, Ängste, Ärger, Stress und Blockaden erleben wir meist als nicht beeinflussbar, sondern eher als etwas, über das wir nicht verfügen können. Unangenehme Gefühle stellen sich einfach ein, die Gedanken drehen sich im Kreis oder eine passende Reaktion fällt einem nicht ein. Mit etwas Abstand lässt sich das Typische daran meist gut beschreiben. Aus der Distanz können wir oft auch analysieren, was während eines akuten Konflikts abgelaufen ist. Die vielen Versuche innerlich dagegen vorzugehen oder sich vorzunehmen, zukünftig anders und ruhiger damit umzugehen, laufen dennoch oft ins Leere oder sind hoch anstrengend. Es ist, als würden wir an den entscheidenden Stellen einer gewünschten Selbstveränderung an die Grenzen unserer Fähigkeit zur Selbststeuerung stoßen. Wie unser Bewusstsein arbeitet, wie gelassen oder angespannt wir sind, scheint sich der willentlichen Beeinflussung gerade dann zu entziehen, wenn es uns dringend notwendig erscheint. Grund dafür sind automatisierte Prozesse des introferenten Eingreifens ( Kap. 2) und die daraus resultierenden inneren Konflikte, die den Handlungsspielraum einschränken, den wir brauchen, um mit schwierigen Situationen oder inneren Zuständen umgehen zu können und diese Konflikte auflösen zu können.

Im ersten Teil dieses Kapitels wird dargelegt, was Gelassenheit bedeutet ( Kap. 1.1) und wie sich das Ausmaß von (fehlender) Gelassenheit abstufen lässt, zwischen tiefer innerer Ruhe auf der einen und Panik auf der anderen Seite ( Kap. 1.2). Gelassenheit kann entstehen, wenn wir aufhören zu denken, dass Dinge unseren Vorstellungen entsprechen müssen oder anders sein müssen. Gelassenheit hat aus unserer Sicht also wesentlich damit zu tun, etwas innerlich nicht mehr zu tun. Dieses Verständnis von Selbstberuhigung und Selbstregulation durch Unterlassung ist die Grundlage der Introvision. In Kapitel 1.3 berichtet deren Begründerin, Angelika C. Wagner, wie sie entstanden ist und wie sie sich von anderen psychologischen Methoden unterscheidet.

1.1 Was Gelassenheit bedeutet: Die Psychotonusskala (PT-Skala)

Gelassenheit wird oft mit Besonnenheit, mit Gleichmut, mit innerer Ruhe, mit einem ausgeglichenen Gemütszustand umschrieben, mit Weitsicht und Bedachtsamkeit.

Der Begriff der Gelassenheit

Die ursprüngliche Wortbedeutung geht auf das Mittelhochdeutsche »gelaāʒenheit« zurück, was die Gebrüder Grimm1 in ihrem Wörterbuch in »Gottergebenheit« übertragen. Im Laufe der Geschichte erfolgte eine Loslösung des Begriffs vom Religiösen hin zu einer persönlichen Innerlichkeit. Diese innere Haltung wird auch umschrieben mit Gemütsruhe, innerem Gleichgewicht, Bedacht, Abgeklärtheit und Besinnlichkeit. Mit diesen Begriffen werden zum Teil aktuelle momentane Verfassungen in bestimmten Situationen bezeichnet, zum Teil aber auch wesentliche Einstellungen, die eine gelassene Persönlichkeit beschreiben.

Die Philosophie hat sich seit jeher mit Gelassenheit befasst. Schon in der Antike gab es Erörterungen über den Sinn von Gelassenheit, aber auch über die Gefahr des Abgleitens in Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit.

Der deutsche Philosoph Friedrich Kambartel hat eine Abhandlung mit dem Titel ›Über die Gelassenheit: Zum vernünftigen Umgang mit dem Unverfügbaren‹2 geschrieben. Dieser Titel beschreibt den ersten Schritt dessen, was wir unter Gelassenheit verstehen: Eine Haltung, die sich nicht an dem Unverfügbaren aufreibt, sondern dieses Unverfügbare so sein lassen kann, wie es gerade ist. Wenn wir uns in einer gelassenen Haltung schulen, dann weil wir erkennen, dass Unveränderbares nicht änderbar ist, auch wenn wir uns noch so sehr bemühen. In die gleiche Richtung weist das bekannte ›Gelassenheitsgebet‹: Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.3

Auch andere Kulturen haben sich auf vielerlei Weise mit Gleichmut beschäftigt. Im Buddhismus wird der zweite Schritt dessen, was wir unter Gelassenheit verstehen, erkennbar: Dort kommt dem Gleichmut (Upekkha) eine wesentliche Bedeutung zu. Er ist einer der anzustrebenden Geisteszustände (neben Liebe, Mitfreude, Mitgefühl) und überwindet Hindernisse, insbesondere Unruhe und Aufgeregtheit, die durch Gier und Unwillen entstehen.

Gleichmut umfasst hier Gelassenheit ebenso wie So-sein-lassen-Können, Nicht-Anhaften und Loslassen. Wir müssen Dinge nicht überwinden, erzwingen, besitzen, kontrollieren, sondern können uns und die Situation, in der wir uns gerade befinden, so sein lassen, wie sie sind. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit und Handlungsenergie nicht mehr auf Wahrnehmungen, Umstände oder Dinge richten, die anders sein müssten, haben wir viel mehr Kapazität frei zu sehen, was wirklich gegeben ist. Dies hat nicht zur Folge, dass wir apathisch und unaufmerksam sind und alles passiv hinnehmen, sondern dass wir ganz im Gegenteil in der Gegenwart aufmerksam und präsent sind und sich unsere Reaktionen auf »das, was ist« beziehen können.

Wenn wir aber eingreifen in unsere Wahrnehmung, das Wahrgenommene bewerten oder gar auszuklammern versuchen, dann muss steuernd eingegriffen werden. Wenn die Dinge nicht so sein dürfen, wie sie erscheinen, dann werden sie mit ersten störenden Gefühlen verbunden. Dies führt zu emotionaler Aufladung, zu Erregung und Selbstalarm. Diesen Selbstalarm können wir zu unterbinden versuchen, indem wir anstreben, trotzdem cool zu bleiben. Dies ist aber nicht wirklich ein Zustand innerer Gelassenheit, sondern der Versuch, innere Anspannung und gedankliches Kreisen durch kontrollierende Maßnahmen zu unterdrücken.

Gelassenheit ist nicht Gleichgültigkeit

Ein verbreitetes Missverständnis ist dementsprechend, sich Gelassenheit vorzustellen als »die Fassung wahren«, »rational sein«, »ohne Emotionen«. Die Vorstellung einer Gegensätzlichkeit von verstandesgeleitet (= gelassen) und gefühlsgeleitet (= aufgeregt) ist verbunden mit der Idee von gelassener Selbststeuerung ohne Gefühle, die dieser Vorstellung nach als grundsätzlich störend erlebt werden. Doch die Trennlinie ist hier missverständlich gezogen. Selbst verordnete, aufgesetzte oder vorgeschobene Gleichgültigkeit oder Fühllosigkeit ist oft mit hoher innerer Anspannung verbunden und bedeutet eben nicht, gelassen zu sein. »Coolness« oder eine Ausstrahlung von Unberührbarkeit anzustreben führt letztlich dazu, dass mit großem psychischen Aufwand versucht wird, unangenehmen Gefühlen zu entgehen ( Kap. 3.2; Konfliktumgehungsstrategien). Das engt den Handlungsspielraum ein und blockiert Intuition und Kreativität – beides wird aber gerade in schwierigen Situationen gebraucht. Auf die Umgebung wirkt sich diese Art und Weise zudem eher nicht gelassenheitsfördernd aus, sondern verursacht häufig das Gegenteil.

Gelassenheit, wie sie hier verstanden wird, bedeutet gerade nicht Emotionslosigkeit4. Sie geht ganz im Gegenteil mit großer Empfindungsfähigkeit und Offenheit für eine Vielfalt von Gefühlen einher. Erst der Versuch, die Dinge innerlich so zu machen, wie sie sein sollten statt hinzuschauen, wie sie sind, bringt uns in Wallung. Durch diese mentale Verzerrung (Eingreifen und Überschreiben) nehmen Erregung, Anspannung und Blockierungen zu. So kann z. B. aus Trauer hysterisches Klagen werden, Zuneigung sich zu Gier steigern oder die Suche nach der passenden Antwort zum Blackout führen.

Die Trennlinie der Unterscheidung ist also nicht zwischen Kopf und Bauch zu ziehen, sondern zwischen zwei verschiedenen Arten und Weisen, wie das, was gerade in einem vorgeht (emotionaler wie rationaler Art), erlebt und verarbeitet wird ( Abb. 1.1; Anhang, »Gelassenheitsbarometer«).


Abb. 1.1: Gelassenes und nichtgelassenes Erleben

Letztlich bedeutet Gelassenheit idealerweise, optimal handlungsfähig zu sein, genau wahrzunehmen und einen freien Zugang zu den eigenen inneren Wahrnehmungen und Gefühlen zu haben, um auf die Situation einzuwirken. Mit Gelassenheit ist es möglich zu »planen, wünschen, handeln, erfinden, schlussfolgern, spüren, genießen, träumen«5.

Gelassenheit bezeichnet eine annehmende und besonnene Haltung, mit der es möglich ist, die Gegenwart zu erfassen wie sie ist, ohne von emotionaler oder gedanklicher Abwehr überschwemmt zu werden.

Unterschiedliche Grade von Gelassenheit: Die Psychotonusskala

Im Alltag lassen sich verschiedene Stufen von mehr oder weniger Gelassenheit unterscheiden: Pragmatische Gelassenheit, Flow-Erleben (im Einklang mit sich und der Welt) und absolute innere Ruhe. Pragmatische Gelassenheit bedeutet, dass sich jemand im Alltag im Wesentlichen ruhig und besonnen verhält6. Daneben gibt es Zustände zunehmend tieferer Gelassenheit – etwa, wenn wir uns etwas entspannt fühlen und kleinere Anspannungen langsam von uns abfallen, über den Zustand der Versunkenheit im Augenblick bis hin zu den seltenen Momenten absoluter innerer Ruhe, Selbstvergessenheit und Zeitlosigkeit. Auf der anderen Seite kann auch der Grad der Anspannung im Alltag unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Von einer als Anstrengung erlebten Form von Disziplin und Selbstbeherrschung über das Wahrnehmen eines Konflikts und dessen Eskalation sind hier verschiedene Abstufungen möglich.

Um das Ausmaß der psychischen An- und Entspannung einschätzen und benennen zu können hat Wagner7 ein sieben Stufen umfassendes ›Psychotonusmodell‹ unterschiedlicher Erregungszustände entwickelt. Der Begriff ›Psychotonus‹ bezeichnet die subjektiv wahrgenommene psychische Verfassung eines Menschen. Die Psychotonusstufen (PT) reichen von absoluter innerer Ruhe (Stufe 1) bis zu eskalierendem akuten Konflikterleben (Stufe 7).

Tab. 1.1: Die Psychotonusskala (PT-Skala)8


Die einzelnen Stufen der Psychotonusskala werden im Folgenden genauer erläutert.

Stufe 1: Absolute innere Ruhe

Absolute innere Ruhe, innere Leere und Zeitlosigkeit zu erleben gilt in verschiedenen philosophischen, religiösen und spirituellen Traditionen ebenso wie in manchen gesundheitsorientierten Verfahren als ein wesentliches und erstrebenswertes Ziel. Das, was ist, wird wahrgenommen, ohne dass Emotionen oder Gedanken es bewerten oder kommentieren. Die Umgebung erscheint so, wie sie ist, und wird als Ganzes wahrgenommen. Diese absolute innere Ruhe kann auch als ein zutiefst spirituelles Erleben aufgefasst werden. Um diesen Zustand zu erreichen, gilt es – so Carl Albrecht – den Zustand der eigenen Versunkenheit zu betrachten. »Wenn die Versunkenheit zum Gegenstand der Innenschau wird, ist sie eine allumfassende Einheit, deren Einzelelemente, nämlich die absolute Leere, die absolute Ruhe und die Zeitlosigkeit, nicht mehr zu unterscheiden sind«9. Ähnlich argumentiert Moshe Feldenkrais: »Demnach wäre einer sich bewusst, der bewusst bei Bewusstsein wäre; der sein Bewusstsein wahrnimmt, gewahrt; der sich seiner selbst inne wird und ungefähr dies sei hier vorderhand mit Bewusstheit gemeint«10. Die absolute innere Ruhe und Zeitlosigkeit ist ein Zustand, den wir in unserem aktiven Alltagsleben kaum erreichen werden, denn sie setzt viel Übung in Stille voraus, z. B. in Form von Meditationsübungen. Wenngleich die absolute innere Ruhe schwer zu erreichen ist, sollte sie nicht als Ausnahmezustand mit Weltfluchtcharakter verstanden werden. Es geht nicht um die Auflösung der weltlichen Wahrnehmung und eine Flucht in spirituelle Welten, sondern darum zu erkennen, dass persönliche Anliegen die gegenwärtige Wahrnehmung in absoluter innerer Ruhe verhindern. Daher spricht man auch von Ichlosigkeit. »Zur höchsten Form gehört die tiefgreifende Erkenntnis, dass das gewöhnliche Selbst, das wir so verzweifelt schützen, eine Illusion ist. Wenn du kein verletzbares Selbst hast, ist es auch nicht nötig zu entkommen«11.

Stufe 2: Versunkenheit und Flow-Erleben

Versunkenheit und Flow-Erleben beschreiben einen Zustand, in dem wir so vertieft in eine Tätigkeit sind, dass wir in ihr aufgehen. Es gibt eine große innere Klarheit in der Beschäftigung, die durch das Verschmelzen mit dem Tun entsteht und sich ähnlich wie eine leichte Trance anfühlt ( Kap. 2). Das, was entsteht, wird so angenommen, wie es ist bzw. sich entwickelt. Die Beschäftigung erscheint uns mühelos und ohne Zwang, ohne antreibende Gedanken, wie ›Das muss ich noch zu Ende bringen!‹, ›Oh, so spät ist es schon!‹, ›Ach eigentlich sollte ich mir mehr Mühe geben!‹ oder andere eingreifende und den Prozess unterbrechende innere Auseinandersetzungen. Die Wahrnehmung ist im Hier und Jetzt. Dadurch werden die Eindrücke intensiver wahrgenommen; die Aufmerksamkeit ist auf die Gegenwart gerichtet. Dieser Zustand bewirkt keinen spontanen Glückskick, allerdings führt er, wenn wir ihn vermehrt erleben, zu einer stärkeren Orientierung auf das Gegenwärtige hin und zu höherer Zufriedenheit, weil unsere Sinneseindrücke stärker werden und größeren Raum einnehmen als im Alltagswachbewusstsein. Mit wachen Sinnen die Schönheit einer Rose wahrzunehmen, ist ein anderes Erleben als im alltäglichen Wachbewusstsein durch den Garten zu gehen und anderen Gedanken nachzuhängen.

Stufe 3: Beginnende Entspannung

Beginnende Entspannung und erste Versenkungen erleben wir z. B., wenn wir nach einem anstrengenden Tag beginnen, die Tageszeitung oder ein Buch zu lesen, bei einer guten Tasse Tee auf dem Sofa sitzen und langsam aufhören, die Tagesgeschäfte zu durchdenken. Anfangs tauchen noch bestimmte Ereignisse im Bewusstsein auf, dann nimmt die Erregung allmählich ab, aktive Willensprozesse klingen aus und wir nehmen uns selbst kaum noch emotional wahr. Dieser Zustand kann auch als affektive Indifferenz bezeichnet werden. Der Philosoph Salomo Friedländer12 hat sich mit dieser Indifferenz intensiv beschäftigt. Er nimmt an, dass wir nur das wahrnehmen können, was sich unterscheidet. Im Zustand der Indifferenz gibt es aber keine Unterschiede; es ist quasi ein Nullpunkt des Erlebens, von wo aus sich neue Wahrnehmungen erst ergeben. Diese indifferente Entspannung ist für viele Menschen nicht nur mental, sondern auch körperlich wahrnehmbar, wenn sich z. B. ein Gefühl der körperlichen Schwere einstellt. Beginnende Entspannung kann man auch mit Übungen bewusst herstellen. Die progressive Muskelentspannung13 ist eines der bekanntesten Verfahren, das genau auf diese Entspannung abzielt. Dabei wird die Entspannung durch vorherige Anspannung zu erreichen versucht. Verschiedene große Muskelregionen werden systematisch zunächst angespannt und dann bewusst entspannt, um eben diese Entspannung intensiv wahrzunehmen.

Stufe 4: Alltagswachbewusstsein

Das Alltagswachbewusstsein bezeichnet die Psychotonusstufe, in der wir wach, ausgeruht und fähig sind, willentlich zu handeln, ohne merklichen inneren Widerstand. Wir sind handlungs- und funktionsfähig und bewältigen unseren Alltag mit seinen verschiedenen Aufgaben, Begegnungen und Eindrücken. Dabei treten einzelne Wahrnehmungen nicht besonders in den Vordergrund. Wir halten nicht inne, um uns einzelnen Momenten intensiv zu widmen, sondern bewältigen mehr oder weniger gelassen die Fülle des normalen Lebens. Wir bemühen uns darum, Dinge abzuarbeiten und die an uns gestellten Anforderungen und Pflichten zu erfüllen. Auf dieser Stufe befindet sich das Bewusstsein, wenn die an uns gestellten Herausforderungen handhabbar sind, wenn wir kaum größere Hindernisse wahrnehmen und der Alltag quasi glatt läuft. Wir sind ausreichend gelassen, um den Anforderungen ebenso wie inneren Bedürfnissen zu entsprechen. Anders ausgedrückt: Das ist der Zustand, der beim Wasserstand als »Normal Null« bezeichnet wird – weder Hochwasser noch Niedrigwasser.

Stufe 5: Zunehmende Anstrengung, Willenskraft, Impulsivität

Auf der Psychotonusstufe 5 nehmen Anstrengung, Volition (Wille), Impulsivität, Euphorie oder Affekte zu. Die innerlich wahrgenommenen Herausforderungen werden größer, Konfrontationen nehmen zu oder es stellen sich kleinere Reibungen ein. Damit steigert sich die innere Anspannung und es wird eine latente Unruhe fühlbar. Um weiterhin handlungsfähig zu bleiben, müssen wir uns selbst beherrschen und Erregungen zurückdrängen. In diesen Situationen wahrgenommene Impulse, in ihrer Breite vielleicht als Impulsivität erlebt, werden gehemmt bzw. unterdrückt. Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung stehen auf dieser Stufe oft im Vordergrund des Erlebens, es muss Stress gemeistert werden. Dabei gibt es Unterschiede, wie gut Menschen auf dieser Psychotonusstufe ihre Impulse unterdrücken bzw. beherrschen können. Einerseits ist dies sicher von der persönlichen Art des Umgangs mit Anstrengung abhängig, andererseits aber auch von den jeweiligen Situationen sowie der Stärke der Affekte. Eine Kritik beispielsweise, entgegengebracht von meinem besten Freund, löst sicher andere Impulse aus, die anders steuerbar sind, als eine Kritik, die ich von meiner Chefin bekomme. Neben den zu regulierenden Impulsen müssen wir in derartigen Momenten oft auch Gedanken unterdrücken. »Nein, jetzt nicht an die Möglichkeit einer schlechten Beurteilung denken, weiter arbeiten!« Das ist mit Anstrengung verbunden. Deutlich wird dies z. B. in einem Selbstbericht einer Ratsuchenden:

»Mein Leben habe ich ganz gut im Griff, andere merken nicht, wie viel Kraft ich brauche, um das zu schaffen, was ich schaffe. Mein Lebensgefühl: Ich gehe vorwärts, befinde mich dabei auf einem dieser Laufbänder, wie es sie in großen Flughäfen gibt, um die Fluggäste schneller zum nächsten Terminal zu bringen. Ich laufe auf ihm in entgegengesetzter Richtung, ich tue es schnell. Ich komme vorwärts und doch ist es mühsam.«

Stufe 6: Akuter Konflikt

Ein akuter Konflikt hingegen bezeichnet die Psychotonusstufe, auf der es zeitweise nicht mehr möglich ist, die innere Erregung oder eskalierende Gedanken durch Selbstbeherrschung zu unterdrücken. Die Erregung bleibt deutlich spürbar, auch wenn wir versuchen, uns abzulenken. Die Gedanken drehen sich endlos im Kreis und bleiben im Vordergrund der Wahrnehmung, so sehr wir uns auch bemühen, ihnen auszuweichen. »Das darf doch nicht wahr sein, dass meine Kollegin eben die Tür vor meiner Nase zugeschlagen hat! – Sie darf jetzt bloß nicht merken, wie sehr sich mich damit verletzt hat!«.

Ein akuter Konflikt entsteht nicht unbedingt durch die Auseinandersetzung mit anderen. Es kann durchaus sein, dass ich mich innerlich mit Dingen auseinandersetze, die von konflikthafter Bedeutung für mich sind und mich so sehr anspannen und anstrengen, dass ich meine Wahrnehmung nicht mehr umfassend auf das äußere Hier und Jetzt lenken kann. Dies kann z. B. sein, wenn ich Angst vor einem zukünftigen Ereignis habe oder mich in einem persönlich bedeutsamen Entscheidungsdilemma befinde: »Soll ich mich von meiner Lebenspartnerin trennen oder nicht?«. Wann immer wir uns diesen inneren Prozessen zuwenden, steigt die Erregung an und führt auf dieser Psychotonusstufe, je nach Anlass, zu einer leichten Ausprägung von Ärger, Trauer, Angst, Scham oder Verzweiflung. Diese Emotionen können auch in vernebelter Form wahrgenommen werden; wir fühlen uns dann beklommen oder bedrückt.

Stufe 7: Eskalierender Konflikt

Ein eskalierender akuter Konflikt entwickelt sich dann, wenn jemanden – wie im oben genannten Beispiel – die Tatsache, vor einer verschlossenen Tür zu stehen, sehr trifft, er oder sie diese Tür wieder öffnet und verzweifelt mit der Kollegin zu streiten beginnt. Dabei verlassen einen die rationalen Kontrollmechanismen, man gerät »außer sich«. Wut, Trauer, Angst, Scham oder Verzweiflung werden jetzt sehr deutlich erlebt. Ein eskalierender Konflikt liegt auch dann vor, wenn eine Entscheidung – in der Partnerschaft bleiben oder sich trennen – einen nachts schlaflos und voller Trauer im Hause umherwandern lässt, wenn man vor Sorgen oder anderen Grübeleien nicht in den Schlaf findet und emotional hoch belastet ist. Eskalierende Konflikte nehmen die gesamte Aufmerksamkeit ein, sie konzentrieren alle gedanklichen und emotionalen Kapazitäten auf eben dieses akute Problem. Im eskalierenden Konflikt erleben wir oft intensive Gefühle wie Panik oder Verzweiflung. Die aktuelle Wahrnehmung der Situation erscheint nicht mehr möglich. Es kann sich auch ein Blackout einstellen. Ablenkungen oder Selbstregulationen sind nicht möglich, da sich das Konflikterleben immer wieder in den Vordergrund drängt.

Vermutlich haben Sie sich während des Lesens an Situationen erinnert, die jeweils zu den einzelnen Stufen passen. Vielleicht haben Sie auch die Erfahrung gemacht, dass sich der Psychotonus kontinuierlich verändert und regelrechte Sprünge machen kann. Allein die Stufe 1 ist uns eher selten bekannt. Sie ist im Grunde eine »Weisheit des Augenblicks«, die sich spontan einstellen kann.

In kleinen Schritten können wir uns auf den Weg hin zu mehr Gelassenheit begeben, indem wir den Blick immer mal wieder nach innen richten und lernen, unsere Anspannungen aufzulösen.

1.2 Wie Gelassenheit entsteht: Lernen mit etwas aufzuhören

Die Erfahrung, den eigenen Psychotonus selbst zu regulieren, ist eigentlich etwas Vertrautes. Ganz selbstverständlich tun wir Dinge oder leiten uns innerlich an, um »runterzukommen« oder uns selbst »auf Trab zu bringen«. Beide Richtungen sind möglich, wenn wir in das eingreifen, was sich gerade innerlich abspielt. Manchmal handeln wir dabei willentlich gegen Widerstände, das heißt, dass wir »den inneren Schweinehund überwinden« und uns durch Selbstermutigungen oder Selbstbefehle motivieren, weiterzumachen. Und manchmal beruhigen wir uns auch selbst. Das heißt, dass wir innerlich Dinge tun, die uns helfen, den Boden unter den Füßen wieder zu spüren. Wir entwickeln verschiedene mehr oder weniger gut funktionierende Strategien, mit denen wir uns energetisch nach oben oder nach unten regulieren. Je besser diese Strategien wirken, desto mehr und öfter greifen wir auf sie zurück. Und teilweise bezeichnen wir die so entstehenden Selbstregulationsmuster als persönliche Reifung. Damit entsprechen wir einem Verständnis von persönlicher Weiterentwicklung, die in unserem Alltag in der uns umgebenden Kultur vorherrschend ist: Die Gewohnheit, sich selbst zu kommentieren und anzutreiben. Aber eigentlich sind wir damit nur mäßig erfolgreich. Im Kern bleiben wir angespannt und gestresst. Dies äußert sich auch darin, dass die Selbstberuhigungsstrategien nicht dazu führen, die Konflikte aufzulösen – sie sind nur vorübergehend zur Ruhe gekommen.

Gleiches gilt für persönliche Reflexionen. Wenn wir uns verändern möchten (gefasster werden, souveräner werden, nicht so schnell wütend werden, nicht so viele Ängste aktiveren etc.), versuchen wir oft erst einmal zu verstehen, warum das bisher nicht gelungen ist. Ausgestattet mit Überlegungen zu den Ursachen für unsere Unsicherheiten oder unsere Erregungen nehmen wir uns dann etwas Neues vor (»Beim nächsten Mal werde ich mich nicht aus der Ruhe bringen lassen«, »…nicht wütend werden«, etc.).

Doch auch wenn man verstanden hat, wie es dazu kommt und sich vorgenommen hat, in einer ähnlichen Situation anders zu reagieren, gelingt es nicht, sich anders zu verhalten und erst recht nicht anders zu empfinden. Vielleicht wird die Anspannung, unter der man steht, sogar noch größer, denn die Selbstkritik erweitert sich um einen neuen Aspekt: Ich bin nicht nur unzufrieden mit mir, weil ich wieder so unsicher und hektisch geworden bin, sondern zusätzlich noch, weil ich mich immer noch nicht verändert habe (»Das kann doch nicht wahr sein, dass mir das schon wieder passiert ist!«). Und während einem das durch den Kopf geht – verbunden mit einem reichlich unangenehmen Gefühl – wird deutlich, wie wenig hilfreich es ist, sich selbst so unter Druck zu setzen. Und so nimmt die innere Anspannung noch zu. Wieder greift man ein in die inneren Abläufe: Ich muss doch eigentlich geduldiger und liebevoller mit mir umgehen und meinen inneren Kritikerinnen und Antreibern nicht so viel Raum geben. Diese Herangehensweise kann vorübergehend ganz erfolgreich sein, doch latent bleibt die Anspannung und es fehlt an Gelassenheit. Im Gegenteil, über die Anspannung schichten sich

1. verschiedene Selbstregulationsversuche,

2. Kommentierungen und Bewertungen dieser Versuche und

3. Selbstvorwürfe angesichts des Scheiterns.

Damit wird ein Konflikt also nicht entschärft, sondern es entsteht im Gegenteil ein Knäuel von Gefühlen und Gedanken, die viel Aufmerksamkeit binden.

Gelassenheit bedeutet nicht, sich anzuspornen, etwas anders zu machen oder etwas nicht mehr zu tun. Es bedeutet nicht, sich noch mehr unter Druck zu setzen, weil man immer noch nicht gelassen ist. Gelassenheit heißt tatsächlich etwas zu lassen. Diese Haltung wird z. B. in dem Lied ›Let it be‹ der Beatles beschrieben:

»When I find myself in times of trouble

Mother Mary comes to me

Speaking words of wisdom

Let it be

And in my hour of darkness

She is standing right in front of me

Speaking words of wisdom

Let it be ….«14

Gemeint ist hier mit den ›Worten der Weisheit‹, sich nicht gegen die auftretenden Wahrnehmungen zu wehren, sondern diese so sein zu lassen, wie sie sind.

Die grundlegende These hier lautet: Selbststeuerung bedeutet nicht, in jedem Fall innerlich in die mentalen Abläufe einzugreifen. Veränderung von Verhalten und Erleben gelingt tatsächlich oft besser, wenn wir damit aufhören.

Doch wie ist das zu erreichen? Wie können wir aufhören, in unsere mentalen Prozesse immer wieder steuernd einzugreifen, mit dem Ziel die Konfliktladung nicht ständig zu erhöhen? Und wie kann es gelingen, das Gegebene gelassen anzunehmen?

Dies ist erst einmal schwer vorstellbar, denn beim kommentierenden Eingreifen handelt es sich um ein kulturell tief verankertes und automatisiertes Vorgehen und mit der hier noch darzulegenden Alternative sind wir wenig vertraut. Wir sind es gewohnt, Dinge mit der Kraft unseres Willens innerlich zu überwinden. Sonst brauche ich doch den Willen gar nicht – so meinen wir – wenn da nicht etwas ist, was es innerlich zu überwinden gilt. Wir aktivieren unseren Willen also, um Widerstände zu überwinden. Während wir auf Stufe 4 ohne merklichen inneren Widerstand willentlich handeln, gelingt uns dies auf der Psychotonusstufe 5 nur noch eingeschränkt. Wir sind angestrengt und konzentriert damit befasst, uns selbst zu beruhigen oder anzutreiben, und manchmal gelingt uns das auch nicht (mehr). Dann geben wir unseren Impulsen nach und ärgern uns später über uns selbst.

Aufzuhören, sich innerlich Befehle zu geben und sich selbst kommentierend anzutreiben, erscheint einem auf den ersten Blick so, als sei man antriebslos. Auf den zweiten Blick können wir aber erkennen, dass die auftretenden Irritationen nun in einem annehmenden Modus wahrgenommen werden. Wir blicken quasi von der Psychotonusstufe 3 in beginnender Entspannung oder sogar von der Psychotonusstufe 2 in einem versunkenen Modus auf die eintretenden Irritationen, ohne diese zu bewerten. Damit ist gemeint, einfach zu akzeptieren, »was ist«, es gelassen zu erfassen, ohne es zu bewerten und ohne neue Schichten von Gedanken und Gefühlen darauf zu legen.

Dies ist kein antriebsloser passiver Zustand, sondern eine aktive Haltung, ein aktives Wahrnehmen und Erfassen dessen, was gerade ist. Wir setzen unsere Willenskraft nicht mehr für den Widerstand ein, sondern für einen aufmerksamen Umgang mit unseren Konflikten. Dabei, und das werden die folgenden Kapitel erklären, gilt die Aufmerksamkeit dann zunächst den Strukturen unseres Umgangs mit Konflikten. Wir widmen uns also der Art und Weise, wie wir mit Konflikten umgehen. Diese Art und Weise zu verändern und in eine annehmende Weise zu überführen, ist der wesentliche Schritt zu mehr Gelassenheit. Dazu rückt der Konflikt mit seinem Kern in das Zentrum der Aufmerksamkeit, denn gerade dieser Kern ist überlagert von Vermeidungen, von Widerständen, von vielen Schichten des Nicht-wahrhaben-Wollens. Diese Schichten gilt es Schritt für Schritt zu erkennen und die eigentlichen Nöte, die darunter liegen, gelassen zu betrachten. Sofern dies gelingt, sind die Aufschichtungen von Vermeidungen und Widerständen nicht mehr nötig, unser Bewusstsein braucht diese Verwirrungen nicht mehr.

Die Voraussetzungen dafür sind

zu verstehen, was abläuft, wenn sich ein innerer Konflikt einstellt. Es geht darum zu ergründen, wie mein Bewusstsein arbeitet, wenn sich innerlich etwas Konflikthaftes meldet ( Kap. 2) und

zu üben, sich auf eine bestimmte Art und Weise dem Kern eines Konflikts zuzuwenden ( Kap. 3–5).

Es geht bei diesem Prozess darum, etwas bleiben zu lassen. Es geht darum, aufzuhören, unangenehme Empfindungen wegzuschieben und loswerden zu wollen. Das bedeutet aufzuhören, sich dagegenzustemmen, sich zu sträuben, etwas dagegenzusetzen, es zu kommentieren oder in dem Moment deshalb darüber nachzudenken, um das damit verbundene Erleben loszuwerden. Etwas bleiben zu lassen bedeutet vielmehr, sich diesen unangenehmen Wahrnehmungen zuzuwenden, egal welche Gedanken, Bilder und Empfindungen sich einstellen. Es geht darum, eine neue Art der Wahrnehmung im Konfliktfall zu entwickeln, die sich auf die verschiedenen Ebenen des Konflikts beziehen. Ein Konflikt hat die Ebene der Vermeidung ebenso wie die Ebene der in ihm enthaltenen Befürchtungen. Diese beiden grundlegenden Ebenen (die noch weiter unterteilbar sind) gilt es gleichermaßen gelassen wahrzunehmen, um zunächst die verwirrenden Schichten abzutragen und im weiteren Verlauf die wesentliche Befürchtung aufzulösen.

1.3 Die Geschichte dahinter: Wie Introvision entwickelt wurde

Wie ist die Introvision entstanden? Was ist neu daran? Und wo liegen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Methoden? Um diese Fragen geht es in diesem Abschnitt.

1.3.1 Das Langzeitforschungsprogramm zur »Entstehung und Auflösung innerer Konflikte«

Die Introvision ist das Ergebnis eines Langzeitforschungsprogramms zur Entstehung und Auflösung innerer Konflikte unter der Leitung der Erstautorin, das Ende der 1970er Jahre an der Pädagogischen Hochschule begann und seit 1985 an der Universität Hamburg fortgeführt wird.

Ausgangspunkt für dieses Langzeitforschungsprogramm: die unerwartete Entdeckung von »Knoten im Kopf«.

Den Anstoß dafür gab eine unerwartete Entdeckung, auf die wir15 (die Erstautorin zusammen mit M. Barz, I. Uttendorfer-Marek, S. Maier und R. Weidle) im Rahmen einer groß angelegten DFG-Studie (1976–1982) stießen. Damals waren wir eigentlich »nur« auf der Suche nach herausragenden Unterrichtsstrategien und hatten dafür eigens eine neue Forschungsmethode erfunden, die Methode des Nachträglichen Lauten Denkens. Dabei wurden die Beteiligten anhand von Videoaufzeichnungen des Unterrichts gefragt, was ihnen an bestimmten Stellen während des Unterrichts »durch den Kopf gegangen« war. Was heute Sportreporter und Moderatorinnen routinemäßig fragen, geht auf die damals von uns neu entwickelte Forschungsmethode16 zurück.

Bei der Auswertung dieser Daten stießen wir 1977 überraschenderweise auf viele »Knoten im Kopf«. Diese »Knoten« entpuppten sich als innere Konflikte, bei denen sich die Gedanken im Kreis drehten und das Handeln hemmten und blockierten, während die Emotionen (Angst, Ärger) anstiegen. Diese Entdeckung elektrisierte uns aus vier Gründen: Erstens waren sie sozusagen theoretisch nicht vorgesehen (innerhalb der damaligen Handlungstheorien). Zweitens gab es damals kaum systematische empirische Untersuchungen zu solchen Konflikten im normalen Alltag und im beruflichen Handeln. Drittens zeigte sich rasch, dass diese Konflikte erhebliche Auswirkungen auf das Handeln haben können – bis hin zur Entstehung von Chaos im Unterricht. Damit war die Idee für unser Langzeitforschungsprogramm geboren17. Viertens interessierte es uns brennend herauszufinden, wie sich solche »Knoten« ohne eine langwierige Therapie wieder auflösen lassen.

Ziel des Langzeitprojekts: die Untersuchung der Entstehung und Auflösung innerer Konflikte

Als Ausgangspunkt für das Langzeitforschungsprojekt wählten wir bewusst eine ›harte‹ Frage. Diese ›harte‹ Frage lautete: Wie lassen sich auch schwierige Konflikte auflösen? Mit schwierig meinten wir insbesondere diejenigen Konflikte, die nicht durch die üblichen Methoden (Einsicht, Realitätserkenntnis, Problemlösungsmethoden u. a.) aufgelöst werden. Und auflösen – das bedeutete für uns dasselbe wie die Auflösung eines physischen Knotens. Wenn sich eine Schnur verknotet hat, dann gilt es, die vorhandenen Verschlingungen behutsam zu entwirren – so lange, bis die Schnur wieder glatt ist. Einen inneren Konflikt zu beenden, bedeutete für uns dasselbe wie einen Knoten aufzulösen: hinterher laufen die Gedanken wieder »glatt«, wir sehen die Welt wieder weit und farbig und die innere Ruhe ist wiederhergestellt. Am Beispiel von Redeangst18 lässt sich das leicht veranschaulichen: Wenn wir vor einer Rede nachts vor Aufregung kaum schlafen konnten, so sind wir nach der Auflösung dieser Angst ruhig und gelassen, auch wenn die Rede unmittelbar bevorsteht. Genau so erging es einer unserer ersten Testpersonen, die große Angst davor hatte, Rundfunkinterviews zu geben. Nach erfolgreicher Auflösung der Angst saß sie morgens ruhig am Schreibtisch. »Als das Telefon dann zur vereinbarten Zeit klingelte,« so erzählte sie später, »musste ich mich erst einmal kurz darauf besinnen, warum es jetzt klingelte«, so ruhig war sie nach der Auflösung ihrer Angst. Dies hat ihr in ihrer weiteren Karriere sehr geholfen.

Ausgangspunkt für das Langzeitforschungsprojekt waren drei grundlegende Fragen:

1. Wie entstehen innere Konflikte? Warum drehen sich die Gedanken dabei im Kreis? An welchem Punkt beginnt das Endloskreisen19?

2. Was lässt sich tun, um diese Konflikte aufzulösen?

3. Und wieso funktioniert das?

Das Langzeitprojekt umfasste drei Phasen, die über weite Strecken parallel zu einander verliefen.

Phase 1: Die Suche nach dem Kern des Konflikts: die Entwicklung der Imperativanalyse.

Unser Leitfaden für die Untersuchung von Konflikten waren die subjektiven Imperative. Subjektive Imperative sind Ziele, Absichten und Erwartungen (an andere), die subjektiv mit einem Muss- bzw. Darf-nicht-Gefühl verbunden sind ( Kap. 4). Wir vermuteten, dass es subjektive Imperative sind, die unter bestimmten Umständen zu inneren Konflikten führen. Während bisherige psychologische Theorien die Ursache von Konflikten in bestimmten inhaltlichen Muss-Vorstellungen sehen, so z. B. in moralischen Geboten (Freud), in überhöhten Ich-Idealen (Rogers) oder in irrationalen Muss-Vorstellungen (Ellis), gingen wir einen Schritt weiter. Wir stellten die Hypothese auf, dass es sozusagen in der Natur eines Imperativs liegt, unter bestimmten Umständen einen inneren Konflikt zu verursachen – und zwar unabhängig von dem, was er beinhaltet. Aus dieser Sicht kann der Imperativ »Ich muss morgens unbedingt ein frisches Brötchen auf dem Tisch haben!« ebenso einen Konflikt auslösen wie der Satz »Die anderen müssen mich lieben!«.20

Dazu führten wir eine Vielzahl von empirischen Untersuchungen zu inneren Konflikten durch – so z. B.

bei Rede- und Prüfungsangst,

bei Depressionen,

bei Trennung und Scheidung,

im beruflichen Alltag von Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern,

in Wohngemeinschaften,

bei Bewerbungsgesprächen,

bei Leistungsversagen,

bei Problemen mit dem eigenen Aussehen,

bei Blockaden von Schauspielern auf der Bühne,

bei Stimmproblemen von Sängerinnen,

bei Sprecherzieherinnen,

bei Alkoholismus,

in der Schule (z. B. Aggressionen zwischen Mädchen und Jungen, Gruppenunterricht, naturwissenschaftlicher Unterricht, Berufsschule, Philosophieren mit Kindern),

in der Mutterrolle,

beim Wiedereinstieg in den Beruf,

in den Medien (z. B. Fotoromane, Ratgeberseiten),

im Sport (Softball, Reiten, Segeln),

bei Burnout 21 sowie

über die Auswirkungen von Konflikten auf das Behalten von Sachinformationen22,

bei mentalen Blockaden von weiblichen Führungsnachwuchskräften23 und

bei Antinomien (nichtlösbaren Widersprüchen) im Lehrerhandeln24.

In diesem Zusammenhang entwickelten wir eine Reihe von weiteren Forschungsinstrumenten, so zum Beispiel das konfliktfokussierte Interview25, das imperativtheoretische Textanalyseverfahren (ITA) und das Kategoriensystem zur Erfassung von Konfliktumgehungsstrategien (KUS), die sich inzwischen in der Forschung vielfach bewährt haben und heute die Grundlage für die Imperativanalyse bilden – ein Kernbestandteil der Introvision ( Kap. 4).

Phase 2: Die Entwicklung praktischer Methoden zur Auflösung von Konflikten: Konstatierendes Aufmerksames Wahrnehmen (KAW und Introvision)

Parallel dazu habe ich (ACW) bereits Ende der 1970er Jahre damit begonnen, einen Weg zur Auflösung solcher Konflikte zu suchen. Erste Versuche, unsere Bekannten und Freunde davon zu überzeugen, dass sie doch, bitte schön, ihre subjektiven Imperative aufgeben sollten, um so innerlich wieder ruhig zu werden, blieben weitgehend wirkungslos. Viele von ihnen sagten so etwas wie … »Ich weiß ja, dass … – aber …!«. Zum Beispiel: »Ich weiß ja, dass es nicht schlimm ist zu versagen … – aber ich habe trotzdem Angst davor!« oder »…. und es ärgert mich trotzdem!«.

Deshalb haben wir damals einen anderen Weg eingeschlagen als die (damalige) kognitive Verhaltenstherapie. Statt wie Ellis mit unseren Klienten zu disputieren, ob oder ob nicht ein bestimmter Imperativ irrational sei (und manche von ihnen sind eindeutig rational), gingen wir von der Prämisse aus, dass es sinnvoll ist, dem »Schlimmen ins Gesicht zu sehen« – und so den Konflikt aufzulösen. Dies führte unmittelbar zu vier grundlegenden Fragen:

Erstens: Wie lässt sich das Zentrum des »Schlimmen« finden?

Zweitens: Was bedeutet es, diesem Schlimmen »ins Gesicht zu schauen«?

Drittens: Inwieweit führt das tatsächlich zur Auflösung von Konflikten?

Und viertens: Wie lässt sich das erklären?

Die Antworten, die wir auf diese Fragen gefunden haben, finden sich in diesem Buch ( Kap. 2–5).

Parallel dazu haben wir auch eine Vielzahl von empirischen Untersuchungen zur Wirksamkeit der Introvision durchgeführt. Nach ersten ermutigenden Ergebnissen von Einzelfallstudien (z. B. sich aus einer gewalttätigen Beziehung lösen, Umgang mit einem aggressiven Kind26) ging es in den ersten beiden umfangreichen empirischen Untersuchungen um Rede- und Prüfungsangst; die Ergebnisse dieser Studien haben die Entwicklung der Introvision nachhaltig geprägt. Darauf folgte eine Vielzahl weiterer Untersuchungen, u. a.

bei Depressiven,

bei Musikhochschulstudierenden (Üben am Instrument),

bei Sprecherzieherinnen,

bei Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen,

als Methode der Supervision in der Sozialpädagogik,

bei der Reduktion von Geburtsangst bei Schwangeren,

bei der Auflösung chronischer Nackenverspannungen,

in der Prävention von Burn-Out bei Krankenpflegeschülerinnen und -schülern,

in der Professionalisierung von Pädagogikstudierenden in der Selbst- und Sozialkompetenz,

in der Förderung von Genderkompetenz,

in der Verringerung von Schreibblockaden,

bei der Verbesserung der Hörfähigkeit bei Alters- und Lärmschwerhörigkeit,

in der Reduktion mentaler Blockaden beim Singen und im künstlerischen Prozess,

zur Stressreduktion bei Müttern von Kleinkindern,

von KAW in der Schule und in der Hochschule (z. B. Stressverringerung für Lehrerinnen und Lehrer, für Schülerinnen und Schüler, für Studierende),

zur Verringerung von Perfektionismus,

zur Förderung der Aufstiegskompetenz und Verringerung von mentalen Blockaden bei weiblichen Führungsnachwuchskräften in der Wirtschaft,

zur Verringerung von Wettkampfstress bei Leistungssportlern und -sportlerinnen,

zur Verringerung von Stress und Belastung bei weiblichen Nachwuchsführungskräften in der Wirtschaft,

zur Verringerung von Angst vor Mathematik27,

zur Verringerung von Stress und Prüfungsangst und zur Verbesserung des Behaltens bei Oberstufenschülerinnen und -schülern28 – eine empirische Interventionsstudie in Kooperation mit Transregio-Sonderforschungsbereich »Plastizität« an der Universität Lübeck,

zur Verringerung von Migräne und chronischen Kopfschmerzen: eine empirische Interventionsstudie29 (Universitätsklinikum Großhadern),

weitere Untersuchungen laufen derzeit bzw. sind in Planung:

– zum Zusammenhang von Ungewissheit und inneren Konflikten,

– zur Dekonstruktion und Rekonstruktion subjektiver Theorien durch Introvision.

– zur Vermeidung von Gewalt in der häuslichen Pflege durch Förderung von Gelassenheit30

Insgesamt haben diese vielfältigen Studien sehr viel dazu beigetragen, die Methode der Introvision zu entwickeln, sie differenziert zu evaluieren und sie praxistauglich zu machen. Das Ergebnis dieser Studien zeigt, dass sie in vielen Fällen wirksam sein kann – und dass sie auch einen Beitrag dazu zu leisten vermag, chronische Probleme (z. B. Alters- und Lärmschwerhörigkeit, dauerhafte Rückenverspannungen, Tinnitus, Wettkampfstress) zu verringern31.

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